Hennig, Marina: Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich

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Einleitung

Als 1968 die Studenten revoltierten und die gesellschaftliche Autorität in Frage stellten, durchlebte die Bundesrepublik Deutschland in relativ kurzer Zeit eine Veränderung weg von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten (vgl. Klages 1984). Es sank die Bereitschaft, sich gesellschaftlichen Autoritäten bedingungslos unterzuordnen, und die Vorstellung der Eltern, ihre Kinder zu ”Gehorsam und Unterordnung“ erziehen zu wollen, verlor immer mehr an Bedeutung ( M. und S. Greifenhagen, 1981). Wurde 1951 ”Ordnungsliebe und Fleiß“ noch deutlich gegenüber den Zielen ”Selbständigkeit und freier Wille“ sowie ”Unterordnung und Gehorsam“ bevorzugt, so gewinnt Mitte der sechziger Jahre ”Selbständigkeit und freier Wille“ an Bedeutung und ”Unterordnung und Gehorsam“ verliert sie im gleichen Maße.

Warum wurde Autorität in Frage gestellt? Zinnecker stellte diese Reaktion der 68er Generation in den Kontext der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. ”Auch hier spielte der kulturindustrielle Modernisierungsschub beim Übergang zum Konsum- und Dienstleistungskapitalismus eine herausragende Rolle. Sei es, daß man sich auf die Seite der Modernisierung stellte und überlieferte Traditionen und Abhängigkeiten kritisierte: mit der Losung allgemeiner Demokratisierung wurden die herkömmlichen hierarchischen Abhängigkeitsbeziehungen angegriffen; mit Hilfe hedonistischer Lebensauffassungen die asketischen, auf Triebverzicht beruhenden Moralgundlagen.“ (Zinnecker 1987, S.43)

Die veränderten Werte und Einstellungen werden in einen engen Zusammenhang mit den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen gestellt.

Diesen Zusammenhang findet man bereits bei Glen Elder 1974 in seinem Buch ”Children of Great Depression“. Bei der Analyse des Einflusses von Krisenereignissen, wie dem Zusammenbruch der US-Börse 1932, auf die Lebensführung und Lebenseinstellungen von US-Bürgern, zeigte er am Beispiel der familiären Anpassung an die ökonomischen Belastungen, wie der soziale Wandel - vermittelt durch solche Prozesse - Einfluß auf die persönliche Lebensgestaltung hat. Solche Krisenereignisse sind prägend dafür, wie eine Generation die dann veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse später in ihrem Leben verarbeitet. Sie konstituieren eine gemeinsame Erfahrungs- und Sozialisationsgeschichte, die zu einer jeweils spezifischen Sozialisation führt.

Vor dem Hintergrund der Auflösung der DDR als besonderes historisches Ereignis, welches alle Generationen in gewisser Weise tangiert, setzt sich die vorliegende Dissertation mit der Frage auseinander, welchen Einfluß objektive Bedingungen und die damit verbundene Funktionsweise der Individuen in der Gesellschaftsstruktur auf die Vorstellungen über die Erziehung von Kindern und auf die Vorstellungen über


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Individualität und Unterordnung haben. Welche treibenden Kräfte und historischen Entwicklungslinien sind erkennbar, die den Wandel von generationsspezifischen Werteinstellungen in der Erziehung hervorgerufen haben?

Generationen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung zum Wandel von Werten und Einstellungen unter dem Aspekt des Autoritarismus. Damit knüpft die vorliegende Arbeit vor allem an amerikanische Traditionen an, die - wie im Ansatz der Lebensverlaufsforschung von Elder - verschiedene Aspekte von gesellschaftlicher Struktur, Geschichte und menschlicher Entwicklung miteinander verknüpfen.

Elders Ansatz der Lebensverlaufsforschung ist zeit - und kontextbezogen, indem sie die Individuen und Familienmitglieder einerseits anhand ihres Geburtsjahrganges im Zeitgeschehen lokalisiert und andererseits der Lebensverlauf die soziale Bedeutung des Alters anhand altersbezogener Ereignisse und gesellschaftlicher Rollen untersucht. Durch Verknüpfung von Zeitgeschehen und Lebensverlauf lassen sich Mikrotheorien und Erklärungen über den Einfluß des sozialen Wandels erschließen. Dabei erscheint der einzelne als handelndes Subjekt und gleichzeitig als Ergebnis seines sich ständig wandelnden Lebensweges.

Zwei Aspekte aus Elders Ansatz sind für den Sozialisationsprozeß hervorzuheben. Erstens: Jede Generation erlebt ein bestimmtes historisches Ereignis in einem konkreten sozialen Kontext, in dem sie sich gerade aufgrund ihres Lebensalters befindet, welcher dann sehr spezifisch ist. Zweitens: Jede Generation erlebt dieses Ereignis vor einem anderen biographischen Hintergrund, der durch jeweils vorangegangen Sozialisationsprozesse und Sozialisationsagenten bestimmt wird und somit für sie kennzeichnend ist. Beide Aspekte zusammen zeigen, daß der Lebensverlauf und der Prozeß der Sozialisation für jede Generation spezifisch und wahrscheinlich sogar einmalig ist. Selbst benachbarte Geburtsjahrgänge unterscheiden sich in ihren Erfahrungen und Einstellungen, obwohl sie unter denselben historischen Verhältnissen gelebt haben.

Elder hebt bei seinen Untersuchungen hervor, daß es besondere zeitgeschichtliche, schicksalshafte Ereignisse sind, die die Lebensverläufe neu konstituieren und sich nachhaltig auf die betroffenen Individuen auswirken. Die gemeinsame Kindheitserfahrung eines einschneidenden und alle Lebensbereiche berührenden Ereignisses konstituiert neue Generationen, die sich genau von den Älteren und auch von den Jüngeren abgrenzen lassen. ( vgl. Pfeil 1968).

Die Auswahl der Generationen für die Untersuchung des Wandels von Werten und Einstellungen deutscher Eltern orientierte sich am Schema der Zeitereignisse und Altersphasen der deutschen Bevölkerung, wie sie im fünften Familienbericht dargestellt wurden. Dabei wurden solche schicksalshaften Veränderungen bzw. Ereignisse im


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Lebensverlauf wie die beiden Weltkriege, das Wirtschftswunder oder die Teilung Deutschlands, die auch mit wirtschaftlichen und sozialstrukturellen Veränderungen verbunden war, berücksichtigt.

Es handelt sich um folgende Generationen:

Diese Generationen entsprechen in etwa einer Drei-Generationen-Familie, d.h. Großeltern, Eltern und Kinder.

Die Generationen der 1937-1946 und 1957-1966 Geborenen eröffnen die Möglichkeit, die Tatsache zu berücksichtigen, daß es nach dem zweiten Weltkrieg zwei deutsche Staaten mit entgegengesetzten Gesellschaftssystemen gab. Dieser Aspekt soll ebenfalls in die Untersuchung mit einbezogen werden. Inwiefern unterscheiden sich die Einstellungen und Werte in Ost- und Westdeutschland? Sind diese eventuellen Unterschiede eher ein Altersgruppeneffekt oder finden sich ihre Ursachen in den verschiedenen Gesellschaftssystemen?

Der Wandel von Werten und Einstellungen wird aus generationsspezifischer Sicht betrachtet. Dazu soll der Erfahrungshintergrund, d.h. generationsspezifische Muster des Alltagshandelns, vor dem die Generationen ihre Einstellungen herausgebildet haben, rekonstruiert werden. Damit wird berücksichtigt, daß das ”Jetzt“ aus der Vergangenheit kommt und sich daraus möglicherweise das ”Zukünftige“ entwickelt. Es wird dabei unterstellt, daß sich in einer Generation unter dem Einfluß bestimmter sozialer und kultureller Gegebenheiten und aufgrund historisch gemeinsamer Erfahrungen in der kindlichen Sozialisation grundlegende gemeinsame Verhaltens- und Bewußtseinsnormen herausbilden, so daß man vom Sozialcharakter sprechen kann ( vgl. Riesman 1956, S.30 ff.).

Auch wenn nicht alle Individuen eine unverwechselbar ähnliche Persönlichkeitsstruktur ausbilden, kann man davon ausgehen, daß für bestimmte Zeitpunkte in der Entwicklung der Gesellschaft solche Sozialcharaktere existierten bzw. noch existieren, die repräsentative Stimmungen und Tendenzen, Werte und Einstellungen verkörpern, die auf einen vergleichbaren biographischen Hintergrund bzw. gemeinsamen Sozialisationszusammenhang schließen lassen.


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Elder weist durch sein Forschungsprogramm, das vor 25 Jahren in den Archiven des Institute of Human Development auf dem Campus der University of California in Berkley begonnen wurde, auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin, der für diese Arbeit von Bedeutung ist. Nämlich, daß soziologische Einsichten eine unverkennbare Sichtweise menschlicher Entwicklung formen, indem sie diese in Beziehung zur gesellschaftlichen Struktur und Geschichte setzen. In den dreißiger Jahren sahen wir diese Vorstellungskraft an den Untersuchungen der Vertreter der Frankfurter Schule (1936), indem sie die Art der Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft, als Ursache für unterschiedliche autoritäre Muster untersuchten. In den fünfziger Jahren sahen wir sie in den Untersuchungen von Kohn (1969), als Unterschiede zwischen Eltern aus der Mittelschicht und der Arbeiterschicht in bezug auf ihre Werte und Einstellungen untersucht wurden. In jüngerer Zeit wird die Sichtweise eines Entwicklungsprozesses während der gesamten Lebensdauer innerhalb des geschichtlichen Rahmens immer bedeutsamer.

Diese Überlegungen Elders wurden aufgegriffen, indem einige theoretische Erklärungsansätze, die sich mit der gesellschaftlichen Struktur der Zeit, in der die Generationen aufgewachsen sind, beschäftigen, und die den Zusammenhang von gesellschaftlicher Struktur und elterlichen Erziehungseinstellungen aufzeigen, in dieser Arbeit mit reflektiert werden. Damit soll der Versuch unternommen werden, die Zeitgeschichte mit theoretischen Ansätzen aus der jeweiligen Zeit in Verbindung zu bringen.

Der erste Ansatz setzt sich mit der ”Charakterstruktur“ des Bürgertums im späten 19. Jahrhundert, der autoritären Persönlichkeit, auseinander. Der Ursprung des Konzeptes des autoritären Charakters findet sich im Rahmen einer psychologischen Auseinandersetzung von Reich (1933), Fromm (1936) und Horkheimer (1936) mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland. Adorno (1950) hat auf diesem Konzept aufsetzend die Studien zum autoritären Charakter fortgesetzt. Dieser Ansatz charakterisiert in gewisser Weise die Sichtweise der Forschung auf die gesellschaftlichen Strukturen in der Jugendzeit der 1917-1926 Geborenen.

Die Theorie des Autoritarismus, die von Reich und Fromm wesentlich beeinflußt wurde, beschreibt Menschen, die zur Unterwerfung unter Autorität bereit sind. Sie versucht damit Mechanismen zu erfassen, mit deren Hilfe gesellschaftliche Herrschaft sichergestellt wird. Im Autoritätsverhältnis wird im Gegensatz zu den Herrschaftsverhältnissen, welche durch das Machtpotential der Herrschenden definiert sind, ein Bedürfnis der Beherrschten an zentraler Stelle mitgedacht. Mit dem Autoritätsbegriff wird die Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten thematisiert.

In bezug auf das Abnehmen der Bereitschaft, sich Autoritäten unterzuordnen, erscheint mir die Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Autorität in der Familie über


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Generationen hinweg im allgemeinen als selbstverständlich hingenommen wurde und warum dies irgendwann nicht mehr der Fall war, sehr wichtig. Worauf gründete die Autorität und welcher Zusammenhang besteht zwischen Gesellschaft, Autorität und Familie?

Der anderen beiden Ansätze, die in dieser Arbeit reproduziert werden, gehen beide von einer veränderten Ausdifferenzierung der Werte und Einstellungen aus.

Melvin Kohn hat 1969 hervorgehoben, daß sich strukturelle Gegebenheiten auf die spezifische Auswahl von Wertorientierungen und somit indirekt auf die Erziehungseinstellungen auswirken. Danach bedingt eine spezifische Arbeitsorganisation und deren Arbeitsabläufe eine stärkere Wertschätzung äußerer Konformität bzw. eine stärkere Autoritätshörigkeit in Arbeiterberufen, während in Angestellten- und Beamtenberufen selbstbestimmtes Handeln stärker betont wird. Nach dieser Konzeption wandelt sich die Bedeutung bestimmter Erziehungsziele in dem Maße, wie sich bestimmte Berufsstrukturen und Arbeitsabläufe ändern. Melvin Kohns Ausgangspunkt findet sich in der in den fünfziger Jahren von amerikanischen Sozialwissenschaftlern anerkannten Auffassung, daß Erziehungsvorstellungen amerikanischer Eltern zum einen vieles gemeinsam haben, daß es jedoch zum anderen erhebliche Unterschiede je nach Schichtzugehörigkeit der Familie gibt. Dabei sind für ihn die Gemeinsamkeiten und Unterschiede elterlicher Erziehungsvorstellungen Ausdruck des allgemeinen Zusammenhangs zwischen Familie und sozialer Schichtung. Der Ansatz von Melvin Kohn stammt aus der Zeit des Industriezeitalters der fünfziger und sechziger Jahre. Vermutlich war er der erste Soziologe, der die Bedeutung von beruflichen Einstellungen für die elterlichen Erziehungsvorstellungen analysiert und damit einen wesentlichen Aspekt in der schichtspezifischen Sozialisationsforschung angesprochen hat. Die Thesen von Kohn werden in dieser Arbeit unter dem Aspekt des sozialen Wandels überprüft. Dabei interessiert vor allem die Frage, wie sich der Einfluß der sozialen Schichtung auf die Erziehungsziele unter dem Aspekt der sozialen Veränderungen darstellt.

Der dritte Ansatz stammt aus dem postindustriellen Zeitalter von Ronald Inglehart. Inglehart (1977, 1979, 1983, 1989) kommt auf der Grundlage von repräsentativen Stichproben, die in Westeuropa und den Vereinigten Staaten durchgeführt wurden, zu dem Schluß, daß eine "stille Revolution" der Wertvorstellungen stattgefunden hat, die auf einem Wechsel der Priorität von materialistischen zu postmaterialistischen Werten in der Nachkriegszeit beruht. Er unterscheidet in materielle und postmaterielle Werte, wobei die materiellen Werte ökonomische und physische Sicherheitsbedürfnisse repräsentieren und postmaterielle Werte soziale (Partizipation, Menschenwürde) sowie intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse.


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Dabei geht er von der zwei Grundannahmen aus: 1.Die Wertprioritäten eines Individuums sind von seiner sozioökonomischen Lage abhängig. 2.Die grundlegenden Werte eines Menschen spiegeln die Bedingungen wider, die während seiner Jugendzeit vorlagen. Inglehart geht von der These aus, daß sich der Wertwandel subjektiv als intergenerationeller Wertwandel manifestiert. Die wichtigste These von Inglehart beschäftigt sich mit den Unterschieden in den Wertprioritäten zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration. Die Generation der vor 1945 Geborenen vertritt in deutlich stärkerem Maße materialistische Orientierungen als die jüngere Generation, da die erste in Zeiten des Mangels und der Unsicherheit aufgewachsen ist, hingegen die jüngere durch eine Periode wirtschaftlichen Überflusses geprägt wurde. Auch diese These läßt sich im Rahmen dieser Studie recht gut überprüfen.

Mit dieser skizzenhaften Beschreibung der Problemstellung der vorliegenden Arbeit, des theoretischen Bezugsrahmens und der Untersuchungsperspektive ist auch das Programm für die nachfolgenden Kapitel umschrieben.

Die Besonderheit von Generationen wird erst im Vergleich erkennbar. Daher stehen am Anfang dieser Arbeit Vergleiche zwischen den Generationen. Die für die Arbeit ausgewählten Generationen werden in ihrem zeit- und sozialgeschichtlichen Kontext beschrieben, um offenzulegen, auf welche Entwicklungen die Auswahl der Generationen bezogen wurde.

Im zweiten Kapitel werden wesentliche Gesichtspunkte der theoretischen Erklärungsansätze, die die Herausbildung von Werten und Einstellungen der ausgewählten Generationen thematisieren, in ihren Grundzügen dargestellt.

Im dritten Kapitel werden die wesentlichen Resultate der theoretischen Überlegungen nochmals zusammengefaßt und konkrete Fragestellungen für die empirische Analyse formuliert.

Das vierte Kapitel beschreibt die verwendeten Datensätze. Im fünften Kapitel werden dann die Wertvorstellungen der Eltern der verschiedenen Geburtsjahrgänge, die aus der empirischen Analyse gewonnen wurden, in ihrem sozialgeschichtlichen Kontext diskutiert und unter dem Aspekt der sozialen Schichtung differenziert.

Im sechsten Kapitel wird der Einfluß weiterer sozialstruktureller Faktoren auf den Wandel von elterlichen Erziehungseinstellungen untersucht.


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Thu Apr 13 15:47:59 2000