Schäfgen, Katrin: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR.



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Kapitel 2. Die Entwicklung ungleicher Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR

Dem Anliegen dieser Arbeit entsprechend, die Gültigkeit der ‘doppelten Ungleichheit’ als Strukturmoment moderner Gesellschaften nachzuweisen, müssen die in den vorangegangenen Kapiteln entwickelten allgemeinen Entstehungsprozesse der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit für beide deutsche Staaten differenzierter dargestellt werden. In Analogie zu den vorangegangenen werden in den folgenden Abschnitten die Entwicklungen der Sozialstruktur und der Geschlechterverhältnisse in beiden deutschen Staaten dargestellt.

Diese haben sich - so die These - trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme, trotz unterschiedlicher ökonomischer, politischer, rechtlicher und sozialer Verhältnisse in beiden ähnlich entwickelt. Die Ähnlichkeit der ‘Doppelstruktur’ wiederum läßt sich zum einen mit den allgemeinen Strukturen moderner Gesellschaften<77> sowie mit der gemeinsamen Geschichte - der Entstehung und Entwicklung der deutschen Gesellschaft - erklären.

Um die deutsch-deutschen ‘Doppelstrukturen’ sozialer Ungleichheit einem Vergleich zugänglich zu machen, wird der Begriff der Moderne eingeführt, der im Unterschied zu je spezifischen Sozialstrukturtheorien die allgemeinen Entwicklungsprinzipien und Strukturierungen impliziert. Dieser Begriff bildet also die Grundlage des folgenden Abschnitts, in dem die Entwicklung der ‘klassischen’ Sozialstruktur in beiden deutschen Staaten dargestellt wird. Andererseits sind es gerade die dem Modernebegriff innewohnenden Grundannahmen über soziale Strukturierung, die im folgenden der Darstellung derselben weniger Raum zugestehen als der Darstellung der Geschlechterverhältnisse. Denn - so die These - es ist die Allgemeingültigkeit der sich im Zusammenhang mit der Moderne herausbildenden sozialen Strukturen, die dazu führt, daß


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sich diese ähnlich in unterschiedlichen - modernen - Staaten entwickeln. Sie sind demnach weniger der konkret-gesellschaftlichen Beeinflussung durch Politik, Recht und Ideologie ausgesetzt als Geschlechterverhältnisse und erweisen sich als weniger ‘gestaltbar’

2.1. Abriss zur Entwicklung der Sozialstruktur in beiden deutschen Staaten

Die vorangegangenen Abschnitte über die Herausbildung sozialer Strukturen in Zusammenhang mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise haben gezeigt, daß Deutschland den Übergang zu einem entwickelten Industrieland bereits Ende des 19. Jahrhunderts vollzogen hatte. Damit wurden - ungeachtet der politischen Veränderungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts (Konstitution und Ende der Weimarer Republik, Naziherrschaft und zwei Weltkriege) - die wirtschaftlichen Grundlagen der, sich im Ergebnis des II. Weltkriegs herausbildenden, beiden deutschen Staaten gelegt. Während die Auswirkungen der genannten politischen Umbrüche auf die Wirtschafts- und Sozialstruktur hier nicht entwickelt werden (können), liegt der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen auf der Darstellung ‘klassischer’ sozialer Strukturen in beiden deutschen Staaten, die ich schon zu Beginn als eine Seite des "doppelten Ungleichheitsverhältnisses" dargestellt habe.

Die der Arbeit als These vorausgesetzte Ähnlichkeit dieser ‘doppelten Ungleichheit’ macht es notwendig, einen Maßstab zu finden, der es ermöglicht, die Ausprägung sozialer Strukturen (und im weiteren die Strukturen im Geschlechterverhältnis) darzustellen, um sie einem Vergleich zugänglich zu machen. Anders als beim Vergleich der deutsch-deutschen Geschlechterverhältnisse, die aufgrund der biologischen und kulturellen Zweigeschlechtlichkeit - zwar mit unterschiedlichen theoretischen Deutungen - relativ eindeutig zu bestimmen sind, ist die Darstellung ‘klassischer’ Sozialstruktur für beide deutsche Staaten nicht in gleicher Weise möglich. Die theoretische (und politisch-ideologische) Vielfältigkeit der Debatten um die ‘Richtigkeit’ und ‘Gültigkeit’ sozialstruktureller Erklärungsmodelle (siehe Kapitel 3) verweist auf die Schwierigkeiten, deutsch-deutsche Strukturen ‘klassischer’ sozialer Ungleichheit eindeutig, im Sinne einer Sozialstruktur zu bestimmen: Beide deutsche Staaten werden - je nach theoretischem Standpunkt - als Klassengesellschaften<78>, als Schichten- oder Ständegesellschaften<79>, als


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geprägt durch soziale Lagen und Milieus<80> bestimmt oder auch mittels Theorien beschrieben, die von einer Auflösung ‘klassischer’ sozialer Ungleichheitsstrukturen<81> ausgehen. Da es nicht Ziel dieser Arbeit ist, einem dieser Sozialstrukturmodelle den Vorrang zu geben, muß nach anderen Möglichkeiten gesucht werden, einen gemeinsamen Maßstab zu finden, der in der Lage ist, soziale Strukturen und Ungleichheitsverhältnisse - jenseits ihrer Bestimmung als Klassen, Schichten etc. - gleichermaßen differenziert für die BRD wie für die DDR darzustellen.

Für diesen Vergleich bietet sich das Konzept der Moderne an, das - unabhängig von der konkreten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnungen - auf bestimmten Strukturen und ”codes“ (Hradil 1992a) beruht, die als Grundlage des Vergleichs dienen können. Zugleich stellt der Rückgriff auf die Theorie der Moderne die Verbindung zur gemeinsamen Entwicklungsgeschichte beider deutscher Staaten dar, die in den vorangegangenen Abschnitten dargestellt wurde.

Doch kann die DDR als ”modern“ im Sinne der Modernisierungstheorie bezeichnet werden? Zunächst muß diese Frage beantwortet werden, bevor im weiteren die Strukturen beider deutscher Staaten verglichen werden können.

Wie die vorangegangenen Darstellungen zur Entstehung der bis in die Gegenwart hineinreichenden sozialen Strukturen und Geschlechterverhältnisse verdeutlicht haben, hatte sich in Deutschland bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt und die ihr inhärenten Merkmale: Massenproduktion in Fabriken, Urbanisierung, Veränderung der Wirtschafts- und daraus folgend der Bevölkerungsstruktur hervorgebracht. Die Entwicklung der industriellen Produktionsweise, die Rationalisierung der Herrschaft, die Entstehung bürgerlicher Öffentlichkeit, die über ihr eigene Organisationen und Institutionen die politische und legislative Macht ausübt und kontrolliert sowie im Bereich der sozialen Beziehungen die Auflösung traditioneller Bindungen (Stand, Religion) bewirkte (Srubar 1991),


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charakterisiert die deutsche Gesellschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Industriegesellschaft, d.h. als moderne Gesellschaft<82>.

Vom gemeinsamen historischen Ausgangspunkt: der Entstehung der Industriegesellschaft haben sich, wie im weiteren zu zeigen sein wird, beide deutsche Staaten zwar unterschiedlich entwickelt und je spezifische soziale Strukturen und Ungleichheitsverhältnisse hervorgebracht (Geißler 1995), diese sind jedoch insgesamt - so meine These - im Rahmen der Modernisierungstheorie zu fassen. Die der Moderne implizite Annahme, daß der technische Fortschritt (als linearer Prozeß) als Motor und Ursache wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturbildung fungiert und dementsprechend die je spezifische wirtschaftliche und politische Organisation dominiert (Hradil 1992a), bildet zugleich den Rahmen wie die Grundlage des Vergleichs der zwei Modernen.

Daß beide Gesellschaften als modern zu bestimmen sind, ist auch innerhalb der Sozialwissenschaften weitgehend unstrittig. Ob nun die Modernisierung in der DDR als ”verlangsamt“ (Srubar 1991), als ”nachholend“ (Stojanov; Sandmayr 1996), als mit wenigen ”Vorsprüngen“ und vielen ”Defiziten“ (Geißler 1992b) behaftet, als ”objektive“ (im Vergleich zur ”subjektiven“ in der BRD) (Hradil 1992a) bezeichnet, ob die DDR als ”semimoderne Mischgesellschaft“<83> oder als ”einfache“ (im Unterschied zur bundesrepublikanischen ”reflexiven“) Moderne (Beck 1991) dargestellt wird - dennoch stimmen die Autoren darin überein, die DDR als moderne Gesellschaft zu bestimmen. Dies wiederum ermöglicht den deutsch-deutschen Vergleich der von Hradil (1992a) bestimmten Maximen der Moderne: eine bestimmte Entwicklung der Bevölkerungsweise (Geburten-, Sterbefälle, Ein- und Auswanderungen), eine spezifische Ausprägung von Familien- und Haushaltsformen, die Existenz moderner Bildungseinrichtungen und -strukturen, spezifische Strukturen in der Wirtschaft und in der Erwerbsarbeit, spezifische Ausprägung sozialer Ungleichheitsverhältnisse sowie bestimmte Formen der Sozialpolitik, des Wohlfahrtsstaates sowie der Politik allgemein.

Entsprechend meines Anliegens, die Ähnlichkeit des Verhältnisses der ”doppelten Ungleichheit“ in beiden deutschen Staaten darzustellen, werde ich im folgenden die Ausprägung sozialer Strukturen (insbesondere Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen) und Ungleichheitsverhältnisse darstellen, die zuvor als eine Seite der ”doppelten Ungleichheit“ bestimmt wurden. Dabei wird der Darstellung der Ungleichheit in der


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Sozialstruktur im Unterschied zur Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen beider Staaten nur ein vergleichsweise geringer Raum zugestanden. Das ist zum einen der Schwierigkeit, ohne eindeutig definierte Sozialstrukturtheorie (Klassen, Schichten ect.) die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der deutsch-deutschen Sozialstruktur auszumachen, geschuldet. Zum anderen wird - wie oben dargestellt - davon ausgegangen, daß die technische Entwicklung (Moderne) stärker noch als die jeweilige wirtschaftliche und politische Organisation (der DDR und BRD) die Strukturen der sozialen Ungleichheitsverhältnisse bestimmen.

Auch folgt die Darstellung der Entwicklung der Sozialstruktur in beiden deutschen Staaten einem anderen Muster als die der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse. Während die ersteren im direkten Ost-West-Vergleich ”nebeneinander“ gestellt werden, ein Vergleich damit sofort möglich ist, werden die Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen für beide deutsche Staaten einzeln, ”nacheinander“ entwickelt . Die sehr viel ausführlichere Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse und deren Periodisierung (in der BRD entlang politischer Mehrheitsverhältnisse und in der DDR entlang unterschiedlicher Phasen in der DDR-Frauen- und Familienpolitik) erfolgt auf der Grundlage der (oben dargestellten impliziten) Annahme, daß die Geschlechterverhältnisse viel stärker als die sozialen Strukturen den Auswirkungen politischer und rechtlicher Interventionen unterliegen, sich als gestaltbarer erweisen. Die aufgrund unterschiedlicher politisch-rechtlicher und ideologischer Verhältnisse sich differenziert entwickelnden Geschlechterverhältnisse entziehen sich damit einem unmittelbaren Vergleich.

Wenn es sich auch - wie oben beschrieben - als schwierig erweist, ohne die expliziten Merkmale eines konkreten Sozialstrukturmodells die Sozialstruktur und Ungleichheitsverhältnisse darzustellen und statt dessen auf die ”allgemeineren“ Annahmen der Modernisierungstheorie zurückgreifen zu müssen, lassen sich jedoch grundlegende Gemeinsamkeiten der meisten (der im 3. Kapitel dargestellten) Sozialstrukturtheorien ausmachen, die als Merkmale der folgenden Analyse dienen können: Sowohl Klassen- wie auch Schichtentheorien und auch die meisten der neueren Theorien sozialer Strukturen und Ungleichheitsverhältnisse räumen der Sphäre der materiellen Produktion absolute Dominanz als Ungleichheitsdeterminante ein. Ob Eigentum (Klassentheorien), Beruf und damit im Zusammenhang: Qualifikation, Einkommen, Position, Status (Schichtentheorien), soziale Lagen, Zentrum-Peripherie (Kreckel 1992) - in allen diesen Ungleichheitstheorien wird der Erwerbsarbeitssphäre (wenn auch nicht immer nur als einziger) eine dominante Rolle in der (Re-)Produktion von Ungleichheitsverhältnissen eingeräumt. Dementsprechend werden in den folgenden Abschnitten die für die (‘klassische’) Sozialstruktur und Ungleichheiten relevanten Merkmale dargestellt: die Entwicklung der


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Wirtschafts- und Beschäftigtenstruktur, der Einkommensverhältnisse sowie die Bildungsentwicklung. Der Entwicklung der Bevölkerungsstruktur, der Familien- und Haushaltsformen sowie der Sozialpolitik und des Wohlfahrtsstaates wird dabei nur ein vergleichsweise geringer Rahmen zugestanden.

2.1.1. Die Entwicklung der Wirtschafts- und Beschäftigtenstruktur

Die Kennzeichnung der DDR-Gesellschaft als ”nachholende“<84>, ”verlangsamte“<85>, mit Defiziten behaftete Moderne machte bereits deutlich, daß die DDR in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung hinter der Bundesrepublik zurückgeblieben war. Ohne an dieser Stelle auf die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der schon unterschiedlichen Ausgangslagen beider deutscher Staaten nach Weltkriegsende eingehen zu können<86>, sollen die unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen mittels einiger Eckwerte dargestellt werden. Hintergrund der Analyse bildet dabei die von Fourastié (1949 - zit. nach Geißler 1992a) entwickelte ”Drei-Sektoren-Hypothese“, die die Schwerpunktverlagerung der wirtschaftlichen Tätigkeit vom primären (Landwirtschaft und Handwerk) zum sekundären Sektor (Industrialisierung) und im weiteren zum tertiären Sektor (Übergang zur postindustriellen- oder Dienstleistungsgesellschaft<87>) beschreibt. Wie die nachfolgende Übersicht (Vgl. Tabelle 1) verdeutlicht, ist die Bundesrepublik auf dem Weg in die nachindustrielle Gesellschaft der DDR um Jahre voraus gewesen: Die DDR-Wirtschaftsstruktur von 1989 glich der der Bundesrepublik von 1965 (ebenda).


60

Tabelle 1: Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren in der DDR und in der BRD (in %)

Wirtschaftssektoren

1950 (1)

1960

1970

1980

1989

BRD

primärer Sektor

25

13

9

5

3,7


sekundärer Sektor

43

48

48

45

41


tertiärer Sektor

33

39

43

49

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DDR

primärer Sektor

31

17

13

11

11


sekundärer Sektor

42

49

51

52

50


tertiärer Sektor

27

34

36

38

40

(1) DDR 1949; tertiärer Sektor nur Handel, Verkehr u.a., ohne ”sonstige nichtproduzierende Bereiche“.

Quelle: Geißler (1992a:118)

Wie in dieser Tabelle deutlich wird, stellte der sekundäre Sektor auch in der BRD bis 1970 das größte Beschäftigungsfeld dar; die Bundesrepublik läßt sich bis zu diesem Zeitpunkt als Industriegesellschaft bezeichnen. Innerhalb der nächsten Dekade wird jedoch erstmals die Quote der im sekundären Bereich Beschäftigten von der in den Dienstleistungsbereichen Tätigen überrundet; die Bundesrepublik hat sich innerhalb dieses Jahrzehnts (1970-1980) in eine Dienstleistungsgesellschaft gewandelt.

Sehr viel langsamer dagegen hat sich die Verschiebung der dominanten Wirtschaftsbereiche in der DDR durchgesetzt: Zwar ist auch hier der primäre Sektor in den ersten zwei Jahrzehnten zurückgegangen, ab 1970 stagnierte die Entwicklung der drei Sektoren jedoch nahezu: Trotz leichter Zuwächse im tertiären Bereich stellt der sekundäre Sektor noch 1989 das dominante Beschäftigungsfeld der DDR dar.

Die Ursachen des ”Tertiarisierungsrückstands“ (ebenda) liegen insbesondere in der niedrigen Produktivität der DDR-Wirtschaft begründet: Während die Mechanisierung der Landwirtschaft, die Intensivierung des Ackerbaus und der Viehzucht in der Bundesrepublik schon unmittelbar nach Kriegsende einsetzte und einen massiven Schrumpfungsprozeß der in der Landwirtschaft Beschäftigten hervorrief, bremste die niedrige Produktivitätsentwicklung einen möglichen Rückgang der Beschäftigten in der Landwirtschaft der DDR. Niedrigere Produktivität, die Verflechtung von (produktionsnahen) Dienstleistungen mit den Betrieben und Kombinaten sowie der mangelnde Ausbau der Banken, Versicherungen, des Rechtswesens, der Gastronomie


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sowie der Rechts- und Wirtschaftsberatung (ebenda) lassen sich wiederum als Ursachen für das Überleben der Industriegesellschaft in der DDR ausmachen.

Der sektorale Rückstand der DDR-Wirtschaft fand seinen Niederschlag wiederum in der Struktur der Erwerbstätigen, die sich ebenfalls von derjenigen der Bundesrepublik unterschied (Vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Erwerbstätige der DDR und der Bundesrepublik nach beruflicher Stellung (in %)

berufliche Stellung

BRD (1989)

DDR (Juni 1990)

Leitende Angestellte

1

2

Hochqualifizierte Angestellte

11

15

Qualifizierte Angestellte

30

22

Einfache Angestellte

10

9

Vorarbeiter/Brigadier

3

4

Facharbeiter/innen

14

33

Un-, angelernte Arbeiter/innen

18

10

Selbständige,mith.Familienangehörige

11

4

(1) BRD: auch höhere Beamte

(2) einschließlich Meister/innen im Angestelltenverhältnis (DDR: 2,4%, BRD: 1,1%; BRD: auch mittlere und gehobene Beamte

(3) BRD: auch einfache Beamte

(4) einschließlich Meister/innen

Quelle: Geißler (1992a:149)

In der unterschiedlichen Verteilung der Erwerbstätigen in den beruflichen Stellungen werden zum einen der sektorale Rückstand der DDR (Dominanz der Arbeiterschaft gegenüber den Angestellten), zum anderen aber auch das Ergebnis politischer Einflußnahme auf die Entwicklung sozialer Strukturen deutlich: Die niedrige Zahl Selbständiger<88> ist das Resultat politischer Bemühungen, den Mittelstand zu zerstören. Die Enteignung von Großunternehmern, Großgrundbesitzern und Großbauern in der Sowjetischen Besatzungszone und die Kollektivierung der Landwirtschaft (LPG<89>), des


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Handwerks (PGH<90>) und des Handels (HO<91> oder VEG<92>) führten zum Rückgang der Selbständigen - ein Prozeß, der erst ab Mitte der 80er Jahre gestoppt wurde.

Wie die Entwicklung der Wirtschaftsstruktur einerseits und die Struktur der Berufe andererseits verdeutlichen, ist die Bundesrepublik zwar bereits auf dem Weg ”in die postindustrielle Gesellschaft“ (Touraine 1972) während die DDR sich noch im Rahmen der Industriegesellschaft bewegte, dennoch lassen sich beide Gesellschaften als moderne Gesellschaften bezeichnen, was - bei aller Differenzierung aufgrund der unterschiedlich entwickelten wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Strukturen - die Annahme grundlegender Gemeinsamkeiten in den sozialen Ungleichheiten ermöglicht. Diese sollen im folgenden exemplarisch anhand der Entwicklung von Bildungs- und Einkommensverhältnissen dargestellt werden.

2.1.2. Die Entwicklung von Bildung und Einkommen in der Bundesrepublik und in der DDR

Entsprechend der Hradil’schen Annahmen zu den objektivierbaren Maximen moderner Gesellschaften (1992a), zu denen er sowohl Bildungseinrichtungen und -strukturen sowie die Verhältnisse sozialer Ungleichheit zählt, werde ich im folgenden die Entwicklung des Bildungsniveaus sowie die Differenzierungen im Einkommen (als Beispiel sozialer Ungleichheit) für beide deutsche Staaten darstellen. Allerdings erschwert die andersartige Struktur der Bildungssysteme<93> den direkten Vergleich. Ohne hier die Vor- und Nachteile


63

der unterschiedlichen Schul- und Berufsbildungssysteme erläutern zu wollen, soll es um die der Darstellung der Bildungsexpansion gehen, die als Merkmal der Moderne fungiert (Vgl. Tabelle 3).

Tabelle 3: Die Entwicklung der Schulabschlüsse in der BRD (1988) und in der DDR<94> (1990/91) (in %)

Geburtskohorte

Schulabschlüsse


ohne/Volks-, Hauptschule; 8.Klasse

mittlerer Abschluß; 10. Klasse

Hochschulreife


BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

1934-36 (1933-37)*

76,2

74,1

16,6

7,0

7,2

18,9

1939-41 (1938-42)*

70,1

66,4

19,4

16,1

10,5

17,5

1944-46 (1943-47)*

61,5

34,9

25,7

43,6

12,8

21,5

1949-51 (1948-52)*

63,1

16,3

21,5

67,0

15,4

16,7

1954-56 (1953-57)*

53,8

10,5

26,7

63,9

19,5

25,6

1959-61 (1958-62)*

47,3

5,8

31,3

71,1

21,4

23,1

1964-66 (1963-67)*

35,3

5,4

33,6

66,8

31,1

27,8

* DDR

Quelle: DJI-Familien-Survey West (1988) und Ost (1991), zit. nach: Fünfter Familienbericht (1994:224)

Diese Tabelle widerspiegelt den allgemeinen Anstieg des schulischen Bildungsniveaus, der in beiden deutschen Staaten zwar unterschiedlich strukturiert<95> ist, aber in die gleiche Richtung weist: So sind die Abschlüsse an Volks- und Hauptschulen bzw. die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluß kontinuierlich und zugunsten höherer Abschlüsse zurückgegangen. Jenseits dieser allgemeinen Erhöhung des Bildungsniveaus lassen sich jedoch auch Unterschiede zwischen beiden Staaten ausmachen: Während die drei


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zugrundegelegten Schulabschlüsse in der Bundesrepublik in den jüngsten Geburtsjahrgängen relativ gleich stark vertreten sind, hat sich in der DDR das mittlere Ausbildungsniveau auf Kosten niedrigerer Abschlüsse stark ausgeweitet, während die Steigerungsraten beim Abitur vergleichsweise moderat sind.

Die schulische Ausbildung bildet jedoch lediglich die Grundlage beruflicher Qualifikation; demzufolge soll im folgenden die Entwicklung der Qualifikationsniveaus dargestellt werden (Vgl. Tabelle 4).

Tabelle 4: Entwicklung der Qualifikationasstruktur der Erwerbstätigen zwischen 1955 und 1989 in der BRD und in der DDR (in %)


BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR


Hochschule1

Hochschule

Fachhoch Fachschule Meister

Fachschule Meister

Lehre, Berufsschule Anlernber.

Facharbeiter2

Ungelernte

Un-, Angelernte Teilausb.

1955

33

1-2*

-**

3-4*

-

26

-

70

1960

-

2

-

5

-

33

-

60

1964/654

3

3

5-9*

8

19-20*

36

62-63*

48-54*

1970

4-5*

4

12-16*

10

44

42

41

41

1975/765

5

6

9

12

50

51

35

29

1980

6

6

10

15

55

56

29

20

1985

6

8

11

17

56

60

25

15

1988/896

7

8

17

18

58

61

23

13

* Die Angaben variieren in verschiedenen Quellen. Für die BRD sind die Daten vor 1976 wegen methodischer Mängel bei der Kategorisierung unzuverlässig.

** es liegen keine Angaben vor

1 einschließlich Lehrerausbildung, ohne Fachschule

2 entspricht der westdeutschen Kategorie ”Lehre“; nicht nur Arbeiterberufe im engeren Sinne

3 1957

4 BRD 1964, DDR 1965

5 DDR 1988, BRD 1989

Quelle: Geißler (1992a:214)

Wie diese Darstellung verdeutlicht, ist das Qualifikationsniveau - bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Bildungssysteme - in beiden deutschen Staaten expandiert; der Anteil der Un- und Angelernten ist zugunsten aller Formen beruflicher Qualifikation stark zurückgegangen. So läßt sich mit Hradil (1992a) festhalten, daß trotz großer Unterschiede in der Bildungsorganisation in beiden deutschen Staaten die


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Bildungssysteme ähnlich gut ausgebaut waren und sich keine Unterschiede im Bildungsniveau ausmachen lassen.

Die allgemeine Anhebung des Bildungsniveaus, die mit der Bildungsexpansion der 60er und 70er Jahren die Bildungsbenachteiligung insbesondere der Frauen<96> beseitigte, stellte sich zwar als notwendige Bedingung wirtschaftlicher Entwicklung dar, erwies sich jedoch als nicht hinreichend, die soziale Ungleichheit gesellschaftlicher Gruppen aufzuheben oder auch nur anzugleichen. Die Gesellschaft wurde (auch bezüglich der Qualifikationen) zwar insgesamt ein Stockwerk höher ”gefahren“ (”Fahrstuhleffekt“ - Beck 1986), die Abstände zwischen den sozialen Gruppen haben sich in beiden deutschen Staaten jedoch als relativ stabil erwiesen. Jenseits aller Individualisierungs- und Mobilitätsprozesse existieren also Strukturen sozialer Ungleichheit, die sich immer wieder neu herstellen<97> und die - wie in der Klassen- und Schichtentheorie, aber auch den meisten neueren Theorien sozialer Ungleichheit - im wesentlichen in der Erwerbssphäre (re-)produziert werden.

Die Ungleichheit in den Bildungsabschlüssen stellt allerdings nur eine, wenn auch wesentliche Grundlage für das Fortbestehen sozialer Ungleichheit dar, die ihre ‘Verlängerung’ in der beruflichen Position, in Macht, Prestige und Einkommen findet.

Die unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse in beiden deutschen Staaten erschweren den Vergleich sozialer Strukturen und Ungleichheiten in diesen Dimensionen erheblich, ja machen ihn teilweise unmöglich. Die Macht des Einzelnen wurde in der DDR nahezu ausschließlich über die Nähe (bzw. Ferne) zur SED bestimmt; die ”monopolartige Konzentration von Macht und Herrschaft“ (Adler 1991: 157) in der SED als Spezifikum der DDR führte zur ‘Entkopplung’ der klassischen Triade<98> von


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Bildung, Einkommen und Macht/Status. Die spezifischen Statusinkonsistenzen<99> (Hanf 1991), die auch in der DDR zur ”neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas 1985) der Sozialstruktur geführt haben, sind im Unterschied zur BRD jedoch im wesentlichen auf politische Strukturen zurückzuführen und daher mit jenen nicht vergleichbar.

Die angedeuteten Schwierigkeiten, die sozialen Strukturen beider deutscher Staaten mittels der ‘klassischen’ Dimensionen sozialer Ungleichheit auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin zu vergleichen, werden auch in dem folgenden Versuch, die Einkommensunterschiede zwischen den sozialstrukturellen Gruppen abzubilden, deutlich. Die politische Zielsetzung der SED: die Annäherung der Klassen und Schichten, findet ihren Niederschlag in der weitgehenden Nivellierung der Einkommensunterschiede zwischen den Klassen und Schichten (Vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Verfügbares Durchschnittseinkommen je Haushaltsmitglied (Abweichungen vom Durchschnittseinkommen = 100) (in %)

(1) Ostdeutschland: LPG-Mitglied

(2) Westdeutschland: ohne Landwirte

Quelle: Geißler (1992b:25)


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Die Nivellierungstendenzen im Einkommen der Bevölkerungsgruppen in der DDR werden im Unterschied zur Bundesrepublik sehr deutlich: Die relativ geringen Abstände der Einkommen der Selbständigen der DDR zu den Arbeitern und Angestellten sind politisch motiviert: Die bewußt betriebene ”soziale Entdifferenzierung“ (Solga 1996), die ihren Niederschlag in der weitgehenden Angleichung der Lebensverhältnisse und Einkommen fand, entsprach dem politischen Selbstverständnis des ”Arbeiter- und Bauernstaates“<100>. Diese übermäßigen Nivellierungen vertikaler Ungleichheit stellten jedoch ein ”Modernisierungsdefizit“ (Geißler 1992b) dar, das sich aufgrund der mangelnden materiellen Anreize der Leistungsträger, insbesondere der Intelligenz als ”causa finalis“ (Lötsch 1991) der DDR erwies.

Ungeachtet aller Nivellierungstendenzen in der DDR-Einkommensstruktur lassen sich dennoch Einkommensunterschiede zwischen den sozialstrukturellen Gruppen ausmachen, die sich - mit Ausnahme der Rentner/Pensionäre<101> und Arbeitslosen<102> - in beiden deutschen Staaten ähnlich<103> darstellen: Die höchsten Einkommen realisieren Selbständige, gefolgt von Angestellten und Beamten; erst dann folgen die Arbeiter und Bauern.

Die spezifische Struktur sozialer Ungleichheit, die ihren Niederschlag in einer in beiden deutschen Staaten ähnlichen Struktur der Erwerbstätigen und einer ähnlich ungleichen Verteilung des Einkommen findet, unterstützt die vorangestellte These, daß beide deutsche Staaten ”ein Stück auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft zurückgelegt“ (Geißler 1993:63) hatten.


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Der Vollständigkeit halber möchte ich in einem letzten Abschnitt die Ähnlichkeit der Bevölkerungsstruktur beider deutscher Staaten darstellen, die zwar keinen eindeutigen Zusammenhang zur ”Doppelstruktur“ sozialer Ungleichheit aufweist, die These der Modernität beider deutschen Staaten aber noch unterstützt.

2.1.3. Die Entwicklung moderner Familien- und Haushaltsformen sowie Bevölkerungsstrukturen in der Bundesrepublik und in der DDR

Neben Bildungsexpansion, Tertiarisierung, Mobilität und Zunahme sozialpolitischer Interventionen sind auch Differenzierungen der Formen privaten Zusammenlebens sowie der Anstieg der Lebenserwartung, der Rückgang der Geburtenzahlen sowie die Alterung der Bevölkerung Merkmale moderner Gesellschaften (Geißler 1993).

Wie die Ausführungen in 1.2 gezeigt haben, hat sich mit der Industrialisierung die Kleinfamilie, die neben dem Rückgang der Zahl der Familienmitglieder auch das Absinken des Erstheiratsalters nach sich zog, als relativ standardisierte Familienform der Industriegesellschaft durchgesetzt. Wenn dieser auch in beiden deutschen Staaten eine sehr hohe Bedeutung beigemessen wird, Ehe und Familie als soziale Institutionen in beiden deutschen Staaten unter staatlichen Schutz gestellt wurden und Gegenstand rechtlicher und politischer Interventionen waren (siehe dazu 2.2), lassen sich doch - in unterschiedlicher Ausprägung - in beiden Staaten Veränderungen in den Formen des privaten Zusammenlebens ausmachen: sinkende Heiratsneigung und Zunahme von Scheidungen, Ansteigen des Erstheiratsalters, sinkende Reproduktionsraten sowie Zunahme von ”untypischen“ Lebensformen.

Tabelle 5: Zusammengefaßte Erstheiratsziffern der BRD und DDR. Von 100 ledigen Frauen heiraten:


1955

1965

1970

1975

1980

1985

1987

BRD

105

110

97

76

66

59

61

DDR

96

105

98

92

81

74

81


69

Quelle: Meyer (1992:273)

Wie aus dem Vergleich der Erstheiratszahlen (Vgl. Tabelle 5) deutlich wird, waren die 50er und 60er Jahre in der Bundesrepublik die ”Hoch-Zeit der Hochzeit“ (Hradil 1992a:6) und der Normalfamilie. Die starke Betonung der Familie als Hort der Stabilität nach dem Ende des Krieges und der Nachkriegswirren (siehe 2.2.1) und deren besondere staatliche Förderung und Unterstützung führte zur breiten Akzeptanz dieser Form des Zusammenlebens: 90% der bundesdeutschen Bevölkerung heiratete - recht früh - und 90% der Familien hatten mindestens ein Kind (ebenda). Ab Ende der 60er Jahre ging jedoch die Heiratsneigung stetig zurück, das Erstheiratsalter stieg ebenso wie die Scheidungshäufigkeit; die ”untypischen“ Lebensformen breiteten sich aus. Trotz der immer noch starken Verbindlichkeit von Ehe und Familie für die Mehrzahl der Bevölkerung<104> lassen sich zunehmend Pluralisierungen der Lebensformen<105> erkennen.

Für die DDR lassen sich ähnliche Tendenzen aufzeigen, die allerdings sehr viel widersprüchlicher sind: Einerseits sind die Erstheiratsziffern zwar ebenfalls seit 1965 zurückgegangen, allerdings sehr viel langsamer als in der Bundesrepublik. Ehe und Familie scheinen also noch sehr viel stärker das Normalbild des Zusammenlebens zu bestimmen, der ”Familismus“ (ebenda) ist stärker ausgeprägt. Andererseits ist die Scheidungsquote in der DDR höher als in der Bundesrepublik; die ”untypischen“ Familienformen: nichteheliche Kinder und Alleinerziehende sind weiter verbreitet (Vgl. Tabelle 6).

Tabelle 6: Die Entwicklung der Ehescheidungen je 1000 Einwohner im Vergleich


1960

1970

1975

1980

1988

BRD

0,9

1,3

1,7

1,6

2,1

DDR

1,4

1,6

2,5

2,7

3


70

Quelle: Meyer (1992:274)

Wie aus diesem Vergleich deutlich wird, sind in beiden deutschen Staaten die Scheidungszahlen seit 1960 kontinuierlich gestiegen, in der Bundesrepublik jedoch deutlich langsamer als in der DDR. Ohne den Ursachen der gegenläufigen Entwicklungen (in der Bundesrepublik: niedrigere Heirats- und Scheidungszahlen und in der DDR: mehr Eheschließungen, aber auch mehr Scheidungen) im einzelnen nachgehen zu können, unterstützt auch diese Entwicklung die Annahme der These von der Modernität beider Gesellschaften. Dafür für spricht auch der Rückgang der Geburtenzahlen in beiden Ländern, der - zwar nicht kontinuierlich, insgesamt jedoch deutlich - sichtbar ist (Vgl. Tabelle 7).

Tabelle 7: Entwicklung der Geburtenziffern<106> in der BRD und der DDR zwiuschen 1960 und 1990/89


1960

1965

1970

1975

1980

1985

1990/89*

BRD

2,37

2,51

2,02

1,45

1,45

1,28

1,482

DDR

2,32

2,48

2,19

1,54

1,94

1,73

1,55

* DDR

2 geschätzt

Quellen: Fünfter Familienbericht (1994:37); Frauenreport´90 (1990:25)

Wie die Daten zur Geburtenentwicklung belegen, hat es einen allgemeinen Rückgang - in der DDR kurzzeitig aufgehalten mittels familienpolitischer Interventionen - in beiden deutschen Staaten gegeben, der in einem engen Zusammenhang zur Alterung der Bevölkerung (Vgl. Tabelle 8) steht, die als letztes Beispiel zur Untermauerung der These der zwei Modernen angeführt wird.


71

Tabelle 8: Die Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung in der BRD und der DDR ( in %)


BRD

DDR


bis 18 Jahre

18 - 65 Jahre

älter als 65

bis 18 Jahre

18 - 65 Jahre

älter als 65

1950 (1)

27,8

62,8

9,4

27,5

61,9

10,6

1960

25,3

63,7

11,0

25,1

61,1

13,8

1970 (1)

27,1

59,6

13,3

27,9

56,5

15,6

1980

23,0

61,5

15,5

24,6

59,7

15,7

1989

18,2

66,5

15,3

22,7

64,0

13,3

(1) 1950 und 1970: Ergebnisse der Volkszählung

Quelle: Statistisches Jahrbuch 1994, eigene Berechnungen

Wie aus der Darstellung deutlich wird, ist die Bevölkerung - wenn auch stärker noch in der Bundesrepublik - in beiden deutschen Staaten zunehmenden gealtert: Während der Anteil der unter 18jährigen an der Gesamtbevölkerung innerhalb von 40 Jahren kontinuierlich gesunken ist, hat sich der Anteil der über 65jährigen insgesamt deutlich erhöht. Dabei ist das Mißverhältnis zwischen jungen und alten Menschen in der Bundesrepublik noch deutlicher ausgeprägt, was zu einem Teil auf den geringeren Reproduktionskoeffizienten, zum anderen auf die höhere Lebenserwartung<107> in der Bundesrepublik zurückzuführen ist.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß sich die der Modernisierungstheorie inhärenten Veränderungen: Rückgang der Familiengröße, Abnahme der Heiratsneigung, Ansteigen der Ehescheidungen, Alterung der Bevölkerung sowie die Abnahme der Geburten in beiden deutschen Staaten - wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung - nachweisen lassen. Das ”Nachhinken“ der DDR in Teilbereichen der Entwicklungen von Haushalts- und Familienformen: die höhere Heiratsneigung, das niedrigere Heiratsalter<108>, das niedrigere


72

Alter der Mütter bei der Geburt des ersten (und weiterer) Kinder<109> sowie die höhere Kinderzahl<110> wurde durch ‘Vorsprünge’ in anderen Teilbereichen: höhere Scheidungsquoten, höhere Zahl nichtehelicher Kinder<111> sowie eine höherer Anteil Alleinerziehender<112> ausgeglichen. Jenseits partieller Abweichungen in den deutsch-deutschen Familien- und Haushaltsformen sowie Bevölkerungsstrukturen ist die Richtung der Entwicklung in beiden deutschen Staaten dieselbe. Damit erscheint es m.E. als legitim, beide Staaten als moderne Gesellschaften zu bezeichnen, die - zwar unterschiedlich weit bzw. auf anderen Wegen - den Übergang zur modernen Gesellschaft vollzogen haben.

2.1.4. Zusammenfassung: Deutsch-deutsche Sozialstruktur und Ungleichheitsverhältnisse als Ausdruck der Moderne

Wie der Vergleich der Entwicklungsrichtungen wesentlicher, der Moderne inhärenter, Merkmale in beiden deutschen Staaten deutlich machte, ist die Richtung - bei allen graduellen Unterschieden - sowohl in der Veränderung der Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur, in der Bildungs- und Einkommensentwicklung wie in der Diversifizierung der Familien- und Haushaltsformen sowie Bevölkerungsweisen dieselbe. Die DDR kann also durchaus als moderner Staat - im Sinne der Modernisierungstheorie - bezeichnet werden.


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Die Bestimmung beider deutscher Staaten als moderne Gesellschaften diente jedoch in diesem Zusammenhang weder dem Nachweis der Rückschrittlichkeit der DDR noch konvergenztheoretischen Überlegungen (Stojanov; Sandmayer 1996); das Konzept der Moderne wurde instrumentalisiert, um einen Maßstab zu finden, der den Vergleich sozialer Strukturen und Ungleichheitsverhältnisse ermöglicht, ohne eine (Vor-)Entscheidung für eines (der zahlreichen) Sozialstrukturmodelle zu treffen, die sich nur mühsam für einen Vergleich der Wirklichkeiten der DDR und BRD anwenden ließen<113>.

Die der Moderne innewohnenden Ausprägungen sozialer Ungleichheit in beiden deutschen Staaten kann resümierend insbesondere an der Ausprägung der beruflichen Stellung und der Einkommensunterschiede herausgearbeitet werden, die in der Theorie sozialer Schichtung (Vgl. 3.2.2) als ungleichheitsgenerierende Merkmale bestimmt werden. Wie die Tabelle 2 ergab, lassen sich die Beschäftigten der DDR wie der BRD mittels eines vertikal strukturierten Spektrums beruflicher Positionen darstellen, das von Un- und Angelernten bis zu leitenden Positionen reicht. Diese noch funktional zu erklärenden Differenzierungen in der Erwerbssphäre gehen jedoch mit unterschiedlichen Machtressourcen und unterschiedlichen Einkommensmöglichkeiten einher, die sich in ihrer Summe (Statuskonsistenz<114>) als vertikal gegliederte Sozialstruktur darstellen lassen, die soziale Ungleichheit impliziert.

In beiden deutschen Staaten, so läßt sich resümieren, hat sich eine (‘klassische’) Struktur sozialer Ungleichheit herausgebildet, die - nur graduell verschieden - sich im wesentlichen über die klassischen Triade: Bildung, Beruf und Einkommen darstellen läßt. Trotz aller Gleichheitspostulate, trotz der politisch forcierten Bildungsanstrengungen in den 60er und 70er Jahren, trotz aller Anstrengungen zur Nivellierung sozialer Ungleichheiten


74

insbesondere in der DDR mit dem Ziel der ”Annäherung der Klassen und Schichten“ wurde die sozialen Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung nicht aufgehoben, offensichtlich nicht einmal verringert<115>.

Der Nachweis einer ähnlichen Sozialstruktur und ähnlicher Ungleichheitsverhältnisse, die bereits zu Beginn der Arbeit als eine Seite des ”doppelten Ungleichheitsverhältnisses“ ausgemacht wurden, stellt zugleich den ersten Schritt auf dem Weg des Nachweises der Gültigkeit der ”doppelten Ungleichheit“ in beiden deutschen Staaten dar. Im weiteren soll die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen als zweite Seite der ”doppelten Ungleichheit“ analysiert werden. Lassen sich auch hier Ähnlichkeiten feststellen, läßt sich über die Analogie der ‘Doppelstrukturen’ sozialer Ungleichheit in beiden deutschen Staaten ein Erklärungsrahmen für die Benachteiligung von Frauen und geringer Qualifizierten nach der ”Wende“ herstellen.

2.2. Die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse in beiden deutschen Staaten

Wie in 1.2 dargestellt, ist die Zuschreibung von Hausarbeit und Erziehungstätigkeit an die Frauen und der sich in diesem Zusammenhang herausbildende Patriarchalismus ein sich in Jahrhunderten vollziehender Prozeß, der allerdings zunehmend unter staatlichen Einfluß geriet, und der mittels Recht, Politik und Ideologie ‘vergesellschaftet’ wurde. Der Übergang von agrarischen in moderne kapitalistische Industriegesellschaften bildet in diesem Zusammenhang lediglich den allgemeinen Rahmen für geschlechtsspezifische und geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, der jedoch nationalspezifisch institutionell und kulturell ausgestaltet wird. Dabei ist der zunehmende Einfluß staatlicher Institutionen auf die Gestaltung sowohl privat-patriarchaler wie gesellschaftlich-patriarchaler Verhältnisse deutlich geworden.


75

Bisherige vergleichende Analysen zu landesspezifischen Differenzen im Verhältnis der Geschlechter beziehen sich im allgemeinen auf den Grad weiblicher Erwerbstätigkeit und deren institutionelle und ökonomische Voraussetzungen. Weitgehend unberücksichtigt bleibt dabei der Einfluß kulturell-ideologischer Bedingungen und Verhältnisse, die sich nicht deckungsgleich mit wirtschaftlichen und politischen Prozessen entwickeln müssen (Pfau-Effinger 1994). In meiner Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den deutsch-deutschen Geschlechterverhältnissen und dem ihnen innewohnenden Patriarchalismus soll dagegen insbesondere das ‘Bild’ der Frau im Mittelpunkt stehen. Hinter diesem Vorgehen verbirgt sich die Annahme, daß es insbesondere die Frauen’bilder’ sind, die in Form von Leitbildern die Basis rechtlicher, politischer und ideologischer Interventionen und damit die Grundlage staatlichen Patriarchalismus darstellen. Frauen’bild’ und staatliche Maßnahmen im Bereich von Recht und Politik bilden dabei eine Einheit. Daher muß es in den folgenden Untersuchungen zu Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen in beiden deutschen Staaten vor allem um die Herausarbeitung des Zusammenhangs von Frauen’bild’ und staatlichen Interventionsmaßnahmen gehen.

Dazu wird analysiert, welche Vorstellungen, welche ‘Bilder’ und “Rollen“<116> bezüglich der Frauen bestehen, wie diese institutionell (Recht und Politik) umgesetzt werden und welche Konsequenzen sich daraus für die Geschlechterverhältnisse ergeben.

Diesem Vorgehen liegt die These zugrunde, daß sich das kulturell geprägte ‘Bild’ von Frauen je nach wirtschaftlichen Notwendigkeiten und politischen Opportunitäten modifiziert, mit diesen in engem Zusammenhang steht. Dennoch wird - wie im weiteren nachzuweisen sein wird - das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit mit den entsprechenden geschlechtsspezifischen Zuweisungen niemals ernsthaft in Frage gestellt. Die Aufrechterhaltung einer bestimmten Bevölkerungsstruktur, die Sicherung des Reproduktionsprozesses der Gesellschaft erscheint nur möglich mittels patriarchalischer Strukturen, der Differenzierung, Hierarchisierung und Polarisierung des Geschlechterverhältnisses (Diemer 1994).


76

Die sich daraus ableitende These der Ähnlichkeit des Patriarchalismus in den deutsch-deutschen Geschlechterverhältnissen, die aufzudecken sich als notwendig für die Annahme der Analogie der ”Doppelstruktur“ sozialer Ungleichheit und damit zur Erklärung der Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen nach der ”Wende“ erweist, wird über die Darstellung der Institutionalisierung der Geschlechterverhältnisse, insbesondere über die Entwicklung des Rechts, der Wirtschaft und der Politik, geleistet. Dabei geht es nicht um die Analyse jeweils singulärer Entwicklungen, sondern um ihre wechselseitige Beeinflussung und ihre gemeinsamen Konsequenzen für die Organisation der Geschlechterverhältnisse; denn nach Kulke (1994) lassen sich nur “anhand von Ungleichzeitigkeiten, Widersprüchen und Brüchen moderner Geschlechterpolitik und ihren Folgen für die Individuen ... die Strukturen politischer Rationalität von Ausgrenzung und funktionalisierter Einbeziehung ... veranschaulichen“ (Kulke 1994, S. 28).

Gerade der Zusammenhang von Frauen’bildern’ sowie Recht und Politik für die Gestaltung der Geschlechterverhältnisse macht es - im Unterschied zur Entwicklung der ‘klassischen’ Sozialstruktur - notwendig, die unmittelbare Vorgeschichte beider deutscher Staaten: die Weimarer Republik und die Naziherrschaft, herauszustellen. Die von der Sozialstrukturentwicklung abweichende Vorgehensweise erfolgt aufgrund der schon vorgestellten These, daß sich die Geschlechterverhältnisse als gestaltbarer erweisen als soziale Strukturen. Demzufolge erweist es sich als nicht ausreichend, die allgemeinen, im Zusammenhang mit der Modernisierung sich ergebenden Strukturen der Geschlechterverhältnisse zu beleuchten (Kapitel 1.2), sondern den spezifischen Einfluß des nationalsozialistischen Staates, dessen Zusammenbruch die historische Ausgangsbedingung für die Gründung beider deutscher Staaten darstellte, offenzulegen.


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2.2.1. Die Geschlechterverhältnisse in Deutschland vor der deutschen Teilung

Wie schon in 1.2 ausgeführt, war die durch das bürgerliche Familienideal vermittelte Trennung von Haus- und Erwerbsarbeit zwar in großen Teilen der Bevölkerung vollzogen, jedoch nicht für alle Kreise - insbesondere für Proletarier - lebbar. Aufgrund der schlechten Einkommensverhältnisse blieb in den proletarischen Familien die außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frauen zu jedem Zeitpunkt notwendigerweise bestehen. Durften diese Frauen auch ihre Arbeitsverträge nicht selbst unterschreiben, waren sie dennoch zur Erwerbsarbeit verpflichtet, wenn das Einkommen des Mannes zum Familienunterhalt nicht ausreichte (Milhoffer 1980). Doch auch für diese Frauen blieb die Zuständigkeit für die Hausarbeit und Familie bestehen. Trotz der Lohnarbeit von Mann und Frau in den proletarischen Familien lebten diese Ende des 19. Jahrhunderts in bitterer Armut. Um die Reproduktionsfähigkeit dieser Familien aufrechtzuerhalten und um das gesellschaftliche Leitbild der bürgerlichen Familie mit einer nicht-erwerbstätigen Frau auch für diese Familien lebbar zu machen, wurde am Ende des letzten Jahrhunderts - von den Gewerkschaften erstritten - der Familienlohn eingeführt, der den Übergang vom Leistungs- zum Bedarfslohn darstellte. Dieser beinhaltete neben steuerlichen Begünstigungen auch direkte Familienzulagen. Mit den besseren Einkommensmöglichkeiten (des Mannes) wurde zugleich die die Stellung des männlichen Ernährers gestärkt (Jurczyk 1978).

Das nun auch für breitere Bevölkerungskreise lebbare Familienideal eines erwerbstätigen Ehemannes und einer Hausfrau und die sich daraus ergebende geschlechtsspezifische Zuweisung von Tätigkeiten und Rollen hat die (Ehe-)Frauen aller Bevölkerungsschichten in die privat-patriarchale Abhängigkeit von ihrem Mann getrieben. Mit der Verabschiedung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) von 1900 wurde die privatrechtliche Unterdrückung der Frau festgeschrieben; die Vergesellschaftung des ‘Tauschs’: materielle Absicherung (seitens des Mannes) gegen häusliche Dienstleistungen (seitens der Frau) sicherte den privaten Patriarchalismus in den Geschlechterverhältnissen. Die - gesetzlich geregelte - Zuschreibung familialer Tätigkeiten an die Frau erweiterte die Grundidee des bürgerlichen Familienideals, daß “mit der Familie und der Zuständigkeit der Frauen für diesen Bereich eine behütete, friedliche Gegenwelt zur feindlichen und chaotischen Welt der Industrie (ge-)


78

schaffen und eine sozial akzeptable Erziehung der Kinder gewährleistet“ (Pfau-Effinger 1993) würde, auf alle Kreise der Bevölkerung.

Trotz der Einführung des Familienlohns und der Allgemeingültigkeit eines bürgerlichen Familienbildes mit einer dem Haushalt vorstehenden Ehefrau<117> war dieses Ideal für ärmere Bevölkerungsschichten nicht lebbar. Eigene Erwerbsarbeit, für unverheiratete Frauen noch akzeptiert, blieb für Ehefrauen und Mütter aus Proletarierfamilien immer notwendiger Bestandteil ihres Daseins.

Weibliche Erwerbsarbeit - wenn auch auf niedrigem Niveau - ist demzufolge ein für die Entwicklung des deutschen Kapitalismus allgemeingültige Tatsache. Allerdings haben sich den Frauen auf dem Arbeitsmarkt nur Berufsfelder erschlossen, die an ihre Rolle als Hausfrau anknüpften: neben Bürotätigkeiten waren das vor allem die Bereiche Erziehung, Kranken- und Sozialpflege (Witter 1990). Der aber permanent präsente Widerspruch zwischen dem historischen Tatbestand erwerbstätiger (Ehe-)Frauen und dem vorherrschenden Familienideal einer ausschließlich Hausarbeit leistenden (Ehe-)Frau führte immer wieder zu Interventionsversuchen gegen weibliche Erwerbsarbeit. Insbesondere in Krisenzeiten, bei sich verschlechternden Arbeitsmarktbedingungen wurde versucht, Frauen auf ihre “Plätze“ zu verweisen und ihrer “natürlichen Bestimmung“ zuzuführen.

Auch die als ein Ergebnis der Novemberrevolution 1919 verabschiedete Weimarer Verfassung, die den Frauen das aktive und passive Wahlrecht und gleiche staatsbürgerliche


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Rechte und Pflichten gewährte, veränderte nicht die patriarchalen Zuschreibungsprozesse. So wurde in den 20er Jahren mit der sich abzeichnenden Weltwirtschaftskrise die Frauenbeschäftigung verboten. Die im Ergebnis dieser rechtlichen Intervention einsetzenden Entlassungswellen weiblicher, insbesondere verheirateter Beschäftigter (über das “Auskämmen“ der Betriebe - Jurczyk 1978), zwangen die wenigen erwerbstätigen Frauen per Gesetz an ihren häuslichen Herd.

Diese Entwicklungen führten dazu, daß in Deutschland am Ende der 20er Jahre ein Geschlechterverhältnis entstanden war, das die Trennung von (männlicher) Berufs- und (weiblicher) Hausarbeit verabsolutierte. Dieses Geschlechterverhältnis mit dem ihm eigenen Patriarchalismus - der Abhängigkeit der Ehefrau vom erwerbstätigen Ehemann und der Töchter vom Vater - sowie dessen staatliche Legitimität hatte weitreichende Konsequenzen, die sich bis zum heutige Tage nachweisen lassen. Institutionalisiert wurde dieses patriarchale Geschlechterverhältnis mittels rechtlicher (Beschäftigungsverbot), wirtschaftlich-politischer (Familienlohn) und ideologischer (bürgerliches Familienideal, Erziehung) Maßnahmen.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden die Schließungsmechanismen der Wirtschaft gegenüber weiblicher Erwerbsarbeit noch verstärkt: Per Gesetz wurden alle Frauen<118>, die im Staatsdienst beschäftigt waren, entlassen. An den Hochschulen und Universitäten wurde ein numerus clausus für Studentinnen eingeführt, der besagte, daß nicht mehr als 10% der Studierenden eines Faches weiblich sein durften (Jurczyk 1978) und den Frauen wurde das Habilitationsrecht wieder aberkannt (de Jong 1995). Auch in der Wirtschaft wurde darauf hingewirkt, daß verheiratete Frauen und Töchter<119> zugunsten männlicher Beschäftigter entlassen werden. Einzige Ausnahme in diesen Freisetzungsprozessen stellte die Landwirtschaft dar: Hier


80

sollten die Frauen beschäftigt sein, um zur ‘Gesundung der Landwirtschaft und der Familie’ (Jurczyk 1978) beizutragen.

Parallel zu diesen Schließungs- und Freisetzungsprozessen lief eine breite ideologische Kampagne der Faschisten, die die Frauen an ihre ‘wahre Bestimmung’ erinnern sollte. (ebenda). Es entstand ein Leitbild von der ‘deutschen Mutter’, die möglichst viele Kinder gebären<120> und im nationalsozialistischen Sinne erziehen, die ihrem Mann und ihren Kindern ein angenehmes Heim bieten und auf diese Weise zur ”nationalen Wiedergeburt“ beitragen sollte (Bock 1995:175). Dazu wurde unter der Leitung Goebbels 1933/1934 eine großangelegte ”bevölkerungspolitische Propagandakampagne“ inszeniert, die durch die (ideologische) Aufwertung der Mutter<121> auf die Steigerung der Geburtenzahlen<122> zielte.

Die massiven Interventionen der Faschisten gegen weibliche Erwerbsbeteiligung: vorgeschriebene Entlassungen aus dem Staatsdienst bei gleichzeitiger Aufwertung von ‘Mütterlichkeit’ und Häuslichkeit stellten dabei lediglich einen entschiedeneren Schritt zur Durchsetzung einer Arbeitsteilung der Geschlechter dar, die als naturgewollt erscheint und in der Geschichte des Patriarchalismus schon vorbereitet wurde.

Jedoch verweisen die Versuche, Frauen für eine Arbeit in der Landwirtschaft zu gewinnen, auf die Scheinheiligkeit und Doppelbödigkeit der faschistischen Familienideologie: Frauen sollten zwar für die Familie sorgen und dem Führer viele Kinder gebären, zugleich sollten sie jedoch in den ihnen zugewiesenen Bereichen zur Stärkung des Dritten Reichs beitragen, ohne dabei in Konkurrenz zu den Männern zu geraten.


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Mit der Überwindung der Rezession und der nun entstehenden Arbeitskräfteknappheit wurden Frauen über Arbeitsdienste gezwungen, auch in anderen Wirtschaftsbereichen erwerbstätig zu sein. Die Arbeitskräfteknappheit, die durch Frauenhände ausgeglichen werden mußte, fand ihren Höhepunkt in den Kriegsjahren, in denen die kämpfenden und gefallenen Männer durch Frauen ersetzt werden mußten. Die Zwangsrekrutierung der Frauen in die Betriebe und ihre massenhafte Beschäftigung in allen Bereichen der Wirtschaft, in der sie die Plätze der Männer einnahmen, änderte jedoch nicht das Bild vom ‘Wesen der Frau’. Es entstand ein Widerspruch von Ideologie und Wirklichkeit der Geschlechterverhältnisse, der in der weiteren Entwicklung der deutschen Geschichte auf zwei unterschiedlichen Wegen, mittels gegensätzlicher ‘Leitbilder’ gelöst werden sollte: Durch den Versuch der Anpassung der Wirklichkeit an die Ideologie, d.h. die erneute Verdrängung der Frauen aus dem Erwerbsarbeitsbereich<123> und andererseits durch die Veränderung gesellschaftlicher Leitbilder und deren Anpassung an die sich verändernde Realität<124>.

Mit dem Rekurs auf die Entstehung und die institutionelle und kulturelle Verfestigung der patriarchalen Geschlechterverhältnisse in Deutschland, die mit dem Nationalismus den vorläufigen Höhepunkt patriarchaler Schließungsmechanismen erreichten, wurden die Grundlagen der zukünftigen deutsch-deutschen Geschlechterverhältnisse verdeutlicht. Am Beispiel des Nationalsozialismus offenbart sich, als wie gestaltbar sich die Geschlechterverhältnisse durch politische, rechtliche und ideologische Interventionen erweisen. Auch hat sich durch die aktive Beeinflussung des Reproduktionsverhaltens durch Propaganda und wohlfahrtsstaatliche Leistungen eine Verschiebung vom primär privaten zum staatlichen Patriarchalismus vollzogen<125>. Der Nachweis desselben stärkt die These von der größeren Gestaltbarkeit der Geschlechterverhältnisse, indem der Staat über Recht und Gesetz entscheidet, ob und wo Frauen Zugang zu öffentlichen Sphären erhalten.


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Der Übergang zu staatlichem Patriarchalismus im Nationalsozialismus als wesentlichem (Re-)Produktionsmechanismus der Ungleichheit im Geschlechterverhältnis stellte jedoch die wesentlichen historisch-kulturellen Wurzeln beider deutscher Staaten dar, die weitreichende Konsequenzen für die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse haben. Im folgenden wird es - analog zu Kapitel 2.1 darum gehen, die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse als zweiter Seite des ‘doppelten Ungleichheitsverhältnisses’ für beide deutsche Staaten darzustellen.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges, nach langen Kriegsjahren konnte man in Deutschland nicht zur “Normalität“ geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung zurückkehren. Millionen gefallener und kriegsgefangener Männer<126> erforderten den Einsatz der Frauen sowohl zum Überleben der Familie wie für den Aufbau der Wirtschaft; sie mußten die Verantwortung sowohl für die unmittelbare, wie auch für die mittelbare Reproduktion übernehmen (Jurczyk 1978). So mußten sich Millionen Frauen mit ihren Kindern ohne männlichen ‘Ernährer’ und Familienvorstand durchschlagen; mußten nach dem ”Krieg der Männer“ den ”Kleinkrieg der Hausfrauen und Mütter um Brot und Kohlen“ (Frevert 1986, S. 247) führen. Andererseits wurden die weiblichen Arbeitskräfte benötigt, um den Wiederaufbau in Deutschland anzukurbeln, zumal die ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter nicht mehr verfügbar waren. So verordnete schon im Sommer 1945 der Alliierte Kontrollrat, daß alle Männer zwischen 14 und 65 Jahren und alle Frauen zwischen 15 und 50 Jahren, soweit sie keine Kinder oder hilfsbedürftigen Angehörigen zu versorgen hatten, zu Pflichtarbeiten herangezogen wurden (ebenda).

Im Unterschied zur Nachkriegszeit nach dem I. Weltkrieg, nach dem der Verdrängungsprozeß der Frauen sehr früh einsetzte, erforderte die zerstörte Wirtschaft die Weiterbeschäftigung von Frauen, die schon in der Kriegswirtschaft die Plätze der Männer eingenommen hatten/einnehmen mußten. Ebenso ließ sich die während des Krieges überwundene, ehemals starre Trennung von Frauen- und Männerarbeitsplätzen, (vorerst) nicht aufheben; Frauen arbeiteten sowohl im Baugewerbe wie in der Industrie, zumeist auf


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an- und ungelernten Positionen. Die Notwendigkeit hoher weiblicher Erwerbsbeteiligung in allen vier Besatzungszonen führte zur Anerkennung der unentbehrlichen Rolle der Frauen für die Organisation des ‘Überlebens’, für die Beseitigung der Trümmer auch in den westlichen Besatzungszonen, wo jedoch - verstärkt ab 1947 - die Frauen den heimkehrenden Männern weichen mußten (ebenda).

Die neue Verantwortlichkeit der Frauen für die - auch finanzielle - Absicherung ihrer Familien führte zu größerer Eigenständigkeit, wachsendem Selbstbewußtsein und bewirkte einen kurzfristigen Autoritätsschwund<127> des Mannes. Es kam zur Zunahme von ehelichen Konflikten, die sich in einer rasch wachsenden Zahl von Scheidungen widerspiegelten (ebenda). Die Scheidungshäufigkeit und Krisenhaftigkeit der Ehen nach Kriegsende entfachte eine intensive Diskussion um die ”Krise“ der Familien, die in der ihr zugeschriebenen Rolle für die Überwindung anomischer Verhältnisse gestärkt werden sollte (Gerhardt 1994).

Vor der Staatsgründung beider deutscher Staaten 1949, deren politische Zielsetzungen im Grundgesetz (BRD) und in der Verfassung (DDR) festgeschrieben wurden, regelten zum einen die Länderverfassungen, zum anderen Kontrollratsgesetze das Zusammenleben der Geschlechter im Nachkriegsdeutschland. Erstmals in der Geschichte wird in diesen Übergangsregelungen die Gleichberechtigung der Geschlechter gesetzlich festgeschrieben. Zwar unterscheiden sich die Formulierungen bezüglich der Gleichberechtigung in den einzelnen Länderverfassungen; gemeinsam ist ihnen jedoch, daß sie jeweils über die Weimarer Verfassung hinausgingen, die lediglich die staatsbürgerliche Gleichheit der Geschlechter festschrieb (ebenda). Neben den Länderverfassungen regelten die Kontrollratsgesetze (insbesondere Nr.1 und Nr.16) das Ehe- und Scheidungsrecht: Indem sie die nationalsozialistischen Ehe- und Rassengesetze aufhoben, stellten sie bezogen auf das Ehe- und Scheidungsrecht den Rechtszustand von vor 1935 bzw. 1938 wieder her (ebenda).


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2.2.2. Periodisierung der Frauen- und Familienpolitik als institutionelle Grundlagen der (Re-)Produktion der Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik

Mit der Staatsgründung der BRD und der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 wird auch in Bezug auf die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse ein Neuanfang unternommen: Erstmals wird die Gleichberechtigung der Geschlechter postuliert.

Wie die rechtlich-politischen Interventionen das Geschlechterverhältnis verändern, wie der Staat auf die Familie als Ort der (Re-)Produktion der Geschlechterverhältnisse, als Ort, an dem sich die Trennung von privat und öffentlich manifestiert, einwirkt, wird Gegenstand der nachfolgenden Kapitel sein. Unter der Annahme, daß das Private politisch ist und im öffentlichen die Bedingungen für den privaten Raum geschaffen werden (Hauser 1984) wird im weiteren danach gefragt, welche Frauen- bzw. Familien’bilder’ die Grundlage politischen Handelns darstellen und wie diese über das Recht und die Politik institutionalisiert werden.

Diese ‘Bilder’ selbst verändern sich im Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und unterliegen demzufolge unterschiedlichen staatlichen Interventionen. Um diese Modifikationen und deren Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse herauszuarbeiten und deutlich zu machen, daß die ”öffentlichen Einmischungen“ (ebenda:212) in einem engen Zusammenhang mit den jeweiligen politischen Implikationen stehen, wird die Frauen- und Familienpolitik (als Domäne staatlicher Einflußnahme auf die Gestaltung der Geschlechterverhältnisse) der BRD einer Periodisierung unterzogen.

Die Darstellung gesellschaftlicher Entwicklungen mittels Periodisierung hat den Vorteil, längere historische Zeiträume unter dem jeweils interessierenden Aspekt in einzelne Phasen zu zerlegen und damit die Möglichkeit zu eröffnen, innerhalb derselben Entwicklungen deutlicher werden zu lassen (Vgl. Trappe, 1994). Für die Bundesrepublik erscheint dabei eine Periodisierung<128> der Frauen- und Familienpolitik entlang politischer Mehrheitsverhältnisse, festgemacht an der jeweiligen Parteienherrschaft<129>, sinnvoll, da


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das spezifische Frauen- bzw. Familien’bild’ der jeweiligen Regierungspartei ausschlaggebend für politisch-rechtliche Interventionen, die die Geschlechterverhältnisse modifizieren (können), ist. Entsprechend der Periodisierung entlang von politischen Mehrheitsverhältnissen ergeben sich aus den vier großen Regierungswechseln in der BRD vier Phasen der Entwicklung der bundesrepublikanischen Geschlechterverhältnisse: die Phase der christlich-liberalen Koalition, der großen Koalition, der sozial-liberalen und der erneuten christlich-liberalen Koalition.

2.2.2.1. Die Christlich-liberale Koalition (1949-1966)

Trotz interner Widerstände im Parlamentarischen Rat<130>, der durch die Westmächte einberufen wurde, um eine neue Verfassung zu verabschieden, wurde 1949 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ein umfassender Gleichheitssatz verankert, der feststellte: “Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ (GG Art. 3 Abs.II). Dieser mit der DDR-Verfassung gleichlautende Paragraph wird jedoch insofern in seiner Gültigkeit relativiert, als die unmittelbare Geltung dieses Grundgesetzartikels durch eine Übergangsregelung (GG Art. 117) bis 1953 suspendiert wird, dem Zeitpunkt, bis zu dem alle dem Gleichberechtigungsgrundsatz entgegenstehenden Paragraphen im Ehe- und Familienrecht gestrichen oder verändert werden müssen. Gleichzeitig wurde 1950 auf Beschluß der Bundesregierung mit Billigung aller Parteien des Bundestages ein Frauenreferat im Bundesministerium des Innern geschaffen, das den Frauen bei der Überwindung kriegsbedingter Notstände und bei der praktischen Verwirklichung der Gleichberechtigung behilflich sein sollte (Nave-Herz 1988).


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Trotz der - wegen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau - notwendig hohen Frauenerwerbsquote in den Westzonen traf die rechtliche Festlegung der Gleichberechtigung der Geschlechter auf massive Widerstände und Verzögerungen in der konkreten Umsetzung sowohl im öffentlichen<131> wie im privaten Bereich (Gerhard 1994). In den späten 40er und 50er Jahren erlebte die Vorstellung von der Familie als Ort der Ruhe und als ‘Natur’ der Frauen eine Renaissance. Die Familien und insbesondere die Frauen in ihnen erschienen als einziger Halt in den chaotischen Nachkriegsverhältnissen, sie stellten die ”letzte Grundlage der sozialen Zuflucht und Sicherheit“ dar (Frevert 1986:253). Demzufolge sollte die Familie als Institution gestärkt, die Frau als Mutter wieder ausschließlich für die Erziehung der nachwachsenden Generation gewonnen und damit die Voraussetzungen für die (erneute) Trennung von Berufs- und Familienarbeit geschaffen werden.

Die Aufwertung der Familien und der Funktionen der Mütter in ihr zielte jedoch nicht ausschließlich auf die Absicherung der Sozialisationsleistungen der Familie in den Wirren der Nachkriegszeit, sondern beinhaltete auch den Versuch, den durch die Rückkehr der Kriegsgefangenen zu Beginn der 50er Jahre angespannten Arbeitsmarkt zu entlasten. Die erst langsam wachsende Wirtschaft konnte die Männer nicht aufnehmen; der erneute Anstieg der Arbeitslosigkeit ließ die Forderung nach einem Rückzug weiblicher Erwerbstätiger, nach einem Ende weiblicher ‘Doppelverdiener’ laut werden.

Für die Umsetzung dieses Doppelziels, das vor allem durch die (politisch-rechtliche) Stärkung der Familie erreicht werden sollte, wurden bereits 1949 Ehe und Familie mittels Artikel 6 des Grundgesetzes unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung gestellt (Milhoffer 1980). Einen weiteren wichtigen Schritt auf diesem Weg stellte die Einrichtung des Familienministeriums der BRD dar. Mit seiner Gründung 1953 wurde (gegen den Widerstand der SPD) der Grundstein für die Institutionalisierung einer Familienpolitik gelegt, die unter der Leitung des Ministers Wuermeling (1953 bis 1962) auf die (Wieder-)


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Herstellung traditioneller Geschlechterarrangements orientierte. Dabei zielte das Familienministerium nicht in erster Linie auf die Verabschiedung sozialpolitischer Maßnahmen, die zur Behebung der familialen Notlagen hätten dienen können, sondern auf die Schaffung von Voraussetzungen für eine Familie, die einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung von Gesellschaft und Staat leistete. Als Garant familialen Zusammenhalts wiederum wurde die kinderreiche Familie, die zugleich zur Sicherung der Gesellschaft beitragen sollte<132>, angesehen und entsprechend gefördert (Cramer 1993).

In der Amtszeit von Wuermeling wurde Familienpolitik im wesentlichen mit Bevölkerungspolitik gleichgesetzt; die Belastungen der (kinderreichen) Familien wurden über finanzielle Vergünstigungen zwar gemildert (Familienlastenausgleich, Kindergeld, Steuererleichterungen, Heiratsdarlehen), zugleich predigte er Opferbereitschaft und Konsumverzicht der Eltern (Berghahn 1993). Die Verabschiedung familienpolitischer Leistungen, die verhindern sollten, daß Frauen aus ökonomischen Motiven heraus erwerbstätig werden mußten (Meier 1986); wurde begleitet von der Propagierung der Unabkömmlichkeit der Mutter für das Wohl der Kinder und der negativen Auswirkungen von Frauen- und Müttertätigkeit auf Familien und Kinder (Jurczyk 1978). Damit wurden erwerbstätige Frauen moralisch unter Druck gesetzt<133>. Dabei traf diese zweifache Strategie zur Erreichung des Doppelziels: Sicherung der familialen Sozialisationsleistungen durch die Frauen bei gleichzeitiger Entlastung des Arbeitsmarktes durchaus auf die Bereitschaft der Frauen, auf Erwerbsarbeit zu verzichten. Die Rückverweisung auf die Rolle als Hausfrau und Mutter, die von Politik, Kirchen und Verbänden propagiert wurde, schien nach den immensen Kraftanspannungen der vierziger Jahre von den meisten Frauen auch bereitwillig akzeptiert zu werden (Frevert 1986).

Den Bestrebungen, die Frauen und Mütter wieder ausschließlich auf die Familie zurückzuverweisen, stand allerdings die sich in den späteren 50er und 60er Jahren mit


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Beginn des ‘Wirtschaftswunders’ ergebende Arbeitskräfteknappheit entgegen. Zwar war die Bundesrepublik bemüht, die Arbeitskräftelücke durch die Beschäftigung von Ausländern, den sog. ‘Gastarbeitern’ zu schließen, doch erwies sich diese Strategie als nicht ausreichend. Die Einbeziehung weiblicher Erwerbstätiger wurde trotz der wachsenden Zahl von Gastarbeitern unabdingbar für die wirtschaftliche Entwicklung. Dementsprechend wurden auch - im Unterschied zur Situation nach dem ersten Weltkrieg und während des Faschismus - keine klaren rechtlichen Regelungen zur Unterbindung weiblicher bzw. Müttererwerbstätigkeit entwickelt. Diese blieb ein ideologisch geächteter, doch unter der Hand als notwendig akzeptierter Tatbestand der jungen Bundesrepublik.

Die nur unter dem Notwendigkeitsaspekt anerkannte Wirklichkeit weiblicher Erwerbsarbeit hatte zur Folge, daß es seitens des Gesetzgebers keine ernsthaften Anstrengungen hinsichtlich der weiterführenden rechtlichen Gleichstellung der Frauen gab. Dies läßt sich insbesondere an der Gestaltung des Ehe- und Familiengesetzes illustrieren. Erst 1958, also 5 Jahre nach der vom Grundgesetz bestimmten Frist zur Anpassung der Bürgerlichen Gesetzbuches an den Gleichberechtigungsanspruch, trat das Gleichberechtigungsgesetz auch im Ehe- und Familienrecht in Kraft (Malottki 1993; Gerhard 1994). Allerdings verdiente dieses Gesetz kaum seinen Namen (Berghahn 1993), da es das Recht der (Ehe-)Frau auf Erwerbstätigkeit von ihrer Vereinbarung mit ihren Pflichten in Ehe und Familie<134> abhängig machte. Zwar wurden die krassesten und offensichtlichsten Ungleichheiten beseitigt<135> und durch moderatere Formulierungen ersetzt: So war der Ehemann nun nicht mehr berechtigt, das Arbeitsverhältnis seiner Frau zu kündigen, aber die Frau konnte nur mit Zustimmung ihres Ehemannes und nur dann eine Erwerbsarbeit ausüben, wenn diese Arbeit mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war. Auch wurde die Zuständigkeit der Frau für die Haushaltsführung qua Gesetz


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festgeschrieben und damit die Hausfrauenehe rechtlich legitimiert (Malottki 1993; Gerhard 1994).

Dennoch blieb dieses Gesetz in wesentlichen Bestimmungen hinter dem Gleichberechtigungsparagraphen zurück<136>, so daß das Bundesverfassungsgericht 1959 es für nichtig erklärte und aufhob. Doch auch die Revisionen im bürgerlichen Gesetzbuch und die Eingriffe des Bundesverfassungsgerichts haben nicht zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter im Gesetz geführt und damit die Verfassung ausgehöhlt. An dem im BGB verankerten Leitbild der Hausfrauenehe und einer ihr inhärenten ”natürlichen“ Funktionsteilung der Geschlechter wurde nicht gerüttelt. Zwar kann die Frau jetzt ohne Einwilligung ihres Ehemannes einer Erwerbstätigkeit nachgehen, aber nur, wenn ”dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“.

Der rechtlich sanktionierte Ausschluß der Frauen aus der Erwerbsarbeit geht neben der Bestimmung der ‘Unabkömmlichkeit der Mutter’ für das Kind mit der Aufwertung der Hausarbeit einher. So idealisieren die Autoren einer Frauenenquete die Haushaltsführung als ”gekennzeichnet durch eine große Vielfalt von Arbeitsleistungen, die eine ständige geistig-körperliche Umstellung verlangt“ (zitiert nach Berghahn 1993:13) und beschreiben die Hausfrau als Unternehmerin. Nicht der gleichberechtigte Zugang der Frauen zu allen gesellschaftlichen Sphären wird gefördert, sondern das ”Selbstverständnis der Frau als Mutter“ (ebenda).

Die Idealisierung der Familie in den 50er und zu Beginn der 60er Jahre als Gegenstruktur (geschützter Freiraum) zur Gesellschaft<137> und die Zuschreibungsprozesse der Verantwortlichkeiten für diese an die Frauen verhinderte die wirkliche Gleichberechtigung der Frau und eine Veränderung im konservativen Familienleitbild (Meier 1986).


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Zusammenfassend läßt sich für die Regierungszeit der Christlich-liberale Koalition feststellen, daß diese trotz veränderter Realitäten - einer durch Arbeitskräfteknappheit erzeugte Notwendigkeit weiblicher Erwerbstätigkeit - kein neues Frauen’bild’ schuf. Sie knüpfte an das traditionale ‘Bild’ der Frau an, das diesen den Bereich der Familie zuwies und sie von der Erwerbstätigkeit fernhalten sollte. Frauenpolitik ist demzufolge in der jungen Bundesrepublik kein eigenständiges Thema; die wenigen Bemühungen beschränkten sich auf die Anpassung der Gesetzgebung an das Gleichberechtigungsgebot im Grundgesetz (Rudolph 1994). Frauenpolitik ging in Familienpolitik auf, die besonderer staatlicher Förderung unterworfen wurde. Über die Institutionalisierung der Familienpolitik im Familienministerium wurde ein Instrument geschaffen, das über monetäre Leistungen und Ächtung weiblicher Erwerbsarbeit die Familie als Institution und den Platz der Frauen in ihr aufwertete und zugleich zementierte. Diese Bestrebungen wurden jedoch durch die Notwendigkeit, auch Frauen als zusätzliche Arbeitskräfte für einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung zu gewinnen, begrenzt. Dies ist wiederum die Ursache dafür, warum, anders als nach dem I. Weltkrieg, auf gesetzliche Beschäftigungsverbote verzichtet wurde.

Insbesondere für die erste Zeit der Koalition (in den 50er Jahren) läßt sich eine politische Orientierung ausmachen, die auf die Reproduktion traditioneller Geschlechterverhältnisse zielt und damit zur Reproduktion der patriarchalen Abhängigkeitsverhälnisse der Frauen von ihren verdienenden Ehemännern beiträgt.

Dieses ‘Bild’ bekommt in den frühen 60er Jahren, unter den Bedingungen ungebrochener Konjunktur und wachsender Arbeitskräftenachfrage, jedoch erste Risse. Unter dem Druck des Arbeitskräftemangels und der Notwendigkeit, zusätzliche Reserven zu erschließen, kam die Bundesregierung um eine Neubewertung weiblicher und mütterlicher Erwerbstätigkeit nicht herum. Diese verlor zunehmend ihr negatives Image; der “Familienkult“ wich der “neuen Sachlichkeit“ (Meier 1986).

Zusätzlich zur steigenden Arbeitskräftenachfrage ergab sich das Problem der Qualifikation des Arbeitskräftepotentials: Der sich im “Sputnikschock“ offenbarende Bildungsnotstand erzwang ein Umdenken in der Arbeitskräftenutzung. Arbeitskräfte mußten nicht nur gewonnen, sondern auch entsprechend qualifiziert werden, wollte man die wirtschaftliche


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Entwicklung nicht gefährden. Auf die Umbrüche und Entwicklungen des Familienleit’bildes’, das durch die Veränderung politischer Mehrheitsverhältnisse noch vertieft wurde, wird im folgenden eingegangen.

2.2.2.2. Die Große Koalition (1966-1969)

Nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten konservativer Regierung gelangte die SPD in Koalition mit der CDU an die Macht. Innerhalb dieser einen Legislaturperiode gelang es der SPD in der Großen Koalition, ihre Vorstellungen nach Reformen in die Politik - auch in die Frauen- und Familienpolitik - einfließen zu lassen. In Bezug auf diesen Politikbereich wurde der Wechsel in der Schwerpunktsetzung insbesondere durch den ”Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft“ aus dem Jahre 1966 markiert, der den Abschluß der ”Restaurationsphase“ und des ”Familienkonservatismus“ der 50er Jahre darstellte (Gerhard 1992). Wenn er sich auch nicht vollständig von den Leitbildern zur Rolle der Frau löst, erkennt er doch die Realität erhöhter weiblicher Erwerbsarbeit an. Diese wird allerdings weiterhin ”so lange für problematisch“ gehalten, ”als Kinder noch der mütterlichen Fürsorge bedürfen“ (S. 21).

In Reaktion auf die erhöhte Frauenerwerbsarbeit wird während dieser Legislaturperiode dem Drei-Phasen-Modell, das von Myrdal und Klein erstmals 1956<138> vorgestellt wurde, als Möglichkeit der Vereinbarung von Familie und Beruf politische Priorität eingeräumt. Dieses Modell, das der Realität einer steigenden Frauenerwerbsarbeit und -neigung (Frevert 1986) bei gleichzeitiger Akzeptanz ausschließlich ihrer Zuständigkeit für die Familie entsprach, sah die phasenweise Verbindung von Berufstätigkeit und Familie als geeignete Variante zur Einbeziehung der Frauen in das Erwerbsarbeitssystem an. Nach einer Phase der Ausbildung und Erwerbsarbeit wird mit der Ehe, spätestens mit der Geburt des ersten Kindes eine Familienphase eingelegt, an die sich nach dem Heranwachsen der Kinder wiederum eine Phase eigener Erwerbsarbeit anschließt.


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Die neue Akzentsetzung in der Frauen- und Familienpolitik wurde durch Bruno Heck, Wuermelings Nachfolger im Familienministerium, betrieben, der wesentlich zur Entwicklung eines neuen Familienleitbildes<139> beitrug. Er kritisierte die Vernachlässigung der Kindergärten durch seinen Vorgänger und forderte die Beseitigung des Fehlbedarfs an Kinderbetreuungseinrichtungen sowie die Ausbildung von Kindergärtnerinnen (Berghahn 1993). Allerdings stellen diese ”Neuerungen“ nur eine Seite eines widersprüchlichen Bildes dar: Zur gleichen Zeit beklagt Heck, daß die Emanzipation der Frau zu einem Verfall der patriarchalischen Familienstruktur führe und die Autorität der Väter erschüttere (ebenda).

Die Bevorzugung des Drei-Phasen-Modells zur Vereinbarung von Beruf und Familie und die damit implizierte Erweiterung der Frauenrolle (Doppelrolle) um die Berufsarbeit stellt jedoch weder die Zuständigkeit der Frau für die Familie in Frage noch ersetzt es das traditionale Familienmodell durch ein partnerschaftliches: Mit diesem Modell wird lediglich auf die Realität einer wachsenden weiblichen Erwerbsbeteiligung und damit auf die Erweiterung der traditionalen Frauenrolle reagiert. Damit sind jedoch durchaus Konsequenzen für die Familienpolitik verbunden: Zwar wurden während dieser Legislaturperiode keine größeren Gesetzeswerke verabschiedet, aber es setzte sich die Erkenntnis durch, daß auch die Umsetzung des Drei-Phasen-Modells an Rahmenbedingungen geknüpft ist. So wurde der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder ab 3 Jahren, die die institutionellen Rahmenbedingungen weiblicher Erwerbsbeteiligung darstellen, forciert. Doch schon bald erfolgte die Einsicht, daß diese Maßnahmen nicht ausreichend sind. Unter der Perspektive des Drei-Phasen-Modells, d.h. mit der Orientierung auf den beruflichen (Wieder-)Einstieg der Frauen nach ihrer Familienphase ergab sich das Problem der Qualifizierung. So forderte die SPD die Teilnahme von Frauen und Müttern an Bildungsmaßnahmen und


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Maßnahmen zur (Re-)Integration der Frauen in das Erwerbssystem, die auch Eingang in das 1969 verabschiedete Arbeitsförderungsgesetz (AFG) fanden.

Wenn auch bezüglich der Durchsetzung der Gleichberechtigung in dieser Legislaturperiode keine weiteren Schritte unternommen wurden (die Regierungsparteien vertrauten auf die im Gleichberechtigungsgesetz formulierten Grundsätze bzw. lasteten weiterbestehende Ungleichheiten im Einkommen und sozialer Absicherung den Tarifparteien an), stellte der Bericht der Bundesregierung von 1966 doch die Grundlage und Legitimationsbasis für zahlreiche weitergehende Gesetzesvorhaben dar, die jedoch erst in den nachfolgenden Perioden umgesetzt wurden (ebenda).

Insgesamt läßt sich feststellen, daß es während der - vergleichsweise kurzen - Zeit der Großen Koalition zwischen 1966 und 1969 zu einigen bedeutsamen Modifikationen im Frauen’bild’ kam. Zwar wurde an der allgemeinen Zuständigkeit der Frauen für ihre Familien nicht gerüttelt, aber die traditionale Frauenrolle wurde um die qualifizierte Erwerbsarbeit erweitert; das Drei-Phasen-Modell stellte das normative Leitbild weiblicher Biographie dar. Mit der Akzeptanz der Doppelrolle der Frau trug man zum einen der Notwendigkeit Rechnung, zusätzliche, qualifizierte Arbeitskräfte zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung zu gewinnen, zum anderen wurden ‘alte’ Vorstellungen der Sozialdemokratie über die Wege zur Erringung der Gleichberechtigung der Frauen (über ihre Erwerbsbeteiligung) verwirklicht. Mit dem Ausbau von Kindertagesstätten leitete man in dieser Zeit erstmalig sozialpolitische Maßnahmen ein, die die Grundlage einer Erweiterung des Frauen“bildes“ darstellen.

Damit schloß sich die Politik der Großen Koalition hinsichtlich der Zuschreibung der Familienpflichten an die Frau an die konservative Koalition ihrer Vorgänger an; erweiterte diese jedoch um den Erwerbsbereich. In beiden Phasen bundesrepublikanischer Politik wurde damit letztlich auf die Veränderungsprozesse reagiert; es wurden keine direkten Anstrengungen zur Einlösung des Gleichberechtigungspostulats unternommen. Frauenpolitik stellte bis Ende der 60er Jahre kein eigenständiges Feld von Politik dar; sie wurde durch beide Koalitionen im großen und ganzen unter die Familienpolitik subsumiert (Rudolph 1994). Die Auffassung von der Familie als Institution, die - als kleinste Zelle der Gesellschaft - unter den besonderen Schutz des Staates gestellt wurde, schlug sich in einer


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restriktiven Ehe- und Familiengesetzgebung nieder, die z.B. Ehescheidungen ablehnte bzw. erheblich erschwerte. Die Familienpolitik dieser Zeit (1949 - 1969) richtete sich am bürgerlichen Familienideal aus, das Ehe und Familie als “natürliche Ordnungen“ bestimmte (Textor 1991), deren Reproduktion abgesichert werden sollte.

Jedoch wurde die unter der Großen Koalition begonnene Erweiterung des Frauen“bildes“ um die Erwerbsarbeit in den folgenden Jahren, unter der Herrschaft einer sozialliberalen Koalition, forciert.

2.2.2.3. Die Sozial-liberale Koalition (1969-1982)

Während der sozialliberalen Koalition wurden die Anstrengungen zur Überwindung der Diskrepanz zwischen Gleichberechtigungsnormen und -wirklichkeit intensiviert. Die auch durch die aus der Studentenbewegung hervorgegangene Frauenbewegung öffentlich gemachte Benachteiligung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen führte zu einer intensiven Diskussion über deren Ursachen und Konsequenzen. Bei der Suche nach Wegen zur Überwindung weiblicher Benachteiligung ging insbesondere die SPD von der Gestaltungsfähigkeit und Regulierbarkeit sozialer Wirklichkeit mit Hilfe des Rechts aus (Gerhard 1992). Schwerpunkte sozialliberaler Gleichstellungspolitik waren die Forderung nach und die Förderung von Qualifizierung und Beschäftigung von Frauen (Textor, 1991) unter der von der SPD angestrebten Vollbeschäftigung. Dementsprechend standen vor allem während der ersten Amtsperiode dieser Regierung die Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes (1969) und des Ausbildungsförderungsgesetzes (Bafög 1971) im Zentrum des Regierungsprogramms, das an das AFG anknüpfte und sich insbesondere an die Frauen richtete (Gerhard 1992). Damit wurde erstmals versucht, über rechtliche Instrumente die berufliche Gleichstellung und über diese wiederum die Emanzipation der Frauen herzustellen.

Da die Einbeziehung der Frauen und Mütter in den Erwerbsarbeitsprozeß jedoch an Rahmenbedingungen geknüpft ist, engagierte sich Brauksiepe (Nachfolgerin Hecks im Familienministerium) für den gezielten Abbau familiärer Leistungsbehinderungen mit Hilfe von Kleinkinderpädagogik und Ganztagsschulen (Berghahn 1993). Außerdem wurde


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1974 auf den Druck der Frauenbewegung und der Frauengruppen nahezu aller Parteien (mit Ausnahme der CDU/CSU) die Einführung der Fristenregelung bei Schwangerschaften beschlossen, die jedoch 1976 - nachdem das Bundesverfassungsgericht diese für verfassungswidrig erklärte - der Indikationslösung weichen mußte (Nave-Herz 1988).

Parallel zu den Bestrebungen, die Benachteiligung der Frauen im Erwerbsarbeitssystem zu überwinden und Bedingungen für ihre Einbeziehung zu schaffen, wurde eine Familienpolitik entwickelt, die die Veränderung der “traditionellen patriarchalisch orientierten Leitbilder von Ehe und Familie“<140> zum Ziel hatte. Die Ehe sollte eine partnerschaftliche Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft darstellen, die rechtlich abgesichert werden sollte. Die Stellung der einzelnen Familienmitglieder sollten verrechtlicht und gestärkt werden - ohne jedoch die Familie als Institution in Frage zu stellen (Cramer 1993). Der Bericht der Bundesregierung über die Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Frau aus dem Jahr 1972 bereitete mit seinen Analysen zur Stellung der Frau in Beruf und Familie auch die Eherechtsreform vor.

Innerhalb der ersten Jahre der sozialliberalen Koalition standen jedoch im Zusammenhang mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats insbesondere die Ausweitung finanzieller Leistungen für die Familie<141> und der Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen weiter im Vordergrund.

Allerdings offenbarte die Krise 1974/75 sehr eindringlich die bedingte Wirksamkeit der Reformen von ‘oben’ und die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten über Gesetze: Die überproportionale Frauenarbeitslosigkeit zeigte, daß es nicht gelungen war, die Frauen gleichberechtigt in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Rückgang des Wirtschaftswachstums, der Staatsfinanzen, die Entstehung von Dauerarbeitslosigkeit, Reallohnsenkungen und die Kürzung sozialer Leistungen bereiteten der Einbeziehung der Frauen und der von der SPD angestrebten Vollbeschäftigung ein vorzeitiges Ende.


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Die Krise am Arbeitsmarkt einerseits, die insbesondere in der überproportionalen Frauenarbeitslosigkeit das Nichtgelingen geschlechteregalitärer Einbindung verdeutlichte, wie das Festhalten an der prinzipiellen Gleichberechtigungsauffassung der Geschlechter andererseits führte in den folgenden Jahren zu einer Schwerpunktverschiebung im Gleichberechtigungsdiskurs. Die Versuche eines Spagats zwischen Anerkennung der Gleichberechtigung der Geschlechter einerseits und der Einsicht in ihre de facto Ungleichstellung auf dem Arbeitsmarkt andererseits läßt sich in den Entwicklungen der Familienpolitik dieser Jahre ablesen. Diese beeinhaltete den erneuten Versuch der Zurückweisung der Frauen auf die Familien und die Propagierung der familienstabilisierenden Funktionen der Frauen in Krisenzeiten bei Beibehaltung des Gleichberechtigungspostulats. So konstatierte die Bundesregierung in ihrem zweiten Familienbericht (1974) erhebliche “Sozialisationsstörungen“ in der Familie und führte die konstatierten Erziehungsmängel bei Kindern auf die “bedauerliche Zunahme der Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen“ zurück. Daran knüpfte sich die Forderung nach familialen Gratiserziehungsleistungen (die durch die Frauen zu erbringen sind). Zugleich sollte die Gleichberechtigung der Geschlechter über die Aufwertung der Hausarbeit und Erziehungsleistungen<142> hergestellt werden; gemäß der auch von der Frauenbewegung proklamierten Formel: “Gleichheit in der Differenz“.

Mit der Beschwörung des Funktionsverlustes der Familien, dem mit der Aufwertung der Hausarbeit entgegengewirkt werden sollte, wurde die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter unter Anerkennung ihrer Gleichberechtigung wieder hergestellt. Das Problem der Betreuung und Erziehung der nachwachsenden Generation wurde infolgedessen wieder verstärkt in die Privatsphäre der Familie und damit im wesentlichen auf die Mutter zurückgeworfen. Hinter der Parole: Weniger Staat - mehr Bürger (und Familie) steht auch der Versuch des Sozialstaats, sich von Leistungen gegenüber den Erwerbstätigen und ihren Familien<143> zu entbinden. In die gleiche Richtung verwies auch der Dritte Familienbericht


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aus dem Jahre 1979. Aus Sorge um den Geburtenrückgang wurde die Rolle der Familie und der Frau als Mutter noch einmal betont. Es wurde ein ganzer Katalog von Maßnahmen<144> vorgeschlagen, die zur “Minderung der Konfliktsituation von Müttern“ (S.167) führen sollte. Wichtigster Punkt dabei stellte die gesellschaftliche Anerkennung der Erziehungsleistungen durch ein Erziehungsgeld für alle Mütter und die Anrechnung sog. Babyjahre auf die Rente dar (Gerhard 1992). Auch dieser Familienbericht hatte das Ziel, der Familienarbeit und der Familienpolitik einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert einzuräumen und die Benachteiligung von Müttern gegenüber erwerbstätigen Frauen zu reduzieren. Nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nicht die Fragen von Wiedereingliederung der Frauen nach einer Familienphase oder die nach der Beseitigung von Barrieren gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter standen im Mittelpunkt der sozialliberalen Politik, sondern die H_herbewertung der Familienhausfrau, die “Absicherung ihrer Wahlfreiheit zugunsten der Familie“ (ebenda:33).

Die Einführung des Erziehungsgeldes war jedoch auch innerhalb der noch sehr starken Frauenbewegung heftig umstritten: Während Teile der Frauenbewegung die Fortschreibung der traditionalen, geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und damit der patriarchalen Abhängigkeit befürchteten und den ”Lohn für Hausarbeit“ als Ablenkungsmanöver herrschender Politik zurückwiesen und auf das Recht auf Arbeit beharrten, sahen andere Vertreterinnen in ihm die Chance, daß die unbezahlte, aber gesellschaftlich notwendige Arbeit (insbesondere der Mütter und Hausfrauen) endlich Anerkennung findet (Nave-Herz 1988).

Insgesamt stellten sich diese Vorstellungen und Maßnahmen zwar als hilfreich für Hausfrauen dar, deren Erziehungsleistungen durch das Erziehungsgeld auch einen materiellen Wert erhielten; als Schritt zur Verwirklichung des Gleichberechtigungspostulats erwiesen sie sich jedoch als untauglich.


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Trotz der zunehmenden Aufwertung der “Mütterlichkeit“, die die Einbeziehung der Frauen in das Erwerbsarbeitssystem als zu erreichendes Gleichberechtigungsziel ablöste, wurden unter der SPD/FDP-Regierung weitreichende rechtliche Reformen in Angriff genommen, die die Gleichberechtigung der Geschlechter auch in Ehe und Familie festigen sollten.

Die Reform des § 218 StGB, die 1979 die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs beim Nachweis bestimmter Indikationen aufhob, ist ein wesentlicher erster Schritt in Richtung der Erfüllung der Forderungen der sich aus den 68´er Studentenunruhen entwickelnden Frauenbewegung nach Freigabe des Schwangerschaftsabbruches und nach der Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper<145>.

Wichtige Zäsuren wurden während der sozialliberalen Koalition auch im Bereich des Ehe- und Familienrechts vorgenommen. Mit der Eherechtsreform von 1976 wurde erstmals die einseitige Pflicht der Frauen zur Haushaltsführung gestrichen und durch den Passus ersetzt, daß beide Ehegatten die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen<146> zu regeln haben (Malottki 1993). Beide Ehepartner sind ”berechtigt, erwerbstätig zu sein“ und haben bei ”der Wahl und Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotene Rücksicht zu nehmen“<147>. Damit wurde formal das Leitbild der Hausfrauenehe aufgehoben und die innerfamiliale Arbeitsteilung zur Privatangelegenheit der Eheleute erklärt. Diese Formulierungen zielten zwar auf die Emanzipation der Frau auch innerhalb der Familie, auf die Förderung partnerschaftlicher Beziehungen sowohl zwischen den Ehepartnern wie zwischen Eltern und Kindern. Aber auch das neue Familienrecht konnte und wollte nicht verhindern, daß die Frau vornehmlich auf die Mutterrolle festgelegt, ihre Erwerbsarbeit weiterhin als Zuarbeit definiert wurde (Milhoffer 1980). Die geforderte Rücksichtnahme auf die Familie bei der Erwerbstätigkeit bedeutete bei weiterhin ungenügender Ausstattung mit Kinderbetreuungseinrichtungen


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und ungebrochener Arbeitsteilung innerhalb der Familie letztlich einen Verzicht auf seiten der Frauen. Die - jenseits aller Gleichberechtigungspostulate - weiter gültige Präferierung des traditionalen Familienmodells offenbarte sich insbesondere im Ehegattensplitting. Die Praxis, bei unterschiedlichen Einkommenshöhen das niedrigere Einkommen (meist der Frauen) höher und im Ausgleich dazu das höhere Einkommen niedriger zu besteuern (und damit das Haushaltseinkommen zu vergrößern), verschärfte zum einen die Lohndifferenz der Geschlechter und damit die finanzielle Abhängigkeit der Frauen, zum anderen bedeutete sie eine einschneidende Benachteiligung von Ehen, in denen beide Partner erwerbstätig sind und annähernd gleiches Einkommen realisieren gegenüber Ehen, in denen ein Partner (zumeist die Frau) geringfügig oder nicht beschäftigt ist.

Allerdings trug das neue Ehe- und Familienrecht jenseits der teilweisen Fortschreibung patriarchaler Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern den Veränderungstendenzen in den Familien Rechnung, die sich in höheren Scheidungszahlen und wachsender Zahlen ‘unvollständiger’ Familien äußerte: Der Familienbegriff wurde weiter gefaßt<148> und Teilfamilien wurden als eigenständige und funktionierende Familienformen anerkannt und besonders unterstützt<149> (Textor 1991).

Auch im Namensrecht wurden liberalere Akzente gesetzt: Seit 1976 können Ehepartner bei der Eheschließung den Namen der Frau als gemeinsamen Familiennamen wählen<150> (Frevert 1986).

Im neuen Scheidungsgesetz von 1977 wurde das Verschuldensprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt und der nacheheliche Unterhalt für die Ehepartner (meist Frauen) sehr streng geregelt<151>. Diese Regelung erwies sich jedoch als zweischneidig: zum


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einen ermöglichte sie die materielle Absicherung der Frauen auch nach einer Scheidung, andererseits konservierte sie die Abhängigkeit der Frauen von einem (männlichen) Ernährer über die Ehe hinaus. Eine eigenständige Absicherung, die die Alimentierung (geschiedener) Frauen überflüssig machen würde, war nicht vorgesehen.

Mit den neuen Bestimmungen zu Ehe und Familie wurden damit insgesamt die formalen Grundlagen gleichberechtigter Ehe- und Familienbeziehungen gelegt, indem die gesetzliche Festlegung der geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aufgehoben und den Ehepartnern selbst überlassen wurde. Andererseits verhinderten die mangelnde Rahmenbedingungen (vor allem in der Kinderbetreuung) und die Praxis des Ehegattensplittings die reale Gleichberechtigung der Partner auch in der Familie; die traditionale Arbeitsteilung blieb weitgehend unberührt.

Zusammenfassend läßt sich die Regierungszeit der sozial-liberalen Koalition als Gründungsphase einer eigenständigen Frauenpolitik beschreiben. Ausdruck dafür sind die in dieser Zeit in Anerkennung der andauernden Benachteiligung von Frauen in allen Bundesländern eingerichteten Frauenreferate (Rudolph 1994).

In dieser Zeit entstand - unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen und der nur begrenzten Einflußmöglichkeit egalitärer Geschlechterpolitik durch die jeweils regierenden Parteien - ein widersprüchliches Frauen’bild’. Zwar wurde die Gleichberechtigung der Geschlechter formaljuristisch auf den Bereich der Ehe und Familie ausgeweitet; auf die Sphäre der Erwerbsarbeit bezogen galt sie jedoch nicht. Dieser Mangel sollte über die Aufwertung der Hausarbeit und die Gleichstellung in der Ehe, über die Bestimmung ‘männlicher’ und ‘weiblicher’ Tätigkeitsfelder als gleichwertig, behoben werden. Unter den krisenhaften Bedingungen und der sich in diesen Jahren offenbarenden Illusion der Vollbeschäftigung sowie der schlechten Finanzlage des Staates griff die sozialliberale Koalition auf traditionale Muster: die Rückverweisung der Frauen auf ihre scheinbar natürlichen Funktionen von Haus und Familie zurück, die nun - unter dem Duktus der Gleichberechtigung - aufgewertet wurden. Unter diesen Bedingungen erwies sich die Realisierung der Gleichberechtigung auch in den angestrebten Teilbereichen: Ehe und Familie als kompliziert. Das Festhalten an der traditionellen Arbeitsteilung der Geschlechter läßt das stärkere Engagemant der Männer in Hausarbeit und Kindererziehung


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als unnötig erscheinen. Und die private Regelung der innerfamilialen Verhältnisse, die die Ehepartner nicht als autonome Individuen im Sinne des Rechts begreift, wird am Tatbestand der Nicht-Strafbarkeit ehelicher Vergewaltigung offensichtlich: Hier wirkte das nach 1848 verabschiedete Familienrecht weiter, das einer Frau gebot, sich dem ehelichen Beischlaf nicht zu widersetzen (Milhoffer 1980), eine Regelung, die der Gleichberechtigung der Ehepartner in der Ehe zutiefst widerspricht.

Gleichberechtigung bleibt unter diesen Umständen letztlich nur ein formalrechtliches Konstrukt, das in einer Gesellschaft, in der sich soziale Position, Einkommen und Prestige an der Stellung im Erwerbsarbeitsbereich festmachen, nur wenig Realitätsnähe aufweist. Die Auffassung, daß Geschlechtergleichheit und Gleichberechtigung ohne gleichberechtigte Zugangsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen wäre, stellte sich denn auch sehr schnell als Illusion heraus. Dennoch sind in den Zeiten der sozial-liberalen Koalition wichtige Schritte hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter in Ehe und Familie unternommen worden, die - wenn sie auch nicht von Regelungen hinsichtlich der Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt begleitet wurden - eine Verbesserung ihrer rechtlich-sozialen Position und ein Stück weit die Aufhebung ihrer patriarchalen Abhängigkeit bedeuten.

Diese zumindest formal-egalitären Regelungen wurden in den folgenden Jahren der Christlich-liberalen Koalition zwar nicht zurückgenommen, erhielten jedoch eine andere Ausrichtung.

2.2.2.4. Die Christlich-liberale Koalition ab 1982

Mit dem Machtwechsel 1982, der die CDU (neben der FDP) als Regierungspartei bis in die Gegenwart an die Macht brachte, wurde die konservative Wende, die sich bereits Ende der 70er im Gefolge der Wirtschaftskrise vollzog, auch politisch institutionalisiert (Frevert 1986). Diese führte zu deutlichen Restaurationsversuchen in der Frauen- und Familienpolitik, die sich verstärkt wieder auf die Institution Familie richtete. Hatte sich die


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sozialliberale Regierung insbesondere um die Herstellung partnerschaftlicher Beziehungen zwischen Ehegatten und zwischen Eltern und Kinder sowie - zumindest während der ersten Jahre - um die Doppelrolle der Frau bemüht, wird nun erneut die “sanfte Macht der Familie“ gestärkt (ebenda). Dabei zielte die Neuorientierung auf familiale Werte, die der ”Leistungsgesellschaft“, ”Technokratie“ und ”Entfremdung“ entgegengesetzt wurden<152>, nicht nur auf die Entlastung des Arbeitsmarktes, sondern diente der Rechtfertigung für den Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung für den Erhalt und den Ausbau des sozialen Sicherungssystems, der sich mit dem Sozialabbau seit Anfang der 80er Jahre vollzog (Cramer 1993). Unter dem Druck der sich auf hohem Niveau stabilisierenden bzw. steigenden Arbeitslosenzahlen und der Notwendigkeit, den Arbeitsmarkt zu entlasten wurde neben der Verabschiedung eines neuen Beschäftigungsförderungsgesetzes (1985), das die befristete Tätigkeit (von 18 Monaten) erleichterte und mehrheitlich Frauen betraf (ebenda) das Konzept der ”Neuen Mütterlichkeit“ entwickelt, das die Arbeitsteilung und Rollen der Geschlechter erneut festschrieb. Dieses stellte einen Teil der Regierungspolitik für die Herstellung einer ”neuen Partnerschaft zwischen Frau und Mann“ dar, die auf dem 33. Bundesparteitag der CDU (1985) angekündigt wurde und nicht mehr auf die Gleichberechtigung der Partner, sondern auf die Gleichwertigkeit der Arbeit<153> zielte. Die neuen familienpolitischen Bestrebungen von CDU und CSU fanden ihren Niederschlag in der wiederauflebenden Hausarbeitsdebatte, die bereits in den 70er Jahren geführt und nach den enttäuschenden Ergebnissen der Frauenbewegung um die gleichberechtigte Einbeziehung in die Erwerbssphäre bei gleichzeitiger Entlastung von Hausarbeit von Teilen der Frauenbewegung mitgetragen wurde, die das Konzept der ”Neuen


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Mütterlichkeit“<154> kultivierte. Um die Alimentation und die Abhängigkeit vom Ehemann abzuschwächen, forderte diese nun einen “Lohn für Hausarbeit“, der zwar an der geschlechtsspezifischen Zuschreibung von Arbeitsbereichen nicht rüttelte, aber dennoch in der geforderten Form nie eingeführt wurde.

Mit der Verabschiedung des Erziehungsurlaubs- und Bundeserziehungsgeldgesetzes 1986 wurde jedoch quasi ‘durch die Hintertür’ die Bezahlung von Erziehungsleistungen eingeführt, indem das Erziehungsgeld nicht als Lohnersatz, sondern als staatliche Anerkennung der Erziehungsleistung, die auch bei der Rentenberechnung berücksichtigt wird, konzipiert wurde (Schiersmann 1995). Die geringe Höhe des Erziehungsgeldes führte letztlich dazu, daß - obwohl im Unterschied zum SPD-Entwurf von 1979 erstmals beide Elternteile anspruchsberechtigt sind -, der Erziehungsurlaub und das -geld fast ausschließlich von Frauen<155> in Anspruch genommen wurden.

Parallel zur Verabschiedung des Erziehungsgeldgesetzes trat auch das Erziehungsurlaubsgesetz in Kraft, das den Männern und Frauen nach dem Mutterschutzurlaub ursprünglich 12 Monate (mittlerweile 36 Monate) Erziehungsurlaub gewährt, währenddessen ein grundsätzlicher Kündigungsschutz und eine beitragsfreie Krankenversicherung besteht (ebenda).

Trotz der - insbesondere im Erziehungsgeld - impliziten Anerkennung der Erziehungsleistungen sind diese Gesetze zweischneidig. Zum einen wird mit diesen Regelungen der von der Frauenbewegung vehement eingeforderte Ausbau öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen (zumindest für Kleinkinder) umgangen, zum anderen wird ein Elternteil zumindest zeitweilig ausschließlich auf den Familienbereich verwiesen. Die Höhe des Erziehungsgeldes sowie die Propagierung der “neuen Mütterlichkeit“ und die allgemein schlechteren Arbeitsmarktchancen von Frauen führen jedoch dazu, daß fast ausschließlich Mütter den Erziehungsurlaub beanspruchen, womit die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter wieder hergestellt wird. Die niedrigen Rückkehrquoten der


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Frauen nach dem Erziehungsurlaub<156> aufgrund mangelnder Kinderbetreuungs-möglichkeiten verschlechtern die Arbeitsmarktsituation der Frauen auch perspektivisch und werfen sie in die materielle Abhängigkeit vom Ehemann (bzw. vom Staat) zurück.

Auf die (Wieder-)Herstellung geschlechtstypischer Arbeitsteilung und ‘naturgemäßer’ Funktionen der Frau zielte letztlich auch die Gründung der “Bundesstiftung Mutter und Kind - Zum Schutz des ungeborenen Lebens“ 1984. Die Diskussion um den § 218 des Strafgesetzbuches, die die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht und die sich bis zum heutigen Tag nicht zu einem ausschließlichen Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihre Mutterschaft verständigen konnte, ist ein Beispiel konservativ-orientierter Frauen- und Familienpolitik. Zwar hatte die CDU darauf verzichtet, der von der katholischen Kirche, von Ärztefunktionären und vielen männlichen Mitgliedern der eigenen Partei geforderten Verschärfung des Abtreibungsrechts zuzustimmen (Frevert 1986), dennoch wurde eine Liberalisierung weder gewollt noch erreicht.

Insbesondere das Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen ermöglicht vielen Frauen mit Erwerbsorientierungen eine eigenständige Erwerbsarbeit lediglich in Teilzeit. Diese Option trifft in der Wirtschaft auf großes Entgegenkommen: Mit den Rationalisierungs- und Flexibilisierungsbestrebungen der Wirtschaft auch hinsichtlich der Arbeitszeit wurden eine Vielzahl von Teilzeitarbeitsplätzen geschaffen, die mit Frauen besetzt werden konnten und sollten. Teilzeitarbeit für Frauen wurde auch zu einem wesentlichen Bestandteil der neuen CDU-Familienpolitik, die ein Umdenken hinsichtlich des gesellschaftlichen Frauen’bildes’ signalisierte. Teilzeitarbeit wird nun als probate Möglichkeit offeriert, den Doppelanforderungen von Beruf und Familien nachzukommen.

Trotz ihrer starken Familienorientierung trat die CDU/CSU in den letzten Jahren für die Durchsetzung der Gleichberechtigung sowie für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau ein (Wiegmann 1988), wobei diese Bemühungen um mehr Egalität sich als halbherzig<157> erwiesen, wie die Diskussionen um die Neuregelung des § 218 und die


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Umsetzung des Rechtsanspruches eines jeden Kindes (ab 3 Jahren) auf einen Kindergartenplatz zeigen.

Auch die christlich-liberale Regierung hat während ihrer Regierungszeit keine explizit an Frauen gerichtete Politik entwickelt. Die Familie als Institution, nicht deren Mitglieder sind Gegenstand politischer und rechtlicher Entscheidungen. Die Stärkung derselben unter eher bevölkerungspolitischen Aspekten bewirkte bei gleichzeitiger politischer Untätigkeit bezüglich der Förderung weiblicher Erwerbsbeteiligung, daß sich an der Situation der Frauen und an ihrer Zuständigkeit für die Betreuung und Erziehung der Kinder wenig geändert hat.

Die Umsetzung des Gleichberechtigungspostulats - erhoben bereits 1949 - erfolgte auch nicht unter der CDU/CSU/FDP-Regierung. Wie der Widerstand gegen die Festschreibung des Rechts der Frau auf eigene Erwerbsarbeit und die Verzögerung der Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen, die es Frauen mit Erwerbswunsch ermöglichen würden, diesem nachzugehen, zeigt, ist eine wirkliche “Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten“ (Kohl 1987<158>) politisch nicht wirklich gewollt.

2.2.2.5. Zusammenfassung: Patriarchat versus Geschlechtergleichheit in der Bundesrepublik

Wie aus den Ausführungen der letzten Abschnitte hervorgeht, ist die Umsetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Gebieten in der Bundesrepublik auch 48 Jahre nach deren Festschreibung im Grundgesetz ein ”uneingelöstes Versprechen“ (Böttger 1991: 25) geblieben. Dabei wurde deutlich, daß sich entsprechend der parteipolitischen Mehrheiten die Prioritäten und die Richtungen der


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Frauenpolitik verändert und verschoben haben (Gerhard 1992). Wurden frauenpolitische Themen in der Bundesrepublik bis Ende der 60er Jahre in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen (Rudolph 1994), würde heute keine der etablierten Parteien die Rechtmäßigkeit prinzipieller Gleichberechtigung der Geschlechter in Frage stellen. Warum ist deren Umsetzung bisher trotzdem nur so unvollständig gelungen?

Wie die vorangegangenen Darstellungen gezeigt haben, hatten alle Phasen der bundesrepublikanischen Frauenpolitik eins gemein: sie hat Frauen zumeist im Zusammenhang mit Ehe und Familie begriffen und die Gleichberechtigung lediglich formal und in ausgewählten Gebieten: Bildung, Ehe und Familie forciert. Während aller Perioden der Bundesrepublik, unter den unterschiedlichsten politischen Mehrheitsverhältnissen standen Ehe und Familie, nicht die Frauen, im Zentrum der Politik. Nach den Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit erschien sie als die einzig verläßliche Institution, die die Normalisierung der Verhältnisse zu garantieren schien; mit dem Rückgang der Geburtenzahlen in den 70er Jahren stellte sie sich als die Instanz dar, die als einzige die Reproduktion der Bevölkerung zu sichern imstande war. Familienpolitik und Familienförderung erschien daher zu jeder Periode und für alle herrschenden Parteien als Garant zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung. Dabei stellte die Notwendigkeit der Sicherung der Reproduktion die Politik der BRD (und wie im weiteren zu zeigen sein wird, auch der DDR) vor ein Dilemma: einerseits kam sie wegen ihrer demokratischen Grundhaltung - und auch in Anerkennung der historischen Tatsachen - um die Postulierung der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht herum, andererseits mußte auch sie die Reproduktion der Gesellschaft sicherstellen.

Die mangelnde Förderung der Frauen als selbstbestimmte Individuen<159> zeigt sich bis heute an den schlechten Zugangsbedingungen der Frauen zum Erwerbssystem, die durch die mangelnde Infrastrukturausstattung noch verstärkt wird. Trotz massiver Forderungen wurde bis heute kein bedarfsdeckendes Kinderbetreuungsangebot geschaffen, gab es keine ernsthaften Bemühungen, die Erweiterung der Männerrolle um den Bereich der Familie auch rechtlich zu fördern. Damit bleiben die Schritte in Richtung mehr Gleichheit der


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Geschlechter auf halbem Wege stehen: statt die Polarität der Rollenzuschreibungen aufzubrechen, beide Geschlechter für beide Bereiche gesellschaftlich notwendiger Arbeit (Beruf und Familie) zu verpflichten, wird die \|[lsquor]\|Rolle‘ der Frau um die Berufsrolle erweitert, werden (nur) Frauen \|[lsquor]\|doppelt vergesellschaftet‘ (Becker-Schmidt 1987a).

Die Förderung der Familie und nicht der Frauen sowie der mangelnde Wille, Frauen einen wirklich uneingeschränkten Zugang auch zur Erwerbssphäre durch Förderung zu ermöglichen, verweist diese immer noch auf den Familienbereich. In einer Gesellschaft, wo jedoch die berufliche Position und damit das Einkommen die wesentlichen Grundlagen sowohl des Ressourcenzugangs wie des persönlichen Status darstellt, wo das Einkommen aus Erwerbsarbeit die Hauptquelle des Familienbudgets darstellen, das dem Bezieher einen Machtvorsprung sichert, erweist sich die Zuschreibung der Familienpflichten an die Frau als Mittel der Aufrechterhaltung patriarchaler Verhältnisse; (Sozial-)Politik erweist sich unter diesen Verhältnissen als ”Instrument patriarchaler Herrschaft“ (Gerhard 1988b:33).

Zum einen wird durch die schlechteren Einkommenschancen der Frauen die Rollenzuschreibung spätestens mit der Geburt von Kindern reproduziert<160>, zum anderen wird die Abhängigkeit der Frauen von ihrem Ehemann erneut verfestigt. Die unterschiedlichen Geschlechtsrollen und das hierarchische Geschlechterverhältnis kennzeichnen die Bundesrepublik - trotz aller Gleichheitspostulate - als patriarchale<161> Gesellschaft, die durch ”eine asymmetrische, geschlechtsspezifische Verteilung von ökonomischer, politischer, kultureller und symbolischer Macht, von Einfluß, Repräsentation und Möglichkeit zu Partizipation und Gesellschaftsgestaltung“ (Cordes 1996:9) gekennzeichnet ist. Sie steht damit in der Tradition des modernen Patriarchalismus, der im Zusammenhang mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise entstand und sich in der Trennung zwischen (weiblicher)


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Hausarbeitssphäre und (männlicher) Berufssphäre manifestierte. Zwar wurde der private Patriarchalismus mit der Aufhebung des Beschäftigungsverbots und der Akzeptanz weiblicher Erwerbsbeteiligung sowie durch die Anerkennung von Erziehungsleistungen über das Erziehungsgeld und die Anrechnung auf die Rente gemildert, von einer Überwindung sind wir jedoch weit entfernt. In einer Gesellschaft, in der auch in den 90er Jahren nur etwas mehr als die Hälfte der Frauen erwerbstätig ist, in der das Subsidaritätsprinzip die eigenständige Absicherung dominiert, bleibt die Abhängigkeit und Ungleichheit für viele Frauen ungebrochen. Neben dem privaten Patriarchalismus gewinnt auch der gesellschaftliche, über Recht und Politik abgesicherte Patriarchalismus an Bedeutung. Wie die vorliegenden Ausführungen deutlich machten, haben die jeweiligen politische Leit’bilder’, die Vorstellung über die Breite und Tiefe der Einbeziehung der Frauen in gesellschaftliche Bereiche, Auswirkungen auf die Gleichstellung. Zwar sind die Wirkungen rechtlich-politischer Interventionen in einer privatkapitalistisch organisierten Gesellschaft begrenzt, wie die Bemühungen um Vollbeschäftigung insbesondere unter SPD-Regierungsbeteiligung zeigen, dennoch sind sie nicht folgenlos. In einer Gesellschaft, die Ehe und Familie zwar als Institutionen begreift, die dem Schutz des Staates unterliegen, sich jedoch der Bestimmung der Funktionen ihrer Mitglieder weitgehend enthält und diesen privat überläßt, dominiert der private den staatlichen Patriarchalismus.

Mit der Charakterisierung der Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik als patriarchalische wurde ein weiterer Schritt in Richtung der Analyse der ‘Verdopplung’ der deutsch-deutschen Ungleichheitsverhältnisse unternommen. Diese muß um die Beschreibung der Geschlechterverhältnisse in der DDR erweitert werden, um einen Erklärungsrahmen für die nach der ‘Wende’ sich abzeichnenden Brüche zu erklären. Dazu soll der Frage nachgegangen werden, wie in der DDR auf die beiden deutschen Staaten gemeinsame Ausgangssituation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: eine erzwungene sehr hohe Erwerbsbeteiligung der Frauen bei gleichzeitiger Zuständigkeit für die Familie rechtlich-politisch reagiert wurde.


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2.2.3. Periodisierung der Frauen- und Familienpolitik als institutionelle Grundlagen der (Re-)Produktion der Geschlechterverhältnisse in der DDR

Die Situation in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) stellte sich z.T. ähnlich: auch hier hatten wegen des Männermangels als Folge des II. Weltkrieges die Frauen schon in der Kriegswirtschaft die Plätze eingenommen, z.T. aber auch unterschiedlich zu des westlichen alliierten Zonen dar. In der SBZ erwiesen sich die Probleme aufgrund der noch größeren Zerstörungen der Städte und der Wirtschaft sowie rigideren Reparationszahlungen als noch gravierender. Trotz (oder gerade wegen) dieser Lage erfolgte schon unmittelbar nach Kriegsende eine sich von den Westzonen unterscheidende Reaktion auf diese Tatbestände. Unter dem Einfluß der sowjetischen Militäradministration (SMAD) erfolgte eine bewußte und radikale Abkehr von nationalsozialistischer Frauenpolitik (Bast; Ostner 1992) und eine Rückbesinnung auf die Traditionen der deutsche Arbeiterbewegung und marxistischer (nun auch leninistischer) Theorien. Dies trug nicht nur der aus der Kriegswirtschaft resultierenden hohen Frauenerwerbsbeteiligung Rechnung; sondern hatte auch entscheidenden Einfluß auf das neu entstehende Frauen’bild’ und dessen rechtlich-politische Umsetzung.

Dieses Frauen’bild’, das mit mehrfachen Modifikationen bis zum Ende der DDR erhalten blieb, soll im weiteren in seiner Entwicklung dargestellt werden. Dazu wird wiederum eine Periodisierung der Frauen- und Familienpolitik als Institutionalisierung des Frauen’bildes’ vorgenommen. Im Unterschied zur BRD, für die die Periodisierung den Veränderungen politischer Mehrheitsverhältnisse folgte, muß die Periodisierung innerhalb der DDR nach einem anderen Muster erfolgen. Die Dominanz der SED während der gesamten DDR-Existenz, die von der Regierungsbeteiligung der “Blockparteien“ nur unwesentlich eingeschränkt wird, erlaubt eine Periodisierung der Frauen- und Familienpolitik entlang der Veränderung der Schwerpunktsetzung innerhalb dieser Politik der Einheitspartei.


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Ich gehe im folgenden von fünf Entwicklungsphasen<162> der Frauen- und Familienpolitik aus, die jeweils andere Akzente setzten. Dabei wird - im Unterschied zur BRD - die unmittelbare Nachkriegszeit (1945 - 1949) als erste Phase bestimmt, da schon während der sowjetischen Besatzung über die Rückbesinnung auf die Traditionen der Arbeiterbewegung und auf marxistisch-leninistische Theorien die Grundzüge einer Frauenpolitik entwickelt wurden, die sich für die gesamte Existenz der DDR als gültig erwies und lediglich modifiziert wurde (Trappe 1994). Diese Phase folgen die Phase der Frauenpolitik der ersten Jahre (1945-1957), die der Frauenpolitik zwischen 1958 und 1964, die Phase der Frauenpolitik als Familienpolitik (1965-1971) und die der Frauenpolitik als Familien- und Bevölkerungspolitik (1972-1989).

2.2.3.1. Frauen- und Familienpolitik in der Sowjetischen Besatzungszone (1945-1949)

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), dem Gebiet der späteren DDR, waren die Kriegswunden des II. Weltkrieges noch tiefer als in den westlichen Besatzungszonen: die Städte und die Wirtschaft wurden noch stärker zerstört (Winkler 1989), der Mangel an männlichen Arbeitskräften<163>, die alltägliche Not waren hier noch größer. Unter der SMAD wurden demgemäß die Forderungen nach Liquidierung der Überreste des Hitlerregimes und der Enteignung des Vermögens der Nazibonzen als Träger des Nazi-Regimes und Kriegsverbrecher und dessen Übergabe in die Hände des Volkes mit sozialpolitischen Forderungen verbunden (ebenda). Dabei standen der Wiederaufbau der zerstörten Städte und Betriebe, der Kampf gegen Hunger, Arbeits- und Obdachlosigkeit im Vordergrund.

Die Überlebensarbeit, gekennzeichnet durch die Sicherung der elementarsten Reproduktionsbedingungen, ruhte wegen des Männermangels im wesentlichen auf den Schultern der Frau, die schon während des Krieges die Plätze der Männer eingenommen


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hatten. Anders als nach dem ersten Weltkrieg, als die Frauen schon sehr früh wieder von ihren - zwangsweise eingenommenen - Plätzen verdrängt wurden, stellt ihre dauerhafte Einbeziehung in eine durch Kriegsschäden, Reparationsleistungen und Arbeitskräftemangel gekennzeichnete Wirtschaft nun eine Überlebensfrage dar (Obertreis 1986). Dies wurde auch vom ersten Berliner Bürgermeister nach dem Krieg, Dr. Werner, erkannt und akzeptiert, als er anläßlich einer Rede auf der ersten Delegiertenkonferenz der Frauenausschüsse 1946 feststellte, daß “das Schicksal Deutschlands ... zum großen Teil in den Händen unserer Frauen (liegt)“<164>. Frauen bestimmten denn auch ganz wesentlich das Alltagsbild im (sowjetisch besetzten) Nachkriegsdeutschland.

Im Unterschied zu den westlichen Besatzungszonen, in denen die Familie sehr schnell zum Gegenstand staatlicher Förderung wurde, und der Platz der Frauen in der Familie verortet wurde, wurde in der SBZ ein Weg beschritten, der die Frauen dauerhaft ins Erwerbssystem zu integrieren versuchte. Diese Anstrengungen waren neben der Notwendigkeit auch von den Theorien des Marxismus/Leninismus sowie der Arbeiter- und frühen Frauenbewegung<165> geprägt. Diese wurden zur herrschenden Staatsdoktrin der SBZ und der späteren DDR und gingen davon aus, daß die ‘Frauenfrage’ als soziales Problem nur mit der Aufhebung des Privateigentums zu lösen ist; daß die Gleichheit der Geschlechter nur erreicht werden kann, wenn die Frau aus der familiären Versklavung und der wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeit vom Mann herausführt und als eigenständiges ökonomisches Subjekt in den Prozeß gesellschaftlicher Produktion einbezogen wird. Die Anknüpfung an diese Theorien brachte in der Nachkriegssituation quasi einen ideologischen ‘Überbau’ hervor, der der Realität einer sehr hohen Frauenerwerbsbeteiligung entsprach.

Die Bestrebungen um die gleichberechtigte Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsprozeß lassen sich in den gesetzlichen Regelungen und politischen Diskussionen dieser Zeit


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ablesen. So wurde bereits im August 1945 der Zentrale Frauenausschuß beim Magistrat von Groß-Berlin gegründet; mit dem Befehl Nr. 80 genehmigte die SMAD die Schaffung antifaschistisch-demokratischer Frauenausschüsse bei den Stadtverwaltungen in der SBZ ab 1. November 1945 (Winkler 1989). Im Mai 1946 fand die erste Konferenz der SED zu Problemen der Arbeit unter den Frauen statt; hier wurden auch die Aufgaben der Frauenausschüsse und die sozialpolitische Tätigkeit der Frauen behandelt (ebenda). Als besonders wichtig auf dem Weg zur gleichberechtigten Teilnahme der Frauen im Erwerbssystem stellte sich der Befehl Nr. 253 der SMAD dar, der die gleiche Entlohnung von Arbeitern und Angestellten für gleiche Arbeit, unabhängig von Geschlecht und Alter, vorsah. Gleichzeitig wurde erstmals ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt. Außerdem wurde angeordnet zu prüfen, in welchen Berufen die Tätigkeit von Frauen möglich ist bzw. in welchen sie aus gesundheitlichen Gründen einzuschränken oder zu verbieten ist (Penrose 1990). Im März 1947 schließlich gründete sich der Demokratische Frauenbund Deutschlands.

Mit diesen Regelungen und der Gründung von Organisationen, die die Interessen der Frauen vertreten sollten, war ein wesentlicher Schritt hinsichtlich formaler Gleichstellung und der Einbeziehung der Frauen in das Arbeitssystem unternommen worden. Im Gegensatz zu den intensiven Bemühungen der formalen Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt stellte die Familie - im Unterschied zu den westlichen Besatzungszonen - kaum einen Gegenstand politischer Intervention dar. Waren die Frauen in den Kriegsjahren wegen der Abwesenheit der Männer trotz hoher Erwerbsbeteiligung im wesentlichen allein für die Familien zuständig, ergaben sich auch nach Kriegsende diesbezüglich keine Veränderungen. Unter dem Diktum der beschriebenen Gleichberechtigungsauffassung entstand aber bereits 1945 eine Kommission zur Beratung und Vorbereitung neuer Gesetze, die die Beseitigung der im Bürgerlichen Gesetzbuch festgeschriebenen Benachteiligungen der Frauen und damit die Ungleichheit der Geschlechter auch in der Ehe und Familie abschaffen sollte (ebenda). Dementsprechend wurden in den Länderverfassungen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) schon vor der Gründung der DDR alle gesetzlichen Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenstanden ebenso aufgehoben, wie die Diskriminierung außerehelich geborener Kinder (Trappe 1994). Die weitgehende rechtlich-politische Abstinenz in bezug auf die Familie bedeutete jedoch, daß


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am status quo der Zuständigkeit der Frauen für die Familie nicht gerüttelt wurde; ihre Gleichberechtigung sollte über die Erwerbsbeteiligung erreicht werden, ohne daß ihre familialen Verpflichtungen Berücksichtigung fanden. In dieser verkürzten Gleichberechtigungsauffassung konnten sich deren Apologeten auf historische Quellen der frühen Arbeiter- und Frauenbewegung berufen: “... es darf auch unmöglich die Aufgabe der sozialistischen Frauenagitation sein, die proletarische Frau ihren Pflichten als Mutter und Gattin zu entfremden; im Gegenteil, sie muß darauf wirken, daß sie diese Aufgabe besser erfüllt als bisher ...“ (Hervorhebung - K.S.) (Zetkin 1957:108).

Diese einseitige Auffassung von Gleichberechtigung hatte weitreichende Konsequenzen für die rechtlich-politische Institutionalisierung eines sozialistischen Frauen’bildes’, das handlungsleitend für die gesamte DDR-Geschichte wurde. Die von der SED entwickelte und mehrfach im Detail modifizierte Frauenpolitik läßt sich dabei auf drei ideologische Grundannahmen zurückführen, die sich in der gesetzlichen Gestaltung widerspiegeln: die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, die Förderung weiblicher Erwerbsarbeit und der besondere Schutz von Mutter und Kind (Vgl. Penrose 1990).

Die in diesem Frauen“bild“ eingelassenen Widersprüchlichkeiten und Unvereinbarkeiten: Gleichberechtigte Einbeziehung in die Erwerbsarbeit bei weiterer Alleinzuständigkeit für die Erziehung der nachwachsenden Generation, markieren bereits die Schwierigkeiten tatsächlicher Gleichstellung, die die DDR- Frauengeschichte begleiten und sich auch schon sehr früh an der Bewertung weiblicher Arbeit ablesen lassen.

Trotz der als notwendig erkannten Einbeziehung der Frauen in den Wiederaufbau, trotz der Bedeutung, die diese für die Sicherung elementarster Lebensbedingungen hatten, war die öffentliche Anerkennung ihrer Leistungen und ihr Einfluß in Politik und Ökonomie gering (Merkel 1994). Sie waren die Helferinnen, die aufgrund fehlender Arbeitskräfte für die Überwindung des Nachkriegschaos gebraucht wurden. Trotz des Männermangels blieb die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter weitgehend erhalten: Frauen wurden in hausarbeitsnahen Bereichen (Sozialfürsorge, Gesundheitswesen und Volksbildung) beschäftigt und von politischer Partizipation weitgehend ausgeschlossen (ebenda). Die Heroisierung der “Trümmerfrauen“ bezeichnet Merkel denn auch als “nachträgliche Mythologisierung“ (1994:363).


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Aber auch ein weiteres Faktum dieser Zeit verweist auf die widersprüchliche Auffassung über weibliche Erwerbsarbeit zwischen Notwendigkeit und Ablehnung: Trotz des Arbeitskräftemangels war die Frauenarbeitslosigkeit sehr hoch. Diese Tatsache wurde zum einen damit begründet, daß die in Beschäftigung drängenden Frauen nicht über die notwendigen Qualifikationen verfügten, zum anderen damit, daß eine Reihe betrieblicher Vorurteile gegenüber weiblicher Erwerbsarbeit (ebenda) sowie gesetzliche Beschäftigungsverbote existierten, die den Frauen den Zugang zu bestimmten Bereichen versperrten (Winkler 1989).

Die aus der Nachkriegssituation sich ergebende Unumgänglichkeit, Frauen für den Wiederaufbau in das Erwerbsarbeitssystem zu integrieren, stellte subjektiv auch für viele Frauen eine Notwendigkeit dar. Aufgrund von Verwitwung, Scheidung oder Kriegsversehrtheit des Mannes kamen sie in die Situation, selbst für ihren bzw. den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sorgen (Obertreis 1986).

Zusammenfassend läßt sich für die Zeit der sowjetischen Besatzungszone (1945-1949) die Entstehung eines neuen Frauen’bildes’ ausmachen, das durch die formal gleichberechtigte Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsarbeitsprozeß gekennzeichnet ist. Die Frauenpolitik dieser Zeit läßt sich demzufolge im wesentlichen als Arbeitspolitik bezeichnen: sie zielte durch die Aufhebung von Beschäftigungsverboten auf die Einbeziehung von Frauen in bisher männertypische Berufszweige, wobei dies auch mittels Auflagen an Betriebe, Frauen zu beschäftigen, erreicht wurde (Obertreis 1986). Dabei konnte diese Politik an die schon vor und während dem Krieg in Deutschland vergleichsweise hohe Frauenbeschäftigung anknüpfen. Darüberhinaus wurden bereits in dieser Zeit erste Anstrengungen unternommen, die Frauen über demokratische Frauenausschüsse<166> und dem aus diesen entstehenden DFD stärker gesellschaftlich einzubeziehen.


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Die Familie dagegen stellte in dieser Zeit keinen expliziten Gegenstand von Politik dar (ebenda). Zwar erkannte man deren Funktion für die Normalisierung der Verhältnisse, für die Absicherung der nachwachsenden Generation an (Merkel 1994), die konkreten Arrangements zur Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Erziehungsleistungen überließ man jedoch weitgehend dem individuellen Geschick der Frauen. Aus den wenigen Maßnahmen, die zur Erleichterung weiblicher Erwerbsbeteiligung verabschiedet wurden<167>, läßt sich jedoch ablesen, daß die Zuständigkeit der Frauen für den Familienbereich weiterhin vorausgesetzt und damit ihre Doppelfunktion als Hausfrau/ Mutter und berufliche/ gesellschaftlich Tätige geschaffen wurde (Merkel 1994).

2.2.3.2. Frauenpolitik als Frauenarbeitspolitik (1949-1957)

Die schon in den Jahren der SBZ begonnene Einbeziehung der Frauen in die produktive Sphäre wurde nach der Gründung der DDR noch forciert. Die prekäre ökonomische Situation: die neugegründete DDR mußte mit zum größten Teil zerstörten Produktionsanlagen und einer durch die Teilung Deutschlands entstandenen nachteiligen Industrie- sowie einer ungünstigen Bevölkerungsstruktur (Überrepräsentanz von Frauen und Älteren) sowohl den Wiederaufbau beginnen wie riesige Reparationszahlungen leisten (Obertreis 1986) war allerdings nur eine, wenn auch wesentliche Ursache dieser Bemühungen. Ein weiterer Grund läßt sich in dem Bestreben ausmachen, einen Gleichberechtigungsbegriff zu verwirklichen, wie er von der Arbeiter- und frühen Frauenbewegung entwickelt wurde. Dieser bestimmte die Einbeziehung der Frauen in die Erwerbssphäre als notwendige Voraussetzung ihrer Gleichberechtigung. Nach dieser Auffassung würde die gleichberechtigte Teilnahme der Frauen am Produktionsprozeß und ihre formal-juristische Gleichstellung die Geschlechterungleichheit in einem historisch relativ kurzen Zeitraum überwinden (Trappe 1994).


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Diese verkürzte, ökonomistische Gleichberechtigungsvorstellung fand ihren Niederschlag in der ersten Verfassung der DDR von 1949. In dieser Verfassung wurde - analog zum Grundgesetz der BRD - die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Verfassungsprinzip erhoben. Im Unterschied zur BRD, die die unmittelbare Geltung des Gleichberechtigungspostulats bis 1953 aussetzte und tatsächlich erst 1958 realisierte, wurden in der DDR zeitgleich alle Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) außer Kraft gesetzt, die diesem entgegenstanden<168>. Gleichzeitig wurden die der marxistisch-leninistischen Theorie gemäßen Auffassungen über die notwendigen Grundlagen für die Gleichberechtigung gesetzlich fixiert: das Recht (und die Pflicht) zur Arbeit und das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit<169>.

Die formal-juristische Umsetzung der Gleichberechtigung der Frau im Erwerbsbereich fand im Bereich von Familie und Hausarbeit jedoch keine adäquate Entsprechung. Weder wurden Ehe und Familie als Lebensformen thematisiert (deren Existenz setzte man, ohne direkten rechtlichen Bezug, implizit voraus<170>), noch die Zuständigkeit der Frauen für Kinder und Familie infrage gestellt. Diese einseitige Gleichberechtigungsauffassung fand ihren Niederschlag im Artikel 18 der Verfassung der DDR (1949), der die gesetzlichen Grundlagen zum Ausbau von Kindertagesstätten schafft. Diese bildeten in der offiziellen Lesart die (notwendigen und zugleich hinreichenden) Voraussetzungen weiblicher Erwerbsarbeit, die Grundlagen, auf deren Basis die Frau ihre “Aufgabe als Bürgerin und Schaffende mit ihren Pflichten als Frau und Mutter“ (Penrose 1990, S.65) vereinbaren


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kann. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung für Kinder und Familie den Frauen jedoch allein überlassen.

Trotz der formalrechtlichen Regelungen von Recht und Pflicht<171> zur Arbeit sowie der Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen als Grundvoraussetzungen weiblicher Erwerbsbeteiligung ist es nicht gelungen, die Frauen insgesamt in den Arbeitsprozeß einzubeziehen. Für den wirtschaftlichen Aufbau, der wegen der nur langsam sich vollziehenden technologische Entwicklung und der erste große Fluchtwelle in die BRD (1950-1953) (Trappe 1994) nur zögerlich erfolgte, stellte sich dies als Problem dar. Die Notwendigkeit zur Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen führte demzufolge zur ”Werbung von Frauen für den Wiederaufbau“ (Obertreis 1986:50). Die ‘Werbung’ um höhere weibliche Erwerbsbeteiligung erfolgte auf drei Wegen: über ideologische Beeinflussung und Propaganda, über die Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen und über ökonomischen Zwang. Es wurde das Leitbild der werktätigen Mutter geschaffen und propagiert, daß Gleichberechtigung mit Berufstätigkeit identisch ist<172>. Auf institutioneller Ebene wurde ein Ausschuß zur Förderung der Frauenarbeit gegründet (dessen Träger der DFD war), der mittels “Hausfrauenkampagnen“ in den Wohngebieten aktiv war und Hausfrauen für eine Berufstätigkeit gewinnen sollte. Der DFD beriet auch mit den Ministerien die Einsatzmöglichkeiten von Frauen in der Volkswirtschaft und ‘plante’ deren Frauenanteil.

Wie recht bald offensichtlich wurde, brachten der Einsatz ideologisierter Leitbilder und die Institutionalisierung von Forderungen nach höherer Erwerbsbeteiligung der Frauen nicht den gewünschten Effekt. Erfolgreicher für die Erreichung dieses Ziels erwies sich die Anwendung ökonomischen Zwangs. Die Familienrechtssprechung wurden dahingehend geändert, daß geschiedenen Ehefrauen nur in Ausnahmefällen Unterhaltsleistungen


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zugesprochen wurden; Sozialversicherungs- und -fürsorgeleistungen erhielt nur noch, wer mehr als 2/3 schwerbeschädigt, über 60 Jahre alt ist oder kleine Kinder hat (Bock 1995). Insbesondere für alleinstehende (ledige, geschiedene und verwitwete) Frauen wurde das Recht auf Arbeit mit diesen Maßnahmen zur Pflicht. Verheiratete Frauen konnten sich dagegen der Aufnahme einer Berufsarbeit zu diesem Zeitpunkt noch entziehen. Dies führte dazu, daß die Familie und die Stellung der Frau innerhalb der Familie erstmals in den Blick der Politik geriet und sie zum Gegenstand politisch-rechtlicher Interventionen machte. In Anerkennung der Tatsache, daß Gleichberechtigung der Geschlechter ohne die Berücksichtigung familialer Kontexte nicht zu erreichen ist, wurden im Mütter- und Kinderschutzgesetz von 1950 (als Vorläufer eines eigenständigen Familienrechts) sowohl Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaffen sowie die Rechtsgrundsätze über Ehe und Familie neu geregelt (Winkler 1989). Dieses Gesetz beinhaltete neben materiellen und sozialen Hilfen<173> auch die formalrechtlichen Voraussetzungen für die Verwirklichung der Gleichberechtigung innerhalb der Familie: Frau und Mann wurden rechtlich gleichgesetzt (§13); die Einschränkung der Rechte der Frau bei Eheschließung wurde aufgehoben und durch ein gemeinsames Entscheidungsrecht der Eheleute ersetzt (§14); die verheiratete Frau erhielt ein Recht auf Berufsausübung, Berufsausbildung und gesellschaftliche Tätigkeit (§15) und die Sorge um gemeinsame Kinder wurde beiden Eltern übertragen (§16).

Die Gleichstellungsparagraphen im Mütter- und Kinderschutzgesetz von 1950, die die Gleichberechtigung der Geschlechter auch auf den Familienbereich ausdehnten, befreiten die Frauen formal aus ihrer patriarchalen Abhängigkeit. Sie wurde ihrer alleinigen Zuständigkeit für die Kinder enthoben und konnte nunmehr allein entscheiden, ob und wie sie einer Erwerbsarbeit nachgeht. Der gewünschte ‘Nebeneffekt’ dieser Regelung lag in der Schaffung der formal-rechtlichen Voraussetzungen zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung auch unter verheirateten Frauen.

Allerdings wurde bereits in dieser frühen Phase der massiven Bestrebungen, Frauen in den Erwerbsbereich einzubeziehen, deutlich, daß weibliche Arbeit nicht gleichbedeutend mit


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Egalität ist: Zu groß waren einerseits die Ressentiments der Betriebsleiter<174>, zu niedrig andererseits das Qualifikationsniveau der Frauen, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitssphäre zu ermöglichen. Die ab 1952 gegründeten Frauenausschüsse in den Betrieben wurden in Reaktion auf diese Tatbestände ins Leben gerufen; sie sollten gegen Lohndiskriminierungen und für bessere Sozialeinrichtungen kämpfen und sich um die Qualifizierung von Frauen bemühen (Obertreis 1986). Der Einfluß der Frauenausschüsse blieb allerdings begrenzt, denn es ging mit ihrer Bildung nicht um die Schaffung einer starken und selbständigen Frauenorganisation, sondern sie dienten als Instrument der Umsetzung der Frauenpolitik der SED (Trappe 1994).

Zusammenfassend lassen sich die Bestrebungen der Zeit von 1949 bis 1957 als eine Politik kennzeichnen, die insbesondere auf die Einbeziehung der Frauen in das Erwerbsarbeitssystem zielte und die Rahmenbedingungen dafür schuf. Die Frauenpolitik dieser Zeit läßt sich also im wesentlichen als Frauenarbeitspolitik beschreiben. Die Familie selbst ist während dieser Jahre nicht Gegenstand politisch-rechtlicher Interventionen. Sie gerät nur insoweit unter den Einfluß des Rechts, wie innerhalb derselben die Voraussetzungen für die Einbeziehung auch verheirateter Frauen über deren Gleichstellung, und damit der freien Entscheidung über innereheliche Arbeitsteilung geschaffen wurden. Allerdings erwiesen sich diese Strategien als noch nicht sehr erfolgreich, da lediglich die alleinstehenden (ledige, geschiedene und verwitwete) Frauen mehrheitlich in den Arbeitsprozeß einbezogen wurden.

Auch wenn die Gleichstellung der Frauen innerhalb der Familie zu dieser Zeit kein eigenständiges politisches Ziel, sondern in erster Linie Mittel zum Zweck war, läßt sich dieses Gesetz als durchaus ernstgemeinter Versuch der SED interpretieren, die Emanzipation der Frauen zu erreichen (Penrose 1990). Obertreis (1986) und Plat (1980)


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bescheinigen der SED-Führung, in dieser Zeit Gleichberechtigungspolitik viel rigoroser und absoluter betrieben zu haben als die Bundesrepublik.

Dennoch mußte ein Emanzipationsanspruch, der die Höhe weiblicher Erwerbsbeteiligung zum alleinigen Gradmesser erreichter Gleichberechtigung machte und die Familie und die mit ihr zusammenhängenden Pflichten und deren Verteilung in ihrer Wechselwirkung mit der (Nicht-)Präsenz im Erwerbsarbeitsbereich weitgehend ausblendete, notwendig begrenzt bleiben.

2.2.3.3. Frauenpolitik als Frauenbildungs- und Frauenarbeitspolitik (1958 und 1964)

Gelang es in der Zeit zwischen 1949 und 1957, insbesondere die alleinstehenden Frauen aufgrund ökonomischer Zwänge und ideologischer Kampagnen in den Erwerbsarbeitsprozeß einzubeziehen, wurde der Schwerpunkt der Frauenpolitik zwischen 1958 und 1964 zum einen auf die Gewinnung auch der verheirateten Frauen für die Berufstätigkeit, zum anderen auf die Qualifizierung weiblicher Arbeitskräfte gelegt.

Die erst 1961 mit dem Mauerbau gestoppte millionenfache Fluchtbewegung in Richtung Westen, die einen Arbeitskräftemangel erzeugte, der nur durch optimale Ausnutzung aller Bevölkerungsreserven gemildert werden konnte (Frevert 1986), machte die Gewinnung von Arbeitskräften auch unter den verheirateten Frauen zur ökonomischen Überlebensfrage für die DDR. Zugleich verlangten die ehrgeizigen Ziele der Partei, in der politisch-ideologischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung mit der BRD die Überlegenheit des sozialistischen Systems der DDR auch in der Wirtschaft zu dokumentieren<175>, deren rasche Entwicklung. So wurde auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 das Einholen und Übertreffen des Pro-Kopf-Verbrauches der westdeutschen Bevölkerung bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern als ökonomisches Ziel der nächsten Planungsperiode formuliert (Trappe 1994). Dieses ehrgeizige Ziel war jedoch nur mit einer immensen Produktionssteigerung und der Gewinnung von zusätzlichen Arbeitskräften zu erreichen. Waren die alleinstehenden Frauen bereits zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen


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in den Arbeitsprozeß integriert, stellten nur noch die verheirateten Frauen eine zusätzlich zu erschließende Arbeitskraftressource dar. Zu deren Mobilisierung wurden ebenfalls auf dem V. Parteitag die sogenannten “Hausfrauenbrigaden“ initiiert, die - als Übergangslösung - verheiratete Frauen zuerst in Teilzeitarbeit an eine Berufstätigkeit gewöhnen sollten. Doch auch diese ideologischen Appelle erhielten ihre Wirksamkeit erst durch den Einsatz ökonomischer Zwänge: Mit der Abschaffung der Lebensmittelkarten (1958) und der dadurch einsetzenden Preissteigerungen für Lebensmittel wurde ein zweites Einkommen oftmals zur haushaltsökonomischen Notwendigkeit. Im Unterschied zur Bundesrepublik wurde in der DDR die Doppelverdienerehe gefördert; statt Ehegattensplitting und der meist höheren Besteuerung des Zweiteinkommens (wie in der BRD) wurde die nichtarbeitende Ehefrau im Lohnsteuersystem der DDR nicht berücksichtigt. Die Gleichbesteuerung beider Erwerbseinkommen bedeutete die Abschaffung des historisch entstandenen Familienlohns, der die weibliche Erwerbsbeteiligung über Familienzulagen gerade verhindern sollte, und befreite damit die (Ehe-)Frau aus der finanziellen Abhängigkeit. Die steuerliche Nichtberücksichtigung des nichterwerbstätigen Ehepartners machte damit bei steigenden Preisen die Erwerbsarbeit zunehmend auch für verheiratete Frauen zur Pflicht .

Trotz der Verbreitung weiblicher Erwerbsarbeit unter allen Familienformen wurde recht schnell deutlich, daß diese zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Gleichberechtigung der Geschlechter war. Die Defizite, die sich aus einer Gleichstellungspolitik ergaben, die sich auf die Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsprozeß reduzierte, wurden jetzt offensichtlich. Als Hemmnis für die gleichberechtigte Stellung innerhalb des Erwerbslebens, aber auch für die Bewältigung der Anforderungen einer wachsenden Produktion erwies sich die mangelnde Qualifikation der Frauen. Da die Mehrheit der Frauen über keine abgeschlossene berufliche Ausbildung verfügte, mußten sie sich als Un- und Angelernte mit den schlechter bezahlten Arbeitsplätzen in den Betrieben begnügen. Daneben stieß das expansive Wirtschaftswachstum bereits zu dieser Zeit aufgrund des niedrigen Arbeitskräftepotentials an seine Grenzen; die weitere wirtschaftliche Entwicklung ließ sich nur mittels Intensivierung aller Produktionsmittel und -kräfte forcieren. Auch die Weichenstellung in


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Richtung wissenschaftlich-technische Revolution (Obertreis 1986) machte die Qualifizierung der Arbeitskräfte, insbesondere der weiblichen, unumgänglich.

Anders als noch in den frühen 50er Jahren wurde der Schwerpunkt der Qualifizierung jedoch nicht mehr auf das Anlernen (am Arbeitsplatz), sondern auf die Facharbeiterqualifikation gelegt. Diese wurde als Basis der Bewältigung der wissenschaftlich-technischen Revolution angesehen. Für die schon im Erwerbsprozeß stehenden Frauen (und Männer) wurde diese Qualifikation durch Nachqualifizierung erreicht<176>.

Die Notwendigkeit der Qualifizierung (weiblicher) Beschäftigter aufgrund anhaltender Arbeitskräfteknappheit, der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage (Trappe 1994) und der Herausforderungen neuer Technik fand ihren Niederschlag in der 1960 ins Leben gerufenen Qualifizierungsoffensive. Ideologisch wurde diese durch die Modifizierung der Emanzipationsauffassung der Marxisten und Arbeiterbewegung vorbereitet: “Während vorher (vor 1960 - K.S.) schlicht die Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß Grundbedingung für die Emanzipation sein sollte, sollte diese jetzt abhängig sein vom jeweils erreichten Qualifikationsstand“ (Obertreis 1986:172).

Die praktische Umsetzung der Qualifizierungsoffensive erfolgte auf der Grundlage des Kommuniqués des Politbüros des ZK der SED: “Die Frauen - der Frieden und der Sozialismus“ (1961) und dem Beschluß des Ministerrats zu dessen Durchführung. Dieser beinhaltete die Koordinierung und Systematisierung aller bestehenden Qualifizierungsmaßnahmen sowie die konkrete Aufgabenstellung zur beruflichen Förderung der Frauen (Trappe 1994) und wurde mittels Frauenförderungsplänen in die Praxis umgesetzt. Dort stießen diese Maßnahmen jedoch auf große Vorbehalte insbesondere bei den betrieblichen Vorgesetzten, die befürchteten, daß sich eine Qualifizierung von Frauen nicht lohne, da diese bei der Geburt von Kindern wieder aus dem Arbeitsprozeß aussteigen (könnten). Aber auch bei den Frauen selbst traf die Qualifizierungsoffensive auf Vorbehalte: viele Frauen, insbesondere solche mit Kindern,


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sahen sich außerstande, neben Erwerbsarbeit und Familie noch eine Facharbeiterausbildung zu absolvieren.

Wie schon in den Kampagnen zur Erhöhung weiblicher Erwerbsbeteiligung offenbarte sich auch in der Qualifizierungsoffensive das Vorhandensein der Familie als praktisch-politisches Problem, das die Frauen daran hinderte, am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß oder an Qualifizierungslehrgängen teilzunehmen (Obertreis 1986). Darauf mußte die SED entsprechend reagieren. Mit dem Gesetzbuch der Arbeit der DDR (GdA) 1961 wurden denn auch eine Reihe von Maßnahmen zur Entlastung der berufstätigen Frau verabschiedet sowie erste sozialpolitische Maßnahmen<177> zur Milderung der Mehrbelastung der Frauen durch Berufsarbeit und Familie ins Leben gerufen. In Kenntnis der Schwierigkeiten von Müttern, sich zu qualifizieren, wurden 1962 über die Einrichtung des Fern- und Abendstudiums spezielle, an die Adresse von Frauen und Müttern gerichtete, Qualifizierungsmöglichkeiten geschaffen, die es auch berufstätigen Frauen (mit Kindern) ermöglichen sollte, sich entsprechend den wirtschaftlichen Anforderungen zu qualifizieren. Die Einrichtung des Frauensonderstudiums (1963) zielte in die gleiche Richtung: Insbesondere an Frauen mit Kindern gerichtet, sollte es diesen Frauen die Möglichkeit einer Qualifikation bieten.

Zusammenfassend läßt sich die Frauenpolitik zwischen 1958 und 1964 im wesentlichen als Frauenarbeits- und -bildungspolitik beschreiben. Entsprechend der Notwendigkeit, qualifizierte Arbeitskräfte für die Umstellung der Wirtschaft auf Intensivierung bereitzustellen und der Erkenntnis, daß Erwerbstätigkeit allein nicht zur Gleichberechtigung der Geschlechter führt, wurde ab 1960 eine Qualifizierungsoffensive entwickelt, die zur deutlichen Erhöhung des weiblichen Qualifikationsniveaus führte (siehe 2.2.4).


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Die in dieser Zeit erreichte nahezu vollständige Integration der Frauen in das Erwerbssystem und die Erhöhung des Qualifikationsniveaus weiblicher Arbeitskräfte, das sich dem der Männer nahezu anglich, stellte insgesamt einen bedeutenden Fortschritt in Richtung Gleichberechtigung dar. Wie die retrospektive Betrachtung verdeutlicht, wurden in den 50er und 60er Jahren die ernsthaftesten und weitgehendsten Anstrengungen unternommen, das “kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit“ (Diemer 1994) zu überwinden, männliche Erwerbsbereiche auch für Frauen zu öffnen und sie mittels Qualifizierungsmaßnahmen auch für höhere Positionen zu befähigen.

Dennoch stießen die ‘staatlichen’ Bemühungen um die gleichberechtigte Integration der Frauen zum einen auf die Widerstände von Betriebsleitern, die Frauen auch nach ihrer Qualifikation nicht entsprechend einsetzen (Obertreis 1996). Zum anderen brachen sie sich an der ‘Tatsache Familie’. Dies führte dazu, da? die Familie als die Institution, an der sich die Wirksamkeit aller Gleichberechtigungsbemühungen offenbarte, zunehmend in den Blick der Politik geriet und eine Veränderung der Schwerpunktsetzung innerhalb dieser vorbereitete.

Es läßt sich für diese Zeit konstatieren, daß es zwar gelungen war, die Frauen größtenteils in den Produktionsprozeß zu integrieren; die geschlechtsspezifische (vertikale und horizontale) Segregation<178> wurde damit aber ebensowenig aufgehoben wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern (Trappe 1994). Die Bewältigung der Doppelbeanspruchung durch Beruf und Familie wurde - abgemildert durch die ersten familienpolitischen Maßnahmen - den Frauen selbst überlassen.

Trotz der Be-(und Über-)lastungen, die sich aus einem Politikverständnis ergaben, das in der (qualifizierten) Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsprozeß den adäquaten Weg zur Erreichung der Geschlechtergleichheit sah und dabei das ‘traditionelle’ Feld weiblicher Arbeit, die Familie, auch weiterhin den Frauen überließ, lassen sich die drei bisher beschriebenen Phasen der Frauenpolitik der SBZ und DDR von 1945 bis 1964 insgesamt als die progressivsten im Sinne der Herstellung der Geschlechtergleichheit beschreiben.


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Dennoch ist die Phase der DDR-Entwicklung (1958-1964) nicht unkritisch zu betrachten. Aus den Problemen der Nachkriegs- und Mangelwirtschaft, die sich durch die bis 1961 steigenden Flüchtlingsströme noch vertieft hatten, und einer Gleichberechtigungsauffassung, die die (qualifizierte) Erwerbsarbeit der Frauen zum Maßstab machte, ergab sich bis 1964 ein folgenreiches Bild von Gleichberechtigung: Unter der (irrigen) Annahme erreichter Gleichberechtigung wurde der Blick auf Benachteiligungen und Ungleichheiten versperrt; strukturelle Benachteiligungen von Frauen erschienen als subjektives Unvermögen der Vereinbarkeit der beiden Lebensbereiche Beruf und Familie.

2.2.3.4. Frauenpolitik als Familienpolitik (1965 bis 1971)

Ausgehend von den Erfahrungen der vorangegangenen Jahre, daß an Frauen gerichtete Integrationsversuche und Qualifizierungsoffensiven recht schnell an ihre Grenzen stießen, wenn der familiale Hintergrund unberücksichtigt blieb, wurde in den folgenden Jahren die Familie selbst zum Gegenstand staatlichen Interesses und politischer Interventionen. Es fand eine Schwerpunktverschiebung in der Frauenpolitik der SED von der Frauenarbeits- und Qualifizierungspolitik hin zur Familienpolitik statt, die sich als außerordentlich konsequenzenreich für die Gleichberechtigungsbestrebungen erweisen sollte. Die Ausrichtung staatlicher Politik auf den Bereich der Ehe und Familie erfolgte zu diesem Zeitpunkt neben den Grenzerfahrungen weiblicher Einbeziehung insbesondere aufgrund der Einschätzung, daß sich während des letzten Jahrzehnts mit der veränderten Stellung der Frau in der Gesellschaft auch die Beziehungen innerhalb der Familie qualitativ gewandelt hätten. Wurde der erste Entwurf eines Familiengesetzbuches 1954 noch als verfrüht zurückgezogen<179>, hielt man 1965 die Festschreibung der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter auch innerhalb der Familie für praktikabel und verabschiedete das Familiengesetzbuch (FGB) der DDR, das die Gleichberechtigung der Geschlechter in


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diesem Bereich festschrieb. “War vor 1965 die Familie meist nur mittelbar, d.h. also vor allem über die auf die Frauen als primäre Zielgruppe gerichtete Frauenpolitik, ...betroffen, so beginnt mit dem Familiengesetzbuch als erste geschlossene Kodifikation des Familienrechts eine neue Phase der Familienpolitik der SED, in der auf der Grundlage der in ihm festgelegten Rolle und Bedeutung der Familie im Sozialismus die Familie unmittelbar Ziel der Politik wird.“ (Obertreis 1986:245)

Kernstück des neuen FGB bildete das Eherecht, das die Beziehungen der Ehepartner neu regelte und auf eine gleichberechtigte Grundlage stellte. Das in diesem Gesetzeswerk neu definierte Eheleitbild erklärte beide Ehepartner gemeinsam zuständig für Entscheidungen und für die Erziehung der Kinder und gebot ihnen die Teilung häuslicher Pflichten und die gegenseitige Unterstützung. Mit dieser Ausweitung des Gleichberechtigungspostulats auch auf den Familienbereich wurde zum einen der Erkenntnis Rechnung getragen, daß ohne diesen die Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsbereich und auch ihre Qualifizierung begrenzt bleiben würde. Zum anderen war die Ausweitung der Einsicht geschuldet, daß Gleichberechtigung ohne Gleichheit in der Ehe und Familie<180> ein unerfüllbarer Traum bliebe. Die Gleichberechtigung in Ehe und Familie stellte, so wurde offensichtlich, das notwendige Pendant zur Gleichstellung im Erwerbsleben dar.

Mit der Verabschiedung des FBG wurde ein durchaus ernstgemeinter, allerdings lediglich formaler, Versuch unternommen, über die rechtlich erklärte Zuständigkeit beider Partner für die Erziehung und Hausarbeit die einseitige Doppelbelastung der Frauen zu beseitigen und damit den Weg für ihre tatsächliche Gleichberechtigung in allen anderen gesellschaftlichen Sphären zu ebnen. Da jedoch die Neudefinition ehelicher Aufgabenteilung innerhalb der Familie lediglich appellierenden Charakter trug, war das Praktizieren der Gleichberechtigung in der Familie so lange von untergeordneter Bedeutung, wie beide Partner nach außen ”funktionierten“ (Helwig 1993). Tatsächlich verblieb die Reproduktionsarbeit zum allergrößten Teil im Pflichtenbereich der Frauen (siehe 2.2.4.1).


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Doch nicht nur die Herstellung der Gleichberechtigung der Frauen war Ziel dieses Familiengesetzes. Es bezog sich auch auf die Familie als Sozialisationsinstanz der nachwachsenden Generation, die zunehmend ins Zentrum politischen Interesses rückte. Mit dem FGB sollten den Familie Orientierungshilfen für die Gestaltung des Familienlebens und der Familienerziehung zur Verfügung gestellt werden. Zwar wurde der Ehe und Familie Privatcharakter zugebilligt, allerdings nur unter dem Verweis auf die “Interessenidentität von Staat, Gesellschaft und Individuum“ (Obertreis 1986:257). Die Anerkennung der Familie als eine Instanz, der wesentliche Sozialisationsfunktionen zugeschrieben wurden, bedeutete aber auch das Festhalten an der Familie als “kleinster Zelle der Gesellschaft“<181>. Ehe und Familie wurden weiterhin als elementarste und alternativlose Form der “sozialistischen Lebensweise“ anerkannt und unter den besonderen Schutz des Staates gestellt und durch diesen besonders gefördert (Trappe 1994).

Insbesondere in der Bezugnahme auf die Familie als Reproduktions- und Sozialisationsinstanz durch das FGB der DDR wird die ”Doppelbödigkeit“ dieses Gesetzes offensichtlich: Dieses zielte nicht in erster Linie auf die Herstellung der Geschlechtergleichheit auch innerhalb der Familie (wenn dieses Ziel als gesellschaftlich gewolltes auch durchaus unterstellt werden kann), sondern auf die Funktionalisierung der Familie als Institution des sozialistischen Staates (Gerhard 1994). Die zunehmende politisch-rechtliche Orientierung auf Ehe und Familie und die Anerkennung ihrer Funktion für die Sozialisation der nachwachsenden Generation ergaben sich auch aus demographischen Verwerfungen (niedrigere Geburtenzahlen), die während dieser Zeit sichtbar wurden. In Reaktion auf die sinkenden Geburtenquoten wurden die ersten Schritte in eine neue Richtung innerhalb der Frauenpolitik unternommen, deren Umsetzung allerdings erst in den 70er und 80er Jahren erfolgte. Ihr Beginn wird durch Beschlüsse des VII. Parteitags der SED im Jahr 1967 markiert, die eine Reaktion auf die Erkenntnis darstellten, daß eine hohe Frauen- (und Mütter-) Erwerbsbeteiligung nur mit entsprechender familienpolitischer Flankierung möglich ist, die auf die Verbindung von Familie und Erwerbsarbeit zielen. Dabei standen zum einen die Verkürzung der


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allgemeinen Arbeitszeit<182> sowie die besondere Unterstützung von Frauen mit mehreren Kindern und kinderreichen Familien<183> im Vordergrund. Diese Maßnahmen zielten auf den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und auf die Reduzierung der Hausarbeit durch den Ausbau öffentlicher Dienstleistungen und die beschleunigte Produktion moderner Haushaltsgeräte (ebenda).

Aber auch in der Fortschreibung der Qualifizierungsoffensive fanden familiale Belange stärkere Berücksichtigung. Die bereits in den 60er Jahren begonnenen Anstrengungen zur nachholenden Qualifizierung von Frauen setzte nun ihren Schwerpunkt auf die Ausbildung und Einbeziehung von Frauen in technische Berufe sowie ihre Qualifikation für leitende Tätigkeiten<184>. Um diese Ziele auch für Mütter erreichbar zu machen, wurden zahlreiche Sonderregelungen<185> geschaffen, die ihnen den Zugang zu Hoch- und Fachschulen und damit zu beruflichem Aufstieg ermöglichen sollten.

Insgesamt läßt sich in der Frauenpolitik der Jahre 1965 bis 1971 ein deutlicher Kurswechsel ausmachen: Ging es seit der Gründung der DDR verstärkt um die Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsarbeitsprozeß, stellte sich Frauenpolitik bis 1964 im wesentlichen als Frauenarbeits- und -bildungspolitik dar, richtete sich die Politik mit der Verabschiedung des Familiengesetzbuches der DDR nun verstärkt der Familie zu. Familienpolitik wird bis zum Ende der DDR 1989 den Schwerpunkt der auf Frauen gerichteten politischen Interventionen bilden. Eine eigenständige, auf Frauen gerichtete Politik geriet mehr und mehr in den Hintergrund, verschwand quasi hinter der Familie.


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Ausschlaggebend für den Kurswechsel hin zur Familienpolitik war die Erkenntnis, daß sowohl Integrations- wie Qualifizierungsoffensiven, die sich an die Frauen richteten, durch die soziale ‘Tatsache Familie’ an ihre Grenzen stießen. Dementsprechend wurde versucht, über die Definition eines neuen Ehe- bzw. Familienleitbildes, das die Verantwortung für die Familie beiden Partnern übertrug, die Doppelbelastung für die Frauen zu verringern und es ihnen zu ermöglichen, gleichberechtigt am Erwerbsleben teilzuhaben. Zur Unterstützung dieser Vorhaben wurden erste familienpolitische Maßnahmen verabschiedet, die sich insbesondere an die Frauen richteten und ihnen die Vereinbarung von Beruf und Familie ermöglichen sollten. Die Erkenntnis, daß die formalrechtliche Festschreibung der Gleichberechtigung nicht quasi automatisch zur tatsächlichen Gleichstellung führt, fand ihren Niederschlag auch in der zweiten Verfassung der DDR, die die Förderung der Frau zur staatlichen Aufgabe<186> machte.

Die Frauenförderung stellte somit zwar einen erheblichen Gleichstellungsvorsprung der DDR im Vergleich zum Grundgesetz der BRD (Berghahn; Fritzsche 1991) dar; sie offenbarte andererseits aber einen für die DDR typischen patriarchalen Paternalismus, der Gleichberechtigungspolitik für (statt durch und mit) Frauen betrieb. Zwar läßt sich in der verfassungsrechtlichen Verpflichtung zur Frauenförderung ein durchaus ernstgemeinter Versuch der DDR erkennen, den Frauen die Verwirklichung der Gleichberechtigung zu ermöglichen, dennoch führte diese ”Mehrberechtigung“ (Bast; Ostner 1992) zu nicht intendierten Folgen, die Gegenstand des folgenden Abschnitts sind.

2.2.3.5. Frauenpolitik als Familien- und Bevölkerungspolitik (1972-1989)

Das Ende der Ulbricht-Ära und der Amtsantritt Erich Honeckers brachten auch wesentliche Zäsuren in der Frauen- und Familienpolitik der SED mit sich. Wurde der Begriff ‘Sozialpolitik’ von der SED bis in die 60er Jahre hinein<187> als nicht notwendig innnerhalb


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einer sozialistischen Gesellschaft abgelehnt (Obertreis 1986), zwangen insbesondere der drastische Geburtenrückgang seit Mitte der 60er Jahre und die zunehmende Orientierung der Frauen auf Teilzeitarbeit die SED zu einer Neubewertung derselben. Der VIII. Parteitag der SED 1972 bestimmte die Sozialpolitik erstmalig als politisches Ziel. Dieses wurde jedoch an wirtschaftliches Wachstum gekoppelt; die beschlossene “Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ stellte den Menschen die Erhöhung ihres Lebensnivaus als Ergebnis wachsender Wirtschaftskraft in Aussicht. Unter dem Primat der Wirtschaftspolitik sollte die Sozialpolitik einerseits eine korrigierende und sozial ausgleichende Rolle spielen, zum anderen diente sie als gesellschaftspolitisches Instrument zur Erreichung der politischen Ziele der Partei (ebenda). Nach innen sollte die Loyalität der Bürger gegenüber dem Staat vergrößert und die Bevölkerungsreproduktion gesichert werden, nach außen sollte über die umfangreichen sozialpolitischen Maßnahmen die Abgrenzung zu kapitalistischen Staaten, insbesondere zur Bundesrepublik, demonstriert werden.

Entsprechend der multiplen Zielstellung, die die Partei mit der Entwicklung der Sozialpolitik verband, war das Spektrum der Bereiche ihrer Anwendung sehr breit und betraf insbesondere die Familien- und Frauenpolitik.

Der starke Geburtenrückgang seit Mitte der 60er Jahre, der durch die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches und der Einführung der “Pille“ als Verhütungsmittel (1972) noch verstärkt wurde<188>, rückten die Familie und die Probleme der simultanen Verbindung von Erwerbsarbeit und Familie in das Zentrum sozialpolitischen Interesses. Familien- und Bevölkerungspolitik wurden als “gesamtgesellschaftliches Anliegen“ definiert (ebenda); die Beeinflussung der Reproduktionsfunktion der Familie wurde zur vordringlichen Aufgabe von Familienpolitik bestimmt (Trappe 1994). Unter der Betonung der bevölkerungspolitischen Aspekte wurde Frauen- und Familienpolitik zur Einheit erklärt (Obertreis 1986) und die Familie als Adressat sozialpolitischer Maßnahmen bestimmt. Diese zielten seit 1972 auf die Erleichterung der als Problem erkannten Vereinbarkeit von


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Beruf und Familie, die sich einerseits in dem schon genannten Geburtenrückgang, andererseits in der zunehmenden Orientierung der Frauen auf Teilzeitarbeit niederschlug. Es hatte sich herausgestellt, daß sinkende Geburtenzahlen kein Ausdruck veränderter demographischer Strukturen sind, sondern ihre Ursache in der steigenden Berufstätigkeit der Frauen und den damit zusammenhängenden Belastungen haben (ebenda). Deutlich wurde dies insbesondere in dem Verzicht auf dritte und weitere Kinder (Trappe 1994). Aber auch die sinkende Zahl der Eheschließungen bei gleichzeitigem Anstieg der Scheidungen sowie der wachsende Anteil außerhalb der Ehe geborener Kinder widersprach den Vorstellungen der SED von der Familie als ‘Keimzelle des Staates’ und machte auf die Probleme und Belastungen der Familien aufmerksam.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen und Einsichten wurde auf dem VIII. Parteitag ein in seinem Umfang bis dahin einzigartiges sozialpolitisches Maßnahmepaket verabschiedet, das in der Folgezeit durch eine Vielzahl von Verordnungen konkretisiert und bis zum Ende der DDR ständig erweitert wurde. Kernpunkte dieses Programms waren zum einen die sukzessive Erhöhung der Transferzahlungen, die an die Gründung der Familie bzw. die Geburt von Kindern gekoppelt sind: Junge Ehepaare erhielten ab 1972 die Möglichkeit, mit der Eheschließung einen zinslosen Kredit in der Höhe von 5.000,- M in Anspruch zu nehmen, dessen Rückzahlungshöhe sich mit der Geburt von Kindern reduzierte<189>. Ebenfalls ab 1972 erhielten Familien/Mütter bei der Geburt jedes Kindes eine Beihilfe von 1.000,- M, auch wurden die Bedingungen zur Vereinbarung von Berufstätigkeit und Mutterschaft verbessert: der Schwangerschafts- und Wochenurlaub wurde auf 18 Wochen ausgedehnt und für alleinstehende Mütter und kinderreiche Familien galten zahlreiche Sonderregelungen<190>. Diese Maßnahmen zielten insbesondere auf die frühe Eheschließung


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und die frühe Geburt von zwei und mehr Kindern und damit insbesondere auf die Sicherung der Bevölkerungsreproduktion.

Die finanziellen Transferleistungen und die Verlängerung des Schwangeren- und Wochenurlaubs als Maßnahmen zur Erleichterung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden flankiert vom Ausbau des Dienstleistungs- und Betreuungssystems, das den Frauen die Rückkehr in das Erwerbsarbeitssystems nach Beendigung des Wochenurlaubs ermöglichte. Damit sollte das zweite große Ziel der Sozialpolitik der SED: die Absicherung weiblicher Vollzeit-Erwerbstätigkeit abgesichert werden. Die steigende Teilzeitbeschäftigung der Frauen, ursprünglich geschaffen, um (Haus-)Frauen den Einstieg in die Erwerbsarbeit zu ermöglichen, machte das Problem der synchronen Vereinbarung von Familie und Beruf bei gleichzeitiger Ausweitung der Schichtarbeit jedoch immer offensichtlicher. Unter den Bedingungen anhaltender Arbeitskräfteknappheit wurde die Zunahme weiblicher Teilzeitarbeit zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem, das die SED in den folgenden Jahren mittels sozialpolitischer Maßnahmen sowie ideologischer Ächtung<191> der Teilzeitarbeit zu lösen versuchte. Dazu wurde neben den ökonomischen Verlusten insbesondere die persönlichkeitsbildende Funktion von Berufsarbeit hervorgehoben sowie ‘nachgewiesen’, daß die Reproduktion traditioneller familialer Arbeitsteilung insbesondere in Familien zu beobachten ist, in der die Frau nur teilzeitbeschäftigt ist (Trappe 1994).

Jenseits dieser ideologisch orientierten Vorstöße gegen die Teilzeitarbeit unterlag deren Bewilligung einem strengen Reglement. Teilzeitarbeit wurde nur noch auf Antrag und unter Vorliegen besonderer Gründe wie der Pflege alter oder behinderter Personen oder bei besonderer familialer Belastung gewährt, wobei der ‘Anspruch’ auf Teilzeitarbeit jährlich neu geprüft und bewilligt werden mußte.


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Die Orientierung auf die Vollzeiterwerbstätigkeit der Frauen, die mit der politischen Intervention gegen Teilzeitarbeit eine neue Dimension erreichte, verdeutlichte aber auch, daß die in den früheren Dekaden entwickelte Frauenpolitik als Frauenarbeits- und -bildungspolitik mit der verstärkten Berücksichtigung der Familie nicht an Bedeutung verlor. Auch mit Beginn der 70er Jahre stellte die Förderung studierender und lernender Mütter einen wichtigen Schwerpunkt der Frauenpolitik dar. Allerdings beinhaltete auch die neue Bildungspolitik einen bevölkerungspolitischen Aspekt: neben der (für die Volkswirtschaft wichtigen) Möglichkeit für Frauen, trotz Mutterschaft einen qualifizierten Abschluß zu erreichen, hoffte die Partei darauf, daß Mehrfachelternschaft um so wahrscheinlicher ist, je früher das erste Kind geboren wird<192>.

Trotz der bevölkerungspolitischen Zielrichtung der sozialpolitischen Maßnahmen, trotz der Verbesserungen der Rahmenbedingungen zur simultanen Vereinbarung von Beruf und Familie wurde das eigentliche Ziel: die Steigerung der Geburtenzahlen, nicht in gewünschter Höhe erreicht. In der Konsequenz wurden 1976 mit der “Verordnung über die Verlängerung des Wochenurlaubs und die Verbesserung der Leistungen bei Mutterschaft“ weitere sozialpolitische Maßnahmen erlassen. Der Schwangerschafts- und Wochenurlaub wurde von 18 auf 26 Wochen verlängert; ab dem 2. Kind konnte die Mutter das Babyjahr in Anspruch nehmen. Die Arbeitszeit für Mütter mit 2 und mehr Kindern wurde auf 40 Wochenstunden verkürzt und die Haushaltstagsregelung wurde auf alleinstehende Frauen mit eigenem Haushalt erweitert. Die ausschließliche Adressierung der erweiterten sozialpolitischen Maßnahmen an die Frauen führte zu durchaus widersprüchlichen und nicht primär intendierten Ergebnissen: so ermöglichten diese Maßnahmen vielen Frauen, den Balanceakt zwischen Beruf und Familie zu meistern. Andererseits wurde die traditionale Arbeitsteilung innerhalb der Familie mittels der Vergünstigungen für Frauen im Zusammenhang mit der Geburt der Kinder verfestigt. Die Sonderrechte für berufstätige Mütter (verkürzte Arbeitszeit, verlängerte Erwerbsunterbrechungen) bedeutete die erneute


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Zuordnung der Familienpflichten zur Mutter. Exemplarisch deutlich wird dies an der Regelung des bezahlten Haushaltstages: Zwar hatten ab Januar 1977 auch vollbeschäftigte alleinstehende Väter mit Kindern unter 18 Jahren einen Anspruch auf den Hausarbeitstag, allerdings nur ”sofern es die Betreuung der Kinder erfordert“ (Helwig 1993:17). Andererseits erhielten alle vollbeschäftigten Frauen über 40 Jahre, unabhängig vom Familienstand, den Haushaltstag, während er verheirateten Männern nur gewährt wird, wenn die Ehefrau wegen Pflegebedürftigkeit (ärztliche Bescheinigung) ihren häuslichen Pflichten nicht nachkommen kann (ebenda).

Die Behandlung der erwerbstätigen Frauen und Mütter als “Besondere“ und “Andere“ hatte aber Konsequenzen weit über die Verfestigung traditionaler Arbeitsteilungsverhältnisse innerhalb der Familie hinaus. Die Möglichkeit von Frauen, bei der Geburt eines Kindes für ein Jahr ihre Erwerbsarbeit zu unterbrechen und ab dem zweiten Kind ihre wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren, machte sie zu einem ökonomischen Risikofaktor für Betriebe, die mit Schließungsprozessen gegenüber weiblichen Beschäftigten (Benachteiligung bei Einstellungen, schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten und qualifikationsinadäquater Einsatz) reagierten.

Frauenpolititik der 70er Jahre wird im wesentlichen als Familienpolitik begriffen, die den Frauen die Verbindung von Beruf und Familie ermöglichen sollte. Die Sonderrechte für Frauen stellten sich dabei als ein Schritt zurück in dem politischen Bemühen um die Herstellung der Geschlechtergleichheit dar, die ihren Höhepunkt im Familiengesetzbuch von 1965 erreichte. Die neuen sozialpolitischen Maßnahmen orientierten nicht mehr - wie es das Familiengesetzbuch vorgesehen hatte - auf die gleichberechtigte Teilnahme der Ehepartner an der Erziehung der Kinder und der Erledigung von Familienpflichten, sondern orientierten sich am ‘klassischen’ Modell der Frauenrolle, in der die Frau für die Reproduktionsfunktionen zuständig ist. Die Unmöglichkeit für Männer, das Babyjahr zu nutzen wie einen Haushaltstag zu beanspruchen, lie? den Partnern auch keine Wahl, ihre Arbeitsteilung individuell zu arrangieren (Trappe 1994).

Verstärkt ab den 70er Jahren läßt sich eine “Renaissance der Weiblichkeit“ (Diemer 1994) ausmachen, die die polare Geschlechterordnung auf neuem Niveau wieder herstellte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt läßt sich die Politik der SED als Staatspatriarchalismus


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beschreiben, der den Frauen ihre Rolle als Frauen und Mütter zuwies und damit unter dem Vorwand der Lösung des Vereinbarkeitsdilemmas der Frauen Abschied von der Geschlechtergleichstellung nahm.

Die auf die Beeinflussung der Reproduktion zielende Familienpolitik der 70er Jahre fand ihren Niederschlag ebenfalls in dem 1977 verabschiedeten Arbeitsgesetzbuch der DDR. Mit dieser Neuregelung des Arbeitsrechts wurde der Erkenntnis Rechnung getragen, daß die Setzung eines formalen Gleichberechtigungsgrundsatzes keine Gleichheit bewirkt. Über die Verabschiedung von speziell an Frauen adressierte Schutz- und Förderregelungen<193> sollte die Gleichheit in der beruflichen Position der Geschlechter erreicht werden, ohne die Familie, die in dieser Zeit eine starke Aufwertung erfuhr, zu vernachlässigen. Das Arbeitsgesetzbuch der DDR (AGB) zielte demzufolge auf dauerhafte Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse für beide Geschlechter; befristete Arbeitsverträge durften nur unter besonderen Voraussetzungen abgeschlossen werden, Teilzeitbeschäftigung wurde nur in begründeten Ausnahmefällen für einen festgelegten Zeitraum gewährt. Damit stellte das AGB eine wichtige juristische Garantie für die (formale) Gleichberechtigung dar, die sich in speziellen Schutzrechten<194> und in der


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besonderen Förderung<195> von Frauen niederschlugen. Diese ”Mehrberechtigung“ (Bast; Ostner 1992) hatte jedoch, wie oben schon gezeigt und in 2.2.3.6 zusammengefaßt, enorme Konsequenzen für das (Re-)Produktion der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen.

Der in den 70er Jahren eingeschlagene Weg der Frauenpolitik als Familienpolitik, der neben der unveränderten Orientierung auf weibliche Vollbeschäftigung zunehmend die Familie unter bevölkerungspolitischen Aspekten zum Gegenstand staatlicher Politik bestimmte, wurde auch in den 80er Jahren fortgesetzt. Dabei wurde, seit Beginn der 80er Jahre verstärkt, das Leitbild der Familie mit 3 Kindern propagiert, die dementsprechend auch besondere Förderung<196> erfuhr. Aber auch die sozialpolitischen Maßnahmen für Ein- und Zwei-Kind-Familien wurden ausgeweitet: Ab 1986 konnte bereits nach der Geburt des ersten Kindes das Babyjahr in Anspruch genommen werden. Außerdem wurde mit dieser


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Neuregelung der Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert: erstmals konnten in begründeten Fällen nun auch der Ehemann oder die Großmutter das Babyjahr beantragen. Zusätzlich konnten ab 1986 Mütter mit zwei Kindern eine bezahlte Freistellung zur Pflege ihrer erkrankten Kinder in Anspruch nehmen, die auch dem Ehemann gewährt wurde, “wenn die berufliche Entwicklung der Frau es erfordert“ (Trappe, 1994, S.65).

Die Ausweitung von Freistellungsregelungen auch auf den (Ehe-)Mann erwiesen sich jedoch als halbherzig, da sie nicht selbstverständliches Recht, sondern lediglich Möglichkeit sind, die an besondere Bedingungen und Umstände gebunden waren. Die egalitäre Beteiligung der Ehepartner an Familienaufgaben bzw. die subjektiv möglicherweise gewünschte ‘Verkehrung’ der Arbeitsteilung wurde nicht von den Partnern allein, sondern von Instanzen gefällt, die über die Plausibilität begründeter Fälle entschieden. Im Unterschied zur BRD, wo der Staat die Regelung der innerfamilialen Arbeitsteilung den Partnern individuell überließ, kam in der DDR ein staatlicher Patriarchalismus zum tragen, der sich in der Definitionsmacht äußerte, die jeweiligen Tätigkeitsfelder den Geschlechtern zuzuweisen und nur in Ausnahmen Abweichungen erlaubte. Die Erweiterung von Wahlmöglichkeiten der Geschlechter erwies sich unter der Normalitätsannahme, daß es die Frauen sind, die die Erziehung und Betreuung der Kinder übernehmen, als stark begrenzt.

Frauenpolitik ab 1972 läßt sich resümierend als Familienpolitik beschreiben, die klaren bevölkerungspolitischen Zielsetzungen unterlag.

2.2.3.6. Zusammenfassung: Patriarchat versus Geschlechtergleichheit in der DDR

Wie in den letzten Abschnitten deutlich wurde, hatte die Umsetzung der Gleichberechtigung während der 40jährigen DDR-Geschichte zwar große Fortschritte gemacht, vollständig erreicht werden konnte sie jedoch auch in diesem Teil Deutschlands nicht. Ausschlaggebend für die nur unvollständige Umsetzung der Geschlechtergleichheit war die verkürzte Auffassung von Gleichberechtigung, die sich im wesentlichen auf die Integration der Frauen in den Prozeß der Erwerbsarbeit beschränkte. In Anknüpfung an die


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Traditionen der Arbeiter- und frühen Frauenbewegung, die die Befreiung der Frauen aus häuslicher Enge und Abhängigkeit zur Grundlage ihrer Gleichberechtigung bestimmte, wurde diese Grundlage zum nahezu ausschließlichen Merkmal der Geschlechtergleichheit umdefiniert. Demzufolge stellte die Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsprozeß den Schwerpunkt aller hier untersuchten Phasen in der DDR-Frauenpolitik dar. Jenseits dieser Gemeinsamkeit kam es während der 40 Jahre DDR-Geschichte durchaus zu Modifikationen in der auf Frauen gerichteten Politik.

So wurde die Frauenarbeitspolitik der ersten beiden Phasen (1949-1957) schon recht früh um Bildungspolitik erweitert. In Anerkennung der Tatsache, daß Erwerbsarbeit allein nicht zur gleichberechtigten Teilnahme der Frauen im Arbeitsprozeß führt - zu groß waren die Unterschiede im Bildungsniveau und damit in den Einsatzmöglichkeiten - wurde in den späten 50er und frühen 60er Jahren eine breite Qualifizierungsoffensive durchgeführt, die auf die Angleichung der Bildungsniveaus der Geschlechter zielte.

Frauenarbeit und -bildung stellten die wesentlichen Ziele der ersten drei Etappen der Frauenpolitik der SBZ und der DDR und damit die progressivsten Phasen derselben im Sinne der Geschlechteregalität dar. Hier wurden die konsequentesten Schritte gegen die Benachteiligung der Frauen im Arbeitsprozeß mit dem Ergebnis der Angleichung männlicher und weiblicher Qualifikationsniveaus und Beschäftigtenquoten unternommen. Die aus diesen Angleichungsprozessen abgeleitete Annahme tatsächlich erreichter Gleichberechtigung verstellte jedoch den Blick auf weiter existierende Benachteiligungen und Ungleichheiten, die sich aus dem zweiten Lebensbereich der Frauen ergaben: der Familie.

Auch wenn die Familie während der ersten Phasen der DDR-Familienpolitik nicht in deren Blickfeld rückte, machen die wenigen Maßnahmen, die zur Erleichterung weiblicher Erwerbsarbeit verabschiedet wurden, deutlich, daß die Zuständigkeit der Frauen für die Familie weiterhin vorausgesetzt wurde. Indem während der ersten Phasen die Vereinbarung von Beruf und Familie allein dem Geschick der Frauen überlassen war und dessen Nicht-Gelingen als individuelles Fehlverhalten gedeutet wurde, gerieten die strukturellen Benachteiligungen, die sich aus der Doppelbelastung der Frauen ergaben, aus dem Blick.

Erst mit dem Rückgang der Geburtenzahlen bei gleichzeitig steigenden Scheidungsquoten geriet die ‘Tatsache Familie’ und damit das Vereinbarkeitsdilemma ins Visier der Politik.


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Ohne von den Bestrebungen der vollständigen Integration der Frauen in den Erwerbsarbeitsbereich abzurücken, wurden nun verstärkt sozialpolitische Maßnahmen verabschiedet, die die Vereinbarkeit beider Lebensbereiche erleichtern sollten.

Dazu gehörte auch die gerechtere Arbeitsteilung in der Familie, die mit dem Familiengesetzbuch von 1965 formal-rechtlich geregelt wurde. Die darin enthaltenen Paragraphen zu gleichen Rechten und Pflichten der Ehepartner für Haushalt und Kindererziehung stellten wiederum einen Beweis für das formale Verständnis von Geschlechtergleichberechtigung dar, die mittels hoher Erwerbsbeteiligung, formal gleicher Qualifikation sowie formalrechtlicher Festlegung der innerfamilialen Arbeitsteilung erreicht schien. Die Erklärung gemeinsamer Zuständigkeit der Ehepartner für die Familie und die Kinder kann dennoch als durchaus ernstgemeinter Versuch, die Gleichberechtigung auch im familialen Bereich umzusetzen, gewertet werden.

Andererseits verweisen diese formalen Zuschreibungsprozesse auch auf das Politikverständnis der DDR. Politik für Frauen - nicht von Frauen - schien zu wissen, was die Frauen wünschten, mittels welcher Maßnahmen ihre Orientierungen auf Beruf und Familie umzusetzen waren. Noch weniger als in der Bundesrepublik war die Rechtssituation von Frauen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung; unter dem Diktum der erreichten Gleichberechtigung erschienen Fragen nach der (Re-)Produktion von Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen, nach dem Überleben patriarchaler Strukturen überflüssig, ja unerwünscht. Demzufolge hatte es eine öffentliche Diskussion über die Frauen- und Familienpolitik, deren patriarchal-paternalistischer Charakter sich in seiner ganzen Breite und Tiefe erst im Nachhinein offenbarte, innerhalb der SED in der DDR nie gegeben (Helwig 1993). Dabei implizierte nach Dölling (1993a) schon die in der Verfassung der DDR programmatisch formulierte Gleichberechtigung und Gleichheit von Frau und Mann eine Hierarchie der Geschlechter, indem die ”Lösung der Frauenfrage“ und nicht die Emanzipation der Geschlechter das Ziel staatlicher Politik war. Dabei hatte die ”fürsorglich bevormundende Zuteilung von Ressourcen durch ”Vater Staat“ zur Verbesserung der Situation der Frauen“ (ebenda:50) durchaus zu positiven Effekten geführt: dem Herauslösen der Frauen aus privat-patriarchalischen Abhängigkeitsverhältnissen durch die Möglichkeit (und Wirklichkeit) eigener


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Existenzsicherung. Allerdings hatte diese Politik nicht die Beseitigung patriarchaler Strukturen, sondern lediglich eine Verschiebung bewirkt: indem die traditionale Abhängigkeit der Frauen von einem Ernährer und Beschützer vom Ehemann auf eine Institution, den paternalistischen Staat<197>, überging (ebenda). Die DDR stellt sich - retrospektiv - als patriarchale Gesellschaft dar, in der jedoch - im Unterschied zur BRD - der gesellschaftliche den privaten Patriarchalismus dominierte, und die DDR als paternalistischen Staat kennzeichnet.

Die Geschlechter waren also auch in der DDR sozial Ungleiche geblieben: die ”Modernisierungsvorsprünge“ (Geißler 1992b), die hohe Frauenerwerbsbeteiligung und die aus ihr erwachsende ökonomische Unabhängigkeit hatte auf der Seite der Frauen zu Doppel- und Dreifachbelastungen geführt, die wiederum Rückwirkungen auf ihre Einbeziehung in den Erwerbsarbeitsprozeß zeitigten und sie hier als Ungleiche in ‘traditionellem’ Sinne: hinsichtlich Einkommen, beruflicher Position sowie Macht und Prestige erscheinen ließen (siehe 2.3). Aller Gleichheitsrhetorik zum Trotz war neben der nahezu vollständigen Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsprozeß die verstärkte Einbeziehung der Männer in den Bereich der Familie nicht gelungen; die traditionale Arbeitsteilung stellt sich quasi ‘unter der Hand’ und trotz hoher Erwerbsbeteiligung der Frauen immer wieder her (2.2.4.1). Die Anstrengungen der DDR haben der Reproduktion der Geschlechterungleichheit - ob gewollt oder nicht - wenig entgegengesetzt.

Doch was bedeutet die Erkenntnis, daß in beiden deutschen Staaten patriarchalische Abhängigkeitsverhältnisse - wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen - fortwirkten?


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2.2.4. Schlußfolgerungen: Patriarchalismus in den deutsch-deutschen Geschlechterverhältnissen

Wie die Darstellungen der letzten Abschnitte ergeben haben, sind Frauen und Männer - trotz aller formalen Gleichstellungsbemühungen - in beiden deutschen Staaten Ungleiche geblieben. Es hat sich gezeigt, daß Rechtsgleichheit für sich genommen noch keine gleichen Lebensbedingungen schafft (Cordes 1996); formal gleiches Recht produziert, wird es an ungleiche Bedingungen und Personen angelegt, wieder nur Ungleichheit (Berghahn 1993). Es ist deutlich geworden, daß die im Grundgesetz der BRD und Verfassung der DDR festgeschriebene Gleichberechtigung, wird sie als formaler Rechtsanspruch über jahrhundertealte Geschlechterverhältnisse gelegt, die mit dem Übergang zur industriell-kapitalistischen Produktionsweise in der Verabsolutierung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auf die Spitze getrieben werden, nicht in der Lage sind, Ungleichheiten aufzuheben.

Die Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die sich schon vor der Gründung beider Staaten vollzogen hatte und sich in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und in Machtungleichgewichten äußert (Cordes 1996), ist keinem der Staaten wirklich aufgehoben worden. Die Zuschreibung der Familientätigkeiten zur Frau ließ sich (wenn auch expliziter in der BRD) in beiden deutschen Staaten ausmachen. Trotz unterschiedlicher rechtlich-politischer Gestaltung der Geschlechterverhältnisse läßt sich die durchgängige Verknüpfung von Frauen- und Familienfragen als Ausdruck anhaltender Fixierung auf die geschlechtsspezifische (‘traditionale’) Arbeitsteilung bestimmen (Helwig 1993).

Trotz dieser Gemeinsamkeiten lassen sich auch deutliche Unterschiede ausmachen, die sich als ”Gleichstellungsvorsprung“ der DDR (Geißler 1992b) kennzeichnen lassen. Während in der Bundesrepublik über die Formulierung der Gleichberechtigung hinaus nie wirklich ernsthafte Anstrengungen unternommen worden sind, den Gleichberechtigungsanspruch auch konkret umzusetzen<198>, hatte die DDR zumindest formal den gleichberechtigten


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Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen (insbesondere der Erwerbsarbeit) sowie die gemeinsame Verantwortung der Geschlechter für den reproduktiven Bereich postuliert. Waren die Frauen in der Bundesrepublik ‘Manövriermasse’ am Arbeitsmarkt, deren Einbeziehung bzw. Ausgrenzung den Konjunkturzyklen folgte und sich in den entsprechenden politischen Bemühungen um die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit oder der Orientierung an ‘Mütterlichkeit’ niederschlug, war die weibliche Vollzeiterwerbsarbeit in der DDR während ihrer gesamten Existenz ein vordergründiges Ziel. Dennoch ist unverkennbar, daß dieses Ziel nicht (nur) um der Gleichberechtigung willen, sondern (auch) unter dem ökonomischen Diktat permanenter Arbeitskräfteknappheit verfolgt wurde.

Die eindrucksvolle Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen Frauen, die als Beweis erreichter Gleichberechtigung und Überlegenheit des Sozialismus herangezogen wurde, versperrt jedoch leicht den Blick auf die sich ‘unter der Hand’ reproduzierenden Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen. Die sich ab Anfang der 70er Jahre verstärkende Aufmerksamkeit auf den Familienbereich, hervorgerufen durch die sich abzeichnenden Schwierigkeiten der Vereinbarung mit dem Erwerbsleben - die sich durch Teilzeitarbeit der Frauen und sinkende Geburten offenbarten - ergab in der Konsequenz aller sozialpolitischen Maßnahmen die erneute Verpflichtung der Frauen auf die Familienarbeit. Die Adressierung immer neuer Maßnahmen zur Vereinbarung von Beruf und Mutterschaft<199> bereiteten den durchaus ernstgemeinten Bemühungen der ersten Jahrzehnte, die Geschlechterverhältnisse auch bezüglich des Reproduktionsbereiches durch die Bestimmung der Zuständigkeit beider Partner zu egalisieren, ein schnelles Ende.

Zwar werden die Frauen der DDR durch ihre Erwerbsarbeit von den privat-patriarchalen Abhängigkeiten vom Ehemann befreit, aber nur um den Preis, sich dem gesellschaftlichen Patriarchalismus des ‘Vater Staat’ zu unterwerfen. Der paternalistische Staat der DDR, der den Frauen Rechte einräumt, die von diesen nie erkämpft, ja nicht einmal öffentlich


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diskutiert wurden (Berghahn 1993), erzeugte die patriarchale Abhängigkeit der Frauen vom Staat, die sich als ebenso unausweichlich wie die privatpatriarchale Abhängigkeit erwies, die in der Bundesrepublik bis heute für viele Frauen auszumachen ist.

Frauen und Männer sind - so läßt sich resümieren, trotz der je spezifischen Unterschiede, in beiden deutschen Staaten Ungleiche geblieben. Dabei unterscheidet sich nur die Art, nicht jedoch die Tatsache patriarchaler Verhältnisse: Während in der BRD das privat-patriarchale Abhängigkeitsverhältnis dominiert, ist es in der DDR der gesellschaftliche Patriarchalismus in Form des paternalistischen Staates.

Der Patriarchalismus, der sich in der geschlechtsspezifischen Zuschreibung bestimmter Arbeitsbereiche äußert, verlängert sich über den Familienbereich hinaus auch in die Erwerbssphäre. Die weitgehend ungebrochene Zuständigkeit der Frauen für den Bereich der Hausarbeit und Kindererziehung hat Auswirkungen auf die Art ihrer Erwerbsbeteiligung und dementsprechend auf berufliche Positionen, Einkommen, Macht und Prestige (siehe 2.3). Daß der Patriarchalismus in den Geschlechterverhältnissen die Ungleichheit im Erwerbsbereich als ‘klassischer’ Sphäre sozialer Ungleichheit ganz wesentlich beeinflußt und sich in den o.g. Merkmalen ‘klassischer’ Ungleichheit niederschlägt, werde ich im folgenden darstellen.

Doch zuvor erfolgt die Beschreibung der gesellschaftlichen und privaten Arbeitsteilung der Geschlechter, die als Ausdruck patriarchaler Geschlechterverhältnisse bestimmt wurde.

2.2.4.1. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als Strukturmerkmal patriarchaler Gesellschaften

Wie die Analyse der letzten Abschnitte ergab, ist der Patriarchalismus als Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen in beiden deutschen Staaten zwar modifiziert, aber nicht aufgehoben worden. Deutlich wird das u.a. an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die Männern und Frauen je spezifische ”Haupt- und Nebenfunktionen“ (Gysi; Meyer 1993) zuweist. Während die Frauen hauptsächlich für den Familienbereich (DDR und BRD) verantwortlich sind, sind es die Männer hauptsächlich für den Erwerbsbereich (verstärkt in


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der BRD). Diese, im Zusammenhang mit der Industrialisierung entstandene, Arbeitsteilung (siehe 1.2) ist in ihren Modifikationen implizit bereits Gegenstand der vorangegangenen Kapitel gewesen. Im folgenden soll es darum gehen, die - behauptete - Stabilität dieser Arbeitsteilung nachzuweisen und damit die Ursache der ‘doppelten Ungleichheit’ aufzudecken, die - so die Hauptthese dieser Arbeit - in beiden deutschen Staaten strukturdominant ist. Dabei ist die (Veränderung der) Arbeitsteilung in beide Richtungen: in bezug auf den Bereich der Erwerbsarbeit und in bezug auf die Hausarbeit und Kindererziehung zu untersuchen.

In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Entwicklung weiblicher Erwerbsbeteiligung nachzuzeichnen (Vgl. Tabelle 9).

Tabelle 9: Die Entwicklung der Frauenerwerbsquote in der BRD und der DDR zwischen 1955 und 1989/90 ( in %)


Frauenerwerbsquote (in%)


BRD

DDR

1960/1955*

49,0

52,5

1970

46,2

66,1

1980

50,2

73,2

1989

55,5

78,1

* in der DDR

Quelle: Gottschall (1989:18); Maier (1993b) und Frauenreport´90 (1990:63)

Wie die Tabelle verdeutlicht, ist der Anteil der Erwerbstätigen an allen Frauen im arbeitsfähigen Alter zwar in beiden deutschen Staaten, jedoch wesentlich stärker in der DDR gestiegen. Die nur unwesentliche Steigerung der Erwerbsquote in der Bundesrepublik ist ebenso wie die erhebliche Zunahme weiblicher Erwerbsarbeit in der DDR vor dem Hintergrund der Ausführungen der letzten Abschnitte verständlich: während in der Bundesrepublik kaum ernstzunehmende Bemühungen um die gleichberechtigte Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsprozeß erfolgten, spielte die Erhöhung weiblicher Erwerbsbeteiligung in der DDR während ihrer gesamten Existenz eine dominante Rolle innerhalb der Frauenpolitik. Die wesentlichen Ursachen dieser ungleichen Bestrebungen, Frauen für die Erwerbsarbeit zu gewinnen, liegen zum einen in den unterschiedlichen


145

Auffassungen von Gleichberechtigung und zum anderen im wirtschaftlichen System. Die Bundesrepublik, deren Arbeitskräfteallokation im wesentlichen über den Arbeitsmarkt geregelt wird, mußte seit den 70er, verstärkt seit den 80er Jahren Abschied von der Vollbeschäftigung nehmen. Das Anwachsen von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung führte u.a. dazu, die Frauen über Konzepte der ‘Mütterlichkeit’ wieder verstärkt für den Familienbereich zu gewinnen und damit den Arbeitsmarkt teilweise zu entlasten. Im Unterschied dazu machte die auf extensives Wachstum bauende, im Hinblick auf Technik und Produktivitätsentwicklung rückständige DDR-Wirtschaft die Einbeziehung aller Erwerbspersonen zur ökonomischen Notwendigkeit (Schäfgen; Spellerberg 1996).

Die dennoch sichtbare Tendenz der Erhöhung weiblicher Erwerbsbeteiligung, die die partielle Aufhebung der starren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung nahelegt, soll im weiteren differenzierter, d.h. unter Berücksichtigung der Teilzeitbeschäftigung, betrachtet werden.

Tabelle 10: Die Entwicklung der Teilzeitarbeit der Frauen<200> in der BRD und der DDR von 1960 bis 1989 (in %)


Teilzeitquoten von beschäftigten Arbeitnehmerinnen (in%)


BRD

DDR

1960

8,6

14,9

1965

16,4

25,7

1970

24,4

31,8

1975

29,5

32,6

1980

29,0

29,4

1983/1985*

32,0

27,4

1989

33,5*

27,1

Quellen: Gensior (1988), *Figge et al (1991) und Frauenreport´90 (1990:83)

Wie diese Tabelle verdeutlicht, hat sich die Teilzeitarbeit in der DDR und der Bundesrepublik ganz unterschiedlich entwickelt. Während sie in der Bundesrepublik kontinuierlich stieg, ist sie in der DDR bis Mitte der 70er Jahre gestiegen und dann wieder


146

leicht gefallen. Insbesondere an der Entwicklung in der DDR wird der Zusammenhang zwischen Frauenpolitik und Erwerbsbeteiligung deutlich. Stand bis in die 70er Jahre die Mobilisierung aller Arbeitskräfte (und insbesondere der verheirateten Frauen, die sich als letzte Bevölkerungsgruppe einer Rekrutierung als Arbeitskräfte widersetzen konnte) in der DDR im Vordergrund, und wurde dieses Ziel über die Einrichtung von Teilzeitmöglichkeiten im wesentlichen auch erreicht, richteten sich die politischen Bestrebungen der folgenden Jahren auf den Rückgang der Teilzeitarbeit. Im Unterschied dazu kann für die Bundesrepublik festgestellt werden, daß die Zunahme weiblicher Erwerbsbeteiligung, insbesondere seit den 70er Jahren, im wesentlichen auf die Ausweitung der Teilzeitarbeitsmöglichkeiten zurückzuführen ist.

Trotz des relativ hohen Anteils teilzeiterwerbstätiger Frauen in beiden deutschen Staaten verbergen sich ganz unterschiedliche Arbeitszeitarrangements hinter dem Begriff ”Teilzeitarbeit“. So arbeitete die Hauptgruppe der teilzeitbeschäftigten Frauen (fast 60%) in der DDR 1989 zwischen 25 und 35 Wochenstunden; mehr als 35 Wochenstunden arbeiteten weitere 20%; die Gruppe von Frauen, die weniger als 25 Wochenstunden arbeitete betrug also gerade 20%<201> und hat kontinuierlich abgenommen (Frauenreport´90). In der Bundesrepublik<202> arbeiteten dagegen 1993 68% der teilzeitbeschäftigten Frauen mehr als 20, aber unter 35 Wochenstunden, weitere 19% unter 20 Wochenstunden und noch einmal 13% ohne feste Stundenzahl (unregelmäßig) (Wohlfahrtssurvey 1993).


147

Wie die erheblich höhere weibliche Erwerbsquote - bei gleichzeitig niedrigerem Anteil von Teilzeitbeschäftigten mit vergleichsweise hoher Wochenstundenarbeit - verdeutlicht, ist der Gleichberechtigungsanspruch der DDR, beiden Geschlechtern den Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen, zumindest in Bezug auf die Erwerbsarbeit, umgesetzt worden. Zugleich verweist die relativ hohe Quote der Teilzeitbeschäftigung, die auch in der DDR nahezu ausschließlich der Beschäftigung von Frauen galt, auf die Probleme weiblicher Erwerbsarbeit, die sich aus der Vereinbarung zweier - ehemals getrennter - Arbeitsbereiche: der Familie und der Erwerbsarbeit ergeben. Denn im Unterschied zur Bundesrepublik, in der die Ausweitung der Teilzeitarbeit auf das Interesse der Arbeitgeber<203> und Arbeitnehmer<204> trifft, orientierte die DDR auf die Vollbeschäftigung und genehmigte Teilzeitarbeit nur unter bestimmten Voraussetzungen, so daß der Teilzeitwunsch der Frauen wesentlich über der tatsächlichen Teilzeitquote lag (Frauenreport´90).

Teilzeitarbeit erweist sich somit in beiden deutschen Staaten als Versuch der Frauen, den widersprüchlichen Anforderungen beider Arbeitsbereiche zu genügen, denen Männer nicht in gleichem Maße unterliegen. Verstärkt wird das Vereinbarkeitsproblem noch durch die mangelnde Ausstattung mit außerhäuslichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Während sich in der DDR ein flächendeckendes Netz<205> von Kinderbetreuungseinrichtungen entwickelt hatte, war es in der Bundesrepublik nur unzureichend<206> und regional sehr


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unterschiedlich<207> ausgeprägt. Diesen verschiedenen Ausstattungsgraden entspricht subjektiv eine sehr unterschiedliche Einschätzung außerhäuslicher Kinderbetreuung: während in der DDR Frauen (und Männer) der Betreuung von Vorschulkindern in Kindergärten und -krippen sehr aufgeschlossen gegenüber stehen, bezeichnet die Mehrheit der bundesdeutschen Befragten die Erwerbsarbeit der Mütter als schädlich für Vorschulkinder und lehnt damit Kindergärten und -krippen in hohem Maße ab (Schäfgen; Spellerberg 1996).

Das Aufbrechen der starren geschlechtstypischen Arbeitsteilung, die die Frauen in der Vergangenheit für den Bereich der Familie verpflichtete und die sich in der steigenden Erwerbsbeteiligung der Frauen (ob in Voll- oder Teilzeit) offenbart, soll nun nach der zweiten Seite: der Arbeit im Reproduktionsbereich untersucht werden. Hat die Erweiterung der Frauenrolle um den Erwerbsbereich auch zur Erweiterung der Männerrolle geführt? Wie stellt sich die - zumindest in der DDR - rechtlich fixierte Zuständigkeit beider Partner für die Hausarbeit und Kinderbetreuung tatsächlich dar? Erst die Beantwortung dieser Fragen ermöglicht die Einschätzung des Grades erreichter Gleichberechtigung bzw. der Überlebensfähigkeit patriarchaler Strukturen.


149

Tabelle 11: Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau in den Familien der BRD und DDR

Es werden überwiegend1 von Frauen erledigt (in Prozent der befragten Personen)


BRD

DDR


alle Ehepaare/Partner*

berufstätige Ehepaare**

alle Familien ***

Waschen

90

85 (91)2

79 (67)2

Zubereiten der Mahlzeiten

88

72 (84)

52 (43)

Saubermachen

80

64 (74)

59 (50)

Geschirrspülen

71

60 (66)

36 (22)

Einkaufen

75

42 (43)

-****

Kinder betreuen3

58

-

-

mit Kindern lernen

-

-

29

Kinder bei Krankheit pflegen

-

-

78

1 Die Antwortvorgaben der drei Studien variieren leicht: in der DDR hieß es ”überwiegend“, in der Bundesrepublik bei allen Ehepaaren ”in der Regel“ und bei den berufstätigen Ehepaaren ”zur Hauptsache“

2 Die Prozentzahl ohne Klammer bezieht sich auf die Angaben der befragten Frauen, in Klammern stehen die befragten Männer.

3 In der Studie von 1983 heißt die Kategorie ”Beaufsichtigung der Kinder“

* Die Studie wurde 1983 über 477 Personen erhoben

** Die Studie wurde 1985 über 1320 Personen erhoben

*** Die Studie wurde 1988 erstellt

**** Keine Angaben verfügbar.

Quelle: Geißler (1992a:256)

Wie aus dieser Tabelle hervorgeht, ist die Hausarbeit im engeren Sinne (Reinigung, Mahlzeiten sowie Kinderbetreuung) immer noch mehrheitlich ein Arbeitsfeld für Frauen, unabhängig davon, ob die Frauen selbst erwerbstätig sind oder nicht. Jenseits dieser Gemeinsamkeiten lassen sich jedoch auch deutliche Unterschiede einerseits zwischen den beiden deutschen Staaten wie auch innerhalb der Bundesrepublik entsprechend des Erwerbsstatus der Frau sowie andererseits hinsichtlich der einzelnen Hausarbeitsbereiche ausmachen. Im Vergleich zur Bundesrepublik hatte die Arbeitsteilung der Geschlechter im Haushalt in der DDR ein relativ hohes Niveau erreicht, fühlte sich die Mehrheit der Männer für die Erledigung der Hausarbeit mit verantwortlich (Frauenreport´90). Trotz des stärkeren Abbaus geschlechtsspezifischer Rollentrennung in der DDR (Geißler 1992a) wurden auch hier drei Viertel der Hausarbeit von den Frauen erledigt (Nickel 1993). Die wöchentliche Hausarbeit, die nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 45 bis 47 Stunden<208> beanspruchte und zum größten Teil durch die Frauen erbracht wurde, bedeutete


150

für die zumeist vollzeiterwerbstätigen Frauen das Absolvieren einer ‘zweiten Schicht’, die zu einer permanenten Überlastung führte. In der Bundesrepublik erweist sich die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern als sehr viel traditionaler; selbst bei Erwerbstätigkeit seiner Frau läßt sich der bundesdeutsche Ehemann kaum zu einer verstärkten Mithilfe im Haushalt bewegen (Geißler 1992a).

Jedoch ist in beiden Gesellschaften in den höheren Schichten und jüngeren Generationen die Abkehr von der traditionalen Arbeitsteilung und damit von der starren Rollentrennung zu beobachten (ebenda).

Innerhalb der Hausarbeit wiederum lassen sich - in beiden deutschen Staaten auf ähnliche Weise - eindeutige Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Art der Hausarbeit ausmachen: Wie die Tabelle verdeutlicht, sind die Frauen insbesondere für die permanent anfallenden Arbeiten innerhalb der Wohnung (Reinigen und Kochen) zuständig, während Männer sich insbesondere für die unregelmäßig auftretenden Arbeiten außerhalb des Hauses (Garten, Auto, Reparaturen) zuständig fühlen (Frauenreport´90; Hartenstein et al 1988). Am weitesten sind die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen in der Erziehung und Betreuung von Kindern aufgehoben: hier ist männliche Beteiligung an der Hausarbeit in beiden deutschen Staaten am größten. Aber auch in diesem Bereich bezieht sich die Beteiligung der Väter an der Betreuung und Erziehung der Kinder auf bestimmte Tätigkeiten: ”Am stärksten engagieren sich Väter noch beim Spielen mit dem Kind und beim Spazierengehen, wohingegen Tätigkeiten wie Hausaufgabenbetreuung und Wickeln und Füttern nur von einer Minderheit der Väter praktiziert werden, von Arbeiten wie Waschen, Putzen, Bügeln ganz zu schweigen...“ (Beck-Gernsheim 1993:62). Zudem zieht die verstärkte Beteiligung der Väter an der Kindererziehung ihren Rückzug aus anderen Hausarbeitsbereichen (Hartenstein et al 1988) sowie (in der BRD) häufig die Erhöhung der Erwerbsarbeitszeit (Fthenakis; Griebel 1993) nach sich. Offensichtlich gelingt es Männern beider deutscher Staaten, sich die ”Rosinen aus dem familialen Kuchen“ (Beck-Gernsheim 1993:61) herauszupicken und den Rest der Hausarbeit den Frauen zu überlassen.


151

Insgesamt läßt sich festhalten, daß Männer, wie Untersuchungen<209> ergeben haben, zwar durchaus bereit sind, Forderungen der Frauen nach einem Rollenwandel ‘im Prinzip’ anzuerkennen, allerdings zögerlicher, mit mehr Einschränkungen und widerstrebender, wenn es um deren Umsetzung - die eigene Beteiligung an der Hausarbeit - geht (Beck-Gernsheim 1993). Doch auch wenn die Beteiligung der Männer, insbesondere in der jüngeren Generation, an der Hausarbeit zunimmt, ruht die Hauptlast der Familienarbeit immer noch auf den Schultern der Frauen - unabhängig davon, ob und in welchem Umfang sie erwerbstätig sind (Simm 1989).

Wie die Analysen zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in Erwerbs- und Hausarbeit, die die Basis moderner patriarchaler Geschlechterverhältnisse bilden, ergeben haben, ist zwar Bewegung in das starre traditionale Arbeitsteilungsarrangement gekommen, das Eindringen der Frauen in den Erwerbsbereich ist jedoch nicht von einem gleichwertigen Engagement der Männer im Hausarbeitsbereich begleitet. Die Auflösung der starren Arbeitsteilung erfolgt demzufolge nur in einer Richtung: die zunehmende Integration der Frauen in den Erwerbsarbeitsbereich. Der Hausarbeitsbereich hingegen bleibt als traditionaler Arbeitsbereich, aufgelockert allenfalls im Bereich der Kinderbetreuung und -erziehung, im wesentlichen den Frauen allein überlassen. Damit hat sich die traditionale Arbeitsteilung insofern verändert, als die Frauen nun in zwei Arbeitsbereichen: Beruf und Familie, die Männern hingegen traditional weiterhin ‘nur’ im Beruf wirken (können).

Ohne die Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung der Frauen in beiden deutschen Staaten und die mit ihr einhergehende unterschiedliche Beteiligung der Männer an der Hausarbeit negieren, den Gleichstellungsvorsprung der Frauen in der DDR ‘kleinreden’ zu wollen, hat die in beiden deutschen Staaten nicht-gleichberechtigte Einbeziehung der Männer in die Hausarbeit wiederum enorme Konsequenzen für die Überwindung der Geschlechtertrennung in der Erwerbsarbeitssphäre. So erscheint die Verbindung von Beruf und Familie für einen großen Teil der Frauen in beiden deutschen Staaten nur über Teilzeitarbeit möglich zu sein - mit allen ihren in Bezug auf Einkommen, Qualifikation und


152

berufliche Entwicklung (siehe 2.3) nachteiligen Konsequenzen, die wiederum die patriarchale Abhängigkeit - wenn auch quasi gemildert - reproduzieren. Doch auch die vollzeiterwerbstätigen Frauen, insbesondere in der DDR, unterliegen weiterhin - wie oben dargestellt - einem paternalistischem Patriarchalismus, indem erst der Staat über seine sozialpolitischen Maßnahmen den Rahmen schafft, in dem weibliche (Vollzeit-)Erwerbsarbeit möglich ist.

Die mangelnde Einbeziehung der Männer in den Bereich der Hausarbeit, die politisch nicht gewünscht (BRD) bzw. nicht gefördert (DDR) wurde und damit die geschlechtliche Arbeitsteilung (auf veränderter Grundlage) reproduziert, bildet die eigentliche Grundlage der Reproduktion patriarchaler Strukturen und der Ungleichheit der Geschlechter.

Das Überleben der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen, die als eine Seite des ‘doppelten Ungleichheitsverhältnisses’ ausgemacht wurde, wird im folgenden in seiner Verschränkung mit der ‘klassischen’ Struktur sozialer Ungleichheit analysiert, die die ‘doppelte Ungleichheit’ der Frauen sichtbar macht. Die vermutete Ähnlichkeit der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit in beiden Staaten kann dann einen Schlüssel zur Erklärung der spezifischen Risiken bestimmter Bevölkerungsgruppen (Frauen geringer Qualifizierte) darstellen, die sich nach dem Zusammenbruch der DDR auf so drastische Weise offenbarten.

2.3. Fazit: ‘Doppelte Ungleichheit’ in der Sozialstruktur und in den Geschlechterverhältnissen

Die Ausführungen zur Entstehung und Entwicklung der ‘klassischen’ Sozialstruktur und der Geschlechterverhältnisse haben ergeben, das sich beide als Ungleichheitsverhältnisse darstellen lassen. Wenn auch über unterschiedliche Bedingungen und Ursachen: hier im wesentlichen über die unterschiedlichen beruflichen Positionen und in deren Folge über unterschiedliche Einkommens- und Machtverhältnisse, dort über Patriarchalismus und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, bedeuten sie für die jeweils betrachteten Bevölkerungsgruppen ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu allgemein begehrten


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Ressourcen. Die festgestellte Ungleichheit in beiden Strukturen, die sich als vertikale bestimmen lassen, soll im folgenden auf ihre wechselseitige Verstärkung bzw. Abschwächung hin analysiert werden. Das bedeutet, daß die bisher isoliert voneinander analysierten Seiten der ‘Doppelstruktur’ nunmehr zusammengeführt und hinsichtlich ihrer Durchdringung thematisiert werden.

Die These, die den folgenden Analysen zugrundeliegt, lautet: Ungleichheitsverhältnisse überlagern sich in ihren Dimensionen Geschlecht und (‘klassische’) Sozialstruktur derart, daß Frauen innerhalb der - vertikal angeordneten - sozialstrukturellen Gruppierungen jeweils die unteren Positionen einnehmen, bzw. - andersherum interpretiert - daß die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen intern sozialstrukturell differenziert ist.

Die angestrebte Verbindung beider Ungleichheitsstrukturen führt allerdings zu einem wesentlichen Darstellungs-Problem: Die unterschiedliche gesellschaftliche ‘Lagerung’ beider Ungleichheitsstrukturen erschwert die Offenlegung der Verdopplung der Ungleichheit infolge ihrer Verschränkung. Denn während sich die ‘klassische’ Ungleichheitsstruktur im Erwerbsarbeitsbereich über die Triade Bildung, Beruf, Einkommen (wie unter 2.1 gezeigt) über die Verfügbarkeit von Daten, von ‘harten Fakten’ sehr gut erschließen läßt, ist die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen nur sehr schwierig darstellbar, da sie im wesentlichen außerhalb der Erwerbssphäre angesiedelt ist. Die Auswirkungen der Trennung von Berufs- und Hausarbeit, die die Grundlage moderner patriarchaler Verhältnisse darstellt, lassen sich in ihrer Ungleichheit generierenden Wirkung nur vermittelt erschließen. Eine Möglichkeit stellte die unter 2.2.4.1 nachgewiesene ungleiche Teilhabe der Geschlechter an beiden Arbeitsbereichen dar.

Die Schwierigkeiten, die sich für die Darstellung der Verdopplung der Ungleichheitsverhältnisse ergibt, erfordern für die folgenden Analysen die Beschränkung auf erwerbstätige Frauen. Deren Ungleichheit qua Geschlecht und sozialstruktureller Position wird Gegenstand der weiteren Darstellung sein. Diese Einschränkung erweist sich auch wegen der Datenlage als unausweichlich: Während die Ungleichheiten der Erwerbstätigen nach Geschlecht noch relativ gut dokumentiert sind, sind über die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnisse über die unter 2.2.4 getroffenen Aussagen


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hinaus keine Daten verfügbar, die in einem Zusammenhang mit der ‘klassischen’ Struktur sozialer Ungleichheit bestehen.

Unter diesen, sich aus der Datenlage ergebenden, Einschränkungen erweist es sich für die folgende Darstellung der ‘Verdopplung’ der Ungleichheit an, diese entlang der Triade<210>: Bildung, Beruf und Einkommen zu untersuchen.

Dieses Vorgehen erfolgt jedoch ausschließlich unter dem der Zielsetzung des Nachweises der Gültigkeit der ‘doppelten Ungleichheit’ in beiden deutschen Staaten. Demzufolge dienen die in der ‘klassischen’ Sozialstrukturforschung herangezogenen Merkmale in ihrer Geschlechterdifferenzierung ausschließlich der Illustration der von mir in den vorangegangenen Kapiteln entwickelten ‘doppelten Ungleichheit’. Auf die jeweiligen Diskussionen um die Ursachen und Entwicklungen der Geschlechtertypik der o.g. Merkmale wird mit der Angabe der entsprechenden Autoren verwiesen bzw. im dritten Kapitel unter einer theoretischen Perspektive eingegangen.

Im folgenden wird in einem ersten Schritt die Entwicklung der Bildungsbeteiligung der Frauen, die die notwendige (wenn auch - wie im weiteren zu sehen sein wird - nicht hinreichende) Bedingung für die berufliche Bildung und demzufolge für die berufliche Positionierung darstellt, einer Analyse unterzogen (Vgl. Tabelle 12).


155

Tabelle 12: Die Entwicklung weiblicher (Schul-)Bildungsbeteiligung zwischen 1980 und 1989/90 in der BRD und DDR (anteil der weiblichen Schulabgänger an den Schulabgängern insgesamt) (in %)

Schulabschluß


1980

1985

1990/1989*



BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

Vollzeitschulpflicht

insges.

44,1

-**

43,7

-

43,1

-

ohne (HS1)-Abschluß


38,1

-

-

-

-

-

mit HS-Abschl/8.Klasse*


45,8

26,1

-

27,0

-

28,4

Realschulabschl/10.Klasse

insges.

55,4

46,6

55,0

45,5

52,3

43,0

allgemeinb.Schulen


54,7

-

53,9

-

52,4

-

berufl. Schulen


58,8

-

60,9

-

52,0

-

Hochschulreife

insges.

45,4

-

47,4

-

46,3

-

allgemeinb. Schulen


48,3

53,2

50,4

55,8

50,7

56,9

berufl. Schulen


38,1

39,3

39,8

34,8

37,3

32,2

* für die DDR (wobei hier nicht zwischen keinem Abschluß und 8. Klasse-Abschluß unterschieden wird)

** Keine Angaben verfügbar.

Quellen: für die BRD: Hille (1993:220) für die DDR: Statistisches Jahrbuch der DDR (1990:337)

Wie diese Tabelle verdeutlicht, ist das schulische Bildungsniveau der Mädchen in dem untersuchten Zeitraum insgesamt - wenn auch stärker noch in der DDR - gestiegen. Innerhalb dieser allgemeinen Niveauerhöhung schulischer Abschlüsse lassen sich jedoch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: Während der Anteil der Mädchen an den Schülern, die ohne Abschluß blieben bzw. den Hauptschulabschluß erreichten, im untersuchten Zeitraum leicht zurückgegangen ist (BRD) bzw. leicht zugenommen (DDR) hat, stieg ihr Anteil an weiterführenden Schulen in beiden deutschen Staaten.

Mädchen haben, so wird deutlich, die Jungen in Bezug auf die Schulbildung, die die Basis weiterer beruflicher Entwicklungen darstellt, ein- und in wesentlichen Bereichen sogar überholt. Mädchen besitzen also formal die besseren Ausgangsbedingungen für weitergehende - berufliche - Ausbildungen.

Im Übergang zum beruflichen Bildungssystem, das zugleich die ‘erste Schwelle’ der geschlechtsspezifischen Segregation darstellt und die geschlechtsspezifische


156

Orientierung<211> auf bestimmte Berufsgruppen widerspiegelt, werden die wesentlichen Grundlagen für die spätere Erwerbsbeteiligung, berufliche Entwicklung und damit für Einkommen und berufliche Positionen gelegt. Demzufolge wird in einem weiteren Schritt zu untersuchen sein, wie sich die bessere schulische Bildung der Mädchen auf ihre Beteiligung am beruflichen Bildungssystem auswirkt (Vgl. Tabelle 13).

Tabelle 13: Vergleich der höchsten Ausbildungsabschlüsse 1991 in der BRD und DDR<212> nach Geschlecht (in %)


Erwerbstätige


BRD

DDR


insges.

Frauen

Männer

insges.

Frauen

Männer

ohne qualifizierten Abschluß

Lehre/Facharbeiter

18

24

14

5

6

3

Lehre/Facharbeiter2

56

60

54

59

61

57

Fachschule3

14

7

19

23

21

25

Fachhochschule4

4

2

4

3

2

3

Universität

8

7

9

11

9

12

1 hier einbegriffen der/die Teilfacharbeiter/-in in der DDR wie auch der einjährige Berufsfachschulbesuch, das Berufsvorbereitungsjahr und ähnliches; auch ”Keine Angabe“

2 Lehrniveau: Mehrjährige Berufsfachschule, Schule für Berufe des Gesundheitswesens

3 Vor allem Fachschulen für Sozialberufe, insbesondere für Erzieher/-innen, und Fachschulen der Weiterbildung einschließlich der Meister-/Technikerausbildung, auch Berufsakademie und Beamtenausbildung im mittleren und gehobenen Dienst; im Osten auch Ingenieurschulen und Pädagogische Institute

4 Im Osten auch Ingenieurhochschule

Quelle: Damm-Rüger(1994:25)

Auffällig ist das insgesamt höhere (formale) Bildungsniveau der ehemaligen DDR: Während 1991 noch 18% aller Erwerbstätigen in der Bundesrepublik über keinen beruflichen Abschluß verfügten, waren es in der DDR gerade noch 5%. Dieses findet seinen Niederschlag auch in dem im Vergleich zur BRD höheren Bildungsniveau der Frauen in der DDR. Jenseits dieser Unterschiede lassen sich jedoch auch Gemeinsamkeiten


157

zwischen beiden Staaten hinsichtlich der Geschlechterverteilung in den unterschiedlichen beruflichen Abschlüssen feststellen: Wenn auch in der Ausprägung durchaus unterschiedlich sind die Frauen in beiden deutschen Staaten überdurchschnittlich in der Gruppe der Erwerbstätigen ohne beruflichen Abschluß sowie unterdurchschnittlich bei den höheren Bildungsabschlüssen vertreten. Diese ungleichen Verhältnisse in den Bildungsabschlüssen relativieren sich allerdings, wenn man diese nach Altersgruppen differenziert. So sank die Zahl der ohne Abschluß Beschäftigten in der Bundesrepublik von 24% (bei den ab 50- jährigen) auf 17% (bei den unter 29-jährigen); bei den Frauen von 38% (bei den ab 50-jährigen) auf 17% (bei den unter 29-jährigen). Zugleich stieg die Zahl der Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen in der Bundesrepublik insgesamt von 11% (bei den ab 50-jährigen) auf 16% (der unter 39<213>-jährigen) und bei den Frauen von 7% (bei den ab 50-jährigen) auf 13% (der unter 39-jährigen). In der DDR sank die Zahl der Beschäftigten ohne beruflichen Abschluß insgesamt von 8% (bei den ab 50-jährigen) auf 5% (bei den unter 29-jährigen), bei den Frauen von 13% (bei den ab 50-jährigen) auf 5% (bei den unter 29-jährigen). Auch hier stieg parallel die Zahl der Hochschulabsolventen insgesamt von 15% (bei den ab 50 Jährigen) auf 16% (bei den unter 39 Jährigen); bei den Frauen verdoppelte sich der Anteil von 8% (bei den ab 50 Jährigen) auf 16% (bei den unter 39 Jährigen) (Damm-Rüger 1994:28).

Insgesamt läßt sich - trotz der deutlichen Unterschiede zwischen beiden Staaten - feststellen, daß das Qualifikationsniveau insgesamt, insbesondere jedoch in der Gruppe der Frauen gestiegen ist. Dies verdeutlicht sich insbesondere an der Erhöhung des Anteils weiblicher Studierender, der in beiden deutschen Staaten während der letzten Jahrzehnte permanent gestiegen<214> ist und zumindest in der DDR 1989 fast die Hälfte aller Studierenden ausmachte.


158

Wenn auch als wesentliches Ergebnis der Bildungsanstrengungen beider deutscher Staaten in den 60er und 70er Jahren eine weitgehende Angleichung der Geschlechter bei den Schulabschlüssen - in der DDR noch wesentlich stärker als in der Bundesrepublik - stattgefunden hat, läßt sich doch feststellen, daß es Mädchen/Frauen offensichtlich nicht gleichermaßen wie Jungen/Männern gelingt, ihre besseren schulischen Abschlüsse in höhere berufliche Bildungsabschlüsse umzusetzen. Zudem verdeckt die Orientierung ausschließlich auf die formalen beruflichen Abschlüsse die weitreichenden Differenzierungen nach Geschlecht innerhalb der jeweiligen Ausbildungsfelder. Sowohl in der Lehre<215> bzw. Facharbeiterausbildung<216> wie auch in den Studiengängen in den Fachschulen<217> und an den Universitäten/Hochschulen<218> standen Frauen nur ein eingeschränktes Ausbildungsspektrum zur Verfügung bzw. wurde von ihnen gewählt (siehe Fußnoten). Diese horizontale Segregation geschlechtstypischer Erwerbsfelder, die


159

sich in beiden deutschen Staaten feststellen läßt, hat wiederum - wie im weiteren zu zeigen sein wird - Auswirkungen auf Einkommen und berufliche Entwicklungen. So erweisen sich die Mehrzahl der insbesondere von Mädchen ‘gewählten’<219> Lehr-/Facharbeiterberufe sowie Fachschulstudienrichtungen als sog. ‘Sackgassen-’ oder ‘Assistenz-’Berufe, die eine berufliche Entwicklung nicht vorsehen und die durch ein insgesamt niedrigeres Einkommen gekennzeichnet sind. Ohne im einzelnen die Diskussion um geschlechtsspezifische Arbeitsmärkte und deren patriarchalen Ungleichheitsdimensionen an dieser Stelle nachvollziehen zu wollen<220>, sollen die Auswirkungen derselben wenigstens in Ansätzen dargestellt werden. Dabei stehen entsprechend des Nachweises der ‘doppelten Ungleichheit’ insbesondere die Ungleichheiten im Einkommen und in den beruflichen Positionen im Vordergrund. Im Gegensatz zu den Annahmen der klassischen Triade: Bildung, Beruf und Einkommen, lassen sich bezüglich der Geschlechterungleichheit (auf dem Arbeitsmarkt) auch Ungleichheiten ausmachen, die sich aus der horizontalen Segregation<221> der Geschlechter auf bestimmte Branchen und Berufe ergeben. Dazu wird in der folgenden Tabelle die Verteilung der weiblichen Erwerbstätigen auf die Wirtschaftszweige in ihrer Veränderung dargestellt (Vgl. Tabelle 14).


160

Tabelle 14: Die Entwicklung weiblicher Erwerbsarbeit nach Wirtschaftszweigen (in %)


Anteil der Wirtschaftsabteilungen an der Frauenerwerbstätigkeit

Jahr

Frauen insgesamt

Land-/Forstwirtschaft Fischerei

Industrie, Baugewerbe, Handwerk

Handel

Verkehr, Post, und Nachrichten

nichtproduzierende Bereiche



BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

BRD

DDR

1966/1960*

100

15,1

17,2

33,4

38,8

17,6

16,6

2,5

5,2

31,4

22,1

1970

100

13,1

12,2

33,6

41,1

17,6

15,8

2,5

5,5

33,0

25,4

1974/1975*

100

9,6

9,7

32,5

41,5

17,9

15,3

2,9

5,7

37,0

27,7

1979/1980*

100

7,3

8,9

29,3

41,2

17,9

15,1

3,1

5,5

42,2

29,3

1985

100

5,8

8,6

25,8

40,0

17,7

15,0

3,4

5,4

47,2

31,1

1989

100

4,2

8,3

25,0

39,2

17,7

15,1

3,6

5,4

49,5

32,0

Erwerbstätige 1989 insgesamt


100

3,7

10,8

40,8

49,9

12,2

10,3

5,7

7,5

37,5

21,6

* Jahrgänge für die DDR

Quellen: Maier (1993b: 263); Statistisches Jahrbuch der DDR (1990:125 - eigene Berechnungen)

Wie diese Tabelle verdeutlicht, waren Frauen in beiden deutschen Staaten insbesondere im nichtproduzierenden Bereich beschäftigt. Die ‘breitere Streuung’ der Frauen in der DDR über die einzelnen Branchen (Neumann 1993) wurde jedoch durch die auch hier nachweisbare Zunahme geschlechtsspezifischer horizontaler Segregation partiell aufgehoben. In beiden deutschen Staaten ist der Anteil der Frauen in den primären und sekundären<222> Bereichen zurückgegangen, während er in den tertiären Bereichen gestiegen ist. Deutlicher wird die horizontale Segregation, wenn der Anteil weiblicher Beschäftigter an den Beschäftigten der Branche analysiert wird: so betrug der Frauenanteil im Handel in der DDR 72% (BRD: 56,2%), im Gesundheitswesen 83% (BRD: 74,1%), im Sozialwesen 92% (BRD: 78%). Auch innerhalb des sekundären Sektors bestanden deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen den einzelnen industriellen Bereichen: So betrug der Frauenanteil in der Textil- und Bekleidungsindustrie der DDR 67%, in der


161

Leichtindustrie 56%, in der chemischen und elektronischen Industrie 48,5% und in der Lebensmittelindustrie 47% (ebenda).

Doch nicht die unterschiedliche (horizontale) Verteilung der Geschlechter auf die jeweiligen Branchen macht deren Ungleichheit aus, sondern die sich mit diesen Branchen verbindenden Entwicklungs- und Einkommensmöglichkeiten. So ist den weiblichen Bereichen innerhalb der Industrie gemein, daß diese - zumindest in der Bundesrepublik - von Schließungen besonders betroffen und wegen mangelnder Absatzmärkte wenig zukunftsträchtig sind (ebenda). Zudem weisen die Frauenbranchen ein weiteres gemeinsames Merkmal auf: sie sind die Bereiche, in denen die geringsten Erwerbseinkommen realisiert werden. Untersuchungen in der Bundesrepublik haben ergeben, daß mit steigendem Anteil von Frauen das Prestige eines Erwerbsbereiches und seine potentiellen Einkommensmöglichkeiten sinken (Gottschall 1989; Rabe-Kleberg 1987). In der DDR kommt Nickel (1993<223> und 1994) zu ähnlichen Ergebnissen, die verdeutlichen, daß trotz aller Nivellierungsbemühungen der DDR deutliche Einkommensunterschiede zwischen frauen- und männerdominierten Wirtschaftsbranchen bestehen.

Die Einmündung der Geschlechter in unterschiedliche Berufe und Branchen, die unabhängig von der jeweiligen beruflichen Qualifikation auch das Resultat betrieblicher Politik bzw. staatlicher Planung sind, führt bereits auf der horizontalen Ebene zu Ungleichheiten, da die jeweiligen Berufe/Branchen unterschiedliche berufliche Entwicklungs- und Einkommensmöglichkeiten trotz gleichwertiger schulischer und beruflicher Abschlüsse von Frauen implizieren. Diese Ungleichheiten, hervorgerufen durch


162

die markt- bzw. planwirtschaftliche Allokation weiblicher (resp. männlicher) Arbeitskräfte, verstärkt sich noch durch die vertikale Segregation der Geschlechter, die im folgenden dargestellt wird (Vgl. Tabelle 15).

Tabelle 15: Frauenanteil in akademischen Berufen und Spitzenpositionen (in %)

BRD

DDR

1. Verschiedene akademische Berufe


Ingenieurinnen (1987)1

4



Ärztinnen, Apothekerinnen (1987)

46

Ärztinnen(1982)

52



Zahnärztinnen (1982)

57



Apothekerinnen (1982)

68

Richterinnen (1989)

18

Richterinnen (1989)

50

2. Lehrer/Schulleiter an allgemein-bildenden Schulen


Lehrerinnen insgesamt (1989)

55

Lehrerinnen an Polytechnischen Oberschulen (1982)5

70

an Grund- und Hauptschulen

66



an Realschulen

52



an Gymnasien

37



Schulleiterinnen (1988)2

20

Schuldirektorinnen (1982)

32

3. Hochschulen3 (BRD 1988, DDR 1989)


Studentinnen

38

Studentinnen

51

Promotionen

26

Promotionen (1988)

38

Habilitationen

9

Habilitationen (1988)

15

Wiss. Mitarbeiterinnen

22

Assistentinnen

38-40

Hochschulassistentinnen

14

Oberassistentinnen

17

Akad./Wiss. Direktorinnen

8

Dozentinnen

12

Professorinnen

5

Professorinnen

5

C4-Professorinnen

2,6



4. Wirtschaft (BRD 1986/87, DDR 1979)


Führungspositionen in der Wirtschaft

4

Betriebsleiter in der Industrie

2



stellv. Direktoren/Fachdirektoren in der Industrie

12



”leitende Kader der 3. Ebene“ in der Industrie

20

1 einschließlich Fachschul- und Fachhochschulingenieure

2 Für die Bundesländer Bremen, Niedersachsen und Hessen bezieht sich der Frauenanteil nicht nur auf die SchulleiterInnen, sondern gleichzeitig auf deren StellvertreterInnen

3 BRD einschließlich Hochschulen

Quelle: Geißler (1992a:246)


163

Wie aus dieser Tabelle hervorgeht, war der Anteil weiblicher Führungskräfte in der DDR insgesamt höher als in der Bundesrepublik. Beiden deutschen Staaten ist jedoch jenseits dieser Differenz gemein, daß Frauen auf allen Ebenen unterrepräsentiert sind und ihr Anteil um so stärker abnimmt, je höher die jeweilige Führungsposition angesiedelt ist. Dabei sind Frauen selbst in den Leitungsebenen derjenigen Branchen unterrepräsentiert, in denen sie die Mehrzahl der Beschäftigten darstellen (Frauenreport´90).

Die Gründe dieser Ungleichheit in den beruflichen Positionen der Geschlechter sind vielgestaltig und können hier nur kurz angerissen werden. Zum einen macht die (unter 2.2.2 dargestellte) unveränderte Zuschreibung der Reproduktionssphäre als Feld weiblicher Betätigung und die sich aus dieser ergebenden ‘Doppelrolle’ und Doppelbelastung die Ausübung einer Führungsfunktion nur sehr eingeschränkt möglich<224>, zum anderen existieren betriebliche Schließungsmechanismen, die Frauen trotz entsprechender Qualifikationen den beruflichen Aufstieg verwehren. Die tatsächlichen Einsatzformen und Aufstiegsmöglichkeiten im Betrieb sind nach Gottschall (1989:19) ”...Resultat betrieblicher Politik, in die neben den formalen Qualifikationen ... auch andere Faktoren eingehen: Wie nicht zuletzt die historisch konstante Existenz geschlechtsspezifischer Trennungslinien beim Zugang zu den höheren Positionen zeigt, spielen das Geschlecht, resp. die daran gekoppelte prinzipielle Unterstellung unterschiedlicher (langfristiger) Verfügbarkeit ..., aber auch weitere Zuschreibungen in bezug auf nicht formalisierte Kompetenzen und Fähigkeiten ... eine wesentliche Rolle“.

Formal gleiche Eingangsqualifikationen der Geschlechter stellen also lediglich die notwendige, nicht jedoch hinreichende Bedingung gleichberechtigter beruflicher Entwicklung dar. Jenseits des persönlichen Wollens und Wünschens der Frauen treffen sie auf geschlechtstypische Erwartungen/Zuschreibungen, die den Aufstieg in höhere


164

Leitungsebenen behindern bzw. verwehren (können). Dabei stellen die weitgehende Alleinzuständigkeit der Frauen für den Reproduktionsbereich und ihre Unterrepräsentanz in Führungspositionen wechselseitige Voraussetzungen dar, die - rechtlich-politisch abgestützt - die Reproduktion der Geschlechterungleichheit bedingen.

In einem letzten Schritt für den Nachweis der Gültigkeit der ‘doppelten Ungleichheit’ werden die Ungleichheiten im Einkommen zwischen den Geschlechtern dargestellt (Vgl. Tabelle 16).

Tabelle 16: Die Entwicklung von Einkommensunterschieden zwischen vollbeschäftigten Frauen und Männern in der Bundesrepublik und der DDR zwischen 1960 und 1988


BRD

DDR

Jahr

durchschnittl. Bruttowochenverdienst von ArbeiterInnen in der Industrie

durchschnittl. Bruttomonatsverdienst von Angestellten in Industrie und Handel

Nettoerwerbseinkommen


Männer

Frauen


Männer

Frauen


Männer

Frauen



DM

DM

%

DM

DM

%

Mark

Mark

%

1960

134

80

60

723

404

56

-*

-

-

1970

293

182

62

1531

917

60

-

-

-

1980

596

408

68

3421

2202

64

-

-

-

1988

783

551

70

4654

2989

64

1209

945

78

* Keine Angaben verfügbar.

Quelle: Geißler (1992a: 244)

Auch diese Tabelle verdeutlicht den ‘Gleichstellungsvorsprung’ der DDR; der Abstand in den Einkommen männlicher und weiblicher Vollbeschäftigten ist hier wesentlich geringer als in der Bundesrepublik. Andererseits ist er trotz des allgemein höheren Qualifikationsniveaus der Frauen in der DDR, trotz ihrer im Vergleich zur Bundesrepublik höheren Partizipation an Leitungstätigkeiten sehr hoch. Allerdings lassen sich die Lohnungleichheiten in beiden deutschen Staaten weniger auf ”direkte Lohndiskriminierung“, sondern im wesentlichen auf die Struktur der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zurückführen (Geißler 1992a), die sich nach Nickel (1993) sowohl horizontal und vertikal innerhalb der Erwerbssphäre sowie zwischen der Geschlechtern mittels der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit vollzieht. Wie bereits


165

oben dargestellt, existieren deutliche Unterschiede im Durchschnittseinkommen zwischen den einzelnen Branchen; die ”Einkommensentwicklung (vollzog sich in der DDR) doch nach Wirtschaftszweigen, Berufsgruppen und ministerieller Zuständigkeit differenziert und umgekehrt proportional zum Frauenanteil in den jeweiligen Bereichen“ (Nickel 1993:243). Desweiteren lassen sich die Unterschiede teilweise auf weniger Überstunden, geringere weibliche Beteiligung an Schichtarbeit sowie in der Bundesrepublik - verursacht durch die längeren Erwerbsunterbrechungen beim Kind - auf die kürzeren Betriebszugehörigkeiten (Geißler 1992a) bzw. seltenere Betriebswechsel<225> zurückführen.

Wesentliche Einkommensunterschiede ergeben sich vor allem aus der vertikalen Segregation: Wie in Tabelle 16 dargestellt, stellten Frauen in beiden deutschen Staaten nur eine Minderheit in den - besser bezahlten - Führungspositionen dar. Die ungleiche Positionierung innerhalb der Wirtschaft ist wiederum auf ein Ursachenbündel zurückzuführen, das neben patriarchalen Familienstrukturen und weiblichem Karriere’verzicht’ aufgrund von geschlechtsspezifischen Sozialisationsprozessen (siehe dazu 3.3.1) insbesondere durch die patriarchalen Strukturen in der Arbeitswelt selbst begründet ist. So werden Frauen nach Schömann (1995) häufiger als Männer auf innerbetrieblichen Sackgassenpositionen eingestellt; sie gelten (auch in der DDR) als ökonomische Risikofaktoren, da sie durch die Geburt von Kindern ausfallen könn(t)en.

Die ungebrochene Zuständigkeit der Frauen beider deutscher Staaten für Kinder und Haushalt wiederum verweist auf den dritten Grund weiblicher Benachteiligung im Einkommen: in beiden deutschen Staaten sind Frauen häufiger unterhalb ihrer beruflichen Qualifikation eingesetzt bzw. verzichten auf einen qualifikationsgerechten Einsatz, wenn er mit Schichtarbeit oder langen Fahrwegen verbunden ist, um das Vereinbarkeitsdilemma von Beruf und Familie zu reduzieren.

Insgesamt läßt sich festhalten, daß in beiden Staaten die Frauen auch hinsichtlich des Einkommens - wenn auch deutlicher ausgeprägt in der Bundesrepublik - gegenüber den Männern benachteiligt sind. Obwohl sie die Männer in den schulischen Abschlüssen


166

überholt, bei den beruflichen Qualifikationen im wesentlichen eingeholt haben, schlägt sich die Verbesserung der notwendigen Voraussetzungen für berufliche Entwicklung und Einkommen nicht entsprechend in der Angleichung beruflicher Karrieren und Einkommen nieder. Die ‘klassische’ Triade von Bildung, Beruf und Einkommen hat sich bei den Frauen ein Stück weit entflochten, der besonders starke Zuwachs an hohen beruflichen Abschlüssen bei Frauen hat den Wert dieses gesellschaftlichen Filters laut Schömann (1995) entkräftet. Die höhere Ausbildung von Frauen ist zu einer notwendigen Voraussetzung für ihre berufliche Integration geworden, die jedoch nicht zu einer den Männern adäquaten Einkommensentwicklung geführt hat (ebenda).

Frauen beider deutscher Staaten stellen damit - wie als Leitthema formuliert - innerhalb jeder sozialstrukturellen Gruppe die Unterschicht dar: hinsichtlich beruflicher Positionen und bezüglich der Einkommen. Es läßt sich in beiden deutschen Staaten eine Struktur sozialer Ungleichheit ausmachen, die sich (mindestens) als doppelte darstellen läßt: über die ‘klassischen’ Ungleichheitsdimensionen, die als Klassen/Schichten oder soziale Lagen (siehe 3.2) bestimmt werden können und die jeweils intern durch das ‘Geschlecht’ zusätzlich vertikal differenziert sind. Die beiden Strukturdimensionen durchdringen und verstärken sich wechselseitig und bringen die in dieser Arbeit thematisierte ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit dar, die dazu führt, daß die Geschlechter ‘sozialstrukturell’ bzw. die ‘Sozialstruktur’ geschlechtlich differenziert ist.

Nach der eher historisch-deskriptiven Darstellung der Entstehung und Entwicklung beider Ungleichheitsdimensionen und deren wechselseitiger Durchdringung wird im weiteren nach deren theoretischer Verortung und Analyse gefragt. Der folgende Teil der Arbeit wird die theoretische Entwicklung der (soziologischen) Ungleichheitsforschung nachvollziehen und dabei prüfen, ob und wie weit sie die oben dargestellte ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit abzubilden in der Lage ist. Im Ergebnis dieser Auseinandersetzung wird ein Modell entwickelt, das der Doppelstruktur sozialer Ungleichheit adäquat erscheint und damit ein Stück weit zur Aufklärung der nun (unter veränderten politisch-rechtlichen Bedingungen) so offensichtlichen Benachteiligung bestimmter sozialstruktureller Gruppen (Frauen und geringer Qualifizierte) beitragen kann.


Fußnoten:
<77>

Zum Begriff Moderne und der ihr impliziten Annahmen sozialer Strukturierung wird im nächsten Abschnitt ausführlich eingegangen.

<78>

Die Bestimmung der BRD als Klassengesellschaft erfolgt u.a. bei Kadritzke (1975; 1982); Bischoff (1976;1982); Giddens (1983;1984;1988); die DDR galt während ihres Bestehens ‘offiziell’ als Klassengesellschaft (die durch zwei Klassen und eine Schicht charakterisiert wurde - Vergl. stellv. Winkler 1988), wurde aber auch im nachhinein von einzelnen Autoren als Klassengesellschaft bestimmt (Stellv. Solga 1995, 1996; Mayer; Diewald 1996).

<79>

für die BRD stellv.: Geiger (1932;1962); Mayntz (1958); Dahrendorf (1967), für die DDR als ”Ständegesellschaft“ Meier (1990).

<80>

für die BRD stellv. Hradil (1987b), für die DDR stellv. Adler; Kretzschmar (1993).

<81>

Für die BRD wird diese Diskussion insbesondere im Zusammenhang mit der ”Individualisierung“ (zuerst bei Beck 1986) sowie in der konstatierten ”Neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas 1985) deutlich, für die DDR wird die ”Sozialstrukturschwäche“ (Hanf 1991:74) retrospektiv deutlich u.a. bei Adler (1991), Kreckel (1993b).

<82>

Nach Hradil (1992a) sind Industriegesellschaften stets moderne Gesellschaften.

<83>

Pawlowsky; Schlese, zitiert nach Zapf (1991a:151).

<84>

Stojanov; Sandmayr (1996).

<85>

Srubar (1991).

<86>

Unterstützung durch die West-Alliierten (”Marshall-Plan“) in den westlichen Besatzungszonen, Reparationszahlungen in der Sowjetischen Besatzungszone.

<87>

Vgl. Touraine (1972; 1985); Bell (1979).

<88>

Mithelfende Familienangehörige hat es in der DDR als berufliche Position nicht gegeben.

<89>

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

<90>

Produktionsgenossenschaft des Handwerks

<91>

(staatliche) Handelsorganisation

<92>

Volkseigene Güter

<93>

Während in der BRD das dreigliedrige Schulsystem (Haupt-, Realschule und Gymnasium) in den 70er Jahren noch um die Gesamtschule erweitert wurde, war in der DDR die POS (Polytechnische Oberschule) als Einheitsschule der dominante Schultyp; die Zulassung zur EOS (Erweiterte Oberschule, die zum Abitur führte) war staatlich reglementiert.

Auch im Berufsbildungssystem lassen sich unterschiedliche Strukturen ausmachen: während in der BRD die Berufsausbildung über unterschiedliche Wege (Duales System, Vollzeitschulen und Fachschulen - Rabe-Kleberg 1987) erfolgte, war die Facharbeiterausbildung der DDR vereinheitlicht. Die weiterführenden Ausbildungswege: Fach- und Hochschule sowie Universität waren in der Struktur (nicht in den Zugangsmöglichkeiten) wiederum in beiden deutschen Staaten ähnlich.

<94>

Die Daten für die DDR sind erst 1990/91 erhoben worden, also erst nach der Wiedervereinigung. Da aber der Großteil dieser Abschlüsse noch zu DDR-Zeiten erworben wurde, werden sie zur Kennzeichnung der DDR herangezogen.

<95>

Aufgrund der unterschiedlichen Schulsysteme.

<96>

dazu ausführlich im Kapitel 2.2

<97>

Ohne hier im einzelnen auf die unterschiedlichen theoretischen Ansätze zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit und deren zunehmende Differenzierung einzugehen (dies erfolgt im dritten Kapitel), möchte ich nur kurz auf die Analysen zur Selbstrekrutierung und damit der Reproduktion sozialer Ungleichheit verweisen: für die BRD stellv. Bertram (1981); für die DDR stellv. Lötsch (1990), Hanf (1991), Mayer; Diewald (1996).

<98>

Der ein kapitaltheoretischerAnsatz zugrunde liegt (Vgl. Regenhard; Fiedler 1994; Sengenberger 1978;1987 sowie Lutz; Sengenberger 1974).

<99>

Wobei unter Statusinkonsistenzen nach Lamnek (1989) die ungleich hohe Zusammensetzung der Statusteile (z.B. Beruf, Einkommen, Macht) meint.

<100>

Diese Ziele schlugen sich auch in realen Nivellierungen nieder: Die Einkommen der Arbeiter/innen und LPG-Bauern waren denen der Selbständigen und Angestellten sehr viel ähnlicher als in der BRD, wo die Arbeiter/innen noch unter den Landwirten rangieren.

<101>

Die Rentenarmut war ein Spezifikum der DDR, das erst nach dem Zusammenbruch der DDR offen diskutiert wurde (stellv. Hradil 1992a).

<102>

Arbeitslose hat es offiziell in der DDR bis zu ihrem Zusammenbruch nicht gegeben; die ”verdeckte’ Arbeitslosigkeit ist erst retrospektiv problematisiert worden.

<103>

Hierzu auch Kreckel (1993b).

<104>

Auch 1987 gehen von 100 ledigen Frauen 61 die erste Ehe ein. Unterstrichen wird die hohe Gültigkeit des Ehe- und Familienmodells auch durch die hohe Wiederverheiratungsquote.

<105>

Zur Problematik Problematik ‘untypischer’ Lebensformen siehe stellv. Hackauf (1996)

<106>

Durchschnittliche Zahl der Lebendgeborenen eines Jahres je Frau im fertilen Alter (15 bis unter 45 Jahre)

<107>

Während in der DDR die Lebenserwartung 1987 für Männer bei 69,7 Jahren und für Frauen bei 75,7 Jahren lag, war sie für bundesdeutsche Männer (71,8 Jahre) und Frauen (78,4 Jahre) deutlich höher (Leisering:1992).

<108>

1987 betrug das durchschnittliche Heiratsalter in der DDR 28,4 Jahre bei den Männern (BRD:30,8 Jahre) sowie 25,7 Jahre bei den Frauen (BRD: 27,7 Jahre) (Leisering 1992)

<109>

1989 betrug in der DDR das Durchschnittsalter der Frauen bei der

Geburt des 1. Kindes: 22,9 Jahre

Geburt des 2. Kindes: 26,3 Jahre

Geburt des 3. Kindes: 29,3 Jahre (Frauenreport´90:27).

<110>

1989 wurden in der DDR pro Frau durchschnittlich 1,7 Kinder geboren (Frauenreport´90:30).

<111>

Der Anteil nichtehelicher an den Lebendgeborenen insgesamt stieg in der DDR von 13,6% (1955) auf 33,6% (1989) (Frauenreport`90:28).

<112>

1981 waren in der DDR 18% aller Kernfamilien Einelternfamilien mit unverheirateten Kindern (Frauenreport´90:112); 1992 lag der Anteil der Alleinerziehenden an allen Familien mit Kindern unter 18 Jahren in den neuen Bundesländern bei 22,2 %; in den alten Bundesländern bei 14,1% (Statistisches Bundesamt 1994: 32).

<113>

Auf die Schwierigkeiten, soziale Ungleichheiten zwischen West und Ost auszumachen, verweist Geißler (1995): von Seiten der DDR war dieser Vergleich (aus politischen und ideologischen Gründen) verboten und auch von Seiten des Westens wurde er nicht vorgenommen; der eiserne Vorhang wurde freiwillig respektiert; auch Lötsch (1990) reklamierte, daß die Sozialstrukturforschung der DDR sich ”unter fixierte Formeln, festgeschriebene Denkschemata und ideologische Vorgaben“ (S. 553) unterzuordnen hatte, die den Vergleich zur BRD ungleich erschwerten, wenn nicht gar unmöglich machten.

<114>

Als Gegensatz von Statusinkonsistenz (Siehe Fußnote 19).

<115>

Die Nivellierungstendenzen in der DDR bezüglich Einkommen wurden durch die Ungleichheit bezüglich Macht (bestimmt durch die Nähe zur SED) aufgehoben, die in der DDR die eigentliche Ungleichheitsdeterminante darstellte.

<116>

Zu Frauen- bzw. Geschlechterrollen siehe stellvertretend: Parsons; Bales (1955), Parsons (1964); Jurczyk (1978), Beck-Gernsheim (1980); Gerhardt (1988).

<117>

Obwohl zu einem historisch früheren Zeitpunkt entstanden, verdeutlichen doch die folgenden Zeilen von Schiller (“Das Lied von der Glocke“ von 1797) sehr prägnant die Vorstellungen vom Wirkungsbereich und den Pflichten der Hausfrau:

“Und drinnen waltet

die züchtige Hausfrau

die Mutter der Kinder,

und herrschet weise

im häuslichen Kreise

und lehret die Mädchen

und wehret den Knaben

und reget ohn´ Ende

die fleißigen Hände ...

und ruhet nimmer.“

(zitiert nach Weber-Kellermann, 1991).

<118>

Also nicht nur wie bisher die verheirateten Frauen.

<119>

Damit wurden alle Frauen freigesetzt, von denen man annahm, daß ein Mann (Ehemann oder Vater) existierte, der sie ernähren kann. Jungen Mädchen, die verlobt waren und aus der Erwerbsarbeit ausschieden, wurde ab 1935 ein Ehedarlehen bewilligt und damit der Ausstieg “versüßt“ (Lagrave 1995).

<120>

Zur Realisierung dieses Leitbild wurde eine Familienpolitik betrieben, die im wesentlichen Bevölkerungspolitik war: Ehestandsdarlehen konnten durch Geburten abgetragen werden; es gab Steuervergünstigungen und Kinderzuschüsse (ab 5 Kindern war das Einkommen steuerfrei). Allerdings richteten sich sämtliche Familienhilfen nicht an Ehefrauen oder Mütter, sondern an Ehemänner und Väter; im Fall von unverheirateten Müttern wurden Kinderbeihilfen nur gewährt, wenn der Kindsvater den Behörden bekannt und akzeptabel war (Bock 1995).

<121>

”In der Familie, wie im öffentlichen Leben wird wieder nach altdeutscher Art und Sitte den gebührenden Ehrenplatz einnehmen: die Mutter!“ Goebbels, zitiert nach Bock (1995:190).

<122>

Wobei auch die bevölkerungspolitischen Aspekte von der Rassenpolitik dominiert wurden: während die Geburten ”deutscher erbgesunder“ Frauen steigen sollten und freiwillige Abtreibung dieser Frauen als ”Volksverrat“ eingestuft wurden, stieg die Zahl eugenischer Abtreibungen und Zwangssterilisationen (Bock 1995).

<123>

Ein Weg, der in der BRD eingeschlagen wurde.

<124>

Wie es in der DDR versucht wurde.

<125>

Dieser hat - wie im weiteren zu zeigen sein wird - auch die weitere Entwicklung entscheidend bestimmt.

<126>

Fast 4 Millionen Männer waren im Krieg gefallen, 11,7 Mio. befanden sich 1945 in Gefangenschaft (Frevert 1986).

<127>

Die veränderte Arbeitsteilung und die sich daraus ergebenden Probleme werden ausführlich bei Schelsky, (1954) beschrieben.

<128>

Im Unterschied zur DDR (siehe 2.2.3).

<129>

Allerdings kann in diesem Kapitel die Veränderung politischer Mehrheitsverhältnisse und deren Einfluß auf die dem je spezifischen Frauen’bild’ entsprechende Sozialpolitik nur auf Bundesebene dargestellt werden. Zu den spezifischen Bedingungen, die durch die Mehrheitsverhältnisse der Landesregierungen bestimmt werden, siehe Rudolph (1994).

<130>

Ursprünglich sollte sich die Gleichheit in Anlehnung an die Weimarer Reichsverfassung nur auf die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, sprich Wahlrecht, beziehen, nicht jedoch auf Gleichberechtigung in Ehe und Familie (Vgl. Malottki 1993; Benda 1993). Zweimal wurde der Passus ”Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Grundsatzausschuß abgelehnt und erst nach öffentlichen Protesten von Gewerkschafterinnen und Frauenverbänden durchgesetzt (Frevert 1986; Berghahn 1993).

<131>

Bis 1950 wurde noch einmal kurz das Beamtinnenzölibat eingeführt (Gerhard 1994), auch existierten “Frauenlohnabschlagsklauseln“ in den Tarifverträgen der jungen BRD ( Berghahn 1993; Vogelheim 1991).

<132>

”Millionen innerlich gesunder Familien mit rechtschaffen erzogenen Kindern sind als Sicherung gegen die drohende Gefahr der kinderreichen Völker des Ostens mindestens genauso wichtig wie alle militärischen Sicherungen“ (Wuermeling 1953, zitiert nach Cramer 1993:33).

<133>

Wuermeling begründete seinen Widerstand gegen weibliche Erwerbsarbeit mit einem Appell an die Emotionen: ”Für Mutterwirken gibt es nun einmal keinen vollwertigen Ersatz“ oder droht mit dem Gespenst des Kommunismus, dem durch Frauenarbeit der Weg bereitet würde (Berghahn 1993:13).

<134>

§ 1356 des Familienrechts lautete: “Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“.

und § 1360: “Die Ehegatten sind einander verpflichtet, durch ihre Arbeit und ihr Vermögen die Familie angemessen zu unterhalten, die Frau erfüllt ihre Verpflichtung, durch Arbeit zum Unterhalt der Familie beizutragen, in der Regel durch die Führung des Haushalts; zu einer Erwerbstätigkeit ist sie nur verpflichtet, soweit die Arbeitskraft des Mannes und die Einkünfte der Ehegatten zum Unterhalt nicht ausreichen“.

<135>

So wurde innerhalb dieses “Gleichberechtigungsgesetzes“ der Zugewinnausgleich bei Scheidungen eingeführt (Berghahn 1993).

<136>

Dies betrifft zum einen den väterlichen Stichentscheid, der bei ehelichen Meinungsverschiedenheiten der männlichen Auffassung die letztliche Entscheidung einräumt, und zum anderen das alleinige väterliche Vertretungsrecht für minderjährige Kinder (ebenda).

<137>

Was aber die massiven Interventionen über den § 218, Scheidungsgesetze und die Verweigerung öffentlicher Betreuungseinrichtungen (Meier 1986) nicht verhinderte.

<138>

Myrdal, Alva; Klein, Viola (1956): Die Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf., Köln, Berlin.

<139>

”Industrialisierung und die Entwicklung einer demokratischen Staatsordnung haben die partnerschaftlichen Formen in Ehe und Familie begünstigt. Wichtige Faktoren dieser Entwicklung sind ... die außerhäusliche Erwerbstätigkeit der Frau. Nicht zuletzt wird die partnerschaftliche Gestaltung des Familienverhältnisses dadurch gefördert, daß sich die personalen Beziehungen der Ehegatten zueinander enger und ungezwungener entwickeln als zu früherer Zeit“ (Heck, zitiert nach Berghahn 1993:14).

<140>

Bericht der Bundesregierung über die Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Frau (1972:8).

<141>

1975 wurde das Bundeskindergeldgesetz neugefaßt: es wird ein einkommensunabhängiges Kindergeld - gestaffelt nach Kinderzahl eingeführt (Textor 1991).

<142>

1979 wurde das Gesetz zur Einführung des Mutterschaftsurlaubs verabschiedet, daß Frauen bis zum 6. Monat ihres Kindes einen Mutterschaftsurlaub (mit Kündigungsschutz) sowie ein Mutterschaftsgeld von bis zu 750 DM/Monat einräumt (Textor 1991).

<143>

z.B. Bereitstellung eines umfangreichen Kinderbetreuungsangebotes.

<144>

neben Erziehungsgeld und -urlaub ein Kündigungsschutz bei Erwerbsunterbrechungen, verstärkte Förderung von Teilzeitarbeit und Gleitarbeitszeit, Unterstützung des Tagesmüttermodells und die bedarfsgerechte Öffnungszeit bei Dienstleistungsinstitutionen (Gerhard 1992).

<145>

Die in dep Parole: “Mein Bauch gehört mir“ einen deutlichen Ausdruck fand.

<146>

§ 1356 lautet: “Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen. Ist die Haushaltsführung einem Ehegatten überlassen, so leitet dieser den Haushalt in eigener Verantwortung Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein. Bei der Wahl und Ausübung einer Erwerbstätigkeit haben sie auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotene Rücksicht zu nehmen“.

<147>

BGB1.S. 1421, zitiert nach Berghahn (1993:18).

<148>

“Familien sind auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften eines oder mehrerer Erwachsener mit einem oder mehreren Kindern“ Parteibeschluß der SPD vom November 1977 - zitiert nach Hattenhauer (1979).

<149>

Durch die Einführung des Haushaltsfreibetrages und des Unterhaltsvorschutzgesetz (Textor 1991).

<150>

Einigten sich die Eheleute jedoch nicht auf einen gemeinsamen Namen oder treffen keine Wahl, wird automatisch der Name des Mannes zum gemeinsamen Familiennamen (Malottki 1993).

<151>

In dieser Fassung gab es nur drei - sehr eng gefaßte - Gründe, die die Berechtigung auf Unterhaltszahlungen durch den ehemaligen Ehepartner versagten (dazu Malottki 1993).

<152>

”Die Jagd nach Wachstumsrekorden ist zu Ende ... Zu einer menschlichen Gesellschaft gehören Werte, die ihre Heimat in der Familienkultur haben, wie Liebe, Natürlichkeit, Treue, Hüten, Verzicht, Vorsorge für kommende Generationen. Mütterlichkeit ist das Symbol für diese Werte ... Die neue Zeit muß im Gewand für diese Mütterlichkeit kommen“ (19. CDA-Bundestagung 1981, zitiert nach Cramer 1993:51).

<153>

”Eine wichtige Voraussetzung für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Arbeit im Beruf und der Arbeit in der Familie ... Wir brauchen ein neues Verständnis von Arbeit. Arbeit ist nicht nur Arbeit, und Leistung ist nicht nur Leistung, wenn sie im Rahmen der Erwerbsarbeit erbracht werden. Arbeit gibt es nicht nur im Erwerbsleben, sondern auch in der Familie, im sozialen Bereich und im öffentlichen Leben. Die Arbeit in diesen Bereichen ist derjenigen im Beruf gleichwertig und muß deshalb entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung anerkannt werden“ (Leitantrag der CDU 1985, zitiert nach Cramer 1993:52).

<154>

1987 erscheint das ”Müttermanifest“ der GRÜNEN, das die Auffassung der Frau als Mutter als ”traditionelles Leitbild in modernisierter Form“ (Gerhard 1992:34) aufgriff.

<155>

Zum Zusammenhang von Erziehungsgeldhöhe und Inanspruchnahme auch von Vätern siehe Schiersmann (1995).

<156>

Nur ca. 50 % der Mütter kehren im Anschluß an den Erziehungsurlaub in die Erwerbsarbeit zurück (Schiersmann 1995).

<157>

Wie wenig Realisierungschancen wirklich erstgemeinte Versuche zur Durchsetzung der Gleichberechtigung haben, die, der Erkenntnis gehorchend, daß Gleichberechtigung mehr umfassen muß als gleiches Recht, die Förderung derselben erreichen wollen, wird an der aktuellen Ablehnung der \|[lsquor]\|Quote‘ durch die (CDU)Parteibasis deutlich, die den Frauen zukünftig 1/3 aller Parteiämter zusichern sollte.

<158>

zitiert nach Wiegmann (1988:240).

<159>

Der ”partikularistische Sozialstaat“ bindet nach Gottschall (1995) die soziale Sicherung an das Faktum der Vollerwerbstätigkeit bzw. den ehelichen Status.

<160>

Zum Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Kinderbetreuung durch die Frauen siehe Figge et al (1991).

<161>

Sicherlich wäre auch Beer (1990) zuzustimmen, die dieses Herrschaftsprinzip in Abgrenzung zum historischen \|[lsquor]\|Patriarchen‘ als “Sekundärpatriarchalismus“ bezeichnet, aber an dieser Stelle soll es nicht um historische Abgrenzung, sondern um die dem Patriarchalismusbegriff impliziten Ungleichheiten und Hierarchien gehen.

<162>

In Abgrenzung zum 3-phasigen Modell von Diemer (1994) und Gerhard (1994), vom 4-phasigen von Obertreis (1986) und dem 6-phasigen Modell von Trappe (1994).

<163>

Besonders in der SBZ hat sich das demographische Verhältnis zwischen den Generationen und Geschlechtern verschoben: in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren betrug das Verhältnis von Männern zu Frauen 2:3 (Wierling 1993).

<164>

Zitiert nach Merkel (1994:362).

<165>

Z.B. Bebel (1979); Zetkin (1957); Engels (1981).

<166>

Mittels des Befehls 080 der SMAD wurde die Arbeit der demokratischen Frauenausschüsse bei den Stadtverwaltungen in der sowjetischen Besatzungszone organisatorisch geregelt. Aus diesen ging dann im März 1947 der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) hervor (Winkler 1989).

<167>

Über betriebliche Sozialeinrichtungen wurden beispielsweise Werkküchen eingerichtet, die den Frauen das tägliche Kochen ersparen sollten und es wurde der bezahlte Hausarbeitstag eingeführt (Winkler 1989).

<168>

”Mann und Frau sind gleichberechtigt“. (Art.7, Abs.1)

Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ (Art. 7, Abs. 2, Verfassung der DDR, 1949).

<169>

”Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation. Er hat das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit. Mann und Frau, Erwachsene und Jugendliche haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung“ ( Artikel 24 Absatz 1).

und: ”Gesellschaftlich nützliche Arbeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit“. (Artikel 24, Absatz 2, der Verfassung der DDR,1949).

<170>

”Ehe und Familie bilden die Grundlage des Gemeinschaftslebens. Sie stehen unter dem Schutz des Staates“ (Art.30, Abs.1, Verfassung der DDR , 1949).

<171>

Bevor 1961 das Gesetzbuch der Arbeit der DDR (GdA) verabschiedet wurde, regelten das Gesetz der Arbeit zur Förderung und Pflege der Arbeitskräfte, zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der Arbeiter und Angestellten (von 1950) und die Verordnung zum Schutz der Arbeitskräfte (1951) die Einbeziehung der Frauen in die Arbeitswelt.

<172>

“Wer gleichberechtigt sein wollte, mußte auch arbeiten oder zumindest eine gesellschaftliche Tätigkeit ausüben“ (Obertreis 1986:67).

<173>

Wie staatliches Kindergeld, Stillgeld, die Einrichtung von Schwangeren- und Mütterberatungsstellen und die Planung der in den nächsten 5 Jahren einzurichtenden Kinderkrippenplätze.

<174>

“Wenn den Frauen eine höhere Qualifikation verweigert wurde, wenn man sie bei der Materialzuteilung benachteiligte, ihnen die schlechteren Maschinen zuwies, so daß sie hohe Ausfallzeitzeiten hatten, so waren dies rigide Maßnahmen, die im Grunde darauf zielten, Frauen wieder aus den männlichen, also besser bezahlten Berufszweigen zu verdrängen, die sie sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit erobert hatten“ (Merkel 1994:368).

<175>

Wie ein bekannter Slogan dieser Zeit: ”Überholen ohne Einzuholen“ deutlich macht.

<176>

Selbst die Generation der um die 40jährigen ist in den Qualifizierungsprozeß einbezogen: ”mit fast schon erwachsenen Kindern, selbst aus dem Gebäralter heraus, wurden sie für Qualifizierungsverträge, Fern- und Direktstudien und innerbetrieblichen Aufstieg geworben“ (Wierling 1993:107).

<177>

Darunter fielen:

- der Aufbau von Dienstleistungseinrichtungen

- Haushaltstag

- Freistellung der Frau zur Pflege erkrankter Kinder

- Kündigungsschutz für Mütter bis 6 Monate nach dem Wochenurlaub (Penrose 1990).

<178>

Zum Begriff der Segregation siehe Abschnitt 3.3.2.

<179>

Die Ursachen des Scheiterns wurden im nachhinein von Hilde Benjamin (Justizministerin) damit begründet, daß noch ”hartnäckige Rückstände im Bewußtsein“ der Bevölkerung, insbesondere in Bezug auf die Berufstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern, bestehen (zitiert nach Helwig 1993).

<180>

Ausdruck der Gleichberechtigung in der Ehe ist auch die Ablösung des Schuldprinzips bei Ehescheidungen und dessen Ersetzung durch das Zerrüttungsprinzip.

<181>

Familiengesetzbuch (1977:5)

<182>

Einführung der 5-Tage-Woche sowie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 45 h auf 43,75 h (Winkler 1989).

<183>

Z.B. durch die Gewährung von staatlichem Kindergeld (ab 4 Kindern), durch Bereitstellung geeigneten Wohnraums und Mietzuschüsse.

<184>

1966 wurden die Anordnungen über die Aus- und Weiterbildung von Frauen für technischer Berufe und ihre Vorbereitung für den Einsatz in leitende Tätigkeiten erlassen (Penrose 1990).

<185>

Es wurden Frauensonderklassen an den Fachschulen (1967), Sonderaspiranturen für Frauen an Universitäten und Hochschulen (1968), Sonderstudien für Frauen an Hoch- und Fachschulen (1970) eingerichtet (Trappe 1994; Merkel 1994).

<186>

”Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe“ (Artikel 20, Absatz 2 der Verfassung der DDR, 1968).

<187>

Das Konzept einer marxistisch-leninistischen Sozialpolitik wurde erstmals auf dem VII. Parteitag der SED (1967) formuliert (Trappe 1994).

<188>

Siehe 2.1.3

<189>

Der Kredit galt nach der Geburt des 3. Kindes als abgeglichen.

<190>

Das galt besonders für die bezahlte Freistellung Alleinerziehender zur Pflege erkrankter Kinder sowie für die bevorzugte Bereitstellung von Krippenplätzen für Alleinstehende.

Für vollbeschäftigte Frauen im Schichtdienst mit 2 und mehr Kindern sowie für Frauen in Normalarbeitszeit mit 3 und mehr Kindern wurde die wöchentliche Arbeitszeit von 43,75 auf 40 Stunden ohne Lohnminderung reduziert und der Mindesturlaub erhöht. Auch bei der Vergabe von Wohnungen und Krippenplätzen wurden kinderreiche Familien bevorzugt (Trappe 1994).

<191>

”Auf keinen Fall dürfen wir es zulassen, daß sich die Teilzeitarbeit als eine Möglichkeit, nicht berufstätigen Frauen den Eintritt ins Berufsleben zu erleichtern, in ihr Gegenteil verkehrt und -...- dazu führt, daß Tausende von Frauen, die bislang voll arbeiteten, ohne besondere Gründe zu einer verkürzten Arbeit übergehen. Für eine solche Entwicklung gibt es auch objektiv gesehen keine Veranlassung, denn die Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Werktätigen verbessern sich von Jahr zu Jahr“ (Inge Lange, Kandidatin des ZK der SED 1987:81).

<192>

So wird in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen immer wieder betont, daß der biologisch günstigste Zeitraum der Geburt des ersten Kindes zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr der Frau liegt und daß es für die Erziehung der Kinder optimal ist, wenn der Altersunterschied zwischen den Geschwistern nicht mehr als zwei bis drei Jahre beträgt (Trappe 1994).

<193>

”Der sozialistische Staat gewährleistet, daß überall solche Bedingungen geschaffen werden, die es den Frauen ermöglichen, ihrer gleichberechtigten Stellung in der Arbeit und in der beruflichen Entwicklung immer besser gerecht zu werden und ihre berufliche Tätigkeit noch erfolgreicher mit ihren Aufgaben als Mutter und in der Familie zu verbessern. Das Arbeitsrecht trägt zur planmäßigen Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen bei. Es sichert die besondere Förderung und den Schutz der Frauen bei der Aufnahme und Ausübung einer beruflichen Tätigkeit sowie die materielle Versorgung bei Mutterschaft“ (Arbeitsgesetzbuch der DDR, 1977:185).

<194>

Schutzregelungen:

1. Arbeitsschutzbestimmungen für Frauen allgemein, anknüpfend an ihre physischen Besonderheiten (Tragenorm usw.)

2. Bestimmungen zum Schutz bei Schwanger- und Mutterschaft:

- Schwangerschafts- und Wochenurlaub (6 Wochen vor und 20 Wochen nach der Entbindung)

- Kündigungsverbot für Schwangere, stillende Mütter, Mütter mit Kindern bis zu 1 Jahr, Mütter/Väter im ”Babyjahr“ und alleinerziehende ArbeitnehmerInnen mit Kindern bis zu 3 Jahren

- Verbot bzw. Ablehnungsrecht der Nacht- und Überstundenarbeit für Schwangere und stillende Mütter mit Kindern im Vorschulalter

3. Bestimmungen zur Freistellung von der Arbeit und zur Dauer der Arbeitszeit:

- Freistellung nach dem Wochenurlaub (in Ausnahmefällen auch dem Vater oder der Großmutter gewährt):

- für das 1. und 2. Kind: 1 Jahr

- ab dem 3. Kind: 18 Monate

- für Alleinerziehende: bis zum 3. Lebensjahr des Kindes, sofern kein Krippenplatz zur Verfügung stand (für Verheiratete unbezahlt) (Vergütung: 50-90% des Nettodurchschnittsverdienstes)

- monatlich ein bezahlter Haushaltstag für vollbeschäftigte Frauen mit eigenem Haushalt, wenn sie verheiratet waren, wenn mindestens 1 Kind bis zu 18 Jahren oder pflegebedürftige Angehörige im Haushalt lebten oder wenn sie das 40. Lebensjahr vollendet hatten

- bezahlte Freistellung zur Pflege erkrankter Kinder im Alter bis zu 14 Jahren (in Ausnahmefällen auch dem Vater und anderen Personen gewährt):

- bei 1 Kind: 4 Wochen (nur für Alleinerziehende)

- bei 2 Kindern: 6 Wochen

- bei 3 Kindern: 8 Wochen

- bei 4 Kindern: 10 Wochen

- bei 5 und mehr Kindern: 13 Wochen (Vergütung: 70-90% des Nettodurchschnittsverdienst)

- Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von 43 3/4 auf 40 Stunden bei vollem Lohnausgleich, wenn mindestens 2 Kinder unter 16 Jahren im Haushalt lebten bzw. bei Mehrschichtarbeit

(Berghahn; Fritzsche 1991:40; Trappe 1994:33/34).

<195>

Förderungsregelungen:

1. Generell fixierte Verpflichtungen der Betriebe und Einrichtungen zur Unterstützung und bezahlten Freistellung von Frauen für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen:

- Anordnung über die Förderung von vollbeschäftigten werktätigen Frauen für die Ausbildung zu Produktionsfacharbeiterinnen

- Anordnung 1 bis 5 zur Durchführung der Ausbildung von Frauen im Sonderstudium an den Hoch- und Fachschulen

- die Anordnung über die wissenschaftliche Aspirantur

2. jährliche Erarbeitung spezieller Frauenförderungspläne als Bestandteil der Betriebskollektivverträge mit genauen Angaben zur Frauenqualifizierung

3. besondere Unterstützungs- und Förderungsregelungen für Studentinnen und Lehrlinge mit Kind

(ebenda).

<196>

Familien mit drei und mehr Kindern sollten bevorzugt mit Wohnraum, Kindergarten- und -krippenplätzen versorgt werden. Darüber hinaus wurde die bezahlte Freistellung nach der Geburt des dritten (und weiterer) Kindes(r) auf 18 Monate verlängert und die bezahlte Freistellung verheirateter Mütter zur Pflege erkrankter Kinder ab drei Kindern eingeführt (Trappe 1994).

<197>

Zum sozialistischen Paternalismus siehe auch Meyer (1989a;b).

<198>

So war nach Berghahn (1993) umstritten, ob der Gleichberechtigungsparagraph im Grundgesetz einen Auftrag zur faktischen Gleichstellung von Frauen enthält und inwieweit dieser Auftrag den Gesetzgeber berechtigt, Regelungen zur (zeitweisen) Bevorzugung von Frauen zu schaffen (z.B. Quotierung).

<199>

Väter spielten nach Gysi (1993) in den sozialpolitischen Überlegungen der SED so gut wie keine Rolle.

<200>

Teilzeitarbeit ist in der DDR wie in der BRD fast ausschließlich 'Frauensache' (Frauen machen in der Bundesrepublik 1985 91,9% aller Teilzeitbeschäftigten, in der DDR 99,5% (1982) aus - DDR: unveröffentlichte Materialien der Akademie der Wissenschaften, Institut für Soziologie und Sozialpolitik

<201>

Da das BMFJ 1991 in den nunmehr neuen Bundesländern feststellt, daß lediglich 3% der erwerbstätigen Frauen weniger als 20 Wochenstunden arbeiten, ist zu vermuten, daß auch in der Gruppe der Teilzeitbeschäftigten, die weniger als 25 Stunden/Woche arbeiten, die Mehrheit zwischen 20 und 25 Wochenstunden beschäftigt ist.

<202>

Leider existieren keine eindeutig vergleichbaren Zeitmuster in der Teilzeitarbeit von Frauen. Neuere Untersuchungen ermöglichen zwar einen Vergleich, kommen aber in den neuen Bundesländern aufgrund der Umbrüche am Arbeitsmarkt zu abweichenden (von den Verhältnissen der DDR) Ergebnissen: So stellen sich die unterschiedlichen Teilzeitarrangements bei Frauen 1993 folgendermaßen dar:

alte Bundesländer neue Bundesländer

regelmäßig, unter 35 h/Woche 68% 78%

nebenher, unter 20 h/Woche 19% 15%

nebenher, unregelmäßig 13% 7%

Wohlfahrtssurvey 1993, Berechnung

<203>

Diese können ihren internen Arbeitsmarkt über Teilzeit- (sowie befristete Beschäftigung) flexibilisieren und sich damit konjunkturellen Schwankungen anpassen.

<204>

Unter den Bedingungen eines ungenügenden Kinderbetreuungssystems stellt Teilzeitarbeit für Frauen oftmals die einzige Möglichkeit außerhäuslicher Erwerbsarbeit dar.

<205>

Zwischen 1969 und 1989 erhöhte sich der Betreuungsgrad in Kinderkrippen (0-3 Jahre) von 14,3% auf 80,2%, in den Kindergärten von 46,1% (1960) auf 95,1% (1989) und in den Schulhorten von 46,6% (1970) auf 81,2% (1989) (Frauenreport´90).

<206>

Entsprechend dem bundesrepublikanischen Drei-Phasen-Modell zur Vereinbarung von Beruf und Familie, das eine mehrjährige Berufsunterbrechung der Mütter vorsieht, waren Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder unter 3 Jahren kaum vorhanden: So standen 1990 nur für 2,7% der Kinder dieser Altersgruppe Plätze in öffentlich finanzierten Kinderkrippen zur Verfügung (wobei die Hälfte dieser Plätze allein auf Berlin und Hamburg entfielen (Fünfter Familienbericht 1994:190). Kindergartenplätze in öffentlichen Einrichtungen standen im selben Jahr für 78,3% der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren zur Verfügung (ebenda), wobei lediglich 12% dieser Plätze eine Ganztagsbetreuung (mindestens 8 Stunden) umfaßten (Figge et al 1991). Auch die Hortbetreuung erwies sich als völlig unzureichend: 1990 standen für 1.000 Grundschüler nur 50 Hortplätze zur Verfügung (Fünfter Familienbericht 1994:190).

<207>

Die Betreuungsgrade differierten 1986 zwischen 537 Plätzen für 1.000 Kinder in Schleswig-Holstein und 1.052 Plätzen je 1.000 Kinder in Baden-Württemberg (Figge et al 1991).

<208>

Marktforschungsinstitut der DDR - Angaben bei Nickel (1993).

<209>

Für die Bundesrepublik stellvertretend Beck-Gernsheim (1993); Hartenstein et al (1988); für die DDR stellvertretend Frauenreport´90 (1990) und Geißler (1992a).

<210>

Dieses Herangehen, daß der Schichtungstheorie entspricht (siehe 3.2.2), erweist sich aufgrund der Datenlage als sinnvoll: während (nach Geschlecht) differenzierte Daten zu Bildung, Beruf und Einkommen - bei aller Schwierigkeit der Vergleichbarkeit zwischen BRD und DDR - noch gut verfügbar sind, fehlen sie zur geschlechterdifferenzierten Darstellung anderer Sozialstrukturtheorien.

<211>

Dazu ausführlich in Kapitel 3.3.1

<212>

Diese Daten wurden zwar erst 1991/92 vom BIBB/IAB erhoben, bilden also eigentlich das Ausbildungsniveau der alten und neuen Bundesländer (statt DDR) ab, wurden aber zwecks mangelnder Daten (4es liegen keine nach Geschlecht differenzierten, ost-west-vergleichbaren Daten über das Qualifikationsniveau vor) quasi als Abbild der DDR gewertet, da nahezu alle Abschlüsse in der DDR erworben wurden.

<213>

Die Beteiligung der bis unter 29 Jährigen ist nach (Damm-Rüger 1994) nur bedingt aussagefähig, da in diesem Alter ein erheblicher Teil der jungen Menschen ihr Studium noch nicht abgeschlossen haben - demzufolge werden in den höheren Altersgruppen die der unter 39-jährigen zur Grundlage genommen.

<214>

In der Bundesrepublik stieg der Anteil weiblicher Studierender an Hochschulen von 33,7% (1975) auf 38,3% (1990) (Hille 1993:221); in der DDR stieg er von 25,8% (1970/71) auf 48,6% (1989) (Nickel 1993:242).

<215>

So wurden 1990 in der Bundesrepublik 54,8% der weiblichen Auszubildenden in nur 10 Berufen ausgebildet: Friseurin; Kauffrau im Einzelhandel; Bürokauffrau; Arzthelferin; Industriekauffrau; Zahnarzthelferin; Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk; Bankkauffrau; Kauffrau im Groß- und Außenhandel; Verkäuferin (Hille 1993:222).

<216>

In der DDR wurden 1987 mehr als 60% der Mädchen in folgenden 16 Facharbeiterberufen (FA) ausgebildet: Fachverkäufer; Wirtschaftskauffrau; FA für Schreibtechnik; Koch; FA für Textiltechnik; Kellner; FA für Tierproduktion; Kleidungsfacharbeiter; Gärtner; Friseur; FA für Datenverarbeitung; Maschinenbauzeichner; FA für Eisenbahnbetriebe; Finanzkaufmann; Backwarenfacharbeiter; FA für Postverkehr (Frauenreport´90:45)

Parallel dazu waren nach Nickel (1993) seit 1975 die Ausbildungsplätze für Mädchen in Berufen, die im Zentrum der Technikentwicklung standen, rückläufig; so reduzierte sich der Mädchenanteil bei

- Wartungsmechanikern für Datenverarbeitung und Büromaschinen von 30,1% (1975) auf 18,4% (1987)

- Elektronikfacharbeitern von 49,7% (1975) auf 20,1% (1987)

- Facharbeiter für Bedien-, Meß-, Steuer- und Regeltechnik von 25,9% (1975) auf 8,4% (1987).

<217>

1989 betrug der Anteil weiblicher Studierender an Fachschulen der DDR:

- der Medizin/Gesundheitswesen: 95,5%

- in pädagogischen Fachrichtungen: 88,6%

- in Wirtschaftswissenschaften: 85,5%

- in Staats- und Gesellschaftswissenschaften sowie Bibliothekswissenschaften: 78,5%

in technischen Wissenschaften: 27,0% (Frauenreport´90:46).

<218>

1989 betrug der Frauenanteil an den Studierenden der Universitäten/Hochschulen in der DDR (BRD) in den Studienrichtungen:

- Mathematik/Naturwissenschaften: 46% (32%)

- Ingenieurwissenschaften: 25% (12%)

- Medizin: 55% (44%)

- Theologie: 46% (42%)

- Pädagogische Fachrichtungen (Lehramt): 73% (65%)

- Wirtschaftswissenschaften: 67% (33%) (Geißler 1992a:241).

<219>

Zur ‘Wahl’ des Berufs in der DDR stellv. Nickel (1990b;1991;1993), für die BRD stellv. Rabe-Kleberg (1987).

<220>

Siehe dazu stellv. für die DDR Nickel (1990;1991a,b;1993); Frauenreport´90, Neumann (1993); für die Bundesrepublik Beck-Gernsheim (1984); Gottschall (1987;1989;1995); Kitzmantel (1987); Maier (1990;1991b; 1993b); Pfau-Effinger (1990); Kreckel (1993a).

<221>

Zu den Begriffen vertikale und horizontale Segregation siehe Kapitel 3.3.2.

<222>

Wobei dieser Rückgang z.T. mit dem allgemeinen Beschäftigungsrückgang in diesen Bereichen, der den Übergang zur ”Dienstleistungsgesellschaft“ kennzeichnet, zu erklären ist.

<223>

Abweichungen des Nettoeinkommens in der DDR zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen (Durchschnitts-Netto=100%)

Jahr

insges.

Industrie

Bauind.

Land-Forstwirt.

Verkehr

Post- Fern-meldewes.

Handel

1980

100

102

101

98

108

89

88

1985

100

101

101

94

107

93

87

1989

100

101

100

96

109

92

88

Quelle: Nickel (1993:243) - eigene Berechnungen.

<224>

Wie Neumann (1993) nachweist, bezahlen Frauen (der BRD) einen höheren persönlichen Preis für ihren beruflichen Aufstieg: Zwar sind 68% der Managerinnen verheiratet bzw. leben fest mit einem Partner zusammen (gegenüber 94% der Männer), doch haben 62% der Frauen in Führungspositionen keine Kinder - was nur für 13% der Männer gilt. 12% der Frauen in Führungspositionen sind geschieden oder leben getrennt (3% bei den Männern) und 20% sind ledig (3% der Männer).

<225>

Wie Schömann (1995) herausstellt, sind Betriebswechsel - zumindest bei Männern - zumeist mit Einkommensverbesserungen verbunden.


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