Siebert, Carsten: Qualia Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

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Kapitel 2. Primäre und sekundäre Qualitäten - eine historische Weichenstellung

Den meisten Diskussionen, die sich um den Themenkreis der sinnlichen Wahrnehmung drehen, liegt ausgesprochen oder unausgesprochen die Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten zugrunde. In der Tat scheint es unter Philosophen eine weitverbreitete Übereinstimmung dahingehend zu geben, daß diese Unterscheidung substanzieller bzw. akzidenteller Eigenschaften der Materie für unser Verständnis der physikalischen Welt und unseren Platz in ihr unerläßlich ist. Umso erstaunlicher ist es, daß es weit weniger Übereinkunft darüber gibt, worin genau der Unterschied zwischen primären und sekundären Qualitäten besteht.

2.1. Motivation

Ein Problem der zeitgenössischen Diskussion dieser Unterscheidung besteht darin, daß sie zum größten Teil den Hintergrund nicht genügend beachtet, auf dem sich die Frage nach den Qualitäten den Philosophen des 17. Jahrhunderts bei der Einführung dieser Begrifflichkeit stellte, was zu zahlreichen Fehleinschätzungen und Konfusionen geführt hat. Mein Ziel ist es, diese Verwirrungen einzuschränken und damit die Ausgangssituation zu schaffen, von der es möglich ist, die cartesische Grundintuition verständlich zu machen, daß nichts, was in unserer Erkenntnis intrinsisch sinnlicher Herkunft ist, einen Beitrag zum Verständnis der physikalischen Realität leisten kann. Denn das würde im Umkehrschluß implizieren, daß unser Erleben für die wissenschaftliche Aufklärung der Prozesse, die dazu führen, daß wir sinnliche Eindrücke haben, unerheblich ist. Dann aber erhebt sich gegen phänomenale Qualitäten schnell der Vorwurf des Epiphänomenalismus.

Nicht nur Descartes meinte, daß die sinnliche Erfahrung ein ungeeignetes Mittel zur Erlangung wahrer Erkenntnis über die Welt sei. Diese Überzeugung war vielmehr Bestandteil der wissenschaftlichen Grundüberzeugungen seines Zeitalters. Galileo (1623) vertrat die Meinung, einige unserer Sinnesqualitäten seien rein subjektiv und bezögen sich auf nichts Wirkliches in der Welt der Objekte, womit er der Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten eine erste Definition gab. Hobbes war wenig später vielleicht der erste von vielen konsequent materialistischen Philosophen, die Sinnesqualitäten als Resultat der Bewegung von Teilchen im menschlichen Organismus erklären wollten und damit die angemessene Behandlung des Bewußtseins letztlich als Teildisziplin der Physik deuteten. So schreibt er z.B. im Leviathan:

All which qualities called Sensible, are in the object that causeth them, but so many several motions of matter, by which it presseth our organs diversly. [...] But their appearance to us is Fancy, the same waking, that dreaming. [...] And though at some certain distance, the reall, and very object seem invested with the fancy it begets in us; Yet still the object is one thing, the image or fancy is another. (Hobbes 1651, I, i: 86)

Diese Grundintuition wurde auch von den späteren englischen Empiristen, etwa von Locke und Boyle geteilt, sodaß man diesbezüglich ohne Gewaltanwendung eine einheitliche ‘Meinung des 17. Jahrhunderts’ konstruieren kann, die hier kurz umrissen werden soll.<25> In einem weiteren Schritt bleibt zu fragen, in welcher Weise dieser so gewonnene genauere Begriff von primären und sekundären Qualitäten einen mehr als historischen Wert hat und auch für uns interessant ist und wie er sich in ein modernes Weltverständnis einpassen läßt. Dabei läßt sich vorab schon soviel sagen, daß diese Unterscheidung für die Geschichte der modernen Philosophie von kaum zu überschätzender Bedeutung war, wobei uns hier in erster Linie die Auswirkungen zu interessieren haben, die diese Unterscheidung auf die Formulierung des Problems der phänomenalen Qualitäten innerhalb der analytischen Philosophie des Geistes hatten. Wie Clark bemerkt:

Much of modern philosophy has developed from this fateful distinction. While it was undoubtedly helpful to the physical sciences to make the mind into a sort of dustbin into which one could sweep the troublesome sensory qualities, this stratagem created difficulties for later attempts to arrive at some scientific understanding of the mind. (Clark 1993: 6)

Denn diese Art von Strategie ist natürlich nicht wieder auf eine Erklärung von Sensation und Wahrnehmung anwendbar: Wenn sekundäre Qualitäten nicht in den Erklärungsbereich der Physik


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fallen, Physik aber als Paradigma von Wissenschaftlichkeit überhaupt verstanden wird, scheint es, als könne es schlicht keine wissenschaftliche Erklärung solcher Phänomene geben. Aus solchen Überlegungen folgen die verschiedenen Versionen von Dualismus einerseits und Eliminativismus andererseits, die sich so als zwei Seiten einer Medaille herausstellen.

2.2. Begriffsbestimmungen

Zunächst aber sind zwei eher historische Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen. Erstens ist fraglich, ob alle Objekte, die eine bestimmte sekundäre Qualität teilen, auch eine zugrundeliegende wissenschaftlich spezifizierbare physikalische Eigenschaft teilen, wie viele reduktiven Materialisten annehmen. Im Fall etwa der Farbwahrnehmung ist ein solcher Ansatz durch die ungeheure Komplexität der farbbestimmenden Faktoren sicher falsch, wie die Existenz sogenannter Isomere zeigt.<26> Der Versuch der Reduktionisten, dieser Unplausibilität auszuweichen, beschränkt sich zumeist auf die Behauptung, sekundäre Qualitäten wie Farbe ließen sich nur noch nicht in hinreichend erklärenden physikalischen Begriffen erklären. Letztlich aber stehe zu erwarten, daß die Zahl der eigenständigen sekundären Qualitäten proportional zum Fortschritt der Physik abnehmen wird. Diese Antwort aber enthält eine Verkürzung, wie mit Blick auf das 17. Jahrhundert deutlich wird: Sie ist nur ein weiterer Fall von amputiertem Cartesianismus, d.h. einer Auffassung, die die Errungenschaften der frühen Neuzeit nicht in ihrem Zusammenhang versteht, sondern sich darauf beschränkt, nur einen Teilaspekt zur Kenntnis zu nehmen. Denn sie vernachlässigt die für die Stimmigkeit der Unterscheidung der Qualitäten notwendige Beziehung zwischen den Sinnen und dem Intellekt auf der einen und der physikalischen Welt auf der anderen Seite. Der reduktive Materialismus impliziert, daß die metaphysischen Probleme der Vertreter der Teilchentheorie wie z.B. Locke und Boyle schon allein deshalb irrelevant geworden sind, weil die wissenschaftlichen Theorien sich in eine für letztere unvorhersehbare Weise verändert haben. Das ist aber ein grundsätzliches Mißverständnis der Errungenschaften der Teilchentheorie. Es ist historisch akkurater, den Bruch mit dem Aristotelismus, der im 17. Jahrhundert begann, als den Beginn des Projektes einer vereinheitlichten wissenschaftlichen Weltsicht zu begreifen, das wir auch heute weiter verfolgen. Die Unterscheidung primärer und sekundärer Qualitäten war Teil einer neuen generellen Konzeption des Wesens menschlicher Erkenntnis der physikalischen Realität. Es ist gerade dieser metaphysische Perspektivenwechsel von einer aristotelischen Lehre verschiedener isolierter Essenzen zu einer Einheitswissenschaft, die im wesentlichen nur noch eine einzelne Substanz, nämlich die Materie, als grundlegenden Erklärungsbegriff zuläßt, in dem die Leistung, gleichzeitig aber auch die problematische Weichenstellung des 17. Jahrhunderts für unser Selbstverständnis als bewußte Entitäten in einer physikalisch beschreibbaren Welt besteht.

Ein zweites Hauptmißverständnis der Reduktionisten ist die Annahme, alle Qualitäten seine entweder primäre oder sekundäre Qualitäten. Zum einen muß man zwischen natürlichen und künstlichen Qualitäten unterscheiden. Künstliche Qualitäten sind dabei jene, die von menschlichen Interessen abhängen, also etwa die Eigenschaft, ein Symbol zu sein. In der modernen Diskussion setzt sich dieses Mißverständnis zum Beispiel in der wahrnehmungstheoretischen Diskussion fort, die später noch ausführlich behandelt werden wird: Viele Philosophen, besonders aus dem analytischen Umfeld, verstehen Wahrnehmung innerhalb des Paradigmas der Aufnahme von Informationen aus der Umwelt durch einen Organismus, ohne daß klar ist, in welcher Hinsicht es eine Eigenschaft der physikalisch beschreibbaren Welt ist, ‘informationstragend’ zu sein. Und wenn gesagt wird, solche Informationen würden ihrerseits im menschlichen Gehirn ‘repräsentiert’, stellt sich eine ähnliche Frage auf höherer Ebene: Wie kann man die These plausibel machen, die letztlich physikalisch beschreibbaren neurophysiologischen Strukturen unseres Gehirns hätten die Eigenschaft, Repräsentationen von Umweltzuständen zu sein. Diese Art von Qualitäten werden im 17. Jahrhundert nur am Rande behandelt und kommen nicht im Einführungskontext von primären und sekundären Qualitäten vor, weil sie zunächst nicht bedeutsam für die Erklärung der physikalischen Welt sind, weswegen sie häufig übersehen werden.

Aber nicht einmal alle natürlichen Qualitäten sind in primäre oder sekundäre einteilbar, denn beiden Arten von Qualitäten entsprechen nur einfache Ideen. Eine Eigenschaft wie ‘treibbar’ (im Sinn der Metallbearbeitung, um bei Lockes Beispiel malleable zu bleiben) etwa fällt nicht in dieses Raster.


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Die Verengung der Anwendung der Begriffe ‘primäre’ und ‘sekundäre’ Qualität auf einfache Ideen hängt damit zusammen, daß durch diese ja gerade fundamentale Eigenschaften der Materie gekennzeichnet werden sollen, um ein der systematischen Wissenschaft adäquates Fundament zu legen. Komplexe Eigenschaften müssen daher weiter analysiert werden, und zwar in der grundlegenden Terminologie primärer und sekundärer Qualitäten.

Auch innerhalb des Bereichs der sekundären Qualitäten muß noch eine weitere Unterscheidung eingezogen werden: die nämlich zwischen sekundären und sinnlichen Qualitäten, die sich aus der gerade eingeführten Begrifflichkeit ergibt. Die in diesem Sinn als fundamental geltenden Qualitäten müssen schließlich noch eingehender charakterisiert werden, was ich mit Bezug auf die kausale Korrespondenz zwischen Qualitäten und Ideen tun möchte. A.D. Smith erklärt den Begriff ‘Korrespondenz’ wie folgt:

A quality corresponds to a concept when that quality standardly gives rise to and differentially explains that feature of perceptual awareness which grounds or constitutes our representing the world in that perception as being a certain way. (Smith 1990: 229)

Das ergibt sich zwanglos aus dem Umstand, daß das 17. Jahrhundert der Auffassung war, die direkten Objekte von Gedanken und Wahrnehmung seien Ideen (schließlich sind auch Sensationen demzufolge als Ideen zu verstehen). Wir konzeptualisieren die Welt, wobei unsere erfolgreichen oder induktiv hinreichend bestätigten Begriffe mit primären Qualitäten korrespondieren, die sozusagen die elementarste ontologische Einteilung der physikalischen Welt sind.

Sekundäre Qualitäten entsprechen dagegen zwar tatsächlichen Zuständen der Außenwelt, ohne aber diesen elementaren Charakter zu haben. Denn:

colors, tastes, and so on are merely ideas, which, however, because of their intentional character, lead, or rather mislead, us into thinking of the world as if it was genuinely characterized by sensory qualities. (Smith 1990: 237)

Diese Unterscheidung ist deswegen so wichtig, weil Smith sie benutzt, um sein Hauptargument für die Unmöglichkeit der Reduktion von sekundären auf primäre Qualitäten zu konstruieren, da erstere ihren Status nämlich bereits aufgrund von Überlegungen a priori erhalten:

The fact is that secondary qualities are those that are to be defined as those which correspond to secondary concepts, and the latter are known to be secondary because of their essential character - something that can be appreciated by pure a priori reflection. (Smith 1990: 232)

Vielleicht sollte man hier den Ausdruck ‘a priori’ cum grano salis verstehen, denn es ist offensichtlich, daß wir ohne irgendeine sinnliche Erfahrung nicht einmal zu den von Smith in Anspruch genommenen Begriffen kommen würden; dennoch bleibt festzuhalten, daß wir, wenn wir diese Begriffe einmal haben, erfahrungsunabhängig und sozusagen begriffslogisch die notwendig sinnliche Herkunft sekundärer Qualitäten konstatieren können.

Fassen wir kurz das bis hierher erreichte Verständnis des Verhältnisses von primären und sekundären Qualitäten zusammen. Erstere sind intrinsische, irreduzible Eigenschaften materieller Objekte; letztere werden zunächst als Objekteigenschaften aufgefaßt, stellen sich dann aber als von den Wahrnehmungssinnen abhängige relationale Eigenschaften heraus. Diese Möglichkeit eines weitverbreiteten Irrtums über den Status einer Qualität kann man geradezu als Unterscheidungskriterium zwischen primären und sekundären Qualitäten einerseits und relationalen oder künstlichen Qualitäten andererseits verstehen:

No concept that is artificial or complex can correspond to a secondary quality, because [...] it is a priori that such concepts are not even in the running for being primary. (Smith 1990: 232)

Sekundäre Qualitäten fassen wir eben natürlicherweise zunächst als Eigenschaften der Gegenstände analog zu den primären Qualitäten auf, bevor wir aus begrifflicher Notwendigkeit zu unterscheiden lernen. In unserem vortheoretischen Umgang mit der Welt spielen sekundäre Qualitäten die entscheidende Rolle, gerade weil sie durch die Sinnesorgane geradezu auf uns einzuströmen scheinen.


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2.3. Unterscheidungskriterien

Die Eigenschaften der Welt, die primäre Qualitäten sind, sind also diejenigen, welche man mit Boyles Wort als catholick im griechischen Wortsinn von ‘allumfassend’ begreifen kann. Das heißt, daß sie alles beschreiben, was materiell ist. Deshalb beschreibt man, wenn man primäre Qualitäten aussondert, notwendigerweise die Essenz der physikalischen Realität. Im weiteren Kontext einer Einheitswissenschaft müssen primäre Qualitäten auch elementarer Bestandteil der besten physikalischen Erklärung sein. Da nur primäre Qualitäten der Materie essentiell sind, reichen sie für eine erschöpfende Beschreibung der physikalischen Welt vollständig aus. Alle partikulären Sachverhalte in der Welt bestehen in bestimmten Verhältnissen der durch primäre Qualitäten begrifflich gefaßten Eigenschaften der Materie und lassen sich daher in einer solchen Begrifflichkeit vollständig darstellen.

Smith sieht zwei sich direkt aufdrängende Argumente für die sekundäre Natur sinnlicher Eigenschaften. Das erste ist ein so schlichtes a posteriori-Argument, daß die meisten Philosophen es nicht recht ernst haben nehmen wollen, unberechtigterweise, wie Smith meint:

Not everything has a color, or smell, or taste, etc. Given the full metaphysical significance of the concept of primary qualities as catholick affections of matter, this is, in context, a perfectly decent - indeed, I would say, knockdown - argument for secondary status. (Smith 1990: 235)

Wenn eine bestimmte Eigenschaft nur einer Teilmenge materieller Entitäten zukommt, primäre Qualitäten aber definitionsgemäß ausnahmslos allen Entitäten zukommen, ergibt sich notwendig, daß eine solche Eigenschaft sekundären Status hat.

Das zweite Argument ist der bekannte Hinweis darauf, daß wir uns zum Beispiel ein farbloses Objekt - im Gegensatz zu einem unausgedehnten - sehr wohl vorstellen können, woraus abgeleitet wird, daß anders als primäre Qualitäten, die notwendige Attribute der Materie sind, sinnliche Qualitäten a priori sekundär sein müssen.

Was folgt nun aus diesen beiden Argumenten? Aufbauend auf der Unterscheidung zwischen erfahrungsgebundenen sinnlichen Qualitäten und sekundären Qualitäten kann man ersteren einen unzweideutigen Bezug auf die Welt zugestehen. Denn da sinnliche Wahrnehmung intentional auf die Welt gerichtet ist, läßt sich mit gutem Recht behaupten, daß es intrinsische (wenn auch nicht im primären Sinn elementare) Eigenschaften physikalischer Objekte sind, die wir sinnlich erleben und über die wir im Vokabular der sinnlichen Erfahrung nachdenken.

Das offensichtliche Problem dieser Argumentation besteht darin, daß nicht ausgemacht ist, warum wir aufgrund der Möglichkeit, uns ein farbloses Objekt vorzustellen, folgern sollen, daß nichts ‘wirklich’ (physikalisch) eine Farbe hat. Das wird deutlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, daß die zwei Kriterien für primären Status Einfachheit (wobei nicht hinlänglich klar ist, was genau das heißen soll) und Katholizität sein sollen. Aber warum sollte das Faktum, daß eine einfache Qualität nicht ‘katholisch’ ist, ein Beleg dafür sein, daß sie nicht wirklich auf materielle Objekte zutrifft? Die beiden letztlich auf der Annahme von Katholizität beruhenden Argumente machen Sinn nur auf der Grundlage des im 17. Jahrhundert verfolgten Projekts der metaphysischen Vereinheitlichung wissenschaftlicher Erklärungen.

2.4. Die Abhängigkeit sekundärer von sinnlichen Qualitäten

Es stellt sich also das Problem, wie ein Argument konstruiert werden kann, das die bislang erreichte sinnvolle und nicht-reduktive Unterteilung in primäre und sekundäre Qualitäten beibehält, aber nicht von zeitgebundenen Hintergrundtheorien abhängt. Genau diese Strategie verfolgt auch Smith, der sich auf den Gedanken beruft, daß Wahrnehmungszustände intrinsische Erfahrungseigenschaften oder Qualia besitzen und dadurch individuiert werden:

When an object is perceived through a sense modality, the intrinsic nature of that sense determines how that object sensorily appears to the subject: the object appears as coloured

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because its appearing consists in its registration in a sense identified by the possession of colour qualia by the experiences of that sense. (Smith 1990: 239)

Auf unser Problem angewendet heißt das, daß sekundäre Qualitäten diejenigen Eigenschaften eines Objektes sind, die von den (höchstwahrscheinlich spezies-gebundenen) Qualia abhängen. Wie eine sekundäre Qualität erscheint, ist Teil des Erfahrungszustandes eines Subjekts; gleichwohl ist diese Qualität unproblematischerweise eine Eigenschaft des Objektes. Qualia hingegen sind natürlich nicht einmal Kandidaten für Qualitäten von wahrnehmungslosen physikalischen Objekten, schließlich muß ein sensorisches Quale bereits von einem Wahrnehmenden realisiert sein, damit es überhaupt sinnliche Erfahrung geben kann.<27> Sekundäre Qualitäten sind folglich die Eigenschaften eines Objektes, die den Begriffen entsprechen, die wir von einer sinnlichen Erfahrung in einem bestimmten Erfahrungsmodus, d.h. einer Sinnesmodalität haben.

Diese Rede von Modi der Erfahrung bringt es mit sich, daß wir unser Verständnis des a priori, auf das Smith sich beruft, gemäß einer stärker kantianischen Linie reformulieren müssen. Denn es will scheinen, als hingen alle derartigen Modi ab von der kategorischen Rolle, die zum Beispiel Räumlichkeit in allen unseren Gedanken über die Welt und den Erfahrungen von ihr spielen. Im Unterschied zu sinnlichen Qualia, die einen Sinnesmodus definieren, ist die Wahrnehmung von Raumstrukturen nicht einzig auf einen bestimmten Sinn eingeschränkt. Zudem setzt die Vorstellung einer objektiven physikalischen Welt, die ja das Rückgrat des postulierten Perspektivenwechsels des 17. Jahrhunderts bildet, eine intermodale sinnliche Zugriffsmöglichkeit voraus. Was die Einheit der Welterfahrung durch die verschiedenen Sinne garantiert ist, daß die Sachverhalte in der Welt, die die Grundlage unserer Sinneserfahrung bilden, objektiv durch primäre Qualitäten charakterisiert werden können, etwa durch Ausdehnung:

Spatial concepts, therefore, transcend what is purely sensory by making it possible for whatever is distinctly sensory to constitute a perception of the world. Spatio-temporal concepts are not peculiarly sensory since they are not peculiar to any sense. They rather constitute the necessary structuring of sensory experience in any creature capable of objective perception. (Smith 1990: 241)

Eine Wissenschaft mit erklärendem Wert wie die im 17. Jahrhundert angestrebte kann natürlich nicht bei einem leeren raum-zeitlichen Koordinatennetz stehenbleiben. Denn dann käme man in genau die Probleme bezüglich der Existenz eines Vakuums, die Descartes Schwierigkeiten bereiteten. Nicht zuletzt um solchen Schwierigkeiten zu entgehen, führte Locke Solidität in den Kanon der primären Qualitäten als den Begriff der Wesenseigenschaft der Materie ein, als das, was einen tatsächlichen Körper von einer Region leeren Raumes unterscheidet.

Aus Gründen, die ich oben bereits kurz umrissen habe, muß Locke sich auf Begriffe beschränken, die sowohl einfach sind wie in das empiristische Programm passen, d.h. aus der sinnlichen Erfahrung ableitbar sind. Er erklärt Solidität als die einfache Idee eine bestimmten Sinnes, nämlich des Tastsinns. Das scheint ein Problem für die Interpretation zu bergen, die ich zu entwickeln versucht habe, denn wenn dem so wäre, würde sich Solidität gerade nicht als eine primäre Qualität erweisen, sondern durch einen einzigen Erfahrungsmodus erfahren werden, sich also als qualia-abhängig herausstellen. Um die entwickelte Interpretation beizubehalten, kann man also nur versuchen, Lockes Beschreibung der sinnlichen Erfahrung von Solidität anzugreifen, und das ist in der Tat möglich. Denn es ist wohl falsch, der Solidität eine solche Unimodalität zuzuschreiben, wie Locke es tut - man kann zum Beispiel auch ohne direkten Körperkontakt aufgrund eines Höreindruckes einen festen Körper erfahren. Lockes unnötige und theoretisch nicht notwendige Einengung auf den Tastsinn erklärt sich vielleicht aus der begrifflichen Rolle, die Solidität zusammen mit Raum und Zeit bei ihm als objekt-identifizierende Eigenschaft spielt:

From what has been said, ‘tis easy to discover, what is so much inquired after, the principium individuationis, and that ‘tis plain is Existence it self, which determines a Being of any sort to a particular time and place incommunicable to two Beings of the same kind.(Locke 1689/1975: II, xxvii, 3: 331)


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‘Existence it self’ darf man in dieser Passage wohl als Existenz in Form eines soliden Körpers deuten, denn innerhalb der Teilchentheorie ist es eben diese, die das Vorhandensein von zwei Körpern an der gleichen Raum-Zeit-Stelle unmöglich macht, was der typische Vergleich von corpuscula mit Billardkugeln anschaulich macht. Nur auf dieser Basis ist innerhalb dieser Theorie auch Kausalität erklärbar.

2.5. Naturwissenschaft als Klärung von Strukturprinzipien

Was ist an dieser historischen Theorie des 17. Jahrhunderts auch noch für uns von Interesse? Das Ideal einer auf einfachen, in klarer Weise aufeinander bezogenen Begriffen beruhenden Einheitswissenschaft ist eine metaphysische These, die sich auch in der modernen Wissenschaftsauffassung findet, selbst wenn einige der grundlegenden Begriffe sich geändert haben oder andere Begründungen als unmittelbar evident verstanden werden. Ebenso teilen wir die Überzeugung, die Physik müsse, um wirklich objektiv sein zu können, auf alle intrinsisch sensorisch bestimmten sekundären Qualitäten verzichten, die im erläuterten Sinn ‘a priori’ bestimmt und klar gegen die theorieimmanenten und fundamentalen primären Qualitäten abgegrenzt werden können. Sensibilia haben in einer physikalischen Theorie keinen Raum. Und genau diese Einsicht wirft das weitere Problem auf, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen.

Andererseits ist klar, daß mit dem Wegfall der im 17. Jahrhundert als unproblematisch empfundenen Vorraussetzung, daß unteilbare corpuscula die grundlegenden theoretischen Begriffe aller Naturwissenschaft darstellen, wir die von Locke und anderen getroffene Unterscheidung primärer und sekundärer Qualitäten nicht schlicht übernehmen können. Wenn der Materie-Begriff in andere Begriffe der Theorie (‘Energie’ etwa) überführbar ist, gleichzeitig aber eine reine Geometrisierung more cartesiano auch unmöglich erscheint, benötigen wir ein anderes ‘raum-einnehmendes’ Konzept, das in der herkömmlichen Primär-sekundär-Unterscheidung nicht leicht zu charakterisieren ist: Einerseits muß es ein fundamentales Erklärungskonzept sein, andererseits kann es in der modernen Physik eine derart abstrakte Gestalt annehmen, daß, anders als bei Locke, nicht mehr intuitiv einleuchtend ist, wie es sich auf die uns bekannten Gegenstände bezieht. Vielleicht kann man die Struktur der Lockeschen Theorie retten, indem man von vornherein die grundlegende Erklärungsfunktion der primären Qualitäten ausschließlich in Zusammenhang mit ihren theoretischen Eigenschaften beschreibt. Die intuitive Verbindung zu den Gegenständen im uns alltäglich präsenten Mesokosmos wird dabei zugunsten von gesetzmäßigen kausalen Verbindungen zurückgedrängt. Dadurch bliebe die Errungenschaft einheitlicher fundamentaler Erklärungsbegriffe unangetastet, denn die so spezifizierten theoretischen Eigenschaften gehen via allgemeine Gesetze in die Erklärung vieler unterschiedlicher Prozesse und Interaktionen ein, was zu der ausgeprägten Systematizität der modernen Physik führt. So wird gegenüber dem 17. Jahrhundert die generelle Theoriestruktur gewahrt, was sich ändert, sind die als erklärend verstandenen Begriffe innerhalb dieser Struktur.

Mit dem Begriff der Struktur läßt sich auch bezeichnen, was die auffallendste Neuerung des frühneuzeitlichen Konzepts von Naturwissenschaft gegenüber dem aristotelischen Weltbild ist: es ist nicht mehr Aufgabe der physikalischen Wissenschaft, uns das Wesen der Dinge verständlich zu machen, vielmehr geht es um ein strukturelles Verständnis der Welt. Für die theoretisch fundamentalen Erklärungsbegriffe wird nicht mehr in Anspruch genommen, sie drückten eine tiefere innere Wahrheit über das Wesen der Materie aus, sondern nur noch, daß sie notwendig sind für eine befriedigende Erklärung beobachtbarer Phänomene. Daher könnte, vor allem mit Hinblick auf die Rede von primären Qualitäten als theoretischen Eigenschaften, ein Aristoteliker einwenden, daß dies ein inkohärentes Bild sei, das alles zu Relationen zwischen theorieinternen Ausdrücken reduziere, ohne aber die hyle bereitzustellen, zwischen deren Realisierungen diese Relationen bestehen.

Diese Sorge allerdings ist unbegründet, denn theoretische Eigenschaften im oben erläuterten Sinn sind nicht auf eine Weise relational, die eine solche metaphysische Inkohärenz entstehen ließe. Daß man bestimmte Eigenschaften mißt, indem man auf einen (relationalen) Standard Bezug nimmt heißt nicht unbedingt, daß die so gemessenen Eigenschaften intrinsisch relational sind. Die einzige Einschränkung, die gilt ist, daß unser Verständnis der grundlegenden Entitäten und


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Eigenschaften, deren Existenz von der Naturwissenschaft behauptet wird, in einer weitestgehend strukturellen, theoretischen Darstellung der beteiligten kausalen Rollen erschöpft wird.<28> Das dieses im weitesten Sinne funktionalistische Bild in unserem Jahrhundert auch zur Erklärung bewußter Zustände überhaupt und phänomenaler Zustände im besonderen herangezogen wird, kann nicht überraschen.

Soweit ich es überblicke, bleiben im Rahmen dieser Erläuterungen zwei Probleme für einen starken Begriff von primärer Qualität bestehen. Erstens scheint es, als hätte die Bestimmung von primären Qualitäten als theoretische Eigenschaften die Idee der Materie als Lockesche simple nature, d.h. als fundamentalste natürliche Entität unterminiert, womit dann auch die Idee der catholick affection hinfällig würde. Es ist nicht klar, in welchem Sinn zum Beispiel der Feld- oder der Energiebegriff in derselben Weise einfach ist, wie die Partikel des 17. Jahrhunderts es waren. Das ist besonders dann relevant, wenn man in der Physik bei aller Tendenz zur Systematisierung und Vereinheitlichung nicht mehr daran festhält, letztlich müßten sich alle Naturkräfte auf eine zugrundeliegende Kraft zurückführen lassen, und danach sieht es derzeit aus. Vielleicht könnte man dem entgegenhalten, daß alles, was wir aus den Theorien des 17. Jahrhunderts übernehmen müssen, die essentielle Verbindung innerhalb unserer Repräsentation der physikalischen Welt zwischen der Auffassung davon, was primär und was in Bezug auf physikalische Erklärung fundamental ist. Dabei ist nicht unbedingt notwendig, daß sich letztlich nur ein einziger Begriff als fundamental herausstellt, wichtig ist nur, daß die kausalen Verhältnisse zwischen den als grundlegend betrachteten Begriffen detalliert spezifizierbar sind.

Zweitens verläßt sich die oben gelieferte Erläuterung eines auf raum-zeitliche Strukturen als unproblematisch primär gegründeten Wissenschaftsbegriffs zu sehr auf die durch die Relativitätstheorie zurückgewiesene These der klaren Unterscheidbarkeit a priori solcher Kategorien. Das deutet darauf hin, daß der Begriff ‘primäre Qualität’ kein unproblematisch philosophischer ist, unabhängig von den Erkenntnissen der Wissenschaft. Andererseits kann das nicht verwundern: Warum auch sollten wir mit einem auf die physikalische Realität bezogenen Begriff schon vor aller empirischer Theorie über diese Realität einen Erkenntnisanspruch formulieren können? Unsere Optionen sind, entweder auf den Begriff der primären Qualität zu verzichten oder aber seinen Gebrauch auf die von der jeweils letzten und bestbestätigten physikalischen Theorie geforderten Grundbegriffe zu beschränken. Diese Entscheidung bezüglich der primären Qualitäten läßt jedoch, und das ist wichtig anzufügen, den Status der sekundären Qualitäten als notwendig sensorisch determinierte Begriffe unberührt.

2.6. Die Abhängigkeit primärer von sekundären Qualitäten

Die bislang angestellten Überlegungen führen zu einem auf den ersten Blick leicht paradoxen Resultat: Während sekundäre Qualitäten zumindest für alle mit ähnlichen Sinnesorganen ausgestatteten Lebewesen eindeutig festgelegt sind, müssen primäre Qualitäten stets in Abhängigkeit vom naturwissenschaftlichen Fortschritt bestimmt werden; es steht also zu erwarten, daß sich ständig verändert, was als primäre Qualität gelten soll. Das ist insofern überraschend, als daß meine Ausgangsbehauptung ja war, man müsse sich in dieser Frage stärker an der Theorie des 17. Jahrhunderts orientieren, dieses Ergebnis aber sicher nicht als historisch korrekte Interpretation durchgehen kann. Denn für Locke und Boyle stand gerade fest, daß primäre Qualitäten die Materie als Substanz beschreiben und folglich definitorisch dem Wandel nicht unterworfen sind. Aber andererseits kann man von keiner Darstellung der Philosophiegeschichte, die selbst eine philosophische Agenda hat erwarten, daß sie gänzlich frei von eigenen Vorgaben ist, worauf Margaret Wilson (1992) aufmerksam gemacht hat. Will man die Debatte, die im 17. Jahrhundert geführt worden ist, für die heutige Problemdiskussion nutzbar machen, muß man immer beachten, daß sie zwar auf dem Hintergrund des Versuchs stattfand, den Aristotelismus durch ein befriedigenderes Wissenschaftskonzept zu ersetzen, sich dabei aber nicht von den Vorgaben der aristotelischen Substanzontologie löste. Genau dieser Umstand ist ein limitierender Faktor für die Anwendbarkeit dieser historischen Diskussion, denn ”clearly, late-twentieth-century philosophers are not doing that.“ (Wilson 1992: 242)<29>


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Meine Überlegungen zu den primären und sekundären Qualitäten sind ein Versuch, exemplarisch zu zeigen, wie man eine historische Position dadurch produktiv macht, daß man sie zur Erläuterung der eigenen Auffassung verwendet. Sicher ist die Rede von dem Projekt des 17. Jahrhunderts, der Überwindung des Aristotelismus, eine heuristische Fiktion, denn die Philosophie des 17. Jahrhunderts existierte natürlich nicht als ein monolithischer Block von Menschen, die sich einer gemeinsamen Sache verschrieben. Aber auch innerhalb des Werkes eines Philosophen kann es den Zwang geben, zugunsten der generellen Konsistenz einige Thesen zu ignorieren. So ist z.B. texture bei Locke keine primäre Qualität, da sie weder eine katholische Affektion der Materie noch eine einfache Idee ist. Da Locke aber an anderer Stelle ausdrücklich behauptet, texture habe primären Status,<30> ist dies wohl eher die Position die er konsequenterweise vertreten haben sollte. Eine andere ‘Ausbesserung’ der Lockeschen Theorie ist die strikte Unterscheidung von sekundären Qualitäten (in Objekten) und sensorischen Qualitäten (im Beobachter). Locke ist nicht so akkurat in der Verwendung seiner Begriffe, und so ist es leicht, seine Behauptung mißzuverstehen, Objekte hätten ohne Licht keine Farbe.<31> Ein besser durchdachter und konsequenter entwickelter Qualia-Ansatz vermeidet die hier mögliche Absurdität. Ein solcher Ansatz könnte auch herangezogen werden, um die ermüdende Frage zu beantworten, ob es (zumindest potentiell) wahrnehmende Wesen geben muß, damit es sekundäre Qualitäten geben kann: Sekundäre Qualitäten sind objektive Tatsachen in der Welt, die in der Terminologie primärer Qualitäten beschrieben werden können. Sinnliche Qualitäten hingegen gibt es geradezu definitionsgemäß nur in den Wahrnehmungszuständen tatsächlicher Beobachter, d.h. von fühlenden Wesen.<32> Im historischen Rückblick ist für uns einfacher als für Locke einzusehen, daß ‘primäre Qualität’ bei ihm ein hybrider Begriff ist, der Alltagsphänomene mit den physikalisch fundamentalen Erklärungskonzepten vermischt und daher selbst einer tiefergehenden Analyse bedarf.

Der vielleicht interessanteste Anachronismus, den Smith in die ‘Theorie des 17. Jahrhunderts’ einführt, ist ein Begriff von a priori, der mehr Kant als Descartes verpflichtet ist. In gewisser Hinsicht formuliert Smith ein transzendentales Argument: primäre Qualitäten sind die Eigenschaften der Natur, die vorhanden sein müssen, damit es überhaupt ein Erfahrungswissen von der Welt geben kann; sie stellen den strukturellen Rahmen aller Erfahrung dar. Allerdings ist die Idee, daß diese ‘Kategorien’ dem Wandel in der Naturwissenschaft unterliegen, ausgesprochen un-kantianisch. Soweit ich es überblicke, gibt es bei Smith keine noumenale, und prinzipiell nicht zugängliche Welt, im Gegenteil, die jeweils letzte Formulierung der primären Qualitäten kann dazu verwendet werden, alles zu erklären, was prinzipiell erklärbar ist. Daraus folgt aber, daß primäre Qualitäten gerade nicht a priori erkennbar sind, wenn a priori-Sätze solche Sätze sind, die notwendig, d.h. in allen möglichen Welten wahr sind. Auch wenn Locke die Behauptung ‘Alle Körper sind ausgedehnt’ vermutlich für einen analytischen Satz a priori gehalten hätte, kann es innerhalb des Rahmens der modernen Physik eine empirische Erkenntnis sein, daß es z.B. schwarze Löcher gibt, die keine Ausdehnung haben, obwohl sie alle anderen Eigenschaften von Körpern wie Masse etc. besitzen (genau diese paradox erscheinenden Eigenschaften machen sie zu physikalischen ‘Singularitäten’).

Um die hier vertretene Position bezüglich primärer und sekundärer Qualitäten schärfer herauszuarbeiten, ist es vielleicht nützlich, sie mit derjenigen zu vergleichen, die Gareth Evans (1980) bezieht. Evans’ genaues Beweisziel ist die Zurückweisung eines einflußreichen Gedankenexperimentes aus dem zweiten Kapitel von Strawsons (1959) Individuals. Die These ist, daß es keine Welt ohne Substanz geben kann, dieser Begriff aber in der rein auditiven Welt des Gedankenexperimentes nicht gedacht werden kann und daß daher das Experiment nicht kohärent formulierbar ist. Aber auch ohne die Einbettung in diesen speziellen Zusammenhang, der uns hier nicht zu interessieren braucht, sind Evans’ Überlegungen für uns einschlägig. Sein Ausgangspunkt ist, daß der zur Denkmöglichkeit einer Welt notwendig gehörende Substanzbegriff in den primären


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Qualitäten verwirklicht ist, was ein wenig an das oben von mir als ‘transzendental’ ausgezeichnete Argument erinnert. Auch die Aufassung, daß sekundäre Qualitäten leicht zu bestimmen sind als diejenigen Qualitäten, die von unseren Sinnesorganen abhängen, deckt sich mit meiner bisherigen Darstellung, obwohl Evans nicht zwischen sensorischen und sekundären Qualitäten unterscheidet:

For an object to have such a [secondary] property is for it to be such that, if certain sensitive beings were suitably situated, they would be affected with certain experiences, though this property may, in its turn, be identified with what we should normally regard as the ground of the disposition. (Evans 1980: 95)

Primäre Qualitäten hingegen sind auch bei Evans nur negativ bestimmbar als diejenigen Eigenschaften der Dinge, die nicht nur durch sensorische Erfahrung wahrgenommen werden, was diese Klasse von Eigenschaften sehr heterogen macht. Was für Evans aber höchst wichtig ist, ist daß ”the properties constitutive of the idea of material substance as a space-occupying stuff should be acknowledged to be primary“ (Evans 1980:95). Die Idee eines ‘Platzhalters’ im Raum läßt sich weiter bestimmen durch das begrifflich damit zusammenhägende Wortfeld Position, Form, Größe und Bewegung sowie durch Eigenschaften, die von einem so bestimmten ‘Platzhalter’ ausgesagt werden können, wenn man diese Eigenschaften mit der Vorstellung von auf sie wirkenden Kräften verbindet, also z.B. Masse, Gewicht, Härte. Diese primären Qualitäten haben nur im Verbund einen Sinn, d.h. sie sind nur in einem Theoriezusammenhang definierbar:

To grasp these primary properties, one must master a set of interconnected principles which make up an elementary theory -of primitive mechanics- into which these properties fit, and which alone gives them sense. One must grasp the idea of a unitary spatial framework in which both oneself and the bodies of which one has experience have a place, and through which they move continuously. One must learn of the conservation of matter in different shapes, of the identity of matter perceived from different points of view and through different modalities, and of the persistence of matter through gaps in observation. One must learn how bodies compete for the occupancy of positions in space, and of the resistance one body may afford to the motion of another. And so on. (Evans 1980: 95)

Zusammenfassend läßt sich also folgendes sagen: Die erfolgversprechendste Herangehensweise an eine Theorie sekundärer Qualitäten (wenn man denn an dieser Redeweise festhalten will), zum Beispiel der Farbe, sollte möglichst inklusiv vorgehen und versuchen, so viel wie möglich von unserem Weltwissen, wissenschaftlichem wie phänomenalen, zu umgreifen wie eben möglich und dabei die Möglichkeit zur Interaktion der beiden Perspektiven offen zu halten. Jede Antwort auf die Frage, was eine Farbe ist oder warum bestimmte Verhältnisse zwischen Bereichen des Spektrums bestehen, muß notwendigerweise auf einer Spezifizierung der Frage bestehen: Es wird manchmal genügen, den Gebrauch unserer Farbwörter zu analysieren, manchmal werden wir die Farbzuschreibungen unter vage formulierten Normalbedingungen hinzuziehen und zu wieder anderen Gelegenheiten wird es sinnvoll sein, die neuronale Verarbeitung von Netzhautreizen zu untersuchen. Es führt prinzipiell zu Verfälschungen, wenn man in allen möglichen Situationen eine Vorgehensweise als privilegiert oder gar einzig anzuwendende betrachtet. Wie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik bemerkt, ist es apaideusia, Unerzogenheit und Unwissenheit also, nicht zu wissen, wann welcher Grad von Genauigkeit den Lebensumständen angemessen ist. Das muß nicht auf ein generelles laisser faire hinauslaufen, im täglichen Leben verwenden wir schließlich stets und problemlos parallel zueinander Sprachspiele mit unterschiedlichen Anforderungen an Exaktheit. Es gibt hier kein Problem, solange wir imstande sind, unsere Standards zu rechtfertigen, wenn wir hierzu aufgefordert werden.

Obwohl nach diesen Überlegungen sicher noch nicht ausgemacht ist, wie sich im einzelnen sensorische zu sekundären und diese wiederum zu primären Qualitäten verhalten, ist doch zumindest ein Problembereich markiert, in dem sich die Frage nach dem Status des phänomenalen Erlebens dringlich stellt. Denn sensorische Qualitäten stellen eine wichtige Teilklasse von qualitativen Bewußtseinszuständen dar, sie sind nach dem oben Gesagten aber zugleich wesentliche Kriterien, nach denen wir unsere Erfahrungen von der Welt ordnen. Damit spielen sie eine entscheidende Rolle für unseren Bezug auf die Welt, so wie wir sie erleben. Man muß sich, wenn man Qualia für ein Phänomen hält, das innerhalb einer Theorie des Bewußtseins berücksichtigt werden muß, nicht auf die bloße Evidenz verlassen, daß sie in unserem bewußten Leben ständig präsent sind, eventuell verbunden mit dem Hinweis, man möge sich bei Zweifeln


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einfach in den Arm kneifen; es ginge um genau das, was man dann spüre. Sondern man kann sich auch darauf berufen, daß schon eine Wahrnehmungstheorie, die nicht erklären kann, warum wir unsere Wahrnehmungen so z.B. nach Modalitäten klassifizieren, wie wir es tun, offenbar unzulänglich ist. Die Qualia-Debatte orientiert sich in fast allen Beispielen an sensorischen Qualia, immer geht es um die phänomenalen Effekte, die die Wahrnehmung der Umwelt in unserem bewußten Erleben hat. Dabei wird meist schlicht vorausgesetzt, daß entweder - in internalistischen Ansätzen - das phänomenale Erleben allein aus ‘inneren’ mentalen Zuständen beziehungsweise ihrer physiologischen Realisierung erklärbar ist oder daß - in externalistischen Ansätzen - sich innere Zustände (und damit auch Qualia) hilfreich durch ihre Beziehung zur Außenwelt, d.h. durch die Gegenstände, auf die sie sich beziehen, bestimmen lassen. Es gibt sogar Mischpositionen, etwa bei Lanz (1996), die sowohl an der privilegierten Erklärungsfunktion der Physik wie am wichtigen Status phänomenaler Qualitäten festhalten wollen, was zu etwas angestrengten argumentativen Turnübungen zwingt. So schreibt Lanz einerseits:

Diese Qualitäten (Farbe, Ton, etc.), die im sinnlichen Bewußtsein unsere Aufmerksamkeit fesseln, charakterisieren materielle Gegenstände nicht so, wie diese tatsächlich beschaffen sind. (Lanz 1996: 71)

Im Sinne des oben gesagten ließe sich natürlich schon hier fragen, inwieweit es der Physik darum geht, wie wahrgenommene Gegenstände tatsächlich beschaffen sind, ohne eine weitere Qualifikation vorzubringen, in welchem Theoriezusammenhang die Gegenstände thematisiert werden. Im Falle der Physik ist das die mathematisch beherrschbare Einordnung in ein allgemeines Strukturmodell. Ob dieses Erklärungspluralismus aber zeigt sich Lanz besorgt, denn die Strukturen der physikalisch bestimmbaren Stimuli weisen nicht dieselben Strukturen auf wie unser sensorisches Erleben. Dann, so will es scheinen, gibt es Probleme mit dem Weltbezug:

[D]ie physikalischen Merkmale der Reize erklären nicht die für die sinnlichen Qualitäten typischen Eigenschaften. Also lassen sich die sinnlichen Qualitäten nicht mit den physikalischen Eigenschaften von Gegenständen und Medien vor den Sinnesorganen identifizieren. [...] Mit den sekundären Qualitäten haben Gehirne ihren eigenen Code entwickelt, die für ein Lebewesen nützlichen Informationen über die Umwelt aufzunehmen und zu speichern. Doch dieser Code besitzt (wie jeder Code) Eigenschaften, die nicht Eigenschaften der Gegenstände der Umgebung sind, die zu repräsentieren u.a. seine Rolle ist. (Lanz 1996: 229)
Die sinnlichen Qualitäten haben für Lebewesen Repräsentationsfunktion. Sie helfen ihnen, sich in ihrer Umgebung zu orientieren. Sie tun das allerdings nicht, indem sie Lebewesen über die tatsächliche Natur der Gegenstände informieren, die ihre Sinnesorgane reizen. (Lanz 1996: 72)

Unser Blick auf die Welt ist, so verstanden, eine einzige Sinnestäuschung, eine (von der Evolution?) großangelegte Illusion. Das wäre tatsächlich sehr enttäuschend: Auf die wirkliche Welt hätten wir nur durch Inferenzen aus unseren unzuverlässigen Erscheinungen Zugriff.<33> Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird eine meiner Thesen in dieser Arbeit sein, daß sich phänomenale Zustände weder von ‘außen’ (d.h. physikalisch) noch von ‘innen’ (d.h. aus dem Erleben) befriedigend thematisieren lassen. Deshalb ist es hilfreich, auf die wahrnehmungstheoretischen Voraussetzungen der Qualia-Debatte einzugehen, um den Verweisungszusammenhang von wahrnehmendem Organismus, wahrgenommenem Gegenstand und Wahrnehmungserlebnis besser berücksichtigen zu können, als es die substanzontologisch fundierte Privilegierung des Weltzugangs mittels primärer Qualitäten vermag.


Fußnoten:
<25>

Eine ausführliche Einordnung der Debatte des 17. Jhdts. in das Problem phänomenaler Qualitäten findet sich bei Lanz 1996.

<26>

Für eine detaillierte Studie hierzu vgl. Hardin 1987, pp. 1-58.

<27>

Das kann ich an dieser Stelle zunächst nur dreist behaupten, werde aber im Verlauf dieser Arbeit einiges zur Verteidigung vorbringen.

<28>

vgl. auch Smith 1990: 252.

<29>

Mit Blick auf John McDowell (1994) könnte man sogar belegen, daß es zumindest einigen zeitgenössischen Philosophen darum geht, hinter den vermeintlichen Fortschritt der frühen Neuzeit und zu einer modernen Version des Aristotelismus zurückzukehren.

<30>

"Qualities thus considered in Bodies are ... 2dly, Such Qualities which in Truth are nothing in the Objects themselves, but Powers to produce various Sensations in us by their primary Qualities, i.e. by the Bulk, Figure, Texture and Motion of their insensible parts, as Colours, Sounds, Tasts, etc." Essay, II, viii, 10.

<31>

vgl. Essay, II, viii, 19. Vgl. auch Wilson 1992: 226.

<32>

Damit es nicht so klingt, als würden hier Binsenweisheiten bekräftigt, sei z.B. auf Colin McGinn (1992: 93) hingewiesen, wo an diesem Punkt eine Schwierigkeit gesehen wird.

<33>

Was viele Philosophen allerdings nicht abhält, eine solche Position zu formulieren. Vgl. für einen Überblick Hardin 1988.


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