Batteux, Martina: Die französische Synonymie im Spannungsfeld zwischen Paradigmatik und Syntagmatik

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Kapitel 4. Die bezogenen theoretischen und methodologischen Positionen

4.1. Das Synonymiekonzept

Die Synonymie als vorzugsweise paradigmatischer Sonderfall beschäftigt sich mit den semantischen Beziehungen von Lexemen, d.h. sie manifestiert sich auf der Sememebene. Diese Ausgangsbasis ergibt sich aus einem weit zu fassenden Synonymiekonzept, da - voraussgesetzt, dass ein identisches Semem bei zwei unterschiedlichen Lexemen die Bedingung für Synonymie erfüllt - viele Untersuchungsgegenstände der lexikalischen Semantik diese Voraussetzung erfüllen.

Dazu gehören beispielsweise regionale und nationale Varianten sowie Archaismen, die im Vergleich zu den jeweiligen Äquivalenten der allgemeinen, aktuellen Umgangssprache mindestens ein gemeinsames Semem aufweisen. Auch entsprechende Termini der Fachwortschätze würden dieser Anforderung in Bezug auf die in der Umgangssprache existierenden Entsprechungen Rechnung tragen. Ähnlich verhält es sich mit den Mehrwortlexemen, die auch gemeinsame Sememe mit den dazugehörigen Einwortlexemen aufweisen können.

Wir wenden in unseren Untersuchungen aus Gründen der Objektivier-barkeit den engeren Synonymiebegriff an, der die varietätenlinguistischen Aspekte der Diatopik und ansatzweise der Diastratik nicht einschließt. Ohne den Mehrwortlexemen synonymische Eigenschaften zu den Einwortlexemen abzusprechen, schließen wir sie aus den oben genannten Gründen aus den Untersuchungen aus.

Restriktionen bzgl. der absoluten / totalen Synonymie zeigen, dass es sich hier um ein sehr seltenes linguistisches Phänomen handelt. Totale Inhaltsgleichheit ist auf der Ebene der parole anzusiedeln. Beziehen wir die langue-Ebene mit ein, sprechen wir von Synonymie im Sinne eines Ähnlichkeitsverhältnisses, das sich auf der Sememebene manifestiert.

Zahlreiche Linguisten stellen sich eindeutig gegen die totale bzw. absolute Synonymie. Hierzu gehören Heger, Franckel und Marandin, Milner, Costa, Gauger, Gaatone, Lewandowski, Patry, Yaguello, Martin, Dinu, Capt-Artaud, Söll, Natanson, Genouvrier, Boussinot, Guizot, Lyons, Leisi, Cruse, Ullmann, Urding, Lipka, Schwarz, Picoche, Lehrer, Mercier, Blasco Ferrer u.v.a. Von der Grundannahme der Nichtexistenz absoluter Synonymie ausgehend, entwickeln diese Linguisten ihre Synonymiekonzeptionen, die entweder dem engeren oder dem weiteren Synonymieansatz zugeordnet werden können.

Wir folgen dem Synonymiekonzept der Bedeutungsähnlichkeit. Wir gehen nicht von einer auf zwischen Semen beruhenden Oppositionen aus, sondern erklären die Synonymie auf der Basis gleicher semantischer Merkmale. Unsere Ausgangsbasis folgt nicht dem differentiellen Ansatz.


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4.2. Die Konnotationsauffassung in Bezug auf die Synonymie

Entsprechend der Vielfalt verschiedener Definitionsansätze beziehen Linguisten unterschiedliche Elemente in die Konnotationsdefinition ein. Beschränken sich die einen auf affektive und emotionale Kriterien, wie mit Einschränkungen Hansen, fordern die anderen einen weiteren Ansatz, der Phänomene der Varietätenlinguistik einbezieht, wie es bei Bloomfield oder Hjelmslev zu beobachten ist. Der Mehrheit der Sprachwissenschaftler ist der streng linguistische Gebrauch der Konnotation gemein.

Ohne die Berechtigung des varietätenlinguistischen Ansatzes zur Konnotationsbestimmung zu bestreiten, vertreten wir den engeren, der die Konnotation vom affektiven, emotional wertenden Standpunkt aus beschreibt. Die streng linguistische Interpretiation des Konnotationsbegriffs integriert nur affektive und emotional wertende Definitionsbestandteile und schließt soziolinguistische Aspekte aus.

Die Lexeme synonymer Wörter können unterschiedlich konnotiert sein. Da der hier angewendete Konnotationsbegriff sich auf den emotional wertenden und affektiven Bereich beschränkt, folgt, dass die Diaphasik in den Synonymiebegriff integriert werden muss. Individuell unterschiedliche Konnotationen führen zu Variationen im affektiven und emotionalen Bereich, was sich in der Wahl des Registers niederschlägt. So sind also Registervarianten als Synonyme mit registerspezifischen Verwendungsunterschieden zu interpretieren. Synonyme können aus dem gleichen Grund stilistische Variationen aufweisen.

Eine Verbindung der Konnotationsproblematik mit der Diaphasik und dem stilistischen Aspekt stellt der Euphemismus dar, der Quelle für Synonymie sein kann. Ein Zusammenhang zwischen Euphemismus, der affektiven Komponente und Synonymen ist existent. Diese Relation befürwortet die Konnotationsdefinition Braselmanns, die den emotional wertenden, affektiven Gehalt integriert und so stilistisch wirksam werden kann. Die Verbindung von Synonymie, die diesen Konnotations- und Stilbegriff einschließt, und Diaphasik wird deutlich.

4.3. Arbeitshypothese zur diastratischen und diatopischen Ebene und zu den Archaismen

Die Frage der sozial markierten Gruppensprachen ist von doppelter Relevanz. Auf der einen Seite interessiert uns die Relation Fachwortschatz - Allgemeinsprache und auf der anderen Seite das Phänomen der Synonymie innerhalb dieser Spezialwortschätze.

Die erste Unterscheidung ist eher der Soziolinguistik zuzuordnen und wird von uns nur in Ausnahmefällen in die Synonymiedefinition integriert. Es würde sich anderenfalls um eine Kopräsenz beider Bereiche handeln.

Synonymie innerhalb der Spezialwortschätze wird von uns in Zweifel


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gezogen. Hier handelt es sich eher um schulenbedingte Termini, deren Hintergrund wissenschaftsgeschichtlich erleuchtet werden muss. Scheinbar absolut synonyme Termini gehören meist verschiedenen wissenschaftlichen Schulen an; sie sind, bei eingehender Untersuchung, meist durch minimale semantische Differenzen voneinander abgrenzbar.

Eine absolute Eliminierung der Diastratik aus der Synonymdefinition scheint angesichts der existierenden Interdependenz zwischen Diastratik und Diaphasik nicht gerechtfertigt. In Ausnahmefällen, d.h. in bestimmten Kontexten ist es durchaus möglich, dass diastratische Elemente synonym sein können.

So wie es innerhalb von Fachwortschätzen bzw. Spezialsprachen Verständigungsprobleme gibt, wird das Verständnis zwischen Erscheinungen der einzelnen Regionalsprachen, die als Varianten innerhalb des Französischen zu werten sind, und den entsprechenden Wörtern der Allgemeinsprache auch beein-trächtigt. Lexikalische Eigenarten im Süden Frankreichs werden so teilweise im Norden nicht verstanden und umgekehrt. Wörter, die aufgrund ihrer regionalen Einbettung nur von Bevölkerungsteilen und nicht der Gesamtheit der Sprach-gemeinschaft verstanden werden, können nicht synonym sein.

Das gegen die Integration der diatopischen Ebene in die Synonymie-definition sprechende Argument ist die Kopräsenz. Die kopräsentische Existenz von Regionalsprachen und Allgemeinsprachen ist keine Voraussetzung für Synonymie.

Im Vordergrund dieser Arbeit steht die Untersuchung der heutigen Situation der französischen Sprache. Archaismen werden normalerweise aus der Synonymiedefinition ausgeschlossen; sie sind Reste früherer Systeme in der Gegenwartssprache. Archaismen können registerspezifisch angewandt werden; sie sind demzufolge eher textsortenabhängig. Ein Archaismus kann unter bestimmten Umständen durchaus synonym mit den entsprechenden Wörtern der aktuellen Allgemeinsprache oder auch Fachsprache sein; es ist jedoch nicht bei allen Archaismen gewährleistet, dass sie mindestens ein identisches Semem mit dem entsprechenden Äquivalent der aktuellen Umgangssprache teilen. Archaismen können im Vergleich zu den heute existierenden Lexemen Differenzen bzgl. der Konnotation, möglicherweise auch der Denotation aufweisen.

4.4. Zusammenfassung der Kontextproblematik

Die Annahme absoluter Synonymie ist auch von der Textebene her problematisch. Die Tendenz, Synonymie isoliert zu betrachten, geht zurück; dominant ist heute die Kontextauffasssung, die durch die Majorität der Linguisten vertreten wird. Die Textorientierung steht im Vordergrund der der Synonymie geltenden


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Untersuchungen. Ohne Kontextanalyse sind Aussagen zur Synonymie heute kaum noch brauchbar. Die kontextuelle und kotextuelle Einbettung ist maß-gebend.

Die syntagmatische und paradigmatische Komponente sind somit in ihrer Interrelation zu betrachten, was die Inbezugnahme von Kollokationen im Zusammenhang mit der Synonymiediskussion zur Folge hat. Jene sind primär syntaktisch definiert, was zweifelsohne in eine Beinflussung der semantischen Ebene des Mehrwortlexems mündet.

Die desambiguierende Funktion des Kontexts ermöglicht die Aktivierung bestimmtern Bedeutungsbestandteile polysemer Lexeme.

4.5. Zusammenfassung zur Wortfeldproblematik und zur semantischen Komponentenanalyse

Ein Zusammenhang zwischen unserem Synonymiekonzept und der Wort-feldtheorie ist feststellbar.

Untersuchungen zur Wortfeldproblematik berühren jene Aspekte, die wir oben problematisiert, aber aus dem engeren Synonymiekonzept unter Einschränkungen eliminiert haben. So tangieren beispielsweise Archaismen, Regionalismen, Fachwörter, Aspekte der Hyperonymie / Hyponymie sowie der Polysemie auch die Wortfelddiskussion, da die lexikalischen Bedeutungsfelder den Platz eines Wortelements - unabhängig von seiner diatopischen, diastra-tischen oder diaphasischen Prägung - im Wortschatz näher bestimmen. Dabei sind die synonymen Felder quasi Existenzgrundlage der Wortfelder.

Synonymische Felder sind eine spezielle Form des Wortfelds.

Bei allen Schwierigkeiten, die mit der semantischen Komponentenanalyse verbunden sind, kann ihre Funktion und Bedeutung in der modernen Semantik nicht mehr in Frage gestellt werden.

Die Forschungsaufgabe, die derzeit noch recht grobe Semananlyse durch eine subtilere zu ersetzen, bleibt bestehen. Ansätze zur Erweiterung des Konzepts der Merkmalsanalyse sind bereits existent.

Es kann somit festgehalten werden, dass die semantische Komponentenanalyse, die Diskussion um die Wortfeldtheorie und um die Synonymie identische Aspekte aufweisen, die diese drei Themenbereiche beeinflussen. Dazu gehören die Interrelation zwischen der paradigmatischen und der syntagmatischen Ebene, sowie die Berücksichtigung kotextueller und kontextueller Einflüsse. Keiner dieser Bereiche kann isoliert von diesen Elementen untersucht werden.


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4.6. Arbeitshypothese zu den lexikalischen Mehrdeutigkeiten in Bezug auf die Synonymie

Die von Johannes Klare bereits 1965 konstatierten fehlenden allgemein-gültigen Abgrenzungskriterien zwischen Homonymie und Polysemie sind bis heute nicht gefunden worden. Zwar wurden zahlreiche Differenzierungsversuche unternommen, doch keiner erwies sich als voll überzeugend.

Konsens besteht darin: Homonymie und Polysemie sind semantische Beziehungen, die besonders für die Lexikographen von großer Bedeutung sind. Ein Wort wird als polysem definiert, wenn es mehrere Bedeutungen aufweist. Homonymie ist ein Fall formaler Koinzidenz, ein Lautkörper (Homophonie) bzw. ein Schriftkörper (Homographie) verzeichnen unterschiedliche Bedeutungen, d.h. es liegt inhaltliche Divergenz vor.

Zwei polyseme Wörter weisen dabei mindestens ein gemeinsames Semem auf. ,,Ist...die semantische Beziehung noch ohne spezielle Analyse faßbar, so handelt es sich um Polysemie und nicht um Homonymie...“ (Klare, 1965, 449)

Die Integration der semantischen Beziehungen Hyperonymie - Hyponymie in die Synonymiediskussion erweist sich als problematisch. Zwischen Hyperonym und Hyponym liegt ein Verhältnis partieller Synonymie vor, da beide Elemente mindestens ein gemeinsames Sem aufweisen. Kohyperonyme sind nicht automa-tisch synonym.

Ziel der im nächsten Kapitel folgenden Untersuchungen ist es nunmehr, meine theoretischen Positionen mit Hilfe von Probandenbefragungen in Form von Substitutionstests zu verifizieren bzw. möglicherweise zu modifizieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die durch die Tests erzielten Ergebnisse unter zusätzlicher Zuhilfenahme von Wörterbüchern der französischen Umgangssprache ergänzt und abgestützt werden können.


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Thu Apr 6 18:12:57 2000