| Okoliyski, Alexandrov: BEDINGUNGEN DER AIDS-PRÄVENTION IN BULGARIEN Eine vergleichende Untersuchung der soziokulturellen Voraussetzungen für Präventionskampagnen in Bulgarien und Deutschland |
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Abschließend werden die Ergebnisse unserer Untersuchung auf den verschiedenen Forschungsebenen noch einmal zusammengefaßt vorgestellt und mögliche Ansätze zur Verminderung von Risikoverhalten erörtert.
Die zentralen Fragestellungen dieser Studie lauteten: welche sind die Zielgruppen für die AIDS-Prävention in Bulgarien, wie sehen sie aus, und welche sind die Ansatzpunkte für eine Optimierung der AIDS-Präventionskampagne in Bulgarien. Obwohl wir die Einteilung der Probanden in fünf Hauptzielgruppen gemacht und anhand dieser Einteilung jede einzelne Gruppe untersucht haben, sind wir überzeugt, daß die Grenzen zwischen diesen Gruppen sehr fließend sind. Arthur Schnitzler hat in seinem Werk Das weite Land geschrieben:
Sollt es ihnen noch nicht aufgefallen sein, was für komplizierte Subjekte die Menschen im Grunde sind? So vieles hat zugleich Raum in uns -! Liebe und Trug...Treue und Treulosigkeit...Anbetung für die eine und Verlangen nach einer andern oder nach mehreren. Wir versuchen wohl Ordnung in uns zu schaffen, so gut es geht, aber diese Ordnung ist doch nur etwas Käufliches...Das Natürliche ...ist das Chaos (vgl. Schnitzler, 1972, S. 63).
Ich glaube, daß man kaum ein anderes Zitat finden könnte, das zutreffender die Unmöglichkeit einer Schubladisierung des menschlichen Verhaltens beschreibt. Wir haben unsere Probanden in Zielgruppen nur bedingt aufgeteilt. Diese Einteilung bedeutet also nicht, daß eine Person permanent und unveränderbar nur einer Gruppe zugehören muß. Wir haben nicht außer Acht gelassen, daß viele unserer Probanden gleichzeitig in verschiedenen Zielgruppen aufgenommen werden können und daß ihr Verhalten keineswegs statisch ist. Unsere Kategorisierung ist also nur unter diesen Vorbehalten zu verstehen. Dieses Phänomen macht aber unsere Arbeit nicht nur komplizierter, sondern auch interessanter.
Zuerst mußten wir feststellen, daß die AIDS-Aufklärung und die Information bei Jugendlichen sehr vernachlässigt sind. Da für viele Institutionen in Bulgarien primäre Prävention eine freiwillige und subsidiäre Aufgabe ist, haben die Verantwortlichen die Schwerpunkte ihrer Arbeit eher in der Sekundär- und Tertiärprävention gesetzt. Das wird dadurch unterstützt, daß die Aufgaben in der Primärpräventionsarbeit weder in ihrem Umfang definiert sind noch eindeutige Zuständigkeiten verteilt werden. AIDS-Prävention agiert weitgehend isoliert. Damit ist eine bessere Kooperation in der Jugendarbeit gefragt, damit die Zuständigkeiten klar sind und kein Handlungsmangel bzw. keine Konkurrenzen auftreten.
Die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen muß eine Sonderstellung in der AIDS-Prävention bekommen, weil sie aufgrund sexueller Unerfahrenheit und Mangel an Wissen über Risikoverhalten einerseits und großer Experimentierfreudigkeit und somit Risikobereitschaft andererseits in besonderem Maße gefährdet ist. Erzieherische Bemühungen bei Jugendlichen sind trotz spezifischer Schwierigkeiten auf Dauer sehr wirkungsvoll, da die jungen Menschen in ihrem Sexualverhalten noch nicht fixiert sind, also nicht erst umlernen müssen. Die Sexualerziehung in den Schulen, ist wesentlich zu verstärken. Man muß sich darüber einig sein, daß die Jugendlichen den Zusammenhang von Sexualkontakt und bestimmten Krankheiten (nicht nur AIDS, sondern auch die anderen sexuell übertragbaren Krankheiten) kennen müssen und durch Information motiviert und befähigt werden sollen, sich gegen Infektion zu schützen. Als Aufgabe für die schulische AIDS-Prävention ergeben sich:
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Es müssen konkrete Informationsangebote in verschiedenen Formen (Broschüren, fester Unterricht in der Schule) entwickelt und bereit gestellt werden, die von fachkompetenten Kräften vermittelt werden.
Auch in der bulgarischen Familie, ist große Arbeit zu leisten. Das Ziel sollte einerseits in Kompetenzvermittlung über die Sexualitäts- bzw. AIDS-Problematik für die Elternkörper liegen. Andererseits sollte eine Autoritätssteigerung der Elternkörper erfolgen, damit sie einen größeren Einfluß auf die Lebens- und damit auf die Sexualentwicklung ihrer Kinder haben. Hier ist auch eine langfristige strukturelle Prävention nötig, damit die Eltern die innere Sicherheit besitzen, frei mit dem Nachwuchs über Sexualität zu reden.
Was die AIDS-Prävention für die speziellen Zielgruppen in Bulgarien betrifft, läßt sich zusammenfassend sagen, daß es keine fundamentalen Unterschiede in der Anzahl der SexualpartnerInnen der einzelnen Zielgruppen gibt. Bei allen Zielgruppen ist von keiner hohen Promiskuität gesprochen worden, man orientiert sich eher an langfristigen Beziehungen, was gute Voraussetzungen für eine optimal strukturierte AIDS-Prävention verschafft.
Dagegen sind aber die Kondombenutzungsraten besonders bei den Drogengebrauchern und den Menschen mit heterosexuellem Verhalten sehr niedrig. Die Habitualisierung des Kondomgebrauchs ist bei den Menschen mit homo- und bisexuellem Verhalten am ausgeprägtesten. Besonders bei den anal-genitalen Sexualkontakten in oder auch außerhalb fester Beziehungen werden konsequent Kondome benutzt. Von einem allgemein nichtvorhandenen Risikobewußtsein gegenüber AIDS kann bei den Menschen mit homosexuellen Kontakten keine Rede sein.
Zu verstärken sind also die Präventionsmaßnahmen für die Menschen mit ausschließlich heterosexuellen Kontakten. Wo die meisten Menschen eine große Bedeutung der Liebe und der Treue für das Gesamtleben zuschreiben, sollte man in der Präventionskampagne die Schwerpunkte auf diese Werten legen. Dabei ist auch die Gefahr der sinkenden Kondombenutzungsrate, beim Verliebtsein zu verdeutlichen (wie wir im Kapitel V.7.3.1. beschrieben haben). Der Slogan der Präventionsbotschaften darf sich aber nicht nur auf die einfache Regel des Safer-Sex Kondome schützen begrenzen. Obwohl diese Regel eine doppelte Botschaft beinhaltet, nämlich, daß man einerseits bestimmte sexuelle Praktiken nur mit Kondom ausüben muß und man andererseits auf bestimmte Sexualpraktiken nicht zu verzichten braucht, wenn man Kondome benutzt, muß man auch über andere Möglichkeiten zur Popularisierung des Kondoms nachdenken.
Das Kondom gilt als empfindungsstörend. Das wird besonders von Menschen als problematisch erlebt, die Sexualität als Ausdruck einer höchstintimen und einzigartigen sexuellen Partnerbeziehung ansehen. Die Problemlösung liegt in der Beantwortung der Frage, wie das Kondom trotzdem etwas Persönliches auszudrücken vermag. Zu überlegen wäre, wie das Kondom einen individuellen Charakter bekommen und so zum Ausdruck einer persönlichen Beziehung umgedeutet werden könnte. Eine starke Medienkampagne könnte hier gute Ergebnisse zeigen.
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Hier sollte man auch über die Frage des Zeitpunkts der Thematisierung der Kondomverwendung nachdenken. Eine zu frühe Thematisierung der Frage der Kondomverwendung könnte als eine Störung in der Intimitätsannäherung beim Sex umgedeutet werden. Einige Untersuchungen zeigten (vgl. Gehards, 1992), daß die Thematisierung der Frage nach einer Kondomverwendung erst kurz vor dem Sexualkontakt zur Folge hat, daß wenigstens einer der beiden Intimpartner ein Kondom verfügbar haben muß. Die Beschaffung eines Kondoms kann sich also nicht auf dialogische Abstimmungsprozesse stützen.Eine andere wichtige Lösungsform für die Steigerung der Kondomakzeptanz bei der Bevölkerung besteht darin, die mit einer Kondomverwendung verbundenen Pause, in das interaktive Geschehen selbst zu integrieren. Ein entspannter und fröhlicher Umgang mit Kondomen könnte den Beteiligten ermöglichen, sich gegenseitig zu stimulieren und zu erotisieren. Eine Ästhetisierung der Situation der Kondomverwendung kann auf die Partner stimulierend wirken.
Was schon in einer relativ gut gegliederten Subkultur mit eigenen Szenennormen auf Schwierigkeiten stößt, dürfte bei der Population der Menschen, die Drogen intravenös gebrauchen, die ohnehin ein Sexualleben in vielfach schwierigen Bedingungsgefügen lebt, nicht eben einfacher lebbar sein. Die doppelte Riskierbarkeit - über Spritzenbenutzung und Sexualverkehr - führt zu einem erhöhten Risiko hinsichtlich einer HIV-Infektion. Im Bereich der Umsetzbarkeit der Safer-Use- und Safer-Sex-Botschaften unter DrogengebraucherInnen müssen sowohl die strukturellen Bedingungen, wie auch das Setting für sozialpsychologische Intervention und Unterstützung verbessert werden. Das bedeutet, daß eine erfolgreiche Verhinderung weiterer HIV-Infektionen sowohl individuelle Verhaltensänderungen als auch kollektive Verhältnisänderung beinhaltet: Die von Verfolgung, Ausgrenzung und Verelendung geprägten Lebensverhältnisse müssen strukturell verbessert werden, damit sich individuell ein gesundheitsbewußtes, HIV-präventives Verhalten entwickelt, stabilisiert oder überhaupt erst lohnt. Strukturelle Prävention, so wird es im Memorandum zur aktuellen drogenpolitischen Debatte in der Bundesrepublik Deutschland von Akzept e.V. und der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. vom Juni 1990 eingefordert, meint die Stärkung noch intakter Bezüge der drogenabhängig gewordenen Menschen innerhalb ihres Gemeinwesens und ihrer Drogenszenen. Zentrale Forderungen zur Umsetzung dieser strukturellen Prävention sind die soziale Integration und die Entkriminalisierung von DrogengebraucherInnen. Schwerpunkte in der Drogenarbeit könnten sein:
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Berater, Ärzte, Streetworker, Gesundheitspersonal benötigen spezifische Schulung zur Drogenproblematik, die ihnen psychisch und faktisch besseren Zugang zur Zielgruppe ermöglicht. In noch stärkerem Maße sind die Kompetenz, Motivation und Vertrauensbasis der DrogengebraucherInnen anzuerkennen und mit einzubeziehen um zielgruppennahe und niedrigschwellige Informations-, Beratung- und Versorgungsangebote zu entwickeln. Ganz besondere Anstrengungen müssen schließlich der Beschaffungsprostitution gelten: Hier müssen realistische Ausstiegsangebote bereitgestellt und darüber hinaus die Verantwortung wirksam auf die Freier mitübertragen werden.Genauso kann auch an der Institution Prostitution nur etwas geändert werden, wenn die Prostituierten und Stricher in ihren Rechten gestärkt und unterstützt werden. Das hätte für sie auch zur Folge, daß die gesellschaftliche Diskriminierung aufgehoben würde und sie die Möglichkeit hätten, auch andere Lebensperspektiven zu entwickeln.
Die europäischen Statistiken über die AIDS-Epidemie zeigen, daß die SexarbeiterInnen nicht zu den Hauptbetroffenengruppen zählen. Gleichzeitig bleibt aber der Bereich der Prostitution wegen der hohen Promiskuität (und die von uns festgestellte mangelnde Kondombenutzung in Bulgarien) ein relevantes Feld der AIDS-Prävention.
Wie schon erwähnt, wäre eine Form der Prävention in diesem Bereich, die Prostitution, wenn auch nicht zu fördern, so doch nicht länger zu diskriminieren, sondern stärker anzuerkennen. Wie Ahlemeyer in seiner Untersuchung 1996 ausführt, erfährt die präventive Anlage der über Geld gesteuerten Intimkommunikation um so weniger Einschränkungen, als der prostitutive Charakter klar zutage treten kann. Aber damit sich das Verhältnis Prostituierte/Stricher-Freier auf einer klaren Basis abspielen kann, braucht man eben klare gesetzliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Wie wir im Kapitel 7.9. beschrieben haben, ist das Selbstwertgefühl der SexarbeiterInnen sehr angeschlagen und das ist einer der Gründe warum man auch die für Prostituierte/Stricher bestehenden Tendenzen der Selbstorganisation in Selbsthilfegruppen fördern und unterstützen sollte.
Präventionsarbeit (z.B. Verteilung von Kondomen) mit den Freiern ist wenig effizient. Da die meisten Prostituierten/Stricher den Freiern mißtrauen, akzeptieren sie die handlungsorientierten Vorschläge seitens des Freiers eher nicht. Deshalb sollte man die Präventionsbemühungen an den SexarbeiterInnen orientieren.
Prostituierte und Stricher mit sozialen und psychischen Problemen haben in der Regel nur wenig Möglichkeiten und Chancen, in allgemeinen Beratungsstellen (falls vorhanden) bei Offenlegen ihrer Tätigkeit, kompetente und vorurteilsfreie Beratung und Unterstützung zu erhalten. In vielen Testungsstellen für sexuell übertragbare Krankheiten ist das Angebot (wenn überhaupt) auf rein medizinisches Untersuchungsangebot beschränkt.
Vor dem Hintergrund fast überhaupt nicht vorhandener beruflicher Bildung ist auch der Ausstieg aus der Prostitution und der Wechsel in andere Arbeitsfelder sehr problematisch. Die Möglichkeit, im Rahmen staatlich finanzierter Maßnahmen zur Eingliederung in das Erwerbsleben andere berufliche Erfahrungen zu sammeln, könnte den Prostituierten/Strichern, die aus der Prostitution aussteigen möchten die Chance geben, erste Alternativen zur weiteren Prostitutionstätigkeit zu bekommen.
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Schließlich sollte noch mal betont werden, daß Beratung und Unterstützung von Frauen und Männern, die der Prostitution nachgehen, mit einer weitreichenden gesellschaftlichen Akzeptanz von SexarbeiterInnen verknüpft ist. Dazu ist auch die Veränderung bzw. Abschaffung bestehender Gesetz und Verordnungen, die zur Diskriminierung und Stigmatisierung von Prostituierten/Strichern beitragen, notwendig. Dieses Klientel bedarf außerdem einer über den medizinischen Bereich hinausgehenden, psychosozialen Unterstützung durch ausgebildetes Fachpersonal.Was den konzeptionellen Bezugsrahmen des Fragebogens, nämlich der rational-choice-Ansatz, betrifft, haben wir schon erwähnt, daß wir keine Bestätigung dieser Theorie gesucht haben. Anhand der Ergebnisse der Fragebögenauswertung haben wir festgestellt, daß die meisten Probanden der Zielgruppe mit heterosexuellem Verhalten (inkl. Prostituierte/Stricher) eine subjektive, aber für sie als rational empfundene Bewertung der von ihnen wahrgenommenen Verhaltenskosequenzen gewählt haben, die ihnen den größten subjektiven Nutzen versprach, nämlich das Risikoverhalten. Das Perspektivdenken ist also bei vielen Menschen in Bulgarien nicht vorhanden, die subjektive Lust ist ihnen also wichtiger als die objektive Gesundheit.
Die Befunde unserer Untersuchung enthalten viele Hinweise darauf, daß alle Zielgruppen in Bulgarien nach wie vor weitere Informations- und Beratungsangebote dringend benötigen. Um einen größeren Personenkreis in der Informations- und Beratungsarbeit zu erreichen, ist eine Ausdifferenzierung von Präventionsangeboten und die Entwicklung von bisher noch wenig erprobten Kommunikationsstrategien unumgänglich.
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