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8  Lernen mit Hilfe der Informationstechnologien

Lernprogramme sind nur eine Möglichkeit der Anwendung von Informationstechnologien im Formalerschließungsfernunterricht. Sie müssen in Zusammenhang mit einem Gesamtkonzept gesehen werden. Deshalb werden in diesem Kapitel weitere Elemente beschrieben, die bei der Gestaltung des Unterrichts in Formalerschließung, vor allem des Fernunterrichts, eingesetzt werden können. Im späteren Verlauf wird aufgezeigt werden, in welcher Form diese Methoden bereits verwendet werden und welche Methoden sich nach dem heutigen Stand der Technik und nach didaktischen Grundsätzen am besten für den Formalerschließungsfernunterricht eignen.

Die Entwicklung der Computertechnologie brachte außer Lernprogrammen weitere Möglichkeiten des Einsatzes im Bereich des Lehrens und Lernens. Im Mittelpunkt steht, den Lerner unabhängig von einem menschlichen Lehrer zu machen (Open Learning). Durch die zunehmende Vernetzung war es möglich, Entfernungen zu relativieren, der Computer ist Kommunikationsmittel (Distance Learning). Die Zukunft liegt in der Verknüpfung der verschiedensten Möglichkeiten, die die Anwendung von Computern bieten (DOL, Distance and Open Learning). In den einzelnen Ländern gibt es für die Entwicklung solcher Angebote verschiedene Förderungsprogramme. In Österreich wurde 2000 ein Programm für 3 Jahre zur Integration der neuen Medien in die Lehre der Universitäten und Fachhochschulen gestartet.1Durch Förderungen, Evaluationen und Preise soll der Aufbau eines fächerübergreifenden Bildungsverbundes mit Multimediaangeboten unterstützt werden. Auch in der Schweiz gibt es ein Projekt „Virtueller Campus Schweiz“.2,3 Das Projekt soll von 2000-2003 laufen und wird vom Bund gefördert. Neun Universitäten und zwei Technologieinstitute sollen zu einem virtuellen Verbund zusammengeschlossen werden. Die einzelnen Institutionen entwickeln interaktive Multimediaprojekte für die Lehre, Chatrooms, Computerkonferenzen, Administrationstools etc. und bauen sie in ihre Lehrpläne ein. Daneben muss die passende Software für das Netzwerk gestaltet werden. Das Ziel ist eine virtuelle Universität, bei der sich jeder Student die passenden Studien aussuchen kann. In Deutschland wurde der Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologien im Rahmen des „Info 2000“ beschlossen.4 Diese sollen in allen Bereichen des Bildungswesens eingesetzt werden, entsprechende Aus- Weiterbildungsangebote werden gefördert. Für die Universitäten und Fachhochschulen soll ein Wissenschaftsnetz eingerichtet werden. Die Bibliotheken werden in das Förderungsprogramm aufgenommen um ihr Angebot auf diesem Gebiet erweitern zu können.

8.1 Definition von Open Learning

Offenes Lernen bedeutet, der Lerner sucht sich aus einer Quelle von Ressourcen aus, was er lernen will und teilt sich das Ausmaß, den Ort und die Zeit selbst ein.5 Im Berufsleben und in der Freizeit war es immer schon üblich, sich das benötigte Wissen selektiv anzueignen, zunächst mit Hilfe von Lehrbüchern und anderer Literatur, Besuch von Vorträgen und Ähnlichem. Durch die neuen Medien kamen Audio- und Videobändern, die asynchron und passiv den Lehrstoff übermittelten, Darbietung über Massenmedien wie Radio und Fernsehen, sowie Lernprogramme und Lernmaterial auf CD-ROMs dazu. Neu ist es, diese Methode auch in [Seite 79↓]der formalen Ausbildung einzusetzen. Ein erster Schritt dazu war die Einrichtung von Computerlabors in Schulen und Universitäten.

8.2 Definition von Distance Learning

Unter „Distance Learning“ wird vielerlei verstanden. Den meisten Definitionen ist gemeinsam, dass Lerner und Lehrer physisch voneinander getrennt sind. Sowohl traditionelle Methoden als auch die neuen Medien können beide verbinden.6 Zunächst wurde Fernunterricht mit Hilfe von mit der Post versandten Lernmaterialien durchgeführt. Die Entwicklung des Distance Learning mit Hilfe der neuen Medien reichte von Kursen, die über Massenmedien ausgestrahlt und von Lehrern über den Postweg betreut wurden (z.B. Fernunterricht über Kurzwellensender in den 60er- und 70er-Jahren), über Zweiweg-Audioverbindungen mittels Telefon, Telekonferenzen über Standleitungen bis zum Einsatz der verschiedenen Möglichkeiten des Internets. Mit Hilfe von Netzverbindungen, besonders über das Internet, ist es möglich, synchron zu lernen und doch voneinander getrennt zu sein.

8.3 Definition von Distance and Open Learning

Hybridsysteme verbinden alle Elemente, alte und auch neue, synchrone und asynchrone, in einem virtuellen Klassenzimmer oder einer „Virtuellen Universität“. Es gibt verschiedene Ansichten über die möglichen Komponenten eines solchen Systems. Apel unterscheidet 5 Arten des Teleteachings:

Nach Hofmann sind die Komponenten einer „virtuellen Schule“:

Am einfachsten lassen sich die Methoden nach der Art der Kommunikation einteilen. Kommuniziert der Lerner vorwiegend mit dem Lernmaterial, mit einem Lehrer oder Tutor oder mit anderen Lernenden? Wenn Kontakt mit anderen Menschen besteht, ist dieser Kontakt zeitgleich (synchron) oder zu verschiedenen Zeiten (asynchron)?

An internetgestützten Lerntechnologien stehen zur Verfügung (siehe Tabelle 1) :


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Tabelle 1 : Internetgestütze Lerntechnologien

Art

Kommunikation

Vorwiegende Kommunikationsform

Informationsquelle

Asynchron

One alone

Datenbank

Asynchron

One alone

Elektronisches Lehrbuch

Asynchron

One alone

Lernprogramm

Asynchron

One alone

eMail

Asynchron

One to one

Videoaufzeichnungen von Vorlesungen

Asynchron

One to many

Vorlesung mit Audiokonferenz

Synchron

One to many

Vorlesung mit Videokonferenz

Synchron

One to many

„Schwarzes Brett“

Asynchron

Many to many

Diskussionsforen

Asynchron

Many to many

Gemeinsames Projekt

Asynchron

Many to many

Computerkonferenz

Synchron

Many to many

Audio- oder Videokonferenz

Synchron

Many to many

Planspiel

Synchron

Many to many

Chat

Synchron

Many to many

8.4 Anwendung von Kommunikationsformen

8.4.1 One alone

Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, notwendiges Wissen ohne die Hilfe eines anderen Menschen, nur mit Hilfe der neuen Medien zu erwerben. Dabei kann man auf didaktisch aufbereitete Lerneinheiten zurückgreifen oder sich das Wissen selbst aus den verschiedensten Quellen zusammenzustellen.

8.4.1.1 Internet

Das WWW ist die Anwendung des Hypertextprinzips auf die ganze Welt, mit allen Vorteilen und Nachteilen. Es kann ein Informationsmedium sein. Der Einsatz als Lernmedium ist umstritten. Manche bezeichnen es als Lernwerkzeug. Der Zugang zum WWW öffnet die Möglichkeit Informationen zu gewinnen, an die man sonst nur schwer herankommt, so z.B. an graue Literatur. Paulsen nennt 1994 als Informationsquellen für den Einzellerner vor allem Online-Datenbanken, Online-Zeitschriften, Online-Interessensgruppen und Software-Bibliotheken.9

Inzwischen hat sich das Angebot an Online-Angeboten weiter vermehrt. Volltextbücher (zum Teil eingescannte Werke, zum Teil im Internet entwickelt) und wissenschaftliche Multimediaseiten stehen zur Verfügung. Bibliotheken und Museen bieten ihren Bestand digital an. Einige Organisationen und einzelne Wissenschaftler machen ihre Veröffentlichungen direkt im Internet. Die Menge des Angebots zwingt jedoch den einzelnen Lerner zur kritischen Auswahl der Quelle, einer Arbeit, die ihm früher von den Verlagen abgenommen wurde.

Weiter führt die Fülle von unstrukturierter Information leicht zu einer Desorientierung. Von verschiedenen Institutionen werden Shells entwickelt, die Möglichkeiten zum Vorstrukturieren bieten und den Lernern eine leichtere Navigation ermöglichen.10 Manche Suchmaschinen bieten eine Reihung und Beurteilung der gefundenen Seiten. Diese Arbeit soll in Zukunft von intelligenten Softwareagenten übernommen werden.

Grau und Bartasis meinten, das Internet ist eine Möglichkeit, die Lerntheorie des Konstruktivismus zu überprüfen.11 Die Zugänglichkeit entspricht der konstruktivistischen [Seite 81↓]Forderung nach entdeckendem Lernen. Der Lerner hat die Verantwortung für sein eigenes Lernen, er kann die Fähigkeit entwickeln, Informationen eigenständig zu verarbeiten. Das Internet liefert die Informationen, der Lerner muss die Fragestellung kennen, die Relevanz beurteilen und selbst die Schlüsse ziehen und bewerten.

Gerade beim Einsatz des Internet als Lernmedium zeigt sich die Problematik des Konstruktivismus deutlich. Das Internet erleichtert das Gewinnen von Information ungemein. Unbestritten ist, dass man bei der Suche nach Information (genauso wie in herkömmlichen Printmedien) auf Unerwartetes trifft, das einen zusätzlichen Lerneffekt mit sich bringt. Eibl meint, man braucht um aus dem Internet konstruktiven Nutzen ziehen zu können, Grundkenntnisse über das WWW und die darin notwendigen Suchstrategien, eigene entwickelte Lernstrategien und die Fähigkeit, bewusst auf Informationen verzichten zu können.12 Nach Meinung der Verfasserin braucht man zunächst ein klares Konzept über das Gesuchte. Kenntnisse über die Technologie reichen nicht aus. Zum Auffinden von Information muss man Grundwissen über das gesuchte Fachgebiet haben, die Fachterminologie in verschiedenen Sprachen (zumindest in Englisch) kennen und die gefunden Quellen aufgrund von Vorwissen richtig einschätzen. Die dafür notwendigen Voraussetzungen kann man jedoch nicht durch Browsen im Internet erwerben, dieses Wissen muss vorher in systematischer Weise aufbereitet und vermittelt worden sein.

Wenn die freie Suche im Internet auch nicht für Anfänger in einem Thema geeignet ist, kann sie doch eine wertvolle Hilfe im Rahmen eines formalen Unterrichts sein oder zur Fortbildung dienen, z.B. für die Literatursuche oder Aufgaben zu bestimmten Themen im Rahmen eines Projekts.

8.4.1.2 Datenbanken

Eine einfachere Möglichkeit des Informationserwerbs für Lernende stellen Daten- und Wissensbanken dar, weil darin das Wissen schon aufbereitet wurde. Über das Internet stehen eine Reihe von fachspezifischen Daten- und Wissensbanken zur Verfügung. Auch auf CD-ROM ist eine große Anzahl erhältlich. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt aus der Meteorologie, das an der Zentraleinrichtung für audiovisuelle Medien der FU Berlin 1996 durchgeführt wurde. Filme von Wetterdaten, die ursprünglich über DATEX-P-Leitung an die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt gesendet und dort zu einer Bildplatte verarbeitet wurden, wurden im Rahmen des Projekts digital auf CD-ROMs gespeichert. Auf einem Rechner liegt eine Wissenbasis mit den gesammelten Daten. Im Projekt Euromet können 22 europäische Hochschuleinrichtungen Lerneinheiten über das Internet abrufen.13

Im Rahmen des virtuellen Unterrichts werden von den Unterrichtenden auch Skripten, Literatursammlungen, ausgewählte Links etc. zusammengestellt und den Lernern zugänglich gemacht. Boder und Gardiol berichten über eine Wissensbasis, die sich aus Telekonferenzen entwickelte. Bei JITOL (Just In Time Open Learning) stehen dem Benutzer vier Fenster zu Verfügung. Im Notebook kann er sich die individuellen Informationen speichern, mit eMail und Konferenzschaltung mit den anderen in Verbindung treten. Eine Wissensbasis beinhaltet Texte, Grafiken, Bilder und Videos. Eine andere Wissensbasis registriert dabei die Benutzerinteraktionen.14

Ohne Vorkenntnisse sind aber auch Datenbanken für den alleinigen Einsatz in der Lehre problematisch. Die Information ist zwar schon auf bestimmte Themengebiete eingeschränkt und fachlich aufbereitet, der didaktische Schwerpunkt fehlt jedoch. Im Rahmen des Unterrichts können Datenbanken zur Erarbeitung eines Themas dienen. Literaturdatenbanken sind eine gute Hilfe zum Auffinden spezieller Fachliteratur.


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8.4.1.3  Zu Lehrzwecken aufbereitete Information

Im Unterschied zur freien Suche im Internet oder zu Datenbanken bieten Informationen, die zu Lehrzwecken zusammengestellt wurden, auch didaktische Komponenten. Ruksasuk nennt dies die Verwendung des Web als „“elektronisches Buch”“.15 Beispiele dafür sind elektronische Lehrbücher, ausgewählte und nach didaktischen Grundsätzen zusammengestellte Sammlungen von Materialien zu einem Thema oder „Studienführer“, die für ein Fernstudium angeboten werden. Studienführer sind in der Regel dazu gedacht, im Rahmen eines bestimmten Kurses verwendet zu werden. Auch Sammlungen von Links können zur Unterrichtsgestaltung herangezogen werden. Sie sind oft in Studienführer eingebettet. Butler stellte bei einer an nordamerikanische Institute für Geowissenschaften gerichteten Umfrage 1998 fest, dass 85% der Befragten dabei Quellen vorziehen, die bereits von Experten überprüft worden sind.16 Mit einem elektronischen Lehrbuch ist es möglich, die Grundkenntnisse in einem bestimmten Fach zu erwerben. Didaktisch gesehen unterliegt es den gleichen Beschränkungen wie ein gedrucktes Lehrbuch (keine Interaktion, nur beschränkte Möglichkeit der Anwendung des Gelernten).

8.4.1.4 Lernprogramme

Der Grundgedanke von Lernprogrammen war, dass ein einzelner Lerner sich nur im Kontakt mit dem Programm das Wissen aneignet, das er benötigt. Alle Möglichkeiten und Hilfen, die er dazu braucht, sind bereits im Programm integriert. Heute werden Lernprogramme meist auf CD-ROMs (allein oder in Verbindung mit Lehrbüchern) und über das Internet angeboten. Sie können gleichzeitig „Lehrbuch“, Übungsmöglichkeit und Lexikon sein. Im WWW findet man auch Lernprogramme zur Erstellung von Distance Learning Programmen. Ein Beispiel dafür ist „Learning on the Web“.17

Bei der Einführung von Lernprogrammen ist darauf zu achten, dass alle Beteiligten nicht nur technisch geschult werden, sondern auch mit der Umsetzung im Unterricht vertraut sind. Wie man ein Lernprogramm so einsetzen kann, damit es bestimmt ein didaktischer Misserfolg wird, beschreibt Lower:

Daraus kann man erkennen, dass auch bei Lernprogrammen darauf geachtet werden muss, sie sinnvoll und am besten im Rahmen eines umfassenden Unterrichtskonzepts einzusetzen. Lernprogramme können einzelne Aspekte eines Lernstoffs unabhängig von der Anwesenheit einer Lehrperson vermitteln. Dabei müssen sie selbst didaktisch aufbereitet sein. Bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten (z.B. Rad fahren oder Gehirnchirurgie) kann man mit Lernprogrammen gar nicht vermitteln. Ein gesamtes Fachgebiet nur mit Lernprogrammen zu erarbeiten ist ebenfalls unmöglich und auch nicht wünschenswert. So wird z.B. eine Sprache erst richtig erlernt, wenn man sie in der entsprechenden Umgebung anwendet.

Für den Einsatz von Lernprogrammen sind vor allem Stoffgebiete geeignet, die abgeschlossen sind, einen gewissen formalen Aufbau haben und vor allem kognitives Wissen vermitteln. Es ist darauf zu achten, dass neben den Lernprogrammen sozialer Kontakt und die Möglichkeit zum Einüben der neuen Fertigkeiten und des neuen Wissens auch außerhalb des Lernprogramms besteht.

8.4.1.5 Einsatz

Eine Einsatzmöglichkeit der „One-alone-Medien“ ist das Lernen am Arbeitsplatz. Arbeitgeber versprechen sich davon vor allem Kostenersparnis – einerseits durch das Wegfallen von Schulungskursen und deren Kosten, andererseits dadurch, dass der Angestellte seinen Arbeitsplatz nicht verlässt. In Zukunft wird es immer notwendiger sein, sich während der Arbeit neues Wissen anzueignen. Durch beschleunigte Neuerungsprozesse reicht das in der Ausbildung Erlernte für die meisten schon längst nicht mehr, lebenslanges Lernen ist die einzige Möglichkeit, in der Arbeitswelt Schritt zu halten.

Für den Lerner selbst bietet das Lernen am Arbeitsplatz nicht nur Vorteile. Positiv ist die Möglichkeit, gezielt und fast ohne Wartezeiten die Informationen abzurufen, die gerade benötigt werden. Bei guter Lernerunterstützung können auch die primitivsten Fragen in der Anonymität beantwortet werden. So vermeidet der Lerner das Gefühl, sich vor Kollegen zu blamieren. Auch die Vertrautheit der Umgebung und des Arbeitsplatzcomputers kann unterstützend wirken.

Negativ ist zunächst das Klima, das an vielen Arbeitsstellen dem Lernen gegenüber herrscht. Wenn Leistung nur nach erledigter Arbeit gemessen wird und Lernen nicht als Arbeit gilt, werden die Mitarbeiter Lernprogramme und Ähnliches nur spärlich nützen.

Wichtig ist auch die Unterstützung des Lerners. Er muss einerseits die Möglichkeit haben, ungestört zu sein, andererseits brauchen gerade sozial veranlagte Lerner und Lerner mit passivem Lernstil Unterstützung von menschlichen Ansprechpartnern. Die benötigten zusätzlichen Lernmaterialen, z.B. Handbücher müssen für den Lerner leicht zugänglich vorhanden sein.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit im Rahmen des Berufs ist das Lernen unterwegs mit Hilfe eines Laptops. Beobachtungen zeigen, dass Angst und Frustration besonders hoch sind, wenn das Lernen in den Arbeitsprozess eingebaut wird (werden muss).

Der Einsatz im Schulunterricht bleibt umstritten. Der programmierte Unterricht brachte nicht die Erfolge, die die Erfinder gehofft hatten. Mit zunehmender Ausstattung der Schüler mit Heimcomputern werden Lernprogramme für die Einzelarbeit wieder interessant, etwa für Hausübungen oder zum Nachholen von versäumtem Stoff. Im Unterricht können die Grundvoraussetzungen für die Informationssuche mit Hilfe der neuen Medien gelehrt werden. Koch untersucht die Tauglichkeit von elektronischen und multimedialen Informationsangeboten für den Einsatz im Schulunterricht. Die Verwendung des Internets wurde generell als gut bewertet, die Qualität des Angebots variiert aber stark. Am besten sind Internetseiten von [Seite 84↓]Behörden und anderen öffentlichen Institutionen. Die Schüler brauchen viel Hilfe, weil das Auffinden geeigneter Seiten zeit- und kostenintensiv ist. Bei kommerziellen Datenbankanbietern wurden vor allem die Volltextdatenbanken als unterrichtstauglich bewertet. Die bibliografischen Datenbanken geben nur Hinweise zu Dokumenten, die dann schwer beschaffbar und im Niveau zu hoch sind. Die Angebote auf CD-ROM entsprechen aber meist den pädagogischen Ansprüchen. Um die neuen Medien aber sinnvoll einsetzen zu können, bedarf es einer neuen Gestaltung des Unterrichts.19

Eine von den Lehrern nicht sehr geschätzte Form des One-alone-„Lernens“ ist die Folge davon, dass Kinder und Jugendliche meist mehr Erfahrung mit Computern haben als Erwachsene. Unter Schülern ist es üblich, sich Hausübungen, Referate etc. aus dem Internet zu suchen und sie mehr oder weniger verändert als ihre eigenen auszugeben. So üben sie zwar nicht das von ihnen Verlangte, wohl aber die Informationssuche in einem Medium, das ihre Zukunft bestimmen wird.

Im universitären Bereich werden die elektronische Medien entscheidend das Lernen der Zukunft prägen. Sie sind auch heute schon aus dem Universitätsalltag nicht mehr wegzudenken. Bull beschreibt einige Anwendungsmöglichkeiten des computerbasierten Lernens und betont die Wichtigkeit der Zielsetzung und der Abschätzung dessen, was durch den Einsatz von Computern gewonnen wird.20 One-alone-Medien werden vor allem beim offenen Lernen benützt. Wenn Lernprogramme verwendet werden, dienen sie meistens der Vorbereitung um das Vorwissen der Teilnehmer anzugleichen oder um Studenten zu ermöglichen, Versäumtes nachzuholen oder zusätzliche Fähigkeiten zu erwerben. Sie werden im Unterricht oder als Ersatz für Vorlesungen geboten. Worthington beschreibt die Effizienz des Einsatzes von einem Lernprogramm in einem Einführungskurs für Psychologie an der Virginia Commonwealth University. Am Beginn des Semesters konnten die Studenten selbst wählen, ob sie einen Kurs mit oder ohne CAI belegen. Den mit CAI kombinierten Kurs wählten eher Studenten, die kleinere Klassen bevorzugten und Neulinge waren. Die Ergebnisse des Abschlusstests waren bei der Gruppe mit CAI besser.21

Viele Lernprogramme sind von den Studenten zu Hause über das Internet abrufbar. Dadurch sind diese nicht gezwungen, in der Universität anwesend zu sein. Einige Programme sind ohne Passwort frei zugänglich und können auch von Außenstehenden genutzt werden. Cann untersuchte die Nutzungshäufigkeit eines Lernprogramms über BSE, das von der Universität von Leicester direkt und kostenlos im Internet zugänglich gemacht wurde. Die meisten Benutzer waren Akademiker und Studenten, wobei Akademiker ihr Vorwissen höher einschätzten. Bei am Anfang gegebenen zusätzlichen Links wurde oft nicht zurückgekehrt, Cann empfahl daher die Angabe von zusätzlichem Material am Ende des Lernprogramms. Als Einsatzgebiet nahm er viele Verwendungszwecke an, so z.B. Selbststudium, Gruppenprojekte, Vorbereitung auf Diskussionen im Unterricht, Stundenwiederholungen etc. Deshalb wurde auch ein Diskussionsforum angeboten. Dieses wurde jedoch kaum genutzt. Die meisten Benutzer blieben nur kurz im Lernprogramm und benutzten es als Informationsquelle.22 An der Universität Tübingen wurde ein multimedialer Kurs „Computergrafik spielend lernen“ erstellt und im Internet präsentiert. Das Programm besteht aus HTML-Dokumenten von Vorlesungs-Skripten, Bildern, Java-Applets und Programmierübungen. Neben Texten und Bildern werden auch Animationen eingesetzt, die Programmierübungen sind interaktiv. Der Source-Code der Applets ist downloadbar. Durch Seminar- und Diplomarbeiten wird die Anzahl der Applets laufend erweitert. Der Zugang erfolgt mittels eines Benutzernamens und Passwortes. Zwei oder drei Studenten arbeiten zusammen an den Programmierübungen. Die Zufriedenheit der [Seite 85↓]Studenten stieg mit der Einführung des Kurses, die Autoren konnten aber beobachten, dass viele Studenten das Programm nur zum Spielen benützten.23

8.4.1.6 Anwendung auf das Thema

Um Formalerschließung und dabei besonders die Anwendung von Regelwerken zu erlernen, waren und sind Bibliothekare, vor allem in kleinen Bibliotheken, oft gezwungen, sich das notwendige Wissen allein und ohne Hilfe anzueignen. One-alone-Lernen ist daher für viele Bibliothekare nichts Neues. Die neuen Medien können sie dabei unterstützen. Im Internet gibt es einige Hilfen für die Formalerschließung, vor allem von „Der Deutschen Bibliothek“ für Deutschland und Österreich und der „Library of Congress“ für den englischsprachigen Raum. Diese können jedoch nur einzelne Hinweise geben, Formalerschließung kann man damit nicht lernen. Einige Literaturdatenbanken ermöglichen eine gezielte Suche nach Literatur. Ein Lernprogramm oder ein elektronisches Lehrbuch gibt einen ersten Einstieg in die Formalerschließung.

Für den formalen Unterricht, vor allem den Fernunterricht können alle One-alone-Medien durch entsprechende Aufgabenstellung eingesetzt werden. Dies soll im zweiten Teil der Arbeit erläutert werden.

8.4.2 One to One

In dieser Form des computerunterstützten Lernens bleibt der Einzelne nicht ganz sich selbst überlassen. Er hat einen menschlichen Ansprechpartner, Tutor oder Lehrer, der ihn bei seinen Bemühungen unterstützt, ihm weiterhilft und auch gegebenenfalls seinen Lernerfolg überprüft. Die soziale Komponente ist ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Stephenson untersuchte die Bedeutung dieses sozialen Kontakts für den Lernerfolg. Er teilte 84 Wirtschaftsstudenten in 4 Gruppen, die allein, paarweise, allein mit Kontakt zu einem Tutor, der aber keine inhaltliche Hilfe gab, und paarweise mit Kontakt zu einem Tutor ein Lernprogramm bearbeiteten. Der soziale Kontakt, gleichgültig ob zu einem Partner oder zu einem Tutor, verbesserte die Leistung, vor allem bei schwächeren Studenten.24

8.4.2.1 Computerlabor

Computerlabors waren die ersten Einsatzplätze der elektronischen Medien im Unterricht, zunächst auf Hochschulen, später in den Schulen. Sie können sowohl zum Frontalunterricht (one to many), für Gruppenarbeiten (many to many) als auch zur Einzelarbeit mit Unterstützung eines Tutors dienen. Jeder Lerner arbeitet an einer Aufgabe, der Tutor gibt bei Bedarf zielgerichtete Hilfestellungen. An der School of Electrical and Computer Engineering von der University of Georgia wurde ein Vorschlag über die Einrichtung eines Computerlabors gemacht, in dem auch Werkzeuge zur Entwicklung von Lernprogrammen vorhanden sein sollten. Als Versuch des computerbasierten Lernens wurde 1996 ein Kurs „Einführung in die elektrische und die Computertechnik“ abgehalten, bei dem in 10 einwöchigen Kursteilen 10 verschiedene Themen jeweils von einem anderen Fakultätsmitglied aufbereitet worden sind.25

Computerlabors sind eine gute Methode um bereits Gelerntes einzuüben, vor allem, wenn es sich um Arbeitsschritte am Computer handelt. Alle One-alone-Medien können dabei genützt werden. Der anwesende Tutor kann sowohl bei technischen als auch bei fachlichen Problemen helfen. Der direkte und persönliche Kontakt wirkt unterstützend. Allerdings muss darauf [Seite 86↓]geachtet werden, dass die Studenten weitgehend selbstständig arbeiten. Jedem der Anwesenden Privatunterricht zu geben, wäre eine Überforderung des Tutors.

8.4.2.2 eMail

Eine Möglichkeit der One-to-one-Kommunikation im Bereich des Fernlernens ist die Verwendung von eMail. Der einzelne Lerner arbeitet zu Hause und ist mit seinem Tutor über Telekommunikationsnetze verbunden. Dieser gibt Hinweise und Hilfen, stellt und korrigiert Aufgaben und ermuntert zu selbstständigem Lernen.

Im Vergleich zu brieflichem Austausch ist die Verwendung von eMail direkter, spontaner und daher besser zu persönlichem Kontakt geeignet. Für die Lernenden bedeutet diese Form des Unterrichts größtmöglichste Freiheit bei individueller Betreuung. Auch introvertierte Schüler bekommen eine Chance gehört zu werden. Für den Tutor bedeutet es allerdings einen erheblichen Arbeitsaufwand. Lehrformen, bei denen eMail zum Einsatz kommt, sind z.B. die Frage der Woche (der Lehrer gibt eine Aufgabe, die die Lerner lösen und ihm per eMail schicken), Teleapprenticeship (die Lerner machen bestimmte Arbeiten um dabei lernen zu können) oder eine Form des Daltonplans mittels Telekommunikation. Bei den ersten Versuchen, das Internet für Fernlernen zu verwenden, wurden ganze Kurse nur mit Hilfe von eMail abgehalten.

eMail dient auch zum persönlichen Kontakt mit den Dozenten und Sekretariaten, etwa um Prüfungstermine abzustimmen oder andere, das Studium betreffende Auskünfte zu erhalten.

8.4.2.3 Einsatz

In der Arbeitsstelle können Computerlabors als Lernplatz eingerichtet sein. Weil Lernplätze meist so eingerichtet werden, dass sie von der Arbeitsumgebung abgeschirmt sind, die Lernmaterialien direkt zur Verfügung stehen und ein Betreuer vorhanden ist, eignen sich Lernplätze besser für größere Lerneinheiten. Positiv wirkt sich auch hier die Anonymität des Lernens aus, durch den vorhandenen Ansprechpartner tritt nicht so oft das Gefühl der Vereinsamung auf. Allerdings muss der Mitarbeiter initiativ werden und zum Computerlabor hingehen. Wichtig ist der freie Zugang zum Lernplatz, wobei die Zeiteinteilung zwischen Lernen und Arbeiten flexibel gestaltet sein muss. Die Lernplätze müssen ergonomisch richtig gestaltet sein. Es darf keine Leistungskontrolle durch den Vorgesetzten erfolgen. Wenn die Lerner am Lernplatz die Möglichkeit haben, sich nicht nur mit dem Tutor, sondern auch mit Kollegen auszutauschen, sind Lernplätze auch für Menschen mit sozialem Lernstil geeignet. Aktive Lerner sind angesprochen, weil es einer Initiative bedarf, zum Lernplatz zu gehen. Aber auch passiven Lernern kann am Lernplatz durch den Tutor geholfen werden.

eMail wird besonders bei Telearbeitsplätzen eingesetzt, einerseits um den Kontakt mit den Kollegen zu ermöglichen, andererseits um den nicht an der Arbeitsstelle Anwesenden Hilfe zu geben.

Die Methode des tutoriellen Unterrichts kann ebenfalls im Schulunterricht angewandt werden. Die Schüler arbeiten in speziellen Computerübungsräumen selbstständig, der Lehrer gibt individuelle Hilfe.

Auf den Universitäten gehört der Einsatz von Computerlabors bereits zum Standard. Im Bereich des Fernlernens wird eMail eingesetzt. Das selbstständige Erarbeiten von Arbeitsaufgaben oder Lernprogrammen und die Auswertung der Ergebnisse durch einen Lehrer sind oft Teile der „Virtuellen Universität“.

8.4.2.4 Anwendung auf das Thema

Computerlabors sind im Bereich der Formalerschließungsausbildung ein normales Hilfsmittel geworden. Die Erstellung von Titelaufnahmen mit Hilfe der Datenformate wird auf einem oder mehreren Bibliothekssystemen geübt, der Dozent oder ein Tutor stehen zur Hilfestellung bereit.

Im Bereich des Fernlernens kann eMail zur Übersendung von Aufgabenstellungen durch den Lehrer oder von gelösten Übungsbeispielen durch die Schüler dienen.


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8.4.3  One to many

Bei der Kommunikationsart One-to-many steht, so wie beim herkömmlichen Lehren, ein Lehrer mehreren Lernenden gegenüber. Der Unterschied besteht in der Vermittlungsart des Kontakts.

8.4.3.1 Lehrsendungen

Lehrsendungen können über Satelliten und Kabel übermittelt, im öffentlichen Fernsehen gezeigt oder auch mit Videobändern verteilt werden. Der Kontakt mit dem Lehrer läuft über Telefon oder Fax ab. In Utah arbeitet das „Educational Network“ auf dieser Basis. Um brauchbare Videoaufzeichnungen von Unterrichtseinheiten zu machen, brauchen die Lehrer gute Schulungen. Vor allem das fehlende Feedback wirkt leicht irritierend. Alexander u.a. beschreiben ein Fernlernprojekt über erneuerbare Energietechnologie mittels CD-ROM. Die CD-ROM enthielt verschiedene Artikel über das Thema, daneben gab es ein interaktives Modell mittels Video. Einzel- und Gruppenarbeit wechselten sich ab.26 Williams berichtet von einem sehr einfachen Projekt zur Ausbildung der freiwilligen Feuerwehr in ländlichen Gebieten den USA. In den Feuerwachen standen Computer bereit, die über Modem mit der Zentrale verbunden waren. Zur Ausbildung standen Audiokassetten zur Verfügung, die Bilder wurden auf den Computer geladen. Es gab auch computerunterstützte Lernprogramme. Die Verbindung mit dem Instruktor geschah über Telefon oder mittels eMail.27

In den Vereinigten Staaten stehen den Universitäten oft eigene Televisionskanäle zur Verfügung. Dadurch wird das Ausstrahlen eigener Lehrsendungen erleichtert. In Europa geht man meist andere Wege. Entweder werden im Fernsehen ausgestrahlte Lehrsendungen aufgezeichnet und an passender Stelle in den Unterricht eingebaut oder kommerziell vertriebene Videobänder in der gleichen Weise eingesetzt. Im Bereich des Fernlernens werden auch Videoaufzeichnungen von Vorlesungen gemacht und an die Studenten versendet.

8.4.3.2 Vorlesungen mittels Audiokonferenz

Das Problem der fehlenden Synchronizität wird in Audiokonferenzen beseitigt. Die Lerner können mit ihrem Lehrer interagieren, der Lehrer erhält, wenn auch eingeschränkt, Rückmeldungen. Audiokonferenzen brauchen geringeren technischen Aufwand als Videokonferenzen, das Gefühl der fehlenden Nähe wirkt sich aber durch den fehlenden Augenkontakt noch stärker aus. Müller-Scholl beschreibt den Versuch eines virtuellen Colleges Berlin-Brandenburg. Mittels Telekonferenz sollten Vorlesungen an der FU Berlin und der Fachhochschule in Frankfurt an der Oder gleichzeitig gehalten werden. Wegen der hohen Übertragungsrate konnte eine Videoleitung technisch aber nicht realisiert werden. So beschränkte man sich auf eine Audio-Verbindung mit Hilfe der Telefonleitung. Dabei stellte sich als größtes Problem die Gruppenbildung dar. Der Zusammenhalt der Gruppe am jeweiligen Lernort wurde verstärkt, zwischen den beiden Gruppen entstanden aber Spannungen. Erst durch ein Treffen wurde dieses Problem gebessert.28

Durch die inzwischen möglichen höheren Übertragungsraten werden Videokonferenzen heutzutage Audiokonferenzen meist vorgezogen. Man muss sich aber bewusst sein, dass auch bei Vorlesungen mittels Videokonferenz das gesprochene Wort meist das bestimmende Element ist.

8.4.3.3 Vorlesungen mittels Videokonferenz

Videokonferenzen brauchen eine hohe Übertragungskapazität und sind noch oft mit technischen Schwierigkeiten behaftet. Für die technische Verwirklichung betrachten Collis und [Seite 88↓]Smith zwei Systeme als am besten geeignet: Desktop-Multimediakonferenzen und Multimedia-WWW. Desktop-Multimediakonferenzen bieten die bessere Ton- und Bildqualität, der Zugang ist aber nur für wenige Nutzer möglich. Für Multimedia-WWW ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Werkzeuge steigend. Unter Umständen bietet aber ein „Patchwork“ aus verschiedenen Systemen sowohl technische als auch psychologische Probleme.29

Eine gute Planung von mit Videokonferenz übertragenen Vorlesungen ist besonders wichtig.

Im Bereich des Fernunterrichts wird Unterricht mittels Videokonferenz schon häufig eingesetzt. Danielsen schildert ein Projekt zur Schulung von Krankenschwestern in Norwegen. Es zeigte sich, dass bessere Lerneffizienz erzielt wurde, wenn der Lehrarzt nicht am selben Ort war.30 Pereira u.a. schildern ein ISDN-basiertes Medizinprogramm in Portugal mit grafischer Benutzeroberfläche.31 Cutler, Blanton-Kent und Jordan beschreiben ein kombiniertes Lern- und Bibliotheksangebot, das an der UVA School of Education in Virginia durchgeführt wird. Die Teilnehmer werden an verschiedenen Standorten – bei einigen Kursen nur in Virginia, bei anderen auch an anderen Standorten in den USA und in Europa – mit Videokonferenz unterrichtet. Das notwendige Kursmaterial wird von der Bibliothek zur Verfügung gestellt. Bücher werden auch direkt an die Lerner versandt, daneben gibt es Fax- und Postversand von Fotokopien und im Volltext über WWW zugängliches Material. Eine Internetseite dient als Führer. Dabei ist die Bibliotheksleiterin aktiv in die Planung der Lehrangebote eingebunden.32

Auch Podiumsdiskussionen und Interviews können mittels Videokonferenz durchgeführt werden. Die Teilnehmer beobachten die Interaktion der handelnden Personen.

8.4.3.4 Anwendung auf das Thema

In außereuropäischen Ländern wird über Lehrsendungen auch Formalerschließung gelehrt. In Europa, vor allem im deutschsprachigem Raum besteht zu wenig Interesse an diesem Thema um dafür eigene Lehrsendungen zu entwickeln. Videokonferenzen werden vor allem dann beim Fernlernen eingesetzt, wenn ein Austausch zwischen Dozent und Studenten gewünscht wird. Dabei ist es gerade im Bereich der Formalerschließung sinnvoll, alle aktivierenden Techniken einzusetzen.


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8.4.4  Many to Many

Das Lernen in Lerngruppen kommt vor allem denen zugute, die am liebsten in Gemeinschaft lernen. Es kann im Rahmen von Kursen stattfinden, in denen den Teilnehmern Aufgaben gestellt werden, die sie an einem Computer gemeinsam lösen sollen. Mit Hilfe von vernetzen Computern können auch Kooperations-, Rollen- oder Wettspiele abgehalten werden. Ferner gibt es die Möglichkeit, mit Computer- oder Videokonferenz „live“ zu diskutieren oder auch an einem Projekt zu arbeiten, das für alle zugänglich ist.

Im Bereich des Fernlernens sind beim Einsatz von Telekommunikation die Entfernungen zwischen den Lernern bedeutungslos geworden. Alle Formen des Lernens und Lehrens in Gruppen können eingesetzt werden.

8.4.4.1 Diskussionsforen

Geschlossene oder offene Foren bieten die Möglichkeit zu Diskussion und zum Erfahrungsaustausch. Um sie fruchtbar werden zu lassen, bedarf es aber gewisser Abmachungen. So sollten private Mitteilungen besser direkt geschickt werden. Auch ist es oft nicht sinnvoll, mit ersten Gemütsaufwallungen auf Beiträge zu antworten. Manchmal geht aufgrund der zeitlichen Versetzung der Zusammenhang verloren.

Möglichkeiten Foren zu installieren sind Bulletin Boards, Newsgroups, Listserv oder private eMaillisten.

In jedem Fernlernangebot sollte ein Chatroom vorgesehen sein. In diesem ist es möglich, mit den anderen Teilnehmern private Meldungen auszutauschen. Das befriedigt einerseits den Wunsch nach sozialem Kontakt und hilft andererseits, die anderen Diskussionsangebote für den fachlichen Austausch freizuhalten.

8.4.4.2 Lehrspiele

Besonders im wirtschaftlichen Bereich gibt es eine Fülle von Planspielen, an denen einzelne Spieler oder Gruppen von Spielern über das Internet teilnehmen können. Die Teilnehmer haben Rollen, die sie später auch im wirklichen Leben einnehmen und können die Folgen ihrer Aktionen im Zusammenhang mit Aktionen anderer ausprobieren. Die Wettkampfsituation gibt einen zusätzlichen Anreiz. Bock beschreibt das Unternehmensplanspiel „Manage“, einen Modellversuch von DeTe Berkom und des Zentrums für Unternehmensführung. In einer Mikrowelt sind die Spieler virtuelle Unternehmer. Phasen des Selbstlernens und gemeinsame Interpretation der Lernergebnisse wechseln einander ab, ein Trainer unterstützt die Teilnehmer. Zum Beginn und zum Abschluss wird ein Workshop abgehalten.33

Inzwischen gibt es Planspiele zu den verschiedensten Themen. Neben der Einübung in das Berufsverhalten bieten sie den Vorteil, mit Kollegen aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Dabei werden Kontakte geknüpft und die jeweilige Fachsprache, meist Englisch, wird geübt.

8.4.4.3 Computerkonferenz, Videokonferenz

Computerkonferenzen und Videokonferenzen können ebenfalls zur Gruppenarbeit verwendet werden. In Computerkonferenzen schreiben die Teilnehmer synchron Beiträge zu einem bestimmten Thema auf den Bildschirm. Das Geschriebene wird auf den Bildschirmen der anderen Teilnehmer sichtbar und kann von diesen kommentiert werden. Pritchard beschreibt einige wichtige Verhaltensweisen für den Lehrer. Er muss fähig sein, im Medium Computer gut, richtig und klar zu schreiben. Eine persönliche Note ist wichtig um die Distanz zu überbrücken. Der Ton muss vorsichtiger gewählt werden als beim direkten Gespräch, weil Geschriebenes oft härter klingt als Gesprochenes. Der Lehrer muss besonders auf die Verwendung der Hilfsmittel [Seite 90↓]durch die Studenten achten. Er sollte sich besser mit Hard- und Software auskennen als die Lernenden um ihnen gegebenenfalls helfen zu können.34

In Videokonferenzen sitzen sich die Teilnehmer „live“ gegenüber. Im College of Social Work an der University of South Carolina wird die Ausbildung zum Sozialarbeiter mit Hilfe von Videokonferenzen, eMail und Listserv durchgeführt. Das Ausbildungsprogramm war das erste Fernlehrprogramm für dieses Thema in den USA.35

Karash beschäftigt sich mit dem Einsatz von Telekonferenzen in einem Betrieb. In seiner eigenen Organisation, den Innovation Associates schlug ein Versuch, mittels eMail eine Diskussionsplattform zu machen, fehl. Daraus stellte er Forderungen auf, die ein solches Projekt erfolgreich machen:

Technische Unterstützung ist notwendig um gezielt das suchen zu können, was man braucht, und um den Verlauf einer Diskussion verfolgen zu können. Sowohl die Diskussion als auch Daten, Fakten und Methoden müssen dokumentiert werden.36

Computer- und Videokonferenzen sollten vor allem zu didaktischen Methoden genützt werden, bei denen die Teilnehmer selbst aktiv werden. So können „live“ Fragen an den Dozenten gestellt, über Themen diskutiert oder gemeinsam Aufgaben gelöst werden. Bei Computerkonferenzen ist dabei auf den längeren Zeitaufwand zu achten, der dadurch entsteht, dass die Diskussionsbeiträge erst geschrieben werden müssen. Der Moderator muss auf die Einhaltung von Disziplin achten, einerseits, dass die Lernenden den anderen Teilnehmern „zuhören“, andererseits, dass alle beim Thema bleiben und privaten Kontakt in den Chatroom verlegen. Er muss dabei nicht nur Gruppenprozesse steuern können, sondern auch helfen, die Distanz zu überwinden.

Bei Videokonferenzen kann durch die Art des Mediums „Sprachlosigkeit“ entstehen. Das Hineinsprechen in eine Kamera und der visuelle Kontakt über den Fernsehschirm müssen erst geübt werden. Auch hier spielt der Moderator eine wichtige Rolle.

8.4.4.4 Gemeinsame Projekte

Gruppen von Lernern können gemeinsam Projekte erarbeiten und diese z.B. im Internet zugänglich machen. Lerner und Lehrer arbeiten zusammen am gemeinsamen Ziel, etwas Neues zu gestalten, neue Projekte zu verwirklichen und eine Aufgabe zu erfüllen.

Grau und Bartasis beschreiben ein Projekt mit neun Studenten eines Kurses für Lerntechnologien. Die einzelnen Lerntheorien wurden an die Studenten verteilt. Sie sollten darüber Informationen sammeln und ihre eigenen Ergebnisse und relevante Literatur vernetzt im Internet präsentieren. Die Arbeitsweise der Studenten war sehr verschieden. Einige bearbeiteten ein Thema bis in die Tiefe, andere verschafften sich zunächst einen Überblick und suchten dann weiter. Bei der Verlinkung ihrer Dokumente arbeiteten die Studenten zusammen. [Seite 91↓]Die Aussicht, dass das Ergebnis der ganzen Welt präsentiert wird, erhöhte die Qualität.37 „mechANIma“ ist eine Hypermediaumgebung zum Lehren und Lernen der Mechanik. Die Dokumente entstehen durch Austausch von Übungen, Tutorien und Diplomarbeiten der Teilnehmer in Zusammenarbeit mit ihren Betreuern und Dozenten. Die verschiedensten Objekte sind in der Wissensbasis „Hyperwave“ enthalten.38 Im Projekt OSCAR arbeiten verschiedene Autoren an der Entwicklung von Courseware. Die Arbeitsplätze sind in einem LAN mittels ISDN verbunden. Im LAN stehen auch verschiedene Werkzeuge bereit (Ulloa, Girolamo und Delaney in39).

Bei der Planung von Gemeinschaftsprojekten müssen drei Punkte besonders beachtet werden: die Kommunikation, die Informationshandhabung und die Koordination. Kommunikation muss auf vielfältige Weise ermöglicht werden, sprechend, schriftlich und nonverbal. Am besten ist eine Kombination von synchronen (Telekonferenz, Computerkonferenz) und asynchronen (eMail, Bearbeiten von gemeinsamen Dokumenten) Möglichkeiten. Raum für private Kommunikation sollte vorhanden sein. Wenn keine persönlichen Treffen der Teilnehmer geplant sind, muss besonderen Wert auf die Realitätsnähe der Kommunikation gelegt werden. Externe und interne Informationen müssen für alle Teilnehmer leicht und in klarer Gliederung zugänglich sein, auch wenn sie nicht in geschriebener Form vorliegen. Es ist wichtig, dass alle Teilnehmer wissen, wer welche Information hat. Dabei darf es nicht zu einer Informationsüberflutung kommen. Jeder Teilnehmer sollte auch Platz für seine privaten Notizen bekommen. Um neue Ideen zu entwickeln, brauchen die Teilnehmer einen gemeinsamen „Arbeitsplatz“. Damit sowohl Instruktoren als auch Lerner alles verwirklichen und koordinieren können, braucht man Werkzeuge, die die Abstimmung erleichtern, die helfen, die Ressourcen zu ordnen und den Kommunikationsfluss zu steuern, Werkzeuge zur Interaktion, zur Informationshandhabung, für die Zeitverwaltung, die Entscheidungsfindung und für das Ablaufmanagement.

8.4.4.5 Anwendung auf das Thema

Für den Formalerschließungsunterricht empfehlen sich vor allem Diskussionsgruppen, Video- und Computerkonferenzen und gemeinsame Projekte. Gerade im Bereich dieser Ausbildung ist auf den gegenseitigen Kontakt und die Zusammenarbeit zu achten. So können z.B. einzelne Aufgaben gemeinsam gelöst und die Ergebnisse diskutiert werden. Gruppen von Regeln können in Kleingruppen erarbeitet und für die anderen aufbereitet werden. Die Initiierung von Gruppenaktivitäten im Bereich des Fernlernens verlangt vom Dozenten intensivere Vorbereitung als im Direktunterricht, weil er mit größerer Passivität der Teilnehmer rechnen muss.

8.4.5 Gesamtkonzepte

In virtuellen Studiengängen und virtuellen Universitäten werden die verschiedenen Möglichkeiten zu einem Konzept zusammengefügt. Meist werden virtuelle Vorlesungen angeboten, manchmal wechseln Präsenzveranstaltungen und virtueller Unterricht ab. In virtuellen Gruppengesprächen und „Tratschecken“ (Chatrooms) pflegen die Studenten Kontakt untereinander und arbeiten an gemeinsamen Projekten. Zum Selbststudium werden Wissensbanken, Datenbanken, Lernprogramme, Studienführer und auch Printmaterial geboten. Tutoren geben Hilfe über eMail.

Kerres kritisiert den Ausdruck „virtuelle Universität“, weil das Lernen real ist oder zumindest sein sollte.40 Für Studenten, die sich nicht körperlich in der Universität befinden, wird diese aber zwangsläufig „virtuell“. Um die Universität für die Studenten „realer“ zu machen, wird meist mit [Seite 92↓]Metaphern (vor allem Raummetaphern) gearbeitet. Über eine „Eingangshalle“ haben sie Zugang zu verschiedenen „Türen“, hinter denen sich die verschiedenen Angebote verbergen.

Pastor, Sanchez und Alvarez stellen das EDUBA-Projekt vor, eine Multimediaumgebung für Fernlernen. Mittels einer Raummetapher haben die Lerner Zugang zu den einzelnen Bereichen. In der Eingangshalle befinden sich Türen zum virtuellen Klassenzimmer, zum Tutor, zum Gruppenarbeitsraum, zur Bibliothek und zum Studierzimmer.41 Collis und Smith beschreiben ein von der EU-Kommission gefördertes Projekt zur Entwicklung eines Prototyps eines Multimedia-Desktopsystems mit ISDN-Verbindung „Co-Learn“. Verwirklicht werden sollte die Möglichkeit des Realzeit-Telelehrens mit vorher heruntergeladenem Kursmaterial, das Zusammenarbeiten von einem Tutor mit bis zu vier Lernern, Realzeit-Multimediakonferenzen mit bis zu fünf Teilnehmern, asynchrone Computerkonferenzen mit der Möglichkeit zur freien Diskussion und eine Datenbank, in der sowohl fertige als auch von den Lernern entwickelte Kursmaterialien und Lernprogramme zu finden sind. Hierzu wurde die Oberfläche mit einer Metapher der verschiedenen Räumen versehen, die die Teilnehmer „betreten“ konnten: Eingangshalle, Hörsaal, Studierzimmer, Konferenzraum, Forum und Bibliothek. Schwierigkeiten wurden einerseits im Bereich der Technik (Handhabung und Verwirklichung) als auch im Bereich der unklaren und inkonsistenten Metapher geortet.42 An der Virginia Commonwealth University wird beim Psychologiestudium ein computerunterstütztes Gesamtkonzept „TEC“ (technologically enhanced classroom) eingesetzt. Im Campusnetz finden die Studenten Texte, Stundenbilder und Bemerkungen der Unterrichtenden. Online stehen ihnen mehrere psychologische Datenbanken, z.B. Psych-lit zur Verfügung. Durch das Internet haben sie die Möglichkeit, sowohl Quellen aus der ganzen Welt und computerunterstützte Lernprogramme zu benützen als auch an Diskussionforen, Newsgroups etc. teilzunehmen. Mit Hilfe von eMail, Disskussionforen und einem „Schwarzen Brett“ stehen sie mit ihren Studienkollegen und dem Lehrer in Verbindung. Auch im Campusnetz finden sie Simulationen und computerunterstützte Nachbildungen von empirischen Studien. So können sie mit Hilfe einer Simulation in die Rolle eines Psychiaters schlüpfen, der Diagnosen zu stellen hat. Das Programm Eliza simuliert mit künstlicher Intelligenz einen Therapeuten, die Studenten können sich als Patienten versuchen. Auf diese Weise sollen den Studenten akademische Schlüsselqualifikationen wie das wissenschaftliche Entdecken, das Bilden von Theorien und auch verschiedene Methoden des Forschens nahegebracht werden.43 Im Projektverbund "Virtueller Campus Hannover-Hildesheim-Osnabrück" werden verschiedene Vorlesungen und Übungen über das Internet angeboten. Teilnehmende Universitäten sind die Universität Hannover, die Universität Hildesheim und die Universität Osnabrück. Die Studenten können wählen, ob sie lieber von zu Hause aus oder im Computerpool der Universität arbeiten wollen. Die Vorlesungen finden noch am Campus statt, die Materialien und Audio-Aufnahmen der Vorlesung sind online verfügbar. In Kleingruppen zu maximal 4 Personen mit Unterstützung eines Mentors werden danach Projekte erarbeitet. Mit Mailing-Listen besteht der Kontakt zu Kommilitonen, Mentoren und Experten, daneben gibt es noch Newsgroups und die Möglichkeit zum simultanen Chatten. Fertiggestellte Projekte werden in Präsentationsräumen gezeigt. Alte Klausuren und Probeklausuren stehen zum Lernen zur Verfügung. Die Studenten haben auch Zugriff auf Wissensbanken, die laufend erweitert werden.44

An der Universität Erlangen-Nürnberg wurden die Studenten mit Laptops und der zugehörigen Software ausgestattet. Damit konnten sie sich mit dem Intranet der Universität verbinden. So war es den Studenten möglich, Kurse von zu Hause aus zu absolvieren, flexibel Informationen zu bekommen, mit Lehrern und Studienkollegen Kontakt zu halten und zusammenzuarbeiten, im Team zu lernen und gleichzeitig die neuen Informationstechnologien zu erlernen. Lernprogramme konnten absolviert werden, die Ergebnisse wurden von der Software automatisch dem Lehrer geschickt. Neben der Verbindung mit eMail gab es auch Bulletin [Seite 93↓]Boards, sowie synchrone und asynchrone Konferenzen (Seitz und Bodendorf in45). Die „Virtuelle Hochschule Bayern“ soll eine Ergänzung zu den traditionellen Lehrangeboten sein, nicht nur für die Ausbildung, sondern auch zum lebenslangen Lernen. Sie besteht aus einem Verbund aller bayerischen Hochschulen, wobei jede Hochschule ihre Selbstständigkeit behält. Ein wissenschaftlicher Rat übernimmt die Koordination und strebt eine Zusammenarbeit mit Hochschulen in den anderen deutschen Ländern an. Internationale Lehrgänge werden über das Netz zugänglich gemacht. Multimediales Lehrmaterial soll mit individueller Betreuung verbunden werden. Die Bereiche sind in „Schools“ eingeteilt, die von Fachräten betreut werden. Derzeit gibt es die Bereiche Ingenieurwissenschaften, Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Medizin und „Schlüsselqualifikationen“.46

Das sind nur einige Beispiele von virtuellen Gesamtkonzepten. Im Moment findet in der europäischen Universitätslandschaft ein Paradigmenwechsel statt. Durch eine vom Staat unabhängige Budgetierung sind auch die Universitäten in deutschsprachigen Ländern gezwungen, wirtschaftlich zu arbeiten und sich auf die Bedürfnisse des Markts einzustellen. Der Markt verlangt durch die wachsende Technisierung einerseits und durch das ständig steigende Bedürfnis nach Fortbildung ohne großen Aufwand andererseits ein immer größer werdendes Angebot an virtuellen Lehrangeboten. Ältere Lehrende haben Schwierigkeiten, sich auf die neuen Entwicklungen umzustellen. Darauf muss bei der Einführung neuer Lehrangebote Rücksicht genommen werden, es darf die Entwicklung aber nicht hindern.

8.4.5.1 Anwendung auf das Thema

Im Gegensatz zum englischsprachigen Raum wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz der bibliothekarischen Ausbildung verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit gegeben. Deshalb stehen eher technische, vor allem computertechnische Angebote, im Vordergrund. Dabei spielt allerdings die Verwaltung von Information – in informationswissenschaftlichen Studien angeblich losgelöst von bibliothekarischem Basiswissen - eine immer größere Rolle. Durch das Überdenken der althergebrachten Themen der bibliothekarischen Ausbildung und der Anpassung an die neuen Gegebenheiten könnte da eine bessere Übereinstimmung erzielt werden. Dabei ist ein wichtiger Schritt, gerade bibliothekarische Ausbildung in virtueller Form anzubieten.

8.5 Beurteilung

Mit der fortschreitenden Verbreitung von Personalcomputern und dem Internet wird es für den Einzelnen immer leichter, an über das Netz verbreiteten Kursen teilzunehmen. Molenda untersuchte 1998 die Trends zum Einsatz von Neuen Medien in verschiedenen Arten der Ausbildung in den USA. In den kommerziellen Institutionen wurden zur Schulung der Mitarbeiter hauptsächlich Kombinationen von Videobändern und Lehrbüchern (80%) verwendet, daneben Kombinationen von Audiobändern und Overhead-Folien (50%) sowie Dia-Shows (30%). Computerunterstützte Lernprogramme verwendeten nur 35%. Mit der zunehmenden Qualität von Multimedia-Lernprogrammen nimmt aber die Häufigkeit der Verwendung zu. Die Hälfte der Unternehmen hatten einen Zugang zum Internet. Der Einsatz von Lernprogrammen im normalen Schulunterricht war begrenzt. CD-ROMs wurden in Schulbibliotheken angeboten, im Unterricht jedoch kaum genützt. 10% der Lehrer verwendeten Computer im Unterricht, hauptsächlich aber um deren Funktionsweise zu erklären. 50% der Haushalte hatten Zugang zum Internet, in 5% wurde eine Art von Telearbeit verrichtet. Die Schüler nutzten Computer für die Hausübungen und auch zum Edutainment. Die Universitäten hatten alle eine Anbindung ans Internet und boten auch (meist asynchrone) Kurse für Fernstudenten.47


[Seite 94↓]

Im Bereich der formalen Ausbildung gibt es Institutionen, die sich nur auf Fernlernen spezialisiert haben, z.B. die „British Open University“ oder auch die Fernuniversität Hagen. Die meisten Institutionen, die Distance Learning anbieten, haben auch konventionellen Unterricht. In einigen Fällen arbeiten mehrere Institutionen an einem Projekt zusammen.NDIT/FPIT ist eine „Virtuelle Hochschule für Informationstechnologien“ in der Schweiz. Im Baukastensystem bietet sie ein Kursprogramm aus einzelnen Modulen für die postgraduale Ausbildung. An dem Projekt sind 40 Institutionen, vor allem Universitäten und Hochschulen, aus der Westschweiz beteiligt. Im Unterprojekt CYBERTEACH werden neue Werkzeuge für computerunterstütztes Lernen entwickelt, im Unterprojekt VIRTUAL CLASS der Einsatz im Unterricht getestet. Zum Einsatz kommen Videokonferenzen, gemeinsame Ressourcen und Anwendungen, Kommunikation über das Internet, eMail-Foren etc. Im Unterprojekt DEVI MODE werden die beiden anderen Projekte evaluiert.48

Die Unabhängigkeit des Lernens von Zeit und Raum ermöglicht Gruppen von Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, an konventionellen Lehrveranstaltungen teilzunehmen, wie Berufstätigen, Eltern mit kleinen Kindern, Alten oder Behinderten, aber auch Randgruppen, ihre Lernbedürfnisse zu befriedigen. Ein weiterer Vorteil für den Lerner ist die Möglichkeit, selbstständig das zu lernen, was ihn interessiert oder gezielt zu lernen, was er braucht. Stone spricht von „Education-on-demand“. Durch die neuen Technologien wird den Lernern das „Tor zur Welt“ eröffnet. In Zukunft geht nicht mehr der Student zur Universität, sondern diese kommt zu ihm.49 Steinberg erläutert anhand einiger Beispiele die Vorteile, die Lernen mittels Telekommunikation und Netzwerken bietet. Sprachstudenten profitierten durch den Austausch mit Kollegen in anderen Ländern, Naturwissenschaftsklassen nahmen an internationalen Aktivitäten teil, tauschten Daten aus und absolvierten kooperative Experimente. Durch direkte Instruktion konnten Teilnehmer erreicht werden, die sonst nur schwer erreichbar gewesen wären. Ein blinder Professor unterrichtete mittels eines Sprachsynthesizers durch Computerkonferenz.50

Umstritten ist die Rolle der Kommunikation. Die einen beschwören das Schreckgespenst der Vereinsamung und Beziehungslosigkeit herauf: Es gibt nur noch virtuelle Gemeinschaften, für reale Beziehungen bleibt keine Zeit. Die anderen sehen in der Verbindung mit Hilfe der Telekommunikation eine Möglichkeit, mit Leuten in Kontakt zu kommen und zusammenzuarbeiten, die sie sonst vielleicht nie kennengelernt hätten. Diese Art von Kontakt wird immer mehr zu unserem ganz normalen Alltag gehören, so wie jetzt schon das Telefon. Einzelne Lerner schließen sich zu Lerngruppen zusammen, durch die Möglichkeit der Bildkontakte wird diese Begegnung subjektiv als real empfunden werden. Dabei darf man aber die kulturellen Aspekte nicht außer acht lassen. Wenn sich Studenten aus der ganzen Welt zu interkulturellen Lerngruppen zusammenfinden, braucht man ein ganz neues gegenseitiges Verständnis.

Für das Lernen mittels Computertechnik ist nicht jedes Thema geeignet. Dort, wo der persönliche Kontakt der Teilnehmer erforderlich ist, wo Exkursionen abgehalten werden oder Anschauungsmaterial nötig ist, das sich nicht versenden lässt oder durch Simulationen ersetzt werden kann, bleiben konventionelle Lehrveranstaltungen als einzige Möglichkeit.

Auch nicht jeder Lerner kann mit den neuen Medien das finden, was er braucht. Zum selbstständigen Lernen braucht man ein hohes Maß an Disziplin, Zielgerichtetheit, Selbstorganisationsfähigkeit, Fähigkeit zur Kommunikation und Zusammenarbeit sowie Selbstständigkeit. Oft reicht die Motivation nicht aus. Viele haben Schwierigkeiten mit dem Umgang mit der Technik, andere haben Probleme, das, was sie am Computer sehen, in die Wirklichkeit zu übertragen. Manche brauchen den persönlichen Kontakt.

Die Verstärkung des durch den Lerner gelenkten Lernens führt zwangsläufig zu einer „Entmachtung“ und damit zu einer Verunsicherung der Lehrer. Der Lehrer wird zum Moderator, [Seite 95↓]seine Aufgaben bleiben aber, entgegen oft polemisch geführten Diskussionsbeiträgen, in vielen Fällen die gleichen. So beschreiben Paulsen u.a. den Moderator als Zielsetzer, Gastgeber, Schrittmacher, Erklärer, Unterhalter und Unterscheider von sinnvollen und sinnlosen Ideen.51

Um mit den technischen Möglichkeiten neue Wege zu gehen, müssen zusätzliche Verhaltensweisen gelernt werden. Viele ältere Lehrer haben Probleme mit der neuen Technik, vor allem mit Audio- und Videokonferenzen. Auch da wird es einer völlig neuen Qualifikation bedürfen.

Berechtigt sind die Bedenken, dass die Qualität der Lehre nachlassen kann. Bis jetzt war es Aufgabe der Verlage, über die Qualität der Publikationen zu achten. Im Internet ist es für jeden möglich, alles zu publizieren. Die Aufgabe der Selektion wird in Zukunft verstärkt den Bibliotheken zukommen. Bei einer Fülle von Lehrangeboten, die nicht mehr durch regionale Gebundenheit begrenzt sind, wird der gute Ruf einer Institution sowohl für den Entschluss entscheidend sein, dieses Lehrangebot anzunehmen als auch für den Wert des Abschlusses am Berufsmarkt. Die Universitäten müssen daher in Zukunft verstärkt ihre Lehrangebote evaluieren.

Einige der Schwierigkeiten liegen auch in den Systemen selbst. Unpassende oder schlecht funktionierende Technologien, fehlende Infrastruktur, Planungs- und Programmmängel, das Fehlen von Fachleuten bei der Entwicklung und Betreibung, das Nichtbeachten didaktischer Grundsätze und das Ignorieren von menschlichen und kulturellen Aspekten können leicht zum Scheitern beitragen.


Fußnoten und Endnoten

1  Ecker, Andrea ; Pflichter, Felicitas ; Weilguny, Angela: Neue Medien in der Lehre an Universitäten und Fachhochschulen in Österreich. Wien: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, 2000 (Handbuch / Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur)

2  Levrat, Bernard: The Swiss Virtual Campus : present situation and challenges. In: Franklin, Stephen D. (Hrsg.) ; Ellen Strenski (Hrsg.): Building university electronic educational environments (International Working Conference on Building University Electronic Educational Environments Irvine, Calif. 1999). Boston: Kluwer, 2000 (The International Federation for Information Processing 38). – ISBN 0‑7923‑7831‑8, S. 1‑15

3  Monnard, Jacques ; Edutech (Hrsg.): Hochschulausbildung und neue Technologien (Schweiz). 2000. – URL: http://www.edutech.ch/edutech/index_d.asp (23.11.2000)

4  Deutschland / Bundesministerium für Wirtschaft (Hrsg.): Info 2000 : Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft ; Bericht der Bundesregierung. Bonn: Bundesministerium für Wirtschaft, 1996

5  Race, Phil: An education and training toolkit for the new millenium? In: Innovations in Education and Training International 35 (1998) Nr. 3, S. 262‑271

6 Distance Education Clearinghouse : Some definitions of distance education. 1999. – URL: http://www.uwex.edu/disted/definition.html (2.11.2000)

7  Apel, Heino: Teleteaching / virtuelle Kommunikation. 1998. – URL: http://staff‑www.uni‑marburg.de/~apel/Lehren/index.htm (3.9.1999)

8  Hofmann 1999, siehe Fußnote 72

9  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

10  Stone 1999, siehe Fußnote 132

11  Grau 1995, siehe Fußnote 142

12  Eibl 1999, siehe Fußnote 22

13  Beste 1996, siehe Fußnote 65

14  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

15  Ruksasuk 1999, siehe Fußnote 153

16  Butler, John C.: Is the Internet helping to create learning environments? In: Campus‑Wide Information Systems 17 (2000) Nr. 2, S. 44‑49

17 Learning on the web. 2000. – URL: http://teleeducation.nb.ca/lotw/ (22.11.2000)

18  Lower, Stephen K.: How to make computer‑assisted instruction fail. 1993. – URL: http://www.sfu.ca/chemcai/MakeFail.html (22.12.2000)

19  Koch, Hartmut: Schultauglich? In: L.A.Multimedia (1999) Nr. 4, S. 18‑19

20  Bull 1994, siehe Fußnote 163

21  Worthington, Everett L. ; Welsh, Josephine A. ; Archer C. Ray ; Mindes, Erica J. ; Donelson, R. Forsyth: Computer‑assisted instruction as a supplement to lectures in an introductory psychology class. In: Teaching of Psychology 23 (1996) Nr. 3, S. 175‑181

22  Cann, Alan J.: Approaches to the evaluation of online learning materials. In: Innovations in Education and Training International 36 (1999) Nr. 1, S. 44‑52

23  Claus, Volker (Hrsg.) ; Gesellschaft für Informatik (Veranst.): Informatik und Ausbildung (GI‑Fachtagung 98 Informatik und Ausbildung, Stuttgart 1998). Berlin: Springer, 1998 (Informatik aktuell). – ISBN 3‑540‑64178‑5

24  Stephenson, Stanley D.: The effects of student‑instructor interaction and paired/individual study on achievment in computer based training (CBT). In: Journal of Computer Based Instruction 19 (1992) Nr. 1, S. 22‑26

25  ECE Task Force: A focused research program proposal for a computer‑enhanced classroom : a proposal from The ECE Task Force on remote Computer‑enhanced education. 1996. – URL: http://www.ece.gatech.edu/academic/computer_education/gtf.htm (9.11.2000)

26  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

27  Williams 1999, siehe Fußnote 130

28  Beste 1996, siehe Fußnote 65

29  Collis, Betty ; Smith, Carmel: Desktop mulitmedia environments to support collaborative distance learning. In: Instructional Science 25 (1997) Nr. 6, S. 433‑462

30  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

31  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

32  Cutler; Kay A. ; Blanton‑Kent, Beth ; Jordan, Judy: Going the distance : instructional and reference services in distance learning. In: Virginia Libraries 45 (1999) Nr. 1. – URL: http://scholar.lib.vt.edu/ejournals/VALib/v45_n1/cutler.html (2.11.2000)

33  Beste 1996, siehe Fußnote 65

34  Pritchard, Carl L.: From classroom to chat room. In: Training & Development 52 (1998) Nr. 6, S. 76‑77

35  Raymond, Frank B.: Delivering distance education through technology : a pioneer´s experience. In: Campus‑Wide Information Systems 17 (2000) Nr. 2, S. 49‑55

36  Karash, Richard: Groupware and organizational learning. 1995. ‑ URL: http://world.std.com/~rkarash/GW‑OL/ (10.7.2001)

37  Grau 1995, siehe Fußnote 142

38  Claus 1998, siehe Fußnote 190

39  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

40  Kerres 1998, siehe Fußnote 43

41  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

42  Collis 1997, siehe Fußnote 195

43  Forsythe, Donelson R.: Teaching and technology. In: Forsythe, Donelson R.: Psychology 795, Practicum in the Teaching of Psychology. Richmond, Virginia: Department of Psychology at Virginia Commonwealth University. – URL: http://www.vcu.edu/hasweb/psy/psy795/tec.html (15.11.2000)

44  Claus 1998, siehe Fußnote 189

45  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68

46  VHB: Die 'Virtuelle Hochschule Bayerns' im Überblick : Basis‑Information 'vhb'. 1999. – URL: http://www.vhb.org/ueberblick.htm(17.5.1999)

47  Moldenda, Michael ; Russell, James D. ; Smaldino, Sharon: Trends in media and technology in education and training. In: Educational Media and Technology Yearbook 23 (1998) S. 2‑10

48  NDIT/FPIT: Die virtuelle Hochschule für Informationstechnologien. 1999. – URL: http://www.ndit.ch/1000/1100/d_1100htm (7.12.1999)

49  Stone 1999, siehe Fußnote 132

50  Steinberg, Ester R.: The potential of computer‑based telecommunication for instruction. In: Journal of Computer Based Instruction 19 (1992) Nr. 2, S. 42‑46

51  Verdejo 1994, siehe Fußnote 68



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