Lehmann, Heiko: Verordneter Ruhestand Untersuchung zum Transfer sozialstaatlicher Institutionen im deutschen Vereinigungsprozeß am Beispiel des Vorruhestands.

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Kapitel 5. Der umgang mit Dem Vorruhestand im Kontext der lebensgeschichten

In diesem Kapitel kommen die Vorruheständler selbst zu Wort. Der Abschnitt ist dreifach unterteilt. Zunächst begründe ich die methodischen Leitlinien und die Darstellungsform der Ergebnisse, die Typenbildung. In einem zweiten Schritt stelle ich die Untersuchungspersonen vor und veranschauliche mein Vorgehen im Untersuchungsfeld. Anschließend beleuchte ich den Stellenwert verschiedener Lebensbereiche und sogenannter intermediärer Instanzen quer zu den Biographien. Es lassen sich anhand verschiedener Bereiche der Lebensführung differenzierte Aussagen machen zu Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmustern und damit zu den Auswirkungen der Frühverrentung im Vereinigungsprozeß. Im dritten Teil des Kapitels stehen Einzelfallrekonstruktionen im Mittelpunkt. Das Ziel besteht im Bilden typischer Muster und Untertypen, die Handlungsprobleme beim Übergang in den verordneten Ruhestand beschreiben. Diese Typen fließen anschließend in einer schematischen Übersicht zusammen. Im Kapitel sechs wird die These vom verordneten Ruhestand noch einmal aufgegriffen und vor dem Hintergrund der Untersuchungsergebnisse und aktuellerer Forschungsliteratur zum Vereinigungsprozeß diskutiert.

5.1. Methodisches Vorgehen und Darstellungsweise der Ergebnisse

5.1.1. Biographische Interviews und das Konzept der Biographie

Für die Fragestellung bietet sich ein qualitativ-biographischer Zugang zum Forschungsfeld in Form biographisch-narrativer Interviews an. In den vergangenen 10 bis 15 Jahren vermehrten sich die Beispiele für eine solche Vorgehensweise.<94> Dabei löst sich der Dissens zwischen den Verfechtern der quantitativen und qualitativen Richtung immer mehr auf. Dahinter stehen Bemühungen, das Subjekt in verschiedenen Altersperioden mit seinen Wahrnehmungen, seinen Denk- und Handlungsmustern in der


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Soziologie, aber auch der Gerontologie zur Geltung zu bringen. Es wird in aller Regel anerkannt, daß sich mit der jeweiligen Forschungsstrategie verschiedene Erkenntnisziele verfolgen lassen. Das muß nicht in einen Bekenntnisstreit münden, sondern sollte anregen, Forschungsfragen durch Kombinationen beider Vorgehensweisen zu bearbeiten oder überhaupt erst die richtigen Fragen an den Untersuchungsgegenstand oder ein soziales Phänomen zu stellen. Gerade in gesellschaftlichen Umbruchsituationen und fehlender theoretischer Fundierung sozialer Zusammenhänge kann ein qualitatives Vorgehen zum Überwinden solcher Mängel beitragen.

Die von mir gewählte Vorgehensweise knüpft an die theoretischen Grundüberlegungen der vorangestellten Kapitel an: Veränderung sozialpolitischer Regelungen sind Eingriffe in Lebensläufe und Biographien, sie tangieren langfristige Sozialbeziehungen zwischen Gesellschaft und Bürger und führen - wenn eingelebte institutionelle Vorgaben verschwinden - zu erhöhten Anforderungen an das Subjekt. Die Biographie bildet dabei einen handlungsleitenden Orientierungsrahmen. Biographie fungiert ”als stabile und doch situationsflexible interpretative Struktur..., mit der das Individuum seine Vergangenheit zu einer sinnvollen und wohlstrukturierten Grundlage für zukünftiges Handeln im Rahmen eines mehr oder weniger differenzierten Lebensplanes“ interpretiert (Voges 1983a: 15). Weil sich Biographieforschung mit subjektiven Handlungsorientierungen auseinandersetzt, erlaubt die Methode eine bessere Einsicht in ”das Handlungsverständnis und das Handeln innerhalb und unterhalb der Regeln institutioneller Strukturen“ (Fuchs 1984: 142). Für Kohli impliziert die Verwendung des Biographiebegriffs in handlungswissenschaftlicher Sicht, daß das Subjekt selber aktiv an der Gestaltung seiner Lebensverhältnisse beteiligt ist. Subjektivität ist nur vor dem Hintergrund seiner lebensgeschichtlichen Entstehung verstehbar, daher ”ist Subjektivität’ nur in ihrer Vermittlung mit ‘objektiven’ Gegebenheiten zu untersuchen“ (Kohli 1978: 24). Indem die biographische Methode ”Einwirkungen vergangener Erfahrungen auf aktuelle Situationsdeutungen und deren Einfluß auf das Handeln“ (Ostner 1983: 50) verfolgt, ist hier ein Konzept zur Hand, das sich für die Entzifferung von Handlungsstrukturen in gesellschaftlichen Umbrüchen eignet. Damit wird unterstrichen, daß nicht das Individuum an sich im Mittelpunkt der Untersuchung steht, sondern das Zustandekommen von Handeln unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen im Horizont der Biographie. Zusammengefaßt: Biographie betrachte ich als soziologisches Konzept, Orientierungsrahmen der Individuen und


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Erhebungsprogramm. Biographien sind untrennbar mit dem Subjekt verbunden, Teil der gesellschaftlichen Realität und so auch immer immanent handlungsleitend. Biographische Erzählungen verweisen auf die (Selbst-) Identifizierbarkeit des Lebens (Fischer-Rosenthal 1989). Handlungsmuster sind verwoben mit der Art und Weise der Selbstidentifizierung. Sie lassen sich über Interpretation der Biographien herausfinden und verstehen. Die Analyse von Interviewtexten zielt darauf ab, ”die alltagspragmatische Aneignung sozialer Strukturen im Lebensverlauf sowie ihre Sedimentierung in subjektiven Relevanzen und Handlungsmustern zu rekonstruieren“ (Voges 1987: 135). Diese Handlungsmuster beziehen sich auf die Gegenwart des Handelnden, jedoch muß die Analyse die objektiven Bedingungen der ”biographischen Handlungsmöglichkeiten“ (Voges 1987: 135) mit einbeziehen. ”Sie hat sich daher sowohl auf den prozeßhaften Charakter der historisch gewachsenen sozialen Strukturen des Handlungsfeldes (objektive Realität) als auch auf die biographisch relevanten Interpretationen und Deutungen (subjektive Realität) zu beziehen.“ (Voges 1987: 135) Reflektionen der eigenen Lebensgeschichte verändern sich im historischen Rahmen. In biographischen Erzählungen werden Lebensgeschichten immer neu verhandelt und geben durch die Präsentation im kommunikativen Forschungsprozeß Aufschlüsse über die Wahrnehmungsweisen der Gegenwart. Biographische Erzählungen eröffnen den Betroffenen die Möglichkeit, Begriffe über ihr Leben zu finden und damit eine ” Theorie“ über das eigenes Leben zu entfalten.<95> Nun gilt es, die bisherigen Prämissen in Verbindung mit der Forschungsfrage - nach den Handlungsmustern beim Übergang in den Ruhestand - in ein adäquates und durchführbares methodisches Konzept umzusetzen. Im Mittelpunkt steht die Rekonstruktion von Einzelfällen anhand erzählter Lebensgeschichten und die Typenbildung. Falluntersuchungen sind immer problematisch, weil sie sofort Argumente provozieren, die eine Verallgemeinerungsfähigkeit der Ergebnisse reklamieren. Diese Vorgehensweise ist


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auch vor allem dann geeignet, wenn die Untersuchung in einer unübersichtlichen, vom Wandel getragenen gesellschaftlichen Situation stattfindet. Genaugenommen sind Falluntersuchungen, um mit Heine von Alemann (1977: 180) zu sprechen, dann angebracht, wenn die Sachverhalte theoretisch schwer zu fundieren sind oder es noch gar keine Theorie gibt. Der Vorteil solches offeneren Herangehens besteht darin, Probleme und theoretische Zusammenhänge aufzudecken, die vorher gar nicht zu vermuten waren. Dieses Vorgehen ist aber dennoch nicht gleichzusetzen mit einer Forschungsstrategie, bei der es darum geht, mit Hilfe der empirischen Untersuchung vorgefaßte theoretische Kategorien und Hypothesen zu überprüfen. Zugleich bedeutet das aber nicht, daß die Untersuchung theoretisch voraussetzungslos vor sich geht. Die Formulierung einer Forschungsfrage und die theoretische Einordnung vermitteln ein Grundverständnis über das Untersuchungsfeld und erleichtern die Orientierung im bei qualitativen Untersuchungen anfallenden empirischen Material. Damit orientiere ich mich am Konzept der ”gegenstandsnahen Theoriebildung“. (Glaser/Strauss 1967; 1979; Strauss 1987). Um einer größtmöglichen Offenheit gerecht zu werden, wählte ich die Form narrativer biographischer Interviews, ergänzt durch einen problemzentrierten leitfadengestützten Nachfrageteil. Während das biographische Interview durch eine Erzählaufforderung eingeleitet wurde, die Gestaltung der Lebensgeschichte aber in der Regie des jeweiligen Befragten lag, beinhaltet der Leitfaden alle relevanten Themenbereichen und Fragen zum Übergangsprozeß und zur neuen Lebensphase, die mir bedeutsam erschienen (Lamnek 1993: 744 ff.). Im Fortlauf der Gespräche stellte sich oft heraus, daß die Interviewpartner von sich aus das Gespräch in diese Richtung führten. Schließlich war ihnen die Fragestellung der Untersuchung bekannt. Zum anderen erzeugte die gesellschaftliche Situation und die damit verbundene Frühverrentung einen eigenen Stimulus, die Lebensgeschichte mit diesen Ereignissen zu verbinden. Die offene Fragetechnik zielte auf Einblicke in das Relevanzsystem der Vorruheständler und die individuelle Sicht auf die Lebenssituation an der Schwelle zum Ruhestand: Wie wird die Lebensgeschichte vor dem Hintergrund des Ruhestands dargelegt, welche Verbindungen werden zu den gesellschaftlichen Veränderungen gezogen, welche Deutungsmuster verwendet, um sprachlich die Brücke von der biographischen Vergangenheit zu aktuellen Anforderungen herzustellen? So war es möglich, auch neue Aspekte und Zusammenhänge der Fragestellung aufzuspüren, deren Bedeutung von vornherein nicht absehbar war. Der Leitfaden bündelte die Fragen zum Vorruhestand, läßt aber genügend Raum für die Entwicklung einer eigenen Sichtweise


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zur Frühverrentung: prägnante Ereignisse und Erlebnisse, Geschichten zum Frühverrentungsprozeß, Gefühle, Wahrnehmungen, Denkweisen, Situationsbeschreibungen, Statements, Argumentationsfiguren usw. Hier kann der Interviewer dann wahlweise vertiefen oder andere Themenbereiche aufgreifen. Der Nachfrageteil galt somit als Kontrolle für den Gesprächsverlauf. Es wurde lediglich darauf geachtet, alle Themenbereiche anzusprechen, um so ein einheitliches Vorgehen zu sichern. Die Gespräche wurden auf Tonband aufgenommen und transkribiert. Zum besseren Verständnis für den Leser wurde der gesprochene Text in den Textpassagen ”vorsichtig“ der Schriftsprache und den grammatikalischen Regeln angepaßt. Dabei wurde versucht, die Authentizität des Gesprächsverlaufs möglichst zu wahren, beispielsweise, indem die Dialektsprache teilweise wiedergegeben wurde und Transkriptionszeichen (siehe Anhang) verwendet wurden. Grund für die unterschiedliche Numerierung der wiedergegebenen Interviewpassagen im Kapitel ist die Verwendung von zwei verschiedenen Bandgeräten beim Transkribieren. Alle Namen sind Pseudonyme. Alle Hinweise, die Rückschlüsse auf die Identität der Gesprächspartner zuließen, etwa Ortsnamen, wurden geändert.

5.1.2. Typenbildung

Wesentliches Instrument der Erkenntnisgewinnung und Präsentation der Ergebnisse der Untersuchung ist die Typenbildung. Als Erkenntnismittel diente das Gegenüberstellen von Einzelfällen. Ziel der Untersuchung ist ”die Rekonstruktion eines objektiven Typus sozialen Handelns“ (Weber) in seinen konkreten fallspezifischen Ausprägungen. Dabei werden Ergebnisse angezielt, die zwar aus dem Einzelfall gewonnen werden, aber so dargestellt, daß sie über den Einzelfall hinaus gehende Ergebnisse liefern. Gemäß der Fragestellung nach den Auswirkungen der plötzlichen Frühverrentung geht es darum herauszufinden, wie die objektiven Bedingungen ihre individuelle Verwirklichung finden, wie mit restriktiven Bedingungen umgegangen wird. Im Verständnis interpretativen Vorgehens ist es wichtig, daß theoretische Kategorien nicht von außen an den Fall herangetragen werden. Vielmehr wird versucht, auf der Basis des Textmaterials zu theoretischen Interpretationen zu kommen. Dabei wird auf das vorhandene theoretische Wissen und eingeführte Kategorien der Sozialwissenschaft zurückgegriffen. Die so entwickelten Typen haben im Sinne von Weber vor allem heuristische Funktion, insofern sie den Forscher anregen, gemäß der Fragestellung


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weitere alternative Typen zu entwickeln. Ute Gerhardt (1984) stellte in Annäherung an Weber eine Verfahrensweise der vergleichend - kontrastierenden Typenkonstruktion vor, an der ich mich beim weiteren Vorgehen und der Darstellung der Ergebnisse orientierte. Der Typus ist ein aus der Empirie gebildetes Konstrukt, an dem die Wirklichkeit gemessen und verglichen wird. Auf dieser Basis ist es möglich, im Kontrast zum Leitfall weitere Typen zu bilden<96>. ”Kann die kontrastierende Gegenüberstellung erhärten, was am Individuellen jeweils typisch ist, und wie das Typische sich über Zeit auf einen Zustand in der Gegenwart hin entfaltet, so gelingt es, am biographischen Material diejenigen Momente zu isolieren, die das Strukturelle und Gesellschaftliche verdichtet verkörpern.“ (Gerhardt 1984: 73). An dieser theoretisch gewonnenen Leitfigur lassen sich dann gemäß der Forschungsfrage weitere Typen entwickeln und in ihren Unterschieden zum vorherigen darstellen. Aus den Einzelfällen werden typische soziale Muster aufgedeckt. Das Herausarbeiten und die vergleichende Gegenüberstellung von unterschiedlichen Fällen hat zugleich heuristische Funktion bei der Suche nach weiteren Handlungsfiguren. Mit der Aufdeckung von je unterschiedlichen Mustern werden die herausgearbeiteten Typen überprüft und gegeneinander argumentativ erhärtet. Ziel der Prozedur ist es, eine Bandbreite von untereinander konsistenten Handlungsmustern begrifflich abzubilden. Es geht also über das Verstehen der Strukturen im Einzelfall darum, aus der Bandbreite der untersuchten Einzelfälle - ”fallübergreifend“ - die gesellschaftlichen Strukturen zu ermitteln, ”die in den Entwicklungsprozessen der einzelnen Fälle ‘drinstecken’“ (Gerhardt 1991: 438). Die Vorgehensweise, die den Forschungsprozeß und die Präsentation der Ergebnisse so anschaulich und nachvollziehbar wie möglich machen soll, läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Für jede Person wurde kurz nach dem Gespräch ein Protokoll angefertigt. Es enthielt Daten und Notizen zum Gesprächsverlauf. Ergänzt wurde die Niederschrift nach dem Abhören des Tonbands mit den biographischen Daten und der schriftlichen Rekonstruktion der Lebensgeschichte. Dadurch bekommt man ein erstes Bild über die Bandbreite des Samples. Besonders prägnante Fälle wurden ”vorsortiert“ und dienten als Orientierung bei der Suche nach abgrenzbaren Fällen. Aufgrund dieser


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Aufzeichnungen und den biographischen Rahmendaten konnte eine Strukturhypothese zum Lebensverlauf formuliert werden (Rosenthal 1995). Eine Präzisierung der ersten Strukturhypothesen erfolgte anschließend durch das Kontrastieren mit relevanten Textpassagen und Themenfeldern, z.B. solchen, mit denen die Probanden den Umgang mit dem Vorruhestand darlegten. Dazu wurde die Lebensgeschichte transkribiert, so daß sie als geschriebener Text vorlag. Desweiteren wurden die Texte nach Themenfeldern geordnet. Dabei ging es nicht darum, Textstellen zur Bestätigung für vorgefertigte Kategorien zu finden, sondern um Auslegung und Suche nach alternativen Lesarten. Erzählt ein Proband beispielsweise über seine letzten Tage im Betrieb und den Übergangsprozeß, so steht immer die Frage, wie sich Entscheidungen im Kontext seiner Erwerbsbiographie oder seiner familialen Situation begründen. Schwerpunkt war schließlich, den Einfluß des biographischen Verlaufs auf die Konstituierung von Handlungsmustern in der Übergangsphase nachzuvollziehen. Aus der Vielfalt der Wirklichkeit schälten sich allgemeingültige Muster des Umgangs mit den neuen Vorruhestandsregelungen und den institutionellen Veränderungen im Kontext der (erwerbs-) biographischen Verläufe heraus. Da das schrittweise Vorgehen Suchstrategien für das Feld lieferte, konnte nach weiteren alternativen Typen geforscht werden, die ein Raster von gegeneinander abgrenzbaren Handlungsmöglichkeiten ergaben. Dadurch kommt der Forscher in die Lage, die differenzierten Umgangsweisen mit neuen gesellschaftlichen Regeln und die ihr innewohnende eigene Rationalität aufzudecken und begrifflich ”gesteigert“ in typischen Mustern abzubilden. Die Typen beschreiben - im Verallgemeinerungsprozeß gewonnen - biographische Übergangsmuster mit speziellen Handlungsorientierungen, welche durch die Biographie gesteuert sind und auf die Lebensgeschichte zurückverweisen. Die Muster verdeutlichen Umgangsweisen mit der sich verändernden Realität.

5.1.3. Auswahl und Zusammensetzung der Gesprächspartner

Die Untersuchung basiert auf 25 biographischen Interviews mit leitfadengestütztem Nachfrageteil. Der Kontakt mit den Gesprächspartnern wurde über zwei Wege organisiert. Zum einen inserierte ich im Herbst 1991 in einer Tageszeitung. Bei ersten telefonischen Kontaktgesprächen stellte ich kurz den Inhalt der Untersuchung dar.


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Stimmten die Anrufer einem Gespräch zu, das ich auf Tonband aufnehmen konnte, verabredete ich mich in den jeweiligen Wohnungen zum Interview. Auf diese Weise wurde ich mit 15 Vorruheständlern bekannt, mit denen ich biographische Interviews führte. Auf diesem Weg fand ich auch Zugang zu einer Vorruhestandsinitiative in einem B.-städter Bezirk. Mit 9 Interviewpartnern traf ich mich zu einer Gruppendiskussion. Weitere Gesprächspartner fand ich über das Seniorenstudium an der Humboldt-Universität Berlin. Unter den ca. 400 ständigen Hörern sprach ich gezielt die Personen an, die in den Vorruhestand gewechselt waren und verschickte an etwa 60 Frührentner Briefe, in denen das Projekt vorgestellt wurde. Danach stellte ich im Rahmen der Vorlesungen der Seniorenuniversität das Vorhaben persönlich vor. Interessierten Personen stand ich für Fragen zur Verfügung. Alle interessierten Personen wurden zu einem Treffen in das Institut für Medizinische Soziologie der Charité eingeladen. Jedem potentiellen Gesprächspartner wurde die Wahl gelassen, an dem Tag zu erscheinen, ohne sich vorher festlegen zu müssen. Die Veranstaltung diente dem gemeinsamen Kennenlernen, der Erläuterung des Vorhabens und dazu, sich miteinander bekannt zu machen und in der Diskussionsrunde einen ersten Eindruck vom Untersuchungsfeld zu erhalten. Zum Ausdruck kam das Bedürfnis vieler Gesprächspartner, über ihre eigene Lebenssituation zu sprechen.

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Tabelle 2: Probanden der Untersuchung

Jahrgang

m/w

Beruf

Branche

Ruhestand

Interview

1935

w

Fachschulökonomin

Ministerium

1991

1992

1932

w

Bibliothekarin

Bibliothek

1992

1992

1933

w

Laborantin

Forschungsinstit.

1992

1992

1933

w

Bibliothekarin

Forschungsinstit.

1992

1992

1934

w

Verkäuferin

Textilhandel

1992

1992

1936

w

Sekretärin

Sportverband

1993

1992

1932

m

Hochschulökonom

Elektroindustrie

1991

1992

1930

m

Fachschulingenieur

Industrie

1992

1992

1931

m

Bibliothekar

Baukombinat

1992

1992

1930

m

Schlosser (Meister)

Maschinenbau

1991

1992

1933

w

Hochschulök./Organisatorin

Industrie

1992

1991

1934

w

Sekretärin

Industrie

1992

1994

1936

w

Ökonomin

Staatsapparat

1992

1994

1933

w

Krankenschwester

Krankenhaus

1993

1994

1931

w

Außenhändlerin

Industrie

1990

1994

1935

m

Buchhalter

Verband

1992

1994

1935

w

Buchhalterin

Insdustrie

7/1990

1994

1935

w

Sachbearbeiterin

Staatsapparat

1990

1994

1932

m

Baufacharbeiter

Betonwerk

1992

1994

1933

m

Polizist

Polizei

1992

1994

1937

m

Betriebsleiter

Industrie

1992

1994

1931

w

wissenschaftl. MA

pädag. Instit.

1992

1994

1930

m

Außenhandelsing.

Textilindustrie

1990

1994

1934

w

Betriebsprüferin

Industrie

1991

1992

1934

w

Fremdsprachensekretärin

Verband

1993

1994

Am Ende der ersten Sitzung erklärten sich alle 15 teilnehmenden Personen als Gesprächspartner bereit. Es handelt sich um 9 Frauen der Jahrgänge 1931 - 1937, die zwischen 1990 und dem Sommer 1993 in den Vorruhestand wechselten, ferner um 6 Männer, die zum Zeitpunkt der Untersuchung zwischen 56 und 63 Jahre alt waren. 6


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Personen mußten 1992/1993 ihre Berufstätigkeit aufgeben. Das Spektrum der Professionen ist breit gefächert. Es waren Arbeiter als auch Berufsgruppen mit mittlerer und höherer Qualifikation vertreten, beispielsweise Lehrer, Handelskauffrauen, Maschinisten, ein Chemieingenieur, Abteilungsleiter, Verwaltungsangestellte. Alle Personen leben in Berlin und verbrachten dort vor allem die letzten Berufsjahre. Die Menschen dieser Generation erlebten den Krieg und die Nazizeit als Kinder.

Durch die Kriegsereignisse wurden die Kinder in Berlin und anderen Großstädten in den letzten Kriegsjahren evakuiert. Sie waren am Ende des Krieges etwa zehn bis sechzehn Jahre alt. Ihre Eltern waren überwiegend einfache Leute. Die Älteren von ihnen begannen während des Krieges eine Berufsausbildung. Prägende Sozialisationserfahrung waren die Geschehnisse des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ein Teil der Jungen wurden am Ende des Krieges noch als letztes Aufgebot zum Wehrdienst einberufen.<97> Etwa die Hälfte der Interviewten erlebte mit ihren Familien die Flucht. Nach dem Krieg beendeten sie ihre begonnene Schulausbildung oder wählten neue Berufs- und Bildungswege. 1949 war das Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten. Die befragten Personen waren 14 bis 20 Jahre alt. Ihr Berufsleben kennzeichnete Aufbauwille und einzigartige Bildungs- und Aufstiegschancen für Kinder aus den Unterschichten und dem Arbeitermilieu. Es gab die Hoffnung, daß nach den Fehlentwicklungen in Deutschland mit der DDR ein Staat entsteht, dem eine gerechtere und menschenwürdigere Ordnung ohne Krieg und Arbeitslosigkeit wesenseigen ist.<98> Im Kontrast dazu stand die rasche wirtschaftliche Entwicklung im anderen deutschen Staat und Westberlin. Offen war immer die Option, das Land zu verlassen und im Westen einen Neuanfang zu wagen. Flucht aus der DDR von Freunden und Verwandten war in den Jahren 1949 bis 1961 allgegenwärtig<99>. In die


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50er Jahre fallen für die Gesprächspartner die Gründung einer Familie und die ersten Jahre der beruflichen Entwicklung. Die Bindungen an die DDR verstärken sich mit der Übernahme von familiären und beruflichen Verpflichtungen. Dabei war das Verhältnis zum Staat oft nicht ungebrochen. Frau Dienelt resümiert: ” Was nun unseren Aufenthalt in der DDR betrifft, muß ich sagen, haben wir den größten Fehler unseres Lebens gemacht, indem wir am 27. August 1961 wieder eingereist sind nachdem mein Mann und ich da eine Urlaubsreise zu seiner Großmutter nach Kassel hatten.“ Zusammengenommen liegt in diesen Generationserfahrungen zweifellos eine Basis für ein Maß an Loyalität für das System, die bis weit in die 60er und 70er Jahre erhalten blieb. Die 1929 bis 1935 Geborenen trafen noch nicht auf betriebliche Strukturen, die auf sozialistische Planung und Dominanz der SED aufbauten. In dieser Zeit stoßen vor allem die neuen Aufsteiger aus der Arbeiter-, Angestellten- und Bauernschicht in berufliche Positionen, die vorher undenkbar waren und eng an die damaligen politischen Umwälzungen (Entnazifizierung, Flucht vieler Fachkräfte, Neuaufbau) und ideologischen Prämissen (Arbeiter- und Bauernstaat) gekoppelt waren. Besonders Männer waren von den neuen Aufstiegschancen begünstigt worden. Frauen wurden in den fünfziger Jahren aus politisch-ideologischen Gründen und aus Mangel an Arbeitskräften ebenfalls in den Produktionsprozeß eingebunden, was die wachsenden Erwerbsquoten ausdrücken. Fast 90 bis Prozent der 1930 geborenen Frauen haben mindestens ein Kind geboren und relativ viele dieser Frauen bekamen zwei bis drei Kinder. Das mittlere Alter bei der Geburt des ersten Kindes lag bei 23 Jahren und die Abstände zwischen den Geburten waren vergleichsweise gering (Trappe 1995). Jedoch blieb, wie die Interviews zeigen, die Hausarbeit und Kinderbetreuung überwiegend auf den Frauen lasten; und zwar auch dann, wenn sie den Weg der Qualifizierung wählten. Außerdem ist es die Generation, die von den sozialpolitischen Maßnahmen zur Geburtenförderung nach Rückgang der Geburten Mitte der sechziger Jahre nicht begünstigt wurde. Diese Generation ist auf besondere Weise durch ihre Teilhabe am und ihre Erfahrungen beim Aufbau der DDR geprägt. Die anhaltende relative Systemstabilität verbindet sich mit dieser Altersgruppe und wurde untermauert durch


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ihre Erfahrungen, Lebensauffassungen und Erwartungen (Pollack 1991). Die Lebensverläufe der Vorruheständler sind eng mit dem institutionellen System des untergegangenen Staates verbunden. Die Lebensentwürfe waren relativ konsistent, kontinuierlich und arbeitszentriert.<100> Biographische Vorerfahrungen, Zeitverständnis und die Antizipation zukünftiger Entwicklung, strukturell eingebunden in das (DDR-) Beschäftigungssystem, treffen auf neue Anforderungen außerhalb von Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit fungierte in besonderer Weise als Vergesellschaftungsinstanz (Wolf 1991) und Integrationsfaktor in die Gesellschaft. Dafür spricht eine hohe Erwerbsbeteiligung und die Möglichkeit, auch nach dem Rentenalter berufstätig zu sein. Sozialpolitik und sozialpolitische Leistungen wurden zum großen Teil über die Betriebe organisiert.

Die Austauschbeziehungen und Verweisungszusammenhänge des untergegangenen Systems waren die Deutungsgrundlage des Lebenslaufs, sinngebend und kontinuitätsstiftend zugleich. Das Wissen um diese Vorgaben bestimmte das Leben und den Erwartungshorizont. Die Menschen hatten eine ungefähre Vorstellung vom Gang der Dinge in der Gesellschaft und bestimmten dadurch ihren Platz in der Gesellschaft. Das betraf beispielsweise das Wissen darum, was eingebracht und geleistet werden muß, aber auch die Vorstellungen vom Zeitpunkt und den Modalitäten der Verrentung, über die noch ausstehenden Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, davon, was richtig oder falsch ist. Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit war immer auch figuriert durch den Austausch mit den institutionellen Vorgaben. Die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen setzten hier einen Schnitt. Die politische Steuerung der deutschen Vereinigung war verbunden mit der Einrichtung von Institutionen nach westdeutschen Vorbild: Im politischen System, dem Wirtschaftssystem, dem Rechtssystem, dem wohlfahrtstaatlichen System, den Familien, aber auch kulturell, etwa im Symbolsystem, und den Austauschbeziehungen.

Aufstieg und Fall eines gesellschaftlichen Systems spiegeln sich exemplarisch in den Biographien. 1989, als mit dem Fall der Mauer der Einigungsprozeß mit der Bundesrepublik begann, waren die Personen 54 bis 60 Jahre alt. Je nach Geschlecht


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standen ihnen oft noch mindestens 5 bis 16 Jahre Berufstätigkeit in Aussicht. Im Februar 1990 beschließt die Modrow-Regierung ein Vorruhestandsgesetz und schafft so einen gesetzlichen Anspruch auf vorzeitige Verrentung ab 55 Jahren. Die zu untersuchenden Personen sind zum Zeitpunkt der Untersuchung 55-61 Jahre. Die Arbeitsplätze der Industriearbeiter werden wegrationalisiert, die Arbeitsstätten der Angestellten und der Intelligenz im sozialen Bereich, der Kultur und des Bildungswesens wegen Staatsnähe per Abwicklung geschlossen oder durch westliche Institutionen umstrukturiert. Umfassend und kompromißlos wurden Menschen ab ihrem 55. Lebensjahr aus dem Erwerbsleben gedrängt. Der Angelpunkt ist hieran nicht allein die nach unten verschobene Altersmarke, obwohl viele 5 bis 10 Jahre vor dem erwarteten Zeitpunkt das Erwerbssystem verlassen mußten.

5.2. Übergang in den Vorruhestand und die Relevanz verschiedener Lebensbereiche

Die spezielle Fragestellung in diesem Abschnitt ist, wie Vorruheständler die Abfolge ihres Übergangs in den Ruhestand thematisieren. Es geht im einzelnen um Dimensionen der alltäglichen Lebensschwierigkeiten und um existentielle Probleme, um Themenbereiche, die in allen Interviews angesprochen und diskutiert wurden: Einkommen, familiäre und soziale Kontakte, Zeitstrukturen des Alltags und Zukunftsaussichten. Die Auswertung erfolgte inhaltsanalytisch-interpretativ, quasi quer zur Struktur der Lebensgeschichten. Dadurch war es möglich, in den Gesprächen häufig thematisierte Felder in die Auswertung und Interpretation aufzunehmen, zumal es sich um zum Teil um mehr oder weniger universelle ”Daseinsgrundfunktionen“ handelt (Einkommen, Netzwerke, Gesundheit). Dahinter steht die Absicht, typische Bewältigungsmuster und Handlungsspielräume, speziell der Übergangsperiode und der ersten Phase des Ruhestands, aufzuzeigen. Bevor ich mich den Bereichen der Lebensführung zuwende, sollen die Deutung und der Umgang mit dem ”Entscheidungs- prozeß“ genauer untersucht werden.


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5.2.1. Der Übergangsprozeß - zwischen Gegenwehr und Resignation: ”Im Mai sagen sie mir noch, dich brauchen wir, du bist potentieller Erfahrungsträger, du mußt jetzt ackern wie ein Pferd und im Juni ist alles vorbei.“

Das Hochgefühl in der Wendezeit wurde nach kurzer Zeitspanne überlagert vom Gewahr werden der Chancenlosigkeit im Berufsleben. Dieses ”jetzt kommt natürlich das Persönliche“ als Eingangsevaluation dieser kurzen Erzählung illustriert die Kehrseite aller positiven Wendungen der vergangenen Monate:

Jetzt kommt natürlich das Persönliche, die Arbeitslosigkeit, die Ministerien sind hier den Bach runter gegangen, die Akademien wurden aufgelöst, wir hatten gedacht, die Akademie würde sich halten, unsere Abteilung könnte sich noch halten, davon sind wir zu Anfang ausgegangen, aber nachher wurde unsere Arbeitsstelle aufgelöst und wir von der Abteilung sind Ende 1990 alle gekündigt worden. (R1/2/177)

Den Prozeß des Übergangs in den Ruhestand erlebten die untersuchten Personen in einer dichten zeitlichen Spanne, wie einen zu schnell laufenden Film, in dem auch noch die parallel laufenden Handlungsebenen wahrzunehmen sind. Hoffnungen auf den Erhalt des Arbeitsplatzes dominierten. Informationen über die Zukunft des eigenen Betriebes oder die Regelungen zum Vorruhestand flossen jedoch spärlich. Die abwartende Haltung der betrieblichen Akteure brachten die Betroffenen in massive Schwierigkeiten, weil es keine Planungs- und Erwartungssicherheit mehr gab.

Und dann hat man mich regelrecht totlaufen lassen mit dem Aufgabengebiet, weil keiner so recht wußte, was mit dem Betrieb überhaupt wird. (D1/1/116)

Immer neue Gerüchte und Verlautbarungen kamen auf und erschwerten eine auch nur ansatzweise Planung für die Zukunft. Die Betroffenen bewegten sich in einem biographischen Vakuum zwischen Hoffnung und Enttäuschung.

Ich hab' ja wirklich von einem Tag zum anderen aufgehört, ich mußte dann noch schnell meinen Resturlaub nehmen. (L2/1/341)

Als besonders nachteilig empfanden die Gesprächspartner den Entscheidungsdruck und den plötzlichen Abschied aus dem Berufsleben. Beeinflußt wurde diese Situation in erster Linie von der sukzessiven halbjährlichen Verlängerung der Vorruhestands-/Altersübergangsregelung durch die politischen Entscheidungsträger. Die Unternehmen machten sich dieses Erwartungsvakuum zu eigen und ergänzten das politische Kalkül durch Unternehmensstrategien der Verunsicherung. Beispielsweise wurden vermeintlich


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” günstige“ Abfindungsangebote gezielt befristet. Ältere Beschäftigte wurden damit gezwungen, bis zu einem bestimmten Termin den Betrieb zu verlassen, aus Angst, am Ende vollends leer auszugehen. Dies war nicht unbegründet. In der unübersichtlichen gesellschaftlichen Situation herrschte Ungewißheit über die Rechtmäßigkeit und die Stabilität der eigenen Ansprüche als Person und soziale Gruppe in der Gesellschaft. Die Beendigung des Erwerbslebens wurde zum Pokerspiel:

Da entstand bei mir die Überlegung, Mensch, jetzt bietet dir der VEB das an, in Vorruhestand zu gehen, und bietet dir günstige Bedingungen, das dauert nicht mehr lange, dann übernimmt’s die AEG, kann sein, daß die AEG sagt, also Herr Maurer, wir haben bessere und jüngere Leute, wir legen Ihnen ans Herz, auszuscheiden, und denn sag ich, na ja, wie ist es mit der Abfindung. Na ja, Sie haben in einem volkseigenen Betrieb gearbeitet, Sie haben nicht bei der AEG gearbeitet, der volkseigene Betrieb hat Ihnen das angeboten, Sie haben das nicht genommen, tut uns furchtbar leid, ja und das war für mich eigentlich das entscheidende Argument, noch viel entscheidender als meine Gesundheit. (M 1/2/230)
Das war eigentlich diese Sorge, daß die Vergünstigung, daß das günstige Angebot nicht noch mal kommt da haben wir uns hier auf folgendes geeinigt mit meiner Frau, auf folgende Definition, der Vogel, der Spatz in der Hand ist uns lieber als die Taube auf dem Dach. (Z1/2/264)

In dieser Unsicherheit und unter der Beschränkung einigten sich die Betroffenen nicht selten auf positiv gewendete Optimierungsstrategien bei der Bestimmung des Ausstiegstermins, ohne wirkliche Wahlfreiheit. In der Übergangsphase trug das sozialpolitische Instrument nicht zur Stabilisierung von Erwartungen bei. Im Gegenteil: Es setzte die Betroffenen unter Druck, und es ist zu vermuten, daß die politische Strategie der sukzessiven halbjährlichen Verlängerung der versicherungstechnischen Rahmenbedingungen die Ausgliederung noch beschleunigte und reibungsloser vonstatten gehen ließ. In der ” Rette-sich-wer-kann“ - Stimmung fallen die für die Abgänger wichtigen Verabschiedungsrituale weg, so daß die Austritte selten würdevoll vonstatten gingen. Schmerzhaft ist es für die Beschäftigten, die ihre Betriebe nach dem Krieg ” mit aus dem Dreck geholt haben“ ... (M1/2/313). Allgemein ist der Abschied aus dem Betrieb und der Übertritt in den Ruhestand als Modell und Spielregel des Verhaltens im Bewußtsein präsent. Übergänge zwischen einzelnen Lebensphasen tragen Zeichen der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Diese werden so weit wie möglich durch gesellschaftliche Institutionen, beispielsweise durch Initationsriten (etwa bei Aufnahme eines Neulings in eine Altersgemeinschaft) kontrolliert. Verbindet sich die Orientierungslosigkeit mit gesellschaftlichen Unsicherheiten, erhöht sich der Bedarf nach geregelten Übergängen. Zugleich gab es, weil die Hierarchien zerfielen, keine geregelten Handlungsabläufe oder Abmachungen des sozialen Verhaltens, die die Situation symbolisch verarbeiten half: Keiner wußte, wer wem wofür auf welche Art


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danken und ehren sollte oder durfte. Die Individuen sind beim Durchlaufen der Statuspassagen (Glaser/Strauss 1971) überwiegend auf sich gestellt, obwohl es sich bei der Frühverrentung um ein Massenphänomen handelt. Die Initation wird überwiegend individuell durchlebt (Popp 1969: 11). Frau Dienelt verbrachte ihr gesamtes Erwerbsleben in ein und demselben Betrieb und muß gehen, während die knappen Aufgabengebiete neu aufgeteilt werden. Das erwies sich als Verstärker eines schlechten Omens auf die eigene Zukunft, wenn man in Rechnung stellt, daß aufgrund der betriebsorientierten Sozialpolitik in der DDR und den über den Rentnerstatus hinaus verlängerten sozialen Bindungen an die Arbeitswelt (Essenversorgung; Ferienplätze usw.) wegfielen.

So ich muß sagen ich war da ziemlich am Boden im vergangenen Jahr vor allen Dingen dann ab Juni wo es dann feststand, daß ich raus geh zum ersten September dazu kam, daß am letzten Arbeitstag überhaupt keiner nach 32 Jahren da Notiz genommen hat, daß ich gegangen bin. (D1/1/164)

Das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozeß wurde aufgrund der versicherungstechnischen Bedingungen festgeschrieben. Das wichtigste Selektionskriterium war das Erreichen der Altersgrenze von 55 Jahren. Beim Übergangsprozeß in den Ruhestand lassen sich dennoch verschiedene Einstellungsmuster herausfiltern. Sie sind möglicherweise stark beeinflußt von den zur Verfügung stehenden Ressourcen und davon, wie der Einzelne seine Zukunft beurteilt:

a)Resignativ-pragmatischer Rückzug: Diese überwiegend passive abwartende Haltung zeigt das Sich-Abfinden mit dem Schicksal abseits des neuen Arbeitsmarktes an. Es trifft fast ausschließlich alle Altersgenossen, so daß es leichter fällt, aufzugeben. Das neue Sicherungsnetz wird vor dem Hintergrund unberechenbar werdender Einkommenssicherheit als dienlich angenommen. Schließlich begründen die Regelungen eine abgesicherte Lebensphase, während die Strukturen zerfallen und jüngere Kollegen nach und nach den Betrieb verlassen müssen und in die Arbeitslosigkeit gehen. Diese Einschätzung gelten vor allem Betroffene solcher Einrichtungen und Institutionen, die definitiv nicht überlebten und aufgelöst wurden. Man ist bereit, die Situation zu tragen, beispielsweise als Frau Rosner in Erwartung des Verlustes ihrer Arbeit auf die Strategie des so-lange-wie-möglich-durchhalten setzte:

Na, aufhören mußt ich ja sowieso, natürlich hatt' ich nun versucht, die Stelle noch zu halten und bin denn noch bis zum Schluß dort geblieben, weil ich nun wußte, was los ist auf dem Arbeitsmarkt, daß ich nun nirgendwo mehr unterkomme, na ja gut, hab' ich noch versucht das solange zu halten und ab Januar bekomme ich Altersübergangsgeld. (R1/2/443)

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Aber dann hab' ich gesagt, na, das Alter haben wir ja, wir können ja das Altersübergangsgeld in Anspruch nehmen. Na dann hab' ich gesagt, arbeiten wir solange wie's geht, kommen wir sowieso nirgends mehr an, bleiben wir hier noch solange wie's geht. (R1/2/432)

Aus den Interviews geht hervor, daß ältere Arbeitnehmer infolge der Altersübergangsregelung der DDR vom Februar 1990 in den vorgezogenen Ruhestand gingen, weil sie sich noch Chancen ausrechneten, neben den Übergangsbezügen durch Nebentätigkeiten Geld zu verdienen. Die Zuverdienstgrenze lag bei 600 DM und war gegenüber dem Altersübergangsgeld und den späteren Vorruhestandsbedingungen (DM 30 pro Woche) komfortabel und nährte solche Absichten.

Ich war ja im Juni gerade 55 geworden, und die Regelung war ja noch recht positiv, danach wäre unser Vorruhestandsgeld immer gestiegen, wenn, und durch Tarifverträge das vergleichbare Gehalt steigt und außerdem, hätten wir noch 25 Prozent unseres Grundgehaltes dazu verdienen können, und, da hab ich natürlich gerechnet, und gesagt, Mensch 70 Prozent Vorruhestandsgeld kriegste, 25 Prozent verdienste dir mit links dazu. (L2/1/172)

Bei den allermeisten erfüllten sich die Wüsche nach stabilem Zuverdienst jedoch nicht.

b) Von den Rückzugsstrategien unterscheidet sich ein Muster, daß sich idealtypisch mit offensiver Behauptung umschreiben läßt. Das Feld sollte nicht kampflos geräumt werden: Dieses Schema verkörpert ein ”sich wehren“ gegen die vorgeschriebenen Bedingungen. Dahinter verbirgt sich die Überzeugung, daß die erreichten Abschlüsse und die Berufserfahrung wertlos sein werden und daß das Ende der beruflichen Laufbahn greifbar wird. Frau Rieß war mit Fachschulabschluß in einer staatlichen Behörde tätig. Obwohl der Apparat auch im neuen Institutionensystem eine Funktion hat, wurde die DDR - Behörde ohne Vorbehalt geschlossen, um mit der institutionellen und personellen Kontinuität zu brechen. In einer Passage umschreibt sie die damalige Situation so:

Das war so, man hat uns praktisch weich gekloppt, möcht' ich mal so sagen, ich war dann auch noch in der Personalvertretung, wir haben verzweifelt darum gekämpft, daß wir 'ne gewisse soziale Absicherung erlangen in puncto Umschulung, denn, mein Studium war ja wirklich nichts mehr Wert, und wir hatten ja grade mit der Ministerin ständig im Clinch gelegen, um eben zu versuchen, doch für die Mitarbeiter was rauszuholen. Wir haben das nicht erreicht, das war 'ne fürchterliche Atmosphäre, also wir haben praktisch gesagt, na ja, wir sitzen auf der Straße, und in unserem Alter kriegen wir sowieso keine Arbeit mehr. (L2/1/152)

Wenn auch klar war, daß an der Abwicklung nicht mehr zu rütteln war, so ging es den Akteuren bei diesem Muster wenigstens darum, bessere Bedingungen auszuhandeln, um ihre Startbedingungen für die Zukunft zu verbessern. Man muß davon ausgehen, daß sich solche Einstellungsmuster vor allem bei Menschen finden, die sich stark mit dem


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Beruf und ihrer Tätigkeit verbunden fühlten und die einen Verlust an Macht und Status befürchteten. Eine Begründung ist sicher auch das Bedürfnis, am Aufbau einer ” besseren Gesellschaft“ mitzuarbeiten. In einer solchen Einstellung spiegelt sich unter Umständen auch eine zu wachsen beginnende Besinnung auf zivilgesellschaftliche Verhaltensweisen und demokratische Mitbestimmungsrechte von Arbeitnehmern, freilich ohne die entsprechende infrastrukturelle und habituelle Basis im Osten. Wenn auch Teilerfolge erzielt wurden, so mündeten die offensiven Behauptungsstrategien im Endeffekt nur bei einem verschwindend kleinen Teil der Adressaten in einer Weiterbeschäftigung.

c) Rückzug und Abwandlung: Die erlernten Verhaltensmuster der Vergangenheit, welche gekoppelt sind mit neuen Unsicherheiten, erschwerten es, eigene Interessen wahrzunehmen und für ihre Durchsetzung einzustehen. Dazu fehlen auch eingespielte Gremien und Institutionen, in denen die Akteure Entscheidungen aushandeln. Der Stil des Rückzugs überlagert sich zum Teil mit Umdeutungsstrategien, die in den Zwangslagen als Normalisierungsversuche interpretiert werden können. Der Vorruhestand wurde kurzerhand angenommen. Sich selbst Entscheidungsspielräume freilegen, den vermeintlich besten Zeitpunkt des ” Absprungs“ zu bestimmen, wo eigentlich keine Wahl besteht, kommt in folgenden Überlegungen zum Ausdruck:

1. Absicherung durch Rückzug: Das ” Chaos“ der Wendezeit im Betrieb der Betroffenen war so groß, daß sie sich entschlossen, einen Antrag auf Vorruhestand zu stellen. Den ungewohnten Turbulenzen und Ungewißheiten um den Erhalt des Arbeitsplatzes und der Zukunft des Betriebes, aber auch der gereizten Stimmung unter den Kollegen, entzog sich die interviewte Frau kurzerhand durch den Antrag auf Ruhestand:

Da schwirrten denn damals die wildesten Gerüchte rum, also 'ne Außenstelle vom Z. und 20 Mitarbeiter und 120 Mitarbeiter, also, das war mir denn alles 'n bißchen sehr zu unsicher und zu hektisch, und denn hab ich denn zum 1. Oktober 'n Antrag gestellt, daß ich in den Vorruhestand versetzt werde, ja, und da bin ich nun. (SCH1/1/038)

2. In der DDR war eine vorgezogene Beendigung der Erwerbstätigkeit nur für bestimmte Berufsgruppen möglich. Es gab keine Trennung zwischen Erwerbs- und Berufsunfähigkeit. Eine Beendigung des Arbeitslebens vor der gesetzlichen Rentenaltersgrenze war nur bei Invalidität möglich. Da es keine volkswirtschaftliche Begründung für eine vorzeitige Verrentung gab, waren die Zugangsbedingungen für Invalidität restriktiv. Die Erwerbsfähigkeit mußte mindestens zwei Drittel geschmälert sein. Das Angebot auf Vorruhestand war daher für den 59jährigen Herrn Land ein


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Segen. Er hatte schon längere Zeit gesundheitliche Probleme, verursacht durch jahrzehntelange Schichtarbeit, aber es gab für ihn bislang keinen Weg in die Rente. Der Berufsausstieg war eine echte Befreiung von schlechten Arbeitsbedingungen:

Ich hatte schon zu DDR Zeiten mit Magengeschwüren zu tun, wurde schon dreimal operiert und durch die Schichtarbeit wurde dit auch nich besser, und ich muß sagen, daß ich eigentlich janz froh bin, so komisch dit klingen mag, aber länger hätte ich sowieso also, nich durchgehalten, also für mich seh ich dit janz positiv. (P2/2/423)

Es wurde deutlich, daß die Begründungen für den Austritt sich vielfach aus der Dynamik des Institutionentransfers ergaben. Das Instrument galt einerseits als Flankenschutz für die älteren Beschäftigten, sein Vorhandensein verband sich mit den unsicheren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zu einem Verstärker der Unsicherheiten und machte so den Vorruhestand zu einer zwingenden Option. In einigen Fällen kann man davon ausgehen, daß festgefügte Erwartungen auf einen frühzeitigen Abbruch des Erwerbslebens, vor allem aus gesundheitlichen Gründen, sich schon in der DDR herausbildeten. Trotz der veränderten Konstellation der Bedingungen kann man in diesem Falle Vorruhestand als eine aufgebürdete und durch die sich verschlechternden Bedingungen sich zunehmend selbst legitimierende Gelegenheit interpretieren.

5.2.2. Einkommen und materieller Spielraum: ”Wir haben eigentlich nie solche großen Ansprüche gehabt, wir waren immer bescheiden und deswegen fällt es uns nicht ganz so schwer.“

Die materielle Absicherungsbedingung der Vorruhestandsmaßnahmen ist durchschaubar geregelt worden (siehe Kapitel III). Die individuelle Bemessung von Renten ermöglicht dem Menschen nach der Erwerbsarbeit eine eigenständige Gestaltung des Lebensabends. Eine Verunsicherung herrschte darüber, was dem Einzelnen zusteht und was er beanspruchen kann. Erwartungssicherheit hängt immer auch zusammen mit der Rechtmäßigkeit und langfristigen Stabilität der eigenen Ansprüche. Das Vertrauen in das neue Sozialversicherungssystem war daher nicht sehr ausgeprägt. Viel stärker als bisher ist in der neuen Ordnung Geld ”universelles Tauschmittel“ . Einkommen wird zum Gradmesser von Erfolg, Mißerfolg und Eintrittskarte für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Zum Erfahrungsschatz der neuen Bundesbürger gehört jedoch die außergewöhnliche Wahrnehmung, ” daß sich ihr materieller Wohlstand, ausgedrückt in Lohnniveau, verfügbarem Einkommen und Ausstattung mit langlebigen Konsumgütern, sprunghaft erhöht hat, während die Basis dafür zusammengebrochen ist,


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was in dem Verlust von über vier Millionen Arbeitsplätzen äußerst deutlich geworden ist“<101> (Thimann 1995). Unter den 25 Befragten befand sich nach eigenen Einschätzungen keiner in einer finanziellen Notlage. Der überwiegende Teil der Befragten hielt sich den Angaben zufolge beim Konsum eher zurück.<102> Die Bereitschaft, sich dafür zu verschulden, ist kaum ausgeprägt. Die kommenden finanziellen Belastungen sind teilweise nicht abschätzbar und verursachen Ungewißheit, beispielsweise gegenüber der zu erwartenden Mietpreisentwicklung. Trotz Einbußen und Unsicherheiten schaffen es die Befragten, sich auf die gegebene Situation einzustellen. Beispielsweise zogen deshalb zwei Befragte mit ihren Partnern in eine kleinere Wohnung. Das Vorruhestandsgeld wird letztlich zum entscheidenden Gradmesser für die Bewertung der eigenen Situation und dafür, wie man sich zur Frühverrentung stellt. Das Problem des Einkommens wird jedoch stark mit symbolischen und relationalen Kriterien verknüpft. Strukturiert ist dies durch die Installation von neuen Sicherungsbedingungen, die langfristig erwartete Verhältnisse außer Kraft setzt. Das Einkommen wird plötzlich wahrgenommen als neues soziales Differenzierungsmerkmal. Immer wieder wird die Frage der Verteilungsgerechtigkeit angesprochen, mit den DDR-Bedingungen verglichen oder ein Bezug hergestellt zu den Altersgenossen und anderen Gruppen der ostdeutschen Bevölkerung. Frau Blum vergleicht mit Blick auf ihre jetzige Einkommenssituation die Bedingungen, zu denen sie in der DDR in Rente gegangen wäre.

Bloß man muß ja auch sehn, daß man sich ja nun damals gewisse Vorstellungen von seinem weiteren Leben gemacht hat, und da war ich finanziell total abgesichert, wir hatten ja die Altersversorgung (1) diese FZR<103> für 'n Staatsapparat und ich hätte 90 Prozent von dem Gehalt dem Gehalt der letzten 10 Jahre bekommen. Und damit hätte ich gut leben können, ich werde sie jetzt sicherlich mit meiner Rentenerhöhung auch haben, bloß jetzt ist es doch ganz was anderes wert, das kann man doch jetzt überhaupt nicht mehr vergleichen. (L2/2/079)

Hier geht es nicht so sehr um die Höhe der Einkommen. Mit dem Verweis auf den ”Staatsapparat“ verbindet sich eine eigene Wertigkeit: ein Anspruch auf Leistungen, die im anderen System erarbeitet wurden, nun aber nivelliert sind. Das gewohnte Leistungs-


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und Belohnungssystem ist nicht mehr mit dem heutigen zu vergleichen. Es kommt zu einer nachträglichen Auflösung von Austauschbeziehungen und Austauscherwartungen.<104> Die Verantwortung für Kompensation nach der Erwerbsarbeit übernimmt das neue System. Die Ruhestandsbedingungen sichern zwar ein Einkommen, doch muß sich erst mit den Parametern auseinandergesetzt werden. Bisherige Leistungsbewertungen entfallen und werden durch neue Kategorien ersetzt. Die Bewertungen schwanken: Einerseits ist man abgesichert, aber trotzdem wurden Erwartungen enttäuscht. Mit den Abstrichen am Einkommen spiegelt sich der erlittene Statusverlust. Die versicherungstechnischen Parameter werden als nivellierend empfunden, weil sie die geringen Einkommensdifferenzen zwischen den Berufsgruppen in der DDR reproduzieren werden. Vergleichsebene sind jetzt die Einkünfte der Altersgenossen aus den alten Bundesländern. Vor allem die Vorruheständler mit einer Hoch- oder Fachschulausbildung vergleichen sich mit den gleichaltrigen Westdeutschen und sehen sich auf der Verliererseite:

A: Mit unserer Qualifikation, die wir hatten, hätten wir sicher einen sehr guten Wohlstand, unter anderen Bedingungen gehabt. Mein Großer hat jetzt mal zu mir gesagt, du mußt dich damit abfinden, unter DDR-Verhältnissen wart ihr gehobener Mittelstand, jetzt bist du an der untersten Grenze und das mußt du eben akzeptieren das ist auch so.
I.: Und wie?
A.: Das fällt mir verdammt schwer, muß ich sagen, ich bin eigentlich jetzt, wie soll ich sagen, ich bin nicht gewillt, sehr viele Abstriche an meinem Lebensstandard zu machen, und die muß ich aber machen.
I.: Müssen Sie machen.
A.: Die muß ich machen, die muß ich ganz gewaltig machen, und das stört mich, das stört mich wirklich. (D1/2/474)

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M.: Die Ungerechtigkeit, die in der DDR bestand (2) durch die Gleichmacherei wird jetzt eigentlich über die Rente fortgesetzt, zwangsläufig. Da wird ja die Rente berechnet auf das (2) Einkommen, das man gehabt hat. ...Wenn ich jetzt das in der Relation sehe zu einem, der die gleiche Ausbildung und die gleichen Aufgaben hatte in Westdeutschland, muß ich sagen, bin ich mir darüber im klaren, mit meinen 1.500 Mark stehe ich relativ zu anderen in der DDR recht gut da. Ich brauche also keine Sorgen haben um meine Wohnung, um mein Essen und so weiter. Aber man vergleicht, wenn ich mich jetzt zu den Westdeutschen vergleiche, bin ich arm. Ich kann eigentlich, (2) sagen wir mal, in meiner Stellung, mit denen absolut nicht mithalten. Ich kann auch meine Bedürfnisse, die ich habe, von meiner Ausbildung her, kann ich damit nicht mehr befriedigen, das ist einfach nicht drin. Ich kann mich kleiden, ich kann wohnen, was viele Bürger der DDR nicht können, jedenfalls zunehmend nicht können, da brauche ich keine Sorgen zu haben. Um meine materielle Existenz brauche ich keine Sorgen zu haben, aber um (3) meine gesellschaftlichen Stellung, die ich mir erworben habe, in meiner ganzen Laufbahn, um meine gesellschaftliche Stellung beibehalten zu können, ist das zu wenig, viel zu wenig, und das ist etwas, was mich sehr ärgert. (M1/2/379)

Herr Maurer schwankt in seiner Bewertung. Er vergleicht sich mit der vermeintlich hohen Berentung eines westdeutschen Ingenieur und mit den ärmeren Schichten im Osten. Es fällt ihm schwer, eine Legitimation für seine materielle Situation zu finden, die auf Dauer trägt. Zu viel hat sich in kurzer Zeit verändert. Er pendelt zwischen Wehmut und dem Gefühl, nach dem Zusammenbruch noch einmal ” davongekommen zu sein“ . Der Staat, zu dem die DDR als positive Alternative aufgebaut werden sollte, alimentiert die Millionen am Arbeitsmarkt Gescheiterten der ehemaligen DDR. Man müsse froh sein, überhaupt etwas zu bekommen. Argumentationsfiguren, wie ”es hätte schlimmer kommen können“ , (GD1/2/142), werden in mehreren Interviews entwickelt. Für Frau Riedel ist es ein Glücksfall, weiterhin relativ abgesichert zu sein, obwohl das Versicherungssystem der DDR nicht mehr besteht:

Natürlich stellt man Vergleiche an, ich weiß, daß es in den alten Bundesländern ganz andere Renten gibt, aber wir können ja hier eigentlich froh sein, daß wir, daß es noch so glimpflich abgegangen ist für uns. (R2/1/023)
Ja also gut, ich seh es ein, daß man uns jetzt mit übernommen hat, daß wir jetzt irgendwie Geld bekommen und wir leben können aber, na ja (2) ich seh schon, daß wir gegenüber Altbundesbürgern denn benachteiligt sind. (R2/1/020)

Das Vorruhestandsgeld wird nicht gewertet als wohlverdient für lebenslange Erwerbsarbeit. Ertragen und verordnete Handlungsunfähigkeit gegenüber der eigenen materiellen Situation wird zu einem Bewältigungsstil. Weit verbreitet dürfte die Erfahrung von Herrn Meißner sein. Sein Vorruhestandseinkommen ist die einzige sichere Einkommensquelle, da seine Frau arbeitslos ist:

Meine 1500 Mark sind ja 'ne gewisse Bank, (2) und deswegen haben wir ja keene Existenznot. Und meine Frau, wenn die jetzt arbeitslos wird, na ja, drei Jahre kommen wir denn auch noch über die Runden.

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Frau Breker arbeitete in einer Behörde. Wenn sie ihre finanzielle Situation betrachtet, wird ihr klar, daß sie und ihre Altersklasse durch das geringes Einkommen zeitlebens die Hypothek für den Zusammenbruch der DDR tragen.

Also ich bin da der Meinung wir zahlen da bis an unser Lebensende dafür, mit 'ner kleineren Rente und so weiter, aber letztendlich haben wir uns damals dazu bekannt und wir bereuen das nicht und manchmal bin ich 'n bißchen traurig aber letztendlich akzeptiere ich das... (FB1/1/042)

Ein anderes Arrangement, nämlich sich auf bestehende Verhältnisse einzupegeln und mit dem Vorhandenen auszukommen, wurde über die bisherige ”objektive“ und ”subjektive“ Erfahrungswelt der Generation vermittelt und erweist sich in Krisenzeiten als stabiles Sicherheitskonstrukt: Die Minimalisierung der eigenen Ansprüche wird als Ressource bei der Herstellung eines neuen Lebensarrangements aktiviert:

Wir haben eben auch in Notzeiten, in Kriegs- und Nachkriegszeiten mit kleinsten Gehältern unser Leben aufgebaut haben, und so sind wir eben sparsamer und überlegen auch mehr und geben nicht so groß aus, ich mein, wir könnten uns jetzt natürlich auch 'ne größere Wohnungseinrichtung zulegen (konspirativ) aber wir haben keine Lust ich hänge an dem Alten, und so weiter und wir sind immer 'n bißchen vorsichtiger.(FB2/1/135)

Das Argument markiert ein Muster von Lebenseinstellung, das nach den Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit überlebensnotwendig war und seine Stabilität bewahrt hat. Typisches Kalkül ist der Rückgriff auf Strategien aus durchlebten Kriegs- und Nachkriegszeiten. Die Bezüge, die sich absehbar an der unteren Einkommensgrenze bewegen werden, relativieren sich bei einem Teil der Befragten durch selbst auferlegte Restriktionen: mit niedrig gehaltenem materiellen Anspruchsniveau, das bei vielen Befragten als stabile Wertorientierung gilt und garantiert, daß man in den unsicheren Zeiten ”über die Runden kommt“ . Deutlich sind aber auch die Einschränkungen, die sich auferlegt werden: Verzicht auf Anschaffungen und Aktivitäten. Andersherum realisiert ein Teil der Frührentner, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, mit den heutigen Vorruhestandsbezügen sein bisher höchstes Einkommen für die individuelle Verfügung.

Zum anderen war ick immer recht anspruchslos gewesen, ick hab 'ne große Familie gehabt und mußte immer sehr bescheiden und genügsam leben, was ick eigentlich jetzt nicht mehr brauche. Alles Geld wird nicht mehr geteilt, sondern ich hab's für mich alleene. Also, ick kann eigentlich tun und lassen, was ick will. Ich komm eigentlich aus sehr, sehr ärmlichen Verhältnissen. Meine Eltern haben bescheiden gelebt, ja, und wir mußten, auch als meine Frau noch lebte und die Kinder noch kleiner waren, sehr bescheiden leben. Ja, und deswegen seh ich da jetzt keene großen Probleme, die vielleicht jemand anders hat. (GD1/2/152)


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Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben die unterschiedlichen Bestandsgrößen und Defizite bei Vermögen zwischen Ost- und Westdeutschland.<105> Die Bedingungen, Eigentum zu erwerben oder Vermögen zu bilden, waren gegenüber der Bundesrepublik in der DDR kaum gegeben.<106> Allerdings werden jetzt die Defizite klar, weil eine solche zweite Säule der materiellen Sicherheit Entlastung schaffen würde. Gemessen an den Werten der bürgerlichen Gesellschaft ist die Absicherungslogik und Vermögensbildung eng gekoppelt an Sequenzen im Normallebenslauf. Vermögensbildung beginnt spätestens ab dem 35. Lebensjahr, wenn man sich - meist der Mann - beruflich etabliert hat. Ab dem 50. Lebensjahr, wenn die Kinder aus dem Haus sind, kann man die Früchte ernten und sogar an die Substanz gehen. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, wie formal die Leitfigur der Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West ist, wenn man sie nur auf Einkommen, Löhne und Transfereinkünfte reduziert. Diese sind nur für den alltäglichen Lebensvollzug, erhöhen aber kaum den Spielraum für die Menschen, in der Gesellschaft zu agieren. ”Diese Ströme sind ‘flüchtig’, denn sie müssen in jeder Periode neu geschaffen werden und bilden als solche keine Basis für einen höheren Freiheitsspielraum eines Individuums. Dies trifft nur auf Dinge zu, mit denen Eigentumsrechte verbunden sind.“ (Thimann 1995: 92) Vermögen hat im privaten Bereich vor allem die Funktion, die eigenen Lebensverhältnisse aktiv zu verbessern, weil Einkommen nicht nur aus einer Quelle bezogen wird. Zudem reduzieren sich beispielsweise bei Wohneigentum die laufenden Haushaltsausgaben. Die Bedeutung wächst, wenn sich das Arbeitsvermögen entwertet hat und wenn sich, wie im Ruhestand, das Einkommen allein aus Forderungen an die Sozialversicherung speist. Sehr ungünstig sind diese Bedingungen auch für aktive Anstrengungen, seine materielle Lebenslage oder die der Kinder zu verbessern, sei es zur Verbesserung der Wohnsituation oder um unternehmerische Aktivitäten zu entfalten. ”Gerade in


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Umbruchsituationen erhöhen diese Vermögensbestände die individuelle wirtschaftliche Sicherheit.“ Sie sind somit ein Prüfstein für ”wirtschaftliche Wohlfahrt“ (Thimann 1995: 93). Hier sind die Vorruheständler mit einem Defizit konfrontiert, daß sozial vermittelt ist durch die Verbindung der eigenen Biographie mit dem ” falschen“ System. Es kommt zu einer im Lebenslauf verankerten Segregation, die gegenüber jüngeren Altersklassen nicht mehr wettzumachen ist.<107>

5.2.3. Familienbeziehungen: ”Man kann das eigentlich alles nur ertragen in einer guten Familie.“

Als Folge des Verlustes der Erwerbsarbeit ist die Einbindung der Betroffenen in soziale Netzwerke vakant. Problematisch ist der Abschied vom Kollegenkreis, besonders für Ruheständler, die alleinstehend sind. Für die ältere Generation bedeuteten kollegiale Verbindungen zugleich auch immer Beziehung zu jüngeren Menschen. Die Betrieb in der DDR war vielfach funktionales Äquivalent zur Familie (Sahner 1995: 16). In den Arbeitskollektiven herrschten oft quasi-familiäre Strukturen (Dölling 1995). Aus der Annulierung dieser spezifischen Beziehungsqualität resultieren besondere Verlusterfahrungen. Ungewohnt ist die auf sich gestellte ”Beziehungsarbeit“ außerhalb des Erwerbslebens. Es fehlen Formen der Beziehungsgestaltung ohne die vermittelnden Arbeitskontakte, so daß langjährige Verbindungen nicht selten abbrechen. Typisch ist das Erleiden von Kontaktverlusten, die problematisch werden, wenn die Lücken nicht durch alternative oder neue Beziehungsformen geschlossen werden können. Eine Frau, die in einer wissenschaftlichen Bibliothek arbeitete, schildert, wie nach Auflösung des Betriebs die Kontakte zerbrachen und jeder begann, sich neu zurechtzufinden.


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Zu DDR-Zeiten haben sie sich denn gefreut wenn 'ne Kollegin noch geblieben ist. Für mich gabs nichts anderes. Ich hatte immer gearbeitet, und das war für mich irgendwie so selbstverständlich. Natürlich, das Arbeiten war manchmal schwer, auf der einen Seite kann ich vielleicht froh sein, das ich da aus der Mühle raus bin. Aber natürlich fehlen die Kontakte, ja man fühlt sich so abgeschrieben, man fühlt sich so irgendwie so in die Ecke gestellt. Wir haben uns denn auch mit Kollegen getroffen, aber das läßt ja auch mehr und mehr nach. Einige sind denn in Rente, noch eine Kollegin im Vorruhestand. Wir treffen uns denn mal, aber natürlich ist denn nachher alles so auseinandergegangen. Und dann sind auch viele jüngere Kollegen, die denn versucht haben, irgendwo unterzukommen, aber im Bibliothekswesen meistens nicht, sie haben dann meistens umgesattelt. (R1/2/268)

Für einen Teil der interviewten Personen erweist sich die Familie als zentrales Feld für die Bewältigung der Anpassungsprobleme. Die Gesellschaft ist so verfaßt, daß der Binnenraum der Familie als Sicherungssystem und Rückzugsfeld potentiell immer verfügbar ist, ja in der Logik des Umbaus Ost präsent sein muß, obwohl die ” Moderne“ eigentlich permanent die Auflösungen traditionaler Strukturen vorantreibt. Daher ist die Bedeutung der Familie sowie intermediärer Strukturen für die Bewältigung des Umbruchprozesses nicht zu unterschätzen: Institutionen sind im Kern Funktionssynthesen und entfalten in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen elastische, polyfunktionale, nicht monofunktionale Mechanismen (Schelsky). Familien können in Wirtschaftskrisen, oder wenn politische Einrichtungen zusammenfallen, die die Versorgung bedrohen, primär ökonomische Leistungen entfalten und Rückhalt bieten. Dies geschah beispielsweise bei der Absprache in der Übergangszeit oder beim Austarieren der Bedingungen des Zusammenlebens. Es scheinen vor dem Hintergrund des Vereinigungsprozesses neue Formen der innerfamilialen Solidarität zu wachsen. Familie erweist sich als letzter Sicherheitsgarant, in die vor allem Frauen ihren Aktionsradius verlagern. Der Wunsch, noch gebraucht zu werden, realisiert sich dann über die Familie, führt hier zu neuen Aufgabenverteilungen. Die Schattenseiten des Umbaus, etwa die Rückverlagerung institutioneller Problemlösungen nach Art der DDR (z.B. öffentliche Kinderbetreuung) in die Familie, fordern den Zusammenhalt über die Grenzen der Generationen.

Das, was ich jetzt als positiv betrachte, die jungen Muttis haben ja auch alle Schwierigkeiten mit ihren Arbeitsplätzen, sie müssen eben entweder voll einsteigen und sie möchten möglichst immer da sein. Und die Kinder dürfen nicht mehr krank werden, und wenn man so als Oma zu Hause ist, dann hat man jetzt die Möglichkeit, der jungen Mutti da bissel unter die Arme zu greifen. (GD 1/2/221)

Gepaart sind die neuen Versorgungsleistungen mit einem Kompetenz- und Statusverlust, ausgelöst durch das Scheitern der Berufsbiographien der Älteren: Praktische Erfahrungen, die auf das Erwerbsleben oder die institutionelle Verfaßtheit der DDR zugeschnitten waren, sind kaum noch gefragt und entwerten sich sehr schnell.


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Auf der Kehrseite entstehen neue Konflikte, beispielsweise mit den Kindern oder deren Familien. Jahrzehntelange Ehe- und Familienbeziehungen stehen so plötzlich, zugespitzt, auf dem Prüfstand der deutschen Vereinigung, weil ihre erprobten inneren Ordnungsmuster abhanden kommen. Eine Konstellation aus den Interviews: Der Ehemann muß sich aus dem Erwerbsleben verabschieden, ist unzufrieden und depressiv, seine Frau findet noch einmal eine Herausforderung im Beruf. Die in der DDR übliche Vollzeittätigkeit war zu Zeiten der Berufstätigkeit oft Barriere für familiäre Kontakte, wie das Zitat dieser Frau belegt. Dafür sind jetzt Freiräume da:

Ich hatte ja früher wenig Zeit, mich um meine Eltern und auch um die Familie meiner Tochter zu kümmern. Na ja, ab und an hatt' ich die Kinder schon mal am Wochenende, oder ich hab' sie mal mit ins Bootshaus genommen. In der Woche war ich ja total ausgelastet, und war auch manchmal ziemlich fertig, wenn ich abends zu Hause war. Also für mich ist der Stellenwert (der Freizeit, H. L.) wesentlich höher geworden. (L2/2/146)

Fehlende Gewißheiten und neue Unwägbarkeiten verbreiten Angst; Familienbeziehungen, in denen Raum für Emotionalität ist, werden so zum letzten Ankerpunkt. Durch abgebrochene Erwerbsbiographien werden aber auch nicht erreichbare Ziele auf die Kinder übertragen. Zu wissen, daß wenigstens sie den Einstieg in die neue Arbeitswelt schaffen, (”Mein einziger Traum ist, daß es meinen Kindern gut geht.“) ist für Herrn Melzer von großer Bedeutung:

Also ich muß Ihnen sagen, wenn das auch noch wäre, (familiäre Probleme, H. L.) na dann könnten wir zumachen, da haben wir überhaupt keine Probleme. Nun weiß man nicht, heutzutage ist es ja so, es kann irgendwas sein, das weeß man nicht, aber das sind die Unwägbarkeiten, die eigentlich im Leben immer da sind. Wenn man davor auch noch Angst hat, dann lebt man ja nur in Angst. Davor sind wir eigentlich auch geschützt, da haben wir ja ein dickes Fell. Wenn ich davon also absehe, muß ich sagen, das ist etwas, was uns unheimlich stützt. Und da wir auch 'n gutes Verhältnis zueinander haben (in der Familie, H.L.),(5) mich berührt das 'n bißchen, kommen wir durch. (M2/1/094)

Der Vorruhestand hat nicht einfach die Bedeutung des selbstverständlichen Übergangs in eine institutionalisierte Lebensphase, sondern wird unter den Bedingungen des verordneten Ruhestands zu einer Herausforderung, bei der es um den ” ganzen Einsatz“ geht: eine Kampfansage, bei der es um ein Davonkommen und Überstehen geht, und bei der die Familie enger zusammengerückt.

Der Austausch mit den Kindern ist für Vorruheständler wichtige, indirekte Perspektive, um an den gesellschaftlichen Veränderungen teilzuhaben und daher Maßgabe für die Beurteilung des Wandels:


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Ich muß mal so sagen, mit der Identifikation jetzt mit diesem neuem System habe ich sehr viele Diskussionen mit meinen Söhnen gehabt, meine Söhne sind sehr realistisch in ihrer Einschätzung und sie sind integriert, ganz schnell, alle beide und haben auch beide begriffen, daß sie dafür eine Menge leisten müssen und ackern auch entsprechend, kann ich also wirklich sagen. (D1/2/336)

Die Vorruheständler stehen zwischen den Generationen, müssen sich selbst erst neu verorten. Oft zu jung und gesund, um selbst Hilfe und Unterstützung zu beanspruchen, aber zu alt für den Erwerbsprozeß, pendeln sie zwischen den Familien der erwachsenen Kinder und der Betreuung der Enkel und, wie Frau Lorenz, der Pflege ihrer greisen Eltern.

Ich bin total im Streß ((lachend)), nein, ich hab nun in sofern bißchen Pech als meine Mutter sehr krank ist. Meine Eltern leben beide noch, sind 83 und 85 Jahre, meine Mutter ist schon seit Monaten im Krankenhaus, und ich besuch sie eben sehr oft. Dann ist immer ein halber Tag weg, oder ein viertel Tag und ich muß mich dann noch um meinen Vater kümmern, der noch allein in seiner Wohnung ist. (Lo2/1/122)

Aus den Interviews geht hervor, daß Vorruheständler, die ohne Partner leben, verstärkt an den Beziehungen zu den Kinder und deren Familien festhalten und versuchen, das Hineinwachsen in das neue Gesellschaftssystem zu unterstützen. Parallel versuchen sie auf dem Heiratsmarkt ihr Glück. Zwei Männer fanden nach 1989 eine Lebenspartnerin, zwei Frauen waren auf der Suche nach einem Gefährten. Die Alleinlebenden bekräftigten in den Gesprächen, daß sie in diesen ”unsicheren Zeiten“ einen Lebenskameraden vermissen.

5.2.4. Freundes- und Bekanntenkreise

Eine wichtige Säule, auf der die Beziehungen zu Freunden und Bekannten basierten, war, wie oben mehrfach angeklungen ist, die Berufsarbeit. Mit dem Ruhestand fallen, wie in den Interviews immer wieder thematisiert wird, diese Verbindungen größtenteils zusammen. Durch die enorm hohe Zahl von Vorruheständlern dominiert im gleichaltrigen Freundes- und Bekanntenkreis der interviewten Personen oft das Schicksal des Arbeitsplatzverlustes und wird so als kollektive Verlusterfahrung erlebt und interpretiert. Die eigene Lebenssituation wird vielfach, gemessen an anderen prekären Lagen, etwa älteren Bekannten mit vakantem Arbeitsplatz oder alleinstehenden Müttern, als eine Bank interpretiert, die ein sicheres Einkommen, freilich auf geringem Niveau bis zur Rente garantiert:

Das gibt da ein Kuriosum dabei, wenn ich mit Bekannten oder Freunden zusammen komme, die jünger sind als wir, die teilweise ihre Arbeit noch haben. Eine Bekannte, die ist jetzt Kurzarbeit Null, die Probleme liegen ja überall. Oder der Betrieb steht kurz vor der Liquidation oder geht Pleite, also es sind ja sehr viele Leute in unsicheren Verhältnissen, und ich sag dann, na ja ich bin ja nun im Altersübergangsgeld, dann beneiden die mich. (GD 1/2/070)

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Die Textpassage verweist auf übergreifende Verunsicherungen und Ängste im Umfeld der Vorruheständler, etwa bei Freunden und Bekannten, die einen Platz im neuen Wirtschaftssystem finden müssen. Vergleichen sie ihre Position mit durch die Arbeitsmarktkrise Betroffenen, fühlen sie sich mit ihrem (materiell) relativ abgesicherten Status nicht selten privilegiert und erleichtert darüber, in den Verteilungskampf um die knappen Arbeitsplätze nicht eingreifen zu müssen. Der gesellschaftliche Wandel ordnet zugleich die freundschaftlichen Beziehungen neu. Die komplexe Ausdifferenzierung der sozialen Struktur dringt weit ins private Beziehungsnetz und wird erlebt als dichotomer Prozeß des Verlusts vormaliger Freunde und des Gewinns von Nähe durch neue Beziehungen. In wenigen Zeilen schildert Frau Dienelt die Dynamik und die Zerreißproben eines solchen Prozesses:

Aber das ist in die Brüche gegangen, die haben ihr Mäntelchen ganz schnell nach dem Wind gehangen. Ich habe sie dann noch mal angesprochen, die haben ja dann, als der Westen offen war, richtige Pläne gemacht, was sie sich nun angucken von Westberlin, Da habe ich damals gesagt, Mensch, ruft doch mal an, dann komme ich mit. Ja, wurde mir dann gesagt, wir haben uns früher auch nicht öfter getroffen. Also das ist alles weg, vorbei, und ich habe da doch sehr drunter gelitten. Aber ich muß sagen, ich habe jetzt neue Bekannte und Freunde, Leute, die also so weitläufig bekannt waren, die sich unheimlich um mich gekümmert haben, und daraus sind eigentlich sehr schöne Sachen entstanden und die, die vorher wirklich im Fahrwasser des Staates mitgeschwommen sind, sind jetzt die dollsten Kapitalisten geworden, sagenhaft, das muß man mal alles verkraften. (PD1/2/300)

Freundschaften müssen unter den neuen Bedingungen aufrechterhalten werden, oder sie geraten durch die soziale Ausdifferenzierung unter Druck, etwa wenn sozial gleichgestellte Freunde oder Bekannte den ”Einstieg“ in das neue Wirtschaftssystem schaffen. Es fällt schwer, mögliche oder entstehende Ungleichheiten in einer vormals weitgehend soziale Absicherung bietenden egalisierten Gesellschaft auszuhalten.

5.2.5. Zeitbudget und Zeitstrukturen: ”Es liegt jetzt praktisch an uns, was wir aus unserer freien Zeit und unserem Leben machen.“

Mit Beginn der nachberuflichen Phase zerbricht das jahrzehntelang bestimmende Zeitregime des Erwerbssystems. Es war Last und Bürde, aber zugleich Koordinatensystem für die übrigen Handlungen, die um das Korsett des Arbeitstages herum und mit ihm verankert waren. Mit dem Verlust der Arbeit verliert auch das bisherige Zeitmaß und die Zeitperspektive seine Gültigkeit. Die Abfolge vergangener und künftiger Ereignisse muß gedanklich neu geordnet werden. In den Interviews wird dieser Umstellungsprozeß im Alltäglichen daher von fast allen Personen problematisiert. Die neuen Beschäftigungen orientieren sich an der eingeübten Struktur des


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Normalarbeitstages. Sie werden auf den Tag ausgedehnt, um ihm seine ” bedrohliche“ Länge zu nehmen. Kontrolle über die Zeit zu erlangen wird zur Entwicklungsaufgabe:

Bis auf die ersten acht Wochen zu Hause also da fiel mir ja nun alles auf’n Kopf, dann hab ich ja jeden Tag meine Mann bekniet, hol die Fahrräder raus. Wir haben zwar ein Auto gehabt, aber mit 'm Auto ist man ja immer so schnell zu Hause. Ja, und mit dem Fahrrad sind wir bis Köpenick oder g150
Erkner oder sonstwo hin gefahren, aber wir haben uns immer Strecken ausgesucht, die möglichst weit waren, wo wir möglichst den ganzen Nachmittag unterwegs waren, daß man eben ein Ziel hatte. (GD 1/2/110)

Für die Organisation des Tages und die Sinngebung ist man selbst verantwortlich. Die Entsagungen der Arbeitsjahre, z.B. Lesen und Reisen, stehen an erster Stelle der Wünsche, aber andere Verpflichtungen wie die Pflege der alten Eltern, die Unterstützung der Kinder, binden sie neu und setzen - vor allem bei den Frauen - heute die Grenzen:

Früher war ja ein offizieller Spruch, Rentner haben niemals Zeit. Und ich hab jetzt gedacht, Wunder was ich für Zeit habe. Ich mach gerne Handarbeiten, ich könnte jetzt soviel Handarbeiten machen und jetzt könnt' ich mal alle Bücher lesen, die ich ja immer nicht lesen konnte, weil ich ja beim Zeitung lesen immer schon vor Müdigkeit eingeschlafen bin. Ich komm einfach nicht dazu. Na ja, und nun kommt noch dazu, daß man eben doch das Alter hat, wo man sich um die Eltern kümmern muß, also ich um meine Mutti. (GD 1/2/038)

Hier sind offensichtlich Freiräume einfach verfügbar, die zugleich mit familialen Verpflichtungen ausgefüllt werden. Wünsche werden weiter formuliert, ihre Realisierung aber hinausgezögert, unter Umständen, weil Realisierungstechniken und -begründungen fehlen. Denn gänzlich frei verfügbare Zeit zu haben ist anscheinend zu abstrakt, hat an sich keinen Wert und wird mit legendärem Charakter umwoben, zumal, wenn die physische Leistungskraft noch vorhanden ist. Freizeit war immer in dyadischer Konstellation zu Erwerbstätigkeit und Pflichterfüllung präsent und dabei stets zu knappes Pendant zur Pflicht. Man mußte sie sich erkämpfen, um sie als kostbar anzusehen. Dieses Muster wird offensichtlich auch in den Ruhestand hinein verlängert. Hinter dem Argumentieren in der Figur ” ich komm einfach nicht dazu“ steht womöglich, daß da noch Wünsche sind, die vielleicht nie erfüllt werden, auch, weil sie viel zu unklar sind. Eine andere Erzählerin übernahm unmittelbar nach ihrer Berufstätigkeit eine ehrenamtliche Funktion, deren zeitlicher Rahmen die Woche bestimmt. In der Leitformel, immer genug zu tun haben, scheint sich für sie der erwünschte Zustand im Ruhestand zu manifestieren:

Und da ist wirklich viel zu tun ... und ich bin im Prinzip immer nur zwei Tage Zuhause, das ist also der Montag und der Donnerstag. An den Tagen renn ich auf irgendwelchen Ämtern rum oder wie heute eben beim Zahnarzt ... also im Grunde genommen hab' ich also genug zu tun im Moment. (D1/1/410)

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Ohne weitere Verpflichtungen, etwa durch Familie und Ehrenamt, schildert Frau Renz in der folgenden Interviewpassage ihren Tagesablauf. ”Der Tag vergeht dann trotzdem“ heißt die Eingangsevaluation für die Beschreibung ihres Tagesablaufs. Die Organisation des Tagesablaufs um das Alltägliche ist für sich ”Arbeit“ . Das, was früher auch Entspannung war, füllt heute den Tag, und muß legitimiert werden. Die täglichen Verrichtungen orientieren sich auf den Haushalt, Kommunikation mit Bekannten, Besorgungen außer Haus oder Ausflüge in die nähere Umgebung. Täglich hofft Frau Renz auf ein Inserat in der Zeitung, von dem sie sich eine neue Tätigkeit verspricht. Einen festen Platz in der Struktur des Tages haben die Medien:

Der Tag vergeht dann trotzdem, da ich bin denn viel unterwegs, eigentlich vergeht der Tag auch, dann schlaf ich 'n bißchen länger. Aber auch nicht richtig lange, na vielleicht so bis 7. Ja, denn steh ich auf, denn mach ich hier das Nötigste im Haushalt, ja und na dann tätige ich Anrufe, daß ich jetzt alte Bekannte anrufe. Oder daß ich mich mit 'ner älteren (ehemaligen, H.L.) Kollegin treffe, daß wir jetzt irgendwo hingehen, dann versuche ich, mich auf Stellen zu bewerben, dann les' ich morgens die Zeitung, ja die Berliner Zeitung les' ich immer. Ja, da steht ja eigentlich 'ne ganze Menge drin. Wenn ich denn das wichtigste gelesen hab', dann ist 'ne Stunde rum, dann guck ich mir die Annoncen durch, ob ich mich dann hier vielleicht noch bewerben könnte und anrufen könnte, oder ich fahr denn bißchen in der Umgebung umher und abends sitz ich dann meist vorm Fernseher, ja und da hab' ich den Tag schon eingeteilt. (S1/2/333)

Von Jüngeren herangetragene Stereotype vermitteln das gängige Schema von der Ruhestandsphase: ausschließlich frei verfügbare Zeit für sich zu haben. Freiräume stehen unter dem Druck von Fremderwartungen, denen man schwer gerecht werden kann, weil damit neue Sinnfindungsprozesse verbunden sind, und weil man nicht gewohnt ist, ein eigenes Zeitregime zu setzen. Es setzt die Betroffenen zunächst unter Rechtfertigungsdruck, sich selbst und Außenstehenden gegenüber:

Die Kinder sagen jetz auch Mensch Opa, jetz haste ja 'ne Menge Zeit, ich mein, stimmt ja auch, den Begriff Zeit zu haben kannte ick ja nicht, solange ick eigentlich gearbeitet habe, der war ja für mich vollkommen unbekannt.... jetzt kann das sogar manchmal nach der anderen Seite ausschlagen, daß man sagt, ach was machste heute bloß. (LA1/2/270)

5.2.6. ”Über“-Aktivitäten: ”Man muß eben was tun, man kann eben nicht zu Hause rumsitzen und warten, daß jemand kommt, da passiert nichts.“

Von den Veränderungen in der Zeitstruktur läßt sich eine Brücke schlagen zu neuen Tätigkeiten und Aktivitäten in der nachberuflichen Phase. Fast alle interviewten Personen versuchten, wieder eine neue Tätigkeit zu bekommen. Die Hoffnung, auf dem Arbeitsmarkt noch einmal Fuß zu fassen, zerschlugen sich jedoch bei allen Vorruheständlern und waren mit bitteren Erfahrungen verbunden. Die Arbeitssuchenden wurden konfrontiert mit den neuen Auslesekriterien am Arbeitsmarkt. Das


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Interviewmaterial zeigt, daß sich die meisten in eine hektische Bewerbungsphase stürzten, um sich das Gefühl zu vermitteln, nichts unversucht gelassen zu haben. Die Erzählpassage von Frau Leibel unterstreicht ihre Aktivitäten. Sie symbolisiert damit zugleich die Strategie des Umgangs mit diesen Erfahrungen. Es war der Versuch, auf unbekanntem Terrain entgegen der objektiven Lebenslaufsteuerung im Sinne von Anschlußversuchen das eigene Kontinuitätsverständnis aufrecht zu erhalten und die Heteronomie der frühen Verrentung zu umgehen. Handlungsmotivierend ist dabei das Fehlen familiärer Einbindung als potentielles Rückzugsfeld. Die Aktivitäten endeten unbefriedigend, werden aber möglicherweise über die Präsenz des Vorruhestands als kollektives Schicksal uminterpretiert. Die negative Gesamtrückschau verknüpft mit einer relativen Gelassenheit, welche in der Eingangsevaluation hervortritt, verdeutlicht den inneren Perspektivenwechsel und kann zugleich als Bewältigungsmuster interpretiert werden:

Ich hab' versucht, noch 'n Job zu finden, das war auch so 'n lustiges Geschäft, ich war wirklich der festen Meinung, bei dem, was ich gemacht hab', was ich gelernt habe, würde es mir leicht fallen, 400 Mark bei irgend einer Westberliner Firma dazuzuverdienen. Und dann hab ich mir immer sonntags so 'ne Morgenpost gekauft, und da sind ja soviel Inserate drin, also, ich habe versucht zu telefonieren, am Montagfrüh, und das ist aussichtslos, nach Westberlin durchzukommen, bis ich dann durch war, war die Stelle immer schon besetzt. Ich habe viel, viel geschrieben, mit allen möglichen Zeugniskopien und weeß ich was, und dann hab' ich mich uff die Socken gemacht. Und bei diesen persönlichen Gesprächen wurde mir ziemlich unverblümt gesagt, daß ich einfach zu alt bin. Als es mir dann immer wieder passierte, und es waren ja durchaus auch seriöse Firmen, und recht hohes Niveau, also ich hab' denn schon gemerkt, daß ich mein Outfit noch hätte ganz schön verändern müssen, um da in so 'nem Büro, selbst als Viertel- oder Halbtagskraft zu bestehen. Na ja, und dann hab' ich die ganze Sache aufgegeben, auch, um nicht immer wieder diese Negativerlebnisse zu haben. (L2/1/191)

Diese Erzählung zeigt, wie der Versuch, die aufkommende Pluralisierung als Aufforderung zu begreifen, auf Widerstände stößt und im Sande verläuft. Obwohl über das Alter mittlerweile in den neuen Ländern ein Selektionsmechanismus für den Zugang zum Produktionsprozeß greift, ist die Erfahrung, für als zu alt eingestuft zu werden, niederschlagend. Der Versuch, auf das westliche Erwerbssystem einzuspuren, scheitert. Hinzu kommen subtile Symbole und Barrieren, wie Kleidung, Aussehen und Auftreten. Sie wirken zwar normativ, sind aber Zeichen von Lebensstil und Selbstverständnis. Ein typisches Handlungsmuster Älterer, die in einer Arbeitswelt agierten, in welcher andere kulturelle Symbolsysteme maßgeben, sind Überforderungsäußerungen und Rückzugsstrategien. Die in der negativ gefärbten Rückschau anklingende Grenzerfahrung der eigenen Möglichkeiten erlaubt womöglich zugleich, einen endgültigen, jetzt selbst gewählten Rückzug aus dem Erwerbsprozeß zu legitimieren


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und ist in dieser Lesart der Versuch, sich vom Verdikt des passiven Rückzugs zu befreien.

Eine neues Tätigkeitsfeld scheint sich für Vorruheständler mit dem Ehrenamt zu erschließen. Beim Gespräch mit einer Frau, die ein halbes Jahr nach ihrer Verrentung eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem gemeinnützigen Verband, der jetzt auch im Osten arbeitet, übernahm und sich dort bereits Anerkennung erwarb, dominierten mehr als die Hälfte des vierstündigen Gesprächs Erzählungen über die neue Tätigkeit, die sie seit einem Jahr ausübte. Problematisch für einen interviewten Mann ist trotz des neuen Betätigungsfeldes, daß er sich nicht ausgelastet und ungenügend motiviert fühlt. Es handelt sich ja auch nicht um Aufgaben, mit denen man schon lange verwurzelt ist und auf die man jetzt seine Aktivitäten verlagert, sondern um neue und ungewohnte Beschäftigungsgebiete, die zwar als Angebot und Herausforderung betrachtet werden, ihm aber auch fremd sind:

Na ja, da kann ich schon wieder was organisieren und so, nicht sehr viel, und da beschränke ich mich auch, weil ich eigentlich sage, da kommt wieder dit Rationale, weil ich sage, also ohne Geld, ..., es fehlt so ein bißchen der materielle, der Anreiz .Nur aus Liebe zur Sache, also ich mache einiges, und das macht mir denn auch Spaß, aber das übertreibe ich nicht aus Liebe zur Sache.... Irgendwo fehlt mir da der Anreiz. Aber da fühle ich mich so 'n bißchen auch noch bestätigt, man kriegt noch eine gewisse Anerkennung. Man merkt, da kommt was zustande, aber damit füllt man natürlich nicht das ganze Loch. (M1/2/505)

Womöglich verbirgt sich hinter dieser Sichtweise auf Tätigkeiten im Ruhestand ein geschlechtsspezifisch männlicher Maßstab, der sich an Rationalitätskriterien orientiert und wesentlich materielle Anerkennung als Endzweck ansieht.

Im ” Freizeitbereich“ überwiegen Beschäftigungen, für die im Arbeitsleben keine Zeit war, z.B. Reisen, Sport. Der Rahmen wird dabei auch vom finanziellen Spielraum gesetzt. Nach lebenslanger Erwerbsarbeit und familiären Einbindungen möchte Frau Lorenz noch tun, was ihr bis jetzt versagt war. Zum Vorteil wird, wenn Relevanzstrukturen außerhalb der Erwerbsarbeit existieren:

Ich hab das nie geglaubt, als ich Vorruheständler wurde, hatte ich unheimliche Angst davor, daß ich mich nun langweilen werde, daß ich nun nicht mehr ausgelastet bin. Aber das ist nun absolut nicht eingetreten, ich bin immer noch in diesem Sportverein jetzt im Vorstand. Da sagen sie immer alle, na, du hast Zeit, du arbeitest nicht mehr, du kannst das alles machen was so anfällt. ((lachend)) Dann bin ich Mitglied in dem Verband Y., das ist der Verband der E., und da unternehmen wir ab und an noch mal was, Wanderungen oder so. Jetzt wollen wir auch mal zusammen verreisen... Und dann kommt meine Tochter und sagt, nimm doch mal die Kinder, ich muß arbeiten. (Lo2/1/127)


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5.2.7. Gesundheitszustand

Aus einer Vielzahl der Gespräche ist für die Übergangsphase eine Zunahme von Erkrankungen zu vermuten. Der Übergang in den Vorruhestand und seine individuelle Auslegung ist sehr eng verknüpft mit dem Gesundheitszustand und dem Auftreten von in dieser Altersklasse gehäuft auftretenden Erkrankungen. In jedem unserer Fälle traten während der Übergangszeit in den Ruhestand bei fast allen Personen psychische und körperliche Beeinträchtigungen auf. Der Stellenwert und die Einbindung von Erkrankungen im Übergangsprozeß läßt sich sehr gut anhand von Einzelfällen nachzeichnen. Häufig treten Herzerkrankungen und Depressionen auf. Beispiele gibt es, wo die Erkrankung aufgrund der Umbruchsituation und der Diagnose der Ärzte schließlich zur Legitimation für den Abschied aus dem Erwerbsleben herangezogen wurde. Erst vermittels körperlicher Leiden wird das Instrument Vorruhestand evident. Ebenso ist zu beobachten, daß der Vorruhestand über verschiedene Umwege dazu genutzt wurde, psychische Beschwerden oder Depressionen in den Griff zu bekommen. Aufschlüsse zur ”sozialen Konstruktion“ verschiedener Krankheitssymptome und deren Stellenwert in der Biographie beim Übergang in den verordneten Ruhestand geben die verschiedenen Falldarstellungen.<108>

5.2.8. Zukunftsperspektiven: ”Die betrogene Generation ist unsere Generation, na ja, wir können ja nichts mehr bewegen.“

Mit dem synchronen Erfahren von Krise und Verlust im Transformationsprozeß werden die Orientierungsmuster für die Zukunft brüchig. An vergangene Ereignisse und Erfahrungen läßt sich oft nicht anknüpfen, das Bewußtsein für die innere Dauer und die ”normale“ Abfolge von Ereignissen ist beschädigt: Vergangene und zukünftige Ereignisse müssen neu aufeinander bezogen werden; diese ”Verbindungsarbeit“ ist Teil der eigenen Verortung im neuen System. Fragen stellen sich: Was ist erwartbar, was kann man einfordern, zu welchen Leistungen ist man noch fähig? Die aktuellen Deutungsmuster der Zukunft sind geprägt von den Erfahrungen der Wendezeit und dem individuellen Anpassungsprozeß mit seinen Belastungen. Das Feld


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Zukunftserwartungen wird in Interviewpassagen thematisiert, die auf zwei Ebenen angesiedelt werden können und sich teilweise überlagern und wechselseitig verstärken:

a) Individuell-existentielle Perspektive

Eine feste Größe ist das Lebensalter als Orientierungspunkt und Vorgabemuster für die eigene Lebensspanne. Mit dem faktischen Eintritt ins Rentenalter tritt das Bewußtsein um die Endlichkeit des eigenen Daseins stärker in den Vordergrund.

Ich bin jetzt schon soweit, daß ich sage, jetzt nur noch so leben, daß ich in den Jahren, die ich zu leben hab, auch noch was von meinem Leben habe und mit dem wenigen Geld, was ich habe, das größtmögliche noch erleben kann.(K1/2/055)

Es wird kürzer geplant. Eigene Grenzen sind gesetzt oder spürbar durch abnehmendes leibliches Wohlbefinden:

Man wird älter, mein Mann wird 62, daß man sagt, jetzt lebt man sozusagen schon auf den Abgang hin, das steht schon in Gedanken da, daß man sich fragt, wie lange noch, wir müssen das jetzt noch genießen, solange wir gesund sind und beweglich, es hat ja auch jeder seine Beschwerden, es könnte ja auch mal schnell Schluß sein. (FB1/2/378)

b) Universelle Skepsis:

Eine weitere, eher dominante Bewältigungsform ist der Rückzug auf eine global-pessimistische Interpretationslinie von Zukunft, in die man sich selbst nicht direkt einbindet und abseits stellt. Ausgangspunkt ist vielfach eine Enttäuschung über Tatsache und Verlauf der deutschen Vereinigung.

Enttäuscht von dieser ganzen gesellschaftlichen Entwicklung (2) ich konnte einfach nicht verstehen, daß kein Mensch mehr, Interesse hatte, hier bei uns, 'n bissel was in Ordnung zu bringen. (L2/1/361)

Frau Lorenz ist unzufrieden, weil die DDR ”aufgegeben“ wurde und die Menschen sich dem westlichen Modell zuwandten. Daraus sollte nicht vorschnell auf eine DDR - Verklärung geschlossen werden. Menschen denken und handeln in ihrem lebenszeitlichen Horizont. Es ist zu bedenken, daß die Generation, die solange in der DDR gelebt und gearbeitet hat, auch eine Haftung spürt für den Mißstand, der untrennbar verkoppelt ist mit dem Lebenslauf. Daher wollte eine Reihe von Interviewten in der noch verbleibenden Zeit bis zur Rente etwas in ”Ordnung“ bringen, als ein Stück ”Wiedergutmachung“. Daher hielten sie eine (zunächst) eigenständige Entwicklung für richtig. Um so größer war die Enttäuschung über die Übernahme des westlichen Modells, die Abwicklung, De-Industrialisierung und Ausgrenzung zur Folge hatte. Demgemäß wird die bevorstehende Zeit interpretiert. In verschiedenen Interviews


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und Textpassagen ist ein umfassender Zukunftspessimismus zu lesen. Dieser knüpft zum einen an die zum Teil existentiellen Zukunftsängste an, wird aber auch gespeist von den bisherigen kollektiven biographischen Erfahrungen. Auffallend häufig werden die individuellen Erwartungen an die Zukunft gegenüber Evaluationen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene zurückgestellt. Der Umbruchprozeß wird verglichen mit der Nachkriegszeit und den Aufbaujahren:

Insofern gibt 's schon Parallelen, nur war in der Zeit nach 45, die allgemeine Atmosphäre, glaub ich, noch 'n bißchen positiver, weil die Leute oder zumindest die, mit denen ich als Kind zu tun hatte, meine Eltern und deren Freunde und Bekannten, die waren sich eigentlich klar darüber, daß man ganz gewaltig was machen muß, damit es so irgendwie bergauf geht, und jetzt, na ja, seh' ich das eigentlich nicht mehr so. (L2/2/008)

Frau Leibel meisterte die Nachkriegszeit und gründete darauf einen Teil ihrer Identität. In die heutige Zeit des Neuanfangs hat sie keine Hoffnung, da es an der notwendigen Einstellung unter den Leuten mangele. Auch hier ist die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Situation an den lebenszeitlichen Horizont gebunden. Eine Aufbruchatmosphäre wird, anders als 1945, als das Leben neu begann, nicht wahrgenommen. Heute befinden sich die Vorruheständler außerhalb der Gesellschaft. Hinzu kommen ebenso Befürchtungen wegen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch Ängste vor wachsender ” Brutalität und Gewalt“ in der Stadt, die als Verlust von Lebensqualität hervorgehoben werden und den eigenen Lebensrhythmus verändern:

Man traut sich ja jetzt nicht mehr auf die Straße, ich fahre abends nicht mehr mit der Bahn, ich fahre nur noch mit meinem Auto. Das ist doch kein Leben, und da habe ich echt Angst. Früher hatte ick Bedenken, und ick konnte mir das rational ausmalen, aber jetzt, dit is nischt mit rational, ich erkenne das Rationale und habe aber persönliche Angst, die ich früher nie kennengelernt habe. (M1/2/211)

Die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse auf dem ” Treck“ haben sich bei einer Interviewpartnerin tief eingeprägt und sind daher in ihrer Erzählung gegenwärtig. Für sie ist der Krieg die gesellschaftliche Katastrophe schlechthin, an der alle denkbaren Krisensituationen gemessen werden und sich in der Zukunft orientiert wird:

Ich habe immer wieder gesagt, es kann so schlimm kommen, wie's will, in jeder Beziehung soll werden was will, Hauptsache, es kommt keen Krieg. und das sagen viele in unserer Generation. Ja, egal, was auf uns zukommt, und mag's uns vielleicht auch noch mal beuteln, Hauptsache, es kommt keen Krieg. Hauptsache, davon werden wir bewahrt, und jeder, der das mitgemacht hat, sagt, alles, bloß das nicht mehr. Und seh ich das eigentlich auch, wenn wir das verhindern können, haben wir schon viel erreicht. (GD2/1/059)

Ein Erklärungsmuster für die heutige Entwicklung - in der Semantik des Klassenkampfes - fußt offensichtlich, wie die folgende Passage zeigt, in einer, vor allem in den 50er Jahren in der DDR als Legitimation der eigenen Ordnung vermittelten


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traditionellen uniformen Kapitalismuskritik, vor allem, wenn die sozialen Probleme der Gegenwart interpretiert werden. Eine Vielzahl von Interviewpartnern sehen Parallelen zwischen der Schimäre des Kapitalismus aus den Lehrbüchern und der heutigen Situation als Folgen der Vereinigung: Pluralisierung, Desintegration, Arbeitslosigkeit, das Abhandenkommen von Ordnung und dem damit verbundenen Niedergang von Strukturen und Beziehungen. Folglich wird die kommende Zeit pessimistisch bewertet, in der alles ”noch viel schlimmer“ wird:

Ich will hier keine Zukunftsprognosen machen, aber das wird noch mal schlimm, das wird in Deutschland mal sehr schlimm werden, für mich nicht mehr, da seh ich keine Gefahr mehr, die Gefahren werden sich in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren ergeben, und hier kommen wir eigentlich an den Marxismus wieder ran, unwiderruflich, ja, die gesellschaftlichen Widersprüche nehmen immer mehr zu, und die sind nicht mehr lösbar, die sind weltweit und die werden noch viel schlimmer werden. (GD 1/2/347)

Die Zukunftsbetrachtungen deutet auf ein Mißtrauen gegenüber der Politik und den Institutionen des neuen, demokratischen Staatswesens. Das könnte auch mit den zunächst hohen Erwartungen an den Umbauprozeß zusammenhängen, die dann in Ernüchterung umschlugen. Einen Grund für den relativ langen Bestand sozialistischer Herrschaft in modernen Gesellschaften sieht Dahrendorf darin, ”daß sie besser war als der Totalitarismus vor ihr“ (Dahrendorf 1992: 139). Das ist nicht zu unterschätzen, denn Menschen denken bei der Beurteilung ihrer Lage immer verhältnismäßig. Schließlich gewährte der ”administrative Zentralismus eine bestimmte Untergrenze der Sozialexistenz für alle Bürger“ (Dahrendorf 1992: 139). Welzel (1995: 84) vermutet aufgrund des Lebens in einer vereinheitlichten und zentralistischen Staatsordnung einen Wunsch der Ostdeutschen nach Egalisierung, verbunden mit hohen Erwartungen an das politische System. Dahinter verbirgt sich vermutlich ein Legitimationsdefizit der neuen Institutionen, zurückzuführen auf die Problemstaus im Korridor der deutschen Vereinigung. Die Ordnung der DDR beruhte auf anderen ideengeschichtlichen Wurzeln. Infolgedessen löst sich die politische Kultur im Osten nicht so einfach auf. In sozialisationstheoretischer Perspektive ist von einer ”längerfristigen Prägung politischer Grundwerte“ (Welzel 1995: 84) auszugehen. Augenscheinlich gibt es im Osten ”Beharrungstendenzen im Grundwertebereich“ , um so mehr bei Menschen, die unfreiwillig aus dem Erwerbssystem ausscheiden mußten und denen die


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Auseinandersetzung mit der neuen Ordnung fehlt.<109> Ostdeutsche Bildungsschichten stünden demokratischen Prinzipien immer noch distanziert gegenüber. Am weitesten entfernt ist die zur älteren Generation gehörende Intelligenz als ” Verlierer“ der Einheit (Bürklin 1995). Diese These kann im einzelnen nicht nachgeprüft werden. Die Sichtweisen auf die Zukunft lassen vermuten, daß der Glaube an eine geregelte demokratische Gesellschaftsordnung, der immer zwangsläufig verbunden ist mit individuellen Handlungsräumen und Lebensperspektiven, in dieser Altersgruppe in der Tat schwach ausgeprägt ist.

5.2.9. Fazit

In diesem Abschnitt ging es um eine erste Bestandsaufnahme der Lebenssituation der Vorruheständler im Übergangsprozeß und der sich verändernden sozialen Umwelt. Ausgangspunkt war die Vermutung, daß die Bereiche der Lebensführung die zentralen Felder bei der Auseinandersetzung mit dem Lebenseinschnitt sind. Beim Übergangsprozeß zeichnen sich drei kurz aufeinanderfolgende und ineinander verschachtelte Phasen ab: a) Umbruch in der DDR, Enthusiasmus, sich noch einmal einbringen; b) Öffnung der Mauer, Vereinigungsvertrag: Vorruhestand. Umgehen mit der Maßnahme; c) Ankunft im Ruhestand. Die erste Phase beginnt mit Öffnung der Mauer und den sich überschlagenden Ereignissen. Am Beginn standen die Hoffnungen darauf, daß sich nach Jahren des Stillstands und der Lethargie die Gesellschaft verändert. Die älteren Beschäftigten rechneten sich noch Chancen aus, an der Umgestaltung mitzuarbeiten und ihr Können sowie ihre berufliche Position zu nutzen. Vorruhestand war eine Option, jedoch hielten sich die Übergänge in Grenzen. Die Vorruheständler waren weiterhin Betriebsangehörige, und es war vorgesehen, ihre Bezüge mit der Entwicklung der Einkommen zu verbinden. Durch die Dynamik der Ereignisse im Jahre 1990 kam es im Oktober des Jahres zur deutschen Vereinigung. Im Einigungsvertrag wurden die Bestimmungen des Transfers der Basisinstitutionen festgeschrieben. Ein Eckpfeiler war die Installation der Konkurrenzdemokratie und damit der Umbau des Wirtschaftssystems. Die Vorruhestandsregelungen wurden


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verändert, auch für die unter der Modrow-Regierung aus den Betrieben ausgeschiedenen Beschäftigten. In dieser zweiten Phase kam es zur Schließung von Betrieben, zur ” Abwicklung“ von Institutionen und zu Warteschleifenregelungen für die Mitarbeiter. Die mit dem Einigungsvertrag aufgelegte Altersübergangsgeldverordnung wurde zur automatischen Option für alle über 55jährigen Mitarbeiter. Problematisch waren auch die kurzfristigen halbjährlichen Verlängerungen, die eine Ausstiegsplanung über den Zeitraum eines halben Jahres hinaus verwässerten. Zudem waren die Überlebenschancen der Betriebe und Einrichtungen sowie die Strategien von verantwortlichen Personen und entsprechenden Hierarchien undurchsichtig. Der Austritt wurde zum Vabanquespiel. In diesem Abschnitt der erzwungenen Entscheidungen hatten die Betroffenen den Übergang für sich auszufechten. Die dritte Phase beginnt mit der Ankunft im Ruhestand. Betrachtet man den Übergangsprozeß und die direkte Konfrontation mit den Ausgliederungsregeln, so zeigt sich, daß innerhalb kurzer Zeit ein Umschwung eintrat. Es ging für die Betroffenen vor allem um die Auseinandersetzung mit der Verordnung und um das Verabschieden von nicht eingelösten oder falschen Erwartungen aus der Zeit nach 1989. Schon hier zeichnen sich verschiedene Strategien der Auseinandersetzung mit der neuen Konstellation ab. Es existieren institutionelle Übergangsbedingungen für den Vorruhestand, aber an der Art und Weise der Ausgliederung wird deutlich, daß der verordnete Ruhestand die notwendigen Initationsmuster außer Kraft setzt. Die Subjekte sind für den Übergang schließlich selbst zuständig (und schaffen es gerade noch, den ”Resturlaub zu nehmen“). Emotional belastend ist es, mit der Heteronomie der Frühverrentung umzugehen. Die Institutionalisierung der Übergangsbedingungen sind eine Seite, abschätzen können, was sein wird, die andere. ”Erwartungsunsicherheit“ legt deshalb das ”abwartende Festhalten an bekannten Problemlösungen“ nahe (Czada 1994: 262). In diesen Fällen wird meist auf herkömmliche und begrenzte Handlungsmuster zurückgegriffen.<110> Die Subjekte entwickeln eine eigene Strategie der Einstellung auf neue Sachverhalte ”‘in der Auseinandersetzung mit einer dynamisch verändernden Umwelt’“.<111> Neue Orientierungen entstehen und verfestigen sich in Kombination von situativen und strukturellen Handlungserfordernissen, vorrangig, wenn ”Erwartungen über bestimmte


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Handlungsfolgen enttäuscht werden“ (Czada 1994: 251). Dabei ist zu vermuten, daß es in erster Linie um Defensivstrategien der Betroffenen geht. Da die ganze gesellschaftliche Ordnung betroffen ist, werden die Bindungen an die Gesellschaft insgesamt berührt und teilweise in Frage gestellt, vom Sportverein bis in den Nahbereich des privaten Umfelds und der Familie. Alle Institutionen und Netzwerke stehen auf dem Prüfstand der deutschen Vereinigung. Aus der Konfusion, dem Problemstau und dem ”Dilemma der Gleichzeitigkeit“ (Offe 1991) von Veränderungen resultieren Verunsicherungen und Ängste. Die Veränderungen bewirken ”neue Wahrnehmungsmuster und Präferenzanforderungen bei den betroffenen Akteuren“ (Czada 1994: 250). In dieser Umbruchsituation können die Gegebenheiten meist nur noch ”hypothetisch“ entziffert werden. Dabei ist ”die situative Kompetenz nicht grenzenlos ..., sondern in einem spezifischen Erfahrungshintergrund eingebunden.“ (Czada 1994: 251). Die Betroffenen können beispielsweise nicht in Alternativrollen wechseln, etwa in die berufliche Selbständigkeit, weil ihnen naturgemäß Erfahrung und Kompetenz fehlen. Unter dieser Einengung erfassen die Akteure nicht die sich ergebenen Chancen; die Wahrnehmung von Möglichkeiten wird eher eingeschränkt oder verhindert. Das Anpassen auf neue Verhaltensmuster im Gefolge veränderter Problemlagen verläuft zögernd. Auf ein Leben im Ruhestand umzuschalten fällt deshalb nicht leicht, weil man sich diesen Übergang unter anderen Bedingungen vorgestellt hat. Die Vorruheständler entwickeln in ihrer biographischen Rückschau Deutungsmuster vor dem Hintergrund ihrer Lebens- und Berufsverläufe in der DDR, ihren Wendeerfahrungen und des Arbeitsplatzverlustes und eine spezifische Logik der Auseinandersetzung im Vereinigungsprozeß. Hinter den Wahrnehmungs- und Denkmustern steht oft das Verlangen nach Respekt vor Geschichte und Tradition der DDR und der Biographien. Abwehr und Ängste breiten sich aus, weil wenig oder nichts ”eigenständiges“ eingebracht werden kann und die neuen institutionellen Bedingungen als übermächtiges Gebot wahrgenommen werden, die nur schwach legitimiert sind. Verordneter Ruhestand schließt ein, daß ein Großteil der Integrationsleistung dem Subjekt überantwortet wird und hier wiederum eigenständige, vielfach in der Logik bisheriger sozialer Erfahrung stehende Wahrnehmungs- und Handlungsmuster hervorgebracht werden. Der verordnete Ruhestand im Vereinigungsprozeß erzwang die


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Neuorientierung in verschiedenen Bereichen der privaten Lebensführung mit einer Vielzahl neuer Herausforderungen. In der biographischen Thematisierung müssen die Betroffenen Übergänge bewältigen und Verbindungen herstellen, wo zunächst nur Diskontinuitäten und Verlusterfahrungen auszumachen sind: durch Berufsverlust, Statusverlust, Änderungen im Wertesystem der Gesellschaft, körperliche Einschränkungen, Abbruch des Erwartbaren. Kaum gelingen kann dies, wenn sich an Mustern und Anforderungen der aktuellen Leistungs- und Erwerbsgesellschaft orientiert wird. Produktiv ist beispielsweise, auf Relevanzsysteme auszuweichen, die relativ autonom gegenüber der Erwerbsbiographie entwickelt wurden. Es überwiegen defensive Absicherungsstrategien und Optimierungsstrategien.

Ein zentrales Feld, das immer wieder angesprochen wurde, betrifft die materielle Absicherung. Berücksichtigt man die schlechten Arbeitsmarktbedingungen und fehlende Subsistenzmöglichkeiten im Umbruch, wird deutlich, wie stark die Vorruheständler trotz der erzwungenen Verrentung auf dieses Instrument der sozialen Absicherung angewiesen sind und wie sie damit in die Defensive gedrängt werden. Die Versorgung aus den Rentensystemen nach festgelegten Größen, die Arbeitsmarktsituation und das Alter bedeuten, daß die Leistungsempfänger in Zukunft kaum noch etwas tun können, um ihre Einkünfte zu verbessern oder um ergänzende Quellen zu erschließen. Es gelingt zwar eine materielle Grundsicherung, jedoch nicht automatisch eine Erwartungsstabilisierung zukünftiger Lebensbedingungen. Zum Beispiel werden Ansprüche heruntergeschraubt, oder, aus Angst vor nicht bezahlbaren Mieten in kleinere Wohnungen umgezogen. In dieser Absicherung durch Rückzug spiegeln sich Erfahrungen dieser Generation mit Notlagen der Nachkriegszeit wieder: durch die Aktivierung von Strategien aus durchlebten Kriegs- und Nachkriegszeiten oder die Verlängerung ihrer Handlungsmuster in den Ruhestand hinein. Grunderfahrungen der Knappheit werden zur Ressource. Diese Subsysteme von Sicherheit und Stabilisierung werden zum größten Potential beim Umgang mit der Unbestimmbarkeit zukünftiger Lebensbedingungen. Die Strategien verweisen auf die Unerfahrenheit und das Mißtrauen im Umgang mit den neuen sozialen Spielregeln einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft. Der Zukunft wird daher vorzugsweise mißtraut. Eine große Anzahl befragter Personen zieht sich auf epochale Krisenbefunde zurück. Sie akzentuieren neue Bewußtseinszusammenhänge, die beispielsweise Erfahrungsschätze durchlebter Krisen aktiviert und in die Gegenwart hinein verlängert werden. Aus diesen


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Gründen ist die Legitimität der neuen institutionellen Ordnung schwer zu vermitteln, weil sie gemessen wird an den produzierten Einschnitten, die als dauerhafte Krisensymptome ausgelegt werden. Diese Bewertung vermittelt sich mit der Lebensperspektive insgesamt. Die Menschen denken und handeln in den Horizonten der Lebenszeit. Neue Rückzugs-, aber auch Konfliktfelder eröffnet die Familie. Familiale Beziehungen stehen auf dem Prüfstand, erweisen sich aber teilweise als flexibel, in dem sie partiell neue Aufgaben und Funktionen ausfüllen. Abstimmungsleistungen und Auseinandersetzungen in den Familien, zwischen Ehepartnern, mit den Kindern sind notwendig. Gelingt dies, entstehen neue Sicherheitsanker. Unter den Bedingungen des Systemwechsels und der Kumulation von sich überlagernden Lebensschwierigkeiten an einer fortgeschrittenen Position im Lebenslauf bekommt sozialstaatliche Absicherung zwangsläufig eine abgewandelte Bedeutung. Sie ist zunächst nur institutionelle Hülle und erzeugt in der Bearbeitung von sozialen Risiken neue Schwierigkeiten, die auf der Ebene der alltäglichen Lebensführung gelöst werden müssen. Dabei ist der Vorgang widersprüchlich: Unübersehbar sind die desintegrativen Momente dieses Vorgangs hinsichtlich verschiedener Lebensbereiche und der Sozial- und Herkunftsbindungen. Hingegen vermitteln die Vorruhestandsbedingungen Mindestsicherung, eine Position in der Gesellschaft, um die jüngere Altersgruppen ringen müssen und das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. In der Übergangszeit dominiert die Selbstverortung und Selbstversicherung in einem sich wandelnden System. Spärlich hingegen sind die institutionellen Vorgaben durch die Gesellschaft. Die sozialstaatliche Institution Vorruhestand als gesellschaftlicher Regulationsmechanismus steht auf breiter Front quer zu den eingelebten Normalitätsauffassungen ihrer Adressaten. Nachdem der Umgang mit dem Vorruhestand anhand verschiedener Themenfelder, die in den Interviews fast durchgängig zur Sprache kamen, dargelegt wurde, wechsele ich nun die Analyseebene. Im nächsten Abschnitt veranschauliche ich typische Muster des Übergangs in den Vorruhestand vor dem Hintergrund der Lebensgeschichten.

5.3. Übergänge in den Ruhestand: Falldarstellungen und eine Typologie von Übergangsmustern

In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, daß sich hinter dem versicherungstechnisch homogen erscheinenden Vorruhestand sehr differenzierte, aber typisierbare Verlaufsmuster des Übergangs in den Vorruhestand bestimmen lassen. Es ist davon


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auszugehen, daß sich erst durch den Vermittlungsmechanismus objektiver Lebensumstände und subjektiver Momente Auskunft geben läßt über die Wirkung von Verrentungsmaßnahmen. Entscheidend ist, daß die Wirkungen dieser Maßnahmen nur zu verstehen sind vor dem Hintergrund der Bedingungen und Entscheidungen der früheren Lebensgeschichten. Im Ergebnis können aufgrund der Falluntersuchungen der Lebensgeschichten drei Typen des Übergangs in den Ruhestand vorgestellt werden, die jeweils repräsentiert werden von verschiedenen Untertypen. Diese Typenbildung hat vor allem heuristische Funktion. Die Fallbeispiele machen deutlich, daß es trotz der theoretischen Verallgemeinerung von Handlungsmustern innerhalb der Muster verschiedene Ausprägungen gibt, die das Besondere im Allgemeinen sichtbar machen.

5.3.1. Typ Umwege

5.3.1.1. Typ Verzögerung: Falldarstellung Werner Leitz

Vorspann: Zustandekommen des Gesprächs

Herr Leitz war beim Zustandekommen des Interviews sehr kooperativ. Er erklärte sich ohne Umschweife zu einem Gespräch bereit. Als er einen ursprünglich verabredeten Termin nicht einhalten konnte, sagte er per Brief rechtzeitig ab und hielt sich darüber hinaus ”selbstverständlich zur Verfügung“. Der Gesprächstermin wurde schließlich per Telefon vereinbart. Zunächst wurde der Interviewverlauf genauer unter die Lupe genommen. Am Telefon, zur ersten Absprache über das Treffen, erlebte ich eine feste, aufgeschlossene Stimme. Ich hatte den Eindruck, daß sich Herr Leitz auf das Interview freute. Er empfing mich am Fahrstuhl im ersten Stock, da er befürchtete, ich könnte seine Wohnung nicht finden. Das Interview fand in seiner Zweizimmerwohnung statt, die er allein bewohnt. An dieser Stelle soll vorweggenommen werden, was in der Eingangserzählung zutage tritt. Werner Leitz ist zum Zeitpunkt des Interviews seit sieben Jahren verwitwet. Diese Tatsache soll im Verlauf der Fallentwicklung noch zur Sprache kommen. Die Wohnung befindet sich im sechsten Stock eines zehngeschossigen Hochhauses einer Neubausiedlung. Sie besteht aus zwei kleinen Zimmern, einer Küche, Bad sowie kleinem Korridor. Herr Leitz hatte gerade seinen Mittagsschlaf beendet und war ausgeruht und mitteilsam. Während er Kaffee kochte, entspann sich eine lockere Unterhaltung. Werner Leitz schien innerlich gut vorbereitet. Um die Initiative zu ergreifen, auch um einen Zeitpunkt zu finden, das Bandgerät


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einzuschalten, leitete der Interviewer zum Erzählanstoß über. Herr Leitz nahm die Erzählanregung auf und entwickelte, beginnend bei der Kindheit, seine Lebensgeschichte.

Einstieg: Nachvollzug der biographischer Stationen

Am Anfang steht die Analyse der chronologischen biographischen Stationen, dem tatsächlich Erlebten. Die Daten erschlossen sich jeweils aus der Gesprächsaufzeichnung. Das Ziel bestand darin, in den Fall durch die Nachzeichnung des Lebensverlauf ”einzusteigen“. Hieraus ergeben sich erste argumentativ begründete Strukturhypothesen und Fragen an den Fall. Diese werden im nächsten Abschnitt mit der erzählten Lebensgeschichte kontrastiert, überprüft und gegebenenfalls ergänzt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Erzählweise, der Interaktion zwischen Interviewer und Befragten sowie den Widersprüchen im Erzählten. Der auf diese Weise ermittelte biographische Verlaufstyp wurde in Beziehung zur Art und Weise des Übergangs in den Ruhestand gesetzt. Hier sind differenzierte soziale Kontexte, die Neuorientierungen der Biographen verlangen, zu vermuten. Dieser Typ war dann im Feld direktiv bei der Suche - per Fallvergleich und -kontrastierung - nach alternativen Typen.


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Daten zum Lebensverlauf von Herrn Leitz

1932

aufgewachsen mit der Mutter als Einzelkind in Vogtleben bei B.-Stadt, Mutter ist Näherin

1938

Einschulung; Vater Polizeibeamter

1945

Flucht nach Mecklenburg

1947

Bäckerlehre in der Nähe des Heimatdorfes; Vater kehrt aus derGefangenschaft zurück

1950-1952

Berufsfeuerwehr

1956-1960

Umschulung zum Stahlbetonbauer im Süden der DDR

1961-1967

Betonwerk Hauptstraße, Schichtdienst

seit 1967

Betonwerk Weißensee, Dreischichtarbeit

1967

Nierenkolik, Blasenentzündung

1979

Wohnung in B.-Stadt

1985

Frau an Krebs erkrankt

1987

Frau verstorben

1987

Frau per Annonce kennengelernt

1991

Erkrankung

1992

Altersübergang

Kindheit

Herr Leitz wurde 1932 in einem kleinen Dorf östlich und in der Nähe von B.-Stadt geboren. Die Mutter arbeitet als Näherin in einer Fabrik in B.-Stadt. Der Vater meldet sich 1938 zum Polizeidienst und wird zu Beginn des Krieges Soldat. Somit wächst Herr Leitz ohne Geschwister bei der Mutter auf. 1938/39, mit sechs oder sieben Jahren, noch vor dem Krieg, kommt Werner Leitz zur Schule. Die Grundschulausbildung bekommt er im Ort oder ganz in der Nähe des Dorfes. 1945 flüchtet er mit der Mutter nach Mecklenburg. Das Heimatdorf bei B.-Stadt wird zunehmend von Kampfhandlungen bedrängt. Mit 13, schon sehr wach und aufnahmebereit, erfährt Herr Leitz die Misere von Vertreibung und Flucht: Entbehrungen, schlechte Wohnverhältnisse, Hunger, Unsicherheiten über das Ziel der Reise und was sie dort erwartet, Angst vor den fremden Truppen, und davor, wie sich das Ende des Krieges für sie gestalten wird. Fragen stellen sich: Können sie nach Hause zurück, was ist mit dem Vater, Familienangehörigen, Freunden usw.? Hinzu kommt, ob er es will oder nicht, das Verantwortungsverhältnis für seine Mutter.

Berufswahl - Überlebensstrategie und Sackgasse

Da Herr Leitz 1947, mit 15, eine Bäckerlehre im Heimatort beginnt, sind sie nach der Odyssee wieder zurückgekehrt. Die Lehre zum Bäcker deutet darauf hin, daß ganz pragmatische Gründe den Ausschlag gegeben haben. Bei dem herrschenden Mangel an Nahrungsmitteln wäre die Versorgung für Mutter und Sohn gesichert. Obwohl es sich


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nicht um den Traumberuf handelt, ist dieser Entschluß vor allem dadurch hinreichend legitimiert. Außerdem sind die Möglichkeiten im Dorf sicher nicht sehr groß, um einen Beruf zu erlernen. 1947, nach neun Jahren Abwesenheit, kehrt auch der Vater, wahrscheinlich aus westlicher Gefangenschaft, zurück. Herr Leitz ist zu dieser Zeit fast erwachsen; als der Vater ging, war er noch nicht einmal in der Schule. Dem Vater fehlt ein großes Stück Entwicklungsgeschichte seiner Familie, was ihn wahrscheinlich in die Defensive drängt. Möglich, daß er, krank und nicht mehr arbeitsfähig, nur noch schlecht im zivilen Leben Fuß faßt. 1950 meldet sich Herr Leitz zur Berufsfeuerwehr. Gerade fertig mit der Lehre, ergreift er die Chance, sich zum erstenmal dem Einfluß der Familie zu entziehen. Es gelingt Herrn Leitz gleichwohl nicht, sich dauerhaft aus dem Heimatdorf und dem wenig geliebten Beruf zu lösen. Nach zwei Jahren, 1952, jetzt zwanzigjährig, kehrt er zurück. Anscheinend haben sich in der Zeit bei der Feuerwehr auch keine Alternativen ergeben. Es liegt die Aufgabe vor ihm, sich erneut mit den Verhältnissen im Heimatort zu arrangieren. Immerhin hat er durch den Dienst in der Fremde etwas Abstand gewonnen. Eine Möglichkeit in diesem Alter wäre gewesen, sich zu verheiraten. Dies gelingt offenkundig nicht. Zwischen seinem 20. und 24. Lebensjahr ist kein konkretes Datum seiner Entwicklung zu erfahren. So liegt nahe, daß Herr Leitz nach der Zeit bei der Feuerwehr in die alte Backstube zurückgekehrt ist.

Ablösung I

1956 verläßt Werner Leitz seinen Heimatort. Mit 24 Jahren beginnt er eine Umschulung zum Stahlbetonbauer im Süden der DDR. Mittels einer einschneidenden Veränderung sucht er eine Kurskorrektur seines bisherigen Lebensweges. Sehr entgegen kommt ihm die Aufbau- und Industrialisierungswelle in der DDR. Hinzu kommt der in allen Bereichen herrschende Mangel an Fachleuten. Werner Leitz geht in eine artfremde Branche. Flexibilität ist gefordert, und das ist eine Ressource, die er einsetzen kann: die Bereitschaft, Altes aufzugeben und Neugier und Lust aufs Ungewisse. Er geht in einen Bauberuf und läßt sich dort ausbilden, wo ein Zentrum der DDR-Energiewirtschaft gegründet wird. Herr Leitz bleibt nach der Umschulung weiter dort. Warum? Möglich, daß er sich erst in seinem Beruf vervollkommnen will. Vielleicht mußte er sich verpflichten, am Ort zu bleiben. Denkbar auch, daß er dort privat Fuß fassen will, sich der Entschluß aber nicht verwirklichen läßt.


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Rückkehr und Neuaufbau: Private Leerstelle

Schließlich kehrt Werner Leitz zurück. Er beendet seine verspäteten ”Wanderjahren“ und geht 1960, mit 28, ein Jahr vor dem Bau der Mauer, in sein Heimatdorf bei B.-Stadt zurück. Arbeit findet Herr Leitz in einem Betonwerk in B.-Stadt. Die Vermutung liegt nahe, daß er abermals bei den Eltern unterkommt. Dies scheint zunächst wie ein Rückschritt im Leben. Dennoch: Er war in der Fremde, hat einen neuen, anerkannten Beruf, der ihm gefällt und in dem er Bestätigung fand. Dazu kommt eine finanzielle Unabhängigkeit. Obwohl er wieder bei den Eltern lebt (die vielleicht froh sind, den Sohn wieder bei sich zu haben), veränderten sich die Konstellationen. Da er in B.-Stadt im Schichtdienst arbeitet, also mindestens zwei Stunden Fahrzeit aufbringt, ist er selten daheim. In dem Betrieb bleibt er bis zu seinem 35. Lebensjahr, also bis 1967. Er wechselt in ein anderes Betonwerk. Der Bauberuf hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Das industrielle Bauen ist auf dem Vormarsch, der Ausbau von B.-Stadt als Hauptstadt beginnt. So dürfte es für Herrn Leitz keine Schwierigkeit sein, eine andere Arbeitsstelle zu finden. Im gleichen Jahr laboriert Herr Leitz an einer Blasenentzündung und eine Nierenkolik. Sieben Jahre fährt er täglich mit dem Motorrad von Vogtleben nach B.-Stadt. Das zehrte an der Gesundheit. Hinzu kamen die Unregelmäßigkeiten des Schichtdienstes. Ein Hemmnis dürfte der lange Fahrtweg gewesen sein, der sich noch einmal durch den Arbeitsstellenwechsel verlängert. In B.-Stadt hatte er keine Wohnung. Vielleicht war er unzufrieden mit dieser Situation. Allerdings schien er bereit, sie zu erdulden.

Ablösung II

Über seine Heirat ist aus dem Interview kein Datum zu erfahren. 1979, beim Bezug der Neubauwohnung in B.-Stadt, das sei aus dem Kontextwissen hinzugefügt, bezieht Werner Leitz mit seiner Frau die neue Bleibe.<112> Herr Leitz ist mittlerweile 47 Jahre alt.


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Da solch eine Wohnung nicht von heute auf morgen vergeben wird, muß er den Antrag schon viel früher gestellt haben. Wahrscheinlich geschah dies Anfang der siebziger Jahre und fällt mit der Heirat zusammen. Widersprüchlich: Einerseits arbeitet er seit 1956, also 23 Jahre in Betrieben, in denen Teile neuer Wohnungen hergestellt werden, andererseits muß er fast fünfzig werden, um selbst eine eigene Wohnung zu bekommen. Mit dem Umzug nach B.-Stadt vollzieht er auch die Ablösung vom Elternhaus. Dies zeigt nur: Herr Leitz kann aushalten und warten.

Wendungen und Wende

1985 erkrankt seine Frau. Zwei Jahre später stirbt sie. Nach dem Tod der Frau setzt er seine Arbeit kontinuierlich und mit vielleicht noch mehr Intensität fort. Im gleichen Jahr lernt Werner Leitz per Annonce eine Frau kennen. Das nächste zeitgeschichtliche Ereignis ist die Wende 1989. Dieses Datum wird von Herrn Leitz nicht ausdrücklich erwähnt. Als nächste biographische Station ist 1991 eine heftige Erkrankung festzuhalten. Herzrhythmusstörungen isolieren ihn 6 Monate vom Arbeitsleben. Schließlich wechselt er 1992 mit 60 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand.

Vorläufiges Fazit und Fragen

Bis jetzt näherte ich mich dem Fall, indem die Lebensgeschichte anhand biographischer Daten nachgezeichnet und interpretiert wurde. Die Wende erzeugte für Herrn Leitz die Bedingungen zur Annahme einer sozialpolitischen Regelung, die selbst wieder Ergebnis der Wende ist. Vorruhestand wird hier die Brücke zur Entlastung von Körper und Seele, aber auch Angebots- und Positionierungsfeld. Für Werner Leitz lassen sich dabei zwei Phasen orten. Zunächst nutzt Herr Leitz die betriebliche Chance, im Beruf zu verbleiben. Er hat zwar vom Alter her die Möglichkeit, in den Vorruhestand zu gehen. Aber dieser Pfad wird nicht wahrgenommen. Vorstellbar auch, daß er diese Aktivitäten deshalb entfachte, um diese Variante gezielt zu umgehen. In der zweiten Phase zwingen ihn massive körperliche Beschwerden im 59. Lebensjahr in die Schranken. Das, was er verhindern wollte, wird nun in der dritten Phase zum Ankerplatz: der vorzeitige Ruhestand. Um zu genesen, in eine Balance zu kommen, muß er den Vorruhestand nutzen. Es ist eine Alternative zur Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit macht nur Sinn, wenn er dadurch


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in die Reserve für den Arbeitsmarkt kommt und sich Chancen für einen Wiedereinstieg in den Beruf ausrechnen kann. In seinem Alter und unter den Verhältnissen im Osten undenkbar. Das Instrument Vorruhestand ist für Werner Leitz eine soziale Brücke in die nachberufliche Zeit. Vorruhestand wird zum Auffangnetz für einen, der zunächst noch einmal durchstartete. Gleichzeitig bietet der Ausstieg aus dem Erwerbsleben die Chance zur Genesung. Anhand der erzählten Lebensgeschichte und des Gesprächsverlaufs soll nun genauer untersucht werden, inwiefern die oben benannten zwei Phasen zustande kamen. Hauptgesichtspunkte sind die Determinanten der Motivations- und Handlungsstruktur von Herrn Leitz im Umgang mit der gesellschaftlichen Wende und den betrieblichen und privaten (Familie, Leib, Alter) Veränderungen. Da der Berufsbiographie eine zentrale Rolle zuzukommen scheint, soll diesem biographischen Strang, wenn es um die Vorerfahrung geht, genauer nachgegangen werden. Interessant ist auch die Ausleuchtung seiner familialen Biographie, zu der die biographischen Rahmendaten zunächst wenig aussagen. Aus welchen Motiven nahm er die lange Zeit als Pendler auf sich? Welchen Stellenwert haben für Herrn Leitz die Ereignisse der Wende? Welchen Weg schlägt er ein, um eine Balance zwischen äußeren Bedingungen und eigenen Möglichkeiten herzustellen? Sind Muster für seine Lebensgestaltung im Vorruhestand erkennbar?

Die Gestalt der Erzählung

Trotz der Länge soll zur Veranschaulichung die erste Passage des Interviews, die Eingangserzählung, geschlossen wiedergegeben werden. Aus der Analyse des Textes ist der Aufschluß über die im vorherigen Abschnitt aufgeworfenen Fragen als Resultat der Auslegung der biographischen Rahmendaten zu erwarten:


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L.: Ja, die Schwierigkeiten mit den Russen, das hat sich so eingeprägt. Mein Vater war Polizeibeamter zu Nazizeiten und wurde 1938 zu einer Übung eingezogen wie man damals sagte, wissen se, wann er wieder zurückkam, 1947. Ich bin also mit Mutter alleene uffgewachsen und zwar in Vogtleben, das ist hier im östlichen Vorort von B.-Stadt (1). Und Krieg, Angst vor Bombenangriffen, der erste, der im Keller war, wenn irgendwas los ist, war ick, also unheimlichen Schiß als na ja 10jähriger. Mit 10 Jahren ging es ja los 42, da gab’s ja was wenn B.-Stadt was abkriegte. Die Flucht, die endete eben da oben in Redefin/Gößlow, ja dat war damals der Sitz von Gauleiter Hildebrand, dem Gauleiter von Mecklenburg, dit hab ick mir noch gemerkt ick hab das aber danach, obwohl ick motorisiert bin seit, sagen wir mal, seit den 60er Jahren, nie jepackt, irgendwie mal da hoch zufahren, ja und jetzt och nicht. Nun ist det so, det hieß ja denn wieder zurück, ihr könnt hier nicht bleiben, na ja und denn unterwegs die Russen, das Fahrrad weg die Russen, die Armbanduhr vom Arm gerissen und dit sind so, mußte zusehen wie meine Mutter vergewaltigt wurde und det sind so Dinge, die haben sich so eingeprägt und dann wenn zu DDR-Zeiten jemand kam mit hier mit deutsch-sowjetische Freundschaft und so wat, det wollt ich nicht, und da hab ich zwar im Betrieb keene Schwierigkeiten gehabt, man ging darüber hinweg, wobei ich niemanden dit erzählt habe was ich Ihnen jetzt hier erzähle, das hätte man mir zu der Zeit schwer übel genommen, ganz gleich wie. Noch dazu kam denn ja eins, wo ich denn nun Bäcker lernte, nur Bäcker aus dem Grunde weil es ja nach 45, 47 ging die Bäckerlehre los, weil es ja nichts zu essen gab. Das war so ‘ne Art Notberuf, denn Vater und Mutter wollten, daß ich mal wenn alles glatt gegangen wäre, ‘ne Art kleene Beamtenlaufbahn einjeschlagen hätte, denn so schlecht war ich nicht in der Schule, aber das Niveau der Schule hat sich ja nun nach 45 genauso drastisch für den Schüler verändert wie det ja vielleicht in der Jetztzeit ist. Die Wende zwischen DDR und jetzt real existierendem Kapitalismus, um das mal so zu sagen. Nun war det so, der Beruf Bäcker als Notberuf, der hat erst mal Muttern mit ernährt, indem es Brot gab und och mal ‘n Stück Kuchen, und dann kam man an und für sich gut zurecht, bloß das war für mich nicht das Richtige. Erstmal dat frühe uffstehen nachts um dreie, und denn ging das ja durch den ganzen Tag und denn war das och damals so ’ne Art, wie soll ich mich da ausdrücken, das war so ‘ne Streßbäckerei. Die Bauern aus der Umgebung und die kleenen Dealer, die alle Getreide ernteten, die brachten det, da war die Bäckerei, und da war die Mühle, det war in H.- dorf, Kreis S.-leben, dat ist da also auch Richtung Osten. Und die brachten das Getreide, und denn hieß dat immer das Umtauschbrot, dit war eine Kreuzung zwischen Schwarzbrot und Weißbrot, det wurde angmass gebacken, und det ging den ganzen Tag über und immer feste weg und zu Feiertagen Wochenende drüber. Wissen se, da hat mir dann der ganze Berufe keene Freude jemacht.
Und da kamen Verwandte von meiner Mutter, ‘ne Nichte die wohnten bei N.-stadt, also da unten im jetzigen, würde ich das als Niederschlesien bezeichnen früher war dat hier Bezirk Dresden und die meinten na hier, S. wird da groß aufgebaut und so weiter, willste dich nicht umschulen lassen und kommste raus aus dem scheiß Bäckerberuf raus. Ich sagte, los, nu fängste noch mal von vorne an. Na ick nun den Stahlbetonbauer erlernt von der Picke auf, aber in drei Schichten, und ick bin einer derjenigen, der een zweisprachigen Facharbeiterbrief hat, haben Sie so etwas schon gesehen, nee, zeig ich Ihnen ((Herr Leitz steht auf, Geräusche im Hintergrund)) (3) in einem geordneten Haushalt muß ich dat ja finden (4) hier sehn se mal, das ist ein zweisprachiger Facharbeiterbrief . Das ist Deutsch und obersorbisch (2) und der Mentor war ein Tscheche, ja das Tschechische und das Obersorbische gleicht sich in der Sprache, ja die können sich wunderbar verstehn, aber verstehn könn sich nicht obersorbisch und Polnisch, dit geht nicht.
I.: Das ist eigenartig, für uns als Außenstehende sind die Unterschiede eigentlich nicht so deutlich
L.: Das muß man och mal sagen, das ist das gute, wenn Sie meinen, Sie kommen zu mir. Denn kann ich Ihnen dat viel ausführlicher darstellen und och belegen als wenn ich jetzt dorthin bestellt werde, da würde mir einiges vielleicht och entfallen, ich würde einiges och vergessen und so und, das sollte ja nicht sein

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I: Das ist Ihnen ganz angenehm hier so zuhause
L: Ja ja, ich weeß nicht, wie die anderen Mitstreiter darüber denken, oder ist das hier nun een Einzelfall
I: Nee, die alle wollen gerne zu Hause sitzen
L: Sehn se, und so ist mir dat och.
I: Mir ist das eigentlich auch angenehm.
L: Ja ja, und vor allen Dingen ist, daß ick seit der Wende gegenüber allen Fremden und auch Außenstehenden mißtrauisch geworden bin, weil ich ja nun alleine bin und es gab auch böse Erfahrungen wie hier mit der Türklingelei und so weiter, also wenn da eener sich nicht vorher anmeldet per Telefon und sagt, ick komme denn und denn ungefähr in der Zeit, ich meine plus minus ‘ne Stunde sagt man ja immer, ick laß keenen rin, und ich habe dann natürlich och versucht, mir die Wohnungseingangstür so dichte zu machen, daß ick also ‘ne gewisse Sicherheit habe, wobei ich sagen muß, ich bin noch mächtig gebrannt durch Autoklau und so weiter, und da ist man natürlich doppelt und ist schon zu DDR-Zeiten, dat war natürlich hier uff den riesigen Parkplatz och ‘ne Katastrophe
I: Und war nicht zu überblicken da.
L: Jeht nicht und det geht auch gar nicht zu überblicken insofern weil (2) wenn sie drei Schichten arbeiten und sie kommen jetzt eenmal früh Montag runter und der Kofferraum vom Wartburg ist aufgebrochen, war dat een Schock zu DDR-Zeiten und wenn sie hier unten een Golf mit Kofferraum zu stehen haben vor der Haustüre und sie kommen früh runter und hinten ist ihnen die Scheibe die kleene Scheibe eingeschlagen das heißt ein Vento ist det und das Radio fehlt das ist noch nen größerer Schock und denn sind das sogar Russen gewesen deswegen meine Antipathie gegen alles det wat russisch ist.
I: Aber scheinbar...

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L: Das ist so, (...) immer sind das die Russen, die Russen waren es och, die den Wartburgkofferaum aufgebrochen haben, die Staatsanwaltschaft, die jetzige Staatsanwaltschaft, hat mir det nun jetzt bestätigt, daß das sowjetische Bürger waren, die allerdings jetzt nicht mehr hier im Lande sind. Beim letzten Ding, nicht wahr, da komme ich nicht mehr mit (...) die haben nämlich det (8) ich will nicht davon reden, daß das die russische Mafia ist, aber das sind ja schon mafiose Methoden, weil det ja nun hier im vergangenen Jahr stattgefunden hat, nicht nur bei mir. Stückchen weiter sind dit insgesamt fünfe gewesen, die innerhalb eener Nacht hier und det hat sich nach 45 in dem ausgeräumten und zerstörten Vogtleben da draußen schon abgespielt (3) det hat mich irgendwie geprägt. Wobei ich sagen muß, ich bin mir zwar als Deutscher bewußt, daß, wenn ick och Kind damals war, bin ick trotzdem mit Schuld, so sagt man. Ganz kann ich die Schuld am Krieg und so weiter sowieso nicht ganz nachvollziehen, weil ick mir sage, wat wurde denn mit deutschen Menschen gemacht in Ostpreußen Pommern und Schlesien (2) wissen se (1) meine Frau war Ostpreußin und wenn die und ihre Geschwister angefangen haben zu erzählen (2) da war alles aus, wat die erlebt haben. Gut, das ist alles so mehr oder weniger so ‘n innerer Zusammenhang. Ja und diese ganze Geschichte, Umschulung vom Bäcker auf Stahlbetonbauer, das ist natürlich een großer Hops, den man da macht, aber den habe ich nicht alleine gemacht, den haben (2) zig Leute gewagt. Andere sind och vom Bäcker übergewandelt zur Nationalen Volksarmee oder sagen wir zur Kasernierten Volkspolizei und haben da ‘ne gewisse Karriere erlebt, nicht wahr. Und dieser Beruf Stahlbetonbauer hat mich an und für sich befriedigt, da hab ich Spaß dran gehabt, aber ich wollt da unten in der Lausitz nicht bleiben, weil ja hier diese Großplattenwerke in B.-Stadt och gebaut wurden, das erste war an der K.-straße das zweete in der H.-allee, denn bot sich Weißensee an. War ick also erst dort ab 61, ja, vom 6. September an in der K.-straße und 67 bin ich auf eigenen Wunsch uff Grund mir det Klima in der Hauptstraße nicht gefallen hat. Det war mir (2) det haben wir och zu DDR-Zeiten schon gesagt, war mir zu rot, det war mir zu rot, und da suchte man Freiwillige im Betonwerk in Weißensee also da bin ick dahin gegangen auf der Basis allerdings in drei Schichten. Da lebte ich noch in Vogtleben, habe mich aber bemüht um ‘ne Wohnung in B.-Stadt. Da hab ich 7 Jahre uff diese Wohnung hier jewartet det ist ‘ne wie man, sagt ‘ne AWG-Wohnung. Und wissen se, det war denn och mehr oder weniger een Schock ich mußte 7 Jahre warten, wir bekamen im Februar 1979 die Schlüssel (3) und durften am 2. April 1979 einziehen. Da war denn alles soweit, und denn hab ick gestaunt und gehört aus dem Werk Weißensee oder überhaupt aus dem damaligen Kombinat waren die meisten, und det war alles een bißchen so, wie man eben sagte, die mit dem Parteiabzeichen hatten gewisse Vorrechte. Det ham wir aber alles geschluckt, det war egal, aber hinterher stellte sich dann heraus, ick hab über die Partei und ick hab über die Gewerkschaft. Und die, die eben nicht drin waren, det waren eben sozusagen die Dummen und die mußten eben büßen. Insofern, denen wurde das immer wieder beiseite geschoben.

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Wenn ich heute jung wär und hätte den Elan den ich zur damaligen Zeit hatte, denn würde ich mich für ‘ne Eigentumswohnung sofort entscheiden. Ick hab das och als ‘ne Eigentumswohnung betrachtet. Demnach ist es aber nun im heutigen real existierenden Kapitalismus nun keene Eigentumswohnung, nun is es so. Da war meine Welt insofern in Ordnung seit 79 (2), ja Wohnung (1) Auto (1) Mutter lebte noch in Vogtleben, die mußte so nebenbei noch bißchen versorgt werden, das lief alles so wunderbar und denn kam 86 im Frühjahr der Schock mit meiner Frau. Wir waren, ick muß mal sagen, wir haben gut zusammen zueinander gepaßt, wir haben uns gegenseitig ergänzt, sie hat hier in der K. gearbeitet, ich mußte drei Schichten machen, damit hat sie sich abgefunden von jeher, dit lief. Tja, mit einmal starke Blutung und die Feststellung Krebs im fortgeschrittenen Stadium, und det war 86, 85 ging das los, 86 war sie ja überwiegend zu Hause ab und zu mal im Krankenhaus F. und wieder in K. und 87 war denn Schluß, und seitdem bin ick eben alleine. Dat war mit das Bittere, wenn man denn so dasteht (...). Da war immer noch der gewisse Trost, Mensch, Du hast ja immer noch Deine Arbeit, bist abgelenkt det ging alles, aber diese Trendwende, DDR-Zeit, wissen Se und jetzt Bundesrepublik, det hab ich schwer gepackt und da hab ick selber auch so gelitten. Mensch, Du bist alleene, wie wirst Du denn das alles packen, Wohnung, bezahlen, Auto noch halten, die Arbeit behalten, alles Dinge die in der Schwebe waren und wo keener wußte, wo geht dat denn hin, ja und wo geht es lang. Also det war für mich ‘ne schreckliche Zeit, und dit ging mir, das muß ich immer wieder sagen, nich alleene so. Und denn kam det noch dazu, gut der Betrieb ansonsten existiert ja noch, Du hast ja noch Deine Arbeit. Aber eines Tages wirst Du ja aufgrund Deines Alters so oder so rausjeschmissen. Das war also schon der Grundkonsens, der sich bei mir festgesetzt hatte. Ja det resultiert mehr oder weniger auch dahinaus, da ich mich während meiner Freizeit zwar nicht mit dem Fernseher verheiratet habe, aber ick hab, wenn’s geht politische Sendungen durch und durch gesehen, damals. Wir wurden ja einjestrahlt, wir haben das ja hier alles prima empfangen und da war ich von jeher dabei und da war ick so ’n bißchen wenn meine Kollegen immer sagten oh: jetzt öh: Bundesrepublik. Wartet erst mal ab, was wird. Du siehst ja alles schwarz. Heute, wenn ich mal welche treffe, sage ich na und na ja (2) Een halbes Jahr war ick denn krank, hab ick irgendwie mit dem Herzrhythmus zu tun gehabt. Det is mir wohl irgendwie, alles hab ick mir wohl zu sehr zu Herzen genommen, wie man so sagt. Wirklich, det war denn, da war es aus. Det war im Sommer 1991 bis Ende 1991, denn während dieser Zeit habe ich mich schon bemüht, in den vom Staat angebotenen Altersübergang zu gehen. Und wissen se, det war für mich das Gute, da hab ich das erste Vierteljahr och gedacht, wirst du det alles anhand der ganzen Unkosten schaffen. Das ist ja nicht nur, das man leben will, ist ja in erster Linie die Miete, dann kommt ja das Licht, soll ich Ihnen das alles aufzählen Sie wissen es ja bestimmt selber. Kommt man denn damit zurecht, was man hier als Altersübergangsgeld bekommt oder kommt man nicht zurecht. (2) Det waren 92, zu Anfang war det ((Geräusche, Papier raschelt, Herr Leitz sieht in seinen Unterlagen nach)) (6) verflucht wenig (7) in der Woche 270 Mark netto das Ruhestandsgeld. Also, da mußte ick ganz schön knabbern und rechnen, damit ick och ja über die Runden komme. Außerdem wollt ick ja nun mein Auto, das war ja damals noch mein Wartburg, wollte ich ja unbedingt och halten, weil ich gerne rausgefahren bin. Und Wartburg und Lada waren ja zu DDR-Zeiten Autos, mit denen man sich ohne weiteres, man hat eine gewisse Bequemlichkeit, wir waren zufrieden. Wobei ick davor auch Trabant gefahren habe, da war ich genauso zufrieden, nicht wahr. Ick hab gedacht, wird das jut gehen, wird das jut gehen, und damals bezahlte ich ja schon erst zu DDR-Zeiten 83 Mark fuffzig Miete und denn ging ja die Steigerung los, denn kam ja gleich das Dreifache nicht wahr. Und dann blieb das noch mit den Telefongebühren, denn lief das noch mit den Rundfunk- und Fernsehgebühren und so allmählich steigerte sich das Altersübergangsgeld, steigerte sich Gott sei Dank auch so, daß ich also sagen kann seit, na anderthalb Jahren und so weiter, muß ick sagen, wie man auf deutsch sagt, na rutscht mir mal alle den runter, jetzt ick hab ‘nen gewissen Lebensstandard und den übertreib ick nich, ick trinke nicht, das einzigste Laster, was ich habe, daß ick ab und zu mal ‘ne Zigarette rauche, ab und zu mal zwee dreie, und ansonsten versuche ich meine Wohnung hier instandzuhalten, hier in Ordnung zu halten und hab eben die Ute, hier die Partnerin und die hat nun een kleenes Wochengrundstück im Walde da unten im Süden, so und dann läuft dit, und dann hab ich die Seniorenuniversität und och ‘nen Bekanntenkreis, der nicht aus der beruflichen Seite, sondern aus der Seite noch existiert, die langen Jahre eben in dem

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Nest Vogtleben zu wohnen, aus dem ich unbedingt damals raus wollte. Denn dit is det abgelegenste Nest nach der Hölle gewesen, also ick hab noch gesagt, in Mecklenburg is es besser, die wissen genau, da kommt dreimal am Tag een Autobus. Aber in dem Nest, wer da keen Fahrzeug hatte, der war uffgeschmissen zumindest mußte er een Fahrrad haben, und so ist es auch heute noch. Denn von Vogtleben nach L.- dorf mußte man ja erst mal 4 km mit dem Fahrrad fahren, um die S-Bahn zu erreichen, nicht. Oder man lief durch ‘nen Wald ‘ne dreiviertel Stunde zur Straßenbahn, die von L.- dorf fährt (3) so lief det und deshalb ging dieses Bestreben, eine eigene Wohnung in B.-Stadt zu bekommen, näher an den Arbeitsplatz zu kommen. Det war ja hier aufgrund der S-Bahn, die hier vor der Haustür hält und Weißensee war in 45 Minuten erreichbar, bei drei Schichten wobei, ick zu bundesrepublikanischen Zeiten schon nicht mehr die S-Bahn benutzte, ick bin nur mit dem Auto gefahren, weil ick mir gesagt habe, ach, wat soll das, für wen und wat soll ich denn nun noch hier Reichtümer aufhäufen oder sparen oder sonst irgend was machen. So is det also nun mehr oder weniger is det die Vorgeschichte (1/1/23,7).

Geschlossen wiedergegeben wurde der Beginn des Gesprächs mit einer Länge von etwa 25 Minuten. Für Herrn Leitz ist zunächst der zeitlich und thematisch offene Erzählanstoß zur Lebensgeschichte Beweggrund, am Beginn seines Lebens einzusetzen. Die Eingangserzählung entwickelt Herr Leitz fast chronologisch und endet mit der Schilderung seiner gegenwärtigen Situation. Unterbrochen wird sie lediglich durch die Idee von Herrn Leitz, das Gesprochene durch Urkunden und Dokumente zu veranschaulichen. Er schließt zunächst ab mit dem Signal, daß das fürs erste die ”Vorgeschichte“ wäre. Für ihn ist klar, das jetzt noch weitere Fragen kommen und er bedeutet sein Entgegenkommen, auf diese eingehen zu wollen.

Sicherheit und Bedrohung

Das Erzählte ”darstellen und belegen“ scheint ihm sehr wichtig, wie sich im weiteren Verlauf des Gesprächs noch herausstellen wird. So präsentiert er zur Veranschaulichung seiner beruflichen Laufbahn Fotos, Urkunden auch Auszeichnungen. ”Warum soll ich denn damit hinterhalten, ich war ja nun mal DDR-Bürger“, und ”als DDR-Bürger hat man eben gewisse Medaillen“ ist sein Erklärungsweg, auch vor dem Hintergrund laufender Debatten um die Vergangenheit der DDR. Für ihn waren und sind Auszeichnungen der Gradmesser für sein Engagement in seinem Beruf, so eine Anerkennung für Verdienste im Berufswesen. Immerhin bildete er Generationen von Lehrlingen aus. Daher war er selbstverständlich in der Gewerkschaft<113> (”ohne den FDGB ging doch nun mal nischt, man konnte doch nun mal nicht sagen du bildest Lehrlinge aus und bist noch nich mal im FDGB“, 1/2/12,5). Diese Argumentationslinie


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erklärt sich genauer aus dem Kontext des Interviews. Als er über seinen beruflichen Werdegang erzählte, kramte er nach Erinnerungen. Dabei fielen ihm auch die Auszeichnungen in die Hände. Diese haben natürlich rückwärtig einen starken Bezug zur politischen Ordnung in der DDR und ihren Institutionen, welche allesamt in der Kritik sind. Er sammelt diese aber in einem Ordner mit Fotos über seine Arbeit, Dokumentationen von technologischen Abläufen, Zeitungsausschnitten. Sie sind für Werner Leitz keine Stilisierung der Vergangenheit, sondern haben einen starken Bezug zu seiner Lebenstätigkeit als Bauarbeiter. Wir erkennen in dieser Form der Auseinandersetzung mit der Biographie eine lineare Assoziation. Sie ist bestimmt vom hohen Bedeutungsgehalt und einer Selbstverständlichkeit, die er seinem beruflichen Tätigkeitsfeld zuweist. Diese These soll im Fortlauf der Falldarstellung noch einmal aufgegriffen werden. Jedenfalls kommt Werner Leitz entgegen, daß das Interview in seiner Wohnung stattfindet. Das Gespräch begreift er als Kooperation und es beinhaltet für ihn anscheinend die Aufforderung zur präzisen Dokumentation, durch die er nichts in Vergessenheit geraten lassen will. Er liefert noch eine weitere Begründung. Für ihn hätten die Bedrohungen von außen zugenommen. Er wäre deshalb mißtrauisch gegenüber ”allen Fremden und Außenstehenden“. Die ”Russen“ sind für Werner Leitz eine zentrale Bedrohungsfigur. Bereits die lebensgeschichtliche Erzählung beginnt mit dieser Beklommenheit und wird mit der Schilderung über ”Schwierigkeiten mit den Russen“ eingeleitet<114>. Hier pflegt Herr Leitz in seiner Biographie kontinuierlich und facettenreich ein eigenes Feindbild, gegen das er sich mit Verweigerung seiner Mitgliedschaft in der Freundschaftsgesellschaft wehrte. Die Russen identifiziert er durchgehend mit Bedrohung und Verlust. Er stützt damit sein Mißtrauen gegen eine nicht zu überblickende Außenwelt, das jeher, allerdings verstärkt in Krisen und Umbruchzeiten, hervortrat.<115> Verfolgen wir nunmehr genauer die Berufsbiographie von Herrn Leitz.

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Spuren der Verzögerung: ”Der Betrieb, det war für mich der liebe Gott.“

Zentralen Stellenwert erhält der berufliche Verlauf durch die Plazierung und Gewichtung im Gesprächsverlauf. Bei Herrn Leitz wird nachvollziehbar, in welchem Maße die berufliche Tätigkeit mit dem Aufgreifen gesellschaftlicher Gelegenheiten korrespondiert, etwa um sich beruflich zu verändern und in welcher Art und Weise seine Erwerbstätigkeit Ankerpunkt und Steuerungsmedium für die gesamte Biographie ist. Einmal entscheidet er sich mit einem radikalen Schnitt für den Abschied vom pragmatisch ergriffenen ”Notberuf“ des Bäckers. Wichtig ist es Herrn Leitz zu erwähnen, daß er diesen Schritt ”nicht alleine gemacht“ hat. Vielen Mitgliedern seiner Generation boten sich in den fünfziger Jahren Möglichkeiten ”einer gewissen Karriere“. Zum anderen wird recht deutlich, daß er diesen Schritt nicht bereut hat. Der Beruf hat ihn von Anfang an ”befriedigt“ und er hat ”Spaß dran gehabt“. Anscheinend verband sich mit der damaligen Entscheidung von Herrn Leitz ein geringes Level an normativen Erwartungen an die neue Tätigkeit. Zunächst zählte nur der Wechsel aus dem Beruf. Denn zugleich verließ er seinen Heimatort und verbrachte sein Leben auf Baustellen und Gemeinschaftsunterkünften. Er tut dies in einer Phase, wo es für seine Altersgruppe anstand, eine Familie zu gründen.<116> Erzählanstöße bekommt Herr Leitz während er dem Interviewer Fotos aus der oben erwähnten Mappe mit Erinnerungsstücken zeigt. Auf einem Bild befindet sich unter anderen der damalige sowjetische Parteichef Chrustschow, der von einer DDR-Delegation durch eine Bauausstellung geführt wird. Unter dieser ist sein ehemaliger Chef und späterer Staatssekretär:

Der hat mich an und für sich da unten in H. auch mit geprägt, indem er Wert gelegt hat, recht viel Leute für den Bauberuf als Stahlbetonbauer im Wohnungsbau zu interessieren, der hat mich geprägt, der hat also selber mal mitgefahren ‘ne Schicht ... das ist eine Durchsetzungsfähigkeit gewesen, die Schnauze, die mußte man haben, sonst, in so ‘ner großen Halle, wenn Sie da, wie das bei mir zu Hochkonjunkturzeiten war, 14 Lehrjungs hatten und 10 Facharbeiter, und das lief auf ‘ner Strecke Innenwand und auf ‘ner Strecke Außenwand, und det alles zu überschauen, und noch dazu zwee Kranfahrer, also da mußte man schon.

Fernab ideologischer Fixierungen gelingt es Herrn Leitz, die große Politik des Aufbaus Sozialismus in seinen Nahraum einzubauen und von der ihr anhaftenden Abstraktheit zu befreien. Sein Geschäft war, sich im Arbeitsprozeß durchzusetzen, Verantwortung wahrzunehmen. Er als Brigadier ”mußte ja in erster Linie dafür sorgen, daß der Plan erfüllt wird“ (1/2/8,6). Diese Strategie der Entmystifizierung des Arbeitslebens in der DDR ist sicher nicht unwesentlich beeinflußt von dem oftmals gängigen Schema der undifferenzierten Abwertung seit der Wende. Sie ist deshalb auch als ”Gegenmaßnahme“ zu lesen. Zugleich vermittelt Herr Leitz, wie stark er einen erwerbszentrierten Wertekanon assoziiert. In der Zusammenschau der Textsequenzen erzeugt sich mosaikartig ein tragfähiges Bild der Integration von Berufstätigkeit in die Biographie, das sich aus dem unerschöpflichen Reservoir der Begebenheiten und Konflikte des Arbeitsprozesses zusammensetzt.<117> Er selbst benutzt die Strategie der Mystifizierung und universalistischen Erhöhung: Zu seinem Betrieb hat er

25 Jahre lang gestanden,...,dit war für mich ... der liebe Gott, dit Kombinat, deine Arbeitsstelle, die hab ick in Ehren gehalten, ick hab keine Fehlstunden gemacht, ich hab mich nie mit meinem Vorgesetzten anlegen brauchen über belanglose Dinge, wir haben uns nur angelegt, wenn es um Planerfüllung ging und sonstige Dinge, Qualität und det und jenes, da gab es natürlich och Auseinandersetzungen, die waren schon manchmal ganz hart (2/1/8,7).

Vor diesem Hintergrund soll versucht werden zu klären, wie Herr Leitz den Ablöseprozeß vom Arbeitsleben im Gespräch plaziert. Bevor ich mich jedoch dem Übergangsprozeß in den Ruhestand zuwende, soll noch auf eine andere biographische Sequenz eingegangen werden. Auf eine immanente Widersprüchlichkeit beim


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Wohnungswechsel wurde bereits verwiesen (siehe Abschnitt 2.6.). Der Stellenwert dieses Ereignisses erschloß sich jedoch erst durch die systematische Analyse des Falls.

Ablösung II: kurze Zeit der Balance

In der Eingangserzählung erfahren wir, daß Herr Leitz 1979, er ist 47 Jahre, eine neue Wohnung bezieht. Über seine bisherigen Wohnverhältnisse ist dagegen nichts zu hören. Es erschließt sich jedoch aus der Einbindung in den Kontext des Gesprächs die biographische Relevanz dieses Schritts. Um in der Eröffnungssequenz zu diesem Thema die - legendäre - siebenjährige Wartezeit bis zum Bezug plausibel zu machen, erläutert er die Verteilungspraktiken (über ”gewisse Vorrechte“) von Wohnraum, über Partei und Gewerkschaft in seinem Betrieb. Er selbst hätte keinen Zugang zu den Versorgungssystemen gehabt. Jahrelang nahm er vermutlich prekäre Wohnverhältnisse und einen langen Fahrtweg zur Arbeit auf sich. Sein ”Elan“ maß sich anscheinend allein am Arbeitsplatz. Gesellschaftlich gebilligte Versorgungstricks und -mechanismen waren ihm augenscheinlich fremd. Sein Selbstverständnis versinnbildlicht sich, indem er von einer Eigentumswohnung spricht, die er sich heute zulegen würde und damals gekauft hätte, wenn Gelegenheit gewesen wäre. Mit dem Bezug der Wohnung kehrt eine Ausgewogenheit in sein Leben ein. Diese Argumentation unterstreicht die verdoppelte, kaskadenartige negative Gesamtrückschau von Herrn Leitz auf seinen vormaligen Wohnort (das ”abgelegenste Nest nach der Hölle“ aus dem er ”unbedingt damals raus wollte“). An anderer Stelle (2/2/15,2), bei der Frage nach seiner Auffassung von Glück, kommt Werner Leitz noch einmal auf diese Zeit zu sprechen. Er bezeichnet sie als seine ”glücklichsten Jahre“<118>. Sie brechen ab, als wiederum sieben Jahre später seine Frau


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stirbt. Insofern hat Herr Leitz sehr lange auf sein Glück warten müssen. Er verbringt über 20 Jahre mit der Herstellung von Elementen für Wohnungen, bezieht mit Ende vierzig eine eigene. Im Bannkreis traditionaler Arbeitsethik überlagert der Erwerbsrhythmus seine Intimbeziehungen und diktiert seinen Zeitrahmen; dieser korrespondiert nicht mit seiner rigiden und eingeschränkten Anspruchshaltung, sondern fungiert quasi zeitversetzt (diachron). Infolgedessen entstehen neuralgische Konstellationen (schlechte Wohnbedingungen, reduzierte Intimität), die, als eine eigenständige Phase aufgebaut, über längere Zeiträume ausgehalten werden. Chronologisch schließen sich seine ”glücklichsten“ (wiederum sieben) Jahre an.

”Trendwende“ und neue Übereinkünfte

Wichtig für die Altersphase vor dem Ruhestand: Für Herrn Leitz öffnet sich systematisch eine vielversprechende prospektive Dimension. Indem er auf das Rentenalter zusteuert, erwartete er mit Recht die sukzessive Entlastung im Betrieb:

Da hab ich mich wohl gefühlt, det war herrlich, und da nahm ick auch an (1) auf Grund dessen, weil meine Vorgesetzten im Betonwerk mir damals schon sagten, da war ich wohl 57 58, nee lieber Wolfgang aus dem Dreischichtsystem nehmen wir dich aber nun raus, du hast hier ja nun deine Knochen gelassen und du sollst es ja nun aufgrund deines Alters auch ein bißchen leichter haben, es gab auch im Betonwerk leichtere Arbeiten außerhalb der eigentlichen Produktion, und da habe ich mich drauf gefreut. (2/2/16,0)

Eine solche Kontinuitätserwartung erfüllte sich nicht und zerfaserte in mehrfacher Hinsicht. Auf die Abfolge und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Ereignisse soll in diesem Abschnitt eingegangen werden. Schließlich rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Herr Leitz den neuen Anforderungen begegnet. Sehen wir uns die Gestalt der Eingangserzählung an, so wird die Wende eigentlich schon mit dem Tod der Frau im Jahre 1987 eingeleitet. Dieser Einschnitt erweist sich als Vorbote für die Ereignisse zwei Jahre später. Während sich Herr Leitz nach dem Verlust seiner Frau ”als Trost“ und Ablenkung wieder verstärkt seiner Arbeit zuwendet, geht dann von der Bedrohung seines Arbeitsplatzes nach 1989 eine mehrfach gestaffelte Unsicherheit aus. Brisantester Unsicherheitsfaktor war die Unberechenbarkeit der Lebenshaltungskosten<119>. Als sich abzeichnete, daß der Betrieb weitermachen konnte, antizipierte Werner Leitz schnell den ”Grundkonsens“, daß sein Alter ihn jetzt, entgegen


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dem ursprünglichen Ordnungsverständnis, nicht mehr auf ruhigere Bahnen einspuren läßt. Jetzt droht ihm, ”rausgeschmissen“ zu werden:

Und nun kam alles anders, und da mußte ich noch mal ganz schwer einsteigen, und det hat mir das Genick gebrochen (1) durch die Krankheit und det alles und durch die ganze Umstellung und det alles also ick hab da mächtig dran zu knabbern gehabt mächtig. (2/2/18,1)

Die Eingangserzählung sagt nichts über die Umstrukturierungen in seinem Betrieb und die Bedingungen der Weiterarbeit aus. Der Interviewer nutzte daher den Nachfrageteil. Dazu bot sich eine Situation an, in der Herr Leitz, ähnlich wie eingangs, Wende und Ausscheiden aus dem Betrieb verklammert. Auf der Arbeit hat es immer ”Schwierigkeiten“ gegeben, vor allem mit der mangelnden ”Ernsthaftigkeit“ seiner ”Lehrjungs“.

Also die Ernsthaftigkeit des einen wie des anderen, es gab immer Schwierigkeiten, dat hat natürlich Nerven gekostet, bloß dat hab ich natürlich alles wunderbar weggesteckt aber wie gesagt, die eigentliche Wende, det hab ich nicht weggesteckt, det war mir, det is mir alles zu kraß gekommen, det war mir alles zu viel, und det is wahrscheinlich auch der Grund gewesen weshalb ick da eben umgekippt bin.
I: Ja Sie konnten aber zunächst sag ich mal doch recht zufrieden sein Sie behielten doch erst noch Ihre Arbeit
L: Ja ja
I: Während doch irgendwelche anderen Kollegen schon gingen oder wie war das bei Ihnen
L: Andere Kollegen wurden schon gegangen
I: Wie haben Sie sich dann noch als bei der Stange gehalten
L.: Ick konnte mich behaupten, ick sag dat mal so, weil wir Balkone herstellten, Stützen und Riegel herstellten, und weil rein von der Qualität niemand wat da dran deuteln konnte, nach dem det alles zusammengebrochen ist, das eigentliche Wohnungsbaukombinat und och diese Fertigungsstätten wo andere schon längst dicht machten, da lief das da immer noch, zwar schon in veränderter Form, mit ‘nem anderen Angebot und Sortiment und schon weitaus komplizierter nach meinen Begriffen, aber immer noch in dieser althergebrachten traditionellen Bauweise, die man ja jetzt nicht mehr macht man will ja industriell ja, man stellt ja nun alles möglichst wieder in ein Stein ein Kalk ein Bier Methode her und verspricht sich ja dadurch sehr viel (2/1/8,0).

Der Interviewer versuchte, die Nahtlosigkeit im Erzählten zu öffnen. Herr Leitz konnte sich zunächst halten, weil er, wie angenommen werden kann, wegen seiner Erfahrung noch gebraucht wird. Während Kollegen nach und nach ihre Arbeit verlieren und andere Abteilungen geschlossen wurden, bleibt er weiter beschäftigt. Die Produktion wird komplizierter und ausgefeilter, läuft aber nach herkömmlicher Technologie. Übertragen könnte man sagen: Es wird mit der herkömmlichen, vertrauten Arbeitsweise noch einmal alles herausgeholt und die Arbeiter müssen zeigen, was sie können. Diese Passage ist metaphorisch für das letzte Ausreizen der alten Bedingungen. Herr Leitz weiß spätestens jetzt, daß mit der Wende in seinem Berufszweig eine neue Ära anbricht.


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In seinem Verständnis modifizieren die mit der neuen Ordnung Einzug haltenden Technologien nur das bisher dagewesene. Sein Arbeitsplatz muß weichen, weil auf die traditionelle (”industrielle“) Bauweise in der DDR eine ”alte Methode“ (West) nach dem Prinzip ”ein Stein ein Kalk ein Bier“ folgt. Diese Einschätzung ist gleichsam bestimmt von seiner beruflichen Erfahrung, den Veränderungen und der Antizipation seiner Lage. Er bereitet damit seinen Abschied nach, verleiht ihm argumentativ Berechtigung: Meine Zeit ist damit abgelaufen. Wir lesen darin zugleich eine Distanz zum Kommenden, an dem er nicht mehr beteiligt sein wird<120>. Die Arbeit wird im


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Grunde genommen zum Wagnis und führt zu einem Wendepunkt. Die Signale des Körpers riefen bei Herrn Leitz eine Umbewertung seiner Situation hervor. Der Wechsel in den Altersübergang wird relevant. Anfänglich blieben die Befürchtungen ob seines zukünftigen Einkommens. Im Rückblick liest sich Herrn Leitz’ Darstellung wie ein gerade noch so geglücktes Unterfangen. Alle zunächst gehegten Befürchtungen entkräfteten sich. Zum Zeitpunkt des Gesprächs scheint es ihm gelungen, seine Einkünfte und seine Ansprüche abzustimmen und ”einen gewissen Lebensstandard“ zu erreichen. Die Leidensgeschichte nahm schließlich einen glücklichen Verlauf:

Det war eine schreckliche Zeit, man konnte bald sagen, so ‘ne Art Depression, weil ick det einfach nicht verkraftet habe mit der Wende, mit dieser ganzen Umstellung von DDR uff det neue. Und det kam mir alles zu plötzlich und zu übereilt, und dann eben noch die betriebliche Seite nicht wahr, denn der Betrieb uff eenmal Klatsch bumm und fertig Schluß, es wird nischt mehr, dat war zu ville, da hab ich kämpfen müssen, da hab ick unruhige Nächte gehabt, da hab ich mich schon als Arbeitsloser und als Obdachloser gesehen, unter der Brücke und so ‘ne Faxen, das war schlimm aber dit is Gott sei Dank nun mehr ober weniger durch die für mich jetzt einigermaßen gesicherte Lage, finanzielle Lage, kann ich also diesen Lebensstandard halten, und da komm ick gut bei hin, und da fühl ick mich ganz wohl. (2/2/24,4)

Denn nach kurzer Zeit gelang ihm durch das Setzen neuer Prioritäten eine Umbewertung. Das Einstellen auf die Krankheit stand oben an und erwies sich als ordnendes Muster im Chaos der sich überschlagenden Ereignisse und Befürchtungen. Im Zusammenhang mit dem Altersübergangsgeld erreichte Herr Leitz eine gewisse materielle Sicherheit und eine mentale Balance. Die veränderten Tagesinhalte unterliegen im Grunde genommen den selben strengen Ordnungsprinzipien, die insbesondere sein Arbeitsleben prägten.

Und denn wurde ick da innerhalb von drei Wochen, im Julei 91, eingestellt auf verschiedene Tabletten, nach dem Krankenhausaufenthalt wurde ick weiter krankgeschrieben bis zum Jahresende, es wurde mir gesagt, nicht rauchen, nischt trinken, das hab ich alles gelassen, mit dem rauchen, na ja (1) wat soll’s, Alkohol hat bei mir noch nie ‘ne Rolle gespielt und weg hier von den drei Schichten, det hat sich alles so ergeben, und denn wurde mir aus den Ärztekreisen im Krankenhaus gesagt, Herr Leitz, an ein Arbeiten können Sie nicht mehr denken, das schaffen Sie nicht mehr, ... denn hab ich tatsächlich so ‘n ruhigen Lebenswandel, geführt den ick bis heute beibehalte insofern, das regelmäßige uffstehn, regelmäßigen Mittagsschlaf, egal wat kommt, aber meine anderthalb Stunden mache ick hier nieder, denn morgens ick steh um sechse uff, zwölwe gibt’s Mittag, halb eins bis zwei ruht hier die Arbeit, da kann hier kommen wat will, da passiert nix, und aufgrund dieses Lebenswandels, den ich mir nun angewöhnt habe, hat sich das alles so stabilisiert, da bin ick echt froh. (1/1/27,0).

Die prekäre Situation aushalten und dann den Realitäten mit adäquaten regelmäßigen Lebensformen begegnen, prägen das Selbstbild von Herrn Leitz und erweisen sich als


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stabile Anker auch in der Übergangsphase in den Ruhestand. Nach dem erfolgreichen Hinauszögern des Abschieds wird das Instrument Altersübergangsgeld willkommenes Sprungbrett aus dem Erwerbsleben. Herr Leitz ist in der Gegenwart angekommen. So gilt es dann, auszukommen mit der Rente, ”den soliden Lebensstandard aufrecht zu halten“ aber keinesfalls ”Reichtümer einzuheimsen“ (3/1/6,5).

Fazit

Lassen wir noch einmal das bisher Dargestellte Revue passieren. Die Erwerbsbiographie verläuft am Anfang unstet und ist von Fehlschlägen und Umwegen gekennzeichnet. Am Anfang der Berufsbiographie erlernt er einen Beruf, der der Überlebenspragmatik der Nachkriegszeit entsprach. Viel Kraft wandte er auf, um dem ursprünglich erlernten Beruf zu entkommen, auf den er sich früh einließ. Kennzeichnend parallel ist die Suche nach einem adäquaten Betätigungsfeld. Sein Kapital besteht aus der Entschiedenheit und dem Stehvermögen, einen neuen Beruf zu erlernen. Seine Flexibilität beruht in dem Aufgreifen von sich bietenden Gelegenheitsstrukturen durch die Re-Industrialisierung der DDR. Erst nach einer erneuten Lehre orientiert sich der Lebensweg an den streng institutionalisierten Mustern der DDR. Fast ritualisiert wird die Verbindung zum Erwerbsbereich - der Betrieb wird ”zum lieben Gott“ stilisiert. Dahinter steht eine hochambitionierte Leistungsethik ,,die begleitet ist von einer festen Verwurzelung im institutionellen Gefüge der DDR. Seine prinzipielle Abwehr gegenüber partieller ideologischer Rigorosität stehen dem nicht entgegen, zumal Herr Leitz Ressentiments, z.B. gegenüber der ”Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, geschickt verdeckt, so daß sie nicht ins Gewicht fallen. In seiner Biographie ließ sich Herr Leitz für seine privaten Beziehungen wenig Spielraum. Er ist auch bereit, schwierige private Bedingungen, beispielsweise die über einen langen Zeitraum währende ungünstige Wohnungssituation, auszuhalten. Seine Mitte und zugleich größte Ressource ist ein asketischer Kontrakt, in den die Tugenden der Leistungsethik eingebaut sind und diese fortwährend hervorbringen. Typisch für Herrn Leitz ist, daß er sich trotz radikaler Veränderungen nicht von seinem ungeliebten Dorf loseisen kann. Er ”erleidet“ diesen Ort, mit Unterbrechungen, 47 Jahre bis zu seinem Umzug in eine Neubauwohnung. Die Veränderungen ab 1989 verunsichern Herrn Leitz, weil er gerade in der Arbeit nach dem Tod seiner Frau Halt fand und seine Erwartungen auf einen auf ihn zugeschnittenen ”gleitenden“ Übergang in Frage stehen. Nicht ein Wechsel in den Normalschichtdienst


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und ein sanfter Übergang in die Rente, wie ursprünglich geplant, steht vor ihm. Die institutionalisierten Muster und Übereinkünfte bröckeln auseinander, Perspektiven lösen sich auf. Ganz auf die Gegenwart zurückgeworfen, wird er von Verunsicherungen und existentiellen Bedrohungen herausgefordert. Dank seiner Erfahrungen und seiner Leistungsbereitschaft kann er sich zunächst im Betrieb halten, während viele Kollegen abwandern oder entlassen werden. Erst eine Erkrankung setzt andere Prioritäten. Die Konfusion der Übergangszeit finden eine an den Leib gebundene soziale Form. Dieses Signal läßt Herrn Leitz die Situation neu justieren. Wohlbefinden zu erreichen wird an die körperliche Genesung zurückgebunden. Der Preis für die Gesundung ist das Abschiednehmen von einem durch Arbeitertätigkeit geprägten Einstellungs- und Handlungsmuster der unhinterfragten Leistungsbereitschaft. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit legitimiert den Ausstieg aus dem Erwerbssystem. Die Anforderungen bestehen nunmehr darin, die sich einstellenden Lebensschwierigkeiten zu meistern. Für die Zeit des Übergangs lassen sich daher anhand der Falldarstellung von Herrn Leitz zwei Phasen isolieren. Zunächst kann sich Herr Leitz trotz seiner Anspruchsberechtigung auf Altersübergangsgeld in seinem Beruf halten. Jedoch zerbrechen die herkömmlichen Arrangements und hinterlassen Verunsicherung. Nicht legitimer Ruhestand kann erwartet werden, sondern es droht jederzeit der ”Rausschmiß“. Während die meisten Kollegen seiner Altersgruppe nicht mehr im Beruf sind, erzwingt und sanktioniert eine schwere Erkrankung zeitlich verzögert, über einen Umweg, den Vorruhestand. Es wird das typische und zu anderen Typen abgrenzbare Handlungsmuster beim Übergang in die nachberufliche Phase. Vorruhestand wird hier zur Entlastung nach Überforderung im Transformationsprozeß und entfaltet in diesem Fall eine positive Funktion. Die irreguläre Vorruhestandsregelung erlangt über Umwege ihre Legitimation im Leben von Herrn Leitz.

5.3.1.2. Typ Temporäre Aktivität

Zur Untermauerung des Typus Umwege, welcher in diesem Abschnitt entwickelt wird, können zwei weitere Fallbeispiele herangezogen werden. Sie charakterisieren in einem noch stärkeren Maße einen odysseegleichen ”langen Marsch“ der Übergangsperiode, bevor sich auf die institutionellen Rahmenbedingungen eingelassen wurde. Anhand dieser beiden Fälle läßt sich der Untertypus Temporäre Aktivität entwickeln.


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A) Typ Temporäre Aktivität: Falldarstellung Anneliese Fuhrmann

Kindheit und Schulzeit

Frau Fuhrmann wurde 1936 in B.-Stadt geboren. Der Vater, seit 1927 Mitglied der KPD, wurde Soldat, so daß die Mutter für sie und den fünf Jahre jüngeren Bruder allein verantwortlich war. Weihnachten 1943, Frau Fuhrmann war 7 Jahre alt, wurde die Familie ausgebombt und zog daraufhin zu den Großeltern aufs Land. Die Großeltern waren entgegen der Weltanschauung des Vaters streng evangelisch. Frau Fuhrmann wurde in diesem Sinne erzogen, besuchte beispielsweise regelmäßig den Religionsunterricht. Direkte Erinnerungen an den Krieg sind über eine Episode präsent: Im Februar 1945 flohen Frau Fuhrmann und ihre Mutter mit einem Flüchtlingstreck vor den Russen und gerieten in die Kampfhandlungen. Diese Erlebnisse werden zur Legitimation für das spätere Engagement in der DDR und den Einsatz für den Frieden. Frieden wird auch identifiziert mit den Möglichkeiten, die der neue Staat bietet (”ich habe mich auch später in der DDR immer dafür eingesetzt was dazu angetan war den Frieden zu erhalten ich hatte hier eine Schulbildung, konnte die Oberschule besuchen und die Möglichkeit zu studieren“, 1/1/2,3). Sie trat in die FDJ ein, wird später, vermutlich noch während der Oberschulzeit, Parteimitglied. In dieser Zeit, etwa 1948, sechzehnjährig, trennt sie sich auch bewußt von der Kirche. Der Vater insistierte hierbei offensichtlich nicht, überließ der Tochter die Entscheidung. Als Argument dafür wird ein Erlebnis mit dem Pfarrer angeführt (”Die ersten Schläge, die ich bekommen habe, waren vom Pfarrer in der Oberschule, wo ich gesagt habe, wo ich geschlagen werde, gehe ich nicht mehr hin.“ 1/2/6,7). Im Februar 1946, Frau Fuhrmann ist 10 Jahre alt, erhält die Familie die Nachricht, daß sich der Vater in B.-stadt aufhält. In beschwerlicher Reise und über Umwege erreichen sie die zerstörte Heimatstadt.

Ausbildung: Hauptsache studieren

Sie besucht eine der neu aus den Gymnasien hervorgegangenen Erweiterten Oberschulen und macht das Abitur 1955 im Alter von 19 Jahren. Durch die Tätigkeit ihres Vaters, der in der neuen Wirtschaftsverwaltung arbeitete, hatte sie schon früh den Wunsch, eine ähnliche Richtung einzuschlagen. Ziemlich früh wollte sie Betriebsleiterin werden, leiten und Menschen führen: (”Die Arbeit mit den Menschen hat mich schon immer interessiert.“ 1/2/14,8). Sie studierte zunächst ein Jahr Wirtschaftsstatistik. Dieser Zweig wurde nach einem Jahr geschlossen und der Volkswirtschaft angegliedert.


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Diesen Wechsel vollzog sie automatisch mit. Wahrscheinlich hatte sie eine nicht sehr enge Bindung an ihr Fach, da sie sich auf den Wechsel ohne Probleme einließ. Ab diesem Jahr studierte sie Volkswirtschaftsplanung an einer Hochschule für Ökonomie. Sie kam aber nicht in einen Betrieb, sondern beginnt 1959, mit 23 Jahren eine Arbeit beim Außenhandel der DDR. (”Na ja, das war auch nicht uninteressant.“ 1/2/18,5) ”Durch den Außenhandel habe ich die Wirtschaft der DDR kennengelernt.“ 1/1/2,8). Da sie unbedingt in B.-stadt bleiben wollte, sperrt sie sich gegen eine Vermittlung in eine andere Stadt. Sie gibt vor, einen Mann zu kennen, der in B.-stadt arbeitet, und den sie demnächst heiraten wolle. Aus dieser längeren Prozedur, bei der man sie auch auf ihre besonderen Pflichten als Parteimitglied bei der Arbeitsvermittlung aufmerksam machte, ergab sich ein Angebot, im Außenhandel zu arbeiten. Ohne zu wissen, was auf sie zukommt (”eine Vorlesung in Außenhandel hatte ich gehört“, 1/2/17,9) aber zufrieden, in B.-stadt vermittelt zu werden, nahm sie das Angebot an. Hier deutet sich wieder eine eher geringe Verwurzelung mit ihrer Studienrichtung an, da sie keine gezielten Vorstellungen hat. Sie kämpft nicht um ein ihr entgegenkommendes Tätigkeitsfeld, sondern legt Wert auf einen Einsatz in B.-stadt. Ihr Aufgabengebiet war die Berechnung der Effektivität von Exporterzeugnissen. Die DDR soll als übermächtiges Unternehmen staatlich kontrollierter Wirtschaftstätigkeit geführt werden. Indem Frau Fuhrmann in dem Apparat arbeitet, bekommt sie Einblick in die Prinzipien und Prämissen der Organisation. Ihr Tätigkeitsgebiet ist eng verbunden mit dem sich etablierenden Wirtschaftssystems und prägt ihr Berufsverständnis. (Es wird verständlich, daß im Sprachgebrauch das Wort ”Wir“ sehr oft vorkommt: ”unsere Menschen“, ”unsere Produkte“.) Aufgrund der Berufserfahrungen kommt sie zu dem Urteil: ”Es war alles nicht so schlecht“ (1/2/22,3). Sie zieht sich auf folgende Argumentation zurück: Den Vorwurf, die DDR sei an der Effektivität der Wirtschaft zugrunde gegangen, weißt sie strikt zurück. Sie reagiert so auf die Gefahr, daß eine andere Position ihre Lebenstätigkeit ad absurdum führen würde.

Beruf und Familie - Rückkehr, aber keine berufliche Konsolidierung

Über den Betrieb lernt Frau Fuhrmann ihren späteren Mann kennen. Sie heiratet 1961, 25jährig. 1962 wird die Tochter geboren; im gleichen Jahr gehen sie (”im Auftrage des Außenhandels“, 1/2/19,9ff) in ein europäisches kapitalistisches Land. Wahrscheinlich bleibt das Kind in einer Wochenkrippe oder wird von den Großeltern versorgt. Die Zeit


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im Ausland währte aber nur zwei Jahre. 1964 wird das Ehepaar Fuhrmann in die DDR zurückbeordert.<121> Frau Fuhrmann bekommt im gleichen Jahr einen Sohn. Beruflich muß die Rückkehr aus Holland ein Rückschritt für Frau Fuhrmann sein. Zu spüren bekommt sie im Betrieb, daß sie eine Niederlage erlitten hat. Sie faßt nicht Fuß, ist angreifbar, fühlt sich nicht mehr wohl. Hinzu kommen die Belastungen durch ihre kleinen Kinder. Neuorientierung sucht Frau Fuhrmann daher ab 1965/66, mit etwa 30 Jahren, durch ein Zusatzstudium und den Wechsel in einen anderen Arbeitsbereich.

Beruflicher Wechsel: Veränderung und Verfestigung

1971 entscheidet sich Anneliese Fuhrmann wegen einer Erkrankung des mittlerweile siebenjährigen Sohnes für eine neunmonatige Unterbrechung der Arbeit. Hier spielt sicher auch eine Rolle, daß es trotz ihrer Initiative nicht gelungen ist, beruflich Anschluß zu finden. 1971, 35jährig, wechselt sie darum zur Arbeiter- und Bauerninspektion<122> (ABI). Die Wahl der Arbeitsstelle ist aus mehreren Gründen interessant. Bei dieser Behörde handelte es sich um ein staatsnahes Organ, welches im Auftrage von SED und Regierung alle Bereiche der Volkswirtschaft kontrollierte und auf die Einhaltung der Planvorgaben achtete. Mit 35 Jahren wagte sie den Sprung in ein neues Aufgabenfeld. Sie band sich somit enger an das DDR-System. Ihr Aufgabenfeld als Ökonomin schien überall und nirgends zu liegen. Zum Tragen kam aber ihre disziplinierte Loyalität. Sie ist eine gute Kontrolleurin und glaubt fest daran, mit administrativen Überwachungs- und Kontrollstrukturen das System effektivieren und verbessern zu können. Auch hier ist sie bestrebt, gute Arbeit zu verrichten. Um sich zu festigen, beginnt Frau Fuhrmann 1974, mit 38, nochmals ein Zusatzstudium. Getragen wird sie von dem Drang zur Vervollkommnung. Sie will dazu alle Chancen nutzen. Aktivität hat einen großen Stellenwert im Leben, nicht so sehr, um ein paar Mark mehr zu verdienen, sondern weil


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die Chancen, zumal für Frauen, vorhanden sind und weil Frau Fuhrmann ihre Pflichten so gut wie möglich erfüllen will. Zwangsläufig wird das private Leben in den Hintergrund gedrückt und den beruflichen Aktivitäten untergeordnet.

Zerbrechlicher Körper

1974, zeitgleich mit dem Beginn des Zusatzstudiums, wird bei Frau Fuhrmann auch eine Osteoporose diagnostiziert. Schmerzen stellen sich ein, körperliche Anstrengung ist nur noch begrenzt und langsamer möglich. Absehbar ist eine langfristige Veränderung der Gewohnheiten (Kaffeetrinken, Freizeitgestaltung usw.). Früh setzt der Körper von Frau Fuhrmann die Grenzen für ihr berufliches Engagements. Hervorgerufen durch körperliche Dispositionen erhält die Krankheit ihre soziale Form: strukturiert ihre beruflichen und familialen Aktivitäten, symbolisiert und weist Grenzen, modifiziert den Lebensstil und den privaten Rhythmus, initiiert Hilfeleistungen und Verständnis. Es wird ein Arrangement mit den Beschwerden gefunden. Im 46. Lebensjahr erhält sie eine Auszeichnung für langjährige gute Arbeit. Nennenswertes scheint sich in den zurückliegenden 8 Jahren nicht ereignet zu haben. Den Alltag bestimmten die republikweit ausgeübte Kontrolltätigkeit und die Erfahrungen mit den sich verschärfenden Widersprüchen in der DDR. Diese wirken bedrohlich auf ihr Weltbild und bekommen dafür das Etikett: Probleme des Übergangs. Richtschnur ist die Ideologie und die Überzeugung, aus dem Fortgang der sachlichen Prozesse wird Frau Fuhrmann kaum Hoffnung geschöpft haben. Der Sozialismus wird ”heiliggesprochen“; Alternativen innerhalb des Systems werden überlegt, aber in der Komplexität und der Allmacht der Realität gehen sie unter. Daher ist es fast zwingend, sich auf allgemeine Leitlinien und Formeln zurückzuziehen. Das nächste Datum ist privater Natur. Der Vater stirbt 1985. Frau Fuhrmann ist 49 und gesundheitlich angegriffen. In der letzten Lebenszeit hat sie sich intensiver um ihren Vater gekümmert. Die Kinder leben zwar noch im Elternhaus, beginnen jedoch, ihre eigenen Wege zu gehen. 1985 verschlimmert sich der gesundheitliche Zustand. Infolgedessen empfehlen die Ärzte Teilzeitarbeit. Sie gerät jedoch in Konflikt mit den beruflichen Anforderungen. Daher erhöht sie nach eineinhalb Jahren wieder auf Vollzeit. Sie will unbedingt den Anforderungen gerecht werden, da ihr die Tätigkeit Spaß macht. Ihr gelingt es, Spielräume zu finden, um mit der Krankheit umgehen zu können. Im Beruf will sie keine Abstriche machen.


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Wende I: Abstieg mit restitutiver Arabeske

Der berufliche Abstieg läuft synchron zur Wende in der DDR. Die ABI wird sofort mit Inkrafttreten des Einigungsvertrags ”abgewickelt“. Für das starke Engagement in dieser staatlichen Behörde und die Loyalität zur DDR bekommt Frau Fuhrmann als eine der ersten die Quittung. Politisch ergreift sie die Flucht nach vorn. Sie steht in der ersten Reihe, als sie im März 1990 für die PDS in die Stadtverordnetenversammlung einzieht. Frau Fuhrmann bleibt ihrer Gesinnung treu und wird aktiv. Nach dem Desaster in der DDR, dessen Symptome sie bis zum Schluß nicht erkannte, tut sich nun die Chance auf, im neuen bürgerlich - demokratischen System für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Die bürgerliche Demokratie gibt Frau Fuhrmann den Rahmen, ihre politischen Auffassungen zu vertreten. Dieses Aufbegehren ist sie sich schuldig und befreit sie von ihrer bisherigen Erstarrung. Sie war zwar in der DDR aktiv, aber auch Kronzeugin des Absturzes. Da sie keine Duckmäuserin war (das zeigt bereits ihr Vermittlungsgespräch zu Beginn der Berufstätigkeit), wird dieses Verhalten plausibel. Im Dezember nach der Wahl des Abgeordnetenhauses steigt sie aus der Politik aus. Dies wird begreiflich, wenn man den Gesundheitszustand und die Arbeitslosigkeit seit Oktober 1990 in Rechnung stellt. Der Körper setzt hier die Grenze.

Wende II: Fudamentalismus und Reaktivierung. Abschluß durch erzwungene Verlängerung

Da Frau Fuhrmann mit 54 Jahren keinen Anspruch auf Altersübergangsgeld hat, muß sie sich beim Arbeitsamt melden. Dort erklärt man ihr, daß in ihrem Alter keine Chance auf Vermittlung besteht. Sie wird für die neue Gesellschaft taxiert und ausgeschlossen. Mittlerweile hat ihr Sohn das Studium beendet, ist ebenfalls arbeitslos und bezieht Sozialhilfe. Die Mutter von Anneliese Fuhrmann erkrankt schwer und wird nebenher gepflegt.<123> Frau Fuhrmann fühlt sich herausgefordert, noch einmal die Initiative zu ergreifen, um aktiv für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Im April 1991 bietet ihr ein ehemaliger Kollege an, in seiner neugegründeten Außenhandelsfirma mitzuarbeiten. Sie ergreift die Chance, beweist Flexibilität, Umlernbereitschaft und zeigt, daß sie in der Lage ist, altes Wissen zu aktivieren. Zugleich kommen ihr die Ziele


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der Firma, nämlich den Betrieben aus dem Osten neue Märkte zu erschließen, entgegen. Noch einmal nimmt sie ihre Kraft gegen ihre Krankheit zusammen, um ihre Männer zu ernähren. Bereits ein Jahr später macht die Firma Pleite. Auf dem Arbeitsamt sagt man ihr, daß sie wegen des einen Jahres Arbeit nun für das Altersübergangsgeld in Frage kommt. Ihr Intermezzo zahlt sich aus, ihr Tatendrang hat sich gelohnt. Sie hat sich in einen für sie günstigen Status hinübergerettet, ihn erkämpft. Die neuerliche Entlassung wird trotz finanzieller Abwertung zum Segen. Die einjährige Arbeitserfahrung gab ihr Einblick in die neue Wirtschaftsordnung. Vom Standpunkt des Endes ihrer beruflichen Karriere kann sie nun argumentieren, es noch einmal versucht zu haben, zugleich vermitteln, daß es sich um für sie ungewohnte Arbeitszusammenhänge handelt. Mit dem Wechsel in den Ruhestand ist wieder Raum für private Gleichgewichtung vorhanden. In ihrer jetzt unabhängigen Stellung kann sie sich der Familie widmen und sich um ihrem Mann und die schwerkranke Mutter kümmern. Sie verliert aber auch Felder, die sie sich bis dato aufgebaut hat, um die Einschränkungen ihrer Krankheit zu umschiffen. Jetzt erhält auch die Osteoporose ”Entfaltungsraum“. Die langwierige Krankheit muß trotz der Entlastung neu in den Lebensrhythmus eingepaßt werden. Auf die geringere finanzielle Ausstattung reagiert die Familie mit dem Tausch in eine kleinere Wohnung im Hochhaus. Da die Kinder aus dem Haus sind, bescheiden sie sich mit einer etwa 50 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung. Ein neues Aufgabenfeld erschließt sich Frau Fuhrmann mit einer Vertretertätigkeit für eine Haushaltswarenfirma. Hier kann sie den Arbeitsrhythmus und den Verdienst selbst festlegen, hat sich aber schon ein festes Regime aufgebaut. Verantwortung haben, Pflichterfüllung sowie Abrechenbarkeit von Leistungen sind die vordergründigen Motive. So kommt Gesprächsstoff und Geld in die Familie.

Fazit

Grundtenor in Frau Fuhrmanns Biographie ist, wie aus dem Interview immer wieder hervorgeht, ein ungebremster Aktionismus für die Sache des Sozialismus. Sie erwies sich trotz beruflicher Rückschläge unablässig loyal zum System. Zwar wird sie durch ihre Krankheit dazu gezwungen, vorausschauend, verantwortungsvoll zu leben. Aber gerade weil diese Krankheit so früh kommt, verlegt sie ihren Aktionismus aufs Berufliche. Sie ist auch nicht der Mensch, der sich ins Private zurückzieht. Zu eng ist ihre Biographie über ihre Erziehung und Gesinnung mit der sozialistischen Ideologie


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und dem Projekt DDR verbunden. In dieser Hinsicht verdiente sich die DDR das Credo einer Arbeitsgesellschaft, wobei die Variante Fuhrmann eine Facette illustriert. Ihre moralische Grundhaltung verlangt das Engagement für die Sache, läßt aber übermäßig beruflich - fachliche Qualifizierung vermissen und in den Hintergrund treten. Das zeigte der etwas unentschlossene Berufseinstieg, bei dem nur B.-stadt in Frage kam und in den Vordergrund geschoben wurde. Sie kann sich nach der Rückkehr in die DDR trotz mehrfacher und langwieriger Versuche nicht im Außenhandel etablieren. Erst mit der Krankheit ihres Sohnes und der bei ihr sehr früh, mit 35, diagnostizierten Osteoporose, wechselt sie in ein neues Gebiet und bindet sich mit der neuen Arbeitsstelle eng an den Staat DDR. Sie nutzt die Chance, um den Defiziten der Erkrankung auszuweichen und sie zu verlagern. Die Aktivitäten verstellen den Blick auf die Abwärtsspiralen der Wirtschaft in der DDR fast vollständig. Die Kategorien der Kollektivität, die im Gespräch immer wieder verwendet werden (”unsere DDR“, ”unsere Wirtschaft“, ”unsere Menschen“) verengen ihr den Blick bis in das Jahr 1989. Die Wende kommt somit für sie völlig überraschend. Frau Fuhrmann jedoch findet in der neuen demokratischen Gesellschaft eine Nische und kandidiert für die PDS. Sie kann ihre ideologischen Anschauungen weiter ”pflegen“. Sie schafft es auch, sich noch einmal beruflich anzupassen. Frau Fuhrmann bewies Flexibilität aus Aktionismus. Ihre sozialistische Denkart bleibt konsequent erhalten. Hier entfaltet der Vorruhestand seine Doppelstruktur: Trotz der Systemloyalität und der als ungerecht empfundenen Frühverrentung ebnet dieses ”Zwischenspiel“ auf dem Arbeitsmarkt und der Politik schließlich den Weg in den Ruhestand. Vorruhestand ist durch temporäre Aktivitäten legitimiert worden. Die anonymen institutionellen Regelungen bieten im Endeffekt materielle Absicherung für sich und die Familie.

B)Typ Temporäre Aktivität: Falldarstellung Frau Rosi Hellmig

Frau Hellmig wurde 1933 in der Nähe von B.-stadt zusammen mit ihrer Schwester als Zwillingskind geboren. 1940 wurde sie eingeschult. Der Vater, Reserveoffizier der Marine nahm von Anfang an am Krieg teil. Der Mutter oblag die Erziehung der beiden Kinder, die wiederum viele Segnungen der Kinderzeit erfahren. 1949, im Alter von 16 Jahren, beginnt Frau Hellmig mit ihrer Schwester eine Krankenschwesternausbildung in einem Kinderkrankenhaus. Frau Hellmig wählt einen dienenden Beruf. Nach der Ausbildung arbeitet sie vorerst im Kinderkrankenhaus, geht jedoch 1955, mit 22 Jahren, in eine Unfallpoliklinik. 1956, mit 23, heiratet Frau Hellmig. Ein Jahr später bekommt


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sie einen Sohn. Da der Junge nicht krippenfähig ist, wechselt sie in eine Halbtagstätigkeit und arbeitet teils als Gemeindeschwester, teils in einem Nachtsanatorium. Ohne ihre Arbeit ganz aufzugeben, findet Frau Hellmig so den Konsens zwischen Berufsarbeit und der Pflege des Sohnes. 1959, Frau Hellmig ist 26 Jahre, fängt sie eine Arbeit als Sachbearbeiterin für Kinderkrippen und Heime in einem großen B.-städter Betrieb an. Diese Beschäftigung vermittelt ihr ihre Schwester, die bereits in der gleichen Firma arbeitet. Familiale Verbindungen helfen ihr bei der Suche nach einer Stelle, nachdem sie wieder voll arbeiten möchte. Allerdings entfernt sie sich aus ihrem vertrauten Tätigkeitsspektrum. Sie nimmt eine Bürotätigkeit an, die von der Sache her nur noch indirekt mit ihrem erlernten Beruf zu tun hat. Von der Funktion her bekommt sie eher eine Distanz zu Kindern. Von 1964 bis 1966 absolviert Frau Hellmig neben ihrer Arbeit eine Ausbildung zur Erziehungshelferin. Sie ergreift eine sich bietende Gelegenheit um umzusatteln. Augenscheinlich folgt sie damit bisher verdeckten Neigungen. 1966 bis 1969 macht Frau Hellmig ein Fernstudium und läßt sich als Erzieherin/Lehrerin für Kunsterziehung und Musik ausbilden. Offensichtlich fand sie durch die erste Ausbildung Spaß an der Arbeit mit Kindern. 1971, 38jährig, stirbt die Zwillingsschwester von Frau Hellmig durch Selbsttötung. Frau Hellmig wechselt als Erzieherin in eine Schule. Nachdem sie die Zwillingsschwester an den Betrieb holte und Frau Hellmig über die Ausbildungen einen eigenen Weg fand, bringt die Schwester sich um. Die neue Arbeit könnte als Flucht (sie möchte nicht mehr im gleichen Betrieb arbeiten wie vormals ihre Schwester auch) und gleichzeitigem Neuanfang in einem inzwischen neu gewonnenen Betätigungsfeld interpretiert werden.

Aktive Grenzziehungen als Selbstbehauptung

Mit 41 Jahren, 1974, bekommt Frau Hellmig einen Sohn. Nachdem Schwangerschaftsabbrüche in der DDR stattgegeben wurden, entscheidet sie sich bewußt für ein Kind. Wehrt sie sich gegen das endgültige Erwachsenwerden und Älterwerden? Immerhin schloß sie ihr Studium für den Beruf, den sie jetzt ausübt, 5 Jahre vorher ab. Sie versucht nicht nur, ihre beruflichen Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern auch die körperlichen. Sie kann absehen, daß Betätigungsfelder langsam schwinden, die Familie sich verkleinert, da die Kinder ausziehen werden und verlängert die Phase der Kindererziehung nicht nur im beruflichen, sondern auch in ihrer Familie. 1981 erleidet sie schwere Depressionen. Sie ist auf Hilfe von außen angewiesen und


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begibt sich in Behandlung. Für dieses Datum bieten sich verschiedene Lesarten an. Möglicherweise kommen Momente der Übersteuerung der eigenen biographischen Abläufe und der (Selbst-) Überforderung zum Tragen. Sie hat übermäßig an den Ereignisfolgen der Biographie ”herumgebastelt“. Zugrundeliegen könnte eine Überforderung als Lehrerin und Erzieherin. Hier könnten auch noch nicht verarbeitete Traumata aus dem 10 Jahre zurückliegenden Tod der Schwester eine Rolle spielen. In Folge der Krankheit bezieht Frau Hellmig eine Berufsunfähigkeitsrente und arbeitet nur noch 6 Stunden täglich. Sie quittiert den Schuldienst und beginnt als Kinderschwester in einem Kinderheim für Lernbehinderte. Der erneute Arbeitsstellenwechsel könnte Anzeichen geben, daß sie in Kollegenkreisen einen schwierigen Stand hat. Sie nutzt durch die Veränderung daher nicht (wie schon beim Tod der Schwester 10 Jahre früher) das Potential an Rückhalt und Hilfe, was die Mitarbeiter bieten könnten. Hier erhalten die Stellenwechsel den Charakter einer Abgrenzung mit dem Bestreben, angesichts eigener Niederlagen und Tiefpunkte, eine höchstmögliche Unabhängigkeit zu wahren. Sie baut sich in der Arbeit mit Menschen, denen sie helfen kann, auf und nimmt selbst keine Hilfe an. Es fällt ihr schwer, sich in der betrieblichen Hierarchie und dem Geäst der institutionellen Normen einzufügen. Dagegen muß der Mann 1987 vorzeitig aus dem beruflichen Rennen. Er wird 1987 invalidisiert. Frau Hellmig zieht beruflich weiter ihre Kreise, erkannte unter Umständen, daß eine volle Konzentration auf den Beruf eine wichtige Bedingung dafür ist, ihre Depressionen im Griff zu halten.

Dynamik der Ablösephase - Zwischen Verwurzelung in der Arbeit, Versorgungsdruck und Neuorientierung

Im Zuge der Wendungen übernimmt 1990 ein neuer Träger das Kinderheim, in dem Frau Hellmig arbeitet. Die Folge ist, daß ein neuer Stellenplan ausgearbeitet wird. Sie ahnt, daß auch ihr Arbeitsplatz vakant ist und bewirbt sich vorab auf verschiedenen Stellen im Sozialbereich. Im Oktober 1992 erhält sie das Angebot, eine Seniorenfreizeitstätte im Westteil B.-stadts zu übernehmen. Da sie sofort anfangen soll, lehnt sie ab, weil sie sich nicht so schnell von ”ihren“ Kindern trennen konnte. Im Dezember 1992 erhält sie im Kinderheim die Kündigung und wird zum 1.1.1993, mit 59 Jahren, einige Monate vor dem regulären Rentenalter, Empfängerin von Altersübergangsgeld. Frau Hellmig sträubte sich gegen den Entschluß. Einerseits fühlt sie sich körperlich noch in der Lage zu arbeiten, zum anderen ist Berufsarbeit in


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regelmäßigem Turnus wichtige Prämisse gegen ihre psychische Labilität. Für die Kündigung seitens des Betriebes dürfte objektiv ausschlaggebend gewesen sein, daß Frau Hellmig in das Altersübergangsgeld wechseln kann, also sozial abgesichert ist, zumal sie kurz vor dem eigentlichen Rentenalter steht. Aus der Sicht des Betriebes ist ihre Teilzeitarbeit aufgrund der Berufsunfähigkeitsrente ein Handicap. Jetzt, da sie sich gesundheitlich stabilisiert hat, wird sie möglicherweise zu einem Stolperstein für eine Weiterbeschäftigung, die wiederum für sie in ihrer Lage unabdingbar erscheint.<124> Anzunehmen, daß ihr dadurch gleichermaßen Einbußen bei der Altersrente entstehen, da ein geringerer Verdienst bei der Berechnung zugrunde gelegt wird. Familiär gesehen ist auf längere Sicht der jüngste Sohn, der 1990 16 Jahre alt ist und eine Gymnasialausbildung absolviert, mitzuversorgen. Daher versucht Frau Hellmig sofort, zunächst ihr Altersübergangsgeld, später die Rente, wenigstens durch Honorartätigkeiten im sozialen Bereich aufzubessern. Hier hat sie aufgrund ihrer Ausbildungen verschiedene Gelegenheiten und beweist Anpassungsfähigkeit. Allerdings erhält sie sporadisch Tätigkeiten, dazu meist für kurze Zeit oder auf Abruf. Wieder ein gesichertes Beschäftigungsverhältnis einzugehen, ist ihr nicht gelungen. Hingegen sammelte sie neue Erfahrungen mit dem neuen Arbeitssystem im sozialen Bereich und den sich daraus entfaltenden Möglichkeiten: auf Abruf arbeiten, aber ohne Absicherungen. Nach einer Phase rastloser Anstrengungen, verschiedener Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern und diverser Jobs, unterbrochen von einer schweren Erkrankung des Mannes, schwächen sich Betriebsamkeit und Betätigungsdrang Schritt für Schritt ab. Mittlerweile hat sie Sicherheit und Kontrolle über die materiellen Verhältnisse der Familie erlangt, welche nicht durch teure Konsumwünsche beansprucht werden. Der Besuch bei einer Schulfreundin in Österreich, die sie über 35 Jahre nicht gesehen hat, könnte hier die Zäsur zusätzlich unterstützt haben. Der Ortswechsel, die Natur sowie die Gespräche mit der Freundin erweiterten bei Frau Hellmig das Blickfeld, waren Ankerpunkt nach einer hinter ihr liegenden unübersichtlichen und bedrohlichen Phase. In den Vordergrund rücken neben der Familie (dem jungem Sohn und dem


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schwerkranken Ehemann) Gelegenheitstätigkeiten und Beschäftigungen, die herkömmlich dem Freizeitbereich zugeordnet werden. Vergegenwärtigt man sich noch einmal den Berufsweg von Frau Hellmig, ist dieser durch Arbeitsstellenwechsel und sogar tiefgreifenden Umorientierungen begleitet. Sie war immer stark auf ihre Zwillingsschwester fixiert, so daß offensichtlich ihr Selbstbild unterentwickelt ist. Deutlich ist, daß sie kein Vertrauen zu Kollegen aufbauen konnte und Auseinandersetzungen aus dem Weg ging. Sehr engagiert ist Frau Hellmig in asymetrischen Beziehungen, etwa zu ”ihren“ behinderten Kindern.

5.3.1.3. Typ Einkehr: Falldarstellung Renate Kasberg

Der Typus Umwege wurde bisher durch zwei Untertypen repräsentiert: Am Beispiel der Lebensgeschichte von Herrn Leitz entwickelte ich den Untertypus Verzögerung; die Biographien von Frau Fuhrmann und Frau Hellmig dienten dem Entwickeln des Untertyps Temporäre Aktivität. Dem Typus Umwege möchte ich abschließend am Fallbeispiel Frau Kasberg mit der Variante Einkehr vervollständigen. Als charakteristisch wird herausgestellt, daß die heteronome Frühverrentung einen Rückbezug auf die familiale Sozialisation auslöst und somit neue Orientierungen möglich werden.

Kindheit und Familie

Frau Kasberg wurde im Jahre 1931 im sogenannten Kongreßpolen geboren. Der Vater war Lehrer und Kantor. Sie wurde evangelisch erzogen und wuchs zweisprachig auf, spricht neben Deutsch Polnisch. Die Familie ist dem christlich - liberalen Bildungsbürgertum zuzurechnen. Bildung zu vermitteln ist ein Wert in der Familie und wird vor allem durch den Vater gefördert. Sicher ist, daß der Vater als Kantor und Lehrer so etwas wie eine Integrationsfigur im Ort ist, was auch auf das Leben in der Familie Einfluß nimmt und eine offene Atmosphäre schafft. Zugleich wird die Familie früh mit sich verändernden politischen Verhältnissen konfrontiert. Die Stellung der Familie ändert sich durch den Krieg Deutschlands gegen Polen im Jahre 1939. Polen wird deutsches ”Generalgouvernement“. Auf diese Weise wird die Stellung der Deutschen aufgewertet. Es werden jedoch auch die nationalsozialistischen Institutionen installiert. Mit Beginn des Krieges nimmt der Vater Frau Kasberg von der nationalsozialistisch ausgerichteten Oberschule und gibt sie auf eine katholische


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Schwesternschule. Dieser Schritt geschieht in Reaktion auf das neue Klima an der Oberschule. Im Jahre 1945 flüchtet die Mutter von Frau Kasberg mit ihr und dem jüngeren Bruder nach Deutschland. Der Vater bleibt zunächst in Polen. Für die Familie bedeutet die Flucht eine völlige Umstellung von gesicherten und behüteten häuslichen Verhältnissen auf Unsicherheit, Enge und Entbehrung. Frau Kasberg, inzwischen 14 Jahre, wird immer mehr in die Verantwortung, zumindest für den jüngeren Bruder, genommen.

Schul- und Berufsausbildung: Verlockungen des Neuanfangs

1945 beginnt Frau Kasberg im Büro des Bürgermeisters von L.-stadt, dem neuen Heimatort in Deutschland, eine Verwaltungslehre. Die meiste Zeit arbeitet sie im Amt und legt nach zweieinhalb Jahren extern die Prüfungen an der Berufsschule ab. Nebenbei bekommt sie von Lehrern, die mit der Familie befreundet sind, Unterricht in Latein, Englisch und Mathematik. Die russischen Sprachkenntnisse erleichtern der Familie die Integration in den Neuaufbau des Landes unter sowjetischen Verhältnissen. Ihrer christlicher Gesinnung entspricht es, an dem Ort zu bleiben, wohin es sie verschlagen hat. Auffällig ist, daß Erziehung und Bildung nach wie vor stark über das häusliche Milieu vermittelt werden. Aus dieser Position heraus bekommt Frau Kasberg 1948, im Alter von 17 Jahren, durch die Antifa - Jugend 1948 eine Delegierung an eine Vorstudienanstalt, der späteren Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF). Mit diesem Schritt beginnt der Absprung vom häuslichen Milieu. Sie wird in eine Förderklasse aufgenommen. Hier bekommt Frau Kasberg Kontakt mit Menschen, deren Anschauungen auf eine sozialistische Umgestaltung eingestellt sind. 1950 legt sie das Abitur ab und beginnt im Ostteil B.-stadts ein Slawistikstudium. Lehrerin ist ihr Berufsziel. Wegen schlechter beruflicher Perspektiven bricht sie ein Jahr später ab und wechselt 1952 zu den Wirtschaftswissenschaften. Wahrscheinlich ist, daß sie den Schritt bewußt wählt, um aus der elterlichen Tradition herauszukommen und einen eigenen beruflichen Weg zu wählen. Möglich auch, daß ihr die Position als Lehrende nicht lag.

Zwischen Arbeit und Familie

1955, ein Jahr vor Beendigung des Studiums, heiratet Frau Kasberg einen Mann, den sie bereits auf der ABF kennenlernte. Man kann davon ausgehen, daß sich langsam eine feste Freundschafts- und Liebesbeziehung herausbildete. Frau Kasberg kann warten und


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heiratet nach reiflicher Überlegung. 1956, im Jahr des Examens, wird ihr Sohn geboren. Die kurze und intensive Zeit der doppelten Belastung von Frau Kasberg wird zur ersten Bewährungsprobe für die Ehe. Ab diesem Zeitpunkt kümmert sich Frau Kasberg verstärkt um ihr berufliches Fortkommen. Kurz nach der Entbindung beginnt sie als Betriebsassistentin in der Kosmetikindustrie. 1957 wird sie stellvertretende Verkaufsdirektorin. Von etwa 1958 bis 1960 lebt der Sohn die meiste Zeit bei den Eltern von Frau Kasberg an der Ostsee. Anfang der 60er Jahre absolviert Frau Kasberg an einer Akademie für DDR-Führungskräfte ein Fernstudium. Sie beschränkt sich nicht auf die Familie und auf passive Identifikation mit dem neuen System, sondern ortet Möglichkeiten, um ihr berufliches Fortkommen unter den neuen Bedingungen zu sichern. Verbale, defensive und rein emotionale Anteilnahme reichen ihr nicht aus. In der Erziehung des Kindes bilden ihre Eltern mit einer vermutlich eher distanziert - beobachtenden Einstellung gegenüber den neuen sozialistischen Verhältnissen ein gutes Pendant. Andererseits weiß Frau Kasberg ihren Sohn, fernab der ”Frontstadt“ , in guten Händen. Die beginnende berufliche Etablierung ordnet auch, zumal über den Sohn, das Verhältnis zu den eigenen Eltern neu. Sie löst sich aus dem bürgerlich -liberalen Herkunftsmilieu in mehreren Facetten. Sie selbst lebt mit ihrer neuen Familie ein völlig neues Modell. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wird aufgelöst: Der Mann beschäftigt sich mit seinem beruflichen Fortkommen, sie engagiert sich im Beruf. Das Kind bildet die Brücke zu ihrem Elternhaus. Der Beruf wird das Zentrum der Entwicklung, vielleicht auch gespeist durch ein starkes Engagement des Mannes. Frau Kasberg will, so ist zu vermuten, dem beruflichen Engagement ihres Mannes, etwas Eigenständiges entgegensetzen. Sie verlassen damit zugleich die alten bürgerlichen Sicherheitsstrukturen, ohne auf sie konsequent verzichten zu können. Indem bürgerliche Werte bewußt tabuisiert werden, spiegelt sich in der Biographie eine neue sozialistische Rationalität, die dem Credo der radikalen Weltverbesserung verpflichtet ist. Indem Frau Kasberg zielstrebig die eigene berufliche Entwicklung forciert, stilisiert sie diese zur Bedingung des eigenen biographischen Entwurfs. Der in der neuen Familie (als Gegenentwurf zur Karriere ihres Mann) entfachte Erfolgsdruck gründet und bedingt eine Vehemenz im Beruflichen selbst. Bildung, Wissen, Ehrgeiz verbinden sich zunächst mit einem geringen Grad an Reflexion über die eigenen Wege. Reziprok dazu verläuft die Abkehr von den ursprünglich durch die eigene Erziehung angelegten und vertrauten Gewißheiten. Durch ihre Ablösearbeit betritt sie unsichere Gefilde. Die Spannung hält solange, wie die strukturelle Ausgewogenheit der Säulen Beruf, Ehe, eigene


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Herkunftsfamilie in einem Moratorium zusammengehalten und nicht zerstört werden. Die berufliche Entfaltung gipfelt 1966, in ihrem 36. Jahr, nach 10jähriger Entwicklungsperiode, im Arbeitsgebiet einer Verkaufsdirektorin eines bedeutenden Industriezweigs.<125>

Private und berufliche Turbulenzen: Neuorientierung über den Beruf.

1971 wird die Ehe von Frau Kasberg, die unterdessen 40 Jahre alt ist, geschieden. Dem beruflichen Gipfel folgt mit Verzögerung das Scheitern der Ehe. Die Triade Beruf, Ehe, Eltern hielt so nicht stand; daß schwächste Glied in der Kette riß. Sie versucht, den Sohn, inzwischen 15, stark am Vater hängend, für sich zu gewinnen. Die Bekanntschaftsbeziehungen liefen zum Großteil über den Mann und bröckeln ab. Aus diesem Grunde versucht sie, sich im Beruf neu zu orientieren. 1976 zieht sie in eine Stadt des sozialistischen Auslands. Sie vollzieht auch den räumlichen Bruch, verläßt B.-stadt, übernimmt das dortige Handelsbüro und ist ab diesem Zeitpunkt auch außerhalb Europas unterwegs. Ihr Selbstbewußtsein wird durch verantwortungsreiche Arbeit gestärkt: Sie hat beruflichen Erfolg, erfährt Geschichten, hat etwas zu erzählen. Allerdings ist zu vermuten, daß sie sich immer weiter von ihren familialen Beziehungen - zum Sohn und seiner Familie und zu den Eltern - abspaltet. Anzeichen ihrer Zerissenheit sind die Selbstvorwürfe anläßlich der Scheidung ihres Sohnes, ca. 1980, der in ihrer B.-städter Wohnung wohnt. Er stürzte sich jung Hals über Kopf in eine Ehe, die scheiterte. Sie ist im Ausland und kann nicht ”eingreifen“.

Kulmination

1984, mit 53, erleidet Frau Kasberg einen vollständigen gesundheitlichen Zusammenbruch. Bis 1987 wird sie in einem Herzzentrum behandelt, später kommt sie wegen schwerer Depressionen in die Psychiatrie. Der Körper setzt vehement die Grenzen für ihr forciertes berufliches Engagement und signalisiert Erholungsbedarf im Sinne einer ”Bilanzierungskrankheit“. 1987 beginnt Frau Kasberg wieder mit der Berufsarbeit. Sie wird Ökonomin in einem anderen Industriezweig. Der Beruf bleibt nach wie vor verläßlicher Ankerplatz, dort wird ihr Expertinnenwissen gefordert.


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Schroff unterbrochen wird dieser Neuanfang mit der Wende 1989 und der Abwicklung ihres Betriebes. Ihr bleibt mit 59 Jahren die Alternative des Vorruhestands. Nach diffizilem Neuanfang verliert sie wiederum den Halt. Mit schweren Depressionen kommt sie erneut in eine Klinik.

Rückbesinnung und Sammlung als Ressource

Ein befreundeter Arzt bietet ihr an, bei ihm in der Praxis die Patientenaufnahme zu übernehmen. Das Angebot, unter ihrem beruflichen Niveau und für wenig Geld, greift sie dankbar auf. Die Beschäftigung an sich erhält in dieser Situation überdimensionalen und therapeutischen Stellenwert für Frau Kasberg. Daneben besucht Frau Kasberg Bildungsstätten und singt in einen Chor im Westteil B.-stadts. Hier knüpft sie an ihre vielfältigen Interessen an. Mit Kunst und Bildung reaktiviert sie ihre in jungen Jahren erlebte Vielfalt im Elternhaus und während der Lehrzeit und zieht so einen Bogen über 45 Jahre von ihren Wurzeln zum Ende ihrer beruflichen Entwicklungsgeschichte, die sich in der DDR verkörperte. Im Rückblick gewinnt man den Eindruck, daß Frau Kasberg von Anfang an ihre Kräfte überschätzte. Ausgestattet mit einem Höchstmaß an Bildung und Selbstbewußtsein geriet sie, vermittelt über ABF, Studium und Ehe in eine Dynamik von Aufbau als radikalen Bruch mit den Traditionen. Unter diesen Vorzeichen gestaltete sich ihre berufliche Verortung als vermeintlich einziges Feld der Persönlichkeitsentwicklung. In dem Maße, wie die stets verleugneten Beziehungsnetze zerfielen, verließ sie auch ihre körperliche und psychische Stabilität. Der unvermeidbare (Vor-) Ruhestand bietet sich als Chance der Abkehr von Außensteuerung, die sie stets Kraft ihres Geistes zu beherrschen glaubte, und mündet über eine vielfältige Rückbindung an ursprüngliche, z.B. künstlerische Interessen, in neue Betätigungsfelder. Sie hat sich von Anfang an gegen sich entschieden, ihre Kräfte überschätzt und die Signale des Körpers umgeleitet in ein noch größeres und variables Engagement, welches sich tendenziell gegen sie richtete. Eine Verkörperung dessen kommt in der Krankheit zum Ausdruck.

Das Muster Umwege in der Spezifizierung, die ich Einkehr genannt habe, steht für eine hohe Mobilität in der Biographie bei gleichzeitig gering ausgeprägter familiärer Orientierung. Die Biographie ist auch hier stark durch die politische und berufliche Sozialisation in der DDR überformt. Die Erwerbsarbeit war nicht eine marginale Figur im Lebenslauf, sondern von Anbeginn erstrebtes und den Lebenslauf mehr und mehr


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bestimmendes Betätigungsfeld. Dazu wurden die in der DDR bereitstehenden institutionalisierten Gelegenheiten für Frauen (ABF, Studium, Qualifikation) konsequent genutzt. Mit dem Verlust der institutionellen Bedingungen des Arbeitsplatzes zerfällt nicht nur das institutionelle Ablaufmuster; es fällt auch die spezifische Funktion der Erwerbsarbeit im Leben von Frau Kasberg weg: ein Zustand, der einer Isolation gleichkommt, zumal die familiären Beziehungen immer mehr vernachlässigt worden sind. Die Handlungen in der neuen Lebensphase werden vom Rückbezug auf Erfahrungen früherer familialer Sozialisation strukturiert. Im entwickelten Fallbeispiel aktiviert Frau Kasberg die Beziehung zur Familie ihres Sohnes und besinnt sich auf Erlebensformen und Aktivitäten, die in der Tradition ihres bürgerlich - intellektuellen Herkunftsmilieus stehen: Sie singt in einem Chor und nutzt Möglichkeiten der Bildung.

5.3.1.4. Typ Umwege: Zusammenfassung

Aufgrund des drohenden oder schon vollzogenen Zwangsruhestand entfaltet der Typus Umwege unter Nutzung der institutionellen Gegebenheiten Aktivitäten, um möglichst lange im Erwerb zu bleiben oder den Übergang in den Ruhestand durch Aktivitäten hinauszuschieben. Es dominieren hypothetische Suchstrategien und Verzögerungen bei der Antizipation. Im Korridor des Übergangs wird die Legitimation des Ruhestands im sich Abarbeiten an den Strukturen - nach dem Schema Versuch-Irrtum, erst entwickelt. Die strukturellen Vorgaben müssen die Betroffenen erst nach und nach in ihre Handlungsstruktur einbauen, ein Vorgang, der Zeit benötigt.

5.3.2. Typ Stetigkeit

In Abgrenzung zum bisher entwickelten und dargestellten Umwegetypus soll nun ein Muster entwickelt werden, das ich mit Stetigkeit auf einen Begriff bringe. In diesem Abschnitt soll, wiederum an drei Untertypen (Übertragung, Gelegenheit, Rückzug) herausgearbeitet werden, wie im Gegensatz zum Umwege-Typ das Angebot zum vorzeitigen Ruhestand konsequent aufgegriffen wird, damit plausible Anschlüsse zur neuen Lebensphase gefunden werden. In den Fallbeispielen wird gezeigt, wie die Probanden die Logik der Systemveränderung und die institutionellen Ruhestandsbedingungen lebensphasenspezifisch decodiert haben und auf


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Deutungsmuster zurückgreifen, die es erlauben, mit den heteronomen strukturellen Veränderungen eigenständig umzugehen.

5.3.2.1. Typ Übertragung: Falldarstellung Anton Pries: ”Ich war heilfroh, daß ich dort weg war.“

Ausgangspunkt ist die Falldarstellung von Herrn Pries. Anton Pries hat während des Interviews viel zu berichten, vor allem darüber, was er gegenwärtig gerade macht: Seine heutigen vielfältigen Interessen und Pläne nehmen im Gespräch einen zentralen Platz ein. In den Äußerungen überwiegen rationale Beschreibungen deutlich die Argumentationen und Erzählungen. Im Rückblick auf seine Lebensgeschichte akzentuiert er, ähnlich wie Herr Leitz, berufsbiographische Ereignisse. Den Übergang in den Vorruhestand vollzieht Herr Pries als selbstbestimmten Abbruch, wobei er seine Entscheidung als ökonomisch abgesichertes Loslösen von einer zuletzt ungeliebten, sogar krankmachenden Arbeit nutzt.

Da hat sich erstemal schlagartig mein ganzer Zustand gebessert ... ich hab mich ehrlich gesagt auch bissel gefreut, hab gesagt: ‘Jetzt haste ne Sicherheit.’ Ich konnte mir auch ausrechnen, wieviel Altersübergangsgeld ich kriege und, daß ich immer damit gut hinkomme und daß ich die verdammte Abwickelarbeit vom Halse kriegte, also das hat mich fertiggemacht. (2/1/002)

Gleichzeitig führt er in der berufsfreien Phase sein biographisches Projekt fort, baut seine vielfältigen Interessen aus und verleiht ihnen dabei Komponenten von Arbeit, in die er heute seine Familie mühelos integrieren kann.

Offenhalten verschiedener Felder: Grundlage heutiger Stabilität

Während des Interviews beschreibt Herr Pries ausführlich seine heutigen Aktivitäten: Ein Fernstudium zum Werbetexter, begonnen in der letzten Phase der Berufstätigkeit, setzt er kontinuierlich fort. Praktische Anwendung findet es bereits heute in der Unterstützung seines Schwiegersohnes, der einen Ein - Mann - Betrieb gegründet hat.

Gleichzeitig hat das Ehepaar Pries eine Anerkennung als Kinderkurzzeitpflegestelle erwirkt, wobei in der Hauptsache Herr Pries sich mit den jeweils für 2 bis 3 Wochen in der Familie lebenden Kindern beschäftigt, da seine Frau noch berufstätig ist. In Kombination aus Werbetext- und Kinderpflegetätigkeit ist bei Herrn Pries der Wunsch entstanden, Kinderbücher zu schreiben, dessen Realisierung sich im Moment noch auf das Niederschreiben der Biographien der Pflegekinder beschränkt. Daß diese Aktivitäten nicht bloßen Hobbycharakter haben oder ausschließlich einem sozialen Engagement


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Rechnung tragen, sondern den Stellenwert von Arbeit für ihn besitzen, drückt Anton Pries u.a. wie folgt aus:

Ich weiß gar nicht, warum ich früher als Ingenieur mein Dasein fristen mußte, ich habe ja die meiste Zeit vergammelt, das macht ja viel mehr Spaß, mit den Kindern umzugehen, abgesehen davon, daß es auch bezahlt wird ... das ist eigentlich unsere Urlaubskasse. (2/1/365)

Biographisch früh und kontinuierlich hat Anton Pries Abbrüche zum Erschließungsmodus neuer Bereiche gemacht. So auch jetzt:

Also ich habe mit der Arbeitsstelle die Kontakte abgebrochen, bis auf zwei, drei Leute. (2/1/281)
Ich muß auch sagen ... ich habe diese ganzen unangenehmen Geschäfte ziemlich schnell verdrängt und auch vergessen. (2/1/295)

Diese manifestierte Handlungsstruktur läßt im Fall Pries beide Phasen des Übergangsprozesses in den Vorruhestand assoziieren, ineinander übergehen.

Umwege als Kennzeichen für die Berufswahl

Anton Pries wird 1937 in einer mittelgroßen thüringischen Stadt als einziger Sohn einer selbständigen Handwerkerfamilie geboren. Er wächst in einer engen Mutter - Kind - Beziehung auf, da der Vater 1938 zur Armee eingezogen wird und im Krieg vermißt bleibt. Aus heutiger Sicht war vor allem seine bürgerliche Herkunft ein Hindernis auf dem Weg in den Berufsstart: Die Empfehlung zur Oberschule erreicht er nur schwer, der Wunsch nach einem Musikstudium scheitert - trotz bestandener Aufnahmeprüfung - gänzlich aufgrund des bürgerlichen Herkunftsmilieus. Bei seinem weiteren Werdegang zeigt sich eine für ihn typische Reparaturstrategie: in Schwierigkeiten/Brüchen neue Möglichkeiten, Interessen und vermeintliche Leidenschaften aufzutun bzw. zu konstruieren, zunächst im Sinne von Gedankenresultaten, danach durch reales Handeln.

Ähnlich erging es mir dann mit dem Studium, es war so, daß Musikstudium ging also nicht klar und Mathematik und so was ging auch nicht klar, ich hab dann also ‘ne Lehre auch ganz kurzfristig angefangen, durch ‘nen Bekannten bin ich in ne Druckerei vermittelt worden, als Schriftsetzer, ein Glück, daß das nischt geworden ist, denn da hätte ich 3 bis 4mal umlernen müssen, denn Schriftsetzer wie ich angefangen hab zu lernen, gibt es heute so gut wie überhaupt nicht mehr. (1/1/319)

Den weiteren Weg bei seiner Berufsfindung beschreibt Herr Pries als eher zufällig:


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Bin also täglich mit Schulfreunden nach E. gefahren und auch wieder zurück, die dort im Praktikum praktisch rumgegammelt haben, also ich hab festgestellt ich verpasse überhaupt nichts und das war der Anlaß zu überlegen gibt’s denn nicht irgendwas was man studieren kann auch wenn das vielleicht nicht so die Absicht war ich hab mich dann also, ich kann gar nicht mal sagen - na, ich bin nach D. deshalb gekommen weil ich also in ‘ner Druckerei gearbeitet habe und dort gab’s in D. immer schon ‘ne Fachrichtung Papiertechnik und dort hab ich mich einfach mal angerufen und hab gesagt kann man sich da - kann man bei ihnen studieren ja, selbstverständlich, wir haben überhaupt keene Studenten das weiß ja kein Mensch daß wir Papiertechnik haben sie brauchen sich hier nur zu bewerben sie werden sofort immatrikuliert dann hab ich mich dort beworben, bin dann mit Telegramm zwei drei Tage später hinzitiert worden da war alles schon fix und fertig ... und damit war ich Student als nicht Arbeiter- und Bauernkind. (1/1/331)

Aber auch das ist noch nicht seine endgültige berufliche Heimat, denn während des Studiums wechselt Herr Pries noch einmal von der Fachrichtung Papiertechnik zur gerade neu gegründeten Fachrichtung Verarbeitungsmaschinenbau. Seine nicht wunschgemäße Studienwahl interpretiert er rückblickend:

Ich bereu das überhaupt nicht, ich hätte gern was anderes gemacht ... man hat das überhaupt nicht gewußt, man kriegte keinen Studienführer in die Hand und nichts. (1/1/350)

In seiner Interpretation dieser Lebensphase betont Herr Pries die für ihn ungünstigen Umstände, die er nicht kontrollieren, aber durch Abbrüche und Umwege überwinden kann. Ein Erklärungsmuster, daß er im Verlauf des Interviews immer wieder auf seine Berufsbiographie anwendet. Mit dem Tod der Mutter im Jahre 1956, Herr Pries ist gerade 19 Jahre alt, entfällt auch die letzte familiale Beratungsinstanz. Nunmehr ist er auf sich allein gestellt. Beim weiteren Verlauf seiner beruflichen Karriere erfährt er die Unterstützung durch (Partei)-Freunde - er ist Mitglied einer Blockpartei -, Arbeitskollegen und Vorgesetzte.

Berufliche Diskontinuität: Bedingung und Weg zum Erschließen neuer Bereiche

Bei seiner Berufskarriere zeigt sich, daß gesellschaftliche Arbeit so organisiert ist, daß Anton Pries seine vielfältigen Interessen splitten muß und dadurch in den Zwang gerät, einen Verlaufsweg zu verfolgen bzw. gegen seine ursprünglichen Neigungen andere Interessen zu vernachlässigen. Die Folge sind radikale Veränderungen im Sinne von Orts- und Branchenwechseln, wobei seine berufliche Karriere nicht als Summe dieser Wechsel verstanden werden kann, denn auch sie erfährt immer wieder ”Knicke“ und wird letztlich, basierend auf den gesammelten Erfahrungen, an jedem neuen Ort, in jeder neuen Branche aufgebaut. Von der technischen Hochschule wird Anton Pries direkt an ein Industrieinstitut vermittelt, wo er 2 Jahre lang als Entwicklungsingenieur tätig ist. Von dort wechselt er für 5 Jahre in die verarbeitende Industrie: Er wird technischer


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Leiter eines Papierveredelungskombinates im Erzgebirge. Danach ist er drei Jahre lang Verpackungsbeauftragter in einem Kombinat einer anderen Stadt. Seine nächste berufliche Station ist ein Verpackungsmittelwerk in einer anderen Stadt. Während seiner 9 Jahre dauernden Betriebszugehörigkeit bekleidet er dort verschiedene Positionen: Technischer Direktor, Investitionsaufbauleiter und schließlich Direktor für Forschung und Entwicklung. Zeitgleich promoviert Herr Pries und versucht anschließend, seine begonnene wissenschaftliche Karriere fortzusetzen: Er wird für 5 Jahre wissenschaftlicher Oberassistent an einer Technischen Universität im Süden der DDR. 1985 kehrt er nach B.-stadt, seiner letzten beruflichen Station, zurück. Auch im neuen Betrieb macht er zunächst Karriere: Er wird Direktor für Produktion und Technik, stellvertretender Generaldirektor und während der Umbrüche in der Wende der DDR sogar amtierender Generaldirektor. Anton Pries versucht zwar - soweit das machbar ist - bei den beschriebenen Wechseln Familie und berufliche Interessen zu kombinieren, in seiner Interpretation der Ereignisse dominieren allerdings eindeutig berufsimmanente Handlungsmotive. Aus seiner heutigen Sicht sind es die Umstände, die seine Um- und Abbruchentscheidungen konstituiert haben:

Der Maschinenbauzweig ist in der DDR dann zugunsten des Druckmaschinenbaus gestorben und ich hatte an für sich, nach 2 Jahren stand ich wieder bei Null. (1/1/042).

Das Erzgebirge verläßt er aufgrund der schlechten Wohnverhältnisse, gleichzeitig nutzt er den Aufbau der Chemieindustrie in der DDR. Aus B. wird er abgeworben:

Nur die früheren Kollegen haben mich da nicht so recht in Ruhe gelassen, die haben mich also dort abgeworben mit Wohnungsversprechung in B.-stadt und da sind wir zunächst mal nach B.-stadt gekommen zum Verpackungsmittelwerk. (1/1/074)

Nach seiner Promotion wird ihm eine Berufung zum Professor in Aussicht gestellt, aus der aber, so Herr Pries, aus parteipolitischen Gründen nichts wird. Auf Bitten seiner Block - Partei wechselt er in einen parteieigenen Betrieb seiner Partei zurück nach B.-stadt. In seiner Interpretation und Beschreibung der beruflichen Brüche unterschlägt Herr Pries den Umgang mit den ständig erfahrenen Verlusten von sozialem Rückhalt - schließlich verläßt er jedesmal auch Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn - vollständig. In seinem Erklärungsmuster, das die Umstände zu den entscheidenden Anlässen sozialen Handelns macht, wird der Blick kaum auf mit der eigenen Persönlichkeit in Verbindung stehende Motive gerichtet: Brüche als Resultat mangelnder Konsequenz und Stetigkeit in Kombination mit einer geringen Kontrollüberzeugung und einer Unentschiedenheit innerhalb vieler Interessen werden von Anton Pries nicht thematisiert. Im Gegensatz zu Herrn Leitz wird nicht Aushalten, sondern Wechseln zur


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Maxime des Selbstverwirklichungsprozesses, wobei berufliche Diskontinuität eine Eigendynamik entwickelt. Ursprüngliche Ziele werden im Abbrechen immer wieder modifiziert, gleichzeitig entstehen so permanent neue Ideen. Herr Pries widmet seine Leidenschaft dem Überwinden der Umstände und dem Entdecken neuer Felder, nicht aber seinen Plänen an sich. Er hätte gern einiges anders gemacht, bereut aber nichts. Indem er nach jedem Bruch seinen Blick immer wieder nach vorn richtet, Vergangenes schnell vergißt und verdrängt, umgeht er eine möglicherweise konfliktreiche Auseinandersetzung mit seiner Biographie und erfährt Stabilität im Erschließen neuer Bereiche, so auch bei den verdichteten Ereignissen der 80er Jahre (Wende, Übergang in den Vorruhestand).

Ambivalenz der Wende

Anton Pries ergreift gezwungenermaßen die Initiative, er ist stellvertretender Generaldirektor und übernimmt den Betrieb:

Und als der große Aufbruch losging, wurde dem Parteivorsitzenden ... und seinem Finanzchef, das war unser Generaldirektor Korruption und was weiß ich vorgeworfen und die beiden verschwanden in der Versenkung. (1/1/130)
Da hab ich dann am Montag meine Leute zusammengenommen und gesagt: ... also alles hört erstmal auf mein Kommando. (1/1/143)

Aus dieser Position heraus wird er zunächst auch noch Geschäftsführer der neu gegründeten GmbH. Mit den neuen Besitzverhältnissen erfährt er eine mehrfache persönliche und berufliche Abwertung: Er wird zurückversetzt zu einem von fünf Prokuristen, sein neuer Arbeitsauftrag lautet dabei: Abwicklung statt Aufbau. Als ehemaliger Funktionsträger sieht er sich durch die Repräsentanten des neuen Systems zusätzlich persönlichen und öffentlich diskutierten Anfeindungen ausgesetzt . Wie auch an anderen Stellen in seiner Biographie antizipiert Anton Pries die für ihn vermeintlich chancenlose Situation. Dazu kommt, daß ihn die neue Position bei der Arbeit in einen krankmachenden, sein Wohlbefinden bedrohenden Konflikt stürzt.

Nun muß ich sagen, daß mir die Tätigkeit dort überhaupt keinen Spaß mehr gemacht hat. Ich bin als Ingenieur - als mit Investitionen befaßter Ingenieur - immer am Aufbauen interessiert und das hab ich auch gekonnt aber das Abwickeln ist mir also schwer gefallen, ich hab da auch gesundheitlich ziemlich drunter gelitten. (1/1/206)

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Übergang: Selbstbestimmter Abbruch und Aufbruch in neue Felder

Anton Pries überblickt schnell, daß seine neue Tätigkeit in ihrer Konsequenz zunächst den Abbau des von ihm loyal Mitaufgebauten bedeutet und schließlich seine eigene Position überflüssig machen wird. An dieser Stelle greift er auf schon oft praktizierte berufsbiographische Handlungsstrukturen zurück: Er bricht ab und geht, wohlüberlegt zwar und nicht überstürzt, sondern abgewickelt, aber rechtzeitig, bevor er ”gegangen wird“.

Also, mir macht das überhaupt keinen Spaß und ich habe mir lange überlegt, was wird. Es kam ja mit dem Einigungsvertrag diese Altersübergangsregelung. (1/1/217)
Ende 91 kam dann heraus, daß der Jahrgang 37 ... in die Altersübergangsregelung gemacht wurde, da war ich erstmal froh, weil man erstmal wußte, es geht irgendwie weiter. (1/1/269)

Radikale Veränderungen nach kurzen Schüben und Phasen waren für ihn bisher probate Mittel der Handhabung von Lebenssituationen, in denen er nur eine geringe internale Kontrollüberzeugung aufbringen kann. Der abgesicherte Berufsausstieg steht in dieser Handlungsreihe für Bedingung und Weg, sich neue Felder zu erschließen und Wohlbefinden zu konstituieren. Der Übergang in den Vorruhestand ist von einer Endgültigkeit gekennzeichnet und stellt nach Anton Pries auch ”einen tüchtigen Einschnitt“ (2/1/396) dar, welcher jedoch durch die rückblickende Interpretation der letzten Phase der Berufstätigkeit legitimiert wird:

Es war eigentlich kein guter Start, den ich dort gemacht habe, es war ein günstiger Schritt. (2/1/337)

In dem Interview äußert Herr Pries wenig über Versuche, wieder ins Erwerbsleben zurückzukehren, obwohl er sie nachweislich unternommen hat. Stattdessen beteuert er

Also, daß mit dem Berufsleben das, ist bei mir geistig völlig abgehakt. (2/1/376).

Gleichzeitig entdeckt er neue arbeitsintensive Bereiche, die nur darauf zu warten scheinen, von ihm aufgegriffen zu werden. Die berufliche Vergangenheit wird als rational bewältigt erklärt und schafft somit Platz für neue Aktivitäten, in die seine Familie jetzt besser als je zuvor integriert werden kann.

Ich mache also praktisch den Haushalt ... wenn Kinder da sind, bestimmen die im Wesentlichen den Tagesablauf ... wenn keine Kinder da sind, muß ich mir selber was besorgen ... und dann ist es so, mein Schwiegersohn macht Stadtbezirkszeitungen ... so daß eigentlich alle 14 Tage Zeitungswochenende ist ... ich mach also diesen Lehrgang. (2/1/152)

Diese neuen Felder - ob konsequent bearbeitet oder durch Unstetigkeit und mangelnde Kontrollüberzeugung verlassen - eröffnen immer wieder weitere Bereiche, in denen


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Anton Pries sich ”zu Hause zu fühlen“ glaubt und bilden somit die Garanten seiner Stabilität:

Und seitdem ... habe ich mich neu bißchen der Schriftstellerei verschrieben. (2/1/115)
Bin eigentlich jetzt darauf gekommen ..., daß ich da auch gewisse Talente dafür habe. (2/2/024)

Es bleibt anzunehmen, daß dies nicht die letzte Entdeckung ihrer Art durch Herrn Pries bleiben wird, da er Zukunft jeweils aus den gerade neu besetzten Feldern konstruiert.

Fazit

Als erste Modifikation des Typus Stetigkeit wurde anhand des Fallbeispiels Herr Pries der Untertyp Übertragung entwickelt. Die Biographie von Herrn Pries ist durch hohe Mobilität ausgezeichnet. Übertragung bedeutet in dieser Auslegung, daß es diesem Typ gelingt, Aktivitäten und Engagement der beruflichen Welt auf die nachberufliche Periode zu übertragen. Der Vorruhestand ist ”Sprungbrett“ in eine Phase, in der das biographische Muster (des Durchsetzungsvermögens) modifiziert aufrecht erhalten wird. Im konkreten Fall nutzte Herr Pries die arbeitsrechtliche Regelung Vorruhestand zum bewußten Abbruch bisheriger Erwerbstätigkeit und verlängerte sein biographisch aufgebautes Aktivitätsmuster in nachberufliches Tätigsein: er beteiligt sich an dem kleinen Betrieb seines Schwiegersohns, schreibt Geschichten und betreut Pflegekinder.

5.3.2.2. Typ: Rückzug

Der Typus Stetigkeit wird in diesem Abschnitt mit dem Muster Rückzug, repräsentiert durch die Fälle Frau Woy (A) und Herr Mady (B), ergänzt.

A) Typ Rückzug: Fallbeispiel Marianne Woy

Frau Woy ist zum Zeitpunkt des Interviews etwa drei Jahre im Ruhestand. Sie präsentiert eine abwechslungsreiche Lebensgeschichte, die sie, aufgewachsen in einem gebildeten bürgerlich - christlichen Milieu in Ostpreußen, in der DDR nah an die Macht bringt. Für sie als ”Christin“ hat gleichwohl ”Kleinarbeit und Arbeit mit den Menschen“ Vorrang. Wenden wir uns zunächst dem Werdegang von Frau Woy zu, der sich aus dem Gespräch anhand der lebensgeschichtlichen Daten nachzeichnen läßt:


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Daten zum Lebensverlauf

1931 geboren in Ostpreußen, Vater Beamter, Mutter, geboren 1900, Hausfrau, bürgerlich - christliches Milieu

1944 Evakuierung zu Verwandten nach Schlesien

1945 Rückkehr aus Schlesien, Flucht mit Eltern über Danzig

Tod des Vaters während eines Granatenbeschusses Auffanglager in Mecklenburg, Entlassung nach Thüringen hier ab Oktober Oberschule bis Mittlere Reife

1947 Schulabschluß mit der mittleren Reife, Frauenfachschule

Ausbildung zur Wirtschaftsleiterin, Praktikum in einem Kinderheim

1949/150 Tätigkeit im Altenheim

1951 Eintritt in die CDU, vorher Mitglied FDJ

1950 bis

1953 Tätigkeit im Kinderheim in Thüringen

ab 1953 Tätigkeit als Lehrerin für Hauswirtschaft in Thüringen

1955 Vormundschaft für ein sechzehnjähriges Mädchen

1957 Teilnehmerin an den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Moskau, lernt ihren späteren Ehemann kennen

Mitte der

50er Jahre Ausbildung zur Krankenschwester

1960/61 Tätigkeit in einer Krankenpflegeschule, unterrichtet Krankenpflegeschüler in hauswirtschaftlichen Tätigkeiten

1963 Ortsgruppenleiterin der CDU und Stadtverordnete

Kandidatur für die Volkskammer , Erkrankung

1965 Ausbildung zum Abitur parallel zur Tätigkeit als Lehrerin

1968 Herz - Kreislauf - Beschwerden

1970 Fernstudium der Medizinpädagogik

1974 stellvertretende Leiterin für praktische Ausbildung einer Medizinischen Fachschule

1975 Wiedertreffen des späteren Ehemannes auf einer CDU- Versammlung

1977 Tod der Mutter

1981 Heirat

1982 Umzug nach B.-stadt, Tätigkeit als wissenschaftlich- pädagogische Mitarbeiterin in einem Institut

1989 erlebte Zeit der Wende als Mitglied der Volkskammer

1990 Tätigkeit in einem Wahlausschuß

10/1990 Vorruhestand des Ehemannes

12/1990 Liquidierung des Instituts

01/1991 3/4 Jahr Warteschleife, Arbeitslosigkeit, Austritt aus der CDU

12/1991 Übergang in den Ruhestand


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Herkunftsmilieu und Kindheit: ”Meine Eltern waren nicht reich, aber es war ‘ne gutbürgerliche Schose.“

Frau Woy kam 1931 in Ostpreußen zur Welt. Der Vater war Beamter, die Mutter Hausfrau. Sie sind im Nordosten ohne weitere familiäre Bindung, weil die Verwandtschaft zum großen Teil in Schlesien lebt. Frau Woy wächst in christlich geprägtem bürgerlichen Milieu auf. 1938 ziehen sie in eine Viereinhalbzimmerwohnung mit Garten. Die Familie fährt jedes Jahr in die Ferien. Frau Woy bekommt als Kind Klavierunterricht. Ihre Kindheit bezeichnet sie als ”glücklich, behütet und geborgen“. 1944 wird Frau Woy wegen der Bombenangriffe und der heranrückenden Front zu Verwandten nach Schlesien geschickt. Als die Rote Armee bereits in der Stadt ist, holen die Eltern ihre Tochter Ende 1944 zurück.

Annullierung der Kindheit

Im Februar 1945 flieht Frau Woy mit ihren Eltern in Richtung Westen. Die kleine Familie bleibt zusammen, denn der Vater wurde nicht eingezogen. Zunächst gelangen sie nur bis Danzig. Dort kommt der Vater bei einem Granatenbeschuß der Stadt um. Für Mutter und Tochter, Frau Woy ist 14 Jahre alt, ist allerdings keine Zeit zur Besinnung. Es bleibt keine Zeit den Toten zu beerdigen und zu trauern. Ende März besetzt die Rote Armee die Ostseestadt. Als Schlüsselerlebnis für ihre ”gesellschaftliche Haltung“ markiert Frau Woy heute die Begegnung mit einem jungen Russen:

Als die Russen kamen, war das also so, daß das Nachbarhaus brannte und das andere Haus brannte, und wir mußten also auf die Straße, ja (1) wohin, wußten wir nicht und da kam ein (1) junger (1) Russe auf uns zu und fragte, ob jemand kochen könne, und da hat meine Mutter gesagt, ja natürlich, und da hat er uns auf die andere Straßenseite in ein Haus mitgenommen auch noch andere Frauen, und da war auch noch ein kleines Kind, und mit dem, was wir im Haus vorfanden, hat meine Mutter Eierkuchen gebacken, Eier gab’s nicht, aber irgendwie so (1) so und dieser junge Russe war eigentlich ein Initialerlebnis, was also nun auch (1) ich möcht mal sagen meine (...) gesellschaftliche Haltung (1) geprägt hat, also (2) auch zu den Russen (4) der hatte eine deutsche Großmutter, kam aus Leningrad (4) war 19 oder 20 Jahre, sprach (1) zwar gebrochen Deutsch und der sagte, tja Hitler wollte den deutschen Soldaten Moskau zeigen, wir werden B.-stadt sehen, da hab ich gedacht, das darf doch wohl nicht wahr sein, das wird ja wohl NIE so werden (1) nur (1) wenn wir DIE nicht gehabt hätten. (1/2/12,0).

Diese Zwischenevaluation bricht hier ab und mündet nicht in ”dann hätten wir keinen Sozialismus gehabt“, sondern verweist auf die damalige Alternativstruktur: Krieg oder Frieden. Den Frieden brachten die Russen. Das Hin- und Hergerissensein verdeutlicht folgender Auszug aus dem Interview, der etwas später nach der oben zitierten Sequenz folgt:


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Es wurde also auch geplündert und vergewaltigt... also die Kampftruppe die haben unten vors Haus Wachen gestellt, daß keiner ins Haus kam (1) und wenn die in den Kampf zogen, sind wir in deren Betten schlafen gegangen, und dann haben wir uns die ersten Läuse geholt, da haben wir nicht gewußt, was das ist, wir dachten, wir haben Nervenfieber oder was (3)... wir sind also auch von der sowjetischen Armee mit Suppe versorgt worden, es ist also ein ganz zwiespältiges Verhältnis zu den Kindern, gut, bloß ich meine, sie hatten schon einen gewissen Haß. Auf der einen Seite haben wir in Rußland wirklich gut gewirtschaftet, so, und Stalin hatte ihnen wohl drei Tage Plünderungsbefehl gegeben, sie können sich nicht vorstellen, wie das aussah, alles aus den Schränken gerissen und drauf gespuckt und gekackt und so weiter, das war schlimm. (1/2/17,8)

An die Stelle von Sicherheit und Geborgenheit tritt Unsicherheit, Bedrohung und Verlust von vertrauter Umgebung und Besitz. Sie erfahren als Zivilisten die Lebensbedrohung und haben kaum Steuerungsmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheit. Den Krieg verbindet Frau Woy dauerhaft mit dem Tod ihres Vaters, und in der Rückschau, auch durch die aktuellen Ereignisse in Bosnien wird sie angeregt, immer wieder darüber nachzudenken. Eingelagert in die Ausführungen über die Zeit am Ende des Krieges ist ein Vergleich von 1945 zu heute:

Das kann man aus mehreren Gründen nicht vergleichen, dort hatten wir einen Krieg verloren, und wir hatten Besatzung, und es ging allen gleichermaßen mies (2) so, und jetzt sind wir ja, irgendwie ist das über uns gekommen, ohne das wir Not an Leib und Leben haben (2) es gibt andere Dinge, die uns zu schaffen machen, aber das nicht (1) und da denke ich mir manchmal, das sollte man also auch, wenn man das aus Bosnien sieht oder Südafrika oder Somalia oder (2) da sollte man ja an und für sich dankbar sein, daß es so ist, wie es ist, ohne daß man das zauberhaft findet, was da über uns gekommen ist (2) denn ich muß auch ganz ehrlich sagen (1) daß ich (1) diese Wendezeit (1) zunächst gar nicht so gut verkraftet hab, denn das kam ja über mich in der Zeit wo ich in den letzten Zügen meiner beruflichen Tätigkeit war 1989, da war ich (1) 58 Jahre.

Das zwiespältige Verhältnis zur seinerzeit neuen Ordnungsmacht wird dennoch heute wieder deutlich. Damals war eine Einreihung in das sich etablierende System der 1949 gegründeten DDR, deren Charakter sich erst nach und nach abzeichnete, notwendig. Trotzdem war sie, wie sich aus gegenwärtiger Sicht zeigt, mit Zweifeln besetzt. Paradoxerweise treten bei Frau Woy die Kriegsereignisse, obwohl sie fast fünfzig Jahre her sind, unter den Prämissen des Zusammenbruchs der DDR neuerlich ins Bewußtsein und werden in den Bezugsrahmen der gegenwärtigen Veränderungen gestellt. Wurden damals die geschichtlichen und politischen Weichen für ihren weiteren Lebensweg im Osten gestellt, so steht sie zum Zeitpunkt einer erneuten Umarbeitung der Verhältnisse am Ende ihrer beruflichen Laufbahn. In einem chronologisch weiten Bogen endet 1989/90 geschichtlich die Periode des Krieges und versinnbildlicht sich in der Erzählstruktur der Biographin. In diesen Zeitabschnitt eingelagert, vollzog sich das Berufsleben von Frau Woy, und zwar unter Verhältnissen, die heute als undemokratisch und ineffizient charakterisiert werden. Das verändert die eigene Sichtweise, bemißt aber


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auch handlungstheoretisch die realen und nach vorne offenen Gelegenheiten und Zwänge. Diese ergeben sich zumindest aus der Konstellation von Alter als relativ stabiles Ordnungsmuster in Industriegesellschaften und einem Erfahrungshintergrund, gegenwärtig in der Art und Weise biographischer Rückschau. Erste Station ist ein Auffanglager in Mecklenburg. Nach wenigen Wochen lassen sich Mutter und Tochter in eine größere mitteldeutsche Stadt entlassen, da in einem Nachbarort eine entfernte Verwandte lebt. Dort besucht Frau Woy ab Oktober 1945 weiter die Oberschule, welche sie 1947/48 mit der mittleren Reife abschließt. In der fremden Umgebung werden sie zunächst zu Bittstellern. Der Mutter fällt nach dem Tod des Vaters die Hauptverantwortung zu. Unter diesen Umständen ändert sich auch der Stand von Frau Woy. Sie wird Partnerin der Mutter. Damit wurde Frau Woy früh in die Pflicht genommen, mit für den Unterhalt zu sorgen. Ihre Pubertät wird gleichsam zeitlich zusammengezogen und früh angebrochen. Das Leben ist zunächst bestimmt von der Sorge um die eigene Existenz, Wahlmöglichkeiten für die Zukunft sind eingeschränkt. Anzunehmen, daß dieser Wandel nicht konfliktfrei verlief.

Modus der Entbürgerlichung

Frau Woy besucht ab 1948 die Frauenfachschule und läßt sich als Wirtschaftsleiterin ausbilden. Hier überwiegen Versorgungsgedanken die Wahl des Berufs, zu dessen Gunsten der Wunsch, Lehrerin zu werden, zunächst zurückgestellt wird.

Ich nehme an, daß da bei mir irgendwo im Kopf rumging, du hast dann wenigstens dein Essen anders kann ich mir das nicht erklären. (1/1/7,2).

Bereits die Mutter, gezwungen, für den Erwerb zu arbeiten, beginnt eine ”Versorgungstätigkeit“ als Küchenhilfe. Erste praktische Erfahrungen erwirbt Frau Woy 1949/50 bei einer einjährigen Tätigkeit in einem Kinderheim. Sogleich wird sie dem vollen Aufgabenkatalog ihres Berufs ausgesetzt. Sie steht in dem Spannungsfeld zwischen der Pflicht, wegen der beschränkten Versorgungslage streng Regime zu halten und dem Anspruch, aus den zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste machen:

Ich hatte einen Koch, drei Beiköchinnen und 13 Küchenhilfen, ich weiß noch, der Koch hat mich um ein Sack Zucker beschissen, ich kriegte Butter in 25 Kilo Packen, wo wir bisher gehungert haben, das muß man sich mal vorstellen. und habe die 1000 Kinder mit ihren Betreuern täglich satt gekriegt (3) unter den heutigen Bedingungen sicher ganz primitiv. wir haben Strohsäcke für die Kinder gehabt...na jedenfalls war das eine ganz lustige und schöne Sache. und wenn ich mir das heute überlege. ich sollte die Wirtschaftsleitung von 1000 Mann übernehmen, ich würde aber kneifen. (1/2/11,7)

Frau Woy engagiert sich im Beruf, findet Anerkennung. Es entfaltet sich früh eine Lebenstüchtigkeit. Sie entwickelt und kultiviert aus ihrem christlichen Ethos


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erwachsene Befähigungen, sich zu behaupten, zu improvisieren, Verantwortung zu übernehmen und das Vermögen, Situationen auszuhalten. Familiär pegelt es sich so ein, daß Frau Woy weiter bei der Mutter lebt. In dieser Konstellation hat ein Mann keinen Platz. ”Nicht Mutti wir heiraten nicht mehr“ war die Strategie, die die Tochter der Mutter vorlegt. 1955 entschließt sie sich zum Wechsel im Beruf:

Dann traf ich eine ehemalige Kollegin aus der Frauenfachschulzeit die... Krankenpflegerinnen in Hauswirtschaft ausbildet, und da machte es bei mir klick, weil ich ja immer noch mal den Gewerbelehrerinnenwunsch hatte, und da hatte ich mich beworben, das war übrigens das einzige mal in meinem Leben, wo ich mich beworben hab, das hat dann auch wunderbar geklappt. (1/1/13,5).

Frau Woy belebt nach einem Zufallstreffen ihren ursprünglichen Berufswunsch. Zur gleichen Zeit nimmt sie ein 16jähriges Mädchen in Pflege. Kurzerhand überspringt sie eine Phase der Biographie. Sie wird Lehrerin und Mutter für die gleiche Generation. Sie geht nicht den üblichen Weg: einen Mann kennenlernen, Kinder zeugen und aufziehen. Denkbar, daß sie so schnell ein erlittenes Defizit an Kindheit ”abarbeiten“ will. In der Aufschichtung ihrer Lebensphasen zwischen ”glücklicher Kindheit“ und beruflicher ”Konsolidierung“ bewertet sie ihre Jugendzeit als ”obermies“. Wenn man in den Beruf eintritt, erhält das eigene Leben neue und bildhaftere Konturen. Durch das Prisma der Erfahrungswelt Beruf ist Frau Woy in unsicheren und erst neu zu schaffenden stabilen politischen Verhältnissen real am Aufbau beteiligt. Es erwächst die Aufgabe, in die gesellschaftlichen Verhältnisse die eigenen Ansprüche, biographischen Erfordernisse und Entscheidungen zu weben. Sich ein tragfähiges Netz für die Zukunft zu verankern, heißt auch, Stellung zu beziehen und Kompromisse einzugehen.

Suche nach einer politischen Heimat

Noch während des Studiums, mit 20 Jahren, entschließt sich Marianne Woy zur Mitgliedschaft in der FDJ und der CDU der DDR. Hieran wird ein interessante Polarität ihrer bisherigen Wahrnehmungen und Überzeugungen sichtbar, aber auch die Gründlichkeit der Überlegung:

Ich bin als FDJ Mitglied in die CDU gegangen, eine Sache, die eigentlich ungewöhnlich ist, und das war also eine echte Entscheidung, in die CDU zu gehen, da hab ich eigentlich ein halbes Jahr dazu gebraucht, um zu sagen, ja, also das wird das Richtige sein...da hab ich die FDJ Dorfgruppe geleitet, dann hatten wir auch ein Jugendheim gekriegt vom Bürgermeister und auch Möbel dazu, als der mitkriegte daß ich in die CDU ging, wollte er uns das Jugendheim wieder wegnehmen. ((lachend)), (2/1/4,0)

Zum einen sieht sie sich vereint mit den Zielen der FDJ. Frau Woy trägt bereits im Beruf als Wirtschaftsleiterin Verantwortung. Sie ist jung, will etwas für sich erreichen


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und die gesellschaftlichen Bedingungen mit beeinflussen. Gleichzeitig ist ihr Weltbild breiter. Sie stört der pure Atheismus und die einseitig auf die Arbeiterbewegung und Entbürgerlichung ausgerichtete Tradierung des Systems. Da sie vom Elternhaus christlich erzogen ist, sucht sie als Entsprechung ihre politische Heimat in der CDU. Einen frühen Höhepunkt erreicht Frau Woy als sie 1963, mit 32 Jahren, von ihrer Partei gebeten wird, für die Volkskammer zu kandidieren. Die folgende Textpassage verdeutlicht wie es dazu kam:

Und dann haben sie mich 1963 ausgeguckt und haben gesagt, wie wär’s denn, wenn du für die Volkskammer kandidierst. (2/1/6,5)

Das neue Projekt DDR und die Beteiligung von Frau Woy erzeugen Anschauungen und Lebensmuster, die den Konflikt mit ihrer Mutter hervorrufen:

Das Nichtwählen war ja bei uns was ganz furchtbares, das ist ja gerade so gewesen, als würde man (3)...den ganzen Staat in Frage stellen... und seine Institutionen, und das schönste ist, daß 1963, als das mit der Wahl zur Volkskammer erstmalig anstand, da wurde meine Mutter affig, das war ihr ja denn nun zuviel, und im Nachhinein versteh’ ich manches besser oder deutlicher, es war ja schon furchtbar, wenn ich im FDJ - Blüschen rumhüpfte, da hat sie sich schon geschüttelt, schimpf bloß nicht auf den Westen, ich sag Mutti, was soll ich denn auf den Westen schimpfen ich kenn doch den Westen gar nicht, was soll ich denn auf den Westen schimpfen...also ganz bigotte Hausfrauenvorstellung.

Aus heutiger Sichtweise stoßen wir auf die Evaluation ”heute versteh ich manches besser oder deutlicher“. Politische Maßstäbe nach der Wiedervereinigung lassen noch einmal die Auseinandersetzungen am Beispiel ihrer Mutter aufleben und rufen eine abgewandelte Bewertung hervor. Sie lebte zwar bis zum Tode ihrer Mutter mit ihr zusammen, aber um den Preis von Meinungsverschiedenheiten. Schließlich behält die ”frömmelnde Hausfrau“ vor der Geschichte recht und gibt ihrer Tochter nachträglich eine Lektion.

Eine Facette ihrer Motivationsstruktur wird über den nachfolgenden Auszug entschlüsselt:

Wissen Sie, man hat ja hier bewußt gelebt, weil man ja etwas besser machen wollte als was man erlebt hatte nach dem Krieg, das Kriegsende und das, da hab ich gedacht, so was darf nicht noch einmal passieren, und dann leiert sich das so ein, und dann kriegt man gar nicht mit, daß das... weil man immer bestrebt ist, irgend etwas auf die Reihe zu kriegen, für die Menschen da zu sein, die kamen dann zu mir in die Wohnung und wollten das eine oder andere, daß ich mich mal darum kümmer. (2/1/8,0).

Ein weiter Bogen wird geschlagen. Maßgeblich ist die Suche nach Erklärung des eigenen Lebens. In dichter Beschreibung und Erzählung verklammert Frau Woy die politischen Ereignisse 1945 und 1989 mit ihrem eigenen Werdegang. Immer wieder setzt sie in der Zeit kurz nach dem Krieg an und verweist schließlich auf die Zwänge, die sich aus einer handlungsleitenden Idee, etwas besser machen zu wollen, ergaben.


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Versäumnisse ausgleichen

Mit 34 Jahren setzt sie sich erneut auf die Schulbank und beginnt mit dem Abitur. Sie versucht unentwegt, vermeintliche Lücken zu schließen, die sich in weit zurückliegenden biographischen Phasen ausmachen lassen - etwa durch die zu früh unterbrochene eigene Jugendphase. Durch die Abiturausbildung nimmt sie - zumindest teilweise - den Status einer Jugendlichen an. Privat hat sie keine weiteren Verpflichtungen, hier fehlen ihr Ruhe- und Gegenpole. Um so mehr engagiert sich Frau Woy beruflich und politisch. Beständig läuft sie versäumten Gelegenheiten hinterher und versucht nachträglich, ihre Biographie zu modifizieren. Was treibt eine Frau mit breiter beruflicher Bildung und Erfahrung zu diesem Schritt? Treibende Kraft für diesen Schritt könnte sein, daß sie durch ihre politische Tätigkeit mit Menschen zusammenkommt, die besser ausgebildet sind als sie. Denkbar wäre, daß sie noch mal ein Hochschulstudium reizt, um für die Tätigkeit als Lehrerin die optimale Ausbildung nachzuweisen. Die Anforderungen durch Beruf, Qualifikationen im Abendstudium und politisches Ehrenamt bleiben nicht ohne Folgen für ihren gesundheitlichen Zustand. 1968, ihrem 37. Lebensjahr, diagnostizieren die Ärzte eine Herzerkrankung:

Ich war sehr ausgelastet, und das hat mich auch mal auf die Bretter gehauen mit einer Angina pectoris.<126> (2/1/12,0)

Freie Zeit im herkömmlichen Sinn hatte sie kaum. Das beklagt sie aber im Nachhinein nicht, vielmehr stellt es Frau Woy als Gewinn heraus, der noch heute trägt:

Freizeit hab ich eigentlich wenig gehabt, das hätt’ ich vielleicht stärker empfunden und auch negativer empfunden, wenn nicht so ein gutes Arbeitsklima gewesen wäre, ich bin also heute noch mit einem Großteil der ehemaligen Kollegen ... echt befreundet das wäre sonst nicht gegangen. (2/1/15,0)

1970 beginnt Frau Woy ein Hochschulfernstudium. Die berufliche Position, welche sie schon lange und anerkennenswert ausfüllt, soll durch ein Examen untermauert werden. Die drei Pole Arbeit, Fortbildung und Politik werden auf gehobenerem Niveau aufrechterhalten und ausgebaut.


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Späte Bindung

1975, auf einer Veranstaltung ihrer Partei, trifft sie den Mann, den sie 1981 heiratet. Diesen Mann lernte sie bereits 1957 bei einem Jugendtreffen kennen, verlor ihn dann aus den Augen. 1977 stirbt die Mutter. 1981, mit 50, heiratet sie ihren alten Bekannten. Ein Licht auf die Beziehung zu ihrer Mutter und die relativ späte Entscheidung zur Heirat wirft folgender Passus:

Meine Mutter starb 1977 und ich weiß bis heute nicht, wie ich mich entschieden hätte...aber ich glaube ich hätte sie nicht allein gelassen. (2/1/29,0)

Solange konnte und mußte sie warten, bis sie schließlich ihre einstige Jugendliebe, 1957 verheiratet und beim Wiedersehen gerade geschieden, heiratete. Erst mußte die Mutter sterben, die alte und durch das gemeinsame Schicksal des Krieges fundierte Bindung sich lösen. Je länger sie mit der Mutter lebte, um so schwerer konnte sie sich lösen, blieb quasi Tochter. Erst mit ihrem Tod konnte sie neue Wege gehen, indem sie heiratet. Frau Woy entwickelt in der Rückschau noch eine weitere Sicht auf die Gründe für eine späte Heirat. Hier erkennt man die Zerrissenheit zwischen ihren politischen Anschauungen und familiärer Pflicht. Sie werfen ferner das Licht auf eine Legitimationsstrategie von Frau Woy :

Für manchen strammen Genossen war ich suspekt durch meine Kirchen- und Parteizugehörigkeit, für die von der Fraktion der Kirche war ich zu links und rot, das war der eine Aspekt, und ich war das Eigentum meiner Mutter ... von daher hab ich mich nie so bemüht, unter die Haube zu kommen. (2/1/19,5)

Mit der späten Eheschließung minimierte sie schließlich ein Risiko. Sie heiratete zum ersten Mal in einem Alter, in dem eine Konsolidierung in der Persönlichkeitsentwicklung angenommen werden kann. Dies kann bei den Eheleuten, die jenseits der 50 heiraten, stillschweigend vorausgesetzt werden und wird zur Bedingung ihres Zusammengehens. 1982, mit 51 Jahren, zieht sie zu ihrem neuen Ehemann in eine andere Stadt. Ihre letzte berufliche Stellung ist stellvertretende Direktorin in der Medizinischen Fachschule. Danach wird sie wissenschaftlich - pädagogische Mitarbeiterin in einem Institut für Weiterbildung. Sie vollzieht einen Ortswechsel und verabschiedet sich vom Beruf als Lehrerin. Mit der Stadt, wohin es sie mit der Mutter 1945 verschlug, hat sie abgeschlossen, die Entscheidung wird als privater Kompromiß ausgehandelt. Womöglich hat sie darauf gewartet, durch eine enge emotionale Bindung aus der beruflichen Spirale von Ansprüchen und Anforderungen und der ihr innewohnenden Dynamik ”erlöst“ zu werden. Offenkundig rückwärts wird ihre private Biographie aufgerollt. Mit 50 heiratet sie, bereits mit 26 wurde ihr


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Pflegekind volljährig. Strukturell dominiert war die biographische Entwicklung bislang durch Auf- und Umschwünge des Beruflichen. Mit der Heirat setzt sie einen neuen Mittelpunkt, der in einer späteren Lebensphase außerordentliches Gewicht bekommen soll.

Übergang in den Ruhestand: ”Immer in der Defensive.“

Die ”Wendezeit“ 1989/90 erlebt Frau Woy, 59jährig, durch die Brille der Mitgliedschaft in der Volkskammer. 1990 ist sie Mitwirkende in einem Wahlausschuß. Man muß davon ausgehen, daß sie das Bedürfnis und die Hoffnung auf einen Neuanfang in der DDR hat. Zugleich kommt Ratlosigkeit auf, wie das zu bewerkstelligen ist. Doch die Entwicklung geht aus dem Ruder. Mit dem Einigungsvertrag 1990 wird ihr Institut aufgelöst:

Ich war bis zum schrecklichen Ende in der Volkskammer ... die Zeit hat mich Jahre meines Lebens gekostet, und dann die Abwicklung des Instituts, ich: war: fertig: ich bin hier auf der Allee gelaufen mir sind die Tränen gerollt ich konnte nichts dafür. (2/1/7,0).

Die Eingangsevaluation verdeutlicht ihre Haltung und zugleich die Ambiguität des Umbruchs für Frau Woy. Sie erfährt das Ende der DDR als doppeltes Scheitern: ihrer politischen und beruflichen Laufbahn und ihres Lebens. Der Vorruhestand ist in diesem Fall lediglich das Auffangnetz wegen der Abwicklung ihres Instituts und ihrer Suspendierung. Beruflich hat sie zunächst noch einmal voll zu tun. Auf internationalem Terrain kann sich ihre Abteilung durchaus messen:

Ein viertel Jahr, bevor das Institut aufgelöst wurde, haben wir noch mal die ganzen Lehrprogrammen...überarbeitet, angeglichen, wir haben die Studienpläne verglichen mit Österreich, der Schweiz, Holland. (2/2/16,5)

Weiter ist das Resultat zu erfahren:

Alles kam in den Reißwolf, und dafür hat man seit ‘82 gearbeitet, das war fürchterlich. (2/1/11,5).

Hier sollte man sich nicht zu Fehlinterpretationen verleiten lassen. Das institutionell vorgesehene Alter für die Verrentung war durchaus im Bewußtsein von Frau Woy. Hier dominiert vielmehr der Schmerz über die Eigenart der Verrentung. Parallel dazu wird eine Perspektivlosigkeit heraufbeschworen, weil sich die Bedingungen und Entscheidungen in der Lebensgeschichte als Irrweg entpuppen:

Da bin ich mich Hasensprüngen und Kopfsprüngen ins Nichts gehopst. (2/2/17,5)

Einstweilen wurde sie ”depressiv, obwohl das nicht meine Mentalität ist“ und hat sich in den ersten zwei Jahren ”richtig eingeigelt“ (2/2/21,5). Die so stark in die Biographie strahlenden politischen Ereignisse evozieren immer wieder Stellungnahmen und


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Argumentationen, die die kollektive Defensive, zumindest der Generation von Frau Woy, veranschaulichen und eigentlich ihrer Denk-- und Handlungsweise entgegenstehen:

Uns wird also vorgeworfen, daß wir kein Rechtsstaat waren, nach meinem Dafürhalten ist die Vokabel Unrechtsstaat eine moralische Sache und keine staatsrechtliche Angelegenheit, bloß damit wird, so wie ich das verstehe, der Befindlichkeit unserer Bürger so ein mieser Dienst erwiesen, daß sie immer in die Defensive gedrängt sind, und daß sie gehalten sind, hübsch klein, hübsch artig und hübsch dumm zu sein. (3/1/3,8).

In gleichem Atemzug versucht Frau Woy, ihr Ausscheiden als ein für sie vorteilhaftes Ergebnis zu wenden:

Froh, daß ich schon so alt bin wie ich bin, und ich will Ihnen auch ganz ehrlich sagen, ich wüßte heut gar nicht, ob ich unter den heutigen Bedingungen im Schuldienst brauchbar wäre, weil ich gar nicht wüßte, was ich den jungen Leuten auf den Weg des Lebens mitgeben sollte, Bildungsinhalte ist klar, aber Erziehung ist Motivation, aber wozu soll ich die Leute motivieren, für eine Ellbogengesellschaft...nur die eigene Karriere im Auge zu haben, das ist nicht genug (3/1/4,0).

In diesem Kalkül mystifiziert sie die moralischen Maxime während ihrer Tätigkeit in der DDR gegenüber jetzt geltenden Maßstäben. Diese Radikalität entspringt der fremdbestimmten und in Abwehrstellung erlebten Demontage des bisherigen biographischen Projekts und mündet in eine Skepsis gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen. Sie ist neben einer realistischen Aufnahme und Bewertung ihrer gegenwärtigen Situation ein Luxus, den man sich wiederum leisten kann, wenn man vom ”Hochsitz“ des Ruhestands gegen alle Widerstände für sich ein positives Zwischenergebnis der eigenen Entwicklung zieht.

Entschlossenheit: ”Man kann sich nur für eine Idee im Leben richtig engagieren.“

Aus Ernüchterung über den Gang des Einigungsprozesses tritt Frau Woy aus der CDU und der Kirche aus. Noch aktiv als Wahlhelferin während der ersten demokratischen Volkskammerwahlen waren die Gedanken bei einer sich abzeichnenden Mehrheit für ihre Partei: ”da fing an mir ganz dunkel zu schwanen daß das nicht gut gehen kann.“ (2/2/8,3). Frau Woy hat Schwierigkeiten mit der offenen Ordnung, weil sie ihr Handlungsfelder versagt. Der Verlust von Handlungsfeldern und Visionen wiegt schwer, und die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung kann sie nicht akzeptieren. Die übergeordneten Ziele, an denen sich das Leben ihrer Generation in der DDR moralisch ausgerichtet hat, fehlen. Dazu gehört das Paradigma der unbedingten


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Friedensbewahrung. Diese Ziele lösen sich für sie in der neuen Gesellschaft auf in Trivialität und Beliebigkeit.

Man kann auch undankbar werden im Laufe der Zeit... diese Lebenssituation, die über uns gekommen ist ... verleitet einen auch dazu, oberflächlich zu werden, weil dieser Gedanke der Friedenserhaltung für mich in den Hintergrund getreten ist, weil ich da nicht mehr so aktiv mitmache ich bin auch ganz bewußt aus der Kirche raus die Männergeschichten die kacken mich so an und ich kann mich bemühen nach christlichen ethischen Gesichtspunkten zu leben, da brauche ich die Institution Kirche nicht... mit dem Austritt aus der CDU und aus der Kirche sind auch Dinge weggebrochen wenn sie sich überlegen ich war seit 1951 Mitglied der CDU (3) und bin 1990 raus (2) ganz bewußt (1) bewußt rein bewußt raus. ((leise, langsam)), (3/1/25,0).

Als Antwort entscheidet sie sich für den konsequenten Rückzug. Ganz bewußt eintreten und austreten, sich behaupten, ist für Frau Woy unabdingbarer Handlungsrahmen. Damals wie heute hat sie eigenständig gehandelt. Sie trat in die CDU und in die FDJ ein. Auf anderer Ebene tritt Kritik in den Vordergrund an dem, was sie unterschwellig schon immer in der Institution Kirche störte. Auf jeden Fall sieht sie mit diesem Schritt eine Variante, bewußt und eigenständig einen Schlußstrich zu ziehen, der Vereinnahmung zu widerstehen und einer Entwicklung zu widerstehen, die sie nicht gutheißt. Allerdings kappt sie damit die letzten Verbindungen zur Öffentlichkeit. Nun ist sie, die ihr Leben lang öffentlich wirkte, ganz aufs Private, auf ihre Ehe zurückgeworfen, für die sie sich ein paar Jahre vorher entschied. Es ist ihr eine zu strukturlose, visionsarme, nicht handhabbare Zeit. Gemeint sind hier sicher politische Entscheidungen, die sie zwar nicht gutheißt, die sich aber auch nicht unbedingt auf das eigene Handlungsfeld auswirken. Dies gelingt ”weil man sich mit der Situation und seiner Umwelt arrangiert ohne alles zu akzeptieren und alles akzeptieren zu müssen“ (3/1/23,5). Zugleich wird der Nutzen der heutigen Lebenssituation umschrieben:

Wir sind in einer vergleichsweise günstigen Situation, da ich nicht mehr arbeite, ich brauche vor keinem zu heucheln und zu buckeln, ich kann sagen, was ich beschissen finde. (3/1/24,0).

Aus einer beträchtlichen Entfernung vom Gang der gesellschaftlichen Ereignisse und mit der Art und Weise, wie der Prozeß vonstatten ging, erwuchs eine Aversion, die mit einer Orientierungslosigkeit und damit einer Ablösung von sich selbst einhergeht. Frau Woy, die eine gesellschaftliche Hochschätzung genoß, erlebt sich neuerdings als Randfigur der Gesellschaft: ”ich bewege doch nichts, weder im positiven noch im negativen Sinne (3/1/29,0). Die Bilanz des Berufslebens wird stark überlagert von den Ereignissen der Wendezeit und begründete eine partielle Unversöhnlichkeit und Distanz mit der neuen Gesellschaft, einen Zustand, dem sie durchaus humorvoll begegnen kann:


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Das soziale Netz der Bundesrepublik hat sich schon was aufgeladen mit den vielen alten Leuten aus der DDR ... bloß jetzt haben sie uns jetzt müssen sie sehen wie sie mit uns klarkommen. ((lachend)), (3/2/5,8)

Was bleibt für die Zukunft? Frau Woy findet dafür eine ganz einfache Formel:

Ich bin schon glücklich wenn ich nicht unglücklich bin und das bin ich selten, glücklich bin ich und dankbar daß ich im fortgeschrittenen Alter nicht allein zu sein brauche da hab ich soviel Glück. (3/1/21,8)

Die späte Ehe, die sie mit 50 Jahren schloß, wird nun ihr Netz und bestätigt im Nachhinein eine tragfähige Entscheidung für die Zukunft. Zudem zieht sie sich auf eine puritanisch-einschränkende Formel zurück:

Ich werde stets glücklich sein, wenn wir unsere Wohnung bezahlen können und unser Leben so organisieren wie wir’s jetzt können. (3/2/2,0)

In unsicheren Zeiten wird Selbstverständliches zum Ziel an sich erhoben. Freude und Genußfähigkeit sind gekoppelt an das Durchleben schwerer Krisen. Dafür geht es ihr jedoch nicht schlecht genug:

Vielleicht geht es einem nicht dreckig genug (1) um Freude zu empfinden, was weiß ich, über was schönes (2) meinetwegen auch was schönes zu essen. (3/1/25,0)

Vielmehr befindet sie sich in einem ”Leerraum“ ihrer Biographie. Dementsprechend offen und undeutlich offeriert sich die Lebensphase Ruhestand. Anzunehmen, daß sich mit dem Einpegeln einer gesellschaftlichen Normalität auch für Frau Woy neue Handlungsfelder auftun, in denen es ihr gelingt, ihre Unentschlossenheit auflösen und in neue Projekte einmünden zu lassen. Vorstellbar, daß dies über eine Intensivierung der Partnerbeziehung, einem für sie relativ unerforschtem Terrain, geschieht.

Fazit

In Frau Woys bisheriger Biographie dominiert bei der Verkopplung von beruflicher und privater Sphäre berufliches Engagement. Erst relativ spät, nach dem Tod der Mutter, wechselt sie in den Ehestand und baut sich hier einen biographischen Strang auf, der in ihrer heutigen Situation die Oberhand gewinnt. Für Frau Woys Biographie ist konstitutiv, daß sie nach einer Erziehung im bürgerlich - christlichen Milieu durch das Kriegsende radikale Veränderungen erfährt. Sie muß die Heimat verlassen, wobei der Vater umkommt. Auf die Mutter und sich gestellt gilt es in neuer fremder Umgebung unter Entbehrungen vollends von vorne anzufangen. Ihre Bemühungen nach dem Krieg im Osten, der späteren DDR, lassen sich als Versuch interpretieren, ihre in der Sozialisation in der Herkunftsfamilie vermittelte christlich - bürgerliche Orientierung mit dem Berufsleben unter ständig stärker dominierenden sozialistischen Leitlinien zu


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verflechten. Eine über ihrer Biographie stehende Vision leitet sich aus dem Anspruch her, auf diese Weise alles ”besser“ machen zu wollen. Das heißt, Deutschland sollte aus der Sackgasse der durch den Krieg diskreditierten gesellschaftlichen Entwicklung herausgeführt werden. Dafür wollte sich Marianne Woy als Mitglied einer relativ unbeteiligten Generation einsetzen. Dieses gesellschaftliche Projekt übersetzt sich Frau Woy in ihren Lebensweg hinein. Sie schafft es zugleich, die durch die Flucht und den Tod des Vaters verlorene soziale Position der Eltern unter den Bedingungen der DDR erneut zu etablieren. Sie findet ein Modell, bei dem sie ihre christlichen Grundsätze nicht in Frage stellen muß. Im Gegenteil, sie schafft es, diese aufrechtzuerhalten und zu kultivieren. Mit Aufwand und Konsequenz ergreift sie die Gelegenheiten zur Qualifikation und verbindet ihre berufliche Tätigkeit mit beträchtlicher politischer Arbeit. Dies bringt ihr gesellschaftliche Hochschätzung und Selbstvertrauen. Allerdings verzichtet sie fürs erste auf einen eigenständigen familiären Strang. Stattdessen erhält sie politisch spannungsgeladene, dennoch stabile, weil in Notzeiten begründete Verbindung zur Mutter, aufrecht. Erst nach ihrem Tod heiratet sie, allerdings um den Preis einer Ehe ohne Kinder. Die politische Wende und also auch das Ende ihrer beruflichen Laufbahn erlebt sie als Diskreditierung ihrer bisherigen Leistungen. Einzige Kontinuität verbürgt das relativ neue familiäre Feld. Vor diesem Hintergrund kappt sie bewußt radikal die letzten Stränge zu ihr bisher wichtigen Institutionen, denn man könne ”sich nur für eine Idee im Leben richtig engagieren“. Die Biographie wird zu einem Konzept, das eng mit den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR verwoben war und nun als in sich begrenzt und abgeschlossen über die Institution Vorruhestand besiegelt wird. Aus CDU und Kirche, welche einst ihre Handlungsfelder absteckten, tritt sie aus und findet sich einzig im Privaten wieder. Sie macht sich keine Illusionen über eine weitere Erwerbstätigkeit und kann sich diese Vehemenz leisten. In dem Typus Rückzug verborgen sind Spuren spätmoderner Lebensform, die (bis jetzt) einzig dem älteren Menschen - durch institutionalisierte Ausgliederung sanktioniert - außerhalb des Erwerbslebens offen sind: Einen Schlußstrich zu ziehen unter inakzeptablen und von außen geordneten gesellschaftlichen Konstellationen.

B)Typ Rückzug: Fallbeispiel Fritz Mady: ”Mein Wohlbefinden schaff ick mir erst mal alleene.“

Herr Mady, der dem hier zu entwickelnden Untertypus Rückzug des Stetigkeits-Musters zuzurechnen ist dominiert ebenfalls das Umschwenken ins Private. Er hat nach seiner


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zweiten Scheidung im Jahre 1989 eine neue Beziehung zu einer Frau aufgebaut, die jetzt in der berufsfreien Lebensphase noch eine Aufwertung erhält.

Wenn ick die Rita nich hätte, denn wäre det ziemlich beschissen. Ick würde zwar och irgendwo hinjehen, aber dit is man jut, wenn man zu eenem sagt, du, paß uff, da liegt Hundekacke, latsch da nich rin. Man muß wat haben, um wat man sich kümmert, nich, und wenn es Rita nich wär, dann wär et jemand anders. Alleene möcht ick nich sein. (1/2/195)

Familiale Diskontinuität: Bestätigung für dominante Männlichkeit

Frauen spielten im Leben von Herrn Mady schon immer eine wichtige Rolle. Sie sind ”austauschbar“ aber unverzichtbar. In den Kontakten und Beziehungen zu den Frauen sucht er immer wieder eine Bestätigung seiner selbst. Im Verlauf des Interviews kommt er auf die Bedeutung, die Sexualität für ihn als Mann hat, mehrmals zu sprechen. Er berichtet aus seinen Beziehungen die angenehmen Erinnerungen, so z.B. über das partnerschaftliche Verhältnis zu den Kindern. Den Schmerz, den Verlust, die Verletzungen, die er in den Trennungssituationen erfahren hat und anderen zufügte, repariert er mit Lebensweisheiten, wie der, daß es unmöglich ist, daß eine Frau und ein Mann ein Leben lang gleiches Interesse aneinander haben. Es ist aus seinem Erzählen wenig über die Frauen zu erfahren, mit denen es in seinem Leben schiefging, aber viel über seine Strategie, mit den Brüchen umzugehen. Herr Mady entlastet sich, indem er das individuelle Scheitern in allgemeine Auffassungen, die zu seinen Lebensmaximen gehören, einbettet. Mit seiner Biographie verbindet sich eine Art modernes Familienmodell, indem er mehrere Beziehungen eingeht, diese abbricht, um gleichzeitig aber immer Verbindungen fürs weitere Leben zu behalten. In der ersten Ehe, die über 20 Jahre hält, werden zwei Söhne geboren, zu denen er bis heute guten Kontakt hat. Eine Freundin hatte er in diesen Ehejahren sowieso nur, weil mit ”‘ner Frau im Bett liegen für ihn einfach wichtig im Leben ist und sich da mit seiner Frau nicht mehr viel abspielte“. Das ging eine Weile gut, dann bekam seine Freundin ein Kind. Seine Frau ließ sich scheiden, er bekam ein Parteiverfahren und hatte eine neue Familie. Als in dieser zweiten Ehe seine Tochter geboren wird, sind die Söhne aus der ersten schon 18 und 16 Jahre alt. Herr Mady selbst ist 48 Jahre und weiß, daß ”das nicht gut gehen kann“. Das Jahr der Wende in der DDR wird dann auch für diese Ehe zum Jahr der Trennung. Ein Wendepunkt im Leben des Herrn Mady. Für dessen Bewältigung er erst einmal Abstand braucht:

Wie ick diese Wende erlebt habe, ick war, als det große Theater hier in B.-stadt war, zur Kur in Bad E. (1/1/159)

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Und als er zurück kommt, ist eigentlich nichts mehr wie es einmal war.

Beruflicher Aufstieg: Suche nach Berufung

Der 1933 als Sohn einer Hausfrau und eines Bauarbeiters geborene Herr Mady macht in der DDR Karriere. Sein Wunsch war es, Tischler zu werden. Er wird, als er 1948 die Schule verläßt, krank und erfährt schon in jungen Jahren, daß Lebenspläne sich ändern können. Erst zwei Jahre später ist er wieder gesund. Er wird Hilfsschlosser und arbeitet sich in einem großen staatseigenen Betrieb der DDR zum Facharbeiter hoch. Als junger Mann auf der Suche ”nach dem Neuen“ findet er Anschluß bei der FDJ und dem Staat DDR, dessen Bürger er ”mit Herz und Seele“ war. Er wird nicht enttäuscht. Als ihn die FDJ anspricht ”Willst Du nicht Lehrer werden“, läßt er sich mit den Worten ”wat, icke mit 8 Klassen bei Adolf“ ”breitschlagen“ und geht den Weg eines beruflichen Aufsteigers über Sonderklassen. Vier Jahre arbeitet er als Lehrer, findet dabei, obgleich er Kinder sehr mag, keine Befriedigung. Er begründet seine Unzufriedenheit damit, daß es ihm zu wenig war, immer mit Kindern aus der ersten bis vierten Klasse zu arbeiten. Die Vertretungen, die er in den höheren Klassen übernimmt, zeigen ihm, daß er aufgrund fehlenden Wissens diese Funktion nicht erfüllen kann. Diese Einsichten motivieren ihn dann wohl auch, seine berufliche Suche fortzusetzen. Er verläßt das Arbeitsfeld, das ihm seine Grenzen gezeigt hat, aber ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, als Facharbeiter zurück in einen Betrieb zu gehen. Mit einem freiwilligen 3jährigen Dienst in der Armee legitimiert er den Austritt aus dem Lehrerberuf und folgt danach einem Arbeitsangebot der Volkspolizei, die zum damaligen Zeitpunkt neue Leute anwarb. Endlich scheint er - inzwischen Anfang 30 - seine Berufung gefunden zu haben.

Wende: Arbeit im neuen System und Abwertung

Herr Mady schildert sein 30jähriges Berufsleben bei der Polizei wie folgt:

Ick habe bei der Polizei angefangen als Wachmeister, und zum Schluß war ick Hauptmann, das heißt, ick hab mich uff mein Arsch hingesetzt und hab was draus jemacht, und am Schluß hab ich noch weniger jetan wie ich als Wachmeister getan hab, hab dit jemacht wat der Pförtner jemacht hat, dit keen Spaß jemacht hat ... ick hab mir jefreut, daß ick 60 werde und rausjehe. (1/2/532)

1990, mit 57 Jahren, wird Herr Mady in den Polizeidienst des vereinten Deutschlands übernommen, doch seine alte Arbeit als Polizist in dem Stadtbezirk, den er ein Leben lang nicht verlassen hat, gibt es nicht mehr und die neue Arbeit nach den


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Umstrukturierungen der Polizei läßt ihn unbefriedigt. So bekommt er zwar seine Chance unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen, aber das bisherige Leben scheint ihm bei der Nutzung dieser im Weg zu stehen. Innerlich wußte er , wo er hingehörte: ”Ick habe seit ‘52 die roten Socken an, und ick behalte die och an. Ick bin keen Wendehals“ (1/1/327). Aber äußerlich hatte er seinen Platz, für den er hart gearbeitet hatte und von dem er selber sagt, daß ”wenn man 30 Jahre lang irgendwo seine Ecke hatte, dann gehört man mit dazu“ plötzlich verloren. Herr Mady findet für diesen von außen auferlegten Bruch seines Lebens keine Selbststeuerung. Er wird krank. Im Juni 1992 bekommt er einen Herzinfarkt und muß 6 Wochen lang zur Behandlung in die Klinik.

Der Herzinfarkt hat mich gegriffen, als ob man was ins Wasser schmeißt. Ick bin zwee, een Tag vorher noch um den Müggelsee ... hab mich richtig sauwohl gefühlt ... Mensch, denk ick, wat haste denn ... gleich ab ins Krankenhaus (1/2/475)
Als ick im Krankenhaus uff der Intensivstation lag, stand ick neben mir und hab gesagt, Junge wat haste denn, du bist noch lange nich dran - aber das war diese uffgestaute Wut, die mußte irgendwo hin. Diese Verhältnisse, die sich hier entwickelt haben, das der dich hier als Ossi für blöde .. hingestellt ham, und det mußte irgendwohin ... innerlich kocht wat ... ick bin am Schluß schon nich mehr gerne arbeiten gegangen (1/2/532)

Im Interview verbindet er zwar das eigene Scheitern mit dem Auftreten seiner schweren Krankheit, kann sich aber dann wieder entlasten über die Einbettung seines beruflichen Abstiegs in die allgemeine Entwertung von DDR-Biographien und die Situation, die mit ihm Hunderttausende erleben. Im Gegensatz zu den erlebten Brüchen im privaten Bereich gibt es jetzt keinen nahtlosen Übergang mehr. Nach dem Klinikaufenthalt ist er noch viele Monate krank geschrieben, insgesamt eineinhalb Jahre, und er wird nie wieder in den Dienst zurückkehren. Obgleich er ”mit der Stasi nischt zu tun hatte“ (1/1/137) wird Herr Mady aus gesundheitlichen Gründen noch bevor er 60 Jahre alt ist, in die Arbeitslosigkeit geschickt, die er so schildert:

Es ist doch een dummes Gefühl, von heute auf morgen die Uniform an den Nagel zu hängen ...raus aus dem Berufsleben und Dinge, die mir wichtig fand, interessieren mit eenmal keene Sau mehr... Man muß doch mehr tun. wie nur essen und trinken und seine Kakteen. (1/2/175)

Kontinuität und Unterbrechung: Rückzug ins Private

Gesundheitlich konnte Herr Mady sich in der Folgezeit wieder stabilisieren. Die Regelung als Polizist bereits mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen zu können, nahm er für sich als absichernde Lösung an. ”Irgendwo fühl ich mich wohl und irgendwo bin ich verzweifelt“ (1/1/377) resümiert er zwei Jahre nach dem Infarkt. Sein beruflicher Aufstieg ist durch die neuen Verhältnisse entwertet. Er definiert sich als ein Opfer der politischen Wende, ihm sind die Steuerungsmechanismen für einen kontinuierlichen


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beruflichen Weg entzogen durch den neuen Staat und er sieht dafür ”keenen Ausweg - det ist für mich hoffnungslos - alle Dinge für die man mal eingestanden hat - det is restlos gegen den Boom jeloofen.“ (1/1/257) Er weiß, daß er die Chancen, die ihm das Leben einmal geboten hatte, nicht wieder bekommt und verweigert eine offene Konfrontation mit dem Neuen durch den Rücktritt ins Private. Die Legitimation für diese Strategie holt er sich über zwei Positionen. Zum einen verweigert sich Herr Mady mit seinem Rückzug. ”Ohne ihn“ soll das neue System, u.a. die innere Sicherheitsstruktur des Staates, aufgebaut werden. In seiner heutigen Interpretation wird diese Handhabung zur Selbststeuerung, indem er unterschlägt, daß er gehen mußte. Die zweite Position greift zwar diesen äußeren Zwang auf, aber wieder ohne Konsequenzen für ihn. Er ist das Opfer, daß nach 30 Jahren Dienst gehen mußte, aber er hat sich nichts vorzuwerfen. Herr Mady erzählt einzelne Episoden, in denen er sich in seiner Zeit als ABV menschlich in seinem Verantwortungsbereich verhalten hat und überdeckt damit Evaluationen des eigenen Tuns. Wieder bettet er die individuelle Niederlage in das Große und Ganze ein, indem er die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse für veränderungswürdig hält. Er wird aber für diese Entwicklungen keine Verantwortung mehr übernehmen; das dokumentiert er mit seinem Rückzug ins Private. Er greift damit eine wichtige Facette seines Lebens wieder auf und baut sie in der Rückschau auf sein Leben sogar noch aus. Er wollte immer eine stimmige Beziehung, eine Frau fürs Bett. Diese Beziehungsarbeit wird jetzt zum Mittelpunkt des neuen Lebensabschnittes. Im Beziehungsbereich setzt er kontinuierlich alte Lebenswerte, Lebensansprüche, vertraute Lebensauffassungen und Handlungsmuster fort und variiert diese, indem er z.B. jetzt seine Wohnung allein behalten will, nicht mehr mit Rita zusammenzieht, erreicht er eine vorher in diesem Lebensfeld nicht gekannte Autonomie.

Fazit

In seiner Erzählung entwirft Herr Mady die Lebensgeschichte eines beruflichen Aufsteigers und die Entwertung dieser Biographie durch den Untergang der DDR. Es ist der Lebensweg eines Menschen, der einerseits die Möglichkeiten, die die DDR ihm im Zuge der Herausbildung ihrer neuen Elite bietet, nutzt und dem es andererseits sehr schwer fällt, sein Herkunftsmilieu zu verlassen. Seine Berufung findet er als Polizist. Trotz der großen Bedeutung des beruflichen Pols des Lebens erfährt das Private keinen Bedeutungsverlust, sondern bleibt - auch im Interview - ein durchgängig erzählter


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Lebens- und Aufgabenstrang. Geschlechtstypisch konstituiert sich in der Biographie von Herrn Mady die Beziehung zu Frauen als Bestätigung seiner Männlichkeit. Im Verlauf des Gesprächs kommt er immer wieder auf die Bedeutung, die Sexualität mit Frauen in seinem Leben spielt, zu sprechen. Nach der Wende gerät der Biograph in eine Orientierungskrise. Die Verlusterfahrungen - er wird beruflich degradiert - kann er zunächst nicht kompensieren. Eine auftretende Krankheit wird zum Sprungbrett in die berufslose Lebensphase. Mit dieser Brücke wird es ihm wieder möglich, auf bereits erworbene Muster der Konfliktbewältigung zurückzugreifen. Er bettet das individuelle Scheitern in große Lebenszusammenhänge ein. Mit dieser Strategie ausgestattet gelingt es ihm, Kontinuität durch den Rückzug ins Private und die Verweigerung nach außen herzustellen. Im Alter baut der Autobiograph das Private als Feld der Selbstbestätigung aus. Frau Woy hat in späten Jahren durch glückliche Umstände eine Sicherheit im familialen Feld aufgebaut. Dieser soziale Rückhalt ist die Grundlage für ihre autonome Loslösung vom bisherigen beruflichen und politischen Engagement und den Rückzug ins Private. Herr Mady baut parallel zur Verweigerungsstrategie gegenüber dem beruflichen Leben in pragmatischer Eigenart die private Beziehung als Feld der Selbstbestätigung aus.

5.3.2.3. Typ Gelegenheit - Fallbeispiel Herr Land

Als dritten Untertypus des Musters Stetigkeit läßt sich mit dem Fallbeispiel Herr Land der Typus Gelegenheit abstecken. Herr Land war sein Arbeitsleben lang in einer Maschinenfabrik tätig und brachte es bis zum Meister. Dort war er beruflich und, wie aus dem Gespräch hervorging, auch gesellschaftlich - in der Gewerkschaft - engagiert. Ende der 80er Jahre verstarb seine Frau. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Betrieb 1991 arbeitete Herr Land im Dreischichtsystem. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt. Seit etwa 10 Jahren plagten ihn gesundheitliche Schwierigkeiten, die ihn mehrfach zu Krankenhausaufenthalten und einer Operation zwangen. Da in seinem Betrieb keine Möglichkeit bestand, den Schichtdienst aufzugeben, verblieb er trotz schlechter werdender körperlicher Verfassung im gewohnten Gleichmaß. Eine Frühverrentung war nicht möglich. Für ihn war die Vorruhestandsregelung willkommene Gelegenheit, die nachteiligen Arbeitsbedingungen hinter sich zu lassen. Da die Kinder aus dem Haus sind und er mit einer Lebensgefährtin zusammenlebt, hat er heute, nach seinen Angaben, soviel Geld für sich zur Verfügung wie nie. Die


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institutionellen Rahmenbedingungen erzeugen bei Herrn Land vor dem Hintergrund widriger Arbeitsbedingungen und körperlicher Beschwerden die Wahrnehmung des Vorruhestands als günstige Gelegenheit.

5.3.2.4. Typ Stetigkeit: Zusammenfassung

Als Repräsentanten der eben besprochenen Typs Stetigkeit stehen Herr Pries (Übertragung), sowie in Abwandlungen dazu Frau Woy und Herr Mady (Rückzug), sowie Herr Land (Gelegenheit). Der übergestülpte Ruhestand fungiert im biographischen Verlauf der interviewten Personen als günstiger Zeitpunkt, und das, obwohl die jeweilige Bedeutungen des Ruhestands verschiedenartig sind. In dieser Bewältigungsform werden sowohl Aktivitätsmuster als auch über den Lebenslauf kumulierte prekäre Arbeitsbedingungen verarbeitet. Herrn Pries gelingt es nach einer hochmobilen Berufsbiographie und den Unübersichtlichkeiten der Wendezeit, die neue institutionelle Variante Vorruhestand aufzugreifen und in seine Biographie einzubauen. Er erweist sich, wie schon in seinen Berufsstationen, als pragmatischer Regisseur mit einem feinen Gespür für neue Gelegenheiten in den straff organisierten Sozialräumen der DDR. Dabei ist für ihn der Ruhestand nicht eine institutionelle Passage, auf die man hinarbeitet und als Belohnung feiert. Vielmehr versucht er, die Strukturen zu nutzen, um sich - paradoxerweise - von ihnen mit eigenen Projekten zu distanzieren, weiter eigene Wege freizulegen und zu beschreiten, ”mitzumischen“. Damit hält er sich zugleich auf Distanz zu emotional nicht akzeptablen Konsequenzen der deutschen Vereinigung. Diese Attitüde charakterisiert auch den Typus Rückzug, obwohl bei den Fallbeispielen die Vorzeichen in eine andere Richtung zu weisen scheinen. Der verordnete Ruhestand erscheint als Abbruch hohen beruflichen und politischen Engagements. Das ist ja auch eine Grundannahme dieser Arbeit. Rückzug verkörpert jedoch, trotz des passiven Konnotation, einen durchaus reflektierten Akt. Es ist ein aus dem Wege gehen, nachdem die Lage analysiert wurde. Der dahinterstehende Topos lautet: ”Man kann sich nur für eine Sache im Leben richtig engagieren“, und, so ist hinzuzufügen: man muß für sich den Zeitpunkt erkennen und die Konsequenzen ziehen. Damit verkörpert Rückzug etwas geordnetes im institutionalisierten Durcheinander des Vereinigungsprozesses. Hier wird die Schnittstelle freigelegt zwischen dem sozialpolitischen Eingriff Frühverrentung zur Erwartungsstabilisierung und dem politisch gesteuerten Vorgang der deutschen Vereinigung. Man läßt sich ein auf die Strukturen, setzt sich mit ihnen aktiv


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auseinander, ohne hinter ihnen zu ”verschwinden“. Es ist dies das Ordnungs- und Integrationsvermögen, daß in der Biographie latent vorhanden ist und zur gegebenen Zeit abgerufen wird.

Bei allen Fallbeispielen und Untertypen wurde deutlich, daß sich trotz der von außen geordneten Konstellation Möglichkeiten und Wege bieten, noch einmal anzufangen und damit die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die nicht vertrauten institutionellen Regularien können akzeptiert werden, weil sie sich biographisch bearbeiten und funktionalisieren lassen. Damit treten zugleich Muster hervor, wie die ”Codes“ moderner Institutionen und institutioneller Steuerung in einer sich rasant verändernden Welt entziffert werden. Die neuen institutionellen Regelungen werden genutzt, indem die Rolle im bisherigen gesellschaftlichen System überdacht und indem mit der neuen Ordnung insgesamt abgerechnet wird. Es gelingt eine Grenzziehung und das Oszillieren zwischen Politischem und Privatem. Dadurch liegt der Weg frei für neue Projekte. Der Ruhestand formiert sich als eigene Lebensphase. Der Ruhestand wird sozial konzipiert als abgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen, eine Konstruktion, die in der vorherigen Gesellschaft nicht möglich gewesen wäre. Die Neuordnung der Bindung an gesellschaftliche Strukturen kann jedoch nur unvollständig gelingen. Wehmut und Fremdheit bleibt trotzdem. Im Typus Stetigkeit gruppieren sich Typen, bei denen die berufliche Entwicklung bis 1989 in sich geschlossen und mehr oder weniger ”vollendet“. In allen Fallbeispielen zeigte sich, daß die höchsten beruflichen Positionen erreicht waren. Es kann festgehalten werden: Im Typus Stetigkeit wird das Dispositionsgeflecht der Biographie beibehalten und dem fremdbestimmten Abbruch modifizierte Tatformen entgegengesetzt. Das ist der Kristallisationspunkt der Typen Übertragung, Gelegenheit und Rückzug. Sie münden im Typus Stetigkeit, der die straffe konsequente Realisierung der institutionellen Bedingungen vor dem Hintergrund des biographischen Dispositionsgeflecht verkörpert, ohne sich allerdings den Strukturen ”auszuliefern“. Ruhestand wird vor dem Hintergrund der eigenen Biographie und den gesellschaftlichen Veränderungen als eigenständige Lebensphase legitimiert und fungiert als institutionelle Entlastung.

5.3.3. Typ Abbruch

In Abgrenzung zu den Typen Umwege und Stetigkeit soll abschließend Muster Abbruch die Typologie vervollständigen. Abbruch charakterisiert ein Übergangsmuster, bei dem


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der plötzliche Ruhestand eine biographische Entwicklung unterbricht, die in sich noch nicht abgeschlossen war.

5.3.3.1. Typ Externer Abbruch

Der Untertyp Externer Abbruch wird mit den Fällen Frau Krell (A) und Frau Jansen (B) entwickelt.

A) Typ Externer Abbruch: Falldarstellung Brigitte Krell

Konturen des Falls

Frau Krell wird in einer bürgerlichen Familie geboren. Sie wächst mit fünf Geschwistern auf. Die Mutter bestimmte das Klima in der Familie und gab den Ton an, war eigentliches Familienoberhaupt. Nach der Mittleren Reife erlernte Frau Krell einen Beruf bei der Post und schaffte es, sich über Qualifikationen bis 1959, innerhalb von 10 Jahre, zur Leiterin eines mittleren Postamtes hochzuarbeiten. 1960 lernte sie ihren Mann kennen. Als ihr erster Sohn geboren wird, gibt sie ihr Fernstudium auf, um sich mehr um die Familie kümmern zu können. Nach der Geburt des zweiten Sohnes, der an Asthma leidet, steigt sie ganz aus der Berufsarbeit aus und wird Hausfrau. Sie engagiert sich nun ganz für die Söhne, will möglichst viel aus ihnen ”rausholen“. Nebenbei belegt sie Kurse an der Volkshochschule. Außerdem wird sie von ihrer Mutter bei der Hausarbeit unterstützt. Als die Kinder größer sind, zieht es sie wieder in den Beruf. Sie beginnt bei einem Außenhandelsbetrieb als Sachbearbeiterin. 1982 übersteht sie eine Krebsoperation und ist insgesamt ein Jahr lang krankgeschrieben. Danach gelingt ihr als Zeichen der Genesung der Weg zurück in den Beruf. 1990 wechselt Birgit Krell in den Vorruhestand. Sie schreibt sofort viele Bewerbungen, um herauszufinden, ob sie unter den neuen Bedingungen noch gefragt ist. Durch die Fürsprache ihres Bruders erhält sie die Möglichkeit, in einem Versicherungsunternehmen zu beginnen. Sie schlägt das Angebot jedoch aus, weil sie zu der Konsequenz, aus dem Vorruhestand auszuscheiden, letztlich nicht bereit ist. Heute beschränkt sich ihr Wirkungsfeld auf die häusliche Umgebung. Ihr Mann, Journalist, vormals Chefredakteur, ist Rentner. Trotzdem ist er durch Nebentätigkeiten viel unterwegs. Gelegentlich hat sie Freunde und Bekannte zu Gast oder sind die Enkelkinder zu beaufsichtigen. Frau Krell sieht sich jedoch in einer Sackgasse. Ihre Wünsche beispielsweise richten sich nicht so sehr auf vermeintliche Ansinnen in der Ruhestandsphase. Sie will immer noch herausfinden, wozu sie noch


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fähig ist und gebraucht werden kann. Sie möchte beispielsweise noch Klavier spielen lernen oder als Pflegerin kranke Menschen betreuen. In dem Gespräch entwickelt Frau Krell nach der Erzählaufforderung im ersten Teil einen kurzen Abriß ihrer Lebensgeschichte von der Kindheit bis in die Gegenwart. Im Nachfrageteil komme ich dann auf einige Abschnitte der Biographie genauer zu sprechen, währenddessen kleine Geschichten und Begebenheiten zu Tage kommen. Frau Krell präsentierte ihre Geschichte als sehr harmonisch. Diese Beobachtung veranlaßte den Interviewer immer wieder zum Nachfragen. Allmählich kamen verschiedene Probleme und Brüche zur Sprache (”falsche“ Berufswahl, längere Krankheit eines Sohnes, eigene Krebserkrankung).

Kindheit: 1935 bis 1950: ”Wir hatten eigentlich ‘ne recht schöne Kindheit gehabt.“

Frau Krell wird 1935 in einem kleinen Ort in Westfalen als Tochter eines Finanzbeamten geboren. Der Vater, etwa Jahrgang 1890/1895, verwitwet mit 4 Kindern, heiratete ein zweites Mal. In dieser Ehe wird neben Frau Krell 1939 ein Junge geboren. Die älteste (Stief-) Schwester wurde 15 Jahre früher geboren. Ein Bruder kam 1931 auf die Welt. Die Familie repräsentierte die bürgerliche Mittelschicht, was sich in Wertesystem und Erziehung der Kinder widerspiegelte: streng, gerecht, ausgleichend, geschlechtsspezifisch, christlich - liberal und auf Vermittlung von Bildung gerichtet. Die zweite Heirat diente vor allem der Absicherung der Kinder. Der Mann suchte eine Versorgungsehe und traf vermutlich auf eine Frau, die bereit war, aufopferungsvoll und liebevoll diese Rolle auszufüllen. Sie heiratete ”nach oben“. Es ist nicht auszuschließen, daß sie der Familie bereits bekannt war (Cousine, Haushälterin usw.). Das Klima in der Familie wird stark von der neuen Frau geprägt (der Mann geht seinen Verpflichtungen nach) und ist von der Sorge um das Wohl der Familie bestimmt.

Das war eigentlich sehr harmonisch, meine Mutter hatte alles wunderbar im Griff, war phantastisch, die konnte einfach alles, und ich würde sagen, das war eigentlich meine schönste Zeit, die ich erlebt habe, meine Eltern haben sich ganz lieb um uns gekümmert, und das war so eine Familie, meine Mutter war nicht berufstätig, konnte sie auch nicht, wie man sich das so in alten Büchern oder im alten Fernsehfilm so vorstellt. Ja, mein Vater war zwar im Krieg, wir sind dann auch zu meinen Großeltern aufs Land nach Mecklenburg gegangen während der Kriegszeit, aber es war alles Harmonie. (1/1/4,0)

Unterstützt wird die Mutter in der Versorgung und Erziehung von den älteren Kindern. In den dreißiger Jahren zog die Familie, vermutlich wegen beruflicher Verpflichtungen des Vaters, nach B.-stadt.


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Schulzeit und Berufsausbildung: berufliche Expansion von 1950 bis 1960

Um 1950/51 beendet Frau Krell die Schule mit der mittleren Reife. Der ursprüngliche Berufswunsch, Zahnmedizin zu studieren, erfüllt sich nicht: Frau Krell begründet es so:

Mein Vater war Beamter, war auch im Krieg und Offizier, da bin ich so ein bißchen durch das Netz gefallen... ich hab mich jedenfalls damals gefreut, daß ich ‘ne Lehre bekommen habe, wenn auch als Postler, trotzdem, mir das nie so zugesagt hat. Gut, ich hab dann auch meine Entwicklung genommen solange ich da gearbeitet hab, war’s schon alles in Ordnung, und ich hätte da sicherlich auch noch mein Studium weitergemacht, wenn die Kinder nicht gekommen wären. Ich war schon so zufrieden, wie gesagt, ich war da Dienststellenleiter auf einem Hauptpostamt und hab nachher ein mittleres Postamt übernehmen dürfen, das war schon alles in Ordnung, so von der Entwicklung. (1/1/8,0)

In jedem Fall erscheint die Lehre bei der Post als Notlösung. Hier engagiert sich Frau Krell jedoch. Trotz des ungeliebten Berufs ist sie ehrgeizig genug, die Ausbildung als Chance aufzugreifen:

In der ersten Zeit bei meiner Postlehre sag ich mal so, war ich doch recht unglücklich, das hat mich nicht so befriedigt, aber im Laufe der Zeit ich hab mir da etwas Mühe gegeben und hab mich etwas langsam weiterentwickelt, sag ich mal so, ja das war nicht das gelbe vom Ei. (1/1/10,0)

Sie ist aufwärtsorientiert und will zeigen, daß sie etwas leisten kann. Dennoch ist ein zwiespältiges Verhältnis zum Beruf geblieben. Über die Erziehung bekam sie vermittelt, daß man in erster Linie an dem Platz, an den man gestellt worden ist, seine Pflicht erfüllt. Vielleicht fühlte sie sich bisher verkannt und sieht jetzt, außerhalb der Familie, neue Felder der Betätigung, welche ihr sehr entgegenkommen. Gekoppelt wäre eine solche Orientierung mit dem allgemeinen Klima der Jugendförderung in der DDR und hier nochmals speziell der Frauen. Nicht gleich nach der Schulausbildung zu studieren bedeutete keinesfalls, für immer von Weiterbildung bis hin zu Hochschulfernstudien ausgeschlossen zu sein. Denkbar auch, daß das Berufsprofil und der Charakter des Berufs ihr entgegenkommen: Genauigkeit bis zur Pedanterie. Außerdem führt sie die Tradition des Vaters fort, der Finanzbeamter war. Frau Krell gelingt es in den folgenden etwa 10 Jahren bis 1960/61, sich durch Qualifikationen und Beförderungen über die Stationen Postbetriebsangestellte, Dienststellenleiterin einer Post und einer Hauptpost zur Leiterin eines mittleren Postamtes zu profilieren.

Aufkündigung der Berufstätigkeit: 1960 bis 1977

Im Jahre 1960, in ihrem 26. Lebensjahr, heiratete Frau Krell einen Journalisten. In dieser Zeit befindet sie sich in einem Fernstudium zur Ingenieurökonomin. Sie bricht ihre Ausbildung ab. Die Heirat erscheint hier als willkommene Gelegenheit, das


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ohnehin für Frau Krell nicht Attraktive zu beenden. Dem bisherigen Muster steiler beruflicher Expansion in einem gezwungenermaßen erlernten Beruf weicht augenscheinlich eine mehr familiale Hinwendung. Ihr Mann bestärkt sie zu diesem Schritt, bremst ihre Aktivitäten leicht ab. Er etabliert sich als Oberhaupt der Familie und ruhender Pol mit sicherem beruflichen Stand und Ausstrahlung. Der Abbruch ihres beruflichen Engagements tritt in ihrer Biographie als legale Korrektur hervor. 1961 wird der erste Sohn der Familie Krell geboren. In diesem Jahr stirbt der Vater. Möglich, daß die bedeutend jüngere Mutter von Frau Krell sich jetzt verstärkt um die Familie ihrer leiblichen Tochter kümmert, dies vor allem, weil Frau Krell gleich nach der Geburt wieder ihre Arbeit aufnimmt. Drei Jahre später, Frau Krell ist 29 Jahre, gebiert sie den zweiten Sohn. Dieser ist von Geburt an stark asthmakrank. Frau Krell scheidet aus dem Berufsleben aus, und widmet sich der Pflege und Erziehung der Jungen, vor allem des jüngsten Sohnes.

I: Wie war das so für Sie, sich so von der Arbeit zu trennen, also können Sie sich mal ein bißchen ausführen
K: Ich hab gesehen, daß die Notwendigkeit vorhanden war, ich wollte meinem Sohn irgendwie helfen, der wie gesagt Asthmatiker war, und es war nicht so, daß ich lange Weile hatte, mein Mann war ganz viel unterwegs, und mein Mann hat mich immer mit herangezogen an seine Arbeit, ich hab ganz oft mal was für ihn geschrieben und wenn’s manchmal nur mir der Schreibmaschine war, wie gesagt ich hatte nachher meine Mutter, die hat mich unterstützt, daß ich zur Volkshochschule gehen konnte, Sprachkundigenprüfung machen. Das war denn alles während meiner Hausfrauentätigkeit. Habe dann ab und zu die Möglichkeit gehabt, eine Übersetzung zu machen, also ich war nicht isoliert in dem Sinne, ja, und ich war doch irgendwie ausgelastet, durch die Schule, die haben gewußt, die Frau Krell ist zu Hause, ich war im Elternaktiv bei zwei meiner Söhne, und da war die Hortnerin längere Zeit krank, da hat man mich gebraucht, ob ich nicht mal den Hort machen würde, hab ich auch ehrenamtlich gemacht, nicht wahr mit den Kindern auch weggegangen wenn irgendwelche Veranstaltungen waren und war schon doll engagiert, nicht wahr. Und dadurch viel mir das in der ersten Zeit nicht so schwer, bis dann meine Kinder größer wurden, denn hatte ich das Bedürfnis, hatte eigentlich schon früher das Bedürfnis, wieder arbeiten gehen zu wollen, aber weil mein Mann aber immer so wenig da war, hat er dann immer gesagt, wenn du dann auch noch gehst, dann kann ich meinen Beruf nicht mehr so ausüben, und die Kinder sich dann selbst überlassen, ja, dann hab ich mich dann so bißchen treiben lassen und ich hab dann erst mal 1977 wieder angefangen zu arbeiten.

Das Kind bietet ihr eine Rolle, die sie bereit ist, anzunehmen. Der Mann bestärkt sie in dem Entschluß. Er, selbst beruflich stark engagiert, möchte aber nicht auf eine Familie verzichten. Nachdem sie sich im Beruf hervortat, sich qualifizierte und die Chancen zum Fortkommen nutzte, weiß sie, was sie in der Lage ist zu leisten. Sie verlagert ihr Feld in die Familie und kümmert sich ebenso ehrgeizig und gewissenhaft um die Kinder und häuslichen Belange. Wiederum drei Jahre später kommt der jüngste Sohn zur Welt. Erziehung und Haushaltsarbeit werden von der Großmutter der Kinder unterstützt. Frau


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Krell arbeitet im Elternaktiv, erlernt auf der Volkshochschule Englisch und erledigt zu Hause gelegentlich kleinere Schreibarbeiten. Frau Krell wird die Schaltstelle im häuslichen Betrieb und kann auf die Unterstützung der in Familiendingen versierten Mutter bauen. Der außengesteuerte Rückzug ins Private wird zunehmend Lebensaufgabe. Schrittweise baut sich Frau Krell Aktivitätsfelder in der Familie und außer Haus auf.

Das lief eigentlich alles bei uns problemlos würde ich sagen ich hatte auch Glück mit meinen Kindern das es gar keine Komplikationen mit denen weder in der Schule noch sonstwo die haben nischt nachgestellt die waren vielleicht zu artig die haben mir zwar auch gesagt wir haben auch Fehler gemacht daß hast du bloß nicht gewußt aber es war unkompliziert und vielleicht lief auch alles bei mir so unproblematisch ich hatte mich auch gefreut auf den Berufseinstieg und da gab’s überhaupt keine Schwierigkeiten gar nicht und darum war ich eben auch sehr verbittert als dann das große Aus für uns alle kam ja und das konnte ich gar nicht ich hatte damit viel Schwierigkeiten. (1/1/13,0)

In den Ausführungen werden ihre Hausfrauentätigkeit und der plötzliche Ausstieg aus dem Beruf in engen Zusammenhang gestellt. In der Familie war Frau Krell in der Lage, die Dinge in die Hand zu nehmen, zu steuern. Jetzt verliert sie im Beruflichen die Initiative, einem Feld, auf dem ihre ”Abwehrkräfte“ wegen ihres Alters und der Qualifikation zu gering sind.

I.: Wie sehen Sie das heute wenn Sie das noch mal betrachten wie ordnen Sie das ein?
K: Na, ich würde sagen, aus den vorhandenen Möglichkeiten konnte man nicht mehr machen, wenn ich heute jung wär, würde ich sicher mein Leben anders anpacken, ja auf jeden Fall, und ich hab auch meine Kinder dahingehend so bißchen getrimmt, mein ältester Sohn hat ein Medizinstudium gemacht, mein zweiter Sohn, der Asthmatiker, der hat einen guten Handwerksberuf erlernt, und der dritte Sohn hat auch einen Beruf erlernt, und der studiert jetzt auch noch, und ich habe versucht, das meinen Kindern irgendwie weiterzugeben.

Vereinigung und erzwungener Ruhestand geben Anlaß zur Rückschau auf den eigenen Werdegang. Die zwei Phasen ihres Lebens, die berufliche Entfaltung und der Übergang in eine Hausfrauentätigkeit, sind in Bezug zueinander zu sehen. In der Rückschau auf das eigene Leben relativieren sich damals getroffene Entscheidungen. Es wird Bilanz gezogen und die damaligen Entscheidungen nochmals gewichtet. Zunächst versuchte sie, im familiären Bereich ähnliche Aktivitäten zu entfalten - beispielsweise die eigene abgebrochene Karriere auf die Kinder zu übertragen. Nachdem die Kinder ihre eigenen Wege gehen, steht vor Frau Krell die Aufgabe, sich ihrerseits neu zu definieren.

Abermaliger beruflicher Einstieg

Mit 42, die Söhne sind mittlerweile 16, 13 und 10 Jahre, geht Frau Krell zurück in das Erwerbsleben:


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Ja, ich hab mich schon vorher immer bemüht und von der Volkshochschule, wie gesagt, ich hatte ja ein Ziel, wenn ich mich weiter qualifiziere daß ich irgendwie was mache vielleicht Übersetzungen oder und dann hab ich überall mal rumgehorcht usw. und denn kam ich mit einem Bekannten mal zusammen und er war im Außenhandel und der sagte ja wir suchen noch Kräfte ja und dann hab ich mich beworben bin auch gleich rangekommen die Sache war ganz unkompliziert fiel mir überhaupt nicht schwer das war so als wenn ich nie aufgehört hätte würde ich beinahe sagen. (1/1/12,5)

Entgegen heute vorherrschenden Mustern gelingt Frau Krell nach 13 Jahren der Wiedereinstieg ins berufliche Leben. Sie wird kaufmännische Angestellte beim Außenhandel. Sie hat das Gefühl, ihre Kinder beim Start ins Leben gut unterstützt zu haben. Ihr ist jetzt wieder wichtig, sich stärker beruflich zu engagieren, Geld zu verdienen. Entgegen ihrer beruflichen Strebsamkeit vor der Heirat, wagt sie den Neueinstieg vor dem Hintergrund familialer Stabilisierung. Sie weiß, was sie geleistet hat. Dennoch war sie beruflich immer ambitioniert, wie das Englischlernen und die Nebentätigkeiten zeigen. Im Vordergrund steht, überhaupt wieder irgendwie Fuß zu fassen.

Krankheit als Bewährung

1982, 47jährig erkrankt Frau Krell an Krebs.

Ja, ich hatte ein sehr gutes Team im Krankenhaus, und ich bin heute noch sehr dankbar darüber, ich glaub, ich hätte es sonst nicht überwunden. Es war sehr kritisch und ja, danach muß ich sagen, hab ich erst mal gemerkt, wo Grenzen sind, daß das Leben ganz schnell zu Ende sein kann, und ich würde sagen ich habe etwas bewußter gelebt.

Der Körper verweist auf die Endlichkeit des Lebens. Ein Gerüst an Sicherheit bröckelt ab. Erstmals ist Frau Krell selbst auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Die Mitglieder der Familie geben zurück, was sie empfangen haben. Es ist für sie auch der Zeitpunkt, über sich, ihren Lebensweg nachzudenken, zu bilanzieren. Was hat man investiert, was ist vom Leben noch zu erwarten? Die Kinder orientieren sich zunehmend außerhalb häuslicher Strukturen. Frau Krell bewegt sich, ähnlich wie das Fallbeispiel Herr Leitz (Umwege) zeigt, im Bannkreis einer hohen Leistungsethik, die keinen ”Ausfall“ zuläßt. Dabei werden die Maßstäbe in Familie und Erwerbsarbeit gleich hoch gesetzt. Die Rückkehr in den Beruf war für Frau Krell das Symbol für die Genesung und der Beweis, daß sie wieder voll einsatzfähig ist.


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Wenn die U-Bahn am Krankenhaus vorbeifuhr, das ist da am Markt, da hab ich immer gedacht, jetzt ist es halb sieben, jetzt fahren sie alle zur Arbeit, also ich hatte an meine Familie und meine Arbeit gedacht, ich hab gedacht, du mußt wieder, es kann nicht sein, daß du hier brach liegst, du wolltest wieder arbeiten, und du mußt es jetzt durchziehen. Ja, und ich würde sagen, ich hab es dann geschafft, ja ohne Komplikationen, ohne Ausfall, ohne was, ja es war nur einmal diese große Krankheit da, ich war wie gesagt ein Jahr krankgeschrieben, das war das einzige, wo ich praktisch ausgefallen bin. Und das war dann mein Wille, wie auch gesagt, ich bin auch sehr gerne arbeiten gegangen, es hat mir sehr viel Spaß gemacht (1/2/9,0).

Zukunft: “Ich will wissen, wieweit kannst du noch was oder bist du jetzt vollkommen altes Eisen.“

Abrupt unterbrochen wird der späte doppelte Neuanfang mit dem Übergang in den Vorruhestand 1990. Nach überstandener Krankheit kommt nun der Abbruch zu früh. Das Ausscheiden hinterläßt ein Vakuum und regt dazu an, die eigene Entwicklung kritisch zu hinterfragen und den einstigen Möglichkeitsrahmen neu zu besprechen. Im Gespräch unterscheidet Frau Krell gezielt den Mauerfall und das Ende der Berufstätigkeit. Doch chronologisch liegen sie zu eng beieinander und werden daher im Verlauf des Interviews miteinander verflochten. Die ”Jubelstimmung“ und die ”Angst um den Arbeitsplatz“ gehören eng zusammen:

Wie gesagt, das war Jubelstimmung, unfaßbar, aber danach kam dann erst mal für jeden meiner Söhne die Angst um den Arbeitsplatz, was wir vorher überhaupt nicht kannten. Auch in meinem Beruf, in meiner Tätigkeit. Aber doch es überwog schon die Freude, daß die Mauer gefallen war, doch wie gesagt, spontan haben wir uns in den Trabanten gesetzt, was ich heute sicher nicht mehr machen würde. (1/2/24,5)

Am Ende einer ausführlichen Schilderung jenes Tages, als sie mit der Familie spontan zu Verwandten nach Westdeutschland fuhr, bestimmt sie ihre eigene Situation. Die Ausführungen entwerfen zugleich ein Betrachtungsschema des Jahrganges von Frau Krell auf die gesellschaftliche Entwicklung:

Das war unfaßbar, ich habe das nicht gedacht, daß wir das so mit Verstand noch mal erleben können. Ich hab gedacht, dann gehen wir vielleicht am Stock, sind Rentner und da müssen wir einen Antrag stellen, daß es genehmigt wird, daß man denn wieder rüberfahren darf. Man weiß nicht wie die Entwicklung weitergeht, aber das war irgendwie das Gefühl, das habe ich teilweise heute noch, daß ich mich manchmal umdrehe, was meine Kinder, die jüngere Generation nicht haben, daß ich denke, daß ist unfaßbar, daß ich jetzt hier auf dem Ku’ damm steh.... Ich fühl mich manchmal noch so ein bißchen als Exot, trotzdem ich dagegen ganz ankämpfe, wir waren in Österreich und haben schon einige Reisen gemacht, aber doch es ist immer noch für mich ein besonderes Gefühl, immer noch. (1/1/27,3).

Der Gang der Dinge bringt eine Fremdheit hervor, die sich, durch die Situation B.-stadts, in der eigenen Stadt verschärft. Zu lange war das Leben mit dem überkommenen Gesellschaftszustand verkoppelt, als daß man sich von heute auf morgen davon verabschieden kann. Sich als ”Exot“, als Fremde zu fühlen, kann bedeuten, daß sich


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diese Figur des Fremden sich in einer sich wandelnden Gesellschaft verstetigt, weil die lebensgeschichtlich aufgebauten Identifikationsmöglichkeiten ihrer Basis entzogen werden und neue Herausforderungen kaum institutionalisiert sind. Die Spuren der ”Zwischenzeit“ prägten die Arrangements mit den Verhältnissen in der DDR. Frau Krell identifiziert die DDR auf die Dauer von 30 Jahren, etwa auf die Zeitspanne, in der die Mauer trennte. Lebenszeit wurde eingetauscht gegen eigene stabile Verhältnisse, Sicherheiten und ”Selbstverständlichkeiten“.

Wir haben nie gedacht, daß die Wende so schnell kommt und sind eigentlich doch sehr zufrieden und das ist ja eigentlich der normale Weg daß die Mauer nicht mehr da ist bloß man hat das in den 30 Jahren DDR hat man vieles als Selbstverständlichkeit hingenommen ... bloß, es ist für unsere Begriffe alles ein bißchen spät gekommen ich hätte auch gewünscht, daß wir das noch erlebt hätten ja nun müssen wir sehen wie’s weitergeht (1/1/16,0)

Sie hat sich aufgrund des Alters schon mit dem bis 1989 herrschenden status quo abgefunden. Die Aufhebung eines mißliebigen Zustandes beinhaltet trotz aller Entlastung und momentanen Freude die Herauslösung aus stabilen sozialen Netzen und war für alle Familienmitglieder von Unsicherheiten gekennzeichnet. Nach dem kompromißlosen Übergang in den Ruhestand resümiert Frau Krell die Situation in der eigenen Familie:

Das dicke Ende kam denn erst, als ich zu Hause war und dann für meinen Mann auch etwas, später zwar, die Zeit zu Ende war. Ich hab das überhaupt nicht mehr begriffen, und dann ging das auch mit der Familie so rum, daß der eine Sohn sagte, wir werden abgewickelt und beim andern stand das alles auf der Kippe, da waren Überprüfungen im Gange und so weiter und sofort. Und doch würde ich sagen, ich bin wenn ich ehrlich bin, noch nicht ganz darüber hinweg. Ja ich würde gerne noch voll arbeiten (1/2/15,5).

Nach dem kompromißlosen Ausscheiden stürtzte sich Frau Krell auf die Suche nach neuen Tätigkeiten. Augenscheinlich war diese Phase wichtig, um mit dem seelischen Zustand, den Depressionen umzugehen:

Körperlich-seelisch hatte ich ganz stark zu knabbern nach der Wende, im Moment als ich arbeitslos wurde, in den ersten 4 Wochen noch nicht, aber dann fing es an, daß ich große Probleme hatte, psychische Probleme, daß ich irgendwie Depressionen bekam. Und ich hab gedacht, daß bewältige ich einfach nicht. Ich bin dann losgerannt hab überall Bewerbungen geschrieben, bin überall losgegangen, um noch zu wissen, ob ich noch irgendwo ‘ne Chance hab (1/2/10,6 ff.)

Der Verlust der Tätigkeit wiegt bei Frau insbesondere vor dem Hintergrund der etwa 8 Jahre zurückliegenden schweren Krankheit. Im Bewußtsein war die Rückkehr an den Arbeitsplatz und die Freude der meist gleichaltrigen Kollegen Sinnbild der Genesung:

I.: Ja was fehlt ihnen am meisten an Ihrer jetzigen in Ihrer jetzigen Situation, in der Sie ja durchaus behaupten, daß sie ausgefüllt sind, teilweise, was fehlt Ihnen trotzdem am meisten.

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K: Was mir am meisten fehlt, ja ich bin ausgefüllt, aber ich würde sagen, es ist vielleicht nicht immer die Anerkennung, die die anderen im Dienst erweisen, wenn die sich einfach mal so die bedanken und sich auch freuen, wenn ich komme. Aber die Bestätigung fehlt irgendwie, ja ich denke immer man könnte sicherlich noch mehr machen im Arbeitskollektiv. Ich bin auch ehrlich, wir waren so in einem Alter, wir haben uns ganz prima verstanden, man hat sich ausgetauscht und das war irgendwie ‘ne andere Atmosphäre. Und jetzt konzentriert sich das doch mehr oder weniger alles auf den Haushalt ja, das finde ich entsetzlich ... Ich habe sicherlich meinen Rhythmus in etwa gefunden, aber ich hab noch nicht damit abgeschlossen noch irgendwas zu finden, ich bin immer noch auf der Suche nach irgend etwas. (1/2/16,0).

Infolge der Fürsprache aus der Verwandtschaft bekam Frau Krell die Gelegenheit, in einem Büro anzufangen. Treten neue Anforderungen aus dem Erwerbssystem in den Vordergrund, setzt ein Perspektivenwechsel in der Betrachtung ein:

Aber das Handikap war immer wieder, wie gesagt, das Arbeitsamt, weil man das ja nicht darf. Mein Mann hat immer gesagt, du mußt wissen, was für dich wichtig ist, ob du dein Vorruhestandsgeld aufgibst, dann bist du da raus, und das mußt du durchziehen bist du 60 bist, und egal wie. Oder du gehst dann in die Arbeitslosigkeit, das hat mich aber davon abgehalten. Es ist aber nicht so, daß ich jetzt sage, ich bin über 50, hab die Grenze erreicht, jetzt mach ich mir ‘nen schönen Tag, ich bin eigentlich nicht der Mensch, ich würde gerne arbeiten. (1/2/8,0)

An dieser Schilderung zeigt sich, wie stark handlungsleitend und restriktiv die institutionellen Rahmenbedingungen des sozialen Sicherungssystems wirken. Sich im Status des Vorruhestands noch einmal um Arbeit zu bemühen wird beim Scheitern mit Leistungsentzug bestraft. Zum Ruhestand in einer ausdifferenzierten Gesellschaft, in der immer mehr Ergebnis mit immer weniger lebendiger Arbeitskraft erreicht wird und auf die Menschen immer früher verzichtet werden kann, gehört der Habitus des Loslassens, der Wunsch nach Separierung und die Bildung von Begründungs- und Artikulationsformen für die neue Lebensphase. Dies um so mehr, wenn ungünstige Konstellationen gesellschaftlicher und generationeller Entwicklung, biographische Verläufe und gesellschaftliche Krisen sozialpolitischen Bearbeitungsmustern den Charakter von Fremdsteuerung verleihen und zu Verordnung werden und zum biographischen Schicksalsschlag.

Dann haben meine Kinder gesagt, kümmere dich und dich. Ich hatte dann etwas mit dem Herzen zu tun, ich mußte dann häufiger zum Arzt gehen. Das war sicherlich in dem Zusammenhang, daß ich das alles nicht mehr verkraftet habe, so sehe ich das jetzt. Ich bin zwar noch in ärztlicher Behandlung, aber diese Attacken sind nicht mehr so intensiv aufgetreten. Ich muß sagen, das war das einschneidendste in meinem Leben, noch einschneidender als meine Krankheit. Ja, das hat mich arg, mitgenommen weil man von einem Tag auf den anderen gesagt bekam, das ist jetzt zu Ende, und ich hab insofern vielleicht Glück weil ich in den Vorruhestand gehen konnte als ich gerade 55 wurde und in dem Sinne abgesichert war. Andere die hatten das nicht, die gingen in die Arbeitslosigkeit (1/2/14,0).

Hier wirkt Vorruhestand als Sicherheitssystem, das man nicht so einfach verläßt für eine unsichere neue Arbeitssuche in der von Umbruch und neuen Anforderungen


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dominierten Erwerbswelt. In Wirklichkeit hat Frau Krell aufgrund des Alters dem kaum etwas entgegenzusetzen. Der Vorruhestand wird dem Status der Arbeitslosigkeit vorgezogen. Hier schützt der Vorruhestand. Zu Tage tritt der Widerspruch zwischen erzwungenen Abgeschnittensein, relativer Absicherung und dem Wunsch nach sinnvoller Tätigkeit außer Haus. Frau Krell formuliert ihre Vorstellungen so:

Ja, vielleicht nicht mehr ganz voll, vielleicht nicht 8 Stunden, aber vielleicht im sozialen Bereich, auf dem sozialen Sektor würde ich schon was machen. Ich würde auch was anderes machen, ich würde mir ‘ne Arbeit suchen, die sinnvoll ist, wo ich auch sehe, daß ich was geschaffen habe. (1/2/15,2)

Ob Frau Krell schließlich zugreift, wenn ein konkretes Angebot besteht, ist nicht sicher. Aber diese Passage verweist auf die generelle Notwendigkeit, über Arbeitsmodelle nachzudenken. Diese dürfen für Interessenten ohne Frage die bestehende Absicherung nicht in Frage stellen. Die Tätigkeiten müßten an der gesellschaftlichen Notwendigkeit, die beispielsweise für den sozialen Bereich nicht in Frage steht, ausgerichtet sein, sowie sich hinsichtlich der Länge und der täglich zu verrichtenden Arbeitszeit variabel gestalteten. Mit Blick auf die Zukunft will Frau Krell am liebsten noch mal ein Instrument spielen lernen. In der Kriegszeit war ihr dies nicht vergönnt, ihre Söhne dagegen nutzten die Möglichkeit.

Vielleicht würde ich noch mal anfangen, ich hatte immer den Wunsch, was ich nie konnte, ein Instrument zu erlernen und vielleicht es gibt ja so kleine Klaviere usw. Meine Söhne, zwei davon sind sehr musikalisch, den einen haben wir auch auf die Musikschule geschickt, der hat auch ‘ne Ausbildung und vielleicht mach ich das noch mal. Meine Eltern waren sehr musikalisch, ja ich hab das leider als Kind nicht gelernt. (1/2/35,5)

Fazit

Mit der Erfahrung aus einer großen Familie stürzt sich Frau Krell zunächst in eine berufliche Entwicklung in einem eigentlich mißliebigen Beruf. Im Austausch bekommt sie alle Möglichkeiten, sich zu qualifizieren und Verantwortung zu übernehmen. Mit 25 ist sie Leiterin eines Postamtes. Sie beginnt ein Hochschulfernstudium. Dieser Schwung ebbt ab, als Frau Krell heiratet und Kinder bekommt. Unterdessen läßt sie sich auf ein konsequentes Familienleben ein, gebiert in regelmäßigen Abständen drei Söhne. Eingehende und durchgeplante Erziehung wird zur Lebensaufgabe. Sie behält jedoch immer eine berufliche Perspektive im Auge, gleichwohl ohne große Ambitionen. So gelingt ihr wieder der Einstieg, hingegen in artfremder Branche und unterhalb ihrer ursprünglichen Qualifikation. Diese Entwicklung wird durch eine schwere Krankheit abgebremst. Dabei fällt sie ihrerseits in das feste Netz familialer Bande und


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Anteilnahme aus dem Kollegenkreis. Frau Krell zehrt nach wie vor von den Erlebnissen der Kindheit, der Erfahrung einer im Gegensatz zum Vater, charakterlich starken und dominanten Mutter. Die Devise der Mutter war, nicht zu jammern, sondern anzupacken. Sie wählte den ”falschen“ Beruf, weil es mit dem Abitur und dem erwünschten Zahnmedizinstudium aufgrund des Lebensverlaufs des Vaters nicht klappte. Trotzdem gelingt es ihr, sich eine gute berufliche Position als Leiterin zu erarbeiten. Sie nutzte die Geburt der Kinder, insbesondere die Erkrankung des mittleren Sohnes, um sich ganz der Erziehung zu widmen. Der Mann erscheint als ”Überperson“. Er zieht seine Kreise ziemlich autonom und wird von Frau Krell bewundert. Er ist erfolgreich und steigt in der DDR bis zum Chefredakteur einer Zeitung auf. Alles in allem verdeutlicht sich in der Biographie eine Strategie des Arrangements von Erwerbsarbeit mit familialen Pflichten. Die berufliche Entwicklung wird zugunsten der Familie unterbrochen, obwohl sie zu Beginn der Berufsbiographie einen vielversprechenden Start hatte. Trotzdem sie sich der Erziehung ihrer drei Söhne widmet, ist sie entschlossen, später wieder in den Beruf einzusteigen. Während ihrer ”Familienzeit“ findet sie Arrangements, um kleinere Schreibarbeiten zu erledigen oder um Volkshochschulkurse zur beruflichen Bildung zu besuchen. Hildegard-Maria Nickel schreibt dazu: ”Frauen und Mädchen in der DDR entwickelten subjektive Strukturen (Einstellungen, Verhaltensmuster), die ihnen das objektive Dilemma möglich machten. Sie grenzten sich selbst aus bestimmten Bereichen beruflicher Entwicklung aus.“ (Nickel 1993: 246) Danach findet Frau Krell wieder einen Berufseinstieg, wenn auch auf niedrigerer Position und in einer ihr fremden Branche. Der Wechsel in den Vorruhestand kommt unvermutet. Der erst relativ späte und dazu noch von der Erkrankung unterbrochene zweite Berufsstart läuft damit ins Leere. Die mit Bravour überstandene Erkrankung hat zu einer inneren Festigung beigetragen. Die Familie gab Rückhalt, aber die innerfamilialen Gegebenheiten selbst verändern sich: Die Kinder haben selbst Familie und leben nicht mehr im Haushalt. Krisen und Niederschläge bekommen nun einen anderen Stellenwert. Frau Krell ringt noch um einen neuen Mittelpunkt. Sie hegt Vorstellungen von - zwar an Erwerbsstrukturen angebundenen - doch durchaus variablen und neuen Tätigkeitsfeldern. Sie denkt besonders an den sozialen Bereich. Ihren biographischen Verlauf dominierte die Einstellung, alles, was sie anpackt, macht sie bewußt und konsequent. Chronologisch verlaufen die Berufs- und Familienphase weitgehend getrennt. Trotz fremdbestimmter Anteile ist sie auf Unabhängigkeit und Geradlinigkeit bedacht. Maxime ist, Grenzen aufzuspüren. Erfolge erzielt sie dadurch beruflich sowie


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bei der Erziehung und der Meisterung ihrer schweren Krankheit. Insofern kommt der Schritt in die berufslose Phase biographisch gesehen zu früh und gleicht einem Abbruch. Frau Krell brachte dies in eine Position des Suchens, auch, weil wie in vorherigen Phasen Ausweichgelegenheiten schwer auszumachen sind oder sich erst vage abzuzeichnen beginnen. Jetzt ist sie vollkommen aufs Private zurückgeworfen, wo es aber nicht viel zu richten gibt. Durch die ehemals starke Fixierung auf die Familie tritt hier deutlich eine Leerstelle auf.

B) Typ Externer Abbruch: Fallbeispiel Heidemarie Jansen

Daten zum Lebensverlauf

1935

geboren im heutigen Land Brandenburg

Eltern linksorientiert, Vater Meister, während des Krieges zum Bau einer Gasleitung nach Thüringen dienstverpflichtet, Mutter Verkäuferin, Jahrgang 1905

1942

Evakuierung nach Thüringen, Dorfschule

1953-1957

Studium der Volkswirtschaft an der Hochschule für Ökonomie, ursprünglicher Berufswunsch Tierärztin

1957

Arbeit als Absolventin im Anlagenbau, Heirat, Tochter geboren, halbtags gearbeitet, Mutter betreut die Kinder mit

1958

Vater an Krebs gestorben

1960

Sohn geboren

1961

konkretes Aufgabengebiet durch Aufbau einer neuen Abteilung, faßt Fuß in der Arbeit

80er Jahre Scheidung, Tochter tritt aus der SED aus

1990

vor der Währungsunion Vorruhestand, danach erste, vierwöchige, Heilkur,

1990-1992

eineinhalb Jahre halbtags buchhalterische Arbeit in einer neuen Firma ihres ehemaligen Chefs (für 120 Mark im Monat)

1992/93

ehrenamtliche buchhalterische Arbeit in einem Verein

Kindheit: Hoffnung auf bessere Zeiten

Frau Jansen wurde im Jahre 1935 in einer Stadt im heutigen Land Brandenburg geboren. In diesem Ort erlebt sie 10 Jahre später einen Bombenangriff, der zum traumatischen Ereignis ihres Lebens wird und der Ausgangspunkt für die spätere Haltung, sich immer dafür einzusetzen, ”daß so etwas nie wieder passiert“. In ihrem Elternhaus wird sie hierbei unterstützt. Die Mutter, 1905 geboren, ist gelernte Verkäuferin. Sie versorgt das Haus, denn der Vater hat Arbeit als Techniker- Meister. Er ist zwar politisch in keiner Partei organisiert, sympathisiert aber mit sozialdemokratischem Gedankengut, in diesem Sinne auch die Tochter erzogen wird. Die Erziehung im Elternhaus und die eigenen frühen Erlebnisse von Zerstörung, Tod, Leid und Angst prägen den Lebensweg der Biographin entscheidend.


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Bis zum 10. Lebensjahr hab ich Krieg erlebt...geblieben war bis Kriegsende die Erinnerung des Krieges, der Bomben, des Terrors der völligen Zerstörung P.-Stadts, z.B. die ich persönlich miterleben mußte ... das waren also prägende Erlebnisse. Bombenterror, Krieg, Evakuierung nach Thüringen, weil es hier fürchterlich wurde und meine Eltern waren, das will ich auch nicht verheimlichen, nicht politisch organisiert aber zumindest politisch orientiert und diese beiden Dinge, das politisch links orientierte und die fürchterlichen Kriegserlebnisse, die waren für mich dann als ich mein eigenes Bewußtsein zu entwickeln hatte und zu formen hatte, also die wesentliche Grundlage für meine, ich sag noch nicht politische, aber zumindest, na ja geistige Richtung. (1/1/052)

Der Krieg zerstörte nicht nur Lebensorte der Biographin, er zwang sie auch, diese zu wechseln. Der Vater wurde Anfang der 40er Jahre nach Thüringen dienstverpflichtet, um an einer Gasleitung mitzubauen. Dahin folgten seine Frau und die Tochter ihm. Frau Jansen wird in einem kleinen Thüringer Dorf eingeschult, lebt in der dörflichen Gemeinschaft und einer vollständigen Familie, und doch kann sie auch in diesen Jahren, dem Krieg nicht entfliehen. In ihrer Erinnerung sind die ”panischen Ängste“, wenn die Flugzeuge kamen und die Dorfleute sich in den Höhlen des angrenzenden Waldes versteckten, sehr lebendig. Die Familie kehrt noch vor Ende des Krieges nach P.-Stadt zurück und lebt nach dem Krieg, wiederum durch eine dienstliche Versetzung des Vaters bedingt, in der Nähe von B.-stadt.

In den Schuljahren folgt die Biographin ihren Intentionen. Sie setzt ”diese Idee“, die ihr kindlicher Kopf von einem Neuanfang und friedlichen Leben hatte, um, indem sie Angebote der neuen Gesellschaft annimmt. Ihr Eintritt in die Pionierorganisation ist so folgerichtig wie das ”Mitmachen“ in der FDJ und der spätere Eintritt in die SED. Gegen diese Handlungsweise gibt es keine Widerstände zu überbrücken, weder in ihr selbst noch in ihrem Familien - und Bekanntenkreis oder dem Staat, in dem sie lebt. Ihre Vorstellungen vom Leben paßten in die Zeit und den Ort ihrer Sozialisation, auch wenn nicht alle Träume erfüllt werden.

Berufliche Orientierung: ”Nun müssen wir ganz was Neues machen“:

1953 kann Frau Jansen ihre Schulausbildung mit dem Abitur beenden. Einen genau fixierten Berufswunsch hat sie nicht, aber in ihrer Vorstellung sieht sie sich als Tierärztin. Vielleicht, weil sie in der Zeit in Thüringen auf einem Bauernhof lebte, weil die Eltern nach dem Krieg Hühner und Kaninchen hielten und sie selbst bis heute eine Affinität zu Tieren hat. Der Berufswunsch muß schon so stark gewesen sein, daß sie ihn Dritten anvertraute. In der Rückschau erklärt die Biographin die Differenz zwischen dem Wunsch und ihrer beruflichen Realität so:


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Ich wollte Kinderärztin werden oder Tierärztin, das waren eigentlich die beiden Wahlberufe ...und dann, weil ich ja in der Oberschule, ja in der FDJ war ich dann natürlich auch, wer in den Pionieren war, ist auch zur FDJ gekommen, na dann hatte man wahrscheinlich auch schon den Eindruck erweckt, daß man also Interesse an der neuen Zeit hatte, sag ich’s mal so global. Und dann hat nun der Deutsch- und Gegenwartskundelehrer, der war gleichzeitig auch Schuldirektor, und der hat dann gemeint, na Tierarzt für ‘ne Frau das ist doch nichts, und der hat mich dann auch bei mal bei meiner Einstellung gepackt, und hat gesagt, na ja, also denn, nun biste schon mal aufgeschlossen ... dann kannste auch was dafür tun und eben hier werden ‘se gebraucht und das war ‘ne relativ junge Hochschule damals ... und denn war das mehr oder weniger ein Überreden ... in dem Falle. (1/2/20)

Frau Jansen studiert zwischen 1953 und 1957 Volkswirtschaft an einer wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule. Über diesen Schritt wird sie ihren eigentlichen Berufswunsch nie vergessen und doch verfolgt sie, einmal ”überredet“, den eingeschlagenen Weg konsequent. Die bis zu diesem Zeitpunkt erworbenen Einstellungen und Haltungen erfahren an dem neuen Wirtschaftsinstitut Bestätigung. Neue Lehrinhalte und Ideologie werden hier auf eigenartige Weise verbunden mit wirtschaftlichen Kategorien. Es ist die Zeit, in der die DDR ihre neuen Eliten herausbildet. So ist Frau Jansen eine der jüngsten Studentinnen an der Hochschule. Mit ihr lernen Menschen, die aus anderen sozialen Schichten kommen, früher keine Möglichkeit zum Studium hatten, die schon Praxiserfahrungen mitbringen. Die Gemeinschaft aus unterschiedlichen Alters- und Sozialgruppen eint der Gedanke, jetzt etwas Neues, Besseres, ein fortschrittlicheres Deutschland aufbauen zu wollen. Das ältere und erfahrene Menschen diese Positionen teilen, bestärkt Frau Jansen in ihren eigenen Standpunkten, an denen nur innerlicher Zweifel zu nagen beginnt, dem sie aber auch in der Folgezeit nicht nachgibt. Nach außen und in der heutigen Rückschau auf ihr Leben wußte sie, wo sie hingehört.

Deswegen vielleicht bin ich auch dem Ruf gefolgt an die Ökonomische Hochschule, weil man ja dann sagte, also nun müssen wir ganz was Neues machen, wir müssen was Neues aufbauen, neue Wirtschaft und und und. Wir brauchen dort Menschen, die wissen, ich sag’s mal jetzt so lax, wo sie hingehören. Das war nun mal der Ausgangspunkt. (1/1/083)

Das Studium wird erfolgreich und ohne zeitliche Verzögerung absolviert. Sehr jung, mit 22 Jahren, beginnt Frau Jansen ihren beruflichen Weg in einem großen B.-städter Betrieb, der für sie zum Schicksal wird.

In den ersten Jahren meine ich gab es da so weniger Erfolgserlebnisse. Das war so ‘ne mehr oder weniger Sachbearbeitertätigkeit, die man och hätte machen können ohne daß man 4 Jahre die Hochschule hätte besuchen müssen dafür. (1/2/196)

Unerfahrenheit, Unzufriedenheit und der Beginn der eigenen Familienphase kennzeichnen die ersten Berufsjahre.


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Parität von Beruf und Familie

Frau Jansen beginnt im September 1957 hochschwanger ihre Arbeit. Wenige Wochen später wird ihr erstes Kind geboren, eine Tochter. So verzögert sich die berufliche Anlaufphase, weil zunächst der zweite Strang ihrer Biographie in den Mittelpunkt des Lebens rückt. Im gleichen Jahr heiratet sie, zieht aus dem Internat der Hochschule in die möblierte Unterkunft ihres Mannes. Im Verlauf des Interviews erzählt die Biographin nichts über ihren Mann, von dem sie sich, wahrscheinlich zu Beginn der 80er Jahre, wieder scheiden läßt. In der Phase der eigenen familialen Etablierung rückt auch die Herkunftsfamilie wieder mehr in das Leben der jungen Frau. Die Mutter hilft ihr halbtags bei der Betreuung der Tochter und dann auch bei dem 1960 geborenen Sohn.

Ein Schicksalsschlag ist der frühe Tod des Vaters, mit dem Frau Jansen viel verband. Er stirbt 1958 an Krebs. Frau Jansen spricht den Namen der Krankheit nicht aus, so als ob sie sich dann selber bedroht fühlt, von einer Krankheit, die wieder einmal eigenes Leben fremd steuern würde. Sie spricht den Namen der Krankheit vielleicht auch deshalb nicht aus, weil sie ihre eigenen Ängste vorm Krankwerden lieber verdrängt und verleugnet, als sich mit ihnen offensiv auseinanderzusetzen. Ihren Kindern widmet sich die Autobiographin bis 1961 halbtags. Halbtags geht sie weiter arbeiten. 1961 tun sich betrieblich dann neue Perspektiven auf. Vier Jahre nach dem beruflichen Einstieg bekommt Frau Jansen endlich ein neues selbständiges Arbeitsgebiet. Auf dem Verschiebebahnhof des sozialistischen Aufbaus erhält die junge Mutter eine Gelegenheit. Sie nimmt diese Herausforderung an. In diesem Lichte war die erste Phase im Betrieb unbefriedigend und die Geburten der Kinder Überbrückungszeiten einer Durststrecke. Anfang der 60er Jahre nach der 2. Entbindung faßt sie Fuß im Betrieb. Endlich bekommt sie eine eigenständige Aufgabe. Sie wird Leiterin einer Planungsabteilung bis 1985.

Praktische Arbeiten waren mir wichtig ... wo man och abrechnen konnte, so das und das ist jetzt erledigt. (1/2/205)

Im Interview gibt es kaum Anhaltspunkte für das Leben in dieser Zeit. Frau Jansen scheint, ihre Lebensmitte gefunden zu haben. Die Kinder sind gut in der Schule, werden in ihrem Sinne erzogen, lernen nicht nur die Strukturen der DDR zu nutzen, sondern gestalten ihre beruflichen Wege über das Abitur bis zum Studium. Im Interview gibt es nur einen Anhaltspunkt, der darauf schließen läßt, daß die Jahre zwischen 1965 und 1985 zumindest beruflich zufriedene Jahre waren.


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Ich mußte mit Menschen umgehen, mir wird heute noch bescheinigt, daß dies geklappt hätte ... daraus schließe ich, daß die Arbeit, das Verhalten nicht falsch, nicht fehlerhaft war und akzeptiert wurde. Um so schlimmer war es dann, eigentlich aus einem Grunde heraus auf die Straße gesetzt zu werden, der weder fachlich begründet war noch mental begründet war, weil man’s eben nicht gepackt hätte rein menschlich. (1/1/228)

Frau Jansen wird 1990 in den Vorruhestand geschickt. Dieser Verlust war der letzte einer Kette von Einbußen, und Rückschlägen, die sie in den achtziger Jahren erlebt.

Die achtziger Jahre: Kinder - los, Mann - los, Arbeits - los

Nach der Phase der beruflichen und familialen Verwurzelung beginnt eine Periode der Brüche, der Zweifel und Trennungen. Die Kinder werden erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Die Tochter studiert in Dresden und markiert das Loslösen mit einem Ereignis, daß Frau Jansen persönlich kränkt. Mit 18 Jahren war die Tochter in die Partei eingetreten. Frau Jansen hatte ihr nicht zugeredet, sah aber diesen Wunsch der Tochter als Ergebnis ihrer Erziehung und des sozialen Umfeldes der Familie. Als sie während ihres Studiums beschließt, aus der SED auszutreten, gerät die Biographin in einen Konflikt. Innerlich gibt sie der Tochter, die die politische Entwicklung in der DDR der 80er Jahre nicht mehr versteht und nicht mehr akzeptiert, recht. Dies sagt sie ihr aber ebensowenig, wie ihr Gekränktsein, daß sich aus dem Gefühl nährt, die Tochter schade ihrer Idee. In der Rückschau wird darum dieses Ereignis uminterpretiert. Die Biographin erzählt nicht über Ängste, die sie um die Tochter hatte, sondern nimmt den Tatbestand, daß die Tochter nach Austritt aus der Partei keine Nachteile hatte, zur Selbstbestätigung, daß in der DDR eben auch dieses möglich war, ohne daß für den einzelnen Nachteile daraus entstanden. Der Zweifel, die Ängste, die Beleidigung, die sie empfindet, wendet sie zur Bestätigung des eigenen biographischen und ideologischen Projektes. Von ihrer Haltung trennt sie sich jedenfalls auch durch einen solchen Vorfall im engsten Familienkreis nicht. Aber von ihrem Mann läßt sich Frau Jansen in diesen Jahren scheiden. Anzunehmen ist - sie spricht darüber nicht, verdrängt und blendet wieder einen wichtigen Strang aus ihrem Leben völlig aus - daß sie diesen Schritt vollzieht, als die Kinder erwachsen ihre eigenen Wege gehen. Jetzt gesteht sie sich den Schritt zu, der schon länger fällig war, den die Kinder aber bis dahin verhinderten. Die Kinder waren Aufforderung und Legitimation, die Ehe aufrechtzuerhalten. In der Biographie von Frau Jansen überlagern sich die Stagnation des Staates DDR und die der eigenen familialen Biographie. Sie erfährt diese Stagnation aber auch im Beruflichen als Wende.


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Von ‘85 an ging’s aber dann auch bergab. Man muß mal sagen, da is so ein richtige Identität herzustellen. So ein richtiges Scheidejahr, weder 53er noch 61er waren solche absolute Scheide wie das 85er. Von da an haben wir och - wie soll ich mal sagen ... na ja ... Leitungskader nicht mehr verstanden, was man von uns wollte und warum man das von uns wollte ... das kann doch nicht gut gehen (1/2/305)

Frau Jansen hat in diesen Jahren Zweifel an den Entscheidungen, die in der Industrie fallen, fragt, ob das gut gehen kann, versteht Sachverhalte, die sie selber mittragen muß, nicht mehr und wundert sich ”daß wir noch Brot und Schrippen kriegten“.

Eine Zukunft hielt sie sich nur noch als gedankliches und ideologisches Projekt aufrecht. Solche Visionen, die im Gegensatz zum Alltäglichen stehen, zehren an ihrer Kraft. Wieder ist das Leben der Biographin durch äußere Ereignisse bestimmt: ”was machen die mit uns“. Noch immer will Frau Jansen eigentlich nur das Beste und gleitet doch mehr und mehr in eine biographische Sackgasse, in der sie auf allen Feldern die Initiative verliert und Verluste erlebt: den Vertrauensverlust zur Tochter, den Partnerverlust durch die Scheidung von ihrem Mann und den Verlust an Selbstbestätigung in ihrer Arbeit. Wie erlebt sie in dieser Situation den Übergang in den Vorruhestand?

Vorruhestand: fremdbestimmter Abbruch

Nach 32 Jahren Mitarbeit in ihrem Betrieb wird Frau Jansen in den Vorruhestand geschickt.

Das war wesentlicher Aspekt für die mentale Wirkung, dann von dieser neuen AG von einem Tag zum anderen, als überflüssig, sag ich mal, erkannt zu werden. Da muß man schon mal reinversetzen (1/1/104)

Nicht die Verrentung drückt, sondern die Entleerung ihrer Lebensräume seit Mitte der 80er Jahre. Die Wende und die Frühverrentung reihen sich unter biographischer Betrachtung ein in die Stetigkeit von Abschieden und Verlusten, in denen sich jeweils lebensgeschichtliche Sachverhalte verketten. Die Balance der Biographin kam schon vor der gesellschaftlichen Wende aus dem Gleichgewicht. Mit dem fremdbestimmten Abbruch ihrer Berufsarbeit knickt eine letzte tragende Säule. Sie verliert eine weiteres Feld für Gestaltung. Durch diese Ereigniskette vor und nach der Wende erhält die Zeit der Frühverrentung für Frau Jansen eine eigene Dimension.

Es gab gar keine Alternative, det mußte weg, und die 55 waren, es wurde ja nicht gesagt, du du du oder sie sie sie, nein, es wurde nur geguckt, Geburtsjahr, ist sie 55 oder ist er 55, ja na denn also auf die Liste, das war, ich sag mal so, menschenunwürdig in dem Moment, es wurde nicht gesagt, so, das ist das bisherige Wirken und vielleicht können wir dort und dort ‘ne Möglichkeit finden, so war’s ja nicht, da baut sich doch etwas auf, woran man ‘ne Weile, wozu man ‘ne Weile braucht, um es abzuarbeiten (1/1/250)

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Sie sieht weniger ihr Lebenswerk entwertet - verstand in den letzten Jahren ohnehin nicht, ”was da gemacht wurde“ - aber ihre Person. Niemand fragt, was ist das für eine Person, die da gehen muß. Wieder greift jemand von außen in ihr Leben ein, wieder läßt sie sich drängen, mit sich machen, was andere wollen. Schon zu oft in ihrem Leben wurde sie nicht gefragt, vielleicht hätte sie ja auch diesmal keine Antwort gehabt, aber gefragt hätte sie werden wollen. In der Lebensrückschau fühlt sie sich ein erneutes Mal überrumpelt. Sie läßt sich in die Kategorie derer einordnen, die entlassen werden können und ärgert sich im nachhinein, daß sie gleich einverstanden war. Sie nimmt es den anderen übel, daß sie sie nicht besser beraten haben. Wieder einmal hat sie ihre Wünsche nicht geltend gemacht. Als ihr Schuldirektor sie viele Jahre zuvor ”überredete“, Ökonomie zu studieren, nicht Tierärztin zu werden, tat sie es für die Sache. Jetzt wird sie zum Bauernopfer in der gleichen Angelegenheit.

Da wurde kategorisiert, die, denen man zumuten konnte ... das Haus generell zu verlassen ... bis und bis die in Kurzarbeit gehen. Dann kamen sogenannte Sozialangebote. Na ja, eigentlich gab’s da gar keine Wahl, da hat der dann gesagt, also du bist hier in dieser Kategorie drin, wie stehst du dazu, und ich würde dir zuraten. So 600 Leute waren das, die also in dem ersten Schub entlassen werden, also in diesem Altersschub, der da zur Disposition stand (2/1/263/284)

”Ich habe für mich jetzt gefunden, daß nichts mehr berechenbar ist.“ - Suche nach Zukunft

Noch vor der Währungsunion im Sommer 1990 ist Frau Jansen Vorruheständlerin. Mit wem hat sie sich besprochen? Was fängt sie mit ihren entleerten aber ebenso für den Neuanfang offenen Lebensräumen an? Ihren Entschluß mußte sie selbst fassen, niemand hat ihr geholfen und sie hat wohl auch niemanden gefragt.

Ich war schon geschieden, war nur für mich verantwortlich. (2/1/301)

Sie sieht ihre Kinder in einer ähnlichen Situation. Der Sohn arbeitet in dieser Zeit in einer Presseagentur, steht selbst vor der Entlassung. Er hat - wie Frau Jansen es ausdrückt - aber mit 30 Jahren noch sein ganzes Leben vor sich. Die Kinder hat sie also nicht befragt, weil die selber Sorgen hatten. Der Bekanntenkreis hatte sich schon nach der Scheidung verändert. Es gibt zwar noch Kontakte, aber keine regelmäßigen. Dieses Resümee deutet darauf, daß die Biographin allein Wege in das neue Leben finden muß. Sie tut dies auf eine lebenslang praktizierte Weise. Sie nutzt Angebote, die ihr andere machen.

Zunächst ergreift sie die Gelegenheit, Zeit zu haben und fährt 4 Wochen zur Heilkur - das erste Mal in ihrem Leben ist sie so lange weg, tut etwas für sich, das hätte sie sich früher niemals zugestanden, ”weil sie nie abkömmlich war“. ”Ich war vogelfrei und konnte.“ Danach ”holt“ sie ihr ehemaliger Chef, der eine private Firma gegründet hat und beschäftigt sie für 1 1/2 Jahre halbtags. Sie bekommt - wie sie sagt - die üblichen 120 DM monatlich und gehört zu den letzten, die die Firma wieder verlassen, als sie pleite ist. Dann gründet sich in ihrem Verwandtenkreis ein Verein. Sie wird gebeten, dort die Buchhaltung, ohne Bezahlung, zu führen und nimmt dieses Angebot an, ”um die neue Lebensphase nicht zum Alptraum werden zu lassen“. Bis 1993 führt sie dem Verein die Bücher. Dann expandiert das Vorhaben des Vereins. Sie hatte das den Initiatoren sehr gewünscht, aber sie selbst war zur weiteren Mitarbeit nicht bereit.

So war ich immer beschäftigt und habe die vergangenen 4 Jahre nie nutzlos rumgesessen. (2/1/369)

Zwischen diesem Gefühl, für etwas nütze sein zu wollen (was sich für Frau Jansen immer mit Arbeit verbindet) und dem langsamen Annehmen des Tatbestandes ”berufslos“ als eine Entlastung auch im Sinne einer nicht notwendigen Auseinandersetzung mit ihrer Grundidee, bewegt sich das Leben der Biographin.

An meiner Orientierung halte ich fest. (2/2/375)

An ihrer politischen Weltanschauung will Frau Jansen im Prinzip keine Abstriche machen und doch gewinnt sie aus dem Gefühl, daß sie sie auch nicht mehr verteidigen muß, Genugtuung.

Man gewöhnt sich allmählich daran, gestaltet det anders, hat nicht mehr den Druck und das will ich durchaus als Vorteil werten 2/1/377)

Noch einen Vorteil hat das berufslose Leben, sie hat Zeit, Dinge, die sie auch in den Jahren der Doppelbelastung durch Familie und den Beruf getan hat, zu pflegen. Sie geht weiterhin schwimmen, ein Bestandteil ihrer bewußt gesunden Lebensweise und sie hat ein Konzertanrecht. Für die Zukunft hat sie ”keine hohen Ansprüche“. Sie braucht ”Gesundheit“, ”soviel finanzielle Möglichkeiten“, daß sie ”menschenwürdig“ leben kann und möchte kein ”Pflegefall“ werden. Gegenwärtig scheinen im Leben von Frau Jansen alle diese Wünsche Realität und trotzdem ist ihre Antwort auf die Frage, ob es ihr heute gut gehe: ”ne, eben nich“:


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Ich habe größte Sorgen um meine Enkel, und da sag ich nun, sie haben viele Vorteile heute, die ich ihnen von Herzen gönne. Da sagt man sich, warum hat det früher mit Schüleraustausch so sein können. Aber andererseits wird mir himmelangst, muß ich sagen, wenn ich so das Globale auf uns zukommen sehe. Ne, ich find doch, also ums mal doch eben politökonomisch zu sagen, diese ausschließlich profitorientierte Wirtschaftsordnung is eben für meine Begriffe nich das letzte, was es geben darf, och nich geben kann wahrscheinlich. (2/2/230)

Frau Jansen projiziert ihren eigenen Konflikt mit der gescheiterten Idee auf die Zukunft und die Enkel. In der Gegenwart setzt sie sich damit weniger auseinander, eher verharrt sie auf dem Standpunkt, sich abzufinden, für die eigene Biographie zu erkennen, daß ihre Zukunft nicht mehr berechenbar ist. Im Interview zeichnet sie noch einmal den bereits lange vorausgedachten Lebensplan unter DDR- Bedingungen auf, um im Vergleich festzustellen, daß sie jetzt nicht weiß, wie es weiter geht.

Fazit

Frau Jansen repräsentiert in dem Typus Abbruch das Muster externer Abbruch. Wieder ist dieser Entwurf nur vor der gesellschaftlichen Umbruchsituation in den neuen Bundesländern und den spezifischen Erfahrungen der DDR- Aufbaugeneration zu interpretieren. Die berufliche Biographie von Frau Jansen kennt bis zur Wende keine Brüche. Nach der Schule, dem Abitur und einem Ökonomiestudium bleibt sie 32 Jahre lang in einem Industriebetrieb, der zum Ort ihrer Karriere und der Entwertung ihrer Person wird. Die berufliche Entwicklung hindert die Biographin nicht, ihren familiären Pol aufzubauen. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder und führt das typische DDR- Frauen- Doppelleben, indem sich die Energie für den Beruf und die Familie halbieren muß. Aus der Doppelbelastung ihrer jungen und mittleren Lebensjahre wird später der Doppelverlust. In den 80er Jahren lösen sich nicht nur die Kinder aus dem häuslichen Nest, Frau Jansen läßt sich auch von ihrem Mann scheiden. Ihr bleibt der Beruf und den verliert sie mit der Wende. Wieder einmal fühlt sich die Biographin nicht gefragt. In der Rückschau ihres Lebens werden entscheidende Weichen von außen gestellt: der Lehrer ”überredet“ sie zum Ökonomiestudium, der Schritt in den Vorruhestand ist ein alternativloses ”Überrumpeln“. Ökonomin wird sie aus Überzeugung für eine Sache, in der gleichen Angelegenheit verliert sie bei Berufsaufgabe eine letzte tragende Säule ihres Lebens. Durch eine Kette von Verlusten vor und nach der Wende bekommt die Zeit der Frühverrentung für Frau Jansen eine eigene Dimension. Sie kann, nachdem der Beruf wegfällt, nicht vom familialen Rückhalt profitieren, weil sie diesen bereits verloren hat. Sie ist ”vogelfrei“ und muß ihre Lebensbalance alleine neu herstellen.


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Unter Nutzung von Angeboten anderer beginnt Frau Jansen ihre Suche nach dem neuen Gleichgewicht. Sie fährt zur Kur, hilft beim Aufbau einer privaten Firma und in einem Verein. Letztlich sind die Projekte von kurzer Dauer und stehen damit dem bisherigen Leben konträr entgegen. Die Dimension, die die Biographin deshalb der eigenen Zukunft gibt, heißt Unberechenbarkeit. So bleibt sie die Suchende, diejenige, deren vorausgedachter Lebensplan mit der DDR unterging. An ihrer weltanschaulichen Orientierung hält Frau Jansen fest. Diese Überzeugung von einer ”besseren Welt“, durch ihre Erziehung und die frühen Erlebnisse von Leid und Zerstörung während der Kriegsjahre gewonnen, ist wie ein Fels im Meer. Es gelingt ihr, den eigenen Konflikt mit der gescheiterten Idee aus der Gegenwart zu verdrängen und ihre Überzeugung als politische Vision aufrecht zu erhalten.

5.3.3.2. Typ Hinnahme: Fallbeispiel Frau Schreiber

Frau Schreiber kam Anfang der 50er Jahre aus einer märkischen Kleinstadt nach B.-stadt, um in der Stadt eine Lehre zu machen. Sie wollte unbedingt nach B.-stadt, ”und wenn sie hier Schuhe putzen“ muß. Gegenüber der deutschen Vereinigung war sie anfangs skeptisch, wie sie gesteht. Den Übergang in den Ruhestand kann man als Absicherung durch Rückzug auslegen<127>. Das ”Chaos“ der Wendezeit im Betrieb der Betroffenen war so groß, daß sie sich entschlossen, einen Antrag auf Vorruhestand zu stellen. Den ungewohnten Turbulenzen und Ungewißheiten um den Arbeitsplatz, aber auch der gereizten Stimmung unter den Kollegen (”das war mir denn alles ‘n bißchen sehr zu unsicher und zu hektisch“), entzog sich Frau Schreiber kurz entschlossen durch den Antrag auf Ruhestand. Die gesellschaftlichen Ereignisse seit 1989, in die der Ruhestand eingelassen ist, werden in eine Relevanzstruktur eingebettet, die sich an Grunderfahrungen von Erschwernissen und Beschränkungen orientiert.

Ich immer gesagt habe, es kann so schlimm kommen, wie’s will, in jeder Beziehung soll werden was will, Hauptsache, es kommt keen Krieg. Und das sagen viele in unserer Generation, ja, egal, was auf uns zukommt, und mag’s uns vielleicht och noch mal beuteln, Hauptsache, es kommt keen Krieg ... wenn wir das verhindern können haben wir schon viel erreicht. (GD2/1/059)
Natürlich stellt man Vergleiche an, ich weiß, daß es in den alten Bundesländern ganz andere Renten gibt aber wir können ja hier eigentlich froh sein, daß wir, also das es noch so glimpflich abgegangen ist für uns. (R2/1/023)

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Die Erkenntnis reift, daß ein Anmahnen von Sicherheiten und Verantwortung an gesellschaftliche Institute aufgrund des ”verordneten“ Einschnitt in die Biographie ins Leere stößt. Widersprüchlich: Das Ablaufschema des Lebenslaufs wird als Beständigkeit uminterpretiert und über die gesellschaftliche Unbeständigkeit gehoben. Das Relevanzsystem ist zeitlich sehr ausgedehnt und setzt an weit zurückliegende Grunderfahrungen an (Parallelen gibt es zum Typus Stetigkeit/Einkehr). Die Grunderfahrung ist, daß im gesellschaftlichen Verlauf nichts unumstößlich ist. Es wird darauf verzichtet, sich teleologisch an einer Optimal-Variante im Lebenslauf zu orientieren. Diese Rechnung würde einer negativen Lebensbilanz gleichkommen und wird gar nicht erst aufgemacht. Charakteristisch ist das unspektakuläre, duldende Verhalten im Hinnahme-Typ - man wendet sich in aller Stille dem Alltag zu und reduziert seine Ansprüche. Darin liegt die Stärke dieses Typus. Dieser Typus erscheint als unmodern und rückwärtsgewandt. Er wird plausibel, wenn man bedenkt, daß der verordnete Ruhestand zwar eine Freisetzung aus bisherigen Bindungen mit sich bringt, jedoch als Institut sozialer Kontrolle gesteigerte Handlungsmöglichkeiten nicht aufbieten kann. Dazu ist das Lebenslaufregime zu undurchdringbar institutionalisiert und somit die Zeit verstrichen, als daß noch Neuanfänge möglich wären. Mit der Handlungsstrategie der Hinnahme kann die plausible Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart geglättet werden.

5.3.3.3. Typ Verlust

Die Untertypen, die bisher den Typus Abbruch repräsentierten (externer Abbruch und Hinnahme), sind strukturiert durch eine hohe Identifikation mit dem Erwerbssystem und den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR. Der Vorruhestand unterbricht die Integrationsformen, und den Betroffenen fällt es schwer, auf andere Lebensbereiche auszuweichen, sinnvoll Anschlüsse zu thematisieren und die Kontinuität aufrechtzuerhalten. Begreift man die Typenbildung heuristisch als Suchstrategie, läßt sich der Typus Abbruch durch ”Weiterdenken“ um eine weitere spezifische soziale Ausprägung innerhalb einer historisch konkreten Situation vervollständigen, ohne daß dabei eine entsprechende empirische Konstellation als greifbares Fallbeispiel vorliegt. Dabei läßt sich auf ein Muster schließen, das sich gegenüber den Varianten des Abbruch-Typus profiliert, indem die von außen geordnete gesellschaftlichen Konstellation zu einer durchgängig negativen individuellen Lebens- und Leistungsbilanz


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führt. Der Vorruhestand verstärkt den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Die bisherigen personellen Ressourcen lassen sich absehbar nicht in Einklang bringen mit der neuen Umweltsituation, etwa wie im Typus Stetigkeit, es sind auch keine produktiven Strategien auszumachen, die sich im Umwege-Typus und seinen Varianten abzeichneten. Empirisch verdeutlichen würde sich der Verlust-Typus etwa in einer beruflich hoch engagierten Person, in der die Attribute des verordneten Ruhestands kumulieren und sich so wechselseitig verstärken: Abwicklung, Statusverlust, Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und Richtungnahme auf eine demokratisch-kapitalistische Staatswesen, verkoppelt mit fehlenden sozialen und emotionalen Bindungen. Diese strukturelle Verquickung der Umstände setzt hinsichtlich des Lebenslaufs und der Biographie eine Zäsur, die (zunächst) wie ein Endpunkt oder ausweglose Situation zu lesen wäre.

5.3.3.4. Typ Abbruch: Zusammenfassung

Der Typus Abbruch charakterisiert die Beendigung der Berufstätigkeit als Einschnitt in den Lebensweg unter ungünstigen Umständen. Typisch ist, daß die Erwerbsarbeit eine außerordentliche Integrationsfunktion im Lebenslauf besaß. Um Mißverständnissen vorzubeugen sei darauf hingewiesen, daß die betreffenden Personen keine exponierte berufliche Tätigkeit ausgeübt haben müssen. Wichtig ist die besondere Funktion der Arbeit für die Balance im Leben. Der Betrieb war in besonderer Weise Familienersatz und Kommunikationszentrum. Entweder kam es zur Zerstörung einer relativ spät einsetzenden Konsolidierungsphase im Lebensverlauf, wie bei Frau Krell. Oder die Personen, vor allem Frauen, haben durch die ”doppelte Vergesellschaftung“ in ihrer Erwerbsbiographie zwischen Familie und Beruf pendeln müssen. In dieser Gruppe kann man vor allem alleinstehende Personen vermuten. Sind die Kinder aus dem Haus, so entfällt mit dem Ruhestand die Arbeit als Sinnstiftung. Die institutionellen Vorgaben des Ruhestands erscheinen als übermächtige, alternativlose Struktur. Es wird sich widerwillig, teils hinnahmsvoll, teils fatalistisch eingelassen. In der Hinnahme-Figur äußert sich, ähnlich wie im Rückzug (als Untertyp im Muster Stetigkeit diskutiert) das Vermögen, die Situation für sich realistisch einzuschätzen und seine Konsequenzen zu ziehen. Die Erkenntnis reift, daß eine Anmahnung von Sicherheiten und Verantwortung für den ”verordneten“ Einschnitt in die Biographie ins Leere stößt. Der entscheidende Unterschied ist das unspektakuläre, duldende Verhalten im Hinnahme -Typ - man


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wendet sich in aller Stille dem Alltag zu und reduziert seine Ansprüche. Der Rückzug hingegen verkörpert eine tatvolleren Abgang. Bewußt werden die Verbindungen zur Gesellschaft abgebrochen. Im Verlust-Typus kumulieren die Attribute des verordneten Ruhestands und es gelingt nicht, der veränderten Umweltsituation personell etwas entgegenzusetzen, weder in Rekurs auf Ressourcen des Lebenslaufs und der Biographie noch durch Suchstrategien. Die institutionell vorgegebenen Zeitstrukturen durch die Vorruhestandsregelung können nicht in die biographischen Zeitstrukturen übersetzt werden. Damit signalisiert der Abbruch das Beenden einer nicht vollendeten oder steckengebliebenen Entwicklung. Vorruhestand verkörpert das ”Gnadengeschenk“ schlechthin. Man weiß sich nicht in die Gesellschaft einzuordnen und zur Gesellschaft in Beziehung zu setzen. Indem das Verhältnis zur Gesellschaft nicht neu konzipiert werden kann, stehen die Individuen in der neuen Zeit ”neben sich“. Elemente der Exklusion kommen zum Tragen, aber nicht de facto materiell, sondern weil eine wesentliche Vermittlungsebene zwischen Individuum und Gesellschaft, nämlich die Erwerbsarbeit, einen über Gebühr großen Stellenwert besaß und nicht ersetzt werden kann. Eine Rückbindung an die Gesellschaft durch die Institution Vorruhestand läuft ins Leere.

Fußnoten:
<94>

In der jüngsten Vergangenheit stößt man auf verschiedene soziologische Untersuchungen, die entweder Biographie direkt zum Untersuchungsgegenstand machen oder ihren Fragen mit qualitativ-biographischen Forschungsansätzen nachgehen, u.a. Giegel u.a. (1987), Brose u.a. (1993) zu sozialer Zeit und Biographie, Wohlrab-Sahr (1993) zur biographischen Unsicherheit in der Moderne; Kohli u.a. (1993) zu Vergesellschaftungsformen im Ruhestand.

<95>

Richard Rorty geht davon aus, daß alle Menschen eine Vielfalt von Begriffen und Wendungen mit sich tragen, die sie zur Verteidigung ihrer Taten und Auffassungen einsetzen. ”Es sind die Wörter, in denen wir das Lob unserer Freunde, die Verachtung für unsere Feinde, unsere Zukunftspläne, unsere innersten Selbstzweifel und unsere kühnsten Hoffnungen formulieren. Mit diesen Worten erzählen wir, manchmal vorausgreifend und manchmal rückwärtsgewandt, unsere Lebensgeschichte.“ (Rorty 1989:127) Er nennt sie das ”‘abschließende Vokabular’” einer Person. ”Um an sozialer Hoffnung festzuhalten, müssen die Mitglieder einer solchen (modernen, H.L.) Gesellschaft sich selbst eine Geschichte erzählen können, die davon handelt, wie alles besser werden kann und sie dürfen keine unüberwindlichen Hindernisse für das Wahrwerden dieser Geschichte sehen“ (Rorty 1989: 148).

<96>

”Dieser objektive Typus ist insofern ‘Idealtypus’, als er mit dem Zweck konstruiert wird, einerseits gegenüber der Empirie insofern systematisch unrecht zu haben, als er das Besondere im Einzelfall nur unzulänglich wiedergibt, andererseits aber gerade dadurch dem Einzelfall zu seinem Recht zu verhelfen, daß er das historisch Besondere vor dem Hintergrund struktureller Allgemeinheit sichtbar abhebt.“ (Soeffner 1985: 118)

<97>

In den Jahren 1943-1945 stellten sie den ”Hauptanteil des Behelfspersonals der Flugabwehr in der Heimat- bis zu 45 Prozent der Sollstärke“ (Bude 1987: 9).

<98>

Der Schauspieler Manfred Krug schreibt über die Zuversicht kurz nach der Gründung der DDR: ”1950 habe ich die Pauker aus dem Gymnasium in Duisburg eingetauscht gegen die Neulehrer an der 33. Grundschule in Leipzig. Die hatten nicht alle Welt zu bieten, aber sie hatten den Enthusiasmus, dir die neue Welt zu erklären, die wir jetzt gemeinsam bauen würden, die klassenlose, gerechte, endgültige Ordnung, die irgendwie um mich herum errichtet wird, denn ich bin der Mensch, der im Mittelpunkt steht.“ (Krug 1996: 116)

<99>

”Fast 28 Prozent der Personen aus dem Drei-Millionen-Flüchtlingsstrom waren zwischen 25 und 45 Jahre alt, als sie die DDR in den Jahren von 1945 bis 1961 verließen, und das heißt, daß fast jeder in seiner unmittelbaren Umgebung, sei es am Studien-, Arbeits- oder Wohnort, von Fluchten aus dem Westen erfuhr und dadurch (vielleicht) verunsichert wurde.“ (Hoerning 1992:19) Andere Quellen referieren Zahlen nach denen zwischen 1950 und 1961 insgesamt 2,4 Mio. Migranten in den Westen kamen, darunter 700 Tsd., die als ”Vertriebene“ und 200 Tsd., die als ”Sowjetzonenflüchtlinge“ anerkannt wurden (H. R. Koch 1986)

<100>

Die DDR war nach Niethammer eine ”sicherheitsgewohnt und betriebszentrierte Arbeitsgesellschaft“ (Niethammer 1993: 147).

<101>

”Na ja unsere Versorgung ist besser geworden, das muß man anerkennen, die Sorgen sind wir los, aber dafür haben wir andere Sorgen gekriegt, die ich früher nicht hatte, und die meines Erachtens das (3) das Gute (1) überdecken.“ ( M2/1/030)

<102>

Der Eindruck verstärkt sich bei den Wohnungseinrichtungen, die bei fast allen Befragten noch aus der DDR-Zeit stammte.

<103>

Freiwillige Zusatzrentenversicherung in der DDR

<104>

Die Auflösung verläßlicher Austauschbeziehungen im Vereinigungsprozeß fällt zusammen mit der von Rosenmayr konstatierten Entwicklung in westlichen Ländern und den Diskussionen um die Rentensysteme: ”Die Verpflichtung zur Kompensation trägt sozialethisch nicht mehr in verläßlicher Form.“ (Rosenmayr 1994: 176)

<105>

Aufschlüsse zum Vermögen der untersuchten Personen liegen nicht vor. Aufschluß darüber gibt aber ein statistischer Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. Ende 1993 bemaß sich der Geldbesitz je Haushalt in den alten Bundesländern auf DM 130.300, in den neuen Bundesländern bei DM 32.200. (Deutsche Bundesbank 10/1993: 22; 5/1994: 34, zit. nach Thimann 1995: 100)

<106>

Hinzu kamen auf Vorruheständler Rückübertragungsansprüche bezüglich in der DDR erworbenen Grundstücke zu. Daher bewegen sich die Argumentationen um Vorruhestand und materielle Sicherheit nicht selten, wie bei Herrn Braun, um die politische Entscheidung der Rückübertragung und verschmelzen zu einer Deutungsfigur der ”Unsicherheit“ und des ”Betrugs“ : ”Viele Verbesserungen da das ist ja unumstritten, aber viele Dinge, die uns eben belasten, und die nicht nötig waren, die über den durch den Einigungsvertrag, ja und ich bin betroffen in zweierlei Hinsicht, Vorruhestand haben sie mich betrogen, echt betrogen, und mein Grundstück.“ (M2/1/030)

<107>

Diese Benachteiligung wird sich über die nachfolgende Generation fortsetzen, weil die Vorruheständler demzufolge viel geringere Bestandsgrößen von Vermögen vererben werden.

<108>

Siehe Kapitel V.2

<109>

Einstellungsverteilungen zeigen, ”daß aus den neuen Bundesländern Unterstützung für eine größere Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft, gegen die Gültigkeit des Leistungsprinzips mit der Konsequenz sozialer Ungleichheit und gegen eine größere Verbindlichkeit christlich/religiöser Werte in der Politik kommt“ (Bürklin 1995: 18).

<110>

Heiner (1983) nach Czada (1994: 262)

<111>

Heiner (1983: 258) nach Czada (1994: 262).

<112>

An dieser Stelle einige Bemerkungen zur Ehe von Werner Leitz. Die spätere Heirat, vielleicht Mitte/Ende der sechziger Jahre, wird weder als Datum genannt, noch ist sie aus dem Kontext zu erschließen. Das deutet auf einen für ihn nicht sonderlich wichtigen Anlaß hin. Vielleicht war Pragmatismus für diesen Schritt ausschlaggebend, verbunden mit dem Druck seitens der Eltern. Jedenfalls gehen aus der Ehe keine Kinder hervor. Anzunehmen ist, daß die Beziehung zu seiner Frau, zumal er bei der Heirat etwa Mitte/Ende 30 ist, kein großer Einschnitt im Leben bedeutet. Vermutlich heiratete er in einem Alter, in dem er entschlossen war, seine Prämissen gegenüber seiner Partnerin zu formulieren. Genug Selbstbewußtsein dürfte er durch Umstände des Berufswechsels haben. Die Zeit des Berufswechsels verlängert seine Jugendphase. Er ist noch dabei, seinen beruflichen Lebensweg zu korrigieren, quasi neu einzuspuren.

<113>

Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, die Gewerkschaft der DDR.

<114>

Besondere Brisanz erhält dieser Erzählaufbau, da zu der Zeit als das Interview geführt wird, der Abzug der russischen Armee kurz vor dem Abschluß stand. Die teilweise öffentlich ausgetragene Diskussion darüber strahlt hier offensichtlich in den Gesprächsverlauf. Hinzu kommt die von Herrn Leitz in der DDR empfundene Diskrepanz zwischen der Unantastbarkeit des Bildes der Befreier und den eigenen Erfahrungen. Die Auflösung des Widerspruchs nimmt Herr Leitz im Interaktionszusammenhang des Gesprächs zum Anlaß, seine alltagsweltliche Version - endlich - öffentlich zu entwickeln.

<115>

Indem wir in die Interpretation Kontextwissen aus dem weiteren Gesprächsverlauf hinzuziehen, läßt sich gleichwohl erkennen, daß man bei Herrn Leitz nicht vorderhand auf eine extrem nationalistische Gesinnung schließen kann. An anderer Stelle äußert er beispielsweise Genugtuung darüber, der Generation der wenigen in der DDR anzugehören, die nicht "an der Waffe ausgebildet wurden". Als seine Funktion als Lehrausbilder zur Sprache kommt, schildert er, wie er einen Lehrjungen zur Rede stellt, als dieser öffentlich Hitlers Geburtstag in Erinnerung rief.

<116>

Über seine Intimbeziehung erfahren wir dagegen in der Haupterzählung sowie im Nachfrageteil wenig. Über seine Frau, spricht er in Zusammenhang mit ihrer Erkrankung und ihrem Tod. In dieser Sequenz vergegenwärtigt er sich noch einmal seines Verhältnisses zu ihr. Wesentliches Element der Beziehungsformel war die Akzeptanz der Schichtarbeit durch seine Frau. Sie entspricht seinen Anforderungen an eine stabile Beziehung: "Wir haben gut aneinander gepaßt wir haben uns gegenseitig ergänzt sie hat hier in der K. gearbeitet ich mußte drei Schichten machen damit hat sie sich abgefunden von je her dat lief." Diese Sequenz akzentuiert in komprimierter Form die Wichtigkeit dieser Kongruenz. Diese Selbstverständlichkeit zerbricht 1987 mit dem Tod der Lebenspartnerin. Aus dem Fortlauf des Gesprächs geht hervor, daß Herr Leitz wenig später über eine Zeitungsannonce eine neue Lebenspartnerin findet. Im Interviewverlauf entwickelt er auf Nachfrage eine Begründung für diesen Schritt: "Heiraten nicht mehr aber ach so ganz ohne Frau war mir nischt" (2/1/17,0). Auch zusammenziehen käme nicht mehr in Frage. Heute kommt für ihn das ökonomische Kalkül hinzu: Er kann und will auf seine Witwenrente von 350 DM nicht verzichten. Insofern führt Herr Leitz eine "moderne“ Partnerschaft ohne Trauschein, allerdings vor der Erfahrungen einer langjährigen Ehe, welche die jetzige Beziehungsform evident macht.

<117>

Für diesen Interpretationsmechanismus traditioneller Leistungsethik finden sich im Interview noch weitere Belege. Er versinnbildlicht dies an anderer Stelle durch den Einbau seiner beiden Berufsbilder. Ein Bezug dazu stellte sich im Gespräch über die Wohnung her. : "Dort von der Küche aus sehen vielleicht kucken Sie sich das nachher mal an und det kam alles aus W. (seinem Betrieb, H.L.) und da gab's keine Schnitzer wenn dit is beim Bäcker ist das so gewesen der Bäcker wenn der was versaut hat der konnte das uffessen oder der konnte es noch mal uffweichen und wieder neu verarbeiten aber wenn hier was versaut war denn mußte det unwiderruflich weggeschmissen werden ...“(1/2/10,5). Hochgradig spezialisierte Schichtarbeit unter einem "abgewickelten" und entwerteten Regime bekommen in der Diktion von Herrn Leitz bis in den Ruhestand einen sinnvollen alltagsweltlichen Bezug. Die Resultate seiner Tätigkeit umgeben ihn konkret-anschaulich. Indem sie seine Wohnung bilden, halten sie jeder argumentativen Entwertung symbolträchtig stand.

<118>

Regina Behrendt gelangt angesichts der prätentiösen Beurteilung der Plattenbausiedlungen zu folgender Feststellung: ”Reißerisch wird eine Ghettoisieruung beschworen, die weder Kenntnisnahme noch Kritik der Individuen und ihrer Haltungen zuläßt, die vor allem aber niemals soziale Ausgrenzung als Konsequenz des kapitalistischen Prinzip kenntlichmacht. Hinsichtlich der Plattenbausiedlungen in der ehemaligen DDR sind sich hingegen alle sicher, daß sich in ihnen die ganze Niedertracht des Sozialismus vergegenständlicht hat.“ (1995: 50) Auf den ersten Blick oder aus heutiger Sicht vermag es schwer nachzuvollziehen sein, daß der Bezug einer Plattenwohnung eine solche Bewertung erfährt. Es ist aber zu beobachten werden, daß die westdeutschen DDR - Forscher, aber auch Kollegen aus dem Osten oft ihren eigenen ideologisch gefärbten Fiktionen aufsitzen und damit bei der Bewertung des Lebens in der DDR an den Wirklichkeiten vorbeigehen. Exemplarisch kann das an der Beurteilung der Wohnverhältnisse nachvollzogen werden. Die Plattenbausiedlungen werden diskreditiert, ohne die symbolische Wertschätzung in Rechnung zu stellen, die eine Familie dem Bezug einer solchen Wohnung beimaß. Der Symbolgehalt dieses Vorgangs ist nicht zu vergleichen mit dem westdeutschen Prinzip Ausgrenzung: dem Verfrachten sozial Benachteiligter in Vorstadtsiedlungen, mit dem die Ausgrenzung schließlich auch räumlich besiegelt wird.

<119>

Die Unsicherheiten der Wende nehmen im Bewußtsein einen kollektiven Charakter an. ”Das ging mir, das muß ich immer wieder sagen, nicht alleine so“ könnte als Versuch ausgelegt werden, den Verdacht eines eigenen Verschuldens dieser Situation gar nicht erst aufkommen zu lassen.

<120>

Ich vermute hinter dieser Argumentationsweise ein Bewältigungsmuster des Abschieds aus dem Beruf, seinerseits geprägt durch die Berufsbiographie. Die vielzitierten Deutungsmuster ”es war nicht alles schlecht in der DDR“ und ”meine Biographie beginnt nicht erst 1989“ erhalten in der Einbindung akkumulierter Erfahrung aus dem Berufsleben exemplarisch Gestalt. Herr Leitz blickt aus der Ruhestandsphase souverän zurück. Häuser wurden immer gebaut und werden gebaut. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ist nach wie vor evident. Die Häuser, die er zu errichten mithalf, stehen auch heute noch und bilden ganze Stadtviertel. Schließlich verbindet er mit dem Einzug in eine Neubauwohnung den Beginn seiner ”glücklichsten Zeit“. Es läßt sich vermuten, daß der sich vollziehende Technologiewechsel in seinem Gewerk den Abschied erleichtert. Herr Leitz ist in der Lage, angesichts des bevorstehenden Wechsels eine Distanz aufzubauen. In diesen ”Zwischenraum“ hinein entwickelt er seine Beobachtungen, etwa wenn er sich heute Baustellen ansieht und mit seiner Zeit vergleicht. Mit ”immer mehr Abstand“ kommt er dann auch mal zu solchen Beurteilungen, beispielsweise, daß es Kollegen zu seiner Zeit allemal schneller vollbrachten als heute: ”Und es ist auch so, (1) daß man zwei Jahre raus ist aus. Zu dem Beruf gewinnt man immer mehr Abstand, man guckt sich noch vieles an man steigt auch noch letztens bin ich hier Friedrichsfelde ausgestiegen und hab mir mal diese dieses Karree Eigentumswohnungen angeschaut. Wie lange die da nun schon rumbasteln an dem Ding, denn kommen natürlich bei mir auch Dinge hoch, daß mir sage, zu DDR-Zeiten, der kleine Komplex, den hätten die in 4 Wochen hochgezogen, denn wär das ganze Ding erledigt gewesen. Ja, dadurch gewinne ich eben immer mehr Abstand, weil ich mir sage, das funktioniert ja nicht, die Wohnungsnot wird immer größer und der Wohnungsbau oder die Wohnungen, die geschaffen werden sind so gering. Also, was der sozialistische Staat als solcher, in Anführungsstrichen, erbracht hat in puncto Wohnungen, könnte der jetzige kapitalistische Staat niemals schaffen. Da sind aber die Strukturen und dies und das und jenes ganz andere, und das ist ein Roman ohne Ende.“ (2/2/22,7)

Mögen es Stilisierungen sein, auf die Herr Leitz zurückgreift. In jedem Fall deutet sich an, daß Herrn Leitz' Lebenswerk greifbar und keinesfalls entwertet scheint. Und sein Berufsstand wird für ihn immer wieder vergleichbares, Sichtbares produzieren. In seinem ehemaligen Betrieb wird noch gearbeitet. Seine Positionierung gestattet ihm, plausibel jetzige Strukturen in Frage stellen. Diese Argumentation verbaut auch nicht die Sicht auf die Zukunft, sondern reiht sich in seine Theorie über seinen Platz in der Gesellschaft ein. Sie ist richtungsweisend und konstruktiv. Er kann sich auch realistischerweise aus seiner Tätigkeit herausnehmen, annehmen, daß seine Zeit real abgelaufen ist. Hier werden keine Fiktionen aufgebaut. Insofern gibt es (ablesbar an der Theoriebildung über das eigene Leben) eine gewisse Stringenz in der Biographie von Herrn Leitz. Die Loyalität gegenüber dem sozialistischen Staat leitet sich aus der ”modernen“ Bauweise her. Die Vergegenständlichung seiner Tätigkeit in Städten bieten zahlreiche Vergleichsmöglichkeiten und Argumentationsfelder. Er wendet sich auch gegen die seiner Meinung nach ungerechtfertigte westliche Ästhetisierung bei der Beurteilung des Ostens, wie ein Bericht über eine Reise nach Hannover zeigt: ”Dieses Hannover total zubetoniert, wenig grün, was ich innerhalb dieser 7 Stunden da gesehen hab, hat mir nicht gefallen. Herrenhausen ja, vergleichbar mit Parkgarten Groß Seedlitz in Dresden oder Teile von Potsdam Sancsoussi, sehr schön auch Hannover, um die Seite des Rathauses ja, auch sehr schön, aber die zubetonierte Innenstadt nee, also das war nicht mein Geschmack nee. So hat man uns doch nichts einbetoniert, wenn man auch heute viel uff den Beton schimpft und uff die Platte usw. , aber man soll sich mal hier schön an die eigene Nase fassen, die haben eben auch mit Beton nicht gespart.“ (3/1/10,6)

<121>

Im Nachfrageteil des Interviews stellt sich heraus, daß Frau Fuhrmann wegen einer unvorsichtigen Äußerung, die durch die Behörden der DDR als Belastung des Verhältnisses zwischen der SED und der dortigen KP auslegte, denunziert wurde und zurückbeordert wurde. Sie wertet ihr damaliges Verhalten als Fehler und schreibt es ihrer jugendlichen Unbedarftheit zu. Sie erhebt jedoch keinen Vorwurf wegen der Entscheidung. Sie erweist sich so noch heute als prinzipientreu und loyal, obwohl im Verlauf der Interpretation deutlich wird, daß ihr beruflicher Werdegang entscheidend beeinträchtigt wurde.

<122>

”Umfassendes gesellschaftlich-staatliches Kontrollorgan des ZK der SED und des Ministerrates; gegründet 1963; gegliedert in Komitees, Inspektionen, Kommissionen; Ausschüsse und Gruppen; in der ABI wirkt eine große Anzahl Werktätiger als ehrenamtliche Kontrollkräfte im Sinne der Volkskontrolle mit“ (BI-Elementarlexikon, Leipzig 1986)

<123>

Frau Fuhrmanns Mann wurde bereits 1986/87 invalidisiert.

<124>

An dieser Stelle sein ein Vorgriff auf den unter Punkt 2.1.3 dieses Kapitels, in dem der Abbruch-Typus entwickelt wird, gestattet. In beiden Fällen treffen wir auf eine späte Konsolidierung im Beruf nach überstandener schwerer Krankheit Anfang der achtziger Jahre. Berufliche Integration ist in beiden Fällen geradezu funktional für die Bewältigung. Allerdings ist Frau Hellmig schon im Vorfeld möglicher Entlassung und danach bestrebt, weiterzuarbeiten. Frau Krell, deren Arbeit ebenso evident ist, nimmt den erzwungenen Ruhestand hin.

<125>

Das alles vollzieht sich in einer aufstrebenden und positiv titulierten Branche: Chemie verheißt Schönheit lautete zu damaliger Zeit eine Losung.

<126>

Angina pectoris: ”Engbrüstigkeit“, identisch mit Stenokardie - ”Herzenge“; anfallweise auftretende gürtelförmige Schmerzen um die Brust, die über das linke Schultergelenk bis in den linken Arm ausstrahlen- die Herzkranzgefäße arbeiten nicht richtig, fördern nicht genügend Blut und rufen ungenügende Sauerstoffversorgung des Herzmuskels hervor; bei maximaler Durchblutungsnot Herzinfarkt).

<127>

Vgl. mit dem gleichnamigen Übergangsmustern im Abschnitt V.2.1 .


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