Lehmann, Heiko: Verordneter Ruhestand Untersuchung zum Transfer sozialstaatlicher Institutionen im deutschen Vereinigungsprozeß am Beispiel des Vorruhestands.

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Kapitel 4. Die politische Gestaltbarkeit von Lebensläufen.

Sozialstaatliche Institutionen sind rechtlich verfaßte Regelwerke. Sie begründen zeitlich stabile Muster sozialer Beziehungen und stabilisieren Erwartungen und Verhalten der Akteure. Es entsteht ein spezifisches Verhältnis zwischen Staat und Bürger, das in sich gleichwohl variabel gestaltbar ist. Sozialstaatliche Institutionen sind darüber hinaus Instrumente politischer Gestaltung. Diese Funktion steht in diesem Kapitel im Mittelpunkt. Es geht hier um die politische Determination von Lebensläufen. Es wird gezeigt, daß Lebensläufe heute stark von sozialpolitischen Regelungen geprägt werden oder überhaupt erst durch diese entstehen. Altersgruppen sind in erster Linie Resultat gesellschaftlicher Differenzierungen. Daraus begründet sich eine eigenständige und geschichtlich konkrete Logik, die sich in einer altersspezifisch eigenständigen kollektiven und individuellen Orientierung niederschlägt. Es ist zu zeigen, welche Verflechtungen zwischen Lebenslauf und Sozialpolitik bestehen und wie wohlfahrtsstaatliche Regulierungsmuster Modi des gesellschaftlichen Ausschlusses und der Desintegration in sich bergen. Indem herausgestellt wird, daß der Staat sich vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche am etablierten Schema der ”Normalbiographie“ orientiert. Am Schluß steht die Frage danach, welchen Anforderungen die Individuen gegenüberstehen und welche Möglichkeiten sie haben, Kontinuität wieder herzustellen, wo diese durch sozialpolitische Intervention untergraben wurde.

4.1. Die politische Determination von Lebensläufen in Wohlfahrtsstaaten

Die Idee des Sozialstaates fußt auf den christlichen, liberalen und sozialistischen Ideen der Aufklärung. Die Prinzipien des modernen Wohlfahrts- und ”Leistungsstaates“ fließen im Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes zusammen. Die Moderne, die ihren Siegeszug mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann, begründete eine immer stärkere Ausdifferenzierung zwischen Individuum, Gesellschaft und seinen Institutionen Demokratie, Rechtssystem und den Institutionen des Systems sozialer Sicherung. Der Einfluß des Staates überzog im historischen Zeitverlauf immer mehr Teilbereiche der Gesellschaft. Den Individuen wurde ”als Bürger und als Wirtschaftssubjekt Macht zugeschrieben, die in nationalen Verbänden nach ökonomischen Interessen aggregiert und in die Politik vermittelt werden konnte. Gewerkschaften und Massenparteien bilden


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die neuen intermediären Mächte zwischen dem Bürger und dem Staat“ (Mayer/Müller 1988: 45). Das System der sozialen Sicherung zielte immer darauf ab, die fortwährende Desintegration aus herkömmlichen sozialen Bindungen und Gemeinschaften individuumsbezogen abzufangen. Dadurch war der Weg frei für immer neue Anstöße zur Individualisierung. Der Staat hat ”die Wohlfahrtsverantwortlichkeiten der alten Assoziationen und Gemeinschaften übernommen und dabei ”mehr Verantwortlichkeit für die soziale Sicherung und eine Vielzahl anderer Wohlfahrtsdimensionen“ auf sich vereint (Mayer/Müller 1989: 45). Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung hat allem Anschein nach irreversible Strukturen hervorgebracht und Verpflichtungen übernommen, von denen man sich nicht einfach verabschieden kann, ohne die Stabilität des Gesamtsystems zu beeinträchtigen<74>. Die soziale Absicherung, die unter der Dominanz des Wirtschaftssystems organisiert ist, zielt darauf ab, die Individuen bei sozialen Risiken ”jenseits von Stand und Klasse“ in kollektiven Übereinkünften abzufangen<75>: ”... die Risiken der Lohnarbeit werden einheitlich sozialstaatlich abgemildert und zugleich generalisiert. Immer weitere Bevölkerungskreise werden im Zuge des wirtschaftlichen und technologischen Wandels<76> in sie einbezogen, und sie entfalten immer deutlicher über Einkommens- und Bildungsgrenzen hinweg ihre egalisierende Wirkung“ (Beck 1983: 35 ff.). Mit dieser Entwicklung verbunden sind erhebliche soziale und psychische Anforderungen an die Subjekte. ”Die erstaunliche Kompetenzerweiterung des Wohlfahrtsstaates läuft auf eine riesige und unkontrollierbare Maschinerie der Steigerung von Risiken hinaus“ (Luhmann 1991: 155). ”Sie (die Risikogesellschaft, H.L.) unterbricht auch die traditionellen Folgen der Reziprozität. Sie ersetzt den Mechanismus Hilfe - Dankbarkeit - Hilfe durch die Organisation des Vorsorgestaates und erzeugt damit ein Anspruchsklima, in dem sehr viel mehr geholfen wird als zuvor und zugleich die Enttäuschungen zunehmen: Die


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juristische Form dafür ist das subjektive Recht, das von jeder Reziprozität der Rechte abstrahiert und sich mit bloßer Komplementarität begnügt“ (Luhmann 1991: 113). Althergebrachte Felder der Verantwortung<77> und der direkten Verpflichtung verwischen. Mit der deutschen Vereinigung wird die Frage nach der Verantwortung sozialer Subjekte für negative Erscheinungen neu gestellt. Bedürftigkeit wird zwar erkannt, zugleich aber dem Staat als abstrakten, universellen, anonymen Hüter aller Gesellschaftsmitglieder überantwortet. Akut wird die Frage, wenn Gesellschaften sich verändern. ”Die Zuschreibung von Verantwortung, mit ihr aber die Anmahnung von Sicherheiten, stößt auf gefährliche Weise hier ins Leere. Sie verliert ihren Adressaten: Dingfest zu machende, haftpflichtige, wirkliche Verantwortliche, namentlich dann, wenn das Systemgeschehen aus den Routinen fällt, in den Zustand der ‘Ausnahme’ gerät und unversehens in Krisen schlittert.“ (Lipp 1995: 186). In dem Maße wie kollektive Identitäten und solidarische Verbindungen untergraben werden und neue anonyme Allianzen - die Arbeitslosen, die Vorruheständler - über sozialstaatliche Institutionen geschmiedet werden, reduziert sich zugleich soziale Sicherung einzig auf das soziale Recht, Geld zu empfangen, ohne daß die wirklichen sozialen Problemlagen erkannt und bearbeitet werden können. Gerade in Umbruchzeiten kann das Gefühl für das, was einem wirklich zusteht, nicht mehr ermessen und nachvollzogen werden, auch weil der Staat immer waghalsigere Umverteilungsmanöver vornimmt. Ein Beispiel für die politische Instrumentalisierung der sozialen Sicherung, beispielsweise der Arbeitslosen- und Rentenversicherung, sind die immensen Transfers in die neuen Bundesländer<78>. Die Position der Vorruheständler in der neuen Gesellschaft ist nicht eindeutig. Sind sie im wohlverdienten Ruhestand oder Manövriermasse bei der Realisierung der deutschen Vereinigung? Die im ”Generationenvertrag“ moderner Gesellschaften normalerweise zu leistenden Anteile der Jüngeren kommen allenfalls als knappe, mit niedrigen Kappungsgrenzen limitierte, Alimente aus westdeutschen


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Rentenkassen. Das Recht auf Ruhestand ist nicht zu erkennen, durch die Abwertung des Gesellschaftssystems der DDR wird die Lebensleistung entwertet.

4.2. Integration - Segmentation - Ausschluß: Zur Dynamik wohlfahrtsstaatlicher Eingriffe in Lebensläufe im Zuge der Moderne - Entwicklung

Die gesellschaftliche Differenzierung löste die Menschen nicht nur aus ihren bisherigen Sozialbindungen. Die Einbindung der Menschen in die Gesellschaft erfolgte über rechtlich geregelte Ansprüche. Damit bildete sich die moderne Altersstrukturierung im Lebenslauf heraus: von der Erwerbsphase hoben sich deutlich eine Vorbereitungsphase und der Ruhestand ab. Der moderne Wohlfahrtsstaat ordnet, reguliert und definiert Lebensverläufe. Die segmentierten Lebensläufe sind Folge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse (Mayer/Müller 1989: 43 f.). Die Chancen im Lebensverlauf werden zunehmend vom Staat bestimmt. Die offizielle Trennung der Funktionen zwischen einzelnen Teilbereichen in der Gesellschaft wie Ausbildung, Familie, Betrieb, ”lassen sich direkt übersetzen in segmentierte soziale Rollen des Individuums, das damit aufhört, primär Mitglied eines und desselben Kollektivs zu sein“ (Mayer/Müller 1989: 46). Die Menschen füllen im Verlaufe des Lebens voneinander verschiedene variable Rollen aus. Gesamtgesellschaftliche Differenzierung wird projiziert ”auf diachronisch geordnete Segmente oder Lebensabschnitte“ (Mayer/Müller 1988: 46). ”Diese Differenzierung ist die Voraussetzung für das, was man überhaupt Struktur des Lebensverlaufs nennen kann, im Sinne einer variablen Teilhabe in voneinander geschiedenen sozialen Rollen im Verlauf des Lebens. Man kann dies ausdrücken als die Abbildung gesamtgesellschaftlicher institutioneller Differenzierung auf diachronisch geordnete Segmente oder Lebensabschnitte“ (Mayer/Müller 1988: 46). Der moderne Wohlfahrtsstaat segmentiert den Lebensverlauf in einzelne Phasen, indem er per Gesetz und über staatliche Einrichtungen über die Sozial- und Rentenversicherung Ansprüche und Leistungen zuweist. So gesehen hat der Staat durch die Etablierung der Rentenversicherung Einfluß genommen auf das strikte Auseinandergehen von Arbeitsleben und Ruhestand<79>. Er wird damit ”der zentrale Mechanismus für die


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Integration und Regulierung ausdifferenzierter institutioneller Bereiche“ (Mayer/Müller 1988: 46). In dem Umfang, wie sich sozialrechtliche und sozialpolitische Maßnahmen am Alter festmachen, reproduziert sich die Segmentierung von Altersklassen in der Gesellschaft. Gesellschaftsgeschichtlich ist sozialstaatliches Handeln Teil einer Politik, die über Altersstrukturierung und Regulierungen der Lebensläufe Personen fortlaufend in die Gesellschaft einbindet. (Leisering 1992: 291). Das geschieht um den Preis, daß in dem Maße neue Differenzierungen und Ungleichheiten geschaffen werden, wie auf neue soziale und demographische Herausforderungen reagiert werden muß. Im konkreten Fall betrifft das die altersbezogene Differenzierung auf allen Ebenen der Gesellschaft und eine Klassifikation in aktive und inaktive Gesellschaftsmitglieder. Die verschiedenen Abschnitte sind durch ”sozial bedeutsame Ereignisse und normativ definierte Übergangsprozesse geprägt. Ferner gibt es deutliche Ordnungsregeln in der Aufeinanderfolge solcher Phasen und in den Beziehungen zwischen verschiedenen Phasen“ (Mayer/Müller 1988: 47 f.). Der Lebenslauf kann so auch aufgefaßt werden als Verknüpfung verschiedener Teilkarrieren (Hagestad/Neugarten 1985). Die verschiedenen Lebensabschnitte und Lebensphasen werden als voneinander deutlich unterschieden wahrgenommen, die in der Biographie wieder zusammengeführt werden müssen<80>. Zugleich hat der bürgerliche Staat die einzelne Person stark aufgewertet. Das Individuum wurde zum Gegenstand der wohlfahrtsstaatlichen Tätigkeit als souveräner, mit Rechten ausgestatteten Akteur etabliert. Freiheitsrechte machen den Menschen zum Staatsbürger mit Anspruch und Möglichkeiten zum Teilhaben am gesellschaftlichen Prozeß, orientiert am Gleichheitspostulat der bürgerlichen Revolution. Das Individuum wird durch die Rationalität des Gesetzes Inhaber von Rechten und Pflichten und zum Gegenstand der Bürokratie. Dieser Tatbestand ist Teil der bürgerlichen Rechtsauffassung und Konstruktionsprinzip bürgerlicher Gesellschaft. Die Artikulationsbereitschaft eigener Interessen wird forciert: Kollektiv, über Interessenverbände und Gewerkschaften, die zwischen den Akteuren vermitteln und individuell über entsprechende Handlungsmuster. Das Eingreifen der Politik bezieht sich auf einzelne Lebensabschnitte wie das Alter. Es ist aber nicht auszuschließen, daß


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dadurch das gesamte Leben beeinflußt werden kann (Mayer/Müller 1988: 48). Für das soziale Sicherungssystem, in dessen Zentrum die Absicherung vor Alter und Krankheit steht, ist charakteristisch, ”daß sie solche Risiken als Alles-oder-nichts-Tatbestände regeln“ (Mayer/Müller 1988: 51). Die Absicherung von Risiken erfolgt durch Einkommenstransfer nach allgemeinen Regeln und Fristen, die eine Anspruchsberechtigung definieren. Für das Individuum bedeutet dies, daß Leben umgewandelt wird in eine Abfolge von Gegebenheiten (Mayer/Müller 1988: 51 f.). ”Die gesetzliche Definition solcher Zustände fördert Tendenzen der Periodisierung des Lebens und der Definition institutionell standardisierter Übergänge und Wechsel: Dies erschwert Übergangs- und Anpassungsprozesse, andererseits schafft es aber auch Wissensstrukturen von solchen Übergängen“ (Mayer/Müller 1988: 52). ”Die Bedeutung solcher Regelungen für den Lebensverlauf wird zunehmend stärker, je größere Anteile der Bevölkerung durch ein uniformes soziales Sicherungssystem erfaßt werden. Auf diese Weise werden Lebensbedingungen standardisiert, die tendenziell weniger nach ökonomischer Lage und sozialer Schicht differenzieren“ (Mayer/Müller 1988: 52). Der Staat ist dann nicht nur in der Pflicht für die einzelnen gesellschaftlichen Teilsegmente, sondern er definiert durch Regeln auch die Zu- und Abgänge zwischen ihnen. Allerdings sind die Übergänge zwischen einzelnen Teilsegmenten und die jeweiligen Handlungspraktiken durch eigene Logiken und Zusammenhänge bestimmt. Die Individuen verlieren immer stärker die Verfügung über solche Prozesse (Beck 1986: 212). Grund dafür ist, daß dadurch ”Übergangsereignisse schärfer akzentuiert werden, die Alterssegmentation verschärft wird und damit Lebensstadien ihre eigene Definition, ihre eigenen Zugänge und Ausgänge erhalten. Leben wird aus gemeinschaftlichen Beziehungen abgetrennt“ (Mayer/Müller 1988: 58). Indem der Staat über Einkommenstransfer die Differenzierung und Segmentierung des Lebensverlaufs bewirkt, schränkt er ”auf der Bedeutungs- und Sinnebene zusammenhängendes und integriertes Leben“ ein (Mayer/Müller 1988: 58). ”Die Segmentation der individuellen Handlungslogiken in verschiedenen institutionellen Lebensbereichen wird verstärkt durch die funktionale Rationalität, die der Wohlfahrtsstaat auslöst und unterstützt“ (Mayer/Müller 1988: 58). Wirtschaftssystem und Sozialstaat führten zu einer reziproken Abgrenzung von Lebenssphären und -abschnitten. ”Gesellschaftliche Differenzierungsprozesse folgen der Logik der effizienten Zweckrationalität von wechselseitig ausgegrenzten institutionellen Teilbereichen. Zugleich bedeuten Differenzierungsprozesse immer auch die Ausbildung neuer Integrationsmechanismen:


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Staatliche Regulierungen und Sozialpolitik sind dafür ein wichtiges Beispiel.“ (Mayer/Müller 1988) Thomas Luckmann beschreibt die Konsequenzen der Entwicklung der modernen Gesellschaft für den Einzelnen so:

”Die funktionale Spezialisierung von institutionellen Bereichen und Ausformung zweckrationaler Werte führte zu einer strukturellen organisationsmäßigen und kulturellen wertmäßigen Autonomie der großen öffentlichen Institutionen in einem bis dahin unbekannten Maß und so zu einer Ausgliederung der Bestandteile sozialer Ordnung. Die Normen innerhalb der gesonderten Bereiche wurden unter dem Aspekt funktionaler Anforderungen jener Bereiche mehr und mehr rational. Gleichzeitig verloren große Segmente der institutionellen Organisation, die weite Teile sozialen Handelns in unserer Alltagswelt unmittelbar bestimmen, ihre enge Beziehung zu dem biographischen Bedeutungszusammenhang, in dem soziales Handeln durch Tradition ursprünglich verankert war“ (Luckmann 1975: 10-11)<81>.

Lebenslauf und Biographie haben eine eigene Objektivität und greifen durch die Intentionalstruktur von Handlungen hindurch. Die Menschen haben eine Vorstellung vom Gang der Dinge und verfügen über eine eingelebte Selbstverständlichkeit. Für die Subjekte sind aber ein Sich-Einlassen auf Strukturen und kurzfristige Situationsbewältigung von großer Bedeutung. Daher tritt die Frage auf - vor allem wenn die Gesellschaft aus den Routinen herausfällt und vormalige Sinnzusammenhänge auseinanderfallen- , wie institutionelle Eingriffe auf individuelle Lebensorientierungen und Entscheidungen Einfluß nehmen oder wie Wissensstrukturen von Übergängen und Anpassungsvorgängen hervorgebracht werden. Insgesamt hat sich herausgestellt, daß der Sozialstaat in Zeiten gesellschaftlichen und demographischen Wandels - im Gegensatz zu familialer Fürsorge - den Menschen auch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und demographisch ungünstiger Gegebenheiten Sicherheit einräumen kann. Dies umfaßt aber keine Gewähr für vollständige Gewißheit bei historischen Fehlschlägen und gesellschaftlichen Umbrüchen wie der deutschen Vereinigung. Verbindlichkeiten früherer gesellschaftlicher Gegebenheiten und Politik lassen sich nicht vollständig bearbeiten. Es obliegt heutiger Politik, Institutionen sozial annehmbar einzurichten (Leisering 1992: 251). Sozialstaatliche Institutionen sind dabei an sozialen und politischen Normen (Sicherheit, Teilhabe) ausgerichtet; die Individuen orientieren sich in der Perspektive ihrer Biographie an Gerechtigkeit, Erwartungssicherheit und Reziprozität (Leisering 1992: 238f.). Kohli (1985) hat überzeugend begründet, daß die zunehmende Chronologisierung des Lebensverlaufs in enger Verwandtschaft zur gesellschaftlichen Organisation der Lohnarbeit steht. Martin Kohli (1985) zeigte, daß


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der Lebenslauf allgemeingültigen Strukturprinzipien unterliegt und eine institutionalisierte Form besitzt. Das Leben verläuft kontinuierlich in verläßlichen Bahnen, die Lebensereignisse und ihre Aufeinanderfolge sind wesentlich festgelegt. Dieses Schema dient den Menschen als Orientierungsmuster für ihre Lebenspläne. Vor dem Hintergrund des institutionalisierten Lebenslaufs bilden sich die individuell verschiedenen Lebensformen heraus. Die Entwicklung der Moderne ist die Umstellung ”von einem Muster der Zufälligkeit der Lebensereignisse zu einem des vorhersehbaren Lebenslaufs“ (Kohli 1985). Die feste Verankerung des dreigeteilten Lebenslaufs zog es nach sich, daß für die Individuen Leben berechenbar wurde. Der moderne Vergesellschaftungsmodus setzte nicht mehr uneingeschränkt an den sozialen Lagen an, sondern Ordnung und Kontrolle gewährte ein ”regelhafter - und damit verläßlich erwartbarer - Lebenslauf“ (Kohli 1988: 37). Um das Erwerbsleben gruppiert sich eine Vor- und Nachbereitungsphase, identisch mit dem Bildungs- und Rentensystem. Das chronologische Alter wurde zunehmend Orientierungsmarke für die Übergänge im Lebenslauf, beispielsweise des Austritts aus dem Erwerbsleben; ebenso orientierten sich sozialpolitische Maßnahmen am chronologischen Alter. Diese Entwicklung zog auch nach sich, daß sich der Ruhestand als eigenständige Lebensphase herausbildete<82>. Kohlis Fazit lautet: ”Lebenslauf als Institution bedeutet also zum einen die Regelung des sequentiellen Ablaufs des Lebens, zum anderen die Strukturierung der lebensweltlichen Horizonte bzw. Wissensbestände, innerhalb derer die Individuen sich orientieren und ihre Handlungen planen.“ (Kohli 1985: 3) Damit hat er immer auch Wandlungsprozesse im Lebenslauf und die Perspektive der Individuen im Blick. Die Institutionalisierung des Lebenslaufs war auch der Anstoß zur Biographisierung des Lebens. Diese Argumentation soll weiter unten noch einmal aufgegriffen werden mit Bezug auf die Wahrnehmung und Deutung der Spielräume durch die Subjekte vor dem Hintergrund ihrer Biographie (Abschnitt 4 dieses Kapitels). Vorerst läßt sich festhalten: Mit Differenzierungen im Wohlfahrtsstaat und der immer stärkeren Erfassung gesellschaftlicher Teilbereiche hat sich gleichlaufend der segmentierte Lebenslauf entwickelt. Der Lebenslauf ist, flankiert durch Institutionen (Bildungswesen,


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Rentensystem) in drei voneinander abgrenzbare Lebensphasen mit institutionalisierten Übergängen aufgeteilt. Die Phasen der menschlichen Lebensläufe werden durch Regelungen in verschiedenen Teilsystemen, z.B. im Berufssystem, über den gesamten Lebenslauf und im System sozialer Sicherungen verknüpft. Eine Orientierung am dreigeteilten Schema des Lebenslaufs scheint für staatliches Handeln, Unternehmen, aber auch die Individuen unerläßlich. Beispielsweise orientiert sich wohlfahrtsstaatliches Handeln mit Vorschriften, Gesetzen und Regelungen daran, so daß diesem Konstrukt ein ordnendes Potential innewohnt. Letztlich findet im Normalarbeitsverhältnis ”die staatliche Regulierung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit ihren Ausdruck.“ (Osterland 1990: 351). Eine solche Imagination hat auch eine wichtige Orientierungsfunktion für individuelle Lebensentwürfe und Lebensplanung. ”Die Existenz des sozialen Sicherungssystems, das die wesentlichen Lebensrisiken abdeckt, vermindern die Abhängigkeit der Individuen von anderen und erlaubt überhaupt erst individuelle Lebenspläne... .“ (Mayer/Müller 1988: 46f.). Durch die Institution des Lebenslaufs werden die individuellen biographischen Pläne und Motivationen herausgefordert und gesellschaftlich eingebunden. Gesellschaft und privater Lebensbereich interagieren über das Medium Lebenslauf, auch, weil der Staat heute entscheidender Vermittler zwischen den kaum noch in Beziehung zueinander stehenden Generationen ist<83>. Lebensläufe sind für die Individuen nicht allein externe gesellschaftliche Objektiviät, sondern Vorlage oder Raster zur Gliederung und Auslegung der Welt. Die Phasen des Lebenslaufs sind durch ihre direkte Verkoppelung mit dem System der sozialen Sicherung zunehmend disponibel für politische Eingriffe. Ausbildung, Erwerbsleben und Ruhestand bestimmen die Lebensläufe und sind darüber hinaus wichtige Elemente des staatlichen Ordnungsgefüges. Die Phasen werden durch übergreifende Institutionen, wie die institutionalisierte Rentengesetzgebung, zusammengehalten. Diese wiederum begründen Sozialbindungen über die Lebensläufe hinweg. Auf diese Weise ist das Subjekt vielfältig mit der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung verbunden. Für die Subjekte bedeutet diese Konstruktion eine wichtige Orientierung im Lebenslauf: sie begründet Vertrauen, Seinsgewißheit, Laufbahnen usw.


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Diese Elemente konstituieren den Lebenslauf und zeichnen Lebenswege vor. Über die Gültigkeit institutionalisierter Verbindungen zur Gesellschaft konstituiert sich im sozialen Raum die Bindung an die eigene Biographie und verklammert Vergangenheit und Zukunft sinnvoll miteinander. Umgekehrt wird so die gesellschaftliche Ordnung stabilisiert oder erst möglich. Gesellschaftliche Stabilitätskriterien, institutionelle Muster und individuelle Orientierungen bilden ein widersprüchliches Spannungsverhältnis. Diese Regeln sind von den Individuen nicht beeinflußbar, sie existieren unhintergehbar hinter dem Rücken der Subjekte. Andererseits handelt das Subjekt, nimmt seine Umwelt und seine Veränderungen wahr, trifft Entscheidungen, nutzt Gelegenheiten oder läßt sie vorüberziehen. Die Institutionen ziehen für das Individuum enge Grenzen. Sie bilden aber auch einen Handlungsspielraum für die individuelle Gestaltung einzelner Lebensphasen.

”Schulpflicht, Versicherungspflicht und Zwangspensionierung lassen dem Einzelnen keine Wahl. Andererseits eröffnen sich jedoch neue Chancen von Individualisierung und Pluralisierung, da die Institutionen einen schützenden Rahmen darstellen, in dem aus der Vielfalt von Optionen individuell gewählt und fallweise auch vom Regelprogramm abgewichen werden kann. Die individuelle - nur alters-, nicht familien- oder betriebsbezogene Auszahlung von Renten ermöglicht dem alten Menschen eine eigenständige Gestaltung des Lebensabends.“(Leisering 1992: 19)

Zu Differenzen und Diskontinuitäten kommt es, wenn die Stabilität verletzt wird, das gesellschaftliche Gefüge sich verändert und die Abläufe unterbrochen werden. Vor allem in Krisensituationen oder in Umbruchsprozessen werden bisher institutionalisierte Ablaufmuster unterbrochen. Dann greifen die Phasen im Lebenslauf nicht mehr sinnvoll ineinander. Nicht nur die Abfolge von Lebensphasen - Ausbildung, Arbeitsleben, Abschied vom Erwerbslebens - ist im Lebenslauf institutionalisiert, sondern es gibt subjektiv einen Inbegriff davon, wie und unter welchen verläßlich erwartbaren Bedingungen diese Phasen aufeinanderfolgen, also von einer Ordnung des richtigen Zusammenhangs (Brose u.a. 1993: 51). Von Bedeutung ist also, wie bisherige Normalitätserwartungen in der Abfolge des Lebenslaufs beeinträchtigt werden und bisherige Muster sozialer Beziehungen und Vergesellschaftungsformen in Frage stehen. Diese Tatsache ist die zweite Seite gesellschaftlicher Ordnung und Stabilität. Für die hier zu bearbeitende Fragestellung ist es nun wichtig zu berücksichtigen, daß im Prozeß der deutschen Vereinigung dem Staat eine hohe Verantwortung oblag, weil auf private Lösungen bei der Bewältigung der deutschen Vereinigung kaum gesetzt werden konnte. Es mußte auf bisher nicht gewohnte Probleme reagiert werden, ”für die ältere Institutionen weder geschaffen waren noch dafür verantwortlich gemacht werden


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konnten“ (Mayer/Müller 1988: 48). Merkmal der Problembearbeitung im Vereinigungsprozeß ist die Ausrichtung der sozialstaatlichen Institutionen an dem segmentierten Normallebenslauf. Es hat den Anschein, daß der Staat in Krisensituationen und Umbruchprozessen die Neigung hat, sich auf bewährte Muster der sozialstaatlichen Problembearbeitung zu berufen.<84> Bleibt zu klären: Woran orientieren sich die Individuen als Adressaten sozialstaatlicher Maßnahmen? Welche Kriterien legen sie bei der Bewertung an, welchen Stellenwert hat der Zeithorizont individueller Lebensentwürfe ? Sind es ausschließlich ihre Vorstellungen von Sicherheit und Erwartbarkeit zukünftiger Lebensbedingungen? Diese Fragen werden in den abschließenden Abschnitten aufgegriffen.

4.3. Sozialstaatliche Instrumente und die ”Einzigartigkeit“ ihrer Wirkungen auf die Lebensläufe

Im vorhergehenden Abschnitt konnte gezeigt werden, wie der Staat mit dem Ausbau der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen fortwährend in Lebensläufe eingreift und segmentiert und dabei in Umbruchsituationen auf diese Muster der Altersstrukturierung zurückgreift. Es werden Chancen und Lebensperspektiven beeinflußt, die vom Subjekt laufend angeeignet und reproduziert werden müssen. Mir kommt es nunmehr darauf an zu zeigen, daß die Eingriffe durch sozialstaatliche Instrumente und die stetige Verregelung der Lebensläufe einzigartige Effekte nach sich ziehen, die von den konkreten historischen Gegebenheiten und den speziellen Umfeldbedingungen, in die diese Instrumente eingreifen, abhängen. Es kommt vor allem zu kollektiven altersgruppenspezifischen Modifikationen und Segmentationen in der Lebensperspektive von Generationen. Damit werden die Lebenschancen nachhaltig beeinflußt. Solche Differenzierungen schlagen auch im Prozeß der deutschen Vereinigung zu Buche. Folgt man dieser Annahme, bedeutet das, daß man in der gesellschaftlichen Entwicklung und auch für die Biographien von einem Modell der Konstanz und der Höherentwicklung hin zu einem Modell der fortlaufenden Aushandlung und Neubestimmung finden muß. Featherman (1988) begegnet der These von immer breiter werdenden Handlungsspielräumen und Lebenschancen in der Moderne als einer Folge der Entwicklung des Wirtschaftssystems mit einer Gegenthese:


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Lebenschancenzuwachs läßt sich nicht allein durch die Logik von Wirtschaft und bürokratischen Regeln erklären, Zugang zu Positionen und die Verteilung knapper Güter und Ressourcen nicht allein auf soziale Mobilität reduzieren. ”Sozialer und ökonomischer Status müssen das ganze Leben hindurch erworben werden“ (Featherman 1988: 61). Es sind nicht nur die Fortschritte der Technologie, ”die alle Formen einer stärkeren Individualisierung des Lebenslaufs und das leistungsabhängige System der Statuszuschreibung in industriellen und postindustriellen Gesellschaften erklären. ... Die Industrialisierung erzwang nämlich eine Neuregelung der Generationsfolge und der Ablösung der Kohorten.“ (Featherman 1988: 61). Die Modi zur Lösung konfligierender Forderungen und die größer werdende Rolle der Regierungen in Wohlfahrtsstaaten, die den Individuen nach kalendarischem Alter ”und anderen ‘strukturellen Zwängen’ des Lebenslaufs (Mayer 1986) Rechtsstellung und Berechtigung zuteilt - ... läßt vermuten, daß der individuelle Handlungsspielraum in höherem Maße als früher durch institutionelle oder organisatorische Zeitnehmer (kursiv H. L.) beschränkt werden könnte“ (Featherman 1988: 71f). Die Tatsache, daß formale Institutionen - altersdifferenzierte Schulen und Arbeitsmärkte und der Wohlfahrtsstaat - in die Biographie größerer Personenkreise eindringen, gibt den Ausschlag für eine intensivere Auseinandersetzung mit ihrem ‘Selbst’ (Featherman 1988: 71f.). Das heißt, daß Individuen vor dem Hintergrund weitgehend normalisierter oder institutionell standardisierter Lebensläufe Individualität anstreben, indem sie stark idiosynkratische Lebensgeschichten<85> entwickeln und mit Intensität ihre persönlichen Interessen verfolgen<86>. Ob die Erscheinungsformen größerer Handlungsspielräume, größerer Individualität und eigennütziger Verhaltensweisen zu den angelegten Zielen führen, ist - abgesehen von subjektiven Effekten - nicht klar“ (Featherman 1988: 71f.). Die ”Eigenzeit“ der Lebensläufe deutet auf eine andere Tatsache, die in bezug auf die Fragestellung der Arbeit relevant ist. Aufgrund der den Lebensläufen innewohnenden


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Zeitstruktur wandeln sich mit den historischen Gegebenheiten das Ausmaß von Altersdifferenzierung sowie die Lebenschancen:

”Die Zugehörigkeit zu einer großen Geburtskohorte kann zu lebenslangen Einschränkungen von Lebenschancen führen, die Mitglieder kleinerer Kohorten nicht treffen, obwohl objektiv die absoluten Möglichkeiten zum Erreichen ökonomischen und materiellen Wohlstands in postindustriellen Gesellschaften gestiegen ist. Erwartungen, daß der Spielraum individueller Wahl- und Handlungsmöglichkeiten sich - historisch gesehen - immer linear und progressiv entwickeln wird, sind grundlos und illusorisch“ (Featherman 1988: 72).

Damit ist die Dynamik von altersgruppenspezifischen Chancen und Grenzen innerhalb einer Gesellschaft in der Lebensperspektive einer Generation angesprochen. Da die gesellschaftliche Entwicklung teilweise in Sprüngen verläuft, durch Krisen und gesellschaftliche Umbrüche gekennzeichnet ist, tragen auch Alterskohorten in sich die unter historischen Gegebenheiten erworbenen und durchlebten Positionen<87>.

Die Geschichte zeigt, daß es neben prozeßhaften längerfristigen Wandlungsprozessen durch gesellschaftliche Katastrophen (Kriege), Krisen (Weltwirtschaftskrisen), und Transformationen (Deutschland, Spanien) kurzfristige Einschnitte gibt. Die Politik ist herausgefordert, institutionelle Rahmen zu schaffen, in der Wandel stattfinden kann und die Kontinuität aufrechterhalten wird, Erwartungen stabilisiert oder wieder hergestellt werden. Wenn sich wegen der Komplexität der Situation die Schwierigkeiten häufen, greift die Politik, um, wie weiter oben dargestellt, handlungsfähig zu bleiben, auf Strategien der Problemvereinfachung und auf herkömmliche Problembewältigungsmuster zurück. Solche Einschnitte und Umbrüche sind von den längerfristig angelegten Wandlungsprozessen in westlichen Industriegesellschaften zu trennen. Der Unterschied zwischen dem deutschen Vereinigungsprozeß und längerfristigen westlichen Modernisierungsprozessen besteht in einem punktuellen,


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plötzlichen, zeitlich verdichteten und komplexen Wandlungsprozeß, hervorgerufen und gestützt durch den Transfer bundesdeutscher Institutionen. Dieser Prozeß erfaßt alle Teilbereiche der Gesellschaft und ordnet das Verhältnis von Individuen zur Gesellschaft neu. Will man die Logik der Subjekte entziffern, muß berücksichtigt werden, wie sie sich mit den sozialen Strukturen, in denen sie sich bewegen, auseinandersetzen, welche Schwierigkeiten erzeugt werden und sich überlagern. Dabei sind - wie schon mehrfach angeklungen - über die historischen Gegebenheiten hinaus vor allem die anerkannten sozialen Integrationsformen und die biographischen Erfahrungen und Erwartungen der Individuen zu berücksichtigen. Die durchlebte Vergangenheit in anderen historischen Konstellationen und Sozialbeziehungen durchgreift die Lebensläufe ganzer Kohorten. Die aktuelle Chancenstruktur wird überlagert durch die von den verschiedenen Altersklassen getragenen Hypotheken der Vergangenheit. Sozialpolitische Regelungen und Eingriffe können zwar im nachhinein ungünstige Situationen durch die Steigerung von Erwartungssicherheit stabilisieren, aber nur im Rahmen der politischen Machbarkeit und den entsprechenden Opportunitätsstrukturen. Sozialstaatliche Eingriffe prägen in der Verschränkung von kohortenspezifischen sozio-historischer Entwicklungsbedingungen, aktuellen konfligierenden Ansprüchen und Tendenzen und den gegebenen politischen Opportunitätsstrukturen und Handlungsspielräumen eine eigenständige und andersartige Charakteristik aus. Zum Prozeß der deutschen Vereinigung gehört dabei auch die Aufhebung und Verdrängung früherer Beziehungs- und Integrationsformen durch die Neuregelung sozialer Beziehungen. Die Resultate dieser Vorgänge könnten sich in der kollektiven und individuellen Bedeutungszuschreibung der Maßnahmen spiegeln und sich in den Handlungsmustern bei der Einführung neuer institutioneller Regeln ausprägen. Die Geschichtlichkeit der Gegebenheiten wird von der Andersartigkeit der lebensgeschichtlichen Erfahrung des Einzelnen begründet und trägt in sich Attribute von Inkonstanz und Zufälligkeit.

”Für den Einzelnen ist zwar die Situierung einer historischen Abfolge von Generationen nicht veränderbar, aber es ist evident, daß diese Situierung für Angehörige anderer Generationen anders war und sein wird. Und so wie die Erfahrungsaufschichtung in der Lebensgeschichte eines Individuums einzigartige Züge trägt, liegt darin notwendigerweise auch die Andersartigkeit der lebensgeschichtlichen Erfahrung von Mitmenschen begründet. Und die Unabgeschlossenheit der individuellen wie kollektiven Geschichte öffnet den Horizont für Möglichkeiten. Das Moment der Geschichtlichkeit und die mit ihr verknüpfte Möglichkeit der Erinnerung und Vorstellung des Anderen - wie auch die gleichzeitige Andersartigkeit des Mitmenschen verweisen auf die fundamentale Verschränkung der Erfahrung von Zeit und der Konstitution von Sozialität“ (Brose u.a. 1993: 21).

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Rapide Senkung des Alters für den Berufsaustritt durch staatliche Intervention ist daher nur die eine Seite der Medaille. Für die Lebensverläufe bedeutet dies zugleich Abgrenzung von verschiedenen Lebensbereichen und der Übergang in einen anderen institutionellen Bereich. Der Grad der Offenheit von Lebensverläufen ist daher nicht allein bestimmt durch ein fiktives, allgemeingültiges Paket von Merkmalen, Normen und Regeln, sondern auch von den durchlebten historischen Gegebenheiten und dem Entstehungszusammenhang staatlicher Eingriffe in die Lebensverläufe. Die durchlebten Sequenzen im Lebensverlauf stehen oft nicht in Einklang mit den Eingriffen seitens des Staates. Damit regulieren die Interventionen anfallende soziale Probleme immer nur partiell. Auf der Subjektebene konfligieren eingelebte Selbstverständlichkeiten, Normalitätsauffassung, biographische Lagen und vorausgegangene Sozialisationsprozesse, mit aktuellen Einschnitten und Veränderungen.

4.4. Was bleibt? Zum Stellenwert biographischer Aspekte beim erzwungenen Übergang in den Ruhestand

Der vorangegangene Abschnitt verdeutlichte die Exklusivität der Erfahrungen von Angehörigen verschiedener Altersgruppen innerhalb historisch konkreter Parameter. Mir kam es darauf an zu zeigen, daß die Eingriffe durch sozialstaatliche Instrumente und die stetige Verregelung der Lebensläufe einzigartige altersgruppenspezifische Effekte nach sich ziehen, die von den konkreten historischen Gegebenheiten und den speziellen Umfeldbedingungen abhängen. Es kann nicht von einer zwangsläufigen Höherentwicklung und Ausdifferenzierung von Gesellschaft und einer Spielraumzunahme der Subjekte ausgegangen werden. Vielmehr wird unterstrichen, daß es im Zusammenspiel historischer Generationslagerungen, gesellschaftlicher Krisen oder breiten Wandlungsprozessen und politischer Steuerung zur Konstitution von Sozialräumen kommt, die eigenständige Handlungsrahmen darstellen. Zum anderen orientiert sich der Staat in Umbruchsituationen bei seinen Interventionen am altersegmentierten Lebenslauf. Aber nicht nur das: Sozialstaatliche Eingriffe machen nicht nur die Lebensbedingungen erwartbar, sondern greifen in Lebenspläne und Biographien ein. Dieser Prozeß kann dazu führen, daß alte Modi der Vergesellschaftung aufgebrochen werden, neue aber nicht vorhanden sind. Daraus kann man folgern, daß es sich aufgrund der historisch spezifischen Ereigniskonstellation um örtlich und zeitlich begrenzte Umstände handelt. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wird die politische


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Determinierung von Lebensläufen besonders augenfällig. Gestützt werden die Gegebenheiten von sozialstaatlichen Institutionen durch die Wertauffassungen der Gesellschaft und den politischen Opportunitätsstrukturen.

Die Menschen sind verunsichert, hilflos und skeptisch angesichts der radikalen Umbrüche. Es stellt sich abschließend die Frage, wie die Individuen in der Lage sind, Kontinuität aufrechtzuerhalten und wiederherzustellen, wo Normalitätsauffassungen untergraben werden. Der Wohlfahrtsstaat erzeugte einen segmentierten Lebenslauf über ein starres Korsett von Bedingungen und Normen vor, von Altersgrenzen, die gleichzeitig Übergangsgrenzen in neue, relativ eigenständige Lebensphasen sind. Diese Vorgaben begründen langfristige, stabile soziale Beziehungen. Institutionen sozialer Sicherung sind an segmentierte Lebensläufe gebunden und gewährleisten soziale Sicherung durch ein Netz institutionalisierter Regeln. Individuen sind stark orientiert am zeitlichen Horizont der Lebensläufe. Doch vor diesem starren Schema kommt es durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen zu Auflösungen, Veränderungen, Ungewißheiten und neuen Widersprüchen. Das Subjekt ist zwar als Element großer Gruppen Zielpunkt sozialstaatlicher Regelung, wie etwa durch die massenhafte Frühverrentung quer durch alle Klassen und Schichten. Zugleich ist die Bemessung der Leistungen immer individuell, so daß eine eigenständige Lebensplanung mit allen seinen Chancen und Risiken notwendig und möglich ist (Leisering 1992: 19). Durch individuelle Leistungszuweisung ist eine eigenständige Lebensführung mit allen Chancen und Risiken möglich. Staatliche Sicherheitsstrukturen geben den Individuen den Rahmen zur Lebensgestaltung, beinhalten aber auch die Aufforderung und den Zwang dazu. In modernen Gesellschaften ist die Individualisierung an staatlich garantierte Sicherheiten gebunden (Zapf 1994: 301). Für Menschen, die aus dem Erwerbsleben ausgegliedert werden, kommt hinzu, daß sie mit den Defiziten und Problemen, die sich aus vorherigen gesellschaftlichen Bedingungen ergeben, selbst fertig werden müssen.<88> Insofern führen die institutionalisierten Regeln zu Ambivalenzen und Widersprüchen im Lebenslauf zwischen Disziplinierung und Emanzipation, Standardisierung und Pluralisierung. Das gilt auch für den deutschen


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Vereinigungsprozeß. Beck spricht in diesem Zusammenhang von der ”individuellen Lebenslaufgestaltung“ (Beck 1986: 217f.); das Subjekt und seine Lebenswelt ist zur ”Reproduktionseinheit des Sozialen“ geworden (Beck 1986: 119). ”Die einzelne Person muß konkurrierende zeitliche Ansprüche und Deutungsmuster gleichzeitig und in Abfolge bewältigen. Es ist allerdings offen, ob dies zu einem erhöhten Individualisierungsdruck führt oder zu einem Verlust von Individualität als einer übergreifenden Sinndeutung des eigenen Lebens“ (Kaufmann 1990). Das ist die Kehrseite dieses historischen Prozesses der Institutionalisierung des Lebenslaufs. Damit verbunden ist der Wechsel ”zu einer biographischen - d. h. vom Ich aus strukturierten Selbst- und Weltauffassung“ (Kohli 1988: 38; 1994). Auch das ist kein einheitlich verlaufender Prozeß, sondern es gibt Schübe von Individualisierung, die z.B. Frauen ergreifen oder Arbeiter. Die verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft übernehmen in unterschiedlichen Konstellationen den ”längst ausgebildeten Code der Individualisierung“. Und es kann dazu kommen, daß ”Individualisierungsschübe“ die Sozialstruktur einer ganzen Region, z. B. Ostdeutschland, oder Osteuropa ergreifen, und damit auch immer neue Gruppen und Schichten der Bevölkerung zu verschiedenen Zeiten. Unter den Präferenzen der deutschen Vereinigung stellt sich die Frage, wie diese Reproduktionsanforderungen, verstärkt durch die geringen institutionellen Vorgaben der Altersperiode, unter den strukturellen Vorgaben der Biographie, realisiert werden. Denn die Biographie ist gewissermaßen die Schaltstelle zwischen der Gesellschaft und dem Individuum. Wie ist das zu verstehen? Die Genese von Handlungsorientierungen ist stark strukturiert durch einen lebenslangen Erfahrungs- und Erwartungshorizont; subjektives Handeln in aktuellen Situationen orientiert sich dabei in einem lebenszeitlichen Horizont der Biographie. Biographie ist unter diesen Aspekten als ”sozialweltliches Orientierungsmuster“ zu verstehen, in welchem vorgegebene Regelhaftigkeit und Emergenz vereint sind (Fischer/Kohli 1987: 26f.). In der Biographie reproduziert sich nicht einfach das Ablaufschema des Lebens: Biographie ist ”Deutungsschema“ und die ”Wirklichkeit ist gedeutete Wirklichkeit“ (Kohli 1988: 38). Die Eingriffe oder Veränderungen auf der Ebene der Biographien bilden die Vermittlungsebene zwischen den gesamtgesellschaftlichen Vorgängen und der Handlungsebene der Individuen. Der bisherige Werdegang und die Gegenwart


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verflechten sich für das Subjekt insofern, als daß spätere Lebenslagen wesentlich aus den Umständen, Ressourcen und Entscheidungen der früheren Lebensgeschichte zu verstehen sind. Die Frage nach der Konstitution von Handlungsmustern wird immer auf der Ebene der Biographien entschieden. Biographie ist sowohl ein objektiviertes Schema, das Handlungsorientierung bietet, zugleich ist die Biographie im Fortlauf gesellschaftlicher Veränderungen Modifikationen unterworfen. Im Fortlauf der Zeit besteht zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine sich verändernde Wechselwirkung<89>: Das Vergangene erscheint in aktuellen Situationen und Herausforderungen stets in einem neuen Licht und verleiht Handeln Momente der Offenheit<90> (Fischer/Kohli 1987: 33ff.). Die Rückkopplung zur Gesellschaft ist gegeben, etwa wenn die verfestigten institutionell-chronologisierten Ablaufschemata durch unvorhergesehene gesellschaftliche Ereignisse und neue politische Strategien der sozialen Realität zuwiderlaufen. Das ist der Fall, wenn durch den Institutionentransfer eine neue institutionelle Ordnung auferlegt wird. Regelungsanforderungen gehen auf die Individuen über; Kontingenzen des Handelns und Erwartungsunsicherheiten müssen biographisch stabilisiert werden (Fischer-Rosenthal 1989: 101). ”Das Ausmaß der Veränderungen der Biographie durch das Eintreten eines Lebensereignisses sind interindividuell unterschiedlich, jedoch sind die dadurch ausgelösten Handlungsverläufe nicht ohne kollektive Anbindung. Wie Ereignisse wahrgenommen und verarbeitet werden ist davon abhängig, welche sozialen Deutungsmuster für den Bearbeitungsprozeß mobilisiert werden.“ (Hoerning 1987: 234). In theoretischer Perspektive unterliegen die Subjekte einer doppelten Dynamik. Sie erfahren die Wandlungsprozesse als radikalen Eingriff in ihre Lebensverläufe, als Verletzung ihrer Bindung an ihre Biographie und der eingelebten Normalität vormaliger Sozial- und Herkunftsbeziehungen. Die Orientierungskraft einer Institution kann von den Menschen


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ganz unterschiedlich eingeschätzt werden (Kohli 1988: 39). Beispielsweise kann die Institution Bedingungen mit sich bringen, die den Absichten entsprechen und angenommen werden. Oder die Bedingungen sind so ungünstig, daß der Spielraum des Handelns begrenzt ist, und diese Integrationsform zunächst mehr Probleme erzeugt als sie löst. Die Anschlußleistungen müssen die Subjekte vollziehen. Die Subjekte machen die Erfahrung, daß die normalisierten Lebenslaufstrukturen immer wieder in Frage gestellt oder beschädigt werden. Hier sind die Subjekte gefordert, im Sinne einer ”Biographisierung der Lebensführung“ sich der neuen Situation zu stellen, sich neu zu orientieren, da sie an verschiedenen Stationen ihres Lebens Diskontinuitäten erfahren, die zum Umdenken zwingen (Fuchs 1983: 366). Die Zielvorgaben und Perspektiven des Handelns ergeben sich aus dem heteronom produzierten objektivierten biographischen Vorgaben und sind gekoppelt an die Perspektive des jeweiligen Lebensalters (Fischer/Kohli 1987: 41). Welche Konsequenzen ergeben sich für ältere Menschen an der Schwelle vom Erwerbsleben in den Ruhestand? Kohli spricht sich gegen ein gewöhnliches Modell der Beständigkeit von Erwerbsleben und Ruhestand aus und favorisiert eine biographische Konzeption. Vor dem Hintergrund der Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge und Institutionen und der abnehmenden sinnstiftenden und normativen Kraft gesellschaftlicher Verhältnisse sind Kontinuitätsparadigmen im Lebensverlauf zweifelhaft. Wichtig sei die ”Analyse der Strukturbedingungen und Prozesse, unter denen Kontinuität aufrechterhalten bleibt oder Diskontinuität entsteht, und der Dimensionen der Lebenslage, die dafür relevant sind“ (Kohli 1992: 249f.). Mit anderen Worten, neben der soziale Lage ist wichtig, wie und unter welchen Bedingungen die Subjekte sich auf die neu entstehenden institutionellen Normativen einlassen. Einen gewichtigen Stellenwert erhält die bisher gelebte Zeit, nicht als Beständigkeit und Abfolge, sondern als ”gelebte Zeit mit Vergangenheits- und Zukunftshorizonten“ (Kohli 1992: 250). Über die ”biographischen Erinnerungen und Antizipationen“ sowie über Merkmale der Lebenslage verorten sich Individuen und entwerfen ihre Handlungen (Kohli 1992: 250). ”Die Institution des Lebenslaufs konstituiert nicht allein eine ‘Ordnung richtiger Zeit’, sondern auch eine ‘Ordnung richtigen Zusammenhangs’“ (Brose et al. 1993: 51)<91>. Diese Zusammenhänge gilt es je nach gegebener gesellschaftlicher Situation herzustellen. Ältere Menschen leben immer


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stärker mit Erinnerungen, weil sie auf eine große Spanne ihres Lebens zurückblicken können (Coleman 1986). In Situationen gesellschaftlicher Unsicherheiten und Umbrüche besteht für die Individuen ein gesteigerter Orientierungsbedarf. Dabei steht das Individuum in der ”Pflicht“ seiner Biographie, weil es sich um einen subjektiv geltenden Bezugsrahmen mit Handlungsorientierungen und Erwartungen handelt (Fischer-Rosenthal 1989: 100), dieser sich aber durch Lebensereignisse verändert. Der Rang von Biographien erhöht sich für Gruppen höheren Alters schon durch die einfache Feststellung, daß sie auf eine große Spanne gelebten Lebens zurückblicken. Biographie mit ihrer handlungssteuernden Funktion ermöglicht den Subjekten sowohl ”eine sozial geregelte Bewegung in der Sozialstruktur“ als auch in Abschnitten ”welche stark durch Alterszuschreibung gesteuert wird“ (Levy 1977). Es ist vor allem der staatlich alimentierte Versorgungsraum, geregelt durch die Institution der Rentenversicherung, der den Handlungsrahmen vorgibt. Die Betroffenen werden zu Trägern von Fürsorgeleistungen und können zur Zuwendungshöhe nachträglich nichts mehr beitragen. Gekennzeichnet ist das Feld durch Entberuflichung und frei verfügbare Zeit ohne die Vorgaben des Erwerbssystems. Die Übergänge in den Ruhestand müssen immer neue Altersklassen mit je verschiedenen Erfahrungen bewältigen. Dabei stehen die Menschen vor der Frage, wie diese Lebensphase zu gestalten ist. Viele Fragen, die sich jüngere Menschen stellen müssen, sind für die Älteren irrelevant: welchen Beruf ergreife ich, in welcher Lebensform möchte ich meine Beziehungen gestalten, möchte ich Kinder, wie stelle ich mir meinen Berufsweg vor usw.. Es geht vor allem um die Fragen der Lebensbilanz und die Ausgestaltung der nachberuflichen Zeit. Unter welchen Vorzeichen werde ich mit dem Ruhestand konfrontiert; ist es wirklich die Phase, in der man sich mit die Verantwortung für die Versorgung mit ruhigem Gewissen in die Hände jüngerer Altersgruppen legen kann? Stimmt die Lebensbilanz? Hat sich mein Leben trotz des zerbrochenen Gesellschaftsmodells gelohnt? Wie werde ich mit dem Statusverlust fertig? Wie nutze ich die freie Zeit? Was kann ich noch leisten? Wie kann ich meinen Lebensstandard aufrechterhalten, oder welchen kann ich in Zukunft ausprägen? Die Befunde hinsichtlich biographischer Aspekte im Ruhestand sind noch spärlich, erst recht mit Blick auf die deutsche Vereinigung. Beim Eintreten eines Lebensereignisses verändern sich die Biographien unterschiedlich, gleichwohl sind die dadurch hervorgerufenen Handlungsverläufe nicht ohne Rückbezug. ”Wie Geschehnisse wahrgenommen und verarbeitet werden ist davon abhängig, welche sozialen Deutungsmuster für den Bearbeitungsprozeß mobilisiert werden.“ (Hoerning 1987:


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234). Über den Lebensrückblick gelingt es, das Gewicht einstiger Erfahrungen und Lebensformen durch die sich wandelnden gesellschaftlichen Strukturen aufrechtzuerhalten. ”Biographische Vergesellschaftung ist eine Funktion nicht nur der individuellen, sondern auch der kollektiven Erinnerung“ (Newmans 1985). Kollektive Erinnerungen werden an die institutionellen Bedingungen zurückgebunden und prägen diese mit. Kontinuität im Leben von Vorruheständlern ist in besonderen Maße von dem Vermögen, institutionalisierte Erinnerungen aufrechtzuerhalten, abhängig, gerade weil die Betriebe, Formen des Zusammenlebens oder die Bedeutung ehemaliger Institutionen, zerstört werden oder sich bis zur Unkenntlichkeit verändern. Die Generationen werden neue Allianzen innerhalb der Familien eingehen, ”in denen sich ökonomische, moralische und emotionale Aspekte vermischen“ (Kohli 1992: 252). Wenn das traditionelle Kontinuitätsparadigma im Lebenslauf nicht mehr stimmt, bleibt die Frage, woran sich die Individuen orientieren und welche soziale Kraft, beispielsweise, Herkunftsbindungen haben. Die Annahme lautet, daß ältere Menschen in der modernen Gesellschaft Schritt für Schritt auch aus dem bisherigen Generationszusammenhang herausgelöst werden. Damit ergreift die Individualisierung, quasi über Umwege und gebrochen, in spezifischer Weise die Generationen an der Schwelle zum Ruhestand und außerhalb des Erwerbslebens. Die Folge: Die Verpflichtungen auf die eigene Lebensgeschichte nehmen zu, weil die Menschen von vorherigen Verpflichtungen und aus den traditionellen Herkunftsbeziehungen<92> und Sozialbeziehungen entbunden werden. Die Selbst-Haftung wächst. Ältere Menschen müssen sich neu Rechenschaft über ihr Leben legen. Die Individualisierung als ”Daseinsstil“ fordert von älteren Menschen, ”das Ausleben oder Zu-Ende-Leben zu seiner Sache machen und Leben insgesamt als Endverbrauch von Lebenschancen zu inszenieren“ (Sloterdijk 1994: 25), ganz gleich, ob man dafür mental und materiell gerüstet ist. Die These, die in einem vorangegangenen Abschnitt aufgestellt wurde<93>,


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lautet, daß die Orientierung im Umbruchprozeß, der als Einschnitt in die Biographien erlebt wird, nicht alleinig durch die neuen institutionalisierten Vorruhestandsbedingungen abgedeckt werden kann. Beim Wechsel institutioneller Regeln müssen sich die Bedeutung institutioneller Muster, die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster in der Auseinandersetzung mit den sich ändernden sozialen Strukturen erst herausbilden. Durch dieses stark politisch determinierte Ereignis hindurch greifen, mehr oder minder stark vermittelt, die verschiedenartigen lebensgeschichtlichen Entwürfe, die in Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umbruch modifiziert weiterverfolgt werden können oder aber ins Leere laufen. Hier läßt sich an die biographische Dimension von Handeln in der Moderne anschließen: Die Zukunft ist immer auch auslegungsbedürftig und, abhängig vom Lebensalter, offen.

In diesem Abschnitt wurde u. a. argumentiert, daß ältere Menschen beim Austritt aus dem Erwerbsleben im Wahrnehmen, Bewerten und Handeln durch ihre eingelebten sozialen Herkunftsbindungen beeinflußt werden. Das bedeutet, daß Modernisierung, gesellschaftliche Veränderung usw. immer auch durch ”konservative“ Aspekte strukturiert werden. Das gilt vor allem für ältere Menschen, die aufgrund geringer institutioneller Entsprechungen sich die Gegenwart über Erinnerung aneignen. Diese Annahme soll abschließend vor dem Hintergrund aktuellerer theoretischer Konzepte diskutiert werden. Sie wenden sich den reproduktiven Aspekten - quasi der ”Kehrseite“ der Modernisierung - zu. Die Frage ist, was in einer sich rasant verändernden sozialen Umwelt aus den sozialen Beziehungen und Herkunftsbindungen wird. Alle drei skizzierten Konzepte fokussieren nämlich in unterschiedlicher Weise die emotionalen, kollektiven, non-intentionalen Anteile sozialer Beziehungen. Jedoch werden diese in Modernisierungs- bzw. Differenzierungsprozessen kaum beachtet (Hondrich 1995: 510), obwohl hier womöglich Spuren vorhanden sind, die Handlungspraktiken, Wahrnehmungs- und Denkmuster in Umbruchprozessen besser zu verstehen, wenn soziale Beziehungen, Bindungen, Verbindungen, Zusammenhänge, insbesondere institutionalisierte Bedeutungsmuster, sich verändern oder ‘abgewählt’ werden (Hondrich 1995: 509). Latenz wird bei Hondrich zum Schlüsselbegriff.


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”Soziale Beziehungen, insbesondere institutionalisierte Bedeutungsmuster, auch wenn sie verändert oder ‘abgewählt’ werden, verschwinden nicht einfach, sondern dauern weiter. Sie mögen hintangestellt werden, nur noch geahnt, verlagert, vergessen, wiederaufgerufen, unterdrückt, verdrängt, mit Bedacht im Hintergrund gehalten, sorgfältig aufbewahrt werden: in jedem Falle sind sie noch da, bestimmen das soziale Leben untergründig mit, können sich bei voraussehbaren Gelegenheiten ritualisiert oder aber völlig unerwartet manifestieren. ... Die emotionalen, kollektiven, non-intentionalen Anteile sozialer Beziehungen, die in Modernisierungs- bzw. Differenzierungsprozessen gewöhnlich zurücktreten und sich unserer Aufmerksamkeit entziehen, ergänzen aus der Latenz heraus die rationalen, individualisierten und intentionalen Strukturen, ja sie nützen deren Defizienzen, um sich zu reproduzieren oder möglicherweise an Relevanz noch zu gewinnen.“ (Hondrich 1995: 510).

Es wird darauf verwiesen, daß in diesem ”Modernisierungsprozeß“ auch scheinbar unmoderne Muster sozialer Beziehungen, nämlich unbewußte, gefühlhafte, von vielen geteilte und herkunftsbezogene Bindungen mitwachsen. Die Menschen bleiben immer auch in der Pflicht ihres Nahraums, ihrer Integrationsformen, die sie, soweit vorhanden, stärken. Hondrich macht das deutlich an der Institution der Familie. Das Leben in einer Zweierbeziehung ist nach wie vor ein erstrebenswertes Ziel der Menschen. Sie überdauerte die Modernisierung sicher auch, weil sie sich als multifunktionale und elastische Institution erwies, die ihre Funktionen auch, je nach Erfordernissen, wandeln kann.

”Modernisierung als Vervielfältigung von gewählten Zukunftsbindungen führt nicht nur zu deren Verwandlung in gewählte Herkunftsbindungen, sondern auch zur Reproduktion und gesteigerten Relevanz von nichtwählbaren Herkunftsbindungen.“ (Hondrich 1995: 512)

Aber die Fragestellung ist auch in der Perspektive der Lebenszeit interessant. Das Leben der Menschen heute ist in vielfacher Weise mit der Gesellschaft verbunden. Der moderne Wohlfahrtsstaat reguliert und segmentiert über gesetzliche Regelungen und Einrichtungen und Leistungen die einzelnen Phasen des Lebenslaufs. Gesellschaftliche Abläufe sind aber durch Überregelung, Komplexität immer weniger zur Zufriedenheit aller Klassen, Gruppen und Milieus steuerbar. Zudem unterbrechen Krisen und Umbrüche gesellschaftliche Kontinuität und verlangen nach verstärkter staatlicher Intervention. Die Folge ist, daß die Individuen die Verantwortung zur Entlastung von Komplexität delegiert haben an gesellschaftliche Institutionen und Sicherungssysteme, wie die gesetzliche Rentenversicherung. Die Grenzen treten hervor, wenn sich die unterstellten Sicherheiten als Fiktion erweisen. Viele Ereignisse scheinen unabwendbaren Charakter zu tragen, denen die Menschen unvorbereitet und hilflos gegenüber stehen. Gewohnte Selbstverständlichkeiten und institutionalisierte


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Sicherheiten zerbrechen oder werden durch neue Modi ersetzt. ”Die Zuschreibung von Verantwortung, mit ihr aber die Anmahnung von Sicherheiten, stößt auf gefährliche Weise hier ins Leere. Sie verliert ihren Adressaten: dingfest zu machende, haftpflichtige, wirkliche Verantwortliche, namentlich dann, wenn das Systemgeschehen aus den Routinen fällt, in den Zustand der ‘Ausnahme’ gerät und unversehens in Krisen schlittert.“ (Lipp 1995: 186). Lipp rechtfertigt angesichts sich überschlagender Wandlungsprozesse die Wiederbelebung der Kategorie Schicksal. ”Was den Menschen quer zur gegebenen konkret-individuellen Lage, quer zum besonderen eigenen Weg und über sozio-kulturelle Verankerungen hinweg betrifft, heißt ‘Schicksal’... Hier wie dort ergibt sich, daß die vom Schicksal Betroffenen vom Gang der Dinge erfaßt werden inmitten ihrer Pläne; Geschäfte und unterstellten Sicherheiten; der Strom zieht sie mit, und er kann zum Malstrom werden.“ (Lipp 1995: 187)

Eine differenziertere Sicht auf die Lebensverläufe besteht in den Versuch, das Lebenslaufkonzept mit der Theorie Bourdieus, vor allem dem Habitus-Konzept, zu verbinden (Ecarius 1996). Auch hier steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich bisherige Sozialbeziehungen in einer sich verändernden sozialen Umwelt reproduzieren, oder anders gesagt wie in lebenszeitlicher Perspektive neue Lebensformen entstehen und wie diese sich in die Aufeinanderfolge von Handlungsmustern und Organisationsformen des Privat- und Berufslebens einpassen. Die sozialen Handlungen eines Subjekts im Lebenslauf, so die These, können in Verbindung mit dem Habituskonzept in ihrer Wechselbeziehung betrachtet werden. Das Leben wird nicht mehr ausschließlich bestimmt durch die sequentielle Passage institutionalisierter Muster im Lebenslauf. Scheinbar separate und dem Äußeren nach gegenteilige soziale Handlungen bilden einen schlüssigen Zusammenhang und weisen daher ”strukturelle Homologien“ (Ecarius 1996: 140) auf. ”Mit einem strukturalen Ansatz wird unterstellt, daß in der Art und Weise, wie gehandelt wird, so unterschiedlich die einzelnen Handlungen auch sein mögen, strukturelle Affinitäten vorliegen.“ ”Die sozialen Akteure entwickeln in Auseinandersetzung mit einer sich immer wieder verändernden Umwelt, die hier in altersspezifische Sozialräume unterteilt wird, unterschiedliche Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster.“ (Ecarius 1996: 145) Die verschiedenen im Lebenslauf aufeinanderfolgenden Lebensformen weisen Homologien auf. Es gibt zwar noch die Abfolgen altersspezifischer Sozialräume und altersstrukturierter Institutionen. Die Lebensetappen folgen aber nicht mehr zwangsläufig der Chronologie institutioneller


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Vorgaben, ”sondern verstärkt auch über die Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, das habitualisierte Dispositionsgeflecht“ (Ecarius 1996: 144). Oder anders herum, die wechselnden institutionellen Vorgaben aktivieren eigene Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Ungleichheit verschwindet nicht, sondern wird durch die gesteigerten Eigenaktivitäten reproduziert (Ecarius 1996: 136).

Alle drei Ansätze schärfen den Blick für die beständigen Gesichtspunkte in einer sich rasant verändernden Welt. Sie konzeptualisieren, daß sich soziale Beziehungen an den neuen Herausforderungen orientieren, jedoch auch von den eingelebten Erfahrungen beeinflußt werden. Es wird sich anhand der Übergangsmuster in den Vorruhestand zeigen, wie und unter welchen Bedingungen es den Akteuren gelingt, sich auf die neue Lebenssituation einzustellen und inwieweit die Gebote der Moderne, der ”Code der Individualisierung“ durch die Altersgruppe Ruheständler der neuen Bundesländer entschlüsselt werden kann, Handlungsaufforderungen beinhaltet oder ob sie eine Leerformel bleiben.

4.5. Die Konfiguration des verordneten Ruhestands - Fazit

Aus den theoretischen Vorüberlegungen lassen sich Merkmale zusammenfassend formulieren, die den Charakter des Vorruhestands im deutschen Vereinigungsprozeß präzisieren. Vorruhestand in den neuen Ländern ist im wesentlichen verordneter Ruhestand. Dieser Begriff bildet den Rahmen für die Auswertung und Interpretation des empirischen Materials. In diesem Terminus bündeln sich Merkmale und Modifizierungen, die sich aus der Funktion sozialstaatlicher Absicherung, der Rolle sozialpolitischer Institutionen für die Begründung sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Stabilität und seiner Instrumentalisierung im deutschen Vereinigungsprozeß ergeben.

Verordneter Ruhestand zeichnet sich durch eine Kombination typischer Merkmale aus, die aus der Instrumentalisierung im deutschen Vereinigungsprozeß resultieren und spezifische Auswirkungen für die Adressaten mit sich bringt. Verordneter Ruhestand ist charakterisiert durch eine breitgefächerte ungewollte Entkopplung der Betroffenen von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen, die Exklusion aus gesellschaftlichen Integrationsmustern und lebenslaufbezogenen Normalitätsvorstellungen und die Inklusion durch institutionelle Regelungen. Diese Konfiguration als sozialpolitisches


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Muster unterscheidet sich von der Wirkungsweise und Entstehungsgeschichte in den alten Bundesrepublik, weil es anders gelagerte Probleme bearbeitet und in einer entwicklungsgeschichtlich andersartigen Konstellation zum Einsatz kam. Verordneter Ruhestand ist zugleich sozialpolitisches Instrument und symbolisiert für eine ganze Altersgruppe eine gesellschaftliche Zäsur.

Als Resultat einer destruktiven wirtschaftlichen Entwicklung der DDR, des Zwanges zur Modernisierung und Produktivitätssteigerung und des Modus des Wirtschaftsumbaus kam es im Osten Deutschlands zu einem massiven Arbeitskräfteabbau. Die Politik setzte - um den Prozeß zu steuern - auf die Bewältigung der Vielzahl von Problemen durch Problemvereinfachung. Hier bot sich die Frühverrentung als ein bereits in Westdeutschland erprobtes Instrument mit hoher Legitimation an. Sozialstaatliche Institutionen sind prädestiniert, weil sie als Element gesellschaftspolitischer Steuerung dem politischen Willen unterworfen sind. Gesamtgesellschaftlich begründet sich das Problem in der unbedingten Abhängigkeit der Menschen von staatlichen Versorgungsleistungen und den hohen Erwartungen an sozialstaatliche Absicherung aufgrund der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung und der gesellschaftlichen Steuerung durch wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen. Betrieblich verlief die Ausgliederung der älteren Beschäftigten durch die Aushebelung von Bestandschutzgarantien und Senioritätsrechten Hand in Hand von Staat und Betrieben. Mit dem Vorruhestand wurden die arbeitsrechtlichen Absicherungen, Bestandsgarantien und Wahlmöglichkeiten für die Beschäftigten außer Kraft gesetzt. Betriebe und Staat organisierten Hand in Hand den Arbeitskräfteabbau. In der Überlagerung von Systemzusammenbruch und Frühverrentung wurde in die Lebensläufe der betroffenen Altersgruppe eingegriffen und die Schutz bietenden sozialen Bindungen aufgelöst. Verordneter Ruhestand ist daher, und hier befinden sich die Schnittstellen zur Ebene der Individuen, nicht allein zu reduzieren auf seine Rolle als Regulator des Arbeitsmarktes. Es handelt sich beim verordneten Ruhestand um eine räumlich und zeitlich begrenzte Regelung. In Rechnung zu stellen ist, daß aus soziologischer Sicht der Ruhestand mit dem Lebenslauf verbunden ist und ein gesellschaftliches Verhältnis in lebenszeitlicher Perspektive bildet. Sozialstaatliche Maßnahmen betreffen immer Kollektive, aber die Leistungen werden individuell ausgereicht. In dieser Zuweisung liegen die Möglichkeiten der eigenständigen Lebensgestaltung mit allen Begrenzungen, Risiken und Chancen. Schwierigkeiten, die aus diesem Widerspruch erwachsen, müssen


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individuell gelöst werden. Aufgrund der auf breiter Front stattfindenden gesellschaftlichen Veränderungen sind die Subjekte gezwungen, sich den Gegebenheiten zu stellen und diese Situation vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Normalitätsauffassungen zu deuten. Hier liegen die Möglichkeiten für den Forscher, diesen Prozeß in seiner Differenziertheit sozial genauer zu bestimmen.

Fußnoten:
<74>

”Der Sozialstaat ist in gewissem Sinne zu einer irreversiblen Struktur geworden, deren Beseitigung nichts weniger erfordern würde, als die politische Demokratie und die Gewerkschaften abzuschaffen sowie das Parteiensystem grundlegend zu verändern“ (Offe 1984: 152, zit. nach de Swaan 1993: 252, FN 22).

<75>

Abram de Swaan fragt in seinem Buch ”Der sorgende Staat“ danach, wie und warum die Menschen dazu kamen ”kollektive, landesweite, verbindliche Arrangements gegen Risiken und Defiziten zu treffen, die sie einzeln zu bedrohen und individuelle Lösungen zu fordern schienen“ (de Swaan 1993: 12).

<76>

...ergo auch im Prozeß der deutschen Vereinigung. Individualisierung ergreift immer neue Schichten der Bevölkerung in verschiedene sozio-historischen Kontexten und Zeitpunkten.

<77>

Verantwortung ”... resultiert aus einer Kette von Inanspruchnahmen, Festlegungen und Erwartungen, an deren Polen zum einen ‘Selbstverpflichtung’, im Sinne von frei erklärter persönlicher Zuständigkeit, zum anderen ‘Inpflichtnahme’ durch das Kollektiv, im Sinne z.B. von rechtlich geregelter, bindender ‘Haftpflicht’ stehen“ (Lipp 1995: 186).

<78>

”Soziale Sicherungen werden von der Politik instrumentalisiert; quer zu den ungleichen sozialen Lagen stehen ständig Leistungen mit massiven Umverteilungseffekten zur Disposition“ (Stefan Koslowski 1995: 239). Herber Kritik der politischen Opposition ist die Entscheidung ausgesetzt, den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft in zweistelliger Milliardenhöhe zweckentfremdet durch die Arbeitslosenversicherung und die Rentenkassen zu finanzieren.

<79>

Hier ist festzuhalten, daß der Staat eine Kultur herausgebildet hat, die auf das abzielt, was Offe (1986) Tendenzen der ”institutionellen Selbstblockade“ der Gesellschaft im Prozeß der Modernisierung nennt, immer wieder zu entschärfen. Dies geschieht mittels Institutionen des Systems von sozialer Sicherung. Im Prozeß der deutschen Vereinigung ist dies in vielfältiger Weise zu beobachten.

<80>

Hierin besteht die Leistung und die Funktion von Biographie. Zum Biographiebegriff siehe Abschnitt V.4.

<81>

Zit. nach Mayer/Müller (1988: 53)

<82>

Fixierte Altersgrenzen und der ”Ruhestand“ sind Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Bismarcks Einführung einer gesetzlichen Alterssicherung 1889 und die damit verbundene Festlegung einer Altersgrenze gilt als der Anfang einer staatlichen Altersgrenzenpolitik mit dem Ziel der Ausbildung des Alters als eigenständige zeitlich definierte arbeitsfreie und sozialpolitisch abgesicherte Lebensphase (vgl. Conrad 1984: 152).

<83>

Das ist auch die Ausgangsthese der Studie von Leisering (1992) zur politisch institutionellen Steuerung im Sozialstaat im demographischen Wandel.

<84>

Vgl. Kapitel III.

<85>

Dagegen gibt Renate Mayntz zu bedenken: ”Individualisierung heißt jedoch nicht notwendigerweise Idiosynkratisierung; schon Max Weber hat berücksichtigt, daß nicht nur Traditionen und Normen, sondern auch die Kombination von Interessen und Opportunitäten soziales Handeln strukturieren und vorhersagbar machen.“ (Mayntz 1991: 67).

<86>

Modernität in der Sicht der Zusammenhänge zwischen den Generationen bedeutet ”nichts anderes als die Heraufkunft des entschuldeten, entpflichteten und sich selbst genießenden Individuums, des männlichen in erster Linie, des weiblichen in zwingender Folge.“ (Sloterdijk 1994: 16)

<87>

Wolfgang Lipp (1995) vertritt die These, daß die Moderne Risiken hervorbringt, die schicksalhaften Charakter annehmen. Das veranlaßt jedoch nicht dazu, sich den Umständen fatalistisch zu ergeben. Schicksal ist nicht gleichbedeutend mit höherer Gewalt, sondern ”stellt ein Sinnphänomen dar und variiert mit den gegebenen kulturellen Parametern“. Vielmehr ist der Ruf nach Verantwortungsbewußtsein auf die eigene Biographie zu münzen, Verantwortung für sich wahrzunehmen und Möglichkeiten zu erkennen. Hier liegt eine wichtige Aufgabe der Soziologie, die sich nicht darauf reduzieren sollte, als quasi Sozialingenieure die bestehenden Herrschaftsverhältnisse strukturell zu festigen. ”Was unter die Leute gebracht, verbreitet werden müßte, das ist der wissenschaftliche Blick, jener zugleich objektivierende, verstehende Blick, der, auf sich selbst zurückgewendet, es einem erlaubt, sich selbst zu akzeptieren, ja wenn ich so sagen darf, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, das Recht einzufordern, das zu sein, was man ist. ... Tatsächlich geht es nicht darum, die sozialen Akteure in ein als Schicksal, naturbehandeltes ‘ursprüngliches soziales Sein’ einzuschließen, vielmehr darum, ihnen die Möglichkeit anzubieten, ihren Habitus ohne Schuldgefühl und ohne Leiden zu akzeptieren.“ (Bourdieu 1993b: 41)

<88>

Der Mensch in der Moderne ”wird auf vielen Ebenen mit Anforderungen konfrontiert: Du darfst, du kannst, ja du sollst und du mußt eine eigenständige Existenz führen, jenseits der alten Bindungen ... - aber diesseits der neuen Vorgaben und Regeln, die Staat, Arbeitsmarkt und Bürokratie usw. produzieren“ (Beck-Gernsheim 1994: 138f.).

<89>

”In der lebendigen Erfahrung wird vielmehr vergangenes reinterpretierbar; aktuelle Orientierungen und biographisch Vergangenes stehen in einer Wechselwirkung.“ (Fischer/Kohli 1987: 33). Damit ist die Schnittstelle, an der sich neue soziale Realität konstituiert, benannt. ”Veränderung der Realität heißt, daß bisherige Lösungen problematisch werden. Soweit sich im historischen Wandel alte selbstverständliche Schemata als fragwürdig erwiesen haben, müssen die nun zu vollziehenden Handlungen explizit begründet werden - selbst dann, wenn auf die alten Schemata zurückgegriffen wird. Dabei gerät der Einzelne in die unaufhebbare Spannung von ‘Entscheidungszwang’ und ‘Begründungszwang’ einer praktisch nicht vorab ausschöpfbaren rationalen Validierung seiner Entscheidung (...).“ (Fischer/Kohli 1987: 39f.)

<90>

”Wenn wir von ‘Geschichte’ sprechen, ist die Offenheit der Geschichte mitgedacht.“ (Fischer/Kohli 1987: 40)

<91>

Die Autoren übernehmen hier einen Terminus von Luhmann (1987).

<92>

”Die moderne Welt macht gerontologische Systeme in Theorie und Praxis sowohl möglich als auch nötig, weil sie einen Ersatz für die Ordnung der Herkunftsschuld leisten muß. Gerontologie ist praktisch wie theoretisch die Institutionalisierung der indirekten Solidarität auf dem Feld der Generationsbeziehungen; sie muß von dem Axiom ausgehen, daß nur wo die Gerontokratie als Herkunftsdiktatur aufgehört hat, eine Gerontologie als wissenschaftliche Bewirtschaftung des Altenfeldes ins Dasein treten kann, vielleicht sogar eine Gerontosophie als weise Betreuung einer neuen Seinsweise für alte Leute.“ (Sloterdijk 1994: 21f.)

<93>

Abschnitt II. 3 und II. 4


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