Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

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Kapitel 2.

2.1. Autorität und Familie

Wurde im vorangegangenen Kapitel (1.1) versucht, den sozialgeschichtlichen Hintergrund vor dem die Altersgruppe der 1917-26 Geborenen sozialisiert wurde, zu beschreiben, so soll jetzt reflektiert werden, wie Wissenschaftler in den dreißiger Jahren die Charakterstruktur des Bürgertums im späten 19. Jahrhundert, die ”autoritäre Persönlichkeit“ analysierten.

Dabei interessierten uns folgende Fragen: Worauf gründete die Autorität? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Gesellschaft, Autorität und Familie? Warum wurde die Autorität in der Familie über Generationen hinweg im allgemeinen als selbstverständlich hingenommen und warum irgendwann nicht mehr?

Die in dieser Zeit entstandenen theoretischen Ansätze zum Verständnis von Autorität favorisierten einen sozialisationstheoretischen Ansatz. Dabei gehen diese Arbeiten von einem für diese Haltung typischen Persönlichkeitsbild aus. Im Rahmen einer psychologischen Auseinandersetzung mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland entwickelten Reich (1933) und Fromm (1936) die Basis der sogenannten Autoritarismustheorie. Reich und Fromm waren beide marxistisch orientierte Psychoanalytiker. Sie versuchten in ihren Ansätzen eine Verknüpfung von Marxismus und Psychoanalyse, indem sie der Psychoanalyse von Freud eine sozioökonomische Grundlage gaben. Der Ausgangspunkt ihrer Ansätze findet sich einerseits in der Marxschen These, daß die Ideologie der herrschenden Klasse immer die herrschende Ideologie gewesen sei und andererseits in der psychoanalytischen These, daß Beschränkung und Unterdrückung im Sozialisationsprozeß zur Orientierung an Autoritäten führt. (vgl. Österreich, 1996)

Beide verstanden den ”Autoritären“ als ein an die gesellschaftlichen Reproduktions-bedingungen angepaßtes Individuum.

Im Vorwort zur ersten Ausgabe seiner Charakteranalyse schreibt Reich (1933) über das Verhältnis von Gesellschaft und Charakter, daß

”jede Gesellschaft sich diejenigen Charaktere schafft, die sie zu ihrem Bestande benötigt. In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht.“ (Reich, 1971 S.14)


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Er geht davon aus, daß die bestehende Ordnung die psychischen Strukturen sämtlicher Gesellschaftsmitglieder formt und somit auch in den Menschen reproduziert wird, um sich so in ihnen affektiv zu verankern.

”Die erste und wichtigste Reproduktionsstätte der gesellschaftlichen Ordnung ist seit dem Bestande des Privateigentums an Produktionsmitteln die vaterrechtliche Familie, die bei den Kindern den charakterlichen Boden für die weiteren Einflußnahmen durch die autoritäre Ordnung schafft.“ (Reich 1971, S.15) ”[...] Die charakterliche Struktur ist erstarrter soziologischer Prozeß einer bestimmten Epoche.“ (Reich 1971, S.18).

Reich war der Meinung, daß die Charakterstruktur im frühen Alter erworben wird und während des weiteren Lebens relativ unverändert beibehalten wird. Er macht jedoch darauf aufmerksam, daß die durch den raschen Wandel veränderte sozioökonomische Lage den Menschen vor neue und andersartige Aufgaben stellt und entsprechende Anpassungsmuster erfordert, und daß die Charakterstrukturen, die unterschiedlichen Geschichtsabschnitten entsprechen, miteinander in Konflikt geraten.

Die Sozialisation in der kleinbürgerlichen Familie, nach Reich das Spiegelbild gesellschaftlicher Autoritätsverhältnisse, unterdrückt die Bedürfnisse des Kindes und erzeugt somit ängstliche Menschen, die sich in Unterordnung und Anpassung flüchten. Im Zentrum des autoritären Verhaltens steht die Unterwerfungsbereitschaft. Sie ist als Produkt des Sozialisationsprozesses in jedem Individuum mehr oder weniger vorhanden, je nach Art der Sozialisation. Für Reich ist diese Unterwerfungsbereitschaft ein allgemein menschliches Bedürfnis.

Max Horkheimer, Erich Fromm und Herbert Marcuse veröffentlichten 1936 ihr Studienmaterial über ”Autorität und Familie“.

Auch Fromms Autoritätsstudie basiert auf dem Freudschen Persönlichkeitsmodell.

”Er (Freud) nimmt im seelischen Apparat drei Instanzen an: Das >Es<, das >Ich< und das >Über-Ich<. Dies sind nicht Bezeichnungen für >Teile<. im statischen, sondern für Träger von Funktionen im dynamischen Sinne; nicht scharf abgegrenzt, sondern ineinander übergehend. Das >Es< ist die ursprüngliche und undifferenzierte Form des seelischen Apparates[...]. Das >Ich< ist der durch den direkten Einfluß der Außenwelt[...] veränderte Teil des >Es<. Es repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum >Es<, welches die Leidenschaften enthält. [...] Das >Über-Ich<, [...] ist die phylogenetisch letzte und heikelste Instanz des seelischen Apparates. Als seine Funktion bezeichnet Freud die Selbstbeobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur und den Haupteinfluß bei der Verdrängung. [...] Die Entstehung des >Über-Ichs< bringt er in eine enge Beziehung zum Vater. Schon vor allen Objektbeziehungen identifiziert sich der kleine Knabe mit dem Vater, und hinter dem


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Ichideal verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit! “( (Fromm 1936, S. 81f.).

Anders als Freud nimmt Fromm die Familienkonstellation nicht als Universal an, sondern als Produkt einer bestimmten Gesellschaftsordnung.

Obwohl die Theorie des Über-Ich’s von Freud eine Reihe von Widersprüchen und Unklarheiten aufweist, vermittelt sie eine entscheidende Einsicht in das Problem der Autorität und der gesellschaftlichen Dynamik .

” Seine Theorie liefert einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie es möglich ist, daß die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt tatsächlich so wirkungsvoll ist, wie uns das die Geschichte zeigt. Die äußerste, in den jeweils für eine Gesellschaft maßgebenden Autoritäten verkörperte Gewalt und Macht ist ein unerläßlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität“(Fromm 1936, S. 83). ”Durch das Über-Ich wird die äussere Gewalt transformiert und zwar indem sie aus einer äusseren in eine innere Gewalt verwandelt wird. Die Autoritäten als Vertreter der äusseren Gewalt werden verinnerlicht, und das Individuum handelt ihren Geboten und Verboten entsprechend nicht nur allein aus Furcht vor äusseren Strafen, sondern aus Furcht vor der psychischen Instanz, die es in sich selbst aufgerichtet hat“ (Fromm 1936, S.84).

Damit wird das Verhältnis zwischen familialer und gesellschaftlicher Autorität angesprochen. Durch das Über-Ich wird die äußere Gewalt in eine innere verwandelt, die autoritären Vertreter der äußeren Gewalt verinnerlicht, und das Individuum handelt nun nach ihren Geboten entsprechend den Forderungen, die es an sich selbst stellt<3>.


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Die herrschenden Strukturen der Gesellschaft stehen für Fromm im engsten Zusammenhang mit der frühkindlichen Sozialisation in der Familie :

”Indem das Über-Ich schon in den früheren Lebensjahren des Kindes als eine durch die Angst vor dem Vater und dem gleichzeitigen Wunsch, von ihm geliebt zu werden, bedingte Instanz entsteht, erweist sich die Familie als eine wichtige Hilfe für die Herstellung der späteren Fähigkeiten des Erwachsenen, an Autoritäten zu glauben und sich ihnen unterzuordnen“(Fromm 1936, S. 87).

Weiterhin sagt er, und damit geht er über Freud hinaus, daß

”neben den individuellen Verschiedenheiten, die in den einzelnen Familien existieren, die Familie in erster Linie bestimmte gesellschaftliche Inhalte repräsentiert und daß in deren Vermittlung, und zwar nicht im Sinne der Vermittlung von Meinungen und Ansichten, sondern der Produktion der gesellschaftlich erwünschten seelischen Struktur, die wichtigste gesellschaftliche Funktion der Familie liegt“ (S. 87).

Die Autorität des Familienvaters ist somit nicht zufällig, sondern findet ihre Begründung in der Autoritätsstruktur der Gesamtgesellschaft. Der Familienvater erscheint dem Kind zwar als erster Vermittler dieser Autorität, ist aber ”nicht ihr Vorbild, sondern ihr Abbild“ (Fromm 1936, S. 88).

Autoritätsgläubigkeit als irrationale Einstellung einerseits und autoritäres Verhalten als ebenso irrationale Haltung andererseits sind also die zwei Möglichkeiten, die sich aus der Verinnerlichung der Autorität durch das Über-Ich ergeben.

Diese Doppelfunktion von Autorität und Über-Ich eröffnet nun verschiedene Möglichkeiten :

”Indem sie auch die idealen und positiven Triebe des Individuums zum Inhalt haben, wird die triebunterdrückende Seite gleichsam vom Glanze der positiven Funktion gefärbt[...]. Die Verbote der Autorität zu übertreten, heißt eben nicht nur, die Gefahr der Bestrafung zu riskieren, sondern den Verlust der Liebe jener Instanz, welche die eigenen Ideale, den Inhalt alles dessen, was man selbst werden möchte, verkörpert“ (Fromm 1936, S. 109).

Beide Funktionen der Autorität, die negative sowie die positive, werden innerhalb der Familie wahrgenommen, denn ”die Bildung zu den anspornenden Idealen ebenso wie zu den triebeinschränkenden Verboten erfolgt in der bürgerlichen Gesellschaft durch das Medium der Familie“ (Fromm1936, S. 109).

Der Autoritätsbegriff erfährt durch die Akzentuierung seiner gesellschaftlichen Immanenz eine neue Beleuchtung. Fand die Autorität früher mehr oder weniger durch die gemeinschaftlichen unternehmerischen Interessen, die die Familienmitglieder verbanden


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(Handwerksbetrieb, Kaufmannskontor, Landwirtschaft) ihre Notwendigkeit, so nahm autoritäres Verhalten mit der Auflösung der ”Hausfamilie“ jetzt einen irrationalen Zug an, der nur durch Konventionen und traditionelle Symbole gestützt werden konnte.

Kritisiert wurde an dem Konzept vor allem, daß die konkreten sozialökonomischen Verhältnisse, in denen Menschen leben, weitgehend vernachlässigt wurden. Der Faktor der aktuellen Lebensumstände wird zwar genannt, aber es bleibt trotzdem der Gesamteindruck, daß die frühen Kindheitserfahrungen für die Entwicklung der autoritären Persönlichkeit dominieren.

Ein anderer Kritikpunkt, den besonders Oesterreich (1996) anmerkt, ist die Gleichsetzung von Mensch und Mann bei Fromms Analysen. Bei ihm sind autoritäre Persönlichkeiten immer Männer. Auch stehen im elterlichen Sozialisationsprozeß immer die Männer bzw. Väter im Vordergrund. Obwohl in den dreißiger Jahren die Erziehung der Kinder weitgehend Aufgabe der Mütter ist, wird die Tatsache ”ignoriert und ausschließlich vom autoritären oder hart strafenden Vater gesprochen“ (Oesterreich 1996, S.38).

Horkheimer (1980) spricht ebenfalls von der Widersprüchlichkeit der Familie, vor allem in der Industriegesellschaft. So geht er davon aus, daß die Auslagerung der Produktion aus der Familie sowie die zunehmende Rationalisierung, bei gleichzeitigem Festhalten an traditionellen Familienidealen, eine der Ursachen für diese Widersprüchlichkeit ist..

" Die Familie blieb unwesentlich eine feudale Institution, begründet auf das Prinzip des "Blutes"; sie war also durchaus irrational, während die industrialisierte Gesellschaft [...] Rationalität proklamierte: die ausschließliche Herrschaft des Prinzips der Berechenbarkeit und des freien Tausches. Die gesellschaftliche Bedeutung wie die inneren Schwierigkeiten der Familie sind durch die Inkonsistenz der Gesellschaft hervorgerufen ( Horkheimer , 1980, S.79).

Neben dem Verlust von Aufgaben tritt bei Horkheimer noch ein anderer Aspekt in den Vordergrund. Funktionsverlust und weitere gesellschaftliche Veränderungen (wie die abnehmende Bedeutung des Rechts eines Vaters, den Sohn zu enterben; Möglichkeit von Mädchen und Frauen sich außerhalb der Familie zu betätigen) führen dazu, daß in der Familie autoritäts- und obrigkeitsgläubige Individuen erzeugt werden. So wird die Autorität des Vaters von den Kindern allein als 'leere' Autorität erfahren, die ihre Berechtigung aus der Sanktionsmacht der Eltern zieht (Vgl.Horkheimer 1980, S. 80 ff.). Diese erlebte Autorität und die "sachlich, pragmatische" (Horkheimer 1980, S.81) Mutter-Kind-Beziehung, die das Kind nicht zur Entwicklung von Liebesfähigkeit führt, und einem Individualismus, der den einzelnen zum "sozialen Atom" (Horkheimer 1980, S.79)


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werden läßt, fördern die Entwicklung von autoritätsgebundenen und zu Intoleranz tendierenden Charaktere. Insofern ist die moderne Familie widersprüchlich angelegt:

Eine solche Familienauffassung geht davon aus, daß die Familienstruktur weitgehend durch Produktions- und Eigentumsverhältnisse bestimmt ist und ihre Wandlungsfähigkeit von diesen Faktoren bestimmt wird. Somit ist eine Veränderung der Familienstruktur sowie eine veränderte Stellung der Familie in der Gesellschaft nur über eine Veränderung der gesellschaftlichen, insbesondere der Produktionsverhältnisse zu erreichen, da die traditionelle Familie der modernen keineswegs entspricht und der Erhaltung des Status quo - über Sozialisation - dient.

Demnach kommt nach dieser Familienauffassung der Familie keine Eigenexistenz zu. Sie reagiert lediglich auf die gesellschaftlichen Bedingungen, vor allem denen der Produktion, wobei unklar bleibt, wie diese Verhältnisse eigentlich wirken. Es wird davon ausgegangen, daß die im Produktionsbereich herrschenden Machtverhältnisse - über den arbeitenden Vater - in die Familie hineingetragen werden, so daß innerfamiliäre Autorität als Ausüben von Macht wahrgenommen wird.

Die Untersuchungen zur "autoritären Persönlichkeit", die zum sozialwissenschaftlichen Entwurf des Autoritarismusbegriffs wesentlich beigetragen haben, konzentrieren sich auf einen ganz bestimmten Typ der Unterordnung in Autoritäts- und Machtbeziehungen. Er umfaßt:

Historisch ist die Konzentration auf diese spezifische Variante des "Untertanen", die in Heinrich Manns Roman in der Gestalt des Fabrikantensohnes Diederich Hessling


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besonders prägnant charakterisiert wird, nachvollziehbar. Die Kombination von Untertänigkeit gegenüber höheren Instanzen und Aggressivität gegenüber sozial Schwächeren wurzelt in der strengen und lieblosen Disziplin der patriarchalischen Familie und führt bei Hessling zu einer Verdrängung nicht akzeptierter Gefühle von Zorn und Schwäche sowie deren Verschiebung auf sozial legitimierte Außenseiter, wie die Juden.

Die Analyse Manns für die Quellen von Hesslings sadomasochistischen Grausamkeiten und Vorurteilen findet ihre Bestätigung in den Studien zu "Autorität und Familie" der Frankfurter Schule (1936) und in den späteren Studien zum "Autoritären Charakter" bei Adorno (1950).

Der autoritäre Charakter ist nach Adorno ein ”Einstellungsyndrom, durch Sozialisation entstanden, zeitlich relativ überdauernd, mit übersteigertem Konformismus und Unterwerfung unter Mächtigere bei gleichzeitiger Unterdrückung der Schwächeren. Stereotype und Vorurteile, Ichschwäche und rigide restriktive Sexualnormen, politischer Konservatismus sind charakteristisch. Besonders häufig ist dieser Typus in unteren sozialen Schichten und bei wenig Gebildeten zu finden“ (Reinhold 1992a, S.40)

Nach der Theorie von Adorno und seiner Mitarbeiter ist die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen eine mehr oder weniger dauerhafte, tiefliegende Verknüpfung von Neigungen, die sich in der frühen Kindheit unter gesellschaftlichen Einflüssen zu formen beginnen. Sie sind zwar veränderbar, widerstehen jedoch oft grundlegenden Veränderungen.( vgl. Adorno 1950)

Das Konzept der Autoritären Persönlichkeit wurde in den folgenden Jahren stark kritisiert. Ein wesentlicher Kritikpunkt besteht darin, daß dieses Autoritarismuskonzept im Laufe der Jahrzehnte, als ein Konzept der politischen Psychologie in starkem Maße außerwissenschaftlichen Interessen ausgesetzt wurde.

An einem anderen Punkt kommen die Kritiker zu dem Schluß, daß es im Rahmen eines Strukturansatzes strenggenommen kein "autoritäres" Verhalten - wie beispielsweise intelligentes, rigides, aggressives, konformes oder ängstliches Verhalten gibt -. Eher werden durch das Autoritarismuskonzept verschiedene Verhaltensweisen, nämlich aggressives, unterwürfiges, konformes, rigides u.a. Verhalten, als Ausdruck einer ihnen zugrundeliegenden Persönlichkeitsstruktur verstanden. Solche Verhaltensweisen können jede für sich genommen auch andere Ursachen haben, und müssen nicht auf autoritäre Persönlichkeitsmerkmale zurückgeführt werden.

Faßt man die Kritik zusammen, so bleibt festzuhalten, daß der Zusammenhang zwischen autoritärer Persönlichkeit und "autoritärem" Verhalten nicht eindeutig ist, denn autoritäre Persönlichkeiten verhalten sich nicht immer autoritär, ebenso ist autoritäres Verhalten


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nicht immer Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur. Ein dritter Hinweis ist hier mit einzufügen, denn autoritäres Verhalten kann auch situationspezifisch erzeugt werden, wie die Erfahrungen von Bettelheims KZ-Erfahrungen zeigen<4>( vgl. Osterreich 1993).

Ein anderer Aspekt, der an diesem Konzept zu kritisieren ist, ist die einseitige Betrachtungsweise, welche die Familie nur als Widerspiegelung der Gesellschaft auffaßt. Es wird sogar davon ausgegangen, daß die autoritäre Familienstruktur die einzige Existenzform der Familie ist (vgl. Horkheimer 1936). So wird die großbürgerliche Familie zum Idealbild von Familie schlechthin. Alle anderen Entwicklungen von Familien (vor allem die neueren) stellen dagegen einen ”Verfall“ dar. Die Problematik, die hier deutlich wird, scheint typisch für demokratische Gesellschaften zu sein. Während in den hierarchisch gegliederten Gesellschaften der Vergangenheit das Bedürfnis nach symbolischer Abgrenzung, besonders nach unten bestand, was auch für die Familien und ihre patriarchial-autoritäre Struktur, in der die Kinder stets den schwächsten Teil ausmachten und in denen das Erziehungsziel Anpassung und Gehorsam hieß, gilt, hat in der demokratischen Gesellschaft eine autoritäre Machthierarchie als soziale Norm keine Berechtigung mehr, auch wenn ihre Nachwirkungen noch vorhanden sind.

Desweiteren muß kritisiert werden, daß zwar festgestellt wird, daß gesellschaftliche Strukturen die Daseinsformen der Familien determinieren, aber, daß Familien auch eigene Handlungsmuster entwickeln, eine Eigendynamik in ihrer Entwicklung, die nicht immer in unmittelbarem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen steht, wird nicht zur Disposition gestellt. So wird auch nicht die Frage gestellt, inwieweit die Interaktionserfahrungen in der Familie auch die Explorationsfähigkeit des Individuums beeinflussen.

Mit dem Begriff der autoritären Persönlichkeit wird auf das Zusammenwirken zweier Kräfte verwiesen, einerseits den psychologischen Kräften, die in den Menschen das verzweifelte Verlangen nach Stärke wecken und anderseits den historischen und gesellschaftlichen Kräften, die die Form prägen, in der dieses Verlangen zum Ausdruck kommt.

Neben allen Kritikpunkten an den Untersuchungen und Analysen von Fromm, Reich, Horkheimer und Adorno liegt ihr Wert in den Fragen, die sie aufgeworfen haben. Die


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Bereitschaft der Menschen, etwas zu glauben, hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit oder Legitimität der Ideen, Grundsätze oder Personen ab. Sie beruht auch darauf, daß die Menschen selbst ein Bedürfnis haben, etwas zu glauben. Was sie von einer Autorität erwarten ist ebenso wichtig, wie das, was die Autorität ihnen anzubieten hat. Dieses Bedürfnis nach Autorität - darauf verwies vor allem Max Horkheimer - wird durch die Kultur und Geschichte ebenso geprägt - wie durch die psychische Prädisposition.


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2.2. Sozialisation und soziale Schichtung

In den sechziger Jahren, der Zeit in der die 1937-1946 Geborenen ihre Jugendzeit erlebten, bekam die theoretische und empirische Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen den von sozialen Strukturen gegebenen Lebenschancen und der Entwicklung individueller Handlungsmuster eine besondere Aktualität. Sie wurde einerseits ausgelöst durch die umfassende Mobilisierung von personellen Ressourcen, von Begabten die für die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik benötigt wurden und als wichtige Voraussetzung für die internationale Konkurrenzfähigkeit angesehen wurden (vgl. Kapitel 1). Andererseits aber gab es zunehmende Zweifel an der Realisierung des ”meritokratischen Ideals“ (Steinkamp 1991, S.251) der Chancengleichheit. Eine Richtung, die sich mit der Frage der Reproduktion sozialer Ungleichheit in dieser Zeit auseinandersetzt, ist die schichtspezifische Sozialisationsforschung.

2.2.1. Schichtspezifische Sozialisationsforschung

Für die schichtspezifische Sozialisationsforschung stand vor allem die Frage im Vordergrund, in welcher Weise die Lebensbedingungen Einfluß auf Persönlichkeitsmerkmale haben und wie sich soziale Ungleichheitsstrukturen reproduzieren.

Der Kernannahme der schichtspezifischen Sozialisationsforschung unterstellt, daß ”zwischen dem Sozialcharakter, also einer milieutypischen Kombination von Persönlichkeitsmerkmalen der Eltern, und der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit ein direkter Zusammenhang bestehe. Die Prägung der Persönlichkeit des Kindes führt nach dieser Vorstellung zur Ausbildung eines mit dem der Eltern identischen Sozialcharakters, der in der frühen Kindheit ausgeprägt wird und über den weiteren Lebensverlauf hinweg stabil bleibt und auch das Verhalten in späteren Lebensphasen noch steuert.“ (Hurrelmann 1995, S.109).

Die Familie wird dabei ”als zentrale Vermittlungsinstanz für die ‘Reproduktion gesellschaftlich erwünschter Sozialcharaktere’ dargestellt“, indem sie ”die Grundwerte der Gesellschaft gewissermaßen ungebrochen an die nachwachsende Generation weitervermittelt“ (Hurrelmann 1995, S.108).

Rolff kennzeichnete den Sozialisationsprozess im Rahmen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung als einen ”zirkulären Verlauf“ (Rolff 1980, S.43).

”Die Sozialisation durch den Beruf prägt in der Regel bei den Mitgliedern der sozialen Unterschicht andere Züge des Sozialcharakters als bei den Mitgliedern der Mittel- und Oberschicht. Während der Sozialisation durch die Familie werden normalerweise die jeweils typischen Charakterzüge der Eltern an die Kinder weitervermittelt. Die Sozialisation durch die Freundschaftsgruppen der Heranwachsenden vermag die schichtspezifischen Unterschiede nicht aufzuheben. Da die Sozialisation durch die Schule auf die


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Ausprägungen des Sozialcharakters der Mittel- und Oberschicht besser eingestellt ist als auf die der Unterschicht, haben es die Kinder der Unterschicht besonders schwer, einen guten Schulerfolg zu erreichen. Sie erlangen häufig nur Qualifikationen für die gleichen niederen Berufspositionen, die ihre Eltern bereits ausüben. Wenn sie in diese Berufspositionen eintreten, dann ist der Zirkel geschlossen“ (Rolff 1980, S.43).

Der Focus in der Beantwortung der Frage nach der Reproduktion sozialer Ungleichheit wird in der schichtspezifischen Sozialisationsforschung auf die Stellung des Einzelnen in der Erwerbsstruktur gerichtet. So werden sozialstrukturelle Einflüsse auf das Erziehungshandeln der Eltern nur im Zusammenhang mit beruflichen Erfahrungen angenommen. Es entsteht der Eindruck, daß Eltern und Kinder durch die Umwelt geprägt werden und sie dieser mehr oder weniger passiv gegenüberstehen. In der Konsequenz bedeutet dies, daß zwar der Beruf die Eltern prägt, sie aber nicht ihre berufliche Situation beeinflussen. Die These, daß die in der Familie entwickelten Verhaltensweisen dazu führen, daß die Kinder die gleichen Berufspositionen wie ihre Eltern erreichen, setzt eine relative Stabilität in den beruflichen Anforderungen voraus.

Bertram kritisiert die mangelnde empirische Basis der Ergebnisse der schichtspezifischen Sozialisationsforschung. So wurde ”[...].aber auch der Nachweis geführt, daß ein Teil der als empirisch gesichert betrachteten Aussagen zur schichtspezifischen Sozialisation eigentlich gar nicht überprüft war oder aber auf widersprüchlichen Forschungsergebnissen beruhte.“(Bertram 1981, S.11).

2.2.1.1. Soziale Schicht

Ausgangspunkt für die Analyse unterschiedlicher Lebenslagen von Familien war das Konzept der sozialen Schicht.

Mit dem Begriff der sozialen Schichtung wird versucht, die vertikalen Strukturen sozialer Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft bzw. einer ihrer Teilstrukturen zu erfassen.

Dabei impliziert der Begriff eine Vorstellung von Bevölkerungsgruppen, die eine verschieden hoch bewertete Stellung innerhalb einer Gesellschaft einnehmen. Mit Schichtung ist eine hierarchisch aufgebaute Struktur der Gesellschaft gemeint, wie es das aus der Geologie übernommene Wort andeutet.

Es sind zwei Richtungen innerhalb der Schichtungstheorien zu unterscheiden.

Einerseits der Schichtungsbegriff, der sich auf das Berufsprestige der Gesellschaftsmitglieder orientiert, und andererseits der, der sich auch auf beruflich erzieltes Einkommen und Vermögen, (Aus-)Bildung und Machtstellung richtet. (vgl.Bolte 1968)


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Wesentlichen Einfluß auf die Schichtungstheorien hatten die Ansätze von Karl Marx und Max Weber.

Marx beschäftigt sich in seinen Arbeiten bei der Suche nach der Ursache für die sozialen Ungleichheiten in der kapitalistischen Gesellschaft vor allem mit den gesellschaftlichen Klassen.

Dabei bezieht sich die Klassentheorie nicht nur auf die Analyse der ökonomischen Verhältnisse im Kapitalismus, sondern auch auf die Art der Herrschaftsausübung, auf bestimmte spezifisch strukturell angelegte Unter- und Überordnungsverhältnisse und auf die Formen und Mittel der Herrschaft selbst. Obwohl Marx keine explizite Definition für den Begriff der Klasse vorgelegt hat <5>, sind drei Merkmale in seinen Ausführungen erkennbar, die auch als Kriterien für den Klassenbegriff gelten können.

  1. Die Herausbildung von Klassen ist an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden, d.h. wenn die Entwicklung der Produktivkräfte und der Arbeitsteilung ein konstantes Mehrprodukt hervorbringt, welches durch eine bestimmte Gruppe angeeignet wird und somit zur Bildung von Privateigentum führt.
  2. Klassen definieren sich durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln, das die Art des Einkommens bestimmt ” Es sind drei große gesellschaftliche Gruppen, deren Komponenten, die sie bildenden Individuen, resp. von Arbeitslohn, Profit und Grundrente, von der Verwertung ihrer Arbeitskraft, ihres Kapitals und ihres Grundeigentums leben“ (Marx 1975, S.893)
  3. Durch die Intensivierung der Interessendurchsetzung und die Bildung von Kampforganisationen entsteht ein Klassenbewußtsein ( eine Klasse für sich).

Marx übersah jedoch nicht, daß es neben den zwei großen Klassen der Besitzenden und der Arbeiterklasse sogenannte Mittel- bzw. Übergangsklassen gab. Über diese sozialen Gruppen, denen ein Klassenbewußtsein fehlt, spricht er von der Klasse an sich. Diese Gruppe ist für ihn eine unselbständige und somit unwichtige Größe im Klassenkampf der beiden Hauptklassen.

Mit seinem Klassenbegriff weist Marx auf objektiv strukturierte ökonomische Ungleichheiten in der Gesellschaft hin. Dabei bezieht sich der Begriff der Klasse nicht auf die soziale Position, die ein Individuum glaubt einzunehmen, sondern vielmehr auf die objektiven Bedingungen, die sich in der Form des Zugangs zu den materiellen Ressourcen äußert.


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Max Weber ist ebenfalls wie Marx der Auffassung, daß sich eine Klasse auf objektiv vorhandene ökonomische Bedingungen gründet. Aber es sind nicht nur die Verhältnisse zu den Produktionsmitteln, die nach Weber die Klassenunterschiede ausmachen, sondern sie differenzieren sich auch ”in der Art des zum Erwerb verwertbaren Besitzes einerseits, der auf dem Markt anzubietenden Leistung anderseits“ (Weber 1985, S.532), mit anderen Worten, in Unterschieden, die sich nicht direkt aus den Eigentumsverhältnissen herleiten. Damit meint er Kenntnisse und Qualifikationen, die für die Position, die Individuen erreichen können, entscheidend sind.

Bei seinen Studien über die Machtverteilung in der Gesellschaft nimmt er zu dem Klassenbegriff zwei weitere Kriterien hinzu, den Stand und die Partei.

Mit dem Begriff der Stände verbindet Weber die Unterschiede zwischen sozialen Gruppen, die sich aus dem sozialen Ansehen dieser bei anderen ergeben. Diese positive oder negative soziale Einschätzung der ”Ehre“ (Weber 1985, S.534) variiert oft unabhängig von den Klassenlagen.

Die Klasse basiert auf objektiv gegebenen Bedingungen, der Stand ist ein Resultat der subjektiven Bewertung der sozialen Unterschiede.

Weber definiert den Unterschied zwischen Stand und Klasse folgendermaßen:

”[...]Man könnte also, mit etwas zu starker Vereinfachung, sagen: ‘Klassen’ gliedern sich nach den Beziehungen zur Produktion und zum Erwerb der Güter, ‘Stände’ nach den Prinzipien ihres Güterkonsums in Gestalt spezifischer Arten von Lebensführung. Auch ein ‘Berufsstand’ ist ‘Stand’, d.h. prätendiert mit Erfolg soziale ‘Ehre’ normalerweise erst kraft der, eventuell durch den Beruf bedingten, spezifischen ‘Lebensführung’ [...]“ (Weber 1985, S. 538)

Der Stand wird also durch die unterschiedlichen, von den Kreisen gelebten bzw. gepflegten Lebensweisen bestimmt.

Weber kennzeichnet Parteien als einen wesentlichen Teil der Machtausübung, die unabhängig von Klassen oder Ständen Einfluß auf die Gemeinschaft haben. Dabei wird mit Partei eine Gruppe von Menschen bezeichnet, die etwa den gleichen Stand einnehmen oder gleiche Interessen bzw. Ziele haben. Sie können sich jedoch quer durch die unterschiedlichen Klassen verlaufend für ihre Ziele engagieren, wie z.B. religiöse Ziele oder nationale Interessensolidarität.

Webers Analyse der Sozialstruktur der Gesellschaft, in der er zeigt, daß neben den ökonomischen Bedingungen weitere Faktoren wie z.B. die Beziehungen der Mitglieder der Gesellschaft zueinander, die subjektive Zuschreibung von ”Ehre“ etc., das Leben der Menschen stark beeinflussen, hatte großen Einfluß auf die später entwickelten Schichtungstheorien.


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Theodor Geiger hat mit seinem Werk ”Die soziale Schichtung des Deutschen Volkes“ (1932) für Deutschland das bis dahin fundierteste Modell sozialer Schichtung entwickelt.

Er bezeichnet ”die Gesamtheit der nach Merkmalen klassifizierten Menschen nicht mehr als ‘Klassen’, sondern als ‘Bevölkerungsteile’ [...], mit der Besonderung, daß die Differenzierungsmerkmale eben der wirtschaftlichen Sphäre angehören[...] und sind grundsätzlich unbegrenzt: Die Wahl der für die Typisierung maßstäblichen Merkmale, Merkmalsreihen und Merkmalsverbindungen hängt vom jeweiligen Erkenntniszweck ab.“(Geiger, 1987 S.4).

Neben die Differenzierung der Schichtung nach ökonomischen (objektiven) Merkmalen tritt bei Geiger die Unterscheidung nach Mentalitäten und Interessen (subjektiven) Merkmalen. Auch hier ist die Differenzierung grundsätzlich unbegrenzt “ ... soviel Antagonismen und Varianten ich im Wirtschaftsdenken der Bevölkerung beobachte soviel verschiedene Schichtungen finde ich vor“ (Geiger, 1987, S.5).

Stellt man sich die Frage nach der Beschaffenheit der Schichtstruktur, so kommt man unweigerlich zu der Frage, welche Merkmale der Schichtenbildung zugrunde liegen. Merkmale können nicht nur in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich sein, sondern sich auch innerhalb der Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung verändern. In diesem Zusammenhang spricht Geiger von dominanten und Subordinanten (Geiger 1949, S.45) und meint damit, daß sich im Laufe der Geschichte der Schwerpunkt von einer bis dahin dominanten Schichtung auf eine bisher subordinierte verschieben kann.

Obwohl für Geiger die Differenzierungen nach ökonomischen Merkmalen dominieren und er damit ökonomische Schichten, ihre Wirtschaftslagen und Funktionen, als wesentliche Schichten charakterisiert, ist die Schichtung auch nach anderen Merkmalen möglich: Bildungs- und politische Schichten. Die ökonomischen Schichten finden ihren Ausdruck in den Mentalitätsunterschieden der Bevölkerung. ”Das Element der Mentalität ist im Begriff der Schicht schon enthalten, denn die Schicht ist ein Bevölkerungsteil, dem eine typische Mentalität zugeschrieben wird.“ (Geiger 1987, S.78)

Dreißig Jahre später definiert Geiger in den ”Arbeiten zur Soziologie“ (1962) in deutlicher Abgrenzung zum Klassenbegriff einen neuen Schichtenbegriff, der sowohl auf die objektiven Merkmale der Lage als auch auf die entsprechenden Verhaltensweisen abzielt.

“Es ist richtig, daß der Schichtbegriff über die bloße Beschreibung und Klassifikation darauf abzielt, gewisse soziale Haltungen, Willensrichtungen, Bewegungen usw. auf gewisse Daseinsbeziehungen, Lagen


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oder dergleichen zu beziehen, ihnen zuzurechnen.“ (Geiger 1962, S.194) Schichten bestehen aus ”Personen die irgendein erkennbares Merkmal gemein haben und als Träger dieses Merkmals einen gewissen Status in der Gesellschaft und im Verhältnis zu anderen Schichten einnehmen“ (Geiger 1962, S.186)

Unter dem Begriff Status faßt Geiger Lebensstandard, Chancen und Risiken, Glücksmöglichkeiten, Privilegien und Diskriminierungen, Rang und öffentliches Ansehen.

Die Soziallagen werden durch Schichtdeterminanten bestimmt. Da diese nicht nur ökonomisch bestimmt sind, spricht Geiger in seinen Studien von der Verwendung eines mehrdimensionalen Schichtungsmodells, das folgenden ”Lagerungsmerkmalen Rechnung trägt: 1. Wirtschaftszweig, 2. Stellung im Beruf, 3. Einkommenshöhe, 4. Grad der Ausbildung.“ (Geiger 1962, S.196).

Diese Auffassung der Mehrdimensionalität der Schichtung oder anders gesagt, die Tatsache, daß es mehrere objektive Merkmale gibt, die Einfluß auf die Schichtenbildung haben können, warf eine Reihe von Diskussionen zu diesem Thema auf. Diese Diskussionen bezogen sich nicht auf das Vorhandensein mehrerer Schichtungen in derselben Gesellschaft, die unabhängig voneinander existieren, sich nicht überschneiden und wo keine besonders dominant ist. Im Gegenteil. Bisher ist man bei der Erkenntnis über das Vorhandensein mehrfacher Schichtung davon ausgegangen, daß die Schichtgrenzen unscharf und durchlässig sind, daß sie sich überschneiden oder wenigstens ein Merkmal dominiert.

Es zeigte sich aber, daß sich die Merkmale wie Stellung im Beruf, Grad der Ausbildung und Einkommenshöhe nicht immer in Übereinstimmung befinden, d.h. der Einzelne kann für die verschiedenen Merkmale unterschiedlich hohe Rangstufen einnehmen, ohne daß deutlich wird, welche der Merkmale seine Soziallage am wesentlichsten bestimmt.

Um nun trotzdem zu einer einheitlichen Schichtungsvorstellung zu gelangen, wurde der Begriff des sozialen Status eingeführt. Jede Stellung, die der Einzelne innerhalb der verschiedenen Merkmale einnimmt, stellt die Wertschätzung dieser Stellung, den entsprechenden Status dar. Der soziale Status bezeichnet in diesem Kontext das Resultat der verschiedenen Stellungen ergänzt um ihre Wertschätzung. Dabei ergibt die Ordnung der Mitglieder einer Bevölkerung nach der Höhe ihres sozialen Status ein Statuskontinuum, nach dem die Statusgrenzen festgelegt werden und die Einzelnen anhand der festgestellten Indexwerte dem jeweiligen Status zugeordnet werden.

Eines der wesentlichen Probleme bei diesen Ansätzen besteht darin, daß eine Ordnung der Bevölkerung nach der Höhe des sozialen Status eher ein Statuskontiniuum ergibt als klar


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gegeneinander abgrenzte Schichten. Der Focus auf das Sozialprestige eines Berufes oder die berufliche Stellung vernachlässigt objektive Bedingungen und führt zur einer Rangdifferenzierung zwischen größeren Gruppen, ohne daß man die Grenzen zwischen ihnen deutlichen erkennen kann. Das Vorhandensein von Prestigedifferenzen allein, so die Kritik (vgl. Mayntz 1958), ist kein Beweis für die Existenz von sozialen Schichten.

Die ”[...]Vertreter der Schichtforschung konstatieren, daß sich die Struktur der Ungleichheit als ‘Prestigeschichtung gewissermaßen verflüchtigt’ hat, und Schichtung im Sinne von Prestigeschichten in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs noch immer die dominante strukturtypische Eigenart des Gefüges sozialer Ungleichheit darstellt (Bolte 1986“ (zit. aus Vaskovics, 1989 S.562)

Andere Meßverfahren, wie das von Scheuch (1961) “versuchen durch die subjektiven Vorstellungen der Gesellschaftsmitglieder über die Schichtung ihrer Gesellschaft und anhand der Selbstzurechnung, die soziale Schicht festzustellen“ (Vaskovics, 1989 S.560).

Mit dem Schichtbegriff wird die Vorstellung einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft, etwa in der Form eine Pyramide, impliziert. Die sozialen Schichten dienen der Klassifikation gleichartiger materieller und sozialer Lebensbedingungen. Sie ”stehen zueinander und zum gesellschaftlichen Zusammenhang nicht in einem funktionalen, realen sozialem Verhältnis, sondern lediglich in einem logisch-ordnenden“ (Rosenbaum 1978, S. 138). Sie können ”immer nur Abstraktionen von der komplexen gesellschaftlichen Realität sein“ (Hurrelmann 1995, S.113).

Durch das starre Festhalten der schichtspezifischen Sozialisationsforschung an den alten vertikalen Dimensionen sozialer Ungleichheit werden die durch sozialstrukturelle Wandlungsprozesse entstehenden ”neuen“ Ungleichheiten (Hradil 1987, S.47) weitestgehend vernachlässigt. Die Konzentration auf Ungleichheiten, die auf Leistungsqualifikationen zurückzuführen sind, wie Bildung, Beruf und Einkommen, führen dazu, daß jene Bevölkerungsgruppen, die Versorgungsansprüche aus öffentlichen Leistungen (z.B. aus dem Sozialversicherungssystem) beziehen, aus der Analyse sozialer Ungleichheit ausgeklammert werden. Sozialstaatliche Leistungen, so im Bereich der Bildung, der im Wohnumfeld bezogenen Infrastruktur und der Sozialpolitik relativieren jedoch die Bedeutung der ökonomischen Stellung immer mehr. (vgl. Hradil 1987). Soziale Beziehungen, Bevorzugungen und Benachteiligungen, die mit Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Generation, Region und Rasse zusammenhängen und ”weitgehend sozio-kulturell bedingte Erscheinungen“ (Hradil 1987, S.88) sind, werden mit dem Schichtenkonzept nicht erfaßt.


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2.2.2. Die Bedeutung von Arbeits- und Berufserfahrungen

Um die sozialen und materiellen Lebenslagen von Familien besser zu beschreiben und die theoretische und methodische Kritik an der schichtspezifischen Sozialisationsforschung zu berücksichtigen, wurde mit einer präziseren Vorgehensweise versucht, die Bedingungen verschiedener Lebenslagen auf die Persönlichkeitsentwicklung zu analysieren. Dabei konzentrierten sich einige Untersuchungen auf die Auswirkungen der Arbeitsbedingungen von Eltern auf deren Persönlichkeitsentwicklung und ihre Vorstellungen über die Erziehung ihrer Kinder. Dazu gehörten vor allem die Studien von Melvin Kohn (1969, 1981).

Melvin Kohn hat 1969 hervorgehoben, daß sich strukturelle Gegebenheiten auf die spezifische Auswahl von Wertorientierungen und somit indirekt auch auf die Erziehungseinstellungen auswirken. Danach bedingt eine spezifische Arbeitsorganisation und deren Arbeitsabläufe eine stärkere Wertschätzung äußerer Konformität bzw. eine stärkere Autoritätshörigkeit in Arbeiterberufen, während dagegen in Angestellten- und Beamtenberufen selbstbestimmtes Handeln stärker betont wird. Nach dieser Konzeption wandelt sich die Bedeutung bestimmter Erziehungsziele in dem Maße, wie sich bestimmte Berufsstrukturen und Arbeitsabläufe ändern. Melvin Kohns Ausgangspunkt findet sich in der in den fünfziger Jahren von amerikanischen Sozialwissenschaftlern anerkannten Auffassung, daß Erziehungsvorstellungen amerikanischer Eltern vieles gemeinsam haben, daß es jedoch erhebliche Unterschiede je nach Schichtzugehörigkeit der Familie gibt. Dabei sind für ihn die Gemeinsamkeiten und Unterschiede elterlicher Erziehungsvorstellungen Ausdruck des allgemeinen Zusammenhangs zwischen Familie und sozialer Schichtung.

Kohn verwendet in seinen Studien den Begriff der Autorität in einer verkürzten Bedeutung.

”Gemeint ist stets nur die aktuelle Machtausübung in Entscheidungssituationen. Wie Autorität legitimiert wird, sei es aus Tradition, sei es aus Erfahrung oder von den Aufgaben her und wie allenfalls eine solche Legitimation zu beurteilen ist, bleibt unbeachtet.“ (Lüscher 1981, S.10).

In seinem Buch Class and Conformity (1969) entwickelt er folgende Generalhypothese:

"Members of different social classes, by virtue of enjoying (or suffering) different conditions of life, come to see the world differently - to develop different concetions of social reality, different aspirations and hopes and fears, different "conceptions of the desirable". ... for from people's conceptions of the desirable-especially of what


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characteristics are desirable in children-we can discern their objectives in child rearing. Thus conceptions of the desirable -that is, values- become the key concept for this analysis, the bridge between position in the larger social structure and the behavior of the individual." (Kohn 1969, S.7)<6>.

Im Zentrum der "systematically-differentiated conditions of life"<7> (Kohn 1969, S.189) als Entstehungsmerkmal unterschiedlicher Werte und Orientierungen stehen für Kohn die Erfahrungen aus dem beruflichen Leben.

" The conditions of occupational life at higher social class levels facilitate interest in the intrinsic qualities of the job, foster a view of self and society that is conducive to believing in the possibilities of rational action toward purposive goals, and promote the valuation of self-direction. The conditions of occupational life at lower social class levels limit men's view of the job primarily to the extrinsic benefits it provides, foster a narrowly circumscribed conception of self and society, and promote the positive valuation of conformity to authority" (Kohn 1969, S.192). <8>

Er unterscheidet zwei Begriffe als Wertsyndrome der Eltern, die mit ihrer jeweiligen Berufserfahrung korrelieren. Selbstbestimmung (self-direction) und Konformität (conformity).

Das Wertesyndrom "self-direction" charakterisiert Menschen, die auf der Basis eines selbständigen Urteils funktionieren. Diese selbständige Urteilsfähigkeit resultiert aus verinnerlichten moralischen Normen und ihrer flexiblen Anwendung, sich an den Absichten des Handelns anderer zu orientieren und nicht an dessen zufälligen Folgen. Sie setzen Vertrauen in andere Menschen.


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Unter dem Begriff "conformity" faßt Kohn - ähnlich wie Riesman (1956) mit dem außen-geleiteten Menschen - Individuen die dem Signal einer entfernten, manchmal diffusen Autorität und außen-geleiteten Regeln folgen. Sie orientieren sich an den Folgen des Verhaltens anderer, schalten ihre verinnerlichten Verhaltensmaßstäbe aus, ertragen keine Abweichung von Normen und mißtrauen anderen Menschen.

Der von Kohn verwendete Begriff der "Werte und Orientierungen" umfaßt außer der Unterscheidung in "self-direction" und "conformity" weitere Aspekte, wie die Begriffe "self-direction" und "competence". Kompetenz steht für die Fähigkeit, Dinge ordentlich zu erledigen, Erfolge zu haben und mit anderen Menschen gut auszukommen. Hinzu kommt die eigene Beurteilung der Arbeit (extrinsische und intrinsische), soziale Orientierungen (moralisches Verhalten, autoritärer Konservatismus, Vertrauen in andere Menschen, Einstellungen zu Veränderungen) und die Selbstkonzeption (Selbstvertrauen, Selbstverantwortung für eigenes Schicksal, Angst, Selbstherabsetzung).

Diese für Kohn für den familiären Sozialisationsprozeß wichtigen "Werte- und Orientierungen" der Eltern, die in den Ergebnissen seiner Untersuchungen als in fast allen Dimensionen signifikant sind zur Schulbildung (als erklärungskräftigster Variable (Kohn 1969, S.132ff.), führt er auf vorwiegend drei zentrale Strukturmerkmale der Berufsposition zurück, die jeweils unabhängig voneinander und von ihrer Beziehung zur sozialen Schichtzugehörigkeit der Eltern wirken (Kohn 1969, S.165ff.). Umfang und Art der Arbeitskontrolle, die substantielle Beschaffenheit der Arbeit und die Verschiedenartigkeit der Arbeitsaufgaben.

Diese drei zentralen Strukturmerkmale der Berufsposition, so Kohn, determinieren das Ausmaß der beruflichen Selbstbestimmung und variieren mit der Stellung der Familie im System gesellschaftlicher Schichtung. Das heißt, mit zunehmend höherer beruflicher Position steigt die Möglichkeit einer relativ freien, gering kontrollierten und differenzierten Tätigkeit. Parallel zu diesen sich verändernden beruflichen Bedingungen der Eltern tendieren diese zu einer zunehmenden Selbstbestimmung bei der Erziehung ihrer Kinder.

In weiteren empirischen Studien untersucht Kohn (1981) den Einfluß der Zugehörigkeit zur Mittel- bzw. Unterschicht bezüglich ihrer Erziehungswerte. Er zeigt, daß Eltern aus der Arbeiterschicht wollen, daß sich ihr Kind an von außen gesetzte Muster anpaßt, während Mittelschichteltern mehr auf die innere Dynamik des Kindes bedacht sind. Eltern aus der Unterschicht legen weitaus größeren Wert auf Gehorsam gegenüber elterlichen Befehlen als Eltern aus der Mittelschicht. Unterschichteltern bewerten Gehorsam, Ordentlichkeit und Sauberkeit höher als Mittelschichteltern und diese bewerten Wißbegierde, Glück, Rücksichtnahme höher als Eltern aus der Unterschicht - am


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wichtigsten ist ihnen jedoch die Selbstkontrolle. Eltern der Unterschicht bewerten Anpassung an äußere Autorität höher und Eltern der Mittelschicht präferieren eine selbstbestimmte Erziehung.

Kohn ist der Auffassung, daß insbesondere für Männer der Beruf eine entscheidende Schichtdimension bedeutet. denn der Beruf verweist darauf, wie jemand die Zeit in der er seinen Lebensunterhalt verdient, verbringt, und, was wahrscheinlich noch wichtiger ist, wie die Struktur der Arbeit seinem Verhalten Zwänge und Regeln auferlegt.

Kohn zeigt anhand seiner Untersuchungen, daß in einer Industriegesellschaft, in der der Beruf eine zentrale Rolle im Leben der Männer spielt, die Berufserfahrungen, die Selbstbestimmung fördern oder hemmen. Sie durchdringen nicht nur die Ansicht der Männer von der Arbeit und von ihrer Rolle bei der Arbeit, sondern auch ihre Ansichten von der Welt und von sich selbst.

"Die Bedingungen des Berufslebens in den höheren Schichten fördern das Interesse an inneren Qualitäten der beruflichen Tätigkeit, begünstigen eine Auffassung von Selbst und der Gesellschaft, welche dem Glauben an die Möglichkeit rationaler, zielgerichteter Handlungen dienlich ist, und begünstigen die Bewertung von Selbstbestimmung. Die Berufsbedingungen in den unteren Schichten lassen die Männer nur die äußeren Vorteile des Berufs sehen, begünstigen eine eingeengte Vorstellung von Selbst und Gesellschaft und fördern die Autoritätsgläubigkeit. Arbeitsbedingungen, die Überlegungen und Initiative begünstigen, erweitern im allgemeinen die Wirklichkeitsvorstellungen der Männer; unter Bedingungen des Zwangs werden sie gewöhnlich eingeengt." (Kohn 1981, S.85ff.).
"In Mittelschichtberufen stehen eher zwischenmenschliche Beziehungen, Ideen und Symbole im Vordergrund, während man in Arbeiterberufen mit den Dingen umgeht" (Kohn 1981, S.24).

In Mittelschichtberufen wird stärker Selbstbestimmung betont, hingegen in den Unterschichtberufen dominiert eine Standardisierung, die einer direkten Aufsicht unterworfen ist. Aufstieg ist in den Mittelschichtberufen eher von eigenen Handlungen abhängig. In Unterschichtberufen hängt er stärker von der kollektiven Handlung ab, vor allem in gewerkschaftlich organisierten Industriezweigen.

Kohn entwirft aus den Unterschieden die verschiedenen Merkmale, die ein Zurecht- und Vorwärtskommen in Mittel- und Unterschicht fördern:

" Mittelschichtberufe erfordern einen höheren Grad an Selbstbestimmung; Arbeiterberufe verlangen in größerem Maße, expliziten Regeln zu folgen, die von oben festgelegt sind" (Kohn 1981, S.24).

Die Unterschiede in den Berufsanforderungen der Unter- und der Mittelschicht entsprechen den Unterschieden in den Erziehungsvorstellungen der Eltern aus der Unter-


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und Mittelschicht. Man kann daraus schließen, so Kohn, daß es eine "Übereinstimmung zwischen beruflichen Anforderungen und elterlichen Wertvorstellungen gibt" (Kohn 1981, S.24).

Unter sozialen Schichten versteht Kohn ein

”Aggregat von Individuen, die weitgehend ähnliche Stellungen in einer Hierarchie von Macht, Privilegien und Ansehen innehaben. Dieser Vorstellung zufolge ist die soziale Schichtung vieldimensional und umfaßt mehr als nur die eine oder andere Kennzeichnung gebrauchter Eigenschaft und auch mehr als nur eine der vielen sozialen kulturellen Variablen, mit denen sie korreliert ist. Unser Index basiert auf den beiden sozialen Variablen, die für die Bestimmung der gesellschaftlichen Position in Industriegesellschaften am wichtigsten erscheint, nämlich auf Ausbildung und beruflicher Stellung“. (Kohn 1981, S.61)

Kohn verwendet in seinen Untersuchungen den ”index of social position“ von Hollingheads, der eine gewichtete Kombination der beiden Variablen darstellt.

In dem Ausgangsmodell von Kohn werden außer der Schichtzugehörigkeit, die regionale Zugehörigkeit, die ethnische Herkunft, städtische und ländliche Wohngegend und die Religion als Indikatoren der Sozialstruktur erfaßt.

Melvin Kohns Ausgangsmodell:

Den von Kohn nachgewiesenen Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Werten führt er darauf zurück, daß die Kinder in den oberen Schichten in der Regel eine bessere Ausbildung erhalten und sie dadurch Berufspositionen, mit einem hohen Maß an


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Arbeitskomplexität und wenig Routine sowie geringer Kontrolle erlangen. Ausbildung und Berufsposition verstärken somit die in der häuslichen Erziehung entwickelte Fähigkeit zur Selbststeuerung und Autonomie. In den unteren Schichten erhalten Kinder dementsprechend eine allgemein schlechtere Ausbildung, erlangen dann Berufe mit einem geringen Maß an Autonomie und geringeren Handlungsspielräumen und die in der Erziehung angelegte Tendenz zur Konformität mit Autoritäten wird verstärkt.

So erklärt er auch den Autoritarismus der unteren Schichten als Folge mangelnder schulischer Ausbildung und eingeschränkter bzw. fehlender beruflicher Autonomie. Dieses Modell ist nun wesentlich vereinfacht in bezug auf sein Ausgangsmodell.

Demnach sind die Angehörigen der Mittelschicht gut qualifiziert, haben eine hohe Autonomie im Beruf, sind selbstbestimmt und ihre Erziehungsziele sind Autonomie.

Unterschichtangehörige sind wenig qualifiziert, haben eine niedrige Autonomie am Arbeitsplatz, neigen zu Anpassung und erwarten auch von ihren Kindern Konformität mit Autoritäten.

Das komplexe Ausgangsmodell der Sozialstruktur wird nun auf soziale Schichtung reduziert. Er begründet die Reduzierung damit, daß die Schichtzugehörigkeit die größte Bedeutung für die Einstellungen hat und daß der von Kohn nachgewiesene Einfluß auch weitgehend unabhängig von den anderen sozialstrukturellen Faktoren ist. Zu diesem Ergebnis kommt er durch einen Vergleich der Korrelationen der sozialstrukturellen Dimension mit den elterlichen Wertvorstellungen unter Kontrolle der Schichtzugehörigkeit. Obwohl die durch Schicht kontrollierte Korrelation mit den sozialstrukturellen Variabeln auf dem 1%-Niveau signifikant ist, werden die Variabeln nicht mehr in die weitere Analyse mit einbezogen (siehe Kohn 1977, S.71).

Bertram weist darauf hin, daß ”diese relative Willkür bei der Interpretation von Kovarianzen [...]nicht zufällig ist (M.H.), sondern sie (M.H.) ergibt sich aus dem theoretisch unzulänglichen Verständnis von Sozialstruktur bei Melvin Kohn.


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In dem von Kohn gewählten Konzept der Sozialstruktur, das überwiegend durch das Schichtungssystem geprägt ist, sind diese Annahmen plausibel. Mit der gesellschaftlichen Realität haben sie jedoch wenig zu tun. Keines dieser Merkmale der Sozialstruktur tritt in der gesellschaftlichen Realität isoliert auf. Die Dimensionen der Sozialstruktur illustrieren in ihren spezifischen Kovariationen die sozialstrukturellen Muster einer Gesellschaft“ (Bertram 1981, S.39)

Am Beispiel der Untersuchungen von Kohn wurde gezeigt, daß Schichtung ein guter Indikator der Sozialstruktur ist und daß die Schichtungseffekte durch die Berufserfahrung des Vaters in der familialen Sozialisation vermittelt werden.

Offen bleibt jedoch, ob diese Werthaltungen das Handeln der Eltern in familialen Alltagssituationen stützen. Kohn bleibt dem schichtspezifischen Ansatz in allen Analysen treu, indem er die Arbeitsbedingungen als abhängig von der Schichtposition auffaßt. Dabei wirken die Arbeitsbedingungen als Mittler zwischen sozialer Schicht und familialer Sozialisation.

Allerdings reicht der von Kohn verwendete Schichtungsansatz nicht aus, um die Effekte der Sozialstruktur in angemessener Weise zu erfassen.

So hat Bertram (1978) zeigen können, daß Arbeitsbedingungen auch unabhängig von der Schichtdimension variieren und damit auch von ihr unabhängig familiale Sozialisationsprozesse beeeinflussen. ”Wenn man nämlich die Kovarianzen zwischen den Arbeitsbedingungen und den Werten und Einstellungen unter Konstanthaltung der Schichtzugehörigkeit berechnet, bleiben ebenso signifikante und relevante Beziehungen bestehen“(Bertram 1981, S.54).

Problematisch erscheint daher auch die grobe Unterscheidung von Kohn in Mittel- und Unterschicht, da meines Erachtens nach eine stärkere Differenzierung bei den Berufsanforderungen notwendig ist, als es diese beiden Schichten ermöglichen.

Eine Möglichkeit wäre, sich an den Gruppenprofilen, wie sie von Peter Pawlowsky (1985) analysiert wurden, zu orientieren. In seinem Artikel "Arbeitsorientierungen zwischen neuen Ansprüchen und alten Strukturen" stellt er fest, daß das Verhältnis zur Berufsarbeit seit Mitte der sechziger Jahre distanzierter geworden ist. Es gibt einen signifikanten Anstieg der Unzufriedenheit mit der Arbeit, zunehmende Freizeitpräferenzen und eine häufigere Bewertung der Arbeit als notwendiges Übel zwischen Mitte der sechziger und Ende der siebziger Jahre.

Diese Distanzierung von der Berufsarbeit hat am stärksten bei den Arbeitern stattgefunden.

Seit Mitte der sechziger Jahre findet sich parallel zu diesem Trend ein Wandel der Lebenswerte und Erziehungsprinzipien in der BRD.


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"Vereinfacht ausgedrückt, ist dieser Wandel zum einen durch eine Bedeutungszunahme von kommunikativen Leitlinien wie Toleranz und Menschenkenntnis sowie von Selbstbestimmung und Lebensgenuß gekennzeichnet, zum anderen durch einen Bedeutungsverlust von Leistungsorientierung und autoritätsbetonten Prinzipien der Anpassung und Unterordnung." (Pawlowsky, 1985 S.160).

Die Erwerbsarbeit ist generell nicht schlechter geworden, aber die Freizeit ist besser geworden. Der Werte - und Anspruchswandel konnte sich nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub für die Menschen besser verwirklichen als in den starren Strukturen der Arbeitswelt. Dadurch hat relativ zur Freizeit die Erwerbsarbeit an Attraktivität verloren und wird heute belastender und entfremdeter empfunden als noch Anfang der siebziger Jahre. Dabei hat die Wichtigkeit von hohem Einkommen und guten Verdienstmöglichkeiten im Zeitverlauf abgenommen. Die demoskopischen Trends sprechen dagegen eher für eine Bedeutungszunahme arbeitsinhaltlicher und kommunikativer Ansprüche.

In seinen Untersuchungen in bezug auf die Arbeitsorientierungen<9> (Pawlowsky 1985) haben sich folgende idealtypische Gruppenprofile herauskristallisiert:

an- und ungelernte Arbeiter

Sie betrachten die Arbeit als reine Lebensnotwendigkeit und als Geschäft nach dem Motto: Je schlechter ich bezahlt werde, desto weniger tue ich auch. Seine Arbeitszufriedenheit ist weit unterdurchschnittlich, es gibt eine geringe Verbundenheit mit der Arbeit und der Firma. Seine Einstellung zur Leistung in der Erwerbsarbeit wird überwiegend durch die Anschauung geprägt, sich nicht über das Notwendigste hinaus anzustrengen. Seine Interessenschwerpunkte liegen eindeutig außerhalb der Erwerbsarbeit. Ursache für die Arbeitsunzufriedenheit ist der empfundene Mangel an Mitbestimmung, man wünscht sich weniger Hetze und Streß, eine größere Sicherheit des Arbeitsplatzes und es wird beklagt, bei der Arbeit als Person nicht genügend anerkannt zu werden.

Facharbeiter

Auch für ihn ist die Arbeit vorwiegend Lebensnotwendigkeit. Er ist mit der Arbeit nur eingeschränkt zufrieden und entscheidet sich, zwischen Arbeit und Freizeit vor die Wahl gestellt, eher als Berufstätige generell für die Stunden außerhalb der Arbeit. Die Arbeits- und Firmenverbundenheit ist enger als bei den Un- und Angelernten. Er macht aber auch


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nur das, was von ihm verlangt wird. Hier stehen vor allem materielle Aspekte wie Einkommen, geregelter Aufstieg und Sicherheit vor Entlassung im Vordergrund.

nichtleitende Angestellte und Beamte

Jeder vierte von ihnen gibt Selbstverwirklichung als Motiv der Beschäftigung an. Freizeitorientierung steht hier ähnlich wie bei den Facharbeitern im Vordergrund. Auch sie sind mit der Arbeit nur teilweise zufrieden und noch weniger als die Facharbeiter bereit, sich über das notwendige Maß hinaus einzusetzen. Diese Gruppe entspricht in Hinblick auf die Arbeitszufriedenheit, die Arbeit-Freizeitpräsenz und die Leistungsbereitschaft weitestgehend dem Profil der Arbeiter. Sie wünschen sich mehr Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeitszeit, höhere Einkommen und gerechtere Aufstiegschancen.

leitende Angestellte und Beamte

Hier ist Leistungsbereitschaft wesentlich ausgeprägter, die Verbundenheit mit der Arbeit und der Firma enger, der Stellenwert der Arbeit im Leben und vor allem die Arbeitszufriedenheit höher als beim durchschnittlichen Arbeitnehmer. Viele arbeiten mit dem Ziel, sich als Persönlichkeit zu verwirklichen. Von den leitenden Angestellten und unter den Selbständigen werden vor allem Klagen über den Umfang der Arbeitszeit und zuviel Streß geäußert.

Wenn die Annahme von Kohn richtig ist, daß die Berufsanforderungen mit den elterlichen Wertvorstellungen übereinstimmen, so müßten folgende Gruppenprofile mit den entsprechenden Erziehungszielen, nämlich selbstbestimmte Erziehung bzw. an äußerer Autorität orientierte Erziehung übereinstimmen.

Un- und Angelernte und Facharbeiter, aber auch die nichtleitenden Angestellten und Beamten müßten sich bei den Erziehungszielen stärker an äußerer Autorität orientieren. Die leitenden Angestellten und Beamten müßten im Gegensatz dazu stärker eine selbstbestimmte Erziehung präferieren.

Eine Gruppe, die hier allerdings noch fehlt und in der Untersuchung nicht berücksichtigt werden konnte, da das Anliegen der Untersuchung ein anderes war, ist die Gruppe der Handwerker und Selbständigen.

Fassen wir die bisherigen Erkenntnisse zusammen, so müßte sich genau in dieser Gruppe der eigentliche Wandel in den Erziehungs- und Arbeitseinstellungen vollzogen haben.

Aufgrund der sich ständig verändernden Anforderungen des Marktes und damit verbunden einer permanenten Kreativität als Antwort auf diese Anforderungen, die Eigenständigkeit in der Arbeit und die Tatsache, daß kaum Unterordnungsverhältnisse


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bestehen, reizt zu der These, daß es vor allem in dieser Gruppe einen Wandel von autoritären Erziehungszielen (vor allem im 19. Jahrhundert) zu selbstbestimmten, individualistischen Erziehungszielen gegeben hat.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, ein Differenzierungskonzept für einen angemessenen Schichtindex zu entwickeln, d.h. weitere Indikatoren zu finden, die die Effekte der Sozialstruktur mit einem Schichtungsindex besser reflektieren.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Thesen von Kohn unter dem Aspekt der sozialen Veränderungen zu überprüfen. Wie spiegelt sich die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht in den Erziehungszielen wider? Wie haben sich diese unter dem Einfluß des sozialen Wandels verändert?


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2.3. Werte und Wertwandel

Wichtigster Ausdruck der Schichtzugehörigkeit waren für Kohn lange Zeit Wertvorstellungen, und zwar vorrangig, jene die Eltern im Hinblick auf die Erziehung ihrer Kinder hegen. Dieser Ausgangspunkt beruht auf einer verkürzten Definition des Begriffs Wert, dem es in erster Linie um die Leitlinie für künftiges, also erstrebenswertes Verhalten geht. Werte in diesem Sinne ausgedrückt, sind das, was man zu verwirklichen trachtet.

Nach erfahrungswissenschaftlicher Ansicht sind Werte

”geschichtlich entstandene, kulturell relative, mitunter herrschaftstechnisch manipulierte, wandelbare und somit auch bewußt gestaltbare allgemeine Zielvorstellungen, Orientierungsleitlinien und -standards, Maßstäbe und Legitimationsgrundlagen für das Verhalten von Menschen. Werte fungieren dementsprechend als Standards selektiver Orientierung für die Richtung, Ziele, Intensität und auch für die Auswahl der Mittel des Verhaltens von Menschen, die einer bestimmten Kultur und Gesellschaft angehören“
”.Werte bestehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern weisen mannigfaltige Beziehungen auf: wechselseitige Abhängigkeiten und Verstärkungen, Über- und Unterordnung, Spannungen und Antagonismen. Damit bilden Werte Elemente hierarchisch strukturierter Wertesysteme, die bisher nicht rational, planmäßig und präzise festgelegt worden sind und vor allem in den modernen Großgesellschaften einen stark pluralistischen Charakter aufweisen. Je widerspruchsärmer hingegen das umfassende Wertesystem einer Gesellschaft, um so mehr ist diese integriert und um so weniger durch Konflikte belastet.“ (Reinhold 1992b, S.535).

Der Mensch, geboren als ein auf den ”Instinkt reduziertes, weltoffenes Wesen“, wie es Reinhold bezeichnete (Reinhold 1992b, S.537) wächst in einer Lebenswelt auf, ”die ihm sinnhaft geordnet und bedeutungsvoll erscheint“ (Reinhold 1992b, S.537). Erst durch das Erlernen von Werten gewinnt die Umwelt mit ihren zahlreichen Gegebenheiten für das Individuum an Wert und es entwickeln sich Wünsche, die die Handlungsmöglichkeiten des Individuums beeinflussen. Diese erlernten Werte der jeweiligen sozialkulturellen Umwelt drücken sich in der Struktur der Persönlichkeit des einzelnen auf einer relativ allgemeinen Ebene in den individuellen Wertorientierungen und Wertvorstellungen aus. Auf der weniger allgemeinen Ebene der Persönlichkeitsstruktur entwickeln sich die Wertorientierungen und -vorstellungen zu lebenspraktischen Einstellungen und Bewertungen.

In Bezug auf den gesellschaftlichen Wandel, vor allem in Verflechtung mit wirtschaftlichen und politischen Wandlungen, verändern sich die individuellen


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Einstellungen und Wertungen leichter als die Wertorientierungen und diese weitaus eher als die Werte (vgl. Reinhold 1992b, S.537). Diese Unterscheidung ist wichtig für die Erforschung des Wertewandels.

2.3.1. Die postmaterialistische Generation

Mit Beginn der siebziger Jahre markiert in den meisten westlichen Industrieländern ein Einschnitt den Übergang in eine neue zeitgeschichtliche Epoche.

Die Jugendlichen die zwischen 1957 und 1966 geboren wurden, gelten allgemein als individualistisch und auf die eigene Selbstverwirklichung focusiert. Sie seien materiellen Anreizen gegenüber weniger geneigt und politisch werden sie als resigniert und entfremdet, mit weniger Engagement als vorhergehemde Generationen, beschrieben (vgl. Jugendwerk 1981, S.18).

Die Diskussion um den Wertewandel wurde Anfang der siebziger Jahre mit Ingleharts These von der "stillen Revolution" eingeleitet.

Inglehart (1977) kommt auf der Grundlage von repräsentativen Stichproben, die in Westeuropa und den Vereinigten Staaten durchgeführt wurden, zu dem Schluß, daß eine "stille Revolution" der Wertvorstellungen stattgefunden hat, die auf einem Wechsel der Priorität von materialistischen zu postmaterialistischen Werten in der Nachkriegszeit beruht. Er unterscheidet in materielle und postmaterielle Werte, wobei die materiellen Werte ökonomische und physische Sicherheitsbedürfnisse repräsentieren und postmaterielle Werte soziale (Partizipation, Menschenwürde) sowie intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse. Als Träger dieses Wertwandels sieht Inglehart die junge Generation an, die besser gebildet, wohlhabender und mobiler gegenüber den vorhergehenden Generationen ist. Die Ursache des Wertwandels sieht Inglehart in dem gestiegenen Wohlstand der westlichen Industrieländer nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den theoretischen Hintergrund von Ingleharts Thesen bilden zwei Annahmen:

  1. Die Wertprioritäten eines Individuums sind von seiner sozioökonomischen Lage abhängig; man gibt den Dingen den höchsten subjektiven Wert, die relativ knapp sind.
  2. Zu einem großen Teil spiegeln die grundlegenden Werte eines Menschen die Bedingungen wider, die während seiner Jugendzeit vorlagen (Inglehart 1983, S.82).

Die erste These leitet Inglehart von der Maslowschen Bedürfnispyramide ab. Maslows Pyramide ist so aufgebaut, daß die Bedürfnisse, je nach ihrer Bedeutung für das Überleben des Menschen, hierarchisch geordnet sind. Die unterste Stufe bilden


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physiologische Bedürfnisse, dann kommen Sicherheitsbedürfnisse (Stabilität, Ordnung, Schutz), die nächste Stufe bilden Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit, auf der vierten Stufe strebt man nach Selbstachtung (Unabhängigkeit und Leistung zur Selbstschätzung, Status und Anerkennung als Zeichen fremder Wertschätzung) und die Spitze der Pyramide schließlich bildet das Streben nach Selbstverwirklichung.

Maslow geht davon aus, daß das Indidviduum den jeweils untergeordneten Bedürfnissen Priorität schenke, d.h. erst wenn das Nahrungsbedürfnis gestillt und äußere Sicherheit gewährleistet ist, widme man sich den sozialen und psychischen Interessen.

Inglehart geht, auf die Annahmen von Maslow gestützt, davon aus, daß die Generationen, die vor 1945 geboren wurden, in deutlich stärkerem Maße materialistische Werte vertreten als die jüngere Generation, weil erstere in Zeiten des Mangels und der Unsicherheit aufgewachsen ist, hingegen die jüngere durch eine Periode wirtschaftlichen Überflusses geprägt wurde. Er verkürzt die Maslowsche Bedürfnispyramide indem er sie in zwei grundsätzlichen Werthaltungen ”materialistischen“ und ”postmaterialistischen“ ausdrückt.

Für die Erfassung der Wertorientierung wurde von Inglehart ein Postmaterialismus-Index entwickelt. Dieser basiert auf einer Rangordnung von vier fest vorgegebenen politischen Zielen, zwei "materialistischen" und zwei "postmaterialistischen". Die beiden materialistischen Ziele umfassen "Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in diesem Lande" und "Kampf gegen steigende Preise", und zu den postmaterialistischen Werten gehören "mehr Einfluß der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung" und "Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung". Wer die ersten beiden Items wählte, wurde den (reinen) Materialisten zugeordnet, wer die beiden letzten wählte den (reinen) Postmaterialisten, der Rest entfiel auf gemischte Kategorien. Mit diesen Skalen wurden 1970/71 die ersten Erhebungen in Frankreich, der BRD, Belgien, den Niederlanden, Italien und Großbritannien durchgeführt.

In den nachfolgenden Untersuchungen wurde diese einfache Skala um weitere Items erweitert.<10>..

Der Anteil der Postmaterialisten ist zu allen Untersuchungszeitpunkten relativ niedrig. In allen genannten Ländern hatte der Anteil der Materialisten seit 1970 leicht abgenommen, der der Postmaterialisten hatte zugenommen oder war stabil geblieben.

Bei der Aufschlüsselung der Verteilung nach Altersgruppen zeigt sich, daß in den jüngsten Altersgruppen postmaterialistische Orientierungen um ein mehrfaches häufiger


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vertreten sind als in der ältesten. In der Bundesrepublik waren 1972/73 von den 19-28jährigen 24% reine Materialisten und 19% reine Postmaterialisten. Bei den 59-68jährigen betrug das Verhältnis 52 zu 7%.

In Großbritannien ist das Verhältnis von ”Materialisten“ zu ”Postmaterialisten“ etwas ausgeglichener - im Vergleich zur Bundesrepublik. Die Älteren sind etwas postmaterialistischer und die Jüngeren etwas weniger postmaterialistisch und deutlich materialistischer orientiert als in anderen Ländern. Dies erklärt Inglehart mit der unterschiedlichen wirtschaftlichen Geschichte dieser Länder. Großbritannien hatte weniger unter den Einwirkungen des zweiten Weltkrieges zu leiden, verzeichnete allerdings nach 1945 nur ein vergleichsweise langsames Wirtschaftswachstum. Während in der Nachkriegszeit Deutschlands ein deutlicher Bruch in der wirtschaftlichen Entwicklung vorlag, waren die sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Großbritannien eher von einer Kontinuität gekennzeichnet. Der Wohlstand vor dem Krieg in Großbritannien spiegelt sich in der etwas stärkeren postmaterialistischen Einstellung der Älteren wider, während die Jüngeren mit ihrer eher materialistischen Haltung die Stagnation der Nachkriegszeit dokumentieren.

2.3.2. Kritik an Ingleharts Theorie und Methode

Ingleharts Theorie, Methode und Datenanalyse sind zum Teil heftig kritisiert worden.

Dabei wurde vorrangig ”der Mangel an Präzision und Spezifizität im Theorieaufbau“ (vage Formulierung der Ausgangshypothesen) kritisiert, ”der zur Folge hat, daß die Beziehung zwischen den beiden Grundannahmen und die Beziehung zwischen Theorie und Daten nicht ausreichend geklärt werden kann“ (Schlöder 1993, S.180-181).

”Auf methodischer Ebene manifestiert sich die theoretische Unbestimmtheit in der Diskussion um die Trennung und Verknüpfung von Lebenszyklus-, Kohorten- und Periodeneffekten“<11>. (Schlöder 1993, S. 181). Vermutlich spielen alle drei Aspekte bei den beobachteten Wertveränderungen eine wichtige Rolle.

Inglehart verwendet für die Formulierung seiner Ausgangshypothesen, das Maslowsche Modell der Bedürfnispyramide, welches gravierende Schwächen aufweist. Seine Annahmen und Theoreme sind von einer ganzen Reihe nicht prüfbarer Leerstellen durchsetzt. Beispielsweise läßt sich die These vom abnehmbaren Grenznutzen in der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse nicht verifizieren, da keinerlei Angaben gemacht werden, wann ein Sättigungszeitpunkt erwartet wird und wie man ihn beobachten kann.


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Dies ist auch kaum zu erwarten, da es zur Befriedigung von Bedürfnissen eine Vielzahl unterschiedlicher - flexibler Arrangements gibt. So erscheint es keineswegs plausibel, daß nach der Befriedigung materieller Grundbedürfnisse automatisch neue, nichtmaterielle Grundbedürfnisse treten. Es könnte genauso gut sein, daß das Individuum auf seiner Hierarchieebene verbleibt.

Inglehart vermengt, wie auch schon Maslow in unzulässiger Weise Bedürfnisse und Werte, so daß es scheint, daß seine Konzeption stärker auf einen Bedürfniswandel abzielt, als auf einen Wertewandel. Erklärungen darüber, wie die geänderte Bedürfniskonstellation in einen Wertwandel umgesetzt wird, sucht man bei Inglehart vergeblich. Die Befriedigung materieller Bedürfnisse ist zwar eine notwendige Bedingung für einen Wertwandel, jedoch keine hinreichende. Bedürfnisse sind niemals ”objektiv“, so wie auch einfache Triebe von Werten sinnbildlich als abstrakt-kognitive Konzepte gesteuert werden.

Die Standardskala von Inglehart weist ebenfalls erhebliche Mängel auf. Die ”materialistische“ Seite kann man vielleicht noch hinnehmen, ob jedoch der Gegenpol tatsächlich ”postmaterialistische“ Werte mißt oder eher postmaterialistische Grundeinstellungen ist zweifelhaft. Die angebotenen Präferenzen (”mehr Einfluß der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung" und "Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung") sprechen eine allgemeine politische Unzufriedenheit an, ebenso wie bestimmte Beteiligungswünsche. In diesem Sinne erfaßt die Skala das Ausmaß der Offenheit des politischen Systems und der Gesellschaft. Und ohne das es Inglehart klar ausspricht, geht es um das Problem der ”Demokratisierung aller Lebensbereiche“.

Während Inglehart vorrangig die wirtschaftlichen Entwicklungen in den Industriegesellschaften für den Wertwandel verantwortlich macht, sieht Helmut Klages eine Reihe von Modernisierungsprozessen als Ursache für den Wertwandel in den Einstellungen und Werten der Individuen moderner Gesellschaften. Dazu gehören die Wohlstands- und Bildungsexpansion, der Ausbau der sozialen Sicherungen und die Säkularisierung, in deren Folge Werte wie Pflicht und Akzeptanz an Bedeutung verloren haben und Werte der Selbstentfaltung an Bedeutung gewinnen.

Das Wertekonstrukt "Pflicht und Akzeptanz" umfaßt dabei Werte der Disziplin und Anpassung bzw. Konventionalität sowie auch eine Orientierung an der Rolle des gehorsamen Staatsbürgers.

Selbstentfaltung korreliert mit hedonistischen und individualistischen Komponenten als auch Aspekten der Mitbestimmung und politischen Partizipation.


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Im Gegensatz zu Inglehart sieht Klages den Wertwandelsprozeß nicht in einer Wertesubstitution. Nach seiner Theorie müssen Selbstentfaltungswerte nicht zwangsläufig an die Stelle der Pflicht- und Akzeptanzwerte treten, auch ein Nebeneinander der Werte ist möglich, d.h. ein Bedeutungsgewinn individualistischer Werte bei gleichbleibender Wertschätzung konventioneller Werte.

Klages konnte empirisch nachweisen, daß Pflicht und Akzeptanz einerseits und Selbstentfaltung andererseits von bestimmten Bevölkerungsgruppen gleichzeitig als sehr wichtig oder als unwichtig eingestuft wurden, wenn die Befragten die Möglichkeit hatten, Werte unabhängig voneinander mittels Einstufungsskalen nach ihrer Wichtigkeit einzuordnen.

Dies bedeutet sowohl eine Werteverknüpfung als auch, daß ein Werteverlust nicht ausgeschlossen werden kann.

Faßt man die Auffassungen von Inglehart und Klages zusammen, so steht der Wandel der Werte und vor allem der Wertorientierungen und Einstellungen in einem engem Zusammenhang mit den raschen Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, mit der Ausweitung des Wissens, mit dem Wandel von Weltanschauungen, Ideologien und Herrschaftsverhältnissen, mit dem Einfluß sozialer Bewegungen, aber auch mit der Übernahme und dem Eindringen von Elementen anderer Kulturen.

Trotz aller Kritikpunkte an der Theorie von Inglehart wird diese im Rahmen der Untersuchung mit überprüft. Dabei interessiert zum einen die Frage, ob die jüngste Altersgruppe auch in unseren Befragungen stärkere postmaterialistische Orientierungen vertritt als die anderen Altersgruppen. Stärker interessiert allerdings eine andere Frage, ob die Ergebnisse, die Inglehart für die westlichen Industrienationen vorlegt, auch für die DDR gelten.


Fußnoten:

<3>

”Die äußere in der Gesellschaft wirksame Gewalt tritt dem in der Familie aufwachsenden Kind in der Person der EItern und in der patriarchalischen Kleinfamilie speziell in der des Vaters gegenüber. Durch Identifizierung mit dem Vater und Verinnerlichung seiner Ge- und Verbote wird das Über-Ich als eine Instanz mit den Attributen der Moral und Macht bekleidet. Ist aber diese Instanz einmal aufgerichtet, so vollzieht sich mit dem Prozeß der Identifizierung gleichzeitig ein umgekehrter Vorgang. Das Über-Ich wird immer wieder von neuem auf die in der Gesellschaft herrschenden Autoritätsträger projiziert, mit andern Worten, das Individuum bekleidet die faktischen Autoritäten mit den Eigenschaften seines eigenen Über-Ichs. Durch diesen Akt der Projektion des Über-Ichs auf die Autoritäten werden diese weitgehend der rationalen Kritik entzogen. Es wird an ihre Moral, Weisheit, Stärke in einem von ihrer realen Erscheinung bis zu einem hohen Grade unabhängigen Maße geglaubt. Dadurch aber werden diese Autoritäten umgekehrt wiederum geeignet, immer von neuem verinnerlicht und zu Trägern des Über-Ichs zu werden. Diese Verklärung der Autoritäten durch Projizierung der Über-Ich-Qualität trägt zur Aufhellung einer Schwierigkeit bei. Es ist ja leicht zu verstehen, warum das kleine Kind infolge seiner mangelnden Lebenserfahrung und Kritik die Eltern für Ideale hält und sie infolgedessen im Sinne der Über-Ich-Bildung in sich aufnehmen kann. Es wäre für den kritischeren Erwachsenen schon viel schwieriger, das gleiche Gefühl der Verehrung für die in der Gesellschaft herrschenden Autoritäten zu haben, wenn eben nicht diese Autoritäten durch die Projizierung des Über-Ichs auf sie für ihn die gleichen Qualitäten erhielten, welche die EItern einst für das kritiklose Kind hatten“ (Fromm 1936, S. 84f.).

<4>

Bettelheim (1960) zieht aus seinen KZ-Erfahrungen den Schluß, daß mit Hilfe klassischer Persönlichkeitstheorien das Verhalten einzelner Menschen in Krisensituationen nicht vorhersagbar ist. ”Er schildert, daß sich die meisten Lagerinsassen nicht nur ihren Wärtern vollständig unterwarfen, sondern auch ihre Ideologie von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse übernahmen“ (Oesterreich 1993, S.21/22). Er betont, daß dies keine vordergründige Anpassung gewesen sei. Vielmehr entsprach dieses Verhalten bei den meisten Häftlingen einer durch die Verhältnisse erzwungenen inneren Überzeugung. (vgl. Oesterreich, 1993)

<5>

Der dritte Band des Kapitals von Karl Marx bricht genau an der Frage ”Was ist eine Klasse“ nach anderthalb Seiten ab (Marx 1975, S. 892-893).

<6>

Übersetzung: ”Für die Mitglieder verschiedener sozialer Schichten ergibt sich aus den verschiedenen Lebensbedingungen, derer sie sich erfreuen (oder unter denen sie leiden), eine unterschiedliche Sichtweise der Welt - sie entwickeln verschiedene Konzeptionen der sozialen Realität, verschiedene Ziele, Hoffnungen und Befürchtungen, sich unterscheidende 'Konzeptionen des Wünschenswerten'[...] Von diesen Konzeptionen des Wünschenswerten der Menschen - besonders welche Eigenschaften für Kinder erstrebt werden - kann auf die Ziele der Kindererziehung geschlossen werden. Daher sind Konzeptionen des Wünschenswerten - das sind Werte- die Schlüsselkategorie dieser Analyse, die Brücke zwischen Positionen in der weiteren Sozialstruktur und dem Verhalten des Individuums.“

<7>

Übersetzung: “systematisch sich unterscheidender Lebensbedingungen“

<8>

Übersetzung: "Die Bedingungen des beruflichen Lebens in höheren sozialen Schichten fördern das Interesse an den intrinsischen Qualitäten der Arbeit, die den Glauben an die Möglichkeit rationalen Handels zur Erreichung gesetzter Ziele stärken und die Bewertung von Selbststeuerung fördern. Die Bedingungen des beruflichen Lebens in den unteren sozialen Schichten schränken die Einstellung zur Arbeit auf die extrinsischen Belohnungen, die sie verschaffen ein, begünstigen eine eng umrissene Vorstellung von sich selbst und der Gesellschaft und fördern eine positive Bewertung von Konformität und Autorität "

<9>

Der Begriff Arbeitsorientierungen umfaßt einen Ausschnitt derjenigen Bewußtseinsinhalte, welche die arbeitsbezogenen Normen und Werte von Individuen und Gruppen widerspiegeln. Dabei handelt es sich um auf die Erwerbsarbeit bezogene Bewertungen und Haltungen.

<10>

Ich möchte hier aber nicht darauf eingehen, da dadurch keine Verbesserung des Meßinstruments erzielt werden konnte. Die Items finden sich in den Studien von Inglehart (1971, 1977, 1979, 1983, 1989).

<11>

Kohorteneffekte betreffen die Gleichförmigkeit von Generationen, d.h. Personen mit ähnlichen Sozialisationsbedingungen. Lebenszykluseffekte entsprechen altersbedingten Änderungen. Periodeneffekte entsprechen Wertverschiebungen bei allen Altersgruppen in bestimmten Phasen der sozioökonomischen Entwicklung.


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Thu Apr 13 15:47:59 2000