| Okoliyski, Alexandrov: BEDINGUNGEN DER AIDS-PRÄVENTION IN BULGARIEN Eine vergleichende Untersuchung der soziokulturellen Voraussetzungen für Präventionskampagnen in Bulgarien und Deutschland |
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Durch den politischen Umbruch in Bulgarien hatte man die seltene Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen makrostrukturellen Änderungen einer Gesellschaft und der Entwicklung der Sphäre der Sexualität in der bulgarischen Bevölkerung zu erforschen. So wurden die Bulgaren seit der Auflösung des kommunistischen Blocks nicht nur mit neuen sozialen Tendenzen und demokratischen Werten konfrontiert, sondern auch vor große globale Probleme gestellt. Wo vor der Wende ein großer Nachholbedarf hinsichtlich bestimmter sexueller Aktivitäten (Pornoindustrie- und Prostitutionsangebote, sexuelle Freiheiten und Präferenzen etc.) existierte, führte die Zunahme und das Neuerscheinen verschiedener Formen von Sexualitätsbefriedigung, die Modernisierung der Gesellschaft und die Öffnung zu den westlichen Ländern u.a. zu großen Risiken hinsichtlich einer möglichen STD- bzw. HIV-Infektion. Angesichts der Marktlücke der Angebote im Bereich der Sexualität versuchten viele Unternehmer diese Lücke mit allen Mitteln zu füllen. Damit wurde der Markt überfüllt, ohne daß man überhaupt an eine Aufklärung bezüglich der Risiken, die eine größere sexuelle Freiheit mit sich bringen kann, nachdachte. Diese Umstände bestätigen noch mal die von uns vermutete Tabuisierung der Sexualität in der bulgarischen Gesellschaft, nämlich daß einerseits der Markt im Bereich der Lust und der Sexualität gut gefüllt ist, andererseits aber keine spezielle Literatur zum Thema veröffentlicht wurde, sowie keine Beratung oder andere unterstützende Maßnahmen in diesem Bereich angeboten wurden. So waren und sind die sexuell aktive Bulgaren, was die sexuelle Gesundheit betrifft, sich selbst überlassen. Wie aber die Studie von Georgieva (1991) zeigt, neigen die meisten Bulgaren nicht zum Perspektivdenken: Auf die Frage Wann beschäftigen Sie sich mehr mit Ihrem Gesundheitszustand: Wenn Sie gesund oder wenn Sie krank sind?, antworten 47,9% der Befragten: Wenn ich ihn verliere. Diese Denkrichtung erschwert die Gesundheitsprävention im Lande ungemein.
In dieser komplizierten Situation haben wir durch unsere Untersuchung versucht, Anhaltspunkte für eine erfolgreiche STD- und AIDS-Prävention zu finden.
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Wenn ich an die Entwicklung der AIDS-Gefahr in Zentral- und Osteuropa denke, bin ich über den Stand der AIDS-Epidemie dort besorgt. Die epidemiologische Realität ist nicht stabil. Dort gelten die gleichen Infektionsmöglichkeiten, wie im Westen, aber in Gesundheitseinrichtungen und ähnlichen Institutionen entstehen zusätzlich Infektionsgefahren. Angesichts der wachsenden Mängel an medizinischer Versorgung wird die nötige epidemiologische Kontrolle komplizierter. Die ökonomische Krise und die wachsende Arbeitslosigkeit, die ethnischen und religiösen Konflikte, die Bevölkerungsmigration, das schon verarmte Gesundheitsförderungssystem - alle diese Faktoren vermindern die Möglichkeiten zur effektiven AIDS-Prävention. Gleichzeitig bewirken diese Umwandlungen der Gesellschaft Veränderungen im Verhalten der Menschen, die eine Verbreitung der HIV-Infektion erleichtern. Familien gehen auseinander, die Drogenabhängigkeit und die Prostitution nehmen zu. Sogar die von allen erwarteten Veränderungen, die mit dem Ende des kalten Krieges zustande kamen, z.B. die Freiheit zu reisen und die Liberalisierung der Kultur, haben zu der Entwicklung der HIV-Epidemie beigetragen. Ich bin besonders besorgt über die Intoleranz gegenüber Menschen, die wegen ihrer Rasse, Religion oder sexuellen Orientierung, sogar nur weil sie krank oder behindert sind, als anders verstanden werden. Wir wissen sehr gut, wie solche schuldigen Opfer zur Entwicklung der Epidemie beitragen.
Dr. M. Merson
Leiter des AIDS-Globalprogramms der WHO<20>
Das große Problem, was Bulgarien und im Prinzip alle osteuropäischen Länder betrifft, ist, auch nach der Meinung von Dr. Merson, ob das HI-Virus in den Bedingungen der sozialen Liberalisierung und der wachsenden internationalen Mobilität nach dem politischen Wechsel des alten totalitaristischen Regimes, weiter kontrolliert werden kann. Die vorsichtige Antwort seitens der WHO war: Ja, das ist möglich - theoretisch. Die Experten der WHO waren der Ansicht, daß die Epidemie in Osteuropa und in den ehemaligen Sowjetstaaten etwa 5 Jahre später auftreten würde. Also hatte man Zeit, eine effektive Präventionskampagne vorzubereiten. So hofften sie, Osteuropa könne das einzige Gebiet in der Welt ohne AIDS-Epidemie bleiben.
Das waren die Ergebnisse der Konferenz von Riga im April 1993. Das von der WHO vorgeschlagene Präventionsvorhaben sollte für 3 Jahre 555 Mio. US-Dollar kosten, wobei 40% des Geldes für Verteilung von Kondomen vorgeplant waren. Woher das Geld kommen sollte war ungewiß.
Die optimistischen Prognosen der WHO-Experten haben sich leider nicht bestätigt. Die HIV-Infektion breitet sich heute mit großen Schritten in allen Ostländern weiter aus; das Geld zur Prävention fehlt, und es gibt kaum gut ausgebildete Spezialisten, da es keine spezielle Lehr- oder Qualifizierungsangebote gibt, die an den Präventionsprogrammen arbeiten könnten.
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Die Infektionswege in diesen Ländern sind anders als im Westen, obwohl die statistischen Daten zur Verbreitung der HIV-Infektion nicht ganz repräsentativ sind. In der Tschechei und in der Slowakei haben sich ca. 2/3 der HIV-Positiven durch homosexuelle Kontakte infiziert. In Bulgarien (im folgenden näher beschrieben) haben sich 75% der Betroffenen beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr infiziert. In Polen haben sich 40% der 160 AIDS-Kranken und 70% der 2700 HIV-Positiven (Stand der Daten -1993) infolge gemeinsamer Benutzung des gleichen Spritzbestecks, beim intravenösen Drogengebrauch infiziert. In Rumänien sind 2/3 der 2400 Infizierten und AIDS-Kranken Kinder, die bei medizinischen Interventionen infiziert worden sind.Alle Epidemiologen sind sich einig: Wenn weiterhin gut koordinierte Maßnahmen fehlen, ist eine Ausbreitung von AIDS in epidemiologischem Ausmaß nur eine Frage der Zeit.
In den Ostländern gibt es auch andere Probleme, die der Westen nicht kennt. So waren in Polen unter dem religiösen Einfluß der katholischen Kirche einige Präventionsbemühungen (Kondome) gescheitert. Dieser Umstand bestätigt die Tabuisierung des Redens über Sexualität in manchen europäischen Länder. Trotzdem bleibt das Hauptproblem der Geldmangel, und keine finanzielle Unterstützung ist in Sicht. Deshalb sind die individuellen Bemühungen und das persönliche Engagement von entscheidender Bedeutung. Die Chance, so Dr. Hallauer, WHO-Koordinator für das AIDS-Globalprogramm in Copenhagen, ist noch nicht vertan, aber die Uhr tickt.
1985
Mit der Zustimmung von Dr. Gallo wird in Bulgarien zum ersten Mal eine menschliche Probe untersucht, die chronisch infiziert ist und HIV-1 Antikörper enthält. Es werden einige Hämophiliker und bulgarische Blutpräparate getestet.
Ende des Jahres 1985 wurde das erste AIDS-Nationalprogramm verabschiedet (vgl. AIDS-Nationalprogramm der Bulgarischen Republik, 1985). Seine Vorgehensweise basierte auf der Überzeugung, daß bei einer Epidemie 3 Faktoren wichtig sind:
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Diese Maßnahmen, die in Bulgarien und in anderen Ländern praktiziert wurden, könnten geeignet sein bei einer Epidemie, die bei schlechter kommunaler Hygiene entstanden ist und die praktisch unabhängig von den Gewohnheiten und vom Verhalten eines bestimmten Individuums ist. Solche Herangehensweisen sind aber unmöglich bei der Bekämpfung von AIDS und anderer Geschlechtskrankheiten. Dieses Programm hatte das Ziel, aktiv HIV-Infizierte aufzusuchen, statt aktiv eine Präventionskampagne zu starten, aktives Testen aller Risikogruppen, Aufsuchen der Kontaktpersonen der HIV-Infizierten, völlige Unverantwortlichkeit gegenüber der sexuellen Gesundheit des Individuums, Schaffung vieler unadäquater Labors, Tests, Ausbildung von Personal, Ausgabe von Mitteln dafür usw. Bei solchen Maßnahmen war auch die Gesellschaft nicht gerade tolerant zu den HIV-Infizierten. Es fehlten (und fehlen immer noch) Verständnis und Akzeptanz von Gewohnheiten, die anders sind als die eigenen. So kämpfte die ganze Gesellschaft nicht gegen die AIDS-Ausbreitung, sondern gegen den HIV-infizierten Menschen.1986
Es werden Spezialisten von dem Institut für Hygiene und Epidemiologie ausgebildet. Ihnen wird der Umgang mit dem HIV-Antikörpertest ELISA vermittelt, der von der italienischen Firma SORIN BIOMEDIK gekauft wurde. Es werden weiterhin Hämophiliker getestet, dazu kommt jetzt auch das unfreiwillige Testen von Prostituierten, Männer mit homosexuellem Verhalten, Drogengebrauchern, allen Ausländern (Touristen, Durchreisende) usw.
1987
1988
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1989
In der Periode von 1985 bis 1989 hat man also nur unfreiwillige HIV-Tests durchgeführt, die das intime Privatleben und die persönliche Freiheit verletzten. Eine freiwillige Basis konnte man sich nicht vorstellen. Nach den Stellungnahmen ausländischer Experten und nach Warnungen aus dem eigenen Lande sind Massen-HIV-Tests absolut uneffektiv. Man hat das aber überhaupt nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse dieser Tests zeigten die Uneffektivität solcher Vorgehensweisen: bei diesen 400 000 Personen, im Alter zwischen 16 und 70 Jahren, hat man 4 Neuinfektionen gefunden. Wenn man die Kosten für die Massentests mit den Ergebnissen vergleicht (damals kostete ein HIV-Test 1 US-Dollar) wird klar, daß die Regierung für die Feststellung einer Neuinfektion den Preis von 100 000 Dollar ausgegeben hat.
1990
Nach der Wende mußte man die Anti-AIDS-Kampagne praktisch neu starten, und so wurde mit der Unterstützung von Experten aus der Europäischen Abteilung der WHO das erste Anti-AIDS-Programm für ein Jahr - bis Ende 1989 vorbereitet (Short-term Plan for Prevention of Aids in Bulgaria). Dieses Programm wurde teilweise aus WHO-Mitteln finanziert.
1991
1992
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Vom 20. bis 31. Juli 1995, hat man, dem Vorschlag der Bulgarischen Regierung folgend und mit Hilfe der Europäischen Regionalabteilung der WHO in Sofia, eine Stellungnahme zu der Wirksamkeit des Anti-AIDS-Nationalprogramms (AANP) bis zum Jahre 1994 vorgenommen. Das Ziel dieser Stellungnahme, die von einem Team bulgarischer und ausländischer Experten durchgeführt wurde, war Möglichkeiten und Wege zur Verbesserung der Effektivität der Planung der zukünftigen Arbeit im AIDS-Bereich in Bulgarien zu finden.
Die Ergebnisse dieser Analyse werde ich mit meinen persönlichen Erfahrungen mit der AIDS-Problematik vergleichen.
Die Methode der Analyse wird auf der Anleitung zur Durchführung und Relevanz-bestimmung von Datenexpertisen (Protokolle, Arbeitsprogramme) basieren.
Zielgruppe: Die breite Öffentlichkeit
Die Deutsche AIDS-Hilfe, Dachorganisation der selbständigen regionalen AIDS-Hilfen der Bundesrepublik, veröffentlichte 1988 ein Flugblatt mit zwei Möglichkeiten, AIDS zu buchstabieren. Die erste Alternative hatte folgendes Aussehen: A stand für Angst, I für Intoleranz, D für Diskriminierung und S für Strafe (DAH 1988). Von diesen Verzerrungen und Ausgrenzungen sind viele Jugendliche und Erwachsene beherrscht. Die von Schrecken geprägten AIDS-Inszenierungen haben bei einer großen Zahl Menschen zu einer Mischung aus Unsicherheit und Verdrängung, aus Angst und Hysterie über ihre tatsächlichen Infektionsrisiken geführt. Die Unsicherheit hat aber auch große Berührungsängste ausgelöst. Intoleranz, Diskriminierung und Strafwünsche werden auf Homosexuelle und Drogengebraucher gerichtet.
Erfolgreich kann AIDS nur bekämpft werden, wenn Menschen sich sachlich informieren können, wenn Menschen ihr Handeln selbst bestimmen können, wenn Menschen wissen, daß ihr Lebensstiel akzeptiert wird, wenn sich Menschen offen dazu bekennen können, schwul zu leben, Drogen zu spritzen, HIV oder AIDS zu haben (vgl. DAH 1988). In Sachen AIDS ist das öffentliche Bewußtsein neu zu verpflichten: auf A für Akzeptanz, I für Individualität, D für Demokratie und S für Solidarität.
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Eine Verhaltensbeeinflussung für potentiell riskante Situationen, verbunden mit entsprechender Einstellungsänderung, benötigt einen strukturellen Rahmen, der offensiv über die bislang gängigen Safer-Sex-Broschüren und Fernsehspots für Treue, Kondombenutzung und Drogenabstinenz hinausgeht. Hier sind Politik und Gesellschaft aufgefordert, Möglichkeiten für eine wirksame AIDS-Prävention zu gewährleisten. Dabei müssen die Safer Sex-Leitlinien nicht als Regeln, Gebote oder Verbote, sondern als Hinweise oder Hilfen für eigenverantwortliche Entscheidungen verstanden werden. In diesem Sinne sind gewisse Spielräume notwendig und eine für alle gültige Präzision sollte nicht angestrebt werden (vgl. Haeberle, 1989).Diskrepanzen zwischen heute kursierenden Safer Sex-Leitlinien in verschiedenen Ländern ergeben sich aus:
In den bulgarischen Massenmedien hat man eine breite Strategie zu verwirklichen versucht, regelmäßige und koordinierte Kooperationen mit AIDS-Experten zu ermöglichen, damit die Berichte sachlich und kompetent werden, was bisher nicht gelungen ist.
Das größte Problem des Gesundheitsministeriums ist finanzieller Art. Hier liegt der Grund für das Fehlen von Info-Blättern und Broschüren. Am AANP nimmt keine andere Organisation teil. Das bereitet den Experten große Probleme bei der Weitergabe der Informationen und des Wissens außerhalb Sofia. Die Versuche, eine Hotline für AIDS-Probleme zu errichten, sind bisher am Mangel der freiwilligen Unterstützung gescheitert.
Zielgruppe: Die Jugend
Obwohl rein statistisch Jugendliche von einer HIV-Infektion und einer AIDS-Erkrankung relativ wenig betroffen sind, ist eine jugendspezifische AIDS-Prävention sehr wichtig, weil die Merkmale der Lebensphase Jugend sie zu einer besonderen Zielgruppe mit Risikoverhalten machen.
Die Gründe hierfür sind darin zu suchen, daß Jugendliche
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Individuation kennzeichnet die zentralen Entwicklungsziele im Jugendalter, mit deren Erreichen in psychosozialer Hinsicht die Voraussetzungen für ein autonomes und verantwortliches Erwachsenenleben geschaffen werden. Der Umgang mit Sexualität ist ein wesentliches und zentrales Moment beim Aufbau einer autonomen Persönlichkeit. Die Art und Weise, in der Jugendliche ihre pubertäre Entwicklung bewältigt haben, die Akzeptanz der eigenen sexuellen Bedürfnisse, das Ausmaß geschlechtsheterogener sozialer Kontakte, die Entwicklung einer geschlechtlichen Identität, die Empfindung der eigenen Körperlichkeit - all dies sind Faktoren, welche die Einbindung von jungen Menschen in soziale Beziehungen und die Entwicklung von Selbstkonzepten und Selbstbewußtsein beeinflussen können (vgl. Schäfers, 1992; Neubauer, 1990).In Bulgarien wurde bisher nur eine repräsentative Untersuchung zum Sexualverhalten der Bevölkerung im Februar 1996 durchgeführt. Es handelt sich um ein Projekt zum Thema
Reproduktionsverhalten und Familienplanung, im Auftrag des Bulgarischen Gesundheitsministeriums<21>. Die Untersuchung wurde durch Finanzen vom Europrogramm PHARE ermöglicht.
Die Experten vermuten, daß das Infektionsrisiko bei Jugendlichen ähnlich verteilt ist wie in der Gesamtbevölkerung.
Zum Zeitpunkt der Untersuchung hatten 7-8% der Bevölkerung im Reproduktionsalter (von 15 bis 49 Jahren) noch kein Geschlechtsverkehr. Von ihnen sind 79% unter 19 Jahre alt.
Bis zur Vollendung des 16. Lebensjahrs hatten 17% der Mädchen und 29% der Jungen schon Geschlechtsverkehr gehabt (das niedrigste registrierte Alter ist 11)-Diagramm 2:
Diagramm 1: Alter beim ersten Sexualkontakt (Prozentuell nach dem Geschlecht):

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Die untere Grenze für den Anfang des Geschlechtsverkehrs sinkt mit hohem Tempo. Die heutige bulgarische Jugend fängt mit dem Sexualleben immer häufiger vor der Vollendung des 16. Lebensjahrs an. Nur vor fünf Jahren war der Anteil dieser Mädchen und Jungen halb so groß. Diese Tendenz wird belegt durch die folgende Tabelle (Tabelle 4):
Tabelle 4: Alter beim ersten Sexualkontakt mit einem/r Partner/in (nach dem aktuellen Alter heute)
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Alter beim ersten Sexualkontakt _______________ Alter heute |
Bis 16 J. |
17 - 18 J. |
19 -20 J. |
21 - 24 J. |
25 -29 J. |
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15 - 19 J. |
38 |
17 |
0 |
0 |
0 |
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20 - 24 J. |
23 |
46 |
20 |
3 |
0 |
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25 - 29 J. |
18 |
41 |
28 |
10 |
0 |
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30 - 39 J. |
16 |
38 |
32 |
12 |
2 |
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40 - 49 J. |
11 |
28 |
39 |
17 |
3 |
Ein äußerst wichtiger Faktor für den Anfangszeitpunkt des Sexuallebens ist die ethnische Zugehörigkeit. Die Roma und Sinti liegen an der Spitze - 58% von ihnen beginnen vor dem 16. Lebensjahr mit den partnerschaftlichen Sexualkontakten (Diagramm 2):
Diagramm 2: Alter beim ersten Sexualkontakt (nach der ethnischen Zugehörigkeit).

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Dabei haben beim ersten Geschlechtsverkehr nur 15 % der Jungen und 7% der Mädchen ein Kondom benutzt. Es wird ersichtlich, daß die Mädchen nicht die Meinung vertreten, daß man beim ersten Mal ein Kondom benutzen kann und muß und keine Initiative zeigen, ihren Sexualpartner davon zu überzeugen. Hier spielen emotionale Faktoren eine Rolle, aber auch die Unkenntnis an Präventionsmöglichkeiten sowie die sozialpsychologischen Barrieren, diese Fragen mit dem Sexualpartner, noch am Anfang des Sexuallebens zu besprechen. 2 - 4% der Jugendlichen haben keine Schutzvorkehrungen oder -praktiken beim ersten Sexualkontakt in Anspruch genommen, weil sie keine Möglichkeit dazu hatten. Wahrscheinlich liegen die Gründe zu einem Teil dieser Fälle in vom Partner ausgeübter sexueller Gewalt oder in der Unmöglichkeit, an Kontrazeptiva heranzukommen.Insgesamt 60% der Jugendlichen haben überhaupt keine Schutzmöglichkeiten vor einer ungewünschten Schwangerschaft/Geschlechtskrankheit (AIDS) in Anspruch genommen (Diagramm 3):
Diagramm 3: Haben Sie Schutzvorkehrungen gegen eine unerwünschte Schwangerschaft/Geschlechtskrankheit (AIDS) in Anspruch genommen?

Ersichtlich wird, daß die jungen Mädchen viel unerfahrener und unvorsichtiger sind als die Jungen. Im Alter zwischen 19 und 20 Jahren zeigen die Mädchen und Jungen ein ähnliches Verhältnis zu Kontrazeptiva. Mit dem Fortschreiten des Alters überholen die Frauen die Männer bei der Kontrazeptivabenutzung, da sie weniger geneigt sind, eine unerwünschte Schwangerschaft oder eine Geschlechtskrankheit zu riskieren (Diagramm 4):
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Diagramm 4: Im welchen Alter haben Sie zum ersten Mal Schutzvorkehrungen gegen eine unerwünschte Schwangerschaft/Geschlechtskrankheit (AIDS) angewandt?

Dieses Bild zeigt, daß die Benutzung von Kondomen und anderen kontrazeptischen Mitteln eher Ausnahme als Regel ist. Die Mehrheit der Jugendlichen (80%) hat beim ersten Mal kein Kondom benutzt. Ein Teil von ihnen probiert Kondome nach einigen Jahren sexueller Erfahrung.
Aus diesen Gründen ist der Anfang des Sexuallebens ein großer Risikofaktor für die Gesundheit und die emotionale Reife der Jugend.
Interessante Einzelheiten aus dem Leben der deutschen Jugendlichen haben die Sexualforscher Gunter Schmidt und Uta Zeizschel sowie der Psychologe Dietrich Klusmann herausgefunden. Sie untersuchten die Veränderung der Jugendsexualität zwischen 1970 und 1990. Dazu wurden mit Jugendlichen vor zwanzig Jahren und im Jahr 1990 Interviews durchgeführt. Die Jugendlichen kamen aus Großstädten und waren 16 bis 17 Jahre alt.
1990 hatte ein Drittel der 16- bis 17jährigen schon einmal Geschlechtsverkehr gehabt, und drei Fünftel hatten Erfahrungen mit Petting. Dieses Ergebnis unterscheidet sich nicht von der Befragung, die 20. Jahre früher durchgeführt wurde. Deutlich weniger Jungen als noch 1970 gaben allerdings heute an, homosexuelle Kontakte gehabt zu haben (Diagramm 5).
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Diagramm 5: Sexuelle Erfahrungen

Die Wissenschaftler bezeichnen daher das homosexuelle Verhalten als eine verschwindende Verhaltensform. Sie machen die größere gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen für diese deutliche Abnahme verantwortlich - die offene und liberalere Haltung zum homosexuellen Verhalten und die höhere Präsenz von Schwulen in der Öffentlichkeit hat dazu geführt, daß Jungen ihre Erlebnisse nicht einfach als Masturbation unter Kameraden, sondern als schwul wahrnehmen würden - was sie so beunruhigt, daß sie auf diese Erfahrungen verzichten. Die Forscher halten es für möglich, daß die Verknüpfung von AIDS-Gefahr und homosexuellem Verhalten diesen Effekt noch verstärkt hat (Diagramm 6).
Diagramm 6: Haben sie den Eindruck, daß die AIDS-Gefahr als moralisches Druckmittel eingesetzt wird, um Jugendliche sexuell einzuschränken?

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Auch die Frauenemanzipation hat ihre Spuren hinterlassen. Deutlich mehr Jungen und Mädchen als 1970 fordern heute, die Rechte und Pflichten im Haushalt gleichmäßig zu verteilen; für die traditionellen Rollenklischees begeistern sich immer weniger Jugendliche.Die Zahl derjenigen, die heiraten wollen, hat auch abgenommen.
70 Prozent der 16- bis 17jährigen sind der Auffassung, die Bedrohung durch AIDS habe nur geringe Auswirkungen auf die Sexualität Jugendlicher. Dem scheint zu widersprechen, daß Jugendliche heute viel mehr von Treue halten als noch 1970. Doch als sie gefragt wurden, ob sie ihre Vorstellungen über Treue ändern würden, wenn es AIDS nicht gäbe, antworteten die meisten mit nein. Etwa 15 Prozent der Jungen und 10 Prozent der Mädchen, die über Koituserfahrung verfügen, sagen, sie hätten schon ein Mal wegen der Angst, sich zu infizieren, auf einen Sexualkontakt verzichtet. Vier Prozent der Jugendlichen haben sich schon einmal einem HIV-Test unterzogen.
Diese Entwicklung hängt mit einer Reihe von soziokulturellen Veränderungen zusammen, die darin zu sehen sind, daß
Auf dem Hintergrund der beschriebenen Konstellationen, hat sich mit der HIV-Infektionsgefährdung eine Risikobetroffenheit eingestellt, die Verarbeitungs- und Bewältigungszwänge in sehr viele Handlungsbereiche der Jugendlichen auslösen kann. Das kann zu Umorientierungen und Neudefinitionen von bereits vorhandenen Verhaltensweisen führen. Ausgehend von der Angst vor dem AIDS-Risiko können sich deshalb Sexualängste entwickeln.
An diesen Verknüpfungen, in der Absicht, die Fähigkeit der Jugendlichen zur Risikobewältigung zu stärken, hat die AIDS-Prävention anzusetzen.
Die Sexualerziehung kann nur dann eine sinnvolle AIDS-Prävention leisten, wenn sie das Vertrauen der Jugendlichen gewinnt. Die bisherige Sexualerziehung hat aber in diesem Punkt keine sehr rühmliche Tradition. Es ist häufig zu beobachten, daß im Zusammenhang von Aufklärungsmaßnahmen, die im Rahmen von öffentlichen Institutionen stattfinden, die Gefahr besteht, daß AIDS-Prävention ihre Glaubwürdigkeit und damit auch die Zugangschancen bei Jugendlichen vermindert und so ihr Ziel nicht erreichen kann.
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In der aktuellen Situation fehlt es nicht an Versuchen, AIDS für die Durchsetzung bestimmter Interessen zu instrumentalisieren. Dort, wo nur ganz bestimmte Schutzmöglichkeiten vor der HIV-Infektion gelehrt werden, kann von Gegenaufklärung gesprochen werden, weil Sexualität ganz unterschiedlich gelebt wird, da Sexualität in den verschiedenen Lebenswelten mit unterschiedlichen Formen zur Stabilität der Persönlichkeit beiträgt oder sie erschwert. Es sind jeweils ganz andere Elemente von Sexualität gefordert. Die möglicherweise noch gemeinsamen allgemeinen angestrebten Werte (Liebe, Solidarität, Glück) konkretisieren sich unterschiedlich. Gezielte Angebote der Sexualpädagogik sind notwendig in Erziehungsheimen, Jugendschutzstellen, Drogenberatungsstellen, in der aufsuchenden Sozialarbeit mit gefährdeten Gruppen.In den letzten Jahren sind einige Konzeptionen in das Blickfeld präventiver Bemühungen getreten, die sich von der ausschließlich aufklärerischen Strategie lösen und als Ziel hervorheben, Jugendliche bei ihren Entscheidungsprozessen und Problemlösungen zu begleiten und zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beizutragen. Neue Konzepte knüpfen an der Frage an, welche psychosozialen Funktionen jugendliches Risikoverhalten im Kontext entwicklungsrelevanter Anforderungen hat. Diese Konzepte basieren auf einem umfassenden Verständnis für die Gründe und Funktionen jugendlichen Risikoverhaltens und wollen insbesondere Widerstandsfertigkeiten, psychologische Immunisierung und den Erwerb von personalen und sozialen Bewältigunsfähigkeiten vermitteln.
So können AIDS-präventive Maßnahmen noch in dem Alter der Einübung des sexuellen Verhaltens und der Ausbildung der sexuellen Identität ansetzen. AIDS-Prävention bei Jugendlichen, als Chance begriffen, bezieht sich so auf Neulernen und nicht auf Umlernen (vgl. Kleiber et al., 1989).
Um die Einführung der Sexualerziehung in den bulgarischen Schulen zu ermöglichen haben sich im Jahre 1992 Vertreter aus dem Gesundheitsministerium, Bildungsministerium und Verteidigungsministerium getroffen und einige Richtlinien entwickelt. Als Folge dieses Treffens haben einige Organisationen (Bulgarische Assoziation für Gesundheitsprävention, Bulgarische Assoziation für Familienplanung) unabhängig voneinander sexualpädagogische Programme ausgearbeitet.
Die Stiftung Offene Gesellschaft (Soros) hat einige US-amerikanische Gesundheitsförderungsprogramme ins Bulgarische übersetzt. In der praktischen Umsetzung soll der Gruppendruck als Einflußfaktor risikoreichen Verhaltens bewußt gemacht werden. In Rollenspielen zeigen Jugendliche, wie sich ihre Eltern, Geschwister und Gleichaltrige verhalten und was sie davon nachmachen. Danach trainieren sie, wie man dem Gruppendruck widerstehen kann. Neben Informationen über Gesundheitsgefahren werden vor allem verschiedene Fähigkeiten eingeübt. Dazu gehören Kommunikationsfertigkeiten wie Nein-Sagen und Gefühle ausdrücken können, um Verhaltensalternativen wählen und auch durchhalten zu können. Da man das Programm nur übersetzt hat, sind bestimmte Abschnitte an den bulgarischen soziokulturellen Bedingungen nicht angepaßt.
Die Bulgarische Assoziation für Familienplanung hat viele Partner im westlichen Ausland. Sie bietet kostenlose Beratung bei psychologischen Problemen sowie zur Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten, einschließlich AIDS. Ihre massive Kampagne zur Schwangerschaftsverhütung ist heute allerdings teilweise fragwürdig angesichts des negativen Bevölkerungswachstums in Bulgarien.
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Trotz der Richtlinien der Regierung, werden aber weiterhin keine festen Stunden für Sexualerziehung geplant - der Unterricht ist auf freiwilliger Basis. Für die Jugendlichen, die Gruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko angehören (Drogengebraucher, homosexuelles Verhalten), hat man keine speziellen Schwerpunkte vorgesehen.Zielgruppe: Männer, die Sex mit anderen Männern praktizieren
...Die Natur kennt keine scharfen Einteilungen. Nur der Mensch erfindet Kategorien und versucht die Wirklichkeit in verschiedene Schubfächer zu zwingen. (vgl. Kinsey, 1948, S. 238).
Kinsey führte diese Überlegungen zur menschlichen Sexualität weiter aus: Man könnte über diese Dinge wesentlich präziser nachdenken, wenn Menschen nicht als heterosexuell oder homosexuell bezeichnet würden, sondern als Individuen mit einer bestimmten Anzahl heterosexueller Erfahrungen und einer bestimmten Anzahl homosexueller Erfahrungen. Statt diese Begriffe als Hauptwörter zu verwenden, mit denen Personen bezeichnet werden, oder als Adjektive, die Menschen beschreiben, sollten sie eher dazu verwandt werden, die Form der sexuellen Beziehung oder die Stimuli, auf die ein Mensch erotisch reagiert, zu charakterisieren (vgl. Kinsey, 1948, S. 387).
Diesen Überlegungen zufolge haben Kinsey und seine Mitarbeiter zur Klärung des Sachverhalts eine siebenteilige Skala entwickelt, die das Verhältnis von heterosexuellem zu homosexuellem Verhalten in der Bevölkerung messen sollte. An einem Ende der Skala (Kategorie 0) sind ausschließlich heterosexuelle Erfahrungen eingeordnet, am anderen Ende (Kategorie 6) sind ausschließlich homosexuelle Erfahrungen eingeordnet. Zwischen diesen beiden Extremen liegen unterschiedliche Ausmaße sowohl heterosexueller als auch homosexueller Erfahrungen (Kategorien 1-5). Es ergibt sich so die folgende Einteilung:
Kategorie 0: Ausschließlich heterosexuelles Verhalten,
Kategorie 1: Überwiegend heterosexuelles, gelegentlich homosexuelles Verhalten,
Kategorie 2: Überwiegend heterosexuelles, jedoch häufiger als gelegentlich homosexuelles Verhalten
Kategorie 3: Heterosexuelles und homosexuelles zu gleichen Teilen
Kategorie 4: Überwiegend homosexuelles, jedoch häufiger als gelegentlich heterosexuelles Verhalten
Kategorie 5: Überwiegend homosexuelles, gelegentlich heterosexuelles Verhalten
Kategorie 6: Ausschließlich homosexuelles Verhalten
Nach der Theorie von Kinsey war die Beziehung zwischen Homosexualität und Heterosexualität als kontinuierlich, nicht als säuberlich trennbar anzusehen. Individuen konnten auf dem Kontinuum auf - und abwandern, je nachdem, welche neuen Akte der beiden Arten sie vollzogen. Die entsprechende Einordnung erfolgte über ein Korrelat aus der Anzahl tatsächlicher Erfahrungen und den psychischen Reaktionen, und zwar für jedes einzelne Lebensjahr, über das Daten vorlagen.
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Kinsey bekämpfte den wohletablierten theoretischen Glauben, daß Personen mit erheblichen gleichgeschlechtlichen erotischen Erlebnissen eine einheitliche Kategorie darstellten mit vergleichbarer psychologischer oder biologischer Biographie, und sie bei der Wahl von Sexualpartnern ausschließlich oder hauptsächlich von deren Geschlechtszugehörigkeit bestimmt wurden.Kinsey`s größter Beitrag lag möglicherweise in seinem Bruch mit der traditionellen psychoanalitisch-psychiatrischen Auffassung, daß Homosexualität ein Persönlichkeitsmerkmal sei. Statt dessen zeigte er, daß sie weltverbreitet und in einem tieferen Sinne natürlich und normal war (vgl. Kinsey, 1948). Diese neue Sichtweise lieferte die Basis für die frühen Stadien der Schwulenbewegung und auch für neue Forschungsprogramme, die dem Glauben an die psychologische und soziale Homogenität der Kategorie Homosexuelle widersprachen.
Der amerikanische Sexualtherapeut Fritz Klein versuchte, die Kinsey-Skala zu erweitern und konstruierte deswegen ein Raster der sexuellen Orientierung mit sieben Variablen, geteilt in drei Dimensionen (vgl. Klein, 1990). In jedes der so entstehenden 21 Felder ist eine der Kinsey`s Skala entlehnten Zahlen von 1 bis 7 einzutragen (bei Kinsey entspricht dies den Zahlen 0-6) (vgl. Klein, 1990, S. 69). Das vollständig ausgefüllte Raster zeigt ein sehr differenziertes, individuelles Bild, das sich auch in größeren Gruppen kaum jemals exakt wiederholt (Tabelle 5).
Tabelle 5: Raster der sexuellen Orientierung nach Klein
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Variablen |
Vergangenheit |
Gegenwart |
Ideal |
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A. Sexuelle Anziehung |
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B. Sexualverhalten |
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C. Sexuelle Phantasien |
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D. Emotionale Vorliebe |
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E. Soziale Vorliebe |
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F. Selbstidentifizierung |
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G. Hetero/Schwuler Lebensstiel |
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Auch das Raster von Klein macht die Vielfalt der sexuellen Orientierungen anschaulich.
Als diese Theorien und Ergebnisse zum erstenmal veröffentlicht wurden, erregten sie in der Gesellschaft viele Diskussionen und Auseinandersetzungen. Viele Menschen waren nicht dazu geneigt, die große Anzahl der berichteten homosexuellen Kontakte zu akzeptieren.
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So werden weiterhin religiöse Glaubensvorstellungen, juristische Grundsätze und psychiatrische Theorien die Menschen mit anderen sexuellen Vorlieben unterdrücken und diskriminieren. Angesichts der Tatsache, daß das Wort homosexuell, unpräzise, irreführend und letztendlich unzutreffend ist, ist es unmöglich, irgendwelche Verallgemeinerungen über diese Menschen zu treffen.Es bleibt zu hoffen, daß die Diskriminierung von Homosexuellen ein baldiges Ende findet. Sexuelle Orientierung sollte ebensowenig wie Geschlecht, Rasse, Religion und Nationalität ein Grund sein, irgendjemanden gleiche Rechte zu versagen...Letztendlich kann die Befreiung von Homosexuellen und Heterosexuellen nur darin liegen, daß jedes Etikett abgelegt und jedem die Freiheit zugestanden wird, seine eigenen sexuellen Fähigkeiten zu entwickeln, wo immer sie liegen mögen (vgl. Haeberle, 1987, S. 497).
Seit seiner Entdeckung ist AIDS keine gewöhnliche Krankheit. AIDS galt und gilt als eine Krankheit der Stigmatisierten. Die Mechanismen, welche dazu führen, dieser Krankheit einen minderwertigen Ruf einzutragen,<22> hat S. Sontag versucht zu beschreiben (vgl. auch 2.): Kriegsmetaphern bewirken die Stigmatisierung bestimmter Krankheiten, damit aber die Stigmatisierung der an ihnen Erkrankten (vgl. Sontag, 1988). Das führte dazu, daß die bereits vorher Stigmatisierten, erkrankten sie an AIDS, einem zweiten Stigmatisierungsprozeß unterworfen wurden. Mit dem Problem AIDS wurden und werden auch subjektiv und objektiv gesunde Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakte in Berührung gebracht, einfach deswegen, weil sie einer gesellschaftlichen Minderheit angehören, die jetzt als Risikogruppe etikettiert wird (vgl. Dannecker, 1990).
Auf diesem gesellschaftlichen Hintergrund versuchen einige bulgarische NGO-s (GD-Info, Gemini) durch entsprechende Informationen und Veranstaltungen eine Basis für wirksame AIDS-Prävention zu schaffen;
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Zielgruppe: Weibliche und männliche Prostituierte und ihre Freier
Obwohl in jeder Gesellschaft eine Nachfrage nach prostitutiven Dienstleistungen besteht, ist Prostitution in der Regel ein Tabuthema. Das Anbieten sexueller Dienstleistungen gilt als unzüchtig und unmoralisch, Frauen und Männer, die Geld dafür nehmen, sind mit einem Stigma behaftet.
Während sich professionelle Prostituierte in Deutschland durch ein ausgeprägtes Gesundheitsbewußtsein und das konsequente Arbeiten mit Kondomen auszeichnen, führen die unsicheren und konkurrenzverstärkenden Arbeitsbedingungen in Bulgarien dazu, daß Prostituierte und Stricher eine konsequente Kondombenutzung nicht immer durchsetzen können. So sind die Prostituierten einem erhöhten HIV-Risiko ausgesetzt, weil viele Freier - trotz Kenntnis der Infektionsrisiken - immer noch Kondome ablehnen und für ungeschützten Geschlechtsverkehr höhere Preise bezahlen.
Entscheidend für die Durchsetzung von Safer Sex sind neben der Kenntnis über eine mögliche Gefährdung und dem richtigen Umgang mit Kondomen und Gleitmitteln insbesondere die Eigenständigkeit der Prostituierten und der Stricher und ihre Entscheidungsfreiheit, sowohl Freier als auch riskante Sexualpraktiken abzulehnen. So werden Frauen und Männer, die keine andere Möglichkeit haben, Geld zu verdienen und gezwungen sind, eine bestimmte Summe ihres Verdienstes an Zuhälter abzuführen, kondomunwilligen Freiern eher Zugeständnisse machen.
Die logische Folge dieser Überlegungen ist die Tatsache, daß die Prostituierten und die Stricher in Osteuropa einem höheren Risiko im Vergleich zu Westeuropa ausgesetzt sind.
Die Statistik und einige Untersuchungen zeigen (Bulgarisches AIDS-Zentrum), daß das HIV-Infektionsrisiko bei den Straßenprostituierten, die intravenös Drogen gebrauchen, am größten ist. Diejenigen, die über Beschaffungsprostitution ihren Stoff finanzieren sind eine besonders schwer zu erreichende Gruppe. Heroinprostitution steht in der Hierarchie der Erwerbsprostitution an unterster Stelle. Die Prostituierten und die Stricher müssen im Untergrund bleiben, um nicht gefaßt zu werden. Für sie bleibt der Autostrich, um beweglich zu bleiben und notfalls Razzien zu entgehen. Sie sind darauf angewiesen, schnelles Geld zu machen. Der Arbeitsaufwand und die Preise richten sich nach dem Marktpreis des Heroins und der zu verbrauchenden Tagesmenge.
Die Gefahr besteht, daß Fixer/innen auf Entzug sich eher von Freiern mit extremen Wünschen oder ohne Verständnis für Safer Sex bewegen lassen, ungeschützt Geschlechtsverkehr zu betreiben, um das Geld für Heroin zu beschaffen.
Die Situation in der Heroinprostitution erleichtert es Freiern also, Prostituierten und Strichern ihre Wünsche aufzuzwingen, da sie sich im ungeschützten Rahmen - außerhalb des Bordells, ohne Zuhälter und ohne gesetzlichen Schutz - bewegen.
Die Präventionsbotschaften an Prostituierte und Stricher in Bulgarien sind unzureichend und werden nur sporadisch gesendet. Der Grund ist, wie das Gesundheitsministerium offiziell verkündet, das Fehlen von Finanzmitteln.
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Zielgruppe: Die Menschen im Strafvollzug
Für die GefängnisärztInnen hat das Gesundheitsministerium einen Ausbildungskurs zu den Problemen der HIV-Infektion organisiert.
Die Gefängnisbedingungen erlauben kein Safer-Sex-Verhalten. 20-30 Menschen sind meistens in einer Zelle inhaftiert; gleichgeschlechtliche Sexualkontakte sind üblich - oft in Form von Gewalt.
Während des Gefängnisaufenthalts werden keine Kondome zur Verfügung gestellt.
Es gibt keine Anlagen zum Tausch der beim intravenösen Drogenkonsum gebrauchten Spritzen, sowie keine Möglichkeit zur Nadelsterilisierung.
Das Nationalzentrum für Drogen beabsichtigte die Durchführung einer Untersuchung des HIV-relevanten Risikoverhaltens im Strafvollzug, was aber nicht erfolgte.
Zielgruppe: Die Armee
ArmeeärztInnen<23> haben ein konkretes Programm zur AIDS-Prävention in der Armee vorbereitet und zum Teil durchgeführt. Das Projekt ist am Fehlen der Finanzmittel gescheitert.
Das Gesundheitsministerium behauptet, daß die Neuankömmlinge in der Armee mit Basisinformationen zu Safer Sex und HIV/AIDS versorgt werden. Nach unseren Informationen wurden aber diese Schulungen nicht durchgeführt.<24>
Zielgruppe: Die ethnischen Minderheiten
Im Zentrum für Gesundheitsprävention wird ein Aufklärungsprojekt für Roma und Sinti vorbereitet, das die Spezifika ihrer religiösen und gesellschaftlichen Einstellungen berücksichtigt. Aus diesem Grund wurden viele Kontakte zu Roma- und Sintivereinen hergestellt. Außerdem werden freiwillige junge Roma in der AIDS-Prävention geschult.
Die Schwierigkeiten liegen im Koordinationsmangel zwischen den verschiedenen Roma- und Sintivereinen. Ein Problem ist auch die fehlende Erfahrung seitens der Verantwortlichen im staatlichen Bereich in der Arbeit mit den ethnischen Minderheiten.
Wie in fast allen Bereichen existiert auch hier ein großer Geldmangel.
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In Bulgarien ist schon seit Jahren das freiwillige Screening für sexuell übertragbare Krankheiten gewährleistet. Man hat Tests für Chladimien aus dem Ausland importiert und sie in vier Zentren im Lande (ELISA), sowie in einem Zentrum in Sofia (ELISA, PCR) verteilt. Dabei dürfen nur die Fachvenerologen offizielle Stellungnahmen zur Behandlung von Syphilis abgeben.
Die Schwierigkeiten liegen in der Qualitätskontrolle der durchgeführten Untersuchungen in vielen Dermatologisch-Venerologischen Instituten, da sie unregelmäßig durchgeführt werden. Außerdem zeigen manche Tests eine niedrige Sensibilität und können deshalb als unsicher gelten. Die Antibiotika, die zur Verfügung stehen, sind auch sehr unzureichend.
Die Probleme, die die sexuell übertragbaren Krankheiten im zwischenmenschlichen Bereich mit sich bringen, liegen nach der Meinung der Experten vorwiegend in der mangelnden Bereitschaft der infizierten Personen, die Sexualpartner über ihre Krankheit aufzuklären.
Eine interessante Studie zu den sexologischen Problemen, die Syphilis mit sich bringt, ist die Dissertation von Prof. Dr. G. Spirov. Obwohl sein Arbeitsthema Forschungen zu der Epidemiologie, klinische Behandlung und Prävention der Syphilis in Bulgarien schon seit mehr als 10 Jahren abgeschlossen ist, sind einige seiner Ergebnisse für die heutige epidemiologische Situation in Bulgarien noch gültig (vgl. Spirov, 1983).
Prof. Spirov hat die Dynamik der Syphilisprävalenz nach Landesregionen für den Zeitraum 1978 - 1982 untersucht. Seine Ergebnisse führen zu der These, daß wenn die Geschlechtskrankheiten ein öffentliches Problem sind, gilt es, ihnen mit technisch-organisatorisch optimalen Maßnahmen zu begegnen. Stigmatisierungen, Schamhaftigkeiten und Moralisierungen haben hier keinen Platz.
Das für die Blutransfusionen in den chirurgischen Abteilungen in Bulgarien erforderliche Blut stammt vom Nationalzentrum für klinische Transfusionshämatologie, wo das Blut vor der Weitergabe getestet wird. Im Jahre 1993 hat man ein modernes Transfusionszentrum in der Militärakademie in Sofia eröffnet. Bei Bedarf kann dieses Zentrum Blutprodukte auch für Zivilistenkrankenhäuser gewährleisten. Mit der sozialen Prävention der HIV-Infektion bei Bluttransfusionen und Blutspenden beschäftigt sich das Rote Kreuz/Bulgarien. Die Organisation, die auch eine Jugendabteilung hat, entwickelt und verbreitet Informationsblätter und -broschüren vorwiegend für Blutspender.
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Die Probleme sind vielfältig:Die Anzahl der Bulgaren, die regelmäßig oder gelegentlich Drogen gebrauchen liegt bei etwa um 100.000 Menschen (vgl. Bakalov & Tanev, 1995). Allein die Personen, die intravenös Drogen spritzen sind zwischen 18 000 und 20 000. Nach soziologischen Angaben (Zentrum für Gesundheitsprävention) sind es meistens Jugendliche, wobei jeder vierte Schüler in Bulgarien schon Drogen probiert hat (Sofia liegt prozentuell noch höher). Die Anfänger sind meistens zwischen 14 und 16 Jahre alt, und die Experten vermuten, daß das Alter der Einsteiger weiter sinken wird.
In Bulgarien gibt es keine politische Verantwortung und stabile Nationalpolitik im Hinblick auf den Drogengebrauch.
In vielen Apotheken ist man nicht geneigt, Spritzbestecke an die Drogengebraucher zu verkaufen.
Es wird keine Präventionsinformation zu Safer Use und Safer Sex für die Junkies gewährleistet.
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Das vorbereitete Programm für Methadonbehandlung in Sofia, Burgas und Varna wartet immer noch auf die offizielle Bestätigung seitens des Gesundheitsministers.In Sofia hat man ein gemeinsames Projekt für nähere Informationen zu den Drogen und zum Drogengebrauch für das ganze Land entwickelt.<26> Unklar ist aber aus welchen Mitteln der Projekt finanziert werden kann und wann es starten soll.
Ein weiteres Problem ist die Tatsache, daß die zukünftigen Spezialisten im Drogengebrauch nur im medizinischen Wissen ausgebildet und die sozialen und psychologischen Fragen nicht berücksichtigt werden. Die Behandlung der Drogenabhängigen wird meistens in nicht geeigneten psychiatrischen Kliniken durchgeführt, wobei auch das Pflegepersonal mit den Problemen der Drogengebraucher überhaupt nicht vertraut ist.
Es sind Lehrmittel für universelle Schutzvorkehrungen gegen eine möglichen HIV-Blutinfektion im medizinischen Bereich vorhanden.
Im Gesundheitswesen des ganzen Landes werden nur sterile Spritzen und Geräte benutzt.
Für die Beschäftigten im Gesundheitswesen steht eine kostenlose Impfung für Hepatitis-B zur Verfügung. Außerdem wurde in Bulgarien seit 1991 eine Massenimpfung der Neugeborenen gegen Hepatitis-B eingeführt.
Die hohe Rate an HBsAg-Positivität unter den Blutspendern (3,7%), dem Personal in medizinischen Labors (31,9%), den Abteilungen für Infektionskrankheiten (15%) und den Abteilungen für Hämodyalise kann als Faktor für die Nichteinhaltung der Präventionsvorschriften verstanden werden.
Im allgemeinen haben die Mediziner (Chirurgen, Gynäkologen, Zahnärzte) Angst vor dem professionellen Risiko bei Operations- oder Injektionsprozeduren von HIV-Positiven und AIDS-kranken Personen.
Es stehen Beratungsangebote und auf Wunsch die Möglichkeit zur Durchführung eines HIV-Tests für schwangere Mütter zur Verfügung.
Die Bulgarische Assoziation für Familienplanung hat Beratungsangebote in zwei Kliniken in Sofia und in fünf Kliniken im übrigen Inland eingeführt. Die Beratung schließt auch die AIDS-Prävention ein.
Nur fünf HIV-infizierte Mütter haben Kinder zur Welt gebracht, wobei ein Kind auch seropositiv ist.
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Abtreibungen sind in Bulgarien seit 1956 offiziell erlaubt, und daher liegt die Entscheidung allein bei den Eltern, ob sie das Risiko einer möglichen HIV-Infizierung vor oder bei der Geburt des Kindes eingehen wollen.Trotzdem sind die Probleme in diesem Bereich unübersehbar. Die unzureichenden Kenntnisse über das professionelle HIV-Infektionsrisiko und die manchmal nicht ausreichenden vorhandenen Schutzmittel (Gummihandschuhe, steriles Interventionsbesteck) in den medizinischen Einrichtungen bewirken große Bedenken und Ängste beim medizinischen Personal, was negative Auswirkungen bei den Behandlungen HIV-positiver Mütter zur Folge haben kann.
Im Jahre 1986, als der erste Fall einer HIV-Infektion in Bulgarien<27> entdeckt wurde, ist eine spezielle Abteilung im Krankenhaus für Infektionskrankheiten und Parasitologie eröffnet worden. Das ist das einzige Zentrum, das stationäre Therapie der HIV-Positiven und AIDS-Kranken ermöglicht. Ein effektives System für stationäre und ambulante Behandlung ist eingeführt worden. In dieser Hinsicht hat man auch Protokolle für die neudiagnostizierten seropositiven Personen entwickelt, die der klinischen und imunologischen Beobachtung dienen.
Die Ärzte und die Krankenschwestern sind gut ausgebildet. Die volle medizinische Versorgung der Patienten, sowie die Reisekosten zu diesem Zentrum werden vom Staat übernommen. Im AIDS-Zentrum wird mit modernen Methoden zur Diagnostik von Pneumocystis carinii und anderen Parasiten und Bakterien Fungialpathogenese durchgeführt. Das Medikament Zidovudine stand aufgrund von Finanzproblemen nur für die Behandlung von zehn Patienten zur Verfügung.
Seit 1986 ist die stationäre Behandlung für 92 HIV-positive Personen aus dem ganzen Land gewährleistet, wobei die Anzahl der Patienten, die gleichzeitig behandelt werden, zwischen 1 und 6 variiert. Es fehlen aber Bedingungen für die ambulante Therapie, und die ganze Arbeit basiert auf der stationären Therapie. Die HIV-Positiven und die AIDS-Kranken haben große Schwierigkeiten gynäkologische, chirurgische und zahnmedizinische Hilfe zu bekommen. Trotz des von der WHO geschenkten Bronchoskops wird keine Bronchoskopie zur Diagnostik von Lungenbeschwerden durchgeführt. In diesem Sinne ist das Niveau der Krankenhausbehandlung und die Versorgung mit Medikamenten und Apparatur abhängig von dem aktuellen Finanzbudget der Abteilung.
Die medizinische Fachkräfte, die im AIDS-Bereich arbeiten, haben die Chance Stipendien zu erhalten und an internationalen Konferenzen teilzunehmen.
Im AIDS-Zentrum und in der AIDS-Abteilung im Krankenhaus für Infektionskrankheiten und Parasitologie werden Fachberatungen für Menschen, die mit HIV/AIDS leben und ihren Verwandten angeboten. Das Ziel ist die Akzeptanz der Infektion/Krankheit sowie dem Erlernen von Safer Sex-Praktiken.
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In Bulgarien ist die Vorgehensweise bei den HIV-Tests angeglichen an den internationalen Menschenrechte. Außerdem wird versucht mit sporadischen Medienkampagnen (bisher aber ohne großen Erfolg) die Disskriminierungseinstellungen gegenüber den HIV-Positiven, AIDS-Kranken und den Gefährdeten zu beseitigen.Trotz den erheblichen sozio-ökonomische Veränderungen und dem häufigen Wechsel der Regierungen in Bulgarien, wird die AIDS-Prävention dank den Bemühungen und den individuellen Kenntnissen einiger verantwortlichen Spezialisten weiter durchgeführt. Eine AIDS-Kommission<28> bemüht sich, Koordination und Planung der Tätigkeiten und der Maßnahmen zu den Problemen von HIV/AIDS zu gewährleisten<29>. Der Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten beim Gesundheitsministerium ist zum Hauptkoordinator der AIDS-Programme gewählt worden, wobei er durch einen Epidemiologen unterstützt wird.
Probleme bereiten der Mangel an formellen Mechanismen zu routineförmigen Kontrolltätigkeiten, zum Fundrasing und zum Nachweis der durchgeführten Arbeiten und Forschungen sowie der nötigen/ausgegebenen Finanzmittel.
Die Arbeit im Bereich der AIDS-Prävention wird hauptsächlich durch Gelder aus dem Jahresbudget des Gesundheitsministeriums finanziert.<30>
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Finanzquellen für das Präventions- und Behandlungsprogramm seit 1986 (Tabelle 6):
Tabelle 6: Finanzmittel für die Arbeit im AIDS-Bereich in Bulgarien.
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Die meisten Maßnahmen sind im Budget des Gesundheitsministeriums mit einer starken biomedizinischen Richtung vorgesehen. Damit wird der Schwerpunkt der Arbeit auf die sekundäre und tertiäre Prävention gesetzt und die primäre Prävention vernachlässigt. Außerdem existieren keine speziellen Finanzberichte für die Bestimmung der tatsächlichen Ausgaben zu den einzelnen Aufgaben im AIDS-Programm sowie keine Aufteilung der Finanzen nach spezifischen Bereichen der AIDS-Arbeit (Behandlung, Prävention, Tests usw.)In Bulgarien werden keine Versuche zur Abschätzung und Bestimmung des finanziellen Bedarfs für die gegenwärtige und zukünftige Arbeit im AIDS-Bereich der staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen gemacht, was zu Planungslosigkeit sowie zum Mangel an Finanzmitteln für bestimmte Bereiche führt.
In allen Gesellschaften ist die Sexualität, ihre Formen, sowie die Modalitäten ihrer Ausübung ein gesellschaftlich vermittelter Prozeß oder anders gesagt, an soziale Codes gebunden. Die Frage nach der größeren Freiheit im Umgang mit dem Sexus stellt sich auf zwei Ebenen: auf der Ebene der gesellschaftlichen Strukturen und auf der Ebene der sozialen Akteure.
Mit der Welle von Liberalisierungsprozessen, die aus den 60-er Jahren resultiert, haben sich die allgemeinen Moralstrukturen gelockert. In unserer Gegenwart vollzieht sich eine Entwicklung, die als Übergang zur selbstzuentscheidenden Sexualmoral beschrieben wird. Sie beruht darauf, daß im Zuge der Entwicklungsdynamik der heutigen Gesellschaft die Sexualität selbst, in ihren verschiedenen Formen, zur Ware wird. Dieser Prozeß beschleunigt sich immer mehr und erhält einen gewaltigen Schub durch die weltweite Ausweitung der Medien.
Die Medien, die aus ökonomischen Gründen unter dem Zwang stehen, hohe Auflagen und Einschaltquoten zu erzielen, treiben einerseits die künstliche Sexualisierung vieler Lebensbereiche voran und versuchen andererseits gezielt, die HIV- und AIDS-Problematik als Skandal zu erfassen und vorzustellen. Das wichtigste Auswahlkriterium dabei ist: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten (vgl. Bleibtreu-Ehrenberg, 1989), denn das Publikum erwartet von den Medien, daß sie vor Gefahren warnen, andererseits aber auch unterhalten, und das am liebsten gleichzeitig.
Diese Tatsache ist besonders ungünstig und auch gefährlich, weil die Vorurteilsforschung schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen hat, daß Stereotype vor allem von den Massenmedien verbreitet werden. So wird AIDS als eine Krankheit traditioneller Randgruppen suggeriert, gegen die Vorurteile und Abscheu zu haben verständlich erscheint. Die Art und Weise, wie statt professioneller Information Desinformation, statt Verständnis für die Probleme der Betroffenen Schuldzuweisungen gegen sie verbreitet werden, sind weltweit ähnlich. So werden meistens Vermutungen oder vorläufige Theorien, die AIDS betreffen, als Wahrheiten ausgegeben, moralische und medizinische Problemfragen vermischt und Rassismus, Fremdenhaß und sexistische Vorurteile wiederbelebt. Welche Schwerpunkte sich die jeweilige Landespresse bei der AIDS-Berichterstattung aussucht, ist von den historischen Erfahrungen und kulturellen Traditionen der betreffenden Staaten abhängig.
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Zu den rassistischen, religiösen und ethnozentrischen Vorurteilen, die durch AIDS aktualisiert werden, treten noch die politischen. Mitte der 80-er Jahre veröffentlichte die kommunistische Regierungspresse in Bulgarien die These, AIDS entstamme einem US-Genlabor, wo man zum Zwecke der virologischen Kriegführung damit experimentiert habe. Keiner hat diese Anschuldigung später offiziell zurückgezogen.Nach der Wende 1989 in Bulgarien, als die Begriffe Risikofaktor und Risikogruppen publik wurden, fing man an, auch über die moralischen und sozialen Seiten von AIDS zu diskutieren. Zunächst brandmarkte man die Berufsmatrosen, die sich auf die langen Seefahrten bei ausländischen Prostituierten infiziert und den HI-Virus ins Land geholt hatten, als Hauptsünder. Außerdem hat man berichtet, daß AIDS fast nur homosexuelle Männer in den USA trifft, so daß die normale heterosexuelle Allgemeinbevölkerung beruhigt sein könne.
Zeitweilig beschuldigen manche Medien die ausländischen Touristen, durch ihren Sextourismus in Bulgarien unschuldige bulgarischen Frauen und Männer zu infizieren.
Während die verschiedenen Medien über die Realität berichten, konstruieren sie sie. Insgesamt betrachtet, haben die Medien die Panik um AIDS als eine fortwährende, in ihrer Richtung aber variierenden Bedrohung der sozialen Ordnung geschildert. Alles drehte sich überwiegend um neuentdeckte Ansteckungswege, von denen sich bisher immer rasch herausgestellt hat, daß es keine waren, sowie um neuerfundene AIDS-Gefährdungen. Galt AIDS in Bulgarien Mitte der 90-er Jahre als Matrosenkrankheit, entwickelte es sich während eines gewissen Abstufungsprozesses beim Publikum zu anderen immer umfassenderen Bedrohungen weiter. Zuerst durch eine Palette neu entdeckter, teilweise phantasierter Übertragungsmöglichkeiten: Blut, Blutprodukte, Mücken, Speichel, Orgien, Promiskuität, schließlich den ganz normalen Heterosex; dann von Homosexuellen als Überträger der Infektion auf Bisexuelle; Drogenabhängige; afrikanische Studenten; Prostituierte und endlich der normale Alltagskontakt. Keine Zeitung oder staatliche Instanz hat es bisher fertiggebracht, für wenigstens einige der vordem beschriebenen Gefahren, deutlich und ausdrücklich offiziell Entwarnung zu signalisieren, etwa für das Küssen, obwohl eine solche angstabbauende Information inzwischen wirklich sachlich zu rechtfertigen ist.
Diese gegensätzlichen Meldungen, aber auch die widersprüchliche Mißverständnisse und das fehlende Interesse seitens der Verantwortlichen in den Medien und in der Regierung, haben dazu geführt, daß die Mehrheit der Bevölkerung sich mittlerweile daran gewöhnt hat, AIDS nach den ersten Medienberichten, heute nicht mehr für so wichtig zu erachten.
| Fußnoten: | |
|---|---|
| <20> |
Aus seiner Rede bei der AIDS-Conferenz in Riga 1993. |
| <21> |
Vgl. Mirchev, Jachkova, Kasakova, Velikova, 1996 |
| <22> |
Ein Ruf, der das Leiden der an AIDS Erkrankten noch verschlimmert. |
| <23> |
Hier denke ich besonders an Dr. Wrabtschev |
| <24> |
Nach Informationen vom Armeechefarzt, Dr. Wrabtschev |
| <25> |
eine Stadt im Nord-Westen Bulgariens. |
| <26> |
Das Projekt ist vom Institut für Hygiene und Epidemiologie in Zusammenarbeit mit einigen sofioter Schulen vorbereitet. |
| <27> |
Das waren Ärzte von der Einrichtung für Intensivtherapie im Krankenhaus für Infektions- und Parasitenkrankheiten in Sofia |
| <28> |
In dieser Kommission sind Experten aus den Bereichen der Virologie, Gesundheitsprävention, Venerologie, klinische Versorgung, Epidemiologie tätig. |
| <29> |
Die Kommission wurde nach der Auflösung des AIDS-Programmkommitees im Jahre 1992 geründet. |
| <30> |
Im Budget des Gesundheitsministerium für 1995 wurde auch eine spezielle Budgetlinie für den Kauf von Zidovudine zur Behandlung von zehn AIDS-Kranken vorgesehen. |
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