Lehmann, Heiko: Verordneter Ruhestand Untersuchung zum Transfer sozialstaatlicher Institutionen im deutschen Vereinigungsprozeß am Beispiel des Vorruhestands.

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Kapitel 6. Verordneter Ruhestand: Zusammenführung und Schluß

Der Vereinigungsprozeß fällt in eine Zeit, in der sich der bisherige Sozialstaatscharakter der Bundesrepublik an sich verändert. Der ”ostdeutsche Umbruch (ist) in einen lange vor der deutschen Vereinigung einsetzenden gesellschaftlichen Transformationsprozeß der alten Bundesrepublik eingelagert“ (Hildegard-Maria Nickel 1995: 24). Daher soll am Schluß aufgegriffen werden, welche Bedeutung der Ruhestand als Eckpfeiler des Sozialstaats in Zukunft haben kann und soll.

Am Ende sollen die Fragen vom Ausgangspunkt der Arbeit noch einmal aufgegriffen und anhand der Ergebnisse der Untersuchung diskutiert werden. Es war das Forscherinteresse, Reichweite und Wirkungen des sozialpolitischen Instruments im Prozeß der deutschen Vereinigung zu untersuchen. Wie wird mit den institutionellen Regeln umgegangen? Im ersten Teil der Arbeit ging es vor allem um die theoretische Bestimmung des Vorruhestands aus soziologischer Sicht. Ich hatte argumentiert, daß dieser Modus der Frühverrentung Merkmale und Besonderheiten trägt, die im Begriff eines Verordneten Ruhestands ausgedrückt werden können. Die Besonderheiten ergeben sich aus den gesellschaftlichen Umbrüchen, die durch den Institutionentransfer in ”richtige“ Bahnen gelenkt werden sollen. Sozialstaatliche Auffangregeln des westdeutschen Sozialstaats spielten eine herausragende Rolle bei der Flankierung dieses Prozesses. Teil dieses Vorgangs war die Installation des westdeutschen Systems sozialer Sicherung. Der Erwartungsdruck auf den Sozialstaat stieg in dem Maße, wie klar wurde, daß es mit einer eigenständigen DDR-Entwicklung vorbei ist und das westdeutsche System zum Tragen kam. Die sozialen Schwierigkeiten resultieren vor allem aus der Installation des westdeutschen Systems sozialer Sicherung. Bezogen auf die Frühverrentung im Vereinigungsprozeß bedeutet es die politische Instrumentalisierung eines sozialstaatlichen Instruments quer zu den eingelebten Normalitätserwartungen der Adressaten.

Diese Merkmale des verordneten Ruhestands, so die These, begründet für die Betroffenen einen Bedeutungswandel des Ruhestands, eingebettet in den Umbruch in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Diese Zugangsweise berührt darüber hinaus Fragen nach der Leistungsfähigkeit von sozialstaatlichen Institutionen, den Anforderungen an


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Modernisierungspolitik und nach den Wirkungen institutioneller Lösungen sowie deren Grenzen.

Diese Intervention trägt in der Umbruchsituation der deutschen Vereinigung widersprüchliche Merkmale eines Verordneten Ruhestands. Die Besonderheiten dieser Maßnahme liegen in einem im Kern vorwiegend legalistischen Vorgang. Dabei orientierte sich die Politik an einer in Westdeutschland entwicklungsgeschichtlich eingespielten Methode wohlfahrtsstaatlicher Problembearbeitung der Besitzstandssicherung und der Statusfortschreibung. Die Politik setzte aufgrund der Problemfülle auf eine Strategie der Problemvereinfachung, um Komplexität zu reduzieren und handlungsfähig zu bleiben. Das soziale Sicherungssystem ist für die Steuerung des Umbruchprozesses geeignet, weil es der politischen Willensbildung unterliegt und es sich um Wertentscheidungen der Gesellschaft handelt. Durch Zuweisungen von Ansprüchen und neuen Anspruchsvoraussetzungen sollen vorrangig die drohende Arbeitslosigkeit abgewendet und zukünftige Lebensbedingungen erwartbar gemacht werden. Der Ruhestand entspricht somit dem Sicherheitsbedürfnis in Zeiten des Wandels. Meßlatte der wohlfahrtsstaatlichen Intervention ist der segmentierte dreigeteilte Lebenslauf. Die Kriterien richteten sich an bestimmten Altersmarken aus. Der Spielraum liegt darin, die Altersmarke nach Bedarf und politischer Opportunität zu verschieben und damit den Ruhestand für große Altersgruppen zu verordnen. Die These von Beck, daß sich die traditionellen Institutionen der Industriegesellschaft zunehmend quer stellen zu den sozialen Lagen, Klassen und Milieus, scheint sich für den deutschen Vereinigungsprozeß zu bestätigen. Hinter der Aufrechterhaltung einer Institution verschwindet das eigentliche soziale Problem. Die Frühverrentung wurde durch das Hand in Hand arbeiten von Betrieb und Staat umgesetzt. Extremes Attribut war, daß dabei alle gängigen Bestandsschutzregeln übergangen worden sind. Intermediäre Organisationen (Gewerkschaften, Verbände) spielten kaum eine Rolle. Das Ziel, durch den Vorruhestand Erwartungssicherheit über zukünftige Lebensbedingungen zu schaffen, ist durch den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch überschattet. Inklusion und Exklusion überlagern sich in der Anfangsphase dieses Vorgangs. Die Regelungen sind daher nicht zu reduzieren auf ihren instrumentellen Charakter zur Kontrolle eines entstehenden Arbeitsmarktes. Seine Bedeutung ist auch nicht durch das Vorziehen der Altersmarke hinlänglich erfaßt. Die neuen institutionellen Bedingungen lassen nicht per se Rückschlüsse auf Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster zu. Mit dieser Reintegration der Menschen in ein Netz von Regeln sind auch neue Anforde-


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rungen und Zwänge verbunden. Mit dem Vorruhestand werden nicht nur neue Übergangsregelungen vom Erwerbsleben in den Ruhestand normiert, sondern es werden die gewachsenen Normalitätsvorstellungen und Leitbilder, die sich in den Biographien der Adressaten manifestieren, in Frage gestellt. Wenn lebenszeitliche Kontinuität unterbrochen ist, ist es für das Subjekt unabdingbar, die alltägliche Ordnung aufrechtzuerhalten und in der Gegenwart<128> Vergangenheit und Zukunft sinnvoll miteinander zu verbinden. Das geschieht nicht ausschließlich im Reflex auf die Gesellschaftsgeschichte, sondern ist Resultat der Verschränkung objektiver und subjektiver Gegebenheiten. Die Subjekte agieren an der Schnittstelle individueller Orientierung und ihrer Anbindung an eine kollektive Geschichte. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart stellt sich für den einzelnen über die Biographie her. Der biographische Gestaltungsprozeß wird von der Selbstbindung (commitment) an die individuelle Biographie beeinflußt (Hoerning 1995). Gefordert sind ungewohnte Abstimmungsleistungen, um beim ‘Verschwinden von Ordnung’ sinnvolle Passungen zwischen den Lebensphasen herzustellen, die eigentlich nicht zusammengehören. In der Altersgruppe der Vorruheständler zeichnen sich Tendenzen ab, die der individuellen Biographie und dem Lebensrückblick bei der Gestaltung des Übergangs in den Ruhestand eine stärkere Relevanz verleihen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte und einzelnen Lebensbereichen ist eine wesentliche Folie für Handeln und verhilft den Übergangsmustern in ”diesen“ Ruhestand zu einer eigenständigen Kontur. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß sich die Vorruheständler im Osten über Erinnerungsprozesse<129> ihrer Herkunft und ihres bisherigen Lebens neu vergewissern müssen, nachdem sie aus ursprünglichen Bezugssystemen herausgelöst worden sind.


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Wenn gesellschaftliche Umstände sich sprunghaft verändern und neue institutionelle Normen aufgebürdet werden, kommt es zu Bewältigungsschwierigkeiten. Die Konfrontation mit dem plötzlichen Vorruhestand bedeutet den Verlust der ursprünglichen Erwerbsrollen und eingelebten Erwartungen. Aus diesem Grund kann man angesichts des Vorruhestands von einer altersgruppenspezifischen Auflösung dieser Normalität sprechen, die in hohem Maße aus den DDR-spezifischen Sozialisationserfahrungen und Arbeitsverhältnissen resultierten.

Am Ende stand der erzwungene<130> und als viel zu früh empfundene Übergang in den Ruhestand (von Kondratowitz 1994: 6 ff.). Im deutschen Vereinigungsprozeß, in dem sich die Strukturen schneller wandeln als die persönlichen Merkmale und die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Menschen nicht übergangen werden können, kann man von einer ”Zwangsindividualisierung“ (Berger 1990: 13) mit ungeahnten ”Modernisierungsfallen“ (Nickel 1995) sprechen. Die Menschen kommen am Ende ihres Berufslebens zu einer besonderen Art von ”Wahlbiographie“ und einer Lebensform ”ohne die sichernden, stabilen sozial-moralischen Milieus“ (Beck/Beck-Gernsheim 1993: 194) der bisherigen Gesellschaftsformation. Plötzlich müssen extern gefallene Entscheidungen und institutionelle Vorgaben in die eigene Biographie umgemünzt werden. Die Wahlfreiheit ist aber beim Übergang in den Vorruhestand aufgrund der restriktiven Regelungen und der Position im Lebenslauf nicht vorhanden. Es kommt zu einem Vakuum: Auf der einen Seite die Entlassung in die Modernität mit ihren Faustregeln, dagegen sind andererseits institutionelle Anreize in dieser Lebensphase kaum vorhanden. Vergangenheit mit den vielfachen sozialen Bindungen ist entwertet und auf die Zukunft kein Verlaß. Von den jüngeren Altersklassen haben die Vorruheständler nicht viel zu erwarten. Die Versorgungsleistungen bestehen aus knappen, mit niedrigen Kappungsgrenzen limitierten, Alimenten aus westdeutschen Rentenkassen. Das Recht auf Ruhestand ist nicht zu erkennen. Die Personen wechseln nicht in einen wohlverdienten Lebensabend, sondern blicken auf gescheiterte (im besten Fall offen gebliebene), weil an das untergegangene System gebundene, Biographien zurück und erleben einen doppelten Statusverlust: durch die Verrentung und eine übergestülpte Ordnung. Sich als Antwort


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auf Entstrukturierung und Kontingenz zu erinnern, ist schwierig, weil die vertrauten Institutionen zerstört wurden und die Betriebe und Institutionen häufig nicht mehr auffindbar sind. Und: Wer sich zurückwendet, setzt sich unweigerlich dem Verdacht der Nostalgie und Unverbesserlichkeit aus. Von den Vorruheständlern wird auch nichts mehr erwartet. Im Gefolge der Umstrukturierung, von der alle gesellschaftlichen Gruppen in Atem gehalten werden, verfällt durch die Entwertung von Lebensleistung, Erfahrung und Wissen ein gesellschaftliches Ordnungskonstrukt. Sie sind zwar Erfahrungsträger, ihre Erfahrungen aber werden nicht abgefragt. Die Kinder und Enkelkinder können sich kaum einen Rat holen für den Umgang mit den neuen Anforderungen. Die Vorruheständler fallen auf sich zurück. Sie sind im idealtypischen Ordnungsensemble der Gesellschaft nicht Kraft ihres Alters Vertragspartner im Generationenpakt, die sich Ansprüche erwarben, sondern denen alles abgesprochen wird, und die sich als ”Versorgungsklasse“ begreifen müssen. Sie sind ganz und gar keine Erblasser. Allenfalls ”negativ emanzipiert“, frei und mittellos. Es ist ein Seniorentypus entstanden, der durch politische Wertentscheidungen einen Versorgungsstatus erhielt. Gleichzeitig ist er mehrfach isoliert: ohne starke Bindung an die neue Gesellschaftsformation, ohne Einbindung in Vergesellschaftungskanäle. Es ist nicht die Gründergeneration der Gesellschaft, auch nicht die der Zukunftsgestalter, keine Erblasser und keine Erfahrungsträger. Sie sind ”alt“ ohne stabile Außenbindungen. Die Vorruheständler Ost sind der Typus des Alten an sich, ”ein absoluter und emanzipierter Alter, der nicht alt ist relativ zu Nachkommen, die er ermöglicht und geprägt hat, sondern alt ohne Außenbezug, alt in ganz eigensinniger Hinsicht, alt nur in Beziehung auf die Kurve der eigenen Biographie" (Sloterdijk 1994: 20). In dieser Konstellation der Verunsicherung und nachträglichen Entwertung von Sozialbeziehungen und Integrationsformen kommt dem Subjekt - paradoxerweise - eine Schlüsselstellung bei der Herstellung von Passungsverhältnissen zwischen den Lebensphasen und ihrer Sinnvermittlung des Übergangs zu. Es ist daher von Interesse, wie Individuen diese Anforderungen im Lebenslauf bewältigen, wie sie es schaffen, die verschiedenen, teilweise inkompatiblen ‘biographische Stränge’ und Sequenzen abzustimmen, wenn sich die Bedingungen schneller wandeln als die Subjekte. Modernisierung ist kein gleichmäßig verlaufender und allumfassender Prozeß. Die Herausforderung, seiner Umwelt reflexiv entgegenzutreten, bedeutet gerade für ältere Menschen, daß traditionale


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und moderne Strukturmustern mit unterschiedlichen Ausprägungen und Mischungsverhältnissen zusammenspielen. Es ist ein Prozeß, der sich altersgruppenspezifisch und regional unterschiedlich verteilt und nach Milieus zu unterscheiden ist (1990: 2). Für die Modernisierung im Osten schlägt zu Buche, daß neue Ungleichheiten Bedeutung erlangen und sich reproduzieren und wieder stärker ”quasi-askriptive Merkmale wie der Wohn- und Geburtsort, die regionale Herkunft sowie die jeweiligen Biographien - und zwar nicht nur als Berufs- und Ausbildungsbiographien, sondern auch als ‘politische Biographien’ - erheblich an Gewicht gewinnen werden“ (Berger 1990: 6f.). Die Fülle der Schwierigkeiten und Merkmale könnte auf breiter Linie in ”Bruchbiographien“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 13) münden, weil geforderte Planung in langen Fristen nicht mehr möglich ist. Die Rolle der Sozialpolitik ist, wie schon mehrfach angesprochen, widerspruchsvoll. Durch das Sozialsystem gelingt es zwar immer wieder, eine formale individuelle Grundsicherung zu garantieren, dennoch ist der Sozialstaat in modernen Gesellschaften keine externe Instanz. Der Sozialstaat mit seinen Institutionen ist struktureller Bestandteil der Gesellschaft mit der paradoxen Tendenz, bei der Abwehr von Wechselfällen des Erwerbslebens in der Industriegesellschaft seinerseits eigene, nichtintendierte Risiken hervorzurufen; und seien es ”nur“ solche, welche durch die wachsende Institutionenabhängigkeit der Individuen und die Segmentionen der Lebensläufe vorprogrammiert sind. Dahingehend ist dieser Ruhestand ein durch die Politik vermittelter Regelmechanismus für die langfristige Gestaltung von sozialen Austauschprozessen und andererseits ein zeitlich relativ variabel einsetzbares sozialpolitisches Instrumentarium nicht nur zur Regulierung von Arbeitsmarktproblemen, sondern darüber hinaus, wie am Prozeß der deutschen Vereinigung abzulesen ist, zur Gestaltung von gesellschaftlichem Umbau und Modernisierung. Kommt es zu gesellschaftlichen Veränderungen oder geschichtlichen Einschnitten, können aufgebaute Erwartungen und die Kontinuität des Lebenslaufs zerstört werden.<131> ”Ein Riß tut sich auf zwischen den Gesellschaftsbildern, die in Politik und Institutionen vorherrschen, und den Entwürfen, die aus Lebenslagen der um lebbare Formen ringenden Individuen entstehen.“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 31). Die Frühverrentung im Prozeß der deutschen Vereinigung kennzeichnet ein widersprüchlicher Charakter der Herauslösung und

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Einbindung, wobei noch nicht geklärt ist, ob sich die Einbindung für die betroffene Altersgruppe jemals vollziehen wird. Die massiven gesellschaftlichen Veränderungen sind für die Individuen ein ”Spiel um den ganzen Einsatz“. Der ”Ruf nach Verantwortung“ (F.X. Kaufmann) für Einschränkungen und Verlust<132> wird laut. Die Menschen registrieren plötzliche überbordende Defizite, Risiken und verpaßte Chancen. Als Angebot bleiben die neue Integrationskanäle: in diesem Fall der Vorruhestand mit seinen institutionellen Rahmenbedingungen. Die Einführung institutionalisierter Normen führen im Falle des verordneten Ruhestands nur formell zur Erwartungssicherung zukünftiger Lebensbedingungen. Die Kehrseite: Es offenbart sich im Vereinigungsprozeß eine starke kollektive Abhängigkeit großer Gruppen und Altersklassen der Gesellschaft von staatlichen Problemlösungsmustern. Schwierigkeiten ergeben sich, wenn kollektive Lösungen nicht mit den Vergesellschaftungsformen und Normalitätsauffassungen der Subjekte übereinstimmen. Die Konflikte müssen jedoch individuell ausgetragen werden, weil die Leistung dem einzelnen zugewiesen wird. Mit dem Vorruhestand, wie mit allen anderen sozialstaatlichen Instrumenten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, gelingt es nicht, die sich jetzt offenbarenden Defizite und Fehler des alten Systems zu kompensieren. Bestenfalls gelingt es mit den herkömmlichen Mustern, soziale Probleme zu kanalisieren. In diesem Fall wandeln die sozialstaatlichen Institutionen ihren Charakter. Sie legitimieren Transferleistungen, erweisen sich aber als inkompatibel mit den lebenszeitlich aufgebauten Erwartungen. Insofern werden für ganze Altersklassen soziale Wirklichkeiten geschaffen, die Attribute der gesellschaftlichen Isolation tragen. Dieses Merkmal scheint unvermeidbar, solange Modernisierungspolitik herkömmliche Institutionen unter sich wandelnden Bedingungen immer nur neu auflegt<133>. Dieser Modus der Problembearbeitung schafft durch Verunsicherung zunächst ”mehr Integrationsprobleme als er löst“ (Hondrich 1995: 514). Verordneter Ruhestand garantiert Problembewältigung, aber auch zur Erzeugung von Problemen, die auf die Individuen verlagert werden. Indem Probleme gelöst werden, Erwartungen stabilisiert wurden, treten neue Probleme, Abhängigkeiten und Ungleichheiten hervor oder sie reproduzieren sich.


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Durch die Segmentierung von Altersgruppen über sozialstaatliche Intervention verläuft der deutsche Vereinigungsprozeß altersgruppenspezifisch unterschiedlich. Bezogen auf die Biographien der vom Vorruhestand Betroffenen tritt an die Stelle der herkömmlichen Verkopplungsmodalitäten zwischen Arbeits- und Rentenperiode eine Entkopplung dieser Phasen mit neuen Alterskriterien. Die direkte Verbindung zwischen Arbeitsleben und Rente, das durch die Idee der sozialen Absicherung und der in der DDR institutionalisierten Form aufgebaute und transportierte Kontinuitätsparadigma ist aufgehoben. Die Zugangsweisen zur Rente laufen nicht mehr folgerichtig nach einem stabilen institutionalisierten Muster ab, sondern die Bedingungen dafür werden unter gesamtgesellschaftlichen Veränderungen politisch neu festgelegt. Spezielle Betreuungsleistungen seitens der Betriebe und Institutionen bis in die Lebensphase nach dem Erwerb hinein fallen weg. Es entkoppelt sich nicht nur das Verhältnis zwischen den Lebensphasen, sondern ein spezielles Verhältnis zwischen dem Lebenslauf und der Erwerbsarbeit.

Mit der deutschen Vereinigung erweisen sich Lebenswege für die Vorruheständler rückblickend als schwerwiegende Fehlentwicklung (Fehlkalkulation/Fehlschlag). Trotz der normierten integrativen Attribute - der Statuierung als ”Versorgungsklasse“ (Lepsius) - beherrschen Verunsicherungen und Ungewißheiten das Feld. Verordneter Ruhestand als Folge des Vereinigungsprozesses trägt für die Subjekte zum Teil schicksalhafte Merkmale, ”quer zur gegebenen konkret-individuellen Lage, quer zum besonderen eigenen Weg und über sozio-kulturelle Verankerungen hinweg“. Die betroffenen Menschen stehen diesen Vorgängen teilweise hilflos gegenüber und fühlen sich überfordert. Die Verantwortung ist nicht mehr zuzuordnen und fällt auf das Subjekt zurück. Die Adressaten des verordneten Ruhestands stehen vor der Aufgabe der Re-Definition ihrer Biographie, was schwer zu bewältigen, wenn nicht unmöglich ist (Hoerning 1995). Die Vorruheständler befinden sich beim ”Absturz in die Moderne“ (Wiesenthal) im Spannungsfeld eines erzwungenen Individualisierungsschubs, d. h. der Freisetzung aus herkömmlichen Bindungen und neuen Verregelungen und Normativen, in der der Spielraum, eigenständig zu agieren, minimal ist, da sie den Weg in den Ruhestand als einzige Option vorzeichnen.


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Daher soll abschließend dargestellt werden, welche biographischen Übergangsmuster sich aus der spezifischen Wahrnehmung des verordneten Ruhestands ergeben (Tabelle 2). Ich bin einleitend davon ausgegangen, daß sich innerhalb der aus der Draufsicht homogenen Übergangsbedingungen eine Palette vielschichtiger biographischer Übergangsmuster zu finden sind, die in unterschiedlicher Weise an die biographischen Verläufe anschließen und Aufschluß geben über die Wirkungen der Frühverrentungsmaßnahme im Vereinigungsprozeß. Welche biographischen Muster sind flexibel genug? Wie vermittelt sich Vergangenheit und Gegenwart für den einzelnen? Welche Bedingungen, Ressourcen, Entscheidungen der früheren Lebensgeschichte sind relevant? Vor dem Hintergrund des verordneten Ruhestands unterscheiden sich drei typische Handlungsmuster.

Im Typus Stetigkeit gelingt es, in Verpflichtung seiner Biographie entweder die bisherigen Aktivitäten modifiziert im Ruhestand weiterzuführen oder den Vorruhestand zum Anlaß zu nehmen, sich konsequent zurückzuziehen und das Feld den Nachkommenden zu überlassen. Der Bruch erweist sich als geradliniger Durchlauf vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Die institutionalisierten Bedingungen werden als Gelegenheit - und zwar während des gesamten Lebenslaufs - aufgegriffen. Hier verschränken sich lebenslang praktizierte Aktivität mit neuen situativen Herausforderungen. Bei allen Fallbeispielen und Untertypen wurde deutlich, daß sich trotz der von außen geordneten Konstellation Möglichkeiten und Wege bieten, noch einmal anzufangen und damit die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die nicht vertrauten institutionellen Regularien können akzeptiert werden, weil sie sich biographisch bearbeiten und funktionalisieren lassen. Damit treten zugleich Muster hervor, wie die ”Codes“ moderner Institutionen und institutioneller Steuerung in einer sich rasant verändernden Welt entziffert werden. Die neuen institutionellen Regelungen werden genutzt, indem die Rolle im bisherigen gesellschaftlichen System überdacht und indem mit der neuen Ordnung insgesamt abgerechnet wird. Es gelingt eine Grenzziehung und ein Oszillieren zwischen Politischem und Privatem. Der Ruhestand formiert sich als eigene Lebensphase. Der Ruhestand wird sozial konzipiert als abgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen, eine Konstruktion, die in der vorherigen Gesellschaft nicht möglich gewesen wäre. Die Neuordnung der Bindung an gesellschaftliche Strukturen kann jedoch nur unvollständig gelingen. Wehmut und Fremdheit bleiben trotzdem. Im Typus Stetigkeit gruppieren sich Typen, bei denen die berufliche Entwicklung bis 1989 in sich geschlossen und mehr oder weniger


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”vollendet“ ist. In allen Fallbeispielen zeigte sich, daß die höchsten beruflichen Positionen erreicht waren. Es kann festgehalten werden: Im Typus Stetigkeit wird das Dispositionsgeflecht der Biographie beibehalten und dem fremdbestimmten Abbruch modifizierte Tatformen entgegengesetzt. Das ist der Kristallisationspunkt der Typen Übertragung, Gelegenheit, und Rückzug. Sie münden im Typus Stetigkeit, der die straffe konsequente Realisierung der institutionellen Bedingungen vor dem Hintergrund des biographischen Dispositionsgeflechts verkörpert, ohne sich allerdings den Strukturen ”auszuliefern“. Ruhestand wird vor dem Hintergrund der eigenen Biographie und den gesellschaftlichen Veränderungen als eigenständige Lebensphase legitimiert und fungiert als institutionelle Entlastung.

Aufgrund des drohenden oder schon vollzogenen Zwangsruhestands entfaltet der Typus Umwege unter Nutzung der institutionellen Gegebenheiten Aktivitäten, um möglichst lange im Erwerb zu bleiben, den Übergang in den Ruhestand durch Aktivitäten zu verzögern. Es dominieren hypothetische Suchstrategien und Verzögerungen bei der Antizipation. Im Korridor des Übergangs wird die Legitimation des Ruhestands im Sich-Abarbeiten an den Strukturen - nach dem Schema Versuch-Irrtum - erst entwickelt. Der Ruhestand wird in einem mühsamen, psychisch und physisch aufwendigen Prozeß in die Biographie eingearbeit. Dieser Prozeß der Verzögerung benötigt Zeit.

Für den Typus Abbruch ist der Vorruhestand am krassesten Ausdruck dafür, daß Lebensläufe und die biographischen Schemata extern unterbrochen wurden und Anschlußmöglichkeiten (noch) nicht absehbar sind. Die Lebensperspektive war, bewußt oder unbewußt, besonders uneingeschränkt auf die DDR als Gesellschaftstyp und auf die institutionellen Gegebenheiten ausgerichtet. In diesem Typus kumulieren lebensphasenspezifische Ablösungsprobleme vom Erwerbsleben, ohne daß sich Anschlußmöglichkeiten abzeichnen. Das Tempo des Umbruchs war so hoch, daß es, im Gegensatz zu den anderen Typen, nicht gelungen ist, sich während der verschiedenen widersprüchlichen Gleichzeitigkeit der Brüche zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner selbst biographisch zu vergewissern. Vorruhestand wird hier vorderhand zum kognitiven Unsicherheitskonstrukt. Denkbar ist ein Festhalten an bisherigen Wahrnehmungen und Präferenzen. Die Bindung an die Biographie erweist sich als hinderlich für den Bewältigungsprozeß oder zögert diesen hinaus. Im Verlust-Typus kumulieren - anders als beim Stetigkeits- und Umwegetyp, die Attribute des verordneten Ruhestands


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und es gelingt nicht, der veränderten Umweltsituation personell etwas entgegenzusetzen, weder in Rekurs auf Ressourcen des Lebenslaufs und der Biographie noch durch Suchstrategien. Die institutionell vorgegebene Zeitstruktur durch die Vorruhestandsregelung kann nicht in die biographischen Zeitstrukturen übersetzt werden. Damit signalisiert der Abbruch das Beenden einer nicht vollendeten oder steckengebliebenen Entwicklung. Die Verantwortung, die sozialstaatliche Institutionen übernehmen und versprechen, wird in vollem Maße an die Individuen zurückgegeben, ohne daß sie diese wahrnehmen können. Vorruhestand verkörpert das ”Gnadengeschenk“ schlechthin. Man weiß sich nicht in die Gesellschaft einzuordnen und zur Gesellschaft in Beziehung zu setzen. Indem das Verhältnis zur Gesellschaft nicht neu konzipiert werden kann, stehen die Individuen in der neuen Zeit ”neben sich“. Elemente der Exklusion kommen zum Tragen, aber nicht de facto materiell, sondern weil eine wesentliche Vermittlungsebene zwischen Individuum und Gesellschaft, nämlich die Erwerbsarbeit, einen über Gebühr großen Stellenwert besaß und nicht ersetzt werden kann. Eine Rückbindung an die Gesellschaft durch die Institution Vorruhestand läuft ins Leere. Die Bewältigung des Übergangs wird für die Personen des Abbruchtyps zum andauernden Parforceritt in die neue Gesellschaft.

Tabelle 3: Übergangsmuster in den Vorruhestand

Typus des Übergangs in den Ruhestand

Fallbeispiel

Topos

Handlunssteuerung

extern intern

Zukunft

Stetigkeit

Übertragung

Herr Pries

”Ich bin froh, daß ich da weg bin.“

- +

Linear offensiv

Gelegenheit

Herr Land

”länger hätt ich sowieso nicht durchgehalten.“

+

Neue Balance

Rückzug

Frau Woy

Herr Mady

”Man kann sich nur für eine Sache im Leben richtig einsetzen.“

- +

Linear defensiv


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Umwege

Temporäre Aktivität

Frau Fuhrmann

Frau Hellmig

”Das kann’s doch noch nicht gewesen sein.“

+ +

Nachträgliche

Stabilisierung

Verzögerung

Herr Leitz

”Nach anderthalb Jahren kann ick sagen, rutscht mir mal den Buckel runter.“

+ +

Nachträgliche

Stabilisierung

Einkehr

Frau Kasberg

”Ich hab anfangs sehr gelitten.“

+ +

Rekursive

Stabilisierung

Abbruch

Externer Abbruch

Frau Krell

”Ich will wissen wieweit kannst du noch was oder bist du jetzt vollkommen altes Eisen.“

+ -

Suche

Hinnahme

Frau Schreiber

”Wir können froh sein, daß wir abgesichert sind.“

+ -

Fügung

Verlust

Herr/Frau X.

”Wir sind die Betrogenen.“

+ -

Orientie-

Rungslosigkeit

Handlungsmuster im Übergang ergeben sich aus dem sich ”Abarbeiten“ der konkreten Normierungen des Übertritts in den Ruhestand. Spuren von Lebensgeschichten können in Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umbruch erst in einem längeren Prozeß modifiziert weiterverfolgt werden oder aber ins Leere laufen. Ressourcen liegen eher in langfristigen biographischen Prozessen. Das funktioniert nur, wenn Menschen unterhalb und neben den Regeln Potentiale und Ressourcen mobilisieren. Freiheitsgrade müssen sich bei unfreiwillig verrenteten Menschen erst in einem Prozeß der Auseinandersetzung mit diesem Vorgang herausbilden. Das wird nicht in jedem Fall - oder erst über einen längeren Zeitraum - gelingen. Unter solchen Umständen ist ”die Empörung über die Verletzung der Herkunftsidentitäten (ist) in der Regel heftiger als die über die Verletzung von Interessen“ (Hondrich 1995: 512). Damit wird nicht die Institution Ruhestand angezweifelt, sondern lediglich die Bedingungen, die dazu führten. Der Sozialstaat mit seinen Instrumentarien schafft lediglich ein definiertes Feld von Rahmenbedingungen für jeweilige Problem- und Altersgruppen. Durch die Kriterien des


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verordneten Ruhestand hindurch greifen, mehr oder minder stark vermittelt, die verschiedenartigen Muster biographischer Entwicklungen. Diese Muster ergeben sich aus dem Zusammenspiel objektiver Bedingungen, biographischer Verlaufsformen und im Wahrnehmen und Deuten der institutionalisierten Übergangsbedingungen. Erworbene Handlungsmuster stehen der aktuellen Situation nach und passen sich erst langsam den neuen Erfordernissen an, ohne daß sie ganz aufgegeben werden (Bourdieu 1979). Das Verhalten in der Übergangszeit ist ganz abgestellt auf die Verarbeitung der Situation. Dabei sind Beharrungstendenzen zu beobachten, sogenannte Hysteresis-Effekte, die, in Auseinandersetzung mit den institutionellen Bedingungen, die Einordnung in den neuen sozialen Raum befördern oder Skepsis und Zurückhaltung nach sich ziehen. Die Umbruchsituation kann so zur Herausforderung werden oder in eine Sinnkrise führen. Teilweise trägt der Prozeß Merkmale primärer Sozialisation (Hoerning 1995).

Die Umgangsweisen der Subjekte mit dem Vorruhestand folgen einer eigenen Logik. Für den Prozeß der deutschen Vereinigung läßt sich sagen, daß die Dauer der kollektiven Einbindung in das DDR-System den aktuellen Deutungs- und Handlungsspielraum strukturieren. Darin spiegelt sich weniger eine normative rückwärtsgewandte DDR-Nostalgie, sondern eine Zukunftsorientierung, die strukturiert ist von bisher eingelebten Sozialbeziehungen und Normalitätsvorstellungen. Dies trifft um so mehr für die erwerbsfreie Zeit zu, in der die gesellschaftlichen Anreize gering sind. Erschwerend kommt hinzu, daß es sich bei der Ruhestandsphase um einen sozialen Raum handelt, auf den nur schwache institutionelle Anreize seitens der Gesellschaft wirken. Da der verordnete Ruhestand die Menschen von ihren eingelebten Intregrationsformen trennt, Erwartungen über den Charakter des Umbruchs enttäuscht werden und die Übergangssituation unübersichtlich war, kann die aktuelle Situation meist nur hypothetisch entschlüsselt werden. Neue Ansätze sind (noch) nicht vorhanden. Lösungsmöglichkeiten und Anpassungsmuster ergeben sich aus situativen Erfordernissen und verlangen Flexibilität und Kompetenz bei der Chancenwahrnehmung innerhalb institutioneller Eckwerte (Czada 1994: 251). Die Ausprägung von Flexibilität wird durch die eingrenzenden Eckwerte und das Alter behindert. Aus den Konstellation des verordneten Ruhestands folgt nicht notgedrungen, daß die Bewältigung des Übergangs mißlingen muß. Immerhin bietet der verordnete Ruhestand die Möglichkeiten eigenständiger Lebensführung. Er entlastet nicht nur teilweise von schlechten Arbeitsbedingungen und körperlichen Beschwerden, sondern auch von neuen Anforderungen und von Mobilitätsdruck


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als Folge des neuen Wirtschaftssystems. Damit können sich mittelfristig Chancen für die Betroffenen ausprägen. Spuren dessen sind, wie gezeigt, in unterschiedlicher Ausprägung sichtbar. Es wird somit darauf verwiesen, daß der Institutionentransfer und seine Intentionalität Gegenbewegungen und Eigendynamiken auslöst, die diesen Transfer nicht in Frage stellen oder gar verhindern wollen, sondern zum Prozeß gehören und die soziale Seite dieses Vorgangs widerspiegeln. Die Untersuchung längerfristiger Bewältigungsformen bleibt weiteren Studien vorbehalten.

Die Leistungsfähigkeit von Sozialpolitik kann nicht ausschließlich danach beurteilt werden, ob und wie hoch die Lohnersatzleistung nach dem freiwilligen oder unfreiwilligen Ausstieg aus dem Erwerbsleben ist. Erwartungssicherheit und soziale Sicherheit beim Übergang in den Ruhestand reduzieren sich nicht auf die Stabilität der materiellen Lebensbedingungen. Ein weiteres Merkmal ist, inwiefern biographische Verlaufsformen und Kontinuität aufrechterhalten werden können. Hier müßte Sozialpolitik ansetzen, wenn sie sich die Aufgabe stellt, gesellschaftliche Entwicklung zu begleiten und zu gestalten. Dazu gehören institutionelle Anreizstrukturen, die über das Erwerbsleben hinaus kaum bestehen, aber notwendig sind, um biographische Projekte fortzuführen und eine Beteiligung am sozialen Leben möglich zu machen (Kohli 1992). Bisher zeichnet sich ob der starren Gegebenheiten sozialer Wandel kaum ab. Diese Tatsache verweist auf die Widersprüche, Eigengesetzlichkeiten und Grenzen sozialstaatlicher Eingriffe im deutschen Vereinigungsprozeß und für die Modernisierungspolitik insgesamt. Institutionentransfer im Zuge der Einigung stellt zwar eine Einheit institutioneller Regeln her, erzeugt und verstärkt zugleich aber eine Differenz der Mentalitäten.

Der Modus des deutschen Vereinigungsprozesses läßt das Konzept des Wohlfahrtsstaates in einem anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, daß ein starres Schema immer besserer Absicherung aller Gesellschaftsmitglieder nicht garantiert werden kann. Hier drückt sich nicht nur die Eigengesetzlichkeit des Institutionentransfers aus, sondern die Institutionen selbst stehen auf dem Prüfstand, nicht um sie abzuschaffen, sondern den Erfordernissen anzupassen. Schwierigkeiten sind keine Übergangsprobleme, sondern Komponenten neuer gesellschaftlicher Anforderungen. Das sind die Anhaltspunkte für Veränderungen, die auf die Bundesrepublik West zurückfallen könnten, obwohl der verordnete Ruhestand ein örtlich und zeitlich begrenztes soziales Phänomen beschreibt. Gerade hinter der räumlichen und zeitlichen Begrenzung und Phasenhaftigkeit sowie


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einer Generations- und Altersgruppenspezifik scheint sich eine neue Facette sozialstaatlicher Probleme und ihrer politischen Bearbeitung zu verbergen.

Unübersehbar, daß Probleme des Wohlfahrsstaates im Zuge fortschreitender Modernisierung von den Menschen Anstrengungen, Neuarrangements und Verantwortung verlangen.


Fußnoten:
<128>

”Nur in der Gegenwart kann man hoffen, daß das Leben noch nicht an einem vorbeigerauscht, die Konkurrenten noch nicht enteilt und noch nicht alles ‘zu spät’ ist. Daß also die Umwelt nicht bereits unwiderruflich geschädigt und das Leben noch nicht definitiv festgeschrieben, als schon vergangen gelten muß. So bleibt nur die Gegenwart und das Interesse am Gegenwärtigen und läßt sich dabei nur vordergründig mit Hedonismus und Postmaterialismus deuten.“ (Brose u.a. 1993: 16).

<129>

Axel Honneth bemerkt einen Zusammenhang zwischen der Stabilität gesellschaftlicher Ordnung und dem Bezug zu einer gemeinsamen Geschichte und Zukunft. Hinter der abnehmenden sinnstiftenden und normativen Kraft gesellschaftlicher Verhältnisse liegt die Zerstörung von narrativ verfaßten, kontextübergreifenden Überlieferungen, ”in denen sich die Mitglieder eines Gemeinwesens in ihrer Gegenwart noch kommunikativ auf eine gemeinsame Vergangenheit und eine entsprechende konstruierte Zukunft hin verständigen konnten“ (Honneth 1990: 670).

<130>

In Zusammenhang mit dem Vorruhestand wird oft der Terminus vom Zwang zur Frühverrentung gebraucht. Abram de Swaan (1993) ist der Meinung, daß demonstrativer staatlicher Druck in Krisensituationen ”offenbar mit Demokratie nicht bloß vereinbar“, sondern Beständigkeit sichert - ”gegen externe Bedrohung ebenso wie gegen interne Unzufriedenheit“ (de Swaan 1993: 247).

<131>

Oder anders ausgedrückt: durch ”Institutionenabhängigkeit wächst die Krisenanfälligkeit der entstehenden Individuallagen“ (Beck 1986: 214).

<132>

”Verantwortung ... resultiert aus einer Kette von Inanspruchnahmen, Festlegungen und Erwartungen, an deren Polen zum einen ‘Selbstverpflichtung’, im Sinne von frei erklärter persönlicher Zuständigkeit, zum anderen ‘Inpflichtnahme’ durch das Kollektiv, im Sinne z.B. von rechtlich geregelter, bindender ‘Haftpflicht’ stehen“ (Lipp 1995: 186)

<133>

Es ist zu vermuten, daß es sich hierbei gleichzeitig um eine ”Stärke“ sozialstaatlicher Institutionen handelt. Ruhestand erweist sich als elastische und stabile Institution.


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