[Seite 1↓]

1  Einleitung

Im Bereich der Bibliothek spielte die Formalerschließung im Laufe der Geschichte eine wechselvolle Rolle. Durch die Magazinbibliotheken wurde der Katalog wichtigstes bibliothekarisches Instrument und die Erstellung des Katalogs, vor allem des „Alphabetischen Katalogs“, war wesentliche Aufgabe der Bibliothekare und Bibliothekarinnen. Die Regelwerke, die zur Erstellung einheitlicher Kataloge notwendig geworden sind, konnte man als kleine Kunstwerke betrachten. Bibliothekarische Ausbildung bestand hauptsächlich in der Schulung zum Erstellen eines Katalogs. Das wurde zwar von einigen Außenstehenden schon damals eher als Handwerk gesehen, für die „Eingeweihten“ war es eine Auszeichnung, in die Kunstfertigkeit eingeführt zu werden. Sie empfanden ähnlichen Stolz über einen richtig gestalteten Katalog wie ein Maler über sein Bild.

Heute werden andere Anforderungen an die Bibliotheken gestellt. Das und auch die geänderten Arbeitsbedingungen und Arbeitsmittel bedingen eine Fülle von zusätzlichem Wissen und Können, das erworben werden muss. Die Folge davon war und ist, dass die Formalerschließung in der Ausbildung einen immer geringeren Stellenwert hatte bzw. hat. Das ist teilweise berechtigt. Im Bewusstsein der Benutzer ist der Katalog ein Werkzeug unter mehreren um Informationen zu finden. Durch die verstärkte Suche nach Inhalten rückt der „Alphabetische Katalog“ noch mehr in den Hintergrund. Bedenklicher ist jedoch die Einstellung einiger Vertreter der bibliothekarischen Welt, die in der Formalerschließung nur ein überlebtes Relikt sehen, statt an der Erneuerung dieses Faches nach heutigen Bedürfnissen zu arbeiten.

Der Zwiespalt zwischen der Meinung, Formalerschließung ist das Zentrum bibliothekarischen Könnens, und der Meinung, sie ist überflüssig, durchzieht die bibliothekarische Landschaft und spiegelt sich naturgemäß auch in der bibliothekarischen Ausbildung wider. Die Entwicklung zeigt, dass der Anteil an Formalerschließung an der Gesamtausbildung immer mehr zurückgeht, wobei er in „modern“ gestalteten Studien am geringsten ist. Die Inhalte sind alles andere als klar umrissen. Bei der Einführung von Informationstechnologien in die Lehre bleibt die Formalerschließung oft ein Stiefkind.

Bibliothekswissenschaft ist eine angewandte Wissenschaft. Das Studium verlangt daher nach einem größeren Anteil an Praxis. Trotzdem eignet es sich gut als Fernstudium, weil die praktischen Fertigkeiten auch mit den Mitteln eines Fernstudiums eingeübt werden können. Dem wird Rechnung getragen. International gibt es viele Angebote an bibliothekarischen Fernstudien.

Im Gegensatz zu „klassischen“ Studien wie Medizin, Technik oder Rechtswissenschaften gibt es aber wenig Überlegungen zur didaktischen Gestaltung von bibliothekswissenschaftlichen Studien. Für bibliothekarische Fernstudien fehlen sie fast gänzlich. Das ist insbesondere zu bedauern, weil engagierte Lehrende auf der ganzen Welt in Eigenregie bemüht sind, den Unterricht aus ihren Erfahrungen heraus effizient und interessant zu gestalten.

Diese Dissertation soll einen Beitrag dazu leisten, didaktische Grundlagen für das Fach Formalerschließung im Fernstudium zu geben, weil es für die Bedeutung gerade dieses Faches wichtig ist, die Didaktik grundsätzlich zu überdenken und allgemein zu formulieren. Dabei steht der Einsatz von Lernprogrammen im Mittelpunkt. Lernprogramme sind ein wichtiges Werkzeug für das Selbststudium, das in Fernstudien einen großen Stellenwert haben muss. Die durch Regelwerke bestimmten und daher festgelegten Teile der Formalerschließung eignen sich gut für die Anwendung von Lernprogrammen. Deshalb soll vor allem die didaktische Gestaltung von Lernprogrammen für die Formalerschließung behandelt werden.

Die Verfasserin entschloss sich dazu, keine durchgehend geschlechtsneutralen Formulierungen zu verwenden. Das kommt ihrer Meinung nach einer Verarmung der deutschen Sprache gleich. Weltweit ist Formalerschließung eine weibliche Domäne. In diesem Zweig sind wesentlich mehr Frauen als Männer beschäftigt. Um die Bedeutung der von den Formalerschließerinnen geleisteten, für die Gesellschaft unverzichtbaren Arbeit sowohl in der Praxis als auch in der Lehre zu würdigen, wurde im Anwendungsteil der Dissertation die weibliche Form eingesetzt. Bei den Grundlagen wurde in männlicher Form formuliert, damit auch die Männer zu ihrem Recht kommen. Jede geschlechtsbezogene Formulierung umfasst in beiden Teilen auch das jeweils andere Geschlecht.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
12.08.2004