Siebert, Carsten: Qualia Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

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Kapitel 3. Inferentialismus

3.1. Eine empirische Lösung eines alten epistemologischen Problems?

Wie sehen wir unsere Umwelt und die Gegenstände in ihr? Auf welche Weise haben wir Kontakt zu den Dingen, die uns in der Wahrnehmung problemlos gegeben zu sein scheinen? Das sind typische Fragen, auf die die Antwort vielen fast als eine Binsenweisheit vorkommt: Dem naiven Realismus ist schon dadurch der Boden unter den Füßen weggezogen, daß der empirisch nachweisbare Prozeß der Wahrnehmung nicht etwa direkte Abbildungen irgendwelcher Gegenstände liefert, sondern das, was wir als Gegenstände sehen können, aus dem Zusammenspiel von Umweltreizen und Signalverarbeitung entsteht oder gar in einem solchen Prozeß erst konstruiert wird. Einer der klassischen Einführungstexte in die empirische Psychologie des Sehens betont in diesem Sinne:

We are so familiar with seeing, that it takes a leap of imagination to realise that there are problems to be solved. But consider it. We are given tiny distorted upside-down images in the eyes, and we see separate solid objects in surrounding space. From the pattern of stimulation on the retinas we perceive the world of objects, and this is nothing short of a miracle. (Gregory 1977: 9)

Aber es ist nicht nur der Umstand, daß wir heute sehr viel über die physiologische Basis der Wahrnehmung wissen, der die Überzeugung nahelegt, man könne alle wahrnehmungstheoretischen Probleme letztlich innerhalb der Einzelwissenschaften lösen. Die Betonung empirischer Ansätze in der Behandlung philosophischer Fragen entspricht auch dem generellen naturalistischen Temperament, das in der zeitgenössischen Philosophie weit verbreitet ist, aber auch darüber hinaus im gesellschaftlichen Diskurs fast so etwas wie eine communis opinio darstellt. In Anlehnung an Quine (der sich natürlich selbst auf einige Einsichten des logischen Positivismus bezieht) beziehen viele Philosophen die Position, daß die Philosophie sich nicht prinzipiell von den Einzelwissenschaften unterscheidet, sondern mit ihnen kontinuierlich zusammenhängt. Das soll sowohl für die zu behandelnden Gegenstände wie auch, vielleicht sogar insbesondere, für die verwandten Methoden gelten. Dieser Gedanke beruft sich auf die Idee der kausalen Geschlossenheit der Welt, die zu bestreiten unserem wissenschaftlichen Weltbild gegenüber einen starken Argumentationszwang hervorrufen würde. Tritt dann noch eine Neigung zur Vereinheitlichung der Einzelwissenschaften hinzu, die meist so gedacht wird, daß sie idealiter in der Reduktion auf die Physik als Leitwissenschaft mündet<34>, ist klar, daß eine wissenschaftliche Untersuchung unserer Wahrnehmungsleistungen von der schwammigen Ebene psychologischer Untersuchungen möglichst weit in die Physiologie (und eventuell in noch elementarere Disziplinen) zurückverfolgt werden muß. Gegenüber der Behauptung, daß auf diese Weise die interessanten Fragen nicht behandelbar seien, erhebt sich von Seiten eines so verstandenen Naturalismus rasch ein Obskurantismusverdacht. Für unseren Zusammenhang ist es aber unerläßlich, die Frage zu klären, was alles innerhalb einer Theorie des Sehens berücksichtigt werden muß. Und da ist es zunächst erstaunlich, daß der Umstand, wie es sich anfühlt, etwas zu sehen, für die meisten der existierenden Theorien keine Rolle spielt. Man verläßt sich in der empirischen Forschung allzu oft darauf, daß eine gute Neurophysiologie auch dieses Problem in den Griff bekommen wird.


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Zumindest eine der Ursachen für die große Undurchsichtigkeit der Qualia-Diskussion liegt in der Vernachlässigung der wahrnehmungstheoretischen Komponente des Problems des phänomenalen Bewußtseins. Inspiriert durch die cartesianische Tradition, vielleicht in einigen Fällen auch durch die Phänomenologie, meinen viele Philosophen, daß sich die Frage, wie mir etwas erscheint, aus der Innenperspektive lösen lassen muß, denn mein phänomenales Erleben sei relativ unabhängig von der tatsächlichen Beschaffenheit der physikalischen Welt. Über meine Qualia könne ich mich auch nicht täuschen, denn wenn mich jemand irgendwie dazu bringt, den Eindruck eines roten Kreises zu haben, ohne daß ein solcher in meiner Umwelt existiert, habe ich doch den Eindruck eines roten Kreises.

Ich finde Voraussetzungen dieser Art nicht sonderlich überzeugend. Im Gegenteil scheint es mir unvorsichtig, sehr viel darüber sagen zu wollen, wie ich etwas erlebe, ohne eine Theorie darüber im Hintergrund zu haben, was ich denn da erlebe. Anders gesagt, scheint es mir problematisch, den (auch phänomenalen) Gehalt einer Wahrnehmung bestimmen zu wollen, ohne auf das Objekt einzugehen, das wahrgenommen wird. Tatsächlich machen sich einige neuere Theorien (z.B. der Repräsentationalismus oder Intentionalismus) durchaus Gedanken darüber, daß phänomenale Episoden in der Regel auf bestimmte Gegenstände in der Umwelt gerichtet sind. Eine Erläuterung dessen, wie es konkret, d.h. bezogen auf unsere biologische Ausstattung, möglich sein soll, daß wir uns auf Umweltobjekte richten können, sucht man dagegen vergebens. In diesem Sinne sind die folgenden längeren Ausführungen zu wahrnehmungstheoretischen Problemen keine Zeitverschwendung innerhalb des Versuchs, eine Erklärung phänomenaler Zustände zu geben, sondern bilden die Basis, auf der eine solche Erklärung erst möglich wird. Denn es ist höchst unplausibel, daß weder das, was wir sehen, noch die organische Ausstattung, mittels der wir sehen, relevant für unser phänomenales Erleben ist.

Anhand der Debatte zwischen Inferentialismus und direkter Theorie kann man besonders deutlich illustrieren, welche Rolle der Philosophie in einer von den empirischen Einzelwissenschaften geprägten Diskussion zukommen kann. Denn es kann gezeigt werden, daß diese Debatte erst aus verschiedensten begrifflichen Verwirrungen entsteht und als empirische Debatte eigentlich gegenstandslos ist, weil empirische Forderungen nicht hinreichend von theoretischen Vorgaben abgegrenzt sind, die bestimmte Antworten von Anfang an unausweichlich werden lassen. Das Begriffsgerüst eines ganzen Typs von Theorien über das Funktionieren unserer Sinne wird auf durchaus problematische Art mit einem empirischen Programm vermengt. Um zu verdeutlichen, wie es zu dieser Scheindebatte hat kommen können, greife ich zunächst einige Gedanken derjenigen Theoretiker auf, die für die Entwicklung des Inferentialismus’ in besonderer Weise verantwortlich sind: Berkeley und Helmholtz.

3.2. Berkeley und Helmholtz als Inferentialisten

Es ist ein eigentümliches Phänomen in der Literatur über visuelle Wahrnehmung, daß seit dem 17. Jhdt. diesbezügliche Fragen gewöhnlich in Werken behandelt werden, in deren Titel der Begriff ‘Optik’ auftaucht. Wir sind gewohnt, diesen Titel sehr viel eingeschränkter zu verwenden, nämlich für alles, was mit Lichtwellen und ihren Weg zum Auge zu tun hat. Wir denken dabei etwa an Brechungsindices, Lichtresorption oder Fokussierungspunkte. Von den Anfängen in der arabischen Rezeption der aristotelischen Philosophie bei Alhazen aber bezeichnete ‘Optik’ eine umfassende Theorie des Sehens, die eine Theorie über die Weise beinhaltete, in der mentale Prozesse in der Vermittlung des Gesehenen eine Rolle spielen, d.h. sie bezog sich auf das, was wir heute als Physik, Physiologie und Psychologie bezeichnen würden. Vom 17. Jhdt. bis in die Gegenwart hinein wird die Sinneswahrnehmung typischerweise als das Resultat einer Kausalkette aufgefaßt, die außerhalb des Körpers ihren Ausgang nimmt und im Geist ihr Ende findet. Die ersten Schritte des Wahrnehmungsprozesses (bis zum Eintritt in den Geist) verstand man als weitgehend mechanisch. Auf die visuelle Wahrnehmung angewendet, führte dieses Bild der sinnlichen Wahrnehmung zu einer Unterteilung des Sehvorgangs in drei Stufen: erstens einer physikalischen, die diejenigen Prozesse beinhaltet, in denen Licht von Objekten in das Auge hinein reflektiert wird und dort ein Retinabild ergibt; zweitens einer physiologischen, die die Nervenimpulse umfaßt, die mit dem Effekt des Retinabildes auf den optischen Nerv beginnt und über die Reizleitung an das Gehirn bis in die sensorischen Zentren reicht; drittens einer psychologischen, die die mentalen


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Ereignisse ausmachen, die durch die physiologische Affizierung des Sensoriums ausgelöst werden oder die durch weitere Interaktion zwischen oder Kombination von solchen mentalen Ereignissen verursacht werden. Ein gewisses Problem stellte dabei die praktische Schwierigkeit dar, die Geschehnisse zwischen Retinabild und mentalem Ereignis zu beobachten. Aber auch vor den mentalen Ereignissen selbst schienen introspektive Methoden häufig genug zu versagen, worauf Gary Hatfield hingewiesen hat:

As optical writers from Alhazen to Descartes to Berkeley and his eighteenth-century successors lamented, or at least grudgingly admitted, the mental operations intervening between the sensory given and the perceptual outcome occur so rapidly that they are unnoticed and hence inscrutable. (Hatfield 1990: 34)

Die am Zustandekommen des bewußten Sehens beteiligten Prozesse sind in der Regel für uns in der Introspektion transparent; mir kommt es zumindest immer so vor, als sei das Objekt meines Sehens ein Ding in der ‘Außenwelt’, während ich von den Prozessen meiner ‘Innenwelt’ zwar annehmen muß, daß sie hinreichend strukturiert sind, um mein Sehen zu ermöglichen, es mir in der Regel aber unmöglich ist, sie selbst in den Blick zu bekommen: Wenn ich einen blauen Gegenstand sehe, sehe ich scheinbar eine Eigenschaft des äußeren Gegenstandes, habe aber gleichzeitig eine innere Blauempfindung.

Das Problem, wie unsere Wahrnehmung einer dreidimensionalen sichtbaren Welt aus den zweidimensionalen Netzhautbildern erklärt werden kann, wurde in der frühen Neuzeit allgemein gesehen. Berkeley drückte es in einer berühmten Formulierung wie folgt aus:

Distance, of itself and immediately, cannot be seen. For, distance being a line directed endwise to the eye, it projects only one point in the fond of the eye, which point remains invariably the same, whether the distance the longer or the shorter. (Berkeley 1709[1871]: 35, § 2)

Berkeley ist oft dahingehend mißverstanden worden, daß seine New Theory of Vision im Nachweis dieser These von der Unmöglichkeit der direkten Distanzwahrnehmung bestünde. Es handelt sich dabei aber eher um eine Annahme, die Berkeley als notwendig ansieht, um den Phänomenen Herr zu werden. Das Zitat steht als zweiter Abschnitt am Beginn der New Theory, und in dem Teil seines Essays, der sich speziell mit der Raumwahrnehmung auseinandersetzt, (Abschnitte 3-51) findet sich nicht die Spur eines Versuchs, dafür einen Nachweis zu erbringen. Berkeley setzt schlicht voraus, daß wir direkt oder unmittelbar nur Licht und Farbe wahrnehmen; räumliche Distanz, relative Größe und Lage hingegen nehmen wir nur abgeleitet wahr, wobei unsere unmittelbaren visuellen Erfahrungen oder Erlebnisse als ‘Zeichen’ für die abstrakteren Vorstellungen einstehen. Berkeley zufolge etablieren wir die Verbindung zwischen diesen zwei Mengen von Vorstellungen über einen Lernprozeß. Ganz ähnlich verfahren wir dann auch intermodal: Die aus bereits erlebten Situationen durch Assoziationen herausgebildete Gewohnheit verbindet unser visuelles, mannigfaltiges Erleben und die kinästhetische Wahrnehmung solcher Reize wie der Augenbewegung oder Fokussierung mit unseren taktilen Vorstellungen über den Raum, wie wir sie aus der Bewegung und dem Tastsinn gewinnen. Erst diese, im wahrsten Sinne des Wortes begrifflichen Vorstellungen verleihen unseren Sinneserlebnissen eine genuin räumliche Bedeutung:

Having of a long time experienced certain ideas perceivable by touch -as distance, tangible figure, and solidity- to have been connected with certain ideas of sight, I do, upon perceiving these ideas of sight, forthwith conclude what tangible ideas are, by the noted ordinary course of nature, like to follow. (Berkeley 1709[1871]: 54, § 45)

Wenn aber unsere Raumwahrnehmung ein Konstrukt aus den zunächst strikt voneinander zu trennenden sinnlichen Zeichen der einzelnen Modalitäten ist, ergibt sich das Problem, daß ein Gegenstand, den wir als ein Ding sehen, in Wahrheit aus den jeweiligen Gegenständen, so wie sie uns in den einzelnen Sinnesmodalitäten gegeben sind, zusammengesetzt ist. Berkeley ist hier aber so konsequent, seine Folgerungen aus der Unmöglichkeit der Wahrnehmung des Raumes auch gegen eventuelle Intuitionen zu verteidigen und eine ausgesprochen reichhaltige Ontologie in Kauf zu nehmen:

That which is seen is one thing, and that which is felt another. If the visible figure and extension be not the same with the tangible figure and extension, we are not to infer that one

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and the same thing has divers extensions. The true consequence is that the objects of sight and touch are two distinct things. (Berkeley 1709 [1871]: 56, §49)

Für sich betrachtet, gibt es innerhalb des visuell Mannigfaltigen überhaupt keine Räumlichkeit; radikaler noch, die Modalitäten teilen nicht einmal den selben Gegenstandsbereich. Vielleicht liegt hier einer der Gründe, warum sich für Berkeley das Problem gar nicht stellt, warum es einen phänomenalen Unterschied dazwischen zu geben scheint, zu sehen, daß ein Gegenstand eckig ist, und dies taktil zu spüren. Wenn es sich um zwei Objekte handelt, nämlich den ‘gesehenen Gegenstand’ und den ‘gefühlten Gegenstand’, wäre nichts anderes zu erwarten. Wahrnehmungen, die diese verschiedenen Gegenstände in ein Wahrnehmungskorrelat integrieren, sind strenggenommen immer schon Urteile, die sich auf Erfahrungen berufen müssen. Die Schwierigkeit, auf dieser Grundlage zu einer auch nur halbwegs einleuchtenden ‘Phänomenologie der Wahrnehmung’ zu gelangen, deutet meines Erachtens bereits auf ein grundlegendes Problem inferentialistischer Ansätze überhaupt hin, das ich hier, um nicht vorzugreifen, zunächst nur markieren möchte.<35>

Den Prozeß der Assoziation verschiedener Arten von Vorstellungen stellt sich Berkeley offenbar als eine Art Manipulation der unmittelbar gegebenen Zeichen, d.h. der Sinnesdaten vor. Es scheint, als wäre dieser Assoziationsprozeß weniger analog zum Interpretieren sprachlicher Zeichen zu verstehen, vielmehr bewegt sich Berkeley hier auf dem Hintergrund der empiristischen Psychologie. Seit Hobbes war es in dieser Traditionslinie üblich, sich die Assoziation als mechanische Abfolge bestimmter Vorstellungen vorzustellen. Diese ‘fancies’, schreibt Hobbes, sind nichts anderes als ”motions within us“:

And those motions that immediately succeed one another in the sense, continue also together after Sense: In so much as the former coming again to take place, and be praedominant, the latter followeth, by coherence of the matter moved, in such manner, as water upon a plain table is drawn which way any part of it is guided by the finger. (Hobbes 1651[1985]: 94)

Damit sind alle Elemente vorhanden, die einen inferentialistischen Ansatz auszuzeichnen pflegen: Der Beginn des Wahrnehmungsprozesses ist ein Anfangsreiz, der in irgendeiner Weise gegenüber dem reizauslösenden Gegenstand minderwertig ist und, um Auskunft über den Gegenstand geben zu können, erst intern durch geeignete Verarbeitung aufgewertet werden muß. Man könnte als Kautele allerdings anführen, daß Berkeley es vermeidet, diese Verarbeitung allzusehr zu intellektualisieren. In der New Theory of Vision entwickelt er im einzelnen, daß keine expliziten Rechenschritte stattfinden müssen:

What seems to have misled the writers on optics in this matter is, that they imagine we judge of distance as they do of a conclusion in mathematics [...]. But it is far otherwise in the sudden judgments we make of distance. We are not to think that brutes and children, or even grown reasonable men, whenever they perceive an object to approach or depart from them, do it by virtue of geometry and demonstration. (Berkeley 1709[1871]: 41, § 24)

Im Gegenteil kann die Raumwahrnehmung besser im Rahmen seiner Assoziationspsychologie erklärt werden, also eher in den Begriffen von sinnlichem Erleben und Gewohnheit (sense and habit) als dem des Intellektes. Trotzdem tut man Berkeley sicher nicht unrecht, wenn man ihn als Inferentialisten bezeichnet, denn selbst, wenn er es ablehnt, die Art der Verarbeitung von Sinnesreizen im visuellen System als Deduktion zu betrachten, bleibt es doch seine Überzeugung, daß man sie sich als induktiven Schluß vorzustellen hat.

Bei Helmholtz finden sich sehr ähnliche Gedanken, allerdings nicht als Konsequenz eines empiristischen, also philosophischen Programms wie bei Berkeley, sondern als Interpretation seiner


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empirischen Experimente. In seiner Einleitung zu den drei Bänden des Handbuchs der physiologischen Optik unterteilt Helmholtz diese Disziplin in drei Teile: Die Dioptik des Auges, die Theorie der Empfindungen des nervösen Mechanismus’ des Sehens und die Theorie der Interpretation der visuellen Empfindungen. Die erste Unterdisziplin verfolgt den Weg der Lichtstrahlen, die das optische Medium des Auges durchqueren. Die zweite untersucht die Empfindungen, die solches Licht im Nervensystem hervorruft, allerdings ohne auf ihre Zweckdienlichkeit zur Erkennung externer Gegenstände zu achten. Die Sehempfindungen werden als uninterpretierte Zeichen behandelt, die mit der Lichteinwirkung auf das Auge kausal im Nervensystem entstehen. Erst die dritte Unterdisziplin beschäftigt sich mit der Repräsentation von Objekten im Raum, die durch die Sehempfindungen vom Beobachter gebildet werden können.

Helmholtz meint, ganz ähnlich wie Berkeley, daß unsere Sinnesmechanismen auf den Einfall von Licht so reagieren, daß sie ganz bestimmte Arten von ‘visuellen Erlebnissen’ erzeugen, die keine intrinsische räumliche Bedeutung haben. Diese Sinneserlebnisse können rein physiologisch als die Fähigkeit eines Sinnesorgans erklärt werden, auf Reize einer ganz bestimmten Art zu reagieren. Helmholtz unterscheidet diese rein physiologisch als Reizspektrum einer bestimmten Art von Rezeptor beschreibbaren Erlebnisse ausdrücklich von unseren alltäglichen Erlebnissen von Objekten im Raum. Die dort immer schon zugestandene Räumlichkeit von Gegenständen ist keine rein visuelle Erfahrung, sondern eine Vorstellung, die durch den Reiz erst auf einer höheren Verarbeitungsebene ausgelöst wird. Das Aufreten solcher Vorstellungen reicht über das bloße organische oder physiologische Prozesse hinaus. Es unterliegt Lernprozessen und ist daher bereits eine psychologische Größe. Wir haben es also auch hier mit einem Stufenmodell der Wahrnehmung zu tun, in dem aus dem nur sinnlich Erlebten eine Wahrnehmung im eigentlichen Sinn erst gewonnen werden muß. In Anlehnung an das klassische empiristische Vokabular könnte man davon sprechen, daß aus den Empfindungen (sensations) erst Wahrnehmungen (perceptions) werden müssen. Eine der zentralen Thesen von Helmholtz, die in seinem Werk immer wieder neu formuliert wird, ist die Auffassung, daß fast alle unsere Wahrnehmungen psychologische Prozesse wie das Lernen beinhalten und daher keine bloßen Empfindungen sind. Letztere - und damit befindet Helmholtz sich in Übereinstimmung mit der gängigen Auffassung des 19. Jhdts - haben intrinsisch nichts Räumliches an sich, sondern variieren nur in Qualität und Intensität. Als Reize sind sie so ausschließlich proximal bestimmt. Die Postulierung solcher Empfindungen beruht dabei auf der physiologischen Annahme, daß jeder sensorische Nerv seine sensorische Aktivität unabhängig von anderen Nervenfasern direkt ins Gehirn übermittelt. Auch dies ist eine alte Vorstellung: Schon Descartes stellte sich die Reizübermittlung als eine Art Druckübertragung in den Nerven vor, die er als mit einem Fluidum gefüllte Röhren ansah. Allerdings hatte sich im 19. Jhdt. die Leitmetapher verschoben. Zum einen aufgrund der theoretischen Erkenntnisse über die Elektrizität, zum Teil aber auch durch deren technische Anwendungen meinte man nun, die Nerven seien so etwas wie isolierte Telegraphendrähte, in die eine Taste auf der Netzhaut einen Morse-Code einspeiste, der dann ohne Veränderung direkt ins Hirn geleitet würde.<36> Dort wird diese Aktivität dann ‘ins Erleben’ oder ‘zu Bewußtsein’ gebracht, wie Helmholtz sich häufig ausdrückt, obwohl er anerkennt, daß diese Art des rein sensorischen Erlebens für sich genommen nicht introspektiv zugänglich ist.

Ein offensichtliches Problem, mit dem diese Theorien zu kämpfen hatten, ist der Umstand, daß wir von jedem Punkt des Gesichtsfeldes zwei Bildpunkte haben - eines in jedem der beiden Augen. Trotzdem sehen wir jeden Punkt unter Normalbedingungen nur einmal, was nach der Telegraphendrahtsmetapher zumindest erstaunlich ist. Das 19. Jhdt. hatte auf diese Schwierigkeit zwei verschiedene Antworten parat, die sich bezüglich des Ortes unterscheiden, an dem die Reize kombiniert werden:

Some authors, including Müller, explained single vision by positing innate anatomical connections between the two eyes. Others, including Helmholtz, maintained that stimulation of nervous fibers in the two retinas produces two sensations that are united by being referred, through a psychological process, to a single external source. With respect to the controversy between nativism and empiricism, the point of contention was whether single vision is the

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‘psychical’ product of learning through experience or the result of innate anatomical connections. (Hatfield 1990: 181)

Helmholtz’ Paradigma für einen psychologischen Lernprozess ist ein unbewußter, induktiver Schluß (vgl. die Physiologische Optik, § 26). Das entscheidende Verbindungsglied für diese Analogie ist dabei, daß sowohl im induktiven Schließen wie im Sehen die Hauptprämissen aus der Erfahrung gewonnen werden. Genau wie der experimentell arbeitende Wissenschaftler gemäß seiner Erfahrung Gesetzmäßigkeiten entwickelt und überprüft, erwirbt das Wahrnehmungssystem die ‘Gesetze’ der räumlichen Wahrnehmung. In der Physiologischen Optik entwickelt Helmholtz eine detaillierte Theorie der räumlichen Wahrnehmung, in der er dafür argumentiert, daß sowohl die Fähigkeit, den Raum überhaupt zu repräsentieren wie die Fähigkeit, Gegenstände im Raum zu lokalisieren, durch Lernen erworben werden. Er charakterisiert den Lernprozeß als inferentiell und entwickelt eine Auffassung, in der die unbewußten Inferenzen der Wahrnehmung gemäß seines ausdrücklich betonten Ideals des naturwissenschaftlichen Beweisganges erklärt werden, das selbst in direkter Kontinuität mit der Newtonschen Erklärungsform steht. Helmholtz meinte außerdem, daß die unbewußten Inferenzen der Wahrnehmung vom gleichen Typus seien wie die mentalen Aktivitäten, die naturwissenschaftliches Schließen ausmachen und hoffte, das naturwissenschaftliche Urteilen und die Wahrnehmung in denselben Theoriezusammenhang bringen zu können. Es fällt nicht schwer, in diesen Überlegungen den Ursprung der modernen Kognitionswissenschaften zu sehen, die gleichfalls davon ausgehen, daß alle psychologischen Prozesse auf neurophysiologisch realisierten propositionalen Strukturen beruhen.

Gemäß dieser Analogie verknüpft Helmholtz sowohl in den Vorträgen wie im schon zitierten Abschnitt 26 der Physiologischen Optik seine Theorie des Sehens mit Standpunkten, die in den Bereich metaphysischer Spekulation und der generellen Erkenntnistheorie fallen, wobei ihm besonders das Problem der Möglichkeit des Skeptizismus inbezug auf die Außenwelt beschäftigt. Die Idee scheint dabei zu sein, die Skepsis dadurch zu umgehen, daß die höhere Gewißheit der wissenschaftlichen Methode der Sinneswahrnehmung eine größere Respektabilität verschafft, indem man feststellt, daß beide sich letztlich ähnlicher Beweismethoden bedienen. Als Antwort auf den Skeptiker ist allerdings der Verweis auf die respektable wissenschaftliche Methodik, die dem Sehen zugrunde liegt, ein wenig überraschend. Bekannterweise sah sich gerade die empiristische Tradition stets außerstande, den skeptischen Zweifel zu beruhigen; ein Umstand, den Hume selbst im Treatise in bewundernswerter Weise formuliert hat. Alle empirische Wissenschaft muß sich auf Induktionsschlüsse berufen, diese aber sind notorisch anfällig gegenüber dem philosophischen Radikalskeptiker. Vielleicht zeigt sich hier auch die Herkunft von Helmholtz aus der empirischen Forschung, die es sich gar nicht leisten kann, von derlei spitzfindigen Zweifeln angekränkelt zu werden.

Unbewußte Inferenz ist nach Helmholtz sowohl am Erlernen wie an der Anwendung dieser quasi naturgesetzlichen Zusammenhänge beteiligt, die durch Analogieschlüsse zustande kommen. Der Bezug auf Analogieschlüsse stammt dabei aus John Stuart Mills Logik, was noch einmal Helmoltz’ grundlegende empiristische Orientierung verdeutlicht.<37> Nachdem diese Gesetzmäßigkeiten einmal erworben (und, so müßte man der Vollständigkeit halber hinzufügen, empirisch bestätigt) sind, dienen sie als wichtige Prämissen für Inferenzen auf die Größe, Form und Entfernung von Objekten auf der Grundlage der spezifischen lokalen Reizung der Retina.

In der Kant-Rede von 1855 Ueber das Sehen des Menschen erläutert Helmholtz seine Vorstellung der Psychologie des Sehens in besonderer Ausführlichkeit. In Hinsicht auf die generellen Charakteristika der Wahrnehmung läßt er es in den folgenden Punkten nicht an Deutlichkeit fehlen: Empfindung ist nicht Wahrnehmung; wirkliches Sehen resultiert aus dem Verstehen von Empfindungen und ist folglich ein psychologischer Prozeß; wir lernen zu sehen; Sehen ist ein Ergebnis, zu dem wir durch Urteile, Schlußfolgerungen und Überlegungen gelangen, die selbst nicht bewußt sind.<38>


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3.3. Fünf Vorschläge zur Interpretation des Inferenzbegriffs

Die strukturellen Ähnlichkeiten der Theorien von Berkeley und Helmholtz sollten uns jetzt klar genug vor Augen stehen: Beide behaupten, daß unsere visuelle Wahrnehmung der Welt weit über das hinausgeht, was uns im Wahrnehmungserlebnis physiologisch gegeben ist. Die organischen Prozesse, die dem Wahrnehmungserlebnis zugrunde liegen, sind qualitativ verschieden von den Prozessen, die Wahrnehmungen im engeren Sinne hervorrufen. Wahrnehmungen beruhen auf vorhergehenden mentalen Zuständen, von denen sie ausgelöst werden.

Über diese grundlegende, von beiden geteilte Struktur hinaus, die sie mit zahlreichen aktuellen Theorien der Wahrnehmung teilen, ist allerdings noch nicht viel darüber ausgesagt, wie die Verarbeitung im Einzelnen abläuft. Wenn man sich im Gestrüpp der verschiedenen Ansätze zu orientieren versucht, die sich selbst als inferentialistisch bezeichnen, fällt rasch auf, daß es kaum Einigkeit darüber gibt, was genau ‘Inferenz’ eigentlich heißen soll. Das liegt weniger daran, daß es diesbezüglich so viele unterschiedliche Positionen gibt als vielmehr daran, daß selten klar gesagt wird, was in der postulierten Inferenz die Prämissen und Konklusionen sind beziehungsweise welche Art von psychologischer Struktur irgendetwas inferiert. Ein weiteres Problem dabei ist, daß häufig nicht deutlich wird, wie genau das Verhältnis von Physiologie und mentalem Zustand gedacht ist. Berkeley sagt darüber nichts Erhellendes, während bei Helmholtz eine nie explizit gemachte Identitätstheorie zugrundezuliegen scheint.

In der Literatur werden gängigerweise mindestens fünf verschiedene Kriterien in Anschlag gebracht, deren Vorliegen die Rede von einem inferentiellen Prozesses rechtfertigen könnte. Es sind dies erstens die Unterscheidung von Wahrnehmungen und Empfindungen, zweitens Lernprozesse, drittens verarmte Reize als Ausgangsbedingung, aus denen auf die Wahrnehmung ‘hochgerechnet’ werden muß, viertens die Beteiligung mentaler bzw. psychischer Operationen und fünftens epistemologische Thesen darüber, was denn wirklich gesehen wird. Diese Kriterien verdienen es, kritisch durchleuchtet zu werden. Besonders konzentrieren werde ich mich dabei auf das dritte genannte Kriterium, welches eine der Voraussetzungen vieler wahrnehmungspsychologischer und -physiologischer Theorien ist.

3.3.1. Die Unterscheidung zwischen Empfindung und Wahrnehmung

Diese Grundidee haben wir oben schon kurz beschrieben: Viele Theorien gehen davon aus, daß dasjenige, dessen wir uns in einem ersten Schritt unmittelbar gewahr werden, ein sinnlicher Kern der Wahrnehmung oder eine phänomenale Mannigfaltigkeit ist, die als Reiz oder Signal für höherstufige Wahrnehmungen dient. Dabei wird normalerweise davon ausgegangen, daß der sinnliche Kern direkt auf die Lichtverteilung im Retinabild bezogen ist. Die erlebte Farbe und der erlebte Kontrast spiegeln die Eigenschaften des Lichts wieder, welches auf den spezifischen Ort auf der Retina einwirkt.

Man könnte auch die These vertreten, daß es in einigen oder allen Fällen ursprüngliche basale ‘Repräsentationen’ gibt, die die lokalen Intensitäts- und Farbverteilungen auf der Retina wiedergeben, ohne daß diese Repräsentationszustände aber phänomenal (oder sonst irgendwie) erlebbar sind.<39> Vielleicht stehen sie einfach sehr weit unten in der Kette neurophysiologischer


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Zustände, die erst ab einem späteren Glied prinzipiell für das Bewußtsein zugänglich sind. Dann stellt sich aber schnell die Frage, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, derlei prinzipiell nicht mehr erlebbare hardware-Zustände als Empfindungen zu bezeichnen. Denn Empfindungen sind doch wohl psychologische Zustände, und von letzteren ließe sich vermuten, daß sie nur eine Teilmenge aller neurophysiologischen Zustände umfassen, nämlich diejenigen, die man sich irgendwie zumindest potentiell bewußt machen kann.<40>

Das scheint uns aber vor die folgende Alternative zu stellen: Entweder ist das, was als Empfindung bezeichnet werden soll, ein nicht erlebbarer, vermutlich neurophysiologischer Zustand, der (nicht phänomenal erlebt) unseren (phänomenalen) Wahrnehmungen vorausgeht. Solche Zustände müßten dann empirisch von den Neurowissenschaften untersucht werden. Oder aber Empfindungen gehen als phänomenal erlebte Zustände den ebenfalls phänomenalen Wahrnehmungen voraus. Das scheint mir eine völlig unplausible Verdoppelung phänomenal bewußter Strukturen zu sein (ich habe jedenfalls noch nie erlebt, wie eine ‘Empfindung’ in diesem Sinn in mir eine Wahrnehmung hervorgerufen hätte). In beiden Interpretationen ist die These jedenfalls keine Stütze für den Inferentialismus.

3.3.2. Lernen als Inferenz

Eine andere Art des Verständnisses inferentieller Prozesse in der Wahrnehmung speist sich aus entwicklungspsychologischen Erkenntnissen: Wir sehen die Dinge nicht von Anfang an so, wie sie sind. Säuglinge müssen offenbar erst lernen, mit den Daten, die über die Augen auf sie einströmen, so umzugehen, daß sie in ihnen bestimmte Strukturen als Gegenstände sehen. Man kann sich das so vorstellen, als müßte die Erfahrung erst bestimmte Spuren im Wahrnehmungsapparat hinterlassen, gemäß derer man aus den Reizen auf das schließt, was man als Gegenstand sieht. Hierbei handelt es sich um eine empiristische Position, die auf die Erfahrungsgebundenheit selbst unserer Sinnesorgane verweist, im Gegensatz zu einem Nativismus, der davon ausgeht, daß man die vorhandenen Organe quasi nur noch anschalten muß, um etwas zu sehen.

Dieses Lernkriterium für Inferenz deckt sich nicht notwendigerweise mit der oben angeführten Empfindung/Wahrnehmung-Unterscheidung. Es könnte z.B. sein, daß Lernprozesse direkt, also ohne das Eingreifen bewußter Zustände, in die hardware eingreifen und ihr Reaktionsverhalten auf spätere Reize modifizieren. Das ist ein im ersten Augenblick etwas kontraintuitiver Gebrauch von ‘Lernen’, unter dem man sich normalerweise einen höherstufig kognitiven Prozess vorstellt, aber in der Neurobiologie etwa wird dieser Terminus in eben dieser Weise verwendet (z.B. als Hebb-Lernen, d.h. als Veränderung der synaptischen Verbindungen). Auch Experimentalpsychologen wie


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Gregory behaupten manchmal, daß schon Insekten ‘lernen’ müssen, etwas wahrzunehmen.<41> Auch in diesem Fall fällt die Unterscheidung von Empfindungen und Wahrnehmungen, weil es nur noch (nicht-mentale) hardware-Veränderungen bzw. bewußte Wahrnehmungszustände gibt. Mit dieser Unterscheidung fällt aber auch das Modell eines Inferenzprozesses. Es ist problematisch genug, eine reine hardware-Veränderung immer noch als Lernen zu bezeichnen, hier aber von Inferenz zu sprechen, überstrapaziert zumindest meine Vorstellungskraft deutlich. Heute, im Umfeld der Fortschritte der Neurowissenschaften, erscheint es uns vielleicht ohnehin attraktiver, sehr viele Prozesse direkt auf hardware-Prozesse zurückzuführen. In der Diskussion um die Selbstorganisation neuronaler Netze werden vergleichbare Ideen heute intensiv diskutiert.

3.3.3. Verarmte Reize

Ein anderes Argument für die Notwendigkeit inferentieller Prozesse in der Wahrnehmung ist die Idee, daß uns von der ungeheuren Informationsmenge, die ein Objekt in der Umwelt spezifiziert, nur ein Bruchteil erreicht. Etwas technischer ausgedrückt, ist die Befürchtung die, daß die im Reiz enthaltene Information nicht reichhaltig genug ist, um unseren phänomenalen Eindruck zu erklären. Unser Gehirn ist nur durch den Flaschenhals der Sinnesorgane, die zudem noch ihre jeweiligen konstruktionsbedingten Verfälschungen mit einbringen, mit der Umwelt verbunden und kann aus diesen wenigen Indizien nur quasi detektivisch auf den Ist-Zustand der Welt zurückschließen. Der verarmte Reiz an sich ist nicht adäquat, um unsere Sinnesleistungen zu erklären.<42> Der für den Wahrnehmungsprozeß wichtige Reiz, das wird dabei vorausgesetzt, ist der proximale Reiz, also konkret die Reizung der Sinneszellen der Körperoberfläche. Demgegenüber spielt im Inferentialismus der distale Reiz, also das Objekt, das durch ein physikalisches Medium hindurch auf uns einwirkt, keine Rolle. Das ist immer noch die Mehrheitsmeinung auch in den Kognitionswissenschaften. In der Encyclopedia of Artificial Intelligence findet sich folgende Definition des Sehens:

The goal of an image-understanding system is to transform the two-dimensional data into a description of the three-dimensional spatiotemporal world. (Shapiro 1987: 389)

Ein Problem Darstellungen dieser Art ist, daß unklar bleibt, in welchem Sinn die Sinnesreize ‘verarmt’ sind. Denn je nach Lesart scheint die Auffassung des Reizes als verarmt trivialerweise wahr oder trivialerweise falsch zu sein - ein deutlicher Hinweis darauf, daß hier etwas begrifflich im Argen liegt.

Einerseits ist es trivialerweise wahr, daß Sinnesreize in dem Sinn verarmt sind, als daß in jeder möglichen Explikation des Begriffs ‘Reiz’ dieser nicht identisch ist mit dem, was durch seine Verarbeitung überhaupt erst entsteht, in unserm Fall also dem output in Form des visuellen Phänomens. Ein Reiz muß schließlich irgendetwas reizen, sonst wäre er keiner. Folglich ist es unmöglich, das Auftreten irgendeines als visuell charakterisierbaren Ereignisses zu erklären, ohne auf den Anteil zu verweisen, den der Sinnesapparat des wahrnehmenden Organismus daran hat. Ein Reiz kann noch so reich an Information über die Umwelt sein, wenn er auf das falsche Objekt trifft, einen Stein etwa, kommt dabei kein Sinneserlebnis zustande. Die Benennung eines bestimmten, zunächst einmal rein physikalisch spezifizierbaren Ereignisses wie dem Auftreffen von Licht auf eine Oberfläche als Reiz ist sogar hochgradig abhängig von dem System, inbezug auf welches es als solcher gelten soll.

Dieser Umstand, der geradezu die Bedingung dafür zu sein scheint, daß etwas als Reiz gelten kann, verweist zugleich auf den Sinn, in dem es trivialerweise falsch ist, daß Reize generell verarmt sind. Denn es scheint geradezu begrifflich wahr zu sein, daß ein Reiz, der ein bestimmtes visuelles Ereignis verursacht, zumindest in dem Sinn diesem Ereignis angemessen ist, daß er genügend reichhaltig ist, um das mit ihm verbundene Phänomen zu verursachen, da sonst nicht klar wäre,


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inwiefern er tatsächlich als Reiz für dieses bestimmte Sinneserlebnis fungieren könnte. Das ist ein zwar schwacher, aber doch berechtigter Begriff davon, was die Adäquatheitsbedingungen für Reize sind. So betrachtet, ergibt sich das Problem nicht, daß Reize verarmt sind.

Man könnte vorab vermuten, daß die erste, trivial richtige Erläuterung des verarmten Reizes diejenige ist, die von den empirischen Wissenschaften stark gemacht wird. Denn es ist eine gute wissenschaftliche Forschungsstrategie, sich zu überlegen, was rein organisch mit einem bestimmten auf Sinneszellen einwirkenden Reiz angestellt wird, bzw. was überhaupt aus dem physikalisch Einströmenden als Reiz durch die Sinnesorgane herausgefiltert wird. Der so gefilterte, bearbeitete und dem Erkenntnisvermögen zugängliche Reiz scheint dann der unproblematisch nicht-verarmte Reiz in der zweiten erwähnten Bedeutung zu sein. Um zu sehen, ob wir über eine solche Überlegung die begriffliche Konfusion beheben können, betrachten wir einige Fälle, die in der Literatur immer als paradigmatische Nachweise der Notwendigkeit inferentieller Prozesse in der Wahrnehmung herausgestellt werden.

Erstens wird häufig auf das Phänomen des sinnlichen ‘Ausfüllens’ (filling-in) verwiesen. Unsere Sinneseindrücke sind in verschiedener, systematischer Weise vom input unterschieden. Häufig ist der input lokal auch gar nicht vorhanden, obwohl wir keine lokalen Diskontinuitäten erleben. Dieses Phänomen gibt es in allen Bereichen des Sehens, in der Form- und Farb- wie in der Bewegungswahrnehmung, für die jeweils nur ein Beispiel genannt werden soll.

Zum einen gibt es z.B. bekanntlich auf der Retina einen ‘blinden Fleck’: An der Stelle, an der die Fortsätze der Neuronen der Retina, zum Sehnerv gebündelt, die Schichten von Rezeptorzellen durchbrechen, kann es aufgrund der Abwesenheit von Sinneszellen keine Reizungen geben. Ähnliche Fälle gibt es auch als lokale Läsionen in der Retina. Trotzdem erleben wir unser Sehfeld nicht so, als gäbe es darin ein Loch oder eine Lücke. Vielmehr sehen wir z.B. auch feine Muster als durchgängig. Auch dem Reizmuster nach an einer Stelle unterbrochene Formen sehen wir als geschlossen. Die Folgerung hieraus ist oft, daß wir uns das bewußte Muster in die Lücke sozusagen hineindenken und so ‘ausfüllen’.

Zum anderen erscheint uns unser Gesichtsfeld als einheitlich gefärbt. Das ist insofern bemerkenswert, als daß die Rezeptoren, mit denen wir Farben wahrnehmen, nicht gleichmäßig über unsere Retina verteilt sind. Die Farbwahrnehmung ist im Zentrum am stärksten und läßt gegen den Randbereich nach. Insgesamt sind so nur ca. 80 % unseres Gesichtsfeldes erfaßt, was darüber hinausgeht, enthält keine Farbrezeptoren mehr. Trotzdem erleben wir auch Gegenstände in der Sehperipherie als farbig; wir haben jedenfalls nicht den Eindruck, daß wir ab irgendeiner Stelle nur noch schwarz-weiß sehen würden. Auch hier ist es eine gängige Erklärungsstrategie, zu vertreten, daß wir von den Gegenständen wissen (oder doch bestimmte, vielleicht gar unbewußte Erwartungen darüber haben), welche Farbe sie haben, wenn wir sie in den zentralen 80% unseres Gesichtsfeldes sehen, und unsere Peripherie nach dieser Maßgabe ‘phänomenal einfärben’.

Schließlich kann man auch Bewegungswahrnehmungen dadurch hervorrufen, daß man unter bestimmten Randbedingungen zwei Punkte im raschen Wechsel auf benachbarte Punkte des Gesichtsfeldes projiziert. Obwohl es immer nur zwei Punkte sind, die ‘objektiv’ kurz nacheinander gesehen werden, hat man den ‘subjektiven’ Eindruck, daß ein Punkt hin und her springt. Auch hier, so die inferentialistische These, wird die Wahrnehmung der scheinbaren Bewegung des Punktes zwischen den tatsächlichen Projektionsorten vom Gehirn ergänzt.

Schon anhand dieser kleinen Auswahl einschlägiger Phänomene läßt sich die generelle Struktur des Arguments herausarbeiten: Weil das, was wir zu sehen glauben, nämlich Form, Farbe und Bewegung, in diesen Fällen tatsächlich nicht im proximalen Reiz vorhanden ist, d.h. nichts im Reizmuster Enthaltenes tatsächlich so aussieht, wie es uns erscheint, kann es nur das Gehirn sein, das die in dieser Hinsicht mangelhafte Information ergänzt. Diese Ergänzung ist dabei die Anwendung von Erfahrungen, die alles zu einem möglichst schlüssigen Gesamtbild des distalen Reizes zusammenfügen. Wir sehen daher mehr, als im proximalen Reiz selbst enthalten ist.

Zweitens läßt sich die Verarmung des Reizes auch so auffassen, daß er zwar all das liefert, was wir nach dem jeweilig geeigneten Verarbeitungsprozeß sehen, aber daß die so gelieferten Informationen nicht hinreichen, dem Gesehenen eine eindeutige Interpretation zu geben. So kommt es zu dem eigenartigen Phänomen mehrdeutiger Figuren, etwa dem Necker-Würfel: Die Anordnung


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von Linien auf einem zweidimensionalen Blatt Papier kann, aufgrund der speziellen Perspektivität, in der sie gezeichnet sind, sowohl als vorspringender wie als aus der Bildebene zurückweichender dreidimensionaler Würfel gesehen werden. Ein ähnliches Beispiel ist der durch Wittgenstein zu philosophischer Berühmtheit gelangte gestaltpsychologische Entenhase. Hier kann eine Umrißlinie entweder als seitliche, schematische Ansicht eines Hasenkopfes mit den typischen langen Ohren gesehen werden oder aber als Entenkopf, wobei dann die ‘Ohren’ als Schnabel dienen. Das, was uns hier in der Wahrnehmung, und das heißt hier: im proximalen wie distalen Wahrnehmungsreiz, gegeben ist, reicht nicht hin, um dasjenige, was wir tatsächlich als Figur sehen, eindeutig zu spezifizieren.

In gewisser Hinsicht ist dies der im Verhältnis zum ersten Verständnis von Verarmung des Reizes inverse Fall: War dort der Sinn, daß im Wahrnehmungsprozeß etwas zum für sich genommen nicht ausreichenden Reiz hinzufingiert wird, um das Wahrnehmungsbild zu erreichen, ist die These hier, daß zwar der Reiz alle Informationen über den gesamten Bereich des Sehfeldes lückenlos enthält, daß diese lückenlose Information allein aber (mindestens) zwei unterschiedlichen Wahrnehmungserlebnissen gleichermaßen angemessen ist. Der distale Reiz selbst ist mehrdeutig, das Wahrnehmungserlebnis zu einem bestimmten Zeitpunkt aber eindeutig, selbst wenn es, wie beim Necker-Würfel, zwischen den verschiedenen Interpretationen hin- und herspringen mag. Zu der reinen Stimulation der Sinnesorgane muß also ergänzend ein inferentieller Prozeß hinzutreten, der weitere Informationen, etwa über den Umweltkontext der spezifischen Reizung, hinzunimmt und so das gesehene Bild erst hervorbringt.

Zu diesen beiden Vorwürfen der lokalen Verarmung des Reizes beziehungsweise der Mehrdeutigkeit des nicht-interpretierten Reizes gesellt sich in der Literatur drittens häufig der allgemeinere Vorwurf, Sinnesreize seien auf noch grundlegendere Art generell verarmt. Zum Beispiel nimmt man den Umstand zum Ausgangspunkt, daß der neuronale Code, in der die Reizung durch Photonen schon in der Retina umgesetzt werden, für alle Hirnvorgänge gleich, d.h. unspezifisch ist. Dann wird behauptet, daß allein daraus schon folgt, daß die solcherart verarmten Reize im Gehirn so verarbeitet werden müssen, daß überhaupt erst wieder klar wird, z.B. aus welcher Sinnesmodalität sie stammen. Dieser Prozeß sei nur als Inferenz beschreibbar.<43>

Ein vierter Typus der Explikation von ‘verarmt’ in unserem Zusammenhang beruft sich auf die alte Intuition, daß, wenn wir von den Dingen, die wir wahrzunehmen scheinen, nur dadurch wissen, daß sie unsere Sinnesorgane auf eine bestimmte Weise affizieren, es sich mit der Welt draußen sich ja auch ganz anders verhalten könnte, als es sich uns darstellt, wenn nur die Reizungen auf irgendeine Weise gleichbleiben. Vom cartesischen Bösen Geist der Meditationen bis zu den evil scientists der verschiedenen Variationen der Szenarien von Gehirnen im Tank hält sich diese Intuition nahezu unverändert durch. Wenn es uns aufgrund gleichgehaltener Reize so vorkommt, als hätte sich an den wahrgenommenen Objekten nichts verändert, obwohl sie im schlimmsten Fall vielleicht nicht einmal mehr existieren, scheint das Zugeständnis unvermeidbar, daß im Verhältnis zu den Dingen selbst die Reize, die in uns durch sie hervorgerufen werden, in krassester Weise verarmt sein müssen.

Es ist nun nicht ganz klar, was bezüglich des Wesens der visuellen Inferenz daraus folgen soll, daß der Reiz verarmt ist. Dabei ist es relativ belanglos, was die bevorzugte Lesart von ‘verarmt’ ist. Es wäre ja durchaus denkbar, daß der Schritt, der zum bloßen Reiz hinzutreten muß, um ein Wahrnehmungsbild zu erzeugen, anders als inferentiell funktionierte (z.B. rein mechanisch, okkasionalistisch durch geeignetes Eingreifen Gottes, etc.). Manchmal wird der hier fehlende Argumentationsschritt einfach begrifflich umgangen: Zu behaupten, daß das Sehen auf Inferenz beruhe, sei eben dasselbe wie zu sagen, der Reiz sei auf die jeweils genauer angebbare Weise verarmt. Diese Aussage aber erkauft man durch einen leichtfertig weiten Umgang mit dem Inferenzbegriff. Tatsächlich scheinen viele Autoren willens zu sein, den Begriff ‘Inferenz’ für jede Art von Prozeß zu verwenden, wie unterschiedlich diese auch im Einzelnen sein mögen, dessen sich das visuelle System bedient, um einen nicht ausreichenden Reiz in eine Wahrnehmung zu verwandeln. Eine solche Aussage ist aber von magerem Erklärungswert, impliziert sie doch nichts über die Feinstruktur der Leistungen unseres Sinnesapparats. Sie ist auch mit fast jeder beliebigen


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Erklärung solcher Leistungen verträglich, läuft sie doch letztlich auf folgende These hinaus: ”Alles, was das Gehirn tut, um aus Sinnesreizen Wahrnehmungen zu formen, ist eine Inferenz. Wir haben nun Wahrnehmungen, also gibt es auch Inferenzen im Gehirn. Voilà.“ Diese ‘Erklärung’ von Inferenz ist offenbar so schwach, daß sie keinen Erklärungswert mehr besitzt.

Warum aber gibt es keine stärkere Version der Explikation von ‘verarmten Reizen’ in der Literatur? Ein Hauptgrund hierfür mag darin liegen, daß für alle Fälle, die wir oben unterschieden haben, gänzlich unterschiedliche Mechanismen der Verarbeitung verantwortlich sein könnten. Dann würde sich herausstellen, daß es soetwas wie ein einheitliches Phänomen hier überhaupt nicht gibt; was als Reiz gilt, wäre jeweils abhängig von der Funktionsweise des verarbeitenden Mechanismus.

Bezüglich der Scheinbewegung (als Indiz für die erste oben geschilderte Explikation der Bedeutung von ‘verarmter Reiz’) zum Beispiel gibt es ein weites Spektrum von Erklärungsversuchen, die von gestalttheoretisch postulierten einfachen ‘Kurzschlüssen’ innerhalb unseres Gehirns bis zu kognitivistischen Behauptungen reichen, wonach Scheinbewegungen durch Problemlösungsansätze zustande kommen, derer sich das Hirn bedient, um auf die je beste Erklärung eines bestimmten Reizes zu schließen. Schon hier zeigt sich, ohne auf die Theorien im Einzelnen eingehen zu müssen, daß die Frage, wie das visuelle System mit eventuell inadäquaten Reizen fertig wird, offenläßt, ob es sich bei dem Verarbeitungsprozeß um eine Art Inferenzschluß handelt - genau das bestreitet die Gestalttheorie ja, wenn sie als Erklärung schlicht ein factum brutum innerhalb der hardware postuliert.

Daß allein die Annahme einer Reizverarmung ohne genauere Spezifikation, was denn darunter zu verstehen sei, nicht hinreicht, um interessante theoretische Unterscheidungen zu treffen, zeigt sich auch daran, daß die meisten, wenn nicht alle, Definitionen von ‘verarmten Reiz’ sich neutral verhalten zu der Frage, ob Wahrnehmung immer als zweistufiger Prozeß des Übergangs von Empfindungen zu Wahrnehmungen zu verstehen ist (diese Frage war unser erstes Kriterium). In ähnlicher Weise kann man zugeben, daß ein bestimmter Reiz für sich genommen nicht reich genug ist, um zu erklären, warum ein Phänomen auftritt, ohne sich aber festlegen zu wollen, wie genau man sich den Prozeß vorstellt, der das Phänomen erzeugt. Reizverarmung ist kompatibel sowohl mit der Annahme, das hinzutretende Moment seien gewisse über Lernprozesse vermittelte Informationen und Fähigkeiten (das wäre unser zweites Kriterium) als auch mit der Postulierung angeborener Mechanismen. Es handelt sich hierbei um empirische Fragen.<44>

3.3.4. Mentale oder psychologische Operationen

Ein gerade in Hinsicht auf das Alltagsverständnis von ‘Inferenz’ interessanteres Kriterium, um inferentielle Prozesse in der Wahrnehmung festzumachen, besteht darin, die Wahrnehmung insgesamt als die Anwendung mentaler oder psychologischer Operationen auf die Eingangsreize zu verstehen. Um das zu plausibilisieren, benötigt man zwei Annahmen: (1) Der durch die inferentiellen Prozesse erreichte Endzustand, in unserem Fall also das visuelle Phänomen, der Wahrnehmungseindruck, ist ein mentaler Zustand. (2) Aber auch diejenigen Zustände und Prozesse, die zu diesem Endzustand führen, sind selbst psychologische Zustände und Prozesse. Diese Klausel ist nötig, denn es wäre unplausibel, auch dann von einer psychologischen Inferenz sprechen zu wollen, wenn nur die ‘Konklusion’, nicht aber die ‘Prämissen’ psychologische Entitäten


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sind. D.h., die gesuchten Prozesse müssen mehr sein als rein organische Prozesse, denn diese sind sicher nicht eo ipso in irgendeiner Weise psychologisch. Das Problem hierbei ist dann allerdings, daß über kaum etwas die Meinungen so weit auseinandergehen wie über die Frage, was genau eigentlich das entscheidende Kriterium für Psychologisches oder Mentales ist. Klar ist eben nur, daß es für eine interessante Lesart von ‘Inferenz’ mehr bedarf als bloße organische Prozesse. Ist diese Frage erst einmal geklärt, finden sich in der Literatur zwei mögliche Positionen, wie mentale Operationen und Inferenzen sich zueinander verhalten. Einige Theoretiker meinen, daß mentale oder psychische Operationen für sich genommen sowohl notwendig wie hinreichend für das Vorliegen von Inferenzen sind. Andere hingegen halten sie nur für notwendig, mitnichten aber für hinreichend.

Theorien, die die Zuschreibung der Eigenschaft, ‘mental’ zu sein, als notwendiges und hinreichendes Kriterium für das Vorliegen von Inferenzen betrachten, gehen typischerweise davon aus, daß mentale Zustände immer mit mehr oder weniger bewußten Inferenzen verbunden sind. Das gilt in historischen Theorien wie dem englischen Empirismus ganz besonders für die Sinneswahrnehmung, die man ja entweder als Manipulation bewußter Vorstellungen interpretierte oder aber als Lernprozeß auffaßte. Wir haben es also entweder, im ersten Fall, mit direkt schlußähnlichen Verfahren von Empfindungen über einfache Vorstellungen zu komplexen Wahrnehmungen zu tun, oder aber, im zweiten Fall, mit ursprünglichen Inferenzen zu tun, die nur durch häufige Wiederholung gelernt worden sind und gegebenenfalls in eine Art automatischer Assoziation abgesunken sein können. Wie wir jetzt sehen können, ist in diesem Fall die These von Inferenz als mentaler oder psychologischer Operation gar keine eigenständige Theorieoption innerhalb unserer Klassifikation, sondern kollabiert entweder in das unter (5.1) abgehandelte zweischrittige sensation-perception-Modell oder kann unter dem in (5.2) verhandelten Lernkriterien subsumiert werden.

Die neueren, hauptsächlich kognitionswissenschaftlichen Ansätze unterscheiden sich in einem Punkt wesentlich von solchen Vorstellungen: War es im Empirismus gerade der Grundgedanke, Momente einer hochstufigen und bewußten Verarbeitung bereits in der relativ einfachen Sinneswahrnehmung nachzuweisen, geht es in den Kognitionswissenschaften häufig eher darum, den Begriff des Mentalen zu unterscheiden von Begriffen wie ‘Bewußtsein’ oder ‘Lernen’. ‘Mental’ sind, etwa im Funktionalismus, alle Prozesse einer hinreichend hohen Organisationsstufe, wie unterschiedlich diese in der Realisierung auch sein mögen. Es gibt nicht mehr ein Kriterium des Mentalen, sondern ‘mental’ beschreibt funktionale Eigenschaften einer möglicherweise unüberschaubaren Menge verschiedener Zustände.

Ullman (1980) argumentiert, daß man die Wahrnehmung nur dann als direkt oder unmittelbar (und deswegen nicht inferentiell vermittelt) betrachten sollte, wenn die Prozesse, die den Reiz in Wahrnehmungen verwandeln, nur noch in physiologischen Begriffen feiner analysiert werden können. Andernfalls müsse man davon sprechen, daß Inferenzen in der Wahrnehmung vorlägen:

If the extraction of visual information can be expounded in terms of psychologically meaningful processes and structures, then it cannot be immediate. (Ullman 1980: 347)

Obwohl Ullman sehr vage bleibt, worin genau die Analyse einer Operation in ihre psychologischen Bestandteile (im Gegensatz zu ihren physiologischen Anteilen) besteht, außer daß sie in den jeweiligen Begrifflichkeiten abgefaßt sind, macht er doch deutlich, daß sein Begriff von psychologischer Verarbeitung von den traditionelleren Anschauungen von mentalen Operationen unterschieden werden muß. Sein Begriff ist insofern schwächer, als daß es ausreicht, daß die verarbeitenden Operationen Berechnungen (algorithmische Zustände) enthalten, die symbolisch oder repräsentational sind. Aber diese Auffassung hinterläßt einen etwas schalen Geschmack: Was soll denn spezifisch mental hieran sein? Solche Beschreibungen kann man genausogut für andere Organe geben, für die Leber zum Beispiel. Informatiker bedienen sich sogar funktionalen Beschreibungen der Leber, um in Analogie zur höchst effektiven Verteilung des Blutstroms in diesem Organ bessere Parallelarchitekturen für ihre Rechner zu entwickeln.<45> Dabei tun sie so, als würden einzelne Kapillarsysteme bestimmte ‘Informationen’ ‘repräsentieren’, betrachten also den Blutfluß quasi als Metapher für den Datenfluß im Computer. Und warum sollte man, innerhalb eines


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solchen Rahmens, nicht von ‘subpersonalen Repräsentationen in der Leber’ sprechen? Das reicht aber kaum, um dann weitergehend zu behaupten, damit gäbe es mentale Zustände in der Leber.

Es scheint also, als bräuchte man noch weitere Kriterien, um den Sinn der Rede von mentalen oder psychologischen Operationen als Inferenzen aufzuklären. Schon Berkeley hat stets betont, daß nicht jede Art von mentaler Verarbeitung als Inferenz zu verstehen sei. Zum Beispiel könne suggestion, d.h. das schlichte Auslösen einer Vorstellung durch eine andere, nicht als solche gelten. Aber das Problem stellt sich in noch größerem Rahmen. Schließlich gibt es alle möglichen, gegebenenfalls sehr verschiedene Arten von intellektuellen Schlüssen, weshalb die bloße Behauptung, die visuelle Verarbeitung bediene sich solcher Schlüsse noch nicht hinreichend gehaltvoll oder doch vieldeutig ist. Zudem läßt eine solche Redeweise auch andere interessante Fragen unbeantwortet. Sind die relevanten Prozesse so wie Schlüsse (sind sie als Schlüsse beschreibbar) oder sind sie selbst Schlüsse? Aus dem Beispiel der Struktur der Leber folgt unter anderem, daß der Umstand, daß ein bestimmter Prozeß sich in bestimmten Zusammenhängen erhellend als Inferenz beschreiben läßt, nicht automatisch zu dem Schluß berechtigt, es handle sich bei ihm auch um eine Inferenz.

3.3.5. Epistemologische Unterscheidungen

Ein letztes Kriterium für das Vorliegen von Inferenzen in der visuellen Wahrnehmung haben wir implizit schon kennengelernt, insofern es Ullmans Bestimmung der indirekten, inferentiell vermittelten Wahrnehmung schon voraussetzt. Es ist die epistemologische Unterscheidung dessen, was visuell wahrgenommen wird, in das, was wir direkt (‘wirklich’) sehen und das, was wir durch Vermittlung des Sehsinnes herausfinden können. In Hinsicht auf unsere Fragestellung findet man oft die Überzeugung, daß alles, was im zweiten Sinn gesehen wird, das Ergebnis einer Inferenz ist.

Die Hauptschwierigkeit damit, dieses epistemologische Inferenzkriterium tatsächlich anzuwenden, besteht darin, daß es keinerlei allgemein geteilte Auffassung davon gibt, was in diesem Sinne tatsächlich ‘wirklich’, also unvermittelt, gesehen werden kann. Der Einfachheit halber möchte ich in der Folge die beiden Sinne von ‘sehen’ wie folgt unterscheiden: Das direkte, unvermittelte, wirkliche Sehen sei als ‘sehen*’ bezeichnet, die abgeleitete, vermittelte, inferentielle Bedeutung mit dem einfachen ‘sehen’. Dann lassen sich die vertretenen Positionen so beschreiben:

  1. Bestimmte Gegenstände, für die wir etwa eine evolutionäre Passung besitzen, können wir sehen*, andere nicht, weil sie z.B. stärker theoriegebunden sind: Stühle sehen* wir, Elektronen nicht, obwohl wir eine durch sie verursachte Kondensspur in einer Nebelkammer sehen können.
  2. Ein ähnliches Argument läßt sich auch für Eigenschaften aufstellen: Ich kann zwar einen Menschen sehen*, vielleicht (obwohl schon hier die Meinungen auseinandergehen) auch einige seiner Eigenschaften, etwa seine Haarfarbe; den Oberbürgermeister von Berlin hingegen kann ich nicht sehen*, sondern nur sehen, weil ich aus dem Gesehenen* erst schließen muß, daß es sich um eine Person handelt, die eine bestimmte institutionelle Rolle hat.
  3. Was wir sehen*, ist immer von unserer Wahrnehmungsperspektive abhängig und widerspricht oft (vielleicht gar in der Regel) dem, was wir sehen. Ein berühmtes Beispiel ist der Kreis, den wir fast nie tatsächlich als Kreis sehen*, sondern als Ellipse, es sei denn, unsere Perspektive liegt lotrecht zu seinem Mittelpunkt. Wir sehen* eine Ellipse, obwohl wir einen Kreis sehen. Unsere Erfahrung (im Sinne des Gesehenen*) paßt nicht zu ihrem Objekt, sondern muß erst durch Inferenzen passend gemacht werden.
  4. Die Gegenstände selbst werden nie gesehen*; eigentlich kann nichts gesehen* werden als das Licht, das von den Objekten reflektiert wird. Denn die Sinneserfahrungen sind für sich betrachtet immer mehrdeutig. So kann z.B. auch Entfernung nie gesehen* werden, denn bezüglich seiner Distanz ist jede Projektion eines Gegenstandes mehrdeutig. Stellt man sich die vom Auge ausgehenden geometrischen Projektionsstrahlen vor, könnte ein Gegenstand näher sein, wenn er kleiner ist, als erwartet, weiter entfernt, wenn er größer ist - die Projektion allein spezifiziert das nicht.
  5. Die weitreichendste These ist schließlich sicher die, daß jedes auch nur denkbare Wahrnehmungsurteil die Ressourcen dessen, was gesehen* werden kann, übersteigen muß.

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    Unsere Wahrnehmungen könnten schließlich immer unzuverlässig sein, und, schlimmer noch, wenn dies so wäre, könnten wir es nicht einmal feststellen, denn an was für Kriterien, die ja gänzlich wahrnehmungsunabhängig sein müßten, sollten wir es messen können? Das ist das aus der philosophischen Tradition hinlänglich bekannte Argument von der prinzipiellen Unzuverlässigkeit der Sinne, das argument from illusion.

Schon in dieser kurzen Skizze möglicher Interpretationen des epistemologischen Unterscheidungskriteriums zeigt sich, daß die Idee eines Gegenstands- oder Eigenschaftsbereiches, der gesehen* wird, keinen eindeutig bestimmbaren Gehalt hat. Selbst, wenn man zugesteht, daß ein erkenntnistheoretisch relevanter Sinn von sehen* bestimmt wird und daß gemäß dieser Definition ein bestimmtes Objekt X nicht gesehen* werden kann, folgt dann wirklich, daß man, um mittels des Gesichtssinnes etwas über X herauszufinden, man aus irgendwelchen sinnesphysiologische gegebenen Informationen auf X schließen muß? Die Beantwortung dieser Frage scheint immer von der Rahmentheorie abzuhängen: Zwar kann ein Verteidiger einer bestimmten gegenläufigen Interpretation von ‘sehen*’ zugeben, daß X im Sinne der restriktiven erkenntnistheoretischen Auffassung nicht gesehen* werden kann, daß dies bezüglich der eigenen, weiteren Definition von ‘sehen*’ aber sehr wohl möglich ist. Es hängt empirisch überhaupt nichts an diesem Streit - beide Positionen scheinen mit jeder möglichen empirischen Theorie darüber, wie die Sinneswahrnehmung funktioniert, vereinbar zu sein. Der Disput liegt nur darin, ab wann man sagen kann, daß ein bestimmter Prozeß derjenige ist, der gesehen* (im Gegensatz zu ‘gesehen’) wird.

3.3.6. Folgerungen für den Inferenzbegriff

Wie findet man aus dem Dickicht verschiedener Interpretationen dessen, was es heißen kann, daß visuelle Prozesse inferentiell ablaufen, hinaus? Man kann es sich hier relativ leicht machen: Verzichten wir auf die Frage nach visueller Inferenz und halten wir uns mit dem Gebrauch dieses Begriffs in Theorien über das Sehen zurück. Vielleicht macht ein solcher Schnitt es einfacher, sich statt auf ermüdende definitorische Debatten auf die eigentlichen substantiellen Fragen zu konzentrieren. Denn die Behauptung, daß visuelle Wahrnehmung auf inferentiellen Prozessen beruht, ist nicht nur, wie oben gezeigt wurde, mehrdeutig, vage und beruht häufig auf eher dubiosen theoretischen Unterscheidungen. Die eventuelle Beantwortung dieser Frage in der einen oder anderen Richtung bringt überhaupt keine Vorteile hinsichtlich einer gehaltvollen Wahrnehmungstheorie. Daß sich das tatsächlich so verhält, können wir leicht überprüfen, indem wir die vorgeschlagenen Inferenzkriterien auf das Beispiel einer Kaffeetasse anwenden, deren eigentlich runde Öffnung von der Seite betrachtet elliptisch aussieht.

Im Fall unseres ersten Kriteriums, der Unterscheidung von Empfindungen und Wahrnehmungen, gibt es offensichtlich mindestens zwei interessante Fragen: (a) Was für Arten von Zuständen müssen als Empfindungen bzw. Wahrnehmungen beschrieben werden? Wird im visuellen System etwas repräsentiert? Wenn ja, gibt es irgendwo die Repräsentation einer Ellipse? Oder die eines Kreises? Um diese Frage zu beantworten, könnte man sich sowohl auf begriffliche wie auch auf empirische Untersuchungen stützen - hat man bestimmte Kriterien gefunden, die vorhanden sein müssen, um sinnvoll von einem dieser Zustände zu reden, muß man gegebenenfalls überprüfen, ob es irgendwelche physiologische Zustände gibt, auf die diese Kriterien anwendbar sind. Im Zusammenhang dieser Frage wäre auch zu klären, wie z.B. der Übergang von Empfindung zu Wahrnehmung aussieht und durch welche Mechanismen er zustandekommt. (b) In einem zweiten Schritt müßte man überprüfen, inwieweit die so gefundenen Prozesse bzw. ihre physiologischen Implementierungen tatsächlich an der Wahrnehmung beteiligt sind. Diesen beiden interessanten Forschungsvorhaben fügt eine dritte Behauptung, wonach der so erklärte Prozeß eben ein inferentieller Prozeß sei, nichts wesentliches mehr hinzu.

Ähnlich verhält es sich bei unserem zweiten Kriterium, dem Lernen: Auch hier könnte man verschiedene interessante Fragen stellen. (a) Welcher Aspekt der Wahrnehmungsleistung beruht auf Lernen? Es ist z.B. ein Unterschied, ob ein Begriff einer runden Tassenöffnung mit in den Wahrnehmungsprozeß eingehen muß, um zu dem Wahrnehmungsurteil zu gelangen, die Öffnung


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sei rund, obwohl sie doch als elliptische Projektion gesehen wird. Wenn das so ist, scheint die Wahrnehmung einen Lernprozess zu beinhalten. Sollte sich hingegen herausstellen, daß diese Wahrnehmungsleistung in viel tieferen Schichten unserer Wahrnehmungsorgane angesiedelt ist und etwa auf automatisierten Subroutinen für Größen- und Formkonstanz beruhen, würde man vermutlich nicht von Lernen sprechen wollen. (b) Ein zweites interessantes Projekt wäre es, Lernen überhaupt gegenüber anderen Prozesse wie Reizauslösung, Reifungsprozesse der beteiligten Organe und anderes dieser Art abzugrenzen. © Es könnte auch ein experimentell lösbares Problem sein, inwieweit sich der Beweis erbringen läßt, daß eine bestimmte Formwahrnehmung, in unserem Falle also der Kreis, auf einer darauf spezialisierten Lernroutine beruht. Auch zu diesen Fragen bringt die Auskunft, alle diese Lernprozesse seien inferentiell nichts Neues.

Auch für die anderen drei Kriterien ließen sich analoge Projekte formulieren, die alle völlig unabhängig von der Frage zu behandeln sind, ob die Prozesse, mit denen sie sich beschäftigen, nun inferentiell sind oder nicht. Die generelle Analogie zwischen der Art, in der wir uns, wenn wir urteilen, auf Inferenzen berufen und der Art, wie wir zu bestimmten Wahrnehmungsurteilen gelangen, ist nicht besonders produktiv. Man sollte sie also besser ad acta legen.

3.4. Die Versuchung des Mythos’ des Gegebenen

Wenn die Berufung auf Inferenzprozesse theoretisch aber wirklich so steril ist, wie ich es darzustellen versucht habe, bleibt natürlich die Frage, warum derlei Ansätze in der Literatur so oft vertreten werden. Eine überzeugende Widerlegung einer Theorie benötigt immer auch eine Analyse, warum es so verlockend war und rational schien, sie zu vertreten. Was also ist meine Diagnose der Anziehungskraft der falschen Meinung, mit dem Bezug auf Inferenz sei auch jenseits konkreter empirischer Kontexte ein philosophischer Punkt zu machen?

Kurz gesagt, scheint mir eine Version des Mythos’ des Gegebenen die Theoretiker in Versuchung zu führen. Dieser Verdacht liegt immer nahe, wenn in der Erkenntnistheorie in einem zweischrittigen Prozeß eine unzureichende Datenmenge zu einem vollständigen Wahrnehmungsurteil aufbereitet werden muß. Die kritisierten Positionen enthalten implizit folgendes irriges Bild des Wahrnehmungsprozesses: Gegeben sind uns zunächst nur Rohdaten, um aber zu unseren Wahrnehmungsinhalten zu gelangen, müssen wir über dieses ursprünglich Gegebene hinauszugehen. Dieser Unterschied zwischen der Präsentationsweise eines Sachverhalts als bloße Datenstruktur einerseits und den Vorstellungen, die wir daraus gewinnen andererseits wird für wichtig gehalten, weil er die Basis dafür bildet, zwischen dem zu unterscheiden, was die Welt uns als Evidenzen gibt und demjenigen, was wir als fühlende, wahrnehmende und bewußte Lebewesen im Laufe unseres Interpretationsprozesses zu diesen Evidenzen hinzufügen. Anders gesagt, ist dies die Unterscheidung zwischen dem Beitrag, den die Natur zu unserem visuell erlangten Wissen leistet und dem Beitrag, den wir dazu leisten. Wenn man diese Unterscheidung einmal gemacht hat, stellen sich sofort die tiefsinnigen philosophischen Probleme, die so viele Erkenntnistheoretiker umtreiben wie die Frage, wie wir es denn überhaupt schaffen können, in Berührung mit der Welt zu treten, wie man die Kluft zwischen mind and world überbrücken kann und ähnliche Rätsel mehr.

Vielleicht sollte man sich aber besser nicht zu diesen Fragen verleiten lassen, vor allem, wenn sie auf einem derart fragwürdigen Fundament beruhen. Stattdessen sollte man bereits einen Schritt vorher innehalten und sich den Umstand vor Augen führen, daß es, vom Standpunkt einer empirischen Theorie des Sehens zumindest, gar keine Begründung dafür geben kann, einen ganz bestimmten Aspekt oder eine bestimmte Stufe innerhalb eines Verarbeitungsprozesses als das Gegebene auszuzeichnen. Man muß dann nicht bestreiten, daß es möglicherweise verschiedene Zustände gibt, die aufeinander aufbauen und sich bezüglich etwa ihrer Komplexität unterscheiden lassen. Aber, wie wir uns in der kurzen Analyse des Prädikates ‘sehen*’ schon klarmachen konnten, hängt die Menge von Daten oder informationalen Zuständen, die man in diesem unproblematischen Sinne als das Gegebene bezeichnen kann, immer von dem empirischen Projekt ab, das wir verfolgen, um eine ganz bestimmte Verarbeitungsstufe aufzuklären. So können ganz verschiedene Entitäten innerhalb verschiedener Theorien als ‘das Gegebene’ fungieren - alles, was innerhalb eines solchen Ansatzes als Rohdaten behandelt wird, ist ‘das Gegebene’, alles daraus Gewonnene ist, innerhalb dieses Rahmens, eine Inferenz aus diesen Rohdaten. Diese Redeweise


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ist legitim und auch unproblematisch. Problematisch wird es erst dann, wenn man sich dazu verleiten läßt, diese Struktur sozusagen absolut zu nehmen, d.h. außerhalb eines spezifischen Theorierahmens davon zu sprechen, daß etwas das Gegebene (bzw. das ‘Gesehene*’) und etwas anderes der daraus gewonnene Endzustand sei.<46>

Die Frage, was in der visuellen Wahrnehmung per se das Gegebene ist, hat keine Antwort, denn die jeweiligen Rohdaten müssen immer relativ zu einem Prozess spezifiziert sein, der sie entsprechend ergänzt. Zudem ist sehr unklar, in welchem Sinn noch vor dem Einführen intentionaler Kontexte von ‘Daten’ gesprochen werden kann - schließlich wird ein Ereignis erst dadurch zu einem Datum, daß es für jemanden gegeben ist. Das Problem mit der Vorstellung ‘des Gegebenen’ ist nicht, daß wir der Vorstellung von Eingangsdaten für ein System keinen Sinn abgewinnen können. Es liegt vielmehr im definiten Artikel und der dadurch angedeuteten Einzigartigkeit, die gemeinhin als epistemologische Privilegiertheit verstanden wird. Wir könnten einen Begriff des Gegebenen eingrenzen, wenn wir eine entsprechende Vorstellung von der Zusatzleistung hätten, die das Spezifische unseres Anteils an der Wahrnehmungsleistung bildet. Andersherum gilt, daß, wenn wir einen unabhängig spezifizierbaren Begriff des Gegebenen hätten, unsere Zusatzleistung mit demjenigen Prozess identifiziert werden könnte, der dazu erforderlich ist, um zu den uns bekannten Wahrnehmungsurteilen zu gelangen. Aber keine dieser beiden Optionen steht uns offen, weil die erforderliche, von unserer epistemologischen Spezifizierung unabhängige Spezifizierung nicht möglich ist.


Fußnoten:
<34>

Hier will ich nicht behaupten, daß alle Naturalisten auch Physikalisten sind. Es geht mir nur darum, eine häufig anzutreffende eher psychologische Tendenz zu der Annahme zu kennzeichnen, daß zumindest in methodischer Hinsicht alle Wissenschaften sich an der Physik orientieren sollten. Dabei kann im Einzelfall offen bleiben, ob es über diese Idee der Physik als methodisches Vorbild hinaus immer auch ein Reduktionsbeziehung zwischen den einzelnen Disziplinen und der Physik geben muß.

Daß aber zumindest die früher oft angestrebte Reduktion von Biologie auf Chemie und von Chemie auf Physik heute nicht mehr sonderlich attraktiv erscheint, ist nicht nur eine Folge wissenschaftstheoretischer Überlegungen (also einer Meta-Perspektive auf die praktische Wissenschaft), sondern ein Resultat auch der Fortschritte innerhalb der Einzelwissenschaften. Derzeit wird, aufgrund des großen Erfolges der Molekularbiologie, häufig die Biologie als Leitwissenschaft verstanden. Kürzlich benannte sich das Department of Chemistry der Harvard-Universität, eines der renommiertesten Institute überhaupt, in Department of Chemical Biology um. Solche Hinweise sollten harten Vertretern der Einheitswissenschaft zu denken geben.

<35>

Auch D.W. Hamlyn weist darauf hin, daß Berkeleys Annahme, die Retina als zweidimensionale Oberfläche könne auch nur über die zweidimensional projizierten Eigenschaften von Gegenständen Auskunft geben, eine plausible Phänomenologie unmöglich macht: "The argument is thus one from the causal conditions of visual perception, or certain aspects of them, to a thesis about what can be perceived by its means alone. The argument has nothing to do with phenomenology. Indeed, it is difficult, if not impossible, to state in an intelligible way what would be supposed, on this theory, to be the phenomenology of the situation. What would it be for things to appear to us to present a two-dimensional manifold?" (Hamlyn 1983: 46).

<36>

Eine detaillierte Herleitung der Telegraphen-Metapher findet sich in dem Vortrag über Die neueren Fortschritte in der Theorie des Sehens von 1869, in Helmholtz 1903: 298f.

<37>

Der direkte Bezug findet sich in Helmholtz 1910: 23. -Für diese Rezeption und ihre Hintergründe vgl. Schnädelbach 1983: 108 ff.

<38>

Als Beweis dafür führt Helmholtz bekannte Fälle von Sinnestäuschungen an, für die es seiner Meinung nach keine nativistische Erklärung gibt, vgl. Vorträge I, 115-116. Hatfield weist darauf hin, daß Helmholtz nicht als Erster diese These vertrat: "Between 1858 and 1862 Helmholtz's junior colleague Wilhelm Wundt published a series of articles on sense perception, anticipating the form and content of Helmholtz's theory in several ways. Wundt contended that perception must be understood through an analysis of the mental processes that underlie it and that a science of psychology distinct from physiology was needed to carry out this analysis. He drew a rigorous distinction between sensational elements and the perceptual representations constructed from them through elemenary psychological processes; he listed color sensations, local signs, and muscle feelings as the elementary sensations of vision" (Hatfield 1990: 198).

<39>

Eine solche These scheint Descartes vertreten zu wollen. Anders als viele seiner Zeitgenossen war er sich durchaus der Gefahren des Homunkulus-Regresses bewußt, den der Appell an immer einfachere Repräsentationen mit sich bringt. In einer bekannten Stelle seiner Optik bemerkt Descartes, daß, obwohl seiner Meinung nach ein Bild, das irgendeine Art von Ähnlichkeit mit den Gegenständen der Außenwelt hat, über die Nerven in den Kopf projiziert wird, "wir nicht behaupten dürfen, daß es vermittels dieser Ähnlichkeit ist, daß die Bilder in uns die Wahrnehmung der Gegenstände hervorrufen, als ob es noch andere Augen in unserem Gehirn gäbe, mit denen wir sie wahrnehmen könnten", vielmehr sind es "die Bewegungen, aus denen das Bild sich zusammensetzt, welche, auf unseren Geist direkt einwirkend, insofern dieser mit unserem Körper verbunden ist, von der Natur so eingerichtet sind, daß sie ihn solcherlei Wahrnehmungen haben lassen"(Descartes, Optik, zitiert nach Hatfield 1990: 50). Descartes ist mitnichten der Intendant des cartesian theater, als der er in den letzten Jahren von Dennett und anderen karikiert worden ist. Wenn man unbedingt jemanden für die unglückliche Metapher vom 'Theater des Geistes' verantwortlich machen will, sollte man eher an Hume denken: "The mind is a kind of theatre, where several perceptions successively make their appearance; pass, repass, glide away in an infinite variety of postures and situations" (Hume, Treatise, I, iv, 6). - Überhaupt ist der Homunkulus-Regreß inbezug auf die Erklärung der Wahrnehmung in der Geschichte der Philosophie bereits so häufig diagnostiziert worden, daß man die Repetivität der Argumentationen mit Ermüdung zur Kenntnis nimmt. Das erste mir bekannte Beispiel steht bei Theophrast (De sensibus. Hrsg. v. G.M. Stratton, Amsterdam 1964, § 21), der sich gegen die Theorie des Empedokles richtet, der Höreindruck entstehe dadurch, daß der (äußere) Schall im Ohr quasi eine Glocke anschlüge, deren (innere) Töne wir dann hörten. Theophrast konstatiert trocken, damit sei das Problem nur verschoben.

<40>

Ich möchte allerdings wenigstens die Vermutung äußern, daß hier ähnliches gilt wie für die Unterscheidung bewußter von unbewußten Zuständen, inbezug auf die Searle sehr plausibel die These vertritt, daß unbewußt nur solche Zustände heißen können, die wenigstens prinzipiell bewußt gemacht werden könnten (vgl. Searle 1992, Kapitel 7). Auf die Wahrnehmung übertragen, hieße das, daß nur solche Zustände Empfindungen sind, die prinzipiell erlebt werden können. Das schließt reine hardware-Zustände, in denen automatisch gewisse Reize weitergeleitet werden, wohl aus.

<41>

vgl. Gregory 1977: 190.

<42>

vgl. etwa Gregory 1977, 64: "The images of the eyes lie on the curved surfaces of the retinas, but it is not misleading to call them two-dimensional. A remarkable thing about the visual system is its ability to synthesise the two somewhat different images into a single perception of solid objects lying in three-dimensional space."

<43>

So z.B. Roth 1994, besonders Kap. 4-8.

<44>

Das ich mir hier keinen Strohmann als Gegener aufbaue, sei nur kurz mit einem neuen Artikel zweier Koryphäen der Neurowissenschaften belegt: Smythies und Ramachandran (1997) behaupten, die Direkte Theorie empirisch widerlegen zu können, wobei sie wie folgt vorgehen: Es läßt sich experimentell zeigen, daß Versuchspersonen ein kohärentes Bild auch dann sehen, wenn die tatsächlichen Reize auf ihren beiden Retinas inkohärent sind: "In these experiments, since the training of the brain's computational networks have featured many unitary coherent pictures and very few incoherent patchworks of two coherent pictures, under the conditions of this experiment the brain restructures the two incoherent signals from the two retinae into the two coherent pictures that the subject actually sees. Thus the Direct Realist Theory is refuted" (Smythies und Ramachandran 1997: 431). Hier gehen empirische und philosophische Fragen bunt durcheinander; die Möglichkeiten für die Aufarbeitung verarmter Reize werden nicht unterschieden, und als einzige Denkmöglichkeit wird eine Art konstruktivistischer Wahrnehmungstheorie postuliert. Daß andere Theorien hier weit plausibler sind, werden wir in Kapitel 4 sehen.

<45>

vgl. die Beilage 'Natur und Wissenschaft' der FAZ vom 7.1.1997.

<46>

Ich bin versucht, eine Bemerkung Wittgensteins in dieser Hinsicht zu interpretieren. In Abschnitt 85 und 86 der Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie schreibt er: "'Kann man Tiefe wirklich sehen? - 'Warum soll man nicht Tiefe sehen können, wenn man Farben und Formen sieht?! Daß das Netzhautbild zweidimensional ist, ist kein Grund für das Gegenteil.' - Gewiß nicht; aber die Antwort trifft das Problem nicht. [...] Eine Bemerkung, daß die Anordnung in der Tiefendimension eine Eigenschaft des 'Gesehenen' ist, wie jede andere, hilft nicht"(Wittgenstein 1984: Werkausgabe Bd. 7. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 24.). Im Umfeld dieser Bemerkungen beschäftigt sich Wittgenstein wie so oft mit dem Versuch, kognitive Leistungen verschiedenster Art (Erleben, Meinen, Wahrnehmen etc.) aus dem 'Ablesen' innerer Zustände zu erklären. Wittgenstein ist dem gegenüber bekanntlich sehr kritisch eingestellt: Daß wir Eigenschaften von Objekten unserer Wahrnehmung an einem inneren Zustand, dem 'Gesehenen', ablesen, hält er generell für eine Verwirrung. Wenn ich von einem Gegenstand sage, er sei rot und würfelig, rede ich immer vom Gegenstand, nicht von einer 'inneren Wahrnehmung', von der ich auf den Gegenstand erst schließe. Ähnlich ist auch Abschnitt 420 zu lesen: "Muß ich denn wissen, daß ich mit zwei Augen sehe? Gewiß nicht. Habe ich etwa zwei Gesichtseindrücke beim gewöhnlichen Sehen, so daß ich merke, mein dreidimensionaler Gesichtseindruck setze sich aus zwei Gesichtsbildern zusammen? Gewiß nicht. - Ich kann also die Dreidimensionalität nicht vom Sehen trennen." Wittgensteins begrifflicher Punkt ist, daß wir in unserer Lebenswelt mit 'sehen' immer schon 'sehen von Objekten' meinen, d.h. 'sehen' eingebunden ist in eine Vorstellung der Wahrnehmung einer Außenwelt, die als dreidimensional begriffen wird.


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