Okoliyski, Alexandrov: BEDINGUNGEN DER AIDS-PRÄVENTION IN BULGARIEN Eine vergleichende Untersuchung der soziokulturellen Voraussetzungen für Präventionskampagnen in Bulgarien und Deutschland

Kapitel 5. Empirische Untersuchung

5.1. Probleme empirischer AIDS- und Sexualforschung bei der Erhebung von Daten

Der Stand der verfügbaren Erkenntnisse über die menschliche Sexualität kann in vielen Bereichen als unzureichend und lückenhaft charakterisiert werden. In der Geschichte der Sexualwissenschaft wurde das Wissen über die menschliche Sexualität vorwiegend aus dem klinischen Bereich gewonnen, was zur Folge hatte, daß sexuelle Probleme und Pathologien des einzelnen im Mittelpunkt standen (vgl. Orbuch & Harvey, 1991).

Ausgehend von diesem Sachverhalt können in der psychosozialen AIDS-Forschung nicht nur Schwierigkeiten und Probleme im Untersuchungsbereich auftreten, sondern es könnte sich dabei auch um Probleme mit der Forschung handeln. Die Besonderheiten der AIDS- und der Sexualforschung überhaupt, lassen sich in fünf Gruppen darstellen:

A. Grundsätzliche Schwierigkeiten / Probleme der Befragung.

Es ist sehr kompliziert, das menschliche Sexualverhalten über objektive, meßbare und überprüfbare Determinanten zu erfassen und damit zu untersuchen (vgl. Haeberle, 1995).

Besonders wo die Sexualität mit Fragen der Schuld, Stigmatisierung, Ausgrenzung und gesellschaftliche Tabus in Verbindung kommt, kann man die bisherigen psychologischen und sozialwissenschaftlichen Konzepte, Modelle und Methoden nur bedingt für die Untersuchungen verwenden.<37> Man muß der Neuartigkeit und Spezifika der psychosozialen AIDS-Thematik Rechnung tragen und in dieser Hinsicht ist auch eine verstärkte Hinwendung seitens des Wissenschaftlers zu seinem Forschungsthema sowie zu seinem Untersuchungsobjekt notwendig.


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B. Probleme der Beantwortung

Der Wissenschaftler, der sich mit AIDS- und Sexualforschung beschäftigt, muß sich mit einem Rätsel auseinandersetzen. Er muß den Unterschied machen zwischen

”- dem, was die Befragten zu tun glauben
- dem, was sie zu tun behaupten und
- dem, was sie tatsächlich tun“ (vgl. Haeberle, 1995, S. 198).

Die Inhalte dieser drei Kategorien können durchaus nicht immer zusammenfallen. Prof. Haeberle ist der Meinung, daß die Regel eher im Gegenteil liegt, also die Befragten einen großen Teil ihres eigenes Verhaltens vergessen, verdrängen und sogar bei den Befragungen aus verschiedenen Gründen bewußt lügen. So muß der Forscher vorher studieren, was die Menschen wirklich tun und wie sie dazu eingestellt sind, weil die sexuelle Einstellung entscheidend auf die Wahrnehmung der eigenen sexuellen Handlungen abfärbt. ”Kein Forscher darf seine Fragen so stellen, daß sie Klischeevorstellungen hervorrufen, Ungenauigkeiten provozieren oder gar bestimmte Antworten suggerieren“ (vgl. Haeberle, 1995, S. 198).

Das waren auch die Gründe des berühmten amerikanischen Sexualforschers Alfred Kinsey, warum er die Fragebögen angelehnt und auf persönliche Gespräche bestanden hat, bei denen er versuchte, mit einer einfachen, dem jeweiligen Probanden angepaßten Sprache, verstanden zu werden.

Aber auch wenn man die Probanden persönlich interviewt, muß man mit bestimmten Problemen fertig werden, da man nach den Untersuchungen vergleichbare Ergebnisse liefern muß, die auch statistisch verwertbar sein sollten. Eine Möglichkeit zur Steigerung dieser Validität sind die wiederholten Interviews, deren Ergebnisse übereinstimmen müssen. Es ist aber fraglich, ob bei solchen Großverfahren die nötige Standardisierung der Vorgehensweise gesichert werden kann (vgl. Haeberle, 1995).

In dieser Hinsicht muß man auch einem anderen Problem Rechnung tragen. Untersuchungen, die die Erfassung retrospektiver Selbstbeschreibungen über sexuelles Verhalten zum Ziel haben, sind mit methodischen Problemen konfrontiert, die bei der Wahl und Konstruktion der Erhebungsinstrumente und -methoden, sowie bei der Datenauswertung und -interpretation mit zu bedenken sind. Es ist erwartbar, daß vorwiegend nur bestimmte, besonders auskunftbereite Personen bereit sein werden, ihr Sexualleben preiszugeben. Dazu kommt noch, daß die Probanden, die an der Untersuchung teilnehmen, für den Forschungsgegenstand eine subjektive Aktualität und/oder Relevanz besitzen (vgl. Clement, 1990). Eine andere psychologische Fehlerquelle, die auftreten könnte, ist das Vergessen subjektiv unwichtiger Ereignisse, die Aversion und ggf. Verdrängung konflikthafter oder aversiver sexueller Erlebnisse. Zusätzlich ”... die Scham wird als unbewußter Erinnerungsfilter bei Untersuchungen zum sexuellen Verhalten unterschätzt. Die befragten Subjekte erinnern ihre sexuelle Erfahrungen nicht so behavioristisch, wie die Sexualforscher sie erfragen. Ihre Antworten werden vielmehr durch ihr sexuelles Selbstkonzept zensiert, das meist kohärenter und widerspruchsfreier ist, als es die realen sexuellen Erfahrungen waren“ (vgl. Clement, 1990, S. 291).


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C. Motive der Probanden, an der Befragung teilzunehmen.

Die Motive für die Teilnahme an Forschungsprojekten, sind auch zu berücksichtigen. Die Motivation des Probanden, sich beforschen zu lassen, bedeutet für den Forscher eine Verpflichtung zu großer Rücksichtnahme einerseits und zur Transformation seiner Untersuchungsergebnisse in die Praxis andererseits. Es ist eine Art Versprechen, das der Forscher dem Probanden bei der Untersuchung gibt, daß dessen Teilnahme eine Hilfe für andere werden kann (vgl. Seidl, 1992).

Schwierigkeiten bei der Erforschung der menschlichen Sexualität bereitet auch der Schutz der Privatsphäre durch Intimität vor den Beobachtungen Dritter. Das macht einen der Unterschiede zwischen soziologischer und medizinischer Sexualforschung aus (vgl. Ahlemeyer, 1996). Die Untersuchung der organischen Dimension sexuellen Handelns, wie sie Masters & Johnsons in den 60er und 70er Jahren in ihrem Labor in St. Louis durchgeführt haben (vgl. Masters & Johnson, 1967, 1970), ist nicht in gleichem Maße gegenüber der Präsenz des Forschers sensibel wie die Erforschung der sozialen Dimensionen, in denen Anwesenheit wichtige Voraussetzung ist.

D. Motive der Befrager.

Im Jahre 1994, als ich die qualitative Untersuchung für meine Diplomarbeit ”Promiskuität bei Bisexuellen“ durchführte, war ich überrascht, daß in sehr vielen Fällen die Mitarbeit verweigert wurde. Das hängt mit der Frage nach dem Umgang mit dem erworbenen Wissen von Forschergruppen zusammen. Charakteristischerweise wurde dieses Problem in Verbindung mit dem bisherigen kommunistischen Regime in Bulgarien gebracht, da man damals viele durch Befragungen erhobenen Daten für politische Zwecke benutzte und so das Prinzip der Anonymität beeinträchtigte, was zum großen Mißtrauen gegenüber Befragungen und Enqueten führte. Die Probanden sind auch mit einem anderen Problem konfrontiert, nämlich der Inkompetenz mancher Forscher. Diese Inkompetenz könnte nicht nur die Validität der Untersuchung in Frage stellen, sondern könnte auch dazu beitragen, daß die Probanden die Befragungen und die Enqueten als unseriös oder sinnlos empfinden.

E. Besonderheiten des Untersuchungsortes.

Zuletzt ist zu bedenken, daß die Ergebnisse der psychosozialen AIDS- und Sexualforschung aus anderen Ländern aufgrund der unterschiedlichen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitsstrukturellen Verhältnissen nur bedingt auf die Verhältnisse in einem anderen Land übertragen werden können. Jedes Land hat seine spezifischen Bedingungen, die berücksichtigt werden müssen. Man sollte auch vermeiden, schwerpunktmäßig die Probleme einer Untersuchungsgruppe (z.B. Menschen mit heterosexuellem Verhalten), weil sie leicht zugänglich ist, zu analysieren. Nimmt man z.B. die in Bulgarien zahlenmäßig am stärksten von AIDS und HIV betroffene Gruppe der Menschen mit heterosexuellem Verhalten paradigmatisch zum Ausgangspunkt für die psychosoziale AIDS-Forschung, so erscheinen die anderen Betroffenengruppen als eine Sonderform davon. Es können dabei die praxisrelevanten Spezifika der Zielgruppen für die Prävention übersehen werden.


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5.2. Konzeptioneller Bezugsrahmen

In der Sozialwissenschaft existieren verschiedene Erklärungsmodelle für das menschliche Sexualverhalten. Eine der prominentesten ist die rational-choice-Theorie. Eine genaue Bestätigung dieser Theorie durch unsere Untersuchung ist nicht zu erwarten, der Ansatz der rationalen Wahl wurde aber unserem Fragebogen zugrunde gelegt. Entsprechend der rational-choice-Theorie sind wir bei der Gestaltung des Frageinventars von der Hypothese ausgegangen, daß die Probanden nach ihren subjektiven Erwartungen handeln.

Der rational-choice-Ansatz als allgemeine Theorie zur Erklärung individuellen Verhaltens hat in der Soziologie und in der Psychologie zunehmend an Bedeutung gewonnen (vgl. u.a. Becker 1976; Coleman 1990; Boudon 1979, 1990; Esser 1985, 1990). Einer der Gründe für diese zunehmende Bedeutung ist, daß Theorien auf der Makroebene oft nur unzureichend in der Lage sind, Sachverhalte methodologisch befriedigend zu erklären und diese sich im Rahmen einer Mehrebenen-Analyse mikrosoziologisch besser erklären lassen (vgl. Friedrichs, 1990). Außerdem bietet der rational choice-Ansatz die Möglichkeit, die Forderung zu erfüllen, Theorien aus Teilgebieten der Soziologie, in übergreifenden theoretischen Ansätzen zu integrieren (vgl. Esser, 1985; Jungermann, 1976).

In der Soziologie ist in den letzten Jahren eine Reihe von Anwendungen des rational choice-Ansatzes vorgenommen worden. Bei diesen Untersuchungen wurde eine Variante des rational choice-Ansatzes verwendet: die Wert-Erwartungs-Theorie (WET).

Der Kern der rational choice-Theorie besteht aus wenigen Annahmen und einer Entscheidungsregel: Individuen handeln zielgerichtet und nehmen eine rationale Bewertung der von ihnen wahrgenommenen Handlungskonsequenzen nach deren subjektiv geschätzten Nutzen und Kosten vor. Sie verhalten sich nutzenmaximierend und wählen diejenige Handlungsalternative, die ihnen den größten subjektiven Nutzen verspricht. Der Entscheidungsprozeß selbst verläuft in drei Phasen: der Kognition der Situation, der Evaluation der Konsequenzen und der gesehenen Alternativen und schließlich der Selektion einer Handlungsalternative (vgl. Lindenberg, 1990; Esser, 1990, 1991).

Bei der Kognition werden die Situationsumstände, Informationsübertragung, Wahrnehmung, die kognitiven Prozesse der Erinnerung und Assoziationsbildung, die Aktualisierung der ”Alltagstheorien“ der Akteure bedeutsam. Die Evaluation der Handlungsalternativen bezieht sich auf die Bewertung der Alternativen vor dem Hintergrund der eigenen Präferenzen und der (subjektiven) Wahrscheinlichkeiten darüber, daß eine bestimmte Handlung zu einer bestimmten Folge führt.

Als Regel für die Selektion nimmt die Theorie der rationalen Wahl das Kriterium der ”Maximierung“ der subjektiven Nutzenerwartung an. Das Modell der WET geht davon aus, daß eine Person in einer Entscheidungssituation verschiedene Handlungsalternativen wahrnimmt. Von diesen Alternativen wird diejenige gewählt, deren Handlungskonsequenzen positiver bewertet und deren Eintreten mit höherer Wahrscheinlichkeit erwartet wird, also diejenige, die den höheren ”Nettonutzen“ hat.


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In einer Situation nimmt ein Akteur also nicht alle objektiv gegebenen Alternativen und Konsequenzen wahr, daher entscheidet er nur bezogen auf seine Wahrnehmungen. Eine Maximierung des Nutzens erfolgt nur in dem Maße, in dem Informationen vorliegen, d.h. auf der Basis dessen, was ein Akteur perzipiert. Die Akteure begnügen sich mit einer ihnen als hinreichend erscheinenden Teilmenge aller möglichen Informationen. Also die Maximierung ist nicht objektiv, sondern der Akteur wählt die ihm zufriedenstellend erscheinende Alternative.

Welche Alternativen wahrgenommen werden, hängt von individuellen Faktoren ab. Eine Person entscheidet erst nach dem Gewohnten und beurteilt aus ihrer aktuellen Lage heraus die Situation. Sie nimmt demnach nicht alle möglichen Handlungsalternativen wahr, sondern versucht, einen möglichst bekannten Weg zu finden. Deutlich wird das im Falle von Routinen: Aus einer Menge von Handlungsalternativen hat eine Person einmal eine als beste ausgewählt und verfolgt diese so lange als Routine, bis sich an einer Konsequenz etwas ändert, z.B. die Kosten steigen. Solche ”habits“ sind nach Esser (1990) zur Gewohnheit gewordene Reaktionen auf spezifische Reize; sie führen zu einer Auswahl der Mittel bei der Lösung von Alltagsproblemen. Ähnlich argumentiert auch Feger (1989): ”Rationalität“ ist ”ein normatives Urteilskriterium...Dieses Bewertungskriterium und seine konkreten Inhalte sind gelernt, und gelernt sind auch die Charakteristika von Situationen, welche die Anwendung dieses Kriteriums auslösen“ (vgl. Feger, 1989, S. 125).

Das deutet darauf hin, daß sich das Problem der Entscheidung erst in einer Situation stellt, in der eine Person bestimmte Handlungsalternativen wahrnimmt.

Entscheidungs- und Meßmodell der Wert-Erwartungs-Theorie

Die Meßtheorie der WET unterstellt, das Individuum könne seine Urteile: Nutzenschätzungen und Auftrittswahrscheinlichkeiten, entweder direkt in numerischen Größen abgeben oder zumindest in verbalen Kategorien, denen dann numerische Werte zugeordnet werden.

Die WET enthält keine Aussagen darüber, wie eine Person entscheidet; sie läßt unterschiedliche Entscheidungsmodelle zu. Da die Wahl eines solchen Modells auch die Operationalisierung und Meßoperation beeinflußt, müssen die zwei möglichen Entscheidungsmodelle erwähnt werden: das simulante und das sequentielle.

Unabhängig davon, welches der beiden Entscheidungsmodelle man zugrundelegt, müssen nach der WET die Handlungskonsequenzen für jede Handlungsalternative ermittelt werden. Wie schon weiter oben gezeigt, kann jede Handlungsalternative mehrere Konsequenzen haben. Es wird davon ausgegangen, daß die Akteure eine unterschiedlich große Zahl und nicht die gleichen Konsequenzen wahrnehmen. Insgesamt ist zu vermuten, daß die Zahl der von einer Person in Betracht gezogenen Konsequenzen nicht sehr hoch ist, da die Akteure sonst vor einen sehr komplexen Prozeß der Abwägung gestellt wären, den sie nicht mehr bewältigen können.


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Das Problem der Operationalisierung ist für das Modell rationalen Handelns so bedeutsam, weil hieran deutlich wird, welchen Entscheidungsprozeß die rational-choice-Theorie bei den Individuen unterstellt. Dabei kommt es darauf an, die unterschiedlichen Implikationen der einzelnen Lösungsmöglichkeiten herausgearbeitet zu haben, insbesondere bei der Erhebung und der Messung. So schlagen die Experten vor<38>, eine standardisierte Entscheidungssituation vorzugeben, mit festen Vorgaben der Konsequenzen zu arbeiten, eine geringe Zahl von Konsequenzen zu verwenden, Handlungskonsequenzen positiv und negativ zu formulieren, die Dimensionalität der Konsequenzen zu prüfen.

Diesen theoretischen Überlegungen zufolge, entscheidet das Individuum in einer bestimmten Situation nur bezogen auf seine Wahrnehmungen und versucht auf diese Weise sein Verhalten zu maximalisieren. So begnügen sich die Akteure (in unserem Fall, die Probanden) mit einer ihnen als hinreichend erscheinenden Menge der möglichen Informationen, was keine objektive Maximierung darstellt. Diese Vorgänge hängen von vielen persönlichen Faktoren und Einstellungen ab. Die Individuen versuchen also auf ihnen möglichst bekannten Wegen (z.B. Routinen) und ihnen als hinreichend erscheinenden Bemühungen (z.B. Schutz- oder Risikoverhalten) zum Erfolg, Befriedigung usw. zu kommen. Wir vermuten demzufolge, daß die Gefahr, die durch AIDS existiert, von vielen nicht als relevant empfunden und daher unterschätzt wird (es sind keine ”habits“ zur AIDS-Gefahr entwickelt).

Ferner habe ich hier darauf verzichtet, eine modifizierte Version des rational choice-Modells zu diskutieren: die Einbeziehung von ”habits“ und vor allem von ”frames“ in die Entscheidungssituation (vgl. Esser, 1990, 1991; Lindenberg, 1990). In dieser Version wird die Entscheidungssituation um Präferenzen erweitert. Es wird angenommen, daß es in zahlreichen Situationen ein dominantes Ziel gibt, das die Entscheidungen beeinflußt, da das Individuum die Handlungsalternativen nur selektiv wahrnimmt und die wahrgenommenen zudem gewichtet.

5.3. Projektdurchführung

5.3.1. Methodisches Vorgehen

Für die Umsetzung unserer Forschungsziele ist eine Methodik des Umgangs zu Untersuchungsgruppen gefragt, die ein ausgewogenes Verhältnis von ”Interesse und Intimitätsschutz“ (vgl. Clement, 1990) garantiert, die eine Motivation zur Teilnahme bietet, ohne eine Intimitäts- oder Anonymitätsverletzung befürchten zu müssen. So haben wir einen Handlungs- und Praxisforschungsansatz verfolgt (vgl. Eberwein, 1987; Heiner, 1988; Kleiber, 1985, 1988; Merz, 1985) und deshalb eine Kombination von Aufklärung und Forschung angestrebt. Mit diesem Angebot haben wir auch versucht deutlich zu machen, daß wir eine akzeptierende, annehmende, nicht ausgrenzende Haltung gegenüber den Vertretern aus den einzelnen Zielgruppen einnehmen, die eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Vertrauensbildung bei der Befragung von so sensiblen Gegenstandsbereichen, wie Sexualität und AIDS sind. Dank den noch früher, bei der Durchführung meiner Diplomarbeit ”Promiskuität bei Bisexuellen“, geknüpften Kontakten haben wir schnell Zugang zu den einzelnen Probanden gefunden. Aufgrund der damaligen guten Zusammenarbeit war die Anonymität der Teilnehmer gewährleistet.


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Bei der Entwicklung des Fragebogens war die Benutzung von drastisch formulierten, alltäglichen Ausdrücken (Arschlecken usw.) für unsere Ziele notwendig, da wir dadurch die Verständlichkeit der Fragen verstärken wollten, damit wir möglichst wahrheitsnahe Antworten zu bekommen.

5.3.2. Planung der Datenerhebung

Im Vorfeld der Projektrealisierung haben wir uns vielfach die Frage gestellt, in wieweit es möglich sein würde, die Vertreter aus den einzelnen Zielgruppen hinsichtlich ihres Sexualverhaltens, ihres Risiko- bzw. Schutzverhaltens, ihrer sexuellen Aktivität, sowie hinsichtlich psychologischer und sozialer Merkmale zu befragen und ob - vorausgesetzt einzelne würden einer Befragung zustimmen - mit realitätsbezogenen Antworten zu rechnen sei. Wir haben ein ausweichendes Verhalten bei Leuten befürchtet, die sich möglicherweise aus Angst vor Diskriminierung ihres Tuns weigern würden, an unserer Untersuchung teilzunehmen. Es kann nicht bestritten werden, daß die Befragten ihr Verhalten ggf. beschönigen und positiver, bzw. harmloser darstellen werden, als es tatsächlich der Fall ist. Ein Antwortbias ist also nicht auszuschließen. Eine ”Glaubwürdigkeitskontrolle“ des Antwortverhaltens der Befragten ist in Grenzen durch die Prüfung der Konsistenz von Antworten möglich, bedarf jedoch eigentlich weiterer Informationsquellen.

Nach den Erfahrungen von vielen bedeutenden Sexualwissenschaftler (vgl. Kinsey 1948, Haeberle 1995 u.v.a.) sind die wichtigen Aspekte und Probleme der Sexualität durchaus standardisiert recht gut zu erfassen, sofern allerdings Vertrauen hergestellt wird, die Befragten sich in den Fragebögen wiederfinden und sofern ihr Interesse geweckt wird.

Qualitative Methoden (z.B. offene Fragen) haben einen zusätzlichen und eigenen Stellenwert, wenn z.B. subjektive Sichtweisen oder individuelle Verhaltensmuster erfaßt werden sollen. Zur Hypothesentestung und zur Ermittlung von Populationskennwerten sind qualitative Studien aber ungeeignet.

Entscheidend für unsere Untersuchung war auch das Interviewerverhalten. Deshalb war es wichtig, solche Personen als Interviewerinnen einzusetzen, die kontaktfähig, sozial kompetent und in der Lage waren, für Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten, Einstellungen und Verhaltensweisen, ein offenes Gesprächsklima herzustellen.

Natürlich waren der Datenschutz, sowie Vertraulichkeit und Personenschutz bei der Erhebung und Auswertung der Daten zu berücksichtigen. Alle Daten wurden anonym, d.h. ohne Namen- und Adressenangaben erhoben. Außerdem werden Untersuchungsergebnisse nur in aggregierter Form präsentiert, damit auf konkrete Einzelpersonen nicht rückgeschlossen werden kann.


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5.3.3. Voruntersuchung zur Bestätigung des Frageinventars

Während der Erarbeitung des Fragebogens haben wir von mehreren , vorwiegend in der Forschung tätigen KollegInnen Rückmeldung, Kritik und Hinweise bekommen. Wir können außerdem den Fragebogen zur Diplomarbeit ”Promiskuität bei Bisexuellen“ als eine Art Pilotstudie ansehen, die uns erlaubte, weitere Einschätzungen bezüglich Verständlichkeit, Treffgenauigkeit der Problematik, etc. zu erhalten. Schriftliche und mündliche Rückmeldungen, Kritik und Anregungen wurden bei der Konstruktion des Fragebogens berücksichtigt.<39> Bei dieser Diplomarbeit, die den in V.3.2. ausgeführten forschungsethischen Prinzipien folgte, registrierte ich eine erfreulich hohe Auskunftsbereitschaft der Befragten. Im Winter 1994/1995 waren auf der Grundlage eines standardisierten Erhebungsinstrumentes ausführliche Interviews mit insgesamt 32 bulgarischen Probanden mit bisexuellem Verhalten durchführbar gewesen. In dem eingesetzten Erhebungsinstrumentarium ging es vor allem um die Inhaltsbereiche:

Überraschend waren die meisten angesprochenen Leuten spontan zu einem Interview bereit. Die Akzeptanz der Untersuchung war sogar noch zu erhöhen, wenn der Hinweis gegeben wurde, daß es sich um eine ”West-Studie“, d.h. eine Studie, die an einer deutschen Universität (Humboldt-Universität) handelt. Das wurde allgemein als ”sehr interessant“, ”neu“ und als ”beruhigend“ eingeschätzt. Da Bulgarisch gesprochen wurde, hatten die Probanden offensichtlich das Gefühl, frei reden und Auskunft geben zu können. In den Gesprächen ging es nicht um ”richtig“/“falsch“ oder ”normal“/“pervers“, sondern es wurden die persönlichen Erfahrungen der Befragten erfragt, die für uns ”Experten ihres Alltags“ waren. Auf diese Weise gelang uns zumeist, ein sehr offenes Gesprächsklima herzustellen. Die Tatsache, daß die Befragten als kundige Fachleute angesprochen wurden, löste bei manchen von ihnen sogar ein nachhaltiges Mitteilungsbedürfnis aus.


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5.4. Probanden aus den Zielgruppen für die AIDS-Prävention

Bei den sexualpräventiven Maßnahmen zu AIDS, sind grundsätzlich vier große Zielgruppen in unserer Gesellschaft zu unterscheiden.

  1. Die Menschen, die bisher statistisch bereits am meisten betroffen sind und deren vermutlichen sexuellen Präferenzen ein besonders hohes Übertragungsrisiko bergen. Gemeint sind hier diejenigen Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten und die promisk lebenden Menschen, die bestimmte Formen des Sexualverhaltes bevor- zugen. Wir haben das bisexuelle Verhalten besonders behandelt da in der Debatte über die Gefahren von AIDS die Figur des bisexuellen Mannes ins Zentrum des Interesses rückte. Sexuelle Kontakte zu beiden Geschlechtern seien deshalb als infektiosrelevantes Phänomen zu betrachten, weil auch die bisherigen epidemiologischen Einsichten über homosexuelle Kontakte unter bestimmten Bedingungen mit einem hohen Infektionsrisiko verknüpft seien und eine über homosexuelle Kontakte erworbene HIV-Infektion auf die heterosexuelle Partnerinnnen übertragen werden könnten.
  2. Die Menschen, die aufgrund von intravenösen Drogengrauch in hohem Maße von der Infektion bedroht sind und die auch durch Beschaffungsprostitution sich und andere gefährden können.
  3. Alle sexuell aktiven Menschen in unserer Gesellschaft, die nicht durch bestimmte sexuelle Präferenzen oder irgendein besonderes gekennzeichnetes Sexualverhalten infektgefährdet sind, sondern nur dadurch, daß sie mit einem Menschen intimen Kontakt aufnehmen, ohne dabei die Safer-Sex-Regeln einzuhalten.
  4. Bei dem letztgenannten Personenkreis nimmt die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch eine Sonderstellung ein, weil sie aufgrund sexueller Unerfahrenheit, mangelnder allgemeiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis einerseits und großer Spontanität, Experimentierfreudigkeit und Risikobereitschaft andererseits in ganz besonderem Maße gefährdet ist.

In der AIDS-Prävention, die Daten aus Realsituationen benötigt, gilt die Regel, daß die Zielgruppen ”dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen“ (Koordinierungsstab AIDS, 1990). Deshalb sind solche Strategien gefragt, die das Vertrauen zwischen Forschern und Beforschten fördern. Die Situation, in der das Vertrauen fehlt, würde zu einer Selektion der Stichprobe ebenso führen, wie zu einer Selektivität der Aussagen, sie würden sozial erwünschte Aussagen fördern und insgesamt den potentiellen Erkenntnisgewinn der Untersuchung reduzieren.

Repräsentativität kann mit dieser Studie nicht angestrebt werden, da zum einen die Stichproben aus den einzelnen Zielgruppen nur begrenzt sein können und zum anderen über die Charakteristika und die Zusammensetzung der (theoretischen) Grundgesamtheiten kaum Informationen vorliegen. Auf diesem Bereich erste Kenntnisse zu gewinnen, war eine vorrangige Aufgabe der Studie. Um antizipierbare Selektionseffekte zu minimieren, war es sehr wichtig, Probanden aus unterschiedlichen Milieus und Schichten anzusprechen.

In diesem Punkt haben wir überlegt, welche Stichprobenverfahren wir anwenden können.


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Bei den Stichprobenverfahren lassen sich drei Gruppen unterscheiden (vgl. Böltken, 1976):

  1. Wahrscheinlichkeitsauswahl (Zufallsauswahl),
  2. bewußte Auswahl,
  3. willkürliche Auswahl.

Das Resultat einer Wahrscheinlichkeitsauswahl sind Zufallsstichproben. Für die ”bewußte Auswahl“ kann man das Quotenverfahren als ein Beispiel nennen. Zufallsstichproben und Quotenstichproben werden häufig als repräsentative Stichproben bezeichnet (vgl. Diekmann, 1995). Bei einer ”willkürlichen Auswahl“ wird der Vorgang der Stichprobenziehung nicht kontrolliert (z.B. psychologische Experimente). Die Auswahl erfolgt zumeist nicht nach stichprobentechnischen Kriterien; als Proband nimmt teil, wer sich freiwillig meldet.

Wenn seltene Populationen in einer Liste verzeichnet sind, dann ist eine Zufallsauswahl kein Problem. Bei anderen speziellen Populationen, insbesondere wenn diese durch ihr ”Anderssein“ definiert werden, ist eine Listenauswahl nicht möglich. In diesem Fall sind spezielle Sampling-Methoden erforderlich.

Eine solche Methode ist die ”Schneeballtechnik“. Bei dieser Methode ist besonders wichtig, daß die Befragungen anonym durchgeführt werden können. So haben Dannecker und Reiche (1974) in einer Untersuchung zu Männern mit homosexuellem Verhalten das Schneeballverfahren zugrunde gelegt. Die Fragebögen wurden an Freunde und Bekannte mit homosexuellem Verhalten verteilt, die ihrerseits Fragebögen im Freundes- und Bekanntenkreis weiterreichten. Der Nachteil des Schneeball-Sampling ist aber, daß nur unter sehr restriktiven Annahme eine Zufallsstichprobe erzeugt wird. Ähnlich wie die Schneeballmethode ist die Nominationstechnik. Hier werden von den Befragten (anonym) weitere Personen angegeben, die eine in der Untersuchung interessierende Aktivität ausführen.

Es war geplant, die Respondenten über zwei Zugangswege zu gewinnen, die sich alle zwei in der sexualwissenschaftlichen Forschung bei der Realisierung von Interviews bewährt haben (vgl. Kinsey et al., 1948; Kiefl 1991):

Unseren früheren guten Erfahrungen während der Durchführung der Diplomarbeit ”Promiskuität bei Bisexuellen“ folgend, haben wir wieder Kontakt zu NGO`s / Selbst-Hilfe-Gruppen der einzelnen Zielgruppen aufgenommen. Dabei haben wir mit der Hilfe des Zentrums für DrogengebraucherInnen, der Beratungsstelle für Leute mit homo- und bisexuellem Verhalten, des Sexologiezentrums bei der Armeeklinik die meisten Befragungen ermöglicht.


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Außerdem haben wir durch das Schneeballprinzip viele Fragebögen an Interessierte verteilt und ausgefüllt zurückbekommen.<40>

Die Interviews/Beantwortungen dauerten meist zwischen 15 und 30 Minuten; in Einzelfällen länger. In manchen Fällen wurde der Fragebogen zusammen mit dem Probanden durchgearbeitet, um anfallende Fragen und Probleme gleich aufzugreifen. Auf Wunsch der Einzelnen wurde der Fragebogen auch mitgegeben, um dann bei erneuter Vorstellung, auf gewisse Unklarheiten sowie spezielle Fragen einzugehen.

5.5. Erhebungsinstrumentarium

Die vorliegende Untersuchung will Strategien der Primärprävention von HIV/AIDS verbessern, imdem wir uns dafür entschieden haben, praktische Probleme der AIDS-Prävention zum Ausgangspunkt zu machen.

Auf der Suche nach einem herkömmlichen Verfahren, mit dem man die Sichtweise einer Person bezüglich bestimmter Verhaltensweisen und Einstellungen empirisch erheben kann, stößt man zunächst auf die Methoden der Einstellungsmessungen per Fragebogen oder standardisiertem Interview. Damit werden die Daten über Sachverhalte erhoben, um sie nach geeigneter, meist statistischer Auswertung als Beleg oder Widerlegung bestimmter theoretischer Sätze wie Hypothesen, Vermutungen usw. anführen zu können. Das setzt voraus, daß die Daten ”brauchbar“ sind, d.h., daß sie bestimmten Gütekriterien wie Objektivität, Reliabilität und Validität entsprechen.

Ein Erhebungsverfahren gilt als objektiv, wenn verschiedene Anwender unter Einhaltung der Verfahrensregeln zu denselben Daten gelangen (vgl. Borz, 1984). In unserem Falle gilt: Je geringer der Einfluß des Fragenden auf Inhalt und Art der Antworten der Befragten ist, desto objektiver ist die Erhebungstechnik.

In dieser Hinsicht haben wir versucht unsere Fragebögen möglichst einfach und standardisiert zu gestalten, damit die Fragen nicht mißverstanden werden und die Ergebnisse später mit anderen Untersuchungen verglichen werden können. Außerdem haben wir uns bemüht, eine möglichst ”repräsentative Itemsstichprobe“ zu erfassen. So repräsentierte die Auswahl von Items die zu messende Eigenschaft in hohem Grad (Inhaltsvalidität).

Mit Hilfe der oben erwähnten Diplomarbeit, die wir auch als Prätest für unsere Untersuchung ansehen, wurde ein Fragebogen erarbeitet, der mehrfach ergänzt, detailliert, revidiert und validiert wurde. Mit dem Fragebogeninstrumentarium zum Thema ”Sexualität und AIDS“ (vgl. Anhang) können Informationen zu 55 Themenbereichen wie Einstellungen zu Sexualität, AIDS und Kondomen, Risiko- und Alltagsverhalten etc. erfaßt werden. Für jede in der Untersuchung zu erreichenden Zielgruppe (hetero-, homo- und bisexuelles Verhalten; intravenöser Gebrauch von Drogen; prostitutives Verhalten) mußten spezifische Fragenkomplexe einbezogen werden, die zum einen so entwickelt sein sollten, daß möglichst viele vergleichbare Informationen erfaßt werden, die andererseits aber der spezifischen Realität jeder der Gruppen nahe liegen.


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Neben diesen schon erwähnten Fragenkomplexen wurde Wert auf soziodemographische Merkmale, Eigenakzeptanz und Selbstbild gelegt, immer unter Berücksichtigung der Gefahr der HIV-Infektion, Partnerverhalten, Zahl der frequentierten Partner sowie abschließende Fragen, in denen sich jeder zu der Situation der AIDS-Prävention in Bulgarien äußern kann.

Die Fragen selbst sind mit unterschiedlichen Beantwortungsmustern versehen:

5.6. Fragestellungen und Ziele

Da für eine gezielte AIDS-Prävention bei den einzelnen Zielgruppen in Bulgarien gegenwärtig fast keine Informationen vorhanden sind, hat die hier vorgestellte Untersuchung das Ziel, einige der angesprochenen Fragen zu beantworten und Informationen über soziale und psychologische Charakteristika der einzelnen Zielgruppen für die AIDS-Prävention zu erheben, auszuwerten und zu diskutieren. In dieser Hinsicht soll die Untersuchung Aufschlüsse über die Zusammensetzung der Zielgruppen in Bulgarien geben sowie über deren Sexual-, Risiko- und Schutzverhalten. Untersucht werden soll auch die vermutliche epidemiologische Relevanz soziokultureller Faktoren für die Akzeptanz von Präventionsmaßnahmen.

Vorrangig sollen Basisinformationen über das Verhalten und die milieuspezifische Charakteristika bulgarischer HIV-Gefährdeter erhoben werden. Von besonderem Interesse im Hinblick auf die Präventionsumsetzung ist die Frage: Welche soziokulturellen und individuellen Faktoren bestimmen das Sexualverhalten in Bulgarien?

Auf der Basis der erhobenen empirischen Daten zum Sexual- und Risikoverhalten von den Probanden sollen unter Einbeziehung anderer verfügbarer Datenquellen außerdem folgende Fragen beantwortet werden:


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Schließlich sollen die gewonnenen Ergebnisse hinsichtlich ihrer Nützlichkeit für AIDS-Präventionsstrategien eingeschätzt und entsprechende Empfehlungen gegeben werden. Das würde hoffentlich der optimalen Gestaltung der AIDS-Präventionskampagnen in Bulgarien und Deutschland helfen.

5.7. Ergebnisse der Untersuchung

In die Auswertung gingen die Informationen aus n=61 von den Untersuchungsteilnehmern ausgefüllten Fragebögen. Dabei haben wir gezielt n=12 Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen, von denen eine Person Beschaffungsprostitution praktizierte; n=15 Menschen mit bisexuellem Verhalten, von denen n=1 Prostitutionserfahrung hat; n=20 Menschen mit homosexuellem Verhalten, von denen 10 Personen auch Prostitutionserfahrung haben bzw. noch im Befragungszeitpunkt auf dem Strich gingen und n= 14 Menschen mit heterosexuellem Verhalten befragt. Wir werden zu allen Fragenkomplexen die relevante Antwortanalysen einerseits zielgruppenspezifisch und andererseits in bezug auf die Gesamtstichprobe vorstellen. Damit möchten wir nach wichtigen und interessanten für die AIDS-Präventionsstrategie Ähnlichkeits- und Unterschiedsdeterminanten im Sexual- und Schutzverhalten suchen und sie analysieren.

Wie schon erwähnt, werden wir unsere Aufmerksamkeit nur den relevanten und interpretationsmöglichen Antwortskomplexen widmen. Außerdem werden wir in unserer Studie durch Kreuztabellen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Items untersuchen.

5.7.1. Soziodemographische Merkmale der Stichprobe

Hinsichtlich der Frage nach sozialen Charakteristika bulgarischer Zielgruppen für die AIDS-Prävention sind zunächst einmal soziodemographische Variablen von Interesse. Um Menschen im Rahmen aidspräventiver Maßnahmen als Zielgruppe ansprechen zu können, ist es wichtig zu wissen, was die Merkmale dieser Probanden sind und ob es hier um homogene Gruppen handelt, deren Mitglieder spezifische Merkmale aufweisen. Entsprechend wurden zunächst einmal Angaben zum Geschlecht, zum Alter, zum Geburtsort, zur Ausbildung und zum Familienstand erfragt.

Die soziodemographischen Daten der untersuchten Gruppen weisen eine geringe Streubreite auf. Von daher spiegeln die von uns untersuchten Zielgruppen keinen Durchschnitt der Zielgruppen in ganz Bulgarien wider.

Insgesamt haben wir 77% Männer und 23% Frauen befragt. Den höchsten Prozentanteil der Männer hatten wir logischerweise bei den Menschen mit homosexuellem Verhalten - wir haben in unserer Studie nur Männer mit homosexuellem Verhalten befragt, da in der Sexualwissenschaft den Sexualkontakten zwischen Frauen kaum ein Risiko hinsichtlich einer möglichen HIV-Infektion zugeschrieben wird. Bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten haben wir auch eine Frau erreicht, was 6,7% von der Zielgruppe ausmacht. Bei den Menschen mit heterosexuellem Verhalten waren 42,9% Männer und 57, 1% Frauen, bei den intravenösen Drogengebraucher - 58,3% Männer und 41, 7% Frauen (s. Diagramm 7).


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Diagramm 7: Geschlecht der Probanden aus den einzelnen Zielgruppen.

Die Altersverteilung der Befragung zeigt eine geringere Streuung als z.B. die der Runkel-Studie (vgl. Runkel, 1989). Lag die Altersspanne der Runkel-Studie bei beiden Geschlechtern zwischen 15 Jahren und über 76 Jahren, so bewegen sich die Angaben unserer Untersuchung zwischen 18 und 48 Jahren. Das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren (s. Diagramm 8).

Diagramm 8: Altersverteilung aller befragten Personen.

Dabei hat sich die Stichprobe der Personen mit bisexuellem Verhalten als älteste Gruppe erwiesen - Mean 31,8 Jahre. Am jüngsten sind die Probanden mit heterosexuellem Verhalten - Mean 25,5 Jahre.


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In der Gesamtstichprobe handelt es sich um eine relativ jüngere Population, da in Bulgarien Sexualität immer noch als ein sehr geheimes und tabugeladenes Thema von den meisten älteren Menschen verstanden wird und wir somit leichter bei den jungen Leuten Informationen bekommen haben.

Leider konnten wir nicht viele junge Drogengebraucher ansprechen, weil ihre Probleme angesichts der ansteigenden Inzidenz in dieser Population uns wichtig erscheinen. In der Narkomanie-Klinik, in der wir unsere Interviews durchführten, waren fast alle Leute auf Methadonbehandlung und das Mittelalter (Mean) lag bei 26,6 Jahren.

Bei unserer Stichprobe handelt sich um Personen, die zum großen Teil in einer Großstadt geboren sind. Diese gezwungene Selektion erfolgte aus finanziellen und organisatorischen Gründen, weil es uns nur möglich war, die Untersuchung in der Hauptstadt Sofia durchzuführen. Den höchsten Prozentsatz der Menschen, die nicht in einer Großstadt geboren worden sind, weisen die Leute mit homosexuellem Verhalten auf. Das ist vielleicht erklärbar mit der Annahme, daß ähnlich wie in den Westländern die Menschen mit homosexuellem Verhalten aus verschiedenen Gründen (Anonymität, Diskriminationsausweichung, bessere Lebensgestaltung usw.) in die Großstädte umsiedeln (Diagramm 9).

Diagramm 9: Geburtsort

Das Ausbildungsniveau der Gesamtstichprobe ist ziemlich hoch - 37,7% der Menschen haben eine Hochschulausbildung absolviert, 36,1% haben ein Abitur, 19,7% sind noch in der Ausbildung. Die höchsten Ausbildungsgrade haben die Menschen mit bisexuellem Verhalten - 60% haben eine Hochschulausbildung, welches unter anderem mit dem relativ höheren Alter und mit dem Umstand, daß fast alle ihre Ausbildung abgeschlossen haben (nur 6,7% sind noch in der Ausbildung), zu tun hat. Ein gutes Ausbildungsniveau haben auch die Menschen mit heterosexuellem Verhalten - 42,9%, sie haben aber den größten Anteil der noch Auszubildenden - 28,6%. Nur 8,3% der Menschen, die Drogen intravenös benutzen haben eine akademische Ausbildung, viele von ihnen - 25% - streben aber nach einer höheren Qualifizierung, die meisten haben lediglich das Abitur absolviert (s. Diagramm 10).


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Diagramm 10: Ausbildungsgrade

Der größeren Teilnahme von Leuten aus gehobenen Bildungsschichten könnte auch ein Generationseffekt zugrunde liegen mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß die jüngeren Altersgruppen überrepräsentiert waren (siehe oben), die in der Zeit des Bildungsbooms aufgewachsen sind und daher ein durchschnittlich hohes Bildungsniveau aufweisen. Nicht weniger berechtigt dürfte die Erklärung sein, die etwa davon ausgeht, daß Akademiker auf Grund ihrer vergleichsweise vielseitigeren Interessen eher bereit währen, an der Studie teilzunehmen.

Was den Familienstand der Probanden betrifft, handelt es sich bei unserer Gesamtstichprobe um Personen, die in ihrer Mehrheit keine familiären Verhältnisse eingegangen sind - 77% sind ledig, lediglich nur 13,1% sind verheiratet, 9,8% sind geschieden. Verständlicherweise sind 95% der Menschen mit homosexuellem Verhalten ledig, nur eine Person ist geschieden. Die meisten Personen, die verheiratet - 33,3% - oder geschieden - 26,7% - sind, gehören zur Gruppe der Menschen mit bisexuellem Verhalten. Diese Daten bestätigen auch die Untersuchungsergebnisse meiner Diplomarbeit, bei denen 47,6% der Männer und 20% der Frauen verheiratet waren. Bei den Menschen, die intravenös Drogen benutzen lebt keine Person in einer ehelichen Beziehung; die Menschen mit heterosexuellem Verhalten, auch auf Grund ihres jungen Alters, sind auch zum Großteil ledig - 78,6% (s. Tabelle 11). Nachwuchs haben 12,1% der Untersuchten.


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Diagramm 11: Familienstand

5.7.2. Fragen nach der sexuellen Aufklärung und der Aufklärung über HIV/AIDS

Besonders wichtig für unsere Arbeit waren die Fragen zum Prozeß der sexuellen Aufklärung und der Aufklärung über HIV/AIDS. Hier fragten wir einerseits nach dem Milieu, in dem die jungen Menschen ihr Wissen über Sexualität bekommen und andererseits durch welche Personen bzw. Institutionen sie Informationen über HIV/AIDS schöpfen.

Über Sexualität wurden die meisten Menschen im Freundeskreis aufgeklärt - 84,7% und durch die verschiedenen Medien - 20,3%.<41> Beängstigend niedrig wirken die Prozentsätze derjenigen, die ihr Sexualwissen im Elternhaus (15,3%) bzw. in der Schulausbildung (13,6%) bekommen haben. Das bestätigt die Äußerungen vieler bulgarischer Pädagogen, daß in der bulgarischen Familie die Sexualität als Tabuthema angesehen wird und kaum darüber gesprochen wird.

Der niedrige Prozentsatz (13,6%) derjenigen, die die Antworten auf ihre Fragen bzgl. Sexualität in der Schule bekommen haben, kommt für uns nicht überraschend, da in den bulgarischen Schulen kein Unterricht in Sexualkunde existiert. Die Schüler erhielten lediglich zwei Lehrstunden in Biologie über die weiblichen und männlichen Geschlechtsysteme.

Defizite schulischer Sexualerziehung - insbesondere ihre weitgehende Beschränkung auf die Vermittlung biologischen Grundwissens - haben empirische Untersuchungen zum Thema eindrucksvoll belegen können<42>. Die Aufdeckung dieses Faktums ist mitverantwortlich dafür, daß die Rolle der schulischen Sexualerziehung für die Entwicklung des Sexualverhaltens der Jugendlichen überwiegend als äußerst gering veranschlagt wird.


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Auf die Tatsache, daß die Schule einen wichtigen Beitrag zur geschlechtlichen Sozialisation leisten kann und soll, wird keine Rücksicht genommen. Verständlicherweise gehen Jugendliche deshalb auf Distanz; die im Unterricht besprochenen Probleme und Themen werden eher als lebensfern empfunden. So wird die Gelegenheit verpaßt, daß die Schüler und Schülerinnen in der Schule lernen können, verschiedenartige soziale Beziehungen aufzubauen, ein gesellschaftlich akzeptables Normen- und Wertesystem zu entwickeln und mit den Konsummöglichkeiten und -gefahren unserer Gesellschaft bewußt und angemessen umzugehen (vgl. Hurrelmann, 1989).

Wie schon erwähnt, sind unsere Ergebnisse zu dieser Frage fast identisch mit den Antworten auf die gleiche Frage in einer Enquete der Agentur für sozio-ökonomische Analyse in Sofia, die im Auftrag des Bulgarischen Gesundheitsministerium im Jahre 1995 durchgeführt wurde.<43> Auf die Frage ”Sprechen Sie über Sexualität mit ihren Eltern?“ antworteten lediglich 14,8% der Befragten mit ”ja“.

Die Prozentsätze der Antworten weisen keine relevanten Unterschiede bei den einzelnen Probandengruppen in unserer Untersuchung auf. In Bulgarien bekommt man also Informationen über die im Jugendalter noch unbekannte Sexualität nur ”auf der Straße“ von den Freunden (s. Diagramm 12). Dabei spielen die Eltern und die Schulausbildung immer noch keine wesentliche Rolle in der Sexualerziehung.

Diagramm 12: Sexualaufklärung durch:

Die Prozentsätze der Gesamtstichprobe bestätigen noch ein mal die oben ausgeführten Thesen (s. Diagramm 13).


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Diagramm 13: Sexualaufklärung der Gesamtstichprobe durch:

Auf ganz andere Wege bekommen die Menschen in Bulgarien ihre Informationen über die Krankheit des Jahrhunderts: AIDS. Die Mehrheit schöpft ihr Wissen aus den Medien, da aufgrund der mangelnden Präventionsmaßnahmen in Bulgarien nur ganz wenige Menschen im Freundeskreis eine genaue Vorstellung über HI-Virus und AIDS haben (das bestätigen auch die unten im Text ausgeführten Ergebnisse zum Wissensstand über die HIV-Übertragungswege und über den HIV-Test). Elternhaus und Schule als entscheidende Erziehungsinstitutionen treten demgegenüber in einem bescheidenen Umfang in Erscheinung. Gerade AIDS hat den maroden Zustand offenkundig gemacht, in dem sich schulische Sexualerziehung in Bulgarien insgesamt befindet: Mangelnde Ausbildung und Berührungsängste von Lehrkräften bei den Themen Sexualität und AIDS, das Aussparen sexualmoralisch strittiger Themen im Unterricht und Unkenntnis über die gültigen Richtlinien bestimmen die Unterrichtswirklichkeit (falls überhaupt vorhanden).

Unterschiede zwischen den einzelnen Zielgruppen bestehen nur bei den Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten, da sie vergleichsweise mehr Informationen über AIDS von ihren Freunden bekommen (Diagramm 14).


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Diagramm 14: Aufklärung über die HIV-Infektion und AIDS durch:

Zusammenfassung

Die Schule zählt kaum zu den Institutionen, die zur Sexualitäts- und AIDS-Aufklärung der Jugendlichen in Bulgarien beiträgt. Nicht nur der Mangel an Lehrmaterial bzw. an Lehrstunden zu diesen Themen trägt dazu bei. Auch die fehlende Motivation, die mangelnde Fachkompetenz, die Angst davor, sich eigene sexuelle Bedürfnisse, u.a. auch mit Schülern einzugestehen, sind für die Probleme der Sexualitäts-/AIDS-Aufklärung in den Schulen verantwortlich.

Die meisten Jugendlichen in Bulgarien bekommen auch kaum Informationen über Sexualität bzw. AIDS von den Eltern. Der Grund könnte zum Teil auch im autoritären Verhalten der Eltern liegen, das vielfach als Folge ökonomisch eingeschränkter Lebensbedingungen aufgezeigt worden ist, vermittelt über die psychischen Belastungen und als Gegenreaktion auf die geringe Kontrolle über die eigene Lage. Auch Arbeitslosigkeit und finanzielle Verknappung und der damit verbundene Verlust an Autorität in der Familie machen es den Elternteilen besonders schwer, den Nachwuchs über verschiedene Problemen aufzuklären.

5.7.3. Psychologische Charakteristika

5.7.3.1. Allgemeine Lebens- und Sexualeinstellungen

Sexualität umfaßt nicht nur physiologische Prozesse im menschlichen Körper und psychische Wahrnehmungen im Bewußtseinssystem, sondern stellt sich auch in einer sozialen Dimension dar: Immer ist Sexualität mit den eigenen Wert- und Idealvorstellungen eines Menschencharakters geprägt, beeinflußt und ermöglicht. Die Bedeutung der unterschiedlichen für jeden einzelnen Menschen, mikrosozialen Dimensionen der Werte für die sexuelle Interaktion ist bisher unerforscht geblieben. Dabei sind gerade diese Wertvorstellungen von besonderer Relevanz für eine Optimierung von Präventionsmaßnahmen.


83

Mit der Hilfe des Diagramms 15 haben wir versucht, das Verhältnis der einzelnen Zielgruppen zu bestimmten Lebenswerten zu erforschen. Wir haben als Stichwörter einige Grundbegriffe aus unterschiedlichen Lebenssphären genommen.

Bei allen Zielgruppen ist das Bedürfnis nach Autonomie am stärksten ausgeprägt, wobei persönliche Freiheit von den Drogengebrauchern (83,3%) und bei den Menschen mit heterosexuellem Verhalten (71,4%) als wichtigster Lebenswert eingeschätzt wird. Für die Menschen mit bisexuellem Verhalten (53,3%) und die Drogengebraucher (66,7%) ist Familie der zweitwichtigste Wert im Leben. Die Menschen mit heterosexuellem Verhalten stellen an die zweite Stelle Verantwortung (57,1%), für die Menschen mit homosexuellem Verhalten sind Hobby und Spaß hinter persönliche Freiheit am zweitwichtigsten. Lebenswerte wie Arbeit und Tradition werden von allen Zielgruppen nicht besonders hoch geschätzt, was vielleicht auch mit dem jungen Alter der meisten Probanden in Verbindung steht. Was den nicht besonders hohen Stellenwert der Tradition angeht, können wir eine liberalere Einstellung seitens der Menschen mit heterosexuellem Verhalten, also der Allgemeinbevölkerung gegenüber den Menschen mit andersartigem Verhalten feststellen, da sich die traditionelle Normen in Bulgarien in Abneigungs- und Ausweichsverhalten zu diesen Gruppen äußern (s. Diagramm 15).

Diagramm 15: Die wichtigsten Werte im Leben (Mehrfachantworten möglich)

Für alle Zielgruppen stand Liebe (57,1% bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten bis 75% bei den Drogengebrauchern) an erster Stelle der Rangreihe der verschiedenen Begriffe für die Bedeutung der Sexualität (s. Diagramm 16). Diese Angaben sind nicht überraschend, da auch in der heutigen modernen Zeit der Liebe für die Gestaltung von Sexualität nach wie vor eine hohe Bedeutung zukommt.


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In dieser Beziehung sollte man auch die Untersuchungsergebnisse zum Sextourismus von Kleiber und Velten aus dem Jahr 1994 erwähnen (vgl. Kleiber u. Velten, 1994; Gerhards, 1992). Sie haben die Liebe als Risikofaktor beim Kondomgebrauch identifiziert. Nach ihren Schlußfolgerungen benutzen die Männer, die sich in eine einheimische prostitutive Partnerin verliebt hatten, deutlich seltener Kondome als Männer, bei denen dieses nicht der Fall war. Wir haben diese These für unsere Stichprobe anhand einer Crosstabellenanalyse zwischen dem Begriff Liebe und der Kondombenutzungsrate überprüft. Dabei sind wir zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, daß 47,4% der Probanden, die Liebe als wichtiger Sexualitätsfaktor angezeigt hatten, grundsätzlich keine Kondome benutzen. Dagegen benutzt die Mehrheit der Probanden, für die die Sexualität nur Spaß bedeutet, gezielt Kondome als Schutz vor Geschlechtskrankheiten und AIDS (16,4% benutzen Kondome, 3,3% nicht).

Treue ist die zweitwichtigste Voraussetzung in der Sexualität für die Menschen mit homosexuellem Verhalten (40%) und für die Drogengebraucher (25%). Die Angaben bei den Menschen mit homosexuellem Verhalten kommen etwas überraschend, da viele bisherigen Untersuchungen gezeigt haben, daß Toleranz bezüglich der Untreue des Sexualpartners groß ist. So lehnen nur 10% der befragten Befreundeten in der Untersuchung von Dannecker die sexuelle Untreue ihres Freundes ab (vgl. Dannecker, 1987). Überraschenderweise ist Treue für keinen der befragten Menschen mit heterosexuellem Verhalten von Bedeutung, da anscheinend sexuelle Treue ein ausgezeichnetes Mittel ist, jedes Infektionsrisiko zu vermeiden, vorausgesetzt beide Partner sind (und waren) sich gegenseitig treu (anscheinend, weil Voraussetzung für Treue ist ein Mensch, dem man treu sei kann, aber den muß man erst finden). So müssen die Menschen mehrmals mit unterschiedlichen Partnern Kontakte aufbauen. Wenn es dabei zu sexuellen Aktivitäten kommt und die Biographie des Partners nicht hinreichend bekannt ist oder, wie oben ausgeführt, aus Liebe keine Kondome benutzt werden, geht dann der Mensch mit einem solchen Kontakt ein Infektionsrisiko ein.

In der Tat scheint die Entsexualisierung der Welt der Menschen mit heterosexuellem Verhalten, weit fortgeschritten zu sein - für ganze 23,1% ist Sex nicht von großer Bedeutung.

Die Ergebnisse zeigen, daß immer noch für die Menschen mit s.g. ”abweichendem“ Sexualverhalten (homo- und bisexuell) ihre Sexualität mit gesellschaftlichen Normen in Verbindung steht (jeweils 5% und 14,3%). Das könnte als Hinweis einer noch aktuellen Ausgrenzung seitens der Allgemeinbevölkerung interpretiert werden. Dazu kommt die Angst vor der Sexualität bei 14,3% der Menschen mit bisexuellem Verhalten. Die Sexualität als Kindererzeugung verstehen die Menschen, die auch am meisten in familiären Verhältnissen leben - 21,4% der Menschen mit bi-, 7,7% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten und 16,7% der Drogengebraucher. Anstrengung als Teil der Sexualität ist bei allen Zielgruppen wenig vorhanden (Höchstwert 14,3% bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten).


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Diagramm 16: Was bedeutet die Sexualität für Sie (Mehrfachantworten möglich)?

Die Mehrheit aller Befragten meinte, sehr einfühlsam in der Sexualität zu sein und bezeichnete sich als guter Liebhaber bzw. gute Liebhaberin, wobei die Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen mit 91,7% an der Spitze liegen. Zu vermuten ist, daß diese Behauptung der Mehrheit der Drogengebraucher ein Kompensierungsversuch eigener Selbstunsicherheit sein könnte, da bekannt ist, daß die Sexualpotenz durch den Drogengebrauch beeinträchtigt wird.

Ungefähr jeder Dritte von den Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten und von den Drogengebrauchern gibt an, sich mit Frauen bzw. Männern gut auszukennen. Hier fällt auf, daß nur 7,1% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten dieser Meinung sind.

Relativ viele Menschen (von 66,7% bei den Menschen mit hetero- bis 35,7% bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten) gaben an, sich über ihre eigene Sexualität Gedanken gemacht zu haben.

Probleme mit der eigenen Sexualität wurden deutlich besonders bei den Menschen mit homo- (15,8%) und bei den Menschen mit heterosexuellem Verhalten (14,3%). Für jeden vierten Drogengebraucher und Mensch mit heterosexuellem Verhalten ist die Sexualität mit Angst verbunden (s. Tabelle 9).


86

Tabelle 9: Aspekte des sexuellen Erlebens*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Gute/r Liebhaber/in

66,7%

60%

78,6%

91,7%

72,1%

In der Sexualität sehr einfühlsam

69,2%

75%

69,2%

66,7%

70,7%

Über eigene Sexualität nachgedacht

35,7%

47,4%

57,1%

66,7%

50,8%

Mit Frauen/Männer kenne ich mich aus

28,6%

31,6%

7,1%

27,3%

24,1%

Sexualität macht mir Angst

14,3%

5,3%

21,4%

25%

15,3%

Sexuelle Probleme

7,1%

15,8%

14,3%

8,3%

11,9%

Sexuell unerfahren

0%

10,5%

0%

0%

3,4%

*Angaben zu “stimmt“.

Die Antworten auf die Frage nach dem Gesprächspartner zu den Problemen, die die Sexualität mit sich bringt, bestätigen noch mal die Ergebnisse zu der Sexual- und AIDS-Aufklärung (s. Tabellen 13 u.15). Obwohl eine hohe Gesprächsbereitschaft zu den Fragen der Sexualität bei allen Zielgruppen vorhanden ist (75% der Drogengebraucher und jeder zweite aus den anderen Zielgruppenn sprechen offen über ihre sexuellen Bedürfnisse und Probleme; (s. Diagramm 18), sind Vertrauenspersonen wie die Eltern oder die Ärzte keine Gesprächspartner zu Themen der Sexualität. So werden wichtige Quellen für die AIDS-Prävention und für die Lösung sexueller Probleme verloren. Was die Familie angeht, ist das besonders schmerzlich, da die Sensibilisierung für den eigenen Körper, die Beziehung zum Partner eine langfristige Persönlichkeitsveränderung bedeutet und durch den Mangel an Kommunikation sehr erschwert wird. Alle Zielgruppen reden am häufigsten über die Sexualität mit den Freunden bzw. mit dem Partner/mit der Partnerin (s. Diagramm 17).

Diagramm 17: Mit wem reden Sie über Sex?


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Wie schon erwähnt, sprechen die Drogengebraucher sehr offen über Sex, die Menschen mit homosexuellem Verhalten erweisen sich am geheimsten - 35% von ihnen reden nicht offen über Sex (s. Diagramm 18).

Diagramm 18: Wie offen reden Sie über Sex?

Sehr interessant sind die Ergebnisse zu der Frage nach der ”Normalität“ der eigenen Sexualität. Sichtbar werden die Folgen und die Auswirkungen der langjährigen Stigmatisierung und Diskriminierung der s.g. Randgruppen in Bulgarien. Obwohl man ganz sicher versucht hat, die eigene Identität zu behalten, vertreten die Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten (jeweils 75% u. 46,7%) die Meinung, daß ihre eigene Sexualität nicht als ”normal“ bezeichnet werden kann. 33,3% der Drogengebraucher bezeichnen auch ihre Sexualität als nicht normal (s. Diagramm 19).

Diagramm 19: Ist Ihr Sex normal?


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Die Tatsache, daß ihre Sexualität ”nicht normal“ ist, spielt für die Mehrheit der Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten keine Rolle. Nicht gering ist aber die Zahl derjenigen Vertreter dieser sexuellen Präferenzen (jede/r vierte), die Angst haben, daß ihr Sexualverhalten publik wird. 11,1% der Menschen mit bisexuellem Verhalten fühlen sich auch dabei schuldig (s. Diagramm 20).

Diagramm 20: Falls Sie der Meinung sind, daß Ihre Sexualhandlungen von der Gesellschaft als ”unnormal“ bezeichnet werden, was bedeutet Ihnen diese Tatsache?

5.7.3.2. Einstellungen zu den sozialpolitischen Entwicklungen in Bulgarien

Mit dem Ziel, das Gesamtbild der Lebenseinstellungen der Zielgruppen für die AIDS-Prävention in Bulgarien zu vervollständigen, haben wir auch nach den Einstellungen zu den sozialpolitischen Entwicklungen in Bulgarien seit der demokratischen Wende 1989 nachgefragt.

Weil wir überzeugt sind, daß die ökonomischen und sozialen Veränderungen in Bulgarien das Sexualleben der Menschen stark beeinflußt haben, sehen wir den hohen Prozentsatz der Leute, die diese Veränderungen eher in einem negativen Licht empfinden (59% der Gesamtstichprobe), als keine begünstigende Voraussetzung für die AIDS-Prävention, an. Die durch die Krise verursachten finanziellen Probleme, die steigende Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen düsteren Entwicklungsperspektiven für die Gesamtbevölkerung, führen zwangsläufig unter anderem zu einer vorzeitigen Ausschöpfung der psychischen Reserven eines Menschen. Diese Belastungssituation kann zu einer Unbekümmertheit über die zukünftigen Konsequenzen, die das Risikoverhalten hinsichtlich verschiedener Krankheiten (auch STD’s und AIDS) mit sich bringt, führen.

Es fällt auf, daß fast keine Unterschiede zwischen den Einstellungen zum Problem der einzelnen Zielgruppen bestehen. Wo auch die Menschen aus den s.g. ”Randgruppen“ diese Entwicklungen nicht eher positiv sehen, läßt uns feststellen, daß sich ihre Lage in der Gesellschaft kaum verbessert hat: Obwohl sie aufgrund ihres Verhaltens nicht mehr gesetzlich verfolgt werden, haben sie neue Probleme bekommen, die sich negativ auf ihre Einstellungen zur Entwicklung in Bulgarien auswirken (s. Diagramm 21).


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Diagramm 21: Einstellung zu der Entwicklung Bulgariens seit der Wende 1989.

Zusammenfassung

Ein zusammenfassender Blick auf unsere Ergebnisse zu den Lebens- und Sexualeinstellungen der Probanden zeigt, daß die meisten von ihnen, egal welcher Zielgruppenzugehörigkeit, die Werte Liebe und Treue, gleichzeitig gekoppelt mit persönlicher Freiheit, am wichtigsten finden.

Wenn man AIDS-Prävention nicht nur zu einer Handlungsanweisung über Safer- Sex und Kondombenutzung verkümmern lassen will, dann muß man die Leute vor allem dazu ermutigen, über Sexualität und AIDS auch mit kompetenten Menschen zu sprechen. Die meisten Probanden müssen auch von den kompetenten ärztlichen Stellungnahmen lernen können. Damit wollen wir nicht sagen, daß die Kommunikation im Freundeskreis unwichtig für die AIDS-Prävention ist. Miteinander reden bedeutet, gemeinsame Verantwortung für sich und den anderen zu übernehmen. Diese Gespräche können z. B. auch dazu führen, daß einer der Sexpartner zu einem (ungeschützten) Sexualkontakt ”nein“ sagt, wenn er dadurch keine Sicherheit empfindet.

Schließlich können wir an den von den meisten Menschen für die Gespräche über Sex bevorzugten Personengruppen und Institutionen noch mal feststellen, daß sie diesen Vertrauensbonus gewonnen haben, den die Eltern/Ärzteschaft/Schule nicht erreichten.


90

5.7.3.3. Zum Selbstbild der einzelnen Zielgruppen.

Damit wir eine empirisch fundierte psychologische Typisierung von den Zielgruppen erhalten, setzten wir einen von Kleiber, Velten und Jacobowski (vgl. Kleiber, Velten & Jacobowski, 1990) entwickelten Fragenkomplex ein, der den befragten Personen ermöglicht, zu beschreiben, wie sie sich selber sehen. Kleiber, Velten und Jacobowski suchten anhand dieses Fragebogens in ihrer Prostitutionskundenstudie (1994) nach relevanten Indikatoren einer Freiertypologie. In dieser Studie haben sie drei relevante Dimensionen identifiziert, die als Indikatoren des Typs des Playboys, des Verlierers und des Familienvaters verstanden werden können. Mit diesem Fragebogeninstrumentarium wurden die Probanden gebeten, mit einem fünfstufigen Antwortformat die jeweilige Zustimmung bzw. Ablehnung, zu 15 vorgeschriebenen ”Männertypen“ zu markieren.

Wir haben mit der Hilfe dieser Menschentypen versucht, einige für unsere Fragestellung relevante Zusammenhänge, zwischen Persönlichkeit und Schutz- bzw. Risikoverhalten zu untersuchen. Zuerst soll die Analyse auf der Ebene von den einzelnen Items vorgestellt werden (vgl. Tab. 10).

Tabelle 10: Ich sehe mich als ...*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Kumpeltyp

86,7%

75%

92,9%

91,7%

85,2%

Individualist

85,7%

80%

57,1%

75%

75%

Gewinner

53,8%

45%

50%

50%

49,2%

Beschützer

42,9%

25%

42,9%

41,7%

36,7%

Hausherr

53,8%

21,1%

42,9%

16,7%

32,8%

Lebenskünstler

42,9%

25%

7,1%

33,3%

26,7%

Elternkörper

42,9%

15%

21,4%

33,3%

26,7%

Karrierist

30,8%

35%

14,3%

0%

22%

Playboy

30,8%

20%

21,4%

16,7%

22%

Pechvogel

7,7%

15%

7,1%

8,3%

10,2%

Opfer

7,7%

5%

14,3%

0%

6,8%

Versager

0%

5%

0%

0%

1,7%

*Angaben zu “stimmt“.

Dabei beschreiben sich die Probanden vorrangig als Kumpeltyp, mit dem sich 85,2% identifizieren können. An zweiter Stelle mit 75% der Gesamtgruppe liegt das Item ”Individualist“, gefolgt vom Typus ”Gewinner“ mit 49,2%. Auffällig sind die niedrigen Prozentsätze der Menschen, die sich als Pechvogel, Opfer oder Versager ansehen. Das könnte als Hinweis dienen, wie kritisch die Selbstwahrnehmung der einzelnen Zielgruppen variiert.

Im Folgenden werden wir anhand der oben ausgeführten Menschentypen und mit der Hilfe der Ergebnisse aus der Crosstabellenanalyse zwischen diesen Typen und einzelnen für das Schutz- bzw. Risikoverhalten der Probanden relevanten Items, Ansätze einer psychologischen Typisierung der einzelnen Zielgruppen vornehmen.


91

A. Menschen mit bisexuellem Verhalten.

Wie bei der Gesamtstichprobe identifizieren sich die meisten Bisexuellen mit den Kategorien ”Kumpeltyp“ (86,7%), ”Individualist“ (85,7%) und ”Gewinner“ (53,8%). Es fällt auf, daß im Vergleich mit den anderen Zielgruppen mehr Bisexuelle sich als ”Beschützer“ (42,9%), ”Hausherr“ (53,8%) und ”Elternkörper“ (42,9%) identifizieren. Das könnte die Struktur der Privatbeziehungen der Bisexuellen widerspiegeln - 33,3% sind verheiratet, andere 26,7% sind geschieden. Dabei machen sie auch die größte Gruppe, die Nachwuchs hat - 33,3%, aus.

Die Bisexuellen, die sich als ”Kumpeltypen“ identifizieren, fühlen sich am meisten durch AIDS bedroht - 57,1%, haben über ihre Sexualität nachgedacht und Zusammenschlüsse daraus für sich gezogen. Das könnte als Bereitschaft für mögliche Änderungen im Sexualverhalten in Richtung Schutz vor AIDS oder anderen Geschlechtskrankheiten interpretiert werden. 66,7% haben ständig Kondome bei sich und benutzen sie in 46,7% der Sexualkontakte. 60% der Bisexuellen-”Kumpeltypen“ geben an, gezielt Kondome gegen AIDS oder andere Geschlechtskrankheiten zu benutzen.

Interessant in diesem Zusammenhang war die Frage nach der konsequenten Benutzung von Kondomen, unabhängig von der aktuellen psychischen Situation. Zu der Behauptung ”Wenn ich Alkohol oder Drogen genommen habe, bin ich sorglos und denke nicht an Kondome“ antworteten nur 21,4% positiv, 64,3% meinen, dadurch ihr Schutzverhalten nicht zu beeinflussen.

Die ”Individualisten“ unter den Bisexuellen fühlen sich auch durch AIDS bedroht (53,8%), denken aber eher nicht über Sexualität nach (28,6%). Sie haben am häufigsten Kondome bei sich (71,4%), benutzen sie bei jedem zweiten Sexualkontakt (50%) und zwar gezielt gegen AIDS/Geschlechtskrankheiten (64,3%). Diese Gruppe zeigt auch kein Beeinflussen des Schutzverhaltens durch Alkohol oder Drogen (71,4%).

Die Menschen, die sich eher als ”Gewinner“ oder ”Playboy“ identifizieren, zeigen ein ähnliches Verhalten, die Werte im Sinne des Schutzverhaltens liegen aber erheblich niedriger - jeweils 46,2% und 23,1%.

Auffällig ist, daß bei den Menschen, deren Dimensionen Typen mit familiärer und häuslicher Orientierung zusammenfassen, fast keine Bedrohung durch AIDS existiert - jeweils 7,7% ”Beschützer“, 15,4% der ”Elternkörper“ und 33,3% der ”Hausherren“ haben Angst vor AIDS.

Sie benutzen vergleichsweise weniger Kondome gezielt gegen AIDS/Geschlechtskrankheiten (je 21,4%; 21,4%; 30,8%) und neigen dazu, bei Alkohol- oder Drogeneinfluß keine Kondome zu benutzen (je 21,4%; 21,4%; 23,1%).

B. Menschen mit homosexuellem Verhalten

Die meisten Homosexuellen identifizieren sich am besten mit der Kategorie ”Individualist“ (80%), gefolgt an zweiter Stelle von ”Kumpeltyp“ (75%) und ”Gewinner“ (45%). Viele bezeichnen sich auch als ”Karrierist“ (35%). Im Vergleich zu den anderen Zielgruppen fühlen sich viel weniger Homosexuelle als Beschützer (25%) oder Elternkörper (15%).


92

Weniger als die Hälfte aller Homosexuellen (45%) fühlt sich durch AIDS bedroht. 40% der ”Individualisten“ und der ”Kumpeltypen“, 20% der Gewinner und nur 10% der Karrieristen spüren eine Gefahr durch AIDS. Das könnte aber im konsequenten Safer Sex-Verhalten seinen Grund haben:

C. Menschen mit heterosexuellem Verhalten

Die Menschen mit heterosexuellem Verhalten, die auf die Freundschaft einen großen Wert legen, also die ”Kumpeltypen“, fühlen sich auch am meisten durch AIDS bedroht - 57,1%. An zweiter Stelle liegen die ”Gewinner“ mit 35,7%. Obwohl im Vergleich zu den anderen Zielgruppen die Heterosexuellen sich weniger in der Kategorie der ”Individualisten“ wiederfinden (57,1%), liegt diese Charaktergruppe an dritter Stelle mit einer geteilten Meinung von 28,4%, die die AIDS-Gefahr wahrnehmen und 28,4%, die keine Bedrohung durch AIDS fühlen.

Die Mehrheit der Heterosexuellen denkt über ihre Sexualität nach und zieht Konsequenzen daraus (57,1%), wobei die Menschen, die sich überhaupt nicht mit der Rolle des “Versagers“ identifizieren, die ”Kumpeltypen“ (50%) und die ”Individualisten“ (35,7%) an der Spitze liegen.

Kondome haben immer dabei 28,6% der ”Kumpeltypen“ und 21,4% der ”Gewinner“. Die ”Individualisten“ (28,6%) haben eher von Zeit zu Zeit Kondome bei sich. Unerwartet ist die mangelnde Bereitschaft Kondome bei sich zu haben zweier Gruppen, bei denen Unterschiede im Sexualverhalten zu erwarten sind, nämlich einerseits die Gruppe der ”Beschützer“ (14,3%), ”Hausherren“ (0%) und ”Elternkörper“ (7,1%) und andererseits die Gruppe der Menschen, die sich als ”Playboy“ bzw. ”Femme fatale“ (7,1%) bezeichnen.

Bei der Frage nach der tatsächlichen Benutzung von Kondomen bei den Sexualkontakten finden wir erschreckende Angaben. So behaupten 42,9% aller heterosexuellen Befragten bewußt keine Kondome zu benutzen, davon 35,7% der ”Kumpeltypen“ und der ”Individualisten“, 28,6% der ”Hausherren“ usw. Diese Ergebnisse zwingen uns zum Zusammenschluß, daß viele Menschen Kondome ”immer“ bis ”manchmal“ bei sich haben, machen von ihnen aber keinen Gebrauch.


93

Da ein großer Teil der Befragten keinen Alkohol bzw. keine Drogen zu sich nimmt, konnten wir das Schutzverhalten in Situationen mit geminderter Selbstkontrolle nicht analysieren.

D. Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen.

Die meisten Drogengebraucher finden sich in den Charakterbildern des ”Kumpeltyps“ (91,7%) und des ”Individualisten“ (75%) wieder. Das sind auch die zwei Kategorien, die eine erhebliche Bedrohung durch AIDS empfinden: 58,3% der ”Kumpeltypen“ und 41,7% der ”Individualisten“.

Auffällig ist die mangelnde Bereitschaft der Drogengebraucher sich mit den Kategorien ”Pechvogel“, ”Opfer“ und ”Versager“ zu identifizieren. Auch im Vergleich mit den anderen Zielgruppen niedrigen Prozentsätze dieser Typen könnte man auch als eine Art Abwehrreaktion gegen Zuschreibung bestimmter Eigenschaften ansehen, da wir bei den speziell für die Drogengebraucher vorgesehenen Fragen (Item 51) große Lebensschwierigkeiten bei dieser Gruppe fanden (s.u.).

Die ”Kumpeltypen“ denken in ihrer Mehrheit (58,3%) über die eigene Sexualität nach, die Angaben über das Schutzverhalten gegen AIDS oder anderen Geschlechtskrankheiten sind aber erschreckend. 50% von ihnen haben niemals Kondome bei sich (nur 16,7% haben immer Kondome zur Hand) und behaupten, in 41,7% der Sexualkontakte keine Kondome zu benutzen. Dieses Risikoverhalten verstärkt sich zusätzlich bei Alkohol- oder Drogeneinfluß - 50% kümmern sich in solchen Situationen nicht um Kondome.

Bei den ”Individualisten“ finden wir ein ähnliches Bild: obwohl sich 50% von ihnen Gedanken über die eigene Sexualität gemacht haben, haben 41,7 % niemals Kondome bei sich und benutzen auch keine. Nur 8,3% der Drogengebraucher-”Individualisten“ machen bewußt einen gezielten Gebrauch von Kondomen gegen AIDS oder anderen Geschlechtskrankheiten. Dieses Risikoverhalten hinsichtlich der Kondombenutzung, scheint konsequent zu sein - der gleiche Prozentsatz Probanden - 41,7%, gibt an, bei Einnahme von Alkohol/Drogen keine Kondome zu benutzen - es gibt also keine Unterschiede im Sexualverhalten in nüchterner oder nicht-nüchterner Fassung.

Bei den anderen Charaktertypen, mit denen sich die Drogengebraucher identifizieren können, fallen die Kondombenutzungsraten noch niedriger. So halten nur 16,7% der ”Beschützer“ (immerhin 41,7% der Drogengebraucher) und 8,3% der ”Gewinner“ (50% der Stichprobe), die Safer Sex-Regeln ein. Die Safer Use-Praktiken bei den Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen, die auch sehr wichtig für das gesamte Schutzverhalten sind, werden in den weiteren Kapiteln analysiert.

5.7.4. Aspekte des Sexuallebens

Der Zeitpunkt des ersten Sexualkontaktes ist für jede Zielgruppe unterschiedlich. Am frühestes beginnen mit dem Sexualleben die Drogengebraucher - mit 15 Jahren hatten 63,7% schon Sex.

Alle Drogengebraucher waren beim ersten Sexualkontakt mit einer Frau zusammen. Die Menschen mit homosexuellem Verhalten machten auch früh den Start ins Sexualleben - bis zum 16. Lebensjahr hatten schon 63,1% der Probanden dieser Gruppe sexuelle Beziehungen gehabt. Dabei haben alle Sexanfänger mit homosexuellem Verhalten den ersten Kontakt mit einem Mann gemacht.


94

Diese Ergebnisse zeigen ein relativ frühes Coming-Out, also eine frühe Entdeckung der Lust, mit männlichen Partnern sexuell zu verkehren. Die Mehrheit der Menschen mit heterosexuellem Verhalten hat mit 17 Jahren den Sprung ins Sexualleben gemacht. Dabei handelte es sich in allen Fällen um einen andersgeschlechtlichen Partner. Am spätesten fangen mit dem Sexualleben die Menschen mit bisexuellem Verhalten an - bis zum 17. Lebensjahr hatten lediglich 40% dieser Gruppe sexuelle Kontakte. 20% von dieser Zielgruppe machten ihre erste sexuelle Erfahrung nach der Vollendung des 20 Lebensjahres. Dieses späte Anfangsalter für die Sexualität könnte ihre Gründe in der inneren Verwirrung über die eigene sexuelle Anziehung gleichzeitig durch Männer und Frauen haben. 50% der männlichen Probanden mit bisexuellem Verhalten hatten das erste Mal mit einer Frau, die andere Hälfte mit einem Mann sexuell verkehrt. Die einzige Frau mit bisexuellem Verhalten, die wir in unserer Untersuchung angesprochen haben, war beim ersten Sexualkontakt mit einem männlichen Partner zusammen (s. Diagramm 22).

Diagramm 22: Alter beim ersten Sexualkontakt

Die Ergebnisse zur gewünschten Beziehungsform, zur gegenwärtigen Partnersituation und zur Zufriedenheit mit dem eigenen Sexualleben zeigen, wie widersprüchlich die Einstellungen gegenüber der eigenen Sexualitätsbedürfnissen sein können (s. Tabellen 11, 12 u. 13).


95

Ein hoher Anteil aller Probanden lebt in einer festen Partnerschaft (65,6%), wobei das immerhin auch der Fall für jeden zweiten Mann mit homosexuellem Verhalten ist. Die Menschen mit homosexuellem Verhalten machen den größten Anteil der Probanden, die keine feste Partnerschaft haben aus. Hierzu ist zu berichten, daß alle Menschen mit bisexuellem Verhalten feste Sexualpartner zu haben, wobei 26,7% dieser Gruppe gleichzeitig mehrere Beziehungen haben. Im Vergleich mit den anderen Zielgruppen ist das ein viel höherer Anteil, der zu erhöhtem Risiko bezüglich einer HIV-Infektion führen könnte.

Tabelle 12: Gegenwärtige Partnersituation

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Ich lebe in einer festen Partnerschaft.

73,3%

50%

78,6%

66,7%

65,6%

Ich habe keine feste Partnerschaft

0%

45%

21,4%

33,3%

26,2%

Ich habe gleichzeitig mehrere Beziehungen.

26,7%

5%

0%

8,3%

8,2%

Ein erstaunlich hoher Anteil (44,3%) wünschte sich eine lange Partnerschaft, bei der auch andere sexuelle Beziehungen möglich sind. Dabei vertreten die Menschen mit heterosexuellem (mit 64,3%) und die Menschen mit bisexuellem (mit 53,3%) Verhalten diese Partnerschaftspräferenz. Die Drogengebraucher erweisen sich dabei als ziemlich treu - 66,7% möchten nur eine feste Partnerschaft. Eine kleine Minderheit (3,3%) von allen Zielgruppen lehnt dagegen feste Beziehungen ab und möchte ungebunden bleiben. Trotz der neuen ”sexuellen Freiheit“ und der Liberalisierung seit der Wende in Bulgarien ist die monogame Beziehung mit sexueller Treue das Ideal für immerhin 42,6% aller Probanden. 9,8% wünschen sich nach eigenen Angaben das typischerweise für Jugendliche beobachtete Verhaltensmuster einer ”seriellen Monogamie“ (vgl. Kleiber, 1995). So sind das Ideal, die ”immer wieder neuen festen Beziehungen“.

Tabelle 11: Beziehungswunsch

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Ich möchte eine/n feste/n Partner/in haben, aber daneben auch andere sexuelle Beziehungen.

53,3%

35%

64,3%

25%

44,3%

Ich möchte in einer sexuell treuen Beziehung leben.

33,3%

45%

28,6%

66,7%

42,6%

Ich möchte immer wieder neue feste Beziehungen.

6,7%

15%

7,1%

8,3%

9,8%

Ich möchte keine feste Beziehung haben.

6,7%

5%

0%

0%

3,3%

Ungefähr die Hälfte der Menschen aus allen Probadengruppen berichtet, mit dem eigenen Sexualleben vollkommen zufrieden zu sein (s. Tabelle 13). Zugleich wünscht sich die Mehrzahl der Menschen (72,1%) häufiger Sex. Dabei ist dieser Wunsch nach mehr Gelegenheiten für Sex bei den Menschen mit homosexuellem Verhalten (80%) am stärksten ausgeprägt. Hier zeigen sich keine großen Unterschiede zwischen den einzelne Zielgruppen.


96

Tabelle 13: Wie empfinden Sie ihr Sexualleben?*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Ich bin vollkommen zufrieden mit meinem Sexualleben.

53,3%

45%

42,9%

58,3%

49,2%

Ich möchte häufiger Sex.

66,7%

80%

71,4%

66,7%

72,1%

*Angaben zu ”trifft“

Ob man mit seinem Sexualleben zufrieden ist und ob man sich häufiger Sex wünscht ist relativ. Der Aussagekräftigkeit dieser Angaben nachzugehen, und tatsächlich ein Bild des Sexualverhaltens der Probanden zu bekommen, müssen wir ergänzend noch Fragen zur Partnersituation im letzten Jahr und in den letzten fünf Jahren stellen. Dabei interessiert uns die Häufigkeit des Partnerwechsels und das Geschlecht der jeweiligen Sexualpartner der Probanden aus jeder Zielgruppe. Dabei stellen wir wieder einmal fest, daß die Grenzen der Sexualprioritäten der einzelnen Zielgruppen sehr fließend sind, d.h., daß Menschen, die sich zu einer Probandengruppe definiert haben auch zum Teil das Sexualverhalten anderer Zielgruppen zeigen. Aber alle diese Fälle bestätigen noch mal die Vielseitigkeit der Sexualität und die Unmöglichkeit, bestimmte Menschen in Schubladen zu klassifizieren.

Die meisten Männer mit bisexuellem Verhalten hatten zwischen zwei und fünf gleichgeschlechtliche Sexualpartner (38,5%), 30,8% hatten über fünf weibliche Partnerinnen, die einzige Frau mit bisexuellem Verhalten hatte einen Sexualpartner und eine Sexualpartnerin im letzten Jahr. Etwa die Hälfte der Männer mit bisexuellem Verhalten hatte seit 1990 über fünf männliche Sexualpartner und über 5 weibliche Partnerinnen, die Frau hatte seit 1990 zwischen zwei und fünf sexuelle Beziehungen zu Männern und eine gleichgeschlechtliche Sexualpartnerin. 42,9% der Männer aus der Zielgruppe mit bisexuellem Verhalten hatten seit 1990 zwischen zwei und fünf feste männliche Partner, und 53,3% dieser männlichen Probanden hatten in diesem Zeitraum nur eine feste Partnerin. Im letzten Jahr hatte etwa die Hälfte von ihnen einen festen männlichen Partner und/oder eine feste weibliche Partnerin (vgl. Tabellen 14 - 21).

Wenn wir einen Vergleich zwischen dem Sexualverhalten der Männer mit bisexuellem Verhalten und dem Sexualverhalten der Männer mit homo- oder heterosexuellem Verhalten vornehmen, kommen wir zu den Ergebnissen, daß sie in ihren gleich- oder andersgeschlechtlichen Kontakten der Promiskuität der Männer mit homo- bzw. heterosexuellem Verhalten stark ähneln. Ein Unterschied zwischen dem Sexualverhalten der Männer mit bi- und heterosexuellem Verhalten besteht bei der Anzahl der festen Beziehungen. Danach hatten mehr Männer mit bisexuellem Verhalten feste sexuelle Beziehungen zu zwei und mehr Frauen in den letzten sechs Jahren.

Wenn wir die Ergebnisse der Analyse der Tabellen 14 - 21 vergleichen, können wir außerdem feststellen, daß eine große Anzahl Menschen mit bisexuellem Verhalten während einer festen Beziehung auch mit anderen Personen Sexualkontakte hatte. Es ist möglich, daß es sich nicht unbedingt um sexuelle Untreue handelt, sondern, daß man (oder frau) den Wunsch, in Dreierbeziehung zu leben verwirklicht hat (was der tatsächlichen Partnersituation von immerhin 26,7% und dem Beziehungsideal von 53,3% der Menschen mit bisexuellem Verhalten entspricht (vgl. Tabellen 11 u. 12).


97

Tabelle 14: Anzahl männlicher Sexualpartner im letzten Jahr (1996)

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keinen

7,7%

0%

10,5%

83,3%

0%

100%

20%

1

23,1%

100%

26,3%

16,7%

50%

0%

60%

2-5

38,5%

0%

31,6%

0%

50%

0%

20%

über 5

30,8%

0%

31,6%

0%

0%

0%

0%

Etwa ein Drittel der Männer mit homosexuellem Verhalten gaben an, im letzten Jahr zwischen zwei und fünf Sexualpartner gehabt zu haben, weitere 31,6% hatten über fünf gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen. Kein unerheblicher Prozentsatz (26,3%) hatte nur einen Sexualpartner im letzten Jahr. Was die festen Beziehungen angeht sind die Angaben über die Sexualpartner seit 1990 und im letzten Jahr gleich, was uns zu der Annahme führt, daß die festen Beziehungen bei den Männern mit homosexuellem Verhalten sehr lange andauern und man an einen festen Partner festhält und daneben andere kürzere Sexualkontakte eingeht (was, wie Tabelle 11 zeigte, auch das Ideal für immerhin 35% der Männer mit homosexuellem Verhalten ist) (s. Tabellen 14, 16, 18 u. 19). 29,4% dieser Probanden hatten seit 1990 bzw. im letzten Jahr keine temporär feste Beziehung gehabt, und sogar 45% gaben an, zum Befragungspunkt keine feste Beziehung zu haben (vgl. Tabelle 12). Es existiert also ein Nachholbedarf nach festen Beziehungen bei den Männern mit homosexuellem Verhalten, da nur 5% ausdrücklich keine feste Beziehungen wünschen (vgl. Tabelle 11). Nach diesen Ergebnissen kann man feststellen, daß sich die Anzahl der Sexualpartner der Männer mit homosexuellem Verhalten im Laufe der letzten Jahren deutlich verringert.

Tabelle 15: Anzahl weiblicher Sexualpartnerinnen im letzten Jahr (1996)

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keine

8,3%

0%

100%

16,7%

100%

0%

80%

1

33,3%

100%

0%

16,7%

0%

0%

0%

2-5

25%

0%

0%

33,3%

0%

100%

20%

über 5

33,3%

0%

0%

33,3%

0%

0%

0%

Wie fließend die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen sind, bestätigt die Analyse der Sexualpartner bzw. der Sexualpartnerinnen der Menschen mit heterosexuellem Verhalten. Was die Sexualkontakte im letzten Jahr angeht, gab ein Mann an, sexuelle Erfahrungen mit einem gleichgeschlechtlichen Partner gehabt zu haben. Die Hälfte der Frauen hatte einen, die andere Hälfte zwischen zwei und fünf Sexualpartner im letzten Jahr. Was die männlichen Sexualpartner seit 1990 angeht, gaben 75% der Frauen mit heterosexuellem Verhalten zwischen zwei und fünf Sexualkontakte mit verschiedenen Männern an. Der Mann bestätigte bei dieser Frage seinen gleichgeschlechtlichen Sexualkontakt nicht, was er bei der Frage nach den festen Beziehungen zu Männern tat. 75% der Frauen hatten im letzten Jahr eine feste andersgeschlechtliche feste Beziehung, seit 1990 hatten die meisten Frauen (62,5%) feste Beziehungen mit zwischen zwei und fünf Männern. Immerhin 25% der Frauen gaben an, nur eine feste Beziehung gehabt zu haben. 12,5% hatten gar keine feste Beziehung in den letzten sechs Jahren.


98

Die Mehrheit der Männer hatte entweder zwischen zwei und fünf oder über fünf Sexualpartnerinnen im letzten Jahr (je 33,3%). Magere 16,7% gaben an, keine Sexualkontakte zu Frauen im letzten Jahr gehabt zu haben. In dieser Zeit hatte gerade die Hälfte der Männer mit heterosexuellem Verhalten keine feste Sexualpartnerin, die andere Hälfte hatte eine feste Sexualbeziehung. 66,7% hatten mehr als fünf unterschiedliche Sexualkontakte zu Frauen seit 1990. In den letzten sechs Jahren hatten 50% der männlichen Probanden zwischen zwei und fünf feste Partnerinnen. Nicht unerheblich ist der Prozentsatz derjenigen (33,3%), die nur eine feste Beziehung in dieser Zeit hatten (vgl. Tabellen 14-21).

Tabelle 16: Anzahl männlicher Sexualpartner seit 1990

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keinen

15,4%

0%

0%

100%

0%

71,4%

20%

1

15,4%

0%

5,3%

0%

12,5%

14,3%

40%

2-5

23,1%

100%

36,8%

0%

75%

14,3%

0%

über 5

46,2%

0%

57,9%

0%

12,5%

0%

40%

Besonders verwirrend ist nach unseren Ergebnissen das Sexualleben der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen. Wo wir als Zuordnungsfaktor nicht das Sexualverhalten bestimmten, sondern ihren Drogenkonsum, sind in dieser Gruppe viele Menschen mit gleichgeschlechtliche Beziehungen eingeordnet worden. Die meisten Frauen (60%) hatten einen männlichen Sexualpartner im letzten Jahr, alle Männer hatten zwischen zwei und fünf Sexualpartnerinnen im letzten Jahr. Alle Probanden, die intravenös Drogen gebrauchen, hatten keine gleichgeschlechtlichen Sexualkontakte in dieser Zeit, dafür gaben aber 14,3% und 40 % der Frauen an, seit 1990 zwischen zwei und fünf Sexualbeziehungen zu Menschen des gleichen Geschlechts gehabt zu haben. Was das heterosexuelle Verhalten angeht, hatten 40% der Frauen entweder einen oder mehr als fünf Sexualpartner seit 1990, 85,7% der Männer sind in diesem Zeitraum mehr als fünf Sexualbeziehungen zu Frauen eingegangen (vgl. Tabellen 14 - 17).

Im letzten Jahr hatten die meisten Frauen (80%) einen festen Partner, die meisten Männer (57,1%) hatten keine feste Sexualpartnerin. Eine Frau gab an, in den letzten sechs Jahren eine feste gleichgeschlechtliche Sexualpartnerin gehabt zu haben, wobei sie diese Beziehung auch im letzten Jahr unterhalten hat. Seit 1990 hatten je 40% der Frauen einen oder zwei bis fünf Sexualpartner, 57,1% der männlichen Drogengebraucher hatten zwischen zwei bis fünf Sexualpartnerinnen (vgl. Tabellen 18 - 21).

Wenn wir die Anzahl der Sexualpartner/innen der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen mit der Promiskuität der Menschen mit heterosexuellem Verhalten vergleichen, stellen wir fest, daß das Sexualverhalten der männlichen Drogengebraucher bezügl. der flüchtigen und festen Sexualbeziehungen stark dem Sexualverhalten der Männern mit heterosexuellem Verhalten ähnelt. Ein größerer Unterschied besteht bei der Anzahl der Sexualpartnerinnen im letzten Jahr, wo die männlichen Drogengebraucher häufiger (etwa 20%) Sexualkontakte zu mehr als einer Frau hatten. Die Frauen mit heterosexuellem Verhalten haben seit 1990, aber auch im letzten Jahr einen höheren Partnerwechsel als die Drogengebraucherinnen, was aber die festen Beziehungen angeht sind die Angaben beider Gruppen sehr ähnlich.


99

Tabelle 17: Anzahl weiblicher Sexualpartnerinnen seit 1990

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keinen

0%

0%

0%

16,7%

100%

0%

40%

1

25%

100%

0%

0%

0%

0%

0%

2-5

33,3%

0%

0%

16,7%

0%

14,3%

40%

über 5

41,7%

0%

0%

66,7%

0%

85,7%

20%

Tabelle 18: Anzahl männlicher Sexualpartner für länger als 6 Monate im letzten Jahr (1996)

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keinen

21,4%

0%

29,4%

83,3%

12,5%

100%

20%

1

50%

100%

58,8%

16,7%

75%

0%

80%

2-5

21,4%

0%

11,8%

0%

12,5%

0%

0%

über 5

7,1%

0%

0%

0%

0%

0%

0%

Tabelle 19: Anzahl männlicher Sexualpartner für länger als 6 Monate seit 1990

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keinen

35,7%

0%

29,4%

83,3%

12,5%

100%

20%

1

14,3%

0%

58,8%

16,7%

25%

0%

40%

2-5

42,9%

100%

11,8%

0%

62,5%

0%

40%

über 5

7,1%

0%

0%

0%

0%

0%

0%

Tabelle 20: Anzahl weiblicher Sexualpartnerinnen für länger als 6 Monate im letzten Jahr (1996)

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keine

14,3%

0%

100%

50%

100%

57,1%

80%

1

57,1%

100%

0%

50%

0%

28,6%

20%

2-5

21,4%

0%

0%

0%

0%

14,3%

0%

über 5

7,1%

0%

0%

0%

0%

0%

0%


100

Tabelle 21: Anzahl weiblicher Sexualpartnerinnen für länger als 6 Monate seit 1990

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Männner

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

keine

14,3%

0%

100%

16,7%

100%

0%

80%

1

28,6%

100%

0%

33,3%

0%

28,6%

0%

2-5

50%

0%

0%

50%

0%

57,1%

20%

über 5

7,1%

0%

0%

0%

0%

14,3%

0%

Angesichts der Daten zur Anzahl der SexualpartnerInnen im letzten Jahr vor der Befragung kann von promiskem Verhalten in der Mehrzahl der Fälle nicht die Rede sein.

In den sexuellen Kontakten der Menschen mit bisexuellem Verhalten zu Partnern des anderen Geschlechts wird der Geschlechtsverkehr am häufigsten praktiziert - 93,3% geben an, bei der letzten Sexualbeziehung Koitus praktiziert zu haben. Dabei geht es äußerst safe zu - Kondome benutzen immerhin 78,6% der Zielgruppe. Überraschend hoch wirken die Prozentsätze derjenigen, die auch bei relativ risikoarmen Sexualpraktiken Kondome benutzt haben - 41,7% bei Petting; 16,7% bei Hand-/Bodymassage; 33,3% bei Cunnilingus; 41,7% bei Fellatio. Die Menschen mit bisexuellem Verhalten sind besonders vorsichtig bei risikoreichen Sexualpraktiken. Alle, die bei der letzten Sexualbeziehung Anal- oder Sado-Maso-Sex und die Hälfte der Leute, die Gruppensex praktiziert haben, benutzten dabei auch einen Kondom bzw. haben es safe gemacht (s. Tabelle 22).

Was die Sexualpraktiken mit gleichgeschlechtlichen Partnern angeht, ist das Schutzverhalten der Menschen mit bisexuellem Verhalten hinsichtlich einer HIV-Infektion auch stark vertreten. In 64,3% beim aktiven Lutschen am Geschlechtsorgan des Partners bzw. der Partnerin und in 61,5% beim passiven gelutscht werden am Geschlechtsorgan werden Kondome benutzt. Bei der gegenseitigen Masturbation (häufigste Sexualpraktik - bei 92,9% der Probanden praktiziert) wird in 35,7% Safer-Sex praktiziert. Die risikoreichen Praktiken sind bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten stärker als bei den anderen Zielgruppen vertreten, sie benutzen aber in den meisten Fällen Kondome - nur 23,1% beim Gruppensex; 23,1% beim passiven Analsex und 15,4% beim aktiven Analsex benutzen keine Kondome (s. Tabelle 22).

Durch eine Kreuztabellenanalyse mit der Hilfe des SPSS-Statistikprogramms haben wir den Zusammenhang zwischen Schutzverhalten und Partnersituation untersucht. Bei den andersgeschlechtlichen Sexualbeziehungen der Menschen mit bisexuellem Verhalten haben wir festgestellt, daß nur die Leute, die in einer festen Beziehung leben, in 20% der Fälle ungeschützten Vaginalverkehr praktiziert haben. Die Menschen, die gleichzeitig mehrere Beziehungen haben, benutzen konsequent Kondome.


101

Tabelle 22: Ausgeübte Sexualpraktiken mit und ohne Kondom bei der letzten Sexual- beziehung der Menschen mit bisexuellem Verhalten*

Sexualpraktiken mit Partnern des anderen Geschlechts

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Geschlechtsverkehr (Koitus)

6,7%

78,6%

14,3%

Petting

25%

41,7%

33,3%

Hand-/Bodymassage

25%

16,7%

58,3%

Lecken der Vulva (Cunnilingus)

25%

33,3%

41,7%

Analverkehr (Glied in den After)

33,3%

66,7%

0%

Lutschen am männlichen Glied (Fellatio)

41,7%

41,7%

16,7%

Sex mit mehreren Partnern

85,7%

7,1%

7,1%

Sado-Maso-Sex

91,7%

8,3%

0%

Sexualpraktiken mit Partnern des gleichen Geschlechts

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Gegenseitige Masturbation

7,1%

35,7%

57,1%

Lutschen am Geschlechtsorgan

7,1%

64,3%

28,6%

Gelutscht werden am Geschlechts-organ

15,4%

61,5%

23,1%

Sex mit mehreren Partnern

15,4%

61,5%

23,1%

Analsex (Glied in den After stecken lassen)

30,8%

46,2%

23,1%

Arschlecken lassen

38,5%

15,4%

46,2%

Arschlecken

46,2%

15,4%

38,5%

Analsex (Glied in den After stecken)

46,2%

38,5%

15,4%

Sado-Maso-Sex

76,9%

7,7%

15,4%

*Angaben zu “stimmt“.

Die Menschen mit homosexuellem Verhalten benutzen vergleichsweise weniger Kondome bei risikoarmen Sexualpraktiken - in 5,3% der Fälle bei gegenseitiger Masturbation, 0% der Fälle des aktiven Arschleckens und in 5,6% des Arschleckens durch den Partner wird Safer-Sex praktiziert. Beim Oralverkehr ist das Schutzverhalten nicht so stark ausgeprägt wie bei den Menschen mit bisexuellem Verhalten. So fällt auf, daß die Männer mit homosexuellem Verhalten gleich vorsichtig im Sinne des Schutzverhaltens sind, wenn es um aktiven oder passiven Fellatio geht. Sehr Safer-Sex bewußt werden die risikoreichen Sexualvarianten bei den Menschen mit homosexuellem Verhalten praktiziert. Männer mit homosexuellem Verhalten haben also gelernt, ihre Sexualität nach den Regeln des Safer-Sex, wozu die Benutzung von Kondomen gehört, auszurichten. Sofern sie überhaupt noch Analverkehr haben, benutzen sie mehr oder weniger regelmäßig ein Kondom. Nach den Angaben benutzen nur 11,1% beim aktiven und 5,6% beim passiven Analverkehr keine Kondome. Auch bei dem Sex mit mehreren Partnern sind sie vorsichtiger als die Menschen mit bisexuellem Verhalten (s. Tabelle 23).


102

Nach diesen Angaben haben Männer mit homosexuellem Verhalten ein Sexualverhalten zustande gebracht, das sich erheblich risikomindernd auswirkt. Das angeführte Safer-Sex-Verhalten verläuft jedoch in etwas anderen Bahnen, als es nach den Regeln der AIDS-Prävention angewiesen wird. Einerseits sind Schutzvorkehrungen viel umfassender, als es die einfachen Präventionsregeln verlangen. Andererseits können die Regeln der AIDS-Prävention nicht durchgängig eingehalten werden.

Was den Zusammenhang zwischen Schutzverhalten und Partnersituation angeht, sind die Männer mit festem Partner eher geneigt, keine Kondome bei risikoreichen Situationen zu benutzen. Beim aktiven Analsex geben 100% der Männer, die keinen Partner haben, an, immer Kondome zu benutzen. Wenn eine feste Beziehung vorhanden ist, benutzen die Probanden in 50% der Fälle des aktiven Analverkehrs keine Kondome.

Tabelle 23: Ausgeübte Sexualpraktiken mit und ohne Kondom bei der letzten Sexual- beziehung der Menschen mit homosexuellem Verhalten*

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Gelutscht werden am Geschlechts-organ

11,1%

33,3%

55,6%

Gegenseitige Masturbation

20%

5,3%

73,7%

Lutschen am Geschlechtsorgan

27,8%

16,7%

55,6%

Analsex (Glied in den After stecken)

33,3%

55,6%

11,1%

Arschlecken

44,4%

0%

55,6%

Arschlecken lassen

55,6%

5,6%

38,9%

Analsex (Glied in den After stecken lassen)

55,6%

38,9%

5,6%

Sex mit mehreren Partnern

66,7%

27,8%

5,6%

Sado-Maso-Sex

94,4%

5,6%

0%

*Angaben zu “stimmt“.

Unsere Stichprobe mit heterosexuellem Verhalten zeigt größere Widerstände gegen den Gebrauch des Kondoms bei allen Sexualpraktiken. Die einzige sexuelle Praktik, bei der relativ häufig Kondome benutzt werden ist der Geschlechtsverkehr. Wir vermuten, daß sogar die Mehrheit der Probanden, die Kondome beim Koitus benutzen, dies nicht nach den Regeln der AIDS-Prävention tun, sondern als Schutz vor einer unerwünschten Schwangerschaft, da bei dem risikoreichen Analverkehr überhaupt keine Kondome benutzt werden. Im Unterschied zu den Menschen mit bisexuellem Verhalten werden Kondome auch nicht bei risikoärmeren Sexualpraktiken benutzt (s. Tabelle 24).

Die Menschen mit heterosexuellem Verhalten, die keine/n feste/n Sexualpartner/in zum Zeitpunkt der Befragung hatten, gaben an, immer beim Geschlechtsverkehr in ihrer letzten Sexualbeziehung Kondome benutzt zu haben. Wenn eine feste Sexualbeziehung vorhanden ist, geht es bei der Hälfte der Fälle beim Koitus unsafe.


103

Tabelle 24: Ausgeübte Sexualpraktiken mit und ohne Kondom bei der letzten Sexual- beziehung der Menschen mit heterosexuellem Verhalten*

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Geschlechtsverkehr (Koitus)

0%

64,3%

35,7%

Petting

7,1%

0%

92,2%

Hand-/Bodymassage

21,4%

0%

78,6%

Lecken der Vulva

21,4%

7,1%

71,4%

Lutschen am männlichen Glied

28,6%

7,1%

64,3%

Analverkehr (Glied in den After)

64,3%

0%

35,7%

Sex mit mehreren Partnern

85,7%

7,1%

7,1%

Sado-Maso-Sex

100%

-

-

*Angaben zu “stimmt“.

Weltweit gehören drogengebrauchende Menschen zu den am stärksten von AIDS betroffenen Gruppen. Zwar gab es schon immer Krankheiten, die beim intravenösen Drogengebrauch und beim Sex übertragen wurden, AIDS machte aber das doppelte Risiko, das diese Zielgruppe durch den Sex und den Drogengebauch eingeht, zu einem wirklichen Spiel um Tod oder Leben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man mit einem vertrauten Menschen oder mit nicht bekannten Partnern Sex hat. Drogen - egal welcher Art - beeinflussen die sexuelle Lust: die einen betäuben, die anderen verstärken die Libido, wieder andere entnehmen sie. Aber wie sie auch immer wirken, sind die Safer-Sex-Regeln in jedem Fall zu beachten.

Nach diesen Überlegungen sind die Angaben zum Sexualverhalten der Drogengebraucher erschreckend. Nur in 33,3% der Fälle benutzen die Probanden dieser Zielgruppe beim Geschlechtsverkehr Kondome (s. Tabelle 25). Bei allen anderen Sexualpraktiken, egal ob es um weibliche oder männliche Probanden handelt, ist die Kondomverwendungsrate gleich null. Auch auf die Frage nach der regelmäßigen Benutzung von Kondomen als Schutz vor Geschlechtskrankheiten und AIDS (s. Tabelle 31) antworteten positiv lediglich 16,7% der Probanden. 50% gaben an, grundsätzlich keine Kondome zu benutzen, weitere 50% sind nach dem Drogenkonsum sorglos und wenn es zum Sex kommt, gar nicht an Safer-Sex denken. Beängstigend wirken auf uns die 33,3% der Drogengebraucher, die angegeben haben, noch nie im Leben einen Kondom benutzt zu haben.

Bei den Drogengebrauchern konnten wir keinen relevanten Zusammenhang zwischen Schutz- bzw. Risikoverhalten und Partnersituation finden.


104

Tabelle 25: Ausgeübte Sexualpraktiken mit und ohne Kondom bei der letzten Sexualbeziehung der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen*

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Geschlechtsverkehr (Koitus)

0%

33,3%

66,7%

Petting

20%

0%

80%

Hand-/Bodymassage

0%

0%

100%

Lecken der Vulva

33,3%

0%

66,7%

Lutschen am männlichen Glied

50%

0%

50%

Analverkehr (Glied in den After)

90,9%

0%

9,1%

Sex mit mehreren Partnern

100%

-

-

Sado-Maso-Sex

100%

-

-

*Angaben zu “stimmt“.

Die am häufigsten gewählte Sexualpraktik von der gesamten Stichprobe ist die Masturbation. Lediglich eine Minderheit der befragten Männer und Frauen gibt an, daß sie diese Sexualpraktik nie ausüben (s. Tabellen 22-25). Im Gegensatz zu vielen anderen Untersuchungen haben wir auch Fragen zur Frequenz der Selbstbefriedigung gestellt. Es zeigt sich, daß die Frequenz der Selbstbefriedigung sehr hoch ist. Etwa zwei Drittel aller Probanden befriedigen sich selbst mehrmals pro Woche (s. Diagramm 23). Die Daten unserer Erhebung machen also deutlich, daß Selbstbefriedigung und gegenseitige Masturbation (Hand-/Bodymassage) einen großen Anteil der gesamten sexuellen Aktivität aller Probanden ausmachen. Obwohl diese Sexualpraktiken, die äußerst safe im Sinne der AIDS-Prävention sind, wahrscheinlich in den meisten Fällen in Verbindung mit anderen Sexualvarianten praktiziert werden, sind wir der Auffassung, daß sie einen großen Teil der zwischenmenschlichen Erotik darstellen.

Diagramm 23: Wie oft in der Woche befriedigen Sie sich selbst?


105

Zusammenfassung

Die Mehrheit der Probanden hatte im letzten Jahr Sexualkontakte nur zu einer Person. Bei vielen Menschen hat sich die Anzahl der Sexualpartner/innen im letzten Jahr (im Vergleich zum ganzen Leben) gemindert. Angesichts dieser Ergebnissen können wir feststellen, daß bei der Mehrheit der Probanden nicht von promiskem Verhalten gesprochen werden kann.

Dagegen werden beim Koitus von den Menschen, die heterosexuelles Verhalten praktizieren, nicht konsequent Kondome benutzt. Die Menschen mit homosexuellen Kontakten praktizieren nicht oft sehr risikoreiche Sexualpraktiken (Analverkehr, Gruppensex), aber wenn sie solchen Sex haben, dann geht es in den meisten Fällen safe vor. Sadomasochistische Rollenspiele (S/M-Praktiken) kommen selten vor.

So müssen die Risiken bezüglich einer HIV-Infektion bei den Menschen mit heterosexuellem Verhalten (inkl. den Drogengebrauchern) aufgrund durchschnittlich niedriger Kondombenutzungsraten als hoch eingeschätzt werden.

5.7.5. Determinanten der Kondombenutzung

Die wichtigste Aufgabe der AIDS-Prävention ist die Popularisierung der konsequenten Benutzung von Kondomen bei penetrierendem Geschlechtsverkehr (vaginal und anal). Danach ist das wichtigste Ziel der AIDS-Präventionskampagnen, die Akzeptanz von Kondomen zu erhöhen und Kondome möglichst positiv zu besetzen (vgl. Kleiber, 1995). Die Einstellungen der Probanden aus den einzelnen Zielgruppen ist daher von großer Bedeutung, um Ansatzpunkte zur Verbesserung der Kondomakzeptanz zu identifizieren.

In diesem Sinne haben wir, nachdem wir Fragen zum Schutz- bzw. Risikoverhalten bei den verschiedenen Sexualpraktiken gestellt haben, näher nach den Einstellungen und nach dem Verhältnis zu Kondomen nachgefragt (s. Tabelle 26).

Unseren Ergebnissen nach, akzeptieren die meisten Probanden die Kondome als Schutz vor Geschlechtskrankheiten/AIDS (66,7% bei den Menschen mit bi- und je 50% bei den Menschen mit homo- und heterosexuelles Verhalten). Eine erhebliche Ausnahme sind die Drogengebraucher, da nur 16,7% diese Auffassung vertreten. Die Mehrheit von ihnen (66,7%) ist auch gleichzeitig der Meinung, daß durch Kondome die sexuelle Empfindung herabgesetzt wird. Bei den anderen Zielgruppen fallen diese Prozentsätze deutlich niedriger aus.


106

Wie wir schon in den anderen Kapiteln erwähnt haben, ist die grundsätzliche Kondomabstinenz bei allen Zielgruppen ziemlich hoch, wobei die Drogengebraucher auch hier an der Spitze liegen. Die negativen Einstellungen gegenüber Kondomen sind bei ungefähr ein Drittel jeder Zielgruppe verbreitet. So meinten 29,5% der Gesamtstichprobe, daß Kondome eklig und unnatürlich sind, und daß Sex mit Kondomen gar kein richtiger Sex ist. Sehr viele Probanden (50% der Drogengebraucher, 33,3% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten und 21,4% der Menschen mit homosexuellem Verhalten) sind bei Alkohol oder Drogeneinfluß sorglos und denken nicht an Kondome. Das könnte für diese jungen Menschen bei ihren Freizeitbeschäftigungen (Diskobesuche, Partys etc.) besonders gefährlich hinsichtlich einer möglichen HIV-Infizierung sein, da der Alkoholkonsum durch den sehr billigen Preis in Bulgarien und den Mangel an anderen Freizeitangeboten stark verbreitet ist. 20% der Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten und 33,3% der Drogengebraucher (wieder an erster Stelle!) behaupten, keine Angst vor einer HIV-Infektion zu haben. Daß dadurch die Sexualpartner oder die Menschen mit denen benutzte Spritzen getauscht werden gefährdet werden, wird offensichtlich nicht berücksichtigt. 16,4% der Probanden der Gesamtstichprobe geben an, noch nie ein Kondom benutzt zu haben. Die Prozentsätze dieser Einstellung sind, wie anders nicht zu erwarten! - bei den Drogengebrauchern am höchsten - 33,3%. In einem anderen Fall könnten wir vermuten, daß so viele Menschen keine Angst vor AIDS haben, weil sie die entsprechenden Schutzvorkehrungen einhalten. Angesichts der Kondomverwendungsraten stellen wir fest, daß es sich um Sorglosigkeit handelt. Eine kleine Minderheit der männlichen Probanden hat Angst, durch den Kondom die Erektion zu verlieren oder befürchten, daß ein Kondom ihnen nicht passen würde (s. Tabelle 26).

Tabelle 26: Einstellungen zu Kondomen*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogen-gebrauch

Gesamt

Kondome als Schutz vor Geschlechtskrankheiten/AIDS

66,7%

50%

50%

16,7%

47,5%

Empfindung durch Kondome herabgesetzt

40%

45%

28,6%

66,7%

47,5%

Ich benutze grundsätzlich keine Kondome

33,3%

40%

42,9%

50%

41%

Ich finde Kondome eklig und unnatürlich

20%

20%

42,9%

41,7%

29,5%

Sex mit Kondomen ist kein richtiger Sex

26,7%

30%

28,6%

33,3%

29,5%

Wenn Alkohol/Drogen - sorglos

21,4%

15%

33,3%

50%

27,3%

Sex mit Kondomen macht kein Spaß

20%

25%

14,3%

33,3%

23%

Keine Angst vor AIDS-Einsteckung

20%

20%

0%

33,3%

18%

Ich habe noch nie ein Kondom benutzt

20%

10%

7,1%

33,3%

16,4%

Ich habe Angst, daß ich meine Erektion verliere

0%

20%

0%

9,1%

9,3%

Ich befürchte, ein Kondom könnte mir nicht passen

0%

10%

0%

0%

3,8%

*Angaben zu “stimmt“.


107

Auch bei der Frage nach dem ”ständigen Dabeihaben“ von Kondomen stehen die Drogengebraucher verantwortungslos dar - 58,3% geben an, nie Kondome bei sich zu haben. Die Mehrheit der Menschen mit bisexuellem Verhalten (73,3%) haben immer Kondome bei sich und benutzen sie auch, wie wir in den Tabellen 22 und 26 gesehen haben. Die Angaben der Menschen mit homo- und heterosexuellem Verhalten sind etwa gleich: die Menschen, die immer, manchmal oder nie Kondome bei sich haben machen je ein Drittel davon aus (s. Diagramm 24).

Diagramm 24: Haben Sie Kondome bei sich, wenn Sie unterwegs sind?

5.7.6. AIDS, HIV-Tests und Geschlechtskrankheiten

5.7.6.1. Persönliche Einschätzung des AIDS-Risikos

Immerhin mehr als die Hälfte (56,7%) der Probanden der Gesamtstichgruppe fühlt sich durch AIDS bedroht. Am meisten bedroht fühlen sich die Menschen mit bi- und heterosexuellem Verhalten - je 64,3% (s. Diagramm 25). Aus Diagramm 26 läßt sich aber feststellen, daß in der Gruppe der Befragten die Bedrohung durch die HIV-Infektion nicht verhaltensmodifizierend gewirkt hat (s. Diagramm 26). So geben ungefähr die Hälfte der Probanden an, angesichts der AIDS-Epidemie ihr Verhalten nicht geändert zu haben. Dabei haben 64,3% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten keine Änderungen im Sinne des Schutzverhaltens vorgenommen. Die Mehrheit der Menschen mit bisexuellem Verhalten hat ihr Sexualverhalten modifiziert, was sich auch in den Kondombenutzungsangaben widerspiegelt. Jeweils 80% der Menschen mit homo- und heterosexuellem Verhalten, die durch die AIDS-Epidemie ihr Sexualverhalten geändert haben, geben an, bei neuen Bekanntschaften auf die Benutzung von Kondomen zu bestehen. Durch die AIDS-Gefährdung sind 40% der Probanden, die ihr Sexualverhalten geändert haben, weniger geneigt zu Seitensprüngen oder Affären. 40% der Menschen mit homosexuellem Verhalten warten, im Vergleich mit der Zeit vor dem Ausbruch von der AIDS-Epidemie, heutzutage bei neuen Bekanntschaften länger mit Sex. Lediglich 11,1% aus der Gruppe der Menschen mit homosexuellem Verhalten geben an, daß die Veränderungen in ihrem Sexualverhalten in der Sexvermeidung bzw. in der Verlangung eines HIV-Tests des Partners liegen (s. Tabelle 27).


108

Diagramm 25: Fühlen Sie sich durch AIDS bedroht?

Diagramm 26: Veränderungen im Sexualleben durch die AIDS-Epidemie


109

Tabelle 27: Falls sich Ihr Sexualleben verändert hat, wie äußert sich das in Ihrem Sexualverhalten? (Mehrfachantworten möglich) *

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogen-gebrauch

Gesamt

Bestehe bei neuen Bekanntschaften auf Benutzung von Kondomen

77,8%

80%

80%

50%

73,3%

Weniger Seitensprünge

22,2%

60%

20%

50%

40%

Warte länger mit Sex

11,1%

40%

0%

16,7%

20%

Flirte weniger

11,1%

10%

20%

16,7%

13,3%

Gehe weniger in Kneipen und Discotheken

11,1%

0%

0%

16,7%

6,7%

Vermeide Sex

11,1%

0%

0%

0%

3,3%

Verlange AIDS-Test

11,1%

0%

0%

0%

3,3%

*Angaben zu “stimmt“.

5.7.6.2. Wissensstand über die HIV-Übertragungswege

Mit diesem Fragenkomplex haben wir uns versucht, ein Bild über den Wissensstand der Probanden zu den HIV-Übertragungswegen bzw. zum Wesen des HIV-Tests zu verschaffen. Darüber hinaus wollten wir einen Zusammenhang zwischen der Kenntnis bzw. Unkenntnis von Übertragungswege und dem Gefühl eigener Betroffenheit finden und, falls vorhanden, analysieren.

Der Informationsstand der einzelnen Zielgruppen über die HIV-Hauptinfektionswege ist relativ gut. Dabei sind die Menschen mit heterosexuellem Verhalten am besten informiert - alle wissen, daß HIV durch Geschlechtsverkehr, Spritznadeln und Sperma weitergegeben werden kann. Verwunderlich ist, daß die Menschen mit homosexuellem Verhalten am besten über die Möglichkeit der HIV-Weitergabe von der Mutter auf das neugeborene Kind informiert sind (90%).

Sonst ist die Tendenz zu beobachten, daß jede Zielgruppe über ihre eigenen Gefahren der Übertragung informiert ist und weniger über die anderen Ansteckungsmöglichkeiten. So sind vergleichsweise am besten die Drogengebraucher (90,9%) darüber informiert, daß HIV durch unsterile Spritzen weitergegeben werden kann. Daß man sich mit dem HI-Virus durch die Vaginalflüssigkeit infizieren kann wissen immerhin 85,7% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten und 81,8% der Drogengebraucher, aber nur 75% der Menschen mit homosexuellem Verhalten. Jeder dritte Proband mit bisexuellem Verhalten meint, HIV kann durch Küsse oder Speichel weitergegeben werden. 21,4% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten sind der Meinung, daß Insekten die HIV-Infektion verbreiten könnten. Keiner der Befragten meinte, daß man sich durch gemeinsames Benutzen von Geschirr infizieren könnte (s. Tabelle 28).


110

Inwieweit der Informationsstand mit der jeweiligen Einschätzung der eigenen Gefährdung/Befroffenheit durch AIDS korreliert, läßt sich aufgrund der zahlenmäßigen Begrenzung der befragten Personengruppe kaum nachweisen. Die Ergebnisse scheinen aber folgendes anzudeuten:

5.7.6.3. Fragen zum HIV-Test

Der Anteil der Probanden, die sich mindestens einmal einem HIV-Antikörpertest unterzogen haben ist ziemlich hoch - 55%. Allerdings zeigen sich hier Unterschiede zwischen den einzelnen Zielgruppen. 81,8% der Drogengebraucher und 73,3% der Menschen mit bisexuellem Verhalten sind schon mindestens einmal HIV getestet worden. Zu diesen hohen Angaben scheinen die Prozentsätze der getesteten Probanden mit homo- und heterosexuellem Verhalten (jeweils 45% und 28,6%) niedrig. Immerhin ist der Anteil der getesteten Personen der Gesamtstichgruppe größer als die der Leute, die sich dem Test nicht unterzogen haben - 55% (s. Diagramm 27).

Diese Angaben sprechen dafür, daß HIV/AIDS ein bedeutsames Thema für die Zielgruppen ist. Wie sich der Anteil der Personen, die einen HIV-Test gemacht haben, seit der Entdeckung des Viruses entwickelt hat, können wir wegen des Forschungsmangels zum Thema in Bulgarien nicht analysieren. Zum Vergleich können wir die Untersuchungsergebnisse von Prof. Kleiber aus dem Jahr 1995 vorstellen, nach denen mehr als die Hälfte der von ihm befragten Sextouristen bereits einen HIV-Test gemacht hat. Diese Prozentsätze sind vergleichsweise viel höher als die Angaben in der Umfrage des FORSA-Institutes aus dem Jahr 1990, nach der sich nur 13% der deutschen Bevölkerung schon einmal auf HIV-Antikörper untersucht hat.


112

Diagramm 27: HIV-Test gemacht

Obwohl im Vergleich zu den anderen Zielgruppen weniger Menschen mit heterosexuellem Verhalten den Test gemacht haben, hatten die meisten von ihnen Angst vor der Durchführung des Tests - 75%. Auch die Probanden aus den anderen Zielgruppen, die den Test gemacht haben, hatten Angst davor. Eine Person hat angegeben, Angst vor dem Test gehabt zu haben, ohne den Test zu machen (s. Diagramm 28).

Angesichts des hohen Anteils der Menschen, die vor der Durchführung eines HIV-Tests Angst hatten, können wir vermuten, daß unter den Befragten, die bislang keinen HIV-Test machen ließen, die Angst vor einem positiven Testergebnis im Vordergrund steht.

Diagramm 28: Falls Sie ein HIV-Test gemacht haben, hatten Sie Angst vor dem Test?


113

Die meisten Tests, mit Ausnahme der Tests der Probanden mit heterosexuellem Verhalten, erfolgten aus eigener Initiative und zwar bei 66,7% der Probanden der Gesamtstichprobe. Dabei haben sich alle Drogengebraucher selbst zu einem Test entschieden. Das bedeutet, daß mehr als die Hälfte der Probanden wesentlich auf Grund eigener Überlegungen den Test machen ließen. Die große Mehrheit der Menschen mit heterosexuellem Verhalten (75%) mußten den Test bei bestimmten Grenzübergängen machen. 22,2% der Menschen mit homo- und 16,7% der Menschen mit bisexuellem Verhalten sind von ihren sexuellen Partnern zu der Testdurchführung aufgefordert worden. Bei ganz wenigen Leuten (nur 11,1% der Menschen mit homosexuellem Verhalten) gab eine Aufforderung vom Arbeitgeber den Anstoß zu einem Test.

Die genannten Personen oder Institutionen gaben den Ausschlag, den Test durchführen zu lassen. Es zeigt sich, daß ein sehr individuelles Motiv, nämlich Kenntnis über den eigenen Serostatus zu erreichen, bei der Mehrheit der Probanden vorlag (s. Tabelle 30).

Tabelle 30: Welche Umstände haben Sie zu einem HIV-Test bewegt?

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogen-gebrauch

Gesamt

Bin selbst auf die Idee gekommen

66,7%

55,6%

25%

100%

66,7%

Mußte den Test machen beim Passieren bestimmter Grenze

8,3%

11,1%

75%

0%

15,2%

Bin vom Partner aufgefordert worden

16,7%

22,2%

0%

0%

12,1%

Bin vom Arbeitgeber aufgefordert worden

0%

11,1%

0%

0%

3%

Mußte den Test wegen Ehe/Schwangerschaft machen

8,3%

0%

0%

0%

3%

Die Motive für den Test und die dabei ausschlaggebenden Gründe konnten in der Auswertung der Befragung nur kursorisch erhoben werden. Es lassen sich je doch indirekt anhand der Kreuztabellenuntersuchung im Rahmen des SPSS-Statistikprogramms Motivlagen ermitteln. Probanden, die schon andere Geschlechtskrankheiten hatten, haben sich viel häufiger getestet, als die Personen, die keine Geschlechtskrankheiten hatten. Vermutlich sexuell besonders aktive Personen haben sich zu einem höheren Anteil testen lassen als die weniger aktiven Personen. Die Altersverteilung in Hinblick auf die Durchführung des HIV-Tests ist relativ gleichmäßig. Probanden, die sich als Beschützer oder Individualisten im Sinne der Charaktertypen von Prof. Kleiber ansehen haben sich häufiger einem Test unterzogen.

Es kann zusammenfassend festgestellt werden, daß ein hohes soziales und sexuelles Aktivitäts- und Bewußtseinsniveau ein spezifisches Risikobewußtsein im Hinblick auf HIV/AIDS fördert und bei einem Großteil der Befragten zur Durchführung eines Tests führt.

Ein Proband mit bisexuellem Verhalten gab an HIV-positiv zu sein (s. Diagramm 29). Aber Aufgrund der geringen Anzahl der HIV-positiven Personen in Bulgarien und der eher kleineren Probandengruppe in unserer Untersuchung kann ein differenzierteres Bild der HIV-positiven Personen nicht durchgeführt werden.


114

Diagramm 29: Falls Sie ein HIV-Test gemacht haben, war das Ergebnis positiv?

5.7.6.4. Sexuell übertragbare Erkrankungen

Viele Wissenschaftler haben in ihren Studien die sexuell übertragbaren Krankheiten als relevanten Marker für das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, identifiziert (vgl. Marcus, 1993). Außerdem ist die Bedeutung der STDs, angesichts ihrer steigenden Inzidenz (besonders der Syphilis)<44> nicht gering zu schätzen. Deshalb ist für unsere Arbeit bedeutsam, die diesbezügliche individuelle Biographie der Probanden zu erfahren. Dabei benutzen wir nicht den Begriff ”Geschlechtskrankheiten“, sondern sprechen von ”sexuell übertragbaren Krankheiten“, weil viele Erreger, die sexuell übertragen werden, systemische Infektionen und nicht nur Infektionen der Geschlechtsorgane verursachen.

52,5% der Probanden der Gesamtstichgruppe berichten, daß sie in ihrem bisherigen Leben von mindestens einer Geschlechtskrankheit betroffen waren. Dabei liegen an erster Stelle mit ungefähr 60% die Menschen mit bisexuellem Verhalten und die Drogengebraucher. Die Hälfte der Menschen mit heterosexuellem Verhalten sowie 45% der Männern mit homosexuellem Verhalten gaben auch an, sexuell übertragbare Krankheiten gehabt zu haben (s. Diagramm 30).

Wie nicht anders zu erwarten, sind die Menschen mit hohen Partnerzahlen während ihrer gesamten sexuell aktiven Lebenszeit wesentlich stärker von STDs betroffen als Menschen, mit einer eher geringeren Partnerzahl.


115

Diagramm 30: Bereits Geschlechtskrankheiten (STDs) gehabt?

Die meisten Probanden, die schon sexuell übertragbare Krankheiten kannten, hatten sich ein Mal (53,1%) oder zwei bis fünf Mal (43,8%) infiziert. Nur 3,1% gaben an, sich mehr als sechs Mal angesteckt zu haben. Hier handelt es sich ausschließlich um Menschen mit heterosexuellem Verhalten. Den größten Prozentsatz weisen die Menschen mit homosexuellem Verhalten auf, die sich ein Mal mit bestimmter STD infiziert haben (66,7%). Sonst sind die Angaben der anderen Zielgruppen sehr ähnlich (s. Diagramm 31).

Diagramm 31: Falls Sie STDs hatten, wie oft?


116

Alle Menschen mit bisexuellem Verhalten und alle Drogengebraucher, die sich mit einer STD angesteckt haben, suchten einen Arzt bzw. eine Ärztin auf. Das taten auch 71,4% der Menschen mit heterosexuellem Verhalten und nur jeder dritte Mann mit homosexuellem Verhalten (dafür aber haben 44,4% der Männer mit homosexuellem Verhalten eine Klinik aufgesucht). Diese Angaben sagen zwar nicht sehr viel über das Gesundheitsbewußtsein der Menschen aus, führt uns aber zu der Annahme, daß ein Großteil der Bevölkerung in Bulgarien mit den STDs-Tests vertraut ist und weiß, wie man mit der Krankheit umgeht (s. Tabelle 31).

Tabelle 31: Wie haben Sie die STD behandelt?

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogen-gebrauch

Gesamt

Bin zum Arzt gegangen

100%

33,3%

71,4%

100%

75%

Habe eine Klinik aufgesucht

0%

44,4%

14,3%

0%

15,6%

Habe mir in einer Apotheke etwas geben lassen

0%

22,2%

14,3%

0%

9,4%

Die hohen Prozentsätze der Menschen mit heterosexuellem Verhalten, die bereits eine STD hatten, bestätigen noch einmal ihre hohe Bereitschaft zu ungeschützten Risikopraktiken.

5.7.7. Einstellungen zur AIDS-Gefährdung und zu den HIV-Positiven und AIDS-Kranken

Von besonderer Bedeutung für unsere Arbeit ist die Analyse der Einstellungen zur AIDS-Gefährdung und zu den Menschen, die sich bereits mit dem HI-Virus infiziert haben bzw. an AIDS erkrankt sind. Wir wollten damit die Behauptungen vieler Menschen in Bulgarien prüfen, HIV-Positive würden besonders stark stigmatisiert und ausgegrenzt. Mit der Hilfe dieser Analyse möchten wir Anhaltspunkte für Strategien für Enttabuisierung des Phänomens AIDS und für eine größere Akzeptanz der Menschen mit anderen (als diese der Mehrheit der Bevölkerung) sexuellen Präferenzen und der HIV-Positiven bzw. AIDS-Kranken finden.

Zuerst haben wir nachgefragt, wer nach Meinung der einzelnen Zielgruppen, durch AIDS besonders gefährdet ist. Den Ergebnissen zufolge sieht sich keine der befragten Zielgruppe stark gefährdet (mit Ausnahme der Gruppe der Drogengebraucher). So finden die Menschen mit homosexuellem Verhalten, daß die Sextouristen und die Drogengebraucher stark durch AIDS gefährdet sind. Die Menschen mit heterosexuellem Verhalten bezeichnen ihrerseits die Menschen mit homosexuellem Verhalten als die am meisten durch die AIDS-Pandemie gefährdete Gruppe und sehen sich selbst wenig gefährdet. Nur die Mehrheit der Menschen mit bisexuellem Verhalten ist der Meinung, AIDS ist eine große Gefahr für die ganze Bevölkerung. Die Drogengebraucher haben ihre eigene Zielgruppe und die Gruppe der Menschen mit homosexuellem Verhalten als besonders AIDS-anfällig identifiziert. Obwohl das Jugendalter, wie schon beschrieben, viele Gefahren bzügl. einer HIV/STD-Infektion mit sich bringt, werden die Jugendlichen kaum als gefährdete Gruppe von allen Zielgruppen in unserer Untersuchung angesehen. An zweiter Stelle der gefährdeten Gruppen steht das prostitutive Verhalten. Weil professionell arbeitende Prostituierte kaum einer HIV-Infektionsgefahr ausgesetzt sind<45>, führt uns diese Behauptung zu der Annahme, daß die Leute in Bulgarien immer noch bestimmte Menschen als Risikogruppen bezeichnen und nicht das Risikoverhalten als signifikanten Gefährdungsfaktor identifizieren (s. Tabelle 32).


117

Tabelle 32: Wer ist Ihrer Meinung nach durch AIDS stark gefährdet? (Mehrfachantworten möglich) *

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Die Drogengebraucher

53,3%

60%

71,4%

83,3%

65,6%

Die Prostituierten

40%

50%

71,4%

75%

57,4%

Die Homosexuellen

53,3%

35%

64,3%

83,3%

55,7%

Die Sextouristen

46,7%

65%

28,6%

50%

49,2%

Die Allgemeinbevölke-rung

60%

45%

28,6%

41,7%

44,3%

Die Jugendlichen

53,3%

30%

21,4%

33,3%

34,4%

*Angaben zu “stimmt“.

Was die höchste Diskriminierung der HIV-infizierten Personen - die Zwangsisolierung angeht, sind sich fast alle Probanden einig - in der bulgarischen Gesellschaft gibt es keinen Platz für solche radikalen Maßnahmen. So finden die Forderungen mancher radikaler Wissenschaftler und Politiker aus der näheren Vergangenheit, die HIV-Infizierten aus der Gesellschaft auszugrenzen, keine Befürworter in Bulgarien. Ganz eindeutig auf diese Frage antworten die Drogengebraucher - kein einziger Proband befürwortet die Zwangsisolierung (s. Diagramm 32).

Diagramm 32: Sollen die HIV-Infizierten zwangsisoliert werden?

Anders sind die Meinungen der Probanden in unserer Untersuchung zum Umgang mit den HIV-Infizierten, die vorsätzlich andere Menschen mit dem HI-Virus anstecken. Hier müssen wir erwähnen, daß in Bulgarien kein Gesetz existiert, das diese Problematik regelt.


118

Nur 14,3% der Menschen mit bi- und heterosexuellem Verhalten und keiner der Menschen mit homosexuellem Verhalten und der Drogengebraucher sind der Meinung, diese Leute nicht zu bestrafen. Etwa jeder dritte Befragte behauptet, man müsse sie entweder in einer Isolierstation einweisen oder sie ins Gefängnis sperren. 40% der Drogengebraucher vertreten die radikale Position, die vorsätzlichen Verbreiter der HIV-Infektion gar mit dem Tod zu bestrafen (s. Tabelle 33).

Obwohl manche dieser Meinungen sehr radikal erscheinen, sollte man sie bei der Schaffung eines Gesetzes zur Regelung dieses Sachverhalts berücksichtigen.

Tabelle 33: Strafe für die HIV-Infizierte, die andere vorsätzlich anstecken?*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Einweisung in eine Isolierstation

28,6%

45%

35,7%

40%

37,9%

Gefängnis

42,9%

30%

21,4%

20%

29,3%

Todesstrafe

0%

25%

21,4%

40%

20,7%

gar nicht

14,3%

0%

14,3%

0%

6,9%

Geldbuße

14,3%

0%

7,1%

0%

5,2%

*Angaben zu “stimmt“.

Häufig wird den AIDS-Präventionskampagnen vorgeworfen, sie stellten die kognitiven Aspekte zu sehr in den Vordergrund. Folglich können sie kaum etwas zu Einstellungsänderungen und präventivem Handeln beitragen. Dieser Einwand wird grundsätzlich als berechtigt angesehen, aber er betrifft hauptsächlich solche Einstellungen und Vorurteile, die aus normativen Orientierungen oder ihrer psychodynamischen Funktion resultieren. Ein Teil der Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV/AIDS gründet sich aber auf Wissensdefizite und damit einhergehenden unbegründeten Ängsten.

So sind 36,1% der Befragten der Meinung, daß ein Verbot der jeweils ausgeübten Tätigkeit nötig ist. Besonders radikal äußern sich zu diesem Thema die Drogengebraucher-die Hälfte stimmt einem Berufsverbot für HIV-Infizierte zu (s. Diagramm 33). Eine alte Erkenntnis der Sozialpsychologie scheint sich hier zu bestätigen. Von sozialer Desintegration bedrohte Personen reagieren häufiger mit Ausgrenzungs- und Stigmatisierungstendenzen gegenüber s.g. Minderheiten als sozial integrierte Menschen. Niedrige Bildungsabschlüsse (was bei den Drogengebrauchern der Fall ist) und Berufspositionen begünstigen ebenfalls diese Ausgrenzungstendenzen wie auch eine geringe Erfahrung im Umgang mit HIV und AIDS im eigenen sozialen Umfeld.


119

Diagramm 33: Berufsverbot für HIV-Infizierte?

Bei der nächsten Frage werden die Befürworter des Berufsverbots für HIV-Infizierte detailliert nachgefragt, welche Berufe genau verboten werden müssen. Die oben ausgeführten Vermutungen über das Unwissen, welche Gefahren bestimmte Berufe mit sich bringen werden hier besonders deutlich.

Die Tätigkeit der Prostituierten/Stricher werden von den meisten der Probanden (87% der Gesamtstichgruppe) als besonders gefährlich angesehen, obwohl wie wir schon beschrieben haben, diese kaum eine Gefahr darstellen. 60,9% der Befragten sind der Meinung man müsse den HIV-infizierten ÄrztInnen verbieten, ihren Beruf auszuüben. diese Position hängt vielleicht auch damit zusammen, daß in vielen Krankenhäusern und Behandlungsstationen aufgrund des Finanzmangels die Sterilitätsvorschriften nicht eingehalten werden und so eine HIV-Übertragung Arzt - Patient wahrscheinlicher wird.

Die oben ausgeführte These der Wissensdefizite wird durch die Behauptungen etwa jeden dritten Probandens unterstrichen, viele Berufe, bei denen kaum eine Gefahr für mögliche HIV-Übertragung existiert, zu verbieten (s. Tabelle 34). 28,6% der Menschen mit homosexuellem Verhalten vertreten sogar die Meinung, man muß den HIV-positiven Sportlern verbieten, ihren Sport auszuüben.

Unsere Erwartungen wurden bestätigt: Sowohl der Kenntnisstand über allgemeine medizinische Fakten als auch die aus mangelndem Wissen resultierenden unbegründeten Ängste vor einer Infektion durch Alltagskontakte wiesen einen engen Zusammenhang zur Ausgrenzungsbereitschaft auf.

Es kann also erwartet werden, daß die Toleranz der Bevölkerung gegenüber Menschen mit HIV/AIDS durch die Korrektur falscher Vorstellungen über die Vermittlung von Wissen beeinflußt werden kann.


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Tabelle 34: Falls Berufsverbot für HIV-Infizierte, welche Berufe dürfen die HIV-Infizierten nicht ausüben? (Mehrfachantworten möglich)*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Prostituierte/Stricher

100%

71,4%

100%

85,7%

87%

Arzt/Ärztin

33,3%

71,4%

50%

71,4%

60,9%

Krankenpfleger/in

33,3%

28,6%

33,3%

57,1%

39,1%

Koch/Köchin

0%

14,3%

50%

57,1%

34,8%

Metzger/in

0%

28,6%

50%

42,9%

34,8%

Kindergärtner/in

33,3%

0%

16,7%

57,1%

26,1%

Masseur/Masseuse

0%

28,6%

16,7%

28,6%

21,7%

Verkäufer/in

0%

0%

33,3%

14,3%

13%

Sportler/in

0%

28,6%

0%

0%

8,7%

*Angaben zu “stimmt“.

5.7.8. Charakteristik der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen.

Intravenös drogengebrauchende Menschen gehören auch nach mehr als zehn Jahren AIDS zu den Gruppen im Westen, die mit dem höchsten HIV-Infektionsrisiko leben müssen. Etwa jeder fünfte Drogengebraucher ist HIV-infiziert; ihr Anteil an der Gesamtzahl der an AIDS Erkrankten betrug in den letzten Jahren 13-15%. Das Risiko einer HIV-Infektion ist wesentlich durch die sozialen Lebensbedingungen der Drogengebraucher mitbedingt. Knasterfahrung, ein niedriger Bildungsstand, Heimerfahrungen und ein höheres Ausmaß an alltäglichen Belastungen sind nämlich mit dem HIV-Status assoziiert (vgl. Kleiber, 1990).

Die HIV-Übertragungsrisiken sind für die Gruppe der intravenösen Drogengebraucher besonders hoch, da sie nicht nur in der gemeinsamen Benutzung kontaminierten Spritzbestecks liegen, sondern auch im ungeschützten Sexualverkehr innerhalb einer Partnerbeziehung oder bei der Beschaffungsprostitution bestehen. Insbesondere Sexualkontakte in der Prostitution von Drogenabhängigen, die oft unter Ausnutzung der doppelten Abhängigkeit (von Drogen und der Geldbeschaffung) auf Wunsch der Freier ungeschützt verlaufen, müssen als gesundheitspolitisches Problem angesehen werden.

In Deutschland hat sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit von HIV bei dieser Gruppe seit Beginn der neunziger Jahren verlangsamt. Aber angesichts der Informationen über die ansteigende Verbreitung der HIV-Infektion unter den Menschen in Bulgarien, die Drogen intravenös gebrauchen, die uns von den Medien und anderen Quellen bekannt sind<46>, haben wir in unserer Untersuchung einen Fragekomlex extra für diese Zielgruppe entwickelt. Wir haben einerseits nach dem Drogenkonsum (Art, Häufigkeit usw.) nachgefragt und andererseits Fragen zum Safer-Use (also der risikofreie Drogengebrauch hinsichtlich einer HIV-Infektion) gestellt. Zuletzt haben wir nach der persönlichen Situation der Menschen nachgefragt.


121

Unsere Stichprobe der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen, setzt sich aus 58,3% Männern und 41,7% Frauen zusammen. Alle Befragten sind in einer Großstadt geboren. 66,7% haben lediglich ein Abitur absolviert. Auch insgesamt zeigt sich bei den Drogengebrauchern ein niedrigerer Bildungsstand als bei den anderen Zielgruppen. 91,7% sind ledig.

Das Einstiegsalter in den Drogenkonsum lag für die meisten der Befragten (45%) bei 18-20 Jahren. Sehr viele Menschen (28%) fangen aber noch mit 15. Jahren an (s. Diagramm 34). Unsere Ergebnisse zu dieser Frage sind fast identisch mit den Ergebnissen der Studie ”Akzeptanz AIDS-präventiver Botschaften in Deutschland“ von Prof. U. Koch und S. Ehrenberg aus dem Jahr 1992.

Diagramm 34: In welchem Alter haben Sie zum ersten Mal Drogen injektiert?

Die Konsumhäufigkeit der verschiedenen Substanzen streckt sich von ”täglich“ bis ”nie“. Insgesamt wurde Heroin von 90% der Menschen täglich injiziert. 10% haben nie Heroin injiziert. Jeweils 30% der Probanden haben schon Kokain, Cocktail, Amphetamine oder Speedball injiziert. Tabelle 35 zeigt die Dominanz von Heroin, die relativ hohe Bedeutung von Cocktail und Speedball sowie die eher geringere Gebrauchshäufigkeit von Amphetaminen und Kokain.

Tabelle 35: Welche Drogen spritzen Sie und wie oft?

 

Heroin

Kokain

Cocktail

Amphetamine

Speedball

täglich

90%

0%

10%

0%

0%

wöchentlich

0%

0%

10%

0%

20%

monatlich

0%

30%

10%

30%

10%

nie

10%

70%

70%

70%

70%


122

Während ihres aktiven Drogenkonsums benutzten 64% der Probanden Spritzen mit anderen Drogengebrauchern zusammen - ”Needle sharing“ (s. Diagramm 35). Dadurch können nicht nur HIV, sondern auch Hepatitis-B- und -C-Viren sowie Syphilis übertragen werden. Das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, steigt mit der Häufigkeit des ”Needle sharing“ bzw. der Zahl der ”Sharing“-Partner. Die Gründe für das ”Needle sharing“ liegen vor allem in der Knappheit steriler Spritzen und Kanülen. Obwohl viele Drogenabhängige versuchen sterile Spritzen im Vorrat zu besorgen (s. Diagramm 36), fällt ihnen das besonders schwer. Die Zugänglichkeit von sterilen Spritzen ist vielerorts in Bulgarien noch auf Apotheken während des Tages begrenzt. In manchen Apotheken sind die Spritzen sehr teuer, der Verkauf findet nur in großen Mengen statt oder der Apotheker weigert sich, Spritzen und Kanülen an Drogenabhängige zu verkaufen. Ein weiterer Grund besteht in der Beschlagnahmepraxis der Polizei: das Vorhandensein einer Spritze ist für die Polizei ein wichtiger Hinweis auf intravenösen Drogengebrauch. Der Anfangsverdacht dient als Legitimation für weitere Nachforschungen, Durchsuchungen und Vernehmungen. Weil benutzte Spritzen Beweismaterial sind, versucht der Drogengebraucher also möglichst unmittelbar nach der Injektion, sich des belastenden Beweisstückes zu entledigen. Die Strafverfolgung führt so zu einer notorischen Spritzenverknappung, die u.a. mit ”Needle sharing“ kompensiert wird (vgl. Schuller & Stöver, 1992). Die oft angeführte mystisch-rituelle Bedeutung des Spritzenwechsels spielt dagegen im Alltag der kriminalisierten Existenz von Drogengebrauchern kaum eine Rolle.

Diagramm 35: Benutzen Sie Spritzen zusammen mit anderen?


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Diagramm 36 : Haben Sie sterile Spritzen im Vorrat?

Die Lebensbedingungen bzw. die Drogenkonsumorte der Drogengebraucher sind in hohem Maße geprägt von den negativen Folgen der Kriminalisierung durch das Strafrecht und die Strafverfolgungsbehörden. Das hohe Ausmaß an gesellschaftlicher Desintegration von Drogengebrauchern führt vor allem dazu, daß wichtige Momente ihres Alltags ausgrenzt werden und sich in aller Heimlichkeit abspielen müssen: v.a. der intravenöse Konsum selbst.

Nach unseren Ergebnissen spielt der private Bereich offenbar eine sehr wichtige Rolle als Ort des Drogenkonsums: 43% der Probanden gaben an, ausschließlich privat Drogen zu konsumieren. Die anderen 57% behaupten, privat und öffentlich Drogen konsumiert zu haben (s. Diagramm 37).

Diese Angaben führen uns zu den Überlegungen, daß nicht alle Junkies an dem Ort des Drogenerwerbs auch eine Wohnung besitzen, in der sie sich in Ruhe und unter Hygiene den ”Druck“ setzen können. So passiert der Drogenkonsum in öffentlichen Toiletten, in Abbruchhäusern, Parks oder auf Kinderplätzen. Der Drogenkonsum findet hier unter unhygienischen, risikoreichen und streßbehafteten Bedingungen statt.

Die Todesgefahr, die die Vereinzelung vieler Drogenabhängiger mit sich bringt, ist aber auch nicht zu übersehen: im Falle einer Überdosierung oder eines lebensgefährlichen Mischkonsums (oft verursacht durch die sehr schlechte Qualität der Drogen auf dem Schwarzmarkt in Bulgarien) ist keine medizinische Soforthilfe möglich. Und wenn mit mehreren zusammen konsumiert wird, erfolgt oft keine Benachrichtigung der Ambulanz aus Angst vor polizeilichen Nachforschungen, in denen die eigene Beteiligung aufgedeckt wird. Die Bilder und Meldungen von den Toten auf den Toiletten oder in einsamen Wohnungen sind immer wieder Ausdruck dieser Hilflosigkeit und Isolation. Viele Drogengebraucher sterben hinter verschlossenen Türen, obwohl Hilfe in vielen Fällen möglich wäre.


124

Interessant in diesem Fall ist vor allem der Fundort der Toten: nach einer Statistik aus Deutschland lag der Anteil der in einer Privatwohnung gefundenen Verstorbenen 1989 bei 58,4%, im Freien wurden 10,2%, im öffentlichen WC/Bahnhofsbereich 10,2%, in Hotels/Pensionen 4,2%, im PKW 3,2%, in Gaststätten 4,2% und in sonstigen Situationen 9,6% aufgefunden (vgl. Stöver, 1991). Das bedeutet, ein großer Teil der Drogengebraucher stirbt in öffentlichen Bereichen, weil u.a. viele von ihnen den ”Druck“ unmittelbar nach Erwerb der Droge setzen.

Diagramm 37: Falls Sie Spritzen zusammen mit anderen benutzen, wo fand der Konsum statt?

In der Lebenswirklichkeit der Drogenabhängigen sind idealtypische Konsumbedingungen eher die Ausnahme. Oft sind angesichts des Mangels an sterilen Spritzen provisorische Hilfen gefragt. So muß man optimal wie möglich das Spritzbesteck desinfizieren: mit thermischer Desinfektion, Desinfektion mittels bleach, Jod, Alkohol in Verbindung mit gründlicher vorheriger Reinigung durch kaltes Wasser und anschließender Spülung. Die Notfalldesinfektion muß sehr gründlich durchgeführt werden, sonst überleben besonders resistente Pilze, Bakterien und Viren und werden übertragen. Deshalb haben wir nachgefragt, wie unsere Zielgruppe die gebrauchten Spritzen und Nadeln reinigt. Die meisten (70%) gaben an, eine überhaupt unzureichende Reinigung vorzunehmen: sie spülen das Spritzenbesteck mit Wasser. Andere 10% nehmen eine thermische Desinfektion vor. Bei dieser Desinfektion benötigt man lediglich eine Kochstelle, ein Topf, Wasser und - wenn vorhanden - etwas Soda, es werden also einfache ungefährliche Materialien aus dem Haushalt benutzt. Bei richtiger Anwendung ist das einzig sichere Verfahren gegen Hepatitis B und C, aber auch gegen HIV, Pilze und Bakterien. Dabei passiert häufig aber ein Anwendungsfehler: ”Auskochen“ wird als einmaliges, kurzes Einlegen in heißes Wasser verstanden, was keine ausreichende Wirkung darstellt. Dabei wird bei diesem Verfahren auch das Material belastet: Die so desinfektierten Spritzen eignen sich nur zum ein- bis dreimaligen Gebrauch.

Kein Proband gab an, mit bleach, Jodlösung oder Alkohol zu reinigen. 20% der Befragten behaupten, niemals die benutzten Spritzen zu reinigen. Unter präventivem Gesichtspunkt reinigen somit weniger als 10% der Befragten ihre Spritzen adäquat (s. Diagramm 38).


125

Diagramm 38: Wie reinigen Sie die gebrauchte Spritzen und Nadeln?

Daß die Drogenabhängige in Bulgarien (vielleicht wie überall) großen Schwierigkeiten und Problemen ausgesetzt sind, ist im Diagramm 39 ersichtlich. 92% der Probanden dieser Zielgruppe hatten persönliche Probleme wegen ihres Drogengebrauchs. In dieser Situation sind neben dem erhöhten Grad der Duldung durch die Institutionen der Justiz und der Akzeptanz durch die Einrichtungen der Drogenarbeit für die Drogengebraucher in Bulgarien die sozialpolitischen und psychologischen Gegebenheiten, die die strukturelle Prävention mit sich bringt besonders wichtig. Hier denken wir an die materielle Absicherung des Lebensunterhalts und die Verfügbarkeit von Wohnraum u.s.w.

Diagramm 39: Haben Sie persönliche Probleme wegen des Drogengebrauchs?


126

Die Folgen der Probleme, die die Drogengebraucher hatten bzw. haben, lassen sich in 100% der Fälle als große persönliche Mißerfolge identifizieren (s. Diagramm 40). Eine weitere Folge oder vielleicht eine versuchte Lösung der Probleme war der Aufenthalt in einer Klinik für 72,7% bzw. der Drogenentzug für 45,5% der Probanden. 36,4% der befragten Drogengebraucher haben wegen ihren Sucht den Arbeitsplatz verloren. 9,1% haben sogar eine Gefängnisstrafe bekommen, was angesichts der totalitären Bedingungen vor 1989 in Bulgarien nicht überraschend ist. Es ist wichtig, diese Kriminalisierung der DrogengebraucherInnen nicht weiter fortzusetzen, da der Kriminalisierungsdruck die Konsumsituation und ihre Folgen ganz wesentlich verändert. Wie schon beschrieben sind Hygiene und Streßfreiheit für die Drogengebraucher von großer Bedeutung.

Diagramm 40: Falls Sie Probleme haben oder hatten, welche waren die Folgen? (Mehrfachantworten möglich)

Zusammenfassung

Bei Betrachtung der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen, und ihrer sozialen und psychologischen Lage wird zuerst deutlich, daß es sich um Leute handelt, die relativ früh mit dem Drogenkonsum anfangen und die meistens große persönliche Probleme haben. Das Schulbildungsniveau liegt signifikant unter dem Durchschnitt der anderen Zielgruppen. Die Vertreter dieser Gruppe haben vergleichsweise häufiger Prostitutionserfahrungen als die anderen Zielgruppen. Das ist auf die spezifische Form der Beschaffungsprostitution zurückzuführen. Hauptdroge ist injiziertes Heroin. Der Informationsstand der Zielgruppe muß als lückenhaft charakterisiert werden. Zwar sind die Hauptinfektionswege von HIV den meisten Probanden bekannt, die Bedeutung des HIV-Tests ist aber für die Mehrheit der Drogengebraucher unklar.


127

Riskanten Spritzengebrauch in Form von Needle Sharing praktizieren noch 64% der Drogengebraucher. Spritzen werden überwiegend inadäquat gereinigt. Dieser insgesamt problematische Umgang mit sterilen (neuen oder gereinigten) Spritzen wird verstärkt durch suchtbedingte Zwänge und Prioritäten, d.h. die Stoffversorgung hat Vorrang vor der Spritzenversorgung. Es wird deutlich, daß die Drogengebraucher spezifische Aufklärung dringend benötigen.

Regelmäßiger Kondomgebrauch bei Sexualkontakten ist sehr niedrig. Ablehnungsgründe für Kondome sind einerseits die Gründe der anderen Zielgruppen (Abneigung, Lustminderung etc.). Dazu kommt hier eine charakteristische Risikobereitschaft, die die Drogengebraucher in ihrem Gesamtverhalten zeigen, gekoppelt mit gewisser Überheblichkeit. Man muß auch den Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Prostitution erwähnen, der die Drogengebraucher, die Beschaffungsprostitution betreiben, dazu zwingt, Kundenwünsche nach riskanten Sexpraktiken und Kondomverzicht nachzukommen.

5.7.9. Fragen zum bezahlten Sex

In unserer Untersuchung haben wir auch Fragen zum bezahlten Sex aufgenommen. Wir haben unsere Stichprobe nach der möglichen Inanspruchnahme bzw. nach dem Anbieten sexueller Dienste nachgefragt. Dabei haben wir keine direkten Fragen mit negativgeladenen Bezeichnungen (Sind Sie Prostituierte/Stricher oder Freier?) gestellt, sondern nachgefragt, ob man schon mal für sexuelle Dienste bezahlt hat bzw. bezahlt wurde. Die Leute, die mit ”Ja“ auf diese Fragen antworteten haben wir als eine Extragruppe in der Untersuchung aufgenommen und ihrem Schutz- bzw. Risikoverhalten besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Mit unserem Fragebogen haben wir nur wenige s.g. Freier erreicht (s. Tabelle 36). Es handelt sich eher um Menschen mit heterosexuellem Verhalten. Angesichts der kleinen Anzahl dieser Gruppe konnten wir keine relevanten, statistisch nachweisbaren Ergebnisse über ihr Verhalten bekommen.

Wir haben andere Bedingungen bei den Menschen, die schon prostitutive Dienstleistungen angeboten haben, da es sich um eine größere Gruppe (etwa jede dritte Person aus den Zielgruppen der Menschen mit bi- und homosexuellem Verhalten und der Drogengebraucher) handelt, deren Antworten auf für unsere Fragestellung relevanten Items statistisch auswertbar sind. Hier ist besonders der Einfluß gesellschaftlicher Bedingungen, auf die Herausbildung charakteristischer sexueller Handlungsstrukturen zu analysieren.

Wie wir schon beschrieben haben (vgl. Kapitel 3.1.1., Punkt A.), ist Prostitution auch nichts Neues in Bulgarien. Während aber die professionell arbeitenden SexarbeiterInnen in Deutschland durch ihr Safer-Sex-Verhalten kaum einen HIV-Risiko ausgesetzt sind, können sich, unseren Vermutungen nach, die Prostituierten und die Stricher in Bulgarien aus verschiedenen Gründen an keine konsequenten Kondombenutzungsregeln orientieren.


128

Besonders gefährdet durch das Verhalten der Freier sind die Drogengebraucher, die über Beschaffungsprostitution ihre Drogen finanzieren. Wie wir im vorherigen Kapitel beschrieben haben, sind diese Menschen aufgrund ihre Sucht (das regelmäßige Verlangen nach einer bestimmten Menge Drogen) eher bereit, sich auf die extremen Wünsche der Freier einzulassen und auf diese Weise ungeschützt Sex zu betreiben. Die Situation in der Beschaffungsprostitution erleichtert es den Freiern also, Prostituierten und Strichern ihre Wünsche nach unsafem Sex aufzuzwingen.

Tabelle 36: Fragen zum bezahlten Sex *

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Ich habe schon mal für sexuelle Dienste bezahlt.

0%

10%

14,3%

16,7%

Man hat mir für sexuelle Dienste bezahlt.

33,3%

25%

0%

33,3%

*Angaben zu ”trifft“

Bei unserer Stichprobe der SexarbeiterInnen handelt es sich um eine vorwiegend männliche Gruppe (zu 86%) (s. Diagramm 41). Das Durchschnittsalter lag bei 27,5 Jahren. Die jüngste Person war zum Zeitpunkt der Befragung 20 Jahre und die älteste 40 Jahre alt.

Diagramm 41: Geschlecht


129

Da in Bulgarien kein Gesetz existiert, das die Prostitution regelt, aber das Anbieten sexueller Dienste geduldet wird, ist die Gesundheit der SexarbeiterInnen ihnen selbst und den Zuhältern überlassen (logischerweise ist auch die medizinische Kontrolle nicht gesetzlich etabliert). Obwohl der gute gesundheitliche Zustand der Prostituierten/Stricher wichtig für das Geschäft und damit im Interesse des jeweiligen Zuhälter ist, werden immer noch keine regelmäßigen Kontrollen des körperlichen Zustands vorgenommen. So ist die STDs-Inzidenz bei den SexarbeiterInnen sehr groß. Nur bis Mai 1997 war die Anzahl der an STDs Neuinfizierten größer als die Inzidenz für das ganze Jahr 1996.<47>

Man kann sich für STDs bzw. HIV in den venerologischen Dispanseren in Bulgarien (die zahlenmäßig nicht ausreichend sind) testen lassen. Dabei läuft man die Gefahr, die Anonymität zu verlieren, da viele Verantwortliche das Testgeheimnis nicht einhalten. Unter anderen damit sind die 42,9% der SexarbeiterInnen, die noch nie ein HIV-Test gemacht haben, zu erklären.

In unserer Stichprobe ist auffällig der teilweise hohe Anteil von Probanden ohne feste Partnerbeziehung. Das mag zum einen an negativen bisherigen Beziehungserfahrungen (möglicherweise in Verbindung mit Gewalt seitens des Partners) liegen. Zum anderen ist dieser hohe Anteil auch vermutlich der Tätigkeit als Prostituierte geschuldet. Jeweils ein Drittel der Prostituierten/Stricher leben entweder in einer festen Partnerschaft oder haben mehrere Sexualpartner (s. Diagramm 42). Damit besteht für ungefähr 60% der SexarbeiterInnen die Gefahr (wenn die Safer-Sex-Regeln nicht eingehalten werden), eine mögliche sexuell übertragbare Infektion (auch HIV) an ihren privaten Sexualpartner weiterzugeben.

Diagramm 42: Gegenwärtige Partnersituation


130

Wenn wir die Sexualpraktiken der SexarbeiterInnen bei ihrem letzten Sexualkontakt analysieren, müssen wir feststellen, daß es erhebliche Unterschiede im Safer-Sex-Verhalten zwischen den weiblichen Prostituierten und männlichen Strichern gibt. Unseren Ergebnissen nach, sind die Frauen eher geneigt, keine Kondome bei risikoreichen Sexualpraktiken zu verwenden als die Männer, die bezahlten Sex anbieten bzw. angeboten haben. So geben immerhin 44,4% der Frauen an, kein Kondom beim letzten Vaginalverkehr benutzt zu haben. Nur 9,1% der Stricher gaben an, beim letzten aktiven oder passiven Analverkehr, kein Kondom benutzt zu haben. Was den Fellatio bei den Strichern angeht werden hier Kondome ungefähr in der Hälfte der Fälle benutzt. Die Hälfte der Frauen hatte beim letzten Sexualkontakt auch Analsex, der aber bei allen mit Kondom durchgeführt wurde (s. Tabelle 37).

Diese Ergebnisse bestätigen unsere Vermutungen, daß aus verschiedenen Gründen die SexarbeiterInnen (besonders die Frauen) immer noch die Kondome nicht als eine unbedingte Voraussetzung für den Sexualakt ansehen und durch diese unprofessionelle Einstellung einer hohe STD’s-Gefährdung ausgesetzt sind.

Tabelle 37: Ausgeübte Sexualpraktiken mit und ohne Kondom bei der letzten Sexual- beziehung

Sexualpraktiken mit Partnern des anderen Geschlecht

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Geschlechtsverkehr (Koitus)

11,1%

44,1%

44,4%

Hand-/Bodymassage

22,2%

0%

77,8%

Lecken der Vulva (Cunnilingus)

22,2%

22,2%

55,6%

Petting

37,5%

12,5%

50%

Lutschen am männlichen Glied (Fellatio)

44,4%

11,1%

44,4%

Analverkehr (Glied in After stecken)

55,6%

44,4%

0%

Sex mit mehreren Partnern

55,6%

33,3%

11,1%

Sado-Maso-Sex

100%

-

-

Sexualpraktiken mit Partnern des gleichen Geschlecht

Sexualpraktik nicht ausgeübt

mit Kondom

ohne Kondom

Gegenseitige Masturbation

18,2%

9,1%

72,7%

Lutschen am Geschlechtsorgan

18,2%

36,4%

45,5%

Gelutscht werden am Geschlechts-organ

18,2%

54,5%

27,3%

Sex mit mehreren Partnern

18,2%

72,7%

9,1%

Analsex (Glied in After stecken lassen)

27,3%

63,6%

9,1%

Arschlecken lassen

27,3%

0%

72,7%

Arschlecken

27,3%

0%

72,7%

Analsex (Glied in After stecken)

27,3%

63,6%

9,1%

Sado-Maso-Sex

81,8%

9,1%

9,1%

*Angaben zu “stimmt“.


131

Wie wir bereits beschrieben haben, werden die Kondome noch nicht von der Mehrheit der SexarbeiterInnen als unbedingte Sexvoraussetzung betrachtet. Das bestätigt auch die folgende Tabelle (s. Tabelle 38). Die ersten drei Plätze sind von negativen Einstellungen zur Kondombenutzung besetzt. Daß die Empfindung durch die Kondome für 35,7% der Probanden dieser Zielgruppe herabgesetzt kann man noch irgendwie verstehen, daß aber 35,7% grundsätzlich keine Kondome benutzen, ist für uns einfach erschreckend. Erst an vierter Stelle kommt die Behauptung von jedem dritten Probanden, daß Kondome zum Schutz vor STD’s/AIDS benutzt werden.

Tabelle 38: Einstellungen zu Kondomen*

Wenn Alkohol/Drogen - sorglos

42,9%

Empfindung durch Kondome herabgesetzt

35,7%

Ich benutze grundsätzlich keine Kondome

35,7%

Benutze Kondome als Schutz vor Geschlechtskrankheiten/AIDS

28,6%

Sex mit Kondomen ist kein richtiger Sex

21,4%

Sex mit Kondomen macht keinen Spaß

21,4%

Ich finde Kondome ekelig und unnatürlich

14,3%

Keine Angst vor AIDS-Ansteckung

14,3%

Ich habe noch nie ein Kondom benutzt

14,3%

Ich habe Angst, daß ich meine Erektion verliere

7,7%

Ich befürchte, ein Kondom könnte mir nicht passen

0%

*Angaben zu “stimmt“.

Kondome werden nicht nur inkonsequent bei den Sexualkontakten mit Freiern benutzt, sondern sind auch nicht immer bei den Prostituierten /Strichern vorhanden. So behaupten 21% der Menschen, die für Sex bezahlt werden bzw. bezahlt wurden, Kondome nie bei sich zu haben (s. Diagramm 43). Das bedeutet, daß in einem Viertel der käuflichen Sexualkontakte nie Kondome seitens des Sexanbieters als Schutz vorgeschlagen werden und auch nicht benutzt werden (Ausnahme ist der Fall, wo der Freier den Wunsch zu Safer-Sex selbst äußert und Kondome bei sich hat).


132

Diagramm 43: Haben Sie Kondome bei sich, wenn Sie unterwegs sind?

Daß die sexuelle Emanzipation in Bulgarien noch am Anfang steht, ist mit Diagramm 46 zu bestätigen. Das kommunistische Regiment hat vor der Wende 1989 in Bulgarien, alle Menschen mit sexuellen Präferenzen, die nicht dem heterosexuellem Verhalten entsprechen als unnormal und damit als gefährlich kategorisiert. Dazu zählten auch die Leute, die sexuelle Dienste anboten. Sie konnten ihre Tätigkeit ungefährdet nur für die Befriedigung der sexuellen Wünsche der Parteiangehörigen aus den oberen Etagen der Macht ausüben, darüber hinaus wurden sie gebrandmarkt und verfolgt. Diese negativen Faktoren haben auch dazu beigetragen, daß die Prostitution (wie auch das homosexuelle Verhalten) immer noch, sogar von den SexarbeiterInnen selbst, nicht als einfache Dienstleistung akzeptiert wird. So behaupten 57% der Probanden dieser Zielgruppe, ihren Sex nicht als ”normal“ zu empfinden (s. Diagramm 44).

Diagramm 44: Ist Ihr Sex normal?


133

Obwohl sie sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung anbieten bzw. angeboten haben, fühlt sich jede zweite Person aus der Zielgruppe der SexarbeiterInnen nicht durch AIDS bedroht und hat auch ihr Sexualverhalten nicht verändert. 88,8% der Leuten, die angesichts der AIDS-Epidemie ihr Sexualverhalten verändert haben, geben an, daß sich diese Änderungen in der Benutzung von Kondomen bei neuen Bekanntschaften äußern.

Tabelle 39: Falls sich Ihr Sexualleben verändert hat, wie äußert sich das in Ihrem Sexualverhalten? (Mehrfachantworten möglich) *

Bestehe bei neuen Bekanntschaften auf Benutzung von Kondomen

88,8%

Weniger Seitensprünge

22,2%

Warte länger mit Sex

11,1%

Flirte weniger

11,1%

Gehe weniger in Kneipen und Discos

11,1%

Vermeide Sex

0%

Verlange AIDS-Test

0%

*Angaben zu “stimmt“.

Wie wir bereits im vorherigen Kapitel erwähnt haben, ist die Bedeutung sexuell übertragbarer Krankheiten, als Co-Faktor für die Übertragung von HIV nicht zu unterschätzen. Bei unserer Stichprobe waren 57% der Probanden schon mal mit einer STD infiziert (s. Diagramm 45). Daraus kann man schlußfolgern, daß eine rasche HIV-Verbreitung bei Vorhandensein einer HIV-Infektionsqulle nicht unwahrscheinlich ist.

Diagramm 45: Bereits Geschlechtskrankheiten (STD´s) gehabt?


134

Bei der Frage nach der Einschätzung der AIDS-Gefährdung verschiedener Gruppen sind 71,4% unserer Probandengruppe der Meinung, daß die Drogengebraucher, die Sextouristen und die Prostituierten am stärksten gefährdet sind (s. Tabelle 40). Dabei wird deutlich, daß nicht alle Probanden dieser Gruppe sich als Prostituierte/Stricher identifizieren, da nur 50% mit ”Ja“ auf die Frage ob sie sich selbst durch AIDS bedroht fühlen, antworteten. Zwischen beiden Anworten entsteht so eine Differenz von 21,4%, die Menschen, die sich als SexarbeiterInnen nicht identifizieren, darstellt.

Tabelle 40: Wer ist Ihrer Meinung nach, durch AIDS stark gefährdet? (Mehrfachantworten möglich) *

Die Drogengebraucher

71,4%

Die Prostituierten

71,4%

Die Sextouristen

71,4%

Die Homosexuellen

57,1%

Die Allgemeinbevölkerung

35,7%

Die Jugendlichen

35,7%

*Angaben zu “stimmt“.

5.7.10. Bewertungen der AIDS-Prävention in Bulgarien

Zu welchem Informationsstand führten nun die Beschäftigung mit dem Thema AIDS und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Informationsangeboten bei den einzelnen Zielgruppen?

Trotz des vorhandenen Bemühens um die Aufklärung über die Übertragungswege von AIDS, gab es in den vergangenen Jahren in der Bevölkerung in Bulgarien vielfältige Irritationen. Aufklärungskampagnen der Regierung wurden zum Teil durch widersprüchliche Medienberichte über angeblich neue Übertragungswege in Zweifel gezogen. Andererseits sind einige apokalyptische Horrorszenarien einer AIDS-Epidemie in Bulgarien nicht eingetroffen, und auch ein gewisser Gewöhnungseffekt mag dazu beigetragen haben, daß das Thema AIDS keine große Aufmerksamkeit genießt.

Trotz dieser Irritationen fühlt sich nur eine kleine Minderheit unserer Stichprobe zum Befragungszeitpunkt nicht ausreichend über AIDS informiert (6,6%) (s. Diagramm 46). Obwohl die große Mehrheit aller Probanden sich ausreichend (mit Ausnahme der Menschen mit heterosexuellem Verhalten) über AIDS informiert fühlte, denken wir, daß ein großes Aufklärungsdefizit für alle Zielgruppen besteht.

Erstens ist das Wissen über die HIV-Übertragungswege und über den HIV-Test unvollständig und lückenhaft, wie wir mit Hilfe von Tabellen 28 und 29 gezeigt haben. Damit ist festzustellen, daß sich mehr als die Hälfte aller Probanden ausreichend über AIDS informiert fühlt; sie halten es aber nicht für erforderlich, angesichts der AIDS-Gefährdung, Konsequenzen für das Sexualverhalten zu ziehen (die Drogengebraucher, die sich zu 66,7% ausreichend über AIDS informiert fühlen und das unvollständigste Wissen über HIV-Übertragungswege bzw. HIV-Test von allen Zielgruppen gezeigt haben, halten am wenigstens die Safer-Sex bzw. die Safer-Use-Regeln ein).


135

Zweitens, obwohl die Schwerpunkte der Präventionsbemühungen in der Aufklärung der Allgemeinbevölkerung liegen, fühlen sich im Vergleich mit den anderen Zielgruppen weniger Probanden mit heterosexuellem Verhalten (35,7%) ausreichend über AIDS informiert. Aus dieser Tatsache können wir schlußfolgern, daß die Menschen aus den anderen Zielgruppen ihr Wissen nicht aus den öffentlichen AIDS-Präventionskampagnen schöpfen, sondern sich auf andere Wege informieren (besonders durch die Freunde - s. u.a. Diagramm 14).

Drittens, obwohl sich die Mehrheit ausreichend über AIDS informiert fühlt, behaupten 65,6% der Gesamtstichprobe, daß das Informations- und Beratungsangebot zur AIDS-Problematik in Bulgarien nicht ausreichend ist (s. Diagramm 47).

Diagramm 46: Wie fühlen Sie sich über AIDS informiert?

Vor dem Hintergrund der hohen Zufriedenheit der Probanden mit dem persönlichen Informationsstand zum Themenbereich AIDS mag es überraschen, wie groß der Personenkreis unter den Befragten ist, der das AIDS-Präventionsangebot als nicht ausreichend bezeichnet und so sich an weiteren Informationen interessiert zeigt.

Diese Überlegungen führen uns zu der Annahme, daß für die Menschen in Bulgarien, egal welcher Zielgruppenzugehörigkeit, eine andere Konzeption für die AIDS-Präventionskampagne nicht nur notwendig ist, sondern auch solche speziellen Angebote erwarten.


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Diagramm 47: Wie bewerten Sie das Informations- und Beratungsangebot zur AIDS- Problematik?

Tabelle 41 zeigt, daß die Mehrzahl der Probanden Präventionsmaterialien in irgendeiner Form schon kennen. Relativ bekannt sind dabei die Broschüren, Poster und Fernsehspots zur Problematik. Weniger bekannt sind dagegen die Informationen über AIDS in den Zeitungen.

Viele Menschen wurden also schon mit verschiedenen Präventionsmaterialien konfrontiert, ungefähr 60% der Probanden vermissen aber die regelmäßige AIDS-Aufklärung durch die verschiedenen Medien (s. Tabelle 41). Also jeder dieser Aufklärungskanäle könnte noch deutlich zielorientierter genutzt und im Wirkungsgrad verbessert werden.

Tabelle 41: Welche der Präventionsmaterialien kennen Sie? (Mehrfachantworten möglich)*

Bisexuelles

Verhalten

Homosexuelles

Verhalten

Heterosexuelles

Verhalten

Drogengebrauch

Gesamt

Broschüren

80%

63,2%

91,7

90,9%

78,9%

Poster

73,3%

42,1%

66,7%

81,8%

63,2%

Fernsehspots

46,7%

68,4%

58,3%

81,8%

63,2%

Zeitungen

73,3%

63,2%

41,7%

45,5%

57,9%

Regelmäßige Aufklä-rung durch die Medien

26,7%

47,4%

50%

45,5%

42,1%

*Angaben zu “stimmt“.

5.8. Datenschutz

Die Eingabe der erhobenen Daten und die Auswertung erfolgten auf gängiger PC-Software (SPSS). Um die Anonymität der Befragten zu gewährleisten, wurden weder Namen noch Adresse erhoben. Alle Menschen, die bei den Befragungen uns geholfen haben, wurden unter Schweigepflicht genommen.


Fußnoten:
<37>

Das gilt besonders für Forschungen über präventives Verhalten. An der HIV- und AIDS-Thematik wird deutlich, wie ergänzungsbedürftig manche Konzepte sind (vgl. Seidl, 1992).

<38>

Vgl. Friedrichs, 1990.

<39>

Wir möchten uns hier bei allen Frauen und Männern bedanken, die uns bei der Verteilung der Fragebögen geholfen haben und bei den Probanden selbst.

<40>

Dabei möchte ich den Herren Christov, Zinzerski, Dr. Vrabtschev, Dr. Tomov und Frau Popova für die freundliche Unterstützung herzlich danken.

<41>

Die Summe der Prozentsätze übersteigt 100%, da mehr als eine Antwort möglich war.

<42>

Vgl. dazu Kluge, 1990 sowie ”AIDS and Sexuality“: A Study based on a representative sample for Sofia on 15-17 years old. The Agency for Socioeconomic Analyses - A.S.A. June-Juli, 1995

<43>

”AIDS and Sexuality“: A Study based on a representative sample for Sofia on 15-17 years old. The Agency for Socioeconomic Analyses - A.S.A. June-Juli, 1995.

<44>

Nach den Daten von Prof. Spirov vom Klinikum für sexuell übertragbare Krankheiten an der Medizinischen Akademie in Bulgarien.

<45>

Nach den Untersuchungen von Prof. Kleiber aus dem Jahr 1994, ergibt sich für eine durchschnittliche HIV-AK-negative Prostituierte in Deutschland eine geringe Wahrscheinlichkeit von 0.00012, sich im Laufe eines Jahres neu mit dem HI-Virus zu infizieren.

<46>

Angaben von Dr. Tomov, Mitarbeiter der Behandlungsstelle für i.v. Drogengebraucher in Sofia, Frau Dimitrova, Sozialarbeiterin-Schwerbereich: HIV-Positive u.s.w. Zum ersten Mal erschienen in diesem Jahr auch in den ofiziellen (aber nur zum internenen Gebrauch) Statistiken des Gesundheitsministeriums vier i.v. drogengebrauchende HIV-Neuinfizierte.

<47>

Nach Angaben von Frau Dimitrova


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