Lehmann, Heiko: Verordneter Ruhestand Untersuchung zum Transfer sozialstaatlicher Institutionen im deutschen Vereinigungsprozeß am Beispiel des Vorruhestands.

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Kapitel 1. Angestrebt oder aufgenötigt? Untersuchungen zum Vorruhestand in den neuen Ländern

Bereits im Februar 1990 verabschiedete die Modrow - Regierung der damaligen DDR ein Gesetz zur Frühverrentung, das durch den Einigungsvertrag modifiziert wurde und bis zum 31.12.1992 fortbestand.<3> In Folge dieser Regelungen war es möglich, Arbeitnehmer über 55 Jahre vorzeitig ”in Rente“ zu schicken. In bisher beispielloser Weise wurden die Alterskohorten der 1926 bis 1937 geborenen Männer und die der zwischen 1931 bis 1937 geborenen Frauen aus dem Erwerbsleben ausgegliedert<4>. Die Situation in der Bundesrepublik fassen Kohli und Wolf (1989: 152) wie folgt zusammen: ”Unter dem Druck der anschwellenden Arbeitslosigkeit, technischer Rationalisierung und neuartiger Qualifikationsanforderungen ist die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer seit Beginn der 70er Jahre drastisch zurückgegangen: Für 60 bis 70jährige Männer sank die Erwerbsquote seit 1970 (69,5 Prozent) auf weniger als die Hälfte (1985: 33 Prozent); eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch bei den Frauen. Das durchschnittliche Rentenzugangsalter hat sich inzwischen auf bis 59 Jahre vorverlagert.“

Breit gefächert und kaum noch zu überblicken sind die Untersuchungen, mit denen die westdeutsche Sozialwissenschaft auf die Herausforderungen des seit den siebziger Jahren stets sinkenden Rentenzugangsalters reagierte<5>. Analysiert werden die betrieblichen Strukturbedingungen für den Austritt älterer Arbeitnehmer<6>, die Akzeptanz branchenspezifischer Frühverrentungsmodelle<7>, individuelle Präferenzen und


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Entscheidungsprozesse der älteren Arbeitnehmer<8>, die Aushandlung von Übergangsmodalitäten<9>, die Anpassung an die neue Lebensphase, neue Tätigkeitsformen<10> im Alter, geschlechtsspezifische Übergangsbedingungen und Partnerschaftsprobleme<11> sowie Untersuchungen zu Ansätzen der Verlängerung der Erwerbsphase<12>. In der alten Bundesrepublik entstand so eine breite Forschungslandschaft.

Das Instrument zur Steuerung von Arbeitsmarktproblemen im Westen trifft in den neuen Ländern Akteure und Betroffene mit anderen Erfahrungs- und Wissensbeständen, mit entsprechend anderen lebensgeschichtlichen Verläufen und Biographiekonstruktionen und ist so für die Beteiligten in den neuen Ländern mit anderen Folgen verbunden (vgl. auch Kohli 1991; 1993). Wie reagiert nun die Sozialwissenschaft angesichts massenhafter Frühverrentung älterer Arbeitnehmer in den neuen Ländern? Zunächst sind die Untersuchungen unter forschungssoziologischem Blickwinkel Gegenstand der Analyse.

1.1. Forschungszusammenhänge

Trotz der geringen Anzahl von Untersuchungen zum Vorruhestand in den neuen Ländern blickt man auf eine breite Palette von Forschungszusammenhängen und Intentionen, die die Forscher zur Auseinandersetzung mit diesem Thema führten. Die Neuordnung auch auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften bedeutet für die Sozialforscher Evaluation und Abwicklung und den Verlust alter Arbeitszusammenhänge. So erklärt sich vielleicht bei einem Teil von ihnen die Affinität, über ihre eigene Betroffenheit hinaus, soziale Spannungen im Transformationsprozeß zu thematisieren. Musterbeispiel für ein ”Projekt aus


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Betroffenheit“ ist die Befragung von Arnold (1993). Ihre Voruntersuchung unter Frührentnern eines Selbsthilfeprojekts ist durch den eigenen Vorruhestand motiviert und soll eine quantitative Befragung zum ”Lebensgefühl“ von Vorruheständlern vorbereiten. Eine Untersuchung von Kretzschmar (Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien) und vier Mitarbeitern wurde von der KSPW gefördert. Kuhlmey und Bansemir, langjährig an der Charité arbeitende Gerontologen, erkundeten in einer Panelstudie eine Vorruhestandsgruppe in einem B.-städter Ingenieurbetrieb. Sie waren von dem Umstand motiviert worden, daß eine Gruppe ”junger Alter“ plötzlich in das dritte Leben entlassen wurde, ohne daß dieser Sachverhalt mit einer Zeit der Antizipation verbunden war. Zwei Studien sind Ergebnisse von Ost-West-Kooperationen: Gudrun Prengel (Ost) und Jürgen Schmidt (West), Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Alternsforschung sowie Wieland und Brandenburg (Chemnitz/Heidelberg). Das erste Duo plant wegen anderer Vorhaben keine Weiterführung der Untersuchung, im zweiten Fall sind Nachuntersuchungen geplant. Für Rosenow und Wolf sind die Betrachtungen der Situation in den neuen Bundesländern getragen vom Rekurs auf die westdeutsche Situation und die dortige - jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln geführte - theoretische Diskussion. Das ist nicht verwunderlich, arbeiten sie doch seit den frühen achtziger Jahren zu Altersprozessen, betrieblichen Strategien und branchenspezifischen Effekten des Vorruhestands. Für sie, in andere Forschungszusammenhänge eingebunden, bleiben die Betrachtungen zur ostdeutschen Situation Streifzüge.<13> Unterschiede gibt es in der Art und Weise der Veröffentlichungen. Rosenow und Wolf veröffentlichten ihre Aufsätze in der Zeitschrift für Sozialreform. Die Ergebnisse der Arbeit von Arnold wurden über Eigenverbreitung und einer Pressekonferenz publik. Die Untersuchung von Kretzschmar und Mitarbeitern wurde für die KSPW erstellt und über eine Publikationsreihe der KSPW verbreitet. Kuhlmey/Bansemir stellten ihre Ergebnisse auf Vorträgen zur Diskussion; ebenso Wieland und Brandenburg. Der Aufsatz von Prengel/Schmidt erschien 1994 in einem Sammelband.


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1.2. Politikwissenschaftlich - betriebsstrukturelle Perspektive

Die Aufsätze von Rosenow (1992) und Wolf (1991) aus den alten Bundesländern spannen den Bogen von den regulativen Effekten der Frühverrentung auf staatlicher und betrieblicher Ebene zum Problemgehalt für die Betroffenen. Die Differenzierungslinie ziehen sie, anknüpfend an eigene Untersuchungen in den alten Ländern, aus dem Vergleich der Tendenzen in West und Ost. Rosenow (1992) beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit den Regulationseffekten des Vorruhestands auf der Ebene der beteiligten Akteure. Seine Gegenüberstellung zielt auf qualitative Unterscheidungskriterien beim Einsatz des gleichen Instruments unter jeweils anderen Bedingungen. Die Betrachtungen sind Ergebnisse von Arbeiten zum Projekt ”Betriebe und Staat im altersstrukturellen Wandel“ am Wissenschaftszentrum Berlin. Es handelt sich also um keine exklusive längerfristige Untersuchung über Trends in den neuen Ländern. Die Aussagen basieren auf Daten des sozio-ökonomischen Panels und werden durch Falluntersuchungen und Befragungen von Vorruheständlern in verschiedenen Industriebetrieben ergänzt. Rosenow zeigt, daß das Instrument der frühen Verrentung auch im Osten auf die Absenkung des Arbeitskräfteangebots zielt. Eine eigene Dynamik erhält der Prozeß jedoch durch die Aushandlungsmodi der beteiligten Akteure: ”Auf der Akteursebene des Staates und der Verbände unterscheiden sich drei distinkte Regulierungen, die sich zu einem Regulationsmechanismus mit kumulativen Effekten für die heteronome Ausgliederung Älterer verbinden:“ (Rosenow 1992: 686) Erstens wurden die sozialen Kündigungs- und Bestandschutzregelungen für Ältere - in Westdeutschland seit den 70er Jahren ausgehandelt - nicht übernommen. Das Alter hat in den alten Ländern in der Regel eine soziale und arbeitsrechtliche Wertigkeit, die beispielsweise eine Kündigung ab dem 55. Lebensjahr bei einer bestimmten Betriebszugehörigkeitsdauer ausschließt. Zweitens sind Ältere damit zu einer ”zentralen Anpassungsressource für die Entlastung des Arbeitsmarktes bzw. für die Bewältigung der Anpassungsprobleme der Betriebe gemacht worden“ (Rosenow 1992: 687). Die quantitative Wirkung ist nicht ausgeblieben und meßbar in den Entlastungseffekten des Vorruhestand/Altersübergangsgeldes.<14> Drittens wird die fremdgesteuerte


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Ausgliederung Älterer verstärkt durch die geänderte Auslegung des Kündigungsschutzes: Hatte ein Arbeitnehmer das Zugangsalter für Altersübergangsgeld erreicht, war das für eine Kündigung Auswahlkriterium und sozial vertretbar (Rosenow 1992: 688). ”Diese drei Regulierungen bewirken insgesamt, daß die Betriebe ihre personalwirtschaftlichen Anpassungen an die Marktökonomie unter einem institutionell abgesicherten Altersregime vollziehen, unter dem sie besonders leicht und ohne Verhandlungszwang auf Ältere zurückgreifen können. Das ist ein signifikanter Unterschied zur Frühverrentungspraxis in den alten Bundesländern, wo die Frühverrentung durch Kündigungsschutzgesetz und -praxis, Tarifverträge und institutionalisierte Rentenzugangswege an die Verrentungsbereitschaft der Beschäftigten und an konsenserzielende Verhandlungsprozeduren der betrieblichen Akteure gebunden ist.“ (Rosenow 1992: 689) Resultat der Frühverrentungspraxis war die massenhafte Ausgliederung älterer Arbeitnehmer ”in einer regulierungswirksamen Kooperation von Staat und Betrieben“ (Rosenow 1992: 695), allerdings ohne Rücksicht auf die psychosozialen Folgen und Belastungen. Frühverrentung in den neuen Ländern führte zu einer rigiden Ausgliederungspraxis ohne Wahl und Kontrolle, zu ”neuen Praktiken in alten Formen“ (Rosenow 1992: 696).

Wolf, als Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Lebenslauf- und Altersforschung der FU Berlin (M. Kohli), war an verschiedenen Untersuchungen zum Vorruhestand, speziell zu betrieblichen Handlungsstrategien und den Perspektiven Betroffener, beteiligt. In seinem Aufsatz (Wolf 1991) greift er auf Ergebnisse dieser Studien zurück und ergänzt sie durch Daten und Informationen aus der mitteldeutschen Chemieregion. Ziel ist die Identifikation von sozialen Folgen des Einigungsprozesses anhand der Problemlage älterer Arbeitnehmer. Die Folgen der Vereinigung, so die These, sind generationsspezifisch verteilt und lasten in besonderer Weise auf den ausgegliederten älteren Beschäftigte der Aufbaugeneration der untergegangenen DDR, die er über Beschreibung der Frühverrentungspraxis in den alten und neuen Ländern vergleicht. ”Lücke in der Vergesellschaftung der Vorruhestandsgeneration“ (Wolf 1991: 724) ist sein zentraler Begriff, der am Schluß seiner Argumentationen noch einmal ausführlich


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diskutiert wird. Nicht Frühverrentung für sich ist problematisch, ”sondern die mangelnde Balance der arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Maßnahmen mit den lebensweltlichen und lebenszeitlichen Erwartungen der von ihnen Betroffenen“ (Wolf 1991: 724). Das eigentliche Problem sei die Gestaltung des Ausgliederungsprozesses. Untersuchungen in den alten Bundesländern zeigten, daß der frühe Rentenbezug dann akzeptiert wird, wenn er als Äquivalent für die Lebensleistung wahrgenommen wird, somit seine Legitimation erfährt und als Gewinn und Chance gewendet werden kann (Kohli u.a. 1989; Wolf 1988). Diese Anerkennung der Ausgliederung ist für die Ruheständler in den neuen Ländern nicht nachvollziehbar. Sozialisations- und Erfahrungshintergrund, das, was biographisch erwartbar und als normal angesehen wurde, war ein späterer Verrentungszeitpunkt, eventuell Erwerbsarbeit darüber hinaus. Außerdem waren die Betriebe die Orte fester sozialer Beziehungsnetze: Erwerbsarbeit und betriebliche Integration bildeten in der DDR ”den dominanten Modus der Vergesellschaftung auch der Älteren“ (Wolf 1991: 731). Die Folgen der Verrentung tragen so den Charakter gesellschaftlicher Desintegration und entwerten die Vergangenheit der Betroffenen. Für diese Generation ist nicht mehr erreichbar, worauf das Projekt Einheit zielt: ”wachsende Arbeits-, Konsum- und Erlebenschancen“ (Wolf 1991: 734).

1.3. Die subjektive Seite: Lagen und Erfahrungen

In den alten Bundesländern hat sich das Verhältnis der älteren Beschäftigten zum Ruhestand mehr und mehr normalisiert. Die Phase des Ruhestands ist als normaler und erwartbarer Abschluß des Berufslebens für jeden kalkulierbar und moralisches Rechtsgut nach einem arbeitsreichen Leben. Auch bei vorzeitiger Verrentung wird versucht, zwischen den beteiligten Akteuren variable Ausgliederungsbedingungen auszuhandeln, wobei den älteren Beschäftigten Raum gelassen wird, ihre Interessen zu wahren und die Bedingungen des Ausscheidens mitzugestalten. Das ideologische Prinzip der Vollbeschäftigung und traditionelle Industriestrukturen (Hoffmann/Rink 1993) dagegen bedingten in der DDR - Wirtschaft einen hohen Beschäftigungsgrad und idealtypisch einen steten Verlauf des Erwerbslebens. Frühverrentung war, in


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Ausnahmefällen, ausschließlich ein Resultat medizinischer Indikation oder für wenige Berufsgruppen möglich. Folglich gibt es keine entsprechende Tradition in der Sozialforschung, die die Ausgliederung aus dem Erwerbssystem, etwa aufgrund von Rationalisierung und veränderten Qualifikationsanforderungen, thematisierte.<15> Von Forscherinnen und Forschern aus den neuen Bundesländern werden überwiegend die subjektiven Folgen der Frühverrentung exploriert. Eigene Betroffenheit, Expertenwissen durch Innensicht und Auffassungen von Sozialforschung als immer auch anwendungsorientierte und intervenierende Profession könnten das Engagement auf diesem Feld begründen. Fünf in diese Richtung konzipierte Untersuchungen wurden ausgewertet. Vier der Studien sind von April bis November 1992 erschienen. Eine Arbeit lag im April 1993 vor, als die Regelung bereits vier Monate ausgelaufen war und beinahe 1 Million Ostdeutsche in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden waren. Die Arbeit von Kuhlmey und Bansemir (1992) war die erste Studie, die das Problem der Vorruheständler in den neuen Bundesländern bearbeitete. Sie gingen davon aus, daß die ”andere Qualität“ des Vorruhestands im Osten Deutschlands bei den Betroffenen zu einem ”Überforderungssyndrom“ führen kann, das mit erheblichen physischen und psychischen Folgen verbunden ist. Befragt wurden Mitglieder der Vorruhestandsgruppe eines B.-städter Ingenieurbetriebes in 39 Interviews, die als eine erste Situationserfassung dienen sollte. Aus den Interviews ergaben sich, wie zu erwarten war, sehr verschiedene Reaktionsformen auf das kritische Lebensereignis Vorruhestand, die sich drei Grundtypen zuordnen ließen: ”Zufrieden“ bzw. ”nicht zufrieden“ mit dem Vorruhestand und ”ambivalente“ Einstellungen. Korrelierte man diese Typen mit einer subjektiven Einschätzung des Gesundheitszustandes, dann ergab sich folgendes Bild: Die ”Zufriedenen“ sprachen von einer Verbesserung ihres gesundheitlichen Zustands nach der Berufsaufgabe. Die ”Ambivalenten“ sprachen von einem wechselnden Gesundheitsempfinden. Insgesamt gehörten drei Viertel der Befragten in diese beiden Gruppen. Die “Unzufriedenen“ beklagten eine Verschlechterung des Zustands mit Schlafstörungen, Depressionen und erhöhtem Medikamentenkonsum. Prengel und Schmidt (1991/94) widmeten ihre Untersuchung der Hypothesensuche auf Basis der


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Interpretation von Textmaterial aus zwei kleinen Gruppendiskussionen (insgesamt 11 Gesprächspartner), 2 Interviews mit Vorruheständlern sowie 3 Experteninterviews in einem B.-städter Stadtbezirk. Ambitionen, die Untersuchung eventuell fortzuführen, bestehen nicht. Die Autoren greifen in ihren Überlegungen die These von Entkopplungstendenzen zwischen System- und Lebenswelt auf. Im Transformationsprozeß kommt es zu einer Verspätung in der Umstellung des Alltagslebens gegenüber den per Datum gesetzten institutionellen Veränderungen. Mittels interpretativer Auslegung von Interviewmaterial versuchen die Autoren, auf einer phänomenologisch - alltagsweltlichen Ebene Deutungsmuster und Handlungsstrategien beim Umgang mit der neuen Lebensphase in den alltäglichen Lebensverhältnissen herauszuarbeiten. Bewältigungsstrategien bewegen sich zwischen ”Umorientierung - Dekompensation - Insulation“ sowie der Reaktivierung kollektiver Strukturen und einer verstärkten handwerklich ausgeprägten Freizeitorientierung. Kompensationsmöglichkeiten bieten sich Frührentnern, denen es gelingt, Ressourcen sowie individuell - familiale Kompensationsmöglichkeiten zu bewahren/zu bilden. Fazit: Die Entkopplung von System- und Lebenswelt ist eine adäquate Figur im Transformationsprozeß, aber ebenso sind Schließungstendenzen und Selbstintegrationsleistungen zu beobachten. Hier wäre zu fragen, welche biographischen Konstellationen und Vorerfahrungen solche Prozesse eher fördern oder hemmen.

Im Gegensatz zu diesem eher positiven Resümee stehen die Ergebnisse der Recherche von Arnold (1992). Allerdings wurden hier nur 10 Betroffene gebeten, einen halbstrukturierten Fragebogen auszufüllen. Die Situation der Vorruheständler und ihr Lebensgefühl sollten mit dieser Vorstudie zu einem größeren Befragungsprojekt deskriptiv erfaßt werden. Die Probanden äußern in der Mehrzahl Unzufriedenheit mit der Situation, nennen ihren Weg in den Vorruhestand das ”kleinere Übel“ und sehen sich selbst als ”verdeckte“ Arbeitslose. Obgleich sie ihren physischen Gesundheitszustand im zeitlichen Vergleich positiver einschätzen, ist die psychische Situation durch Stimmungsschwankungen gekennzeichnet, die sie auch 2 Jahre nach dem Schritt in die berufslose Lebensphase nicht überwunden haben. Vor allem Hausarbeiten und die Erfüllung von Verpflichtungen der Familie gegenüber nennen die Befragten als Hauptbetätigungsfelder. Um die Einordnung des Phänomens Vorruhestand in weitreichende Prozesse des Wandels der Sozialstruktur der ehemaligen DDR bemühte sich die Forschergruppe um Kretzschmar (1992). Sie beschrieb die Soziallage


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der Vorruheständler als ”Durchgangslage“ aus dem Erwerbsleben und fand, daß ein Fünftel der von ihnen mittels Leitfadeninterviews befragten 69 Probanden den Vorruhestand als sozialen Abstieg realisieren. Gleichzeitig konnte bei Vorruheständlern, die im Erwerbsleben Soziallagen angehörten, deren Lebensbedingungen im DDR - Vergleich durchschnittlich/unterdurchschnittliches Niveau aufwiesen, tendenziell einen Zugewinn an Lebenschancen beobachtet werden. Probanden, die über höhere Qualifikationen verfügen und in Soziallagen mit überdurchschnittlichem Niveau einzuordnen sind, bekundeten stärker Einbußen von Lebenschancen. Schließlich fällt das Fazit, wonach der Vorruhestand ein vielschichtiges Problem der sozialstrukturellen Entwicklung und der individuellen Biographie ist, sehr allgemein aus. Die Arbeit von Wieland und Brandenburg (1993) befaßt sich mit den besonderen Umständen des Übergangs in den Vorruhestand in den neuen Bundesländern. Die Autoren interessierte die Bewältigung der kritischen Situation durch Industriearbeiter. 36 Frauen und 24 Männer wurden interviewt. Im Ergebnis typisierten die Verfasser zwei prägnante Bewältigungsstile, die den Umgang der Frauen mit dem Übergang in den neuen Lebenseinschnitt abbilden. Der resignativ - entsagungsvolle Stil verbunden mit depressiven Stimmungslagen, einem Zurückstellen eigener Bedürfnisse und Korrekturen von einstigen Lebenserwartungen, die dann zu Anpassungsproblemen führen. Und der kommunikativ - realitätsorientierte Stil, verbunden mit der Akzeptanz der Situation und einer Sinnsuche, die erfahrene Verluste durch z.B. binnenweltliche Projekte ersetzt. Der Wille zur Meisterung der veränderten Realität schließt zwar ein unterschwelliges Leidensgefühl nicht aus, führt aber genaugenommen zur konstruktiven Wendung. 45 Prozent der Stichprobe besetzen diese Form des copings, so daß die Autoren - selbst überrascht von der hohen Zahl ”relativ gut Zurechtkommender“ - kombinieren, daß Vorruheständler der neuen Bundesländer angesichts der vielen ”daily hazzles“ keinen Raum übrig haben, um sich lange mit der ”unglückseligen“ Frühverrentung zu beschäftigen. Sie meinen damit wohl einen Prozeß, der sich mit ”fortschreitender Normalisierung der Krise“ in den neuen Bundesländern beschreiben läßt.

1.4. Bilanz

Die Frage war, welchen Aufschluß die vorliegenden Arbeiten über die Dimensionen der - im Gegensatz zur ursprünglichen Bundesrepublik - anderen Qualität von Vorruhestand in den neuen Bundesländern geben. Zu Recht wird in allen Argumentationen


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herausgestellt, daß sich Vorruheständler in den östlichen Bundesländern einem Bündel von Schwierigkeiten ausgesetzt sehen. Die Untersuchungen beschränken sich aus verschiedenen Gründen auf Bestandsaufnahmen. Untereinander gibt es keine Diskussionszusammenhänge. Die Forscher der westlichen Bundesländer gestatten sich mit ihrer Sehweise einen Exkurs in die neuen Gefilde, ziehen sich dann aber wieder zurück. Wolf (1991) versucht dabei, das Problem mit dem Begriff ”Lücke in der Vergesellschaftung“ in eine theoretische Frage zu übersetzen. Solche Bezüge sind in den übrigen Arbeiten jedoch kaum zu finden. Die Mehrzahl der Forschungsperspektiven sind empirisch - deskriptiver Natur und beschränken sich auf Bestandsaufnahmen oder Klassifikationen der statistisch erhobenen Daten. Im Mittelpunkt stehen Analysen der sozialen Lage anhand sozio - ökonomischer Größen, gekoppelt mit subjektiven Stimmungsbildern. Solche Beschreibungen haben ihre Berechtigung, um die sozialen Probleme und Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche herauszustellen. Aber die Erklärungskraft und die Reichweite der Erkenntnisse sind beschränkt. Oftmals kann man sie gegen Problemlagen anderer sozialer Gruppen, die in ähnlichen Schwierigkeiten (Verlusterfahrungen, sozialer Abstieg) sind, austauschen. Länger bekannt ist z. B. auch, daß der Übergang in den Ruhestand, erst recht der vorzeitige und ungewollte, generell problematisch verläuft, wobei materielle Einbußen und Beziehungsverluste am schwersten wiegen. Umorientierungen werden notwendig. Aber Erkenntnisse darüber sind zugleich allgemeiner Natur. Das sind nicht Probleme der Frührentner allein, sondern ähnliche Einschränkungen haben Alleinerziehende oder ältere Arbeitslose. Meist laufen Typisierungen auf die Beschreibung von Bewältigungsstilen hinaus. Sie beruhen auf statistisch aufbereiteten aktuellen subjektiven Einschätzungen in der neuen Lebensphase. Über die Konstruktionsbedingungen der Handlungsmuster im gesellschaftlichen Austausch, z. B. aus biographischer, alltagskultureller und milieuspezifischer Sicht, erfährt man wenig. Das sind Einschränkungen, die den Forschungsstrategien innewohnen.

Soziale Probleme produzieren nicht automatisch soziologische Fragestellungen. Dabei meine ich, daß es erforderlich ist, auf den ”Feldern“ der Transformation in Ostdeutschland bisher entwickelte Theorien und methodische Konzepte zu überdenken und kritisch anzuwenden. Für den ”Vorruhestand“ hieße das, stärker lebensgeschichtliche und biographische Aspekte (Biographie im Sinne eines theoretischen Konzepts) herauszustellen und biographische und interpretative Methoden


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stärker zu nutzen. Gerade für die stark von der DDR geprägte Altersgruppe der Vorruheständler gäbe eine solche Vorgehensweise Aufschluß über die Funktion der Berufsaufgabe im individuellen und kollektiven Kontext, neuen Arrangements im Lebensvollzug, Veränderungen von Zeiterleben und Zeitstrukturen, alltagskulturellen Mustern, der Herausbildung neuer Tätigkeitsfelder. Diese Vorgehensweise ermöglichte es, über Beschreibungen hinaus den Konstruktionsbedingungen von Handlungsstilen und deren gesellschaftliche Einbettung auf die Spur zu kommen.

Fußnoten:
<3>

Zu den genauen Bedingungen siehe Kapitel II

<4>

Eine Analyse der Lage am Arbeitsmarkt findet sich im Abschnitt III. 4

<5>

In der Überblicksarbeit zur Situation älterer Beschäftigter weist Naegele (1992) in der Literaturübersicht 856 Arbeiten nach. Davon haben allein 284 Studien und Aufsätze die Lage älterer Arbeitnehmer und den Vorruhestand zum Thema.

<6>

u.a. Deters/Staehle/Stirn (1989); Kohli/Wolf (1987), (1988); Habib (1990); Jacobs/Rein (1988); Pohl (1976); Lehr (1988); Stubig/Wagner (1991)

<7>

u.a. Kohli (1989); Wolf (1988)

<8>

u.a. Voges (1988); Schmähl (1990)

<9>

Cliff (1991)

<10>

Kohli u.a. (1993); Backes/Clemens (1987); Schmidt (1985); Dieck/Naegele/Schmidt (Hrsg.) (1985); Lehr (1988)

<11>

Allmendiger (1990); Niederfranke (1981); Gather (1991)

<12>

Sittl (1992); zur Weiterarbeit nach dem Ruhestand Hardy (1991)

<13>

Rosenow arbeitet am WZB im Rahmen des Projekts ”Betriebe und Staat im altersstrukturellen Wandel“. Wolf beschäftigt sich in der Arbeitsgruppe Lebenslauf und Alternsforschung der FU Berlin sich mit dem Zusammenhang von demographischen Veränderungen und gewerkschaftlicher Politik.

<14>

Unter den arbeitsmarktpolitischen Instrumenten hat die Frühverrentung eine hervorragende Wirkung. Während die Effekte anderer Maßnahmen im Zeitverlauf von Dezember 1990 bis April 1992 absanken, stieg der Anteil der Frühverrentungen an der Gesamtentlastung im gleichen Zeitraum von 30 auf etwa 40 Prozent und erzielte die größte Wirkung (Rosenow 1992: 688-689). Deutlich wird die quantitative Dimension auch im Vergleich zu den westlichen Bundesländern. Dort nahmen zwischen 1984 und 1888 160 000 Arbeitnehmer den Vorruhestand in Anspruch (ANBA 5/1989: 700f..) und 200 000 schieden über die 59er Regelung aus (Kohli 1991: 24). In den neuen Ländern schieden dagegen in dreieinhalb Jahren fast 1 Million Menschen aus.

<15>

Untersuchungen zu älteren Arbeitnehmern in der DDR an der Schwelle zum Ruhestand zielten vorwiegend auf die bessere Integration Älterer in den Arbeitsprozeß: S. Eitner (1975; 1981); Zur Förderung der älteren Werktätigen und Arbeiterveteranen. Dokumente (1985) oder behandelten sozialmedizinisch orientierte Fragen, z.B. Kühne/Mikulas/Weidinger/Paul (1990).


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