Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

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Kapitel 3. Zusammenfassende Darstellung der Untersuchungsgesichtspunkte

Welchen Einfluß hatten bzw. haben die objektiven Bedingungen und die damit verbundene Funktionsweise der Individuen in der Gesellschaftsstruktur auf die Vorstellungen über Erziehung von Kindern? Welchen auf die Vorstellung über Individualität und Unterordnung? Diese leitende Fragestellung der Untersuchung wurde in den vorangegangenen Kapiteln aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven betrachtet. Die theoretische Auseinandersetzung ließe sich sicher fortsetzen. Mit Blick auf die in der Einleitung entfaltete Problemperspektive ist jedoch ein Punkt der Klärung erreicht, der es erlaubt, zur empirischen Untersuchung der Fragestellung überzugehen.

Bevor auf die empirischen Untersuchungen in den nächsten Kapiteln näher eingegangen wird, soll das vorliegende eine Art Angelpunkt zwischen Theorie und Emperie darstellen.

In einem Rückblick werden hier die wesentlichen Resultate der theoretischen Überlegungen zusammengefaßt und die daraus resultierenden Fragestellungen für die empirische Untersuchung benannt.

Die Untersuchung des Wandels von Werten und Einstellungen unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich wird aus generationsspezifischer Sicht betrachtet. Dazu wurden im 1. Kapitel die Lebensverhältnisse, in denen die einzelnen Altersgruppen aufgewachsen sind, kurz skizziert.

Hier zeigte sich, daß sich die Lebensverhältnisse der Kinder- und Jugendlichen im Laufe dieses Jahrhunderts drastisch verändert haben. So wuchsen die 1957-1966 Geborenen unter grundlegend anderen Sozialisationsbedingungen auf als die 1917-1926 und 1937-1946 Geborenen.

Dazu gehören Veränderungen

Diese Entwicklungen sagen jedoch wenig darüber aus, wie sich diese sichtbaren Veränderungen in jeweils konkrete Verhaltensstandards und Wertvorstellungen umgesetzt haben.

Um einen Wandel in den Werten und Einstellungen über solche erkennbaren Veränderungen hinaus zu erfassen, wurde versucht, nicht nur die Lebensbedingungen der


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einzelnen Generationen zu beschreiben, sondern auch generationsspezifische Muster des Alltagshandelns herauszuarbeiten, d.h. jene spezifische Art des Erlebens und Denkens, die sich auf gemeinsame Standards sozialen Verhaltens stützt, auch wenn in diesem Rahmen soziale Realität unterschiedlich verarbeitet wird.

Die Überlegungen setzten an der Altersgruppe der 1917-1926 Geborenen an, die ihre Jugend in der NS-Zeit und und dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Diese Jugend lebte unter bzw. zwischen Widersprüchen: Hochleistung wurde gefordert, aber Unruhe, Umtriebigkeit und Übermüdung brachten Leistungsminderung. Ein moralischer Neo-Rigorismus der “Erneuerung“ stand der Hinnahme einer Sündenbock-Hysterie und entsetzlichem Unrecht gegenüber. Unter der vielgepriesenen öffentlichen Sauberkeit, Ruhe und Ordnung existierte eine hohe, vielseitige Kriminalität. Freizeit war weitgehend reglementiert und durch Verbände oder in der ”Volksgemeinschaft“ absorbiert und organisiert. Die Familie sollte nach Willen der Nationalsozialisten nur eine rein biologische Funktion haben, jedoch als Ort der Sozialisation so gut wie gar keine Rolle spielen. Dem Mann war die politische Tätigkeit vorbehalten und der Frau die Mutterrolle. Die Funktion und das Interesse der Mutter sollte auf den Haushalt und die ”Aufzucht“ der kleinen Kinder reduziert werden, die sofort bei Eintritt in eine selbständigere Altersstufe in die Erziehungsinstanzen des Staates übernommen wurden.

”Nur den politisch tätigen und arbeitenden Vater als Autorität und die haushaltende und gebärende Muter sah die gewünschte Rollenverteilung vor. In dieses Schema wurden die Kinder hineingeboren und erzogen und so von vornherein einem Autoritätsbegriff unterstellt, der auf das gesamte politische System übertragbar war“ (Weber-Kellermann 1996, S.185) Der Sozialcharakter dieser Generation entspricht in den Grundzügen der bürgerlichen konventionellen Identität, wie sie im 2. Kapitel mit dem ”autoritären Charakter“ beschrieben wird.

Die Mittlere Generation (1937-1946 Geborene), die Nachkriegsgeneration, wuchs in einem geteilten Deutschland auf, da nach dem Zweiten Weltkrieg zwei entgegengesetzte Gesellschaftssysteme entstanden waren. Die Jugendlichen in Ost- und Westdeutschland erlebten die Nachkriegs-Mangelsituation ebenso wie den wirtschaftlichen Aufstieg, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Während sich in Westdeutschland die Wirtschaft relativ schnell erholte und die Zeit des ”Wirtschaftswunders“ begann, hatte die DDR noch schwer an den Reparationsleistungen, die sie an die damalige Sowjetunion zu leisten hatte, zu tragen. Der wirtschaftliche Aufschwung kam sehr viel verzögerter und in kleinerem Ausmaß.

Die Sozialisationsbedingungen dieser Generation waren durch eine Reihe von Widersprüchlichkeiten gekennzeichnet. Die Umbruchssituation nach den Wirren des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die lange Abwesenheit der Väter und die


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volle Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in den Erwachsenenalltag mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit führte zu einer vielfach unkontrollierten Offenheit im Sozialisationsprozess. Dennoch gehörte unter dem Eindruck materieller Existenznot Sparen, verbunden mit einem hohen Pflichtbewußtsein und ein hohes Sicherheitsbedürfnis zum Selbstverständnis dieser Generation, sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Damit verbunden war eine hohe, nahezu asketische Arbeitsmoral, die auch zu Härte gegen sich selbst führte.

In Westdeutschland wurde in dieser Altersgruppe erstmals das Bündnis zwischen Jugend und sich explosiv entwickelnder Kultur- und Freizeitindustrie geprobt. Diese Zeit war durch einen einseitigen Kulturimport aus Nordamerika bestimmt. Das unterscheidet diese Generation von den vorangegangenen Jugendgenerationen, für die ein industriekultureller Bezugsrahmen in solchen Ausmaßen fehlte, aber auch von den nachfolgenden Generationen, bei denen sich bereits Traditionen im Umgang mit Kulturkonsum finden lassen.

Freizeit wurde zur zweiten Lebenswelt mit neuen Möglichkeiten. Dazu gehörten gesteigerte Angebote der Institutionen und Organisationen, der Familie und der Medien.

Ein zweites deutliches Kennzeichen für diese Generation in Westdeutschland ist die Rebellion.

Erst im historischen Rückblick wird deutlich, daß diese Generation an zwei sehr unterschiedlichen und zeitlich versetzten Aufständen der Jugend beteiligt war. Einmal an den 1956-1958 europaweiten ”Halbstarken-Krawallen“ der 16-17jährigen Lehrlinge und Jungarbeiter und zum zweitenmal an den Studentenbewegungen der sechziger Jahre.

Beide Aufstände standen im Zusammenhang mit dem Beginn der Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft.

Auch in Ostdeutschland spielten Konsum und Freizeit eine zunehmend wichtigere Rolle. Es gab zwar keine vergleichbare Rebellion wie in Westdeutschland, aber auch hier begannen die Auseinandersetzungen mit der Elterngeneration, die auf dem Feld der Lebensweise ausgetragen wurden und ebenfalls im Zusammenhang mit dem Beginn der Konsumgesellschaft standen. Die Jugendlichen erlebten sich emanzipierende Mütter und besuchten die ostdeutschen "Neulehrer-Schulen" mit Freiräumen, Motivationsgewinnen sowie Bildungsverlusten. Es gab in diesen Jahrgängen die starke Motivation einer Aufbruchsgeneration mit einem nachhaltigen Aufbauerlebnis, das von hohem Idealismus geprägt war. Diese Generation wurden in großem Maße von der Großelterngeneration erzogen, in der Regel politisch angepaßt und mit Vorsichtsmaßnahmen ausgerüstet.

Die Altersgruppe der 1957-1966 Geborenen stellt die Altersgruppe dar, die von neuen Verhaltensanforderungen geprägt wurde, die sich aus der Entwicklung der


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Konsumgesellschaft vor allem in der Bundesrepublik ergaben. Wohlstand und Überflußproduktion erforderten einen konsumfreudigen und flexiblen Menschen, der sich in den Verhaltensstandards nicht mehr an der Nachkriegszeit orientierte. So setzt im Laufe der Entwicklung in der Bundesrepublik ein Wandel in den Verhaltensstandards und Umgangsnormen ein. ”Der frühere Respekt vor der älteren Generation ist stark geschwunden und hat einer freieren, selbstbewußten und ausgeprägt kritischen Haltung der Jugend-Generation Raum gegeben. Die Konflikte mit den Eltern und den sonstigen Repräsentanten der älteren Generation werden offener, schärfer und in oft revoltierender Form ausgetragen. Es hat sich bei den Erwachsenen und Jungen ein ausgesprochenes Bewußtsein des Kampfes der Generationen entwickelt“ (Bernsdorf 1972, S.283) .

Jugend und Jungsein wurde zum gesellschaftlichen Leitbild.

Es entwickelt sich eine Tendenz zum ”freieren“ Umgang zwischen den Älteren und den Jüngeren, die auf eine Veränderung in der Eltern-Kind-Beziehung verweist. Gehorsamsbereitschaft allein und Vertrauen in die Richtigkeit und Berechtigung von Vorschriften waren nicht mehr selbstverständlich. Die Autoritätsperson geriet zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Diese Entwicklung schlägt sich auch in einem zunehmend kindzentrierten Erziehungsstil nieder, die sich jedoch zunächst stärker in den höheren Bildungschichten vollzieht (s. Kapitel 1).

In der DDR sind solche Entwicklungen in diesem Maße nicht erkennbar. Enttraditionalisierung und Individualisierung sind hier keine direkte Folge von Flexibilisierungen in den Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen, sondern eher Ausdruck eines Anpassungsdruckes, der durch den zunehmenden Einfluß des Staates auf die Lebensbedingungen erzeugt wurde. Die Gestaltung des Lebensweges war in mehr oder weniger starkem Maße den normativen Regelungen des staatlich-administrativen Systems in Wirtschaft, Politik und Ausbildung unterworfen. Trotz der Möglichkeit, individuelle Wahlhandlungen über die eigenen Lebensumstände innerhalb bestimmter Grenzen zu treffen, waren jedoch gruppenspezifische Zusammenhänge und Identitäten in größerem Ausmaß, die den Anspruch auf Selbstorganisation in nicht staatlichen Infrastrukturen hätten geltend machen können, nicht herstellbar. Somit hatte die Familie als sozialer Rückzugsraum für die Jugendlichen eine primäre Funktion (vgl. Kühnel, 1990).

Da die Ostdeutschen früher ins Berufsleben einstiegen, war auch ihre Jugendphase wesentlich kürzer. Die Studienzeiten waren weniger lang, sie heirateten früher und bekamen früher Kinder. Die Erwerbszahlen vor allem bei Frauen lagen weitaus höher, bei gleichzeitig höheren Kinderzahlen in den Familien. Das führte zu einer höheren Erwartungen an die Selbständigkeit der Kinder sowie zur Übernahme von häuslichen Pflichten durch die Kinder.


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Im zweiten Kapitel wurden die bisherigen Erkenntnisse erweitert, indem drei theoretische Ansätze reflektiert wurden, die eine Einsicht in die Sichtweise der menschlichen Entwicklung, wie sie sich die Wissenschaftler in der jeweiligen Zeit vorstellten, ermöglicht.

Für die Generation der 1917-26 Geborenen wurde das Konzept der ”autoritären Persönlichkeit“ der Frankfurter Schule für die Beschreibung des Sozialcharakters, wie ihn die Wissenschaft in der 30er Jahren kennzeichnete, reflektiert. Horkheimer, Fromm, Reich und später Adorno beschrieben diesen Charakter mit Verhaltensweisen wie Fleiß, Ehrgeiz, Gehorsam, Disziplin, Beharrungsvermögen und Ehrbarkeit (siehe Kapitel 2.1). Also Merkmalen eines innengeleiteten Subjekts mit einem starren Über-Ich, mit festen Ich-Grenzen (Abwehr nach außen) und festen Abwehrstrukturen nach innen.

Die Entstehung der ”autoritären Persönlichkeit“ wird ”auf eine spezielle Form der frühkindlichen Sozialisation, einer spezifischen Form der autoritären Kindererziehung“ (Lederer 1995, S.27) zurückgeführt. ”Diese basiert auf dem hierarchischen Aufbau der Familie, mit der autoritär-patriarchalischen Stellung des Vaters, der absoluten Abhängigkeit der Mutter und der untergeordneten Position der Kinder“ (Lederer 1995, S.27).

Das Konzept des Autoritarismus der Frankfurter Schule setzt auf dem Sozialisationsmodell des Patriarchalismus des 19. Jahrhunderts auf, indem die Autorität aus der sozialen Stellung des Vaters heraus legitimiert wurde, d.h. daß die Autorität des Vaters nicht als zufällig angesehen wurde, sondern ihre Begründung in der Autoritätsstruktur der Gesamtgesellschaft fand (Fromm, 1936). Die Aneigung der zum Systembestand notwendigen Verhaltensstandards wird so erklärt, daß durch das Über-Ich äussere Gewalt, als Ausdruck gesellschaftlicher Autorität, in eine innere verwandelt wird. Die autoritären Vertreter der äußeren Gewalt werden verinnerlicht und das Individuum handelt nun nach ihren Geboten entsprechend den Forderungen, die es an sich selbst stellt. Diese Fähigkeit der Projizierung des Über-Ichs auf die herrschenden Autoritäten wird nach Fromm, durch die frühkindliche Sozialisation in der Familie erlernt. Der Vater erscheint dem Kind zwar als erster Vermittler der Autorität, ist aber nicht ihr Vorbild, sondern ihr Abbild. Die äußeren gesellschaftlichen Strukturen werden - durch den Vater vermittelt - in den familialen Sozialisationsprozess hineingetragen und reproduziert.

Autorität wird als eine Beziehung beschrieben, die einerseits gekennzeichnet ist, durch eine bewußte Einflußnahme und führende Überlegenheit und andererseits durch eine anerkennende Abhängigkeit, durch Bejahung und freiwilligen Gehorsam. Mit dem Begriff der autoritären Persönlichkeit wird auf das Zusammenwirken zweier Kräfte verwiesen, einerseits den psychologischen Kräften, die in den Menschen das verzweifelte Verlangen nach Stärke wecken, und andererseits den historischen und gesellschaftlichen Kräften, die die Form prägen, in der dieses Verlangen zum Ausdruck kommt.


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In der Auseinandersetzung mit dem Autoritarismuskonzept wurde deutlich, daß die Familie als Widerspiegelung der Gesellschaft, d.h. als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse determiniert, aufgefaßt wird. Eine Eigenexistenz wird ihr nicht zugebilligt. Die Frage, inwieweit Familien auch eigene Handlungsmuster entwickeln, d.h. eine Eigendynamik, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen steht, wird somit nicht zur Disposition gestellt. So wird auch nicht gefragt, inwieweit die Interaktionsbeziehungen in der Familie auch die Explorationsfähigkeit des Individuums beeinflussen.

Die umfassende Mobilisierung von personellen Ressourcen, von Begabten, die für die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik benötigt und als wichtige Voraussetzung für die internationale Konkurrenzfähigkeit angesehen wurden (vgl. Kapitel 1) führte ebenso wie die zunehmenden Zweifel an der Realisierung des ”meritokratischen Ideals“ (Steinkamp 1991, S.251) der Chancengleichheit, in den sechziger Jahren - der Zeit in der 1937-1946 Geborenen ihre Jugendzeit erlebten - zu einer verstärkten theoretischen und empirischen Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen den von sozialen Strukturen gegebenen Lebenschancen und der Entwicklung individueller Handlungsmuster. Die Frage nach der Reproduktion sozialer Ungleichheit wurde in dieser Zeit vor allem in der schichtspezifischen Sozialisationsforschung thematisiert.. Im Vordergrund stand hier die Frage, in welcher Weise die Lebensbedingungen Einfluß auf Persönlichkeitsmerkmale haben und wie sich soziale Ungleichheitsstrukturen reproduzieren.

Die Theorien sozialer Schichtung, soweit sie in der Familiensoziologie und der Sozialisationsforschung angewandt werden, gehen von einer vertikalen Schichtung der Gesellschaft aus. Ihr Hauptproblem besteht darin, jene Merkmale zu finden, die gleichartige soziale Lagen konstituieren und mit deren Hilfe soziale Schichten voneinander abgrenzbar sind. Dabei kommt es auf sozial relevante Kritierien an, die wesentliche soziale Differenzierungen erfassen. Die üblicherweise von den Schichttheorien erfaßten Kriterien sind : Beruf, Einkommen, Prestige und Bildung. Solche quantitativen Abgrenzungskriterien für die Schichtzugehörigkeit können jedoch keine qualitativen Differenzen oder Beziehungen zwischen den Gesellschaftsmitgliedern erfassen. Soziale Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse sind aus der Schichttheorie ausgeklammert. Dies hat zur Folge, daß die Schichten nicht in einem sozialen Beziehungsverhältnis zueinander stehen, sondern lediglich in einer logisch-ordnenden Beziehung (vgl. Rosenbaum, 1978).


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Unter Berücksichtigung dieser Einwände zeigen jedoch Studien wie die von Melvin Kohn, daß schichtspezifische Untersuchungen eine Reihe von Erkenntnissen über die Realität sozialer Differenzierungen vermitteln.

Nach den Untersuchungen von Kohn zu den Auswirkungen der Arbeitsbedingungen von Eltern auf deren Persönlichkeitsentwicklung und ihre Vorstellung über die Erziehung ihrer Kinder tragen Eltern diejenigen Wertvorstellungen, die sie an ihren Arbeitsplätzen entwickelt haben, auch in den familialen Erziehungsprozess hinein. Dabei orientieren sich ihre Erziehungsvorstellungen an den Erfahrungen, die sie an ihren Arbeitsplätzen gemacht haben. Die Kindern erfahren Wertvorstellungen und Lebensstile, die in den sozialen Schichten, denen die Eltern angehören, vorherrschen: eine stärkere Wertschätzung äußerer Konformität bzw. stärkere Autoritätshörigkeit mit Forderungen an Gehorsam gegenüber den Kindern in der Arbeiterschicht und selbstbestimmtes Handeln und Autonomie bei den Kindern in der Mittelschicht. Den Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Werten führt Kohn ebenso wie Rolff in seiner Zirkelthese auf einen ”kumulativen Effekt“ (Bertram 1981, S.36) von Ausbildung und Berufserfahrung zurück. Da Kinder in der oberen Schicht in der Regel eine bessere Ausbildung erhalten, gelangen sie dadurch auch in Berufspositionen, die durch ein hohes Maß an Arbeitskomplexität, geringe Routine und wenig Kontrolle gekennzeichnet sind. Dabei werden die in der familialen Erziehung angelegten Fähigkeiten zu Selbststeuerung und Autonomie verstärkt. In den unteren Schichten erhalten Kinder dementsprechend eine allgemein schlechtere Ausbildung, erlangen dann Berufe mit einem geringen Maß an Autonomie und geringeren Handlungsspielräumen und die in der Erziehung angelegte Tendenz zur Konformität mit Autoritäten wird verstärkt.

So erklärt er auch den Autoritarismus der unteren Schichten als Folge mangelnder schulischer Ausbildung und eingeschränkter bzw. fehlender beruflicher Autonomie.

Den Zusammenhang zwischen beruflichen Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmalen, insbesondere den Wertvorstellungen der berufstätigen Familienmitglieder, kann Kohn überzeugend nachweisen. Nicht überzeugend ist die direkte Rückkopplung von berufsbezogenen Wertvorstellungen der Eltern und ihren Erziehungsvorstellungen.

Die Argumentation von Kohn, daß die Eltern diejenigen Einstellungen und Verhaltenserwartungen an die Kinder vermitteln, die ihnen aus ihrem eigenen Erfahrungshintergrund als besonders wichtig erscheinen, ist zwar nachvollziehbar und deckt sich mit den Überlegungen von Fromm in der Theorie zum Autoritarismus, aber wie diese Vermittlung funktioniert, kann Kohn in seinen Untersuchungen nicht nachweisen. Er unterstellt ebenso wie Fromm eine direkte Übertragung von Wertvorstellungen der Eltern an die Kinder. Auch bei Kohn werden die Interaktionsbeziehungen in der Familie nicht berücksichtigt.

Der Ansatz von Kohn macht uns indirekt auf eine neues Bild von Autoritätsbeziehungen aufmerksam, das sich aus dem Individualismus als Resultat moderner Gesellschaften


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entwickelt. Gehen wir von den Überlegungen der Frankfurter Schule aus, daß psychologische Kräfte im Menschen das verzweifelte Verlangen nach Stärke wecken und die historischen und gesellschaftlichen Kräfte die Form dieses Verlangens ausdrücken, so erlangen in einer Welt in der Dienstleistungen und Fertigkeiten zur wichtigsten Ware im Austausch werden, Menschen, die bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen, auf die andere Menschen mehr angewiesen sind als auf deren materiellen Besitz, eine Form von Autonomie. Sie sind auf andere nicht angewiesen, aber die anderen brauchen sie. Selbständigkeit wird daher als Stärke wahrgenommen. Eine Stärke und Souveranität, die es als natürlich erscheinen läßt, daß man Arbeitsanweisungen an andere weitergibt. Die Angst der Abhängigkeit von anderen kennzeichnet das moderne Autoritätsverhältnis. Die empfundene Überlegenheit von autonomen Personen läßt diese in den Augen der ”abhängigen Personen“ als Autoritäten erscheinen. Dabei handelt es sich um eine Form von Furcht und Ehrfurcht vor Fachleuten, wie sie sich auch im Verhältnis beispielsweise zu Ärzten ausdrückt. Selbstvertrauen, Selbstbewußtsein, Verantwortungsbewußtsein, Durchsetzungsvermögen sind Persönlichkeitsmerkmale einer solchen autonomen Persönlichkeit. Die Autonomie erwächst aus dem Selbst, als Ausdruck der eigenen Fähigkeiten. Ein gebildeter Mensch kann für sich selbst sorgen, ist unabhängig und hebt sich dadurch von anderen ab. Daher ist der Wunsch der Eltern aus der Mittelschicht, die selbst eine solche Form von Autonomie und Selbstbestimmung erfahren, daß auch ihre Kinder Eigenschaften erwerben, die sie zu eben solchen autonomen Persönlichkeiten machen. Eltern, die mechanische oder körperliche Tätigkeiten verrichten, müssen diese zwangsläufig auf ihre eigene Unfähigkeit, etwas aus sich selbst zu machen, zurückführen. Der logische Schluß wäre nun, wie Kohn es in seinen Ergebnissen zeigt, daß sie versuchen, dieses Gefühl ”versagt zu haben“, durch eine rigide Kontrolle bei den Kindern zu kompensieren. Die gilt vor allem für die Väter der Arbeiterschicht.

Die Untersuchungen von Kohn zeigen, daß Schichtung ein passender Indikator der Sozialstruktur ist und daß die Schichtungseffekte durch die Berufserfahrung des Vaters in den Prozess der familialen Sozialisation einfließen.

Allerdings reicht der von Kohn verwendete Schichtungsansatz nicht aus, um die Effekte der Sozialstruktur angemessen wiederzugeben. Daher müssen weitere Indikatoren berücksichtigt bzw. ein entsprechender Schichtindex entwickelt werden.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen die Studien von Melvin Kohn, soweit die Daten dazu zur Verfügung stehen, unter dem Aspekt der sozialen Veränderung reproduziert werden.

Die Altersgruppe der 1957-1966 Geborenen wurde von Ronald Inglehart in den siebziger Jahren als ”postmaterialistische Generation“ charakterisiert. Ronald Ingleharts Untersuchungen zum Phänomen des Wertwandels in der modernen nachindustriellen Gesellschaft setzt auf zwei Schlüsselannahmen auf.


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  1. Die Wertprioritäten eines Individuums sind von seiner sozioökonomischen Lage abhängig: man gibt den Dingen den höchsten subjektiven Wert, die relativ knapp sind.
  2. Wertprioritäten ergeben sich nicht unmittelbar aus dem sozio-ökonomischen Umfeld. Vielmehr kommt es zu einer erheblichen Zeitverschiebung, denn die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen spiegeln weithin die Bedingungen wider, die in seiner Jugendzeit vorherrschend waren.

Er unterscheidet in materielle und postmaterielle Werte, wobei die materiellen Werte ökonomische und physische Sicherheitsbedürfnisse repräsentieren und postmaterielle Werte soziale (Partizipation, Menschenwürde) sowie intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse. Als Träger dieses Wertwandels sieht Inglehart die junge Generation an, die besser gebildet, wohlhabender und mobiler gegenüber den vorhergehenden Generationen ist. Die Ursache des Wertwandels sieht Inglehart in dem gestiegenen Wohlstand der westlichen Industrieländer nach dem Zweiten Weltkrieg.

Andere Wissenschaftler wie Klages sehen eine Reihe von Modernisierungsprozessen, wie die Wohlstands- und Bildungsexpansion, den Ausbau der sozialen Sicherungen und die Säkularisierung als Ursache für den Wandel. Faßt man beide Auffassungen zusammen, so steht der Wandel der Werte und vor allem der Wertorientierungen und Einstellungen in engem Zusammenhang mit den raschen Veränderungen der materiellen Lebensverhältnisse, mit der Ausweitung des Wissens, mit dem Wandel von Weltanschauungen, Ideologien und Herrschaftsverhältnissen, mit dem Einfluß sozialer Bewegungen, aber auch mit der Übernahme und dem Eindringen von Elementen anderer Kulturen.

In der Auseinandersetzung mit den Ausgangshypothesen von Inglehart zeigten sich eine Reihe von Mängeln (vgl. Kapitel 2.3.2). Diese beziehen sich sowohl auf den Theorieaufbau als auch auf die empirische Umsetzung. So erscheint es keineswegs plausibel, daß nach der Befriedigung materieller Grundbedürfnisse automatisch neue, nichtmaterielle Grundbedürfnisse treten. Es könnte genauso gut sein, daß das Individuum auf seiner Hierarchieebene verbleibt.

Inglehart vermengt in unzulässiger Weise Bedürfnisse und Werte, so daß man bei ihm vergeblich nach Erklärungen darüber sucht, wie sich die geänderte Bedürfniskonstellation in einen Wertwandel umsetzt. Die Befriedigung materieller Bedürfnisse ist zwar eine notwendige Bedingung für einen Wertwandel, jedoch keine hinreichende. Bedürfnisse sind niemals ”objektiv“, so wie auch einfache Triebe von Werten sinnbildlich als universelle abstrakt-kognitive Konzepte gesteuert werden.

Ebenso weist die Standardskala von Inglehart erhebliche Mängel auf. So kann nicht eindeutig gesagt werden, ob der Gegenpol zu den ”materialistischen“ Werten tatsächlich


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”nach-materialistische“ Werte mißt oder ob es sich dabei nicht eher um postmaterialistische Grundeinstellungen handelt. Die angebotenen Präferenzen (”mehr Einfluß der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung" und "Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung") sprechen eine allgemeine politische Unzufriedenheit an, ebenso wie bestimmte Beteiligungswünsche. In diesem Sinne erfaßt die Skala vermutlich stärker das Ausmaß der Offenheit des politischen Systems und der Gesellschaft und weniger individualistische Orientierungen.

In der empirischen Analyse werden die postmaterialistischen und materialistischen Orientierungen der verschiedenen Altersgruppen überprüft. Dabei interessiert zum einen die Frage, ob die jüngste Altersgruppe auch in unseren Befragungen stärkere postmaterialistische Orientierungen vertritt als die anderen Altersgruppen. Stärker interessiert uns allerdings die Frage, ob die Ergebnisse die Inglehart für die westlichen Industrienationen vorlegt, auch für die ehemalige DDR gelten.

Vor dem Hintergrund der Überlegungen in den vorangegangenen Kapiteln ergeben sich drei zentrale Fragestellungen für die empirische Untersuchung:

  1. Wie stellen sich die Erziehungsziele in den einzelnen Altersgruppen dar und welchen Einfluß haben die Arbeitsorientierungen auf die Erziehungseinstellungen der Eltern?
  2. Unterscheiden sich die Einstellungen und Werte zur Erziehung in Ost- und Westdeutschland? Wenn ja, sind diese eventuellen Unterschiede eher ein Altersgruppeneffekt oder finden sich ihre Ursachen in den verschiedenen Gesellschaftssystemen?
  3. Wie stellt sich der Einfluß der sozialen Schichtung auf die Erziehungsziele unter dem Aspekt der sozialen Veränderungen dar?

Für die Untersuchung der Fragestellungen standen drei Querschnittsbefragungen zur Analyse zur Verfügung, die vergleichbare Frageformulierungen aufweisen. Solche Querschnittsuntersuchungen sind allerdings für die Analyse von sozialem Wandel nicht besonders geeignet, da ihnen der Zeitfaktor fehlt. Für die Untersuchung wurden einzelne Altersgruppen aus diesen drei Befragungen nach dem Geburtsjahr der Befragten selektiert. Die Einstellungen und Werte dieser Altersgruppen werden miteinander verglichen. Die zeitbezogenen Beschreibungen für die jeweiligen Altersgruppen sowie die Erkenntnisse, die aus der Reflektion der theoretischen Ansätze gewonnen wurden, werden dazu in Beziehung gesetzt, um die Veränderungen der Einstellungen in einen kausalen Zusammenhang mit der jeweiligen konkreten Zeitgeschichte zu setzen. Dabei


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muß sowohl das Lebensalter der Befragten zum Zeitpunkt der Befragung berücksichtigt werden, sowie auch die Tatsache, daß die situativen Begleitumstände während des Befragungszeitpunktes die Werte und Einstellungen beeinflußt haben können.
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