Schäfgen, Katrin: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR.

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Kapitel 4. Schlußfolgerungen und Ausblick

In diesem abschließenden Kapitel sollen die wesentlichen Fragen der Arbeit noch einmal aufgegriffen und anhand der Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel diskutiert werden. Das zentrale Thema der Arbeit stellte das Problem der ‘doppelte Ungleichheit’ dar. Die Orientierung auf die ‘Verdopplung’ sozialer Ungleichheit, hervorgerufen durch die wechselseitige Verstärkung von ‘klassischen’ Sozialstrukturen und Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen, diente jedoch nicht nur der Sensibilisierung gegenüber der doppelten Benachteiligung von Frauen sondern auch der Erklärung der sich erst nach der ”Wende“ in der DDR so deutlich abzeichnenden Ungleichheitsdeterminanten von Geschlecht und Qualifikation. Es war mir wichtig, in dieser Arbeit zu verdeutlichen, daß die ‘doppelte Ungleichheit’ auch in die DDR-Gesellschaft eingelassen war, allerdings ‘verdeckt’ durch die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Möglichkeit der synchronen Vereinbarung von Beruf und Familie, die in den politisch-ideologischen Verlautbarungen mit Gleichheit der Geschlechter ineins gesetzt wurden. Daß patriarchale Verhältnisse auch in der DDR überdauert haben, wurde erst nach deren Zusammenbruch offensichtlich, als auf dem sich konstituierenden Arbeitsmarkt die Risiken, die sich mit dem Merkmal Geschlecht (und Qualifikation) verbanden, abzeichneten. Wie eine Vielzahl von Studien<342>, die den Transformationsprozeß der DDR dokumentier(t)en, zeigte, sind insbesondere Frauen, geringer Qualifizierte und Ältere von der Freisetzungsprozessen betroffen. Doch warum sich diese Merkmale, insbesondere das Geschlecht auch nach 40 Jahren unternommenen Anstrengungen, sowohl die Gleichberechtigung der Geschlechter wie auch die Annäherung der Klassen und Schichten zu bewirken, als risikogenerierenden Merkmale erwiesen, ist erst in Anfängen geklärt. In der Aufdeckung dieser Ursachen und Hintergründe, in der Sichtbarmachung patriarchaler Verhältnisse auch in der DDR bestand ein Anliegen dieser Arbeit.


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Dazu wurde in der Einleitung die These entwickelt, daß in modernen Gesellschaften (mindestens) zwei Ungleichheitsstrukturen existieren: die der ‘klassischen’ Sozialstruktur und die der Geschlechterverhältnisse, die sich durchdringen und in ihrer Ungleichheit generierenden Wirkung verstärken (bzw. abschwächen). Aus dieser wurde eine weitere These abgeleitet, nach der sich die ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit in beiden deutschen Staaten ähnlich entwickelt hat. Diese Annahme wiederum wurde aus den gemeinsamen Wurzeln beider Staaten abgeleitet.

Im ersten Kapitel wurden die historischen Entstehungsbedingungen beider Ungleichheitsstrukturen aufgezeigt. Ich hatte gezeigt, daß der Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Produktionsweise nicht nur die moderne Sozialstruktur, sondern auch die neuzeitlichen Geschlechterverhältnisse hervorgebracht haben. Die Herausbildung des abendländischen Kapitalismus ging mit der Entstehung eines Kapital-Lohnarbeit-Hausarbeitsverhältnisses (Witter 1990) einher, das sich wechselseitig voraussetzt. Dieses läßt sich mit dem hier zentralen Begriff der ‘doppelten Ungleichheit’ treffend beschreiben. Zugleich bildet diese in ihrer spezifischen Gestalt die gemeinsame Ausgangsbedingung beider deutscher Staaten.

Der jeweiligen Modifikation der ‘doppelten Ungleichheit’ in beiden deutschen Staaten wurde im zweiten Kapitel nachgegangen. In diesem wurde der Nachweis erbracht, daß sich in beiden Gesellschaften einerseits eine ‘klassische’ Struktur sozialer Ungleichheit herausgebildet hat, die sich über die Merkmale Bildung, Beruf und Einkommen abbilden läßt. Wenn auch graduell verschieden, ist diese Struktur doch in ihrer Vertikalität in beiden Ländern ähnlich. Andererseits hat der Vergleich der Geschlechterverhältnisse ergeben, daß Frauen und Männer in beiden deutschen Staaten Ungleiche geblieben sind. Wenn auch die DDR ”Gleichstellungsvorsprünge“ (Geißler 1992b) gegenüber der Bundesrepublik aufwies, war der Patriarchalismus als Prinzip der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen in beide Gesellschaften eingelassen. Dieser unterschied sich allerdings in der Art und Weise: Während in der BRD das privat-patriarchale Abhängigkeitsverhältnis dominiert, das sich in der Abhängigkeit der Frauen von ihren (Ehe-)Männern dokumentiert, wurde dieses in der DDR durch einen gesellschaftlichen Patriarchalismus ersetzt, der jedoch gleichermaßen unausweichlich ist. Auch die


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Struktur der Geschlechterverhältnisse läßt sich, wie dargestellt, als vertikale bestimmen; beide deutsche Staaten sind demnach durch die ‘doppelte Ungleichheit’ strukturiert.

Die in diesen Kapiteln herausgestellte Ähnlichkeit der ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit stellt den Erklärungsrahmen für die sich nach der ”Wende“ so schnell offenbarenden Benachteiligungen bestimmter Bevölkerungsgruppen auf dem sich konstituierenden Arbeitsmarkt dar. Waren, wie gezeigt, die Ungleichheiten auch in die DDR-Gesellschaft eingelassen, werden sie erst unter veränderten Rahmenbedingungen in vollem Umfang sichtbar. Die niedrige Arbeitsproduktivität der DDR sowie das Festhalten an einer, in der frühen Arbeiterbewegung entstandenen Gleichberechtigungsauffassung, die diese mit weiblicher Erwerbsbeteiligung gleichsetzte, bewirkten eine nahezu vollständige Integration der Frauen in das Erwerbsarbeitssystem. Dem ”Gleichstellungsvorsprung“ in der Erwerbsarbeit standen jedoch traditionale Arbeitsteilungsarrangements im Reproduktionsbereich gegenüber, die wiederum Auswirkungen auf die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten nach sich zogen. Auch in der DDR waren, wie gezeigt wurde, die Frauen - gerade wegen ihrer Alleinzuständigkeit für den Familienbereich - zumeist in niedrigeren und schlechter bezahlten beruflichen Positionen beschäftigt.

Dies erweist sich unter den Bedingungen eines sich infolge der ”Wende“ und Wiedervereinigung enorm verengten Arbeitsmarktes als eine wesentliche Ursache der überproportionalen Arbeitslosigkeit von Frauen. Entbunden von einem paternalistischen Staat, der die Rahmenbedingungen für die ‘Vereinbarkeit von Beruf und Familie’ schuf, wird den Frauen ihre Zuständigkeit für die Familie nun zum ‘Verhängnis’. Weniger flexibel und mobil werden sie nun trotz unverändert hoher Erwerbsneigung (INFAS 1991) mit Benachteiligungen und Schließungsmechanismen<343> konfrontiert, wie sie aus der Bundesrepublik bekannt<344> sind. Die Übernahme des bundesdeutschen Rechts- und Institutionengefüges unterwirft die Frauen zusätzlich dem in Recht<345> und


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Ideologie<346> enthaltenen Frauen’bild’, das in seinen Auswirkungen Thema des 2. Kapitels war.

Frauen spüren (neben geringer Qualifizierten und Älteren), so läßt sich resümieren, viel stärker als andere Bevölkerungsgruppen ”Das Korsett der Einheit“, das sich ”Unterm Kleid der Freiheit“<347> verbirgt, und dessen ‘Korsettstangen’ teilweise in der DDR erzeugt wurden

Neben der Thematisierung der Ungleichheitsverhältnisse in der DDR zielte diese Arbeit auch auf die theoretische Auseinandersetzung mit der ‘doppelten Ungleichheit’. Hatte ich bereits in der Einleitung herausgestellt, daß die Ungleichheit in der DDR nicht Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analysen war, wurden im dritten Kapitel insbesondere bundesdeutsche Sozialstruktur- und Ungleichheitstheorien danach befragt, ob und wie weit sie die ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit abzubilden in der Lage sind. In Auseinandersetzung mit ausgewählten Theorien habe ich deutlich gemacht, daß sich in den sozialwissenschaftlichen Theorien eine Art Arbeitsteilung in den Disziplinen durchgesetzt hat, die die Erforschung von ‘klassischen’ sozialen Ungleichheitsstrukturen den Klassen- und Schichtentheorien zuweist und die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnisse der Analyse durch feministischen Theorie/Frauenforschung überantwortet (Frerichs; Steinrücke 1992a). Die ‘Blindheit’ der jeweiligen Theorietradition gegenüber dem Gegenstand der anderen führt zu einer verengten Wahrnehmung gesellschaftlicher Strukturierung sozialer Ungleichheit. Innerhalb der jeweiligen theoretischen Disziplinen ist zwar eine Entwicklung hin zu differenzierteren Ansätzen, die der ”Entstrukturierung<348>“ und ”Individualisierung“<349>


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der Gesellschaft gerechter werden, zu erkennen, diese überwindet jedoch nicht die Grenzen der eigenen Theorietradition. Für die adäquate Abbildung der ‘doppelten Ungleichheit’, die in beide deutsche Gesellschaften eingelassen ist (war), greifen beide Theorierichtungen zu kurz. Dazu bedarf es der Überwindung der Arbeitsteilung, die durch die Diskussion um gender and class bzw. um Klasse und Geschlecht bereits eingeleitet wurde. Wenn auch diese Ansätze die sich aus der Arbeitsteilung der Ungleichheitstheorien ergebenden Einseitigkeiten aufheben, beschränken sie sich in ihrer ausschließlichen Orientierung auf den Klassenbegriff zur Kennzeichnung der ‘klassischen’ Sozialstruktur selbst. Sie ignorieren die innerhalb der ‘klassischen’ Sozialstrukturtheorie stattgefundene Entwicklung ebenso wie die am Klassenbegriff ansetzende Kritik, die ihm Undifferenziertheit und Eindimensionalität vorwirft.

Doch auch aus einem anderen Grund eignet sich die Theorie von Klasse und Geschlecht (gender and class) nicht zur Kennzeichnung der ‘doppelten Ungleichheit’: In seiner Bezogenheit auf kapitalistische Gesellschaften kann er ‘Doppelstrukturen’ sozialer Ungleichheit außerhalb derselben (z.B. in der DDR) nicht adäquat abbilden.

In Auseinandersetzung mit der Erklärungmöglichkeiten und -grenzen der vorgestellten Theorien wurde ein theoretisches Modell entwickelt, das diese Schwierigkeiten überwinden kann: das der ‘doppelten Vertikalität’. Der Vorteil dieses Modells besteht insbesondere in der Problematisierung der ‘Verdopplung’ der Ungleichheitsverhältnisse, die durch die ‘klassische’ Sozialstruktur und die Geschlechterverhältnisse bestimmt werden. Ohne eine Vorentscheidung für eine der vorliegenden Sozialstrukturtheorien zu treffen, wird der Blick auf die Ungleichheit innerhalb der - je spezifisch bestimmten - sozialstrukturellen Gruppen gelenkt, die durch das Geschlecht hervorgerufen wird. Mit diesem Modell wird der Tatsache Rechnung getragen, daß das ‘Geschlecht’ kein ‘neues’, horizontal differenzierendes, sondern ein Ungleichheit generierendes Merkmal darstellt, das dazu führt, daß sich innerhalb jeder Klasse (Schicht, Lage, Milieu etc.) eine Unterschicht ausmachen läßt: die Frauen (Becker-Schmidt 1987b).

Wenn auch die empirische Umsetzung des Modells der ‘doppelten Vertikalität’ späteren Arbeiten überlassen werden muß, habe ich in dieser Arbeit den Versuch unternommen, einerseits einen Erklärungsrahmen für die Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen nach der ”Wende“ in der DDR und zum anderen ein theoretisches Modell zu entwickeln, das die ‘Verdopplung’ der Ungleichheit durch Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse abbilden kann.


Fußnoten:
<342>

stellvetretend: Dunskus; Roloff (1990); Engelbrech (1991); Maier (1991a); Nickel (1991a; 1994); Schäfgen (1993a;b; 1995 a;b); Nickel; Schenk (1994

<343>

So weist Engelbrech (1991) nach, daß die Frauen in den Neuen Bundesländern nicht aufgrund größerer Freisetzung überproportional arbeitslos sind - diese erfolgte weitgehend geschlechtsneutral -, sondern aufgrund ihrer Benachteiligung bei der (Wieder-)Einstellung.

<344>

Stellvertretend: Rabe-Kleberg (1987); Gottschall (1990b); Maier (1990; 1993)

<345>

Z.B. die Ausweitung des Erziehungsurlaubs auf 3 Jahre, das Ehegattensplitting, die Unterhaltsregelungen für die Frau nach einer Scheidung, die Verschärfung des Abtreibungsrechts gegenüber den Regelungen der DDR.

<346>

Hinter der Ausweitung des Erziehungsurlaubs steht die Auffassung, daß es für die kindliche Entwicklung optimal ist, wenn ein Elternteil (zumeist die Mutter) in den ersten 3 Lebensjahren ausschließlich für die Betreuung des Kindes zur Verfügung steht.

<347>

Wie der Buchtitel von Faber; Meyer (1992): ”Unterm neuen Kleid der Freiheit - Das Korsett der Einheit“ versinnbildlicht.

<348>

Berger (1986).

<349>

Beck (1986).


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