Schäfgen, Katrin: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR.

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Einleitung

”Innerhalb jeder sozialen Klasse gibt es noch einmal eine Unterschicht: die Frauen“ (Becker-Schmidt 1987b:217)

Ungleichheit als Ausdruck und Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen war in der DDR nicht Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analyse. Die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Klassen und Schichten sowie die Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis ‘verschwanden’ hinter den politischen Zielen der Annäherung der Klassen und Schichten und den paternalistischen Bemühungen zur Herstellung der Gleichberechtigung der Geschlechter. Die ”lauthals propagierte Gleichberechtigung“ (Nickel 1993:234), deren Fortschritte regelmäßig anhand der Zunahme weiblicher Berufsqualifikationen sowie beeindruckender Zahlen weiblicher Erwerbsbeteiligung belegt wurden, verstellten auch für die involvierten Frauen - und da nehme ich mich nicht aus - den Blick für die alltäglichen Benachteiligungen, denen sie ausgesetzt waren (ebenda). Trotz alltäglicher Erfahrungen mit den Doppel- und Dreifachbelastungen, die sich aus der Zunahme weiblicher Erwerbsbeteiligung bei weitgehend ungebrochener Zuständigkeit der Frauen für den Bereich Haushalt und Kindererziehung ergaben, trotz des Wissens um die zumeist geringere (materielle) Bewertung weiblicher Arbeit waren sie stolz auf ihre ökonomische Unabhängigkeit und ihren Beruf, in dem sie ‘ihren Mann’ standen. Sie hatten sich eingerichtet in den Strukturen, die ”Vater Staat“ für sie geschaffen hatte, befreiten diese doch vom Zwang, sich alternativ für einen Lebensbereich: Beruf oder Familie zu entscheiden und ermöglichten - bei allen Belastungen - deren synchrone Vereinbarung.

Über die subjektiven Erfahrungen und Probleme mit einer paternalistischen Politik, die scheinbar ‘wußte’, was gut für ”unsere“ Frauen (und besonders für ”unsere Muttis“<1>) ist, über Wünsche und Vorstellungen der Frauen, die zugleich Nutznießer wie Betroffene waren, ist nur sehr wenig bekannt. Eine feministische Forschung hat es in der DDR nicht


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gegeben. Die seit den 60er Jahren institutionalisierte Forschung über Frauen<2> (Eifler 1993) diente Nickel (1996) zufolge nicht der Analyse weiblicher Subjektivität oder der Differenz zwischen den Geschlechtern, sondern erwies sich als funktional für die herrschende Politik, indem sie auf die Verbesserung der Situation der Frauen als ”Arbeitskräfte, politische Funktionäre, Leitungskader, Gebärende und/oder als Mütter“ (ebenda:327) zielte. Eine breitere Diskussion frauenrelevanter Themen erwies sich schon durch die institutionelle Verankerung der Frauenforschung sowie aufgrund der Zugangsbeschränkungen zu den Ergebnissen der Forschung über Frauen als unmöglich. Wie Eifler (1993) beschreibt, unterlag die Forschung über Frauen zusätzlich zu den Beschränkungen, die für die Sozialwissenschaften allgemein galten: zentralistischer Dirigismus, mangelnde materielle Ausstattung, eingeengte Forschungsthemen sowie ungenügender Informations- und Literaturzugang weiteren Einschränkungen. Durch die Anbindung des Wissenschaftlichen Rates ”Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“ an das Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR<3> wurde die Forschung über Frauen in eine ”Geheimnische“ (ebenda:80) verwiesen und von den - ohnehin bescheidenen - Möglichkeiten der Politikberatung und sozialwissenschaftlichen Diskussion ausgeschlossen. Zusätzlich erschwerend für die Entstehung einer feministischen Diskussion erwies sich die Beschränkung des Zugangs zu Literatur und Ergebnissen der Forschung über Frauen. War der Zugang zu den Diskussionen bundesdeutscher feministischer und Frauenforschung durch den ”eisernen Vorhang“ ohnehin weitgehend verstellt, wurden auch die hauseigenen Forschungsergebnisse wie ”Westliteratur“ (ebenda:80) behandelt: So bedurfte es einer besonderen Erlaubnis, um die sog. ”grünen Hefte“<4>, in denen die wichtigsten Forschungsergebnisse teilweise publiziert wurden, einsehen zu dürfen (ebenda).


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Demzufolge war eine öffentliche Diskussion über feministische und Frauenforschung in der DDR nicht möglich. Weder konnte das Problem weiblicher Benachteiligung thematisiert, noch konnte von der bundesrepublikanischen Diskussion profitiert werden. Ein mit der bundesrepublikanischen Debatte vergleichbarer Streit um Gleichheit und Differenz der Geschlechter konnte nicht geführt werden. Die fehlende institutionelle oder akademische Etablierung von Frauenthemen und der weitgehend behinderte Zugang zu frauenrelevanter Literatur führten dazu, daß - von wenigen Ausnahmen abgesehen<5> - die Diskussion über feministische und Frauenforschung in privaten Zirkeln erfolgte (Hinweis bei Dölling 1990).

Ähnlich eingeschränkte Bedingungen bestanden für die Sozialstrukturforschung der DDR. Die politische Vorgabe der Reduktion der DDR-Sozialstruktur auf ein zwei Klassen-eine Schicht-Modell<6> und das Ziel, die Unterschiede<7> zwischen diesen abzubauen, erweist sich aus mehreren Gründen als problematisch. So verstellten die ‘Erfolgsmeldungen’ über den Abbau der Unterschiede durch die Erhöhung des allgemeinen Bildungsniveaus, die Förderung von Arbeiterkindern in höheren beruflichen Ausbildungssystemen (Hochschulen und Universitäten) sowie die weitgehende Nivellierung der Einkommensunterschiede den Blick für die sich reproduzierenden Ungleichheiten zwischen den sozialstrukturellen Gruppierungen. Dieses vorgegebene Sozialstrukturmodell konnte somit weder den internen Differenzierungen noch dem strukturellen Wandel gerecht werden, der sich quantitativ während der 40 Jahre DDR vollzog. Auch hier galt, was schon zur Forschung über Frauen angeführt wurde: Untersuchungen, die zu differenzierteren Ergebnissen kamen, die Probleme des Fortbestehens sozialer Ungleichheiten aufdeckten, blieben ”unter Verschluß“<8>. Eine öffentliche Diskussion über unterschiedliche Sozialstrukturmodelle,


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über Reproduktion und Wandel sozialer Ungleichheit, wie sie in der Bundesrepublik geführt wird, war nicht möglich<9>. Auch hier erwiesen sich neben den ideologischen Vorgaben insbesondere die Zugangsbeschränkungen zu in- und ausländischen Forschungsergebnissen und einschlägiger Literatur als Hemmnis. ”Westliteratur“ zur Sozialstruktur und Ungleichheit kursierten höchstens in akademischen Zirkeln, in denen auch - unautorisiert - abweichende Auffassungen gegenüber dem politisch vorgegebenen Sozialstrukturmodell<10> diskutiert werden konnten.

Die ”Wende“ in der DDR, der Mauerfall, die Einführung der Deutschen Mark sowie die rasch auf die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten zustrebende Entwicklung veränderte auch die Wahrnehmung der Sozialwissenschaftler in der Noch-DDR. Befreit von den ideologischen Beschränkungen und Vorgaben der DDR-Politik, erschienen bereits 1990 Veröffentlichungen zur Ungleichheit in der Sozialstruktur und in den Geschlechterverhältnissen. Der Sozialreport (1990) und der Frauenreport (1990) zeichneten - erstmals öffentlich - ein sehr viel differenzierteres Bild sozialer Ungleichheiten in der DDR. Doch mußte die Auseinandersetzung mit den Ungleichheitsstrukturen der DDR recht schnell neuen Problemen, insbesondere den Auswirkungen des Transformationsprozesses weichen, der seine Spuren in allen Teilbereichen der Gesellschaft, am deutlichsten jedoch auf dem Arbeitsmarkt hinterließ. Unter dem Diktat der Schnellebigkeit der Veränderungen in der ehemaligen DDR bzw. seit dem Oktober 1990 in den neuen Bundesländern dominierten sozialwissenschaftliche Analysen der Umbruchsprozesse und Beschreibungen der Auswirkungen die Auseinandersetzungen mit den DDR-immanenten Strukturen und Verhältnissen. Die Veränderungen des Institutionengefüges der ehemaligen DDR, die Übernahme bundesrepublikanischen Rechts, insbesondere aber die Einführung der


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Marktwirtschaft, die ein der DDR bis dahin unbekanntes Phänomen: die Arbeitslosigkeit gleich massenhaft hervorbrachte, stellten ja auch ein reiches Betätigungsfeld<11> sozialwissenschaftlicher Forschung dar.

Heute, siebeneinhalb Jahre nach der ”Wende“ sind deren Auswirkungen immer noch drastisch spürbar: Die Arbeitslosigkeit und Verunsicherung sind nach wie vor hoch und die ostdeutsche Wirtschaft steht noch längst nicht auf eigenständigen Füßen. Gleichwohl sind die hektischen Ad-hoc Analysen der unmittelbaren Nachwendezeit, die die Auswirkungen der Umbruchsprozesse zu erfassen suchten, wieder einer mehr ganzheitlichen (auf beide deutschen Teilgesellschaften gerichteten) Forschung gewichen. Man ist quasi zum sozialwissenschaftlichen “Alltagsgeschäft“ zurückgekehrt, wobei dieses durch die Ost-West-Vergleiche auch auf Jahre hinaus ein nun erweitertes Betätigungsfeld abgibt. Die solide Basis, die durch die Deskription der Wendeereignisse gelegt wurde<12>, kann nun einer mehr theoretischen Analyse weichen; das Wissen um die Probleme in den neuen Bundesländern ermöglicht nunmehr die Fragen nach Ursachen und Bedingungen derselben und ihre Verbindung mit den Verhältnissen sowohl in der ehemaligen DDR wie des neuen (Gesamt-) Deutschlands. Dies betrifft die Ungleichheitsverhältnisse in der Sozialstruktur ebenso wie die in den Geschlechterverhältnissen, die über die DDR hinaus ihre Wirkungen unter veränderten Bedingungen zeigen.

Ein solches Herangehen ermöglicht, den sich bereits kurz nach der Währungsunion, zu Beginn des wirtschaftlichen Umbaus der DDR (der wohl mit Zusammenbruch sehr viel treffender charakterisiert werden kann), vollziehenden Beschäftigungsabbau in seinen unterschiedlichen Auswirkungen genauer zu hinterfragen. Schon sehr schnell wurde offensichtlich, daß sich der Beschäftigungsabbau nicht gleichmäßig (bezogen auf die


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Beschäftigungsproportionen) vollzog, daß insbesondere Frauen und geringer Qualifizierte - neben Älteren - die Personengruppen mit den höchsten Arbeitsmarktrisiken darstellten. Die in einer Vielzahl von Studien<13>, darunter auch in meinen früheren Untersuchungen<14> festgestellten Benachteiligungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und die sich abzeichnenden Differenzierungslinien, die die Chancen und Risiken auf dem (ostdeutschen) Arbeitsmarkt strukturieren, bedurften jedoch selbst wieder einer Hinterfragung: Warum sind es die Frauen (neben den geringer Qualifizierten und Älteren), die mit dem Zusammenbruch des Wirtschafts- und Beschäftigungssystems der DDR so schnell aus dem Erwerbssystem verdrängt werden? Warum gelingt es ihnen nur so viel schwerer, sich auf dem veränderten Arbeitsmarkt zu behaupten bzw. wieder Fuß auf ihm zu fassen? Warum haben 40 Jahre staatlich verfaßte Gleichberechtigung und die nahezu vollständige Integration der Frauen in das Erwerbssystem nicht zu gleicher Chancenverteilung der Geschlechter unter den veränderten Bedingungen geführt?

In Reaktion auf die so offensichtliche Benachteiligung der Frauen im Prozeß der deutschen Wiedervereinigung wurde die These der Frauen als ”Verliererinnen“<15> der deutschen Einheit entwickelt. Diese erwies sich jedoch bei genauerem Hinsehen in ihrer Absolutheit nicht haltbar. Zwar sind Frauen insgesamt sehr viel stärker als Männer von Arbeitslosigkeit betroffen, dennoch lassen sich, wie insbesondere Nickel/Schenk (1994) nachgewiesen haben, innerhalb der Gruppe der Frauen deutliche Unterschiede in den Arbeitsmarktchancen und -risiken ausmachen. Diese Unterschiede ergeben sich insbesondere entlang der Merkmale Qualifikation und Alter. Die unterschiedlichen ‘Kombinationen’ von Geschlecht, Qualifikation und Alter bestimmen demnach die Risiken und Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Jung und gut qualifiziert zu sein kann offensichtlich das Arbeitsmarktrisiko ‘weiblich’ zumindest reduzieren. Im Ergebnis der differenzierten Analyse der Ursachen für Arbeitsmarktrisiken oder -chancen schälten sich drei Merkmale


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heraus: “Geschlecht“, “Qualifikation“ und “Alter“, die jedoch nicht unabhängig voneinander wirken, sondern in ihrer jeweiligen Überlagerung die Arbeitsmarktrisiken und -chancen vergrößern oder mindern.

Das hier nur kurz umrissene Problemfeld: Die gegenseitige Verstärkung bzw. Abschwächung von sozialstrukturellen Merkmalen wie Geschlecht und Qualifikation<16> bei der Generierung von Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt der neuen Bundesländer stellt den immer präsenten Hintergrund dieser Arbeit dar. Als Strukturmerkmale sozialer Ungleichheit in der Bundesrepublik theoretisch aufgearbeitet und empirisch vielfach belegt, waren sie in der DDR - wie oben dargestellt - nie Gegenstand expliziter sozialwissenschaftlicher Ungleichheitsforschung gewesen. Die eher intuitive Wahrnehmung, daß auch in der DDR zwar alle gleich, manche jedoch gleicher waren, erweist sich erst unter veränderten Rahmenbedingungen, insbesondere einem extrem verengten Arbeitsmarkt in seiner ungleichheitsrelevanten Wirksamkeit. Dabei sind die Ungleichheitsdeterminanten Geschlecht und Qualifikation keineswegs neu; ihre ungleichheitsrelevanten Wirkungen waren, wie im weiteren zu zeigen sein wird, auch in der DDR durchaus vorhanden, allerdings durch eine paternalistische und egalitäre Politik sowie eine Ideologie der Gleichberechtigung und Gleichheit weitgehend ‘unsichtbar’ gemacht.

Unter veränderten Bedingungen treten sie in ihrer Ungleichheitsrelevanz jedoch deutlich zutage und erfordern, wenn man diese adäquat erklären will, eine retrospektive Auseinandersetzung mit den Strukturen sozialer Ungleichheit in der DDR.

Dazu soll diese Arbeit beitragen. Die Auseinandersetzung mit Anspruch und Wirklichkeit der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Angleichung der Klassen und Schichten in der DDR stellt zugleich eine sehr persönliche Aufarbeitung dar, die notwendig retrospektiv erfolgen muß. Denn einerseits wissend, daß Ideologie und Realität von


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Gleichberechtigung während der 40jährigen Existenz der DDR zunehmend auseinandertraten, jedoch ge- und verblendet durch die hohe weibliche Erwerbsbeteiligung und die - wenn auch schwierig und individuell zu leistende, dennoch mögliche - Vereinbarung von Beruf und Familie, die den Frauen eine weitgehende Unabhängigkeit von ihrem Partner ermöglichte, war ich andererseits weitgehend abgeschnitten von den feministischen Diskursen der Bundesrepublik, was die Auseinandersetzung mit Ungleichheitsstrukturen erschwerte.

Die nach der ”Wende“ so deutlich hervortretenden Ungleichheitsdeterminanten Geschlecht und Qualifikation<17> spiegeln sich in der Hauptthese dieser Arbeit wider, die wie folgt lautet: In modernen Gesellschaften<18> existieren (mindestens) zwei Ungleichheitsstrukturen - die ”klassische“ Sozialstruktur und die Struktur der Geschlechterverhältnisse<19>, die sich durchdringen und sich wechselseitig verstärken bzw. abschwächen. Der Zusammenhang von moderner Gesellschaft und ”Doppelstruktur“ sozialer Ungleichheit impliziert eine weitere These: Die ”Doppelstruktur“ sozialer Ungleichheit hat sich in beiden deutschen Staaten ähnlich entwickelt. Diese Ähnlichkeit wiederum ergibt sich aus deren gemeinsamen historischen Wurzeln, sie hat sich als Ergebnis des Übergangs vom Feudalismus zur kapitalistischen Produktionsweise vollzogen und ist, je spezifisch, in die Strukturen beider Gesellschaften eingelassen.

Die Annahme der ”Verdopplung“ sozialer Ungleichheit durch die Überlagerung der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen mit der Ungleichheit in der ”klassischen“ Sozialstruktur als allgemeiner Focus strukturiert das Vorgehen dieser Arbeit. Zugleich ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit diesem Thema Schwierigkeiten und Grenzen. So erfordert die thematisierte ”Doppelstruktur“ sozialer Ungleichheit eine makro-


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(struktur-)theoretische Herangehensweise; die mikro- oder handlungstheoretischen Bestimmungen bleiben - bis auf wenige Ausnahmen - weitgehend unberücksichtigt. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Auswahl der Theorien zur Bestimmung der Strukturen sozialer Ungleichheit: Da - wie oben dargestellt - in der DDR weder differenzierte Sozialstrukturtheorien noch Theorien zur Analyse der Geschlechterungleichheit entwickelt wurden, muß der Versuch unternommen werden, Ungleichheitstheorien, die unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen entwickelt wurden, zur Analyse der Ungleichheitsstrukturen auch in der DDR heranzuziehen. Dieses für die ”klassische“ Sozialstrukturtheorie noch weitgehend mögliche Vorgehen wird in bezug auf die Analyse der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen erschwert. Die unterschiedlichen Theorieansätze, die im Zusammenhang mit der bundesrepublikanischen Frauenbewegung entwickelt (Gerhard 1992, 1993, 1995) und durchaus konträr diskutiert wurden<20>, sind nur sehr schwierig auf die Verhältnisse der DDR übertragbar. Da die Lebensverhältnisse der Frauen in der DDR sehr viel stärker als die in der BRD erwerbsarbeitsbezogen waren, was sich auch in den nach der Wende geäußerten hohen Erwerbsneigungen der Frauen (INFAS 1991) zeigt, geht der bundesdeutsche Streit innerhalb der feministischen Theorie um ”Gleichheit und/oder Differenz<21>“ an der Lebenswirklichkeit von DDR-Frauen vorbei. Andererseits gab es - wie schon gezeigt - in der DDR nicht nur keine Frauenforschung, sondern auch keine Frauenbewegung, die als eigenständiges, von der offiziellen Politik unabhängiges Sprachrohr der Interessen von Frauen hätte dienen können. Das Fehlen eines öffentlichen Diskurses über die Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen und die Reproduktion patriarchaler Verhältnisse macht den Rückgriff und die Auseinandersetzung mit ‘bundesdeutschen’ Theorien notwendig.

Die Analyse der ”doppelten Ungleichheit“ erfolgt in dieser Arbeit hinsichtlich der ”klassischen“ Sozialstruktur ebenso wie in Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse in


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gesellschaftstheoretischer Tradition (bundesdeutscher Provenienz); beide Ungleichheitsverhältnisse werden als gesellschaftliche Strukturzusammenhänge betrachtet, die sich je historisch-konkret überlagern. Dies wiederum bedeutet, daß beide Ungleichheitsverhältnisse nur im Zusammenhang mit übergreifenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihrem historischen Gewordensein zu begreifen sind (Wolde 1995).

Die Fragen , die diese Arbeit zu beantworten hat, lauten demzufolge:

Die Gliederung der Arbeit folgt diesen Fragen. Ein vorangestellter Problemaufriß dient dazu, soziale Ungleichheit als Strukturproblem moderner Gesellschaften herauszuarbeiten und zugleich als die Grundkategorie soziologischer Theorie zu kennzeichnen, die in der Lage ist, das ”gemeinsame Dach“ (Frerichs; Steinrücke 1992a) zur Analyse sozialer ‘klassischer’ Strukturen und Geschlechterverhältnisse zu bilden.

Im ersten Kapitel werden die Entstehungsbedingungen beider Ungleichheitsstrukturen nachvollzogen. Hier wird der Nachweis erbracht, daß der Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Produktionsweise sowohl die ”klassische“ Sozialstruktur wie auch die modernen Geschlechterverhältnisse hervorgebracht hat. Diese ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit stellt demnach eine historische Ausgangsbedingung beider deutscher Staaten dar und wurde während deren Entwicklung je spezifischen Modifikationen unterworfen.

Im zweiten Kapitel wird die Veränderung der ‘doppelten Ungleichheit’ in beiden deutschen Staaten analysiert. Die vermutete Ähnlichkeit der Ungleichheitsstrukturen in der ‘klassischen’ Sozialstruktur und in den Geschlechterverhältnissen wird anhand der Ausprägung spezifischer Merkmale dargestellt: zum einen mittels der Entwicklung der Wirtschafts- und Beschäftigtenstruktur sowie von Bildung und Einkommen für die Veränderung in sozialen Strukturen und zum anderen über die Darstellung der Frauen- und Familienpolitik in ihrem Einfluß auf die Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse. In


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diesem Kapitel wird der Nachweis erbracht, daß die ‘Doppelstruktur’ sozialer Ungleichheit, wenn auch spezifisch modifiziert, in beide deutsche Staaten eingelassen war.

Dabei bildet der - retrospektive - Nachweis der ‘doppelten Ungleichheit’ auch in der DDR zugleich eine Erklärungsgrundlage für die sich nach der Wende offenbarenden Auswirkungen auf spezifische Beschäftigtengruppen: Frauen und geringer Qualifizierte.

Im dritten Kapitel wird der Bogen zurück zur Ausgangsfrage der sozialen Ungleichheit gespannt. Dazu wird das Problem der ”doppelten Ungleichheit“ einer theoretischen Analyse unterzogen. Hier wird danach gefragt, inwieweit das in den vorangegangenen Kapiteln dargestellte Problem theoretisch reflektiert wird. In Auseinandersetzung mit ausgewählten Ungleichheits- und Sozialstrukturtheorien bzw. Theorien der Geschlechterverhältnisse wird der Nachweis erbracht, daß trotz der wechselseitigen Durchdringung beider Ungleichheitsstrukturen diese in den Sozialwissenschaften bislang zumeist singulär, isoliert voneinander, ”blind“ gegenüber der jeweils anderen Ungleichheitsstruktur innerhalb arbeitsteiliger ”Bindestrich“- Theorien analysiert wurden.

Die Erkenntnis dieser Einseitigkeiten führt zur Entwicklung eines eigenen Modells zur Analyse der ”doppelten Ungleichheit“, das für sich reklamiert, der Verschränkung beider Strukturen gerecht zu werden und zugleich flexibel genug ist, den unterschiedlichen Ausprägungen der ”doppelten Ungleichheit“ in beiden deutschen Staaten gerecht zu werden.

In den Schlußfolgerungen und im Ausblick werden wesentliche Erkenntnisse der Arbeit noch einmal zusammengefaßt und deren Konsequenzen für die Theorie sozialer Ungleichheit und deren empirischer Analyse aufgezeigt.


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Problemaufriß: Ungleichheit als Strukturproblem moderner Gesellschaften

Soziale Differenzierung<22> als Ausdruck arbeitsteiliger Prozesse ist so alt wie die Menschheit selbst. Soziale Ungleichheit als die “entscheidende und dominante Achse gesellschaftlicher Differenzierungen“ (Mayer 1987: 374) läßt sich jedoch historisch erst später, mit dem Übergang zu neuen Gesellschaftsformen ausmachen, seien diese nun mit Marx (1979) über die Entstehung von Privateigentum als Klassengesellschaften oder mit Tönnies (1979) als Gesellschaften (im Unterschied zu Gemeinschaften) beschrieben.

Obwohl die Existenz sozialer Ungleichheit schon im Altertum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen war, stellt die systematische Beschäftigung mit ihren Ursachen und Konsequenzen einen historisch relativ jungen Zweig der Wissenschaft dar, der aufs engste mit der Entstehung der Soziologie verbunden ist und sich als “Schlüssel zur Geschichte der Soziologie“ (Dahrendorf 1961:5) ausmachen läßt.

Schon die Philosophen der griechischen Antike, insbesondere Aristoteles, haben die Existenz sozialer Unterschiede zwischen den Menschen thematisiert, diese jedoch auf natürliche Unterschiede zurückgeführt. Unter der Annahme, daß die Menschen von Natur aus ungleichwertig seien, beschrieb Aristoteles eine natürliche Rangordnung unter den Menschen: “Es ist also klar, daß es von Natur Freie und Sklaven gibt und daß das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist ... Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, daß das eine besser, das andere geringer ist, und das eine regiert und das andere regiert wird...“ (Aristoteles, zitiert nach Dahrendorf 1961:6). Wenn es als ausgemacht gilt, daß die Natur und nicht die Gesellschaft die Ursache der Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit darstellt, erwiesen sich Fragen nach deren Aufhebung als irrelevant. Die Auswirkungen gesellschaftlicher Bedingungen und Verhältnisse auf die Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit wurden auch in der christlichen Lehre ignoriert; die Akzeptanz natürlicher sozialer Ungleichheit blieb damit bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein unwidersprochenes Theorem. Erst im 18.


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Jahrhundert, insbesondere unter dem Einfluß der französischen Philosophie, der schottischen Moralphilosophie, den englischen Politökonomen und deutschen Vertretern der Aufklärung rückten die Fragen nach den (gesellschaftlichen) Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen in den Vordergrund. Vertreter dieser Theorietraditionen setzten der Annahme der natürlichen Ungleichheit der Menschen die naturrechtliche Annahme der Gleichheit der Menschen entgegen (Hradil 1992b). Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang kam Rousseau zu, dessen Schrift “Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ von 1754 erstmals Rekurs auf die gesellschaftlichen Ursachen sozialer Ungleichheit nahm. Seine Bestimmung des Privateigentums als Ursache sozialer Ungleichheit: “Der erste Mensch, der ein Gebiet einzäunte und sagte: “Das ist meins“, und der Leute fand, die so simpel waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft“ (Rousseau, zitiert nach Dahrendorf 1961:10) stellte eine wesentliche Grundlage auch späterer Theorieentwicklung, insbesondere Marx´scher Klassentheorie, dar.

Wenn die Menschen aber von Natur aus gleich sind - und diese Annahme fand ihren Niederschlag sowohl in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung<23> von 1776 wie in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte<24> von 1789 - stellt sich die Frage nach den Ursachen ihrer sozialen Ungleichheit auf völlig neue Weise. Die - empirisch nachweisbare - Existenz von Arm und Reich, von Mächtigen und Machtlosen, von Angesehenen und Bedeutungslosen muß gesellschaftlich, d.h. soziologisch erklärt werden. Mit der Anerkennung gesellschaftlicher Bedingungen und Strukturen<25> als Ursache sozialer


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Ungleichheit der Menschen rückten aber zugleich Fragen nach deren Aufhebung bzw. Überwindung in den Vordergrund.

Geben auch die einzelnen Sozialstruktur<26>- und Ungleichheitstheorien - deren wichtigste Vertreter im Abschnitt 3.2 dargestellt werden - ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Funktionalität/ Dysfunktionalität sozialer Ungleichheit, liegen jedoch bereits in der Aufdeckung der Ursachen derselben wesentliche Ansatzpunkte zu deren Überwindung, zumal das Gleichheitsprinzip - zumindest in den modernen Staaten - eine zentrale Rolle spielt, dessen Umsetzung zu einem legitimen Anspruch geworden ist (Kreckel 1992).

In dieser Tradition kritischer Theorie, die die Aufdeckung von Ungleichheitsstrukturen als quasi ‘ersten Schritt’ zu ihrer Überwindung begreift, möchte ich auch die folgende Darstellung zur Entstehung moderner Ungleichheitsstrukturen verstanden wissen. Dabei erweist sich die Beschreibung des Entstehungs- und Wandlungsprozesses moderner Ungleichheitsverhältnisse als notwendig, um die Allgemeingültigkeit (und damit die Ähnlichkeit in beiden deutschen Staaten) derselben hervorzuheben. Es soll verdeutlicht werden, daß die gegenwärtigen Strukturen sozialer Ungleichheit ohne die Berücksichtigung ihres historischen Gewordenseins weder analysiert noch in Richtung ihrer Aufhebung problematisiert werden können.


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