Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

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Kapitel 5. Wertvorstellungen von Eltern der verschiedenen Geburtsjahrgänge

Erziehungsziele existieren nicht im luftleeren Raum, sondern sind immer in einen sozialen Zusammenhang eingebunden, aus dem heraus sich ihre Ausprägungen verstehen lassen. Dieser Zusammenhang (oder auch Kontext) besteht aus zwei Aspekten, über deren Wirkungsweise man verhältnismäßig wenig weiß. Ein Aspekt umfaßt die objektiven Bedingungen und die damit verbundene Funktionsweise der Individuen in der Gesellschaftsstruktur. Der andere Aspekt berücksichtigt das Werte- und Normengefüge der Gesellschaft. Dazu gehören Vorstellungen über die Erziehung von Kindern ebenso wie Vorstellungen über Individualität und Unterordnung.

Die Tatsache, daß sich strukturelle Bedingungen auf die spezifische Auswahl von Wertorientierungen und indirekt auch auf die Erziehungseinstellungen auswirken, hat, wie bereits mehrfach erwähnt, Melvin Kohn (1969, 1981) als erster hervorgehoben.

Er hat als erster ein Konzept für Einstellungen zur Erziehung von Kindern und zu Einstellungen zum Beruf entwickelt. Dabei ging er davon aus, daß die Berufseinstellungen einem ähnlichen Muster folgen wie die Erziehungsvorstellungen, d.h. daß die Lebenserfahrung, die man in Schule und Beruf sammelt, ganz wesentlich die Einstellungen zu den Eigenschaften die man bei seinen Kindern für wünschenswert erachtet, beeinflußt.

Als Ergebnis der von Kohn durchgeführten Faktorenanalysen zu beruflichen Orientierungen und Erziehungseinstellungen von Vätern entstehen jeweils zwei Faktoren.

Der erste Faktor, der Autonomie und Selbständigkeit in der beruflichen Arbeit betont, wird bei Kohn präsentiert durch die Selbständigkeit in der Arbeit, die Interessantheit der Tätigkeit und den Kontakt, den man dadurch zu anderen Menschen hat. Dieser Faktor wurde von ihm in seinen früheren Studien (1969) als intrinsische Orientierungen benannt, während er später (1981) stärker die Selbständigkeit betonte.

Die zweite Dimension erfaßt dann stärker solche Items wie ein hohes Einkommen zu haben, eine sichere Berufsstellung, Arbeitsplatzsicherheit sowie genügend Zeit für andere Aufgaben und repräsentiert damit die extrinsischen Einstellungen.

Ähnlich lassen sich die Einstellungen zur Erziehung ordnen. Dabei unterscheidet er wieder zwei Dimensionen: die Selbstbestimmung und Anpassung. Der Faktor Selbstbestimmung definiert sich aus dem Interesse an der Umwelt, Rücksichtnahme, Selbstkontrolle und Verantwortung.

Für Anpassung stehen die Items Ordentlichkeit, Umgangsformen, ein guter Schüler zu sein sowie Gehorsam ( vgl. Kohn, 1981).


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Hans Bertram hat bei den Befragungen des Deutschen Jugendinstitutes in München, die auch hier verwendet werden, maßgeblich dazu beigetragen, daß dort Items<16> abgefragt wurden, die an den Items von Kohn für die Berufsorientierungen und elterlichen Erziehungsvorstellungen angelehnt sind.

Bertram hat in seinen Studien (1991,1992) jeweils drei Faktoren zu den elterlichen Wertvorstellungen und Berufsorientierungen extrahiert. Er bezeichnet die elterlichen Erziehungsziele als ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ <17>, ”Erziehung zur Selbständigkeit“<18> und ”Erziehung zu kooperativem Individualismus“<19>. Mit dem Faktor ”Kooperativer Individualismus“ soll deutlich gemacht werden, daß es eine Art von Individualismus gibt, der die Beziehung zu anderen, das Verständnis für andere, sowie Verantwortungsbewußtsein beinhaltet. Der Faktor ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ spiegelt ein Einstellungsyndrom wider, das Eigenschaften in der Erziehung der Kinder präferiert, wie sie für den autoritären Charakter kennzeichnend waren (siehe Kapitel 2.1.). Dazu gehören u.a. Pflichtbewußtsein, Fleiß und Gehorsam. Der ”Faktor ”Erziehung zur Selbständigkeit“ betont stärker die Autonomie der Kinder als Erziehungsziel, wie es sich in der Bedeutung der Items Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen und Selbständigkeit dokumentiert.

Die Arbeitsorientierungen bezeichnet er als ”extrinsische Orientierungen“<20>, ”Karriereorientierung“<21> und ähnlich wie im Bereich der Erziehungseinstellungen heißt


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der dritte Faktor ”Orientierung Kooperation“<22>. Dabei stehen die extrinsischen Orientierungen vorrangig für Freizeit-Orientierungen. Die Karriereorientierungen sind Ausdruck von Einstellungen, die sich an Items wie gute Aufstiegsmöglichkeiten, ein hohes Einkommen, einem geachteten Beruf und eine sichere Berufsstellung orientieren. Der Faktor ”Orientierung Kooperation“ erfaßt dagegen eher die intrinsischen Einstellungen, wie Selbständigkeit in der Arbeit, eine interessante Aufgabe zu haben, einen Beruf zu haben, der für die Gesellschaft wichtig ist, und der Kontakt zu anderen Menschen eröffnet.

5.1. Explorative Dimensionierung elterlicher Erziehungseinstellungen und Arbeitsorientierungen

Als Ergebnis der von uns durchgeführten Faktoranalysen, mittels Hauptkomponentenanalyse und anschließender Varimax-Rotation ließen sich ebenso wie bei Bertram jeweils drei Dimensionen voneinander unterscheiden.<23>.

In den Ergebnissen der Faktorenanalysen, die für jede Altersgruppe einzeln und in den Altersgruppen der 1937-46 und 1957-66 Geborenen auch nach Ost- und Westdeutschland getrennt berechnet wurden, zeigt sich eine deutliche Stabilität in den Items die in den einzelnen Faktoren laden. Bei allen Altersgruppen lädt jedoch bei dem Faktor ”kooperativer Individualismus“ in den Erziehungseinstellungen ein Item zusätzlich, daß in den Beschreibungen von Bertram nicht auftaucht: Kritikfähigkeit. Dieses Item steht jedoch nicht im Widerspruch zu der Argumentation von Bertram, daß die Items die in diesem Faktor laden, Ausdruck eines Individualismus sind, ”der sich seiner Verantwortung gegenüber anderen bewußt ist [...]“ (Bertram, 1991 S.438).

Trotz der generellen Übereinstimmung gibt es einige Verschiebungen, die deutlich machen, daß sich einzelne Items in der Bedeutung zwischen den Altersgruppen geändert haben. Ebenso zeigen sich Unterschiede zwischen den Ost- und Westaltersgruppen. So haben Umgangsformen in der Gruppe der 1957-66 in der DDR Geborenen keine Bedeutung mehr für die Erziehung zur Selbständigkeit. In derselben Altersgruppe der in BRD Geborenen haben in diesem Faktor die Schulleistungen an Bedeutung verloren. Das gilt auch für den Geburtsjahrgang 1937-46 aus der DDR. Hier haben jedoch


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Verantwortungsbewußtsein und Kritikfähigkeit eine Bedeutung, die sonst für den Faktor ”kooperativer Individualismus“ repräsentativ sind.

Der Faktor ”Pflicht und Leistung“ scheint von allen Faktoren am stabilsten zu sein, hier machen nur die 1917-26 Geborenen eine Ausnahme, für die Umgangsformen in diesem Zusammenhang unbedeutend sind. Die 1937-46 Geborenen aus der DDR, erwarten neben Pflichtbewußtsein, Fleiß und Gehorsam gleichzeitig Verständnis von ihren Kindern.

Für die 1937-46 Geborenen, die in der DDR lebten, ist der Faktor ”kooperativer Individualismus“ schwer zu interpretieren, da neben Verständnis und Kritikfähigkeit auch die Items Gehorsam, Schulleistung und Umgangsformen, die keine Form von Individualismus repräsentieren, sondern eher den Faktor ”Anpassung“, wie ihn Kohn bezeichnet, bzw. ”Pflicht und Leistung“ wie er von Bertram genannt wird, mitladen. Man könnte vermuten, daß Formen eines eigenen Individualismus in dieser Altersgruppe in der DDR in der Zeit ihrer Jugendphase (von 1952 bis 1971) nicht als Wert existierten. Diese Vermutung verstärkt sich, wenn man an die Beschreibung dieser Zeit im Kapitel ”Generationen in ihrem historischen Kontext“ zurückdenkt. ”Arbeitsamkeit und Bescheidenheit“ wurden zu politisch propagierten Staatstugenden. Aus Arbeitsamkeit und Bedürfnislosigkeit/Bescheidenheit wird die neue Gemeinschaft geboren, als eine solidarische Gemeinschaft von sozial Gleichgestellten.[...] Es gab auch in diesen Jahrgängen die starke Motivation einer Aufbruchsgeneration mit einem nachhaltigen Aufbauerlebnis, das von hohem Idealismus geprägt war[...].“

In den Jahrgängen der 1937-46 Geborenen aus der BRD und 1957-66 Geborenen aus der DDR sind Pflichtbewußtsein und Selbstvertrauen, die auch in den anderen Altersgruppen schwächer ausgeprägt sind, bedeutungslos.

Bei den Arbeitsorientierungen gibt es eigentlich nur einen Unterschied. Das Item ”gesunde Arbeitsbedingungen“ lädt in den DDR-Jahrgängen jeweils in dem Faktor ”Karriereorientierungen“ und in den BRD-Jahrgängen ebenso wie bei dem Jahrgang der 1917-26 Geborenen im Faktor ”Extrinsische Orientierungen“.

5.2.1. Vergleiche zwischen den Faktorstrukturen der einzelnen Altersgruppen

Um der Frage nach der Veränderung der Einstellungsstruktur zwischen den Altersgruppen weiter nachzugehen, habe ich mir die Mittelwerte der Items, die die Faktoren ”Pflicht und Leistung“, ”Selbständigkeit“ und ”Kooperativer Individualismus“ bilden, angesehen.


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Bei dem Faktor ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ werden die drei Items Pflicht, Gehorsam und Fleiß bei der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen nicht nur am höchsten eingestuft, sondern diese Altersgruppe ist in ihrem Urteil relativ homogen, d.h. hier findet sich die geringste Streuung. Die inhomogenste Gruppe ist die Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der DDR. Hier wird Pflichtbewußtsein verhältnismäßig hoch bewertet, auch Fleiß, während Gehorsam sehr viel weiter unten auf der Skala eingestuft wird. Trotz der abnehmenden Tendenz des Items Pflichtbewußtsein, wird dieses in allen Altersgruppen relativ hoch eingeschätzt.

Bei der Erziehung zur Selbständigkeit ist ebenfalls die Gruppe der 1917-26 Geborenen die homogenste Gruppe. Ansonsten scheinen die Unterschiede nicht besonders signifikant zu sein. Durchsetzungsvermögen wird in den DDR-Jahrgängen weniger wichtig eingestuft als in den in den anderen Jahrgängen.

Für das Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ kann man feststellen, daß in allen Gruppen eine relativ gleichmäßige Verteilung zu sehen ist. Kritikfähigkeit wird in allen Gruppen nicht ganz so hoch bewertet wie Verantwortungsbewußtsein und Verständnis.

Die Mittelwerte der Items, die in den Faktoren für die jeweilige Altersgruppe laden, sagen jedoch nichts über die Stärke und die Art des Zusammenhangs zwischen der abhängigen Variable, in unserem Fall dem Faktor, und den unabhängigen Variablen, d.h. den ladenden Items aus. Aus diesem Grunde wurde für die einzelnen Faktoren und Altersgruppen eine schrittweise Regressionsanalyse gerechnet. Dabei werden die unabhängigen Variablen mit dem jeweils höchsten partiellen Korrelationskoeffizienten mit der abhängigen Variable in die Gleichung aufgenommen und das ”R Square“ für die erklärte Varianz ausgegeben (siehe Anhang 1.2). Für den Faktor ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ zeigt in allen Altersgruppen - mit Ausnahme der 1937-46 in der DDR Geborenen - das Item Gehorsam die höchste Korrelation, vor Fleiß und Pflichtbewußtsein. Es kann somit davon ausgegangen werden, daß dieser Faktor autoritär orientierte Erziehungsvorstellungen ausdrückt. In dem Jahrgang der 1937-46 in der DDR Geborenen steht Gehorsam jedoch erst an vierter Stelle und erklärt nur 3% des Faktors. Hier hat Pflichtbewußtsein die höchste partielle Korrelation aufzuweisen und danach kommt Fleiß und Verständnis. Die Bedeutung von Pflichtbewußtsein und Fleiß in dieser Altersgruppe aus der DDR hängt möglicherweise mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen, in der diese Werte in der Aufbauphase der DDR auch als gesellschaftliche Werte propagiert wurden und somit sowohl in als auch außerhalb der Familie einen hohen, gesellschaftlich erstrebenswerten Wert darstellten.

Bei dem Faktor ”Erziehung zur Selbständigkeit“ finden man in der Altersgruppe der 1937-46 in der BRD Geborenen und den 1957-66 in der DDR Geborenen die gleiche


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Reihenfolge in der Korrelation der Items mit dem Faktor. Hier stehen an erster Stelle Durchsetzungsfähigkeit und Selbstvertrauen vor Selbständigkeit und guten Schulleistungen. In der jüngsten Altersgruppe aus der BRD steht ebenfalls die Durchsetzungsfähigkeit an erster Stelle, gefolgt von Selbständigkeit, Selbstvertrauen und guten Umgangsformen. In der mittleren Generation aus der DDR ist es zuerst das Selbstvertrauen, das mit dem Faktor hoch korreliert, dann folgen Durchsetzungsfähigkeit, Selbständigkeit und Verantwortungsbewußtsein, was in diesem Falle ein Item in der Dimension Erziehung zur Selbständigkeit darstellt, jedoch keinen Widerspruch zur Selbständigkeit darstellt.

In der ältesten Altersgruppe korreliert die Selbständigkeit am höchsten, vor dem Selbstvertrauen, den guten Schulleistungen, der Durchsetzungsfähigkeit und den Umgangsformen.

Durchsetzungsfähigkeit ist ein Item, daß vor allem in den mittleren und jüngsten Generationen eine höhere Bedeutung gewonnen hat. Dieses Item steht vermutlich in einem starken Zusammenhang mit dem Wunsch der Eltern, daß die Kinder lernen sollen, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Fähigkeiten voll zu entfalten, sich nicht von anderen bestimmen zu lassen. Dies betrifft vor allem die Altersgruppe der 1937-46 in der BRD Geborenen und die Altersgruppe der 1957-66 in der DDR Geborenen.

Beim Faktor ”Erziehung zum kooperativen Individualismus“ zeigen sich keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Altersgruppen, mit der bereits kommentierten Ausnahme der Altersgruppe der 1937-46 in der DDR Geborenen, wo der Faktor keine eindeutig zu interpretierende Dimension darstellt.

Fassen wir bis hierher zusammen. Die Antwortmuster der verschiedenen Altersgruppen sind in allen Faktoren stabil. Eine Ausnahme macht nur der Jahrgang 1937-46 aus der DDR, der keinen eindeutigen kooperativen Individualismus in den Erziehungszielen zeigte. Man kann weiterhin festhalten, daß für alle anderen Jahrgänge nicht nur drei Faktoren klar zu unterscheiden sind, sondern daß auch in allen Altersgruppen die gleichen wichtigen Items laden.

Es zeigt sich jedoch eine unterschiedliche Bedeutung der Faktoren zwischen den Altersgruppen ebenso wie zwischen Ost und West, die eine geringere Korrelation mit den jeweiligen Items aufweisen, wie z.B. gute Schulleistungen oder Umgangsformen. Die größten Unterschiede finden sich bei den Pflicht- und Leistungsitems zwischen den Altersgruppen, während sich die Faktoren ”Selbständigkeit“ und ”Kooperativer Individualismus“ nicht wesentlich in den Altersgruppen unterscheiden. Noch deutlicher als bei den Mittelwerten der Items, die die Faktoren ”Pflicht und Leistung“,


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”Selbständigkeit“ und ”Kooperativer Individualismus“ bilden, bestätigen sich diese Aussagen, wenn man die Mittelwerte der Faktoren<24> miteinander vergleicht.

Hier sieht man einen Anstieg des Faktors ”Pflicht und Leistung“ in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der BRD und erst danach einen Abfall der Bedeutung dieses Faktors. In den Altersgruppen aus der ehemaligen DDR hingegen liegt die Bedeutung dieses Faktors insgesamt etwas tiefer als in den anderen Altersgruppen und zeigt keinen Unterschied zwischen den 1937-46 Geborenen und den 1957-66 Geborenen. (Grafik 1)

Ansonsten zeigt sich bei den anderen Faktoren eine relative Stabilität zwischen den Altersgruppen, was vor allem bei dem Faktor ”Erziehung zur Selbständigkeit“ (Grafik 2) überrascht, da Klages (1995) erklärte, daß es einen ”tief einschneidenden Wandel in den Erziehungswerten der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland etwa seit Mitte der 60er Jahre (gegeben hat M.H.). Insbesondere muß auffallen, daß die Zahl derer, die das moderne Erziehungsziel ”Selbständigkeit und freier Wille“ als vorrangig wichtig ansehen, dramatisch zugenommen hat, während umgekehrt die Bejaher des traditionellen Erziehungsziels ”Gehorsam und Unterordnung“ in eine fast schon randständige Minderheitsposition geraten sind“ (Klages, 1995 S.2). Diese Aussagen bestätigen sich in unseren Ergebnissen nicht, eher zeigt sich eine ausgesprochene Stabilität in den Erziehungswerten. Allerdings muß eingeräumt werden, daß solche retrospektiven Betrachtungen immer mit berücksichtigen müssen, daß die Angaben, der Eltern unter dem Einfluß der konkreten Forderungen des Tages und der gegenwärtigen Strukturen stehen.

Betrachtet man die Faktoren differenziert nach dem Geschlecht der Eltern so zeigen sich hier keine signifikanten Unterschiede (vgl.Grafik 3, 4, 5).

Mit einer Varianzanalyse wurde der Einfluß des Geschlechts auf die Faktoren berechnet. In der Regel lag die erklärte Varianz unter einem Prozent. Die höchste erklärte Varianz fand ich beim Faktor ”kooperativer Individualismus“ in den DDR-Jahrgängen. Bei dem Jahrgang der 1937-46 Geborenen, lag die Varianz bei R2 .014 und bei den 1957-66 Geborenen bei R2 .024.

Mütter und Väter haben relativ ähnliche Erziehungsvorstellungen. Die homogensten Eltern finden sich in der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen, wo die Mütter alle Faktoren etwas höher einstufen als die Männer. Bei den Jahrgängen aus der BRD sind es ebenfalls die Mütter, die die Werte etwas höher einstufen als die Männer, bis auf die 1957-66 Geborenen, hier betonen die Väter die Pflicht und Leistungswerte etwas höher als die Frauen.


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Für die Jahrgänge der DDR zeigt sich bei den Einstellungen zu ”Pflicht und Leistung“, daß Väter diesen Faktor insgesamt höher bewerten als die Mütter, wobei in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen die Einstellungen zwischen den beiden Geschlechtern etwas homogener sind als in der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen, die in etwa der Altersgruppe aus der BRD ähneln. Die Erziehung zur Selbständigkeit wird von allen Müttern höher bewertet als von den Vätern, wobei die Eltern in den DDR-Altersgruppen insgesamt ein homogeneres Bild zeigen als die Altersgruppen aus der Bundesrepublik. Beim Faktor ”Kooperativer Individualismus“ finden wir zunächst eine deutliche Inhomogenität zwischen den Geschlechtern in den DDR-Jahrgängen. Während die Väter in der mittleren Altersgruppe aus der DDR einen Anstieg in der Bedeutung des Faktors gegenüber der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen zeigen, nimmt der Faktor bei den Müttern dieser Altersgruppe in der Bedeutung ab, in der jüngsten Altersgruppe, verkehrt sich dann das Bild vollkommen. Die Ergebnisse bei der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der DDR sind allerdings mit viel Vorsicht zu betrachten, da der Faktor, wie bereits bei den Ergebnissen der Faktoranalyse beschrieben, keine eindeutig zu interpretierende Dimension bildet.

Auch bei den Arbeitsorientierungen der Eltern zeigten sich zwischen den einzelnen Generationen sowie Ost- und Westdeutschland einige Unterschiede, die in einem engen Zusammenhang mit den zeitlichen Veränderungen zwischen den jeweiligen Altersgruppen zu stehen scheinen.

Die schrittweise Regressionsanalyse für den Faktor ”Orientierung Karriere“ zeigt, daß das Item ”ein hohes Einkommen zu haben“ in allen Altersgruppen, mit Ausnahme der 1937-46 Geborenen aus der BRD, an erster Stelle korreliert. Gefolgt von den ”guten Aufstiegsmöglichkeiten“ steht dann in den beiden Altersgruppen aus der BRD und den 1937-46 Geborenen aus der DDR der ”geachtete Beruf“ vor der ”sicheren Berufsstellung“. In der ältesten Altersgruppe und in der jüngsten Altersgruppe aus der DDR steht an dritter Stelle die ”sichere Berufsstellung“, die gerade noch 5% der Varianz erklärt.

Betrachtet man die Mittelwerte des Faktors (Grafik 8) so sieht man im Altersgruppen- vergleich ein leichte Zunahme dieser Werte in der Altersgruppe der 1937-46 in der BRD Geborenen und danach eine Abnahme der Bedeutung des Faktors in der jüngsten Altersgruppe in der BRD. Diese Abnahme könnte einerseits Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft sein, in der solche Werte so gesichert waren, daß sie keine hohe Bedeutung mehr hatten. Andererseits könnte sie damit im Zusammenhang stehen, daß die Aufstiegsmöglichkeiten gerade in dieser Altersgruppe aufgrund der geburtenstarken


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Jahrgänge stark eingeschränkt waren. In der jüngsten Altersgruppe in der DDR findet sich eine leichte Zunahme in der Bedeutung des Faktors, die möglicherweise mit dem Zeitpunkt der Befragung Ende 1990 kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung zusammenhängt, und Ausdruck der Unsicherheiten in dieser Zeit sind.

Die Zunahme der extrinsischen Orientierungen in allen Altersgruppen deckt sich mit den Ergebnissen von Peter Pawlowsky (1985) (Vgl. Grafik 7). Er kommt in seinen Untersuchungen zu dem Schluß, daß die Erwerbsarbeit nicht generell schlechter geworden ist, aber die Freizeit an Bedeutung gewonnen hat. Der Werte- und Anspruchswandel, so Pawlowsky, konnte von den Menschen nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub besser realisiert werden, als in den eingefahrenen Strukturen der Arbeitswelt (vgl. Pawlowsky 1985). In der schrittweisen Regressionsanalyse für diesen Faktor (Anlage 1.2) finden wir einen Unterschied in den Korrelationen zwischen den Altersgruppen aus der BRD und denen aus der DDR. In den Altersgruppen der 1917-26 Geborenen und beiden Altersgruppen aus der BRD erklärt das Items ”Zeit für die Familie zu haben“ 57-58% der Varianz, danach folgt ”mehr Freizeit“ mit rund 20% und ”gesunde Arbeitsbedingungen“ mit 1-4% erklärter Varianz. In den DDR-Altersgruppen korreliert in beiden Altersgruppen die ”Freizeit“ an erster Stelle mit einer Varianzaufklärung von 70% und dann kommt ”Zeit für die Familie“ mit einer Varianzaufklärung von 19%. Die hohe Bedeutung von ”mehr Freizeit haben zu wollen“, steht möglicherweise damit in Zusammenhang, daß die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der DDR 43,75 Stunden betrug und Freizeit sowieso schon knapp war. Darüber hinaus war die DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik eine Mangelgesellschaft. In der Bundesrepublik konnte man in der Freizeit die zur Verfügung stehenden Freizeitangebote nutzen. In der DDR wurde in der Freizeit der Mangel kompensiert, indem man in den Schlangen an den Geschäften stand, oder handwerkliche und instand setzende Arbeiten in die Familie und die Freizeit verlagerte.

Die Mittelwerte der Items, die den Faktor ”Orientierung Kooperation“ bilden, zeigen zwar keine Zunahme wie sie von Pawlowsky beschrieben wird, aber eine relativ gleich hohe Bedeutung der Items: ”selbständige Arbeit“, ”interessante Aufgabe“ und ”Kontaktmöglichkeit“ in allen Altersgruppen.

Betrachtet man die Mittelwerte des Faktors ”Orientierung Kooperation“ (vgl.. Grafik 6) zeigt sich sogar bei den jüngsten Altersgruppen in Ost und West ein Abnahme gegenüber den mittleren Altersgruppen. Die Bedeutungszunahme dieser Werte fand in den fünfziger und sechziger Jahren statt, während die Bedeutungszunahme der Freizeitpräferenzen eher, zumindest in unseren Ergebnissen in den siebziger und achtziger Jahren, stattfanden. Diese Ergebnisse können jedoch ein Resultat des Lebensalters der Befragten sein.


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Die Ergebnisse der schrittweisen Regressionsanalyse zeigen, daß in der ältesten Altersgruppe die ”Kontaktmöglichkeiten“ am höchsten korrelieren, gefolgt von ”einer interessante Aufgabe“, ”eine Bedeutung für die Gesellschaft“ und ”selbständig Arbeiten“. Diese Korrelationen scheinen im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt der Befragung 1993 zu stehen, da die Befragten zu diesem Zeitpunkt zwischen 67 und 76 Jahre alt und die meisten von ihnen bereits in Rente waren. So sind diese Orientierungen wahrscheinlich eher Ausdruck ihrer damaligen Wünsche und stehen im Zusammenhang mit dem Lebensalter der Befragten 1993.

Bei den 1937-46 Geborenen aus der BRD korrelieren am höchsten die ”Kontaktmöglichkeiten“. Dann folgen ”selbständiges Arbeiten“, ”eine interessante Aufgabe“ und ”eine Bedeutung für die Gesellschaft“. In der jüngsten Altersgruppe aus der BRD findet sich an erster Stelle das ”selbständige Arbeiten“, dann folgen die ”Kontaktmöglichkeiten“, ”die Bedeutung für die Gesellschaft“ und an letzter Stelle ”eine interessante Aufgabe“.

In den DDR-Altersgruppen korreliert das ”selbständige Arbeiten“ am höchsten. In der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen folgen dann ”eine interessante Aufgabe zu haben“, die ”Kontaktmöglichkeiten“ und ”die Bedeutung für die Gesellschaft“. In der jüngsten Altersgruppe aus der DDR steht an zweiter Stelle ”die Bedeutung für die Gesellschaft“, es folgen ”eine interessante Aufgabe“ und die ”Kontaktmöglichkeiten“.

5.3.1. Zusammenhang von Arbeitsorientierungen und Erziehungs-einstellungen

Bevor die Einstellungen differenzierter weiter untersucht werden, haben ich mit Hilfe einer multiplen Klassifikationsanalyse (MCA) den Einfluß der Berufsorientierungen auf die Erziehungseinstellungen überprüft, und zwar unabhängig von anderen strukturellen Faktoren, um damit der Frage nachzugehen, ob es einen generellen Zusammenhang zwischen Berufsorientierungen und Erziehungsvorstellungen gibt. Dabei zeigte sich in allen Altersgruppen das gleiche Ergebnis. Diejenigen Eltern, die die Beruforientierung ”Karriere“, d.h. eine sichere Berufsstellung, gute Aufstiegsmöglichkeiten, hohes Einkommen hoch bewerten, bewerten auch die autoritären Erziehungsziele deutlich höher. Eltern, die sich im Beruf eher an ”intrinsischen“ Werten, wie eine interessante Aufgabe, selbständiges Arbeiten und Kontaktmöglichkeiten (Faktor Kooperation) orientieren, bewerten die autoritären Erziehungsziele geringer. Der Haupteinfluß, auf den Faktor ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“, liegt bei der Karriereorientierung und erklärt für die Altersgruppe 1917-26 Geborenen .20, bei den mittleren Jahrgängen 1937-46 unabhängig von Ost und West .29 und in den jüngsten Altersgruppen 1957-66 in der Altersgruppe aus der BRD .38 sowie bei der Altersgruppe aus der DDR .31. Die


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Varianzaufklärung durch die Arbeitsorientierungen auf das Erziehungsziel ”Pflicht und Leistung“ liegt bei den 1917-26 Geborenen bei 5%, bei den 1937-46 Geborenen aus Ost und West jeweils bei ca. 10% und bei den 1957-66 Geborenen aus der BRD bei 17% und bei der Altersguppe aus der DDR bei 13%. Es zeigt sich bei diesem Ergebnis, daß einerseits der Einfluß der Berufsorientierungen, insbesondere der Orientierungen, die stärker äußere Umstände betonen, an Einfluß auf das autoritären Erziehungsziel zugenommen haben und daß es andererseits einen signifikanten Zusammenhang zwischen Orientierung an äußeren Umständen und autoritären Erziehungszielen gibt.

Weiterhin zeigte sich in allen Altersgruppen, daß die Eltern, die intrinsische Orientierungen im Beruf hoch bewerten auch die Erziehung zur Selbständigkeit als Erziehungsziel für wichtig halten, während die Eltern, die die Karriereorientierungen stärker betonen, dieses Erziehungsziel weitaus geringer bewerten. Aber auch die Eltern, die, die extrinsischen Orientierungen, wie viel Freizeit zu haben und Zeit für die Familie, hoch bewerten, finden Erziehung zu Selbständigkeit wichtig. Eine Ausnahme macht nur die Altersgruppe aus der DDR, die 1957-66 Geborenen. Hier ist der Einfluß hauptsächlich auf die intrinsischen Orientierungen zurückzuführen. Der Eta und Beta-Wert liegt bei .15 und die erklärte Varianz bei 3%. Bei der mittleren Altersgruppe aus der DDR liegt der Eta Wert bei .13 und der Beta-Wert bei .14, d.h. hier gibt es einen leichten Einfluß durch die extrinsischen Orientierungen. Die Varianzaufklärung liegt auch bei 3%. In den DDR Altersgruppen wird die Erziehung zur Selbständigkeit als Erziehungsziel in nur sehr geringem Maße durch die beruflichen Orientierungen beeinflußt. Bei der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen und den 1937-46 Geborenen aus der BRD finden wir relativ ähnliche Ergebnisse. Bei den 1917-26 Geborenen beträgt der Eta-Wert bei den intrinsischen Orientierungen .20 und der Beta-Wert .19, d.h. auch hier finden wir die Wechselwirkung mit den extrinsischen Orientierungen. Die Varianzaufklärung beträgt 8%. Die Altersgruppe 1937-46 aus der BRD weist einen Eta-Wert von .21 und einen Beta-Wert von .19 auf. Die erklärte Varianz liegt bei 7%. In der jüngsten Altersgruppe aus der BRD finden wir ebenfalls das gleiche Ergebnis, allerdings liegt der Eta-Wert für die intrinsischen Werte deutlich höher bei .25 und der Beta-Wert bei .23. Die erklärte Varianz liegt bei 10%. Bei den beiden Altersgruppen aus der BRD finden wir im Gegensatz zu den Altersgruppen aus der DDR eine Zunahme des Einflusses der intrinsischen Orientierungen auf das Erziehungsziel ”Erziehung zur Selbständigkeit“.

Das dritte Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ wird ebenfalls stärker von den Eltern betont, die intrinsische Werte in der Arbeit wichtig finden und von den Eltern als weniger wichtig bewertet, die Karriereorientierungen hoch einstufen. Vor allem die beiden jüngsten Altersgruppen aus Ost- und West zeigen hier einen signifikanten Zusammenhang zwischen diesem Erziehungsziel und der beruflichen Orientierung Kooperation. In der DDR-Altersguppe finden wir einen Eta-Wert von .26, der Beta-Wert liegt bei .28. Die erklärte Varianz liegt bei 10%. In der Altersgruppe aus der BRD liegt


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der Eta- und Beta- Wert bei .23 und die Varianzaufklärung beträgt 7%. In den anderen Altersgruppen gibt es zwar ebenfalls einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Erziehungsziel ”Kooperativer Individualismus“ und ”Orientierung Kooperation“, aber die erklärte Varianz liegt hier bei gerade 2%, d.h. der Einfluß dieser Berufsorientierungen auf die Erziehung zur bewußten Verantworung gegenüber anderen ist kaum signifikant.


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Abbildung 1

Abbildung 2


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Abbildung 3

Abbildung 4


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Abbildung 5

Abbildung 6


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Abbildung 7

Abbildung 8


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5.4. Wertewandel zwischen den Altersgruppen (Postmaterialismus-Index von Ronald Inglehart)

Wie bereits in Kapitel 2 vorgeschlagen, werden wir an dieser Stelle das Wertewandel-Theorem von Inglehart (1983) überprüfen. Er vertritt die These, daß sich die Wertvorstellungen in den westlichen Gesellschaften und Amerika signifikant verschoben haben. Stand früher materielles Wohlergehen und physische Sicherheit im Vordergrund, so gewinnt heute Lebensqualität mehr und mehr an Bedeutung. Die Prioritäten hätten sich vom Materialismus zum Postmaterialismus verschoben. Diese Verschiebung führt Inglehart u.a. darauf zurück, daß nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschen vor allem in Westeuropa ökonomische und physische Sicherheit in einem Ausmaß erlebt hätten, wie sie sie bis dahin nicht kannten. Die jüngeren Generationen, die in ihrer Sozialisationsphase in dieser Sicherheit groß geworden seien, würden mit traditionellen Wertvorstellungen und Normen der älteren Generationen brechen. Inglehart sieht als Folge dieser längerfristigen wirtschaftlichen Sicherheit einen intergenerationellen Wandel voraus. Obwohl dieser Index heftig kritisiert (Herz 1988; Klages/Kmieciak 1979) wurde, konnte Inglehart zeigen, daß die Veränderungen der Werte und Einstellungen die er mit diesem Index in seinen Studien gemessen hat, einher gehen mit anderen strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft.

In den von uns untersuchten Befragungen wurden jeweils vier Einzelfragen gestellt, die sich auf das Wertwandel-Theorem von Inglehart beziehen. Gefragt wurde nach der Bedeutung der Werte ”Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Lande“, ”mehr Einfluß der Bürger auf Entscheidungen der Regierung“, ”Kampf gegen steigende Preise“ und ”Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung“. Jeder Befragte konnte die vier Werte miteinander vergleichen und jeweils antworten, ob er den entsprechenden Wert für ”am wichtigsten“, ”am zweitwichtigsten“, ”am drittwichtigsten“ oder ”am ”viertwichtigsten“ hielt.

Die Items ”Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Lande“ und ”Kampf gegen steigende Preise“ stehen nach Inglehart für materialistische Orientierungen und die Items ”mehr Einfluß der Bürger auf Entscheidungen der Regierung“ und ”Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung“ für postmaterialistische. In seinen zahlreichen Studien hat Inglehart diese vier Items zu einer 4er-Skala bzw. einem Index kombiniert. Dabei dienten die Items, die als materialistische Orientierungen gekennzeichnet wurden, zur Bestimmung der Materialisten und die postmaterialistischen Items zur Bestimmung der Postmaterialisten. Je nach Kombination der Antworten stufte er die Befragten ein als

Der von Inglehart postulierte kulturelle Wandel kann eigentlich nur in einer Langzeitperspektive erfaßt werden, d.h. durch eine Überprüfung von Zeitreihen.

Vergleichen wir nun die verschiedenen Altersgruppen aus unseren Befragungen so zeigt sich die These von Inglehart<25> insofern bestätigt, daß die materialistischen Orientierungen abnehmen von 33 Prozent bei der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen auf 15 Prozent bei den 1937-46 aus der BRD und 20 Prozent bei der gleichen Altersgruppe aus der DDR und auf 9 Prozent bei der jüngsten Altersgruppe aus der BRD sowie 15 Prozent bei der jüngsten Altersgruppe aus der DDR (vgl. Grafik 9).

In gleichem Maße zeigt sich eine Zunahme der postmaterialistischen Orientierungen von 5 Prozent bei den 1917-26 Geborenen auf 26 Prozent bei der mittleren Altersgruppe aus der BRD und 30 Prozent bei der jüngsten in der BRD geborenen Altersgruppe. In den DDR- Altersgruppen vollzog sich der Anstieg in dem mittleren Geburtsjahrgang auf 18% und bei der jüngsten Altersgruppe zeigt sich ein leichter Abfall auf 16 Prozent. Dieser leichte Abfall könnte in Zusammenhang stehen mit der Entwicklung, die sich in der Jugend- und Erwachsenenphase in dieser Altersgruppe in der DDR der achtziger Jahre vollzog. Während die Altersgruppe der 1937-46 Geborenen in der DDR vom sozialen Aufstieg geprägt war, erlebten die Jugendlichen und jungen Erwachsen der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen ”die Stagnation des Systems, den Niedergang der Wirtschaft, den Zerfall und die Zerstörung der Umwelt sowie die völlige Unfähigkeit des politischen Herrschaftsapparates zu Reformen“ (Fünfter Familienbericht 1994, S.112). Vergleicht man jedoch nicht nur die Altersgruppen sondern auch Ost und West, zeigen sich auch hier Unterschiede. Während in der Bundesrepublik deutliche Differenzen zwischen den Materialisten und Postmaterialisten und ihren Anteilen in den jeweiligen Altersgruppen zu sehen sind, differenziert der Inglehart-Index in der DDR kaum. Hat in der mittleren Altersgruppe eine starke Annäherung zwischen den Materialisten und Postmaterialisten stattgefunden, so gibt es in der jüngsten Altersgruppe keine Unterschiede mehr. In den Altersgruppen aus der BRD ist der Anteil der Postmaterialisten deutlich höher, als der der Materialisten, in der mittleren Altersgruppe aus der DDR ist trotz der Annäherung der Anteil der Materialisten etwas höher als der der Postmaterialisten. In der jüngsten Altersgruppe finden sich gar keine Unterschiede mehr. Inglehart geht davon aus, daß die stärkere Betonung von Selbstverwirklichungs- und individualistischen Orientierungen im wesentlich darauf


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zurückzuführen ist, daß in den westeuropäischen Wohlstandsgesellschaften, insbesondere in den jüngeren Generationen, kaum noch eine Erinnerung bzw. Erfahrung mit ökonomischen Notlagen, wie der Weltwirtschaftskrise, den Krisen der dreißiger Jahre und den ökonomischen Entbehrungen während bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg, vorhanden ist. Die jüngeren Generationen - insbesondere die in den fünfziger und sechziger Jahren Geborenen - sind in Wohlstand aufgewachsen und haben die Erfahrung gemacht, daß sich der Wohlstand mehr oder weniger stetig entwickelt. Dies gilt für die Entwicklungen in Westeuropa. In der jüngsten Altersgruppe in der DDR haben die jungen Leute die Erfahrung des Niedergangs und Verfalls der Wirtschaft gemacht. Sie haben die Stagnation des Systems, die Zerstörung der Umwelt sowie die Unfähigkeit des politischen Herrschaftsapparates zu Reformen erlebt. Die Vorstellung, daß die ökonomischen Grundbedürfnisse befriedigt sein müssen, bevor sich postmaterialistische Orientierungen entwickeln können, ist jener Teil der Thesen von Inglehart ist, der besonders kritisiert wurde (vgl. Klages/Kmieciak 1979). In der DDR konnten zwar die Grundbedürfnisse befriedigt werden, wie das Absinken des Anteils der Materialisten in den jüngsten Altersgruppe zeigt, jedoch haben sich daraus keine stärkeren postmaterialistische Orientierungen entwickelt. Vielleicht sind die postmaterialistischen Orientierungen in den DDR-Altersgruppen bedeutungsloser, weil beide Items, die diese Dimension verkörpern in demokratischen Gesellschaften eher realisierbar sind als in einem Staat wie der DDR, wo Einfluß auf die Regierungsentscheidungen zu nehmen oder das Recht auf freie Meinungsäußerung zu Konflikten mit dem System führen konnten. Insofern würde sich damit einer der Kritikpunkte (Kapitel 2.3.2) an der Standardskala von Inglehart bestätigen. Nämlich, daß mit den angebotenen Präferenzen (”mehr Einfluß der Bürger auf die Entscheidung der Regierung“ und ”Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung“) eher eine allgemeine politische Unzufriedenheit, ebenso wie bestimmte Beteiligungswünsche angesprochen werden, als das damit tatsächlich ”postmaterialistische Werte“ gemessen werden. In diesem Sinne erfaßt die Skala vielmehr das Ausmaß der Offenheit eines politischen Systems bzw. einer Gesellschaft.

Bis zu diesem Punkt der Untersuchung kann man davon ausgehen, daß in unserer Gesellschaft eine Veränderung der Werte stattgefunden hat, die sich in einer verringerten Akzeptanz von Pflicht- und Leistungsorientierungen sowie einer Zunahme individualistischer Werte äußert. Die Differenzen zwischen den Einstellungen sind dabei sowohl auf die Unterschiede in den Altersgruppen als auch die unterschiedlichen Systeme zurückzuführen, wie auch die Auswertung der Faktoranalysen zu den Erziehungseinstellungen und Arbeitsorientierungen zeigt. Weiterhin konnten wir feststellen, daß die Berufsorientierungen Einfluß auf die Erziehungseinstellungen haben und wie dieser Einfluß wirkt. Eltern, die autoritäre Erziehungsziele für wichtig erachten, zeigen auch eine Präferierung von Arbeitsorientierungen, die stärker an äußeren


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Umständen orientiert sind, wie eine sichere Berufsstellung zu haben, ein hohes Einkommen oder gute Aufstiegsmöglichkeiten. Hingegen bewerten Eltern, die sich stärker an intrinsischen Werten in der Arbeitswelt orientieren, wie selbständig zu arbeiten, einen interessante Aufgabe und Kontaktmöglichkeiten zu anderen zu haben, die ”Erziehung zur Selbständigkeit“, aber auch zur Verantwortungsübernahme gegenüber anderen, wie sie das Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ verkörpert, höher.

5.4.1. Inglehartindex und Wertorientierungen nach Altersgruppen

Bei den Erziehungseinstellungen zu Pflicht und Leistung (Grafik10) sehen wir bei den 1917-26 Geborenen, daß die Materialisten deutlich konservativer eingestellt sind, als die Postmaterialisten. Wir finden hier dasselbe Bild, wie bei den Mittelwerten des Faktors zu diesem Erziehungsziel. Das heißt einen Bedeutungszuwachs bei den 1937-46 Geborenen aus der BRD und dann erst eine Abnahme. In den Altersgruppen aus der DDR finden wir kaum Unterschiede. Bei den 1957-66 Geborenen betonen die Postmaterialisten dieses Erziehungsziel etwas höher.

Erziehung zur Selbständigkeit wird in den BRD-Altersgruppen von den Postmaterialisten stärker präferiert (Grafik 11). Bei den Materialisten nimmt die Bedeutung bei den 1937-46 Geborenen erst einmal ab und steigt in den jüngsten Altersgruppen wieder an. Bei den jüngsten Altersgruppen sowohl aus der BRD als auch aus der DDR gibt es eine Tendenz zur Abnahme in der Bedeutung dieses Erziehungsziels bei den Postmaterialisten. Im Vergleich dazu ist bei den Materialisten eine Bedeutungszuwachs zu verzeichnen - in der DDR etwas stärker als in der BRD.

Das Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ hat bei den 1917-26 Geborenen Postmaterialisten den höchsten Wert von allen Altersgruppen. Bei den 1937-46 Geborenen aus der BRD gibt es kaum Unterschiede zwischen den Materialisten und den Postmaterialisten, während bei den 1957-66 Geborenen aus der BRD die Postmaterialisten dieses Erziehungsziel wieder wichtiger einstufen als die Materialisten. Bei der Altersgruppe 1937-46 aus der DDR bewerten die Materialisten ”Erziehung zum kooperativen Individualismus“ deutlich höher als die Postmaterialisten, wobei man hier wieder berücksichtigen muß, daß der Faktor nicht eindeutig als kooperativer Individualismus zu interpretieren war. In der jüngsten Altersgruppe aus der DDR finden wir dann das gleiche Bild wie bei der Altersgruppe aus der BRD , die Postmaterialisten betonen dieses Erziehungsziel weitaus höher als die Materialisten (Grafik 12).


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Auch bei den Arbeitsorientierungen finden wir wieder deutlich Ost-West-Unterschiede. Ebenso trifft das auf die Altersgruppen zu, die auf eine Verschiedenheit in den Sozialisationsbedingungen der jeweiligen Altersgruppe schließen läßt.

Bei den Karriere-Orientierungen (Grafik 13) ist der Anteil der Postmaterialisten deutlich höher als der Anteil der Materialisten. Erst in den mittleren und jüngeren Altersgruppen in der BRD fällt die Bedeutung dieser Arbeitswerte bei den Postmaterialisten. Für die Materialisten gewinnt diese Arbeitsorientierung an Wert. Während bei den 1937-46 Geborenen aus der DDR der Wert bei Postmaterialisten deutlich gegenüber den 1917-26 Geborenen fällt und bei den Materialisten ansteigt, finden wir bei den 1957-66 Geborenen keine Unterschiede zwischen den Materialisten und Postmaterialisten mehr.

Die extrinsischen Orientierungen werden von den Materialisten in allen Altersgruppen höher bewertet als von den Postmaterialisten, mit einer Tendenz des Bedeutungszuwachses dieses Faktors insgesamt (Grafik 14).

Bei den eher intrinsischen Orientierungen (Orientierung Kooperation) hingegen betonen vor allem die Postmaterialisten diese Wertorientierung. Hier zeigt sich jedoch insgesamt eine Bedeutungsabnahme in dem Faktor.(Grafik 15).


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Abbildung 9


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Abbildung 10

Abbildung 11


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Abbildung 12

Abbildung 13


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Abbildung 14

Abbildung 15


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5.5. Elterliche Wertvorstellungen und soziale Schichtung

Um die unterschiedlichen Bedingungen in den Arbeitsanforderungen sowie den Lebenslagen der Eltern berücksichtigen zu können, wird ein Schichtindex benötigt. Dabei lehnen wir uns an die Überlegungen von Melvin Kohn an, der in seinen Studien von der Annahme ausgeht, daß die Wertvorstellungen, Denkweisen und Ansichten über die Gesellschaft, aber auch die Wesensmerkmale der Persönlichkeit eines Menschen und das daraus resultierende Verhalten Bestandteil seiner Stellung in der Sozialstruktur ist. Dabei ist die Sozialstruktur bei Kohn überwiegend durch das Schichtungssystem geprägt.

Das System der sozialen Schichtung wird für ihn durch die hierarchische Verteilung von Macht, Privilegien und Ansehen bestimmt (Kohn 1981, S. 204).

”Die Schichtzugehörigkeit ist für das menschliche Verhalten von Bedeutung, weil sie systematisch unterschiedliche Lebensbedingungen mit sich bringt, welche die Ansichten der Menschen über ihre gesellschaftliche Wirklichkeit tiefgehend beeinflussen. Das Wesen der höheren gesellschaftlichen Position besteht darin, daß die eigenen Entscheidungen und Handlungen durchgesetzt werden können; das Wesen der niedrigeren gesellschaftlichen Position ist, daß man Kräften oder Menschen jenseits der eigenen Kontrolle, oft sogar jenseits des Verstehens, preisgegeben ist“ (Kohn 1981, S.205).

Nach den Analysen von Kohn sind die wichtigsten Dimensionen zur Messung der Auswirkungen der sozialen Schichtung auf die Wertvorstellungen und Orientierungen die berufliche Position und die Ausbildung. Das Einkommen ist weniger bedeutsam und die subjektive Identifikation der Schichtzugehörigkeit ist nach Kohn im wesentlichen unwichtig.

5.5.1. Konzeptuelle Vorüberlegungen zur Bildung eines Schichtindexes

Für die Bildung eines Schichtindexes werden am häufigsten Indizes zur Ermittlung des sozio-ökonomischen Status verwendet. Bei der Ermittlung von Skalen für die Messung des sozio-ökonomischen Status wird unterschieden nach Skalen auf der Basis beruflicher Tätigkeit und auf der Basis der beruflichen Stellung<26>. Eine der bekanntesten Skalen, die ISCO Skala (International Standard Classification of Occupations), wurde unter der Schirmherrschaft des Internationalen Arbeitsamtes (International Labour Organisation: ILO) von einer multinational zusammengesetzten Expertenkommission entwickelt. Es werden 283 Berufsgattungen unterschieden. Eine Berufsgattung nach ISCO ”ist eine


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Gruppe von Berufstätigkeiten, die untereinander durch die Ähnlichkeit der Merkmale der zu ihnen gehörenden Arbeitsverrichtungen verwandt sind“ (Wolf 1995, S.105).

Das heißt, grundlegendes Klassifikationsmerkmal ist die ausgeübte berufliche Tätigkeit. Auf diesem Klassifikationsmodell aufsetzend entwickelten Treiman (Treimans Internationale Berufsprestigeskala ”SIOPS“, 1977 und 1979) und Wegner (Wegner Magnitude-Prestigeskala ”MPS“, 1985) ihre Skalen zur Messung des sozio-ökonomischen Status. Sie verwenden als Ordnungskriterium für die Ordnung von Berufen das soziale Ansehen bzw. die mit dem Beruf verknüpfte Ehre. Bei Treimann erfolgt die Zahl und Art der jeweils bewerteten Berufe sowie die Erfassung der Bewertung beispielsweise als Rangreihe oder durch Mittelwertbildung. Wegner verwendet ein aufwendiges Größenschätzungsverfahren, das der Psychophysik (magnitude-scaling) entstammt. Ausgangspunkt bei ihm waren die Angaben von 4015 Personen hinsichtlich des gesellschaftlichen Ansehens 50 verschiedener Berufe. Der erste Schritt seiner Skalenkonstruktion bestand in der Bestimmung der Prestigewerte der 50 vorgegebenen Berufe auf der Basis der Magnitude-Skalierung. Die Werte der anderen Berufsgruppen bestimmte er unter Rückgriff auf die Berufsprestigeskala von Treiman (1977,1979) und Sørensens (1977, 1979) Statuserwerbsskala.

Eine andere, die ISEI-Skala (Internationale Skala des sozio-ökonomischen Status) mißt nicht das Prestige, sondern den sozio-ökonomischen Status der beruflichen Tätigkeit. Ausgangspunkt für die von Ganzeboom, de Graaf, Treiman und de Leeuw (1992) entwickelte Skala ist die Überlegung, daß jede berufliche Tätigkeit einen bestimmten Bildungsgrad erfordert und durch eine bestimmte Höhe des Arbeitseinkommens entlohnt wird. Sozio-ökonomischen Status definieren sie

”as the intervening variable between education on income that maximizes the indirect effect of education on income and minimizes the direct effect“ (zit. nach Wolf 1995, S.107).

Mit einem iterativen ”optimal scaling“ Verfahren werden ”die Berufsgruppen der ISCO-Klassifikation so skaliert, daß sie die erwähnten Bedingungen erfüllen“ (Wolf 1995, S.107).

Verfahren zur Bestimmung des sozio-ökonomischen Status auf der Basis der beruflichen Stellung finden sich bei Heinrich Tegtmeyer (1976a und 1976b) und Johann Handl (1977). Als Datengrundlage für ihre Skalenkonstruktion verwenden die Genannten die Mikrozensus-Zusatzerhebung von 1971, in der die grobe Klassifikation der ”Stellung im Beruf“<27> verfeinert<28> abgefragt wurde.


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Tegtmeyer entwickelte einmal die Skala des sozio-ökonomischen Status (TSES) und die Skala des Berufsprestiges (TBP). Bei der TSES-Skala ist seine Grundüberlegung, nach dem er die Beziehung zwischen den Merkmalen Geschlecht, Alter, Einkommen, Schulabschluß und Stellung im Beruf betrachtet hat, daß jede berufliche Stellung durch das mit ihr verbundene Qualifikations- und Vergütungsmerkmal gekennzeichnet ist.

Sozialprestige ist für Tegtmeyer die subjektive Wahrnehmung sozialer Schichtung. Daher verwendet er für seine (TBP) Skalenkonstruktion

”keine Urteile über das soziale Ansehen einzelner Berufe, sondern das Urteil über die subjektive Einschätzung der intergenerationalen beruflichen Mobilität“ (Wolf 1995, S.109).

Für die Erstellung der Skala verwendet er drei Indikatoren<29>. Als Ausgangspunkt für die Skalenbildung nimmt Tegtmeyer eine Kreuztabelle zwischen der eigenen beruflichen Stellung und der des Vaters. ”Dabei betrachtet Tegtmeyer einerseits die durchschnittlichen Einschätzungen der eigenen Position im Vergleich zu der des Vaters, andererseits die Differenz zwischen dem Prozentsatz von Personen in jeder Zelle, der die eigene Stellung im Vergleich zur Stellung des Vaters höher einschätzt und dem Prozentsatz von Personen, der die eigene Stellung niedriger einschätzt“ (Wolf 1995, S.109).

Bei Handls Skala (HSES) wird das Merkmal der beruflichen Stellung erweitert. So berücksichtigt er die Bildung und den Wirtschaftszweig, um die Angehörigen freier Berufe von den Selbständigen zu trennen. Weiterhin differenziert er die Angestellten nach solchen im öffentlichen Dienst beschäftigten und solchen in der Privatwirtschaft. Arbeiter unterscheidet er nach Branchen. Es entstehen 34 Kategorien. Zur Konstruktion verwendet er die von Guttman verwendete Methode der kanonischen Skalierung. Diese setzt lediglich nominalskalierte Merkmale voraus. Jede einzelne Kategorie all jener Variablen, die bei einem bestimmten Skalierungslauf berücksichtigt werden, wird so gewichtet, daß die Korrelation zwischen den gewichteten Variablen maximiert wird.

Hans Bertram verwendet in seiner Arbeit über ”Gesellschaftliche und Familiäre Bedingungen moralischen Urteilens“ (1976) zur Ermittlung der sozialen Schicht eine Guttmanskala. Dazu werden die Kriterien ”Schulausbildung des Vaters“, ”Berufsausbildung des Vaters“, ”Berufsposition des Vaters“ und


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”Haushaltsnettoeinkommen“ verwendet, in diesem Falle aber nicht wie üblich, um verschiedene Unterdimensionen der Schichtung zu messen, sondern zur kumulativen Erfassung der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten.

Er kann nachweisen, daß die vier Indikatoren keine austauschbaren Operationalisierungen der gleichen Dimension nachweisen und daß diese Indikatoren auch unterschiedliches messen. Der Reproduzierbarkeitskoeffizient liegt bei ihm bei rrep = .96 und damit bestätigt er die These, daß diese Variablen die ”manifesten, aber unterschiedlichen Aspekte einer latenten Strukturdimension repräsentieren“ (Bertram 1976, S.279).

Der Vorteil des Guttman-Modells besteht darin, daß es sich dabei um ein Wahrscheinlichkeitsmodell handelt, welches auf der Verteilung der Variablen innerhalb der Stichprobe aufsetzt und dadurch auf die Veränderung der Variablenverteilung zu unterschiedlichen Zeitpunkten reagiert, d.h. wenn sich die Verteilung der Variablen zwischen zwei Zeitpunkten verändert, ändert sich auch das Schichtungsmodell.

Für den Guttman-Ansatz spricht weiterhin, daß

”die Guttman-Skala nur bei einem perfekt kumulativen Modell eindimensional wird und keine kontinuierliche, sondern eine diskrete Verteilung ergibt, und (M.H.) man erhält nahezu homogene Gruppen. Personen gleicher Punktwerte haben hinsichtlich der Schichtungsskala identische Merkmalsausprägungen; Personen, die in einzelnen Merkmalen gegen das kumulative Modell verstoßen, sind eindeutig als statusinkonsistent hinsichtlich der Schichtungsdimension zu identifizieren.“ (Bertram 1976, S.278).

Da in der vorliegenden Untersuchung die empirische Analyse für verschiedene Geburtsjahrgänge bzw. unterschiedliche Zeitpunkte angelegt wurde, habe ich für die Konstruktion eines Schichtindexes das Guttman-Verfahren für die Erfassung der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten verwandt, da es auch die zeitlichen Veränderungen der einzelnen Faktoren, die für die Zuweisung zu einer sozialen Schicht notwendig sind, berücksichtigt.

Da jedoch das Verfahren zur Errechnung einer Guttmanskala heute in den Statistikprogrammen nicht mehr existiert, war ich gezwungen, ein Verfahren zu entwickeln, daß auf der Methode von Guttman basiert und mit gängigen Statistikprogrammen zu realisieren ist.

5.5.2. Bildung eines Schichtindexes

Das hier beschriebene Verfahren zur Bildung eines Schichtindexes wurde für alle Altersgruppen getrennt nach Vätern und Müttern sowie Ost und West angewandt.

Als erstes wurden die Indikatoren ”Schulausbildung des Vaters/der Mutter“, ”Berufsposition des Vaters/Mutter“ und ”Nettoeinkommen“ interkorreliert. Der Indikator


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”Berufsausbildung des Vaters/der Mutter“ konnte nicht hinzugenommen werden, da er in einer Befragungen nicht richtig codiert wurde<30>.

Es zeigte sich, daß die Indikatoren nur gering miteinander korrelierten, d.h. unterschiedliches messen (siehe Anhang 2).

Anschließend wurden die Variablen in hierarchische Kategorien zusammengefaßt und dichotomisiert.. Es handelt sich um die Variablen ”Letzte berufliche Stellung“<31>, ”Nettoeinkommen“<32> und ”Höchster Schulabschluß“<33>

Mit einer K-Means Clusteranalyse wurde auf der Basis eines iterativen Verfahrens eine Dreigruppenclusterung vorgenommen und mit einer einfaktoriellen Anova die Dichotomisierungspunkte, d.h. die Punkte des Umschlages, die der Schwere der Items entsprechen,<34> gefunden. Bei allen Altersgruppen und Befragungen zeigte sich, daß


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bei der Schulbildung der Punkt, an dem erneut dichotomisiert wurde bei ”Mittlere Reife, 10. Klasse, Fachschulreife“ lag. Es gibt also nur zwei Kategorien: ”mindestens Mittlere Reife, 10. Klasse, Fachschulreife“ oder ”wenigstens Mittlere Reife, 10. Klasse, Fachschulreife“. Das gleiche gilt für das Item ”berufliche Stellung“: Hier lag der Dichotomisierungspunkt zu allen Zeitpunkten bei ”mindestens Mittlerer Angestellter/Beamter“ . Beim Item ”Nettoeinkommen“ war es weitaus schwieriger. Hier lag der Dichotomisierungspunkt in den verschiedenen Altersgruppen recht unterschiedlich, zwischen 1200.-DM, 1500,-DM und 2000.- /3000.- DM.

Für jede dieser Teilmessungen wurde 1 Punkt vergeben, wenn die Mindestbedingung erfüllt war, ansonsten 0 Punkte. Auf der Gesamtskala ergaben sich somit Werte zwischen 0 und 3, die als ”Unterschicht“, ”untere Mittelschicht“, ”Mittlere Mittelschicht“ und ”Gehobene Mittelschicht“ interpretiert wurden<35>.

Nun ist die erwartete Entwicklung der Anteile noch kein Indiz dafür, daß die erwarteten Muster auch tatsächlich vorliegen. Guttman prüft daher die Übereinstimmung der tatsächlichen Matrix mit der erwarteten. Der Grad der Übereinstimmung ist das entscheidende Kriterium für die Beurteilung der Qualität der Skala. Guttman faßt diese in dem Reproduzierbarkeitskoeffizienten, der folgende Formel hat:

Dabei ist die Zahl der Inkonsistenzen nicht gleich der Zahl der Fälle mit inkonsistenten Mustern, sondern die Zahl der Fehler in den Mustern insgesamt, inklusive also der Mehrfachfehler im Muster eines Falles. Jeder Fall mit abweichendem Muster hat mindestens zwei Fehler im Muster, d.h., die Zahl der inkonsistenten Antworten ist mindestens doppelt so hoch wie die Zahl der Fälle. Die Zahl der möglichen Fehler in den Mustern hängt von der Zahl der Items ab. Deshalb wird im Nenner, der die Maximalzahl der Fehler repräsentiert, die Zahl der Fälle mit der der Items mulitipliziert.

Guttman verlangt willkürlich den Wert von mindestens 0,9 für eine hinreichende Skala. Andere, wie z.B. Lüdtke geben für ihre Skala einen Reduzierbarkeitskoeffizienten von 0,84 an und halten diesen für ausreichend (vgl. Laatz, 1993 S. 303).


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Aufgrund der iterativen Bestimmung der Dichotomisierungspunkte ist die Bedeutung der Variablen genauso wenig wie die Relation der Variablen willkürlich gesetzt, sondern sie ist ein Resultat der empirischen Analyse. Das bedeutet in seiner Konsequenz auch, daß zu verschiedenen Zeitpunkten eine andere Rangfolge der Schwierigkeit der Items und der Dichtotomisierungspunkte möglich ist. Diese Veränderung der Bedeutung der Variablen und ihrer Relation zueinander würde dann die tatsächlichen Veränderungsprozesse der Schichtungsstruktur widerspiegeln (vgl. Bertram, 1976). ”Hier wird deutlich, wieso eine Operationalisierung des Schichtungsbegriffs mit Hilfe des Guttman-Modelles oder anderer probailistischer Modelle, der Latenten Strukturanalyse oder der Rasch-Modelle, die Berücksichtigung der Dynamik gesellschaftlicher Strukturen ermöglicht.“ (Bertram 1976, S. 281)

5.5.3. Interpretation der Skalogramme für die Schichtindizes der einzelnen Altersgruppen

Sehen wir uns jetzt die Skalogramme für die einzelnen Variablen der latenten Dimension Schichtung an( siehe Anhang 3).

Die These, daß sich zu verschiedenen Zeitpunkten die Rangfolge der Schwierigkeit der Items verändert und somit die tatsächlichen Veränderungsprozesse in der Schichtstruktur widergespiegelt werden, kann für unsere Ergebnisse bestätigt werden. Wir können die These sogar noch erweitern, nämlich, daß durch die Anwendung des Guttman-Modells nicht nur die Veränderung der Schichtstruktur zu verschiedenen Zeitpunkten gezeigt werden kann, sondern auch die Wirkungsweise unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme.

Nehmen wir z. B. den Jahrgang der 1917-26 Geborenen, die zum Zeitpunkt der Befragung in der Bundesrepublik lebten, so zeigt sich, daß sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen das Nettoeinkommen das leichteste Item ist, also am wenigsten differenziert, während die Schulausbildung am schwersten ist, d.h. am stärksten diskriminiert.

Für den gleichen Jahrgang, der zum Zeitpunkt der Befragung in der damaligen DDR lebte, ist die Berufsposition das leichteste Item, während hier das Nettoeinkommen das schwerste ist.

Bei den 1917-26 Geborenen, die in der Bundesrepublik lebten, unterscheidet sich die obere Schichtungsgruppe von den anderen durch ihre qualifizierte Ausbildung. Die mittlere Gruppe hebt sich von der oberen durch eine geringe Ausbildung und von der unteren durch die Berufsposition ab. Die Trennung zwischen der mittleren und unteren Gruppe verläuft nicht zwischen Angestellten und Arbeitern, da die ausführenden


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Angestellten zu den unteren Gruppen gehören. Das läßt vermuten, daß sich die soziale Lage zwischen Arbeitern und ausführenden Angestellten ähnelt. Das bedeutet auch, daß im unteren Teil der Schichtungshierarchie die Höhe des Nettoeinkommens die entscheidende Determinante der Schichtzugehörigkeit ist, während dieses Item für die mittlere und obere Gruppe keine Rolle mehr spielt.

Für die 1917-26 Geborenen, die in der DDR lebten, sieht es so aus, daß sich die obere Schichtungsgruppe von den anderen durch ihr Nettoeinkommen unterscheidet. Die mittlere Gruppe hebt sich von der oberen durch ein geringeres Nettoeinkommen ab und von der unteren durch die Schulausbildung. In den unteren Schichtungsgruppen dominiert dagegen die berufliche Stellung (Berufsposition) die Schichtzugehörigkeit, während dieser Aspekt der Marktmacht in der mittleren und oberen Gruppe keine Rolle mehr spielt.

Die gleiche Bedeutung der Variablen und ihre Relation zueinander, wie für die 1917-26 Geborenen die in der DDR lebten, zeigt sich für die Altersgruppe der 1937-46 in der Bundesrepublik Aufgewachsenen. Hier ist ebenfalls das Nettoeinkommen das schwerste Item und die Berufsposition das leichteste. Während man die Diskriminierung der Schichtzugehörigkeit in der DDR durch das Nettoeinkommen mit der bekannten Einkommensungleichheit bzw. Rentenungleichheit (vgl. Dathe, 1995) erklären kann, muß man für die Bundesrepublik annehmen, daß es hier zumindest für diesen Jahrgang keine sichtbare Einkommensangleichung gegeben hat.

Auch bei den Frauen der 1937-46 Geborenen und in der DDR Aufgewachsenen zeigt sich die gleiche Rangfolge der Items wie bei den 1917-26 Geborenen aus der DDR. Bei den Männern des Jahrgangs 1937-46 aus der DDR ist zwar das Nettoeinkommen ebenfalls das schwerste Item, jedoch der Schulabschluß das leichteste. Das heißt, die obere Gruppe trennt sich von den anderen durch ihr Nettoeinkommen. Die mittlere Gruppe hebt sich von der oberen durch ein geringeres Nettoeinkommen und von der unteren durch die Berufsposition ab. In den unteren Schichtungsgruppen muß man annehmen, daß dagegen die Schulausbildung die Schichtzugehörigkeit dominiert, obwohl gerade hier in der unteren Mittelschicht die Interpretation des Skalogramms besonders schwierig ist.

Die Einkommensungleichheit in beiden Gesellschaftssystemen sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik zeigt sich auch bei den 1957-66 Geborenen. In allen Skalogrammen dieses Jahrgangs sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ist das Nettoeinkommen das schwerste Item. Für die 1957-66 in der Bundesrepublik Geborenen gibt es für diesen Jahrgang keine Veränderung in der Rangfolge und der Relation der Variablen gegenüber den 1937-46 Geborenen und in der Bundesrepublik Aufgewachsenen.

Der Jahrgänge derer, die in der DDR geboren wurden, zeigt die Rangfolge der Items wie die Männer des Jahrgangs 1937-46. Auch hier ist der Schulabschluß das leichteste Item.


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Interessant an den Ergebnissen ist vielleicht noch, daß sich die Bildungspolitik der DDR in den Daten sehr gut widerspiegelt, denn im Gegensatz zu den 1937-46 Geborenen ist der Anteil derer, die mindestens einen mittleren Schulabschluß erreicht haben, bei den Männern von ca.62% auf ca.94% angestiegen und bei den Frauen von ca.55% auf ca.95%. In der Bundesrepublik zeigt sich daß die Bildungsexpansion der sechziger Jahre vor allem bei den Frauen zu höheren Bildungsabschlüssen geführt hat - hier hat sich der Anteil von ca.39% auf ca.52% erhöht - während sich der Anteil der Männer bei dem Geburtsjahrgang 1937-46 nur von ca. 41% auf ca. 43% bei den 1957-66 Geborenen erhöht hat.

Mit diesen Ergebnissen konnte gezeigt werden, daß die Verwendung wahrscheinlichkeitstheoretischer Modelle, wie das Guttman-Modell, für die Zuordnung von Personen zu einzelnen Schichten die Dynamik gesellschaftlicher Strukturen berücksichtigt.

5.6. Wertvorstellungen und Orientierungen unter dem Aspekt der sozialen Schichtung

5.6.1. Inglehart-Index differenziert nach Schichten

Betrachtet man den Inglehart-Index für die Arbeiter- und Mittelschicht so findet man auf den ersten Blick den Anstieg der postmaterialistischen Orientierungen in den mittleren und jüngsten Altersgruppen wieder. Inglehart stellte im Rahmen seiner Untersuchungen jedoch auch die These auf, daß die Zustimmung zugunsten postmaterialistischer Werte außer vom Alter auch vom Schulabschluß und der beruflichen Qualifikation des Befragten abhängig sei. Je höher der Schulabschluß und die berufliche Qualifikation der Probanden sei, um so höher die Zustimmung zu postmateriellen Werten. Geht man davon aus, daß die Vertreter der Mittelschicht in der Regel höhere Schulabschlüsse und eine höhere berufliche Qualifikation haben als die Vertreter der Arbeiterschicht, so könnte man ausgehend von der These Inglehart’s den Schluß ziehen, daß die Vertreter der Mittelschicht dann auch eher zu postmaterialistischen Orientierungen neigen als Vertreter der Arbeiterschicht.

Die Ergebnisse zeigen jedoch, daß ein solcher Schluß nicht zulässig ist, da in der ältesten Altersgruppe der Anteil der Materialisten in der Mittelschicht fast dreimal so hoch ist wie der Anteil der Postmaterialisten.

In den anderen Altersgruppen ist der Anteil der Postmaterialisten in der Arbeiterschicht sogar höher als der Anteil der Materialisten bzw. in den Altersgruppen aus der DDR nur


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etwas geringer. Bei der Mittelschicht in den Altersgruppen der BRD-Befragten sieht man allerdings eine fast vollständige Verdrängung der Materialisten, während bei den DDR-Altersgruppen der Anteil der Postmaterialisten nur um zwei Prozentpunkte höher liegt als der der Materialisten.

Bestätigen kann man aufgrund dieser Ergebnisse die These von Inglehart, daß es eine Verschiebung der Prioritäten von materialistischen Orientierungen hin zu postmaterialistischen gegeben hat und daß diese Veränderung möglicherweise auf veränderte gesellschaftliche Strukturen zurückzuführen ist ( vgl. Grafik 16).

5.6.2. Arbeitsorientierungen und Erziehungseinstellungen differenziert nach Geschlecht und sozialer Schichtzugehörigkeit

Melvin Kohn untersuchte in seinen Studien vorrangig Väter, da er davon ausgeht, daß insbesondere für Männer der Beruf eine entscheidende Schichtdimension bedeutet. Der Beruf verweist darauf, wie jemand die Zeit, in der er seinen Lebensunterhalt verdient, verbringt, und was wahrscheinlich noch wichtiger ist, wie die Struktur der Arbeit seinem Verhalten Zwänge und Regeln auferlegt.

"Die Bedingungen des Berufslebens in den höheren Schichten fördern das Interesse an inneren Qualitäten der beruflichen Tätigkeit, begünstigen eine Auffassung von Selbst und der Gesellschaft, welche dem Glauben an die Möglichkeit rationaler, zielgerichteter Handlungen dienlich ist, und begünstigen die Bewertung von Selbstbestimmung. Die Berufsbedingungen in den unteren Schichten lassen die Männer nur die äußeren Vorteile des Berufs sehen, begünstigen eine eingeengte Vorstellung von Selbst und Gesellschaft und fördern die Autoritätsgläubigkeit. Arbeitsbedingungen, die Überlegungen und Initiative begünstigen, erweitern im allgemeinen die Wirklichkeitsvorstellungen der Männer; unter Bedingungen des Zwangs werden sie gewöhnlich eingeengt." (Kohn 1981, S.85ff.).

5.6.2.1. Arbeitsorientierungen der Väter der einzelnen Altersgruppen differenziert nach Schichtzugehörigkeit

Betrachten wir nun einmal die Mittelwerte der Arbeitsorientierungen differenziert nach Schichtzugehörigkeit der Väter. ( vgl. Grafik 17, 18, 19)

Für den ersten Faktor ”Orientierung Karriere“, der die Dimensionen Aufstiegsmöglichkeiten, hohes Einkommen, sichere Berufsstellung als wichtigste Items erfaßt, zeigt sich die These von Kohn bestätigt. Die Angehörigen der Arbeiterschicht bewerten diesen Faktor weitaus höher als die Väter der Mittelschicht. Eine Ausnahme macht der Jahrgang der 1917-26 Geborenen, der diesem Faktor in beiden Schichten eine


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geringere Bedeutung beimißt und in dem die Väter der Mittelschicht diesen Faktor etwas höher bewerten. Es gibt aber eine relative Homogenität zwischen den beiden Schichten. In der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen aus der DDR finden wir eine Annäherung der beiden Schichten, wobei die Väter aus der Arbeiterschicht diese Orientierungen höher bewerten als die Väter der Mittelschicht. Es zeigt sich aber im Vergleich zum Jahrgang der 1937-46 Geborenen Väter der Arbeiterschicht aus der DDR eine Abnahme dieser Werte, was sicher damit zusammenhängt, daß die Frage der Sicherheit des Arbeitsplatzes in den achtziger Jahren der DDR kein relevantes Thema war, ebensowenig wie Aufstiegsmöglichkeiten, die sich besonders in dieser Altersgruppe verengten. ”Der veränderte Bezug zu Arbeit und Beruf führte unter anderem dazu, daß die Identitätssuche der Jugendlichen in den achtziger Jahren andere Wege nahm als die ihrer Eltern. Zwar wurde von nahezu allen Jugendlichen die Sicherheit des zukünftigen Arbeitsplatzes nicht angezweifelt, aber nur für eine Minderheit ging in den letzten Jahren der angestrebte Berufswunsch auch in Erfüllung, denn die restriktiven Zulassungsbestimmungen und Schließungsprozesse begünstigten eine inflationäre Entwicklung von Leistungsnachweisen im Verhältnis zu den realen Berufschancen“ (siehe Kapitel ”Generationen in ihrem historischen Kontext“). In der Mittelschicht der Väter der 1957-66 Geborenen aus der DDR zeigt sich ein leichter Anstieg in diesem Faktor verglichen mit den Vätern dieser Schicht des Jahrganges 1937-46.

Während in den Geburtsjahrgängen aus der BRD eine deutlich hohe Stabilität zwischen den Altersgruppen in der Arbeiterschicht zu beobachten ist, zeigt sich in der Mittelschicht ein Abnahme der Bedeutung in der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen. Die Väter der Mittelschicht aus der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der BRD messen diesem Faktor eine höhere Bedeutung bei, als der Jahrgang der 1917-26 Geborenen, während die Altersgruppe der 1957-66 Geborenen aus der BRD eine geringere Bedeutung dieser Orientierungen demonstrieren. Der Anstieg in der Mittelschicht des Jahrgangs 1937-46 aus der BRD ist meines Erachtens nach nicht historisch zu erklären, da gerade diese Generation in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen ist, in der ein Anstieg bei den Arbeitsplätzen, Einkommen, Vermögen usw. zu verzeichnen war. Eher ist anzunehmen, daß hier die Situation der Bundesrepublik zum Zeitpunkt der Befragung 1988, dem Zeitpunkt einer Wachstumskrise in Westdeutschland, in der die Befragten zwischen 42 und 51 Jahren alt waren, auch in den Orientierungen der Mittelschicht ihre Spuren hinterlassen hat. Im Vergleich dazu waren die Befragten der Altersguppe der 1957-66 Geborenen zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 22 und 31 Jahren alt, besaßen ein gutes Ausbildungsniveau oder erwarben es gerade und waren auf dem Weg in die Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft .

Bei den ”extrinsischen Orientierungen“, die viel Freizeit und Zeit für die Familie als Hauptkomponenten beinhalten, muß man als erstes feststellen, daß dieser Faktor von den


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Vätern insgesamt nicht so hoch bewertet wird, wie der Faktor ” Orientierung Karriere“ . In der Arbeiterschicht wird dieser Faktor höher bewertet als in der Mittelschicht, ein leichte Ausnahme macht der Jahrgang der 1957-66 Geborenen aus der BRD, wo erstens eine Annäherung zwischen den beiden Schichten stattgefunden hat und zweitens die Mittelschichtväter einen deutlichen Anstieg zeigen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie Pawlowsky (1985) erklärt, daß die Freizeitmöglichkeiten für diese Generation besser geworden sind, so daß sich der Werte- und Anspruchswandel für die Menschen besser nach dem Feierabend, am Wochenende und im Urlaub verwirklichen läßt als in den starren Strukturen der Arbeitswelt. In den Schichten des jüngsten Altersjahrgangs aus der DDR finden wir ebenfalls einen Anstieg der ”extrinsischen Orientierungen“, die vermutlich mit dem beschriebenen Wertwandel zu tun haben, aber möglicherweise auch mit dem Rückzugsraum Familie, als Mittel gegen die normativen Regelungen des staatlich-administrativen Systems in Wirtschaft, Politik und Ausbildung in der DDR. Dieser Anstieg hat sich in beiden Schichten parallel vollzogen, zeigt aber sowohl in den Altersjahrgängen der 1937-46 Geborenen und den der 1957-66 Geborenen eine höhere Bedeutung dieser Orientierungen in der Arbeiterschicht.

Der Faktor ”Orientierung Kooperation“ der die intrinsischen Werte, wie selbständig zu arbeiten, eine interessante Tätigkeit zu haben, einen Beruf, der anerkannt und geachtet wird, der für die Gesellschaft wichtig ist und den Kontakt, den man dadurch zu anderen Menschen hat, verkörpert, zeigt wiederum eine Bestätigung der Kohnschen These. Die Väter der Mittelschicht bewerten in allen Jahrgängen sowohl in Ost als auch in West diese Orientierungen höher als die Arbeiterschichtväter. Hierbei überrascht die Stabilität bei den Mittelschichtvätern in allen Altersjahrgängen, während die Werte in der Arbeiterschicht in den mittleren Jahrgängen in der BRD und DDR leicht ansteigen und dann in den jüngeren Jahrgängen wieder abfallen.

5.6.2.2. Arbeitsorientierungen der Mütter der einzelnen Altersgruppen differenziert nach Schichtzugehörigkeit

Für die Mütter zeigen sich ähnliche Bilder, wie für die Vätern (vgl. Grafiken 20, 21, 22). Bei dem Faktor ”Orientierung Karriere“ bewerten ebenfalls die Mütter der Arbeiterschicht diese Werte höher als die der Mittelschicht. Es findet sich die gleiche Ausnahme bei den 1917-26 Geborenen wie bei den Vätern. Während man jedoch für die Altersgruppen der 1937-46 und 1957-66 in der BRD Geborenen eine leichte Abnahme dieser Werte findet, zeigt sich bei den gleichen Altersgruppen aus der DDR eine Zunahme dieser Werte bei den Müttern der jüngsten Altersgruppe. Die These von Kohn gilt damit nicht nur für die Väter der Arbeiterschicht sondern auch für die Mütter.


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Für die extrinsischen Arbeitsorientierungen zeigt sich ebenso wie bei den Vätern ein Anstieg in den jeweiligen Altersgruppen.

Der Faktor ”Orientierung Kooperation“ der die intrinsischen Werte repräsentiert, zeigt bei den Müttern der Mittelschicht ebenfalls eine Bestätigung der Kohnschen These. In den jüngsten Altersgruppen sowohl aus Ost- als auch aus Westdeutschland ist eine leichte Abnahme dieser Orientierungen zu verzeichnen. Bei dem Jahrgang der 1937-46 Geborenen aus der DDR wird der Faktor nicht nur relativ hoch bewertet, hier gibt es auch kaum einen Unterschied zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, was sicher mit der Aufbauzeit in der DDR zusammenhängt, die ja vor allem von den Frauen geleistet wurde.

Kohn entwirft aus den Unterschieden verschiedene Merkmale, die ein Zurecht- oder Vorwärtskommen in Mittel- und Unterschicht fördern. Für ihn erfordern Mittelschichtberufe einen höheren Grad an Selbstbestimmung, während Arbeiterberufe verlangen, daß in größerem Maße expliziten Regeln zu folgen ist. Diese Unterschiede in den Berufsanforderungen der verschiedenen Schichten entsprechen nun nach Kohn den Unterschieden in den Erziehungsvorstellungen der Eltern der Mittel- und Unterschicht.

5.6.2.3. Erziehungsvorstellungen der Väter in den einzelnen Altersgruppen differenziert nach Schichtzugehörigkeit

Für den Faktor ”Pflicht und Leistung“ bestätigt sich die These von Kohn mit Ausnahme des jüngsten Jahrgangs aus der DDR (Grafik 23). Hier werden diese Werte von den Arbeiterschichtvätern deutlich höher bewertet als von den Vätern der Mittelschicht. Bei dem jüngsten Jahrgang aus der DDR finden wir bei den Vätern der Arbeiterschicht eine deutliche Abnahme dieser mit dem ”Autoritarismus“ verbundenen Werte und eine Abnahme der Unterschiede zwischen den Schichten, wobei die Werte insgesamt nicht besonders hoch bewertet werden.

Der Faktor ”Erziehung zur Selbständigkeit“, der bei Kohn nicht extrahiert wird, wird insgesamt von den Vätern nicht so hoch bewertet (Grafik 24). Die Väter aus der Arbeiterschicht bewerten Schulleistung, Selbständigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Umgangsformen und Selbstvertrauen etwas höher als die Väter der Mittelschicht, mit Ausnahme der Väter aus dem mittleren Jahrgang aus der DDR. Es gibt aber kaum signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Bei den Vätern aus dem jüngsten DDR-Jahrgang scheint die Schichtzugehörigkeit keinen Einfluß auf dieses Erziehungsziel zu haben.


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”Erziehung zum kooperativen Individualismus“ oder - wie Kohn ihn bezeichnet -”Selbstbestimmung“, wird besonders von den Vätern der Mittelschicht, mit Ausnahme der 1917-26 und 37-46 Geborenen aus der DDR, betont (Grafik 25). Dieses Ergebnis bestätigt wiederum die These von Kohn. Diese Werte haben bei den Vätern der Mittelschicht sogar an Bedeutung gewonnen bzw. für die DDR-Jahrgänge zeigt sich eine gleichbleibende Stabilität. Bei den Vätern der Arbeiterschicht erkennt man eine deutliche Abnahme der Wichtigkeit dieses Faktors.

5.6.2.4. Erziehungsvorstellungen der Mütter in den einzelnen Altersgruppen differenziert nach Schichtzugehörigkeit

Bei den Müttern zeigen sich im Faktor Pflicht und Leistung keine wesentlichen Unterschiede im Gesamtbild, mit Ausnahme der Mütter aus der Altersgruppe der 1937-46 in der DDR Geborenen, wo es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Schichten gibt. In der jüngsten Altersgruppe aus der DDR bewerten Mütter der Mittelschicht diesen Faktor deutlich höher als Mütter der Arbeiterschicht (Grafik 26). Insgesamt bewerten die Mütter diesen Faktor weniger wichtig als die Väter.

Bei dem Faktor ”Erziehung zu Selbständigkeit“ bewerten die Mittelschichtmütter diesen Faktor weitaus höher als die Väter und Mütter der Arbeiterschicht (Grafik 27). Dabei zeigen die Mittelwerte bei den Mittelschichtmüttern einen kurvenlinearen Verlauf. Bei den 1937-46 Geborenen sowohl aus der DDR als auch aus der BRD steigt dieser Wert in seiner Bedeutung gegenüber den 1917-26 Geborenen an und fällt danach bei der jüngsten Altersgruppe wieder ab. Wobei der Abfall der Bedeutung dieser Erziehungswerte bei der jüngsten Altersgruppe aus der DDR sehr viel stärker ist als bei der Vergleichsaltersgruppe aus der BRD.

Bei den Müttern der Arbeiterschicht verläuft die Kurve genau andersherum. Während in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen die Bedeutung dieses Faktors gegenüber dem ältesten Geburtsjahrgang abnimmt, steigt sie bei der jüngsten Altersgruppe aus der BRD wieder an. In der DDR bleibt sie etwa auf gleichem Niveau.

Für den Faktor ”Kooperativer Individualismus“ findet man deutliche Unterschiede zu den Vätern (Grafik 28). Während bei den Mittelschichtvätern diese Werte an Bedeutung gewonnen haben bzw. man in den DDR-Jahrgängen eine relative Stabilität erkennt, zeigt sich bei den Mittelschichtmüttern, die den Wert mit Ausnahme des Jahrgangs der 1937-46 Geborenen aus der DDR, ebenso wie die Väter höher bewerten als die Mütter der Arbeiterschicht, für die Altersgruppen aus der BRD eine Kurve mit Höhepunkt bei den 1937-46 Geborenen. Bei den Altersgruppen aus der DDR hat die Kurve in dieser


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Altersgruppe ihren Tiefpunkt. Wobei man gerade bei diesem Faktor in der Altersgruppe der 37-46 Geborenen aus der DDR daran erinnern muß, daß er keine eindeutig zu interpretierende Dimension lieferte.

5.6.3. Zwischenbilanz I

Fassen wir zusammen: Der Inglehart-Index differenziert nach Schichtzugehörigkeit, zeigt ein Zunahme postmaterialistischer Orientierungen in den mittleren und jüngeren Altersgruppen. Es bestätigt sich somit die These, daß es eine Verschiebung der Prioritäten von materialistischen zu postmaterialistischen Orientierungen gegeben hat und daß diese Veränderungen vermutlich auf veränderte gesellschaftliche Strukturen zurückzuführen sind. Ist die Zustimmung zu postmaterialistischen Werten außer vom Alter auch vom Schulabschluß und von der beruflichen Qualifikation abhängig, so kann man davon nicht ableiten, daß Vertreter der Mittelschicht eher zu postmaterialistischen Orientierungen neigen als Vertreter der Arbeiterschicht.

Die These von Kohn, daß Väter der Arbeiterschicht stärker die äußeren Vorteile des Berufes sehen, kann bestätigt werden. Im Zeitvergleich gewinnt diese Orientierung bei den Vätern der Arbeiterschicht in den mittleren und jüngeren Altersgruppen an Bedeutung und bleibt dann verhältnismäßig stabil hoch. In der Mittelschicht variieren diese Werte auf weitaus niedrigerem Niveau. Bei den Müttern der Arbeiterschicht zeigt sich ein stabiles Bild zwischen den Altersgruppen auf einer niedrigeren Stufe , d.h. die Mütter bewerten diese Orientierungen insgesamt geringer als die Väter. Eine Ausnahme machen die Arbeiterschichtmütter aus der DDR des Jahrgang der 1957-66 Geborenen, die einen deutlichen Anstieg erkennen lassen.

Freizeit - und Familienorientierungen werden insgesamt weniger wichtig eingestuft. Väter der Arbeiterschicht bewerten diese Orientierungen etwas höher als Väter der Mittelschicht, mit Ausnahme der jüngsten Altersgruppe aus der BRD. Hier sieht man bei den Müttern eine deutliche Zunahme der Bedeutung dieser Einstellungen in beiden Schichten

Auch die These von Kohn, daß die Bedingungen des Berufslebens in den höheren Schichten das Interesse an inneren Qualitäten der beruflichen Tätigkeit fördern, konnte für die Väter der Mittelschicht bestätigt werden. Im Altersgruppenvergleich zeigt sich eine deutliche Stabilität in der Bewertung durch die Mittelschichtväter. Für die Mütter zeigt sich eine deutliche Abnahme intrinsischer Orientierungen zwischen den Altersgruppen in beiden Schichten. Trotzdem bewerten auch hier die Mütter der Mittelschicht solche Orientierungen höher als die Mütter der Arbeiterschicht.


124

In den weiteren Ergebnissen der Analysen konnte ein Zusammenhang zwischen beruflichen Orientierungen und Erziehungsvorstellungen der Väter unter Berücksichtigung der Schichtzugehörigkeit gezeigt werden.

Bei den Pflicht- und Leistungsorientierungen in den DDR-Jahrgängen konnte die These von Kohn nur für die 1937-46 Geborenen Väter bestätigt werden. Bei den Müttern gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Schichten. Bei den jüngsten Altersgruppen aus der DDR bewerten Väter und Mütter der Mittelschicht dieses Erziehungsziel höher. Während sich in der Bundesrepublik die modernen Autoritätsbeziehungen aus dem unterschiedlichen Grad der Autonomie von Persönlichkeiten erklären ließe, spielt dieser Faktor in der DDR eine eher unbedeutende Rolle. Möglicherweise ist die geringere Differenzierung der Schichten für die Bedeutung der autoritären Erziehungsziele in der DDR darauf zurückzuführen, daß zwar die Vertreter der Mittelschicht in der DDR ebenfalls Fachwissen und Fähigkeiten erworben haben, die sie selbstbewußt und unabhängig von anderen gemacht haben, aber durch die hohe gesellschaftliche Bewertung der Arbeiterschicht faßte diese die Verrichtung körperlicher und mechanischer Tätigkeiten nicht als Versagen auf. So könnte man vielleicht erklären, daß sich hier kaum Unterschiede zwischen den Schichten finden lassen. ”Pflicht und Leistung“ als Erziehungsziel würde in dieser Argumentationslinie eher der hohen Bedeutung der Arbeit als Wert entsprechen, als daß sie Ausdruck des Autoritarismus wäre.

Die Korrelationen der Variable Schicht mit den Erziehungs- bzw. Orientierungsfaktoren für die verschiedenen Geburtsjahrgänge bestätigen im großen und ganzen die Thesen von Melvin Kohn. Je höher die gesellschaftliche Position der Eltern ist, um so geringer wird für sie die Bedeutung des Erziehungsziels ”Pflicht und Leistung“, obwohl die Korrelationen insgesamt nicht sehr hoch sind. Bei der ”Erziehung zum Kooperativen Individualismus“ gewinnt dieses Erziehungsziel mit höherer Schichtzugehörigkeit an Bedeutung. Eine Ausnahme bildet die Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der DDR, wobei wir hier nicht vergessen dürfen, daß bei diesem Geburtsjahrgang gerade dieser Faktor nicht so leicht zu interpretieren war, da hier auch Items mitluden, die eigentlich zum Faktor Pflicht und Leistung gehörten. ”Erziehung zur Selbständigkeit“ korreliert in allen Altersgruppen sehr gering mit der Variable Schicht, wieder mit der Ausnahme des Geburtsjahrganges 1937-46 aus der ehemaligen DDR. Hier zeigt sich ein Widerspruch zu Kohn, da er davon ausgeht, daß die ”Erziehung zur Selbständigkeit“ besonders in der Mittelschicht höher bewertet wird. In unseren Ergebnissen gilt das jedoch nur für die Mütter. Betrachtet man die Mittelwerte des Faktors nicht differenziert nach Geschlecht sondern nur nach Schicht, finden wir nur in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der DDR einen signifikanten Unterschied zwischen den Schichten, der


125

die These von Kohn bestätigt. Ansonsten zeigt die Variable Schicht keine signifikanten Korrelation mit diesem Faktor.

Für die Arbeitsorientierungen zeigt sich, daß wie Kohn nachgewiesen hat, die Orientierung an äußeren Umständen einhergeht mit einer niedrigen Schichtzugehörigkeit und intrinsische Orientierungen bedeutender werden, je höher die Schichtzugehörigkeit. Die extrinsischen Orientierungen zeigen ebenfalls einen Zusammenhang mit einer niedrigeren gesellschaftlichen Stellung.

Tabelle 1

5.7. Selbstbestimmung im Beruf

Melvin Kohn geht bei seinen Untersuchungen davon aus, daß der Beruf in bezug auf die soziale Schicht besonders bedeutsam ist, da, so Kohn, ”wir die zentrale Unterscheidung zwischen Mittelschicht- und Arbeiterberufen genau für das hielten, was den Unterschied in den Wertvorstellungen ausmacht: ‘Mittelschichtberufe erfordern einen höheren Grad an Selbstbestimmung; Arbeiterberufe verlangen in größerem Maße, expliziten Regeln zu folgen, die von oben festgelegt werden’“ (Kohn, 1981 S.44). Weiterhin nimmt er an, daß die grundlegenden Berufsanforderungen und die Qualität ihrer Ausübung sowie die Eigenschaften, die für einen solchen Beruf benötigt werden, sowohl für das Individuum selbst als auch für seine Kinder wichtig sind. D.h. erlangt man im Beruf Selbstbestimmung, so wird es zu einer hohen Bewertung von Selbstkontrolle kommen, folgt man stärker autoritären Anweisungen im Beruf, führt dies zu einer geringen Bewertung von Selbstkontrolle und zu einer hohen Bewertung von Gehorsam. Kohn differenziert dafür drei Dimensionen, die den


126

genannten Bedingungen entsprechen und die die berufliche Situation insgesamt als förderlich für Selbstbestimmung oder Anpassung an äußere Autorität kennzeichnen: ”die Ausprägung der Überwachung, unter der ein Mensch steht; die vorrangige Eigenschaft der Arbeit, die er verrichtet; und das Maß, in dem der Beruf Selbstsicherheit erfordert“ (Kohn, 1981 S.44).

In den von uns untersuchten Befragungen wurde lediglich eine Frage, die mit den Überlegungen von Kohn vergleichbar ist, abgefragt, jedoch nicht für die älteste Altersgruppe<36>.

Die Frage lautete: Wie ist das bei Ihrer Arbeit: Arbeiten Sie im allgemeinen nach Anweisungen durch Vorgesetzte, arbeiten Sie nach bestimmten Richtlinien, aber doch ziemlich selbständig oder arbeiten sie völlig selbständig?

5.7.1. Selbstbestimmung im Beruf nach Schichtzugehörigkeit

Betrachtet man die Selbständigkeit in der Arbeit differenziert nach der Schichtzugehörigkeit der Väter, so sieht man, daß der Anteil derer, die nach Anweisung arbeiten bei den 1957-66 Geborenen in allen Schichten zugenommen hat (Grafik 29). Bei der Altersgruppe in der BRD beträgt die Zunahme in der Mittelschicht nur 1 Prozentpunkt, was statistisch unbedeutsam ist. Parallel zu der Zunahme derer, die nach Anweisung arbeiten, zeigt sich eine Abnahme jener, die Selbständig arbeiten. Besonders kraß sind die Veränderungen zwischen den beiden Geburtsjahrgängen aus der DDR, vor allem, wenn man berücksichtigt, daß in der jüngsten Altersgruppe 94 Prozent der Väter einen mittleren Schulabschluß erworben haben. Trotz der Bildungsexpansion hat die Selbständigkeit in der Arbeit abgenommen und zwar in beiden Schichten um 14 Prozentpunkte. Der Anteil derer, die nach Anweisung arbeiten ist um 6 bzw. 7 Prozentpunkte angestiegen. In diesen Ergebnissen finden wir das, was in der Generationenbeschreibung bereits theoretisch dargelegt wurde, nämlich eine inflationäre Entwicklung von Leistungsnachweisen im Verhältnis zu den realen Berufschancen. Hinzu kommt die fortgeschrittene Arbeitsteilung in modernen Gesellschaften, die letztendlich dazu führte, daß die Befragten stärker das Gefühl haben, nur noch nach Anweisung zu arbeiten.

Das gleiche Bild wie bei den Männern aus der DDR finden wir auch bei den Müttern aus der DDR (Grafik 30 ). Hier ist der Anteil der Frauen in der Arbeiterschicht, der nach Anweisung arbeitet, sogar um das zweieinhalbfache gestiegen. Ansonsten sind die Veränderungen bei den DDR-Müttern nicht nur genauso gravierend, sie stimmen in den Prozentpunkten fast mit den Männern überein.


127

Bei den Frauen aus der Bundesrepublik sind die Veränderungen weder vergleichbar mit denen der Männer aus der BRD noch mit den Frauen aus der DDR. Die Veränderungen sind gering und verführen zu der Aussage, daß sich die Schichten stärker angeglichen haben.

Die Korrelationen der Variable ”selbständiges Arbeiten“ mit den Erziehungs- bzw. Orientierungsfaktoren für die verschiedenen Geburtsjahrgänge sind so gering, daß man eigentlich sagen müßte, es gibt keinen signifikanten Einfluß von selbständig Arbeiten auf die Einstellungen und Orientierungen, mit Ausnahme vielleicht der intrinsischen Orientierungen. Sie verdeutlichen, daß je selbständiger die Eltern arbeiten können, desto stärker orientieren sie sich an intrinsischen Werten. Werden die Eltern in der Arbeit jedoch stark reglementiert orientieren sie sich eher an extrinsischen Werten.

Tabelle 2

Ein Vergleich der Einstellungen und Orientierungen der Eltern in Zusammenhang mit Schichtung und selbständig Arbeiten (Tabelle 3) zeigt, daß diese hauptsächlich auf die Schichtung zurückzuführen sind. Eine Ausnahme in allen Altersgruppen finden wir bei dem Faktor Orientierung Kooperation, wo selbständiges Arbeiten den Haupteffekt erzielt.

Sehen wir uns die Tabelle etwas genauer an, so findet man deutliche Unterschiede in den Korrelationen zwischen Schicht und den einzelnen Faktoren, die in erster Linie auf Ost-West Unterschiede zurückzuführen sind, sich aber auch in den unterschiedlichen Altersgruppen widerspiegeln.


128

Betrachten wir zuerst die Arbeitsorientierungen:

Bei der ”beruflichen Orientierung Karriere“ nimmt in allen Altersgruppen die Bedeutung in der Mittelschicht ab, dabei erklärt Schicht in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen in der BRD 4% der Varianz, in derselben Altersgruppe in der DDR 7%. In der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen in der BRD liegt die erklärte Varianz bei 6% und in der DDR bei 5%. In den Altersgruppen in der DDR ist der Einfluß der Schicht zurückgegangen, während in den Altersgruppen der in der BRD Geborenen der Einfluß der Schicht zugenommen hat bzw. der Anteil der erklärten Varianz durch die Schicht zugenommen hat.

Bei den ”Extrinsischen Orientierungen" muß man von einer Wechselwirkung zwischen Schicht und selbständig Arbeiten ausgehen, wobei der Haupteffekt bei der Schicht liegt. In der Mittelschicht nimmt die Bedeutung dieses Faktors ab, ebenso wie er mit einem Ansteigen der Selbständigkeit in der Arbeit, an Bedeutung verliert In den beiden Altersgruppen in der DDR liegt die erklärte Varianz der Haupteffekte jeweils bei 6%, in den Altersgruppen in der BRD verringert sich die erklärte Varianz von 5% bei den 1937-46 Geborenen auf 1% bei den 1957-66 Geborenen. In der Altersgruppe der 1957-66 in der BRD Geborenen ist die Wechselwirkung und der Einfluß von Schicht und selbständig Arbeiten nicht direkt interpretierbar.

Der Faktor ”Orientierung Kooperation“ wird in allen Altersgruppen durch selbständiges Arbeiten erklärt. Während die erklärte Varianz in der DDR in beiden Altersgruppen stabil bei 4% liegt, finden wir in der BRD wiederum eine Abnahme der Varianz von 8% auf 4,5% in der jüngsten Altersgruppe. In den Altersgruppen der 1937-46 Geborenen in der BRD und in der DDR sowie in der jüngsten Altersgruppe der in der BRD Geborenen nimmt die Bedeutung des Faktors mit der Selbständigkeit in der Arbeit zu. In der Altersgruppe der 1957-66 in der DDR Geborenen finden wir jedoch eine Wechselwirkung mit der Schicht, so daß in der Arbeiterschicht die Bedeutung des Faktors mit der Selbständigkeit in der Arbeit zunimmt, in der Mittelschicht jedoch abnimmt.


129

Sehen wir uns nun die Erziehungseinstellungen an.

”Erziehung zu Pflicht und Leistung“: Hier finden wir in den Altersgruppen der alten Bundesländer die höchsten Korrelationen mit der Schicht, die überhaupt aufzufinden sind. In den Altersgruppen aus der DDR fallen diese Korrelationen vergleichsweise niedrig aus, wobei der Zusammenhang von Schicht und ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ in der jüngsten DDR-Altersgruppe deutlich höher ist als in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen. Die erklärte Varianz durch selbständig Arbeiten und die Schichtzugehörigkeit in den Altersgruppen aus der BRD liegt jeweils bei 9% und bei den 1937-46 Geborenen aus der DDR bei 4%, bei den 1957-66 Geborenen bei 5%. In den BRD-Altersgruppen nimmt die Bedeutung des Faktors in der Mittelschicht ab. Das gleiche gilt auch für die Altersgruppen aus der DDR. Bei der jüngsten DDR-Altersgruppe findet sich eine Wechselwirkung mit der Selbständigkeit in der Arbeit, d.h. das die Bedeutung von ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ auch mit der Selbständigkeit in der Arbeit abnimmt.

”Erziehung zur Selbständigkeit“: Auch hier finden wir sehr unterschiedliche Ergebnisse. In der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der BRD haben sowohl die Schicht als auch selbständiges Arbeiten Einfluß auf diesen Faktor. Beide Einflüsse sind jedoch gering und die erklärte Varianz liegt bei 3%. In der Arbeiterschicht hat der Faktor die höchste Bedeutung bei denen, die nach Anweisung arbeiten. Bei der Mittelschicht ist die Bedeutung am höchsten bei jenen, die selbständig Arbeiten.

In der Altersgruppe der 1957-66 in der BRD Geborenen findet sich der Haupteffekt bei selbständigem Arbeiten, d.h., sowohl in der Arbeiterschicht als auch in der Mittelschicht ist die Bedeutung des Faktors bei jenen am höchsten, die selbständig Arbeiten. Die erklärte Varianz dieses Effekts liegt bei 4%.

In der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen in der DDR haben wir eine verhältnismäßig hohe Korrelation mit Schicht und eine erklärte Varianz von 7%. Hier nimmt die Bedeutung des Faktors in der Mittelschicht zu. In der jüngsten Altersgruppe in der DDR hingegen hebt sich der Einfluß der Schicht faßt völlig auf und auch die Korrelation mit selbständigem Arbeiten ist ziemlich gering. Die erklärte Varianz liegt hier bei 3%.

Hatte bei den Altersgruppen der 1937-46 Geborenen in beiden Ländern die Schicht noch den Haupteinfluß auf die Erziehungsvorstellungen zur Selbständigkeit, so finden wir in den jüngsten Altersgruppen, daß die Schicht kaum noch eine Bedeutung auf dieses Erziehungsziel hat. Dagegen ist die Selbständigkeit in der Arbeit jetzt bedeutend geworden ist, obwohl die Selbständigkeit in der Arbeit, in der Wahrnehmung der Befragten abgenommen hat.


130-131

Beim Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ zeigt sich, daß in allen Altersgruppen die Schichtzugehörigkeit den Haupteinfluß ausmacht, aber auch hier sind leichte Veränderungen erkennbar. In den Altersgruppen aus den alten Bundesländern sind die Korrelationen ähnlich hoch und die erklärte Varianz liegt bei den 1937-46 Geborenen bei 3% und bei den 1957-66 Geborenen bei 4%. In den Altersgruppen aus der DDR sind die Korrelationen in beiden Altersgruppen höher als in den alten Bundesländern, aber der Einfluß der Schicht nimmt in der jüngsten Altersgruppe ab. So finden wir bei den 1937-46 Geborenen noch 7% erklärte Varianz und bei den 1957-66 Geborenen noch 4% erklärte Varianz. Bei der mittleren Altersgruppe aus der DDR, muß man die Ergebnisse jedoch nicht zu hoch bewerten, da das Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ hier auch Items beinhaltet, die eher zu den autoritären Erziehungsvorstellungen gehören. Die Mittelwerte in den Altersgruppen der BRD und in der jüngsten Altersgruppe der DDR zeigen, daß dieser Faktor in der Mittelschicht an Bedeutung gewinnt. Bei den 1937-46 Geborenen findet sich jedoch eine Wechselwirkung mit selbständigem Arbeiten, d.h. der Faktor verliert in der Mittelschicht und zwar bei denen, die selbständig Arbeiten, an Bedeutung.

Tabelle 3 Einstellungen und Orientierungen der Eltern im Zusammenhang mit Schichtung und selbständigem Arbeiten

 

Schicht

 

ohne

Partialisierung von selbständig Arbeiten

BRD 1937-46

eta

mit

Partialisierung von selbständig Arbeiten

BRD 1937-46

beta

ohne Partialisierung von selbständig Arbeiten

BRD 1957-66

eta

mit

Partialisierung von selbständig Arbeiten

BRD 1957-66

beta

Orientierung Karriere

,20

,20

,22

,20

Extrinsische Orientierungen

,19

,15

,11

,12

Orientierung Kooperation

,12

,07

,12

,05

Erziehung Pflicht/Leistung

,30

,30

,29

,29

Erziehung Selbständigkeit

,13

,12

,13

,14

Erziehung Kooperativer Individualismus

,17

,17

,18

,18

Orientierung Karriere

,26

,26

,21

,20

Extrinsische Orientierungen

,23

,21

,19

,16

Orientierung Kooperation

,13

,11

,15

,12

Erziehung Pflicht/Leistung

,14

,17

,21

,22

Erziehung Selbständigkeit

,23

,24

,05

,03

Erziehung Kooperativer Individualismus

,24

,22

,20

,20

Kohn sieht die Arbeitsorientierungen als abhängig von der Schichtposition an. Dabei wirken für ihn die Arbeitsbedingungen als Mittler zwischen sozialer Schicht und familialer Sozialisation.

5.7.2. Zwischenbilanz II

Faßt man die bisherigen Ergebnisse zusammen, so konnten wir ebenfalls feststellen, daß die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Schichten Differenzen in den Erziehungsvorstellungen hervorruft. Bei der Bildung des Schichtindexes fanden wir in den jüngsten Altersgruppen einen Anstieg des Bildungsniveaus, vor allem in der ehemaligen DDR, und konnten zeigen, daß der Bildungsabschluß bei weitem kein so eindeutiges Kriterium für die Differenzierung der sozialen Schichten mehr darstellt wie in den vorangegangenen Altersgruppen. Das hat zur Folge, daß konformistische Werte nicht zwangsläufig Folge mangelnder schulischer Ausbildung sind und daß eine hohe schulische Ausbildung nicht unbedingt zu beruflicher Autonomie führt. Die zunehmende Rationalisierung und die damit verbundene fortschreitende Arbeitsteilung in der Arbeitswelt führt letztendlich auch dazu, daß trotz höherer Bildungsabschlüsse, die Selbständigkeit in der Arbeit, zumindest in der Wahrnehmung der Befragten, abgenommen hat. Es konnte gezeigt werden, daß die Selbständigkeit in der Arbeit zwar differenziert Einfluß auf die Unterschiede in den Arbeits- und Erziehungsvorstellungen


132

der Eltern verschiedener Altersgruppen hat, aber ebenso wie bei der Schicht ist der Einfluß weitaus geringer als von Kohn angenommen. Zumindest gilt dies für die von uns untersuchten Altersgruppen.

Es findet sich in den Ergebnissen eine deutliche Zunahme postmaterialistischer Orientierungen, mit Ausnahme der DDR, wo der Inglehart-Index kaum differenziert.

Einen Wertewandel in der von Inglehart beschriebenen Form konnten wir nicht nachweisen. Es hat eine Veränderung in den Prioritäten der Werte gegeben, aber sie sind nicht durch andere Werte ersetzt worden. Die Ergebnisse bestätigen vielmehr die These von Klages, daß eher eine Reihe von Modernisierungsprozessen als Ursache für diese Veränderungen in der Bedeutung der Werte verantwortlich zu machen sind. Er nennt dabei die Wohlstands- und Bildungsexpansion, den Ausbau der sozialen Sicherungen und die Säkularisierung, in deren Folge Werte wie Pflicht und Akzeptanz an Bedeutung verloren haben. Für Klages besteht der Prozeß des Wertewandels auch nicht in einer Wertesubstitution, sondern in einem Nebeneinander der Werte, d.h. ein Bedeutungsgewinn individualistischer Werte bei gleichbleibender Wertschätzung konventioneller Werte. So finden wir in den Ergebnissen der untersuchten Altersgruppen eine Abnahme von Pflicht und Leistungseinstellungen. Trotzdem werden die Werte immer noch hoch eingestuft. Gleichzeitig erfolgt eine Zunahme von postmaterialistischen Orientierungen, vor allem in den Altersgruppen der in den alten Bundesländern Geborenen.

Der Vergleich der Altersgruppen zeigt deutlich, daß die Arbeits- und Erziehungseinstellungen nicht zwangsläufig auf die Unterschiede in den Bedingungen der einzelnen Schichten zurückgeführt werden können, sondern daß es ein Komplex von verschiedenen sozialstrukturellen Einflüssen und unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen in den jeweiligen Altersgruppen ist, der die Unterschiede in den Einstellungen hervorbringt. Man darf bei solch einer Art der Betrachtung, die retrospektiv ist, jedoch nicht vergessen, daß ein Teil der Ergebnisse auch situative Reaktionen auf die Begleitumstände des Zeitpunktes der Befragungen sein können.

Es konnte gezeigt werden, daß die soziale Schichtung ein passender Indikator der Sozialstruktur ist und daß Schichtungseffekte durch die Berufserfahrung der Eltern in die Erziehungsziele einfließen. Allerdings reicht der Schichtungsansatz insbesondere unter dem Aspekt des sozialen Wandels nicht aus, um den Einfluß der Sozialstruktur der Gesellschaft auf die Einstellungen der Eltern in angemessener Weise zu erfassen.


133

Abbildung 16


134

Abbildung 17

Abbildung 18


135

Abbildung 19

Abbildung 20


136

Abbildung 21

Abbildung 22


137

Abbildung 23

Abbildung 24


138

Abbildung 25

Abbildung 26


139

Abbildung 27

Abbildung 28


140

Abbildung 29


141

Abbildung 30


Fußnoten:

<16>

Die 1. Frage lautete: Wie wichtig finden Sie diese Erziehungsziele, wenn Sie an die Erziehung eines etwa 10jährigen Kindes heutzutage denken? Folgende Erziehungsziele wurden genannt: Pflichtbewußtsein, Gehorsam, Fleiß, Verständnis für andere, Kritikfähigkeit, Verantwortungsbewußtsein, gute Schulleistung, Selbständigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, gute Umgangsformen, Selbstvertrauen.

Bei der 2. Frage wurde gefragt: Für die Arbeit und die Wahl des Berufes können einem unterschiedliche Dinge wichtig sein. Es wurden genannt: Sichere Berufsstellung, hohes Einkommen, gute Aufstiegsmöglichkeit, ein Beruf der anerkannt und geachtet wird, ein Beruf der einem viel Freizeit läßt, interessante Tätigkeit, eine Tätigkeit bei der man selbständig arbeiten kann, viel Kontakt zu anderen Menschen, ein Beruf , der für die Gesellschaft wichtig ist, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, ein Beruf, der einem genügend Zeit für familiäre Verpflichtungen läßt.

Die Befragten sollten anhand einer fünfstufigen Skala von unwichtig (1) bis sehr wichtig (5) antworten.

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hier laden: Pflichtbewußtsein, Fleiß, Gehorsam, gute Schulleistungen und gute Umgangsformen

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in diesen Faktor gehen ein : Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen, Selbständigkeit, sowie gute Umgangsformen und gute Schulleistungen

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diesen Faktor repräsentieren die Items: Verständnis für andere, Verantwortungsbewußtsein, Selbständigkeit, Selbstvertrauen und Pflichtbewußtsein.

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in diesen Faktor gehen ein: sichere Arbeitsbedingungen, ein Beruf, der einem genügend Zeit für familiäre Verpflichtungen läßt und ein Beruf der einem viel Freizeit läßt

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hier stellen, guteAufstiegsmöglichkeit, hohes Einkommen, ein Beruf der annerkannt und geachtet wird sowie eine sichere Berufsstellung die wichtigsten Items dar.

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Dieser Faktor wird bestimmt durch eine Tätigkeit bei der man selbständig arbeiten kann, eine interessante Tätigkeit, ein Beruf der anerkannt und geachtet wird, ein Beruf , der für die Gesellschaft wichtig ist und viel Kontakt zu anderen Menschen.

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Alle Informationen zu den Faktoren, wie Eigenwerte und Varianzaufklärung, sowie die Verteilung der Einzelitems und Ladungen finden sich im Anhang 1.

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Die Faktorladungen wurden für weitere Berechnungen in 6 Perzentile eingeteilt, wobei das untere Drittel (1. und 2. Perzentil) besagt, daß die für den Faktor bedeutsamen Items als weniger wichtig eingestuft werden, das mittlere Drittel ( 3. und 4. Perzentil) bedeutet eine mittlere Bewertung der Items und das obere Drittel (5. und 6. Perzentil) entspricht denjenigen, die diese Items als wichtig einstufen .

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ich betrachte hier nur die reinen Materialisten und Postmaterialisten

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Eine Übersicht über Skalen auf der Basis von beruflicher Tätigkeit und beruflicher Stellung gibt der Artikel von Christof Wolf in den ZUMA-Nachrichten Heft 37 unter dem Titel ”Sozio-ökonomischer Status und berufliches Prestige“.

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Bei der groben Klassifikation wird unterschieden nach Landwirte, freie Berufe, Selbständige, mithelfende Familienangehörige, Beamte, Angestellte und Arbeiter.

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Die feinere Klassifikation unterscheidet bei den Landwirten, den Angehörigen freier Berufe und den Selbständigen nach der Betriebsgröße bzw. nach der Zahl der Beschäftigten, bei den Beamten nach dem Laufbahntypus, bei den Angestellten nach dem Autonimiegrad ihrer Tätigkeit und bei den Arbeitern nach dem Grad der Ausbildung.

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1. Sind sie gegenwärtig erwerbstätig? War Ihr Vater erwerbstätig als Sie 15 Jahre alt waren? Wenn Sie ihre heutige berufliche Stellung mit der Ihres Vaters vergleichen, wie schätzen Sie sich ein? Niedriger, ungefähr gleich, etwas höher, viel höher.

In die Analyse gingen 134.000 Personen ein, die zum Zeitpunkt der Befrgung zwischen 14-50 Jahre alt und erwerbstätig waren und die vollständige Angaben zur allen drei Fragen gemacht haben.

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In der Studie zu den Alleinlebenden (siehe Kapitel 4) wurde der ”höchste Berufsabschluß“ in Ost -und Westdeutschland mit zwei verschiedenen Fragebogenversionen abgefragt und dann später zusammengefaßt. Dabei wurde der Fachhochschulabschluß in der Bundesrepublik mit dem Hochschulabschluß in der DDR zusammengefaßt, obwohl es sich dabei um zwei völlig unterschiedliche Abschlüsse handelt.

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Die Variable ”berufliche Stellung“ gibt die Berufsklassifizierung der Befragten in Anlehnung an Featherman an. Die Zusammenfassung der Antwortvorgaben geht auf die Arbeiten von Featherman/ Hauser zurück. Dieses Berufsklassenmodell wurde den deutschen Verhältnissen entsprechend angefaßt. Es setzt nicht auf den aktuellen Berufspositionen der Befragten auf, sondern auf den zuletzt erreichten. Auf diese Weise werden mit dieser Konzeption auch alle diejenigen Befragten mit berücksichtigt, die zum Zeitpunkt der Erhebung nicht berufstätig waren. Die Facharbeiter und einfachen Angestellten/Beamten wurden zu einer Gruppe zusammengefaßt, die Dienstleistungsklasse II wurde als Mittlere Angestellte/Beamte bezeichnet und die Dienstleistungsklasse I heißt in dieser Arbeit nur Dienstleistungsklasse. Hinzu kommt die Klasse ”0 = nie erwerbstätig gewesen“, die aber nur bei den Frauen der älteren Generationen auftaucht.

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Die Kategorien in dieser Variable sind sehr unterschiedlich, da bei der ältesten Gruppe der Befragten, den 1917-26 Geborenen, davon ausgegangen werden muß, daß sie zum Zeitpunkt der Befragung bereits ihre Rente bezogen, die auch noch zwischen den Befragten in Ost und West dieser Altersgruppe differiert. Ich habe daher auch in dieser Altersgruppe den Schichtindex getrennt nach Ost und West und nach Männern und Frauen berechnet. Für die Befragten aus der ehemaligen DDR liegt das Nettoeinkommen zu dem Zeitpunkt der Befragung 1990/91 ebenfalls unter dem in der Bundesrepublik.

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Der ”höchste Schulabschluß“ wurde zusammengefaßt in: ”ohne Abschluß“, ”Volksschule“, ”mittlere Reife, 10. Klasse, Fachschulreife“ und ”Abitur“.

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”Guttman fordert die Konstruktion einer homogenen Skala, die ausschließlich eine Dimension mißt. Die verschiedenen Items entsprechen unterschiedlichen Ausprägungen der Dimension. Sie sind entsprechend verschieden schwierig, verschieden schwer lösbar bzw. können unterschiedlich bejaht werden und werden daher auch unterschiedlich häufig Zustimmung finden.

Sie haben eine bestimmte Charakteristik, die man als Stufencharakteristik bezeichnen kann. Das heißt, ein item wird nur entweder gelöst oder nicht, bejaht oder nicht. Es existieren als nur zwei Reaktionsmöglichkeiten. Und es wird unterstellt, daß der Umschwung von Lösung zu Nichtlösung genau an einer bestimmten Stelle (bei einer bestimmten Ausprägung) der Untersuchungsdimension erfolgt, die der Schwere des Items entspricht.

Die Items haben kumulativen Charakter, d.h. sie werden nicht nur immer schwerer, sondern, wer die schwersten löst, löst auch die leichteren, so daß insgesamt eine Stufenleiter zustandekommt, die der realen Stufung der Dimension entspricht“ (Laatz 1993, S.300-301)

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Für die weiteren Berechnungen habe ich die ”Unterschicht“ und die ”untere Mittelschicht“ zur Arbeiterschicht zusammengefaßt, da sie in etwa diesem Profil entspricht und die ”mittlere und gehobene Mittelschicht“ zur ”Mittelschicht“. Auf die Art habe ich versucht eine Vergleichbarkeit mit den Studien von Melvin Kohn herzustellen.

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Das heißt, bei der Auswertung dieser Frage blieb die Altersgruppe der 1917-26 Geborenen unberücksichtigt.


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Thu Apr 13 15:47:59 2000