Lehmann, Heiko: Verordneter Ruhestand Untersuchung zum Transfer sozialstaatlicher Institutionen im deutschen Vereinigungsprozeß am Beispiel des Vorruhestands.

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Kapitel 2. Sozialstaatliche Institutionen und lebensweltliche Realität.

In mancher Hinsicht erscheint die moderne Welt ja als ein kühler Ort,

der neue Chancen eröffnet, indem er alte Bedingungen aufbricht,

ohne die es doch schwer ist zu leben.

Ralf Dahrendorf

2.1. Sozialstaatliche Eingriffe und ihre Institutionen

2.1.1. Der Institutionenbegriff

”Institution“ ist ein schillernder Begriff. Er findet in verschiedenen theoretischen Zusammenhängen Verwendung, so in Politikwissenschaft und Soziologie. Allgemein gesagt vermitteln Institutionen in einer Gesellschaft das, was gemacht werden muß und woran man sich halten kann. Sie haben für die Individuen eine entlastende Funktion. ”Institutionen werden als steuernde Elemente, Normen und Regeln verstanden, die bestimmte Verhaltensoptionen von Akteuren in Standardsituationen prägen, ermöglichen, einschränken und erweitern und damit bestimmte Erwartungen wecken. Sie machen Abläufe, Reaktionen, Interaktionen und Routinen partiell vorausrechenbar, da sie nach vereinbarten und akzeptierten Mustern ablaufen.“ (Glaeßner 1991: 136) Allgemein beschreiben Institutionen unter relationalem Aspekt ein Geflecht sozialer Beziehungen und Rollen, die materielle und soziale Austauschbeziehungen begründen. Institutionen verkörpern und regeln die Machtpositionen und die Verteilung sozialer Plazierungen und Belohnungen, auch im Verhältnis und der Positionierung der verschiedenen Altersgruppen. Und Institutionen repräsentieren, kulturell - mittels Ideologien und Symbolsystemen - einen Sinnzusammenhang in der Gesellschaft. In ihnen verkörpern sich gesellschaftlich anerkannte Muster, welche den gesellschaftlichen Abläufen Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit verleihen. Institutionen regulieren das Verhalten von Akteuren und ihren Erwartungshorizont. Institutionen lassen Routinen zu, die es erlauben, ein Vertrauen in Wissensstrukturen des Alltags aufzubauen. An institutionellen Regelungen richten die Menschen in einer gesellschaftlichen Formation ihre individuellen Erwartungen und Vorstellungen aus. Institutionen sind im Kern nicht monofunktionale Mechanismen, Funktionssynthesen, sondern elastische, polyfunktionale Gebilde. Familien können in Wirtschaftskrisen, die die Versorgung bedrohen, primär ökonomische Leistungen entfalten (Schelsky). Kirchen,


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Gewerkschaften, militärische Führungsschichten beispielsweise können Staatsfunktionen wahrnehmen, wenn politische Einrichtungen zusammenfallen.

2.1.2. Ziele und Funktionen sozialstaatlichen Handelns

Sozialpolitische Institutionen sind politisch gesteuerte Versicherungssysteme, die sich auf die Risiken des Daseins richten, Lebenslagen verbessern und Erwartungen stabilisieren. In allen Definitionen und Begriffsbestimmungen von Sozialstaat ist enthalten ”ein direkter Bezug staatlichen Handelns auf soziale Tatbestände, Risiken, Unsicherheiten, Lebens- und Problemlagen. Sozialpolitische Maßnahmen dienen sowohl dem Schutz vor bestimmten sozialen Risiken - Krankheit, Erwerbsunfähigkeit, Alter - als auch der gezielten Verbesserung von Lebenslagen und Lebenschancen von Menschen“ (Nullmeier/Rüb 1993: 15). Soziologisch gehaltvoll ist, daß sozialpolitische Institutionen auf Dauer angelegte legitimierte ”Muster sozialer Beziehungen“ begründen, welche Erwartungen und Verhalten von Akteuren auf sachlicher, sozialer und zeitlicher Ebene stabilisieren. Damit konstituieren sich spezifische Verhältnisse zwischen Staat und Bürger (Nullmeier/Rüb 1993: 85), die nicht ohne weiteres veränderbar sind.

”Als öffentlich-rechtliche Institutionen bildet die Sozialversicherung ein Regelwerk und dauerhaftes Muster sozialer Beziehungen, das über legitimierten Zwang Erwartungen und Verhalten der Akteure stabilisiert. Ihre ‘rechtliche Verfaßtheit’ (Göhler 1987, 11) stabilisiert Erwartungen auf sachlicher, sozialer und - für den vorliegenden Zusammenhang besonders bedeutsam - auf zeitlicher Ebene (Luhmann 1972, 92ff.). Sie reguliert verläßlich ein spezifisches Verhältnis zwischen Staat und Bürger, das in sich gleichwohl variabel gestaltbar ist. Die institutionelle Gestalt der Sozialversicherung ist der Garant dafür, daß die spezielle Aufgabe der Unsicherheitsreduktion bewältigt werden kann, d.h. die Unsicherheit der Unsicherheitsbewältigung nicht die ursprüngliche Unsicherheit nicht überbietet.“ (Nullmeier/Rüb 1993: 85)

Sozialstaatliche Institutionen prägen beständige Muster sozialer Beziehungen. Über gebilligten Zwang werden Erwartungen und Verhalten der Akteure stabilisiert. Die rechtliche Beschaffenheit stabilisiert Erwartungen auf sachlicher, sozialer und auf zeitlicher Ebene. Sie reguliert verläßlich ein spezifisches Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Beabsichtigt ist die ”Reduktion und Bewältigung von Unsicherheit“ (Nullmeier/Rüb 1993: 85). In vielen Fällen beschränkt sich die Funktion sozialstaatlicher Institutionen auf das Herstellen von Erwartungssicherheit. Das Verbindende der Rentenversicherung gründet sich ”auf umfassenderen Vorstellungen über Sicherheit und Gerechtigkeit im Lebenslauf, verbunden mit einem generellen


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Vertrauen in Staat und Verwaltung als Sachwalter dieser Zielvorstellungen. Damit weiß sich der Staat zurückgebunden an die generelle Legitimität bürokratisch-legaler Herrschaft in der bundesrepublikanischen Staatsordnung“ (Leisering 1992: 293). Institutionelle Verregelungen beschreiben zwar bestimmte Verhaltensoptionen von Akteuren und strukturieren das soziale Handeln in spezifischen Kontexten. Sie unterliegen aber in der Moderne immer stärker der politischen Lenkung, weil die Problemlagen immer komplexer werden. Der Widerspruch besteht in der sozialpolitischen Funktion sozialstaatlicher Instrumente und den tatsächlichen Wirkungen der diesen Zielen verpflichteten Anwendung. Sie verändern damit nicht ihre formale Gestalt und Funktion, bearbeiten aber immer neue soziale Konstellationen und lebensweltliche Realitäten. Institutionen wie die Rentenversicherung können in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche selektiv und zeitlich begrenzt ihren ursprünglichen Wirkungskreis - wie im Vereinigungsprozeß geschehen - auf neuartige Problemlagen ausweiten. Sie sind zugleich Instrumente staatlicher Politik. Im Prozeß der deutschen Vereinigung muß sich erweisen, inwieweit bundesrepublikanische Stabilitätsbegründung und die Funktionsweise der sozialstaatlichen Sicherung im Osten Deutschlands vorausgesetzt werden können. In der sozialwissenschaftlichen Literatur schreibt man dem Ausbau der Sozialstaaten in den westeuropäischen Ländern nach dem zweiten Weltkrieg eine nennenswerte Rolle bei der gesellschaftlichen Stabilisierung zu (Alber 1987: 196; Flora/Alber 1981: 67). Sozialpolitik wird als eine Institution zur Schaffung sozialer Zusammengehörigkeit und gesellschaftlicher Integration bewertet (Flora/Heidenheimer 1981: 23; Ritter 1986; 1989: 20; Narr/Offe 1975: 23). Erst durch den Wohlfahrtsstaat könne Kapitalismus und Demokratie koexistieren (Marshall 1992: 145). Man könnte schlußfolgern, daß der Sozialpolitik bei der Gestaltung der deutschen Vereinigung eine außerordentliche Rolle zukommt. Der Begriff Sicherheit oder soziale Sicherheit ist direkt gebunden an die Idee der demokratischen ”Gestaltbarkeit von Gesellschaft“ (Evers/Novotny 1987). Sozialstaatlichkeit ist politisch gewollt. Die Gestaltung von Gesellschaft ist an politische Ideen und Konzepte gebunden (Nullmeier/Rüb 1993:83). Der Sozialstaat macht es sich zur Aufgabe, durch sozialpolitische Maßnahmen vor sozialen Risiken zu schützen und die Lebenslagen der Gesellschaftsmitglieder zu verbessern. Sozialpolitisches Handeln zielt auf individuelle Lebenslagen. Zentrale Institution des Sozialstaates ist die Sozialversicherung; der Sozialstaat ist in Deutschland vornehmlich Sozialversicherungsstaat (Nullmeier/Rüb 1993: 16). Die funktionelle Bedeutung der Sozialversicherungssysteme liegt im


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politischen Risikoausgleich. ”Sozialversicherungen sind ihrer Funktion nach separierte öffentlich-rechtliche Institutionen zur Reduktion von Unsicherheit durch politisch gewollten Ausgleich von sozialen Risiken.“ (Nullmeier/Rüb 1993: 84) Neben der Regelbindung muß Sozialpolitik ”immer neue soziale Wertentscheidungen in einer sich stetig verändernden Gesellschaft“ (Leisering 1992: 212) treffen. Mit der Modernisierung und Industrialisierung wurde das soziale Sicherungssystem Element ”individueller Mobilität, ökonomischer Effektivität und sozialer Sicherheit großer gesellschaftlicher Gruppen. Dennoch blieb die Grundfunktion aller sozialpolitischen Maßnahmen unter den veränderten staatstheoretischen und sozialpolitischen Kontexten unverändert, die Unsicherheit der Lohnarbeiterexistenz durch Rechtsansprüche auf sozialstaatliche Leistungen zu reduzieren.“ (Nullmeier/Rüb 1993: 85) Der Unterschied zur Privatversicherung besteht in der ”Festlegung von Sozialversicherungen auf politisch gewollten Risikoausgleich“ (Nullmeier/Rüb 1993: 87). Es muß politisch festgelegt werden, was soziale Tatbestände sind und welchen Leistungsanspruch sie hervorbringen.

”Nicht nur der Umfang solcher Tatbestände, auch das Niveau ihrer Absicherung, die rechtliche Ausgestaltung (unbedingter oder subsidiärer Rechtsanspruch) und die institutionelle Form (beitrags- bzw. nicht beitragsorientiert) sind in einer interessengespalteten Gesellschaft immer umstritten und unter den Bedingungen der Positivität des Rechts kontingent und politisch bestimmbar. Eine Normierung sozialer Tatbestände setzt eine politisch konstruierte Ausnahme-Regel-Konstruktion voraus, d.h. Lebensweisen, die als allgemeingültig und zumutbar betrachtet werden und solche, die als Ausnahmen angesehen und mit Maßnahmen der Abhilfe verkoppelt werden (Zacher 1982). Der Staat macht es sich zur Aufgabe, spezifische Unsicherheiten in einem institutionalisierten Risikoausgleich aus politischen Gründen zu reduzieren.“ (Nullmeier/Rüb 1993: 87)

Das soziale Sicherungssytem ist flexibel, insofern der Unsicherheitsbegriff auch Lebenslagen und soziale Probleme erfaßt, die versicherungstechnisch nicht in vorhersehbaren Gefährdungen ausgedrückt werden können. Es zielt auch ab auf noch nicht bewältigte Gefahren und Ungewißheiten, die immer bei Brüchen und Diskontinuitäten im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen entstehen und bisherige Sicherheiten moderner Wohlfahrtsstaaten in Frage stellen (Evers/Nowotny 1987). Demzufolge bietet sich das soziale Sicherungssystem an, in Zeiten politischer Umbrüche gesellschaftliche Gruppen, die aus verschiedenen Gründen aus dem Reproduktionsprozeß der Gesellschaft herausfallen, zu integrieren. In diesem Falle meint eine Verminderung von Unsicherheit auch jede Form der Steigerung von Erwartbarkeit (Nullmeier/Rüb 1993: 86). Unsicherheitsreduktion bedeutet nicht


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notwendigerweise, daß Ungleichheiten zwischen den Gesellschaftsmitgliedern ausgeglichen, Lebenslagen verbessert und soziale Probleme beseitigt werden müssen. Ungleichheiten sind das Ergebnis sozialer Belohnungs- und Bewertungsprozesse und werden als für die gesellschaftliche Entwicklung funktional angesehen. Trotz formaler Gleichheit vor dem Gesetz sind Ungleichheiten durch die Rechtsordnung, beispielsweise durch das Rentenrecht, das Erbrecht usw. gewissermaßen institutionalisiert und gesichert. Daher kann sich der Anspruch der sozialen Sicherung in der alleinigen Schaffung von Erwartungssicherheit<16> erfüllen (Nullmeier/Rüb 1993: 86). Das bedeutet, daß die Vorstellungen der Individuen hinsichtlich der Rahmenbedingungen des zukünftigen Lebensabschnittes wieder absehbar werden. Das bedeutet auch, daß (nach Popper) ein Bezugsrahmen geschaffen oder gefestigt wird, innerhalb dessen Erlebnisse, Handlungen, Beobachtungen usw. erst (wieder) eine Bedeutung erhalten. Dieser Funktion des Sicherungssystems kommt im Prozeß der deutschen Vereinigung eine besondere Rolle zu. Vordringliche Aufgabe des sozialstaatlichen Systems ist es daher, Erwartungen zu stabilisieren. Erwartungszerstörung und Erwartungssicherheit sind eng verwandt mit dem Ausschluß sozialer Einheiten aus gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Integration. Integration meint dabei den sozialen Vorgang, bei dem sozialen Gruppen oder Individuen Positionen im sozialen System der Gesellschaft zugewiesen werden. Es werden nicht einfach althergebrachte Parameter durch andere ersetzt. Das Paradox daran ist der soziologisch gehaltvolle Tatbestand, daß soziale Sicherungssysteme, um zu funktionieren, auf Dauerhaftigkeit gegründet sein müssen. Schaffung von Erwartungssicherheit korrespondiert immer auch mit der Tatsache, daß Menschen und Menschengruppen aus dauerhaften sozialen Beziehungen herausgelöst werden. Der kurzfristige Einsatz sozialstaatlicher Instrumente selektiert Kollektive und Subjekte. In solchen Situationen stehen die Stabilität und Legitimität sozialer Sicherungssysteme in Frage. Diese Stabilität bildet sich in einem längeren historischen Prozeß heraus und muß sich beständig bewähren und erneuern. Stabilität wird wesentlich durch ihre Legitimation erreicht. Diese besteht vorrangig in der Anerkennung der Rechtmäßigkeit und der positiven Bewertung von Institutionen. Wesentlich für Institutionen ”ist die


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Sicherung von interpretativer Kontinuität in der Zeit und die damit verbundene ‘Fähigkeit, durch Veränderungen hindurch, sich selbst gleichzubleiben’, während das Identitätsgefühl das Bewußtsein solcher Kontinuität des Gleichseins ist“ (Blanke 1987: 187)<17>. Dieses Bewußtsein erwirbt eine Institution, eine soziale Gruppe oder ein Individuum durch Selbstbezug und gleichzeitige Selbstbehauptung in permanenter Abgrenzung und Auseinandersetzung mit der Umwelt, funktionalen Äquivalenten und alternativem Wissen, d.h. in wechselseitigen Anpassungs- und Lernprozessen (Strauss 1968). ”Eine Institution kann ihre Identität insbesondere dann stabil halten, wenn das gesellschaftlich produzierte Wissen und das normative Regelungspotential der Institutionen samt der Eigeninterpretation weitgehend in Einklang miteinander stehen. Bei ‘beschädigter Identität’ (Habermas 1976: 93) erlahmt die Kraft der Legitimität, die durch die Praxis der Institutionen und das auf sie bezogene Wissen hervorgebracht wird. Ihr Selbstinterpretationsmuster gerät unter Druck, die Identität steht in Frage. Diese Situation tritt meist dann ein, wenn die ursprünglichen Zwecke einer Institution in Frage gestellt werden und der historische Ausgangskontext als spezifische Macht- und Interessenkonstellation sich gravierend verändert. Es gibt immer funktionale Äquivalente für im Prinzip gleiche Probleme, die sich allerdings bezüglich der sozialen, gesellschaftlichen, ideologischen und ökonomischen Nebenkosten deutlich unterscheiden.“ (Greven 1987: 101ff.)<18>.

2.1.3. Grenzen sozialstaatlicher Eingriffe<19>

Die Idee des Wohlfahrtsstaates beruht auf der Vorstellung, der Staat könne durch Vollbeschäftigungspolitik und ein lückenloses System der sozialen Sicherung alle individuellen Lebensrisiken in einer kapitalistischen Gesellschaft abdecken und dadurch ”Wohlstand für alle“ (L. Erhard) schaffen<20>. Kritiker des sozialstaatlichen Modells verweisen auf eine gewisse institutionelle Trägheit, die insbesondere für das soziale


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Sicherungssystem erkennbar ist<21>. Mit anwachsendem Wohlstand erweitert sich die Aufgabe der Sozialpolitik. Neben der Schutzfunktion kommt es darauf an, die Bedingungen für die Teilhabe am Wohlstand zu sichern und zu vermitteln (Zacher 1987; 1992). Für Habermas (1985) mündet die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung unvermutet in eine ”Kolonialisierung der Lebenswelt“. Daneben gibt es Probleme, die sich aus der Konstruktion der Sozialsysteme selbst ergeben. Mit der Herausbildung des Sozialstaatsgedankens kam es zu einer Kollektivierung von Verhaltensweisen und einem Anspruchsdenken gegenüber dem Sozialstaat. Landesweit verbindliche Vereinbarungen gegen Risiken und Defizite, wie das Alter, führten dazu, daß die Risiken, die eigentlich den Einzelnen bedrohen und individuelle Lösungen zu erfordern scheinen, heute in staatlicher Hand liegen. ”Die Kollektivierung des Gesundheits-, Bildungs- und Fürsorgewesens beeinflußte im Laufe mehrerer Jahrhunderte die Beziehungen zwischen den Menschen und damit auch ihre Interaktion und Grundeinstellung. Man kann sich das am Fürsorgeproblem deutlich machen. Solange es keine kollektiven Zwangsregelungen gab, hatte fremde Not direkt das Mitleid oder die Großmut des Zeugen angesprochen. Man folgte seinen Antrieb oder unterdrückte ihn. Als die Fürsorge jedoch auf Kollektive überging, verlor das Elend seinen unmittelbaren Appellcharakter. Fürsorge galt zunehmend als ein Problem spezieller Institutionen. In neuerer Zeit bildet sich ein abstraktes Verantwortungsgefühl heraus. Es zwingt nicht zum persönlichen Handeln, sondern fordert, der Staat solle den Bedürftigen aus öffentlichen Steuermitteln helfen.“ (de Swaan 1993: 20f.) Der Sozialstaat ist heute im wesentlichen Interventionsstaat. Diese Eingriffe reichen bis in die Lebensläufe und Biographien der Adressaten von Sozialpolitik hinein. ”In dem Maße, wie der Interventionsstaat expandiert und sich ein umfassender öffentlicher Sektor entwickelt, tritt ein zweites Problem hinzu, ein Problem ‘zweiter Ordnung’. Die geschaffene interventionsstaatliche Infrastruktur wird selbst zum Problem: Sicherung und flexible Anpassung einmal geschaffener sozialer Rechtsansprüche und Leistungsorganisationen im Zuge sozialen Wandels werden zu drängenden Handlungsimperativen für das politische System.“ (Leisering 1992: 190) Die alten Risiken sind zwar verschwunden.


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Auf ärztliche Grundversorgung und eine finanzielle Mindestabsicherung kann sich im Alter heute jeder Mensch verlassen. Es wurden damit Probleme individueller Lagen wie Armut und Krankheit zwar beseitigt. Neue Risiken treten durch die Art ihrer sozialstaatlichen Bearbeitung hervor.<22> Das Sozialsystem ist so aufgebaut, daß man seine Rechte geltend machen muß. So passiert es, daß viele Menschen, die unter Umständen Bedürftige sind, aufgrund von Zugangsbarrieren den Gang zum Sozialamt scheuen. Sie richten sich dann mit ihren Mitteln ein. Die Menschen sind heute stark abhängig von den staatlichen Versorgungssystemen, Gesetzen und Regeln. Und das, obwohl diese kaum noch zu durchschauen sind. Die Arbeitsämter verwalten heute mehr denn je die Arbeitslosigkeit, als daß sie in der Lage sind, Arbeit zu vermitteln. Andererseits wächst die Abhängigkeit der Menschen von institutionalisierter staatlicher Unterstützung und staatlichen Entscheidungen. Das Beispiel Vorruhestand zeigt, wie mit der Senkung der Rentenaltersgrenze für eine ganze Altersgruppe durch Anordnung das ‘soziale Alter’ verändert wird - mit allen damit verbundenen Konflikten und Möglichkeiten. Zur gleichen Zeit werden Arbeitsanteile auf die jüngeren Altersklassen verschoben. ”Sozialstaatliche Maßnahmen bedeuten die Prägung und damit die politische Gestaltbarkeit von Lebensläufen und Lebenslagen.“ (Beck 1986: 212) Der Staat trägt nicht nur bei zur Risikobewältigung, sondern durch die Art seiner Problembewältigung auch zur Risikosteigerung. Damit bin ich bei einem dritten Problem. Sozialpolitik dient immer mehr der Sicherung des staatlichen Institutionengefüges statt der Förderung sozialer Sicherheit. Francois Ewald (1993) stellt in seinem Buch ”Der Vorsorgestaat“ die These auf, daß moderne Gesellschaften wie Versicherungen organisiert seien, eine Versicherung gegen die Risiken, die die Folge der eigenen Entwicklung sind. Ursprung dieser Überlegungen ist die Erfahrung, daß mit der Industrialisierung die traditionellen Milieus und Lebensweisen zerfielen und sich soziale Beziehungen formierten, die eine herkömmliche Zuordnung von Verantwortlichkeit und Haftung, z.B. bei Arbeitsunfällen in großen Industriebetrieben, nicht mehr ohne weiteres zuließ. Risiko wurde zunehmend eine politische Kategorie, und die Staaten etablierten sich als Versicherungsgesellschaften. Der Kerngedanke der Sozialversicherungssysteme ist die Institutionalisierung des Umgangs mit Risiken, die der Gesellschaftsentwicklung immanent ist. In die gleiche Richtung gehen die


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Argumentationen von Nullmeier und Rüb. Der Sozialstaat ist Sicherungsstaat<23> geworden. Was heißt das? Die Kritik ist, daß Sozialpolitik nicht in der Lage ist zu erkennen, daß gesellschaftliche Entwicklungen ”neue Risiken, neue Unsicherheiten und neue Formen sozialen Elends hervorbringen“ (Nullmeier/Rüb 1993: 13). Im Zentrum der Sozialpolitik steht die Sicherung der sozialstaatlichen Institutionen und ihrer Grundlagen. Die Sozialpolitik dient in großem Maße der Aufrechterhaltung des staatlichen Institutionengefüges. Die Förderung sozialer Sicherheit tritt in den Hintergrund. Soziale Probleme werden entsprechend zum Störfaktor. ”Das Soziale verschwindet hinter den Institutionen, die es produzieren soll(t)en. Im Zentrum der Sozialpolitik steht die Sicherung der sozialstaatlichen Institutionen, ihres Funktionierens und ihrer ökonomischen, sozialen und kognitiven Grundlagen, die Sicherung monetärer wie nicht-monetärer Rahmenbedingungen, die Beibehaltung der etablierten Normen der Leistungsgerechtigkeit, die Bewahrung des institutionellen wie individuellen Besitzstandes, die Sicherung der etablierten Politikarenen, die Sicherung gegenüber geänderten sozialen Problemlagen und schließlich der Schutz des etablierten institutionellen Selbstverständnisses gegen neue Interpretationsansätze.“ (Nullmeier/Rüb 1993: 13 f.)

2.1.4. Fazit

Sozialsysteme haben in Wohlfahrtsstaaten mehrere Funktionen. Ihnen wird eine herausragende Rolle bei der gesellschaftlichen Stabilisierung und bei der Festigung der Demokratien bescheinigt. Im Gegensatz zu monetären Versicherungssystemen sind sie Instrumente politischer Gestaltung von Gesellschaft. Sozialversicherungssysteme zielen auf den Schutz vor Risiken im Lebenslauf. Sie begründen darüber hinaus Muster stabiler und dauerhafter sozialer Beziehungen. Sozialstaatliche Systeme bestimmen und strukturieren in hohem Maße das gesellschaftliche Leben in Teilbereichen moderner Gesellschaften. Sie richten sich immer auf Individuallagen. Sozialpolitische Regulierung intendiert die Einbindung der Adressaten von Sozialpolitik in gesellschaftliche Zusammenhänge durch die Stabilisierung von Erwartungen. Damit


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wächst die Abhängigkeit der Menschen von Sozialpolitik. Soziale Problemlagen werden heute vielfach geprägt oder ergeben sich erst durch die Art und Weise ihrer sozialstaatlichen Bearbeitung. In den Konstruktionsbedingungen der sozialstaatlichen Sicherungssysteme als Instrumente politisch gewollten Risikoausgleichs liegen die Möglichkeiten, diese Instrumente auszuweiten auf bisher nicht definierte Problemlagen oder zur Gestaltung in Krisenzeiten oder bei gesellschaftlichen Umbrüchen. Erwartungen können immer nur über die Regelung von Rahmenbedingungen, etwa durch eine begrenzte Höhe von Einkommen, stabilisiert werden und auf diese Weise eine Lebensphase begründen. Sie können daher nur begrenzt Probleme vorheriger Gesellschaftsordnungen bearbeiten. Hier kommt es zu Widersprüchen, weil durch kurzfristige Eingriffe bisherige soziale Beziehungen in Frage gestellt sind. Sozialpolitische Interventionen können zur Folge haben, daß ganze Generationen in Bemühung um Erwartungsstabilisierung aus bisherigen stabilen Mustern sozialer Beziehungen herausgelöst werden. Damit bleiben bisherige Integrations- und Vergesellschaftungsmodi auf der Strecke. Gesellschaftliche Vorgaben erweisen sich über die Zeit als ungültig. Die Menschen verlieren ihre Einbindung in stabile soziale Zusammenhänge. Ihrer Subjektivität und Bedürftigkeit überlassen finden sie Halt in einem politisch arrangierten, rechtlich definierten Regelwerk. Die Installation neuer Regelwerke - so meine These - ist nur eine Seite der Medaille im deutschen Vereinigungsprozeß. Die weiteren Folgen fallen auf die Individuen zurück. Dies führt zu neuen kulturellen und biographischen Risiken und Unsicherheiten. Kontinuität muß erst hergestellt werden. Formen des Zusammenlebens, der Übergänge zwischen Institutionen und Lebensphasen müssen - gewissermaßen von unten - arrangiert werden. Man muß sich fortlaufend neu der gesellschaftlichen Realität im Horizont des eigenen Lebens vergewissern. Dabei ist zu untersuchen, wie die Subjekte im Netz neuer institutioneller Abhängigkeit und neuen Regulierungsmustern zurechtkommen und wie sie sich auf Strukturen einlassen und diese reflexiv erschließen.<24> Angelpunkt ist, wie bisherige Erwartungen von neuen Regeln und Funktionsweisen gebrochen und verändert und in welchem Grad Erwartungen und Perspektiven stabilisiert werden.


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2.2. Exkurs I: ”Reiter ohne Pferde“: Institutionengefüge und lebensweltliche Realität

Die These zu diesem Abschnitt lautet: Der Prozeß der Modernisierung in Deutschland verläuft weitgehend in den institutionellen Bahnen der traditionellen Industriegesellschaft. Die Lebenszusammenhänge der Menschen haben sich in modernen Gesellschaften grundlegend gewandelt. Weiterhin Bestand hat das Gerüst der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen. Die konventionellen Institutionen der Industriegesellschaft werden der in Gang gesetzten Modernisierung immer weniger gerecht. Im Zentrum gegenwärtiger sozialer Veränderungen stehen Subjekte, denen infolge beschleunigter Individualisierungsprozesse die Schutz bietenden Netze der Verständigung und des Austausches nicht mehr wie früher zur Verfügung stehen (Honneth 1994: 10). Die Menschen sind verunsichert, zweifelnd und mißtrauisch; sie versuchen, sich in der Vielfalt der sich bietenden Lebensstile einzurichten. Während die traditionellen Institutionen ”die alten Normalitätsvorstellungen“ aufbewahren, entfaltet sich eine Skala ”lebensweltlicher Realitäten, die sich immer weiter davon entfernen“ (Beck 1991b: 181). Das, was der Industrialismus an Lebensformen hervorbrachte, wird im Fortlauf der Geschichte in Frage gestellt: ”Durchsetzung schlägt in Aufhebung um... . In der Durchsetzung der industriellen Moderne entsteht eine neue gesellschaftliche Gestalt“ (Beck 1991a: 171). Die industrielle Entwicklung bewirkt ”ein anderes lebensweltliches Gesicht von Gesellschaft: andere Netzwerke, Beziehungskreise, Konfliktlinien, politische Bindungsformen der Individuen“ (Beck 1991b: 181). Die ”Industriegesellschaft als Systemzusammenhang“ löst die ”Industriegesellschaft als lebensweltlichen Erfahrungszusammenhang“ auf. Die Menschen werden freigesetzt aus industriellen Sicherheiten und Standardlebensformen“. Damit zerfällt auch die darauf aufbauende biographische Orientierung (Beck 1991b: 181). Zentrales Signum der Individualisierung ist das Instabil-Werden von Normalbiographien, die Herausbildung individueller Lebenslaufmuster, die Ausdifferenzierung der Berufskarrieren in der Zeit, das Aufbrechen von Formen menschlicher Verbundenheit, der Funktionsverlust herkömmlicher Solidargemeinschaften, das permanente Ungültigwerden von Erfahrungen, die Bindung des Subjekts als Träger von personengebundenen Rechten und Ansprüchen und die Reintegration durch das Angewiesensein auf sozialpolitische Zuteilungen. Die gesellschaftliche Pluralisierung führt nicht ohne weiteres zu mehr Entscheidungsfreiheiten, denn ”die neuen Wahlmöglichkeiten, die sich dem einzelnen


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eröffnen (z.B. Berufswahl), sind wiederum eingebunden in gesellschaftliche Rahmenbedingungen, institutionelle Regeln und Vorschriften (z.B. Schullaufbahnen, Zeugnisse, Gesundheitszertifikate), die dem einzelnen nicht zur Disposition stehen: So gesehen führen die neuen Freiheiten zugleich wieder in eine Art Abhängigkeit“, in einen Komplex ”der indirekten, vielfältig vermittelten, unsichtbar scheinenden Beeinflussung, die gerade deshalb oft besondere Kraft entwickelt“ (Beck-Gernsheim 1994: 133). Staat und Bürokratie schaffen immer neue Vorgaben und Regeln, die die alten Bindungen ablösen und an denen sich das Individuum der Moderne auszurichten hat (Beck-Gernsheim 1994: 138f.). Gleichzeitig wird an den alten festgefügten Institutionen des Wohlfahrtsstaates, z.B. dem Ruhestands, festgehalten. Die Abhängigkeit der Individuen von Verfügungen und Verhältnissen, die für den einzelnen gar nicht mehr überschaubar oder gar gestaltbar sind, setzt sich fort, weil Lebensläufe und Lebenslagen abhängig werden von politischen Eingriffen und Gestaltungen (Beck 1986: 211). Andererseits besteht aufgrund der hohen Ausdifferenziertheit und Rationalisierung in der Gesellschaft und zu Zeiten gesellschaftlichen Wandels wie der staatlichen Vereinigung in Deutschland seitens der Akteure ein hoher Regelungsbedarf und ein Anforderungsdruck auf die sozialstaatlichen Institutionen. Die Lebensläufe und Biographien immer neuer Gruppen der Gesellschaft werden abhängig von diesen Institutionen. Infolge der Institutionenabhängigkeit

”können durch konjunkturelle und demographische ‘Hochs oder Tiefs’ ganze Generationen ins gesellschaftliche Abseits driften. D.h.: institutionenabhängige Individuallagen lassen gerade entlang von Wirtschafts- und Arbeitsmarkt-Konjunkturen generationsspezifische Benachteiligungen bzw. Bevorzugungen in entsprechenden ‘Kohortenlagen’ entstehen. Diese erscheinen allerdings immer auch als mangelnde Fürsorge- und Versorgungsleistungen staatlicher Institutionen, die auf diese Weise unter Druck geraten, die institutionell vorgeprägte Chancenlosigkeit ganzer Generationen, Lebensphasen und Altersstufen durch rechtliche Regelungen und sozialstaatliche Umverteilungen zu verhindern bzw. zu kompensieren. Die Institutionen handeln in rechtlich fixierten Kategorien von ‘Normalbiographien’, denen die Wirklichkeit immer weniger entspricht. Das Rückgrat der Normal-Biographie ist das Normal-Arbeitsverhältnis. So ist das soziale Sicherungssystem auf den Angelpunkt der Beteiligung an Erwerbsarbeit hin zugeschnitten“ (Beck 1986: 214 f.).

Hieraus erwächst nunmehr eine doppelte Problematik. Die Menschen passen nicht mehr in das herkömmliche Ordnungsgefüge. Es ”entfallen aber auch die lebensweltlichen Grundlagen der Institutionen und die Konsensformen, die diese in ihrem Bestand getragen haben. Dies läuft auf etwas hinaus, das ich eine ‘Individualisierung der Institutionen’ nennen möchte, denn Institutionen können nicht länger individuenunabhängig gedacht werden. Es brechen Konflikte in den Institutionen um institutionelle Politik auf.“ (Beck 1991b: 182). Das bedeutet, daß es beispielsweise zu


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Legitimationsproblemen herkömmlicher Problembearbeitungsmuster kommen kann oder sich Fragen nach Alternativen stellen. Die Decke der zivilisatorischen Ordnung mit ihren Übereinkünften ist dünn und muß ständig erneuert und reproduziert werden<25>. ”Die sozialen Sicherungssysteme, Arbeitsverwaltung, Familienpolitik konservieren eine industriegesellschaftliche Normalität, die für immer größere Kreise der Bevölkerung nicht mehr zutrifft. ... All dies bedeutet: Institutionen werden individuum-abhängig; und zwar nicht weil die Individuen so mächtig sind, sondern die Institutionen historisch widersprüchlich werden.“ (Beck 1991b: 186) Die Institutionenabhängigkeit hat bei Beck durchaus auch eine lebensweltliche Perspektive. Die Verbindung zwischen modernen Institutionen und Individuen zieht Beck (1986: 214) so: ”Mit dieser Institutionenabhängigkeit wächst die Krisenanfälligkeit der entstehenden Individuallagen.“ Modernisierungstheoretiker weisen zwar auf Tendenzen von Gesellschaftsentwicklung hin, lassen es aber an empirischer Schärfe und Genauigkeit fehlen, wenn es darum geht, die Prozesse für einzelne Gruppen der Gesellschaft nachzuvollziehen. Modernisierungstheoretische Deutungen greifen beispielsweise da zu kurz, wo sie die Bedeutung der entwicklungsgeschichtlich-institutionellen Perspektive, etwa das Erbe der DDR, im Wandel nicht berücksichtigen. Ab dem Moment, wo der Osten Deutschlands, hervorgerufen durch den deutschen Vereinigungsprozeß und vermittels des Institutionentransfers<26> in die Dynamik des bundesrepublikanischen Systems einbezogen wird, stellt sich auch hier die Frage nach der Differenz staatlicher Problembearbeitung und den Individuallagen; oder inwieweit die Reiter von ihren Pferden entfernt sind.

2.3. Institutionen als Schema für die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Wandel. Überlegungen zum Institutionenbegriff

An dieser Stelle möchte ich eine Brücke schlagen zwischen dem Institutionenbegriff und der Handlungsebene der Subjekte. Zunächst sei festgehalten, daß Institutionen und institutionelle Verregelungen bestimmte Verhaltensoptionen von Akteuren beschreiben


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und das soziale Handeln in spezifischen Kontexten strukturieren. Institutionen konstituieren ein Zusammenhandeln von Menschen und lösen Zielvorstellungen, die der einzelne Mensch in der Gesellschaft nicht erreichen kann (Firsching 1994: 243). Institutionen werden aber nicht nur als bloße Regelvorgaben oder -veränderungen betrachtet, sondern zugleich als Handlungsschema angesprochen, in denen die Einzelhandlung verankert ist und individuelle biographische Aspekte - die zum Teil gegenläufig zu den objektiven Vorgaben wirken - zur Geltung kommen. In normativen Traditionen der Politikwissenschaft wird vom Erfordernis der äußeren Steuerung der Gesellschaft ausgegangen und implizit eine Trennung von Staat und Gesellschaft vorausgesetzt (Schmalz-Bruns 1989: 4).<27> Die Gesellschaft ist durch intervenierendes Recht normativ zu steuern und zu gestalten. Institutionen werden in dieser Sicht maßgebend ”an Verfassungstradition oder - in Anknüpfung an das klassische Erbe - an Prinzipien des guten und gerechten Lebens“ gekoppelt (Schmalz-Bruns 1989: 4). Für die soziologische Analyse greift das normative politikwissenschaftliche Verständnis von Institutionen nicht weit genug, weil es die Akteure nicht ausreichend in den Fokus nimmt.

Bei Arnold Gehlen (1971) war - in seiner anthropologischen Sicht - Institution das gesellschaftlich Notwendige und handlungsstabilisierend für den an sich instinktlosen Menschen. In der modernen Welt verlorengegangene Handlungssicherheit und Ordnung können nur gefunden werden in Wirklichkeit und Sittlichkeit erzeugenden Institutionen jenseits der Anfechtungen durch Reflexion und Subjektivität. ”Gefährdungen verlangen nach Stabilisierungen, d. h. nach einer Institutionalisierung des neu entstandenen Verhaltens. Das Motiv, das einen Zweck erzeugte, muß von diesem abgetrennt werden, so daß der Zweck zum Selbstzweck, das Handeln in einer erneuten Umkehrung der Antriebsrichtung von seiner Motivationsbildung entlastet und damit wieder fraglos sicher zu werden vermag.“ (Firsching 1994: 234) Das Gelingen von Reintegration liegt im Vermögen der Reinstitutionalisierung des aus alten Institutionen herausgefallenen Verhaltens. Reflexive Subjektivität muß in dieser Diktion als Verfall von Institutionen gelesen werden. Innerhalb der modernen Institutionentheorie gibt es differenziertere Auffassungen zu Rolle und Wirkungsweisen institutioneller Vorgaben in der


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Gesellschaft<28>. Schelsky (1949) stellte die Frage, ob nicht Reflexion und Subjektivität - der ”Mensch im Zustand der Dauerreflexion“ (Schelsky 1960: 448) als Merkmale des Lebens in der Moderne - als gegeben hinnehmbar und institutionalisierbar sind. Auf die Überlegungen von Schelsky gegründet und in Abgrenzung zur systemtheoretischen Sichtweise<29> lassen sich zunehmend subjektorientierte Zugangsweisen finden, bei denen Institutionen als soziale Vermittlungsinstanzen und als Erscheinungen des Alltagslebens vorkommen<30>. Das Werden und die Konsolidierung gesellschaftlicher Ordnungen ist kein ”subjektloses Prozessieren von Differenzen“ wie bei Luhmann (1984). Ordnungsleistungen der Institutionen vollziehen sich nicht unumschränkt hinter dem Rücken der Subjekte.

Bei Versuchen, Institutionen zu definieren, stößt man immer wieder auf Bemühungen, Bewußtsein, Handeln und Struktur in Einklang zu bringen, was aber zu einer Vermengung verschiedener Theorieansätze führt (Schmalz-Bruns 1989: 10). Besser sollte man herausarbeiten, ”wie der Zusammenhang zwischen Einzelhandlung und Handlungszusammenhang, zwischen Bewußtsein und System, Individualität und gesellschaftlicher Ordnung oder zwischen Freiheit und Zwang jeweils hergestellt wird“ (Schmalz-Bruns 1989: 47). Bezogen auf die These von der ”Individualisierung der Institutionen“ und der Auflösung traditioneller Lebensverhältnisse ist die institutionelle Struktur moderner Gesellschaften darzustellen und als einheitlicher Prozeß von Individualisierung und Integration rsp. Exklusion zu verstehen (Schmalz-Bruns 1989: 48). Institutionen als Regelzusammenhänge sozialer Interaktionen bergen in sich die Bedingung von Individuierung und Vergesellschaftung oder - anknüpfend an die Argumentation im vorherigen Kapitel - als wechselseitigen Prozeß von Inklusion und


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Exklusion in Gesellschaft durch sozialstaatliche Eingriffe zur Steuerung der Gesellschaft. Die Institutionen haben so eine Art Scharnier- oder Vermittlerfunktion bei der Herausbildung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Sie begründen damit an der Schnittstelle zugleich neue Handlungskontexte. Subjektive Handlungsstrukturen resultieren aus dem Sich-Einlassen auf die strukturellen Veränderungen und die neuen Handlungszusammenhänge. Zugleich werden in der Auseinandersetzung diese Handlungszusammenhänge strukturiert, wobei die individuellen Erfahrungen eine ausschlaggebende Rolle spielen. Es läßt sich die These formulieren, daß, setzt man den übersubjektiven Status von Institutionen voraus, die subjektiven Entscheidungskalküle sich aus der reflexiven Deutung der individuellen Situation ergeben, ja ”lebensnotwendig“ ergeben müssen und somit neue Handlungszusammenhänge strukturieren. Subjektive Entscheidungskalküle sind dann nicht Beiwerk oder der subjektive Faktor, sondern dem Prozeß, etwa der Auseinandersetzung mit dem plötzlichen Ruhestand, innewohnend.

Um das Bild abzurunden möchte ich kurz auf Ansichten drei prominenter Vertreter eingehen, die in ihrer Betrachtung von Institutionen die Subjekte stärker in den Blick nehmen. Hans Joas wendet sich gegen eine rationalistische Bearbeitung des Problems der Konstituierung von Normen. Er macht auf die Bedeutung rituellen Handelns aufmerksam und kommt damit auf die Arbeiten von Durkheim, aber auch von Gehlen zurück (Joas 1986: 148). Handeln unterliegt nicht nur Nützlichkeitsbestrebungen mit fest abgesteckten Zielen. Ein pragmatisches Handlungsmodell setzt auf Suchstrategien, auf ein Handeln, bei dem die Ziele erst in der Situationsbewältigung gefunden werden (Joas 1986: 150 f.). Diese Betrachtung legt nahe, daß menschliches Handeln in Institutionen nicht immer aus der aktuellen Situation und den zugrundeliegenden Normen und Regeln heraus zu erklären ist. Es basiert oft auf symbolischer, eingeübter Verarbeitung der Situationen und unterliegt infolgedessen eigenen kollektiven und sozialen Prinzipien. Jüngst stellte Joas die schöpferische und innovative Dimension menschlichen Handelns heraus und trat dafür ein, den herkömmlichen rationalen und normativen Handlungsmodellen durch den ”kreativen Charakter menschlichen


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Handelns“ (Joas 1992: 15) zu ergänzen. Menschliches Handeln erschöpft sich demnach nicht in der rational-analytischen, zweckgerichteten Adaption von Normen und Regelwerken. Nur so werden - wenn das Systemgeschehen aus den Routinen läuft - Handlungsmuster, wie Hinnehmen, Dulden, Unschlüssig-Sein, Ausweichen, sich Zurückziehen oder Verharren, Präferenzen für die scheinbar zweit- oder drittbeste Lösung ebenso wie Auf-Der-Suche-Sein, sich Neuausrichten und Mobilisierungen und ihre Bedingungen theoretisch verständlich.

Anthony Giddens (1984; 1988) ist von diesem Standpunkt nicht weit entfernt. Er offeriert eine Theorie kollektiven Handelns, die auf eine innere Verwobenheit von Handlung und Struktur, von beabsichtigten und nicht-beabsichtigten Handlungsfolgen, von Strukturierung und Destrukturierung sowie von Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung zielt. Giddens klassifiziert Strukturen als Bindeglied und Folge gesellschaftlicher Praxis. Intentionalität besagt, daß die Eingliederung des Handlungssystems in Strukturen über die reflexive Handlungsbeobachtung gelingt<31>. Institutionen sind somit Auslegungsmuster, mit deren Hilfe sich vergesellschaftete Subjekte ihre Welt einrichten und aufbauen, indem sie sie ordnen. Sein Konzept der ”Dualität von Struktur“ vermittelt, daß Institutionen oder gesellschaftliche Strukturen ”sowohl durch das menschliche Handeln konstituiert werden, als auch zur gleichen Zeit das Medium dieser Konstitution sind“ (Giddens 1984: 148). Institutionen können nicht auf die bloße Einschränkung von Handlung hin verstanden werden (Giddens 1988: 67 ff.). Institutionen wie die sozialpolitischen Sicherungssysteme fungieren als Handlungsrestriktion und bieten Gelegenheiten: als Modi der Strukturierung und Möglichkeiten zum Handeln. Sie sind wirksam über die Anerkennung ihrer Rechtmäßigkeit, soweit nicht unmittelbare Sanktionen maßgebend sind und Rechtmäßigkeit durch Gewalt beeinflußt wird. Sobald diese Rechtmäßigkeit aber nicht mehr vorbehaltlos gebilligt wird, ”sondern sich Elemente der Legitimitätsreflexion und der rationalen Anerkennung von Legitimitätsansprüchen durchsetzen“ (Nullmeier/Rüb 1993: 51), wird die Verbindlichkeit einer Institution bezweifelt oder angefochten. Die institutionell gesicherten Verhaltensstandards und Kognitionen werden durch


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abweichende Sinndeutungen und Argumente auf die Probe gestellt. Mit anderen Worten, inwieweit die politisch gewollte und per Gesetz gebildete Institution wie die Rentenversicherung ihre Funktion erfüllt, hängt neben ihrer Legitimität in der Öffentlichkeit von den Erfahrung der Menschen mit der Institution ab (Nullmeier/Rüb 1993: 51). Zwar hat dieses Erfahrungswissen naturgemäß keinen aktuellen Einfluß auf politische Willensbildung, wohl aber gibt es ein Wechselverhältnis zwischen der Funktion einer Institution wie die des Ruhestands und der alltagspraktischen Auslegung der individuellen aktuellen Umweltsituation. Insofern bewährt und reproduziert sich der (Vor-) Ruhestand neben der ”Ebene des alltäglichen organisatorischen Geschehens und Regel-Vollzugs“ (Nullmeier/Rüb 1993: 54) in der Bedeutungsbeimessung und Auslegung der individuellen Akteure, in der sich Sinnhaftigkeit und Legitimität der Institution auf subjektiver Ebene spiegelt. Die Rechtmäßigkeit kann auch als innere partielle Legitimität bezeichnet werden.<32> Sie hat in dieser Form einen besonderen Einfluß auf das Gelingen der Etablierung einer neuen Ordnung im Vereinigungsprozeß.

2.4. Exkurs II: Grenzen institutioneller Regeln

In jedem kulturellen Werk und jeder kulturellen
Verrichtung gibt es ein Reservoir des Rohen,
Ungeformten, Unreifen, (das) nicht
auf seine Rationalisierung wartet,
auch nicht vor ihr flieht, sondern sie lebendig hält.
Würde es uns gelingen, alles Widerspenstige,
das den Regeln entgegensteht,
zu zähmen, so wäre das Spiel aus.
Bernhard Waldenfels

In der Nähe von Giddens Annahmen argumentiert auch Bernhard Waldenfels (1994). Allerdings bewegt er sich mit seinen Überlegungen auf einer empirisch nicht so uneinholbaren Abstraktionsebene. Er führt eine Betrachtung von institutionellen


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Regelungen ein, in der er das Subjekt gedanklich eng an das Regelsystem und seine Veränderungen bindet<33>. Damit ist es möglich, die Muster des Zusammenspiels von Regulation und Sozialität nachzuvollziehen, und eine deterministische Sicht des Zusammenspiels von Gesellschaft und Subjekt kommt gar nicht erst auf. Wie werden beim Wandel von Institutionen Regeln umgedeutet, ausgelegt, wie entstehen ”weiße Flecken“ und wie werden sie besetzt? Wie werden in den Handlungsmustern biographische Erfahrungen relevant<34>? Kurz: Wie manifestiert sich Sozialität in einer verregelten Welt? Zunächst ist festzuhalten: Lebenslange konstante Erwartungen und ihre Realisierung, ein Sich-Wiegen-Können in Sicherheit, sind zunehmend ein Konstrukt. Staatliches Handeln mittels selektiver sozialer Institutionen schafft Lebensabschnitte mit ”Wirklichkeiten eigener Art“ (Mayer/Müller 1988: 53). In der Moderne entfalten die Akteure zahllose Anwartschaften und erfahren doch die Unzulänglichkeit der sozialpolitischen Steuerung von Gesellschaft. Ältere Menschen im Osten Deutschlands gingen ab 1989 häufig davon aus, jetzt noch einmal ihre Arbeitskraft und Berufserfahrung einzusetzen und an den Veränderungen mitwirken zu können. Sie wollten ihre Chance in einem vermeintlichen Umbauprozeß der Gesellschaft ergreifen und ihren Lebensstandard durch neue Erwerbsmöglichkeiten verbessern. Diese sehr verständlichen Ansprüche - eine Konsequenz der inneren Logik der Lebensläufe - liefen mit der Übernahme des westdeutschen Systems ins Leere. Die Mittel der politischen Realisierung sind in der Gesellschaft begrenzt<35>. Es ist illusorisch zu glauben, daß mit dem Aufstellen neuer, differenzierterer Regelwerke eine umfassende Problemlösung für alle Beteiligten Akteure in Reichweite gelangt. Im Gegenteil: neue Probleme traten auf. Die Ausprägung der modernen Welt mit seinen institutionellen Verregelungen hat eine Dynamik in Gang gesetzt, aus der nicht einfach


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ausgeschert werden kann, im gleichen Atemzug jedoch ”blinde Flecken“ hinterläßt: solche, die nicht durch das Regelsystem abgedeckt werden. Wir stoßen hier auf die Grenzen institutioneller Regelung und Ordnungsmuster und auf ein Konstruktionsprinzip, das Gegenwart und Zukunft - und dem Handeln in diesen Sphären - ein Moment von Offenheit und Unbestimmtheit einräumt<36>.

”Der Übergang von einem System zum anderen läßt sich nicht erklären, ja nicht einmal beschreiben, wenn wir die Spannungen, Brüche und Lücken innerhalb eines bestehenden Systems übersehen. Akzeptieren wir aber solche blinden Flecken, so heißt das, daß unser Reden, Tun und Leben niemals völlig in ein bestehendes System oder in eine bestimmte Institution eingeschlossen ist, sondern deren Grenzen immer schon überschreitet. Es muß etwas Ungeregeltes im Geregelten geben, das Veränderungen herbeiruft und neue Regelungen erlaubt’’ (Waldenfels 1994: 90).

Institutionelle Verregelungen strukturieren Handlungen, bauen Barrieren auf, schaffen aber auch neue Möglichkeiten<37>. Alle Folgen sind nicht absehbar. Man kann ihnen nicht entgehen, sondern muß sich mit ihnen auseinandersetzen. Gerade in dieser Differenz liegt der Ansporn auch für die Subjekte, Dinge in die eigene Hand zu nehmen, Gelegenheiten zu erkennen oder auszulassen. Das Soziale realisiert sich in Institutionen und Regeln, aber auch im Subjekt und seiner Geschichte. Das Subjekt mit seiner Geschichte, seinen Erfahrungen und seiner Logik muß man hinzudenken, will man den Zusammenhang von Handeln und sozialpolitischer Steuerung von Gesellschaft über Institutionen aufdecken. Freisetzung und Integration für die Vorruheständler verläuft in den Bahnen der Vorruhestandsregularien. Für die Vorruheständler im Vereinigungsprozeß bedeutet das: Handlungsmuster werden in der Auseinandersetzung mit jeweiligen institutionellen Regeln und Vorgaben und den lebensgeschichtlichen Erfahrungen erst hervorgebracht<38>. Die Sozialität ist keine Zutat, sondern innerer Bestandteil der Regeln (Waldenfels 1994: 85). Beispielsweise ist das Leben in der DDR nicht hinlänglich erklärt, wenn man allein die Regeln des Systems zur Kenntnis nimmt, sie für bare Münze hält und dabei das Geflecht von Alltagsverhältnissen außer acht läßt.


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Es gibt etwas, das zum Funktionieren gesellschaftlicher Ordnung beiträgt, aber nicht sofort offen liegt, objektivierbar und kommunizierbar ist. Nur so ist der Kontext aufzudecken, in dem soziales Leben möglich wurde, wie beispielsweise Sicherheit, Vertrautheit und Geborgenheit zustande kam. Die Akteure haben eine lebensweltliche Erfahrung, ”die nicht die ganze Wahrheit ihres Tuns und Handelns darstellt und dennoch zur Wahrheit ihrer Praxis gehört“ (Bourdieu 1993a: 31). Die sozialen Subjekte haben eine eigene Vorstellung von der Realität und dem Gang der Dinge. Sie besitzen in unterschiedlichem Grade Fähigkeiten und Möglichkeiten, ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen in der gesellschaftlichen Realität und seinen Regularien aufzubewahren. Ebenso eröffnet sich über diese Perspektive der Bedeutungsgehalt des Vorruhestands beim Wandel der sozialen Rahmenbedingungen im deutschen Vereinigungsprozeß.

Fußnoten:
<16>

”Die resultierende subjektive Erwartungsgewißheit über zukünftige Lebensbedingungen ist selbst ein Moment sozialer Sicherheit.“ (Leiserimg 1992: 199)

<17>

zit. nach Nullmeier/Rüb (1993: 72)

<18>

zit. nach Nullmeier/Rüb 1993: 72f.

<19>

Vgl. auch Kapitel IV

<20>

Lexikon zur Soziologie (1978/1988): 873

<21>

K.-U. Mayer geht davon aus, ”daß die institutionelle Rahmenbedingungen der bundesdeutschen Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten erhalten bleiben werden“ (Mayer 1992: 537). Die These wird auch dadurch gestützt, daß sich das westdeutsche Institutionensystem fast ausnahmslos politisch in Ostdeutschland durchgesetzt hat.

<22>

Vgl. Flora (1982)

<23>

”Da sowohl die existentielle Bedeutung für die Individuen als auch die Störanfälligkeit öffentlicher Institutionen im entwickelten Wohlfahrtsstaat gestiegen ist, wird die ‘Sicherung der sozialen Sicherung’ zu einem vordringlichen sozialen Problem.“ (Leisering 1992: 190)

<24>

Das geschieht am Beispiel des Vorruhestands hinsichtlich konkreter Lebensbedingungen - Einkommen, Netzwerke usw. - und deren individuelle Wahrnehmung sowie ferner hinsichtlich der Handlungsstrategien beim Übergang in die nachberufliche Phase.

<25>

”Die Eigenständigkeit sozialer Systeme ist kulturell geborgt. Dies zu vergessen, war solange möglich, wie die Gesellschaft der Institutionen und die Gesellschaft der Individuen noch in ihren Grundformen korrespondierte.“ (Beck 1991b: 186)

<26>

Zu Vorgang und Begriff des Institutionentransfers siehe Kapitel III.

<27>

In der Politikwissenschaft dagegen galt ”der Staat als Referenzpunkt politischer Theoriebildung“ und ”als Inbegriff eines Institutionenverständnisses“ (Schmalz-Bruns 1989: 3).

<28>

Lepsius 1990; Klages 1990; Pankoke 1990; Lipp 1990; Göhler/Lenk u.a. 1990; Wiegand/Hess/Pein 1988, Douglas 1991, Gebhardt 1992; vgl. auch Gebhardt (1995).

<29>

Systemtheoretische Ansätze orientierten sich an der Erkenntnis Webers, ”daß für den Begriff des sozialen Handelns sowohl die Reziprozitätsbeziehungen einzelner Akteure wie deren gemeinsame Orientierung an Regeln konstitutiv sind“ (Schmalz-Bruns 1989: 58). Parsons Programm bestand darin, die Besonderheit der Regelorientierung sozialen Handelns doppelseitig zu veranschaulichen: ”Zu unterscheiden ist zwischen der Funktion von Handlungsregeln in der Konstitution der Einzelhandlung einerseits und der Konstitution von Handlungssystemen, also der Herstellung der Anschlußfähigkeit vieler unabhängig voneinander durchgeführter Handlungen andererseits“ (Schmalz-Bruns 1989: 58).

<30>

Die handlungstheoretische Lösung des Ordnungsproblems hat Erfolg, ”wenn Interaktionstheorien aus ihrer Fixierung am Phänomen der Einzelhandlung“ (Schmalz-Bruns 1989: 58) abgetrennt werden können und Einzelhandlungen in einem Regelsystem verortet gesehen werden.

<31>

”Strukturen sind dann nicht mehr, wie bei Parsons und in der systemtheoretischen Tradition, objektive Manifestationen der Systemreproduktion, die als Bezugspunkte und als limitationale Faktoren in den Rahmen der Handlung so eingebaut sind, daß sie von außen die Transformation der Einzelhandlung in ein Handlungssystem steuern“ (Schmalz-Bruns 1989: 63).

<32>

In der Rentenpolitik existieren eine Reihe von ”Legenden“, wie die des ”Generationenvertrages“ (Leisering 1992: 229ff.; Nullmeier und Rüb 1993: 57). Er erfüllt zweifellos eine unhinterfragbar ordnungspolitische Funktion, scheint aber unpräzise angesichts neuartiger Problemlagen, etwa der deutschen Vereinigung, und somit als beständige normative und institutionelle Orientierung fragwürdig, stehen sich doch im geschichtlichen Ablauf immer neue Generationen mit eigenständigen Erfahrungen und Schicksalen gegenüber. Die Generation der Vorruheständler im Osten Deutschlands wird zwar durch staatliches Handeln in den Versorgungskreislauf der Gesellschaft eingebunden und abgesichert. Die politisch intendierte Begründungslogik und Funktion sowie die Wirkungen auf die individuellen Lebensläufe und Lebenslagen fallen jedoch naturgemäß auseinander (wie im folgenden Kapitel noch zu fundieren und dann in seinen Auswirkungen auf die Deutungsmuster und Handlungspraktiken empirisch zu unterlegen ist).

<33>

Waldenfels steht in der Tradition von Husserl und Merleau-Ponty. Er verbindet seine Überlegungen mit der Handlungstheorie von Peter Winch (1958). Winch bezieht sich auf die Theorie des sozialen Handelns von Max Weber und Wittgensteins später Sprachphilosophie.

<34>

Zur phänomenologisch-handlungsorientierte Seite: Schütz/Luckmann (1979: 39 ff.)

<35>

Waldenfels stellt im Zusammenhang mit der Entstehung der modernen Gesellschaft die Frage, ”ob nicht - ... - der Niedergang des alten Kosmos und das drohende soziale Chaos einen Hang zur Überregelung gefördert hat“ (Waldenfels 1994: 92). Regeln sollen wettmachen, was die entzauberte Natur uns schuldig bleibt (Waldenfels 1994: 92). Und Entzauberung ist der Preis für unser Verständnis von Fortschritt. Verregelung bedeutet Eingriffe in gesellschaftliche Prozesse, Transparenz und Entzauberung. Die Absicht, die Gesellschaft gut und gerecht gestalten zu wollen, kann immer auch ein Schritt in die falsche Richtung sein.

<36>

”In welchem Ausmaß die Welt uns determiniert erscheint, hängt davon, wieviel wir darüber wissen“ (Bourdieu 1993b: 43)

<37>

Entgegen der Forderung nach einer Flexibilisierung kam es in der Bundesrepublik zu einer immer weiteren Absenkung des Übergangsalters in den Ruhestand. Dieser Prozeß zeigt, daß der Ruhestand von einem komplexen Bedingungs- und Interessengefüge - einschließlich biographischer Orientierungen -getragen wird, in die nicht einfach regulativ eingegriffen werden kann (Kohli 1991).

<38>

”Obwohl die lebensprägende Kraft des Berufsstatus mit zunehmendem Alter abnimmt, finden sich im Lebens- und Berufsverlauf ausgeprägte Handlungs- und Kompetenzressourcen in der Alltagsbewältigung generell, auch im späteren Umgang mit Institutionen, sozialpolitischen Maßnahmen und deren Repräsentanten wieder.“ (Clemens 1993: 74 mit Bezug auf Kohli 1990)


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