Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

162

Kapitel 7. Schlußfolgerungen und Ausblick

Die Frage, die am Anfang dieser Arbeit stand, war die nach dem Einfluß objektiver Bedingungen und die damit verbundene Funktionsweise der Individuen in der Gesellschaftsstruktur auf die Vorstellungen über die Erziehung von Kindern schlechthin, ebenso wie auf die Vorstellung über Individualität und Unterordnung. Dabei ging es vordergründig um den Wandel der Vorstellungen von Eltern über die wünschenswerten Eigenschaften bei ihren Kindern, die auch einen Schluß auf die Ziele in der Kindererziehung zulassen.

Die theoretischen Überlegungen und empirischen Analysen der vorausgegangenen Kapitel waren der Individualgenese elterlicher Wertvorstellungen und Orientierungen zu verschiedenen Entwicklungszeitpunkten in Deutschland gewidmet.

Der Problemhorizont der vorliegenden Arbeit wurde vor dem Hintergrund unterschiedlicher Erfahrungen im Alltagshandeln von Generationen entfaltet, die unter bestimmten, historisch einmaligen Lebensbedingungen sozialisiert wurden.

Solche historisch einmaligen Lebensbedingungen führen zu spezifischen Sozialisationsprozessen, die auch, so die These, die Wertvorstellungen und Orientierungen der jeweiligen Generation kennzeichnen.

Die 1917-26 Geborenen, die in ihrer Sozialisation durch die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg geprägt wurden, wuchsen in einer Zeit auf, in der ein starker autoritärer Vater in einer von Männlichkeitsidealen durchsetzten Umwelt dominierte, die durch althergebrachte Normen und Verhaltensstandards bestimmt war und wo eine entsprechend konformistische Haltung zum Bestand des gesellschaftlichen Systems erforderlich war (Kapitel 1 und 2.1).

Die Mittlere Generation (1937-46 Geborene), die Nachkriegsgeneration, wuchs in einem geteilten Deutschland auf, da nach dem Zweiten Weltkrieg zwei entgegengesetzte Gesellschaftssysteme entstanden waren. Die Jugendlichen in Ost- und Westdeutschland erlebten die Nachkriegs-Mangelsituation sowie einen wirtschaftlichen Aufstieg, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit verschiedenen Geschwindigkeiten.

Die Sozialisationsbedingungen dieser Generation waren durch eine Reihe von Widersprüchlichkeiten gekennzeichnet. Die Umbruchssituation nach den Wirren des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die lange Abwesenheit der Väter und die volle Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in den Erwachsenenalltag mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit führte zu einer vielfach unkontrollierten Offenheit im Sozialisationsprozeß. Dennoch gehörte unter dem Eindruck materieller Existenznot Sparen, verbunden mit einem hohen Pflichtbewußtsein und ein hohes Sicherheitsbedürfnis zum Selbstverständnis dieser Generation, sowohl in Ost- als


163

auch in Westdeutschland. Damit verbunden war eine hohe, nahezu asketische Arbeitsmoral, die auch zu Härte gegen sich selbst zwang.(Kapitel 1)

Die Altersgruppe der 1957-66 Geborenen wurde von neuen Verhaltensanforderungen geprägt, die sich aus der Entwicklung der Konsumgesellschaft vor allem in der Bundesrepublik ergaben. Wohlstand und Überflußproduktion erforderten einen konsumfreudigen und flexiblen Menschen, der sich in den Verhaltensstandards nicht mehr an der Nachkriegszeit orientierte. Im Laufe der Entwicklung setzte in der Bundesrepublik ein Wandel in den Verhaltensstandards und Umgangsnormen ein, die eine Tendenz zum ”freieren“ Umgang zwischen den Älteren und den Jüngeren mit sich brachte. Die Bereitschaft zu Gehorsam allein und das Vertrauen in die Richtigkeit und Berechtigung von Vorschriften ist nicht mehr selbstverständlich, so daß die Autoritätsperson zunehmend in einen Rechtfertigungsdruck gerät (s. Kapitel 1).

In der DDR sind solche Entwicklungen in diesem Maße nicht erkennbar. Hier sind Enttraditionalisierung und Individualisierung keine direkte Folge von Flexibilisierungen in den Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen, sondern eher Ausdruck eines Anpassungsdruckes, der durch den zunehmenden Einfluß des Staates auf die Lebensbedingungen erzeugt wurde (Kapitel. 1).

Ausgehend von dieser Problematik hatte die vorliegende Arbeit das Ziel, theoretisch und empirisch zu untersuchen, welcher Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und der Herausbildung elterlicher Erziehungseinstellungen besteht.

Zur Annäherung an diese Fragestellung wurde der Ansatz von Melvin Kohn herangezogen (Kapitel 2.2).

Kohn geht davon aus, daß Wertvorstellungen, Gesellschaftbilder und Persönlichkeitmerkmale von Menschen eine Funktion ihrer Stellung in der Sozialstruktur sind. Als bedeutendste Dimension der Sozialstruktur sieht er die hierarchische Ordnung sozialer Schichten an, die aus der unterschiedlichen Verteilung von Macht, Privilegien und Ansehen resultiert. Die Schichtzugehörigkeit bringt, so Kohn, systematisch unterschiedliche Lebensbedingungen hervor, die die Vorstellung der Menschen über ihre gesellschaftliche Wirklichkeit tiefgehend beeinflussen. Je nach Höhe der gesellschaftlichen Position können eigene Entscheidungen und Handlungen durchgesetzt werden oder auch nicht. Selbstbestimmung, als Ausdruck des Handelns auf der Grundlage des eigenen Ich-Urteils, Aufgeschlossenheit, moralische Standards persönlich zu verantworten, ist nach Kohn nur möglich, wenn die realen Lebensbedingungen eigene Handlungsfreiheit lassen. Da in der Industriegesellschaft der sechziger Jahre, in der dieser Ansatz entstand, der Beruf eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielte, geht Kohn davon aus. daß die Berufsbedingungen, die die Ausübung von Selbstbestimmung


164

fördern oder hemmen, nicht nur Einfluß auf die Vorstellungen der Menschen von der Arbeit und ihrer Rolle in der Arbeit haben, sondern auch auf ihre Sicht von der Welt, ihrem Selbst sowie die Erziehung ihrer Kinder.

Es konnte empirisch nachgewiesen werden, daß die soziale Schichtung ein passender Indikator der Sozialstruktur ist, und daß Schichtungseffekte vermittelt durch die Berufserfahrung der Eltern in die Erziehungsziele einfließen (Kapitel 5). Allerdings konnte auch gezeigt werden, daß der Schichtungsansatz insbesondere unter dem Aspekt des sozialen Wandels, allein nicht ausreicht, um den Einfluß der Sozialstruktur der Gesellschaft auf die Einstellungen der Eltern in angemessener Weise zu erfassen.

Die Werte und Vorstellungen haben sich im Lauf der Zeit verändert. ”Gehorsam und Unterordnung“ haben an Bedeutung verloren (M.&S. Greifenhagen 1981, Klages 1984), ”Selbständigkeit und freier Wille“ gewinnen an Bedeutung. Eine Reihe von Studien haben ebenso wie Ronald Inglehart (Kapitel 2.3) gezeigt, daß der soziale Wandel mit der Aufeinanderfolge von Generationen zusammenhängt. Aufgrund der Wohlstandsentwicklung in den westlichen Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg, so seine These, haben sich die Orientierungen von materialistischen zu postmaterialistischen Werten verschoben. Tatsächlich ließ sich empirisch für die Altersgruppen, die in der Bundesrepublik geboren wurden, eine Zunahme postmaterialistischer Orientierungen nachweisen. In den DDR-Altersgruppen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen materialistischen und postmaterialistischen Orientierungen (s. Kapitel 5).

Ausgehend von den vorangegangenen Überlegungen, standen im Rahmen der empirischen Untersuchung drei Fragestellungen im Vordergrund (vgl. Abschnitt 4)

  1. Wie stellen sich die Erziehungsziele in den einzelnen Altersgruppen dar undwelchen Einfluß haben die Arbeitsorientierungen auf die Erziehungseinstellungen?
  2. Unterscheiden sich die Einstellungen und Werte zur Erziehung in Ost- und Westdeutschland? Wenn ja, sind diese eventuellen Unterschiede eher ein Altersgruppeneffekt oder finden sich ihre Ursachen in den verschiedenen Gesellschaftssystemen?
  3. Wie stellt sich der Einfluß der sozialen Schichtung auf die Erziehungsziele unter dem Aspekt der sozialen Veränderungen dar?

Gestützt auf die empirischen Befunde aus den Kapiteln 5 und 6 können diese drei Fragestellungen jetzt beantwortet werden.

Für die erste Frage haben ich mittels Faktoranalyse drei voneinander unterscheidbare Dimensionen elterlicher Erziehungsvorstellungen extrahiert. ”Erziehung zu Pflicht und


165

Leistung“ spiegelt autoritäre Einstellungen, wie Gehorsam, Fleiß, Pflichtbewußtsein und gute Schulleistungen, als wünschenswerte Eigenschaften bei den Kindern wider.

”Erziehung zur Selbständigkeit“ betont stärker die Autonomie der Kinder als Erziehungsziel, wie es sich in der Bedeutung der Items Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen und Selbständigkeit dokumentiert. Das dritte Erziehungsziel ”kooperativer Individualimus“ macht deutlich, daß sich die Eltern bei ihren Kindern eine Art von Individualismus, der die Items: Beziehung zu anderen, das Verständnis für andere sowie Verantwortungsbewußtsein und Kritikfähigkeit beinhaltet, wünschen.

Die Antwortmuster der verschiedenen Altersgruppen sind in allen Faktoren stabil, eine Ausnahme macht nur der Jahrgang 1937-46 aus der DDR, der keinen eindeutigen kooperativen Individualismus in den Erziehungszielen zeigte. Man könnte vermuten das Formen eines eigenen Individualismus in dieser Altersgruppe in der DDR in der Zeit ihrer Jugendphase - also von 1952 bis 1971 - nicht als Wert existierten. Diese Vermutung verstärkt sich, wenn man an die Beschreibung dieser Zeit im 1.Kapitel zurückdenkt. ”Arbeitsamkeit und Bescheidenheit wurden zu politisch propagierten Staatstugenden. Aus Arbeitsamkeit und Bedürfnislosigkeit/Bescheidenheit wird die neue Gemeinschaft geboren, als eine solidarische Gemeinschaft von sozial Gleichgestellten.... Es gab auch in diesen Jahrgängen die starke Motivation einer Aufbruchsgeneration mit einem nachhaltigen Aufbauerlebnis, das von hohem Idealismus geprägt war [...]“

Für alle anderen Jahrgänge konnten nicht nur drei Faktoren klar unterschieden werden, sondern in allen Altersgruppen luden auch die gleichen wichtigen Items.

Dennoch zeigte sich eine unterschiedliche Bedeutung der Faktoren zwischen den Altersgruppen ebenso wie zwischen Ost und West, die eine geringere Korrelation mit den jeweiligen Items aufweisen, wie z.B. gute Schulleistungen oder Umgangsformen. Die größten Unterschiede finden sich bei den Pflicht und Leistungsitems zwischen den Altersgruppen, während sich die Faktoren ”Selbständigkeit“ und ”Kooperativer Individualismus“ nicht wesentlich in den Altersgruppen unterschieden.

Das Erziehungsziel ”Pflicht und Leistung“ zeigte in der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der BRD eine Zunahme in der Bedeutung. Danach nimmt es in seiner Bedeutung ab. In den Altersgruppen aus der ehemaligen DDR hingegen ist die Bedeutung dieses Faktors insgesamt etwas geringer als in den anderen Altersgruppen und zeigt keinen Unterschied zwischen den 1937-46 Geborenen und den 1957-66 Geborenen. In den DDR-Altersgruppen zeigt sich, daß, obwohl es sich bei der DDR um eine paternalistische Gesellschaft handelte, indem der Vater Staat die Rolle der Führung übernahm, diese Autorität von den Eltern scheinbar nicht verinnerlicht wurde. Autoritäre Erziehungsvorstellungen hatten zwar eine Bedeutung, aber keine höhere als in demokratisch geprägten Gesellschaften wie der Bundesrepublik. Während wir in den Altersgruppen aus den alten Bundesländern die unterschiedliche Bedeutung dieses Erziehungsziels zwischen den Altersgruppen auf den gesellschaftlichen Wandel zurückführen können, der einherging mit der öffentlichen Kritik und Infragestellung des


166

Autoritarismus und letztlich auch zu einem Bedeutungsabfall der damit verbundenen Erziehungsziele geführt hat, finden wir solche Unterschiede zwischen den DDR-Altersgruppen nicht.

In den anderen beiden Erziehungszielen findet sich eine relative Stabilität zwischen den Altersgruppen, was vor allem bei dem Faktor ”Erziehung zur Selbständigkeit“ überrascht, da Klages (1995) erklärte, daß es einen ”tief einschneidenden Wandel in den Erziehungswerten der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland etwa seit Mitte der 60er Jahre (gegeben hat M.H.). Insbesondere muß auffallen, daß die Zahl derer, die das moderne Erziehungsziel ”Selbständigkeit und freier Wille“ als vorrangig wichtig ansehen, dramatisch zugenommen hat, während umgekehrt die Bejaher des traditionellen Erziehungsziels ”Gehorsam und Unterordnung“ in eine fast schon randständige Minderheitsposition geraten sind“ (Klages, 1995 S.2). Diese Aussagen bestätigen sich in unseren Ergebnissen nicht, eher zeigt sich eine ausgesprochene Stabilität in diesem Erziehungsziel. Allerdings muß eingeräumt werden, daß solche retrospektiven Betrachtungen immer mit berücksichtigen müssen, daß die Angaben, die die Eltern machen, unter dem Einfluß der konkreten Forderungen des Tages und der gegenwärtigen Strukturen stehen.

Um den Einfluß der Arbeitsorientierungen auf die Erziehungseinstellungen prüfen zu können, wurden wie auch bei den Erziehungseinstellungen, mit Hilfe der Faktoranalyse drei berufliche Orientierungen voneinander unterschieden. ”Extrinsische Orientierungen“, ”Karriereorientierungen“ und ähnlich, wie im Bereich der Erziehungseinstellungen, heißt der dritte Faktor ”Orientierung Kooperation“. Dabei stehen die extrinsischen Orientierungen vorrangig für Freizeit-Orientierungen. Die Karriereorientierungen sind Ausdruck von Einstellungen, die sich an Items wie gute Aufstiegsmöglichkeiten, hohes Einkommen, geachteter Beruf und sichere Berufsstellung orientieren. Der Faktor ”Orientierung Kooperation“ erfaßt dagegen eher die intrinsischen Einstellungen, wie Selbständigkeit in der Arbeit, eine interessante Aufgabe zu haben, einen Beruf zu haben, der für die Gesellschaft wichtig ist und der Kontakt zu anderen Menschen eröffnet.

Auch bei den Arbeitsorientierungen der Eltern zeigten sich zwischen den einzelnen Generationen sowie Ost- und Westdeutschland einige Unterschiede, die in einem engen Zusammenhang mit den zeitlichen Veränderungen zwischen den jeweiligen Altersgruppen zu stehen scheinen.

Vergleicht man die Karrierorientierungen zwischen den Altersgruppen, so findet sich eine leichte Zunahme dieser Werte in der Altersgruppe der 1937-46 in der BRD Geborenen und danach eine Abnahme der Bedeutung dieser Wertedimension in der jüngsten Altersgruppe in der BRD. Diese Abnahme könnte einerseits Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft sein, in der solche Werte so gesichert waren, daß sie keine hohe Bedeutung mehr hatten, oder sie steht im Zusammenhang damit, daß die Aufstiegsmöglichkeiten gerade in dieser Altersgruppe aufgrund der geburtenstarken


167

Jahrgänge stark eingeschränkt waren. In der jüngsten Altersgruppe in der DDR findet sich eine leichte Zunahme in der Bedeutung des Faktors, die möglicherweise mit dem Zeitpunkt der Befragung Ende 1990 kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung zusammenhängt, und Ausdruck der Unsicherheiten aber auch Hoffnungen in dieser Zeit ist.

Die Zunahme der extrinsischen Orientierungen in allen Altersgruppen deckt sich mit den Ergebnissen von Peter Pawlowsky (1985). Er kommt in seinen Untersuchungen zu dem Schluß, daß die Erwerbsarbeit nicht generell schlechter geworden ist, aber die Freizeit an Bedeutung gewonnen hat. Der Werte- und Anspruchswandel, so Pawlowsky, konnte von den Menschen nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub besser realisiert werden, als in den eingefahrenen Strukturen der Arbeitswelt (vgl. Pawlowsky 1985). Während in den Altersgruppen der 1917-26 Geborenen und beiden Altersgruppen aus der BRD ”Zeit für die Familie zu haben“ in dieser Wertedimension die höchste Bedeutung hat, steht in den DDR-Altersgruppen ”viel Freizeit“ an erster Stelle . Die hohe Bedeutung der Freizeit in der DDR, steht möglicherweise im Zusammenhang mit der durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der DDR - die 43,75 Stunden betrug - und somit Freizeit relativ knapp war. Anders als die BRD war die DDR eine Mangelgesellschaft. Während man in der Bundesrepublik in der Freizeit die zur Verfügung stehenden Freizeitangebote nutzen konnte, wurde in der DDR in dieser Zeit der Mangel kompensiert, in dem man in den Schlangen an den Geschäften stand, oder handwerkliche und instandsetzende Arbeiten in die Familie und die Freizeit verlagerte.

Beim Faktor ”Orientierung Kooperation“ zeigt sich keine Zunahme, wie sie von Pawlowsky beschrieben wird, denn in den jüngsten Altersgruppen in Ost und West findet sich eher eine Abnahme gegenüber den mittleren Altersgruppen. Die Bedeutungszunahme dieser Werte fand in den fünfziger und sechziger Jahren statt, während die Bedeutungszunahme der Freizeitpräferenzen eher, zumindest in den hier vorliegenden Ergebnissen, in den siebziger und achtziger Jahren stattfanden.

Unter Zuhilfenahme einer multiplen Klassifikationsanalyse (MCA) wurde der Einfluß der Berufsorientierungen auf die Erziehungseinstellungen untersucht. Dabei zeigte sich in allen Altersgruppen das gleiche Ergebnis. Eltern, die die Berufsorientierung Karriere, d.h. eine sichere Berufsstellung zu haben, gute Aufstiegsmöglichkeiten, ein hohes Einkommen hoch einstufen, bewerten auch die autoritären Erziehungsziele deutlich höher. Diejenigen Eltern, die sich im Beruf eher an intrinsischen Werten, wie eine interessante Aufgabe zu haben, selbständig zu Arbeiten und Kontaktmöglichkeiten orientieren, bewerten die autoritären Erziehungsziele geringer. Die Ergebnisse zeigen, daß es einerseits einen signifikanten Zusammenhang zwischen Orientierung an äußeren


168

Umständen und autoritären Erziehungszielen gibt und daß andererseits der Einfluß der Berufsorientierungen, insbesondere der Orientierungen, die stärker äußere Umstände betonen, an Einfluß auf das autoritäre Erziehungsziel zugenommen hat.

Weiterhin wurde in allen Altersgruppen festgestellt, daß die Eltern, die intrinsische Orientierungen im Beruf hoch bewerten, auch die Erziehung zur Selbständigkeit als Erziehungsziel als wichtig einstufen, während die Eltern, die die Karriereorientierungen stärker betonen, dieses Erziehungsziel weitaus geringer bewerten. Aber auch die Eltern die extrinsischen Orientierungen, wie viel Freizeit zu haben und Zeit für die Familie, hoch bewerten, finden Erziehung zu Selbständigkeit wichtig. Eine Ausnahme macht nur die Altersgruppe aus der DDR, die 1957-66 Geborenen. Hier ist der Einfluß hauptsächlich auf die intrinsischen Orintierungen zurückzuführen.

Das dritte Erziehungsziel ”kooperativer Indidvidualismus“ wird ebenfalls stärker von den Eltern betont, die intrinsische Werte in der Arbeit wichtig finden und von den Eltern als weniger wichtig bewertet, die Karriereorientierungen hoch einstufen. Vor allem die beiden jüngsten Altersgruppen aus Ost- und West zeigen hier einen signifikanten Zusammenhang zwischen diesem Erziehungsziel und der beruflichen Orientierung zu Kooperation.

Die zweite Frage, ob sich die Einstellungen und Werte zur Erziehung in Ost- und Westdeutschland unterscheiden, können wir mit einem Ja beantworten. Die Werte und Erziehungseinstellungen zwischen Ost- und Westdeutschland unterscheiden sich zwar, aber es finden sich auch tendenzielle Ähnlichkeiten zwischen den jeweiligen Altersgruppen in Ost und West. Die Unterschiede liegen vorrangig zwischen den Altersgruppen, die vermutlich auf die Verschiedenheit in der Sozialisation in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen zurückgeführt werden können.

Am Beispiel des Postmaterialismus Index (Abschnitt 4.3) können wir diese Aussagen verdeutlichen. Ein Vergleich der Altersgruppen zeigt, daß die materialistischen Orientierungen gegenüber der 1917-26 Geborenen in den nachfolgenden Altersgruppen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland abnehmen. Die postmaterialistischen Orientierungen hingegen nehmen zu. In der jüngsten Altersgruppe aus der DDR nehmen die postmaterialistischen Orientierungen jedoch leicht ab. Dieser leichte Abnahme könnte in Zusammenhang stehen mit der Entwicklung, die sich in der Jugend- und Erwachsenenphase in dieser Altersgruppe in der DDR der achtziger Jahre vollzog. (Kapitel 1) Während die Altersgruppe der 1937-46 Geborenen in der DDR vom sozialen Aufstieg geprägt war, erlebten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Altersgruppe der 1957-66 Geborenen ”die Stagnation des Systems, den Niedergang der Wirtschaft, den Zerfall und die Zerstörung der Umwelt sowie die völlige Unfähigkeit des politischen Herrschaftsapparates zu Reformen“ (Fünfter Familienbericht, 1994, S.112).


169

Vergleicht man jedoch nicht nur die Altersgruppen, sondern auch zwischen Ost und West, zeigen sich hier ebenfalls Differenzen. Während in der Bundesrepublik deutliche Unterschiede in den Anteilen von Materialisten und Postmaterialisten in den beiden Altersgruppen zu finden sind, differenziert der Inglehart-Index in der DDR kaum.

Die stärkere Betonung von Selbstverwirklichungs- und individualistischen Orientierungen, führt Inglehart im wesentlichen darauf zurück, daß in den westeuropäischen Wohlstandsgesellschaften, insbesondere in den jüngeren Generationen, kaum noch eine Erinnerung bzw. Erfahrung mit ökonomischen Notlagen, wie der Weltwirtschaftskrise, den Krisen der dreißiger Jahre und den ökonomischen Entbehrungen während bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg, vorhanden ist. Die jüngeren Generationen - insbesondere die in den fünfziger und sechziger Jahren Geborenen in der Bundesrepublik - sind in Wohlstand aufgewachsen und haben die Erfahrung gemacht, daß sich der Wohlstand mehr oder weniger stetig entwickelt. Somit könnte die These von Inglehart für die Bundesrepublik gelten.

Die ökonomischen Grundbedürfnisse müssen befriedigt sein, bevor sich postmaterialistische Orientierungen entwickeln können, so die Thesen von Inglehart. In der DDR wurden zwar die Grundbedürfnisse befriedigt, wie das Absinken des Anteils der Materialisten in den jüngsten Altersgruppe zeigt, jedoch haben sich daraus keine stärkeren postmaterialistische Orientierungen entwickelt. Die geringere Bedeutung postmaterialistischen Orientierungen in den DDR-Altersgruppen, scheint mit den beiden Items, die diese Dimension verkörpern zusammenzuhängen. Die angebotenen Präferenzen (”mehr Einfluß der Bürger auf die Entscheidung der Regierung“ und ”Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung“) sprechen eher eine allgemeine politische Unzufriedenheit, ebenso wie bestimmte Beteiligungswünsche an, als das damit tatsächlich ”postmaterialistische Werte“ gemessen werden. Insofern wäre der Inglehart-Index ein Indikator für das Ausmaß der Offenheit eines politischen Systems bzw. einer Gesellschaft. In der DDR gab es keine Demokratie, daher können auch solche ”postmaterialistischen Orientierungen“ keine Bedeutung haben.

Der dritte Frage, wie sich der Einfluß der sozialen Schichtung auf die Erziehung unter dem Aspekt der sozialen Veränderungen darstellt, ist eine sehr komplexe Frage. Für die Zuordnung der Befragten zu den einzelnen Schichten wurde das Guttman-Verfahren angewandt, welches Schichtung als latente Dimension betrachtet, d.h. daß die Bedeutung und Rangfolge der in den Index einfließenden Items (Einkommen, Berufsposition und Schulausbildung) zu den verschiedenen Entwicklungszeitpunkten berücksichtigt wurde und damit auch die tatsächlichen Veränderungsprozesse in der Schichtstruktur. So konnten Unterschiede in der Sozialstruktur von Ost- und Westdeutschland, z.B. mehr mittlere Bildungsabschlüsse in der jüngsten Altersgruppe in Ostdeutschland


170

berücksichtigen werden. Ebenso die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, z.B. bei den Einkommen.

Bei dem Erziehungsziel ”Pflicht und Leistung“ zeigt sich, daß sich sowohl zwischen den Altersgruppen als auch in Ost- und Westdeutschland Unterschiede in den Einflußfaktoren auf dieses Erziehungsziel ergeben. Gemeinsam ist allen Altersgruppen, mit Ausnahme der mittleren Altersgruppe aus der DDR, daß die Schichtzugehörigkeit der Eltern Einfluß auf die unterschiedliche Bewertung dieses Erziehungsziels hat. Bei der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der BRD steigt die Stärke des Zusammenhangs deutlich gegenüber den 1917-26 Geborenen an, und fällt in der jüngsten Gruppe etwas ab, bleibt jedoch auch hier höher als bei den 1917-26 Geborenen. Auch in der jüngsten Altersgruppe aus der DDR finden wir einen stärkeren Zusammenhang zwischen Schicht und Erziehung zu Pflicht und Leistung, als bei den 1917-26 Geborenen. Es sind, wie Kohn auch zeigte, die Eltern der Arbeiterschicht, die autoritäre Erziehungsziele höher bewerten als die Eltern der Mittelschicht. In allen Altersgruppen, und hier gibt es nur die Ausnahme in der jüngsten Altersgruppe aus der DDR, in dem der Schulabschluß der Mutter den höchsten Einfluß zeigt, hat der Schulabschluß der Väter einen signifikanten Einfluß auf das Erziehungsziel ”Pflicht und Leistung“. Es zeigt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen der Schichtzugehörigkeit der Eltern und dem Schulabschluß der Väter in den Altersgruppen der 1917-26 Geborenen und den beiden Altersgruppen aus der BRD. Eltern, deren Väter einen niedrigen Schulabschluß haben und die selbst der Arbeiterschicht angehören, stufen autoritäre Erziehungsziele wichtiger ein als Eltern, deren Väter einen höheren Schulabschluß haben und die der Mittelschicht angehören. In der mittleren Altersgruppe aus der DDR spielt die Schichtzugehörigkeit für die unterschiedliche Bewertung dieses Erziehungsziels keine Rolle, sondern nur der Schulabschluß des Vaters. Hat der Vater einen niedrigen Schulabschluß, dann bewerten auch die Kinder ”Erziehung zu Pflicht und Leistung“ höher als die Eltern, deren Väter einen höheren Schulabschluß haben. In der jüngsten Altersgruppe gewinnt die Schichtzugehörigkeit wieder an Bedeutung als Einflußfaktor auf diese autoritären Erziehungseinstellungen, während der Schulabschluß des Vaters bedeutungslos wird. Dafür hat jetzt der Schulabschluß der Mutter den Haupteinfluß auf dieses Erziehungsziel. Wir finden hier jedoch den gleichen Zusammenhang wie bei den Vätern. Eltern, deren Mütter einen niedrigen Schulabschluß haben und deren Kinder der Arbeiterschicht angehören, bewerten Erziehung zu ”Pflicht und Leistung“ höher als Eltern, deren Mütter einen höheren Abschluß haben und die selbst der Mittelschicht angehören.

Die Religionszugehörigkeit hat nur in der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen und in der jüngsten Altersgruppe aus der DDR Einfluß auf das Erziehungsziel ”zu Pflicht und Leistung“. In allen anderen Altersgruppen spielt sie keine Rolle. Dieses Ergebnis bei der jüngsten Altersgruppe aus der DDR überraschte schon, da gerade in der DDR die Kirche vom Staat in die Außenseiterrolle gedrängt wurde. Vor allem auf die Anhänger der


171

römisch-katholischen Kirche finden dieses Erziehungsziel wichtiger als die Anhänger anderer Religionen bzw. denen, die keiner Religion angehören.

Die höhere Bewertung von ”Erziehung zur Pflicht und Leistung“ in der Arbeiterschicht, führt jedoch nicht zu einer höheren Bewertung der ”Erziehung zur Selbständigkeit“ bei den Eltern in der Mittelschicht, in von mir untersuchten Altersgruppen. In keiner der in die Analyse einbezogenen Altersgruppen hat die Schichtzugehörigkeit einen signifikanten Einfluß auf dieses Erziehungsziel. Hier stehen die Ergebnisse in einem deutlichen Widerspruch zu den Thesen von Melvin Kohn. ”Erziehung zur Selbständigkeit“, so zeigen die Ergebnisse, wird viel stärker von dem Alter und der Anzahl der Kinder, der Religionszugehörigkeit, dem Familienstand und dem Schulabschluß der Eltern beeinflußt. Dabei differieren dieses Indikatoren sowohl zwischen den Altersgruppen als auch zwischen Ost- und Westdeutschland erheblich. Mit Ausnahme der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen aus der DDR können diese Indikatoren jedoch kaum etwas erklären.

Eltern aus der Mittelschicht präferieren das Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“, eine Art Individualismus, der die Beziehung zu anderen, das Verständnis für andere sowie Verantwortungsbewußtsein und Kritikfähigkeit beinhaltet. Schicht hat hier in allen Altersgruppen, mit Ausnahme der mittleren Altersgruppe aus der DDR, in der kein eindeutiger ”kooperativer Individualismus“ als Erziehungsziel gefunden wurde, einen relativ gleich hohen signifikanten Einfluß. Diese stärkere Betonung des ”kooperativen Individualismus“ durch die Eltern der Mittelschicht bestärken eher noch die Annahmen von Kohn. Verantwortungsbewußtsein, Durchsetzungsfähigkeit und Kiritikfähigkeit, sind Eigenschaften, die die Autonomie einer Persönlichkeit unterstreichen.

Während in der Altersgruppe der 1917-26 Geborenen noch einen relativ hoher Einfluß der Religionszugehörigkeit auf die verschiedenen Erziehungseinstellungen zu finden ist,. schwindet dieser Einfluß als Ergebnis zunehmender Säkularisierung der Gesellschaft. In den jüngeren Altersgruppen findet sich nur noch ein punktueller Einfluß der Religionszugehörigkeit auf die Erziehungsziele.

Der Schulabschluß des Vaters spielt sowohl bei den autoritären Erziehungszielen als auch bei dem Erziehungsziel ”kooperativer Individualismus“ bei den 1917-26 Geborenen und in den Altersgruppen aus der BRD eine erhebliche Rolle. Offensichtlich haben die Väter für die Entwicklung der Wertvorstellungen ihrer Kinder hinsichtlich dieser Erziehungsziele eine große Bedeutung. In den DDR-Altersgruppen wurde der Einfluß des Vaters auf die Entwicklung von autoritären Erziehungsvorstellungen in der mittleren Altersgruppe abgelöst durch die Mutter in der jüngsten Altersgruppe. Bei dem Erziehungsziel zur Selbständigkeit hat die Mutter auf diese Wertvorstellungen in der jüngsten Altersgruppe keinen Einfluß, während der Einfluß des Vaters nach wie vor vorhanden ist. Insgesamt können die verwendeten sozialstrukturellen Indikatoren jedoch


172

nur wenig in bezug auf die unterschiedliche Bewertung von Erziehungsvorstellungen erklären, so daß damit in der Regel mehr als 90% der Einflußfaktoren auf die Vorstellungen der Eltern zur Erziehung ihrer Kindern nicht direkt bestimmt werden können. Auch wenn solche sozialstukturellen Einflußfaktoren direkt gemessen nicht sehr viel erklären, heißt das nicht, daß sie nicht indirekt einen viel höheren Einfluß haben, der aber nicht direkt meßbar ist.

Da die Befragungen nicht direkt für die hier untersuchten Fragestellungen durchgeführt wurden, sondern vorhandene Datensätze reanalysiert wurden, liegen leider keine weiteren Indikatoren vor, mit denen man den Einfluß auf die Werte und Einstellungen der Eltern genauer untersuchen könnte. Aus diesem Grund sind auch keine Untersuchungen über den Zusammenhang von Einstellungen der Eltern zu sich selbst und in bezug auf die Gesellschaft und ihren Einfluß auf die Arbeitsorientierungen und Erziehungsvorstellungen durchführbar. Es können auch keine Fragen zur Interaktion in der Familie und zur Vermittlung der Wertvorstellungen innerhalb der Familie untersucht werden. An dieser Stelle muß sich die hier vorliegende Arbeit ebenso wie die Vertreter der Frankfurter Schule und Melvin Kohn der Kritik unterziehen, diese Fragen nicht beantwortet zu haben bzw. nicht beantworten zu können.

Faßt man die Ergebnisse zusammen, so konnte festgestellt werden, daß die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Schichten Differenzen in den Erziehungs- und Wertvorstellungen hervorruft. Vor allem gilt dies für konservative Einstellungen, wie Erziehung zu Pflicht und Leistung. Hier sind es vor allem Eltern der Arbeiterschicht, die solche autoritären Erziehungsziele wichtiger finden ebenso wie im Arbeitsbereich, die Orientierung an äußeren Faktoren, wie Sicherheit im Beruf, hohe Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Individualistische Einstellungen werden vorwiegend von Eltern der Mittelschicht betont. Dies betrifft sowohl die Erziehungsziele als auch die Arbeitsorientierungen zum kooperativen Individualismus. Erziehung zur Selbständigkeit wird hingegen in den vorliegenden Ergebnissen nicht durch die Schichtzugehörigkeit beeinflußt. Hier stehen die Ergebnisse im Widerspruch zu den Ergebnissen von Kohn, der davon ausgeht, daß dieses Erziehungsziel vor allem von Eltern der Mittelschicht höher bewertet wird. Die Ergebnisse zeigen, daß die Eigenschaften, die die Eltern der Mittelschicht für die Erziehung ihrer Kinder als wünschenswert erachten, den Persönlichkeitsmerkmalen einer autonomen Persönlichkeit entsprechen. Man kann dieses Ergebnis auch so interpretieren, daß sich das Bild von Autorität gewandelt hat, von einer sozial legitimierten, zu einer gesellschaftlich negierten, aber durch das Gefühl der Angst vor der Abhängigkeit von Anderen erzeugten.

Bei der Bildung des Schichtindexes zeigte sich in den jüngsten Altersgruppen einen Anstieg des Bildungsniveaus, vor allem in der ehemaligen DDR. Es wurde deutlich, daß


173

der Bildungsabschluß bei weitem kein so eindeutiges Kriterium für die Differenzierung der sozialen Schichten mehr darstellt, wie in den vorangegangen Altersgruppen. Das hat in den jüngeren Altersgruppen zur Folge, daß konformistische Werte nicht zwangsläufig Folge mangelnder schulischer Ausbildung sind und daß eine hohe schulische Ausbildung nicht unbedingt zu beruflicher Autonomie führt.

Die zunehmende Rationalisierung und die damit verbundene fortschreitende Arbeitsteilung in der Arbeitswelt führt letztendlich dazu, daß trotz höherer Bildungsabschlüsse die Selbständigkeit in der Arbeit, zumindest in der Wahrnehmung der Befragten, abgenommen hat. Man muß allerdings anfügen, daß hier kaum Informationen über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen der Befragten vorlagen, sondern nur ihre Einschätzung. Von dieser Einschätzung der Befragten ausgehend konnte gezeigt werden, daß die Selbständigkeit in der Arbeit zwar differenziert Einfluß auf die Unterschiede in den Arbeits- und Erziehungsvorstellungen der Eltern der verschiedenen Altersgruppen hat, aber ebenso wie bei der Schicht ist der Einfluß weitaus geringer als von Kohn angenommen. Zumindest gilt dies für die von uns untersuchten Altersgruppen. Es findet sich in den Ergebnissen eine deutliche Zunahme postmaterialistischer Orientierungen, mit Ausnahme der DDR, wo der Inglehart-Index kaum differenziert. Es ist jedoch fraglich, ob mit dem Inglehart-Index überhaupt postmaterialistische Orientierungen gemessen werden, oder ob es sich dabei nicht eher um postmaterialistische Grundeinstellungen handelt, die eine allgemeine politische Unzufriedenheit ebenso wie wie bestimmte Beteiligungswünsche ansprechen.

Wir haben eine Veränderung in den Prioritäten der Werte feststellen können, aber sie sind nicht durch andere Werte ersetzt worden. Insofern bestätigen die Ergebnisse vielmehr die These von Klages, der eine Reihe von Modernisierungsprozessen für solche Veränderungen in der Bedeutung der Werte verantwortlich macht. Er nennt dabei die Wohlstands- und Bildungsexpansion, den Ausbau der sozialen Sicherungen und die Säkularisierung, in deren Folge Werte wie Pflicht und Akzeptanz an Bedeutung verloren haben. Für Klages besteht der Wertewandel nicht in einer Wertesubstitution, sondern in einem Nebeneinander der Werte, d.h. ein Bedeutungsgewinn individualistischer Werte bei gleichbleibender Wertschätzung konventioneller Werte. So finden wir in den Ergebnissen der untersuchten Altersgruppen eine Abnahme von Pflicht und Leistungseinstellungen, trotzdem werden die Werte immer noch hoch eingestuft, und gleichzeitig eine Zunahme von individualistischen Orientierungen, vor allem in den jüngeren Altersgruppen. Dieses Nebeneinander der Werte weist möglicherweise darauf hin, daß Autoritätsbeziehungen, etwa in Form von Autonomie, nach wie vor existieren. Sie sind Ausdruck des Wunsches nach Unabhängigkeit von anderen, verbunden mit der Angst vor der Schwäche, die sich aus der Abhängigkeit von anderen ergeben könnte.

Der Vergleich der Altersgruppen zeigt deutlich, daß die Arbeits- und Erziehungseinstellungen nicht zwangsläufig auf die Unterschiede in den Bedingungen der


174

einzelnen Schichten zurückgeführt werden können, sondern daß es ein Komplex von verschiedenen Einflüssen und unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen in den jeweiligen Altersgruppen ist, der die Unterschiede in den Einstellungen hervorbringt. Man darf bei solch einer Art der Betrachtung, die retrospektiv ist, jedoch nicht vergessen, daß ein Teil der Ergebnisse auch situative Reaktionen auf die Begleitumstände des Zeitpunktes der Befragungen sein können.

Setzt man die Ergebnisse in Beziehung zu dem Erfahrungshintergrund, vor dem die Altersgruppen aufgewachsen sind und der sie geprägt hat, so sind diese nicht problemlos zu erklären.

Die 1917-26 Geborenen, die unter autoritären Verhältnissen aufwuchsen (Kapitel 1), bewerten autoritäre Orientierungen für die Erziehung ihrer Kinder nicht viel höher als die Altersgruppe der 1957-66 in der BRD Geborenen, die in einem Klima, das durch veränderte Verhaltensanforderungen und einem eher antiautoritären Erziehungsklima geprägt war, aufwuchsen. Vermutlich sind die Erziehungseinstellungen der 1917-26 Geborenen stärker Ausdruck der Zeit, in der sie ihre eigenen Kinder, jene, die 1937-46 geboren wurden, aufzogen. Ihre Kinder wuchsen während des Krieges und in der Nachkriegszeit auf, in der sie selbst wenig Zeit für die Erziehung ihrer Kinder hatten, wie die Zeitbeschreibungen für die mittleren Altersgruppen verdeutlichten. Später als sich der Alltag wieder zu normalisieren begann und sich die patriarchal-autoritären Strukturen der Familie wieder etablierten, stellten ihre eigenen Kinder ihre Autorität und die der Gesellschaft in Frage (Kapitel 1). Insofern sind die Erziehungsvorstellungen dieser Altersgruppe vermutlich stärker von diesen Ereignissen geprägt worden und überlagern damit möglicherweise die Sozialisationserfahrungen der eigenen Kindheit.

Die 1937-46 Geborenen aus der BRD zeigen gerade bei den Pflicht- und Akzeptanzwerten die erwarteten Ergebnisse. Ein hohes Pflichtbewußtsein und Sicherheitsbedürfnis gehörte zum Selbstverständnis dieser Generation, das sich auch in einer relativ hohen Bewertung des Faktors ”Pflicht und Leistung“ niederschlägt. Mit diesen Werten haben sie den Wiederaufbau nach dem Kriege erlebt und dazu beigetragen, daß sich ”ihre“ Gesellschaft zu einer Leistungsgesellschaft entwickeln konnte.

In den DDR-Altersgruppen finden sich so gut wie keine Differenzen in den Einstellungen zwischen den Altersgruppen. Pflicht- und Leistungsorientierungen haben eine geringere Bedeutung als in den Altersgruppen der Bundesrepublik. Vielleicht stehen die Ergebnisse bereits im Zusammenhang mit der Auflösung der DDR, die sich zum Zeitpunkt der Befragung 1990/91 vollzog. Hier hätten auch hohe Pflicht- und Leistungsorientierungen den Zusammenbruch nicht mehr verhindern können. Möglicherweise sind sie auch Ausdruck des Anpassungsdruckes, der durch die permanente Einflußnahme des Staates


175

auf die eigene Gestaltung des Lebensweges erzeugt wurde (Kapitel 1). Wahrscheinlich aber ist es eine Mischung aus beidem.

Auch wenn die Mittelwerte bei der Bewertung der ”Erziehung zur Selbständigkeit“ keine signifikanten Unterschiede zwischen den Altersgruppen zeigen, so finden wird diese bei genauerer Betrachtung der Varianzaufklärung der Einzelitems.

Die 1917-26 Geborenen bewerten Selbständigkeit für die Erziehung der Kinder am wichtigsten. Diese Eigenschaft war gerade für ihre eigenen Kinder notwendig, da sie sich in der Zeit des Wiederaufbaus kaum um ihre Kinder kümmern konnten (vgl. Kapitel 1).

Bei den 1937-46 Geborenen aus der BRD finden wir an erster Stelle Durchsetzungsfähigkeit als wünschenswerte Eigenschaft für ihre Kinder. Hier scheint die Leistungsgesellschaft Einfluß auf die Bewertung solcher Eigenschaften für die Kinder gehabt zu haben, in der sich durchzusetzen ein Kriterium für sozialen Aufstieg ist.

In der DDR-Altersgruppe ist es Selbstvertrauen, das die höchste Priorität hat. Dies könnte wiederum mit dem Zusammenbruch der DDR in Zusammenhang stehen. In der Zeit ihrer eigenen Kindheit, die dominiert wurde vom Wiederaufbau, in der die DDR keine Hilfe von außen zu erwarten hatte, war es dieses ”auf sich selbst vertrauen“, das sie die Schwierigkeiten meistern ließ. Die Auflösung der DDR erfordert, so könnte man aus ihrer Sozialisationserfahrung heraus annehmen, daß wieder dieses ”auf sich selbst vertrauen“, die Ungewißheit der Zukunft bewältigen helfen soll.

In den beiden jüngsten Altersgruppen finden wir Durchsetzungsfähigkeit als Erziehungsziel an erster Stelle. Beide Altersgruppen sind unter dem Einfluß der Moderne mit ihren Chancen und Risiken groß geworden. In beiden Staaten mußte man lernen, sich durchzusetzen, um etwas zu erreichen. In der DDR bezog sich dies wohl mehr auf die Arbeitsgruppen und die Kollektivbeziehungen, in der BRD hatten wohl auch die demographischen Entwicklungen und die damit verbundenen Einschränkungen in den Aufstiegsmöglichkeiten etwas damit zu tun.

In diese Interpretation paßt auch die höhere Bedeutung des Erziehungsziels ”kooperativer Individualismus“ in den jüngeren Altersgruppen. Eigene Interessen durchzusetzen, Dinge kritisch zu hinterfragen und verantwortungsbewußt z.B. mit der Natur umzugehen, sind Erfahrungen, die diese Eltern bereits in ihrer eigenen Sozialisation als wichtig erfahren haben (Kapitel 1). In der DDR-Altersgruppe hat sicher auch die Erfahrung des Zusammenbruchs der DDR dazu beigetragen.

Angesichts der Ergebnisse zeigt sich, daß Werten und Einstellungen in einem lebenslangen Prozeß der Sozialisation erworben und verändert werden. Dieser Prozeß ist verbunden mit einer aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt als Rahmen und Material, und ist nicht nur auf die Erfahrungen in der Kindheit bzw. Jugend zu beschränken, wie bspw. die Vertreter der Frankfurter Schule annahmen. Die Werte, die in der kindlichen Sozialisation erworben wurden, bilden den Hintergrund für die eigenen


176

Orientierungen, jedoch die konkreten Anforderungen des Tages die in den hier untersuchten Generationen u.a. durch historische Großereignisse bestimmt wurden, erfordern eine Anpassung bzw. Aktualisierung, damit diese handlungsleitend werden können.

Jede Beantwortung von Fragen wirft neue Fragen auf, jede Untersuchung hat Implikationen, die weiterführende Untersuchungen erforderlich machen. So ergeben sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse zu den Einflußfaktoren auf die Herausbildung und den Wandel von elterlichen Wertvorstellungen und Orientierungen weitere Fragestellungen, deren Bearbeitung im Rahmen weiterführender Untersuchungen vielversprechend scheinen.

Zum einen scheint es lohnend, in Fortführung der Untersuchungsperspektive Modelle zu entwickeln, die den Einfluß sozialer Kontextbedingungen im Zusammenhang mit Interaktionsbeziehungen untersuchen, um ihre ”synergetischen Effekte“ (Bronfenbrenner, 1990) bei der Herausbildung und dem Wandel von elterlichen Wertvorstellungen und Orientierung zu spezifizieren. Welchen Einfluß haben Interaktion und Kommunikation auf die Herausbildung und den Wandel von Werten und Einstellungen? Welche Bedeutung hat dabei die Familie? Claudine Attias Donfut (1998, S.175)) schrieb in diesem Zusammenhang dazu: ”Das familiale Generationenverhältnis ist ein Schmelztiegel für diverse Einflüsse, in dem sich überlieferte oder erlebte Geschichte der verschiedenen Generationen durchdringen. Es spiegelt in vielerlei Hinsicht die in der Gesellschaft gültigen Normen und Werte wider. Unsere Hypothese lautet, daß es sich hierbei in gewisser Weise um die Vektoren der Veränderungen handelt, die die Gesamtgesellschaft erfassen. Die Familie ist Vermittler, Auffangbecken und Verbreiter des sozialen Wandels“. Möglicherweise können wir durch die Untersuchung von Generationen in ihrem familialen Kontext etwas mehr über die Mechanismen der Veränderung erfahren, da die Familie einer der seltenen Orte ist, an dem verschiedene Generationen noch zusammentreffen. In wichtigen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt es eine zunehmende Trennung zwischen Altersklassen und Generationen. Beispiele sind dafür die Erwerbstätigkeit, deren Dauer abnimmt und die sich immer stärker auf bestimmte Altersgruppen konzentriert, jenen am ”Ende einer verlängerten Jugendzeit und einem immer früheren Ruhestand“ (Attias Donfut 1998, S.175), aber auch die Freizeitaktivitäten, bei denen aufgrund der unterschiedlichen Intressenlagen die Generationen voneinander getrennt werden.

Zum anderen wäre es interessant, den Einfluß der Auflösung der DDR als historisches Ereignis auf die Lebensgestaltung zu untersuchen. In diesem Zusammenhang würde die Frage interessieren, ob sich die konkreten Anpassungsleistungen, die im Rahmen eines solchen Krisenereignisses zu leisten sind, auch in spezifischer Weise in den Wertorientierungen ausdrücken, und wie nachhaltig sie wirken. Wie in der Arbeit angedeutet, wurde von der Hypothese ausgegangen, daß besondere Belastungen, wie sie


177

durch Krisenereignisse hervorgerufen werden, die Entstehung von Wertorientierungen in besonderer Weise beeinflussen können. Obwohl es einige Anhaltspunkte für die Richtigkeit dieser Vermutung gab, ließ sie sich nicht hinreichend sichern. Dies legt die Notwendigkeit einer differenzierteren Vorgehensweise nahe, wie sie Glen Elder (1974; Elder & Capsi 1990) paradigmatisch im Rahmen von ”Children of Great Depression“ entwickelt hat. Im Rahmen einer an Elders Arbeiten orientierten Untersuchung wären unterschiedliche sozio-ökonomische und sozio-emotionale Belastungsdimensionen und -konstellationen für Prozesse der Sozialisation im Jugendalter zu identifizieren (z.B. objektive Deprivation aufgrund der Verknappung ökonomischer Ressourcen oder sozialer Statusverlust der Eltern sowie relative Deprivationserfahrungen der Jugendlichen aufgrund der Diskrepanz zwischen Erwartungen und sozialer Wirklichkeit). Zum anderen wären Bewältigungsressourcen zu spezifizieren, über die Jugendliche im Kontext ihres jeweiligen Sozialisationshintergrundes (z.B. Beeinträchtigung des Familienklimas) verfügen. Zudem muß man bei den Befunden berücksichtigen, daß die Belastungsituation je nach Alters- und Entwicklungsstand unterschiedliche Konsequenzen hat. Die Auflösung der DDR als besonderes historisches Ereignis bietet sich geradezu für weiterführende Untersuchungen an, denn hier zeichnet sich eine neue generationsbildende Zäsur ab. Denkbar ist, das sich eine Generation herausbildet, für die es typisch wird, nicht mehr in ”normale“ Erwerbsverläufe integriert zu sein und deren Lebensplanung problematisch werden könnte. Unter einer solchen Perspektive wäre es interessant zu sehen, wie sich die erzieherischen Wertvorstellungen entwickeln.
[Titelseite] [Danksagung] [Einleitung] [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [Bibliographie] [Anhang] [Selbständigkeitserklärung] [Lebenslauf]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Thu Apr 13 15:47:59 2000