]> BEDINGUNGEN DER AIDS-PRÄVENTION IN BULGARIEN<BR>Eine vergleichende Untersuchung der soziokulturellen Voraussetzungen für Präventionskampagnen in Bulgarien und Deutschland Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades
Dr. phil.
eingereicht am 27.11.1997

Institut für Rehabilitationswissenschaften
der Humboldt-Universität zu Berlin

von Michail Alexandrov Okoliyski geb. am 21. 06. 1972, in Sofia, Bulgarien Prof. v. Kardorff, Inst. für Rehabilitationswissenschaften (HU) Prof. Haeberle, Robert Koch-Institut, Archiv für Sexualwissenschaft Prof. Ahrbeck, Inst. für Rehabilitationswissenschaften (HU) Tag der mündlichen Prüfung: 17. Juni 1998
4 Einleitung

“Der gesunde Menschenverstand ist vage und unzuverlässig, die soziale Welt können wir nur durch sorgfältige Forschung kennenlernen.” (Emile Durkheim

Vgl. Durkheim, 1991, S. 203

)

Unsere heutige bulgarische Gesellschaft ist bei der noch sehr schwachen Demokratie mit tiefliegenden Problemen konfrontiert - Abnahme der industriellen Produktion und des Lebensstandards großer Gruppen der Bevölkerung, Arbeitslosigkeit, zunehmende Kriminalität. Diese Tendenzen werden noch verstärkt durch die äußeren Bedingungen, die die Schwächung der staatlichen Institutionen mit sich gebracht hat. Die Ökonomie wurde am meisten getroffen. Die Produktionszweige bleiben Staatsbesitz, die Kontrolle seitens des Staates über sie ist aber häufig symbolisch. Die unregulierte Privatisierung ist im Gange. Die politische Instabilität stimuliert keineswegs die strategische Planung der Investitionen, Produktion und Marketing, führt nicht zur technologischen Modernisierung. Die kurzfristigen Ziele und Spekulationen dominieren die Orientierung und das Verhalten der ökonomischen Teilnehmer. So verstärken sie die Strukturkrise, die von der Auflösung der ökonomischen Partnerschaft zwischen den osteuropäischen Ländern bedingt wurde. Die schnelle Abnahme der Produktion führte zur Arbeitslosigkeit, die die Grenze der sozialen Toleranz überschritten hat. Die Inflationsrate ist im Vergleich mit den anderen zentral- und osteuropäischen Ländern am größten. In Kombination mit dem unentwickelten System der Sozialversicherungen haben die Arbeitslosigkeit und die Inflation zur Marginalisierung großer Gruppen geführt. Diese Marginalisierung und die Schwächung des Staatsapparates sind die Ursachen für die rasche Zunahme der Kriminalität.

In dieser dramatischen Krise sollte die Frage gestellt werden: Darf man gerade in solcher Situation Arbeitseinheiten und finanzielle Mittel für die Erforschung der sozialen und gesundheitlichen Bedingungen des Lebens der heutigen und der zukünftigen Generation befürworten und rechtfertigen? Ist es nicht zynisch, die Leute nach gesundheitlichen Gefahren oder Sozialrisiken zu befragen, wenn sie existentielle Probleme, wie das tägliche Essen oder Wohnen haben?

Die Antwort ist vom Verständnis der Probleme, die die Gesellschaft und das Individuum heute zu lösen haben, abhängig. Wenn man die Lösung hauptsächlich in der Perspektive “hier und jetzt” sucht, sind die Folgen vorherzusehen. Zuerst müssen die Ökonomie und die Politik stabilisiert werden - und dann kann man erst an die Bedingungen des Gesundheitssystems bzw. des Lebens denken. Diese Strategie ist bekannt. Sie hat zu der Zerstörung der Umwelt und zur Vernachlässigung der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung geführt. Diese Überlegungen zwingen uns zu der Annahme, daß angesichts der offiziell relativ niedrigen HIV/AIDS-Epidemie in Bulgarien die Mehrheit der Bevölkerung auf ähnliche Weise reagieren würde - nach dem Motto: “Was uns heute nicht betrifft, braucht uns im Moment keine Sorgen zu machen”.

Das ist die reale soziale Situation, in der Gesundheitsprävention bzw. AIDS-Prävention betrieben werden muß. Deshalb ist es besonders wichtig, diese Denktendenzen als Signal für Perspektivdenken zu verstehen. Das sind Existenzprobleme auch für die menschliche Zivilisation.

5 Nicht zuletzt sind fundierte empirische Informationen über gesellschaftliche Entwicklungen und Zusammenhänge nicht nur für die Prüfung und Weiterentwicklung wissenschaftlicher Theorien unerläßlich. Parteien, Unternehmen, Gesundheitseinrichtungen und die Bürgerinnen und Bürger benötigen und verwenden Ergebnisse der empirischen Forschung sowohl zur Entscheidungsfindung als auch mit dem Ziel, sich in der demokratischen Gesellschaft Gehör zu verschaffen.

Genügen aber nicht unser Alltagswissen und kluge Intuition, um Zusammenhänge zu erkennen, Probleme der sozialen Welt zu lösen und die Folgen sozialer Veränderungen abzuschätzen? Gelegentlich ist zu hören, daß empirische Untersuchungen unser Wissen nicht wesentlich über das hinaus vermehren, was ohnehin bekannt sei (vgl. Diekmann, 1995).

Die Resultate von Fragebogen-Erhebungen, Experimenten und statistischen Analysetechniken lassen erkennen, daß die empirische Sozialforschung durchaus mit überraschenden und tiefergehenden Einsichten in soziale Zusammenhänge aufwarten kann. Außerdem ist das Alltagswissen über soziale Zusammenhänge im allgemeinen weder präzise noch eindeutig.

Viele Skeptiker übersehen auch, daß neue Erkenntnisse der Wissenschaft schnell Eingang in das Alltagswissen gefunden haben. Schwer zu sagen ist, ob AIDS wirklich dazu beitragen wird, den Glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt (vgl. Fineberg, 1988) zu steigern. Das Auftreten von AIDS und seine epidemische Ausbreitung ist ein Beweis dafür, daß die Menschheit sich noch nicht von ihrer biologischen Bedingtheit befreit hat (vgl. Rosenberg, 1995). Ob diese Erfahrung als Herausforderung und als Anlaß zu mehr Bescheidenheit gesehen oder als Kränkung erlebt und daher verdrängt werden wird, ist immer noch schwer voraussehbar.

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