Schäfgen, Katrin: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR.

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Kapitel 3. Ungleichheit als Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Analyse

Nach der für beide deutschen Staaten dargestellten Entwicklung der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit, die durch die wechselseitige Durchdringung der ‘klassischen’ Sozialstruktur und der Geschlechterverhältnisse hervorgebracht wird, steht in diesem Kapitel die theoretische Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit im Vordergrund. Damit wird der Bogen zurück zur Problemstellung der Arbeit gezogen, die die ‘doppelte Ungleichheit’ als ein Strukturmerkmal moderner Gesellschaften bestimmte.

In diesem Kapitel werden in einem ersten Schritt ausgewählte<226> soziologische<227> Theorien zur Erklärung ‘klassischer’ Ungleichheit und Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen vorgestellt und bezüglich ihrer Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen für die theoretische Fassung der ‘doppelten Ungleichheit’ diskutiert.

Die theoretische Bestimmung der deutsch-deutschen Strukturen der ‘doppelten Ungleichheit’, stößt dabei auf Schwierigkeiten. Diese ergeben sich aus der Tatsache, daß sich die Ungleichheitsstrukturen in beiden deutschen Staaten, abgesehen von spezifischen Besonderheiten, zwar in ähnlicher Art und Weise entwickelt haben, diese aber in der DDR nur sehr eingeschränkt einer wissenschaftlichen Analyse und entsprechender Theoriebildung zugänglich waren. Dies bedeutet, daß die folgende Auseinandersetzung mit Theorien zur ‘klassischen’ und Geschlechterungleichheit für beide deutschen Staaten auf


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einer Grundlage erfolgen muß, die - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bezogen auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse<228> entwickelt wurden. Das Fehlen adäquater Theorien zur Ungleichheit in der DDR macht es für das weitere Vorgehen notwendig, die analysierten Theorien partiell von ihren Entstehungszusammenhängen zu trennen und (dennoch) danach zu fragen, inwieweit sie sich als tauglich für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ in beiden deutschen Staaten erweisen.

Doch bevor die Theorien auf ihre Tauglichkeit bezüglich der Erfassung der ‘doppelten Ungleichheit’ hin geprüft werden, erscheint es spätestens an dieser Stelle notwendig, den Begriff der sozialen Ungleichheit zu explizieren. Wenn auch bereits im Problemaufriß beschrieben wurde, daß die Thematisierung sozialer Ungleichheit sowie ihrer Ursachen und Konsequenzen einen relativ jungen Zweig der Wissenschaft darstellt, der sich aufs engste mit der Entstehung der Soziologie verbindet, habe ich doch bislang so getan, als ob evident wäre, was unter sozialer Ungleichheit zu verstehen ist.

Obschon in der Geschichte der Theorie sozialer Ungleichheit dieselbe unterschiedlich definiert wurde<229>, hat sich doch in der neueren Ungleichheitsforschung ein breiter Konsens über die Definition sozialer Ungleichheit entwickelt. Danach unterscheidet sich soziale Ungleichheit von sozialer Differenzierung, wobei letztere lediglich die Verschiedenartigkeit der Menschen aufgrund ihrer biologisch bedingten Handlungsmöglichkeiten beschreibt<230>. Soziale Ungleichheit beinhaltet dagegen die “asymmetrische Verteilung knapper und begehrter Güter auf gesellschaftliche Positionen und so entstehende vorteilhafte bzw. nachteilige Lebensbedingungen von Menschen“, die die “Verschiedenwertigkeit von Lebensbedingungen“ (Hradil 1992b:531) bewirkt. Eine


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andere Definition sozialer Ungleichheit, die in dieselbe Richtung weist, wird von Kreckel (1992:17) formuliert, nach der soziale Ungleichheit überall dort vorliegt, “wo die Möglichkeit des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht- und/oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden“. Deutlicher noch als in der ersten Definition wird in der zweiten konstatiert, daß soziale Ungleichheit nicht natürlich, sondern “Produkt des menschliches Handelns“ (ebenda:14) ist, daß bestimmten Individuen bzw. Gruppen der gleichberechtigte Zugang zu Ressourcen verwehrt wird.

Die Suche nach den Ursachen dieser Zugangsbeschränkungen zu knappen und begehrten gesellschaftlichen Gütern offenbarte recht schnell, daß diese nicht ausschließlich aus dem Individuum selbst, aus seinen je spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten heraus erklärbar waren, sondern daß Mechanismen von Macht und Herrschaft die Reproduktion der Ungleichheit bedingen. Die Unabhängigkeit sozialer Ungleichheit von individuellen Eigenschaften und Fertigkeiten wiederum führte zur Analyse sozialer Strukturen als “Verteilung der knappen und begehrten Güter einer Gesellschaft auf ihre Mitglieder“ (Hradil 1992b: 531).

Soziale Ungleichheit und soziale Strukturen bildeten demzufolge in der Theorie eine Einheit: mittels Strukturen lassen sich die Prozesse von Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit beschreiben und die Ungleichheit (gemessen an unterschiedlichen Partizipationschancen an den begehrten Ressourcen) stellte sich als Ausdruck sozialer Strukturen dar.

Nach der allgemeinen Bestimmung sozialer Ungleichheit wird im weiteren der theoretischen Einordnung derselben nachgegangen. Dabei offenbart sich eine ‘Arbeitsteilung’ in der Ungleichheitsforschung die jeweils getrennt die Ungleichheiten in der Sozialstruktur und in den Geschlechterverhältnissen problematisiert und der Theoriebildung zuführt. Im folgenden werden die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der einzelnen Theorien für die Erklärung der ‘doppelten Ungleichheit’ herausgestellt. In


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Auseinandersetzung mit den jeweiligen Beschränkungen wird ein Modell entwickelt, das der ‘Verdopplung’ der Ungleichheit adäquat ist.

3.1. Die ‘Doppelte Ungleichheit’: ‘Arbeitsteilung’ in der Analyse der sozialstrukturellen und Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen

Wie bereits ausgeführt, stellt die Erkenntnis des Zusammenhangs von sozialer Ungleichheit und Sozialstruktur, die Tatsache, daß soziale Ungleichheit strukturiert ist, ein Schlüsselthema innerhalb der Soziologie dar (Kreckel 1992). Die Definition sozialer Ungleichheit als ungleiche Chancen, sich Zugang zu knappen und begehrten Ressourcen zu verschaffen, macht es möglich, innerhalb der Gesellschaft Gruppen auszumachen, die über ein Mehr oder Weniger an diesen Ressourcen verfügen. Dabei unterscheidet sich die Bestimmung gesellschaftlicher Gruppen: als Klassen, Ständen, Schichten, Lagen (oder Geschlechtern) je nach Definition der als relevant ausgemachten Ressource.

Wie oben nachgewiesen, läßt sich soziale Ungleichheit in beiden hier thematisierten Strukturen ausmachen; die meisten der in den folgenden Abschnitten analysierten Theorien zur Sozialstruktur und Ungleichheit teilen entsprechend die Grundannahme der Vertikalität sozialer Ungleichheit. Diese impliziert, daß es möglich ist, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen entsprechend der jeweils als relevant bestimmten Merkmale (Größe/Höhe des Anteils an Ressourcen) innerhalb eines gesellschaftlichen Kontinuums als übereinanderliegend zu beschreiben. Damit wird die dominante Sozialstruktur als Ungleichheitsstruktur (im oben beschriebenen Sinne) auch sinnlich als ‘Oben’ bzw. ‘Obere’ und ‘Unten’ bzw. ‘Niedere’ erfahrbar.

Trotz dieser Grundannahmen, die - wie oben gezeigt - für beide Ungleichheitsstrukturen gelten und in ihrer Verschränkung von ‘klassischer’ Sozialstruktur und Geschlechterverhältnissen die Verdopplung sozialer Ungleichheit bewirkt, wurden beide Strukturen sozialer Ungleichheit in der Vergangenheit zumeist isoliert voneinander


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analysiert. Es läßt sich eine Art von Arbeitsteilung zwischen den soziologischen Teildisziplinen ausmachen, die die Erforschung von ‘klassischen’ sozialen Strukturen der Klassentheorie und Schichtenforschung und die Analyse der Geschlechterverhältnisse der feministischen Theorie/Frauenforschung überantwortet (Frerichs; Steinrücke 1992a). Die ‘Blindheit’ der arbeitsteilig operierenden Struktur- und Ungleichheitstheorien gegenüber den Analysen und Erkenntnissen der jeweils anderen wurde erst seit Mitte der 80er Jahre überwunden; seither wurden Versuche unternommen, beide Ungleichheitsstrukturen in ihrer Verschränkung theoretisch abzubilden.

Um dem Ziel, Ähnlichkeiten und Differenzen der deutsch-deutschen ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit auch theoretisch abzubilden, näherzukommen, werden im folgenden die wesentlichen Theorien zur Analyse der ‘klassischen’ Sozialstruktur und der Geschlechterverhältnisse vorgestellt und diskutiert. Entsprechend der historischen Genese von Ungleichheitstheorien bildet die Auseinandersetzung mit ‘klassischen’ Sozialstrukturtheorien den Anfang.

3.2. Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorien

Um die vertikalen Strukturen der Gesellschaft darzustellen, die die entscheidende und dominante Achse sozialer Ungleichheit beschreiben (Mayer 1987), bediente man sich (und bedient sich bis heute) in der Soziologie zumeist der Begriffe von ‘Klasse’ bzw. ‘Schicht’<231>.

Historisch entstanden sind diese begrifflichen Bestimmungen zur Beschreibung vertikal angeordneter gesellschaftlicher Gruppierungen im Zusammenhang mit der Frage nach den Ursprüngen sozialer Differenzierung und Ungleichheit insbesondere mit dem Übergang


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von der agrarisch-feudalen zur industriell-kapitalistischen Gesellschaft. Eine wesentliche Rolle für die Entwicklung einer Theorie sozialer Ungleichheit haben die Nationalökonomen, unter ihnen besonders Adam Smith, gespielt. In ihren Theorien, die eine der grundlegenden Quellen der entstehenden Sozialwissenschaften darstellen, führten sie die Strukturierung der Gesellschaft insbesondere auf die Arbeitsteilung zurück. Zwar erscheinen bei Smith Ursachen und Wirkungen der Arbeitsteilung noch ’vertauscht’<232>, dennoch ist es sein wesentlicher Verdienst, die Rolle der Arbeitsteilung für die Differenzierung der Gesellschaft herausgestellt zu haben. Der Zusammenhang von Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung wird auch von der nun langsam sich entwickelnden und etablierenden Soziologie als unbestreitbare Tatsache akzeptiert. Jenseits der (unstrittigen) Anerkennung der strukturierenden Wirkungen der Arbeitsteilung werden die eigentlichen Differenzierungsprozesse als Ergebnisse der Arbeitsteilung jedoch unterschiedlich, ja gegensätzlich definiert; dies findet seinen Ausdruck in den verschiedenen Theorien der Sozialstruktur: den Klassen- und Schichttheorien.

Zwar wurden (und werden) die Begriffe ‘Klassen’ und ‘Schichten’ häufig synonym verwendet<233>, dennoch liegt ihrer soziologischen Bestimmung ein unterschiedliches Konzept zugrunde, wobei ‘Klasse’ meist für eine marxistische (bzw. neomarxistische) und ‘Schicht’ für eine anti-marxistische Auffassung von Sozialstruktur (Kreckel 1992) steht. Ohne an dieser Stelle der Analyse von Klassen- und Sozialstrukturtheorien vorwegzugreifen - diese sind Gegenstand der nächsten Abschnitte - möchte ich den Unterschied zwischen klassen-


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und schichtenorientierten Sozialstrukturkonzeptionen vorab kurz darstellen. Wie schon festgestellt, wird die Differenzierung durch Arbeitsteilung von beiden Theorierichtungen akzeptiert; allerdings wird - entsprechend der jeweiligen theoretischen Implikation - die Arbeitsteilung auf unterschiedliche Ursachen zurückgeführt bzw. werden andere Konsequenzen für die Strukturierung der Gesellschaft abgeleitet.

Während in den Klassentheorien die Arbeitsteilung zur Grundlage der Entstehung von Eigentum bzw. Nichteigentum erhoben wird, das in seiner ungleichen Verteilung wiederum Ursache der Klassenbildung darstellt, wird in den Theorien sozialer Schichtung die Arbeitsteilung mit der Entstehung von Berufen (Schmoller 1968) in Verbindung gebracht, die wiederum die Grundlage der Entstehung sozialer Schichten darstellen. Die Bezeichnung sozialer Strukturen als ‘Klassen’ oder ‘Schichten’ verweist jedoch weit über die begriffliche Unterscheidung hinaus auf unterschiedliche Sichtweisen gesellschaftlicher Beziehungen und Verhältnisse.

Nach Dahrendorf (1968) wollen Klassentheorien die Entstehung und Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse erklären bzw. vorhersagen; diesem dominanten Ziel ist die Darstellung gesellschaftlicher Strukturierung untergeordnet. Klassentheorien sind entsprechend undifferenziert und beziehen nur ein - dominantes - Merkmale sozialer Struktur (Eigentum) in ihre Analyse ein. Durch die Dichotomisierung der Gesellschaft entlang dieses dominanten Merkmals rücken die Beziehungen der Klassen untereinander in den Vordergrund<234>, während die ‘realitätsnahe’ Beschreibung der Differenzierung der Gesellschaft nicht Anliegen der Klassentheorie ist (Popitz 1958). Im Unterschied dazu versuchen die Theorien sozialer Schichtung “über- und untereinander gelagerte gesellschaftliche Gruppierungen zu einen gegebenen Zeitpunkt zu beschreiben“ (Dahrendorf 1968:285). Dabei geht es nicht um die Analyse der Verhältnisse zwischen den Schichten und deren Veränderungen, sondern um die möglichst detailgetreue Wiedergabe gesellschaftlicher Strukturierung, die analog geologischer Schichtungen als über- bzw. untergeordnet begriffen wird.


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Wie aus dem Gesagten deutlich wurde, verbinden sich mit den Theorien sozialer Klassen bzw. sozialer Schichten ganz unterschiedliche Erklärungsansätze und -ziele. Im folgenden wird nun zu prüfen sein, wie mit Hilfe dieser Theorien (und auch neuerer Ansätze) das oben dargestellte Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ analysiert werden kann.

3.2.1. Klassentheorien

3.2.1.1. Marx und Weber

Klassentheorien als Theorien zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse, als Antwortversuch auf die Frage “what makes them tick“ (Dahrendorf 1987), gehen auf MARX, den Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, wie auch auf WEBER zurück. Wenn auch in den Jahrzehnten seit der ersten Niederschrift der Marx´schen Klassentheorie im “Kommunistischen Manifest“ von 1848 die Klassentheorie einerseits einer Differenzierung<235> und Weiterentwicklung<236> sowie andererseits einer vielfachen Kritik<237> ausgesetzt war, nehmen doch alle Sozialstrukturtheorien bei MARX ihren Ausgangspunkt. Diese Tatsache ist um so erstaunlicher, als Marx selbst den Begriff der ‘Klasse’ in seinem umfangreichen Werk nie explizit definiert hat. Zwar durchzieht die Auffassung von Klassen und die durch diese in Gang gesetzte Entwicklung das gesamte umfangreiche Werk von Marx (und Engels) und ermöglicht somit eine Rekonstruktion der Marx´schen Bestimmung von Klassen, die


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eigentlichen Ausführungen Marx´ zu den Klassen im gleichnamigen Kapitel im dritten Band des Kapitals existieren jedoch nur als fragmentarisches Manuskript, das nach eineinhalb Seiten abbricht, ohne den Begriff der ‘Klasse’ definiert zu haben.

Die Auffassungen Marx´ zu Klassen und Klassengesellschaft verdeutlichen sich insbesondere im “Manifest der Kommunistischen Partei“, das 1848 erschien. Als Parteiprogramm des Bundes der Kommunisten hatte es - pragmatischerweise - nicht die differenzierte (unpolitische) Darstellung gesellschaftlicher Strukturen, sondern das Aufzeigen der Entstehung (und damit möglichen Überwindung) der kapitalistischen Klassengesellschaft zum Ziel.

Doch was sind nun Klassen? Klassen entstehen nach Marx mit der Herausbildung von Privateigentum an Produktionsmitteln, also erst an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem die Arbeitsteilung relativ entwickelt ist und ein konstantes Surplusprodukt erzeugt wird, das durch eine bestimmte Gruppe angeeignet wird und sich damit in Privateigentum verwandelt. Klassenteilung bedeutet also immer die unterschiedliche Verfügbarkeit von Eigentum.

Mit der Entstehung von Privateigentum hat sich nach Marx die Klassengesellschaft konstituiert, die jedoch entsprechend der historisch-konkreten Produktionsverhältnisse je spezifisch strukturiert ist. Obwohl sich nach Marx (und Engels) die Geschichte seit dem Verlassen der Urgemeinschaft als “Geschichte von Klassenkämpfen“ (1984:44) darstellt, waren die vorkapitalistischen Gesellschaften ständisch organisiert und die Kämpfe damit vielgestaltig. Erst mit der Überwindung der feudalen Gesellschaft und dem Übergang zur “Epoche der Bourgeoisie“ (ebenda:45) vereinfachen sich nach dieser Auffassung die Klassengegensätze durch die Polarisierung der Gesellschaft in zwei Klassen: den Kapitalisten und Proletariern<238>. Diese Polarisierung führen Marx und Engels auf die Aufhebung der “Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung“ (ebenda:50) zurück, die auf der einen Seite eine Konzentration und Zentralisation von Produktionsmitteln und Eigentum in den Händen der Kapitalisten, auf der anderen die Entstehung des doppelt freien Lohnarbeiters bewirken. Erst in dieser geschichtlichen


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Epoche erfolgt die Verabsolutierung der Trennung von Arbeit und Eigentum und damit die Scheidung in die Klassen der produzierenden Nichteigentümer und nichtproduzierenden Eigentümer.

Doch stellt nicht die Beschreibung der Entstehung moderner Klassen im Kapitalismus den eigentlichen Gegenstand Marx´scher Klassenanalyse dar, sondern die Bestimmung der Beziehungen zwischen den beiden Klassen als antagonistisch und konflikthaft. Demzufolge verschiebt sich auch die Darstellung von der Beschreibung gesellschaftlicher Strukturierung hin zur Analyse der Beziehungen innerhalb derselben und der aus ihr resultierenden Entwicklung. Daß der Klassenkampf als treibende Kraft gesellschaftlicher Entwicklung sich entfaltet, hat zur Voraussetzung, daß die gemeinsame Klassenlage der Proletarier (Eigentumslosigkeit) sich in einem Klassenbewußtsein niederschlägt, ein Prozeß, den Marx mit der Transformation der “Klasse an sich“ zur “Klasse für sich“ beschrieben hat. Dazu ist es notwendig, daß die Arbeiter, die anfangs “eine über das ganze Land zerstreute und durch Konkurrenz zersplitterte Masse“ (ebenda:54) sind, Koalitionen gegen die Bourgeoisie bilden und mit ihrer Mehrheit die kapitalistische Gesellschaft sprengen.

Der Zusammenhang von Klassenexistenz und Klassenkampf, die Bestimmung des Klassenverhältnisses als Ausbeutungs- und Aneignungsverhältnis bei Marx ist das Spezifische seiner Klassentheorie. Es geht ihm gerade nicht um die Beschreibung gesellschaftlicher Strukturen in ihrer Breite und Tiefe, sondern um die Bestimmung des historischen Subjekts, das den Klassenantagonismus der bürgerlichen Gesellschaft aufzuheben in der Lage ist. Klassen werden bei Marx immer als dichotomes Verhältnis, als aufeinander bezogene antagonistische Gegensatzpaare gedacht, die sich aufgrund ihrer Stellung zu Arbeit und Eigentum konstituieren. Auch wenn Marx selbst keine Definition von Klassen vorgelegt hat, werden in seinen Ausführungen die wesentlichen Merkmale der Bestimmung einer Klasse erkennbar: 1. der Bezug der Klassen auf ein bestimmtes Produktionsverhältnis; 2. die Unterscheidung von Klassen nach ihrem Verhältnis zu den Produktionsmitteln und 3. die Annahme, daß sich aus der Klasse ein Klassenbewußtsein entwickeln müsse (Popitz 1958). Unter diesen Annahmen lassen sich Klassen mit Elster (1985) als “eine Gruppe von Personen, die alle in einem gleichen Verhältnis zu den


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Produktionsfaktoren (Arbeitskraft und Produktionsmittel) stehen, d.h. in der Relation des Eigentums oder Nichteigentums“ (ebenda:64) und “die aufgrund ihres Besitzes gezwungen sind, sich auf die gleichen Aktivitäten einzulassen, wenn sie den besten Gebrauch von ihrer Ausstattung machen wollen“ (S. 68), definieren.

Die Entwicklung der ‘abstrakten’ Klassentheorie durch die Rückbindung der Klassen an Eigentum (bzw. Nichteigentum) als ausschließlicher (ökonomischer) Determinante, die Marx in der Frühphase des Kapitalismus bestimmte, zielte auf die Begründung gesellschaftlichen Wandels und der diesen bewirkenden Subjekte. Dabei ging es nicht um die Darstellung konkreter gesellschaftlicher Strukturierung, sondern um die Aufdeckung der “’dunklen Seite’ der Produktion, ... die Ausbeutung“ (Erbslöh et al 1990). Die Marx´sche Klassentheorie ist dementsprechend keine Sozialstrukturtheorie im eigentlichen Sinne, sondern eine “Theorie gesellschaftlicher Konflikte“ (Spohn 1985). Der Rekurs auf den Konflikt sowie die der Theorie immanente Abstraktion bilden dabei einerseits das Faszinierende der Marx´schen Theorie, das die Frage nach der Gültigkeit von Ausbeutung und Ungleichheit auch heutzutage immer aufs neue aufwirft, sowie zugleich den Gegenstand der Kritik der beschreibenden Sozialwissenschaften, die die Diochotomisierung der Gesellschaft überwunden glauben.

Man würde Marx jedoch unrecht tun, beschränkte man sein Werk auf diese Abstraktionen. Daß die Dichotomisierung der Gesellschaft eine idealtypische Annahme selbst bei Marx darstellt, die ihm zur Begründung seiner revolutionären Theorie dient, wird in zahlreichen anderen seiner Schriften deutlich, die allerdings nicht in gleichem Maße wie das “Manifest“ und “Das Kapital“ Gegenstand der Zustimmung bzw. Ablehnung durch jüngere Theoretiker<239> waren bzw. sind. Schon in dem fragmentarischen Kapitel “Die Klassen“ im Kapital III geht er von einer Drei-Klassen-Gliederung<240> des Kapitalismus aus, die er


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entsprechend seiner Theorie auf unterschiedliche Eigentumsformen zurückführt. In anderen Schriften, in denen er die konkreten Verhältnisse seiner Zeit beschreibt und kritisiert, zeichnet Marx ebenfalls ein sehr viel differenzierteres Bild sozialer Strukturierung (z.B. im ”Achzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ von 1852).

Trotz dieser von Marx selbst vorgenommenen Differenzierungen bestimmt die abstrakte, dichotom angelegte Theorie der Klassen bei Marx die weiterführende Diskussion um tatsächliche gesellschaftliche Strukturierung bzw. um die Ursachen gesellschaftlichen Wandels. Je nach politischer Provenienz und wissenschaftlicher Ausrichtung streiten sich die Verfechter und Kritiker Marx´scher Annahmen über die Gültigkeit bzw. Überlebtheit seiner Klassentheorie.

Bevor die Klassentheorien in ihrer gegenwärtig vorliegenden Vielfalt insgesamt auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hinsichtlich der Darstellung der ‘doppelten Ungleichheit’ einer Prüfung unterzogen werden, sollen zunächst weitere wesentliche Klassentheorien vorgestellt und diskutiert werden.

Der zweite große Entwurf einer Klassentheorie, der in direktem Bezug auf die Marx´sche Klassentheorie entwickelt wurde, stammt von WEBER. Ein halbes Jahrhundert nach Marx und unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen - der Kapitalismus hat sich voll entfaltet; Auflösungstendenzen sind jedoch selbst in Ansätzen nicht erkennbar - entwarf Weber eine Sozialstrukturtheorie, die die Marx´schen Abstraktionen und dessen Polarisation durch ein differenzierteres Modell überwinden sollte. In diesem stellen ‘Klassen’ nur eine Strukturkategorie neben anderen dar. In den Kapiteln “Stände und Klassen“ sowie ”Machtverteilung innerhalb der Gemeinschaft: Klassen, Stände, Parteien“ seines Hauptwerkes ”Wirtschaft und Gesellschaft“ entwickelte Weber ein mehrdimensionales Bild sozialer Strukturierung, das neben ökonomischen (Eigentum) auch soziale und politische Determinanten einbezieht. Entsprechend der jeweils dominanten Differenzierung machte er eine gesellschaftliche Struktur aus, die neben “Klassen“ auch “Stände“ und “Parteien“ beinhaltete.

In der Bestimmung der ‘Klassen’ adaptierte Weber weitgehend den Marx’schen Klassenbegriff: “Wir wollen da von einer ’Klasse’ reden, wo 1. einer Mehrzahl von


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Menschen eine spezifisch ursächliche Komponente ihrer Lebenschancen gemeinsam ist, soweit 2. diese Komponente lediglich durch ökonomische Güterbesitz- und Erwerbsinteressen und zwar 3. unter den Bedingungen des (Güter- oder Arbeits-)M a r k t s dargestellt wird (’Klassenlage’)“ (Weber 1985: 531). Die ökonomischen Verhältnisse - Besitz bzw. Besitzlosigkeit - stellen also auch bei Weber eine wesentliche Determinante sozialer Strukturierung dar; sie bewirkt die Gliederung der Gesellschaft in ‘(Besitz)Klassen’. Darüber hinaus verweist er jedoch auf die Möglichkeit, daß die Klassenlage nicht primär durch Besitzunterschiede, sondern durch unterschiedliche Chancen der Marktverwertung von Gütern und Leistungen bestimmt ist, die die “Erwerbsklassen“ konstituieren.

Doch auch innerhalb der Besitz- und Erwerbsklassen sind Differenzierungen - je nach Art des Besitzes bzw. Art der Leistung - möglich: Weber unterscheidet zwischen verschiedenen Klassen von “Rentnern“ (entsprechend ihrer Besitzarten) sowie zwischen Unternehmern und Handwerkern (entsprechend der Art des Leistung) und entwickelt damit ein Modell sozialer Klassen, das einerseits zwar sehr differenziert die jeweils (möglichen) dominanten Strukturmerkmale aufzeigt, sich jedoch von der der Marx´schen Klassentheorie inhärenten Konfliktannahme weitgehend verabschiedet. Die ‘Beliebigkeit’ der Klassenbestimmung entlang der Achse Besitz und Leistung sowie innerhalb dieser Dimensionen wird durch den Begriff der “sozialen Klassen“<241> teilweise wieder aufgehoben. Mit der Konkretisierung der Klassen in Arbeiterschaft, Kleinbürgertum, Intelligenz und Besitzende werden die Ausführungen der anderen Klassenbestimmungen zusammenführt und damit die Sozialstruktur der Gesellschaft zu Webers Zeit widergespiegelt. Aber auch für die “sozialen Klassen“ akzeptiert er die “Vergesellschaftung von Klasseninteressen (Klassenverbände)“ (S. 177) nur als Möglichkeit - analog zu denen von Erwerbs- und Besitzklassen: “’Klassen’ sind keine Gemeinschaften, sondern stellen nur mögliche (Hervorhebung - K.S.) (und häufige) Grundlagen eines Gemeinschaftshandelns dar“ (ebenda:531).

Wird die Bestimmung der - konflikthaften - Beziehungen zwischen den Gesellschaftsgruppen schon im ‘Klassen’begriff zugunsten einer differenzierten Beschreibung möglicher gesellschaftlicher Differenzierung weitgehend aufgegeben, verschwinden sie in der Unterscheidung gesellschaftlicher Gruppen nach ihrer Lebensführung, den ‘Ständen’ völlig. ‘Stände’ sind nach Weber Gemeinschaften, deren Lage nicht ökonomisch (durch Besitz oder Leistung) gekennzeichnet ist, sondern durch


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“jede typische Komponente des Lebensschicksals von Menschen, welche durch eine spezifische, positive oder negative, soziale Einschätzung der ’Ehre’ bedingt ist, die sich an irgendeine gemeinsame Eigenschaft vieler knüpft“ (S. 534) bezeichnet wird. Die Unterscheidung zwischen ‘Klasse’ und ‘Stand’ beruht auf den verschiedenen Ebenen ihrer Differenzierung: Während Differenzierungen im ökonomischen Bereich - Markt - die Bildung von Klassen bedingen, sich also in der Sphäre der Produktion äußern, entstehen Stände im sozialen Bereich, innerhalb der Konsumtion und unterscheiden sich in ihrer Lebensführung. ‘Klassen’ und ‘Stände’ stellen damit zwei verschiedene, nebeneinander existierende Strukturdimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit dar, die übereinstimmen können, aber nicht müssen. Mit dieser Unterscheidung begegnet Weber der impliziten Annahme Marx´, daß die ökonomische Situation (Besitz bzw. Besitzlosigkeit) zwangsläufig bestimmte soziale Vergemeinschaftungs- und politische Aktionsformen hervorbringt.

Die Ablehnung der Marx´schen Vorstellung der Übereinstimmung von Klassenlage und Klassenbewußtsein kommt auch in der Bestimmung der ‘Parteien’, die innerhalb der politischen Sphäre, der Sphäre der ‘Macht’, strukturierend wirken, zum Ausdruck. Doch begreift Weber die ‘Parteien’ nicht als gleichberechtigte Determinante gesellschaftlicher Strukturierung neben den ‘Klassen’ und ‘Ständen’, sondern als quasi über den beiden anderen stehend, als “Oberbegriff“ (Kreckel 1992:54). Denn ‘Parteien’ können zwar die durch Klassenlage oder ständische Lage bedingten Interessen vertreten, müssen aber keine reinen Klassen- oder ständischen Parteien sein. Sie können alle möglichen anderen, von Klassen und Ständen unabhängige Interessen vertreten und tun dies auch.

Wie die obigen Ausführungen zu Webers Sozialstrukturkategorien ‘Klasse’, ‘Stand’ (und ‘Parteien’) zeigen, ist der Klassenbegriff im Unterschied zu Marx in der Weber´schen Theorie stark ‘verwässert’ worden. Die Entwicklung seines hochdifferenzierten Modells gründet auf der Einsicht Webers, daß sich die Sozialstruktur seiner Zeit (ein halbes Jahrhundert nach Marx) eher differenzierte denn polarisierte und daß die gemeinsame ökonomische Lage nicht notwendigerweise ihren Niederschlag in Bewußtseins- und Lebensformen und schon gar nicht in politischen Parteien fand (Hradil 1987); Klassen, Stände und Parteien in einer vielfältigen Sozialstruktur nebeneinander existierten. Mit dieser Differenzierung bei Weber geht zugleich auch der revolutionäre Gehalt der Marx´schen Lehre verloren: Während Marx die Dichotomisierung in der ökonomischen Sphäre (Eigentum) mit der Dichotomisierung im sozialen Bewußtsein und im politischen


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Handeln gleichsetzt, die zu revolutionärer Überwindung der Ausbeutungsverhältnisse führen, hält Weber das Primat des Marktes allenfalls in Umbruchzeiten für möglich, während in ‘normalen’ Zeiten die Macht des Marktes durch ständische Ordnungen reduziert wird.

Die Differenzierungen innerhalb der Weber´schen Sozialstrukturtheorie, in der die Klassen nur noch eine (neben anderen) gesellschaftliche Gruppe darstellen, bildet die Basis der bis heute immer wieder aufgeworfenen (und letztlich unbeantworteten) Frage nach der Gültigkeit der (Marx´schen) Klassentheorien. Stellen Klassen überhaupt noch die Grundlage von Sozialstruktur dar oder ist die Klassengliederung einer sehr viel differenzierteren Sozialstruktur gewichen, deren Determinanten nicht mehr durch Besitz bestimmt werden? Dieser Disput läßt sich innerhalb der Sozialwissenschaften anhand ausgewählter Vertreter beider Theorierichtungen nachvollziehen. Bevor es im weiteren um das (Un-)Vermögen der Klassentheorien zur Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ geht, werden im folgenden Abschnitt moderne klassentheoretische Entwürfe vorgestellt.

3.2.1.2. Moderne Klassentheorien

Neuere Klassenkonzepte, die in den westlichen Industriegesellschaften (insbesondere in Deutschland, Großbritannien und Frankreich) entstanden sind, versuchten in unterschiedlichen Adaptionen und Weiterentwicklungen von Marx und Weber die Frage nach den grundlegenden Strukturierungen der Gesellschaft weiterhin mit einem Klassenbegriff zu beantworten. Dabei hatten diese Theorien der historischen Gegebenheit Rechnung zu tragen, daß die Polarisierung der Gesellschaft in zwei große Klassen nicht erfolgt, sondern einer differenzierteren Struktur gewichen ist, die sich am deutlichsten in der Existenz einer (sich vergrößernden) Mittelklasse offenbarte. Die Entwicklung der westlichen Wohlfahrtsstaaten insbesondere nach Beendigung des II. Weltkrieges, die mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen für breite Bevölkerungskreise einherging, widerlegte die Marx´sche Verelendungstheorie und machte eine Modifizierung und Erweiterung der orthodoxen Klassentheorie notwendig. In Abgrenzung und bewußter


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Kritik zu Theoretikern wie Schelsky (1954), Marshall (1992), Beck (1986) und anderen, die mit der “nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, “Bürgerrechten“ oder “Individualisierung“<242> die Überwindung der Klassenstruktur und damit kapitalistischer Ausbeutung verkündeten, haben neuere Klassentheorien versucht, den Beweis zu führen, daß die Klassenstruktur auch in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft die dominante Form sozialer Strukturierung darstellt. Allerdings unterscheiden sich die Klassentheorien hinsichtlich ihrer Bestimmung der Klassenbildungsprozesse ganz erheblich voneinander, was sich insbesondere an der Bestimmung der Mittelklasse verdeutlicht, die die Trennungslinie zwischen orthodoxen Neomarxisten und nichtmarxistischen Klassentheoretikern markiert. Auf die orthodoxen Marxisten möchte ich hier nicht näher eingehen, da sie in ihrem abstrahierenden Festhalten an einer polaren Gesellschaft<243> und der Verortung der Grundlagen der Klassenbildung ausschließlich in den Produktionsverhältnissen<244> (Arbeit und Eigentum) schon recht früh in eine Sackgasse gerieten und ihre Theorien für die heutige Analyse differenzierterer sozialer Strukturen nicht viel beizutragen vermögen.

Wichtiger für die Realisierung dieses Vorhabens erscheinen die nichtmarxistischen Klassentheoretiker, für die ich über ausgewählte Beispiele<245> die Entwicklung der Klassentheorie bis in die heutige Zeit nachvollziehen möchte.


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Ein wesentlicher Vertreter moderner Klassentheorie ist Anthony GIDDENS, der den Nachweis versucht, “daß man zu einer fruchtbaren Reformulierung des Klassenbegriffs gelangen kann ...“ (1984:120) und dabei explizit auf Marx zurückgreift. Wie Marx führt Giddens die Klassenbildungsprozesse, die er als “Strukturierung“ beschreibt, im wesentlichen auf die Verfügung von Eigentum zurück; im Unterschied zu Marx bestimmt er jedoch darüber hinaus zwei weitere Arten, die die Marktchancen bedingen: Qualifikation und manuelle Arbeitskraft. Diese drei Arten der Strukturierung von Klassenverhältnissen werden nach Giddens durch Arbeitsteilung und Herrschaftsverhältnisse bestimmt; darüber hinaus bewirken jedoch auch Konsumtionsstrukturen die Strukturierung von Klassenverhältnissen. Entsprechend der unterschiedlichen Arten der Strukturierung geht Giddens von einer dreifachen Klassengliederung aus, die sich nicht nur hinsichtlich ihrer Ressourcen, sondern auch hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Lebensführung unterscheiden: “die besitzende Oberklasse, die qualifizierte Mittelklasse und die handarbeitende Unterklasse“ (Hradil 1987:67).

Daß die moderne Gesellschaft immer noch als Klassengesellschaft zu bestimmen ist, macht Giddens daran fest, daß die Mobilität innerhalb der Generationenfolge bzw. innerhalb individueller Lebensläufe (Intra- bzw. Intergenerationenmobilität) sehr unwahrscheinlich ist und daß die relative Abgeschlossenheit der Klassen immer noch auf Eigentum bzw. materiell privilegierte Verhältnisse zurückzuführen ist. Eigentum und Reichtum bestimmen auch im wesentlichen die Ausbildung und damit die zweite Art der Strukturierung von Klassenverhältnissen. Ohne einem orthodoxen Ökonomismus zu verfallen, der alle Klassengliederung auf den Besitz bzw. Nichtbesitz von Produktionsmitteln zurückführt, macht Giddens deutlich, daß trotz anderer Arten der Strukturierung von Klassenverhältnissen (Qualifikation und manuelle Arbeit) Eigentum das wesentliche Strukturprinzip darstellt und damit die “fortdauernde Konzentration von Eigentum in den Händen einer kleinen Minderheit der Bevölkerung den Karriereprozeß und die Elitenrekrutierung stark (beeinflußt), auch wenn sie diese nicht einfach nur ‘determiniert’“ (Giddens 1984:333). Auch stellt Eigentum nach wie vor eine wesentliche Grundlage von (ökonomischer und politischer) Macht dar.

In Auseinandersetzung mit Eliten- und Technokratietheorien, die die Ablösung der industriellen durch die ‘postindustrielle’ Gesellschaft und die Ablösung der Klassen durch


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Technokraten und Eliten postulieren, deren ‘Herrschaft’ nicht durch Besitz, sondern durch Qualifikation bestimmt wird, formuliert Giddens, daß “in der kapitalistischen Gesellschaft das Klassenverhältnis die grundlegende Achse der Sozialstruktur“ (ebenda:365) bleibt. Die Bestimmung moderner kapitalistischer Gesellschaft als Klassengesellschaft schließt auch die weitere Existenz von Klassenbewußtsein, von Klassenkonflikt und von Ausbeutung<246> ein.

Auch DAHRENDORF geht davon aus, daß die Klassentheorie ihre “Bedeutung für die Sozialanalyse der Gegenwart nicht verloren hat“ (1968:294). Im Unterschied zur Schichtentheorie, die nach Dahrendorf eine beschreibende Funktion sozialer Differenzierungen inne hat, geht es in der Klassentheorie um die Erklärung sozialer Veränderungen. Wenn Dahrendorf auch die durch Marx prognostizierte Verelendung als widerlegt ansieht, ist die Verbesserung der Lebenssituation der Arbeiterklasse jedoch nicht gleichbedeutend mit der Auflösung von Konflikten. Der Begriff des sozialen Konflikts stellt denn auch die grundlegende Kategorie innerhalb der Dahrendorf´schen Theorie dar. Mit diesem Begriff versucht Dahrendorf, einerseits die der Klassentheorie immanenten Erkenntnis der Dynamik des gesellschaftlichen Wandels nicht aufzugeben, andererseits aber die geschichtsdogmatischen Annahmen (revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsformation und Begründung einer klassenlosen Gesellschaft) der Marx´schen Lehre zu überwinden. In Anerkennung der Veränderungen der Gesellschaftsstruktur und der Tatsache, daß sich nicht alle Konflikte auf die Ungleichheit im Zugang zu Eigentum zurückführen lassen, ersetzt Dahrendorf den Eigentumsbegriff als (ökonomische) Klassendeterminante durch den Begriff der Herrschaft<247> (Dahrendorf 1987) und ermöglicht auf diese Weise, Konflikte auch über die ökonomische Sphäre hinaus aufzudecken. Dennoch ist der Konfliktbegriff nicht willkürlich anwendbar auf alle möglichen und denkbaren ‘Konflikte’ zwischen Menschen. Der Dahrendorf´sche


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Konfliktbegriff beschränkt sich auf “strukturallgemeine Konflikte“ (1958:79), auf soziale Konflikte, die ihren Ursprung in sozialen Strukturzusammenhängen, also in der Existenz verschiedener sozialer Gruppen haben. Konflikt ist damit nicht denkbar ohne Herrschaft, ohne Auseinandersetzung zwischen Herrschenden und Beherrschten. Herrschaft als allgemeine Möglichkeit, Normen festzulegen und deren Einhaltung durch Sanktionen zu erzwingen, bildet dementsprechend das “System der Ungleichheit“ (Dahrendorf 1961), das aber nicht auf ökonomische Ungleichheit bzw. Klassenspaltung zu reduzieren ist. Konflikte als Ausdruck des Strebens unterschiedlicher sozialer ‘Gruppen’ nach Macht müssen demzufolge auch nicht auf Klassenkonflikte begrenzt sein. Klassenkonflikte stellen deshalb in der Dahrendorf´schen Theorie auch nur eine<248> Form sozialer Konflikte dar; Klassen sind nur ein Typ von “quasi-Gruppen“, die nicht als wesentliche Strukturelemente der Gesellschaft, sondern als Konstruktionen zum Zweck der Erklärung des sozialen Wandels bestimmt werden (1968). Da aber das eigentliche Ziel von Gesellschaftstheorie in der Erklärung sozialen Wandels besteht, die die “Kräfte zu lokalisieren (hat), die Bewegung und Wandel vorantreiben“ (1958:82), kann auch eine Klassentheorie, die den Begriff des (ökonomischen) ‘Klassenkampfs’ um den des ‘Konflikts’ und den Terminus ‘Eigentum’ um den der ‘Herrschaft’ erweitert, durchaus zur Erklärung der Gesellschaft beitragen.

Diese Erweiterung insbesondere ermöglicht es Dahrendorf, einerseits die Bestimmung der Gesellschaft als Klassengesellschaft, die durch Macht, Herrschaft und Konflikte gekennzeichnet ist, beizubehalten, andererseits den Theorien von Marx und den Neomarxisten, die sich auf wenige ökonomischen Merkmale der Strukturierung beschränken, ein Konfliktmodell entgegenzusetzen, das der Differenzierung moderner Gesellschaften Rechnung trägt.

Ein weiterer wesentlicher Vertreter neuerer Klassentheorien ist E.O. WRIGHT. Da sein Konzept der widersprüchlichen Klassenlagen (1985a; b) sich nicht wesentlich von den hier


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beschriebenen Theorien unterscheidet, soll er nur eine kurze Würdigung<249> erfahren. Auch Wright geht davon aus, daß zur Beschreibung moderner Klassenstrukturen der Eigentums- und Arbeitsbegriff nicht mehr ausreicht. Demzufolge ersetzt auch er den Marx´schen Terminus der ‘Ausbeutung’ durch den der ‘Herrschaft’ und bezieht in sein Klassenmodell neben den Determinanten Arbeit und Kapital (unterschieden in Geldkapital und sachliches Kapital) auch die Entscheidungs- und Anweisungsbefugnis innerhalb betrieblicher Hierarchien mit ein. Die Hinzunahme einer weiteren Ressource neben Geld- und Sachkapital ermöglicht Wright die Erklärung der Existenz einer Mittelklasse, die sich der Dichotomie von Arbeit und Kapital entzieht, da sie selbst über (geringes) Kapital verfügt, aber keine Arbeitskräfte beschäftigt. Das Neue des Wright´schen Klassenmodells besteht nicht in der dreistufigen Klassengliederung, die vor ihm schon Weber und andere, jüngere Klassentheorien konstatiert haben, sondern in der weiteren Differenzierung der Mittelklasse. Diese unterscheidet er in “alte“ Mittelklasse, die sich aufgrund von Eigentum und eigener Arbeit konstituierte und historisch überlebt hat, und “neue“ Mittelklasse, auf die er das Konzept der widersprüchlichen Klassenlagen anwendet. Die “neue“ Mittelklasse verfügt zwar nicht über Eigentum (Geld- und Sachkapital), hat aber Zugang zur dritten Ressource: Anweisungsbefugnis, die ihr innerhalb des Produktionsprozesses die Kontrolle und damit die Herrschaft über andere ermöglicht und sie damit vom eigentlichen Proletariat abgrenzt. Der Ausschluß von Eigentum stellt die “neue“ Mittelklasse damit objektiv auf die Stufe des Proletariats, während die Anweisungs- und Kontrollmöglichkeit sie der Bourgeoisie zuordnet, was dazu führt, daß sie eine “widersprüchliche Klassenlage“ einnimmt.

Mit dem Theorem der “widersprüchlichen Klassenlagen“ hat Wright den Versuch unternommen, die Marx´sche Klassentheorie mittels der Ersetzung der ‘Ausbeutung’ durch ‘Herrschaft’ und die Bestimmung einer zusätzlichen Klassendeterminante zu erweitern und damit der Differenzierung der Gesellschaft gerecht zu werden. Allerdings bleiben alle drei von ihm ausgemachten Ressourcen in der Produktionssphäre verankert und gehen damit


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auch ein Stück hinter Giddens, der auch Konsumtionsstrukturen als Strukturvariable bestimmt hat, zurück.

Ein weiterer Vertreter der neuen Klassentheorien, der einen vielbeachteten Ansatz zur Erklärung sozialer Ungleichheit und sozialer Strukturen entwickelt hat, ist BOURDIEU. Er entwickelte Anfang und Mitte der 80er Jahre ein Sozialstrukturmodell für die französische Gesellschaft, das sich explizit auf Klassen bezieht. Im Unterschied zu den meisten<250> bis dahin entwickelten Klassentheorien, die die Grundlage der Klassenbildung - wenn auch in Abwandlungen und Erweiterungen - in der Ebene der Produktion (Arbeit und Eigentum) angesiedelt hatten, betont Bourdieu die Bedeutung der Kultur. Damit wird die Differenzierung von Klassen jenseits von Klassenlagen auch entlang von Statusgruppen und Lebensstilen<251> möglich, die sich durch Geschmack voneinander unterscheiden. Die “neuartige Verhältnisbestimmung von Sozialstruktur und Kultur“ (Müller 1994:128) stellt dabei eine neue, modernen Verhältnissen adäquate Lesart der Marx’schen Auffassung der Übereinstimmung von Klassenlage und Klassenbewußtsein dar, die, entkleidet vom revolutionären Marx’schen Duktus, verdeutlicht, daß sich die jeweilige Stellung im ökonomischen Bereich der Gesellschaft in bestimmten Lebensformen/ Lebensstilen widerspiegelt. Um die Differenzierung der Gesellschaft in Klassen, die sich eben nicht nur entlang materieller Ressourcen, sondern auch entlang von Lebensstilen abbilden läßt, darzustellen, konstruiert Bourdieu den sozialen Raum (1985). Dieser soziale Raum ist dreidimensional strukturiert. Die erste Dimension bildet - in Anlehnung an ‘klassische’ Klassentheorien - die Verfügung über Kapitalsorten, die aber bei Bourdieu dreifach bestimmt werden: ökonomisches Kapital (Einkommen und Vermögen), kulturelles Kapital (Qualifikationen und Bildungsabschlüsse) und soziales Kapital (“Beziehungen“ und persönliche Netzwerke) (1982). Je nach Anteil an den verfügbaren Kapitalsorten macht


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Bourdieu eine dreistufige Klassengliederung aus, die aus Bourgeoisie, Mittel- und unterer Klassen besteht. Als zweite Dimension macht er Differenzierungen innerhalb dieser drei ‘Grundklassen’ fest, die aufgrund der unterschiedlichen Struktur der Anteile der einzelnen Kapitalsorten entstehen. Die Analyse der Kapitalstruktur ermöglicht die Analyse von Klassenfraktionen innerhalb der jeweiligen ‘Grundklassen’, die sich voneinander durch ein ‘Mehr’ oder ‘Weniger’ an den einzelnen Kapitalsorten unterscheiden: Bourdieu unterscheidet innerhalb der Bourgeoisie je nach Verfügung über mehr ökonomisches oder kulturelles Kapital zwischen Besitz- (Unternehmer) und Bildungsbürgertum (Hochschullehrer) sowie der Mitte (Freiberufler); in der Mittelklasse, dem Kleinbürgertum unterscheidet er entsprechend der Kapitalzusammensetzung in traditionelles (Kleinhändler und Kleinhandwerker), exekutives (Büroangestellte) und aufsteigendes Kleinbürgertum; die untere Klasse bleibt relativ undifferenziert (Bourdieu 1982). Die Hinzunahme der zweiten Dimension im sozialen Raum ermöglicht Bourdieu die Hinzunahme vertikaler Differenzierung (Frerichs; Steinrücke 1993) innerhalb der Klassen und damit eine differenziertere Analyse moderner Sozialstruktur ohne die Aufgabe des Klassenbegriffs. Die dritte Dimension innerhalb des sozialen Raums ist zeitlich bestimmt und läßt über den Begriff der Laufbahn die Entwicklung der Klassenfraktionen innerhalb des sozialen Raumes, ihre Zu- oder Abnahme, ihre Auf- oder Abstiege hervortreten.

Nach der (analytischen) Konstruktion des sozialen Raums und der Bestimmung von Klassen und Klassenfraktionen innerhalb desselben tritt Bourdieu den empirischen ‘Beweis’ der Richtigkeit seiner Annahmen an, den er über den Nachweis der empirischen Verteilung von Habitus und Lebensstilen erbringt (dazu auch Müller 1994). Danach lassen sich auch die Lebensstile in drei Gruppen einteilen, die der Dreigliedrigkeit des Bourdieu’schen Klassenmodells entsprechen: der Lebensstil der Bourgeoisie wird durch Sinn für Distinktion und luxuriösem Geschmack, der der Mittelklasse durch Bildungsbeflissenheit und prätentiösem Geschmack und der der Arbeiterklasse durch den Notwendigkeitsgeschmack geprägt. Mit der empirischen Untersuchung der Lebensstile (in Frankreich), die mit den drei im analytisch konstruierten sozialen Raum sich darstellenden Klassen korrespondieren, belegt er seine These, daß Klassengliederung auch heute noch die dominante Sozialstruktur darstellt, die sich in je spezifischen Lebensstilen und Geschmacksformen niederschlägt. Diese stellen das - empirisch wahrnehmbare -


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Konfliktfeld dar und verfestigen und verschleiern zugleich die Ursachen sozialer Ungleichheiten.

Mit der Bourdieuschen Klassentheorie, die den Zusammenhang von Klassenlage, Bildungsbeteiligung, Kulturkonsum und Lebensstilen (ebenda) darstellt, wird einerseits an wesentliche Grundannahmen ‘klassischer’ Klassentheorie angeknüpft: Verfügung über Kapital als klassenstrukturierende Ressource; andererseits ermöglicht die Ausweitung des Kapitalbegriffs auf drei Kapitalsorten sowie die Einbeziehung von Lebensstilen die Überwindung von Einseitigkeiten und Beschränkungen. Der Bourdieu’sche Ansatz stellt das bisher weitestgehendste Modell dar, moderne und differenzierte Gesellschaften sozialstrukturell als Klassengesellschaft darzustellen und ermöglicht damit die Wiederaufnahme des - schon vielfach totgesagten - Paradigmas strukturierter sozialer Ungleichheit (ebenda).

Inwieweit die hier vorgestellten ausgewählten Klassentheorien jedoch das eingangs dargestellte Phänomen der ‘doppelten Ungleichheit’ darzustellen vermögen, wird Gegenstand des folgenden Abschnitts sein.

3.2.1.3. Die Tauglichkeit der Klassentheorien zur Analyse der ‘Doppelten Ungleichheit’

Die obige Darstellung klassischer und moderner Klassentheorien hat ergeben, daß - trotz aller Erweiterungen und Modifikationen, die diese seit ihrer Begründung durch Marx erfahren haben - wesentliche Grundannahmen konstant geblieben sind:

1. Klassen entstehen in der Sphäre der Produktion, d.h. sie sind durch ihre Stellung zu Arbeit und Eigentum charakterisiert. Zwar wird die Entgegensetzung von Privateigentum und Arbeit bei Marx (produzierende Nichteigentümer und nichtproduzierende Eigentümer) und die sich aus ihr ergebende Polarisierung der Gesellschaft in zwei Klassen von den nachfolgenden Klassentheoretikern durch eine differenziertere Darstellung<252> ersetzt: je


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nach Schwerpunktsetzung des jeweiligen Theoretikers ergibt sich die Klassenstruktur aus “der Eigentumsordnung, den Herrschaftsverhältnissen oder auch aus der Arbeitsteilung“ (Parkin 1983:121), dennoch wird der Klassenbegriff aus der Sphäre der Ökonomie<253> abgeleitet.

2. Dem analytischen und genetischen Klassenbegriff, der Klassen entsprechend ihrer Stellung innerhalb der ökonomischen Sphäre bestimmt, entspricht ein gemeinsames ‘Bewußtsein’, das sich in gleichen Interessen bzw. Lebensstilen ausdrückt. Zwar wird die notwendige Transformation der ‘Klasse an sich’ zur ‘Klasse für sich’ bei Marx durch die jüngeren Theoretiker weitgehend abgeschwächt, dennoch halten auch diese den Zusammenhang zwischen Stellung in der Produktion und der Konsumtionsweise (Giddens 1984) bzw. den Lebensstilen (Bourdieu 1982;1985) aufrecht.

3. Die Klassentheorie mit ihrer Orientierung auf die Erklärung sozialen Wandels zielt auf die Beziehungen zwischen den Klassen<254>, die sie als konflikthaft begreift. Dabei wird die Machtasymmetrie zwischen den Klassen vorausgesetzt.

Wenn auch innerhalb dieser Grundannahmen Modifikationen vorgenommen wurden: der Marx’sche Begriff des Klassenkampfes und der Ausbeutung wurde durch den Begriff der ‘Herrschaft’ (Giddens 1984; Dahrendorf 1987) ersetzt; auch wird in den neueren Theorien in der Arbeiterklasse nicht mehr das revolutionäre Subjekt gesehen, das die kapitalistische Klassengesellschaft zu überwinden in der Lage ist, stellen in den Klassentheorien dennoch


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die Konflikte zwischen den Klassen die wesentliche ‘Triebfeder’ sozialen Wandels und sozialer Entwicklung dar.

Als Klasse wird demnach eine “soziale Gruppe mit spezifischen Interessen definiert, die sich von denen anderer Gruppen dadurch deutlich abheben, daß sie zu ihnen in direktem Widerspruch stehen“ (Strasser 1987:71). Jenseits der gemeinsamen Grundannahmen der hier vorgestellten Klassentheorien: Verortung der Klassenstrukturierung in der Sphäre der Ökonomie, die Ineinssetzung von Klassenlage und Klassenbewußtsein und die konflikthafte Beziehung der Klassen verdeutlichen, teilen diese Theorien ein weiteres Merkmal: sie sind “geschlechtsblind“ (Kreckel 1992). Zwar wurde das dichotome Klassenmodell Marx’ entsprechend der gesellschaftlichen Differenzierung zunehmend modifiziert und erweitert<255>, 'Geschlecht' als Strukturkategorie, als Determinante sozialer Ungleichheit gerät den Vertretern der Klassentheorie nicht in den Blick<256>.

Obwohl - wie im ersten Kapitel dargestellt - die Polarisierung in den Geschlechterverhältnissen auf dieselben Ursachen wie die Entstehung moderner Klassen zurückzuführen ist, wird diese Dimension sozialer Ungleichheit von keinem der hier vorgestellten Theoretikern beachtet. Insbesondere Marx, der sich ausführlich mit der Entstehung der kapitalistischen Klassengesellschaft befaßt hat, ist auf den Differenzierungsprozeß zwischen den Geschlechtern nicht eingegangen, obwohl in der “ursprünglichen Akkumulation“ die sich vollziehende Auflösung des ‘ganzen Hauses’ ausführlich dargestellt wird und sich daher Ansatzpunkte geboten hätten. Doch wird dieser Auflösungsprozeß nur hinsichtlich der Entstehung des ‘doppelt freien Lohnarbeiters’ dargestellt; die sich mit der Auflösung des ‘ganzen Hauses’ vollziehende Trennung von


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Haus- und Erwerbsarbeit, die die ‘Hausfrau’ hervorgebracht hat, gerät dagegen nicht in den Blickpunkt.

Die Geschlechtsblindheit der Klassentheorien hat ihre Ursache in der unter 1. ausgemachten Beschränkung der Klassenbestimmung auf die Sphäre der Ökonomie. Die Gegenüberstellung von Arbeit und Eigentum führt - trotz der Erweiterungen der Klassenkonstituenten - zur Ausblendung aller Ungleichheitsdeterminanten, die jenseits von Eigentum und Erwerbsarbeit, also außerhalb der Produktionssphäre liegen. Die Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit und die sich aus ihr ergebenden patriarchalen Abhängigkeiten fallen per definitionem aus der Analyse heraus. Die Geschlechtszugehörigkeit kann unter dieser (erwerbs-)arbeitszentrierten Perspektive nur als sekundäre Variable aufgefaßt werden, der keine eigenständige Strukturierungskraft zugebilligt wird (werden kann). Der unter 2. genannte analytische und genetische Klassenbegriff macht für die quantitative Bestimmung realer Klassenverhältnisse die Anwendung einer Strategie der Aus<257>- bzw. Einklammerung<258> (Kreckel 1992) notwendig.

Erweisen sich Klassentheorien aus diesen Gründen auch als untauglich, das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ angemessen darzustellen, ist die Auseinandersetzung mit ihnen unter einem anderen Aspekt dennoch wichtig und sinnvoll. Klassentheorien decken immer noch wichtige Ursachen und Mechanismen der Entstehung von Vor- und Nachteilen auf (Hradil 1987b). Die Bestimmung der jeweiligen Ungleichheitsdeterminanten (Eigentum, Qualifikation, Herrschaft/Macht; Anweisungsbefugnis), deren Zugang bzw. Ausschluß


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strukturell verankert ist, widerspiegelt sich in der Vertikalitätsannahme der Klassenstruktur. Zwar teilt sie die Auffassung, daß sich die soziale Strukturierung der Gesellschaft entlang einer vertikalen Achse entwickelt und reproduziert mit den Theorien sozialer Schichtung, anders als diese bestimmt sie jedoch die Beziehungen zwischen den Klassen als widersprüchlich und konflikthaft.

Wenn sich Klassentheorie auch in ihrer bisherigen Gestalt zur Analyse der Geschlechterungleichheit als nicht genügend differenzierend erweist, hat sie doch den Nachweis erbracht, daß die Hauptachse der sozialen Ungleichheit vertikal verläuft. Klassentheorien sind damit immer noch in der Lage, wesentliche Ungleichheitsdeterminanten der ”klassischen Sozialstruktur’ auszumachen.

Ehe ich auf die Möglichkeiten der Verklammerung von Theorien der Geschlechterverhältnisse und Klassentheorie eingehe (siehe 3.4.1), werde ich im folgenden Abschnitt die Schichtentheorien als den zweiten großen Theoriezweig der Sozialstrukturanalyse auf ihre Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen der “doppelten Ungleichheit“ hin analysieren.

3.2.2. Schichtentheorien

Die Theorien sozialer Schichtung (in engerem Sinne<259>) stellen quasi den Gegenentwurf zu den Klassentheorien dar. Historisch später entstanden, wollen sie deutlich machen, daß die Abbildung gesellschaftlicher Strukturierung mittels Klassen der zunehmenden Differenzierung moderner Industriegesellschaften<260> nicht mehr gerecht werden kann. Statt


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der Polarisierung der Gesellschaft in zwei Klassen hat sich durch die zunehmende Arbeitsteilung und berufliche Spezialisierung eine Sozialstruktur ergeben, die sich nicht ausschließlich entlang der Achse Arbeit - Eigentum bestimmen läßt.

In bewußter Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von den Klassentheorien geht es den Vertretern der Theorie sozialer Schichtung darum, die Struktur gesellschaftlicher Differenzierung in ihrer konkret-historischen Ausprägung zu beschreiben (Dahrendorf 1968). Innerhalb der Schichtentheorien lassen sich jedoch zwei unterschiedliche Richtungen ausmachen, die sich durch die der Schichtung jeweils zugrundegelegten Merkmale unterscheiden und die hier exemplarisch dargestellt werden sollen (Bolte 1968).

Die Vertreter der ersten Richtung fassen Schichten entsprechend der Ausprägung bestimmter objektiver Merkmale; sie können also - je nach zugrundegelegtem Merkmal - Berufs-, Besitz-, Bildungs-, aber auch Machtschichten ausmachen, die sich klar voneinander unterscheiden und vertikal übereinanderliegen (Mayntz 1958; Dahrendorf 1967). Da die Schichtung entlang des jeweils zugrundegelegten Merkmals sich erheblich von der entlang eines anderen unterscheiden kann (Statusinkonsistenz), die Statuszuweisung in der modernen Industriegesellschaft stärker über die spezialisierte Erwerbsarbeit denn über Besitz erfolgt, hat sich innerhalb dieser Richtung der Beruf als wesentliche Schichtdeterminante durchgesetzt (Vaskovics 1989), die sich mit den Indikatoren Qualifikation, Einkommen und Berufsprestige darstellen läßt.

Die Vertreter der zweiten Richtung innerhalb der Schichtentheorie haben versucht, das Problem der Nicht-Kongruenz der Teilstrukturen (entsprechend der zugrundegelegten Merkmale) zu lösen, indem sie den sozialen Status als Schichtdeterminante bestimmten, der dann quasi “die Resultante aus den verschiedenen Stellungen plus ihrer Wertschätzung“ (Mayntz 1958:79) bezeichnet. Die Prestige-Schichtentheorie ist insbesondere in den USA entwickelt (Parsons 1964, Warner 1942) und später auch in Deutschland angewendet worden (Mayntz 1958).

Gemeinsam ist diesen beiden Theoriesträngen, daß sie die Vorstellung der vertikalen Strukturierung der Gesellschaft und der sich aus ihr ergebenden Ungleichheit nicht aufgeben; im Unterschied zu Klassentheorien orientieren diese jedoch auf die möglichst


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differenzierte Darstellung sozialer Schichten und blenden die Beziehungen<261> zwischen diesen aus. Damit müssen die Vertreter der Schichtentheorien auch auf die Analyse der Entwicklung von Sozialstruktur und Ungleichheit und auf die Frage nach dem ‘Woher’ und ‘Wohin’ sozialer Schichtung verzichten.

Analog zur Auseinandersetzung mit klassischen und neueren Klassentheorien werden im weiteren die beiden Richtungen innerhalb der Schichtentheorie exemplarisch<262> dargestellt und hinsichtlich ihrer Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen der “doppelten Ungleichheit“ analysiert. Den historischen Ausgangspunkt für die Theorien sozialer Schichtung hat Max WEBER (1985) mit seinem Begriff des “Standes“ gesetzt, der im weiteren durch den Begriff ‘Schicht’ bzw. ‘Status’ ersetzt wurde.

Die Differenzierung der Sozialstruktur bei Weber, die neben Klassen eben auch Stände (und politische Parteien) umfaßt, verweist auf die Schwierigkeit, soziale Strukturierung ausschließlich in der ökonomischen Sphäre, über die Verteilung von Eigentum festzumachen. Dies, und nicht der eigentliche ‘Gehalt’ des Weberschen Ständebegriffs<263> machte ihn zum Ausgangspunkt der sich später entwickelnden Schichtentheorien, die sich ganz erheblich vom Weber’schen “Stand“ unterscheiden: Bei Weber werden Stände nicht durch bestimmte Merkmale ihrer Mitglieder, sondern durch ihre Beziehungen zueinander konstituiert. Stände werden nicht vertikal, sondern als nebeneinanderstehend begriffen, sie unterscheiden sich nicht in ihrem Rang, sondern in ihrer Art (Hradil 1987). Diese Bestimmungen unterscheiden den Weber’schen “Stand“ von Schichtentheorien, die “die Struktur sozialer Ungleichheit als ein vertikal abgestuftes Gefüge von Gruppierungen mit


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jeweils besseren oder schlechteren Lebensbedingungen (beschreiben), die in mehr oder minder engem Zusammenhang mit der jeweiligen beruflichen Stellung stehen“ (ebenda:7).

3.2.2.1. Schichtung durch ‘objektive’ Merkmale

Ein Vertreter der o.g. Richtung innerhalb der Schichtungstheorie, die die soziale Schichtung im wesentlichen auf die Verteilung entlang von “objektiven“ Merkmalen zurückführte, ist Theodor GEIGER. In seinem Hauptwerk “Die soziale Schichtung des deutschen Volkes“ (1932) entwickelte er einen Schichtbegriff, der noch sehr eng an den Klassenbegriff<264> anknüpft. Mit der Bestimmung der “Schichtdeterminanten“ entwickelt er die eigentliche Grundlage einer Schichtentheorie im o.g. Sinne. In dieser Arbeit polemisiert er gegen die marxistische Vorstellung der Übereinstimmung von Klassenlage und Bewußtsein, indem er nachweist, daß die Klassengliederung zu grob und die “Mentalitäten“ innerhalb der Klassen zu unterschiedlich sind, um sie zu Klassen (als Subjekte) zusammenzufassen. Dementsprechend bezeichnet Geiger “die Gesamtheiten der nach Merkmalen klassifizierten Menschen nicht mehr als ‘Klassen’, sondern als ‘Bevölkerungsteile’“ (Geiger 1932:4). Dabei sind die “Möglichkeiten der Differenzierung (der Bevölkerung-K.S.) grundsätzlich unbegrenzt“ (ebenda) und können entsprechend des Erkenntniszweckes gewählt werden. Die Schichtung nach (allen möglichen) ‘objektiven’ Merkmalen wird durch eine ‘subjektive’ Schichtung erweitert, die sich anhand gemeinsamer Mentalitäten und Interessen ergibt. Auch diese sind grundsätzlich unbegrenzt: “soviel Antagonismen und Varianten ich im Wirtschaftsdenken der Bevölkerung beobachte, soviel verschiedene Schichtungen finde ich vor“ (ebenda:5). Innerhalb der (prinzipiell offenen) ‘objektiven’ und ‘subjektiven’ Schichtungsmerkmale und -mentalitäten lassen sich jedoch konkret-historisch die je dominanten Merkmale der Schichtung bestimmen; auch die Klassengliederung ist als historischer Sonderfall vorstellbar, wenn das Merkmal des Bevölkerungsteils das Verhältnis zu den Produktionsmitteln ist (Geiger 1932).


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Wenn Geiger auch für seine Zeit die Differenzierungen entlang ökonomischer Merkmale als die dominanten bezeichnet und damit ökonomische Schichten: Wirtschaftslagen und Funktionen als wesentliche Schichten seiner Zeit charakterisiert<265>, ist Schichtenbildung ebensogut entlang anderer Merkmale, wie Bildungs- oder politische Schichten denkbar. Diese ‘ökonomische’ Schichtung findet ihren Ausdruck auch in Mentalitätsunterschieden in der Bevölkerung, deren Schichtung der ersteren entspricht. Der Fakt, daß der Geiger´sche Schichtenbegriff “das Element der Mentalität enthält“ (ebenda:78) macht ihn zum Ausgangspunkt anderer Schichtentheorien.

Die - historisch je konkrete, insgesamt jedoch beliebige - Bestimmung der die Lagen und Mentalitäten (Schichten) ausmachenden Merkmale in der Geiger’schen Schichtentheorie weist den Weg zu einer neuen theoretischen Auseinandersetzung mit sozialer Strukturierung. Nicht mehr das Verhältnis zwischen sozialen Großgruppen (Klassen), nicht mehr die Analyse gesellschaftlicher Entwicklung, sondern die Beschreibung gesellschaftlicher Differenzierung steht in der Theorie sozialer Schichtung im Vordergrund. Das genetische Entwicklungsmodell der Klassentheorie weicht einem Ordnungsmodell gesellschaftlicher Strukturierung (Hradil 1987b). Geiger selbst geht es darum, anhand einer ”nüchternen Analyse der tatsächlichen Gesellschaftszustände zu prüfen, welches aktuelle Gewicht der Lehre der Klassengesellschaft, ... , heute noch zukommt“ (Schelsky 1949:10), d.h. im Sinne einer Erfahrungssoziologie eine Gesellschaftsstruktur zu beschreiben, die mehr als Sozialstatistik, aber weniger als der Marx’sche Universalbegriff von Klassen beinhaltet.

Der trotz seiner Willkürlichkeit der Schichtmerkmale noch eng an den Klassenbegriff angelehnte Schichtbegriff im Geiger'schen Frühwerk erhält dreißig Jahre später in den


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"Arbeiten zur Soziologie" von 1962 die Form, die ihn als Schichtenbegriff im o.g. Sinn der Schichtentheorie ausweist. In strikter Abgrenzung zum Klassenbegriff wird unter Schicht nun eine Gruppe von ”vielen Personen (Familien), die irgendein erkennbares Merkmal gemein haben und als Träger dieses Merkmals einen gewissen Status in der Gesellschaft und im Verhältnis zu anderen Schichten einnehmen“ (Geiger 1962:186) verstanden. Die Orientierung auf den Status, der sich aus einem (nicht näher bestimmten) Merkmal ergibt, findet sich dann auch in der Geiger'schen Definition von gesellschaftlicher Schichtung wieder, die eine ”Gliederung der Gesellschaft nach dem typischen Status (den Soziallagen) ihrer Mitglieder“ (ebenda) beinhaltet.

In seiner Polemik gegen den Klassenbegriff einerseits, der die ökonomischen Verhältnisse zur Grundlage gesellschaftlicher Strukturierung bestimmt und der für Geiger in einer Erfahrungswissenschaft unannehmbar erscheint, und einem Schichtenbegriff, der sozialstatistisch lediglich Personen mit einem bestimmten Merkmal zusammenzählt, andererseits, entwickelt er einen neuen Schichtbegriff, der sowohl auf die Gemeinsamkeit eines objektiven Merkmals der Lage wie auf entsprechende gemeinsame Verhaltensweisen zielt<266>. Da diese Merkmale der Lage nicht ausschließlich ökonomisch bestimmt sein müssen, ist mit diesem Schichtbegriff eine mehrdimensionale Abbildung gesellschaftlicher Differenzierung möglich. Für die Gesellschaft seiner Zeit macht Geiger denn auch vier Dimensionen sozialer Differenzierung aus, entlang derer sich die Schichtung der Gesellschaft abbilden läßt: 1. Wirtschaftszweig, 2. Stellung im Beruf, 3. Einkommenshöhe, 4. Art und Grad der Ausbildung (ebenda) - ein Modell, daß exemplarisch für weitere Theorien sozialer Schichtung sein wird.

Dabei ist es gerade die Mehrdimensionalität der Schichtungstheorie, die den Unterschied zur abstrakten Klassentheorie ausmacht und sie damit für so viele Theoretiker, die der Vielfalt gesellschaftlicher Differenzierungen auf den Grund kommen wollen, attraktiv macht. Diese Mehrdimensionalität ermöglicht es, über die dominanten Merkmale hinaus


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innerhalb einzelner Schichten zu differenzieren, allerdings um den Preis, die Analyse der Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen zugunsten eines Ordnungsmodells gesellschaftlicher Wirklichkeit aufzugeben, das die Gesellschaftsmitglieder entsprechend relevanter Merkmale gruppiert.

3.2.2.2. Schichtung durch ‘Status’

Ein Vertreter der zweiten Richtung innerhalb der (amerikanischen) Schichtungstheorie ist Talcott PARSONS. Im Unterschied zu einer mehr strukturellen Schichtentheorie im Sinne des oben dargestellten Ordnungsmodells entwickelt er eine Theorie, die soziale Schichtung mit einer Theorie des Handelns verbindet. Wesentliches Kriterium der Einordnung in “eine differentielle Rangordnung ..., nach der Individuen in einem gegebenen sozialen System eingestuft werden“ (Parsons 1964:180) ist die moralische Wertung bzw. der Rang. Daß im Unterschied zu europäischen Schichtentheorien der Rang bzw. das Prestige als Schichtungsdeterminante eine so große Rolle spielte, läßt sich auf die amerikanische Weberrezeption zurückführen, die den Weber’schen “Stand“ als “status“ bzw. “status group“ ins Amerikanische übersetzt hatte (Kreckel 1992). Die Differenzierung bzw. Schichtung der Gesellschaft wird demzufolge über ein Rangordnungssystem bestimmt, das auf moralischer Wertung beruht. Diese wiederum bewirkt über Normen und Sanktionen, daß das Rangordnungssystem das Handeln der Individuen strukturiert und damit sich selbst reproduziert. Ist ein bestimmtes Rangordnungssystem jeder Gesellschaft inhärent, ja strukturell funktional, unterscheiden sich die Merkmale, die in einer konkreten Gesellschaft die Stellung innerhalb der Rangordnung bestimmen. Parsons macht hier sechs Grundlagen einer differentiellen Bewertung aus: 1. Mitgliedschaft in einer Verwandtschaftsgruppe (durch Geburt oder Heirat), 2. Persönliche Eigenschaften (Geschlecht, Alter, Schönheit, Intelligenz, Stärke), 3. Leistungen, 4. Eigentum, 5. Autorität, 6. Macht. Aus der Bewertung eines Individuums entlang der sechs Merkmale ergibt sich sein Status im Schichtungssystem der Gesellschaft.

Die Annahme einer mehrdimensionalen Strukturierung des Status und damit der Positionierung innerhalb der gesellschaftlichen Schichtung ermöglicht es Parsons nicht nur,


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ein differenziertes Modell sozialer Schichtung der modernen bürgerlichen Gesellschaft darzustellen, sondern auch wesentliche Unterschiede zwischen verschiedenen Schichtenformen, die jeweils bestimmte Gesellschaftstypen repräsentieren, herauszuarbeiten. So existiert ein Typ der Klassenstruktur<267>, den Parsons als “Kasten“-Typ bezeichnet und der dann vorliegt, wenn die Geburt bzw. Heirat (Mitgliedschaft in einer Verwandtschaftsgruppe) das einzig relevante Kriterium für den Klassenstatus bildet, der auch durch die (Nicht-)Existenz der anderen Merkmale nicht verändert wird. Entgegengesetzt entsteht ein Typ der “gleichen Möglichkeiten“, bei dem die Geburt völlig ohne Einfluß auf den Klassenstatus ist, der nur von den anderen Merkmalen bestimmt wird (ebenda). Historisch ist allerdings eine Entwicklung von ‘zugeschriebenen’ Merkmalen für den Status hin zu ‘erworbenen’ Merkmalen auszumachen, der dazu führt, daß in der modernen (amerikanischen) Gesellschaft die Leistungen im Berufssystem die wesentliche Determinante für den Status darstellen.

Auch bei Parsons spielt die Positionierung innerhalb des beruflichen Systems für die Schichtbestimmung seiner Zeit und Gesellschaft also eine entscheidende Rolle. Während bei Geiger die Schichten im Sinne einer Ordnungskategorie erscheinen und deshalb deren Genese nicht Gegenstand der Analyse ist, erscheint bei Parsons die Positionierung innerhalb des Schichtensystems abhängig von individuellen Merkmalen wie Leistung und damit einhergehend von Autorität und Macht. Prinzipiell ist also jedes Individuum für seine Positionierung im Schichtsystem selbst ‘zuständig’, die Zunahme der Bedeutung des ‘erworbenen’ gegenüber dem ‘zugeschriebenen’ Status findet ihren Ausdruck in der Annahme und Befürwortung der sozialen Mobilität bei Parsons.

Diese für eine Analyse sozialer Differenzierung sicher geeignete Theorie Parsons entspricht in ihrer ‘Individualisierung’ des Status zwar dem ‘american dream’; zu einer Bestimmung der Strukturen sozialer Ungleichheit<268> ist sie jedoch nicht geeignet. Konflikte


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und somit die Veränderung bzw. Aufhebung von Ungleichheit bleiben in dieser Theorie ausgeblendet bzw. erscheinen unter einer funktionalen Perspektive auch als nicht sinnvoll (Davis; Moore 1945). Deutlich wird dies an der “funktionalen Erklärung der Schichtung“ (Dahrendorf 1961), wonach soziale Differenzierung, die sich auch in unterschiedlichen Einkommen ausdrückt, Individuen motiviere, die für die Übernahme wichtiger Aufgaben notwendige Ausbildung zu erwerben und im späteren Berufsleben Verpflichtungen zu erfüllen (Strasser 1987). Unter der Annahme der Funktionalität sozialer Schichtung wird diese denn auch für universell betrachtet; eine Aufhebung ist somit weder erwünscht noch möglich. Dabei ist es insbesondere die unhinterfragte Annahme der Funktionalität sozialer Ungleichheit, die nach einer breiten Rezeption der amerikanischen Prestige-Schichtenmodelle auch in Europa (Hradil 1987) diese zunehmend in die Kritik gerieten ließen und zu einer Veränderung innerhalb der Theorien sozialer Ungleichheit (3.2.3) führten.

Inwieweit die hier vorgestellten ausgewählten Schichtentheorien das problematisierte Phänomen der “doppelten Ungleichheit“ darzustellen vermögen, wird Gegenstand des folgenden Abschnitts sein.

3.2.2.3. Die Tauglichkeit der Schichtentheorien zur Analyse der ‘Doppelten Ungleichheit’

Wie die exemplarische Darstellung der beiden Hauptrichtungen innerhalb der Theorien sozialer Schichtung, die einerseits die Differenzierung der Mitglieder sozialer Schichten nach ‘objektiven’ Merkmalen (Beruf, Einkommen), andererseits nach ‘subjektiven’ Faktoren (Prestige) (Bolte 1968) vornehmen, gezeigt hat, sind ihnen doch wesentliche Annahmen gemein, die sie als Schichtentheorien ausweisen und von Klassentheorien abgrenzen.

  1. Schichtentheorien haben den Anspruch, ”flächendeckend“ die Ungleichheit aller Gesellschaftsmitglieder zu beschreiben (Hradil 1987b). Es geht ihnen nicht darum, ein “Abbild lebensweltlicher Strukturen“ (Geißler 1987c:17) darzustellen, sondern um die Integration vielfältiger Differenzierungslinien in ein soziales Ordnungsmodell.

  2. 202

    Die als Merkmale sozialer Schichtung ausgemachten Kriterien implizieren ein vertikal abgestuftes Gebilde sozialer Ungleichheit, dessen Schichtengrenzen relativ eindeutig zu bestimmen sind. Die Vertikalitätsannahme impliziert wiederum, daß soziale Ungleichheiten in hierarchischer Form vorliegen bzw. sich abbilden lassen (Hradil 1987b).
  3. Dieser Vertikalitätsannahme entspricht auch die Vorstellung der meisten (eindimensionalen) Schichtungstheorien, daß eine Statuskonsistenz innerhalb der zugrundegelegten ‘objektiven’ Merkmale bzw. dem Status vorliegt, die es ermöglicht, die gesellschaftliche Differenzierung in einem Modell sozialer Schichtung darzustellen.
  4. Schichtentheorien gehen davon aus, daß die jeweils zugrundegelegten Merkmale der Schichtung für die gesamte Existenz der Betroffenen, über alle Situationen, Zeitpunkte und Lebensbereiche hinweg maßgebliche Bedeutung haben (ebenda).

Schichten sind demzufolge “ein Aggregat von Personen..., die durch ähnliche Statusmerkmale wie Einkommen, Besitz von dauerhaften Konsumgütern und Beruf - später auch ausgedehnt auf Werthaltungen, Verhaltensweisen und Mitgliedschaft in Organisationen - charakterisiert sind“ (Strasser 1987:70). Wie diese Definition verdeutlicht, beruht auch die Schichtentheorie mehrheitlich auf der Analyse der Sphäre der Ökonomie; auch wenn sie sich auf Prestige bezieht, stellt dieses doch ein Ergebnis bzw. eine Reaktion dar, die sich auf ein in der Ökonomie angesiedeltes Merkmal bezieht. Zwar haben sich auch innerhalb der Schichtentheorien die mehrdimensionalen Ansätze gegenüber den eindimensionalen Erklärungen der Schichtung durchgesetzt (Hradil 1987) und damit erlaubt, die Ungleichheitsstrukturen auf mehrere Merkmale zurückzuführen, dennoch tritt auch in diesen Theorien das ‘Geschlecht’ als eigene Strukturkategorie nicht in Erscheinung. Die “Geschlechtsblindheit“ (Kreckel 1992) ist um so irritierender, wie gerade die Schichtungstheorie in Abgrenzung gegen die Klassentheorie und deren theoretischen Abstraktionen<269> für sich reklamiert, die wesentlichen Ungleichheit generierenden Merkmale in die Analyse einzubeziehen. Daß das ‘Geschlecht’ als Ungleichheitsdeterminante den Theorien sozialer Schichtung nicht in den Blick gerät


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(geraten kann) liegt an der Bestimmung des ‘Geschlechts’ als horizontal differenzierendes Merkmal, das damit per definitionem nicht Gegenstand einer Theorie sozialer Schichtung ist. Obwohl sich in der Wissenschaftsgeschichte durchaus Hinweise auf einen Zusammenhang von Schichtstruktur und ‘Geschlecht’ finden (z.B. Simmel 1985<270>) erscheint das ‘Geschlecht’ in den Theorien sozialer Schichtung niemals als Schichtungsmerkmal. Zwar wird ihm prinzipiell der Status eines Klassifikationsmerkmals eingeräumt (Geiger 1962<271>), allerdings nur als Unterschied der Art, d.h. als Differenzierung, die nicht Gegenstand der Schichtungstheorie ist (Dahrendorf 1967<272>).

Dementsprechend erweisen sich auch die Theorien sozialer Schichtung als ungeeignet, das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ adäquat abzubilden.

Insbesondere die Ausblendung der sog. ‘neuen’ Dimensionen sozialer Ungleichheit, zu denen in den Sozialstrukturtheorien auch das ‘Geschlecht’ gezählt wird (Hradil 1987b; Kreckel 1992), unterwirft die Schichtungstheorien ähnlich wie die Klassentheorien einer fundamentalen Kritik, die in der Entwicklung neuer Ungleichheitstheorien ihren Niederschlag findet. Inwieweit diese das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ berücksichtigen, soll im folgenden Abschnitt diskutiert werden.


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3.2.3. Neuere Sozialstrukturtheorien

Es sind insbesondere die ”Enge, Vereinfachungen, die Starrheit und Lebensferne“ sowie die Ausblendung ‘horizontaler’ Disparitäten<273>, deren Bedeutung in den letzten Jahren als immer bedeutsamer eingeschätzt wird (Hradil 1987b:94), die die ‘klassische’ Klassen- und Schichtentheorien der Kritik aussetzen. In dem Verständnis jüngerer Theoretiker hat die Dominanz von Klassen- und Schichtentheorien innerhalb der Ungleichheitsforschung die zeitgemäße Analyse der Ungleichheit verhindert und auf Spezialgebiete der Sozialwissenschaften abgedrängt (ebenda). Der Vorwurf der Vertreter neuer Ungleichheitstheorien gegenüber den Verfechtern von Klassen- und Schichtentheorien ist derselbe, dem die ‘Traditionalisten’ schon bei Geiger (1962) ausgesetzt waren: die ”Gesellschaft von heute mit einem Schichtungsmodell (zu) konfrontieren, das an der Gesellschaft von vorgestern abgelesen wurde“ (S. 165). Der Orientierung auf ein vertikales Strukturmodell der Gesellschaft durch Klassen- und Schichtentheorien setzen die Vertreter der neueren Ungleichheitstheorien ein beschreibendes Modell sozialer Ungleichheit entgegen, das die Vertikalitätsannahme abschwächte (Hradil 1987b; Kreckel 1992) bzw. als Strukturierungsdeterminante völlig leugnete (Beck 1986).

Die Hinzunahme zusätzlicher Ungleichheitsdimensionen sowie die Erweiterung der Vertikalitätsannahme traditioneller Ungleichheitstheorien um die horizontalen Disparitäten läßt die neuen Theorien sozialer Ungleichheit für meine Fragestellung der Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ interessant erscheinen. In ihrem Anspruch, die Einseitigkeiten formaler Zurechnungen anhand von Merkmalen (Eigentum, Arbeit, Beruf, Prestige) der Klassen- und Schichtentheorien aufzuheben und ihnen ein differenzierteres, realistischeres Modell sozialer Ungleichheit entgegenzusetzen, werden sie aber auf die Berücksichtigung von Geschlechterungleichheit zu hinterfragen sein.


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3.2.3.1. ‘Soziale Lagen’ und ‘Milieus’

In Auseinandersetzung mit den Defiziten der Klassen- und Schichtentheorien, die die nunmehr als brisant eingeschätzten ‘neuen’ Ungleichheiten nicht in ihre Modelle integrieren (können), da sie die Dimensionen sozialer Ungleichheit ausschließlich in der Erwerbsarbeitssphäre ansiedeln<274> und in kritischer Würdigung neuerer Theorien sozialer Ungleichheit in gesellschaftlichen Teilbereichen<275> entwickelte Stefan HRADIL während der 80er Jahre sein Konzept ‘sozialer Lagen’ und ‘Milieus’ (1983;1987a;b). Ziel ist es, ein ”beschreibendes Konzept sozialer Ungleichheit“ zu entwerfen, das ”auf die Existenz der Menschen zielt“ (Hradil 1987b:139). Dazu ist es notwendig, daß nicht lediglich ‘objektive’ Aspekte (‘neue’ und ‘alte’ Ungleichheitsdeterminanten), sondern auch ‘subjektive’ Wahrnehmungen in die Analyse sozialer Ungleichheit eingehen. Ohne die strukturellen Einflüsse (Lebensbedingungen) auf die Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit zu leugnen, will er diese jedoch um eine handlungstheoretische Begründung der sozialen Ungleichheit erweitern bzw. Struktur und Handlung verbinden. Der handlungstheoretische Bezug soll deutlich machen, daß ”Strukturen sozialer Ungleichheit für den einzelnen nicht irgendwie anonym wirkende, bessere oder schlechtere Lebensbedingungen, Ressourcen o.ä. darstellen, sondern aufgrund definierter Handlungsziele (Hervorhebung-K.S.) mehr oder minder günstige Handlungsbedingungen“ (1987a:128). Dabei werden die Handlungsziele (als allgemein anerkannte Lebensziele) als die eigentlichen Kriterien sozialer Ungleichheit bestimmt; in ihnen werden sowohl der strukturelle Aspekt<276> wie der Handlungsaspekt<277> sozialer Ungleichheit berücksichtigt und zugleich die Veränderung gesellschaftlicher Differenzierungen herausgestellt, indem die allgemeinen Lebensziele jeweils historisch-konkret bestimmt werden. Waren noch bis in die 60er Jahre hinein


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Wohlstand, Erfolg und Macht dominante Lebensziele, wurden sie in den 70er Jahre um Sicherheit, Gesundheit, Entlastung, politische Partizipation und in den 80er Jahren um Selbstverwirklichung, Kommunikation und Integration erweitert. Die Erweiterung von Lebenszielen bedeutete aber auch eine Pluralisierung der Bedeutungen, die bestimmten ‘objektiven’ Lebensbedingungen für die Erreichung dieser Ziele zukamen. Stellten in den 60er Jahren ‘ökonomische’ Ungleichheiten in den Lebensbedingungen (Geld, Bildung, Prestige und Macht) die dominanten Differenzierungslinien dar, werden sie bis in die 80er Jahre durch ‘wohlfahrtsstaatliche’<278> und ‘soziale’<279> Dimensionen überlagert und verändert. Diese (‘ökonomischen’, ‘wohlfahrtsstaatlichen’ und ‘sozialen’) Lebensbedingungen sind nun nicht für alle Individuen gleichermaßen bedeutsam, sondern wirken in ihrer Kombination (Substitution oder Kompensation) auf die Handlungsmöglichkeiten zur Erreichung von Lebenszielen. Trotz der nahezu unbegrenzten (denkbaren) Kombinationen der einzelnen Lebensbedingungen lassen sich - begrenzt durch gesellschaftliche Institutionen - ähnliche Handlungskontexte ausmachen, die sich durch ”typische Konstellationen und Kontexte mehr oder minder vorteilhafter Handlungsbedingungen ... herauskristallisieren“ (1987a:132) - die ‘sozialen Lagen’. Diese kennzeichnen die ‘objektiven’ Möglichkeiten von Gesellschaftmitgliedern zur Erreichung allgemein akzeptierter Lebensziele. Das Konzept ‘sozialer Lagen’ unterstellt dabei, daß für eine bestimmte gesellschaftliche Gruppierung (‘Lage’) jeweils eine der o.g. Lebensbedingungen dominant ist und sich die anderen (‘nebensächlichen’) Lebensbedingungen in ihrer Kombination innerhalb gewisser ‘Bandbreiten’ bewegen.

Die Kombination der verschiedenen, Ungleichheit generierenden Lebensbedingungen und deren ‘Kristallisation’ in spezifischen ‘sozialen Lagen’ ermöglicht ein prinzipiell offenes Sozialstrukturmodell<280>, das jeweils spezifisch für eine konkret-historische Gesellschaft<281>


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entwickelt werden kann und sich von den Beschränkungen ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien befreit hat. Mit der Hinzunahme ‘wohlfahrtsstaatlicher’ und ‘sozialer’ Lebensbedingungen wird erstmals auch die Bestimmung horizontaler Differenzierungen möglich. Allerdings erscheint das ‘Geschlecht’, das bei Hradil selbst als ‘neue’ Ungleichheitsdimension, der ‘horizontale’ Differenzierungskraft zugestanden wird, ausgemacht wird, auch im Konzept der ‘sozialen Lagen’ nicht und ermöglicht damit - bei aller Differenziertheit - nicht die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’.

Das Konzept der ‘sozialen Lagen’ als ‘objektiver’ Rahmen individuellen Handelns ist - trotz der Normalitätsannahme von Statusinkonsistenz zwischen den verschiedenen Lebensbedingungen und der Hinzunahme horizontaler Ungleichheiten (Alter, Geschlecht, Nationalität, ...) - noch eng der Schichtentheorie verhaftet, die die Handlungsbedingungen ebenfalls als abhängig vom Zugang zu bestimmten Ressourcen bestimmt. Dieser Beschränkung versucht Hradil mit seinem Konzept ‘sozialer Milieus’ zu begegnen, die den ‘subjektiven’ Einfluß auf die Handlungsbedingungen der Individuen erfassen.

Die Bestimmung ‘sozialer Milieus’ als relativ eigenständiger Sozialstruktur durch Hradil erfolgte im Unterschied zu den ‘sozialen Lagen’ erst später. Während 1983 die ”Ungleichheit der ‘Sozialen Lage’“ als Drei-Ebenen-Modell entwickelt wird, das neben der Ebene struktureller Lebensbedingungen und individueller Lebenslagen die der milieuspezifischen Lebenswelten einschließt, erscheinen in der ausgearbeiteten Theorie Hradils die ‘sozialen Milieus’ als eigenständige sozialstrukturelle Differenzierungsdeterminante neben den ‘sozialen Lagen’ (1987a;b).

Diese Verdopplung sozialer Differenzierungen in ‘soziale Lagen’ und ‘Milieus’ erweist sich nach Hradil als notwendig, da sich die Lebensstile durch wohlfahrtsstaatliche Entwicklungen und Mobilität zunehmend von den ‘sozialen Lagen’ lösen und den Rückschluß von Lebensbedingungen auf Lebensstile unmöglich<282> machen. Aber auch für


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die Lebensstile läßt sich deutlich machen, daß diese nicht beliebig ausdifferenzierbar sind, da sich Menschen in sozialen Kontexten (Familien, Generationen, Berufsgruppen usw.) bewegen und damit überindividuelle Lebensstile - ‘soziale Milieus’ ausbilden. Diese werden von Hradil definiert als eine ”Gruppe von Menschen ..., die solche äußeren Lebensbedingungen und/oder inneren Haltungen aufweisen, aus denen sich gemeinsame Lebensstile herausbilden“ (1987b:165).

‘Milieus’ werden also relativ unabhängig von ‘sozialen Lagen’ bestimmt, sie wirken lagenübergreifend (indem sie Ähnlichkeiten der Lebensstile zwischen ungleichen Lagen schaffen) bzw. lagendifferenzierend (indem sie Unterschiede in gleichen ‘sozialen Lagen’ schaffen). Auch die ‘Milieus’ lassen sich entsprechend der jeweils dominanten Lebensziele bestimmen, allerdings werden im Unterschied zu den ‘Lagen’ nicht nur die ‘objektiven’ Bedingungen, sondern auch die ‘subjektiven’ Motive und Ziele der Handelnden zum Erreichen derselben berücksichtigt. Analog zu den ‘sozialen Lagen’ lassen sich mit der Entwicklung und Veränderung von Lebenszielen und der zu deren Erreichung notwendigen Lebensbedingungen jeweils konkret-historische ‘Milieus’<283> bestimmen.

Durch die ‘Verdopplung’ sozialer Ungleichheitsstrukturen in ‘Lagen’ und ‘Milieus’, die sich überlagern und differenzieren, werden mehrere Kritikpunkte an den ‘klassischen’ Sozialstrukturtheorien überwunden: die Vertikalitätsannahme sozialer Schichten weicht der Differenzierung entlang vertikaler und horizontaler Ungleichheitsdeterminanten und ermöglicht damit die Abbildung eines vielschichtigeren Modells sozialer Ungleichheit. Die Parallelität von ‘Lagen’ und ‘Milieus’ überwindet die den Klassen- und Schichtentheorien zugrundeliegende Annahme der Übereinstimmung von (Klassen)Lage und Bewußtsein bzw. Status/ Lebensstil und entspricht damit der sich auch in den Sozialwissenschaften verbreitenden Auffassung einer ”Entstrukturierung“ (Berger 1986) und


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”Individualisierung“ (Beck 1986) der Gesellschaft. Die Hradil´sche Theorie der ‘Lagen’ und ‘Milieus’ stellt damit einen Mittelweg zwischen den Annahmen ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien und der Auffassung Becks (1986) zum Verblassen der lebensweltlichen Realität von vertikaler Strukturierung dar und vermag auf diese Weise, wichtige soziale Differenzierungslinien, die sich durch unterschiedliche ‘objektive’ Lebensbedingungen und ‘subjektive’ Handlungsoptionen ergeben, aufzuzeigen. Allerdings wird er seinen Ansprüchen, die ‘neuen’ sozialen Ungleichheiten, zu denen er auch das Geschlecht zählt, in sein Sozial’struktur’modell zu integrieren, nicht gerecht. Weder in den ausgemachten ‘sozialen Lagen’ noch in den ‘Milieus’ werden die durch das ‘Geschlecht’ hervorgerufenen Ungleichheiten sichtbar; das ‘Geschlecht’ erscheint weder in Bezug auf die Bestimmung relevanter Lebensziele (wobei die Erreichung der Gleichberechtigung spätestens seit dem Erstarken der Frauenbewegung ab 1968 ein Ziel darstellt, das heutzutage von keiner politischen Partei bestritten wird) noch als Lebensbedingung, die ‘objektiv’ die Erreichung desselben strukturieren.

Somit verbleibt Hradil bei aller Differenziertheit seines Sozialstrukturmodells der Bestimmung der ‘klassischen’ Ungleichheiten verhaftet; die sog. ‘neuen’ Ungleichheiten, besonders das ‘Geschlecht’ werden weder singulär noch in ihrer Verschränkung mit den ‘Lagen’ und ‘Milieus’ wahrgenommen. Auch das Modell der ‘Lagen’ und ‘Milieus’ erweist sich in seiner Orientierung auf lediglich eine Seite der ‘Doppelten Ungleichheit’ für die Darstellung derselben als ungeeignet.

Ein weiteres Sozialstrukturmodell, das die ‘neuen’ sozialen Ungleichheiten explizit einbeziehen will, wurde von KRECKEL (1983b; 1992) entwickelt.

3.2.3.2. Die ‘Zentrum-Peripherie-Metapher’

Ungefähr zeitgleich mit Hradil und mit ihm die Kritik an den Grundannahmen ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien teilend: die Vertikalitätsannahme sozialer Strukturierung und ihre Ansiedlung in der Sphäre von Produktion und Arbeit<284> sowie die Beschränkung auf die


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Nationalgesellschaft entwickelte Kreckel (1983b; 1985; 1987; 1992) seine ‘Zentrum-Peripherie-Metapher’, die eine von Hradil abweichende Antwort auf die Frage nach der Darstellung moderner Ungleichheitsverhältnisse gibt.

Auch Kreckel entwirft ein Modell, das ”alte und neue, nationale und internationale, vertikale und nicht-vertikale Ungleichheiten“ (1983a:8) umfassen soll, ohne jedoch - und das unterscheidet ihn von Hradil - die ”Bipolarität“ und das ”Spannungsfeld“ (ebenda) sozialer Ungleichheit aufzugeben. Der ‘geologischen Metapher’ sozialer Schichtung setzt Kreckel die von ‘Zentrum und Peripherie’ entgegen. Diese impliziert im Unterschied zur ersteren keine ausschließlich vertikale Strukturierung, sondern denkt die Disparitäten als ‘konzentrische Kreise’, die sich zwischen Zentrum und Peripherie legen. Dieses Modell behauptet einerseits, daß eine Polarisierung zwischen Zentrum und Peripherie nicht (denk)notwendig ist, sondern dazwischen zahlreiche Mittel- oder Mittlerpositionen bzw. ‘Semiperipherien’ liegen, die eine ambivalente Kräftekonstellation erzeugen. Andererseits ist impliziert, daß nun auch horizontale Disparitäten zu denken sind, die sich durch die Entgegensetzung gegenüberliegender Randgruppen sowie die mögliche sektorelle Gliederung innerhalb der konzentrischen Kreise ergeben. Dennoch bleibt dem Modell die Konfliktannahme ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien immanent, da die Kreckel’sche Metapher ein ”ungleichheitsbegründendes Kräftefeld“ (1992: 149) beschreibt, das ”typischerweise durch Kräftekonzentration im Zentrum und Kräftezersplitterung an der Peripherie gekennzeichnet ist“ (1983:8). Daraus ergeben sich konflikthafte Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, die auf ungleichen Tauschbeziehungen, direkten Gewaltverhältnissen, Abhängigkeiten, Unterlegenheiten oder Bevormundung beruhen und damit ein asymmetrisches Innenverhältnis hervorbringen.

Auch Kreckel beschreibt die Positionierung innerhalb seiner Metapher mit dem Begriff der ‘sozialen Lagen’, der - wie schon bei Hradil herausgestellt - weniger einengend und orientierend auf eine vertikale Anordnung ist als andere sozialstrukturelle Begriffe (Klasse und Schicht). Als periphere Lagen bestimmt Kreckel somit ”strukturell verankerte Bedingungskonstellationen, aus denen sich für die Betroffenen Benachteiligungen hinsichtlich ihrer Zugangsmöglichkeiten zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten materiellen und/oder symbolischen Gütern und hinsichtlich ihres Spielraums für autonomes Handeln ergeben“ (1985:314). Mit diesen peripheren Lagen wird die Einbeziehung von


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‘Rand’gruppen in ein Ungleichheitsmodell möglich, die komplementär zu den ‘zentralen Lagen’ bestimmt werden, ohne sie in eine vertikale Struktur einzupassen.

Anders als Hradil, der die Bestimmung der sozialen Lagen über die ‘objektiven’ Lebensbedingungen zur Erreichung von Lebenszielen vornimmt und damit ein empirisch-konkretes Abbild gesellschaftlicher Differenzierung seiner Zeit zu entwerfen in der Lage ist, geht es Kreckel um ein theoretisch-abstraktes Denkmodell sozialer Ungleichheit. Entsprechend allgemein erfolgt die Bestimmung der Ursachen peripherer Lagen, die Kreckel auf ”mangelnde Konfliktfähigkeit“ zurückführt, die sich aus einem institutionalisierten und/ oder gewaltsam durchgesetzten Ausschluß von den jeweils dominierenden Machtressourcen sowie aus mangelnden Möglichkeiten zur Bildung von Gegenmacht ergeben (1985:314).

Die bewußte Ausblendung tatsächlicher Ungleichheitsdeterminanten (alter sowie neuer), die bewußte Beschränkung auf ein theoretisches Denkmodell und die sich aus dieser ergebenden Unmöglichkeit, ein empirisches Abbild tatsächlicher Ungleichheiten und ihrer Dominanzen zu zeichnen, hat neben aller Beschränkung den Vorteil der Universalität. Gerade die Nicht-Bestimmung konkreter Ungleichheitsdeterminanten macht diese Metapher für alle möglichen Strukturzusammenhänge anwendbar: lokale, regionale, nationale und weltweite. Die Anwendung der Zentrum-Peripherie-Metapher auf einen je konkreten Strukturzusammenhang ermöglicht auch die Analyse von Überschneidungen bzw. der teilweisen Aufhebung von Ungleichheiten, indem sich innerhalb einer großräumigen Zentrum-Peripherie-Konstellation (z.B. Nationalgesellschaft) innerhalb des Zentrums bzw. der Peripherie wiederum Zentren und Peripherien (z.B. auf regionaler oder lokaler Ebene) befinden und damit auch die peripheren bzw. zentralen Lagen differenzierter bestimmt werden können.

Jenseits dieses abstrakten Ungleichheitsmodells, dessen heuristischer Wert zwar einem vertikalen überlegen, aber dennoch - wie Kreckel selbstkritisch vermerkt - nicht unbegrenzt ist, entwickelt er (Kreckel 1992) ein konkretes Ungleichheitsmodell, das die Dimensionen vertikaler Ungleichheit der Gegenwart bestimmt: neben den distributiven Ungleichheiten (Reichtum und Wissen) gewinnen relationale Ungleichheiten an Bedeutung (hierarchische Organisation und ”Zugehörigkeit“). Die bessere oder schlechtere Partizipation an diesen


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Ungleichheit begründenden Ressourcen wird nunmehr jedoch nicht ausschließlich über die Achse: Kapital und Arbeit bestimmt, sondern über das ”korporatistische Dreieck“: Lohnarbeit, Kapital und Staat sowie im weiteren über Parteien, Verbände und soziale Bewegungen, die das ”ungleichheitsbegründende Kräftefeld“ aufspannen (1992:161ff). Dies entspricht wiederum dem abstrakten Modell der Zentrum-Peripherie-Metapher und seinen konzentrischen Kreisen und übersetzt die ‘Konfliktunfähigkeit’ als Grundlage peripherer Lagen in die konkrete Sozialstruktur, indem deutlich wird, daß sich die Bevölkerung entsprechend ihrer Nähe bzw. Ferne zum ”korporatistischen Dreieck“ bzw. zu Parteien und Verbänden als Interessenvertretern sozial strukturieren.

Mit der (abstrakten) Zentrum-Peripherie-Metapher sowie dem (konkreten) ”ungleichheitsbegründenden Kräftefeld“ gelingt es Kreckel zwar einerseits, auch horizontale Ungleichheitsdimensionen zu integrieren, sowie andererseits die Überschneidungen und der mit ihnen einhergehenden Verstärkungen bzw. Abschwächungen sozialer Ungleichheit sichtbar zu machen. Dennoch bleibt sein Modell - insbesondere bezogen auf die geschlechtsspezifischen Disparitäten, wie Kreckel (1983) einräumt - defizitär. Gerade das hier interessierende Problem der ‘doppelten Ungleichheit’, die Berücksichtigung von ‘klassischer’ und Geschlechterungleichheit ”läßt sich im Zentrum-Peripherie-Modell nur mühsam einfangen“ (1983:12). Zwar widmet Kreckel 1992 der sozialen Ungleichheit im Geschlechterverhältnis das gesamte IV. Kapitel - die dort vorgenommene Analyse von Geschlechterungleichheit bezieht sich jedoch explizit auf die durch die Arbeitsmarkt- und Frauenforschung hervorgebrachten Theoriemodelle zur Entstehung und Reproduktion von Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen und bewegt sich damit außerhalb der theoretischen Metapher von Zentrum und Peripherie.

Ehe ich die hier vorgestellten Theorien sozialer Ungleichheit insgesamt nach ihren Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen hinsichtlich der ‘doppelten Ungleichheit’ befrage, möchte ich an dieser Stelle noch einen Gegenentwurf zu allen bisher diskutierten Theorien vorstellen. Waren sich alle vorangegangenen Theorien in der Annahme strukturierter (wenn auch nicht ausschließlich vertikaler) Ungleichheit einig, sieht BECK (1986) diese durch den Prozeß der Individualisierung verschwinden.


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3.2.3.3. Die Theorie der Individualisierung

Im Unterschied zu den dargestellten Theoretikern, die der Differenzierung der Gesellschaft mit immer komplexeren Sozialstrukturmodellen begegnen wollen, geht es Beck nicht um die Erarbeitung eines irgendwie gearteten Sozialstrukturmodells<285> sondern um die Entwicklung einer Gesellschaftstheorie, die die tatsächliche Existenz sozialer Strukturen quasi nur nebenbei in den Blick nimmt. Sowohl in der ”Risikogesellschaft“ (1986) wie in der ”Theorie reflexiver Modernisierung“ (1994b) dominiert die Beschreibung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse die Analyse tatsächlicher sozialer Strukturen und ihre Bedeutung für soziale Ungleichheit. Dabei wird die Existenz sozialer Ungleichheit und ihrer permanenten Reproduktion von Beck gar nicht geleugnet; er anerkennt, daß die ”Verteilungsrelationen sozialer Ungleichheit“ (1983:36) relativ konstant, die Struktur sozialer Ungleichheit stabil geblieben ist und sich sogar in bestimmten Dimensionen noch verstärkt hat (1986). Dennoch meint er, daß die fortbestehenden Ungleichheiten durch Niveauverschiebungen (”Fahrstuhleffekt“<286>) ihre soziale Bedeutung verloren hätten und damit (in der Bundesrepublik) Verhältnisse entstanden seien, die ”jenseits der Klassengesellschaft“ (1983:36) liegen. Die Erhöhung der Einkommen und die Verbesserung des Bildungsniveaus, aber auch die sozialen Sicherungen durch den Wohlfahrtsstaat bedeuten in der Beck’schen Argumentation, daß die Begriffe von Klassen und Schichten an lebensweltlicher Relevanz verlieren, daß subkulturelle Klassenidentitäten verschwinden und ”ständisch“ eingefärbte Klassenlagen enttraditionalisiert werden (1983).

Die Anerkennung des Fortbestehens sozialer Ungleichheitsrelationen einerseits sowie die Annahme des Verschwindens der lebensweltlichen Realität (oder der Handlungsdetermination) von Klassen und Schichten andererseits stellt - auch wenn nicht eigentliches Ziel der Beck’schen Argumentation - eine erneute Auseinandersetzung mit der Marx’schen Annahme der Übereinstimmung von Klassenlage und Bewußtsein dar. Die


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Auseinandersetzung mit dem ‘Wirklichkeitsgehalt’ von Klassen- und Schichtentheorien macht Beck für meine Fragestellung der ‘doppelten Ungleichheit’ interessant, auch wenn er kein (empirisch verifizierbares) Sozialstrukturmodell entwickelt. Auch Beck geht dem Auseinanderfallen von ‘objektiver Lage’ und ‘subjektiver Zugehörigkeit’, auf die - wie oben dargestellt - die Vertreter der Schichten- und neueren Ungleichheitstheorien je unterschiedliche Antworten gegeben haben, auf den Grund, wobei er eine sich von allen bisherigen Ansätzen unterscheidende Theorie entwickelt. Während die ‘objektive’ Struktur sozialer Ungleichheit - einmal anerkannt - nicht weiter Gegenstand der Beck´schen Analyse ist, wendet er sich mehr den ‘subjektiven’ Auswirkungen, eben der Lebensrelevanz sozialer Strukturierung zu. Er meint, daß der soziale Klassencharakter der Lebensbedingungen und Lebensformen trotz konstanter Ungleichheitsstrukturen durch die ”Diversifizierung und Individualisierung von Lebenslagen und Lebensstilen“ (1986:122) verloren gehen kann. Dafür macht er insbesondere die Entwicklung des sozialen Wohlfahrtsstaates, der grundlegende soziale Sicherheiten garantiert, sowie die Bildungsexpansion und die Ausweitung von Mobilitätsprozessen und Konkurrenzbeziehungen verantwortlich, die die Menschen aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herauslösen und auf sich selbst zurückwerfen. Klassen und Schichten treten für das Handeln und die Lebensführung der Menschen zunehmend in den Hintergrund und werden damit als Strukturierungsmerkmal sozialer Ungleichheit zunehmend realitätsferner. An ihre Stelle tritt die Individualisierung (als Vergesellschaftungsprinzip). Dabei vollzieht sich dieser Individualisierungsprozeß durchaus widersprüchlich: während auf der einen Seite die Menschen aus ihren Klassen- und Schichtbindungen herausgelöst werden und sich selbst zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanung machen (müssen), verläuft der Individualisierungsprozeß andererseits kollektiv, d.h. Individualisierung und Standardisierung von Lebenslagen und -stilen sind zwei Seiten desselben Prozesses, der aber eben nicht mit einer Klassenbildung einhergehen muß<287>. Damit setzt er der Marx’schen These der Übereinstimmung von Klassenlage und Bewußtsein entgegen, daß die Vereinheitlichung der Lebensbedingungen, die Marx für den Frühkapitalismus als ‘Verelendung’ bezeichnet, die mit einer Klassenbildung (‘Klasse für sich’) einhergeht, unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen zur Individualisierung und damit zur Auflösung der Klassen führt.

Beck setzt den Theorien sozialer Strukturen damit auf ‘subjektiver’ Seite ein Individualisierungstheorem entgegen, das sich jedoch nur auf das Verblassen der lebensweltlichen Relevanz von ‘Klassen’ und ‘Schichten’, nicht jedoch auf die Struktur


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sozialer Ungleichheit bezieht. Mit der Aufgabe der Analyse ‘objektiver’ Ungleichheitsstrukturen und der Mechanismen ihrer Reproduktion wird ein wesentliches Feld soziologischer Fragestellung: nach den Ursprüngen sozialer Ungleichheit für unfruchtbar erklärt. Doch wird damit nicht das ‘Kind mit dem Bade ausgeschüttet’? Auch Beck räumt ein, daß Individualisierung als Vergesellschaftungsprozeß nur unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen möglich ist, wenn die Verbesserungen in Bildung und Einkommen die Klassen- bzw. Schichtenzugehörigkeit subjektiv verschwimmen läßt; daß also auch Änderungen möglich<288> sind. Auch wenn diese Änderungen, die im Zusammenhang mit der Krise der Wohlfahrtsgesellschaft stehen, an dieser Stelle nicht berücksichtigt werden können, wird klar, daß sich auch das Beck’sche Individualisierungstheorem nicht zur Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ eignet, da es die ‘klassische’ Ungleichheitsdimension nicht berücksichtigt.

Dafür gewinnen bei Beck - gerade weil die Klassen und Schichten an lebensweltlicher Relevanz verloren haben - ‘zugewiesene’ (askriptive) Merkmale an Gewicht, werden als die wesentlichen Ungleichheiten ausgemacht: Geschlecht, Alter, Rasse und Nationalität. Die gleichen Mechanismen, die die Individualisierung der Lebenslagen und Lebensstile erzeugen: Bildung, Mobilität und Konkurrenz lassen die Ungleichheit der Geschlechter<289> deutlicher hervortreten, da die Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt trotz Angleichung der Bildungsvoraussetzungen und ständig steigender Frauenerwerbsquote zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt ist. Das Hineingeborenwerden und die Unausweichlichkeit des ‘Geschlechts’ läßt es bei Beck als ‘ständisches’ Prinzip erscheinen. Die an das Geschlecht gebundene Arbeitsteilung, die den Frauen die häusliche, unbezahlte Arbeit zuweist, die gleichzeitig Grundlage und Ergebnis industrieller Gesellschaft ist, führt


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unter den Bedingungen der Individualisierung in modernen Gesellschaften zur Zuspitzung der Widersprüche einer ”im Grundriß der Industriegesellschaft halbierten Moderne, die die unteilbaren Prinzipien der Moderne - individuelle Freiheit und Gleichheit jenseits der Beschränkungen von Geburt - immer schon geteilt und qua Geburt dem einen Geschlecht vorenthalten, dem anderen zugewiesen hat“ (Beck 1986:179). In diesem Sinne bestimmt Beck die Geschlechterlagen als ”moderne Stände“, die als ”industriegesellschaftliche Ständehierarchie in der Moderne etabliert (wird)“ (ebenda: S.177).

Wenn auch die Klassen und Schichtengliederung im ‘klassischen’ Sinne als relevante Strukturierungsdeterminanten in der modernen Gesellschaft von Beck geleugnet werden, gelingt es ihm doch, die Geschlechterungleichheit, die er im Sinne von ‘Ständen’ beschreibt, in den Blick zu nehmen. Damit stellt er quasi einen Gegenentwurf zu allen bisher vorgestellten Theorien sozialer Ungleichheit dar, die die ‘klassische’ Struktur sozialer Ungleichheit thematisiert und mit den unterschiedlichen Sozialstrukturmodellen darzustellen versucht haben. Die Ausblendung eines Teils der ‘doppelten Ungleichheit’ macht seine Theorie zwar unbrauchbar für dessen Analyse, die Orientierung auf die Struktur der Geschlechterungleichheit weist jedoch über die hier analysierten Sozialstrukturtheorien hinaus, die ‘Geschlecht’ - wenn überhaupt - als ‘neue’ Ungleichheitsdimension bestimmt haben, die ausschließlich horizontal strukturierend wirkt. Ehe im zweiten Teil dieses Kapitels die Theorien, die die Geschlechterungleichheit thematisieren, auf ihre Anwendbarkeit für die ‘doppelte Ungleichheit’ hin analysiert werden, möchte ich die wesentlichen Erkenntnisgewinne und -grenzen der hier vorgestellten Theorien zusammenfassen.

3.2.4. Zusammenfassung: Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien zur Erklärung der ‘Doppelten Ungleichheit’

Wie die Analyse klassischer und neuerer Theorien sozialer Ungleichheit und Sozialstruktur in den vorangegangenen Abschnitten ergeben hat, orientieren sich diese zumeist nur auf einen Bereich gesellschaftlicher Strukturen sozialer Ungleichheit - die ‘klassische’ Sozialstruktur. Die Ausblendung der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen, die


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”Geschlechtsblindheit“ (Kreckel 1992) dieser Theorien macht sie unbrauchbar für die Analyse der oben problematisierten ‘doppelten Ungleichheit’. Die Beschränkung auf die ‘klassischen’ Strukturen sozialer Ungleichheit verweist damit zwar deutlich auf die Grenzen dieser Theorien, dennoch sind sie für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ unverzichtbar.

Es ist der Entwicklung dieser Theorietraditionen zu verdanken, daß die Strukturen sozialer Ungleichheit aufgedeckt und die soziale Ungleichheit ihrer Willkürlichkeit bzw. ‘Natürlichkeit’ entkleidet und auf ihre gesellschaftlichen Ursachen zurückgeführt wurden. Zwar haben die Vertreter der vorgestellten Theorien die Grundlagen sozialer Ungleichheit und Sozialstruktur je unterschiedlich bestimmt: Arbeit und Eigentum bzw. Nichteigentum an Produktionsmitteln in der Klassentheorie, Berufe und deren Merkmale (Qualifikation, Einkommen, Prestige) in den Theorien sozialer Schichtung, dennoch gehen sie insgesamt (mit Ausnahme des Beck´schen Individualisierungstheorems) von der Vertikalität sozialer Strukturen aus. Die Vertikalitätsannahme sozialer Strukturierung wird auch von den neueren Theorien sozialer Ungleichheit geteilt, selbst wenn deren Vertreter (Hradil 1983;1987a;b sowie Kreckel 1983a; 1992) die Notwendigkeit der Hinzunahme horizontaler Merkmale zur Beschreibung moderner sozialer Strukturen einfordern.

Das Paradigma ”strukturierter sozialer Ungleichheit“ (Müller 1994:121) einerseits wie das ”vertikale Paradigma“ (Noll; Habich 1990:153) andererseits, das allen hier dargestellten Theorien im wesentlichen gemein ist, macht sie für die Fragestellung der ‘doppelten Ungleichheit’ unverzichtbar. Die Bestimmung der vertikalen Strukturen der Gesellschaft und der sich aus ihnen ergebenden gesellschaftlichen Gruppen (Klassen, Schichten, Milieus und Lagen), deren Chancen, sich Zugang zu knappen und begehrten Ressourcen zu verschaffen, unterschiedlich ausgeprägt sind, erweist sich für die Bestimmung der ‘doppelten Ungleichheit’ als wesentlich. Die differenzierte, je spezifische Bestimmung ‘klassischer’ Sozialstruktur stellt dabei zugleich die Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen der hier diskutierten Theorien dar.

Der ausführlichen Darstellung und Kritik der einen Seite der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit folgt im folgenden die Auseinandersetzung mit der zweiten. Gemäß der unter 3.1. ausgemachten ‘Arbeitsteilung’ innerhalb der Sozialwissenschaften wird die


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Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen im wesentlichen von der feministischen Theorie/ Frauenforschung thematisiert, die den Gegenstand der folgenden Abschnitte darstellt. Dazu werden wiederum wesentliche Theorien der Geschlechterverhältnisse danach befragt, inwieweit sie das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ theoretisch zu erklären vermögen.

3.3. Theorien der Geschlechterverhältnisse

Das Problem der Geschlechterungleichheit, die Tatsache, daß Frauen aufgrund ihres Geschlechts vom Zugang zu begehrten und knappen Ressourcen ausgeschlossen bzw. benachteiligt sind, ist schon in der Vergangenheit aufgeworfen worden. Doch während bereits im 19. Jahrhundert die ‘Frauenfrage’ neben der ‘Arbeiterfrage’ das zweite große, die sozial- und gesellschaftspolitische Diskussion beherrschende, Thema darstellte (Dahme 1986), war die Frage nach dem Ursprung der ungleichen Verhältnisse zwischen Männern und Frauen seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts tabu (Mies 1983). Erst die sich aus den Studentenprotesten Ende der 60er Jahre formierende Frauenbewegung hat das Thema der Unterdrückung der Frauen und deren Ursachen wieder aufgegriffen. Anlaß dafür waren nach Gerhard (1993) die anhaltende soziale Ungleichheit und besondere Form der Benachteiligung der Frauen trotz ihrer formal-rechtlichen Gleichstellung.

Seither sind zahlreiche Theorien zur Erklärung der Geschlechterungleichheit entwickelt worden, haben FrauenforscherInnen die Erkenntnisse der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen (Sozialwissenschaften, Geschichte, Ethnologie, Psychologie ...) zusammengetragen, um auf die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen hinzuweisen.

Innerhalb der feministischen Sozialwissenschaften selbst, deren Erkenntnisse hinsichtlich der ‘doppelten Ungleichheit’ hier dargestellt werden sollen, hat es einen Wandel in der begrifflichen und theoretischen Bestimmungen von ‘Geschlecht’ gegeben. So entwickelten sich zunächst im Zusammenhang mit der Entstehung der Neuen Frauenbewegung ‘Frauenforschungen’ bzw. ‘Frauenstudien’, die ”weibliche Unterdrückung, weibliche


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Kulturen, weibliche Praxen sowie Formen weiblicher Subjektivität in Geschichte und Gegenwart“ (Becker-Schmidt 1993:37) thematisierten. Dabei stand der Begriff des Patriarchats im Vordergrund, der die Unterdrückung, Ausbeutung und Geschlechtssklaverei verdeutlichte (Gerhard 1993). Diese ”lauten Töne“ (ebenda: 12) waren ebenso wie die Forschung über Frauen zunächst unabdingbar für die Bestimmung des Forschungsgegenstandes und dessen Vergewisserung zu Beginn der Frauenforschung. Sie wichen jedoch in den letzten Jahren der Analyse des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern, der im Begriff des ‘Geschlechts’ (im Sinne von ‘gender’) seinen ”seriösen“ Begriff fand (Gerhard 1993). Dieser Wandel verdeutlicht nach Becker-Schmidt (1993), daß erst die Bezugnahme auf die Relationen zwischen den Geschlechtern die Konturen der sozialen Situation des weiblichen Geschlechts erkennen läßt, indem die Art und Weise untersucht wird, wie die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht geregelt sind.

Der Wandel der Analyse von den ‘Frauen’ zum ‘Geschlechterverhältnis’ markiert auch die heute von den meisten TheroretikerInnen<290> geteilte Auffassung vom Geschlecht als sozialer Strukturkategorie, die Männer und Frauen als ”Genusgruppen entlang dieser Trennungslinie sozial verortet“ und sich in ”geschlechtlichen Hierarchien, Segmentationen und Marginalisierungen“ niederschlägt, die Ausdruck sozialer Ungleichheit sind (ebenda:44).

Bevor im weiteren ausgewählte Theorien der Geschlechterverhältnisse in Bezug auf die Berücksichtigung der ‘doppelten Ungleichheit’ analysiert werden, sollen die gemeinsamen Grundannahmen der in den folgenden Abschnitten diskutierten Theorien dargestellt werden.

Unabhängig vom jeweiligen disziplinären Zugang und dem spezifischen Gegenstand der Analyse (Arbeitsmarkt, Sozialisation) der Geschlechterungleichheit teilen diese Theorien bestimmte Grundannahmen: sie bestimmen die Geschlechterverhältnisse als vertikal, als


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hierarchisch und sie führen die Ungleichheit derselben auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung<291> zurück.

Wie schon im Abschnitt 1.2 dargestellt, wurde die - in allen historischen Epochen existierende - geschlechtliche Arbeitsteilung in der Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit bzw. in der Trennung von ‘Öffentlichem und Privatem’ erst mit der Entstehung moderner kapitalistischer Produktionsweise verabsolutiert. Erst die weitgehende Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit und deren Zuweisung an das jeweilige Geschlecht treibt die patriarchale Abhängigkeit der Frau vom Mann auf die Spitze, indem sie von seinem Erwerbseinkommen abhängig wird. Dabei stellt nach Blasche (1993) die Ausdifferenzierung zweier heterogener gesellschaftlicher Teilbereiche: die vergesellschaftete Erwerbsarbeit und die private Reproduktionsarbeit ein zentrales Strukturmerkmal moderner Industriegesellschaften dar. Die Beschränkung der Frauen auf die Reproduktionstätigkeiten und ihr weitgehender Ausschluß<292> aus der Produktion, die sich mit dem Übergang der Produktion des ‘ganzes Hauses’ zur unselbständigen, lohnabhängigen und außerhäuslichen Tätigkeit (der Männer) mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise vollzogen hat, macht ihre Arbeit unsichtbar; häusliche Arbeit hört auf, ‘Ökonomie’ und ‘Produktion’ im Sinne der Beschaffung von Mitteln für den Lebensunterhalt zu sein, Arbeit wird nunmehr ausschließlich auf den Gelderwerb bezogen (Ostner 1983). Demzufolge werden die Haus- und Familienarbeit den Erfordernissen des außerhäuslichen Gelderwerbs untergeordnet, es entsteht das Kapital-Lohnarbeits-Hausarbeitsverhältnis (Witter 1990), das zugleich Grundlage und Voraussetzung des abendländischen Kapitalismus ist.

Die Trennung zwischen Berufs- und Hausarbeit, zwischen Öffentlichem und Privatem und die Zuweisung der privaten Hausarbeit an die Frauen sowie die öffentliche Berufsarbeit an die Männer wird auch durch die sich seit dem Ende des Jahrhunderts abzeichnende Zunahme weiblicher Erwerbsarbeit nicht aufgehoben. Im Gegenteil: die Notwendigkeit


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insbesondere für proletarische Frauen, durch Erwerbsarbeit das Familieneinkommen aufzubessern sowie die sich im weiteren ausbreitende außerhäusliche Beschäftigung auch der Frauen anderer Gesellschaftsschichten hat zu einer doppelten Belastung der Frauen durch die den beiden Sphären immanenten unterschiedlichen Anforderungen und Zeitarrangements geführt.

Die Einbeziehung der Frauen in den kapitalistischen Produktionsprozeß, verursacht durch die ständig steigende Nachfrage nach (billigen<293>) Arbeitskräften einerseits sowie die ökonomische Notwendigkeit von Frauen, durch eigene Erwerbsarbeit das Familieneinkommen aufzubessern, hat sich seit Ende des letzten Jahrhunderts verstetigt. Die Ausweitung staatsbürgerlicher Rechte und Freiheiten auch auf die Frauen und die Anerkennung der Gleichheit der Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht, sowie die Entstehung moderner kapitalistischer Wohlfahrtsstaaten<294> hat die Reduktion des weiblichen Aufgabenspektrums auf den Familienbereich aufgehoben und dieses um den Erwerbsbereich erweitert, ohne allerdings eine analoge Erweiterung des Aufgabenbereichs der Männer um den Familienbereich vorzunehmen. Die verbleibende Hausarbeit, die Reproduktion der männlichen (und nun auch weiblichen) Arbeitskraft, die Erziehung der Kinder und Pflege der Alten stellt unvermindert die Domäne der Frauen dar, unabhängig davon, ob sie außerhäusliche Erwerbsarbeit leisten oder nicht. Die gesellschaftliche Situation der Frauen ist dementsprechend von einem Paradoxon gekennzeichnet: sie unterliegen der ”doppelten Dominanz“ (Becker-Schmidt 1983:250). Während zu Hause die Familienpflichten Vorrang haben, besitzen in der Erwerbssphäre die beruflichen Erfordernisse absolute Priorität. Die Aufgaben der Frauen in Beruf und Familie machen dementsprechend einen ständigen Prioritätenwechsel im ”going-between“ (ebenda) zwischen beiden Bereichen notwendig - der nur mit Abstrichen in beiden Bereichen


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möglich sind. Die ungebrochene Zuständigkeit der Frauen für den familialen Bereich macht sie weniger ‘frei’ für außerhäusliche Erwerbsarbeit, die immer nur ein Segment weiblicher Tätigkeit darstellt (Ostner 1983), und verlängert durch die Schlechterstellung im beruflichen Bereich ihre patriarchale Abhängigkeit vom Haupternährer. ”Ist der Zirkel (von der Aufrechterhaltung der Zuständigkeit der Frauen für die Reproduktionssphäre und ihre Schlechterstellung in der beruflichen Sphäre - K.S.) erst einmal konstituiert, ist die Frage müßig, ob es die häusliche Arbeitsteilung ist, die die berufliche Arbeitsteilung und damit die Schlechterstellung der Frauen bedingt, oder ob die berufliche Schlechterstellung Frauen immer wieder auf ihre häusliche Arbeit verweist. Herausgebildet hat sich ein Diskriminierungskreislauf, ein struktureller Zusammenhang, der die Verfügbarkeit von Frauen in beiden Bereichen sichert, und der die Hierarchie im Geschlechterverhältnis im öffentlichen und privaten Bereich immer wieder reproduziert.“ (Steinberg 1989:18/19).

Die Allgemeingültigkeit des Zusammenhangs von (unterbewerteter und abhängiger) Reproduktionsarbeit der Frauen und ihrer schlechteren Positionierung im Erwerbsarbeitssystem hat insbesondere mit der Entstehung der Frauenforschung zur Hervorhebung des Geschlechts als Ungleichheitsdeterminante geführt. In bewußter Abgrenzung zur traditionellen Sozialstrukturforschung, die ihre Analysen sozialer Ungleichheit im wesentlichen (wie in Kapitel 3.2 beschrieben) auf die Erklärung klassen- und schichtspezifischer Strukturen sozialer Ungleichheit beschränkten (Ostner; Pappi 1994) wird von der Frauenforschung nun das Geschlecht zu einer zentralen Variablen der Sozialstrukturanalyse erklärt. Dabei wird die Gemeinsamkeit des Geschlechts - und nicht die der Klassenlage - zum zentralen Ausgangspunkt der feministischen Theorie gemacht, die die geschlechtsspezifische Ungleichheit aller Frauen, über die Klassen und Schichten hinweg, aufzeigen soll (Steinberg 1989). Die Herausarbeitung des Geschlechts als Strukturkategorie, die Geschlechterungleichheit quer zur Klassen- und Schichtenstruktur der Gesellschaft konstituiert, überwindet zwar den ”male bias“ (Ostner; Pappi 1994) der klassischen Sozialstrukturanalyse. Inwieweit die Theorien zur Geschlechterungleichheit aber das oben dargestellte Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ zu analysieren vermögen, soll in den folgenden Abschnitten geklärt werden.


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Die These, die den folgenden Abschnitten vorangeht, besagt, daß die Theorien der Geschlechterverhältnisse zwar die Ungleichheiten, die durch das Geschlecht, durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hervorgerufen sind, zu erklären vermögen, aber diese außerhalb der bestehenden Klassen- und Schichtenstruktur analysiert. Läßt sich diese These nachweisen, würden sich auch die Theorien der Geschlechterungleichheit für die Erklärung der ‘doppelten Ungleichheit’ als nicht ausreichend darstellen, da sie - analog zu den ‘klassischen’ Sozialstrukturtheorien - nur eine Seite des ‘doppelten’ Ungleichheitsverhältnisses erklären könnten.

3.3.1. Geschlechtersozialisation und ‘weibliches Arbeitsvermögen’

Wie oben schon dargestellt, hat sich innerhalb der feministischen Theorie/ Frauenforschung selbst ein Wandel von Forschung über Frauen hin zur Analyse der Geschlechterverhältnisse vollzogen, der auch in der Auswahl der hier vorgestellten und diskutierten Theorien aufscheint. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit dieser Theorien geht es im folgenden nicht vordergründig um die Auseinandersetzung mit den jeweils theorieimmanenten Stärken und Defiziten der jeweiligen Theorien sondern um deren Brauchbarkeit hinsichtlich der theoretischen Erfassung der ‘doppelten Ungleichheit’.

Ein erster Bezugspunkt der sozialwissenschaftlichen Frauenforschung ergab sich nach Gerhard (1993) aus der Neubestimmung der Kategorie ‘Arbeit’, die aus der sich in der Frauenbewegung entwickelten Diskussion um den ‘Lohn für Hausarbeit’ heraus thematisiert wurde. Die Analysen des Verhältnisses von Hausarbeit und Erwerbsarbeit fanden ihren Niederschlag in den Theorien der weiblichen Sozialisation und dem ‘weiblichen Arbeitsvermögen’, die Thema dieses Abschnitts sind. Diese differenztheoretischen Ansätze, im wesentlichen in den 70er und 80er Jahren entstanden, versuchten zu klären, wie ‘Geschlecht’ gesellschaftlich produziert wird und wie diese soziale Konstruktion dazu beiträgt, den Geschlechtern einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zuzuweisen (Becker-Schmidt/ Knapp 1995). Bei aller Kritik an diesen Theorien wegen ihrer Undifferenziertheit (Beer 1990; Gottschall 1995) und der quasi


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Reproduktion der Geschlechterdifferenz (Hagemann-White 1993) stellten sie doch einen wesentlichen - ersten - Schritt auf dem Weg der Erkenntnis, wie ‘Geschlecht’ gesellschaftlich produziert wird, dar und verweisen auf Mechanismen der Reproduktion von Geschlechterungleichheit.

Theorien der Geschlechtersozialisation haben den Versuch unternommen, die Prozesse von Sozialisation und Erziehung auf ihre Bedeutung für die Geschlechterungleichheit hin zu analysieren, die auf der subjektiven Seite (der Frauen) dazu führen, daß sie - wider besseren Wissens - Berufsoptionen entwickeln, die sie in schlechterbezahlte, beruflicher Entwicklung weniger zugängliche Berufe einmünden lassen. Sie versuchen, der Frage nach dem WARUM der unterschiedlichen Eigenschaften und Interessen von Jungen und Mädchen nachzugehen, die wiederum die Grundlagen ihrer unterschiedlichen beruflichen Orientierungen einerseits und von Diskriminierungsvorwänden andererseits darstellen.

Geschlechtersozialisationsforschung als ein spezieller Bereich von Sozialisationstheorien<295> versucht den Entstehungsbedingungen und Reproduktionsmechanismen weiblicher resp. männlicher Identitäten nachzugehen. Im Unterschied zu Makro-Theorien sozialer Ungleichheit, die auf die Aufdeckung von Strukturen zielen, die ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen: Eigentum, Macht, Bildung ect. bedingen, versucht die Geschlechtersozialisationsforschung das Werden von Frauen und Männern über die ”Wege der Einflußnahme auf Kinder ... und diskriminierende - Differenz und Benachteiligung zugleich vermittelnde - Erziehungspraktiken“ (Hagemann-White 1993:68) aufzuzeigen und die Herausbildung unterschiedlicher Geschlechteridentitäten und deren spezifische Handlungsoptionen nachzuvollziehen<296>.. Demzufolge bilden nicht Strukturen,


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sondern Handeln, subjektive Aneignung vorfindlicher Verhältnisse den Mittelpunkt von (Geschlechter)Sozialisationstheorien. Wenn auch Theorien der Geschlechtersozialisation in der - historisch entstandenen - Arbeitsteilung der Geschlechter die Ursache für die Geschlechtersozialisation sehen, geht es in diesen Theorien vordringlich um die Beschreibung der Prozesse der Aneignung von (geschlechterungleicher) Wirklichkeit.

Ausgangspunkt der (Geschlechter-)Sozialisationstheorie ist der konkret-historische gesellschaftliche Reproduktionszusammenhang in seinen spezifischen ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Verhältnissen (Nickel 1990a), der sich über Handlungsanforderungen und subjektive Aneignungsweisen modifiziert reproduziert. Dies impliziert, daß (Geschlechter)Sozialisation kein rein individueller Prozeß der Aneignung bzw. Erziehung ist, sondern daß sie gruppentypisch verläuft; Individualität wird demgemäß auch von geschlechtstypischen Aneignungsweisen und Verhalten bestimmt.

Geschlechtersozialisation beschreibt also den Prozeß der Herausbildung geschlechtsspezifischer Handlungspotentiale, Verhaltens- und Aneignungsweisen, die zur Reproduktion der Geschlechterverhältnisse beitragen. Sie versucht zu erklären, über welche Mechanismen - vor allem der Sozialisation - sich eine vorfindliche Arbeitsteilung der Geschlechter reproduziert, indem sie die Wege der Einflußnahme und Erziehung aufdeckt, die je nach Geschlecht spezifische Beschränkungen bzw. Möglichkeiten hervorbringen.

Die Theorie der Geschlechtersozialisation versucht, den Ursachen und Prozessen der - empirisch wahrnehmbaren, scheinbar freiwilligen - Übernahme reproduktiver Funktionen durch die Frauen nachzuspüren. Sie will die Hintergründe aufdecken, die dazu führen, daß Mädchen - über die tatsächlichen Diskriminierungs- und Ausschließungsprozesse hinweg - ‘freiwillig’<297> über ihre Berufsorientierung auf die schlechteren Plätze gelangen.

(Geschlechter)Sozialisation wird dabei als lebenslanger Prozeß verstanden, der sich in unterschiedlichen Instanzen, die sich gegenseitig in der Wirkung verstärken (aber auch abschwächen können) vollzieht. Diese Instanzen rücken mit der Widerlegung der These der biologisch bestimmten sozialen Unterschiedlichkeit zwischen Mädchen und Jungen


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(Hagemann-White 1984; Bilden 1991) stärker ins Blickfeld. Es wird untersucht, welchen Einfluß diese (Familie, Schule, peers, Beruf) auf die Entstehung männlicher und weiblicher Identitäten haben. Innerhalb der Sozialisationsinstanzen nimmt die Familie eine herausragende Stellung ein.

Kinder werden insbesondere in der Familie, über die direkte Kommunikation mit den Eltern mit bestimmten, nach Geschlecht je unterschiedlichen Verhaltens- und Normerwartungen konfrontiert<298>, zu denen sie sich verhalten müssen und in dessen Ergebnis sich eine erste soziale Identität über das Geschlecht<299> entwickelt. Dabei erfolgt die Herausbildung geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen auf zweierlei Art: über Erziehung als einem Spezialfall der Sozialisation, die bewußt auf die Einübung bestimmter Verhaltensweisen, Werte und Normen gerichtet ist und über - die sehr viel diffusere - Nachahmung beobachteter Arbeitsteilung und Funktionszuweisung von Mutter und Vater, die wesentliches Strukturmoment der Geschlechterverhältnisse sind. Im Ergebnis von Erziehung und Nachahmung entstehen Geschlechterstereotype als das Wissen davon, wie man sich als Mädchen bzw. Junge ‘normal’ bzw. ‘abweichend’ verhält.

Geschlechteridentität wird also über Handlungs- und Verhaltensanforderungen (auch mittels elterlicher Macht und Gewalt) erzeugt, die von den Kindern mehr oder weniger umgesetzt - sozialisiert - werden. Gleichzeitig wird mit der je spezifischen


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Einbindung<300> der Jungen und Mädchen in die Familie als Ort von Haus- und Beziehungsarbeit und als Reproduktionsinstanz kultureller Normen (”gelebte Ideologie“ - Nickel 1985) die ‘traditionelle’ Arbeitsteilung innerhalb (und außerhalb) der Familie und damit die Struktur der Geschlechterverhältnisse reproduziert.

Diese durch geschlechtstypische Handlungs- und Verhaltenserwartungen sowie Erziehung hervorgerufenen Unterschiede in den Aktivitäten, Kontakten und Befähigungen von Mädchen und Jungen wird durch den Umgang mit anderen Kindern und Jugendlichen (‘peers’) und durch die Schule verstärkt (bzw. abgeschwächt oder verändert).

Dabei ist es ein wesentliches Verdienst der Theorie der Geschlechtersozialisation, daß die Koedukation als scheinbar geschlechtsneutrale Lehr- und Lernform als Mythos entlarvt wurde. Wie verschiedentlich nachgewiesen<301> wurde, führt die Koedukation - trotz aller gegenteiligen Behauptungen - dazu, daß Jungen und Mädchen in der Schule nicht dasselbe lernen; daß schulische Bildung keineswegs geschlechtsneutral verläuft. Dabei stellt schulische Sozialisation nicht einfach eine Verlängerung der Geschlechtersozialisation in der Familie, sondern eine eigene Dimension dar, die die vorgängigen (bzw. parallelen) Sozialisationseffekte verstärken, aber auch abschwächen kann<302>.

Hagemann-White (1984) bestimmt als wesentliche Grundlage schulischer Geschlechtersozialisation die Geschlechterstereotypen der LehrerInnen, die sich in unterschiedlichen Anforderungen<303> an und differenzierter Bewertung<304> von Mädchen und


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Jungen niederschlagen. Auch in der Schule verstärken sich damit Sozialisationseffekte, die Jungen und Mädchen je unterschiedliche Wissensgebiete erschließen und damit je spezifische Kompetenzen ausbilden.

Verstärkt wird die Geschlechtersozialisation noch einmal innerhalb der peers: ”Untereinander sozialisieren sich Kinder mit dem Alter zunehmend, rigoros im Sinne geschlechtstypischen Verhaltens“ (Bilden 1991: 287). Auch für die Gleichaltrigengruppen läßt sich festhalten, daß Jungen nicht nur insgesamt - unabhängig ihrer sozialen Herkunft - mehr Freizeit als gleichaltrige Mädchen haben, sondern daß sich auch die Art der Freizeitaktivitäten<305>, die Struktur der peers<306> und dementsprechend die Kommunikationsform<307> je geschlechtsspezifisch unterscheiden. Während Jungen innerhalb der peers lernen, ihre dominante Position auch verbal, auch gegen das Rederecht anderer, durchzusetzen, haben Mädchen Probleme mit Konflikten und Dominanz (Bilden 1991).

Geschlechtsspezifische Sozialisation in peer-groups findet damit zwar weitgehend unabhängig von den Eltern, in den Gruppen meist gleichgeschlechtlicher Gleichaltriger statt, bedeutet aber - insbesondere durch die zuvor dargestellte stärkere Reglementierung der Freizeit der Mädchen durch die Eltern - andererseits eine ”von unsichtbarer Hand“ gelenkte geschlechtstypische Sozialisation der Nachwachsenden. Damit knüpft die


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geschlechtsspezifische Sozialisation in peers an die Sozialisation in der Familie an und läuft weite Strecken parallel mit der schulischen Sozialisation, wobei sie sich wechselseitig in ihren Bestärkungen der Jungen und Beschränkungen der Mädchen bedingen.

Die Entwicklung je spezifischer Interessen und Kompetenzen bei Jungen und Mädchen<308> sowie - gepaart damit - unterschiedlichem Durchsetzungsvermögen beeinflußt beim Übergang von der Schule in das Berufsausbildungssystem die ‘Wahl’ geschlechtstypischer Tätigkeitsfelder und führt somit zur Reproduktion der Voraussetzungen geschlechtsspezifischer Sozialisation.

Insgesamt erweist sich die Theorie der Geschlechtersozialisation als wichtiger Schritt auf dem Weg der theoretischen Reflexion der Geschlechterungleichheit. In den 70er und 80er Jahren entstanden, war sie notwendiger Bestandteil der ‘Selbstfindung’ einer erstarkenden Frauenbewegung und feministischen Theorie. Die Aufdeckung der Wege der Erziehungspraktiken und Einflußnahmen, die geschlechterdifferenziert sind, trugen wesentlich zur Erklärung der Reproduktion geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung bei. Die geschlechterpolarisierende Darstellung, die ”fast zwangsläufig auf die Konstruktion eines männlichen und eines weiblichen Sozialcharakters hinaus(läuft)“ und damit ”den schematisierenden Dualismus von männlich-weiblich (reproduziert)“ (Bilden 1991:279), führte jedoch auch innerhalb der feministischen Theorie/Frauenforschung zur Kritik, die die Geschlechtersozialisation als ”seinerzeit sinnvolles, heute aber unbrauchbares Konzept“ (Hagemann-White 1993:68) zurückweist.

Doch ist es nicht die Konstruktion einer Geschlechterpolarisation, die die Theorie der Geschlechtersozialisation für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ unbrauchbar erscheinen läßt, sondern die Beschränkung auf die Dualität männlich-weiblich. Zwar impliziert diese Theorie, daß der Prozeß der Identitätsbildung nicht individuell, sondern gruppentypisch, gebrochen durch sozialstrukturelle Zugehörigkeiten, verläuft, die wiederum die Aneignungs- und Verhaltensweisen bestimmen (Nickel 1985), tatsächlich nimmt sie jedoch auf die sozialstrukturelle Sozialisation keinerlei Bezug. Dies erscheint


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aber für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ als notwendig. Daß ungleiche Partizipationschancen nicht nur durch das Geschlecht, sondern auch durch die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialstrukturellen Klassen, Schichten oder Gruppen determiniert wird, ist so plausibel wie empirisch nachgewiesen (Bertram 1981). In der Theorie der Geschlechtersozialisation werden aber die auch innerhalb der Geschlechtergruppen je nach sozialstruktureller Herkunft bzw. eigenen Bildungsabschlüssen unterschiedlichen Geschlechter-Identitäten nicht berücksichtigt; die Differenzierung nach weiblichen und männlichen Identitäten muß daher beschränkt bleiben.

Dennoch hat die Theorie der Geschlechtersozialisation ganz wesentlich dazu beizutragen, die ungleiche, ‘freiwillige’ Einmündung der Geschlechter auf den Arbeitsmarkt zu erklären, die dazu führt, daß Frauen und Männer ganz unterschiedliche (auch in Einkommen und Aufstiegschancen) Felder im Erwerbsarbeitssystem besetzen. Dieser Ansatz wird in der Theorie des weiblichen Arbeitsvermögens weiterentwickelt.

Ausgehend von der Analyse der historischen Entstehungsbedingungen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in Berufs- und Hausarbeit<309> stellen Ostner und Beck-Gernsheim<310> die Entwicklung eines je geschlechtsspezifischen Arbeitsvermögens fest, das entscheidende Auswirkungen auf die Einbeziehung von Männern und Frauen in den modernen Arbeitsmarkt, vor allem auf ihre Zuordnung zu bestimmten Arbeits- und Tätigkeitsfeldern hat. Das historische Auseinanderfallen von Berufs- und Hausarbeit verändert danach die jeweilige Arbeitsweise, unterwirft die Geschlechter einer ganz unterschiedlichen Zeitökonomie wie inhaltliche Orientierung und bewirkt über geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse die Entstehung der nach Geschlecht unterschiedenen Arbeitsvermögen.


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Die Entstehung außerhäuslicher Erwerbsarbeit - Berufsarbeit - und deren Zuweisung zum Mann<311> sowie die Vertiefung von Arbeitsteilung und Technisierung führen zur Aufhebung ganzheitlicher (handwerklicher) Tätigkeiten und Fertigkeiten und damit zur Spezialisierung im arbeitsteiligen Prozeß, die Konsequenzen für die Organisation der Berufsarbeit und für das Arbeitsvermögen nach sich ziehen. Wo die (männliche) Berufsarbeit zur Grundlage materieller Existenz geworden ist, zählen nicht mehr handwerkliche Qualität, sondern Zeit- und Kostenökonomie auf Seiten des Unternehmens sowie Lohnhöhe und Arbeitszeit - statt Arbeitsinhalte - auf Seiten der Beschäftigten. Es entwickeln sich bei den (männlichen) Beschäftigten neben spezifischen fachlichen Fertigkeiten besondere Dispositionen, Orientierungen und Verhaltensweisen, die auf die Wahrung ihrer Eigeninteressen gerichtet sind (Beck-Gernsheim 1981). Das Verhältnis zu anderen (beruflich) Arbeitenden wird also als Konkurrenzverhältnis bestimmt.

Hausarbeit - als historisch der Frau zugewiesene Arbeitsweise - wird als notwendiger Gegensatz zur Berufsarbeit definiert, die anderen Zeit- und Effektivitätskriterien unterliegt. War die Hausarbeit als ‘residuale’, private, nicht marktvermittelte und für den Tausch eingesetzte Arbeit aus der theoretischen Reflexion lange Zeit herausgefallen, bestimmen Ostner und Beck-Gernsheim diese als Arbeit, die ein bestimmtes Arbeitsvermögen konstituiert. Hausarbeit bringt durch den im Vergleich zur Berufsarbeit so anders gearteten Arbeitsgegenstand: materielle und psychische Reproduktion, private Haushaltsführung und Kindererziehung notwendig andere Fähigkeiten, Fertigkeiten und Orientierungen hervor: ”als Sorge um das alltägliche leibliche Wohlergehen bleibt die unmittelbar reproduktive Arbeit primär naturgebunden und naturnotwendig: sie folgt natürlichen Äußerungen und Rhythmen, Wissen, Situationsdeutungen etc...“ (Ostner 1982:110). Die Naturgebundenheit reproduktiver Arbeit, der Verweis derselben hauptsächlich an die Frauen macht eine Abstraktion der Arbeit durch Arbeitsteilung - wie in der Berufsarbeit - sowie die Anwendung einer ‘Kosten- und Zeitökonomie’ unmöglich.

Hausarbeit ist aufgrund des sich von der Berufsarbeit unterscheidenden Arbeitsgegenstandes, der Orientierung an den unmittelbaren Bedürfnissen der


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Familienmitglieder zeitlich und arbeitsinhaltlich völlig anders als Berufsarbeit strukturiert. Sie ist nicht beliebig in zeitlich unabhängige Teiltätigkeiten zerlegbar und richtet sich auf den inhaltlichen - gebrauchswertbezogenen - Aspekt der Tätigkeit. Hausarbeit erhält nicht über den Tausch einen materiellen Gegenwert wie Berufsarbeit. Entsprechend ergeben sich spezifische Fähigkeiten, Fertigkeiten und Orientierungen. Hausarbeit benötigt Erfahrungswissen (‘Empathie und Intuition’, Ostner 1982) - Berufsarbeit bedeutet dagegen Spezialisierung, Nutzung von naturwissenschaftlich-exaktem Wissen -. Hausarbeit dagegen ist gebrauchswertbezogen, richtet sich auf die Bedürfnisbefriedigung der Familienmitglieder - Berufsarbeit ist tauschbezogen: nicht das Produkt eigener Tätigkeit ist Ziel der Arbeit, sondern der Lohn als Tauschäquivalent.

Weibliches Arbeitsvermögen - als Resultat der historischen Zuweisung der Hausarbeit an die Frauen - unterscheidet sich vom männlichen aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsgegenstände, Arbeitsinhalte sowie der zeitlichen Struktur

Dieses historisch entstandene<312>, sich für den Reproduktionsbereich funktional erweisende Arbeitsvermögen der Frauen zieht aber auch Konsequenzen für die weibliche Berufsarbeit nach sich. Es strukturiert sowohl die Art und Weise wie auch die Risiken und Chancen von weiblicher Berufsarbeit. Deutlich wird das am Berufswahlverhalten von Frauen, das Ostner und Beck-Gernsheim auf die Notwendigkeit zurückführen, einen Kompromiß zwischen erworbenem frauenspezifischen Arbeitsvermögen (über Sozialisation und eigene Hausarbeit) und den Anforderungen beruflicher Tätigkeit (auf ‘männlichem’


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Arbeitsvermögen beruhend) zu finden. Um den Gegensatz beruflicher und reproduktiver Arbeitsanforderungen zu minimieren, um nicht ‘Wanderer zwischen den Welten zu sein’, suchen Frauen reproduktionsnahe Berufe, deren Anforderungen ihren üblichen häuslichen Arbeiten ähnlich sind:

Frauen wählen Berufe, in denen Personenbezogenheit, ‘Assistieren’ und soziale Kontakte eine größere Rolle spielen als Einkommen und Entwicklungschancen.

Die Gebrauchswertorientierung ihrer Arbeit und das mangelnde Interesse am ‘Tauschwert’ einerseits, das Einbringen ‘privat’ erworbener Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nicht als Ausbildungskosten tauschwertsteigernd wirken andererseits, führen jedoch seitens der Unternehmen zur dauerhaften Unterbewertung weiblicher Berufsarbeit, die wiederum die Einkommens- und Entwicklungsdiskrepanzen beruflicher Arbeit zwischen den Geschlechtern bedingt.

Ausgehend von einem inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Arbeitsanforderungen an bestimmten Frauenabeitsplätzen und den Eigenschaften und Merkmalen des Arbeitsvermögens von Frauen (Gottschall 1995) unternimmt die Theorie des weiblichen Arbeitsvermögens den Versuch, die sichtbare geschlechtsspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt durch einen angebotsorientierten Ansatz, der das Berufswahlverhalten und die Berufspraxis zum Ausgangspunkt nimmt, zu erklären. Der Erkenntnisfortschritt dieser Theorie besteht in der Herausarbeitung des strukturellen Zusammenhangs zwischen Erwerbs- und Hausarbeit, zwischen arbeitsmarktexternen und arbeitsmarktinternen Bedingungen. Erstmals wird die ‘Hausarbeit’ als notwendige Kehrseite von Erwerbsarbeit in die Analyse von Geschlechterdifferenz einbezogen. Die Feststellung geschlechtsspezifischer Arbeitsmarktstrukturen, die nach dieser Theorie aus den Besonderheiten des weiblichen Arbeitsvermögens resultieren, erklärt die starke Rezeption dieser Theorie ebenso wie die weitreichende Kritik an deren ‘Legitimation’ geschlechtsspezifischer Arbeitsmarktsegregation (ebenda).


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Empirisch wurde den Autorinnen dieses Ansatzes entgegengehalten, daß zahlreiche Tätigkeiten im industriellen und kaufmännischen Bereich keineswegs als ‘hausarbeitsnah’ oder ‘reproduktionsbezogen’ bezeichnet werden könnten (Gottschall 1990a) bzw. daß die Aneignung bestimmter Berufsfelder historisch zuerst schichtenspezifisch und erst im weiteren geschlechtsspezifisch erfolgte (ebenda). Dieser Auffassung steht entgegen, daß eine immer größere Zahl von Mädchen und Frauen nicht nur einen qualifizierten Ausbildungsabschluß erwerben, sondern auch eine kontinuierliche Erwerbsarbeit und berufliche Entwicklung verwirklichen - sich also der sog. ‘männlichen Normalbiographie’ nähern. Auch läßt sich das - wenn auch noch sehr zögerlich sich vollziehende - Eindringen der Frauen in sog. männliche Erwerbsfelder konstatieren.

Entscheidender als die empirische erweist sich jedoch die theoretische Kritik. So wird diesem Konzept insbesondere die Undifferenziertheit der Bestimmung des ‘weiblichen’ im Arbeitsvermögen entgegengehalten. Die Charakterisierung weiblichen Arbeitsvermögens mittels Eigenschaften wie Empathie, Intuition, Kommunikation und Sozialverhalten gelten in diesem Konzept als typisch für das Arbeitsvermögen aller Frauen. Knapp (1987) kritisiert in diesem Zusammenhang, daß die Subsumtion des gesamten Arbeitsvermögens unter die Bestimmung ‘weiblich’ alle gesellschaftlichen, historischen und individuellen Konstitutionsbedingungen von Arbeitsvermögen unberücksichtigt läßt. ‘Weibliches’ Arbeitsvermögen verhält sich damit ausschließlich relational zu ‘männlichem’ und beinhaltet zwangsläufig nur die Komponenten, die im männlichen nicht enthalten sind; Aspekte des Arbeitsvermögens, die geschlechtlich nicht zuzuordnen sind, fallen aus der Betrachtung ganz heraus (ebenda).

Noch entscheidender erscheint mir die Kritik von Beer (1990), die diesem Konzept die Vernachlässigung der Konkurrenz zwischen Männern und Frauen um begehrte Erwerbschancen vorwirft. Demzufolge werden nicht patriarchale Schließungsmechanismen, sondern das ‘weibliche Arbeitsvermögen’ als Ursachen geschlechtsspezifischer Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt festgemacht - und damit auch gewissermaßen legitimiert (Gottschall 1995).

Trotz dieser - durchaus berechtigten - Kritik ist es dieser Theorie zu verdanken, daß sie in Abgrenzung zur ‘Geschlechtsblindheit’ der ‘klassischen’ Sozialstrukturtheorien die soziale Konstruktion von Geschlecht offenbart und einen Zusammenhang zwischen Erwerbs- und


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Reproduktionssphäre herstellt, der die Ungleichheit der Geschlechter in der ersteren bewirkt: ”Die berufliche Sonderstellung von Frauen hat ihre objektive Ursache in der Abhängigkeit beruflicher Arbeit von privater Reproduktionsarbeit, also im qualitativen Unterschied von Berufs- und Hausarbeit. ... Subjektiv perpetuiert wird die berufliche Benachteiligung von Frauen durch die Affinität weiblicher Verhaltens- und Arbeitsweisen zur Hausarbeit - eine Affinität, die nicht freiwillig entwickelt wird“ (Ostner 1982:237).

Neben aller weitergehenden Kritik erweist sich insbesondere die Beschränkung auf die Differenz zwischen den Geschlechtern als Ursache der Untauglichkeit dieser Theorie für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’. Zwar bricht sie die ‘Geschlechtsblindheit’ ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorien auf, erweist sich jedoch wiederum ‘blind’ gegenüber sozialstrukturellen Differenzierungen innerhalb der Genusgruppen. Auch wird die Rückbindung der geschlechterdifferenzierenden Struktur (auf dem Arbeitsmarkt) an subjektive Optionen und Vermögen den Ungleichheit generierenden Strukturen im Geschlechterverhältnis nicht gerecht.

Angesichts dieser Kritik werden weitere Konzepte entwickelt, die sich mehr den strukturellen Ungleichheitsdeterminanten zuwendeten: Arbeitsmarkttheorien, Theorie der ‘doppelten Vergesellschaftung’. Diese sind Gegenstand der folgenden Überlegungen.

3.3.2. Arbeitsmarkttheorien

Im Unterschied zu den Theorien der Geschlechtersozialisation und dem ‘weiblichen Arbeitsvermögen’, die die Reproduktion der Geschlechterungleichheit im wesentlichen auf arbeitsmarktexterne Bedingungen zurückführten, spüren die Arbeitsmarkttheorien den Mechanismen ”sozialer Schließung“ (Parkin 1983) nach, die auf dem Arbeitsmarkt selbst die Benachteiligung der Frauen bewirken. Dabei sind die Theorien der Geschlechtersegregation, die die Schließungsprozesse gegenüber dem Merkmal (weibliches) Geschlecht aufzeigen, aus den Segmentationstheorien hervorgegangen.

Die Segmentationstheorien wiederum entstanden in den 70er Jahren in Reaktion auf den mainstream der (neo-)marxistischen Theorien, die von der generellen Proletarisierung der


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Gesellschaft ausgingen, die die Menschen (unabhängig von Nationalität, Geschlecht und Alter) zu Anhängseln der Maschine degradieren und damit austauschbar machen würden. Diesen Auffassungen setzten die Segmentationstheorien die - empirisch konstatierbare - Tatsache entgegen, daß die Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften durchaus unterschiedlich verteilt sind. Damit grenzten sich diese Theorien auch explizit vom neoklassischen Arbeitsmarktmodell ab, das von einem Ausgleich der Arbeitsbedingungen und Einkommensmöglichkeiten durch uneingeschränkte Mobilität ausging. Dieser Theorie setzten die Segmentationstheorien entgegen, daß insbesondere in Phasen der Depression bestimmte Bevölkerungsgruppen besonderen Arbeitsmarktsrisiken unterliegen. Darüberhinaus erwiesen sich die Unterschiede in Einkommen und Beschäftigungssicherheit als resistent.

Eine Grundlage der Segmentationstheorien stellten die Erfahrungen mit den Qualifizierungs- und Mobilitätsanstrengungen der manpower-policy (Doehringer; Piore 1971) in den USA dar. Diesen war es nicht gelungen, die Angleichung der Einkommen und Beschäftigungsrisiken durchzusetzen; ihr Scheitern machte die Begrenztheit der neoklassische Arbeitsmarkttheorien deutlich und führte zur Entwicklung eines neuen Zweiges der Arbeitsmarktforschung: der Segmentationstheorie. Zuerst in den USA als Theorie des dualen Arbeitsmarktes entwickelt (ebenda), machte sie deutlich, daß neben den erworbenen Merkmalen wie Bildung, Produktivität und Mobilität auch askriptive Merkmale wie Geschlecht, Alter und Nationalität (neben Beruf, Wirtschaftszweig und Unternehmen) die individuellen Arbeitsmarktchancen determinieren.

Die Theorie des dualen Arbeitsmarktes<313> wurde von Lutz und Sengenberger (1974) sowie Sengenberger (1978;1987) für die Bundesrepublik erweitert, für die sie das Modell eines dreigeteilten Arbeitsmarktes entwickeln. Die Autoren weisen nach, daß der Arbeitsmarkt kein Tummelplatz freier Marktkräfte ist, die über die Lohndifferenz Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage auszugleichen in der Lage sind, sondern dem Einfluß und der Interessen von Arbeitgebern nach Dauerhaftigkeit von Humankapitalinvestitionen einerseits und der Beschäftigten nach Beschäftigungssicherheit andererseits unterliegt. Diese strukturieren über Mechanismen von ”sozialer Schließung“


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(Parkin 1983) bzw. über ”horizontale Abgrenzung“ und ”vertikale Ausschließung“ (Kreckel 1992) den Arbeitsmarkt. Dabei vollzieht sich die Segmentation nicht willkürlich oder vorübergehend, sondern ist das dauerhafte ”Ergebnis der im Arbeitsprozeß wirksamen Durchsetzung ökonomischer und politischer Kräfte und Interessen“ (Sengenberger 1978:16). Nach dieser Theorie gliedert sich der Arbeitsmark in folgende Segmente: den innerbetrieblichen Arbeitsmarkt, den Jedermanns-Arbeitsmarkt und den fachlichen Arbeitsmarkt. Diese Teilarbeitsmärkte unterscheiden sich durch Humankapitalinvestitionen und Mobilitätserfordernisse bzw. -einschränkungen, die an jeweils spezifische, auch askriptive Merkmale gebunden sind. Der innerbetriebliche Arbeitsmarkt zeichnet sich durch Arbeitsplatzsicherheit, hohes Einkommen und betriebliche Karrieremöglichkeiten aus. Die notwendigen Investitionen in die Bildung und Qualifikation der Beschäftigten seitens der Unternehmen in diesem Segment führen einerseits zu einer starken Bindung der Beschäftigten an das Unternehmen (‘Kernbelegschaft’), andererseits zum Ausschluß derjenigen Beschäftigtengruppen aus diesem Segment, deren Erwerbsverläufe absehbar diskontinuierlich bzw. nach kurzer Frist beendet sind: Frauen, Jugendliche und Ausländer.

Dem innerbetrieblichen Arbeitsmarktsegment steht ein Segment gegenüber, dessen Problematik erst in Zeiten der Depression in vollem Umfang sichtbar wird: der ‘Jedermann’-Arbeitsmarkt. In dieses Segment gelangen vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte, die für jede Tätigkeit eingesetzt werden und bei sinkender Nachfrage ohne (Investitions-)Verlust wieder entlassen bzw. bei Fluktuation ersetzt werden können. Beschäftigte in diesem Segment sind dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage ausgesetzt, die den Lohn niedrig halten. In Phasen der Rezession bilden die Beschäftigten dieses Segments als Randbelegschaft größerer Unternehmen die ‘Manövriermasse’. Die Rekrutierungsbedingungen von Arbeitskräften einerseits wie die Diskontinuierlichkeit und Fristigkeit der Beschäftigung andererseits führen dazu, daß der ‘Jedermanns’-Arbeitsmarkt insbesondere ein ‘Jederfrau’-Arbeitsmarkt war und ist - auch wenn Jugendliche, Ausländer und gering bzw. nicht Qualifizierte ebenfalls diesem Segment zuzurechnen sind.

Im Unterschied zum dualen Arbeitsmarkt in den USA spielt in der Bundesrepublik ein drittes Arbeitsmarktsegment eine bedeutende Rolle: der fachliche Arbeitsmarkt. Dieser hat sich durch die Standardisierung beruflicher Qualifikationen für eine wachsende Zahl von Beschäftigten ergeben, die es diesen (und den Unternehmen) erlaubt, Wechsel ohne Mobilitätsverluste zu vollziehen. Qualifikationsgerechter Einsatz und Entlohnung führen jedoch nicht zu einer (zusätzlich gratifizierten) Anbindung der Beschäftigten an das Unternehmen. Damit liegt dieses Segment also zwischen dem betrieblichen und dem ‘Jedermann’-Arbeitsmarktsegment. Da sich jedoch mit der Spezialisierung von Arbeitsprozessen und der damit einhergehenden Qualifikationserfordernisse der betriebsinterne Teilarbeitsmarkt auf Kosten des fachlichen ausweitet, ist dieser nur in


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Branchen bedeutungsvoll, in denen die Notwendigkeit zur Qualifizierung fehlt und die Nachfrage starken Schwankungen unterworfen ist: im Bau- und Gaststättengewerbe bzw. im Handwerk. Mit der geringen Präsenz von Frauen in diesen Bereichen bleibt ihnen auch das Segment des fachlichen Arbeitsmarktes weitgehend verschlossen.

Die Theorie der Arbeitsmarktsegmentation, deren empirische Gültigkeit durch Szydlik (1990) nachgewiesen wurde, hat enorme Konsequenzen für die Analyse von Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Die Feststellung, daß der Arbeitsmarkt strukturiert und segmentiert ist und die Beschäftigten innerhalb der Segmente mit unterschiedlichen Machtpotentialen bezüglich der Absicherung ihrer Interessen: Arbeitsplatzsicherheit und Lohnhöhe ausgestattet sind, macht deutlich, daß es unmöglich ist, Geschlechterungleichheit lediglich über Qualifizierungsmaßnahmen zu beseitigen. Der Ausschluß insbesondere von Frauen (neben Jugendlichen und Ausländern) aus dem attraktiven betrieblichen Arbeitsmarkt verweist dagegen auf patriarchale Schließungsmechanismen. Es wird deutlich, daß weniger die mangelnde Qualifikation als die unterstellte Diskontinuität weiblicher Erwerbsverläufe die Beschäftigung von Frauen in der ‘Kernbelegschaft’ in den Augen der Unternehmen uneffektiv erscheinen läßt.

Dennoch erweist sich insbesondere die generelle Annahme der Segmentationstheorie als problematisch, Frauen würden vorzugsweise im ‘Jedermann’(-frau)-Arbeitsmarkt beschäftigt. Diese horizontale Zuteilung der Geschlechter zu den Teilarbeitsmärkten berücksichtigt nicht die innere Struktur der Teilarbeitsmärkte und damit auch nicht die vertikale Ungleichheit der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt.

In Auseinandersetzung mit diesen Schwächen der Segmentationstheorie ist in den 80er Jahren die Segregationstheorie entstanden, die insbesondere unter der Perspektive der Geschlechterungleichheit ein differenzierteres Bild derselben auf dem Arbeitsmarkt zu zeichnen versucht.

Die mit der Qualifizierungsoffensive einhergehende Erhöhung des beruflichen Qualifikationsniveaus auch der Frauen sowie die mit der Umstrukturierung der Wirtschaft einhergehende Expansion des Dienstleistungsbereiches<314>, stellten die undifferenzierte Zuordnung der Frauen zum Jedermann-Arbeitsmarkt in Frage. Die sich verstärkt den Frauen öffnenden Teilarbeitsmärkte im Dienstleistungsbereich sind entgegen dieser Zuordnung ”ganz überwiegend nach dem Muster betriebsinterner oder berufsfachlicher Teilarbeitsmärkte organisiert (Pfau-Effinger 1990:7). Dennoch hat die Öffnung bzw. Neuentstehung betrieblicher oder fachlicher Arbeitsmärkte auch für weibliche Beschäftigte


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nicht zu deren interner Gleichstellung geführt. Wie Arbeitsmarktuntersuchungen dieser Zeit (Maier 1990) ergaben, wurden die Arbeitsmarktsegmente zusätzlich vertikal strukturiert, wobei Frauen innerhalb dieser Segmente jeweils die unteren Ränder - oder Peripherien - besetzen. Es wurde eine geschlechtsspezifische Spaltung konstatiert, ”die sich durch alle Segmente hindurch zieht, die sich nicht mit den Trennungslinien zwischen Segmenten deckt und die auch nicht überall gleich stark ausgeprägt ist“ (ebenda:8). Die Trennung zwischen Frauen- und Männerarbeitsplätzen verläuft, so wurde offensichtlich, quer zu den Segmentationsgrenzen. Diese Analysen führten zur Annahme der Segregation des Arbeitsmarktes, zur Strukturierung des Arbeitsmarktes über das Merkmal Geschlecht. Die Erkenntnis, daß das ‘Geschlecht’ offensichtlich eine stärker strukturierende Kraft als andere askriptive Merkmale wie Alter und Nationalität besitzt, verweist bereits - ohne das es von den TheoretikerInnen des Segregationstheorie bereits explizit formuliert wird - darauf, daß das ‘Geschlecht’ eine Strukturkategorie sozialer Ungleichheit ist, das eben auch die Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt geschlechtsspezifisch generiert.

Arbeitsmarktsegregation bedeutet dabei nicht funktionale Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern innerhalb eines wirtschaftlichen Gesamtzusammenhangs<315>, sondern bezeichnet den Mechanismus der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit der Geschlechter, die sich aus den unterschiedlichen Beschäftigungsfeldern von Frauen und Männern ergibt. Diese läßt sich exemplifizieren an:

Mit der Bestimmung der Segregation als Mechanismus der (Re-)Produktion von sozialer (in diesem Fall Geschlechter-)Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt werden die Strukturen weiblicher Benachteiligung herausgestellt, die bewirken, daß trotz Bildungsangleichung und Erwerbsorientierung der Frauen die Gleichstellung nicht gelungen ist (gelingen kann). Rabe-Kleberg (1987) bestimmt denn auch die Segregation der Berufe als "Ergebnis


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gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um attraktive Teile des Arbeitsmarktes, in denen Frauen bisher unterlegen sind" (S. 14).

Auf horizontaler Ebene bedeutet geschlechtsspezifische Segregation die Reproduktion bestimmter Frauenarbeitsfelder. Wenn auch neue Tätigkeiten und Berufe entstanden sind, zu denen sich Frauen Zugänge eröffnen konnten, ist die Trennung der Arbeitsfelder in männliche und weibliche davon weitgehend unberührt geblieben. Als Ursache für die geschlechtsspezifische Verteilung auf die Berufe werden in der Segregationstheorie Diskriminierungen ausgemacht, die Frauen den gleichberechtigten Zugang zu attraktiven Berufen und Arbeitsplätzen verweigern. Untersuchungen über das (bundesrepublikanische und DDR-eigene) Bildungssystem haben ergeben<316>, daß über sog. Segregationsschwellen - der Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung und der Übergang von der Berufsausbildung in das Erwerbssystem - (ebenda) die Mädchen und Jungen in jeweils andere Beschäftigungsfelder gelangen, die sich dem anderen Geschlecht tendenziell verschließen. Die ”horizontale Abgrenzung“ (Kreckel 1992) der Arbeitsfelder der Geschlechter impliziert soziale Ungleichheit durch die ungleichen Möglichkeiten, innerhalb der Felder Einkommen zu realisieren<317> und sich damit Ressourcen zu erschließen.

Auf der vertikalen Ebene bedeutet geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes den Ausschluß weiblicher Beschäftigter aus betrieblichen Leitungsfunktionen. Eine Vielzahl empirischer Studien<318> konstatieren die Bevorzugung männlicher Bewerber bei der Besetzung höherer Funktionen bei gleicher fachlicher Eignung und offenbaren damit eine aktive Diskriminierungspraxis. Die Existenz weiblicher Beschäftigter an den unteren Rändern betrieblicher Hierarchien bedeuten in der Regel neben schlechteren Einkommenschancen ein erheblich höheres Arbeitsplatzrisiko und dauerhaft verwehrte Aufstiegsmöglichkeiten.


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Die Analyse horizontaler und vertikaler Segregationslinien des Arbeitsmarktes, die ”offensichtlich quer zu den Segmentationslinien, welche die Teilarbeitsmärkte voneinander abgrenzen“ (Pfau-Effinger 1990:9) verläuft, macht es der Arbeitsmarktforschung möglich, die Strukturen der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen herauszustellen.

Der Nachweis der Existenz geschlechtsspezifischer Erwerbsfelder und Hierarchien und deren Rückführung auf Diskriminierungspraxen geht damit wesentlich über die Annahmen der Sozialisationstheorien hinaus, die die geschlechtstypischen Verteilungen auf Tätigkeitsfelder auf subjektive Präferenzen zurückführen und damit auf das Angebot (nach Arbeitsplätzen) reduzieren. Die Segregationstheorie deckt dagegen Ungleichheitsstrukturen auf, die auf dem Arbeitsmarkt die Benachteiligung von Beschäftigtengruppen qua Geschlecht bewirken. Es wird offensichtlich, daß Frauen nicht wegen mangelnder Qualifikation oder mangelndem Aufstiegswillen in den typisch weiblichen Segmenten des Arbeitsmarktes anzutreffen sind, sondern weil Mechanismen ”sozialer Schließung“ (Parkin 1983) existieren, die Arbeitsmarktbereiche mit hohem Einkommen, guten Karrieremöglichkeiten und relativ sicheren Arbeitsplätzen gegen weibliche Arbeitskräfte abschotten.

Wenn auch mit dieser Theorie ein wichtiger Schritt in Richtung der Bestimmung des Geschlechts als Merkmal sozialer Ungleichheit unternommen wurde, die als zweite Seite die ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit ausmacht, erweist sich die Segmentationstheorie insgesamt als nicht tauglich, diese insgesamt theoretisch abzubilden. Die Segregationstheorie beschränkt sich auf die Unterschiede in der - horizontalen und vertikalen - Positionierung auf dem Arbeitsmarkt zwischen den Geschlechtern; Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen, zwischen besser bzw. schlechter qualifizierten, bezahlten und abgesicherten Männern (und Frauen) werden in dieser Theorie nicht thematisiert. Diese Beschränkung macht zugleich die Leistung wie die Grenzen dieser Theorie deutlich: Zum einen hebt sie die ‘Geschlechtsblindheit’ der ‘klassischen’ Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorien auf und geht über die lediglich angebotsorientierten Theorien der Geschlechtersozialisation hinaus, indem sie auf die strukturellen Bedingungen weiblicher Benachteiligung verweist. Andererseits ist es


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innerhalb dieser Theorie nicht möglich, Differenzierungen innerhalb der Geschlechtergruppen adäquat abzudecken; die Problematisierung der wechselseitigen Durchdringung ‘klassischer’ Sozialstruktur und Geschlechterverhältnissen ist auch mittels dieser Theorie nicht möglich.

Die Beschränkung auf den Arbeitsmarkt, auf dessen interne Strukturierungsmechanismen unter Ausblendung marktexterner Mechanismen der Produktion und Reproduktion geschlechtsspezifischer Segregation führt auch innerhalb der Frauenforschung zur Kritik. So bezeichnet Gottschall (1995) diese Theorie als in doppelter Hinsicht unzulänglich, da einerseits eine systematische Bezugnahme auf die gesellschaftlichen Bedingungen (die Trennung von Produktions- und Reproduktionsbereich) fehle, die die Unterschiede in den Erwerbschancen der Geschlechter generierten, zum anderen fehle eine kritische Reflexion der Kategoriendefinitionen.

Insbesondere die Ausblendung der ungebrochenen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die den Frauen immer noch den Bereich Familie und Kinder zuweist und die in der Segregationstheorie lediglich als - unbegründetes - Argument betrieblicher Personalentwicklung zur Begründung frauendiskriminierender Praktiken in den Blickpunkt gerät, führte zu Entwicklung von Theorien, die der Verschränkung von Produktions- und Reproduktionssphäre und der sich aus dieser ergebenden Benachteiligungen im Erwerbsbereich bei den Frauen nachspürten. Exemplarisch für diese theoretische Entwicklung steht das Theorem der ‘doppelten Vergesellschaftung’, das im folgenden dargestellt wird.

3.3.3. Die ‘doppelte Vergesellschaftung’

Mit dem Ziel, bisheriger - im wesentlichen androzentrischer - Wissenschaft eine feministisch geprägte Sozialwissenschaft entgegenzusetzen, entwickelt Becker-Schmidt (1987a) eine weibliche Subjekttheorie, die sich nicht wie bisherige Theorien geschlechtlicher Ungleichheit auf einzelne Ausschnitte gesellschaftlicher Wirklichkeit: Arbeitsmarkt, Familie bzw. einzelne Vermittlungsprozesse weiblicher Identitätsbildung:


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Sozialisation, weibliches Arbeitsvermögen reduziert, sondern der Individuation und Vergesellschaftung der Frauen auf die Spur kommen will. Dieses Anliegen impliziert eine historische Analyse weiblicher Zugangsweisen und Reflexionsformen (ebenda:12), um die Mechanismen weiblicher Vergesellschaftung und weiblicher Unterdrückung aufzudecken.

Die androzentrische Bestimmung der Frauen als zur ‘Natur’ gehörig, als ‘natürlicherweise’ für die Reproduktionsfunktionen zuständig, läßt sie als Subjekt der Geschichte nicht in Erscheinung treten. Mit der auf die Spitze getriebenen Arbeitsteilung in private Reproduktionsarbeit und bezahlte Lohnarbeit in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung scheinen Frauen ausschließlich auf die Arbeit in der Familie festgelegt zu sein - ihre Vergesellschaftung erfolgt über die Familie.

Andererseits läßt sich feststellen, daß Frauen zu keinem Zeitpunkt ausschließlich auf die Sphäre der Hausarbeit beschränkt blieben; waren insbesondere proletarische Frauen in früheren Zeiten gezwungen, zum Familienunterhalt beizutragen, erheben die Frauen heutzutage den Anspruch auf die Ausübung eines Berufes<319>. Sie orientieren sich heute auf Beruf und Familie, wobei diese Doppelorientierung vielfältige Belastungen und widersprüchliche Verhaltensanforderungen impliziert (Wolde 1995). Weibliches Arbeitsvermögen wird nach Becker-Schmidt (1983) in zweifacher Hinsicht beansprucht: in der Familie und in der außerhäuslichen Arbeitswelt, wobei die historisch entstandene Zuständigkeit der Frauen für den Reproduktionsbereich dem beruflichen Engagement der Frauen entgegensteht.

Frauen sind also nach Becker-Schmidt nicht mehr ausschließlich über die Familie, sondern doppelt vergesellschaftet: über die Familie, indem die Aufgaben für die Erziehung der Kinder und die Reproduktion der psychischen und physischen Kräfte der Familienmitglieder nach wie vor von Frauen sozialisiert und auch geleistet werden sowie über den Erwerbsarbeitsbereich, in dem sie aber durch die Bewältigung zweier Arbeitsbereiche und durch vorhandene Machtkonstellationen benachteiligt sind. Die doppelte Vergesellschaftung von Frauen bedeutet auch doppelte Unterdrückung von Frauen: Frauen unterliegen der patriarchalischen und der gesellschaftlichen (hauptsächlich


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ökonomisch bestimmten) Herrschaft. Doppelte Vergesellschaftung bedeutet also Doppelsozialisation bzw. Doppelorientierung, die ”Frauen mit einer Vielzahl von Zerreißproben (konfrontiert), denen Männer nicht in vergleichbarer Weise ausgesetzt sind. Frauen haben ein komplexes Arbeitsvermögen entwickelt, das sie für zwei ‘Arbeitsplätze’ qualifiziert: den häuslichen und den außerhäuslichen.“ (ebenda:23).

Die sich daraus ergebende Doppelbelastung führt zur ungleichen Teilhabe im außerhäuslichen Bereich und zur partiellen Unentrinnbarkeit von patriarchalischer und gesellschaftlicher Herrschaft: ”Beide Formen der Herrschaft verschärfen die Problemlagen: das Fortleben patriarchalischer Strukturen in der Familie verhindert eine egalitäre Verteilung der Verantwortung für den Haushalt und die Kinderversorgung. Die nach Geschlecht spezifizierte familiale Arbeitsteilung geht zu Lasten der Frauen. Das erschwert die Partizipation von Frauen an der außerhäuslichen Arbeitswelt oder an anderen Formen der Öffentlichkeit.“ (ebenda:23/24). Dieser Form der Doppelsozialisation bzw. Doppelorientierung sind Männer nicht in vergleichbarer Weise ausgesetzt, was ihre Dominanz in der außerhäuslichen Sphäre einerseits und die Reproduktion patriarchaler Herrschaft im familialen Bereich andererseits bewirkt.

Die Theorie der ‘doppelten Vergesellschaftung’ von Becker-Schmidt (1987a) begründet die Ungleichheit der Geschlechter ebenfalls wie die des ‘weiblichen Arbeitsvermögens’ aus der Doppelorientierung von Frauen. Während Männer ihr Arbeitsvermögen im wesentlichen im System außerhäuslicher Erwerbsarbeit verausgaben, bezieht es sich bei Frauen auf zwei Lebensbereiche: die Familie und das Erwerbsarbeitssystem (Gottschall 1990a).

Anders als in der Theorie des ‘weiblichen Arbeitsvermögens’ wird dieses jedoch nicht auf seine reproduktionsbezogene Komponente reduziert. Nicht eine spezielle Art von Arbeitsvermögen und die Möglichkeit der Minderbewertung desselben, sondern die Abhängigkeit von zwei Herrschaftsformen, die doppelte Unterdrückung von Frauen rückt in den Mittelpunkt der Analyse. Mit der Aufdeckung von patriarchalischen und gesellschaftlichen Herrschaftsformen erhält das ‘Geschlecht’ eine ganz andere Bestimmung: Geschlecht wird zur Strukturkategorie, die die Aneignungsformen gesellschaftlicher Wirklichkeit, die Subjektwerdung geschlechtsspezifisch determiniert.


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Damit wird dem ‘Geschlecht’ erstmalig in der Frauenforschung/ feministischen Theorie strukturierende Kraft zugestanden und als Strukturkategorie sozialer Ungleichheit neben ‘Klasse’ (oder ‘Schicht’; ‘Lage’ ect.) gestellt, das ebenso wie diese die Lebenschancen sowie den Zugang zu Ressourcen (Becker-Schmidt 1987b; Kreckel, 1992, 1993b) entscheidend beeinflusst.

Trotz der mit dieser strukturellen Bestimmung von ‘Geschlecht’ möglichen Abbildung der Geschlechterverhältnisse als sozialer Ungleichheitsstruktur erweist sich auch diese Theorie als nicht ausreichend, das Problem der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit adäquat abzubilden, da sie lediglich auf eine Seite diese Verhältnisses abzielt. Dennoch ist mit der Bestimmung der ‘Geschlechts’ als Strukturkategorie eine weitere Annäherung an das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ erfolgt, indem das ‘Geschlecht’ seiner lediglich kulturellen Konstruktion enthoben und einer gesellschaftstheoretischen Analyse zugänglich gemacht wurde. Ehe in einem letzten Abschnitt dieses Kapitels den theoretischen Ansätzen zur Vermittlung beider Strukturen sozialer Ungleichheit nachgegangen wird, sollen die vorgestellten Theorien zur Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen insgesamt eine kritische Würdigung erfahren.

3.3.4. Zusammenfassung: Erklärungsmöglichkeiten und -grenzen von Theorien der Geschlechterverhältnisse zur Erklärung der ‘Doppelten Ungleichheit’

Wie die Auseinandersetzung mit Arbeitsmarkt- und Sozialisationstheorien sowie mit der Theorie der doppelten Vergesellschaftung ergeben hat, nähern sich diese über ganz unterschiedliche Zugänge der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen. Die Rückführung der Geschlechterungleichheit auf die Arbeitsteilung (ob implizit bei den Arbeitsmarkttheorien oder explizit bei den Sozialisationstheorien) zwischen Produktions- und Reproduktionsbereich ermöglichten diesen Theorien die Erklärung der Geschlechterungleichheit. Die Entgegensetzung der beiden Geschlechtergruppen verweist dabei zugleich auf die Möglichkeiten wie auf die Grenzen dieser Theorien: in ihrer Ausrichtung auf das reale Problem der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen heben sie die ‘Geschlechtsblindheit’ der unter I.2.1 vorgestellten Theorien ‘klassischer’


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Ungleichheit auf und beschreiben die zweite<320> Seite innerhalb des Problems der ‘doppelten Ungleichheit“. In der Nichtberücksichtigung der Differenzierung innerhalb der Geschlechtergruppen erweisen sich diese Theorien allerdings blind gegenüber klassen- und schichtspezifischen Ungleichheiten. Aus diesem Grund sind sie für die Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ nicht geeignet. Die Bestimmung des Geschlechts als Strukturkategorie in der Theorie der ‘doppelten Vergesellschaftung’ ermöglicht jedoch die Einbindung des Merkmals Geschlecht in eine Strukturtheorie sozialer Ungleichheit, die Verbindung von ‘klassischer’ und Geschlechterstruktur.

Mit der Bestimmung der zweiten Seite der ‘doppelten Ungleichheit’ - der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen - haben diese Theorien die Grundlagen entwickelt, auf denen eine Zusammenführung der beiden Theoriestränge: ‘klassische’ und Geschlechterungleichheit erfolgen kann, die wiederum eine adäquate Abbildung der ‘doppelten Ungleichheit’ ermöglichen soll.

Im folgenden Abschnitt werde ich in Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten und Grenzen der vorliegenden Theorien, die die Verbindung von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ versuchen, ein eigenes Modell zur Verschränkung ‘klassischer’ und Geschlechterungleichheit entwickeln, das aufgrund seiner theoretischen Abstraktion und Allgemeingültigkeit einen Erklärungsansatz für die im Ergebnis der ‘Wende’ so offensichtlichen Benachteiligung entlang der Merkmale Geschlecht und Qualifikation bietet.


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3.4. Geschlecht und Klasse: Aufhebung der ‘Arbeitsteilung’ und Versuche zur Analyse der ‘Doppelten Ungleichheit’

Durch die Erkenntnisse der ‘Doppelten Vergesellschaftung’, die die Verdopplung der Unterdrückung der Frauen durch kapitalistische (ökonomische) und patriarchale Herrschaftsstrukturen verdeutlichte, wurden die Beschränkungen des ‘arbeitsteiligen’ Vorgehens innerhalb der Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung offensichtlich: während die Klassentheorie/Schichtungsforschung ‘zuständig’ für die Bestimmung der Sozialstruktur war, leistete die feministische Theorie/Frauenforschung die Erklärung in der Ungleichheit der Geschlechterverhältnisse (Frerichs; Steinrücke 1992a). Die Blindheit der beiden Theorierichtungen für den Gegenstand der jeweils anderen erwies sich für die Erklärung der Verdopplung der Benachteiligung der Frauen als erkenntnishemmend. In Anerkennung dieser Beschränkungen wurden seit den 80er Jahren zahlreiche Theorien entwickelt, die dem Verhältnis von Klasse und Geschlecht auf die Spur zu kommen und die Synthese von ‘klassischer’ Sozialstrukturtheorie und einer Theorie der Geschlechterverhältnisse zu bewerkstelligen suchten.

Ein erster Versuch, die Geschlechterungleichheit auf ein Merkmal, das den ‘klassischen’ Theorien sozialer Ungleichheit zur Einordnung in Klassen bzw. Schichten diente - Arbeit - , zurückzuführen, zeichnete sich in der Hausarbeitsdebatte der 70er Jahre ab. In diesen Ansätzen ging es vor allem darum, das Verhältnis der Hausarbeit zum Prozeß der kapitalistischen Wertschöpfung herauszuarbeiten. Im Rückgriff auf den Marx´schen Wertbegriff und dessen Erweiterung auf den Bereich der Hausarbeit wird diese als produktiv (als Bestandteil der Produktion von Lebensmitteln) und wertbildend und damit im Marx´schen Sinne als Arbeit definiert. Die Ausweitung des Wert- und Produktivitätsbegriffs auf die Hausarbeit führte zur Bestimmung von Berufs- und Hausarbeit als zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche, die jedoch nicht als eigenständige bzw. in ihrer Verschränkung betrachtet werden; die Bestimmung der Hausarbeit als produktiv im Marx´schen Sinne schlägt die Hausarbeit (unfreiwillig) der kapitalistischen Mehrwertproduktion zu (Beer 1990). Wie die weiteren Diskussionen um den Zusammenhang von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ jedoch zeigen werden, stellt die häusliche


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Reproduktionsarbeit ein eigenständiges Strukturelement dar, das der Marktökonomie nicht unterworfen, mit ihr jedoch in engem Zusammenhang steht (ebenda).

Ein Versuch, die beiden Strukturkategorien sozialer Ungleichheit aufeinander zu beziehen, stellt die Deutschland erst in Anfängen rezipierte Gender and Class Debate dar.

3.4.1. Die Gender and Class Debate

Ausgelöst wurde die Gender and Class Debate durch die Veröffentlichung der Ergebnisse der großen britischen Klassenstruktur- und Mobilitätsstudie durch Goldthorpe (1980). In ‘klassischer’ Manier, die davon ausgeht, daß alle Individuen in einer Familie/ einem Haushalt leben und Frauen, selbst wenn sie erwerbstätig sind, die schlechteren Positionen einnehmen und sich von daher in einem Abhängigkeitsverhältnis gegenüber ihrem Ehemann befinden (Goldthorpe 1983), wurden nicht die individuellen Berufspositionen zur Grundlage der Klassen- und Schichtenstruktur gelegt, sondern die der (männlichen) Haushaltsvorstände. Die Bestimmung des Haushalts und nicht des Individuums als Grundlage sozialstruktureller Analysen, die Strategie der ‘Einklammerung’ (Kreckel 1992), brachte Goldthorpe den Vorwurf des ‘intellektuellen Sexismus’ ein und leitete eine breite Diskussion um das Verhältnis von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ zuerst in der britischen Zeitschrift ”Sociology“<321> ein. In der gegenseitigen Kritik von Vertretern des konventionellen Ansatzes der Klassen- und Schichtentheorie sowie der feministischen und Frauenforschung gelang eine erste Wahrnehmung des Forschungsgegenstandes des jeweils anderen Ansatzes, die sich an der Zuordnung der Frauen entzündete.

Aus feministischer Sicht erscheint die Subsumierung aller Familienangehörigen unter die Klassen- oder Schichtposition des (männlichen) Familienvorstandes nur unter der - immer


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unplausibleren - Annahme gerechtfertigt, daß die Ehefrauen selbst nicht erwerbstätig sind und die Mehrzahl der Haushalte aus dem klassischen Versorgerehe-Modell besteht. Unter den Bedingungen steigender Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Zunahme von Ein-Personen-Haushalten erweist sich jedoch ein Sozialstrukturmodell, das allein am Familienoberhaupt ansetzt, als zu abstrakt, zu stark verallgemeinernd. Insbesondere die Annahme der steigenden Zahl von ”cross class families“ (Heath; Britten 1984) macht die Überwindung des konventionellen Ansatzes und dessen Ersetzung durch eine “joint classification“ (ebenda) bzw. eine individuelle Klassifikation der Familienmitglieder (Stanworth 1984) notwendig, um die Differenzierungen innerhalb der Sozialstruktur zu verdeutlichen. Dabei erscheint es ebensowenig gerechtfertigt, die Frauen unter die Klassenposition des (Ehe-)Mannes zu subsumieren wie diese als eigenständige Klasse (Walby 1996<322>) zu bestimmen. Die Zuständigkeit der Frauen aller Schichten für die Hausarbeit einerseits wie die Differenzierungen innerhalb der weiblichen Erwerbstätigen trotz ihrer allgemeinen Benachteiligung gegenüber Männern andererseits verweist auf die Notwendigkeit, den beiden Strukturdeterminanten ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ in ihrer Verschränkung nachzuspüren.

Einen Ansatz dazu liefert der Aufsatz von Crompton (1989), der von einer zweidimensionalen Theorie der Stratifikation ausgeht: class and status. Mit diesem Herangehen konstatiert sie, daß die Klassenposition der Frauen sehr viel differenzierter ist als die der Männer: während sie vom Arbeitsgegenstand eher der Mittelklasse zuzurechnen wären, gehören sie hinsichtlich der Macht eher der “white-collar working class“ an; bezüglich der Hausarbeit wird die Stellung der Frau von der Statusproduktion der Erwerbssphäre überlagert (“domestic class position“). Ähnlich argumentiert auch Mann (1986), für den ‘Geschlecht’ ebenfalls ein zentrales Schichtungsmerkmal darstellt, das quer zur Klassenteilung strukturiert; er stellt fest, daß die Klassen geschlechtsgeteilt und die Geschlechter klassengeteilt sind.


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Damit richtete die englische Gender and Class Debate erstmals die Aufmerksamkeit auf die Doppelstruktur sozialer Ungleichheit. Mit der Bestimmung des Geschlechts als Strukturkategorie, die quer zu den Klassen verläuft, überwindet sie den ”male bias“ traditioneller Sozialstrukturtheorie ebenso wie die mangelnde sozialstrukturelle Differenzierung innerhalb der feministischen Theorie. Der Ignoranz sowohl theoretischer wie empirischer Arbeiten zur Ungleichheitsstruktur moderner Gesellschaften, die sich auf die männliche Arbeitnehmerschaft bezieht, um allgemeine Aussagen zur Sozialstruktur zu treffen, setzten die Vertreter dieser Debatte die Verortung der Frauen in der Klassenstruktur entgegen (Crompton 1995). Allerdings blieben die konkreten Verschränkungen und die Konsequenzen der Verdopplung der Ungleichheitseffekte von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ (noch) unbeleuchtet.

Der theoretische Streit um adäquate Sozialstrukturmodelle zwischen konventionellen Sozialstrukturtheoretikern und denen, die sich gegenüber der Geschlechterungleichheit sensibilisiert zeigten, ermöglichte die ‘Öffnung’ der jeweiligen Theorien für die Fragestellungen und Annahmen der anderen. Deshalb erscheint es um so erstaunlicher, daß diese Debatte erst in Anfängen Eingang in die deutschsprachige Diskussion gefunden hat (zuerst Kreckel 1989; Cyba; Balog 1989).

Anders als in Großbritannien, wo sich die Diskussion um gender and class an empirischen Großstudien zur Sozialstruktur entzündet hatte, und in den Niederlanden, wo die ”Durchmischung“ von Klasse und Geschlecht (Meulenbelt 1988:106) sich an der Differenzierung innerhalb der Frauenbewegung<323> festgemacht hat, ist die Diskussion in Deutschland um ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ - mit Ausnahme der letzten Untersuchungen von Frerichs; Steinrücke (1996) - eine mehr akademische geblieben. Zwar wurde die Tatsache zweier, Ungleichheit generierende, Strukturkategorien anerkannt, sie wurden jedoch als nebeneinanderstehende betrachtet: “Geschlecht und Klasse: beides sind soziale Strukturkategorien, die soziale Chancen zuweisen. Als Kategorien gesellschaftlicher Ungleichheit bezeichnen beide Herrschaftssysteme, die über eine Vielzahl von Mechanismen verfügen, Macht durchzusetzen.“(Becker-Schmidt 1987b:216).


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Ein erster Versuch der - theoretischen - Verschränkung dieser beiden Strukturkategorien wird durch BEER (1990) geleistet. Im Unterschied zur englischen Debatte um gender and class, der die Ungleichheitsverhältnisse ‘allgemeiner’ thematisiert und in der der Begriff ‘class’ keine eindeutige theoretische Konnotation enthält, versucht die deutsche Debatte (für die Beer stellvertretend dargestellt wird), zwischen Feminismus und Marxismus zu vermitteln und die “Klassenunterschiede im Geschlechterverhältnis und die Geschlechterungleichheit in den Klassen“ (Daheim; Dölling 1991:2) zu analysieren.

Dabei hat der Rekurs der Feministinnen auf die (Marx´sche) Klassentheorie bei aller weiterer Kritik neben der “intellektuellen Nachbarschaft“ (Kreckel 1989:305) ihre Ursache darin, daß diese Strukturen und Verhältnisse ausmacht, die unabhängig vom individuellen Wollen und Vermögen die Lebensbedingungen und Aneignungsweisen der Menschen bestimmen, die Widerspruch und Ausbeutung implizieren.

Allerdings bringt der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit einen abstrakten Lohnarbeiter hervor, der über seine Lohn-Arbeit vergesellschaftet wird; unabhängig von Alter oder Geschlecht. Diese - geschlechtslose - Vergesellschaftung bietet demzufolge in der originären Theorie keine Erklärungsmöglichkeiten für die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen, da der Bereich der privaten wie der gesellschaftlichen (generativen) Reproduktion nicht thematisiert wird.

Unter Anerkennung der Relevanz der Klassenstrukturierung, die jedoch als nicht ausreichend für die Analyse sozialer Ungleichheit erkannt wird, machen FeministInnen auf einen weiteren Widerspruch innerhalb der Gesellschaft aufmerksam, der ebenso wie der zwischen Arbeit und Eigentum sozial strukturiert: den Widerspruch zwischen Produktion und Reproduktion: “Ebenso wie das abstrakte Klassenverhältnis sich in der kapitalistischen Gesellschaft als struktureller Gegensatz von Kapital und Arbeit darstellt, so nimmt das abstrakte Geschlechterverhältnis dort die Form eines strukturellen Gegensatzes von Produktion und Reproduktion an.“ (Kreckel 1993a:270).

Im Unterschied zu den extremen Positionen innerhalb der gender and class debate (Walby 1986) wurde das ‘Geschlecht’ jedoch in der (bundes-)deutschen Ungleichheitsdiskussion nicht in den Rang von ‘Klasse’ (im Marx´schen Sinne) gehoben, sondern als


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Strukturkategorie bestimmt (Becker-Schmidt 1987b; Beer 1990), die von ‘Klasse’ bestimmt ist, aber durch diese ‘hindurchgeht’ und wiederum innerhalb dieser geschlechtsspezifisch (vertikal) strukturiert<324>.

Die Bestimmung des Geschlechts als Strukturkategorie, hinter der nach Beer (1990) in der gesellschaftstheoretischen Orientierung der Frauenforschung schon immer zwei Strukturierungsprinzipien: die industriell-kapitalistische und die patriarchale Vergesellschaftung stehen, bildet damit den Ausgangspunkt in der Suche nach der Schnittstelle zwischen Klassen- und Geschlechterverhältnissen. Ausgangsthese bei der Analyse des Zusammenhangs von Klasse und Geschlecht stellt bei Beer (1990) die Annahme der Existenz zweier gesellschaftlicher Arbeits- bzw. Reproduktionsbereiche dar, die in der marxistischen Theorie lediglich implizit vorausgesetzt werden, in den Arbeitsbegriff (als produktiver, mehrwertschaffender Arbeit) aber nicht eingehen: die der markt- und die der nichtmarktvermittelten Arbeit. Auch die in der ”Hausarbeitsdebatte“ unternommenen Versuche, die Hausarbeit als ‘wertvoll’ zu bestimmen, und sie damit in die Marx´sche Werttheorie zu integrieren, erweisen sich nach Beer (1990) als nicht fruchtbar für die Erklärung beider Vergesellschaftungsmechanismen. In Auseinandersetzung mit den Erkenntnissperren von Feminismus und Marxismus gegenüber dem Gegenstand des jeweils anderen sowie mit der Inkompatibilität der Bezugsebenen beider Theorien: dem makrotheoretischen Klassenbegriff wird von der feministischen Theorie der mikrotheoretische Begriff der Familie an die Seite gestellt, versucht Beer (1990) über die Formbestimmung der Geschlechterverhältnisse zwischen beiden Positionen zu vermitteln. Dazu erweitert Beer (1990) den Basisbegriff Marx um den Reproduktionsbereich und überträgt in Auseinandersetzung mit Marxisten die Vorstellung einer “dominierenden Struktur“ (die kapitalistisch, marktökonomischer Vergesellschaftung) auf das Sozialsystem, das in seiner Reproduktion mehr umfaßt als ökonomische Wiederherstellung. Dieses Vorgehen würde die Strukturierung der “Wirtschafts- und


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Bevölkerungsweise“ (ebenda:91) berücksichtigen, die auch, aber nicht ausschließlich marktökonomisch strukturiert wird.

Mit dieser Erweiterung wird der Weg freigemacht, Individuen als nicht nur eingebunden in einen wirtschaftlichen, sondern auch familialen Kontext zu betrachten, und damit einerseits die zumindest doppelte Strukturierung (kapitalistische und geschlechtertypisch-patriarchale) und andererseits die relative Eigenständigkeit von Geschlechter- und Klassenungleichheit zu konstatieren. Dies wird deutlich, indem es auch im Kapitalismus, der einerseits die Teilung zwischen lohnabhängiger Erwerbsarbeit und privat erbrachter Reproduktionsarbeit auf die Spitze getrieben hat, zu jedem Zeitpunkt notwendig und üblich war, daß auch Frauen außerhäuslicher Lohnarbeit nachgehen (mußten). Ihre Schlechterstellung in Einkommen und Arbeitsbedingungen läßt sich über das Marx´sche Klassenverhältnis jedoch nicht erklären, da kapitalistische Vergesellschaftung von (Lohn)Arbeitskraft geschlechtsneutral verlaufen müßte. Die empirischen Analysen weiblicher Benachteiligung innerhalb der Erwerbssphäre<325> haben jedoch deutlich gemacht, daß die Geschlechterungleichheit in der Erwerbsarbeitssphäre sich nicht ausschließlich aus der Verwiesenheit der Frauen auf den (unbezahlten) Reproduktionsbereich ergibt, sondern auch auf patriarchale Machtkonstellationen innerhalb des produktiven Bereichs, auf soziale Schließungsprozesse zurückzuführen ist. Diese Mechanismen sozialer Schließung gewährleisten nach Beer (1990) über ein höheres Einkommen der Männer deren privilegierte Position und einen aus der ökonomischen Abhängigkeit der Frauen resultierenden Patriarchalismus, der sich als doppelter (in Erwerb und Familie) ”Sekundärpatriarchalismus“<326> darstellt. Die Interdependenzen zwischen Klassen- und Geschlechterverhältnis als ”Dopplung sozialer Widerspruchskonstellationen“ (ebenda:230) ergeben sich gerade aus dem Zusammenwirken der Geschlechterhierarchie auf dem Markt und in der Familie; diese wiederum bilden die Grundlage der Reproduktion der Widerspruchskonstellation.


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Beer bestimmt also zwei Vergesellschaftungsmodi, die eng aufeinander bezogen sind und sich gegenseitig stabilisieren: das Klassen- und das Geschlechterverhältnis. Sie faßt zusammen: ”Die Existenz von Geschlechtern bildet die Grundlage von Vergesellschaftung im Klassen- und Geschlechterverhältnis. Im Klassenverhältnis wird die Ungleichheit der Geschlechter über ihre Zugehörigkeit zu einer der beiden Klassen gestiftet, bildet in diesem Sinne den strukturierenden Widerspruch im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital. Geschlechterungleichheit wird mit diesem Argument noch nicht begründet; gesagt wird lediglich, daß Klassen aus Geschlechtern bestehen. Sie resultiert im Lohnarbeitsverhältnis aus den beiden Merkmalen sekundärpatriarchaler Vergesellschaftung: Ungleichheit im Zugang zu Erwerbschancen als solchen und diese noch einmal verdoppelt durch Ungleichheit im Zugang zu ‘Verfügungsgewalt’, zu Macht- und Einflußmöglichkeiten. Diese spezifische Form von Ungleichheit korrespondiert mit einem außermarktlichen Sekundärpatriarchalismus, primär über die Familienform vermittelt, der das eine Geschlecht vom anderen ökonomisch abhängig macht und allein dem einen Geschlecht generative Versorgungsleistungen abverlangt. Diese strukturtheoretische Begründung einer Doppelung der Ungleichheit in der Verfügung über und in der Aneignung des Sozialprodukts stellt die Warenwirtschaft einer Naturalwirtschaft gegenüber und verbindet beide miteinander: keine kann ohne die andere überleben; beide sind in ihrer Funktionsfähigkeit aufeinander angewiesen. Waren- und Naturalwirtschaft sind beides, kapitalistisch und patriarchalisch...“ (S. 267).

Wie diese Aussagen Beers deutlich machen, erkennt sie zwar einen Zusammenhang zwischen Geschlechter- und Klassenverhältnissen an; Kapitalismus und Patriarchalismus als die jeweiligen Verhältnisse determinierenden Prozesse werden in ihrer konkreten Verschränkung jedoch nicht deutlich. Insbesondere die Beschränkung auf den Kapitalismus und der Rekurs auf den Marx´schen Klassenbegriff, dessen Undifferenziertheit schon unter 3.2.1.1 kritisch angemerkt wurde<327>, erweisen sich als Hindernis für die adäquate Beschreibung der ‘doppelten Ungleichheit’ in der von mir


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dargestellten Bedeutung. Als theoretischer Zugang zur Erfassung der deutsch-deutschen ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit erscheint auch die Beer´sche Theorie als nicht ausreichend differenziert.

Die aus dem Rekurs auf die Marx´sche Klassentheorie resultierenden Begrenzungen wurden in dem bislang weitreichendsten Ansatz zum Verhältnis von Klasse und Geschlecht durch FRERICHS; STEINRÜCKE (1992a;b; 1993) größtenteils überwunden.

Ausgehend von ihren empirischen Untersuchungen von Industriearbeiterinnen und weiblichen Büroangestellten stellten sie wesentliche Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen fest, die ihrer Meinung nach nur klassenspezifisch zu deuten sind. Dabei machen sie diese Unterschiede nicht nur in der Erwerbsarbeits- (“white collar-Effekt“<328>), sondern auch in der Hausarbeitssphäre<329> aus, die mit unterschiedlichen Interessen der beiden weiblichen Beschäftigtengruppen einhergehen. Die Schlechterstellung der Arbeiterinnen in Erwerb und Haushalt sowie die Tatsache drastischer Diskriminierungserfahrungen ist nach Ansicht der Autorinnen auf den Kumulationseffekt von Klasse und Geschlecht zurückzuführen, der das Problemfeld der Verschränkung von Klasse und Geschlecht aufspannt.

Im Unterschied zu vorangegangenen Theorien zum Verhältnis von Klasse und Geschlecht, die weder die konkrete Art der Verschränkung darstellen konnten noch in jedem Fall<330> auf einen ausgewiesenen Klassenbegriff zurückgriffen, versuchten Frerichs; Steinrücke beides zu leisten. Ohne theoretische Vorentscheidungen sollte die empirische Analyse klären, ob die Geschlechtsklassenhypothese, nach der die Frauen klassenübergreifend gemeinsame Merkmale aufweisen, die sie zu einer logischen Klasse konstituieren oder die Klassengeschlechtshypothese, nach der die Benachteiligung der Frauen in jeder Klasse spezifisch ausgeprägt ist, verifiziert werden kann (ebenda 1993). Im Unterschied zu einem nicht näher bezeichneten Klassenbegriff der englischen gender and class debate bzw. zum


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Rückgriff auf einen (undifferenzierten) marxistischen Klassenbegriff legen Frerichs; Steinrücke ihrer Analyse den Bordieuschen Klassenbegriff zugrunde, der, wie in 3.2.1.2 beschrieben, der weitreichendste aller modernen Klassenkonzepte ist. Dazu sollte das Konzept des sozialen Raumes, der durch die Kapitalsorten, (ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital), ihre strukturelle Zusammensetzung sowie die Laufbahn (als Zeitachse) aufgespannt wird, erweitert - vergeschlechtlicht - werden, d.h. es sollte nach der Positionierung der Frauen als Angehörige verschiedener Klassen im sozialen Raum gefragt werden, nach der Verortung von Produktion und Reproduktion, öffentlicher und privater Sphäre (ebenda 1992b). Ermöglicht würde nach Darstellung der Autorinnen die Verortung des Geschlechterverhältnisses in den Klassenverhältnissen durch die individuelle Bestimmung der Kapitalzusammensetzung (Anteil der Kapitalsorten) sowie durch die Bestimmung von Lebensstilen und Habitusformen, die sich - so deren These - auch innerhalb einer Klasse oder Klassenfraktion geschlechtsspezifisch differenzieren.

Unter Zuhilfenahme des erweiterten, vergeschlechtlichten Raumkonzepts von Bourdieu wollten die Autorinnen - im Unterschied zu den vorangegangenen Theorien zu Klasse und Geschlecht - den empirischen Nachweis nicht nur der Verschränkung beider Strukturdeterminanten, sondern auch der jeweiligen Dominanzen erbringen. Dazu bedienten sie sich sowohl qualitativer (Interviews) wie quantitativer (SOEP-Daten) Methoden. Sie kommen zu dem Schluß, daß zwar objektive (quantitative Analyse) sowie relationale (Interviews) Unterschiede zwischen den Geschlechtern einer Klasse bestehen, daß aber die Gemeinsamkeiten der Klassenlage stärker strukturiert, was die Autorinnen zur Annahme der Klassengeschlechtshypothese führt (ebenda 1996).

Mit dem Bordieuschen Raumkonzept als Klassentheorie einerseits wie mit den empirischen Untersuchungen zum tatsächlichen Verhältnis von Klasse und Geschlecht andererseits gelingt Frerichs; Steinrücke der differenzierteste und weitreichendste Versuch, dem Kumulations- (Arbeiterinnen) bzw. Abschwächungseffekt (weibliche Angestellte) von Klasse und Geschlecht nachzuvollziehen. Dennoch ergeben sich auch in diesem Ansatz Probleme, die sowohl auf die empirische Basis wie auf den Bourdieuschen Kapitalbegriff zurückzuführen sind. So können die Autorinnen ihrem eigenen Anspruch, auch die Dimension der Hausarbeit in das Raumkonzept zu integrieren, nicht gerecht werden. Die Schwierigkeit, auch Frauen, die nie selbst erwerbstätig waren, als Individuen (und nicht


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über den männlichen Haushaltsvorstand) über die Zusammensetzung des Kapitals im sozialen Raum zu verorten, macht die Bestimmung dieser Gruppe innerhalb des Raums nicht möglich. Denn wenn auch der Bourdieusche Klassenbegriff durch die drei Kapitalsorten und die Einbeziehung des Habitus und der Lebensstile sehr viel differenzierter ist als andere, bleibt er doch im wesentlichen erwerbsarbeitsbezogen. Die Ausrichtung auf die Sphäre der Ökonomie<331> ermöglicht zwar die Bestimmung erwerbstätiger Frauen innerhalb derselben Klassen als benachteiligt: so können die meisten Frauen bei gleicher Bildung (kulturelles Kapital) nur ein geringeres Einkommen realisieren als die Männer; auch verfügen die Frauen über eine andere Zusammensetzung der Kapitalsorten. Die Bestimmung nichterwerbstätiger Frauen ist jedoch auf diese Weise kaum möglich.

Trotz der - aus der Natur der Datenlage heraus - Beschränkung der empirischen Analyse der Verdopplung sozialer Ungleichheit durch Klasse und Geschlecht auf die Gruppe der Erwerbstätigen (Männer und Frauen) weist dieser Ansatz wegen des Nachweises derselben über vorherige Theorien, die den Schnittstellen beider Ungleichheitsstrukturen nachspürten, hinaus. Die Problematik der Erwerbsbezogenheit, die sich auch aus der Verschränkung mit dem (Bourdieuschen) Klassenbegriff ergibt, werde ich im folgenden Abschnitt noch einmal aufgreifen, wenn es um meinen eigenen Ansatz zur Erklärung des Verhältnisses von Sozialstruktur und Geschlechterverhältnissen gehen wird (siehe 3.4.2).

Insgesamt beseitigen die Theorien von Klasse und Geschlecht (gender and class) ein wesentliches Defizit bisheriger Klassen- und Schichtentheorien, die in der Erklärung sozialer Ungleichheit dominieren, indem die stillschweigende Zugehörigkeit der Frauen (und Familien) zur Klasse (Schicht) ihres (meist männlichen) Haushaltsvorstandes relativiert wird. Es wird deutlich, daß Frauen neben den ‘klassischen’ Ungleichheiten, die sich durch die Klassen- und Schichtenstruktur ergibt, aufgrund ihres Geschlechts einer zusätzlichen Benachteiligungsstruktur (Patriarchalismus) unterliegen. Innerhalb der


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Klassen und Schichten läßt sich jeweils eine ‘Unter’klasse oder -schicht ausmachen - die Frauen.

Der Verdienst der Theorien von Klasse und Geschlecht besteht also darin, eine erweiterte Strukturtheorie sozialer Ungleichheit der Gesellschaft zu entwickeln, die sich nicht auf die Struktur der Erwerbstätigen beschränkt, sondern die ‘andere Hälfte’ gesellschaftlich notwendiger Arbeit und die diese vollbringenden Individuen (Frauen) in die Analyse einschließt. Damit wird die einseitige Wahrnehmung ”klassischer“ Sozialstrukturtheorien überwunden, die der (weiblichen) Reproduktionsarbeit und die aus ihr resultierenden Effekte weiblicher Benachteiligung innerhalb der Erwerbssphäre keine Aufmerksamkeit widmeten. Zugleich heben diese Theorien die Einseitigkeiten der feministischen Theorie auf, die “nicht die Gemeinsamkeit der Klassenlage, sondern die Gemeinsamkeit des Geschlechts“, “die geschlechtsspezifische Unterdrückung aller Frauen über die Klassen und Schichten hinweg“ (Steinberg 1989:16) thematisierte. Die in dieser Theorietradition zumeist übliche Bestimmung der Frauen - unabhängig von ihrer Klassen- und Schichtzugehörigkeit - als benachteiligte Gruppe wird den Differenzierungen innerhalb der Frauen nicht gerecht. Die Abstraktion von den Unterschieden innerhalb der Frauen führte denn auch zu Fehleinschätzungen hinsichtlich der gemeinsamen Wahrnehmung von Benachteiligung und zu Schwierigkeiten in der Solidarisierung (Meulenbelt 1988).

Einzuwenden ist gegen diese Theorien, daß die Verknüpfung der Strukturkategorie ‘Geschlecht’ ausschließlich mit der der ‘Klasse’ (im Marx´schen oder Bourdieuschen Sinne) erfolgt, und damit die gesamte Entwicklung und Differenzierung innerhalb der Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung ignoriert wird: Schichtentheorien, Soziale Lagen und Milieus, Zentrum-Peripherie oder ‘Individualisierung’. Es wird eine theoretische Vorentscheidung für einen - in der Sozialstrukturtheorie sehr umstrittenen - Begriff: ‘Klasse’ getroffen, der zwar die Konflikthaftigkeit der Beziehungen offenbart und damit dem feministischen Anliegen entspricht, der sozialen Differenzierung moderner Gesellschaften aber nur schwer gerecht wird.

Und es ergibt sich noch ein weiteres Problem: Der Rekurs der Theorien auf einen in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen angesiedelten Klassenbegriff bei Marx oder Bourdieu macht die hier diskutierten Theorien von Klasse und Geschlecht zwar plausibel


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für die (alt-)bundesdeutsche Gesellschaft, er erweist sich jedoch schwer anwendbar in der Analyse der deutsch-deutschen ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit.

Zudem werden diese Theorien der Universalität und historischen Entwicklung von Geschlechterungleichheit, die von EthnologInnen immer wieder betont wird<332>, nicht gerecht. Wie schon in 1.2 dargestellt, ist die Ungleichheit im Geschlechterverhältnis ein sich durch die Menschheitsgeschichte hindurchziehendes Ungleichheitsverhältnis, das mit der jeweiligen Ausprägung der ‘klassischen’ Sozialstruktur historisch-spezifisch verwoben ist. Klassentheorie als Erklärung der einen Seite der Verdopplung sozialer Ungleichheit verzerrt in ihrer Bezogenheit auf die kapitalistische Produktionsweise das Bild der ‘doppelten Ungleichheit’: nicht das Klassenverhältnis wird durch das Geschlechterverhältnis, sondern das Geschlechterverhältnis wird durch das Klassenverhältnis gebrochen, spezifisch ausgeformt. Die Allgemeingültigkeit von Geschlechterungleichheit, von patriarchaler Struktur, erscheint bei marxistischen Feministinnen lediglich als Möglichkeit, deren Erklärung aber nicht vorgenommen wird. Beer (1990) drückt es so aus: “Die Frage stellt sich, ob das, was wir als ‘kapitalistisch’ bezeichnen und was sich in ‘Wertgesetzlichkeiten’ niederschlägt, nicht etwas verdeckt. Es verdeckt in der originären Theorie mit Sicherheit das sekundärpatriarchale Element, aber gegenwärtig läßt sich nicht genau angeben, ob ‘die kapitalistische Produktionsweise’ nicht als historisch-besondere Ausprägung von Geschlechterungleichheit (Hervorhebung - K.S.) gesehen werden muß:... In diesem Fall wäre die Möglichkeit der Existenz eines universellen Vergesellschaftungsmusters in Betracht zu ziehen, das von stammesgeschichtlichen Gerontokratien bis hin zu modernen Sozialgebilden reicht.“ (S.274).

Genau solch einen theoretischen Ansatz, der das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ einerseits bestimmen kann, andererseits ‘weit’ genug ist, um moderne Differenzierungen und theoretische Entwicklungen über die Klassentheorie hinaus zu berücksichtigen, soll im folgenden entwickelt werden. Dieser Ansatz muß der Tatsache Rechnung tragen, daß es


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konkret-historische Ausprägungen von Sozialstruktur gibt, die durch ‘Kapitalismus’ nicht erschöpfend beschrieben sind. Denn da es in dieser Arbeit darum geht, die Hintergründe für die Benachteiligung der Frauen und ihre Herausdrängung aus der Erwerbsarbeit nach dem Zusammenbruch der DDR geht, muß ein theoretischer Ansatz gefunden werden, der einerseits flexibel: um die jeweilige Ausprägung der ‘klassischen’ Ungleichheit (Sozialstruktur), zu beschreiben, andererseits eindeutig: um die Stabilität<333> geschlechtlicher Benachteiligung über die Systeme hinweg zu belegen, ist. Mit der Überwindung der Beschränkungen des ‘Klassen’begriffs kann die Analyse der Verschränkung von Geschlechter- und Sozialstruktur auch auf nichtkapitalistische Gesellschaften ausgeweitet werden.

3.4.2. Das Modell der ‘doppelten Vertikalität’

Von einem völlig anderen Hintergrund als Frerichs; Steinrücke, die über die Konstatierung der Unterschiede zwischen Industriearbeiterinnen und weiblichen Angestellten die Frage nach der Verschränkung von Klasse und Geschlecht aufgeworfen haben, ausgehend, bin ich auf das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ und deren mangelnde theoretische Reflexion gestoßen. Die überproportionale Freisetzung von Frauen in den Umbruchsprozessen nach der ‘Wende’ in der DDR und der staatlichen Wiedervereinigung einerseits, wie die großen Unterschiede innerhalb der Qualifikationsgruppen andererseits machten die Differenzierungslinien ‘Geschlecht’ und ‘Qualifikation’ augenscheinlich. Diese sich auch in zahlreichen empirischen Untersuchungen<334> bestätigenden, risikogenerierenden Merkmale wirken jedoch nicht isoliert voneinander, sondern verstärken sich wechselseitig bzw. schwächen ihre Wirkungen ab<335>. Dabei sind - wie


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unter 2.2 dargestellt - diese Differenzierungslinien durchaus nicht neu; sie treten nur im Zusammenhang mit der ‘Wende’ und den mit ihr einhergehenden Brüchen, insbesondere am Arbeitsmarkt, durch das neue Phänomen der Arbeitslosigkeit besonders krass hervor. Die Benachteiligungen qua Geschlecht und Qualifikation ließen sich bereits - siehe Kapitel 2 - in der DDR nachweisen. Allerdings offenbaren diese Merkmale ihre Ungleichheit generierende Potentiale erst in vollem Umfang unter den veränderten wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Verhältnissen; die “lauthals propagierte Gleichberechtigung“ (Nickel 1993:234), die hohe Erwerbsbeteiligung der Frauen (Vollbeschäftigung) sowie die sozialpolitischen Nivellierungen im Einkommen hatten den Blick für die realen Benachteiligungen der Frauen und geringer Qualifizierten versperrt. Die Existenz der ‘doppelten Ungleichheit’ in der DDR, die nun in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse hineinreicht, läßt sich demzufolge erst retrospektiv ausmachen und theoretisch bestimmen.

Die - im 2. Kapitel herausgearbeitete - Ähnlichkeit der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit bietet den Erklärungsrahmen für die empirisch wahrnehmbaren Benachteiligungen qua Geschlecht und Qualifikation; die jetzt sichtbar werdenden sozialen Schließungsmechanismen knüpfen an traditionale, in der DDR überdauerte Ungleichheitsdeterminanten an und lassen diese damit im Nachhinein deutlich hervortreten.

Ausgehend von der Ähnlichkeit der empirisch nachweisbaren ‘doppelten Ungleichheit’ in den sozialstrukturellen und Geschlechterverhältnissen beider deutscher Staaten soll im folgenden ein theoretisches Modell entwickelt werden, das der Verschränkung von ‘klassischer’ Sozialstruktur und Geschlechterverhältnissen gerecht wird. Die Schwierigkeiten, die sich aus diesem Vorhaben ergeben, bestehen in der notwendigen theoretischen ‘Offenheit’ des Modells sowohl hinsichtlich der begrifflichen Fassung der Ungleichheitsstrukturen und - damit im Zusammenhang - auch hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen, rechtlichen und ideologischen Verfaßtheit der Gesellschaft. So soll dieses Modell einerseits die Entwicklungen innerhalb der ‘klassischen’ Sozialstruktur-


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und Ungleichheitsforschung aufnehmen, die eine Reihe differenzierter Theorien zu deren Bestimmung hervorgebracht haben, zum anderen muß es wegen der Analyse der DDR-’Doppelstrukturen’ die Beschränkung auf kapitalistische Verhältnisse, die sich mit dem hier vorgestellten Klassenbegriff verbinden, überwinden.

Zu diesem Zweck werden auf die aus der vorangegangenen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Theorien sozialer und Geschlechterungleichheit gewonnenen Erkenntnisse beider Theoriestränge auf eine neue Weise zusammengeführt. Damit steht ein theoretisches Instrumentarium zur Verfügung, das die Analyse der Verschränkung von ‘klassischer’ und Geschlechterungleichheit jenseits der als kapitalistisch bestimmten Gesellschaften, und damit auch jenseits von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ ermöglicht.

Wie die unter 3.2 analysierten Theorien zur Erklärung der ‘klassischen’ Sozialstruktur gezeigt haben, ist der Rahmen der Klassentheorie (mag sie mehr Marx´scher oder mehr Weber´scher Provenienz sein) zu eng geworden, um der Vielzahl der Ungleichheitsdimensionen jenseits des Eigentums bzw. des Erwerbs gerecht zu werden, die sich in modernen, differenzierten Gesellschaft sowohl innerhalb der Gruppe der Lohnabhängigen bzw. zwischen innerhalb und außerhalb der Erwerbssphäre Stehenden ergeben. Darüber hinaus ist der Klassenbegriff für die Bestimmung der ‘klassischen’ Ungleichheitslinie in beiden deutschen Staaten problematisch, weil er in beiden Gesellschaften Unterschiedliches<336> bezeichnete: wenn auch in den Sozialstrukturtheorien beider Staaten als Kategorie benutzt, steht er hier (DDR) für Differenzierung und Unterschiede, dort (BRD) für Ungleichheit und Konflikt. Als Begriff zur Beschreibung einer Seite der ‘doppelten Ungleichheit’ in den deutsch-deutschen Strukturen eignet sich der Klassenbegriff wegen seiner ‘Enge’ nicht. Dennoch soll eine wesentliche Annahme desselben, die auch von den meisten hier diskutierten Theorien (mit Ausnahme des Beck´schen Individualisierungstheorems) geteilt wird, nicht aufgegeben werden: Die


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Bestimmung der Vertikalität ‘klassischer’ Ungleichheitsstrukturen. Denn die Bestimmung der Sozialstrukturelemente (seien sie nun als Klassen, Schichten, Milieus und Lagen oder als Zentrum-Peripherie beschrieben) als vertikal strukturierend, als ‘sozial hohe’ oder ‘sozial niedrige’ Positionen im sozialen Raum, macht gerade die soziale Ungleichheit aus, die jenseits von sozialer Differenzierung “die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht- und/oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind“ (Kreckel 1992:17) strukturiert.

Daneben hat die Analyse der Theorien zur Geschlechterungleichheit deutlich gemacht, daß diese nicht als ‘neue’ oder ‘horizontale’ Ungleichheiten - wie die neueren Theorien sozialer Ungleichheit und Sozialstruktur suggerieren - gefaßt werden können, sondern ebenfalls vertikal strukturieren. Die Geschlechterungleichheit wird hier mit dem Begriff des Patriarchalismus beschrieben, der nicht erwerbstätige Frauen in die Abhängigkeit des männlichen Familienvorstandes zwingt und in der Erwerbsarbeitssphäre die Frauen über Prozesse der “sozialen Schließung“ (Parkin 1983) von attraktiven Arbeitsplätzen fernhält.

Die Bestimmung des Geschlechterverhältnisses als vertikal - analog zur ‘klassischen’ Ungleichheitsstruktur - strukturierend führt zu der Erkenntnis, daß die Gesellschaft (mindestens<337>) doppelt vertikal strukturiert ist. Diese Annahme findet ihren Niederschlag im Modell der ‘doppelten Vertikalität’.

Das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ stellt die direkte Antwort auf das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’, die wechselseitige Verstärkung der Ungleichheit in der ‘klassischen’ Sozialstruktur und den Geschlechterverhältnissen dar. Dieses Modell soll deutlich machen, daß die Sozialstruktur geschlechtsgeteilt bzw. die Geschlechterstruktur sozial differenziert ist.

Der Bezug auf die Vertikalität (und damit implizit auf die Ungleichheit) als Grundlage bzw. Gemeinsamkeit der beiden Differenzierungsdeterminanten statt auf konkrete sozialstrukturelle Ausprägung von Klassen, Schichten, Lagen etc. bringt ein abstraktes


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Modell sozialer Ungleichheit hervor. Diese Abstraktion stellt dabei zugleich die Potentiale wie die Grenzen des Modells der ‘doppelten Vertikalität’ dar. Indem es keine theoretische Vorentscheidung für eine der unter 3.2 diskutierten Theorien zur Analyse der ‘klassischen’ Sozialstruktur trifft, kann das Problem der ‘Verdopplung’ sozialer Ungleichheit, zunächst entkleidet von deren konkret-historischer Verschränkung, in den Blick genommen werden. Damit kann der bis heute unentschiedene, hochpolemisch geführte Streit um die ‘Richtigkeit’ des jeweiligen Sozialstrukturmodells bis zu seiner empirischen Entscheidung zurückgestellt werden, ohne die Zentralität des Problem der ‘Verdopplung’ sozialer Ungleichheit zu vernachlässigen.

Die Orientierung auf die Vertikalität statt auf ‘Klasse’ (etc.) ermöglicht damit die Überwindung der sich aus dem Rekurs auf ‘Klasse’ ergebenden Grenzen der gender and class debate, die der Verschränkung beider Ungleichheitsdeterminanten nur innerhalb kapitalistisch verfaßter Gesellschaften gerecht werden kann; es wird möglich, ‘doppelte Ungleichheitsstrukturen’ auch jenseits kapitalistischer Gesellschaftsverfassung zu analysieren und sich auf die Ähnlichkeiten derselben zu konzentrieren.

Die Abstraktion dieses Modells, das eher in der Tradition der Zentrum-Peripherie-Metapher steht, hat seine Grenzen jedoch in der theoretischen Bestimmung eines konkreten Sozialstrukturmodells. Dieser Mangel, der sich aus der Orientierung auf die ‘doppelte Ungleichheit’ ergibt, ist jedoch durch den Bezug auf eine der bestehenden Sozialstrukturtheorien zu beheben: Gerade wegen seiner Abstraktheit kann dieses Modell jeweils theoretisch konkretisiert werden. Bezüglich der Abbildung einer - der sozialstrukturellen - Seite der ‘doppelten Ungleichheit’ kann jede der unter 3.2 vorgestellten Theorien (mit Ausnahme des Individualisierungstheorems bei Beck) in das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ integriert werden. Je nach - letztlich nur empirisch entscheidbarer - Relevanz der jeweiligen sozialstrukturellen Determinanten: Eigentum (Klassen), Bildung, Einkommen, Status (Schicht) oder objektive Lage und subjektive Reflexion (Lebensstile, Lagen und Milieus) kann jenseits derselben verdeutlicht werden, daß innerhalb dieser Sozialstrukturkategorien eine zweite Determinante sozialer Ungleichheit existiert, die entsprechend der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht die Klassen, Schichten, Lagen und Milieus noch einmal vertikal strukturiert.


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Die Möglichkeit, das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ mittels vorhandener Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorien konkret zu untersetzen, die jeweils um die Ungleichheitsdeterminante des Geschlechts erweitert werden, birgt den großen Vorteil, den unentschiedenen Streit um den (Nicht-)Abschied von Klasse und Schicht (Geißler 1996) nicht vorzuentscheiden; denn wie eine Vielzahl theoretischer und empirischer Arbeiten zur ‘Richtigkeit’ des jeweils zugrundegelegten Sozialstrukturmodells beweisen, ist weder die Klassentheorie<338> noch die Schichtentheorie<339> in der Bundesrepublik endgültig von den neueren Ungleichheitstheorien und der Verschiebung von Struktur- hin zu stärker handlungstheoretisch argumentierenden Theorien verdrängt worden.

Erscheint das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ nach der Seite der ‘klassischen’ Ungleichheit hin ‘offen’, so ist es in Bezug auf die Geschlechterungleichheit hin konstant; unabhängig vom Bezug auf eine spezifische Theorie zur Erklärung der ‘klassischen’ Ungleichheit“ - stets werden die ausgemachten vertikalen Strukturelemente durch das Geschlecht erneut vertikal strukturiert. Ob Klassen, Schichten, Lagen, Milieus - alle diese Elemente der Sozialstruktur werden innerhalb derselben noch einmal in ein ‘oben’ und ein ‘unten’ geteilt - wobei die Differenzierung über das Geschlecht hervorgerufen wird. Im Sinne von Becker-Schmidt, die innerhalb jeder sozialen Klasse ”noch einmal eine Unterschicht ausmacht: die Frauen“ (1987b), ergibt sich für die Position der Frauen die oben vorgestellte ‘doppelte Vertikalität’, die durch die Positionierung innerhalb des sozialen Systems und das Geschlecht bestimmt wird. Mit dieser Bestimmung der ‘doppelten Vertikalität’ wird jedoch nicht die Dominanz ‘klassischer’ Ungleichheitsstrukturen impliziert<340>, denn auch die ‘umgekehrte’ Lesart ist möglich: Innerhalb der Geschlechtergruppen lassen sich vertikale Differenzierungen durch Klassen, Schichten usw. ausmachen.


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Die Konstanz der Geschlechterungleichheit bei relativer Offenheit der sozialen Ungleichheit entspricht denn auch den historischen Entstehungsprozessen von Ungleichheit. Wie von Ethnologen und Anthropologen<341> nachgewiesen und in 1.2 dargestellt, ist die Geschlechterungleichheit ein historisch sehr viel älteres Phänomen als die ‘klassische’ Ungleichheit; sie durchzieht - wenn auch durch die jeweiligen ökonomischen, kulturellen und ethnischen Verhältnisse überformt - die gesamte bisherige Menschheitsgeschichte. Demzufolge halte ich es für problematisch, das Geschlecht als Ungleichheitsdeterminante quasi im Nachhinein als ‘neue’ oder ‘horizontale’ Ungleichheit in das System sozialer Ungleichheit zu integrieren - wie von den neueren Ungleichheitstheorien praktiziert -, sondern möchte der Geschlechterungleichheit die jeweils erklärungskräftigste Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorie an die Seite stellen.

Über den Verzicht einer theoretischen Vorentscheidung für eine der Sozialstrukturtheorien hinaus weist das Modell weitere Vorteile auf: es ist nicht per se erwerbsarbeitsbezogen und es beschränkt sich nicht auf die Differenzierungen, die jenseits der patriarchalen Ungleichheitsstruktur durch Arbeit und Eigentum hervorgerufen werden. Mit allen Schwierigkeiten, die sich aus der empirisch-konkreten Umsetzung dieses Modells in einer Gesellschaft ergeben, deren Ungleichheiten insbesondere am Arbeitsmarkt festgemacht werden (siehe 1. und 2. Kapitel), ist die Einbeziehung auch nichterwerbstätiger Frauen über die Geschlechterungleichheit theoretisch möglich. Während erwerbstätige Frauen je nach theoretischem Zugang über ihr eigenes Eigentum, ihre eigene Arbeit (über Bildung, Einkommen, Prestige usw.) einer Klasse oder Schicht zugeordnet werden können, innerhalb derer sie - so die These - eine Unterklasse oder -schicht bilden, können auch nicht erwerbstätige Frauen über die Klassen- oder Schichtenposition ihres Mannes bestimmt werden. Da sie aber als nicht Erwerbstätige vom Einkommen ihres Mannes abhängig sind, lassen sie sich wiederum als Ungleiche (gegenüber ihrem Mann) bestimmen. Aufgrund der patriarchalen Strukturen, die innerhalb der Familie sowie innerhalb der Erwerbssphäre wirksam werden, werden Frauen benachteiligt: indem sie


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entweder nur über den Ehemann Zugang zu Ressourcen (Einkommen) erhalten (Hausfrauenehe) oder indem sie durch patriarchale Schließungsmechanismen innerhalb der Erwerbssphäre von gleichberechtigten Möglichkeiten der Ressourcenerwirtschaftung ausgeschlossen sind.

Das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ stellt somit ein geeignetes Instrument zur Analyse des hier zum Leitthema gemachten Problems der ‘doppelten Ungleichheit’ in den deutsch-deutschen Sozialstrukturen und Geschlechterverhältnissen dar. Es ist durch seine Abstraktheit offen für die verschiedenen Theorien zur Analyse sozialer (‘klassischer’) Ungleichheit und kann über die ‘Wahl’ des jeweiligen Sozialstrukturmodells ein sehr differenziertes Bild gesellschaftlicher Ungleichheit zeichnen. Die Offenheit gegenüber der einen Seite der ‘doppelten Ungleichheit’, der ‘klassischen’ Sozialstruktur bei gleichzeitiger Annahme der Konstanz der Geschlechterungleichheit ermöglicht es, die Kontinuität weiblicher Benachteiligung trotz unterschiedlicher politischer, ökonomischer, rechtlicher und sozialer Verhältnisse zu thematisieren. Damit eignet sich dieses Modell für die Aufdeckung der Ähnlichkeit der Sozial-, insbesondere aber der Geschlechterstruktur in beiden deutschen Staaten und zur Erklärung der Verdrängungsprozesse von Frauen und geringer Qualifizierten, die so schnell nach der ‘Wende’ offensichtlich wurden.

3.5. Fazit: Möglichkeiten und Grenzen der theoretischen Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’

Wie die Auseinandersetzung mit den Theorien zur Analyse sozialer Ungleichheit im vorangegangenen Kapitel ergeben hat, ist es notwendig, die von diesen zumeist praktizierte Arbeitsteilung zu überwinden. Zwar leisten die traditionellen und neueren Theorien ‘klassischer’ Sozialstruktur einerseits sowie die Theorien zur Erklärung der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen andererseits ihren je spezifischen Beitrag zur Erklärung der Ursachen und Reproduktionsmechanismen einer Seite der ‘doppelten Ungleichheit’; um diese jedoch angemessen zu analysieren, muß die ‘Blindheit’ dieser Theorien gegenüber


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den Ungleichheitsdeterminanten der jeweils anderen aufgehoben, müssen diese beiden Theoriestränge zusammengeführt werden.

Dabei erweist sich der Versuch, der Verschränkung von ‘Klasse’ und ‘Geschlecht’ gerecht zu werden, der von der gender and class debate unternommen wurde, als nicht ausreichend. Die Beschränkung auf den Klassenbegriff, der zum einen - wie unter 3.2 dargestellt - der zunehmenden gesellschaftlichen Differenzierung nicht gerecht wird und sich zum anderen der Analyse nicht-kapitalistischer Gesellschaften verweigert (bzw. anderes impliziert), macht die Problematisierung der ‘doppelten Ungleichheit’ in diesen unmöglich. Da sich die ‘Verdopplung’ sozialer Ungleichheit aber - wie unter 2.2.3 nachgewiesen wurde - auch für die DDR darstellen läßt, erwies es sich als unabdingbar, einen ‘weiteren’ Begriff zur Darstellung dieses Problems zu definieren. Ausgehend von den Erkenntnissen und Erweiterungen in den Theorien der ‘klassischen’ Sozialstruktur und in Überwindung der Beschränkung auf kapitalistisch organisierte Gesellschaften wurde das Modell der ‘doppelten Vertikalität’ entwickelt, dessen Abstraktheit zugleich Möglichkeiten wie Grenzen der Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ markiert, die das zentrale Thema der Arbeit darstellt.

So wird durch die Bestimmung beider Ungleichheitsdeterminanten: ‘klassische’ Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse als vertikal strukturierend insbesondere die letztere in ihrer Ungleichheit generierenden Wirkung herausgestellt. Zudem ist mit diesem Modell die Aufdeckung der Verschränkung beider Ungleichheitsdeterminanten jenseits historisch-konkreter Verfaßtheit der Gesellschaft möglich.

Diese theoretische ‘Offenheit’ gegenüber der begrifflichen Bestimmung der Sozialstruktur muß jedoch, will sie nicht in Beliebigkeit verfallen, in der empirischen Analyse konkret bestimmt werden. Nur hier kann entschieden werden, ob die eine Seite der ‘Doppelstruktur’, die ‘klassische’ Sozialstruktur am angemessendsten mit ‘Klassen’, ‘Schichten’, ‘Lagen’ ect. beschrieben werden kann. Nur hier kann die konkrete Verschränkung beider Ungleichheitsdeterminanten adäquat analysiert und entschieden werden, in welchem Domianzverhältnis ‘klassische’ Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse stehen.


Fußnoten:
<226>

Da Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorien einen wesentlichen Gegenstandsbereich der Soziologie seit ihrer Herausbildung zur Wissenschaft darstellen, würde eine auch nur annähernd vollständige Aufarbeitung der verschiedenen Theorieansätze jeden Rahmen sprengen. Weil jedoch das Problem der ‘doppelten Ungleichheit’ den Gegenstand der Arbeit bildet, werden selektiv die Theorien vorgestellt und kritisch hinterfragt, die zur Klärung beider Dimensionen sozialer Ungleichheit beizutragen vermögen, im wesentlich also makro- bzw. gesellschaftstheoretische Ansätze.

<227>

Während die ‘klassische’ Struktur sozialer Ungleichheit - die Klassen- und Schichtentheorien - unbestritten den Gegenstand soziologischer Theorie darstellen, ist die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen Gegenstand einer Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen: der Politikwissenschaft (stellv. Offenbartl 1995), der Philosophie (stellv. Benhabib 1995; Fraser 1994), der Ethnologie und Anthropologie (stellv. Rippl 1993; Dux 1992), der Psychologie (stellv. Chorodov 1985). Auf diese kann jedoch nur punktuell eingegangen werden.

<228>

Siehe dazu Ausführungen in der Einleitung.

<229>

Dahrendorf (1961) entwickelt vier Formen der Ungleichheit: 1. die natürliche Verschiedenartigkeit des Aussehens, des Charakters, der Interessen; 2. die natürliche Verschiedenwertigkeit der Intelligenz, der Talente und Kräfte; 3. die soziale Differenzierung prinzipiell gleicher Positionen und 4. die soziale Schichtung nach Ansehen und Reichtum als Rangordnung des sozialen Status (S. 6/7). In dieser Definition sozialer Ungleichheit vermischen sich “soziale Differenzierung“ und “soziale Ungleichheit“; aus heutiger Perspektive würde nur die soziale Schichtung (4.) als Ungleichheit bezeichnet werden.

<230>

Also das, was bei Dahrendorf als Unterschiedlichkeit des Aussehens, der Intelligenz bezeichnet wird oder den “Unterschied zwischen Schlosser und Dreher“ (S. 6) ausmacht.

<231>

Die bedeutet nicht, daß sich die Ungleichheitsforschung ausschließlich vertikalen Ungleichheitsdeterminanten zuwendet; gerade die neueren Theorien (Kreckel 1992; Hradil 1987; Beck 1986 u.a.) nehmen zunehmend auch die horizontalen Determinanten sozialer Ungleichheit in den Blick und entwickeln damit Theorien, die nicht mit den Begriffen von ‘Klasse’ und ‘Schicht’ die sozialen Strukturen beschreiben. Doch diese Theorien werden erst zu einem späteren Zeitpunkt Gegenstand der Analyse sein.

<232>

Während Smith die Arbeitsteilung auf die dem Menschen angeborene Neigung zum Tausch zurückführt, gingen die neueren Nationalökonomen davon aus, daß der Tausch eine unbeabsichtigte Folge der Arbeitsteilung darstellt (Bücher 1946).

<233>

”Man spricht vom dritten und vierten Stande und meint dasselbe, wie wenn man von den mittleren und unteren Klassen redet“ (Schmoller 1968:80).

”Soweit“ unsere Besitzklassen auch soziale Berufsstände sind, sind sie es nicht deshalb, weil der Beruf Besitz schafft, sondern vielmehr deshalb, weil der Besitz die Berufswahl bedingt, und weil in der Regel das Einkommen, das der Beruf abwirft, sich in ähnlicher Weise abstuft wie der Besitz, auf welchen der Beruf sich gründet“ (Bücher 1946:32/33).

”Die Klassen werden dabei typischerweise als Paare sich logisch ausschließender Kategorien dargestellt, als besitzende und besitzlose, über- und untergeordnete oder manuelle und nicht manuelle Klassen bzw. Schichten“ (Parkin 1983:121).

“Nicht allein die Klassenakteure ändern sich von einem Gesellschaftstyp zum anderen, sondern auch der wahre Charakter der Klassenverhältnisse und konsequenterweise das Schichtungssystem, welches Klassenverhältnisse in Ungleichheit übersetzt“ (Touraine 1985:324).

<234>

Vergleiche auch Tönnies (1931).

<235>

Hier sind insbesondere die Versuche, das Phänomen der “Mittelklasse“ in eine Theorie sozialer Klassen zu integrieren (z.B. Wright 1985a,b) sowie die Theorien zu nennen, die Klassenkonstitution auch jenseits von ökonomischen Ungleichheiten ausmachen (besonders Bourdieu 1982;1985).

<236>

Z.B. durch die Neomarxisten: Kadritzke (1975;1982) und Bischoff (1976;1982), Klassentheoretiker wie Giddens (1983;1984;1988) und Vertreter der Konflikttheorie Dahrendorf (1987;1992).

<237>

Hier sind insbesondere jene Theoretiker zu nennen, die die Klassenkonfliktannahme insgesamt ablehnen (Geiger 1932; 1962) bzw. die diese nur für die Entstehungsphase des Kapitalismus akzeptieren, sie aber nunmehr für überholt halten (Schelsky 1954); Beck (1986); bzw. die auf die Zunahme “neuer“ sozialer Ungleichheiten verweisen: Hradil (1983;1987a); Kreckel (1983a; 1992).

<238>

Die geschichtlichen Voraussetzungen für diese Entwicklung sind bei Marx in der “Ursprünglichen Akkumulation“ (Kapital Band I 1979) beschrieben und wurden bereits unter I.1.1 dargestellt.

<239>

Obwohl sich auch hier, zumindest teilweise, die Erkenntnis mehrfacher Verwendungsweisen des Klassenbegriffs durch Marx durchgesetzt habt (Vgl. Teschner 1989).

<240>

“Die Eigentümer von bloßer Arbeitskraft, die Eigentümer von Kapital und die Grundeigentümer, deren respektive Einkommensquellen Arbeitslohn, Profit und Grundrente sind, also Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer, bilden die drei großen Klassen der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft.“ (Marx 1979b: 892).

<241>

“Soziale Klassen“ sind die “Gesamtheit derjenigen Klassenlagen, zwischen denen ein Wechsel persönlich, oder in der Generationenfolge leicht möglich ist und typischerweise stattzufinden pflegt“. (Weber 1985: 177).

<242>

Dazu ausführlicher im nächsten Abschnitt.

<243>

Die Entstehung einer breiten Angestelltenschicht mit spezifischen Bewußtseins- und Organisationsformen wird von orthodoxen Marxisten insofern geleugnet, daß sie diese aufgrund ihres Nichteigentums an Produktionsmitteln zum Proletariat rechnen. Die “Kragenlinie“ als Strukturierungsdeterminante jenseits von Eigentum wird von ihnen nicht akzeptiert und die den Angestellten spezifische Bewußtseinsform damit als “verkehrtes Bewußtsein“ bestimmt (Kadritzke 1975;1982; Hartfiel 1961).

<244>

Das Projekt Klassenanalyse bestimmt zwar eine Gliederung der Gesellschaft in drei Klassen, die aber jeweils ausschließlich durch Eigentum und Arbeit bestimmt sind: die Arbeiterklasse durch eigene Arbeit und Nichteigentum; die Bourgeoisie durch Eigentum und die Mittelklassen durch Arbeit und (geringes) Eigentum (Bischoff 1976).

<245>

Da diese Arbeit nicht die Gültigkeit bzw. Ablehnung der Klassentheorie zur Erklärung moderner Ungleichheit und Sozialstruktur zum Ziel hat, sondern sich mit diesen Theorien auseinandersetzt, um mögliche Anschlußstücke für eine Theorie der ‘doppelten Ungleichheit’ auszumachen, möchte ich mich auf ausgewählte - wesentliche - Klassentheorien beschränken.

<246>

Die im Unterschied zu Marx aber nicht mehr mit Verelendung gleichgesetzt werden, sondern auf die relationalen Ungleichheiten abheben.

<247>

Denn ‘Eigentum’ meint nach Dahrendorf nicht das, was besessen wird, sondern die Rechte, die sich auf den Gegenstand beziehen (Dahrendorf 1957).

<248>

Neben den Klassenkonflikten bestimmt Dahrendorf gleichwertig “partielle Konflikte“, die zwischen ethnischen, nationalen und rassischen Minderheiten und dem ‘Rest’ der Gesellschaft bestehen können, sowie “sektorielle Konflikte“, die jeweils innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Teilbereiche (Stadt und Land; Protestanten und Katholiken) auftreten können (1968:290).

<249>

Es ist an anderer Stelle ausführlich auf ihn eingegangen worden: Hradil (1987); Holtmann; Strasser (1988;1990).

<250>

Mit Ausnahme von Giddens, der den Konsumtionsstrukturen ebenfalls ungleichheitsgenerierende Funktionen zugesteht.

<251>

Da hier die materialistische Betrachtung sozialer Strukturen im Vordergrund steht, werden Lebensstile nur im Zusammenhang mit anderen Sozialstrukturkategorien betrachtet. Zur Diskussion der Lebensstile als neuer Zweig in der Sozialstruktur- und Ungleichheitsdiskussion siehe stellvertretend Müller (1992) und Spellerberg (1995).

<252>

Zwar läßt Weber (1985) Differenzierungen innerhalb der Klassen nach Art des Eigentums bzw. des Erwerbs zu, dennoch bleiben Arbeit und Eigentum die wesentlichen Klassenkonstituenten. Bei Giddens (1984) und Wright (1985a;b) werden diese beiden Grundlagen der Klassenbildung zwar um Qualifikation (Giddens) bzw. Entscheidungs- und Anweisungsbefugnis (Wright) erweitert, dennoch stellen die ersteren immer noch die wesentlichen Grundlagen der Klassenbildung dar. Daraus ergibt sich eine je spezifische (meist dreistufige) Klassengliederung, die sich jedoch entlang der Merkmale Arbeit und Eigentum konstituiert.

<253>

Eine Ausnahme von der ausschließlich ökonomischen Bestimmung der Klassen stellt lediglich der Bourdieu`sche Ansatz dar, der die Klassen entlang von drei Kapitalsorten bestimmt, wobei auch er von einer relativen Übereinstimmung in den Kapitalsorten in der Hinsicht ausgeht, daß die Verfügung über hohes ökonomisches Kapital zumeist mit hohem kulturellen und sozialen Kapital einhergeht sowie niedriges ökonomisches Kapital zumeist mit niedrigem kulturellen und sozialen Kapital einhergeht (Bourdieu 1982;1985).

<254>

Klassen werden relational, in ihrem Verhältnis zu anderen Klassen, bestimmt (Touraine 1985).

<255>

Um die “Stände“ bei Weber (1985), um die “Mittelklasse“ bei den Neomarxisten (Bischoff 1976); Giddens (1984); Wright (1985a;b) und Bourdieu (1982;1985).

<256>

An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, wenn man die detaillierte Analyse Engels (1981) zum “Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ einbezieht, in der er die Ungleichheit der Geschlechter darstellt. Diese wird hinsichtlich Ausbeutung und Abhängigkeiten nicht weiter problematisiert. Als ”Nebenprodukt“ (oder ”Nebenwiderspruch“ - Beer 1989) der Entstehung von Klassen wird konstatiert, daß sie sich mit der Abschaffung des Privateigentums und der Klassenbildung - quasi automatisch - aufhebt.

Auch Giddens vermerkt - quasi im Nebensatz -, daß “Frauen in einem gewissen Sinn die Unterklasse des Angestelltensektors (sind)“ (1984:358), darüberhinaus wird der Geschlechterungleichheit innerhalb seiner Klassentheorie jedoch keine Aufmerksamkeit gewidmet.

<257>

In der Ausklammerungsstrategie werden alle Personen in die Analyse der Ungleichheit einbezogen (unabhängig von Alter, Geschlecht und Nationalität) - allerdings nur die Erwerbstätigen. Damit ermöglicht dieses Verfahren zwar die Unterscheidung innerhalb der Erwerbstätigen, bezieht aber sowohl Hausfrauen, Arbeitslose wie die in Qualifizierung befindlichen Individuen in die Ungleichheitsanalyse nicht mit ein.

<258>

Die Einklammerungsstrategie geht von der - problematischen - Annahme aus, daß alle Gesellschaftsmitglieder einem privaten Haushalt zugerechnet werden können. Damit wird in der empirischen Ungleichheitsforschung der (Familien-)Haushalt als Untersuchungsobjekt bestimmt, dessen Status durch den des (meist männlichen) Vorstandes geprägt wird. Zwar werden mit dieser Strategie alle (auch die nichterwerbstätigen) Individuen erfaßt, aber sie werden bei der Bestimmung ihrer Klassenposition jeweils der des Familienoberhauptes zugeschlagen. Ungleichheit bzw. Klassenlagen werden damit zwangsläufig über die Familien (über den Haushaltsvorstand) bestimmt - die Geschlechterungleichheit als Ungleichheit innerhalb der Familie (durch die Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit), aber auch zwischen den Familienmitgliedern wird ignoriert; das ‘Geschlecht’ als Ungleichheitsdimension muß in dieser Betrachtung als nachrangig erscheinen.

<259>

Auf die teilweise synonyme Verwendung von Klasse und Schicht habe ich bereits in Abschnitt 3.2 hingewiesen. An dieser Stelle stehen nur die Theorien sozialer Schichtung zu Diskussion, denen ein ‘engerer’ Schichtenbegriff zugrunde liegt, der unter sozialen Schichten “Statusgruppen“ versteht, zwischen denen sich “deutlich erkennbare Abstufungen der Lebenslage aufgrund der statusbestimmenden Kriterien ergeben“ (Hradil 1987b:73).

<260>

Schon an ihrer Gegenstandsbestimmung wird die Unterscheidung der Schichtentheorien von denen, die sich auf Klassen beziehen, deutlich: Während Klassentheorien die Gesellschaft, deren Strukturierung sie ausmachen wollen, zumeist als kapitalistische bestimmen, erscheint sie den Vertretern der Schichtungstheorien als Industriegesellschaft.

<261>

Insbesondere die von den Klassentheoretikern vorausgesetzte Übereinstimmung von Klassenlage und Klassenbewußtsein wurde von den Schichtentheorien der Kritik ausgesetzt - was ihnen wiederum den Vorwurf “bürgerlicher“ Theorie einbrachte (Berger 1987).

<262>

Einen ausführlichen Überblick über die Theorien sozialer Schichtung geben Wiehn (1968) sowie Hradil (1983) und Strasser (1987). Da die theoretische Analyse der ‘doppelten Ungleichheit’ Ziel dieser Arbeit ist, werden nur ausgewählte Vertreter der jeweiligen Theorierichtung diskutiert; die Analyse tatsächlicher gesellschaftlicher Strukturen erfolgte am Beispiel der BRD und der DDR im zweiten Kapitel.

<263>

Weber siedelt den Stand explizit außerhalb der ökonomischen Sphäre an; er basiert nicht auf ‘objektiven’ Faktoren (Eigentum bzw. Arbeit), sondern auf subjektiven Zuschreibungen (der Ehre).

<264>

Dieser Schichtbegriff wird von ihm selbst in den “Arbeiten zur Soziologie“ teilweise revidiert.

<265>

Da Geiger für seine Zeit ebenfalls die Produktionsverhältnisse als wesentlichstes Merkmal der Schichtenbildung ausmacht, kommt er zu einer Grobgliederung der Gesellschaft, die der Klassengliederung entspricht: kapitalistische, mittlere und proletarische Lage. Insofern ihm die Gliederung entlang eines Merkmals als nicht ausreichend für die Darstellung sozialer Lagerung erscheint, werden diese Lagen durch die Hinzunahme weiterer Merkmale: Wirtschaftsabteilung und Stellung im Beruf weiter differenziert. Dies ergibt eine fünfstufige Schichtung: Kapitalisten, mittlere und kleinere Unternehmer, Tagewerker für eigene Rechnung, Lohn- und Gehaltsbezieher höhere Qualifikation, Lohn- und Gehaltsbezieher minderer Qualifikation, die ihm die dominante seiner Zeit erscheint (Geiger 1932).

<266>

”Es ist richtig, daß der Schichtbegriff über die bloße Beschreibung und Klassifikation hinaus darauf abzielt, gewisse soziale Haltungen, Willensrichtungen, Bewegungen usw. auf gewisse Daseinsbedingungen, Lagen oder dergleichen zu beziehen, ihnen zuzurechnen“ (Geiger 1962:194).

<267>

Auch bei Parsons werden Klassen und Schichten synonym verwendet. Obwohl es ihm um die Entwicklung einer “analytischen Theorie sozialer Schichtung“ geht, benutzt er Begriffe wie “Klasse“ und “Klassenstruktur“ - jedoch nicht im Marx’schen bzw. Weber’schen Sinne.

<268>

Im Sinne der Bestimmung aus Abschnitt 3.

<269>

Die Differenzierung der Gesellschaft lediglich entlang der Achse Arbeit-Eigentum zu bestimmen.

<270>

Simmel unterscheidet zwischen der Stellung der Frauen in den “höheren Ständen“ und unteren Schichten (siehe Dahme 1986).

<271>

Geiger macht deutlich, daß die Wahl von Klassifikationsmerkmalen prinzipiell unbegrenzt ist und daß auch “Geschlecht, Alter, Beruf,..., Körpergröße, Schädelindex, Haarfarbe,... Bekenntnis, Intelligenzquotienten, Familienstand...“ (S. 190) klassifizierend sein können. Damit erkennt er - bezogen auf das Geschlecht - zwar implizit dessen differenzierende Wirkung an; in dieser Aufzählung wird allerdings deutlich, daß er dem Geschlecht keine wesentliche - Ungleichheit stiftende - Kraft zugesteht.

<272>

“Mann und Frau sind ebenso soziale Positionen wie die Berufsposition des Schlossers und Drehers oder die religiöse Position des Protestanten und Katholiken; und dies sind sämtlich Paare ungleicher Positionen“ (S. 336/337).

<273>

Gemeint ist die ”‘horizontale’ Disparität zwischen Mann und Frau, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt, zwischen chancenreicher Nachkriegs- und blockierter Numerus-Clausus-Generation“ (Hradil 1987b:91).

<274>

Die vier ‘klassischen’ Ungleichheitsdimensionen: Geld, Bildung, Macht, Prestige wirken in ihrer Bestimmung der Lebensbedingungen in der Erwerbssphäre über Erwerbseinkommen und -vermögen, Qualifikationszertifikate, Berufsprestige und Macht (Hradil 1987a).

<275>

Die meist empirisch-deskriptiven Theorien versuchen einerseits, die Ungleichheit ausgewählter Teilgruppen der Gesellschaft zu analysieren (Frauen- und Randgruppenforschung) und andererseits, der Differenzierung sozialer Ungleichheitsdeterminanten gerecht zu werden (Statusinkonsistenzforschung, schichtspezifische Sozialisationsforschung).

<276>

Dieser meint ‘objektive’ Lebensbedingungen, die zu einer besseren bzw. schlechteren Erfüllung von Lebenszielen führen.

<277>

Dieser meint ”Handlungsbedingungen, die es bestimmten Gesellschaftsmitgliedern besser als anderen erlauben, so zu handeln, daß öffentlich artikulierte und allgemein akzeptierte Lebensziele für sie in Erfüllung gehen“ (Hradil 1987a:128).

<278>

Diese umfassen: Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiken; soziale Absicherung; Arbeitsbedingungen; Freizeitbedingungen; Wohn(umwelt)bedingungen; demokratische Institutionen (1987a;b).

<279>

Diese umfassen: soziale Beziehungen; soziale Rollen; Diskriminierungen/Privilegien (ebenda).

<280>

Die Anführungsstriche sollen verdeutlichen, daß Hradil ein Theoriemodell entwickelt, das eben nicht in deterministischer Manier von einer ausschließlich strukturellen Prägung von Lebensbedingungen ausgeht, sondern dem Handeln der Individuen sehr große Bedeutung beimißt.

<281>

So unterscheidet Hradil für die BRD Ende der 80er Jahre dreizehn ‘Soziale Lagen’:

- Macht-Elite

- Reiche

- Bildungselite

- Manager

- Experten

- Studenten

- ”Normalverdiener“ mit geringen Risiken

- ”Normalverdiener“ mit mittleren Risiken

- ”Normalverdiener“ mit hohen Risiken

- Rentner

- Arbeitslose (langfristig)

- Arme (keine Erwerbspersonen)

- Randgruppen

(Hradil 1987b: 154 - 156).

<282>

Mit der Hinzunahme der Lebensstile reagiert Hradil (wie auch Bourdieu) auf die ‘Lebensferne’ der Klassen- und Schichtenkonzepte, der sie - ausgehend von der Differenzierungsthese - ein Konzept entgegensetzen wollten, das nicht auf die ökonomische Sphäre sondern auf gemeinsame Verhaltensweisen oder Werthaltungen Bezug nimmt (Spellerberg 1995). Dabei gehen Lebensstilkonzepte allgemein von einer Vermittlung zwischen sozialen Lagen und individuellem Handeln, zwischen objektiven Lebensbedingungen und kulturellem Leben aus (Müller 1992). Lebensstile werden verstanden als ”sichtbare, alltagskulturelle Verhaltensweisen, die Ausdruck von Lebensgeschichte, Chancen und Orientierungen sind“ (Spellerberg 1995:43).

Doch gerade der Bezug zur Kultur, zur Lebensführung, die losgelöst von den Bedingungen sozialer Ungleichheit erscheinen, macht diesen Ansatz für meine Fragestellung weitgehend unbrauchbar.

<283>

So knüpft Hradil an die vom SINUS-Maktforschungsinstitut für die BRD Ende der 80er Jahre ausgemachten ”Milieus“ an:

- konservativ gehobenes Milieu

- kleinbürgerliches Milieu

- traditionelles Arbeitermilieu

- aufstiegsorientiertes Milieu

- technokratisch-liberales Milieu

- hedonistisches Milieu

- alternativ-linkes Milieu

(Hradil 1987b:169).

<284>

Gerade die Beschränkung auf die Erwerbssphäre erscheint Kreckel problematisch: obwohl die ‘aktive’ Erwerbsbevölkerung in modernen Gesellschaften mittlerweile die Minderheit ausmacht, richtet sich die (empirische) Ungleichheitsforschung immer noch am ‘gesellschaftlichen Normalfall’ aus: am männlichen Haushaltsvorstand im erwerbsfähigen Alter - das bedeutet, daß Junge und Alte, Hausfrauen und Kranke, Ausländer, Kasernierte, Behinderte (meist auch Landwirte) aus einem solchen Ungleichheitsmodell ausgeschlossen bleiben (Kreckel 1993a;1992).

<285>

Auch wenn die Überschrift ”Jenseits von Stand und Klasse?“ - 1983 noch mit Fragezeichen versehen, das im 1986er Text: ”Jenseits von Klasse und Schicht“ verschwindet, dies suggerieren mag.

<286>

Die Lebensbedingungen der Menschen haben sich durch Erhöhung von Bildung und Einkommen verändert, ohne die Ungleichheitsrelationen zwischen ihnen zu berühren, ”die ‘Klassengesellschaft’ wird insgesamt eine Etage höher gefahren“ (1986:122).

<287>

Wobei Beck die Möglichkeit der Entstehung neuer, übergreifender ”Klassenlagen“ durchaus einräumt.

<288>

”Je nachhaltiger durch eine kollektive Anhebung des Lebensstandards, durch gewerkschaftliche Interessenvertretung, durch sozialstaatliche Sicherungen, Verrechtlichungen usw. eine Klassenformierung durch Verelendung entgegengewirkt wird, und je nachhaltiger die Menschen aus den traditionalen Bindungen, Orientierungen und Verkehrsformen ihres Herkunftsmilieus durch verschiedenartige Mobilitätsprozesse, durch Vermehrung von Bildungschancen, durch die Ausdehnung von Konkurrenzbeziehungen usw. herausgelöst werden, desto deutlicher können Individualisierungstendenzen ihre Wirksamkeit entfalten - und umgekehrt: überall dort, wo sich neue Ansatzpunkte für Klassenformierungen bilden (Arbeitslosigkeit ect.), wo ”ständisch“ eingefärbte Traditionen sich eher durchhalten können (...) oder neue ungleichheitsrelevante soziokulturelle Gemeinsamkeiten entstehen, werden Individualisierungstendenzen relativiert bzw. treten von vornherein gar nicht erst in Erscheinung.“ (Beck 1983:52).

<289>

”Bei den Frauen ist durch die Angleichung in der Bildung eine prekäre Situation entstanden. Der Weg nach vorne in den Beruf ist angesichts stabiler Massenarbeitslosigkeit (und großer ‘Rationalisierungsreserven’ in frauenspezifischen Arbeitsplätzen) ebenso versperrt, wie der Weg zurück in die Ehe- und Familienversorgung (nicht zuletzt angesichts steigender Scheidungszahlen). Alles ist möglich und nichts. Mögen sich die einen so, die anderen so entscheiden. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist ab jetzt unauslöschlich sichtbar“.

<290>

Z.B. Becker-Schmidt (1987b; 1993; 1996); Gerhard (1993); Kreckel (1992; 1993a).

<291>

stellvertretend: Blasche 1983; Ostner 1983; Mies 1983; Steinberg 1989; Lenz 1995; Schaeffer-Hegel; Leist 1996.

<292>

Die Differenzierungen in der weiblichen Erwerbsbeteiligung zwischen den sozialstrukturellen Gruppierungen wurden in 1.2 dargestellt.

<293>

Die Einbeziehung von Frauen und Kindern in den kapitalistischen Produktionsprozeß wurde insbesondere von den männlichen Proletariern als ”Schmutzkonkurrenz“ wahrgenommen.

<294>

Mit der Vergesellschaftung von familiären Aufgaben wie Krankenversorgung und Erziehung sowie mit der Technisierung der Hausarbeit werden die Familien und damit die Frauen von großen Teilen ihrer Tätigkeiten entlastet. Die verbleibenden Tätigkeiten reichen nicht mehr aus, um die Frauen lebenslang sinnvoll zu beschäftigen Schaefer-Hegel; Leist (1996), so daß für immer mehr Frauen eine zumindestens phasenweise Erwerbsarbeit erstrebenswert erscheint.

<295>

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, Sozialisationstheorien in ihren Grundlagen und Annahmen hier darzustellen. Ich möchte deshalb zur allgemeinen Verständlichkeit die Definition von Bilden (1991) anführen: ”Sozialisation oder Entwicklung verstehe ich als den Prozeß, in dem aus einem Neugeborenen ein in seiner Gesellschaft handlungsfähiges Subjekt wird (und bleibt). Sie findet statt, indem das sich bildende Individuum zunehmend aktiv teilhat an den sozialen Praktiken, in denen die Gesellschaft sich selbst produziert und verändert“ (ebenda:279).

<296>

”Geschlechtersozialisation wird als Ausbildung von geschlechtstypischen Identitäten und Handlungsprofilen aufgrund von nach Geschlecht variierenden und differenzierten Handlungsanforderungen, die Lebensbedingungen und Erziehung formulieren, verstanden“ (Nickel 1985, Vorwort).

<297>

Wobei der ”Zwang zur Freiwilligkeit“ im weiteren offensichtlich wird.

<298>

Wie eine Vielzahl lerntheoretischer und psychologischer Studien belegen, verhalten sich Väter mehr noch als Mütter je nach Geschlecht spezifisch zu ihren Söhnen und Töchtern, bestärken bzw. schwächen ursprünglich gleiche Voraussetzungen anfänglich durch Stimme, körperliche Wärme und Kontakte, später durch Lob und Tadel, Anregungen von außen (gemeinsame Spiele, geschlechtstypische Spielzeuge) (Hagemann-White 1984; Bilden 1991; Nickel, 1985; Scheu 1983).

<299>

”Die Selbst-Konstruktion des Kindes als Mädchen oder Junge und die Geschlechtsunterscheidung mit zugehörigen Symbolen ermöglichen seine Einordnung in die soziale Welt“ (Bilden 1991:282).

<300>

So lassen sich deutliche Unterschiede in der Beteiligung von Jungen und Mädchen an der Hausarbeit ausmachen: Mehr Jungen als gleichaltrige Mädchen haben keine festen Pflichten in der Familie, demzufolge mehr Freizeit (Hille 1985; Nickel 1985). Entscheidender sind allerdings die Unterschiede in der Art der Hausarbeit: Während Jungen vornehmlich zu Garten- und Reparaturarbeiten angehalten werden, sich also in technisch-instrumentellen Fertigkeiten üben, werden Mädchen eher zum Saubermachen und zur Betreuung jüngerer Geschwister herangezogen, was ihre betreuerischen und häuslichen Kompetenzen verstärkt (Nickel 1985) - so wird die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ”im kleinen“ vorweggenommen.

Jungen sind darüber weit weniger in ihren Freizeitaktivitäten eingeschränkt: sie dürfen sich im Unterschied zu Mädchen länger und weiter weg vom Hause bewegen; sie unterliegen sowohl hinsichtlich Inhalt, Beziehungen sowie zeitlichen Arrangements von Freizeitaktivitäten viel weniger der elterlichen Kontrolle und haben damit einen erheblich größeren Freiraum, sich auszuprobieren (Nickel 1985; Hagemann-White 1984).

<301>

Nickel (1985), Hagemann-White (1984); Kauermann-Walter et al (1989); Ulich (1991); Kreienbaum; Metz-Göckel (1992); de Jong (1995).

<302>

Kauermann-Walter et al (1989) führen den Nachweis, daß geschlechtstypische Sozialisationseffekte in Koedukation stärker als in Mädchenschulen auszumachen sind. Dies führt sie darauf zurück, daß das gesellschaftliche und kulturelle Bild der ‘Zweigeschlechtlichkeit’ mit seinen Geschlechterstereotypen und aus ihnen resultierenden geschlechtstypischen Handlungs- und Verhaltenserwartungen in der koedukativen Schule durch die Abgrenzung vom anderen Geschlecht sehr viel stärker zum Tragen kommt.

<303>

Die schlechteren schulischen Ergebnisse der Jungen und ihre stärkere Aggressivität einerseits sowie die größere Disziplin und Lernbereitschaft der Mädchen andererseits führen zu geschlechtsdifferenzierenden Mechanismen der Anerkennung und Unterstützung durch die LehrerInnen.

<304>

Jungen - stigmatisiert als lernschwach und disziplinlos - werden häufiger ”drangenommen“, werden sehr viel stärker als Mädchen für ihre Leistungen gelobt - Tadel dagegen beziehen sich bei ihnen fast ausschließlich auf Disziplin und Ordnung. Bei Mädchen erscheint - ihrer besseren Zensuren wegen - eine Stimulierung ihrer fachlichen Leistungen nicht notwendig. Lob bezieht sich bei ihnen überwiegend auf Wohlverhalten und Ordnung; Tadel hingegen zu 90 % auf ihre Leistung (Hagemann-White 1984; Bilden 1991).

<305>

”Mädchen lesen häufiger Belletristik, treffen sich öfter mit Freundinnen in der Disko, im Kino und bei anderen kulturellen Veranstaltungen. Sie gehen häufiger künstlerischen Betätigungen nach, bevorzugen stärker das ‘Bummeln’ und ‘Nichtstun’ und wenden mehr Freizeit für Schularbeiten und politische Aktivitäten auf. Jungen dagegen treiben doppelt so oft wie Mädchen Sport in ihrer Freizeit, sehen öfter fern, lesen häufiger Sachbücher und beschäftigen sich sogar 8mal häufiger mit speziellem Wissenserwerb, zumeist auf technischem oder naturwissenschaftlichem Gebiet“ (Nickel 1990a:27). Jungen bevorzugen wettbewerbsorientierte Spiele, favorisieren Bewegung, Sport, Raufereien; Mädchen dagegen kooperative Spiele (Bilden 1991).

<306>

Jungengruppen sind größer, altersheterogener und eher hierarchisch organisiert; Mädchengruppen funktionieren hingegen eher auf der Basis von Gleichheit (Bilden 1991).

<307>

Während in Jungengruppen um Status und Dominanz innerhalb der Gruppe gekämpft wird, bevorzugen Mädchen feste Freundschaften, in denen das gleichberechtigte Gespräch, aber auch der ”Klatsch“ eine große Rolle spielen (Bilden 1991; Nickel 1990a).

<308>

Ausbildung sachlich-technischer Fertigkeiten bei Jungen, sozialbetreuerische bei Mädchen (Nickel 1991b).

<309>

Siehe Kapitel 1.2

<310>

Beck-Gernsheim; Ostner (1978;1979) sowie Beck-Gernsheim (1981) und Ostner (1982;1990a;1991).

<311>

Siehe dazu 1.2.

<312>

”Indem den Frauen durch viele Jahrhunderte hindurch die Aufgaben der Haushaltsführung und Kindererziehung zugewiesen wurden, entwickelten sie - in einem real immer problematischen Korrespondenzverhältnis - über Erziehung zu diesen Tätigkeiten wie tatsächliche Ausübung dieser Tätigkeiten auch bestimmte, auf diese Aufgaben bezogene und von diesen Aufgaben geprägte Eigenschaften und Einstellungen, Fähigkeiten und Orientierungen. Die Subjektivität der Frau ist damit entscheidend bestimmt durch das, was man vielleicht ‘weiblichen Lebenszusammenhang’ oder auch ‘weibliche Kultur’ nennen kann, nämlich durch das Insgesamt der Tätigkeiten und Beziehungen der Frau im Reproduktionsbereich ...“ (Beck-Gernsheim 1981:46/47).

<313>

Doehringer und Piore (1971) unterscheiden auf dem Arbeitsmarkt der USA zwischen einem primären Segment, das durch administrative Regeln und Verfahren die Arbeitskräfteallokation und Entlohnung bestimmt und in dem die Beschäftigungssicherheit und die Einkommen hoch sind und einem sekundären Segment, das den Regeln der Marktökonomie gehorcht und in dem Einkommen und Beschäftigungssicherheit gering sind.

<314>

Der eine Perspektive qualifizierter Erwerbsarbeit vorrangig den Frauen eröffnete.

<315>

”Die historisch im 19. Jahrhundert entstandene und heute noch vorherrschende sowie sich laufend erneuernde Teilung der Berufe nach dem Geschlecht (stellt sich) nicht als Folge funktionaler Arbeitsteilung oder als notwendige Reaktion auf weibliche Defizite in bezug auf Erwerbsarbeit und Beruf dar, sondern als Diskriminierung nach dem Geschlecht - d.h. als Frage gesellschaftlicher Macht bei der Durchsetzung bzw. Tradierung sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern“ (Rabe-Kleberg 1987:20).

<316>

Ausführlich zu Mechanismen und Resultaten weiblicher Diskriminierung in der beruflichen Ausbildung und beim Übergang in den Arbeitsmarkt: Rabe-Kleberg (1987), Hennig (1992), Nickel (1985, 1990b).

<317>

Siehe Kapitel 2.3.

<318>

Stellvertretend: Quack et al (1992); Nickel (1993); Maier (1993b)

<319>

Wie die Studien von Becker-Schmidt et al (1983) gezeigt haben.

<320>

Wobei zweite Seite hier nicht eine weniger wichtige Ungleichheitsstruktur (im Sinne von Haupt- und Nebenwiderspruch) meint, sondern die andere Seite (im Unterschied zur ‘klassischen Sozialstruktur) bezeichnet.

<321>

”Sociology“ Vol. 17 (1983): Goldthorpe:Women and Class Analysis: in Defence of the Conventional View

”Sociology“ Vol.18 No. 2 (May 1984): Stanworth: Women and Class Analysis: A Reply to John Goldthorpe

”Sociology“ Vol. 18 No. 4 (November 1984): Heath; Britten: Women´s Jobs do make a Difference: A Reply to Goldthorpe; Goldthorpe: Women and Class Analysis: A Reply to the Replies

”Sociology“ Vol. 20 No. 4 (1986): Goldthorpe; Payne: On the Class Mobility of Women: Results from different Approaches to the Analysis of recent british Data

”Sociology“ Vol. 40 No. 4 (1989): Crompton: Class Theory and Gender.

<322>

“The housewife married to a middle-class man is still engaging in the same relations of production as that married to a working class one; each exchanges her labor with him indirectly for her maintenance“ (S. 35).

<323>

Die Klasse teilt die Frauenbewegung und der Sexus teilt die Arbeiterbewegung: Geschlecht und Klasse sind die ”Spaltpilze“ in beiden Bewegungen“ (Meulenbelt 1988: 108).

<324>

“Innerhalb jeder sozialen Klasse gibt es noch einmal eine Unterschicht: die Frauen“ (Becker-Schmidt 1987b:217).

<325>

Stellvertretend Krüger (1989); Schunter-Kleemann (1989).

<326>

Patriarchalismus ist im Kapitalismus nicht mehr an Eigentum geknüpft; er meint, daß auf dem Markt untergebene Frauen und Männer den Weisungen und Kontrollfunktionen männlicher Vorgesetzter unterworfen sind und daß im Bereich der Familie die männliche Autorität der ökonomischen Abhängigkeit der Frauen weicht.

<327>

Stellvertretend: Dahrendorf (1967); Parsons (1964); Hradil (1987b); Kreckel (1992); Beck (1986).

<328>

Größere Arbeitsplatzsicherheit, höherer Verdienst, variablere Arbeitszeit und mehr Autonomie auf seiten der weiblichen Angestellten (ebenda 1992b).

<329>

Mehr Hausarbeit, größere Kinderzahl, engere Angebundenheit auf Seiten der Industriearbeiterinnen.

<330>

Mit Ausnahme von Beer (1990).

<331>

Nicht nur das ökonomische Kapital, auch das kulturelle Kapital (festgemacht an Bildung) ist wesentlich erwerbsbezogen; sogar das soziale Kapital (Beziehungen) hat eine große Nähe zum Erwerbsarbeitsbereich.

<332>

stellvertretend: Dux ( 1992); Rippl (Hg.) (1993).

<333>

“Ich halte die Frauenunterdrückung - ähnlich wie Religion, Mythen, nationalistische Gefühle - für eine sehr überdauernde, mit der bürgerlichen Gesellschaft dann verwobene Struktur;... Aber die soziale Ungleichheit der Geschlechter ist nicht Spezifikum der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Pust 1989:75/76).

<334>

Stellvertretend Engelbrech (1991; 1994); Dunskus; Roloff (1991); Maier (1991a); Kistler et al (1993); Holst; Schupp (1993); Nickel; Schenk (1994).

<335>

Schlecht qualifiziert und weiblich zu sein, steigert demnach das Arbeitsmarktrisiko gegenüber nur einem der Merkmale erheblich - gut qualifiziert und männlich liegt dagegen auf dem anderen Pol - den Chancen. Dazwischen wirken die unterschiedlichen Zusammensetzungen von Qualifikation und Geschlecht.

<336>

Wie in 3.2.1 dargestellt, steht die Orientierung auf Klassentheorien in der BRD für Ausbeutung, Konflikt, Macht und Herrschaft, für den Nachweis, daß Eigentum und Arbeit immer noch die wesentlichen Ungleichheitsdeterminanten der Gesellschaft darstellen.

In der DDR wurden die Klassen auch am Eigentum festgemacht; Klassen unterscheiden sich jedoch nicht durch Besitz bzw. Nichtbesitz, sondern durch unterschiedliche Formen des gesellschaftlichen Eigentums - demzufolge werden die Verhältnisse zwischen den Klassen als nichtantagonistisch bezeichnet und eine weitere Annäherung derselben prognostiziert.

<337>

Neuerdings werden berechtigte Forderungen laut, auch die nationale Zugehörigkeit (Ethnie) als Ungleichheitsdeterminante in ein Ungleichheitsmodell zu integrieren (Lenz 1996).

<338>

Kadritzke (1975,1982); Tjaden-Steinhauer; Tjaden (1973); Bischoff (1976); Erbslöh et al (1990); Holtmann; Strasser (1988,1990).

<339>

Geiger (1962); Dahrendorf (1967); Fürstenberg (1978); Kellermann (1979); Geißler (1987c,1996).

<340>

Wie bei Frerichs; Steinrücke durch die Dominanz der Klassengeschlechtshypothese gegenüber der Geschlechtsklassenhypothese angenommen (ebenda 1993).

<341>

Stellvertretend Dux (1993); Rippl (Hg.) (1993).


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