16 Lernprogramme im bibliothekarischen Bereich und didaktische Konzepte für Lernprogramme in der Formalerschließungsausbildung

In diesem Kapitel werden die vorher entwickelten didaktischen Überlegungen auf Lernprogramme in der Formalerschließungsausbildung angewandt. Zunächst werden Lernprogramme vorgestellt, die in der Benutzerschulung und in der bibliothekarischen Ausbildung eingesetzt werden. Die in der Formalerschließungsausbildung verwendeten Lernprogramme werden erhoben. Dann wird beschrieben, in welcher Weise Lernprogramme für den Formalerschließungsfernunterricht didaktisch gestaltet werden sollten.

Lernprogramme können ein wichtiges Hilfsmittel für die Formalerschließungs-Fernausbildung sein. Im bibliothekarischen Bereich sind zwar Lernprogramme im Einsatz, in der bibliothekarischen Ausbildung aber weniger. Obwohl gerade der Bereich Formalerschließung für Lernprogramme geeignet ist, sind dort fast keine zu finden.

16.1 Benutzerschulung

Es hat es den Anschein, dass die Einschulung in die Bibliotheksbenutzung in der Literatur mehr im Vordergrund steht als die Schulung der Bibliothekarinnen. Es gibt zahlreiche Artikel, die sich mit den didaktischen Grundlagen von Benutzerschulungen beschäftigen (z.B.1,2,3). Einige Arbeiten behandeln das Thema, wie man Benutzern die Grundbegriffe der Formalerschließung vermittelt (z.B.4,5).

So ist es nicht verwunderlich, dass schon früh begonnen wurde, computerunterstütze Lernprogramme für die Schulung von Benutzern einzusetzen. An der Texas A&M Universitätsbibliothek wurde zunächst eine Art computerunterstützte Tonbildschau verwendet. Computerschirme wurden mit einem Tonband verbunden, am Schirm Beispiele gezeigt und mittels Tonband kommentiert.6 Die Anwendung von Lernprogrammen versprach eine vom Bibliothekspersonal unabhängige, im Gegensatz zu Diaschauen und Videos aber interaktive Möglichkeit, Bibliotheksbenutzung zu erklären.

Fling beschreibt ein im Jahr 1984 mit, wie er sagt, nicht besonders gut geeigneter Software erstelltes Lernprogramm für die Einschulung für Studentinnen in die Musikbibliothek an der Indiana University. Das Programm bestand aus drei Teilen, einem Tutorial, das in Einheitssachtitel einführte, einem Test mit Multiple-Choice-Fragen über einen ausgewählten Komponisten, wobei bei falschen Antworten kurze Erklärungen gegeben wurden, und einem Abschlussquiz ohne Hinweise mit Bewertung. Das Abschlussquiz konnte mit anderen Fragen wiederholt werden.7,8


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EDUCATE war ein Projekt der Europäischen Union von 1994 bis 1997 zur Förderung der Produktion von Benutzerschulungen im WWW. Einige Universitäten wie die Chalmers University of Technology und die Limerick University in Irland schlossen daran Fortsetzungsprojekte an. Für bestimmte Fächer, meist im Elektronikbereich, wurden Lernprogramme zur Informationssuche entwickelt und mit Linksammlungen verbunden.

1998 wurde an der University of Luiseville mit dem Autorensystem „Authorware“ ein Tutorial über die Benutzung des Online-Katalogs entwickelt. Es wurde auf logischen Fluss, Multimediaeinsatz und Interaktivität geachtet. Trotzdem betrachteten es die meisten Studentinnen als zu lang.9 Die Dauer von Bibliotheksinstruktionsprogrammen und die große Fülle der vermittelten Information wird öfters als Problem genannt. Trotzdem bringen Lernprogramme meist die gleichen Lernergebnisse wie herkömmliche Vorlesungen, werden aber lieber angenommen (z.B.10,11).

Heute bietet sich das Internet zum Erstellen von Benutzerschulungen an. Diese sind schon mit einfachem Aufwand in HTML realisierbar, HTML-Editoren sind billig oder gratis im Internet zu finden. Allerdings bedauert Cox, dass viele Bibliothekarinnen damit nicht umgehen können.12 Hier fände sich ein Anknüpfungspunkt zur Aufnahme von HTML in die bibliothekarische Ausbildung.

Prestamo berichtet über ein Web-Tutorial für die Benützung von bibliografischen Datenbanken an der Edmon Low Library der Oklahoma State University, das hauptsächlich für Fernstudentinnen entwickelt wurde13, Homann über eine webbasierte Schulung zur Einführung in die Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg.14

Bis 2001 lief ein Projekt „I-Info“ des industriewissenschaftlichen Instituts an der Wirtschaftsuniversität in Wien, des Zentrums für multimediales Lernen der Fachhochschule Johanneum in Graz und der Zentralbibliothek für Physik in Wien. Es wurde ein interaktives Lernsystem für Schüler der 11. und 12. Schulstufe, sowie Studierende des ersten Studienabschnitts über elektronische Informationsrecherchen entwickelt.15,16

Benutzerschulungen können aus Erklärungen in Kombination mit Grafiken, Bildern, Ton etc. bestehen, z.B. der „Library Explorer“ an der Universitätsbibliothek in Iowa (17, siehe auch18) oder der Bibliotheksführer der Manchester Metropolitan University 19. Das [Seite 213↓]Hochschulbibliothekszentrum Nordrhein-Westfalen bietet Erklärungen zur Benützung des Katalogs in Kombination mit Aufgaben, die mit Hilfe des Katalogs gelöst werden können. 20

Zur Förderung der Aktivität der Lernenden ist es besser, interaktive Elemente einzubauen, z.B. mit JavaScript oder Java. Beispiele dafür sind das Benutzertutorial der University of Wisconsin-Parkside Library 21 bzw. das der Central Queensland University Library 22.

Im Internet findet man nicht nur eine Fülle von Bibliotheksinstruktionen sondern auch Hilfen zur Erstellung (z.B. 23, 24). Analog der GLP (Good Laboratory Practice) wurden Regeln zur Erstellung guter Benutzerschulungs-Lernprogramme (Good Library Instruction) erstellt, die im wesentlichen den Regeln entsprechen, die für alle Lernprogramme gelten sollten (siehe auch25,26).

16.2 Lernprogramme für Bibliothekarinnen

Die Notwendigkeit zur Schulung in den Informationstechnologien, vor allem in der Benützung des Internets wird in allen beruflichen Bereichen erkannt. Deshalb sind Internetschulungen der häufigste Einsatz von Lernprogrammen in der bibliothekarischen Aus- und Weiterbildung. Beispiele dafür sind Netskills in England 27 und „Internet i biblioteket“ in Schweden 28. Auch in den USA wurden bei Einführung von Fernstudien die Kurse, die sich mit dem Einsatz von Internet, Datenbanken und anderen informationstechnologischen Hilfsmitteln beschäftigen, als erstes mit Hilfe von teleunterstützem Fernlernen gelehrt. In Toronto gibt es für Bibliothekarinnen einen selbstgesteuerten Fernlernkurs über die Verwendung des Internets. Unterstützung erhält man mittels eMail, Referenzen und die Diskussionen in einem Chatroom.

Von der ekz und der Bertelsmann-Stiftung wurde „bibweb“, ein Lernprogramm im Internet für Mitarbeiter in öffentlichen Bibliotheken zum Thema Internet, entwickelt.29,30,31,32 In drei Modulen werden Grundlagenwissen, Anwendung des Internets und das Erstellen eigener Webseiten gelehrt. Übungen und Abschlusstests sind eingebaut. Um die Isolation zu durchbrechen, sind Chatrooms und Diskussionsforen integriert, in denen sich die Teilnehmer untereinander austauschen können. Eine Hotline gibt Hilfestellungen mittels Telefon oder eMail. Der gesamte Kurs steht drei Monate lang zur Verfügung. Nach einer Abschlussprüfung erhält man ein Zertifikat.


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Um die russischen Bibliothekarinnen in der Verwendung des Internets für die elektronische Dokumentenlieferung weiterzubilden, steht ein interaktives Tutorial zur Verfügung33. Es besteht aus Text, Bildern, Arbeitsanleitungen, Übungen, externen Referenzen und der Angabe von eMail-Adressen von Kontaktpersonen.34

Evans beschreibt die Weiterbildung von Bibliothekarinnen, besonders von Paraprofessionellen, an der Brooklyn College Library der City University of New York. Zur Verfügung stehen Online-Präsentationen und Online-Tutorials über die Verwendung von Datenbanken, über die Informationssuche im Internet und über die Erstellung von anderen Lernprogrammen.35 Jensen verglich die Effektivität von gedrucktem Text, einer Videopräsentation und einem Lernprogramm beim Sacherschließungsunterricht. Gleich nach dem Unterricht war die Gruppe, die die Inhalte mit Hilfe des Lernprogramms erarbeitet hatte, deutlich besser, bei einem später erfolgten Nachtest schnitten aber alle drei Gruppen gleich gut ab.36

16.3 Lernprogramme in der Katalogisierungsausbildung

Der Einsatz von Lernprogrammen in der Katalogisierungsausbildung ist eher gering. In der Literatur finden man vereinzelt Beispiele von Programmen, deren Erstellung 10 bis 20 Jahre zurückliegt. In der Arbeit von Blumhoff und Salin, die 1998 den Einsatz multimedialer Kursangebote in der bibliothekarischen Ausbildung untersuchten, sind nur zwei Tutorials für die Formalerschließung erwähnt.37 Eines wurde von den Special Libraries Associations in Baltimore, das andere von der California State University angeboten. Beide sind nicht mehr im Einsatz. Von der OCLC werden von Zeit zu Zeit Kurse über das Internet abgehalten. Einige davon beschäftigen sich auch mit Katalogisierung (z.B.38, 39).

16.3.1 Lernprogramme in früherer Zeit

An der San Jose State University war am Anfang der 90er Jahre ein mit Hypercard erstelltes Lernprogramm über das Kapitel 21 der AACR2 im Einsatz. Es bestand aus zwei Hauptpfaden. Einer der Pfade erklärte die Grundprinzipien, der zweite enthielt den Text des Regelwerks. Diese beiden Pfade waren über Buttons miteinander verbunden. Definitionen und Beispiele mit Titelseiten bildeten Seitenwege. Die Arbeitsblätter zu den Übungsbeispielen standen gedruckt zur Verfügung.40

Von 1990 bis 1991 wurde an der National Agricultural Library in Zusammenarbeit mit der University of Pittsburg und der University of Wisconsin „CatTutor“ entwickelt, ein computerunterstütztes Lernprogramm für die Katalogisierung von Computerdateien. Es wurde mittels Hypercart für Apple auf Macintos erstellt, ein weiterer Modul war aber auch auf IBM-PCs [Seite 215↓]lauffähig. Die AACR2 und einige Titelblätter standen eingescannt zur Verfügung. Ein Glossar, ein Navigationsmodul und Hilfe-Seiten waren vorhanden, die Links führten zu den Referenzen und einer fertigen Titelaufnahme, die gezeigt wurde, sobald der Lerner den MARC-Record zum zweiten Mal falsch erstellt hatte. Daneben gab es Quizze und einen Abschlusstest. Der Nachteil des Programms war, dass es für Macintosh nur in Schwarz-Weiß zur Verfügung stand, dass es auf kleine Bildschirme ausgerichtet war und dass wegen des hohen Arbeitsaufwands nur 5 Beispiele zur Verfügung standen. Die Implementierung auf IBM-PCs benötigte einen großen Aufwand an Neuprogrammierung.41,42,43 Änderungen der Katalogisierungsregeln und technische Neuentwicklungen führten zur Beendigung des Projekts.

An der Victoria University in Wellington wurde einige Zeit lang ein selbsterstelltes Lernprogramm mit Übungen für das Erlernen der Katalogisierung eingesetzt, das über das WWW zur Verfügung stand. Es wurde aber eingestellt, weil es schwierig zu warten war.

16.3.2 Werkzeuge für Formalerschließerinnen

Im Internet stehen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die den Formalerschließerinnen bei ihrer Arbeit helfen sollen. Vor allem die Regelwerke wurden aufbereitet und mit Erklärungen versehen. Neben dem Online-Skript „Grundlagen der Formalerschließung“ von Payer44 sind Beispiele dafür:

Geer beschreibt eine Katalogisierungshilfe für Serienkatalogisierung (The Interactive Electronic Serials Cataloging Aid (IESCA) 50, die von der Northwestern University Library erstellt worden ist.51 Einfache Hilfen und Anleitungen für die Katalogisierung sind auch in einigen Bibliothekssystemen enthalten. So besitzt z.B. das System „Pinnacle One & trade“ ein kurzes Katalogisierungstutorial.


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Manche dieser Einführungen werden als „Tutorials“ bezeichnet. Das stimmt jedoch nur bedingt, weil sie keine interaktiven Übungen beinhalten.

16.3.3 Einsatz von Lernprogrammen für die Formalerschließung

Um die Einsatzhäufigkeit von computerunterstützen Lernprogrammen für die Katalogisierung zu bestimmen, wurde eine Internetumfrage durchgeführt (siehe Tabelle 18). eMails wurden an 161 mit der Ausbildung von Bibliothekarinnen befassten Institutionen in 63 Länder der Welt versandt. Von 62 Institutionen wurden Antworten erhalten, das entspricht einen Rücklauf von 38,5%. Computerunterstützte Lernprogramme werden derzeit in nur 4 Institutionen eingesetzt.

Tabelle 18 : Umfrage über den Einsatz von Katalogisierungstutorials

Angeschriebene Institutionen

161

Antwort

62

Katalogisierungstutorials

4

An der Universität in Tampere, Finnland, wird UKAH verwendet, ein einfaches Lernprogramm, das von einem damaligen Studenten entwickelt wurde. Es gibt eine grundsätzliche Orientierung über die Codes in FinMARC mit Übungen und Rückmeldungen bei falschen Eingaben.

Die University of Loughborough verwendet CatSkill im Unterricht, ein Lernprogramm für die Formalerschließung, das in Australien entwickelt worden ist. CatSkill wird auch in einigen Bibliotheken Australiens für die Schulung der Mitarbeiter eingesetzt.

CATSkill ist ein multimedialer Kurs auf CD-ROM, der die AACR2 und das MARC-Format lehrt. Dabei stehen 4 verschiedene Versionen von MARC zur Verfügung (ABN MARC , USMARC, CAN/MARC, UKMARC). Entwickelt wurde es von zwei australischen Firmen (DocMatrix Pty Ldt., Learning Curve Pty. Ltd.) unter der Mitwirkung der australischen Nationalbibliothek.52,53 Es besteht aus 24 Modulen. In jedem Modul ist ein Test vorhanden, den man entweder, bei bekannten Inhalten des Moduls, als Vortest absolvieren kann oder nach Beendigung des Moduls als Wissensüberprüfung. Laut Angaben der Hersteller ist es sowohl für Anfänger als auch zur Wiederholung einzelner Kapitel für Katalogisierer gedacht.

An der University of Southern Mississippi wurde von der Leiterin der Katalogisierungsabteilung der Bibliothek ein interaktives Tutorial über das MARC21-Format erstellt. 54

Es besteht aus drei Kapiteln, die das MARC-Format, die Fachbegriffe und die Regeln erklären. Aufgebaut ist es in lockerer Weise, mit vielen Beispielen, Übungen, einem Glossar und einer eMail-Kontaktadresse.

16.4 Vor- und Nachteile

Die weltweit nur sehr geringe Anzahl von Lernprogrammen für die Formalerschließung hat nach Meinung der Verfasserin verschiedene Gründe:


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Trotz dieser Nachteile ist gerade der Erwerb der Grundkenntnisse in Formalerschließung für den Einsatz von Lernprogrammen besonders geeignet. Es gibt klare Regeln, die erlernt werden müssen. Diese lassen sich anschaulich aufbereiten, wobei durch die Autorinnen der Regelwerke teilweise „Vorarbeit“ geleistet worden ist. Die Verbindung Lehrstoff – praktische Anwendung ist unmittelbar einsichtig. Weil es auf die exakte Schreibweise ankommt, ist die Gestaltung von Übungen computertechnisch relativ einfach. Die Einteilung in einzelne Module ist durch äußere Faktoren wie Einteilung der Regelwerke, Materialarten oder Abteilungen in einer Bibliothek vorgestaltet. Dabei ist es möglich, durch Verlinkungen (mittels Hyperlinks) den größten Nachteil der linearen Regelwerke (Verweisungen auf andere Paragrafen mit der Notwendigkeit des Blätterns) zu kompensieren.

Didaktisch gesehen wird durch die weitgehende Übertragung der Aneignung von Kenntnissen und Einübung von Fertigkeiten auf die One-Alone-Lernweise die Zeit des persönlichen Kontakts zwischen Lehrperson und Lernenden frei für weiterführende Schritte wie Problemlösen, Gruppenarbeit und weitere Lehrinhalte. Das ist gerade durch die Beschneidung der für die Formalerschließung zur Verfügung stehenden Zeit besonders wichtig.

Die Nachteile lassen sich durch geeignete Maßnahmen auf ein Minimum beschränken. Die umfangreiche Materie sollte auf mehrere Module aufgeteilt sein, die aufeinander aufbauen können, zum Teil aber auch unabhängig voneinander verwendbar sein sollten. So wird einerseits ein gezielter Einsatz möglich, andererseits ist das Lernprogramm auch dann schon einsetzbar, wenn noch nicht alle Module fertig sind.

Zur Reduktion der Produktionskosten empfiehlt sich die Vermeidung von teuren Programmen, von Programmen, für die laufend Lizenzgebühren bezahlt werden müssen und von Programmen, für deren Anwendung Spezialistinnen notwendig sind.

Um das Lernprogramm jederzeit an die Neugestaltung der Regelwerke anpassen zu können, empfiehlt sich eine einfache Programmierung.

16.5 Didaktische Bedingungen für Lernprogramme in Formalerschließung

16.5.1 Lerntheorien

Auch für die didaktische Gestaltung eines Lernprogramms sollten mehrere Lerntheorien zu Hilfe genommen werden. Lernprogramme, die nur nach der Methode des programmierten Unterrichts aufgebaut sind, entsprechen nicht mehr dem didaktischen Standard. Der Aspekt des Einübens ist aber nach wie vor gültig. In der Formalerschließung bedeutet das das Einüben der Regeln. Für diesen Bereich sollten Lernprogramme eingesetzt werden.

In der Hauptsache werden die Erkenntnisse des Kognitivismus, verbunden mit den Ergebnissen der Neuropsychologie, zum Einsatz kommen. Tutorielle Programme, die vernetzte Wege anbieten, klar abgegrenzte Einheiten enthalten und übersichtlich aufbereitet sind, entsprechen diesen Lerntheorien. In der Präsentation von Titelaufnahmen und deren Nachahmung wird der sozialen Lerntheorie entsprochen. Das Lernprogramm soll so flexibel gestaltet werden, dass entdeckendes Lernen möglich ist und die Freiheit der Lernenden nicht eingeschränkt wird. Das entspricht der Entwicklungspsychologie bzw. dem Konstruktivismus. Konstruktivistisches Ziel ist auch, dass es der Lernerin gelingt, ein „Bild“ der Titelaufnahme in ihrem Gehirn zu erzeugen und in der täglichen Arbeit nachzuvollziehen.

16.5.2 Lernziele

Durch Lernprogramme werden vor allem kognitive Lernziele gefördert. Nach dem Lernzielkatalog von Bloom sollten durch ein Lernprogramm im Wesentlichen folgende der im Kapitel 13.2.1.1 genannten kognitiven Lernziele erreicht werden:

16.5.2.1 Katalogkunde und Regelwerke

  1. Wissen: Kenntnis der Regelwerke, Kenntnis der Regeln, Kenntnis der Normdaten, Kenntnis der Fachbegriffe[Seite 218↓]
  2. Verstehen: Fähigkeit, die Regeln auf das zu Katalogisierende zu übertragen, Fähigkeit, anderen die Prinzipien der Katalogisierung zu erklären
  3. Anwendung: Fähigkeit, neue Probleme in der Katalogisierung zu lösen, Fähigkeit zur Auswahl des richtigen Regelwerks

16.5.2.2 Datenverarbeitung

  1. Wissen: Kenntnis der Funktionsweise des Bibliothekssystems, Kenntnis der Datenformate
  2. Verstehen: Verstehen des Zusammenhangs zwischen Dokument und Datensatz, Verstehen des hierarchischen Aufbaus, Verstehen der Feldinhalte
  3. Anwendung: Fähigkeit das Bibliothekssystem zu benützen; Fähigkeit die Kategorien richtig anzuwenden

Die weiten Lernziele im Bereich Analyse, Synthese und Bewertung werden in Lernprogrammen auch angeregt, bedürfen aber einer Ausweitung in den Lehrveranstaltungen.

Das wichtigste pragmatische Lernziel der Formalerschließung ist der Umgang mit dem Computer. Gerade dieses Lernziel kann durch ein computerunterstütztes Lernprogramm erreicht werden. Im Lernprogramm sollten daher sowohl der Umgang mit der Maus als auch Eingaben mit der Tastatur notwendig sein.

Um das affektive Lernziel der positiven Einstellung zur Formalerschließung zu unterstützen muss das Lernprogramm interessant gestaltet sein, es darf nicht überfordern und soll auf die Arbeit neugierig machen.

Auch einige persönliche Kompetenzen sollten durch den Einsatz von Lernprogrammen gefördert werden. Im Umgang mit einem Lernprogramm ist Eigenständigkeit erforderlich. Zur Förderung von Unselbstständigen sollte das Lernprogramm so gestaltet sein, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt wird. Flexibilität wird durch die Möglichkeit geschult, den Lernweg selbst zu gehen. Dafür ist es notwendig, sich im Lernprogramm frei bewegen zu können. Auch durch Verzweigungen wird die Flexibilität erhöht. Entscheidungsfreudigkeit, kritisches Denken und Problemlösungsverhalten üben die Studentinnen im Umgang mit den Übungsbeispielen.

16.5.3 Zielgruppe

Die Zielgruppe für Formalerschließungs-Lernprogramme ist zunächst identisch mit der Zielgruppe für bibliothekarischen Fernunterricht. Das heißt, es muss abgestimmt sein auf über 18-Jährige mit zumindest Abitur-(Matura-)Niveau, in der Mehrzahl Frauen mit unterschiedlichem bibliothekarischem Vorwissen und verschiedenem Lernstil. Daneben ist es möglich, das Lernprogramm in der Einschulung von neuen Mitarbeiterinnen in Bibliotheken einzusetzen. In der Regel wird die Zielgruppe dabei die gleiche bleiben, mit Assistenz könnten aber auch Aspirantinnen für den mittleren Dienst das Lernprogramm verwenden wollen.

16.5.4 Motivation

Gerade beim Einsatz eines Lernprogramms, das zum Alleinlernen zwingt, bei einem Fach, das in der Regel als komplex und spröde gilt, ist auf die Motivation besonders zu achten.

16.6 Zusammenfassende didaktische Anweisungen für Lernprogramme in Formalerschließung

Nach den von der Verfasserin zusammengestellten didaktischen Anweisungen für Lernsysteme sind folgende Punkte zu beachten:

  1. Neugier auf das Programm wecken: Es ist wichtig, dass der Einsatz eines Lernprogramms von der Dozentin vorbereitet wird. Sinn und Zweck der Formalerschließung muss den Studentinnen bekannt sein und sie neugierig machen. Das Lernprogramm selbst ist attraktiv zu gestalten (z.B. eingescannte Haupttitelseiten lesbar und bunt) und soll immer wieder unerwartete Momente bieten.
  2. Lernziele angeben: Im Rahmen eines Gesamtcurriculums sind die Lernziele der Formalerschließung im entsprechenden Studienführer angegeben. Die speziellen Lernziele des Lernprogramms können von der Dozentin vorgegeben werden. Für einen umfassenderen Einsatz des Lernprogramms ist es notwendig, diese Ziele entweder am Anfang oder, besser, im Begleitmaterial zu verzeichnen. Die Übungsbeispiele müssen sich auf den vorher präsentierten Stoff beziehen (z.B. Ansetzung von Personennamen mit entsprechenden Beispielen für die Ansetzung etc.)
  3. Bedienbarkeit erleichtern: Das Lernprogramm muss einfach zu bedienen sein. Komplizierte Schritte sind zu erklären, Hilfen (am besten Onlinehilfen) sind anzubieten.
  4. Dem Lerner Freiheit geben: Die Gestaltung des Lernprogramms darf die Lernerin nicht einschränken, Flexibilität ist gefordert (z.B. Weg durch das Programm frei wählbar, jederzeitiger Abbruch möglich, Lernerin bestimmt über Hilfe etc.) Die Zielvorgaben sollten aber klar sein, damit nicht die Effektivität des Programms durch Auslassen unangenehmer oder schwieriger Punkte leidet.
  5. Der Zielgruppe entsprechend gestalten: Manche Faktoren sind der Zielgruppe gemeinsam. So ist es z.B. empfehlenswert, das Lernprogramm auf Erwachsene auszurichten, etwa in der Sprachwahl. Das Eingehen auf die Einzelne ist in einem Lernprogramm nur schwer möglich. Durch das Anbieten verschiedener Darstellungsformen und von Hilfestellungen kann dieser Nachteil zumindest zum Teil ausgeglichen werden.
  6. Führung geben: Der Vorteil von Lernprogrammen ist die anonyme Hilfestellung, die entweder abgerufen werden kann oder sich automatisch einblendet, wenn voraussichtlich Hilfe benötigt wird (z.B. bei Fehlern in der Schreibweise). Daneben sollte es aber auch Hinweise auf menschliche Ansprechpartner geben, etwa durch Angabe der entsprechenden eMail-Adressen.
  7. Die Lernerin aktivieren: Die Aktivierung der Lernerinnen wird im Lernprogramm hauptsächlich durch Übungen der Elemente einer Titelaufnahme erreicht. Das Lernprogramm ist aber auch so zu gestalten, dass es bei Problemlösungen in der Katalogisierungspraxis eingesetzt werden kann. Für den Lernprozess ist es erforderlich, dass einzelne Definitionen und Regeln ausgedruckt werden können. Außerdem sollte die Möglichkeit gegeben sein, eigene Notizen zu machen.[Seite 220↓]
  8. Die Motivation aufrecht erhalten: Es ist ratsam, die Punkte des erweiternden ARCS-Modells zu beachten. Verstärkend wirken vor allem positive Rückmeldungen über realitätsnahe, erfolgreich absolvierte Übungen.
  9. Das Lernprogramm interessant gestalten: Die Präsentation muss übersichtlich und anregend sein (z.B. listenhafte Aufzählung der zu beachtenden Punkte, Gestaltung mit verschiedene Fenstern, Farbwahl). Die Komplexität der Regelwerke sollte aufgeschlüsselt und in einzelne Punkte gefasst werden, die miteinander verknüpft sind. Die zu vermittelnden Inhalte werden so präsentiert, dass die Lernenden sie als spannend empfinden
  10. Persönliche Kontakte ermöglichen: Es ist sinnvoll, das Lernprogramm nicht isoliert stehen zu lassen, sondern in ein Curriculum einzubinden. Dazu gehört auch der Kontakt zu einer Tutorin, die bei Schwierigkeiten (etwa bei unverständlichen Punkten des Regelwerks) weiterhilft, ferner die Möglichkeit, sich über einzelne Punkte des Lernprogramms mit anderen zu besprechen.
  11. Evaluation bieten: Die Übungen müssen auf die Zielvorgaben bezogen sein. Die Relevanz für die Prüfung, aber auch für die Formalerschließungspraxis muss klar sein.


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Fußnoten und Endnoten

1  Dewald, Nancy H.: Transporting Good Library Instruction Practices into the web environment : an analysis of online tutorials. In: The Journal of Academic Librarianship 25 (1999) Nr. 1, S. 26‑32

2  Hapke, Thomas: Recherchestrategien in elektronischen Datenbanken : inhaltliche Elemente der Schulung von Informationskompetenz (nicht nur) an Universitätsbibliotheken. In: Bibliotheksdienst 33 (1999) Nr. 7, S. 113‑129

3  Olson, John A.: How to encourage students in a library instruction session to use critical and creative‑thinking skills : a pilot study. In: Research Strategies 16 (1998) Nr. 4, S. 309‑314

4  Banks, Julie: The visible college : teaching basic cataloging to non‑library science students. In: Journal of education for library and information science 40 (1999) Nr. 2, S. 118‑121

5  Lipow, Anne Grodzins: Teach online catalog users the MARC format? : are you kidding? In: Journal of Academic Librarianship 17 (1991) Nr. 2, S. 80‑85

6  Buchanan, Nancy L. ; Rupp‑Serrano, Karen ; LaGrange, Johanne: The effectiveness of a projected computerized presentation in teaching online library catalog searching. In: College and Research Libraries 53 (1992) Nr. 4, S. 307‑318

7  Fling, Robert Michael: Computer‑assisted instruction for music uniform titles. In: The Public‑access computer systems review 1 (1990) Nr. 1, S. 23‑33

8  Fling, Robert Michael: Music bibliographic instruction on microcomputers : part I. In: Green, Richard D.: Foundations in music bibliography. New York (NY): Haworth Press, 1993. – ISBN 1‑56024‑512‑3. S. 157‑164

9  Johnson, Anne Marie ; Sager, Phil: Too many students, too little time : creating and implementing a self‑paced, interactive computer tutorial for the libraries. In: Research Strategies 16 (1998) Nr. 4, S. 271‑284

10  Ackerson, Linda G. ; Young, Virginia E.: Evaluating the impact of library instruction methods on the quality of student reseach. In: Research Strategies 12 (1994) Nr. 3, S. 132‑144

11  Kaplowitz, Joan ; Contini, Janice: Computer‑assisted instruction: is it an option for bibliographic instruction in large undergraduate survey classes? In: College and Research Libraries 59 (1998) Nr. 1, S. 19‑27

12  Cox, Andrew : Using the world wide web for library user education : a review article. In: Journal of Librarianship and Information Science 29 (1997) Nr. 1, S. 39‑43

13  Prestamo, Anne M.: Development of web‑based tutorials for online databases. In: Issues in Science and Technology Librarianship. 1998. – URL: http://www.library.ucsb.edu/istl/98‑winter/article3.html (30.8.2001)

14  Homann, Benno: Einführung in die Kataloge der UB Heidelberg : ein WWW‑basiertes Schulungsprogramm. In: Bibliotheksdienst 33 (1999) Nr. 1, S. 33‑38

15 siehe http://www.bmwf.gv.at/3uniwes/foerderprog/iinfo.htm (21.9.2001)

16  Plaimauer, Claudia ; Zartl, Alexander: I‑Info – ein Lern‑ und Informationssystem für Recherchen in einem multimedialen Umfeld. In: 26. Österreichischer Bibliothekartag (Wien 2000). – URL: http://voeb.univie.ac.at/abstracts/zartl.htm (21.9.2001)

17 siehe http://explorer.lib.uiowa.edu/index.html (26.4.2001)

18  Forys, Marsha: Library Explorer : a voyage toward self‑directed learning. In: The Internet and Higher Education 2 (1999) Nr. 1, S. 5‑9

19 siehe http://www.mmu.ac.uk/services/library/help/cathelp.html#catdown (23.8.2001)

20 siehe http://www.ub.uni‑dortmund.de/FoBi/aleph/start.htm (4.9.2001)

21 siehe http://www.uwp.edu/library/welcome_page2.html#goals (23.8.2001)

22 siehe http://www.library.cqu.edu.au/compass/homepage3.htm (30.8.2001)

23 siehe http://www.lib.vt.edu/istm/index.html, http://www.baylor.edu/LIRT/ (26.4.2001)

24 siehe http://www.cwru.edu/affil/cni/base/goals.html (26.4.2001)

25  Dewald 1999, siehe Fußnote 639

26  Tobin, Tess ; Kesselmann, Martin: Evaluation of web‑based library instruction programs. In: INSPEL 34 (2000) Nr. 2, S. 67‑75

27 siehe http://materials.netskills.ac.uk/ (2.5.2001)

28 siehe http://www.dds.se/distans/ (2.5.2001)

29 siehe http://www.bibweb.de/bib_doorpage.html (19.9.2001)

30  Hasiewicz, Christian: Lernen mit dem Doppelklick : bibweb ‑ das Internettraining für Bibliotheken. 2000. – URL: http://www.b‑i‑t‑online.de/aktuelle/ausgabe/nach2.htm (24.7.2001)

31  Hauff, Mechtild ; Hasiewicz, Christian: Lernen online : Internettraining für Bibliotheken mit bibweb. In: Buch und Bibliothek 52 (2000) Nr. 10/11, S. 676‑678

32 Online‑Training : Bertelsmann‑Stiftung und ekz starten erstes deutsches Online‑Training für Bibliotheken. In: Bibliotheksdienst 34 (2000) Nr. 4, S. 634‑635

33 siehe http://www.shpl.ru/docdeliv/list (28.8.2001)

34  Lavrik, Olga ; Gloukhov, Victor A.: Developing an electronic textbook for continuing professional education of librarians. In: International federation of Library Associations and Institutions (Veranst.): 66th IFLA Council and General Conference (Jerusalem 2000). – URL: http://www.ifla.org/IV/ifla66/papers/110‑136e.htm (31.8.2001)

35  Evans, Beth: Letting the PC be the instructor : a content‑rich and engaging online teaching tool is guaranteed to have a life beyond its initial use. In: Computers Libraries 3 (2000) S. 40‑44

36  Jensen, Patricia E.: Three methods of teaching basic subject cataloging. In: Journal of education for library and information science 25 (1985) S. 190‑199

37  Blumhoff, Kisten ; Salin, Andrea: Neue Wege der Fort‑ und Weiterbildung für Informationsspezialisten : internationale multimediale Kursangebote ; Konzeption und Aufbau einer MS‑Access Datenbank zur Präsentation und Verwaltung. Hannover, Fachhochschule Hannover, Dipl. Arb., 1998

38  Weimer, Katherine Hart: Training original catalogers to utilize CAT ME Plus : an outline. In: OCLC Systems & Services 10 (1994) S. 15‑16

39 siehe http://www.bcr.org/workshop/web‑based.html (29.8.2001)

40  Tessier, Judith A.: Cataloging instruction : development of a HyperCard impementation of AACR2. In: Journal of Education for Library and Information Science 33 (1992) Nr.3, S. 195‑211

41 NAL gets grant for CAI. In: Quaterly Bulletin of the International Association of Agricultural Librarians and Documentalists 35 (1990) Nr. 2, S. 94

42  Thomas, Sarah E.: CatTutor : a prototypical hypertext tutorial for catalogers. In: Library Resources and Technical Services 36 (1992) S. 505‑515

43  Thomas, Sarah E.: CatTutors for catalogers at the National Agricultural Library. In: Library Software Review 10 (1991) S. 26‑27

44  Payer 1999, siehe Fußnote 225

45 siehe http://www.library.cornell.edu/tsmanual/home.html (6.6.2001)

46 siehe http://www.loc.gov/acq/conser/module31.html (6.6.2001)

47 siehe http://130.15.161.74/techserv/cat/Sect02/c02a2.html (11.9.2001)

48 siehe http://www‑personal.umich.edu/~pfs/map/maps.html (6.6.2001)

49 siehe http://www4.ncsu.edu/~jdob/rbctutorial/index.htm (6.6.2001)

50 siehe http://staffweb.library.northwestern.edu/serials/iesca/ (12.6.2001)

51  Geer, Beverley: Training aid in cataloging gopher sites and electronic serials. In: The Serials Librarian 28 (1996) Nr. 3/4, S. 337‑342

52  Hyland, Margaret ; Mortimer, Mary ; Higgins, Neville: The development of CatSkill and its potential for training in libraries. In: The Serials Librarian 32 (1997) Nr. 3/4, S. 107‑115

53  Weihs, Jean: CatSkill : A multimedia course on AACR2 and MARC. In: Technicalities 15 (1995) S. 13

54 siehe http://www.lib.usm.edu/%7Etechserv/MARC21Tutorial/marcfr.htm (28.8.2001)



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12.08.2004