Schäfgen, Katrin: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR.

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Kapitel 1. Die Entstehung moderner Ungleichheitsstrukturen

Nach den einleitenden Bemerkungen über die während des 18. Jahrhunderts stattfindende Verschiebung der theoretischen Begründungen sozialer Ungleichheit von der Natur hin zur Gesellschaft drängt sich nun die Frage nach den Ursachen dieses theoretischen Positionswechsels ebenso auf wie die nach den tatsächlichen Ungleichheitsstrukturen der damaligen Gesellschaft.

Dazu verwies Dahrendorf (1987) auf zwei wesentliche Prozesse, die für alle europäischen und die nordamerikanischen<27> Staaten den “Weg in die Gegenwart“ (S. 11) geebnet haben und die Basis heutiger Sozialstrukturen bilden: Die Modernität als “Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (ebenda), die den Übergang vom Mittelalter zum Kapitalismus markiert sowie der Prozeß der Industrialisierung, der bürgerlichen Revolution und der Aufklärung. Die Industrialisierung, die den Übergang von einer agrarischen in eine ’moderne’ kapitalistische Produktionsweise bewirkte, führte zu einer nachhaltigen (und dauerhaften) Veränderung der Sozialstruktur. Trotz dieser grundlegenden Umwälzungen, die im folgenden beschrieben werden, blieb die Ungleichheit innerhalb der Sozialstruktur bestehen; die Ungleichheitsdimensionen haben sich zwar verschoben, blieben aber weiterhin wirksam. Allerdings ermöglichten die Veränderungen in der Produktionsweise und - mit ihnen einhergehend - in der Sozialstruktur mit dem Übergang zum Kapitalismus die Einsicht in die gesellschaftliche Bedingtheit von sozialer Ungleichheit.

Doch bleibt die Frage nach den Bedingungen der Entstehung moderner Geschlechterverhältnisse<28> und Sozialstruktur<29> und der ihr inhärenten Ungleichheiten noch


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unbeantwortet. Dazu werde ich im folgenden die wesentlichen Entstehungsbedingungen heutiger Sozial- und Geschlechterstruktur herausarbeiten. Im Unterschied zu den Theoretikern ’klassischer’ Sozialstrukturtheorien, die - wie Dahrendorf (1987) - den Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise lediglich für die Herausbildung der heutigen Sozialstruktur<30> analysierten, will ich deutlich machen, daß dieser Übergang ebenfalls die neuzeitlichen Geschlechterverhältnisse konstituiert hat. Im folgenden wird es demzufolge darum gehen, den Übergang von der agrarisch-feudalistischen Produktionsweise zu einer industriell-kapitalistischen in seinen Auswirkungen auf die Geschlechter- und Sozialstruktur darzustellen. Dahinter steht die These, daß dieser Übergang zwei Ungleichheitsdimensionen hervorgebracht hat, die einander durchdringen und die sich in ihrer Wirkung verstärken: Die ’klassische’ Dimension sozialer Ungleichheit, die durch Eigentum (Klassentheorie), durch Einkommen, Status und Bildungsabschluß (Schichtentheorien) bzw. Lebens- und Handlungschancen, Kräfteungleichgewichte ect. (neuere Theorien sozialer Ungleichheit) beschrieben wird und zugleich die Dimension der Geschlechterungleichheit. Beiden Ungleichheitsstrukturen gemein ist die von der Mehrzahl der Theorien, deren Gegenstand sie darstellen: Sozialstrukturtheorien bzw. Theorien der Geschlechterverhältnisse unterstellte Vertikalität der Struktur.

Bevor im weiteren die Entstehungsbedingungen beider Ungleichheitsdimensionen, die ‘klassische’ Sozialstruktur und die Geschlechterverhältnisse dargestellt werden, möchte ich in einem kurzen Exkurs darauf verweisen, daß die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen historisch sehr viel früher entstanden ist als in der ‘klassischen’


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Sozialstruktur. Ohne im einzelnen auf die Ergebnisse anthropologischer und ethnologischer Studien eingehen zu können<31>, soll doch anhand ihrer Analysen festgehalten werden, daß die Verschiedenheit zwischen den Menschen - sowohl zwischen denen des gleichen Geschlechts wie zwischen den Geschlechtern - als Ergebnis der Arbeitsteilung so alt ist wie die Menschheit selbst. Diese Arbeitsteilung erwies sich als funktional, sicherte sie doch das Überleben der urgemeinschaftlichen Sippe als Ganzes und war von allen Gemeinschaftsmitgliedern akzeptiert. Zugleich bereitete diese die Einsicht (und spätere Praxis) vor, daß aufgrund wahrnehmbarer Merkmale (Geschicklichkeit, Geschlecht) Unterschiede zwischen den Menschen gemacht werden können. Diese Erkenntnis bildet denn auch das wesentliche Moment der später sich entwickelnden Ungleichheitsverhältnisse.

Während die verschiedenen Gesellschaftsformationen, beruhend auf den unterschiedlichen Formen des Privateigentums (Marx 1979), in ihrer Ausprägung der Sozialstruktur bis zum Übergang von der agrarisch-feudalen Gesellschaft zur modernen kapitalistischen hier nicht ausführlicher dargestellt werden, erweist sich die Analyse der Entstehung patriarchaler<32> Verhältnisse zwischen den Geschlechtern als Grundlage ’moderner’ Geschlechterstruktur als notwendig, um die lange Geschichte der Geschlechterungleichheit zu verdeutlichen, die sich im weiteren mit den historisch-spezifischen ‘klassischen’ sozialen Strukturen verknüpft.

Nach der Auffassung zumeist feministischer AnthropologInnen ist die Entstehung des Privateigentums und der damit einhergehende Zerfall der Urgemeinschaft verbunden mit der Herausbildung von Familien, die statt der Sippe zu Eigentümern von


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Produktionsmitteln und Gütern werden. Das Ziel der Wahrung und Vermehrung des Eigentums innerhalb und durch die Familie läßt die Frage von Erbschaft, und in dessen Folge nach rechtmäßigen Erben, bedeutsam werden. Die sich aus der Familienbildung historisch erstmals ergebende Möglichkeit, den Vater der Kinder zu bestimmen, führte zur Ablösung der Matrilinearität durch die Patrilinearität<33>. Um den Vater und damit die legitimen Erben eindeutig zu bestimmen, wurde die monogame Familie, die das Inzestverbot und die sexuelle Unberührtheit sowie die lebenslange Treue der Frau institutionalisierte und rechtlich absicherte (Heinsohn 1984), zur dominanten Familienform. Die “Aneignung der sexuellen und reproduktiven Kapazität der Frauen durch die Männer“ (Lerner 1995:26), die “Domestizierung“ der Frauen (Heinsohn 1984) und deren Akzeptanz durch die Frauen<34> legten den Grundstein für die Unterordnung und soziale Minderwertigkeit von Frauen, führte zur Entstehung der patriarchalen Familie, deren Bedeutung parallel mit dem Bedeutungsverlust des Stammesverbandes wächst. Die relative Dominanz der Männer in den frühen patriarchalen Familien wird durch die Entstehung von Klassen<35> (verstärkt durch das Aufkommen der Sklaverei) sowie vom Staat gefestigt und verstetigt<36>. Die Unterordnung der Frauen wurde institutionalisiert, rechtlich kodifiziert und in den Sitten fest verankert; sie wurden von bestimmten Tätigkeiten und Berufszweigen ausgeschlossen und der Zugang zu Bildungseinrichtungen wurde ihnen verwehrt (Lerner 1995). Privater Patriarchalismus wurde durch die Gesetzgebung zu gesellschaftlichem Patriarchalismus, wobei die patriarchale Familie und der Staat voneinander abhängig sind: Während die patriarchale Familie den Grundstein


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gesellschaftlicher Ordnung bildete, indem sie ”im kleinen“ die Abhängigkeiten innerhalb der Gesellschaft widerspiegelte, sicherte der Staat über Gesetze und Religion<37> die dominante Position der Männer in den Familien ab. ”Die Macht des Vaters in der Familie wurde von kirchlichen und weltlichen Autoritäten gestützt, denn die absolute Herrschaft des Vaters, der an der Spitze der Familienhierarchie steht, garantiert die unveränderte, gottgewollte Weltordnung und spiegelt sie gleichzeitig wider, da jeder Vater ein König im kleinen und damit unbewußt ein williges Werkzeug zur Festigung des zentralistischen Absolutismus war. Die Familienmitglieder lernten, sich dem König zu unterwerfen, indem sie sich dem Vater unterwarfen: Das gesamte Alltagsleben war autoritär und hierarchisch geprägt“ (Muchembled, 1984, zitiert in Bauer; Matis 1988:325).

Hat sich der Patriarchalismus als Herrschaftsprinzip von Männern über Frauen und Kinder sowohl innerhalb der Familie wie als gesellschaftliches Prinzip erst einmal etabliert, werden Frauen auf eine neue Weise, nicht mehr als gleichwertige menschliche Wesen betrachtet, sie werden “angeeignet“ (Lerner 1995; Werlhof et al 1988); die Ungleichheit der Geschlechter als Strukturprinzip post-urgemeinschaftlicher Gesellschaften hat sich etabliert.

Mit dem Exkurs zu den Ursprüngen der Entstehung der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen wurde die Genese einer Ungleichheitsdimension verdeutlicht. Diese traf in der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung auf andere Dimensionen (Eigentum, Bildung, Prestige ect.), die sie überlappt und verstärkt. Patriarchalismus als Strukturprinzip der Geschlechterungleichheit bewirkte die Versklavung von Frauen, ehe es Klassen- und Klassenunterdrückung gab (Lerner 1995); er ist historisch also der Entstehung der Klassengesellschaft vorausgegangen. Wie im weiteren zu zeigen sein wird, ist der Patriarchalismus wie in alle anderen Gesellschaftsformen (Heise 1986) auch in die kapitalistische Gesellschaftsformation eingelassen; er bildet nach Werlhof den “Grundstock und Schlußstein aller weiteren Ausbeutungsverhältnisse“ (Werlhof et al 1988:IX).


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Doch wie sind nun die Ungleichheitsstrukturen moderner kapitalistischer Gesellschaften entstanden? Nach Beer (1990) hat die Industrialisierung durch die Verallgemeinerung der ehelichen Lebensweise und der Lohnarbeit (Beer 1990) die ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit in ihrer heute noch die Ungleichheit generierenden Ausprägung hervorgebracht, wobei die Entstehung moderner ‘klassischer’ Sozialstruktur (Klassen und Schichten) sich in spezifischer Weise mit der Vertiefung der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen verwob.

Im folgenden werden nun die historischen Entwicklungsprozesse auf die Herausbildung der Doppelstruktur sozialer Ungleichheit hin analysiert.

1.1. Die Entstehung moderner Sozialstruktur

Daß der Übergang zur modernen kapitalistischen Produktionsweise die neuzeitlichen Strukturen hervorgebracht hat, die auch unsere heutige Gesellschaft prägen, ist innerhalb der Sozialwissenschaften unstrittig. Weniger einhellig ist dagegen die Auffassung darüber, wie diese Strukturen bestimmt (Klassen, Schichten ect.), mit welcher Theorie sie am umfassendsten beschrieben werden können und welches die wesentlichen Ursachen sind, die zur Herausbildung sozialer Strukturen geführt haben.

Ohne bereits an dieser Stelle auf die jeweiligen Sozialstrukturtheorien einzugehen (deren Darstellung erfolgt im Abschnitt 3.2), möchte ich im folgenden in historisch-deskriptiver Weise die Entstehungsbedingungen moderner sozialer Strukturen nachzeichnen, die sich allgemein als Ergebnis der Konstitution kapitalistischer Marktwirtschaften herausgebildet haben und eine Seite moderner Ungleichheitsverhältnisse darstellen.

Die feudale Gesellschaft im Europa des Mittelalters mit ihrer starren Ständestruktur: Adel, großbürgerliche Patrizier, kleinbürgerliche Gewerbetreibende, freie und abhängige Bauern sowie der "fünfte" Stand (Landlose, Vagabunden, Kriminelle), deren Zugehörigkeit mittels erbrechtlicher Vorstellungen und der kirchlichen Soziallehre rechtlich erbfest


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eingefroren<38> wurden (Wehler 1987a), brachte neben der Ständegliederung jeweils spezifische soziale Strukturen innerhalb der seit dem Mittelalter erstarkenden Städte und auf dem Land hervor. Während die feudalen Abhängigkeiten auf dem Lande bis in das 19. Jahrhundert (in Deutschland) hinein bestehen blieben, entwickelte sich in der Stadt bereits im 11. Jahrhundert ein Stadtbürgertum, das mit dem Aufstieg der Städte und des Handels im 12. und 13. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewann. Der Reichtum der Städte durch Handel und die Ausweitung der Marktbeziehungen führte dazu, daß sich die Stadt als "eigene Sozialform" neben Adel und Grundherrschaft, Bauerntum und Dorf, Kaiser und Kirche etablierte (ebenda:179). Andererseits bewirkten die vom Land so verschiedenen Erwerbsmöglichkeiten die Herausbildung einer eigenen städtischen Sozialstruktur, die aus der Oberschicht (Patrizier), den Mittelschichten (Handwerker, Kaufleute, Gastwirte, Angestellte und Beamte) sowie den Unterschichten und der städtischen Armut (Dienstboten, Gesinde, Handlanger und Tagelöhner, Arbeitslose und Bettler) bestand. Im Unterschied zu den feudalen Verhältnissen auf dem Land, wo die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse der Bauern und unterbäuerlichen Schichten bis in das 19. Jahrhundert bestehen blieben, stieg das sich neben Patriziern aus Kaufleuten und Handwerkern rekrutierende Stadtbürgertum zur innerstädtischen Führungsschicht auf; es gewann ökonomisch und auch politisch immer stärker an Bedeutung (ebenda). Damit wurden erste Ansätze der Veränderung der traditionalen Gesellschaft bereits in der Organisationsstruktur der mittelalterlichen Stadt angelegt: sie verfügte über eigene Verwaltungsorgane (Bürgerschaft), die sie aus der feudalen Gesellschaftsordnung heraushob<39> und sie von ihrer ländlich-feudalen Umwelt politisch relativ unabhängig machte (Bauer; Matis 1988; Neidhardt 1966). Andererseits entwickelten sich innerhalb der Stadt Strukturen, die zwar nach innen soziale Funktionen übernahmen, sich jedoch in der weiteren Entwicklung als hemmend erwiesen: die Zünfte. Als Organisationen der Handwerker, die zu den wichtigsten städtischen Bevölkerungsgruppen zählten, stellten sie nicht nur rein wirtschaftliche Zweckverbände dar, sondern fungierten als eine Art


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Lebensgemeinschaft, welche die Regeln des Handwerkerdaseins bestimmte und Solidarität nach innen und Exklusivität nach außen bewirkte (Bauer; Matis 1988). Die festen Vorschriften der Produktions- und Lebensweise der Zunftmitglieder<40> sowie die Beschränkung der Handwerkerzulassungen mittels der Zunftordnung erschwerte die weitere Ausdehnung der Marktbeziehungen und der gewerblichen Produktion. Den Städten kam durch die Ausweitung des Handels und der Entwicklung des (handwerklichen) Gewerbes, die wiederum das Vordringen geldwirtschaftlicher Beziehungen beförderten, damit einerseits eine wesentliche Rolle in der Entwicklung marktwirtschaftlicher Verhältnisse zu, andererseits hatte sich - insbesondere durch die starre Zunftverfassung und die Reglementierung des öffentlichen und privaten Lebens in der Stadt - der eigentliche Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise auf dem Land vollzogen.

Nach der spätmittelalterlichen Agrardepression, dem durch Seuchen hervorgerufenen Bevölkerungsrückgang und politischen Strukturproblemen geriet der Feudalismus in die Krise; mit dem Übergang zum 16. Jahrhundert wurde der Übergang zur kapitalistischen Ära eingeleitet: Es setzte ein erneutes Bevölkerungswachstum ein, das wiederum die Nachfrage steigerte und so zur Ausdehnung der Märkte führte.

In Folge der Destabilisierung der feudalen Agrargesellschaft entstanden seit dem späten Mittelalter größere klein- und unterbäuerliche Schichten, die wegen ihrer geringen Bodenausstattung ihren Lebensunterhalt zu sichern nicht in der Lage waren. Das große Angebot von Arbeitskräften auf dem Lande sowie das Umgehen von Zunftschranken und Verboten von Frauen- und Kinderarbeit (Rosenbaum 1982) führte zur Entstehung des Verlagswesens auf dem Lande schon im 13. Jahrhundert (Wehler 1987a). Das Verlagswesen als dezentralisierte Betriebsform, in der die Beschäftigten ohne eigene Produktionsmittel in Heimarbeit für den Verleger produzierten, bewirkte einerseits das Vordringen der gewerblichen Warenproduktion auf dem Lande sowie die Entstehung der Lohnarbeit und ermöglichte andererseits ein ausreichendes Einkommen der klein- und unterbäuerlichen Schichten. Die Aufhebung der Heiratsbeschränkungen und die


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Möglichkeit der finanziellen Absicherung auch der unteren Schichten führten zur verstärkten Familienbildung und zur Erhöhung der Geburtenzahlen<41>; es setzte in ganz Europa eine Bevölkerungsexplosion ein, die zugleich Voraussetzung wie Ergebnis der Industrialisierung war. Die Beschäftigung breiter ländlich-bäuerlicher Schichten im Verlagswesen<42> - Spinnerei und Weberei sind im 18. Jahrhundert durchgehend verlagsmäßig organisiert (Bauer; Matis 1988) - bewirkten das Vordringen des Warenhandels und geldwirtschaftlicher Beziehungen auch auf dem Lande. Die durch die Bevölkerungsexplosion gestiegene Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten ermöglichte auch auf dem Land die Ausbreitung von Marktverhältnissen. Die Ersetzung von Frondiensten und Naturalabgaben der abhängigen Bauernschaft durch Renten sowie die Ablösung des feudalen Leibeigenenverhältnisses durch das Pachtsystem leitete die Umwandlung feudaler Strukturen auf dem Lande ein: der Junker wurde zum kapitalistischen Grundherren.

Die Ausbreitung des (protoindustriellen) Verlagssystems auf dem Land sowie die Umwandlung persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse in (monetäre) Pachtverhältnisse zwischen Adel/ Junkern und Bauern haben zur Auflösung der feudalen Wirtschaftsweise beigetragen, indem Markt, Geld und Arbeitsteilung persönliche Abhängigkeitsverhältnisse ersetzten. Der Durchbruch des modernen Kapitalismus wurde jedoch erst mit der Errichtung des modernen Territorialstaates erreicht. Auch hier wurden die Anfänge in der traditionalen Gesellschaft gelegt: Der Hof des Fürsten wurde zur Verkörperung der Zentralgewalt, es entstand eine bürokratisch organisierte Infrastruktur; die Marktbeziehungen wurden ”von oben“ durchgesetzt. Die Landesfürsten gingen eine Allianz mit den sich entwickelnden Unternehmern der Protoindustrien ein: sie ließen ”Freimeister“ zu und förderten durch ”Fabriksprivilegien“ Produktionsstätten außerhalb der


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Zunft, an deren Gewinnen sie durch Steuern und die Gewährung von Krediten beteiligt wurden (ebenda).

Die Ausweitung der Außenmärkte (Kolonialisierung) und die sich entwickelnde Konkurrenz zu dem höher industrialisierten England, aber auch Frankreich, zwang auch die deutschen (Klein-)Staaten zu Reformen der feudalen Verhältnisse, die durch die Ausweitung der Marktbeziehungen auch dem neu sich etablierenden Staat Gewinne einbringen sollte. Eine besondere Rolle bei der Durchsetzung moderner kapitalistischer Produktionsverhältnisse spielte die Aufhebung der Leibeigenschaft auf dem Lande (in Deutschland erst 1848 endgültig durchgesetzt) sowie die Schaffung der Gewerbefreiheit (ab 1845) insbesondere in den Städten. Die Abschaffung der Leibeigenschaft auf dem Lande, die auch als ”Bauernbefreiung“ bezeichnet wurde, führte jedoch zu durchaus widersprüchlichen Folgen: Der ”Freikauf“ aus feudalen Abhängigkeitsverhältnissen<43> ermöglichte es nur bessergestellten Bauern, sich als selbständige Bauern auch nach den Landabtretungen zu etablieren. Für die Mehrheit der Landbevölkerung, den Landarmen und -losen war der ”Freikauf“ nicht möglich, sie waren noch stärker von Tagelöhnerarbeit auf den Höfen sowie vom Erwerb in den Verlagen und entstehenden Manufakturen und Handwerksbetrieben abhängig; mit der Auflösung der Bindungen an Haus- oder Bodenbesitz stieg deren Bereitschaft, sich nach günstigeren Arbeitsplatzangeboten umzusehen; sie wurden zur wandernden Lohnarbeiterschaft (Wehler 1987a). Die Förderung von kapitalistisch betriebener Grundherrschaft sowie die Ausdehnung von Verlagswesen, Manufakturen, unzünftigen Werkstätten und frühen Fabriken auch auf dem Land bewirkte, verstärkt ab dem 19. Jahrhundert, die Entstehung des Landproletariats.

Die Krisen in der Landwirtschaft, ausgelöst durch die infolge der ausgedehnteren internationalen Handelsbeziehungen nun auch auf dem deutschen Markt verfügbaren billigeren Getreideangebote insbesondere aus Rußland, die sich ab 1876 dauerhaft verfestigten, führten zur Pauperisierung auf dem Land und zu massenhaften Migrationsprozessen, die ”als die größten in der deutschen Geschichte“ (Wehler 1995:503) galten. Die durch das Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung/ Industrialisierung in


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Gang gesetzte Wanderungsbewegung insbesondere aus den Ostprovinzen in die großen Städte und das Ruhrgebiet forcierten wiederum den Strukturwandel der Wirtschaft, der dazu führte, daß die Landwirtschaft seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts sowohl bezüglich der Beschäftigten wie auch in ihrer Führungsrolle als wirtschaftlicher und soziopolitischer Leitsektor hinter die Industrie zurückfiel; der Industriekapitalismus hatte sich als dominante Gesellschaftsform etabliert und institutionell verankert (ebenda).

Auch in den Städten vollzog sich eine Veränderung der sozialen Gruppen: Die Einführung der Gewerbefreiheit ab Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte die Ausbreitung von Verlagen, Manufakturen, unzünftigen Werkstätten und frühen Fabrikformen auch in der Stadt. Sie wurden zu Konkurrenten des erstarrten Zunftwesen und trugen zu dessen Zerfall bei. Das ”alte“ Handwerk geriet in die Krise, ganze Berufsgruppen wurden verdrängt<44>; es entstand ein handwerkliches Proletariat ohne Aussicht auf Selbständigkeit, das sich (insbesondere die Alleinmeister und Handwerksgesellen) als Lohnarbeiter in den entstehenden Manufakturen und Fabriken verdingte (Wehler 1987a). Die durch die Krisen der Landwirtschaft ausgelösten Migrationswellen führten auch die ländlichen Unterschichten zunehmend den sich im 19. Jahrhundert rasch ausbreitenden Fabriken zu. Die Entstehung neuer Produktionsweisen, insbesondere die Etablierung moderner Fabriken, die unter Nutzung von Kraft- und Arbeitsmaschinen und unter Kontrolle des Unternehmers die Arbeitskräfte einem arbeitsteiligen Produktionsprozeß unterwarf, führte zum Durchbruch der industriellen Revolution in Deutschland und zur institutionellen Verankerung des Industriesystems (politische Revolution und Staatsbildungsprozeß) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Hatten sich die ersten Formen industrieller Produktionsweise (Verlage, Manufakturen) zuerst auf dem Land entwickelt, setzte ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Industrialisierung die Urbanisierung ein, die die Überbevölkerung auf dem Lande absorbierte. Dabei fungierte die Industrialisierung zugleich selbst als ”Städtegründer“


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(Wehler 1995); unter der Sogwirkung der rasch expandierenden Städte wuchs die Zahl der städtischen Unterschichten, insbesondere des Proletariats.

Der forcierte Eisenbahnbau, der das rasche Wachstum anderer Sektoren: Eisen und Stahl, Kohle und Maschinen, aber auch die Neugründung von Banken und Aktiengesellschaften bedingte, bewirkte den Durchbruch der Industrialisierung, deren Siegeszug - unterbrochen zwar von Phasen der Rezession - bis in unser Jahrhundert anhält. Die beispiellosen wirtschaftlichen Umwandlungen brachten jedoch auch soziale und politische Veränderungen. Das neue industriekapitalistische System verankerte sich fest in den Institutionen der Gesellschaft; die Ziele des Bürgertums als wirtschaftlich mächtigster sozialer Gruppierung, die sie wegen der gescheiterten Revolution von 1848 nicht umsetzen konnten, wurden nun ”von oben“ durchgesetzt: 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich als deutscher Nationalstaat gegründet.

Im Unterschied zu England und Frankreich bildete sich trotz der raschen Industrialisierung und raschen Expansion des Industriekapitalismus in Deutschland<45> eine spezifische, von diesen Staaten verschiedene Sozialstruktur heraus; im deutschen ”Sonderweg“<46> mischten sich traditionale Elemente (der Ständeordnung) mit neuen (Klassenstrukturen).

So existierten bis in das 20. Jahrhundert hinein auf dem Lande neben den Bauern und ländlichen Unterschichten (Landproletariat), die sich als ”positiv und negativ privilegierte Besitzklassen“ (Wehler 1987b:172) gegenüberstanden, auch feudale Formen (Adel), die sich in Deutschland als überaus resistent erwiesen. Zwar hatte der Adel mit der Revolution 1848 seinen Sonderstatus verloren, er erhielt jedoch eine erneute Aufwertung zwischen 1860 und 1870<47>; ein Polster, von dem er bis 1918 zehren konnte.


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In der Stadt geriet das Stadtbürgertum, das traditionell die Mehrheit ausmachte, zunehmend in die Defensive, während Bildungsbürgertum und Wirtschaftsbourgeoisie die Politik, Wirtschaft und Ideologie zunehmend dominierten. Im Unterschied zu England und Frankreich, wo sich das Bürgertum bereits im frühen 19. Jahrhundert zur aufsteigenden Klasse entwickelt hatte, hatte in Deutschland der Kampf gegen den feudalen Absolutismus gerade erst begonnen (Giddens 1984); das deutsche Wirtschaftsbürgertum mußte erst in langem Konkurrenzkampf gegen Adel und Bildungsbürgertum die obersten gesellschaftlichen Ränge erkämpfen. Die Klassenformierung des Bürgertums vollzog sich dabei insbesondere in den expandierenden Industrieregionen; Wirtschafts- und Bildungsbürgertum haben sich hier nicht nur zahlenmäßig entwickelt, sondern auch zunehmend an Einfluß und Prestige gewonnen. Parallel dazu expandierte das Kleinbürgertum (Handwerker, Händler), das sich als neue Mittelklasse oder -stand zwischen den beiden Hauptklassen positionierte.

Mit der Industrialisierung ab dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, mit dem Ausbau des Verlagssystems der Manufakturen, der Handwerksbetriebe und unzünftigen Werkstätten und dem Übergang zu modernen Fabriken wurde die Trennung von Handwerkern und Arbeitern weitgehend aufgehoben: War die frühe Fabrikarbeiterschaft sozial noch sehr inhomogen und reichte von hochqualifizierten Industriehandwerkern bis zu Ungelernten, wird diese mit der Einführung moderner Maschinen zunehmend homogenisiert. Der Abstieg der unteren bürgerlichen Schichten: verarmte Handwerksmeister, kleine Gewerbetreibende, städtische Angestellte, Krämer und Kaufleute zu Industriearbeitern und ihr Ausschluß von politischen Rechten (”Bürger zweiter Klasse“) führte zum Anwachsen der industriellen Arbeiterschaft in der Stadt (Wehler 1987b). Dieser Prozeß wurde in der Phase der Hochindustrialisierung durch die Ost-West-Wanderung und Urbanisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch weiter forciert, die das ländliche Proletariat massenhaft den städtischen Industrien zuführte. Das Anwachsen der Schwerindustrie, des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und der Großchemie haben bei gleichzeitigen Rückgang der Textilindustrie und Handwerksbetriebe durch die Produktion in Großunternehmen einen Konzentrationsprozeß der Lohnarbeiter bewirkt, der die wesentliche Grundlage der Konstitution zur sozialen Klasse darstellte. Forciert wurde der


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Klassenbildungsprozeß durch die Rezessionen, die die Arbeiterschaft mit voller Härte trafen. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Armut brachten eine breite Loyalität gegenüber der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften hervor, die durch die Sozialistengesetze<48> noch vertieft wurde.

Zugleich bewirkte die Zunahme der Lohnarbeit auf dem Land und in der Stadt zur relativen Angleichung der Lebensverhältnisse von Stadt und Land; die Ausweitung der kapitalistischen Warenproduktion in der Landwirtschaft und Industrie beschleunigte die soziale Polarisierung in Klassen, seien diese nun mit ”Kapitalisten“ und ”Proletariat“ (Marx 1979) oder mit ”Erwerbs-“ vs. ”Besitzklassen“ (Weber 1984) bezeichnet und damit die Umwandlung der Stände- in eine Klassengesellschaft (Wehler 1987b; Geißler 1992a).

Die Expansion marktbedingter Klassen im Zuge der Industrialisierung der deutschen Gesellschaft brachte die (reichs-)deutsche Klassengesellschaft hervor, deren Gegensatz sich jedoch erst in der Krise offenbarte: ”Die Krise macht den Klassenstaat manifest“ (Wehler 1995:798).

Trotz der mit der Industrialisierung einhergehenden Proletarisierung<49> läßt sich die Stände- und Klassenstruktur der (deutschen) Gesellschaft zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert nicht mittels weniger Kategorien, erst recht nicht mit einem dichotomen Modell (Marx 1979) beschreiben: Neben dem überlebenden Adel existierten das Großbürgertum, das Bildungs- und Besitzbürgertum, der alte und neue Mittelstand und die Industriearbeiterschaft, sowie seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Schicht der Angestellten (Geißler 1992a).

Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Analysen zum Industrialisierungsprozeß und der mit ihm einhergehenden Veränderung sozialer Strukturen und Ungleichheitsverhältnisse haben sich jedoch zwei unterschiedliche Richtungen der gesamtgesellschaftlichen Analyse herausgebildet: Die Modernisierungstheorien, die die industrielle Entwicklung nicht


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ausschließlich auf ökonomische Prozesse zurückführen und sich insbesondere mit den Theorien Webers (1984) verbinden sowie auf der anderen Seite die marxistischen und neomarxistischen Entwicklungstheorien, die sich hauptsächlich auf die ökonomischen Grundlagen des Wandels beziehen. Das in der Entstehung dieser beiden Theorietraditionen deutliche Auseinanderfallen von Struktur- und Handlungstheorien und die sich daraus ergebenden ”Einseitigkeiten“ der Analyse sollten nach Brandt (1990) überwunden werden; die einzelnen, komplementären Theoriestücke sollten aufeinander bezogen und miteinander kombiniert werden und damit in einer Theorie der Industrialisierung zusammengeführt werden, die sowohl die Herrschafts- und Klassenverhältnisse wie die normativ bestimmten Verhaltensorientierungen einschließt.

Ohne im einzelnen auf die theoretischen Annahmen bezüglich Sozialstruktur und Ungleichheit bei Marx und Weber einzugehen (diese werden im Kapitel 3.2.1.1 dargestellt), möchte ich im folgenden kurz die von ihnen zugrundegelegten Aussagen zu den Entstehungsbedingungen moderner sozialer Strukturen darstellen. Die Auswahl dieser ”Klassiker und Antipoden der Theorie sozialer Ungleichheit“ (Kreckel 1992:52) erfolgte vor dem Hintergrund der Forderung Brandts (1990), die Annahmen der von beiden Theoretikern vertretenden Richtungen zusammenzuführen. Aufgrund der Bestimmung jeweils einer Klasse der modernen Klassengesellschaft durch Marx, der sich auf die Entstehung der Lohnarbeiterschaft konzentriert, bzw. Weber, der die Entstehung eines neuen Unternehmertyps beschreibt, erscheint die Zusammenführung dieser beiden Theoretiker unter der Zielstellung, eine möglichst komplexe Darstellung der Entwicklung moderner sozialer Strukturen zu erreichen, m.E. durchaus sinnvoll.

Marx beschreibt im Kapitel 24 des ersten Bandes des “Kapitals“: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation den Prozeß des Übergangs von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft und die mit ihm einhergehende Entstehung der Klassen<50> als einen gewaltsamen Prozeß, in dem die Bauern mit der Aufhebung der Leibeigenschaft


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zugleich “all ihrer Produktionsmittel und aller durch die alten feudalen Einrichtungen gebotenen Garantien ihrer Existenz“ (S. 743) beraubt und damit massenhaft zu vogelfreien Proletariern werden, die, von ihren bisherigen Lebensbedingungen gewaltsam gelöst, der Verelendung anheimfielen. Die massenhafte Entstehung freier Lohnarbeiter erwies sich nach Marx zwar als notwendige, nicht jedoch als hinreichende Bedingung für die Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise. Für diese war es unabdingbar, das “verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk“ (S. 765) in das Lohnarbeitssystem zu integrieren. Die Einverleibung des Proletariats durch die sich entwickelnden Manufakturen und Fabriken war nach Marx zu Beginn des Kapitalismus nur über außerökonomischen Zwang möglich. Dazu erwies sich insbesondere das Gesetz als ’hilfreich’: Die Ende des 15. und während des 16. Jahrhunderts in ganz Westeuropa gültige “Blutgesetzgebung“ stellte Vagabundismus, der sich als Resultat der Vertreibung der Bauern massenhaft entwickelte, unter schwerste Strafen. Gefangene Vagabunden wurden als Quasi-Sklaven behandelt und zur Arbeit gezwungen. Auch das Ausreiseverbot von verjagten Bauern zwang diese, in die expandierenden Städte zu wandern und sich dort zu verdingen. Auf diese Weise entstand ein ganzes Heer von Proletariern, das außerhalb der Zunftverhältnisse stand und durch die Blutgesetzgebung gezwungen war, ihren Lebensunterhalt in der entstehenden Industrie zu verdienen.

Die Entstehung des freien Lohnarbeiters aus dem früher selbstwirtschaftenden Bauern hatte jedoch nach Marx eine doppelte Bedeutung: Einerseits schuf er die notwendige Voraussetzung kapitalistischer Industrie, indem er als Arbeitskraft fungiert, der das Kapital in Bewegung setzt und vermehrt, andererseits wurde durch die Expropriation des Bauern die ländliche Hausversorgung zerstört, d.h. das auf eigener Arbeit beruhende Privateigentum. Die Trennung von Arbeit und Eigentum ist es, was nach Marx die kapitalistische Produktionsweise ausmacht.

Dient die Marx´sche Analyse der Entstehungsbedingungen kapitalistischer Produktionsverhältnisse und insbesondere der Herausbildung des Proletariats im wesentlichen der Begründung seiner Klassentheorie (siehe 3.2.1.1), steht in seiner Darstellung also die Frage nach dem Wie des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus im Mittelpunkt, verändert sich die Betrachtungsweise zum


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Entstehungsprozeß des Kapitalismus bei Max Weber. In seinem Aufsatz: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von 1904 und 1906, also fast ein halbes Jahrhundert nach Marx´ Kapital, geht Weber der Frage nach dem Warum der Entstehung des Kapitalismus ausschließlich im Okzident nach. Anders als bei Marx bilden jedoch nicht Gewalt, Verelendung und die Herausbildung der neuen Klasse des Proletariats (diese wird als gegeben vorausgesetzt) den Schwerpunkt seiner Analyse, sondern die Darstellung der Grundlagen, auf denen der “bürgerliche Betriebskapitalismus mit seiner rationalen Organisation der freien Arbeit“ (1984:18) beruht. Ziel der Weber´schen Darstellung ist die Erklärung der dem Kapitalismus eigentümlichen Rationalität und Berufsethik; sein Hauptinteresse läßt sich mit der Frage nach dem von ihm ausgemachten “spezifisch gearteten ‘Rationalismus’ der okzidentalen Kultur“ (S. 20) und der ihm entsprechenden praktisch-rationalen Lebensführung beschreiben, die er auf die religiösen Glaubensinhalte des asketischen Protestantismus zurückführt.

Nach Weber ist der Gelderwerb zwar ein ganz wesentliches Motiv des Kapitalismus<51> (wie der vorhergehenden Gesellschaften auch); anders jedoch als in vorangegangenen Gesellschaften, in denen der Erwerb von Geld und immer mehr Geld als Mittel zum Zweck: Reichtum und Genuß diente, stellt im Kapitalismus der Erwerb des Geldes selbst das Ziel dar.


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In der Begründung der Entstehung dieser Art der Lebensführung und Berufsauffassung unterscheidet sich Weber ganz entschieden von Marx. Zwar werden die Repressalien gegenüber der nun entstehenden Arbeiterschaft nicht geleugnet<52>, aber sie werden ausschließlich funktional erklärt: Nur durch die Verschärfung der Abhängigkeit und Kontrolle der Arbeitskräfte werden Bauern zu Arbeitern erzogen, mit denen das Ziel: ”berufsmäßig systematisch und rational legitim“ (S. 54) Gewinn zu erwirtschaften, erreicht werden kann. Diese spezielle Art des Gewinnerwerbs, der eben nicht wie in den präkapitalistischen Zeiten um seiner selbst willen erstrebt und konsumiert wurde, sondern der immer wieder aufs neue ins Geschäft investiert wurde, führte unter dem Druck der Konkurrenz (wer nicht - über Investitionen und billigere Produktion - hinaufstieg, mußte hinabsteigen) zur Durchsetzung des Erwerbsprinzips, eben des "Geistes des modernen Kapitalismus" (S. 58). Der Zwang, den Gewinn immer wieder zu investieren, bewirke auf der Seite der kapitalistischen Unternehmer einen Hang zur Askese<53>, die Weber wiederum auf die sich als Ergebnis der Reformation durchsetzende protestantische Ethik zurückführt. Ohne im weiteren auf die Entstehungsgeschichte des Protestantismus eingehen zu wollen<54>, soll der im Zusammenhang mit diesem sich entwickelnde Begriff des Rationalismus als einer zentralen Kategorie in Webers Werk betrachtet werden.

Der Rationalismus entstand im Zusammenhang mit dem sich im Zuge der Reformation entwickelnden Berufsbegriff: Danach wird gottgefälliges Leben nicht mehr länger durch mönchische Askese und Demut, sondern ausschließlich durch ”Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe“ (67) erreicht. Askese - als notwendiges "Gegenstück" zur kapitalistischen Rationalität - bewirkte durch den Verzicht auf Genuß die stetige Neuinvestition in kapitalistische Unternehmen und damit die Durchsetzung kapitalistischer Rationalität. Unter diesem Gesichtspunkt wurden auch Arbeitsteilung und Berufsgliederung betrachtet: Da die Arbeitsteilung über die Spezialisierung zur Steigerung


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der Arbeitsleistung und damit zur Erhöhung des Gemeinwohls führen (und damit kapitalistische Rationalität darstellen), wird die Ausübung eines festen Berufes für jedermann zur Pflicht erhoben; sie stellt die Grundlage für Gottes Gnade dar.

Die durch Askese bewirkte Neuinvestition begründet nach Weber zum einen die Ausdehnung kapitalistischer Unternehmen sowie andererseits den Bankrott der Unternehmen, die sich den "Geist des Kapitalismus" nicht zu eigen machten.

Mit der Analyse der Entstehung kapitalistischer Verhältnisse aus der Konstellation: Askese (Protestantismus), Arbeit und Rationalität läßt sich jedoch die Entstehung moderner Sozialstruktur nicht erklären: Vollkommen offen bleibt, warum sich trotz der Verallgemeinerung der beruflichen Tätigkeit eine Scheidung zwischen kapitalistischen Unternehmern und Arbeitern vollzog. Daß es diese Unterschiede gibt, wird von Weber selbst nie in Frage gestellt, allerdings mißt er diesen offensichtlich nicht denselben Stellenwert zu wie Marx: Da auch Unternehmer aufgrund ihres Glaubens selbst einem Beruf nachgehen (sollten) und wegen der Notwendigkeit zur Investition des Gewinns selbst zu asketischer Lebensführung "verdammt" sind, erscheinen die Unterschiede zwischen den Gruppen der Beschäftigten eher graduell. Diese Wahrnehmung hat entscheidende Konsequenzen für die Entwicklung einer Theorie sozialer Ungleichheit bzw. sozialer Strukturen, die im Abschnitt 3.2.1.1 dargestellt wird.

Die Zusammenführung der komplementären Ausführungen von Marx und Weber zur Entstehung moderner Klassen ermöglicht ungeachtet der Abstraktionen beider Ansätze<55> ein differenziertes Bild der Entstehungsprozesse moderner Sozialstruktur, indem nicht nur Herrschafts- und Klassenverhältnisse (Marx) abgebildet, sondern auch normativ bestimmte Verhaltensorientierungen herausgearbeitet werden (Weber), die die ersteren legitimieren und reproduzieren (Brandt 1990). Jenseits ihrer Komplementarität weisen die Analysen Marx’ und Webers aber auch einige Gemeinsamkeiten auf, die in Bezug auf die Entstehungsbedingungen moderner Sozialstruktur noch einmal zusammengefaßt werden sollen: Beide Theoretiker gehen davon aus, daß sich ein Wandel von agrarisch-feudalen


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Verhältnissen hin zu industriell-kapitalistischen Verhältnissen vollzogen hat, der sich in der Veränderung sozialer Strukturen niederschlägt. Statt von Feudalherren und Bauern wird das Bild moderner kapitalistischer Gesellschaften von der Klasse der Kapitalisten (Unternehmern) und der Klasse des Proletariats (Arbeitern) geprägt.

Wenn auch Marx und Weber die Ursachen der Ungleichheit zwischen den Klassen (Besitz vs. Beruf) unterschiedlich bestimmen bzw. ihnen unterschiedliche Bedeutungen (Konflikt vs. Funktionalität) zumessen, sind sie sich doch darin einig, daß die Sozialstruktur ihrer Zeit vertikal gegliedert ist, sich die Klassen als übereinanderliegend bestimmen lassen.

Die vertikale Struktur, die Klassengesellschaft, stellt damit zugleich Ergebnis wie Triebfeder des weiteren gesellschaftlichen Wandels dar. Klassenkampf (Marx) bzw. Askese (Weber) treiben die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft voran, deren ”marktbedingte Erwerbs-, Besitz- und Berufsklassen als dominierende Sozialform“ (Wehler 1995:489), als Ergebnis von Modernisierung und Industrialisierung auch die heutige Sozialstruktur bestimmen.

Ehe die Analyse der Entwicklung moderner Sozialstruktur und Ungleichheit in beiden deutschen Staaten wieder aufgenommen wird (Kapitel 2.1), möchte ich im folgenden Abschnitt entsprechend meiner Ausgangsthese, daß der Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise nicht nur die moderne, ‘klassische’ Sozialstruktur, sondern auch die neuzeitlichen Geschlechterverhältnisse hervorgebracht hat, die Entstehung derselben darstellen.

1.2. Die Entstehung moderner Geschlechterverhältnisse

Wie bereits im Abschnitt 1 dargestellt, haben sich patriarchale Verhältnisse in den Geschlechterbeziehungen schon in den traditionalen Gesellschaften im Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentum und der Familie etabliert. Dennoch, so hat die nunmehr recht zahlreiche Literatur zur Entstehung der Geschlechterungleichheit und der


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Herausbildung des neuzeitlichen Geschlechterverhältnisses ergeben<56>, hat erst die Ablösung der feudalen Gesellschaft durch den Kapitalismus die patriarchale Abhängigkeit der Frauen verabsolutiert.

Entsprechend der These, daß eben dieser Übergang neben der Ausbildung moderner Sozialstruktur auch das neuzeitliche Geschlechterverhältnis hervorgebracht hat, werde ich - die Produktionsweisen der Sklaverei<57> und des Feudalismus<58> weitgehend überspringend - im folgenden die Bedingungen der Entstehung bürgerlich-patriarchalischer Verhältnisse nachzeichnen. Denn erst mit der Entstehung der modernen kapitalistischen Produktionsweise und der ihr gemäßen Familienform<59> hat sich die Trennung von Produktions- und Reproduktionsbereich für die Mehrheit der Bevölkerung vollzogen, ist es ‘gelungen’, die Frauen auf den Arbeitsbereich der physischen und psychischen Reproduktion der Arbeitskraft als alleiniges Betätigungsfeld festzulegen und sie damit aus der öffentlich-gesellschaftlichen Sphäre zu verbannen.

Wenn sich auch - wie unter 0.1 gezeigt - festhalten läßt, daß Frauen schon in früheren Stadien der Menschheitsentwicklung wegen ihrer ‘Natur’(Gebären und Stillen) innerhalb des Arbeitsteilungssystems der Geschlechter stärker dem reproduktiven Bereich (Nahrungs- und Kleidungszubereitung, Beaufsichtigung der Kinder) zugeordnet wurden, waren sie in prä-kapitalistischen Gesellschaften nicht auf diesen Bereich beschränkt. Frauen leisteten neben der Reproduktionsarbeit auch ihren - produktiven - Beitrag zur Subsistenzherstellung der Familie. Noch in der Produktion des “ganzen Hauses“ unter


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feudalen Verhältnissen galt weibliche Arbeit trotz Festlegung auf ihr gemäße Arbeitsbereiche als produktiv und im gesellschaftlichen Sinne als wertvoll und nützlich. Dies veränderte sich erst mit dem Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise: Mit der durch Urbanisierung und Industrialisierung hervorgebrachten Trennung von Erwerbs- und (privat zu erbringender) Reproduktionsarbeit und deren Zuweisung an die Geschlechter<60> wurde die weibliche Arbeit ‘unsichtbar’, nicht mehr als Arbeit<61>, sondern als private Tätigkeit anerkannt, die nicht gegen Lohn verrichtet wird.

Die schon unter 1.1 beschriebene Industrialisierung und Urbanisierung hat nicht nur völlig neuartige soziale Gruppen (insbesondere Proletarier und Kapitalisten) hervorgebracht, sondern durch die mit ihr einhergehende Trennung von Wohn- und Arbeitsort die Funktionen und Binnenverhältnisse der Familie grundlegend verändert.

Für die wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen des Mittelalters: Bauern, Handwerker, sowie am Ausgang des Mittelalters die Heimarbeiter war die Gemeinsamkeit von Wohn- und Arbeitsort, die auch mit der Produktion des ”ganzen Hauses“ gekennzeichnet wird, historischer Tatbestand (Rosenbaum 1982). Die Gleichzeitigkeit von Produktionseinheit und Familie<62> bestimmte dabei sowohl die interne Arbeitsteilung der Geschlechter und ihre familiale Position als auch die wesentlichen sozialen Beziehungen, die diese Familienformen repräsentierten. So war die Bauernfamilie des 18. und 19. Jahrhunderts ein Familienbetrieb, indem alle Mitglieder (Ehepartner, Gesinde und Kinder) gemeinsam zum Wohl der Familie zusammenarbeiteten. Männer und Frauen betrieben landwirtschaftliche Produktion, wobei die Arbeiten von Männern und Frauen grundlegend komplementär<63>


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(Segalen 1990) waren. Trotz der Andersartigkeit war die Arbeit der Frau notwendig für die Aufrechterhaltung des Familienbetriebes<64>, was ihr ein - wenn auch geringes - Maß an Eigenständigkeit und Souveränität gewährte. Nach außen unterlag sie jedoch der rechtlichen Vorherrschaft des Ehemanns und Vaters, der als “pater familias“ nach innen die Verfügungsgewalt über lebendes und totes Gut sowie nach außen den alleinigen Vertretungsanspruch innehatte.

Auch im ”alten“ Handwerk (bis Mitte des 19. Jahrhunderts) fielen Produktion und Familie weitgehend zusammen, auch die Handwerkerehe war in erster Linie eine Arbeitsbeziehung. Wenn die Meisterin auch nicht selbst im Handwerk beschäftigt war<65>, übernahm sie doch die Außenrepräsentation, den Vertrieb, den Kontakt zu den Kunden und den umfangreichen Haushalt (einschließlich der Mutterfunktion für Lehrlinge) sowie teilweise noch nebengewerbliche Arbeiten (Garten, Vieh- und Landwirtschaft). Wie in der Bauernfamilie war auch in der Handwerkerfamilie die Mitarbeit der Frau unabdingbar; der geringere Grad der Selbstversorgung und die größere Abhängigkeit vom Geldeinkommen (und damit vom Markt) machte die Frau jedoch in einem stärkeren Maße ökonomisch vom Meister abhängig und unselbständig (Rosenbaum 1982).

Die Familie in der Hausindustrie als Übergangsform zwischen traditionellen und kapitalistischen Verhältnissen stellte ebenfalls eine Spielart des ”ganzen Hauses“ dar, in der die Produktion das Zusammenleben bestimmte; hier arbeiteten ebenfalls alle Familienmitglieder zusammen, allerdings nicht mit eigenen Produktionsmitteln. In den Familien der Heimarbeiter, die zuerst auf dem Lande (Vgl. Kapitel 1.1) entstanden waren, wo sie wegen der Landknappheit und dem raschen Bevölkerungswachstum ihre bäuerliche Wirtschaft aufgeben mußten, wo andererseits aber weder Zunftzwang noch ein Verbot für Frauen- und Kinderarbeit bestanden (Rosenbaum 1982), war die traditionelle


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geschlechtsspezifische Arbeitsteilung tendenziell aufgehoben: Männer, Frauen (und Kinder) arbeiteten gewerblich; es existierte eine familiale Kooperation, in der der Einzelbeitrag nicht quantifiziert werden konnte. Die Hausarbeit rückte unter den Bedingungen der Heimarbeit insgesamt in den Hintergrund und wurde von Kindern oder gemieteten Personen übernommen (ebenda).

Der Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise mit der Ausweitung von Markt- und Geldbeziehungen (siehe 1.1) und die mit ihr einhergehende Veränderung der Sozialstruktur hat neben der Entstehung neuer Familientypen (des Bürgertums und des Proletariats) auch die Geschlechterverhältnisse innerhalb der beschriebenen, traditionalen Bevölkerungsgruppen verändert. Diese allen Staaten, die den Übergang von der traditional-feudalen Gesellschaft zu einer modernen, kapitalistischen Marktgesellschaft vollzogen haben, gemeinsame Etablierung neuer Geschlechterverhältnisse wird jedoch historisch spezifisch überformt. In Anlehnung an Pfau-Effinger (1993) gehe ich von einem ”nationalspezifischen“ Patriarchalismus aus, der dazu führt, daß sich in Deutschland die Geschlechterverhältnisse auf ganz spezifische Weise entwickeln. Diese stellen sich als wesentlich hierarchischer dar als die anderer Staaten und strukturieren als gemeinsame historische Ausgangsbedingungen beider deutscher Staaten die weitere Entwicklung der Geschlechterverhältnisse und patriarchaler Strukturen in ihnen.

Nach Pfau-Effinger ist die Ausgestaltung der Beziehungen der Geschlechter zueinander - als Ausdruck der Geschlechterverhältnisse - Resultat der jeweils spezifischen, nationalen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus, d.h. je nach Staat unterschiedlich. Als wesentliche Ursache für die Differenz in den Geschlechterverhältnissen, die an der Erwerbsbeteiligung von Frauen als Gradmesser der Trennung in Erwerbs- und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern festgemacht wird, bestimmt Pfau-Effinger (1993) die konkreten sozio-historischen Entwicklungen im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Dieser in den einzelnen Ländern je spezifisch verlaufende Prozeß, den sie am Beispiel von Deutschland und Finnland darstellt, bringt dementsprechend auch je unterschiedliche Vorstellungen, Normen und Werte über die gesellschaftliche (gewünschte) Integration von Frauen und Männern und über die Bedeutung der Familie hervor. Im Unterschied zu Finnland, wo bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts hinein


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aufgrund des sehr viel langsamer sich vollziehenden Übergangs von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft ein egalitäres, partnerschaftliches Familienmodell praktiziert wurde, in dem die Frauen gleichberechtigt zur Existenz der Familie beigetragen haben, und wo mit dem Ausbau des finnischen Wohlfahrtsstaates in den 60er und 70er Jahren das Familienmodell der “Doppelversorger“-Ehe institutionalisiert wurde, das die gleichberechtigte volle Integration der Frauen in das Erwerbsarbeitssystem vorsah, wurde in Deutschland ein anderer Weg beschritten.

Die rasche Industrialisierung im Deutschland des 19. Jahrhundert (siehe 1.1) brachte nicht nur den Übergang zur Klassengesellschaft, sondern mit der Verabsolutierung der Trennung von Wohnen und Arbeiten für alle gesellschaftlichen Gruppen auch das neuzeitliche Geschlechterverhältnis hervor.

Verlor die Gruppe der Bauern durch die Bauernbefreiung, die Praxis des ”Bauernlegens“<66> sowie die Agrarkrise im 19. Jahrhunderts und die aus ihr entstehende Ost-West-Binnenwanderung in die städtischen Industriezentren (Rosenbaum 1982; Weber-Kellermann 1996) ohnehin an zahlenmäßiger Bedeutung, veränderte sich auch innerhalb der Bauernfamilien das Verhältnis der Geschlechter: Mit der Technisierung der Landwirtschaft wurde die Arbeitsteilung neu organisiert - die Frau wurde zur Hilfskraft in der Bauernwirtschaft und ihre Arbeit im wesentlichen auf häusliche Tätigkeiten und Kindererziehung reduziert (Segalen 1990).

Auch in den Familien des ”alten“ Handwerks kam es infolge der kapitalistischen Entwicklung zu wesentlichen Veränderungen: Während die kleineren Handwerker sich zunehmend als Lohnarbeiter in den Städten verdingten, führte die wachsende Lehrlings- und Gesellenzahl größerer Handwerksbetriebe zum Zerbrechen des ‘ganzen Hauses’ und zur Auslagerung des Handwerksbetriebes.

Mit der Zerstörung traditioneller bäuerlicher und handwerklicher Erwerbs- und Familienstrukturen entstand ein kulturelles Vakuum in den neuen Industriegebieten, das vom städtischen Bürgertum, insbesondere dem Bildungsbürgertum (Pfau-Effinger 1997)


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gefüllt wurde. Die Dominanz des Bürgertums und seiner kulturellen Werte und Normen bewirkte, daß auch das ihm gemäße Familienideal<67> zum normativen Leitbild der Gesellschaft wurde, das als sinnstiftend für die Mehrheit der Bevölkerung galt. Insbesondere in Auseinandersetzung mit dem Adel wurde ein Familienideal entwickelt, das die Familie als Privatsphäre bestimmte, die das Kompensat zur Erwerbsarbeit darstellte und zum Refugium und zur wahren Heimstatt des Bürgers wurde (Rosenbaum 1982). Dieses (bildungsbürgerliche) Familienideal wurde nach der mißglückten Revolution von 1848 auch gesetzlich fixiert: Das neue Familienrecht betrachtete die Familie als staatliche Institution, als “Grundpfeiler der ‘objektiv sittlichen’ bürgerlichen Grundordnung“ (Milhoffer 1980). Mit der ‘Befreiung’ der Frau von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit veränderten sich auch die Binnenbeziehungen innerhalb der Familie. Es entstand ein neues Ehe- und Liebesideal als Grundlage der Verbindung der Eheleute: Die Familie sollte statt einer Erwerbsgemeinschaft ein Ort des Zusammenlebens von gebildeten, sittlichen und einander in Zuneigung verbundenen Menschen, eine Stütze des sozialen Daseins der Bürger sein (Witter 1990). Frauen sollten nicht mehr in den Niederungen des ‘Gelderwerbs’ tätig sein, sondern sich ausschließlich der aufopfernden ‘Liebe’ zu ihrem Ehemann und der Erziehung der Kinder widmen.

Die Durchsetzung dieses romantischen Ideals wurde über die rechtlich sanktionierte Vormundschaft des Ehemannes (oder einen männlichen Verwandten) über seine Frau erreicht; ohne dessen Einverständnis konnten Frauen keine Arbeitsverträge unterschreiben, keine Mietverträge unterzeichnen und keine Prozesse führen. Andererseits wurden sie verpflichtet, Kinder zu gebären und sich dem ehelichen Beischlaf nicht zu widersetzen (Milhoffer 1980).

Die Beschränkung der Frauen auf die Haushaltsführung und die Kindererziehung führte dabei zum einen zur Abwertung der Arbeit selbst<68> sowie zum anderen dazu, daß die


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Arbeit der Frauen als Arbeit für den Mann unsichtbar blieb (bleiben sollte); diese Tätigkeiten sollten aus ”Liebe“ geleistet werden.

Die Etablierung einer ”standesgemäßen“ Lebensführung<69>, die den Frauen im außerhäuslichen Bereich nur ein karitatives Engagement erlaubte, verfestigte die patriarchalen Abhängigkeitsverhältnisse, die durch den ‘Biedermeier’ eine kulturell-ideologische Untermauerung erfuhren. Der wachsenden Entmündigung im öffentlichen Leben, die durch die Entwicklung sentimentaler Gefühle innerhalb der Familie ersetzt wurde, stand die außerhäusliche Tätigkeit des Mannes gegenüber, dessen ”beruflicher Erfolg und soziales Ansehen seine patriarchalische Position (stützten) und die traditionelle patriarchalische Struktur der Familie (legitimierten)“ (Rosenbaum 1982:343). Die Tatsache, daß bürgerliche Töchter zumeist nicht über eine Berufsausbildung verfügten und sich selbständig nicht standesgemäß unterhalten konnten, führte dazu, daß die Ehe die einzige standesgemäße Lebensperspektive blieb und damit zugleich die Garantie zur Aufrechterhaltung der patriarchalen Geschlechterordnung darstellte.

Auch in den Familien der Heimarbeiter wurde durch die Entstehung von Manufakturen die Einheit von Familie und Produktion zerrissen. Anders jedoch als in den anderen gesellschaftlichen Gruppen erwies sich das bürgerliche Familienideal aufgrund der schlechten Einkommensverhältnisse als nicht lebbar; die außerhäusliche Erwerbsarbeit blieb auch für die Frauen (und oft auch für die Kinder) bestehen.

Neben den sich nun auch in den ”traditionellen“ Schichten abzeichnenden Scheidungsprozessen von Wohn- und Arbeitsbereich entstanden durch die Industrialisierung auch neue Gesellschaftsgruppen, in denen die Trennung von Haus und Arbeit erfolgte: Unternehmer, Verwaltungsfunktionäre, Angestellte und Staatsbeamte (als Bürgertum) und das Proletariat.

Die Trennung von Arbeit und Wohnen, die im 19. Jahrhundert fast alle Bevölkerungskreise erfaßte, hatte entscheidende Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis: Frauen fast


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aller Bevölkerungsschichten wurden in die Abhängigkeit vom Mann gezwungen, wurden nach Werlhof “hausfrauisiert“ (Werlhof et al 1988).

Im Proletariat, das sich mit der Ausbreitung der Fabrikarbeit in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Handwerksmeistern, die die Selbständigkeit aufgeben mußten, Kleinstlandwirten, nichterbenden Bauernsöhnen sowie ehemaligen Landarbeitern und Hausindustriellen rekrutierte, entwickelte sich hingegen eine andere Familienform, in der die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung historisch erst später und auch weniger absolut erfolgte. Die massive Ausbeutung in den Zeiten des Frühkapitalismus, die sich in niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten niederschlug, machte es für Männer, Frauen (und Kinder) zur Notwendigkeit, sich in den Fabriken zu verdingen. Wie schon für die Familie der Heimarbeiter beschrieben, ordnete sich die Hausarbeit der Notwendigkeit der Lohnarbeit aller Haushaltsmitglieder unter. Erst angesichts des Elends und der Armut der proletarischen Familien: Hohe Kindersterblichkeit, Krankheiten und Unterernährung insbesondere der Frauen sowie die Verwahrlosung der Familien erfolgten gegen Ende des 19. Jahrhunderts Bemühungen, über Sozialgesetze und die Einführung des Familienlohnes die Frau (und vor allem die Kinder) ins Haus zurückzubringen (Laufenberg; Laufenberg 1984). Allerdings waren diese Gesetze nicht gleichbedeutend mit dem Ausschluß der Frauen aus der Fabrikarbeit: Bis zur Geburt von Kindern (und auch darüber hinaus, wenn der Lohn des Mannes nicht ausreichte) waren Frauen als Lohnarbeiterinnen tätig. Für die Mehrheit der verheirateten Mütter bestand jedoch die Möglichkeit, sich andere Einkommensquellen zu erschließen: Untermieter, Putz-, Wasch- oder Heimarbeiten, die mit der Beaufsichtigung der Kinder besser zu vereinbaren waren (Segalen 1990).

Die Verdrängung der verheirateten Frauen aus der Fabrik stieß bei den männlichen Proletariern auf breite Zustimmung: Zum einen entledigten sie sich auf diese Weise der ”Schmutzkonkurrenz“<70>, zum anderen hatten sie selbst zu sehr unter der ”familienzerstörenden Wirkung der von der Not aufgedrungenen Fabrikarbeit der Mütter


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gelitten, als daß sie nun eine freien Willens aufgenommene Berufsarbeit von Müttern sich vorstellen konnten“ (Weber-Kellermann 1991:140).

Unter den Auswirkungen der Schutzgesetze sowie den Verbesserungen der Einkommen (Familienlohn) kam es auch in den proletarischen Familien zur Trennung von Haus- und Erwerbsarbeit und den entsprechenden geschlechtsspezifischen Zuweisungen. Die starke Popularität des bürgerlichen Familienideals mit seiner Bestimmung der Familie als a-gesellschaftlicher Raum, der nicht über den Markt, sondern über Liebesbeziehungen und unbezahlte Leistungen, die außerhalb der Familie nicht gefragt waren, vermittelt wird (Rosenbaum 1982), machte die ‘Befreiung’ der Frauen von den Niederungen des Broterwerbs auch für die proletarischen Familien attraktiv. Anders als in den bürgerlichen Familien konnte allerdings eine wirkliche Privatsphäre wegen der Enge und Ärmlichkeit der proletarischen Wohnungen nicht entstehen; auch sicherte die häufige Notwendigkeit des Gelderwerbs durch die Frauen (in Fabrik- oder Heimarbeit) ihnen eine relative Autonomie innerhalb der Familie<71> zu. Die außerhäusliche Erwerbsarbeit des Mannes und die Lohnabhängigkeit der Familie (Laufenberg; Laufenberg 1984) führten jedoch auch in den proletarischen Familien zu patriarchalen Verhältnissen, die durch Gesetze, die allein den Männern und Vätern den Vertretungsanspruch gegenüber einzelnen Familienmitgliedern zugestand, institutionell abgesichert wurden.

Wie an den obigen Ausführungen deutlich wurde, haben sich im Zuge sozialstruktureller Entwicklungen und der Herausbildung neuer Klassen: Bürgertum und Proletariat auch die Geschlechterverhältnisse in den Familien der Bevölkerungsgruppen verändert. Mit der kapitalistischen Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert hat sich (wenn auch jeweils spezifisch) in allen Bevölkerungsgruppen die Trennung in außerhäusliche, im wesentlichen vom Mann erbrachte Erwerbsarbeit und in Hausarbeit, die durch die Frauen erbracht wird, vollzogen. Dabei erwies sich die Teilung in (bezahlte) Lohnarbeit und (unbezahlte) Hausarbeit als zweischneidig: Die Ausbreitung des Marktes und die Dominanz des Geldes als Tauschmedium beim Rückgang der Selbstversorgung und Tauschwirtschaft hat zum


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einen dazu geführt, daß das Erwerbseinkommen (des Mannes) an Bedeutung gewann - stellte es doch die Grundlage des familialen Überlebens dar. Die Entstehung der Reproduktionssphäre als dem nahezu ausschließlichen Betätigungsfeld von Frauen wiederum erwies sich aus der Logik des Kapitalismus heraus als unumgänglich: Da der Kapitalismus innerhalb seiner Marktlogik - Profitmaximierung - zum einen auf einen ständigen Bestand freier Lohnarbeiter angewiesen ist, deren physische und psychische Reproduktion er andererseits nicht gewährleisten kann, mußte das Problem der Reproduktion marktextern (Kreckel 1993a) gelöst werden. Dazu mußte es gelingen, die Frauen nun ausschließlich auf ihre Aufgaben in Haushalt und Familie festzulegen, diese zu ihrem ‘natürlichen (unbezahlten) Beruf’ zu machen. Die Instanz, die allein die Lösung dieser Reproduktionsprobleme einrichten kann, ist der Staat, der über das Recht die Familien bzw. die privaten Haushalte institutionalisiert, rechtlich und politisch absichert und andererseits vom Erwerbssystem (Arbeitsmarkt) trennt (Gottschall 1995). Über das Recht wurde den Frauen der Zugang zum außerhäuslichen Bereich (Erwerbsarbeit, Politik, Wissenschaft) verwehrt bzw. nur mit dem Einverständnis des Ehemanns ermöglicht.

Die Institutionalisierung der Ehe und Familie und deren Idealisierung als “Gegenentwurf“ zur Erwerbsarbeit veränderte auch das Wesen patriarchaler Verhältnisse. Nicht mehr der Zwang, sondern “Liebe“ sollte der Grund für weibliche (unbezahlte) Hausarbeit darstellen. Die Familie sollte zum Ort der Stützung des sozialen Daseins der Bürger werden, frei von den Niederungen des Erwerbslebens. “Arbeit“ verschwand aus dem Blickfeld der Ehe, Hausarbeit und Kindererziehung sollten aus “Liebe“ und für den Mann unsichtbar geleistet werden (Witter 1990).

Das ‘Liebesverhältnis’ verschleierte die auf die Spitze getriebene patriarchale Abhängigkeit der Frauen in der kapitalistischen Produktionsweise: waren sie in allen vorangegangenen Gesellschaftsformen an der Subsistenzproduktion beteiligt, hatte ihre (hausarbeitsnahe) Arbeit einen von niemandem bestrittenen eigenen Wert, wurde die Arbeit der Frauen von nun an unsichtbar. Da weibliche Arbeit unter kapitalistischen Verhältnissen als private - und damit nicht entlohnt - erbracht wird, die nicht mehrwertbildend ist, wird sie gesellschaftlich nicht als Arbeit anerkannt. Der Ausschluß aus der öffentlichen Sphäre und von jeglicher Möglichkeit eigenständiger


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Existenzsicherung<72>, unterwirft die Frau der vollständigen Abhängigkeit vom Mann und macht damit den ungeschriebenen Tauschvertrag: wirtschaftlicher Unterhalt und Schutz seitens des Mannes gegen allumfassende Unterordnung, sexuelle Dienste und unbezahlte Hausarbeit und Kindererziehung durch die Frau (Lerner 1995) unumkehrbar.

Die Verabsolutierung der patriarchalen Abhängigkeit der Frauen fand ihre Legitimation in den Institutionen des Staates und der Kirchen<73>, in denen der gesellschaftliche Ausschluß der Frauen rechtlich fixiert und die Ideologien eines neuen Familienleitbildes, das auf (Mutter<74>-)Liebe und Zuneigung gründet, entwickelt und umgesetzt wurden. Gesetze, Leitbilder und Ideologien als Grundlagen des familialen Patriarchalismus legten die Frau gesellschaftlich auf ein Leben als Gattin, Hausfrau und Mutter fest (Witter 1990), eine eigenständige Existenz wurde ihr verwehrt; sie wurde “hausfrauisiert“ (Werlhof et al 1988).

Die Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit und deren geschlechtsspezifische Zuweisung brachte das neuzeitliche Geschlechterverhältnis hervor, das aufgrund der patriarchalen Abhängigkeit der Frauen von den (erwerbstätigen) Männern als Verhältnis sozialer Ungleichheit zu bestimmen ist und einerseits Differenz: unterschiedliche Arbeitsbereiche durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, andererseits Hierarchie: durch die Abhängigkeit vom männlichen Erwerbseinkommen einschließt und durch die beschriebenen patriarchalischen Herrschaftsmuster reproduziert wird.


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1.3. Fazit: Die Entstehung moderner Gesellschaften als Konstitutionsprozeß der ‘doppelten Ungleichheit’

Wie die obigen Ausführungen verdeutlichen, hat der Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Produktionsweise nicht nur die moderne Sozialstruktur als ‘klassisches’ Ungleichheitsverhältnis, sondern auch das neuzeitliche Geschlechterverhältnis als zweite Dimension von Ungleichheitsverhältnissen hervorgebracht. Das sich mit der Entwicklung des abendländischen Kapitalismus konstituierende Kapital-Lohnarbeits-Hausarbeitsverhältnis (Witter 1990) setzt sich wechselseitig voraus und kann mit dem Begriff ”doppelte Ungleichheit“ anschaulich beschrieben werden. Die ”doppelte Ungleichheit“ beschreibt dabei ein Ungleichheitsverhältnis, das durch die Überlagerung und der sich aus dieser ergebenden wechselseitigen Verstärkung bzw. Schwächung von sozialstruktureller (‘klassischer’) Ungleichheit<75> und Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen entsteht. Diese Verschränkung beider Ungleichheitsdeterminanten bewirkt, daß innerhalb jeder Klasse oder Schicht die Frauen wiederum benachteiligt sind.

Beide Ungleichheitsverhältnisse lassen sich - wie beschrieben - auf dieselben historischen Entstehungsbedingungen: den Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise, zurückführen; sie stellen demzufolge zwei Seiten einer Medaille dar, die sich wechselseitig bedingen. Hausarbeit wird zur Voraussetzung von Lohnarbeit; die Ausbeutung der Lohnarbeit setzt immer die Ausbeutung des weiblichen Arbeitsvermögens der Hausfrau voraus, wobei die Ausbeutung der Frau außerhalb der Warenökonomie, in der Familie, stattfindet. Auf der Kehrseite ist die Zuschreibung der Erziehungs- und Hausarbeit an die Frauen nur möglich, wenn die materielle Absicherung der Familie nicht auf ihren Schultern ruht - diese Pflicht kommt im kapitalistischen System der Arbeitsteilung dem Mann zu. Diese Arbeitsteilung ist jedoch nicht zufällig: Wenn der Schutz der nächsten Generation den diskontinuierlichen Verkauf der weiblichen Arbeitskraft beinhaltet, dann liegt die Kontinuität der Erwerbstätigkeit auf seiten des Mannes. Die Verbindung beider


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Tätigkeitsfelder erfolgt in der Institution der ”lohnabhängigen Familie“ (Laufenberg; Laufenberg 1984).

Die Entstehung des “doppelt freien Lohnarbeiters“ ist ohne die “Hausfrauisierung“ nicht denkbar; die Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters hat die Trennung von materieller Produktion und individuellen Reproduktionsprozessen zur Voraussetzung. Der außerhäuslichen Produktion des Mannes steht die Familie als ”zweite Seite der Produktion“ (Laufenberg; Laufenberg 1984:142), die die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens organisiert, gegenüber. Die sich aus der Trennung von Wohnen und Arbeiten ergebenden Notwendigkeit, den eigenen Lebensraum privat zu organisieren (Steinberg 1989), weist den Frauen, die durch Schwangerschaft und Geburt nur diskontinuierlich am Erwerbsarbeitsprozeß teilnehmen können, verstärkt die Reproduktionsfunktionen zu.

Wie ausgeführt, hat der Übergang von der agrarisch-feudalen Gesellschaft zu einer industriell-kapitalistischen Gesellschaft die modernen gesellschaftlichen Strukturen - sowohl bezogen auf die Sozialstruktur wie auf die Geschlechterverhältnisse - hervorgebracht. Die Konstitution der ”Doppelten Ungleichheit“ läßt sich also als allgemeingültiger Prozeß darstellen, der jedoch durch nationale Bedingungen (Staat, Recht, Politik und Ideologie) spezifisch überformt ist<76>.

Um der Frage nach den Ursachen der Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen nach der ”Wende“ in der DDR (insbesondere Frauen und geringer Qualifizierte) auf den Grund zu gehen, bedarf es einer weiteren Analyse der Entwicklung der spezifisch deutschen Entwicklung von Sozialstruktur und Geschlechterverhältnissen. Nach den Ausführungen der letzten Abschnitte, die die Ausprägung der ”doppelten Ungleichheit“ als gemeinsamer historischer Ausgangssituation beider deutscher Staaten verdeutlicht haben, wird es in den folgenden Abschnitten um die Weiterentwicklung der ”doppelten Ungleichheit“ in beiden deutschen Staaten gehen.


Fußnoten:
<1>

”‘Wie ein Mann’ sollten ‘unsere Muttis’ arbeiten und im übrigen ‘richtige Frauen’ bleiben“ (Dölling 19993b:29/30).

<2>

1964 wurde auf Beschluß des Ministerrats ein wissenschaftlicher Beirat mit dem Titel: Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“ gegründet, der sich 1981 zu einem wissenschaftlichen Rat umbildete (Eifler 1993).

<3>

Statt wie üblich an die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED.

<4>

Die Informationen des Wissenschaftlichen Rates ”Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“.

<5>

z.B. Dölling (1980;1986); Nickel (1985), wobei die Arbeit von Nickel wiederum nur einem eingeschränkten Leserkreis zur Verfügung stand.

<6>

Arbeiterklasse und Klasse der Genossenschaftsbauern sowie die Schicht der Intelligenz.

<7>

Wurden Unterschiede zwischen Klassen und Schichten noch anerkannt, wurde die Reproduktion von Ungleichheit niemals thematisiert. Zu den Begriffen Differenzierung und Ungleichheit siehe 3.

<8>

Z.B. die Dissertationen von Barbarino (1986) und Kreher (1988) und die Diplomarbeit von Schäfgen (1989), die sich mit der sozialstrukturellen Bestimmung der Angestellten auseinandersetzten.

<9>

Als Beispiele dieses Dilemmas sei das noch 1988 publizierte Buch von Weidig erwähnt, das die Sozialstruktur der DDR im zwei Klassen-eine Schicht-Modell fortschrieb.

<10>

So hörten wir als Studenten 1988 eine Vorlesung von Lötsch über die sozialistische Intelligenz, in der deutlich wurde, daß sich die ‘Intelligenz’ auch in der DDR zunehmend aus sich selbst rekrutiert; die Ungleichheit zwischen den sozialstrukturellen Gruppen nicht ab-, sondern zunimmt.

<11>

Schließlich ist es nicht jeder Generation von Forschern vergönnt, Zeuge eines derartigen gesellschaftlichen Umbruchs zu werden und die Möglichkeit zu erhalten, diesen in allen seinen Auswirkungen zu dokumentieren.

<12>

Hier sei exemplarisch die Arbeit der Kommission zur Erforschung des sozialen und politischen Wandels (KSPW) genannt, die in einer Vielzahl von Forschungsprojekten und Veröffentlichungen den Wandel in den neuen Bundesländern dokumentierte; ihre Ergebnisse sind in einer Vielzahl von Veröffentlichungen und in den Sammelbänden (1996) festgehalten.

<13>

stellvertretend: Dunskus; Roloff (1990); Engelbrech (1991;1994); Maier (1991a); Nickel (1991a;1994); Nickel; Schenk (1994); Lappe (1992); Hülser (1996).

<14>

Schäfgen (1993a,b; 1995a,b).

<15>

stellvertretend Meyer (1991); Kistler et al (1993).

<16>

”Alter“ als spezifisches ”askriptives“ Merkmal wird im weiteren nicht näher verhandelt. Es wirkt durch die prinzipielle ”Gleichartigkeit“ der Betroffenheit aller Generationen auch in anderer Art benachteiligend als ”Geschlecht“ und ”Qualifikation“, die sich durch das gesamte (Arbeits-) Leben der Individuen hindurch ziehen (können).

<17>

Wobei Qualifikation als Ausdruck klassischer Sozialstruktur bestimmt wird.

<18>

Zu denen ich auch die ehemalige DDR zähle, siehe dazu Kapitel 2.1.

<19>

Unter Geschlechterverhältnis verstehe ich in Anlehnung an Becker-Schmidt (1991); Becker-Schmidt; Knapp (1995) und Gottschall (1995), die jeweilige kultur- und gesellschaftsspezifische Struktur der (institutionellen und normativen) Regulative, wie die Geschlechter in Beziehung zueinander gesetzt werden. Dabei stehen insbesondere die Verteilung und Organisation von gesellschaftlich notwendiger Arbeit und die Verantwortung für die generative Reproduktion im Mittelpunkt. Männer und Frauen werden dabei als soziale Gruppen gedacht, “die gerade die Geschlechterdifferenz in Relation zueinander setzt“. (Becker-Schmidt, 1991).

<20>

Siehe hier insbesondere der bis heute unentschiedene Streit um Gleichheit und Differenz (stellv. Gerhard 1993; Hagemann-White 1993; Milz 1994; 1996; Becker-Schmidt; Knapp 1995; Becker-Schmidt 1996). Dieser Streit wird in seinem Zusammnehang mit feministischer Forschung unter 3.3 aufgegriffen.

<21>

Zusammenfassend z.B. bei Gerhard (1990; 1993); Becker-Schmidt (1996).

<22>

Zu den Begriffen ’Soziale Differenzierung’ und ’Soziale Ungleichheit’ siehe Kapitel 3.

<23>

Hier wurde die Gleichheit aller Menschen und deren unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück verankert und die Regierung an das Prinzip der Volkssouveränität gebunden (Kreckel 1992).

<24>

“Die Menschen sind frei und in ihren Rechten gleich geboren. Die sozialen Unterschiede können nur auf dem allgemeinen Nutzen beruhen.“ (zitiert nach Dahrendorf 1961:9).

<25>

“Der Strukturbegriff in der Soziologie ist ... auf soziales Handeln, bzw. auf soziale Gebilde bezogen“ (Glatzer 1989) Das bedeutet, daß die Frage nach der Struktur einer Gesellschaft immer die Frage nach den Wirkungszusammenhängen sozialer Kräfte (ebenda) impliziert, die eine Gliederung der Gesellschaft bewirken.

<26>

Unter Sozialstruktur wird in der Soziologie “a) die Gesamtheit der sozialen Beziehungsmuster und Regelsysteme in den für die Gesellschaft zentralen und integrierenden Handlungsbereiche und b) die sich aus der Verteilung der gesellschaftlich wichtigsten Ressourcen (...) ergebenden Klassen- und Schichtenstrukturen und die damit verbundenen Formen sozialer Ungleichheit“ (Schäfers 1992) verstanden. In der weiteren Betrachtung steht dabei der unter b) bezeichnete Sozialstrukturbegriff im Vordergrund.

<27>

Sicherlich stellt die Beschränkung der Analyse auf die Staaten, die als erste den Übergang zu modernen Industriestaaten bewältigt haben, eine Einschränkung in der Reichweite der Theorie sozialer Ungleichheit dar. Allerdings soll es in dieser Arbeit nicht darum gehen, eine allgemeingültige Theorie sozialer Ungleichheit unabhängig von ihren zeitlichen und regionalen Kontexten zu entwickeln - diese wäre m.E. so abstrakt, daß sie sich auf die konkreten Fragestellungen der Arbeit nicht mehr anwenden ließe. Die Einschränkung macht es dagegen möglich (bei Ausblendung heute sicherlich in ihrer Bedeutung wachsenden Unterschiede z.B. zwischen der ersten und dritten Welt - Vgl. dazu Kreckel 1992), die gemeinsamen historischen Ursachen heutiger Sozialstruktur in beiden deutschen Staaten herauszustellen.

<28>

Wobei Geschlecht in Anlehung an Becker-Schmidt (1996) als soziales Gliederungssystem, als soziale Strukturkategorie verstanden wird, das die Genusgruppen im Geschlechterverhältnis positioniert (S. 7). Geschlecht ist damit ein soziales Konstrukt, das sich durch den Begriff ”gender“ von der biologischen Zweigeschlechtlichkeit (”sex“) unterscheidet (Becker-Schmidt 1983).

<29>

Womit die zumeist durch Klassen und Schichten bestimmte Struktur gemeint ist, die im weiteren als ”klassische“ bezeichnet wird, da sie historisch den ersten und lange Zeit einzigen Gegenstand der Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung darstellte.

<30>

Ich fasse den Begriff der Sozialstruktur in diesem Zusammenhang sehr weit: hierunter fallen die jeweiligen theoretischen Annahmen über die vertikale Anordnung von Bevölkerungsgruppen, seien es ’Klassen’, ’Schichten’ oder moderne Sozialstrukturkategorien wie ’Milieus und Lagen’.

<31>

Die Darstellung der Ergebnisse der Ethnologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaften würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sie dazu: Bornemann (1979), Marx (1979), Heinsohn (1984), Engels (1984), Dux (1992), Mead (1992), Lerner (1995).

<32>

Während die Verhältnisse zwischen den einzelnen Struktur-’Gliedern’ in der ‘klassischen’ Sozialstruktur aufgrund der unterschiedlichen theoretischen Annahmen (Klassen, Schichten, ...) nicht eindeutig bestimmbar sind, ohne eine (Vor-) Entscheidung für eine dieser Sozialstrukturtheorien zu treffen, kann die Bestimmung der Beziehungen der Geschlechter eindeutig als patriarchal erfolgen. Der Begriff des Patriarchats verdeutlicht zum einen die historische Gewordenheit ungleicher sozialer Beziehungen zwischen den Geschlechtern und schließt andererseits die Vertikalität von Geschlechtsunterschieden (Ungleichheit) sowie Herrschafts- und Machtverhältnisse mit ein. Unter dem Begriff des Patriarchats verstehe ich in Anlehnung an Lerner (1995) die Manifestation und Institutionierung der Herrschaft der Männer über Frauen und Kinder innerhalb der Familie und Ausdehnung männlicher Dominanz auf die gesamte Gesellschaft.

<33>

“Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. ... Die erste Wirkung der nun begründeten Alleinherrschaft der Männer zeigt sich in der jetzt auftauchenden Zwischenform der patriarchalischen Familie.“ (Engels 1981:61).

<34>

Die Menschen akzeptierten nach Lerner (1995), daß sie aufgrund unterschiedlicher Geschlechtszugehörigkeit unterschiedliche Handlungsräume, Pflichten und Privilegien hatten.

<35>

Frauen definierten ihren gesellschaftlichen Status über den ihrer Männer; dies verhinderte eine Solidarisierung mit den Frauen der unteren Stände oder den Sklavinnen.

<36>

“Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts unter das männliche.“ (Engels 1981:68).

<37>

Die Trennung von Religion und Politik ist ein Produkt der Neuzeit, die Ehe als weltliche Institution ist erst mit der Reformation durchgesetzt (Barabas; Erler 1994).

<38>

Trennung nach Personen, Berufen, Gewerken, Heiratsrecht.

<39>

Die Städte erhalten im Mittelalter zahlreiche Privilegien: Markt-, Steuer-, Zoll- und Stadtrecht, eine eigene Gerichtsbarkeit sowie infrastrukturelle Einrichtungen (Universitäten) (Bauer; Matis 1988).

<40>

ausführlich beschrieben bei Rosenbaum (1982).

<41>

Einerseits ging die Sterblichkeit durch Rückgang der Hungersnöte und Seuchen zurück, andererseits wurde die Geburtenzahl durch die Hexenprozesse und damit der Ausrottung des Wissens "weiser" Frauen um Verhütung und Abtreibung erhöht (Bauer; Matis 1988).

<42>

Zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert wurden die Landarmen und -losen zur Mehrheit der ländlichen Bevölkerung, die Lohnarbeit in der Landwirtschaft (Tagelöhner, Knechte, Gesinde) oder im Gewerbe (Verlage) leisteten (Wehler 1987a).

<43>

Die Ablösesumme betrug 1/3 des Bodens, des Grundwertes oder des jährlichen Gesamtbetrages (Wehler 1987a).

<44>

Weber, Schneider, Schuhmacher, Schreiner, Stellmacher (Geißler 1992a).

<45>

Der dazu führte, daß Deutschland England und Frankreich überrundete und auf Platz 2 hinter die Vereinigten Staaten gelangte (Wehler 1995).

<46>

Der Adel wurde während der Phase seines Niedergangs noch einmal aufgewertet, sein politischer Einfluß wurde gegen alle liberalen und parlamentarischen Strömungen noch einmal zementiert (Wehler 1995).

<47>

durch drei gewonnene Kriege, in denen das adlige Führungskorps den Kern des Heeres bildete und in dem Moltke als Legitimationsfigur agierte (Wehler 1995).

<48>

Diese waren von 1878 bis 1890 in Kraft.

<49>

Erstmals im Kaiserreich überstieg die Zahl der in Fabriken Beschäftigten die der Handwerker und Beschäftigten in der Hausindustrie.

<50>

Zwar bestimmt Marx entsprechend seines theoretischen Verständnisses die gesellschaftlichen Strukturen als bestimmt durch das Klassenverhältnis, dennoch können seine Ausführungen zur Veränderung der Produktionsweise (im Zusammenhang mit der Industrialisierung und Verstädterung veränderte sich die traditionell-feudale Berufsstruktur - Geißler 1992a) verallgemeinert werden.

<51>

Wie an dem Zitat von Franklin, das nach Weber den ”Geist des Kapitalismus“ offenbart, und das die Einführung in die Weberschen Ausführungen darstellt, deutlich wird:

“Bedenke, daß die Zeit Geld ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht, oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, dies nicht allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schillinge ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.

...

Bedenke, daß Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur ist. Geld kann Geld erzeugen, und die Sprößlinge können noch mehr erzeugen und so fort. ...

Bedenke, daß - ... - ein guter Zahler der Herr von jedermanns Beutel ist. ... Neben Fleiß und Mäßigkeit trägt nichts so sehr dazu bei, einen jungen Mann in der Welt vorwärts zu bringen, als Pünktlichkeit und Gerechtigkeit bei allen seinen Geschäften. ...

...

Für 6 £ jährlich kannst du den Gebrauch von 100 £ haben, vorausgesetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Ehrlichkeit bist. Wer täglich einen Groschen nutzlos ausgibt, gibt an 6 £ jährlich nutzlos aus, und das ist der Preis für den Gebrauch von 100 £. ... Wer nutzlos Zeit im Wert von 5 Schillingen vergeudet, verliert 5 Schillinge und könnte ebensogut 5 Schillinge ins Meer werfen. Wer 5 Schillinge verliert, verliert nicht nur die Summe, sondern alles, was damit bei Verwendung im Gewerbe hätte verdient werden können, - was, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht, zu einer ganz bedeutenden Summe aufläuft.“ (Franklin, zitiert nach Weber 1984:40-42).

<52>

Einführung des Akkordlohnes und Lohnsenkungen, um den Arbeiter zu zwingen, zum Erhalt des bisherigen Lohnes mehr zu leisten (S. 50).

<53>

”Er ‘hat nichts’ von seinem Reichtum für seine Person, - außer: der irrationalen Empfindung guter ‘Berufserfüllung’“. (Franklin, zitiert nach Weber:60).

<54>

Diese hat Weber im II. Teil der ”Protestantischen Ethik“ ausführlich dargestellt.

<55>

Wie die vorangegangenen Aussagen zur Überlagerung traditionaler Stände- und modernen Klassenstrukturen zeigten.

<56>

Stellvertretend Beer (1990); Witter (1990).

<57>

Diese werden ausführlich bei Lerner 1995; Bornemann 1979, aber auch bei Engels 1981 beschrieben.

<58>

Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus wird sehr differenziert bei Witter 1990 nachgezeichnet.

<59>

Entsprechend der hier interessierenden Fragestellung nach den doppelten Ungleichheitsverhältnissen (in der Sozial- und Geschlechterstruktur) wird nicht die Familie als soziale Institution, sondern lediglich als ‘Rahmen’ institutionalisierter Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen. Nicht die detaillierte Darstellung der Entwicklung der Familie (dazu stellv. Rosenbaum 1982; Weber-Kellermann 1996; Segalen 1990), sondern die sich innerhalb derselben vollziehende Trennung von Erwerb und Hausarbeit und die sich aus dieser ergebende Veränderung der Geschlechterverhältnisse stehen hier im Mittelpunkt.

<60>

Diese Arbeitsteilung ist nicht zufällig: wenn der Schutz der nächsten Generation den diskontinuierlichen Verkauf der weiblichen Arbeitskraft beinhaltet, dann liegt die Kontinuität der Erwerbsarbeit auf seiten des Mannes (Vgl. Laufenberg; Laufenberg 1984).

<61>

Als Arbeit wird in Anlehnung an Adam Smith (zitiert nach Witter 1990) und Marx (1984) hier nur Arbeit der Erwerbssphäre gefaßt; also wert- und mehrwertschaffende Arbeit, die sich auf berufliche und außerhäusliche Tätigkeiten beschränkt.

<62>

Die bei den Bauern auch Mägde und Knechte sowie bei den Handwerkern auch Gesellen und Lehrlinge umfaßte (Rosenbaum 1982).

<63>

So war die Frau im wesentlichen für die Haushaltsführung, die Mahlzeiten, die Fütterung der Tiere, den Garten und die Herstellung von Kleidung und Wäsche zuständig und half dem Manne nur zu bestimmten Jahreszeiten auf dem Feld, während der Mann für die Feldarbeit und die Pflege der Tiere zuständig war (Segalen 1990; Rosenbaum 1982).

<64>

Diese Notwendigkeit widerspiegelt sich auch in den Kriterien der Partnerwahl, in denen Mitgift, Arbeitsfähigkeit und Gesundheit die Wünsche nach Emotionalität und Affektivität in den Hintergrund drängten (Rosenbaum 1982).

<65>

Die patriarchalische Zunftordnung gestand nur Männern eine Berufsausbildung zu (Rosenbaum 1982).

<66>

Bauernlegen: ”Planmäßiges Vorgehen von Guts- und Grundherren mit dem Ziel, den grundherrlich gebundenen Boden der von ihnen abhängigen Bauern zur Vergrößerung ihrer eigenen Gutswirtschaft einzuziehen“ (Bertelsmann-Lexikon Band 3, 1995).

<67>

Weibliche Berufslosigkeit war verpflichtende Eigenschaft des Bürgertums, Bestandteil des Standesdünkels (nur Arbeiterinnen und Dienstmädchen mußten arbeiten) (Weber-Kellermann, 1991).

<68>

Die Delegierung der Hausarbeit an Dienstmädchen diente der sozialen Abgrenzung bürgerlicher gegen niedrigere Schichten; mußte die Frau in ärmeren bürgerlichen Haushalten die Hausarbeit selbst übernehmen, durfte dies nach außen nicht sichtbar werden (Rosenbaum 1982).

<69>

Der Beschäftigungszwang vieler Bürgertöchter erfolgte nur ‘heimlich’, da er unvereinbar war mit einer standesgemäßen Lebensführung; im verarmten Mittelstand wurde lieber am Essen gespart als auf das Dienstmädchen verzichtet (Nave-Herz 1988).

<70>

Frauen haben auch in den Manufakturen und Fabriken immer nur einen Teil des Lohns der Männer bei gleicher Tätigkeit erhalten (Weber-Kellermann 1996), daher forderte ein Teil der Arbeiter und ihrer Sprecher die Abschaffung der Fabrikarbeit für Frauen in der Hoffnung, durch ein geringeres Arbeitskräfteangebot die eigenen Löhne aufzubessern (Nave-Herz 1988).

<71>

Wie Segalen (1990) ausführt, hat die Frau im Arbeiterhaushalt (ob erwerbstätig oder nicht) immer eine bedeutende Rolle eingenommen: sie mußte das knappe Budget verwalten und die Kinder erziehen.

<72>

Rosenbaum (1982) beschreibt sehr detailreich das Heiratsverhalten der einzelnen Bevölkerungsschichten, an dem sichtbar wird, daß die Ehe die einzige Möglichkeit einer Existenzsicherung darstellt, die wiederum die patriarchalen Verhältnisse reproduziert.

<73>

Wie Neidhardt (1966) ausführt, sind für den Patriarchalismus in der Regel bestimmte ökonomische, politische und ideologische Faktoren verantwortlich; die materiellen Tatbestände (daß Männer die primären Wirtschaftsvorgänge übernommen hatten und Träger der öffentlichen Macht waren) wurden durch entsprechende Philosophien und Ideologien untermauert.

<74>

Gegen die hohe Kindersterblichkeit wurde Ende des 18. Jh. eine Kampagne zur “moralischen und sozialen Aufwertung der Mutterliebe“ gestartet, die die Betreuung der leiblichen Mutter propagierte und zur Domestizierung der Frau als Mutter beitrug (Witter 1990).

<75>

Klassen und Schichten.

<76>

Beispiel Finnland (Pfau-Effinger 1993).


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