Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

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Kapitel 1. Generationen in ihrem historischen Kontext

Fast alle Generationen ändern ihre Einstellungen mehr oder minder im Laufe ihres Lebens. So können die Jüngeren realistischer (in bezug auf Beruf, Familie und Politik), konservativer oder progressiver werden, je nach den Zeitströmungen und Lebenslagen in die sie geraten (Angst um den Arbeitsplatz, Rente, Gesundheit, Umwelt, Frieden usw). Dies hat möglicherweise zur Folge, daß das, was als Wertwandel zwischen den Generationen erscheint, nur eine veränderte Form bzw. Realisierung oder Bezeichnung ist, die durch die konkreten Tagesanforderungen und die gegenwärtig vorherrschenden Strukturen hervorgebracht wird - ohne daß sich dabei im Kern die Werte verändern. Eine Weitergabe von Werten kann nicht ohne Metamorphose gelingen, denn um Werte aufrechtzuerhalten ist es notwendig, daß sie von der jeweils jüngeren Generation ernst genommen werden können. Dies erfordert wiederum eine erneuerte Konkretisierung bzw. glaubwürdige Aktualisierung der Werte je nach den vorherrschenden Strukturen.

"In der konkreten Gesellschaft sind es bestimmte Herrschaftsträger, Institutionen, machtvolle Gruppierungen und die Vielzahl der Positionen und Rollen und die geltende Rechtsordnung, die - initiativ oder reaktiv, prospektiv oder konservativ, sich verändernd oder gleichbleibend - das große Wechselspiel mit den Werten betreiben, sie vermitteln oder von ihnen gestützt oder in Frage gestellt werden. Hierbei entstehen Differenzierungen nach Subsystemen (Arbeit versus Freizeit), sozialstrukturelle Gruppen (Schichten, Geschlecht, Lebensalter, Konfession, Meinungsträger). Damit gehen einher rechtliche, ideologische, ökonomische und soziale Verantwortung und Kontrolle, Erwartungsdruck und Leistungsanspruch. Und auch positive und negative Sanktionen und Wertkonflikte zwischen Bereichen und Gruppen." (Jaide, 1983; S.114)

Setzt man die Werte, Ziele und Normen sowie ihre Interpretationen und Rangordnungen in Beziehung zum jeweiligen politischen und soziokulturellen System, so gewinnen die Werte an historischem Profil und Legitimation.

Jedoch ist Geschichtlichkeit nicht gleichbedeutend mit Relativierung von Werten. Sie haben ihre Geschichte "im Rahmen von Ideen- und Sozialgeschichte, Theologie, Pädagogik, Literatur, Politik, der sozioökonomischen Entwicklung und der fortschreitenden Bildung für alle. Aber der Wandel muß genau definiert und erforscht werden. Dazu sind in erster Linie Veränderungen der Interpretation von Werten, ihre Anwendungen, Kombinationen und Rangplätze zu ermitteln und zu beachten... Die 'totale Relativierung aller Werte' hat einfach nicht stattgefunden." (Jaide, 1983; S.129).

Wollen wir nun herausfinden, wie sich bestimmte sozialstrukturelle Faktoren auf die Einstellungen zur Erziehung und Arbeit in der Vergangenheit ausgewirkt haben bzw. auswirken, müssen wir rekonstruieren, vor welchem Erfahrungshintergrund die Generationen ihre Einstellungen herausgebildet haben und welche Wandlungen bzw. Aktualisierungen sie vorgenommen haben.


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Daher werden die Lebensverhältnisse und ihre Entwicklungen für drei ausgewählte Generationen in knapper Übersicht dargestellt. Die Zeitbeschreibungen sollen uns als Background für einen Vergleich der Generationen dienen, denn die Besonderheit der Generationen wird erst im Vergleich erkennbar.

Durch den Vergleich von Generationen wird es möglich festzustellen, was sich verändert hat und welchen Einfluß diese Veränderungen auf den Wandel von Einstellungen gehabt haben. Welche Werte sind geschwunden oder wieder heraufgekommen? Geht es überhaupt um "andere" Werte oder nur um veränderte Ausmünzungen? Unterschiedliche Generationen leben - wörtlich genommen - nicht in derselben Welt -, wenn zu der Welt auch ihre Geschichte und ihre Möglichkeiten genommen werden. Wichtig bei diesem Vergleich ist, daß die Generationen ein unterschiedliches Bewußtsein menschlicher Möglichkeiten haben. "Was für die Alten an Wunder grenzt, ist für die Jüngeren etwas völlig Normales. Die Wahrnehmung der Menschen ändert sich nicht in dem Maße wie die Realität. Fast immer bleibt sie dem ursprünglichen Objekt gegenüber loyal" (Allerbeck/Hoack, 1985 S.160) . Dies folgt nicht daraus, wie sie erste Eindrücke zu einem natürlichen Weltbild zusammensetzen; es folgt auch aus der Unterscheidung zwischen angeeigneter Erinnerung und individuell selbsterworbener Erfahrung. Die Generationen sind jedoch nicht aus sich allein zu verstehen, sondern sie stehen in ständiger Wechselwirkung. (vgl. Mannheim, 1964).

Für die nachfolgenden Zeitbeschreibungen und die späteren Untersuchungen konzentrieren wir uns auf die aus der Psychologie bekannte Adoleszenzphase. Sie ist insoweit von Bedeutung, als hier die familiale Sozialisation auszulaufen beginnt und zugleich die Beziehungen zu Gleichaltrigen intensiviert werden. Dies überschneidet sich mit der Jugendphase, die in der Soziologie zwischen dem 15. und 24./25. Lebensjahr angenommen wird (vgl. Schelsky, 1963 S.13-16). Sie wird nach unten durch die allgemeine Schulpflicht begrenzt und nach oben durch das Stadium des frühen Erwachsenenalters, für das Familiengründung und erste Kinder, fester Beruf und Wohnsitz kennzeichnend sind. Mit dem Ende der Lehrzeit, dem Abitur, dem Mündigkeits- und Wahlalter um das 18./19. bzw. 21. Lebensjahr herum, erfolgt ein Einschnitt in der Jugendphase. Zwecks einer Vereinfachung des Prägealters für die jeweiligen Geburtsjahrgänge haben ich das 18. Lebensjahr festgelegt, obwohl man die Erwägungen auf die 15- bis 25jährigen beziehen muß.

Die erste Generation , die 1917 -1926 Geborenen, wurden in ihrer Jugendphase duch die NS-Zeit und den zweiten Weltkrieg geprägt. Diese gemeinsame Jugenderfahrung eines einschneidenden und alle Lebensbereiche berührenden Ereignisses grenzt diese Generation von der vorhergehenden Älteren und den nachfolgenden Jüngeren deutlich ab.


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In den darauffolgenden Jahren waren die gesellschaftlichen Veränderungen eher fließend, die Generationen trennenden Einschnitte waren weniger an Einzelereignisse (mit Ausnahme vielleicht des Mauerbaus 1961) gebunden, als vielmehr an bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die zu Umschlagpunkten wurden, an denen sich Entwicklungen beschleunigen und verstärken und deren Auswirkungen sich in mehreren Lebensbereichen kumulieren.

Eine Generation, die dies in vollem Maße betrifft sind die Jugendlichen die im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit geboren und zum Teil sozialisiert wurden, die Nachkriegskinder der Jahrgänge 1937-1946. Ihre Jugendzeit war in Westdeutschland durch die Restauration und das Wirtschaftswunder, durch den Glauben an den Fortschritt und durch wachsenden Konsums geprägt. Sie wurden die Träger kultureller Erneuerungen, wie der Studentenaufstand 1968 zeigte. Diese Generation war von der Teilung Deutschlands in zwei Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen in besonderem Maße betroffen. Vor allem die Jugendlichen in der DDR, die den Mauerbau und die ”Mauer-Zeit“ erlebten, sind von diesem Ereignis nachhaltig geprägt worden, und grenzen sich hier wiederum von der älteren und der nachfolgenden jüngeren Generation ab.

Die eigentliche Generation des Konsums sind jedoch die Geburtsjahrgänge von 1957-1966. Sie erlebten in ihrer Jugendphase die Selbstverständlichkeit des Wohlstandes und sie wurden von den vielfältigen gesellschaftlichen und pädagogischen Erneuerungen bestimmt. Mitte der 70er Jahre erlebten sie in Westdeutschland die Krise des Wachstums. In Ostdeutschland erlebten die Jugendlichen in den 80er Jahren die Stagnation des Systems sowie die Unfähigkeit des Herrschaftsapparates zu Reformen.

Die ausgewählten Generationen enstprechen einer Drei-Generationen-Familie, d.h. Großeltern, Eltern und Kinder. Dieses Modell erscheint sinnvoll, da es Rückschlüsse über den Einfluß der Vergangenheit in der Sozialisation der Großeltern und Eltern und ihre Auswirkungen auf die Kinder ermöglicht.

Von den historischen Daten und Strukturen und der damit verbunden Dynamik ausgehend interessiert die Frage, wie diese auf die Einstellungen zur Erziehung und Arbeit gewirkt haben. Solche Wirkungen müssen allerdings wechselseitig unterstellt werden, denn die jeweilige Generation wählt die Angebote und Herausforderungen, die in den objektiven Verhältnissen liegen, aus und modifiziert sie. Sie befinden sich somit in der Situation, Objekt und gleichzeitig Subjekt in der Geschichte zu sein. Natürlich ist die Analyse der objektiven Verhältnisse nur eine Erkenntnisleistung mit begrenztem Aussagewert, denn sie resultieren aus einem schwer zu überschauenden Wirkungszusammenhang verschiedenster Gegebenheiten. Würde man jedoch darauf verzichten, so könnte man


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sich nicht dem Vorwurf entziehen, den Wandel der Einstellungen zu Erziehung und Beruf gesellschaftsfern oder -fremd und damit ohne Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Strukturen, Funktionsweisen und Entwicklungen zu diskutieren.

Die folgende Darstellung ist gesellschafts-orientiert und dabei nicht theorie-, sondern problem-bezogen. Ausgangspunkt sind die objektiven Verhältnisse in Deutschland, die aus Sekundärmaterialien erschlossen wurden. Es wird also ein deskriptiv-analytischer Zugang zu den Problemen der Plazierung der drei hier zu untersuchenden Altersgruppen in unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte versucht, wobei auf eine umfassende Darstellung verzichtet wird.


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1.1. Die 18jährigen Geburtsjahrgänge 1917-1926

Die Altersgruppe der heutigen Großeltern oder Urgroßeltern<1>

Diese Generation wurde von der NS-Zeit und dem zweiten Weltkrieg geprägt. Die anfänglichen wirtschaftlichen Erfolge sowie ausgefeilte Darstellungen und gelungene Täuschungen durch die Propaganda dienten der Kriegsvorbereitung und führten zu Krieg. Es folgten Grausamkeiten und Vernichtung für Millionen. Sofort nach der Machtergreifung etablierten sich neue Massenorganisationen. Die Bewußtseinsbildung der Bevölkerung vollzog sich ambivalent zwischen “Begeisterung“, Respekt, Konformismus, Skepsis und Widerstand.

Einkommen und Erwerbsmöglichkeiten florierten zunächst in Folge von Wirtschaftswachstum und vielerlei Bauvorhaben, durch Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, um später bzw. im Kriege in eine inflationäre Wirtschaftssituation zu geraten - bei entsprechend gedrosseltem Konsum.

Freizeit war weithin reglementiert und absorbiert durch die Verbände oder in der “Volksgemeinschaft“ organisiert. Das betraf die Jugend wie die Erwachsenen. Nur innerhalb der technisch-naturwissenschaftlichen Intelligenz gab es geringen Spielraum.

Viele Familien waren Schutz, Zuflucht und Notgemeinschaft vor den Repressionen des Systems. In anderen gab es Gleichschaltung oder Divergenz aufgrund der NS-Ideologie bis hin zu Denunziationen.

Im bzw. quer zum Gesellschaftssystem wurden hochquotierte Kader für die Wehrmacht, Polizei (Sondereinheiten), Arbeitsdienst usw. gebildet bzw. ausgeweitet:

Schätzungsweise umfaßten diese Kader ca. 20% der erwerbsfähigen Männer bis zur Mobilmachung - und im Kriege sogar 60%.

Im Laufe des Krieges benötigte das Deutsche Reich die Frauen zunehmend als Ersatzarbeitskraft für die eingezogenen Männer. Gleichzeitig wird die Frau in ihrer Mutterfunktion von den Nationalsozialisten besonders gefördert. Vom Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft an wurden Frauen vor allem in ihrer Mutterrolle zur ”Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse“ gestärkt. Seit 1939 erhielten Frauen mit mehr als vier Kindern das ”Mutterkreuz“. Schon vorher gab es besondere Steuervergünstigungen und Darlehen für kinderreiche Familien, während Ehepaare, die fünf Jahre nach der Hochzeit noch kinderlos waren, höheren Steuersätzen unterlagen.


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Dementsprechend wurde die Berufstätigkeit der Frauen prinzipiell negativ betrachtet. Vor allem aus höheren Positionen wurden Frauen verdrängt.

Die Familie sollte nach dem Willen der Nationalsozialisten nur eine rein biologische Funktion haben, jedoch als Ort der Sozialisation so gut wie gar keine Rolle spielen.

Dem Mann war die politische Tätigkeit vorbehalten und der Frau die Mutterrolle. Die Funktion und das Interesse der Mutter war auf den Haushalt und die Aufzucht der kleinen Kinder reduziert, die sofort bei Eintritt in eine selbständigere Altersstufe in die Erziehungsinstanzen des Staates übernommen wurden.

”Nur den politisch tätigen und arbeitenden Vater als Autorität und die haushaltende und gebärende Mutter sah die gewünschte Rollenverteilung vor. In dieses Schema wurden die Kinder hineingeboren und erzogen und so von vornherein einem Autoritätsbegriff unterstellt, der auf das gesamte politische System übertragbar war“ (Weber-Kellermann 1996, S.185)

Im Bildungssystem gab es keine strukturellen Veränderungen, nur andere Lehrpläne und zusätzliche Schulreformen. Es erfolgte eine allmähliche Gleichschaltung der Lehrer und es breitete sich eine Schulungsmanie für alle Teile der Bevölkerung aus.

Auch die Jugendbevölkerung unterlag vielerlei Einbindungen, Beeinflussungen und Repressionen, so daß nur Minderheiten zur Einsicht und Opposition gelangten.

Helmut Schelsky hat die entsprechenden Geburtsjahrgänge als die deutsche "Staatsjugend" bezeichnet. (Schelsky, 1963) In der nationalsozialistischen Jugenderziehung spielte die Hitlerjugend die beherrschende Rolle, die Mehrzahl der Mitglieder dieser Generation hat diese Institution durchlaufen. Wie ihre Vorläufer-Organisation, der seit 1922 bestehende "Jugendbund der NSDAP", blieb die HJ in den 20er Jahren bedeutungslos. Im Januar 1933 zählte sie gerade 50 000 Mitglieder. Als nach der Machtübernahme die anderen Jugendbünde zwangsvereinigt, gleichgeschaltet oder aufgelöst wurden, erlangte sie jedoch rasch eine absolut dominierende Stellung. 1934 hatte sie bereits ca. 3,6 Millionen Mitglieder, 1936 waren es 6 Millionen. Später wurden die Heranwachsenden jahrgangsweise erfaßt: für die 10-14jährigen gab es das "Jungvolk", dann für die 15-18jährigen die HJ (seit 1930 bestand der "Bund deutscher Mädel"); dem schloß sich die allgemeine Wehrpflicht bzw. Arbeitsdienstpflicht an. (vgl. Fogt, 1982)

Nach dem eigenen Selbstverständnis war die Hitlerjugend eine "Bewegung", keine "Partei". Auf die Art bewahrte sich die NSDAP ein bündisches Element. Das Prinzip von Führer und Gefolgschaft, der völkische und Reichsgedanke, die Werte "Vaterland" und "Volkstum", "Kameradschaft" und "Aktivismus", der Appell an romantische Gefühle und heroische Symbole trugen das ihre dazu bei, auch die Hitlerjugend im NS-Regime


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populär zu machen. Dabei war es durchaus das Ziel der Nationalsozialisten, Generationsgrenzen möglichst zu verwischen, um die Einheitlichkeit der politischen Ausrichtung der "Bewegung" nicht zu gefährden. Die ideologische Beeinflussung, die die Hitlerjugend neben Sport und Lagerfeuerromantik bot, diente als Gegengewicht gegen mögliche andere Einflüsse in Elternhaus und Schule. Die NSDAP sah Erziehung als ein wesentliches Element für die Durchsetzung ihres totalen Anspruchs auf die Menschen, für die Einbindung des einzelnen in die völkische Gemeinschaft, an. Sie verstand ihr Regime als Erziehungsstaat. Im Vordergrund nationalsozialistischer Erziehungsziele standen die Durchsetzung des Führerprinzips und körperliche Ertüchtigung. Intellektuelle Fähigkeiten traten demgegenüber in den Hintergrund. Nach Adolf Hitlers Idealvorstellungen sollten junge deutsche Männer körperlich hart, charakterlich fest und geistig elastisch sein (vgl. Chronik der Deutschen 1996, S.884). Für die Mädchen galt als wichtigstes Erziehungsziel die Vorbereitung auf die Mutterrolle.

In den ”Ordensburgen“ - NS-Schulen die den Führungsnachwuchs ausbildeten - wurden die nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen umfassend verwirklicht. In den höheren Schulen wurde viel Wert gelegt auf die Gesinnungsfächer Deutsch, Geschichte, Biologie und Erkunde. Geschichte wurde als Siegeszug germanischer Völker gedeutet. Der Deutschunterricht konzentrierte sich auf volkshafte und volkstümliche Dichtung sowie auf eine arteigene Sprachlehre und der Biologieunterricht stellte Rassenkunde in den Mittelpunkt.

Die Jugend lebte unter bzw. zwischen Widersprüchen: Hochleistung wurde gefordert, aber Unruhe, Umtriebigkeit und Übermüdung brachten Leistungsminderung. Ein moralischer Neo-Rigorismus der “Erneuerung“ stand der Hinnahme einer Sündenbock-Hysterie und entsetzlichem Unrecht gegenüber. Unter der viel gepriesenen öffentlichen Sauberkeit, Ruhe und Ordnung existierte eine hohe, vielseitige Kriminalität. "Der Herrschaftswahn basierte auf Vorurteilen und Gefühlskitsch" (Jaide, 1988 S. 311).


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1.2. Die 18jährigen der Geburtsjahrgänge 1937-1946.

Die Altersgruppe der heutigen Eltern oder Großeltern

Es ist die Zeit des westdeutschen "Wirtschaftswunders." Ein Anstieg bei den Arbeitsplätzen, Einkommen, Vermögen, Eigenheimen, Schulen, Universitäten, Theater usw. ist zu verzeichnen. Die Baubranche boomt und es gibt erste Exporte. Vollbeschäftigung dominiert und es werden Gastarbeiter ins Land geholt. Die europäische Integration schreitet mit der Bildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1958) voran. Die Bundeswehr wird aufgebaut, es gilt allgemeine Wehrpflicht. Die Bundeswehr wird in die NATO integriert.

Es gibt Krisen um Berlin (Mauerbau 1961) und Kuba, Kriege in Vietnam und Algerien.

Die soziale Marktwirtschaft wird eingeführt. Sie ist verbunden mit einem starken Anstieg der Einkommen, Eigenheimbau, grünen Vorstädten und sozialem Wohnungsbau.

Die Städte gewinnen zunehmend an Attraktivität, auch die Flüchtlinge siedeln sich vorwiegend in den Stadträumen an. Der Anteil der Landbevölkerung, vor allem derjenigen, die im agrarischen Sektor tätig sind, sinkt. Zugleich verstärkten sich die ”neuen Mittelschichten“ durch das Anwachsen der Angestelltentätigkeiten und des Dienstleistungssektors. Deren Orientierung ist auf sozialen Aufstieg, technischen Fortschritt, moralische Flexibilität und Wachstum gerichtet. Die Zeit des Wirtschaftswunders, die Adenauer-Ära des risikolosen Wachstums, führt dazu, daß die Phase der nahezu ausschließlichen Akkumulation der Nachkriegszeit abgelöst wird von einer Phase des extensiven Konsums. Nicht Sparen sondern Verbrauchen ist die Devise.

Die Jugendlichen können über mehr Geld frei verfügen und beanspruchen es auch, im Sinne einer Wohlstandsgesellschaft. Das Angebot und die Einkommen stimulieren den Konsum.

Die Bundesrepublik unternimmt weitere Fortschritte in der Entwicklung zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Damit einher gehen eine fortgesetzte Professionalisierung der Berufswege, ein Bedarf an Höherqualifizierung, Weiterbildung und eine Flexibilität in bezug auf sich rasch wandelnde Technologien und Arbeitsplatzstrukturen. Gebraucht werden Arbeitskräfte, die diesen Wandel selbst mit vorantreiben. “Dem konnte ein Selbstverständnis entsprechen, das den Tüchtigen belohnt, d.h. bei dem nicht die soziale Herkunft, sondern die Leistung zentrales Moment der gesellschaftlichen Ungleichheit darstellt[...]. Mit Begriffen wie ‘Chancengleichheit’ und ‘dynamischer Begabungsbegriff’ waren optimistische Selbstinterpretationen für sozialen Wandel und Wachstum gefunden.“ (Preuß-Lausitz 1995, S.18)

Frauen sind in der Regel schlechter qualifiziert und werden geringer entlohnt. Zum Ende dieser Dekade beginnen Veränderungen in der Produktion (Automatisierung). Damit


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verbunden sind qualitative und quantitative Veränderungen im Arbeitskräftebedarf. Das duale Berufsausbildungssystem wird etabliert und allmählich steigen die Lehrlingsentgelte. Auch nach der Ausbildung gibt es keine Einmündungsschwierigkeiten.

Die Schulpflicht wird verlängert (9. Schuljahr).

An Familie, Schule, Betrieb, Gesellschaft und das politische System wird - mit einigen Unterschieden - weitgehend Anpassung betrieben (vgl. Fogt, 1982 S.133).

Man kann diese Zeit in etwa so charakterisieren : "Tüchtigkeit geht vor Problembewußtsein, Integration vor Kritik, Konsens vor Konflikt " (Jaide, 1988 S. 315).

In der Nachkriegszeit hatten die Kinder relativ große Freiheiten, da die Erwachsenen wenig Zeit hatten. Mit der bürgerlich-konservativen Politik der Adenauer-Ära etabilierte sich jedoch nach wenigen Jahren das sozial-selektive viergliedrige Schulsystem mit weitgehend traditionellem Curriculum und seinem autoritär-patriarchalischem Stil. Auch in den Familien stellte sich rasch das frühere patriarchalische Kleinfamilienmodell wieder her. Die Mütter, die sich und ihre Kinder selbständig im Krieg versorgten, dienten Mann und Kindern wieder als ”ordentliche“ Hausfrau. Es etablierte sich das Modell der ”Versorgerehe“ (Bertram 1997, S.88), das ökonomisch vorrangig durch die Erwerbstätigkeit der aus dem Krieg zurückgekehrten Männer gesichert und getragen wurde. Kinder und Jugendliche in allen sozialen Schichten mußten sich an die Rolle des behüteten, nicht an der Sicherung des Lebensunterhalts beteiligten Kindes anpassen. Tradierte Erziehungsnormen und -stile wurden autoritär durchgesetzt.

Bis Ende der fünfziger Jahre gab es wenige Kinderzimmer, wenig Spielzeug und keine besondere Kinder- und Jugendmode. Für die wenigen berufstätigen Mütter wurden Kindergärten und Horte eingerichtet. Im großen und ganzen spielten Kinder und Jugendliche in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik weder materiell noch pädagogisch eine besondere Rolle (vgl. Preuß-Lausitz, 1994).

Erst Mitte der sechziger Jahre fanden Kinder und Jugendliche in einer Phase des Massenkonsums, der nur noch durch die Erschließung neuer Märkte zu beschleunigen war, eine neue Beachtung. Kinder und Jugendliche wurden mit Spiel- und Sportgeräten überschwemmt, mit einer eigenen Mode, mit besonderen Eßwaren usw. Es entstanden eigene ‘Kulturen’ - Musikstile, Fernsehprogramme und die Comicliteratur.

In der Altersgruppe der 1937-1946 Geborenen wird erstmalig das Bündnis zwischen Jugend und sich explosiv entwickelnder Kultur- und Freizeitindustrie geprobt. Dies betrifft nicht nur die westdeutsche sondern die gesamte westeuropäische Jugend. In den fünfziger Jahren wird das nachgeholt, was sich in den USA bereits in der vierziger Jahren angebahnt hat. So ist diese Zeit durch einen einseitigen Kulturimport aus Nordamerika bestimmt. Das unterscheidet diese Generation einerseits von den vorangegangenen Jugendgenerationen, da für diese ein industriekultureller Bezugsrahmen in solchen


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Ausmaßen fehlte, aber auch von den nachfolgenden Generationen, bei denen sich bereits Traditionen im Umgang mit Kulturkonsum finden lassen. (vgl. Zinnecker, 1987 S.41).

Freizeit wird zur zweiten Lebenswelt mit neuen Möglichkeiten. Dazu gehören gesteigerte Angebote der Institutionen und Organisationen (Sportplätze, Freibäder, Jugendhäuser etc.), der Familie und Medien .

Ein zweites Kennzeichen dieser Generation ist die Rebellion. Erst im historischen Rückblick wird deutlich, daß diese Generation an zwei sehr unterschiedlichen und zeitlich versetzten Aufständen der Jugend beteiligt war. Einmal an den 1956-58 europaweiten ”Halbstarken-Krawallen“, wo die 16-17jährigen Lehrlinge und Jungarbeiter probierten, ”wie sich neue Themen und Formen den Kulturindustrie zu öffentlichkeitswirksamer Randale verarbeiten lassen“ (Zinnecker 1987, S.43) und zum zweitenmal an den Studentenbewegungen der sechziger Jahre.

Beide Aufstände standen im Zusammenhang mit dem Beginn der Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft. Während die jungen Arbeiter den Angeboten der Kulturindustrie offen und zustimmend gegenüberstanden und darin die Chance zu einer hedonistischen Lebensweise entdeckten, verhielten sich die rebellierenden Studenten aus den Kreisen des Bildungsbürgertums entsprechend kulturkritisch. Es entwickelten sich zwei Haltungsrichtungen, die erst in den siebziger und achtziger Jahren ihre volle Entfaltung fanden. Einerseits die ”kritisch-distanzierten (Kultur-)konsumenten“ und der ”ökologisch bewußte Konsum-Verweigerer“ (Zinnecker 1987, S.44).

Durch die ökonomische Entwicklung der sechziger Jahre bedingt erschien qualifiziertere Ausbildung dringend notwendig. ”Der Reformprozeß brachte zum einen eine Expansion der pädagogischen Wissenschaften , die die Vorstellung darüber, wie Kinder zu sein und was sie zu lernen haben, verwissenschaftlichten und in ungeheurem Umfang vermehrten; sowie die breite Popularisierung dieser Vorstellungen (Preuß-Lausitz 1994, S.22).

Dies führte zu einer weiteren Ausdifferenzierung und Professionalisierung von pädagogischen und kindertherapeutischen Berufen. Neue Erziehungskonzepte, die die Entfaltung kindlicher Bedürfnisse, Emanzipation und Kritikfähigkeit berücksichtigten, wurden in radikaler Form in den Kinderläden der Studentenbewegung formuliert. Die Liberalisierung des sozialen Klimas Mitte der sechziger Jahre, die einherging mit dem Abbau konventioneller Verhaltensstile, offener Verweigerung autoritärer Unterwerfung und Lockerung der Sexualmoral, betraf zunächst vor allem die Jugendlichen dieser Generation.

Diese Generation hatte wie keine andere die Widersprüche des Umbruchs im gesellschaftlichen und familialen Alltagsleben zu ertragen (Vgl. Fünfter Familienbericht, S.107), die auch ihre individuellen Biographien in der Widersprüchlichkeit zwischen Kindheits- und daran anschließenden Jugenderfahrungen geprägt haben.


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Für die DDR stellen die Entsagungen in der Nachkriegszeit nicht nur eine pragmatische Überlebensstrategie dar, "sondern sie wurde in dem damaligen politischen Diskurs auch als angemessene Form der Bestrafung für Mitläufer und Kriegsteilnahme verstanden. Die Schuld, daß läßt sich aus der damaligen Diskussion zur Vergangenheitsbewältigung ablesen, sollte gebüßt und abgearbeitet werden. Arbeitsamkeit und Bescheidenheit wurden zu politisch propagierten Staatstugenden. Aus Arbeitsamkeit und Bedürfnislosigkeit/Bescheidenheit wird die neue Gemeinschaft geboren, als eine solidarische Gesellschaft von sozial Gleichgestellten." (Merkel, 1994; S.365)

1955 erfolgt die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages und die Bildung eines Vereinten Kommandos der Armeen der Teilnehmerstaaten. 1956 werden die Lebensmittelkarten abgeschafft. 1960 wird der Staatsrat gebildet und Walter Ulbricht zum ersten Vorsitzenden gewählt. 1961 versucht die DDR mit dem Mauerbau die Flucht von qualifizierten Arbeitskräften zu beenden. In der Zeit von 1953 bis 1961 hatte die DDR über 2 Millionen Menschen durch Abwanderungen verloren.

Bis Anfang der sechziger Jahre war die Herausbildung der sozialen Grundstruktur im wesentlichen abgeschlossen. In der Aufbauphase in den vierziger und fünfziger Jahren eröffnete sich für unterschiedliche Gruppen ein Prozeß grundlegender Umgestaltung. Hauptsächlich stieg der Anteil der Beschäftigten in Landwirtschaft und Industrie. Vor allem der Anteil der Arbeiter, die in der Großindustrie beschäftigt waren, nahm zu. Den Hauptanteil der neu eingestellten Arbeiter machten nichterwerbstätige Frauen, Jugendliche und Arbeitslose aus. Mit Lohnanreizen und verbesserten Arbeitsbedingungen wurde die Aufnahme von Beschäftigungsverhältnissen in der Industrie gefördert. Dabei spielte die Aussicht, durch Qualifikation eine Veränderung der Lebenssituation zu erreichen, nur für einen kleinen Teil dieser sozialen Gruppe eine Rolle.

Die Landbevölkerung, die bis Anfang der sechziger Jahre endgültig in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften organisiert war<2>, rekrutierte sich zum größten Teil aus ehemaligen Klein- und Mittelbauern, Landarbeitern und in sehr geringem Maße aus der Industriearbeiterschaft bzw. aus Jugendlichen, die von der Stadt aufs Land gingen. Sehr gezielt wurde staatlicherseits in die Rekrutierungsbedingungen und -mechanismen der Intelligenz eingegriffen, um eine Erweiterung der sozialen Basis durch


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die Förderung von Arbeiterkindern zu erreichen. Arbeiter- und Bauernkinder, darunter fast die Hälfte Frauen, erfuhren von diesem ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat alle Förderung, die ihm möglich war. Stipendien, verbilligtes Mensaessen, Wohnheimplätze, Bücher. Sie lernten und studierten an den Hochschulen und Universitäten nach bildungsbürgerlichen Idealen und Maßstäben. Zugleich sollten sie der Klasse verbunden bleiben, der sie entstammten. Keine andere soziale Gruppe stand unter derartigem sozialen und ideologischen Druck wie die neue Intelligenz. Sie mußte sich des Aufstiegs als würdig erweisen und wurde dabei schlechter bezahlt als die einfachen Produktionsarbeiter. Sie waren ausgeschlossen aus deren Netzwerken und wurden als Intellektuelle von beiden Seiten mißtrauisch beobachtet und kontrolliert.

Die Flucht von qualifizierten Arbeitskräften, die durch den Mauerbau gestoppt werden sollte, erzeugte in der DDR einen Arbeitskräftemangel, der eine Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Bevölkerungsreserven in den Arbeitsprozeß erforderlich machte. Auch das expansive Wirtschaftswachstum der DDR führte zu der Notwendigkeit, die verheirateten Frauen in den Produktionsprozeß zu integrieren. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der DDR machte eine Intensivierung aller Produktionsmittel und-kräfte unumgänglich. Da die Mehrheit der Frauen über keine abgeschlossene berufliche Ausbildung verfügte, wurden sie in besonderem Maße in eine Qualifizierungsoffensive einbezogen. Der Schwerpunkt wurde dabei auf die Facharbeiterqualifikation gelegt. Damit die Frauen und Mütter sich neben Berufsarbeit und Familie qualifizieren konnten wurden spezielle Fern- und Abendstudienkurse sowie Frauensonderstudien eingerichtet.

Ende der fünfziger Jahre kommt ein verändertes Konsumkonzept zum Vorschein. Es beginnt ein Wettlauf mit der BRD um das bessere Auto, den billigeren Kühlschrank und den moderneren Fernseher. Der Lebensstil der Geburtsjahrgänge der dreißiger und vierziger Jahre "die FDJ-Generation" ist geprägt vom sozialen Aufstieg.

Die Geburtsjahrgänge 1937 - 1946 wuchsen vielfach in Familien auf, die ohne Vaterautorität zurechtkamen. Sie erlebten sich emanzipierende Mütter und besuchten die ostdeutschen "Neulehrer-Schulen" mit Freiräumen, Motivationsgewinnen wie Bildungsverlusten. Es gab auch in diesen Jahrgängen die starke Motivation einer Aufbruchsgeneration mit einem nachhaltigen Aufbauerlebnis, das von hohem Idealismus geprägt war. Beispiele dafür sind der Bau der Sosa-Talsperre, Trockenlegung der Friedländer Wiesen etc..

Sie wurden in großem Maße von der Großelterngeneration erzogen, in der Regel politisch angepaßt und mit Vorsichtsmaßnahmen ausgerüstet.


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”Die sechziger Jahre sind in der DDR nicht nur eine Phase der partiellen Modernisierung, sondern auch die Hochzeit eines pädagogischen Optimismus, der sich auf die Nachgkriegsgeborenen richtete [..].“ (Wierling, 1994, S.404)

Mit dem Mauerbau 1961 in Berlin und der damit verbundenen Grenzschließung entlang der gesamten Westgrenze der DDR ”sollte nicht nur der ökonomischen, sondern auch der geistigen ’Grenzgängerei’ Einhalt“ (Wierling 1994, S.406) geboten werden. ”Die Schließung der Staatsgrenze nach Westen sollte auch den Erziehungsraum begrenzen, in dem künftig Freund und Feind noch klarer definiert und jeglicher Kontakt noch rigider unterbunden werden sollte. Das Bewußtsein, mit dem Mauerbau einen Gewaltakt gegen die eigene Bevölkerung vollzogen zu haben, forderte die DDR-Führung heraus, die erhöhte ”Wachsamkeit“ und verschärfte Strafmaßnahmen gegen möglichen Widerstand mit der Inszenierung von Zustimmung und Begeisterung in der Bevölkerung verband. Alle diese Kampagnen richteten sich insbesondere an Jugendliche.“ (Wierling 1994, S.406)

Die Schüler und Lehrlinge wurden aufgefordert, sich schriftlichen gegen das ”Abhören“ westlicher Rundfunkstationen zu verpflichten. Jedoch mit wenig Erfolg ”Deutschlandfunk, Radio Luxemburg und der ARD Beat-Club wurden nicht nur in steigendem Maße gehört, gesehen und gespeichert, sondern repräsentative Umfragen unter Jugendlichen ergaben auch eine wachsende Offenheit im Bekenntnis zu diesem Freizeitvergnügen“ (Wierling 1994 S.409).

Vor allem männliche Jugendliche aus dem Arbeitermilieu begeisterten sich für die westliche Beatmusik, wie Ergebnisse des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung, das seit 1962 regelmäßig die ideologischen Einstellungen von Jugendlichen untersuchten, zeigten. Ihre musikalischen Vorlieben brachten diese Jugendlichen auch durch einen äußeren Habitus, z.B. durch längere Haare, Schlaghosen und entsprechende Hemden zu Ausdruck. Damit setzten sie sich demonstrativ vom staatsjugendlichen Erscheinungsbild, das mit einem soldatischen Haarschnitt und einer straffen Körperhaltung verbunden war, ab. ”Das den Jugendlichen angelastete ‘Eckenstehen, Herumlungern und Gammeln’ ebenso wie die mit Abscheu beschriebenen Bewegungen beim wilden ‘Auseinandertanzen’ und Gitarrenschlagen waren Teil einer undisziplinierten, unmännlichen und außer Kontrolle geratenen Körperlichkeit“ (Wierling 1994, S.410-411).

Das Freizeitverhalten der DDR-Jugendlichen ähnelte stark dem Freizeitverhalten der westlichen Jugendlichen sowie auch die Ablehnung durch die ältere Generation eine westliche Entsprechung findet. In der DDR erhielten die eigentlich politikfernen kulturellen Zeichen jedoch eine Bedeutung, indem sie durch die DDR-Erzieher politisiert wurden.

”Aber die Bilanz am Ende der sechziger Jahre wies aus, daß es nur in bezug auf eine kleine Minderheit gelungen war, die Jugend mit den sozialistischen Zielen zu verbinden. Die politischen Strukturen in DDR bauten einerseits auf Begeisterung und Pathos, mehr aber noch auf Einbindung und Disziplin. Im Konfliktfall hatte der Gehorsam immer den Sieg über die Eigeninitiative davongetragen. Der politisch zuverlässige Teil der Jugend war kaum in der Lage, den großen Rest zu Engagement und Leidenschaft zu


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verführen. Vielmehr wurde er selbst mit seinem Heer von Berufsjugendlichen zum Instrument der Erziehungsdiktatur, während ein immer größerer Teil der jüngeren Generation sich passiv und schweigsam verhielt und eine starke Minderheit unangepaßt und widerständig, wobei das Politische oft zum bloßen Zeichen eines allgemeinen Widerstandes gegen die Erziehungsdiktatur wurde.“ (Wierling 1994, S.420).

Das staatlich-parteiliche Erziehungssystem stand in einem zweispältigen Konflikt zu dem familiären. Einerseits gehörten Lehrer und Eltern oftmals der gleichen Generation an, teilten ähnliche historische Erfahrungen und Wertorientierungen, wie z.B. die Ablehnung der ”Langhaarigen“ und ihre Musik, andererseits lehnten viele Eltern die politische Zielrichtung in der Erziehung ab. Daraus ergab sich oft eine widersprüchliche Einstellung zur öffentlichen Erziehung, deren autoritäre Ausrichtung bei den Eltern durchaus Zustimmung fand, mit der man aber offene Konflikte vermeiden wollte.

Zwar gab es keine vergleichbaren Rebellionen in der DDR, wie sie zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik abliefen, aber es begannen Auseinandersetzungen mit der Elterngeneration, die auf dem Felde der Lebensweise ausgetragen wurden. Diese Generation "kämpfte gegen den ‘kleinbürgerlichen Muff und Mief’. Sie wollte ein neues und modernes Leben beginnen. Sie befreite sich von altväterlichen Erziehungsvorstellungen und von traditionellen Geschlechtssterotypen [...]. Sie war erfüllt vom Pathos der Sachlichkeit, und sie wollte ein modernes Leben. Dazu gehörte ein Motorrad und eine modernisierte Küche, der ausgiebige Besuch von Kinos und Tanzgaststätten und das Reisen in fremde Länder. Und so erlebte die DDR Ende der fünfziger Jahre eine Modernisierung des Alltagslebens, allerdings in den ihr möglichen einfachen Standards. Es war eben eine Moderne der kleinen Leute, geprägt von der Gemeinschaftlichkeit des Aufstiegs." (vgl. Merkel, 1994 S.366/367).


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1.3. Die 18jährigen der Geburtsjahrgänge 1957-1966.

Die Altersgruppe der heutigen Kinder bzw. Enkel

Diese Dekade umspannt Krisen, Kriege, Besetzungen, Katastrophen in aller Welt sowie Beunruhigungen, Polarisierungen und Wechsel in der Bundesrepublik Deutschland.

Der zweite Oelschock dramatisiert die Weltwirtschaftsschwierigkeiten und löst eine zweite große Welle von Arbeitslosigkeit in allen Ländern aus. Dürrekatastrophen in Afrika signalisieren die Brisanz der Dritte-Welt-Problematik. Im Inland verschärfen sich die Gegensätze um Umwelt, Kernkraft, Abrüstung, Arbeitslosigkeit, Frauenemanzipation, Abtreibung. Erst gegen Ende der Dekade kündigen sich weltweit und in der Bundesrepublik unter Mißerfolgen dennoch positive Entwicklungen in Ökonomie, Abrüstung, internationaler Kooperation und Ökologie an.

Die deutsche Bevölkerung schrumpft und geht mit Zwischenstufen auf einen stärkeren Rückgang zu. Die deutschen Jugendjahrgänge haben zwischen 1970 und 1980 um 20% zugenommen: sie überfüllen alle Institutionen. Sie treten in ihre generative Phase ein. Das verlängerte Bildungsmoratorium erfaßt immer weitere Kreise. Gründe sind die Bildungsexpansion, Warteschleifen und überdehnte Ausbildungs- und Studienfristen.

Trotz Stabilität und Einfluß der Elternfamilie zeigen sich generell spezielle Erosionen: weitere Geburtenbeschränkung, hohe Scheidungsraten, zahlreiche Scheidungswaisen, Alleinerzieher, Ehen ohne Trauschein, Kommunen, Problemfamilien. Dagegen steht eine neue Besinnung auf den Stellenwert und die Aufgabe der Familie. Auch von seiten der Jugendlichen wird mehrheitlich eine Familiengründung - eventuell nach längerer Vorphase - angestrebt. Die erneute Problematisierung der Kombination von Ehe und Beruf (speziell von Frauen) wird von den Jüngeren nicht angenommen.

Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt vollzieht sich konjunkturell, strukturell, regional, spartenbezogen sehr unterschiedlich. Freisetzungen stehen Neueinstellungen und Bewerbermangel gegenüber. Die Kapazitäten der mittelqualifizierten Berufe werden unterschätzt und die der höherqualifizierten überschätzt. Arbeitslosigkeit erfaßt allmählich auch die Hochqualifizierten. Und den Minderqualifizierten droht der Ausschluß aus dem Arbeitsmarkt. Die Entwicklung der Einkommen und Vermögen bleibt generell günstig - jedoch in scharfem Kontrast zu den Arbeitslosen. Die Sozialhilfekosten steigen beachtlich. Der Konsumgütermarkt fließt über von Angeboten aller Arten und Preislagen, denen erst gegen Ende der Dekade eine höhere Nachfrage entspricht (Binnenkonjunktur). Die Arbeitslosigkeit - ab 1974 mit einem deutlichen Abfall und einem neuen, beachtlichen Anstieg nach 1980 und geringem, zögernden Rückgang bis 1984 - macht als allgemein beunruhigender Prozeß die Konsumenten eher zurückhaltend und preisbewußt.


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Analog zur Konsumentwicklung weitet sich der Freizeitmarkt stetig aus. Freizeit gerät in Konkurrenz zur Arbeit aufgrund ihrer unterschiedlichen Inhalte, Effekte und Zwänge und der Verknappung der Arbeit bzw. Verkürzung der Arbeitszeit.

Die Eltern dieser Altersgruppe haben den Nationalsozialismus kaum bewußt erlebt. Ihre Erinnerungen beziehen sich größten falls auf die Erfahrungen im Krieg, auf das Herumziehen, stärker jedoch auf die materiellen Entbehrungen der Nachkriegszeit. Die Erfahrung des Mangels heben diese Eltern als Besonderheit ihrer Lebensgeschichte gegenüber der ”verwöhnten“ Jugend hervor.

Die Familie, in der die Jugendlichen dieser Generation aufgewachsen sind, entspricht in Struktur und Vorstellungen weitgehend dem traditionellen Bild der bürgerlichen Kleinfamilie. Es finden sich nicht mehr die kriegsbedingten Varianten der unvollständigen oder auch erweiterten Familien. Es besteht nach außen eine klare Abgrenzung und intern eine klare Rollenteilung zwischen den Ehepartnern einerseits und zwischen den Eltern und Kindern andererseits: Der Vater, aus beruflichen Gründen außer Haus, beansprucht die Rolle des Oberhauptes. Die Mutter beschränkt sich auf den Kreis von Haushalt und Familie und wirkt bei Konflikten als Sprecherin. Auch typische Familienrituale sind stark ausgeprägt: das gemeinsame Essen, die Gestaltung der Wochenenden, der Urlaub, Weihnachten.

Es werden zwar bürgerliche Wertvorstellungen und patriarchalische Familienstrukturen noch beibehalten, doch ist eine gewisse Liberalisierung im Erziehungsverhalten unübersehbar. Dies entspricht einem Trend auch in anderen westeuropäischen Ländern und in den USA, dürfte aber in der Bundesrepublik noch verstärkt worden sein durch den Wandel des politischen Meinungsklimas in der Zeit der Bildungsreform und der großen sozialliberalen Regierungskoalition. Eine partielle Veränderung der Werte - weg von zu starker Aufgabenbindung und Pflichtbeanspruchung und hin zu stärkerer Selbstbestimmung und befriedigenden Individualfreiheiten - vollzieht sich nicht gleichermaßen und gleichzeitig in allen Sozialschichten, sondern zunächst in der höheren Bildungsschicht, die anfänglich weniger von Schwierigkeiten betroffen ist und die vor allem andere Realitätserfahrungen macht als die werktätige Jugend.

Die Schule erlebt diese Generation im Umbruch der Bildungsreform. Werte wie Leistungsprinzip und Chancengleichheit sowie eine optimistische Sicht der zukünftigen Lebenschancen und Karrieremöglichkeiten werden bekräftigt. Gleichzeitig wird die Jugend als Absatzmarkt entdeckt und umworben. Jugend und Jungsein wird zu einem gesellschaftlichen Leitbild.


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Die weitergeführte Bildungsexpansion verändert die soziokulturelle Struktur der Jugendbevölkerung tiefgehend. Sie eröffnet einerseits vielerlei Chancen und begegnet - im Rahmen eines neuen Realismus und einer praktikablen Selbstverwirklichung - der Bereitschaft zu schulischer und beruflicher Leistung und dem Wunsch nach konkreten, verwertbaren Bildungsresultaten. Andererseits verschärft sie Streit und Konkurrenzen sowie Frustrationen bei Einmündungen und Übergängen durch die zeitweilige Überfüllung aller Bildungsinstitutionen und verfehlte Wahlentscheidungen. Und sie trägt zu einer Polarisierung und Entmischung zwischen einfacher und höherer Bildung bei, was sich in unterschiedlichen Meinungen und Verhaltensweisen niederschlägt.

"Überblickt man den typischen Sozialisationsverlauf der um 1960 Geborenen als Ganzes, so zeigt sich ein relativ stabiler Familienkontext, der bürgerlich, aber nicht autoritär-überwältigend ist, freilich geringere Frei- und Spielräume, neuartige mediale Anregungen hatte - es scheint eher, daß ihre Entwicklung ohne größere Traumata und Brüche verlaufen ist." (Schütze, Geulen 1995, S.52)

In der DDR erlebte diese Generation eine Kindheit und Jugend in einer relativ stabilen Entwicklungsphase. Ihre Mütter waren zum größten Teil erwerbstätig, unterbrachen jedoch für die Kleinkindbetreuung ihre Erwerbstätigkeit bzw. arbeiteten verkürzt. In den sechziger Jahren standen nur für jedes fünfte Kind Krippenplätze und für jedes zweite Kind Kindergartenplätze zur Verfügung. Diese Altersgruppe gehört zu den gut qualifizierten "Wohlstandskindern der DDR" (vgl. Fünfter Familienbericht, S. 111).

Mit Beginn der siebziger Jahre hatten sich die mit der extensiven Strukturentwicklung im Zusammenhang stehenden sozialen Verschiebungen nunmehr erschöpft. Es deuteten sich Grenzbedingungen in den Wachstumspotentialen der sozialen Gruppen an (vgl. Lötsch/Freitag 1981, S.95), die im Verlaufe der siebziger Jahre zu Homogenisierungstendenzen und einer zunehmenden Uniformität in den Sozialprofilen führten. Die funktionsstörenden Wirkungen der Homogenisierungsbestrebungen wurden immer offensichtlicher, und zwar in dem Maße, in dem die Entflechtung der Volkswirtschaft weiter vorangetrieben wurde. Dem daraus folgenden Innovationsrückgang versuchte man staatlicherseits mit einem abgestuften Maßnahmenkatalog von Einkommensdifferenzierungen und Privilegien zu begegnen und bestimmte soziale Gruppen in der Wissenschaft und unter den Arbeitern zu fördern (vgl. Wielgohs/Schulz 1990, S.23). Parallel dazu wurden die Zulasssungsquoten zum Hochschulstudium drastisch reduziert und die Aufnahmequoten für Abiturienten daran rigide angepaßt. Grund dafür waren beschäftigungspolitische Erwägungen.

"Dadurch ist eine sich wechselseitig blockierende Entwicklungsdynamik im Verhältnis von Bildung und Beschäftigung in Gang gesetzt worden, die sowohl zu einschneidenden Begrenzungen sozialer


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Aufstiegschancen und als auch zu erheblichen Dequalifizierungsprozessen in der Wirtschaft geführt hat." (Kühnel 1990, S.32).

Der verstärkte Eingriff der Bürokratie in die Zuteilung von Bildungs- und Berufschancen beförderte die Stabilisierung und Schließung sozialer Reproduktionsquellen und bewirkte einen Rückgang an sozialen Veränderungsmöglichkeiten für die heranwachsende Generation. (vgl. Kühnel 1987, S.94).

In den Sphären der Konsumtion und Lebensweise hatte sich die DDR lange an den Mustern der westlichen Welt orientiert. Delikat- und Exquisitläden, die Produktion von Farbfernsehern, die Einrichtung von Intershops zählten zu den Versuchen, die die immer spürbarere Stagnation und individuelle Perspektivlosigkeit kompensieren sollten.

”Seit den siebziger Jahre stagnierte die Entwicklung im Reproduktionsbereich. Es wurde immer noch nach profanen Dingen des alltäglichen Bedarfs angestanden, nach Kleinigkeiten herumgerannt; jede Reparatur wurde zu einer kleinen Katastrophe. Die Mängel in der Versorgung, im Gesundheitswesen, der Altenpflege, im Dienstleistungsbereich wurde notgedrungen durch die Mehrarbeit von Frauen und Männern kompensiert.“ (Merkel 1994, S.376)

Nachdem ab 1968 die Pille für die Frauen in der DDR zugänglich war und 1972 durch einen Volkskammerbeschluß das Recht auf straffreie Abtreibung garantierte wurde, spitzte sich auch die Diskussion über die Geburtenunfreudigkeit der berufstätigen Frauen zu. Daraufhin setzte in den siebziger Jahren eine Welle von sozialpolitischen Maßnahmen ein: Erhöhung des Kindergelds, Wohnungsbauprogramm, massive Erhöhung der Kinderkrippen- und Kindergartenplätze, zinslose Kredite für Ehepaare, die sich mit jeder Geburt eines Kindes verringerten, Geburtenbeihilfe in Höhe von 1000.- Mark für das erste Kind und Steigerung bei den folgenden, Babyjahr und bezahlte Freistellung bei Krankheit der Kinder usw.. Die Maßnahmen hatten dann auch den gewollten Effekt, im Babyboom der siebziger Jahre. Damit einher ging eine offensive Propagierung der sozialistischen Kleinfamilie, in der die Mutter ihren traditionellen Platz zugewiesen bekam. ”Die Bilder von spielenden Vätern, zärtlichen Eltern, umsorgten Krippenkindern und lebensrettenden Ärzten inmitten einer Betonmodernität verheißen Wohlstand und Stabilität, den Sieg des sozialistischen Way of Life“ (Merkel 1994, S.373)

Jedoch entsprach dieses harmonische Bild der vollständigen Mutter-Vater-Kind-Familie bereits in den siebziger Jahren nicht mehr ganz der Realität. Seit Beginn der siebziger Jahre wurde in Berlin jedes dritte Kind von einer unverheirateten Frau geboren. Die sozialpolitischen Maßnahmen begünstigten ungewollt das Zusammenleben ohne Eheurkunde, da sie die alleinerziehenden Mütter bei der Krankheit der Kinder finanziell begünstigten und auch bei der Vergabe von Wohnungen diese als Problemfälle bevorzugt wurden.


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Die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit - das Ziel der sozialpolitischen Maßnahmen - verschoben die Wahrnehmung berufstätiger Frauen in Richtung Mutterschaft und Privatleben.

Enttraditionalisierung und Individualisierung sind in der DDR keine direkte Folge von Flexibilisierungen in den Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen, sondern eher Ausdruck eines Anpassungsdruckes, der durch den zunehmenden Einfluß des Staates auf die Lebensbedingungen erzeugt wurde. Die Berufswahl sowie die Gestaltung des Lebensweges waren in mehr oder weniger starkem Maße den normativen Regelungen des staatlich-administrativen Systems in Wirtschaft, Politik und Ausbildung unterworfen. Trotz der Möglichkeit, individuelle Wahlhandlungen über die eigenen Lebensumstände innerhalb bestimmter Grenzen zu treffen, waren gruppenspezifische Zusammenhänge und Identitäten in größerem Ausmaß, die den Anspruch auf Selbstorganisation in nicht staatlichen Infrastrukturen hätte geltend machen können, nicht herstellbar. Somit hatte die Familie als sozialer Rückzugsraum für die Jugendlichen eine primäre Funktion. (vgl. Kühnel, 1990)

Der veränderte Bezug zu Arbeit und Beruf führte unter anderem dazu, daß die Identitätssuche der Jugendlichen in den achtziger Jahren auch andere Wege nahm als die ihrer Eltern. Zwar wurde von nahezu allen Jugendlichen die Sicherheit des künftigen Arbeitsplatzes nicht angezweifelt, aber nur für eine Minderheit ging [in den letzten Jahren] der angestrebte Berufswunsch auch wirklich in Erfüllung, denn restriktive Zulassungsbestimmungen und Schließungsprozesse auf seiten des Beschäftigtensystems begünstigten eine inflationäre Entwicklung von Leistungsnachweisen im Verhältnis zu den realen Berufschancen (vgl. Kühnel, 1990).

In den siebziger und achtziger Jahren wurden jugendliche Subkulturen und die Produktion einer DDR-eigenen Rockmusik stillschweigend zugelassen.

In den achtziger Jahren erlebten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dieser Altersgruppe "die Stagnation des Systems, den Niedergang der Wirtschaft, den Zerfall und die Zerstörung der Umwelt sowie die völlige Unfähigkeit des politischen Herrschaftsapparates zu Reformen" (Fünfter Familienbericht, 1994 S. 112).


Fußnoten:

<1>

Bei der Beschreibung des geschichtlichen Hintergrundes für die Altersgruppen, habe ich mich stark an der Generationenbeschreibung von Walter Jaide, "Generationen eines Jahrhunderts, 1989, Leske + Budrich" orientiert.

<2>

Im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo nach wie vor der bäuerliche Kleinbetrieb dominierte. In der DDR gab es eine sogenannte Agrarreform, die in drei Phasen ablief. In der ersten Phase wurde 1945/46 die Bodenrefrom durchgeführt. Es wurden über 7000 Großgrundbesitzer und Großbauern mit über 100ha sowie ca. 4.500 Betriebe entschädigungslos enteignet. Der konfiszierte Boden an Landarbeiter, Umsiedler und landarme Kleinbauern vergeben. Ab 1952 wurde die Kollektivierung in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zunehmend forciert. Eine großangelegte Kampagne 1960 gegen die beitrittsunwilligen Altbauern war der Höhepunkt der Phase 2. Ende der sechziger Jahre begann die 3.Phase - die Annäherung der landwirtschaftlichen Produktion an industrielle Verhältnisse. Die kleineren Genossenschaften wurden zu Großbetrieben zusammengelegt, die sich auf Pflanzenbau oder Massentierhaltung spezialisierten.


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