Siebert, Carsten: Qualia Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

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Kapitel 6. Repräsentationalismen

Eine der wenigen fast universell geteilten Auffassungen im derzeitigen mainstream der analytischen Philosophie ist ein grundlegender minimaler Materialismus. Gerade in der analytisch inspirierten Philosophie des Geistes ist schlecht zu leugnen, daß mentale Zustände und Prozesse in irgendeiner Weise mit neurophysiologischen Zuständen zusammenhängen, wie immer man auch diesen Zusammenhang ausbuchstabieren mag. Aber es ist die Art der Behandlung dieser Frage nach dem Zusammenhang, die kontrovers diskutiert wird, nicht das Bestehen der Abhängigkeit selbst. Nur aus diesem Umstand ergeben sich die Debatten darum, wer das exklusive Verwendungsrecht des Etiketts ‘Materialismus’ für sich beanspruchen darf. Im Sinne des Quineschen Diktums ”philosophy of science is philosophy enough“ finden sich auch in der Philosophie des Geistes viele Ansätze, die sich in der Kontinuität mit den Naturwissenschaften sehen. Innerhalb dieses Erklärungsparadigmas sollen alle mentalen Phänomene fallen, und zwar so, daß sie letztlich in den Begriffen der Naturwissenschaften erklärt werden können. Die stärkste Motivierung für solche physikalistische Ansätze besteht darin, daß sie keine Probleme damit haben, zu erklären, warum und in welcher Weise mentale Zustände kausal wirksam werden können: Sie sind realisiert als hochstufige Typen physikalischer Zustände, haben also dieselben kausalen Eigenschaften wie diese Zustände. Einer der interessantesten dieser naturalistischen Theorien über mentale Phänomene ist derzeit der Repräsentationalismus, der in verschiedenen Spielarten unter anderen von Dretske (1995), Beckermann (1995) und Tye (1995) vertreten wird.

6.1. Qualia als Umwelteigenschaften: Dretske

6.1.1. Die Repräsentationsthese nach Dretske

Der Repräsentationalismus zeichnet sich durch zwei miteinander in Zusammenhang stehende Thesen aus, nämlich:

  1. Alle mentalen Tatsachen sind repräsentationale Tatsachen.
  2. Alle repräsentationalen Tatsachen sind Tatsachen über informationale Funktionen.

Dretskes Versuch ist, diese ‘Repräsentationale These’ (RT) so an die empirische Wissenschaft anzubinden, daß mit ihr ein ‘Repräsentationaler Naturalismus’ vertreten werden kann, in dem alle mentalen Zustände, also auch Qualia, eine angemessene Erklärung finden. In dieser Hinsicht muß der RN, so meint Dretske (1995: xiii-xiv), folgende fünf Fragen beantworten:

  1. Warum ist das Bewußtsein ‘transparent’, d.h. warum scheint man, wenn man versucht, sich auf einen bewußten Prozeß zu konzentrieren, durch das Bewußtsein hindurch immer auf den Inhalt des Bewußtseins zu schauen?
  2. Wie kann man erklären, daß es einen Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Weise gibt, in der sie uns erscheint? Diese Frage bezieht sich auf die Diskrepanz zwischen dem, von was wir etwas in der Wahrnehmung erfahren (einem Objekt der Außenwelt) und wie sich diese Erfahrung für uns darstellt, wie sie von uns erlebt wird.
  3. Wie ist Subjektivität als spezielle Perspektive aus der ersten Person singular zu erklären?
  4. Mit der letzten Frage verbunden ist folgendes Problem: Wie kann man in einem naturalistischen Ansatz die Introspektion berücksichtigen, d.h. die Fähigkeit eines bewußten Systems, etwas von sich selbst zu wissen?
  5. Worin besteht die biologische Funktion von Bewußtsein, d.h. was sind die Gründe dafür, daß es in der Naturgeschichte zur Entwicklung von Bewußtsein gekommen ist?


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Wenn wir zum Zwecke des Arguments RT zunächst einmal akzeptieren, ist klar, daß alle mentalen Zustände und Prozesse\|--\|wie wir etwas erleben, wie die Dinge uns erscheinen, wie es uns inbezug auf die Welt geht\|--\|konstituiert sind durch die Eigenschaften, als deren Träger wir die Dinge repräsentieren. Das ist keine ganz selbstverständliche Annahme (wiewohl nicht unplausibel), die die -letztlich sinnliche- Erfahrung als gegenüber allen anderen ausgezeichneten Weltzugang voraussetzt. Eine weitere, möglicherweise problematischere Voraussetzung ist die epistemologische Funktion auch phänomenalen Bewußtseins:

My experience of an object is the totality of ways that object appears to me, and the way the object appears to me is the way my senses represent it. (Dretske 1995:1)

Nichts von dem, was ich erlebe, ist letztlich ein innerer Zustand. Die RT impliziert somit, soviel sei hier schon vorweggenommen, weitreichende Thesen z.B. zum Problem sekundärer Qualitäten (die dann unabhängig von uns in der Welt vorkommen müssen) und auch zum Status von Qualia (die ebenfalls vollständig außerhalb des sie erlebenden Organismus sind). Repräsentationen sind dabei wie folgt definiert:

Ein System S repräsentiert eine Eigenschaft F gdw. S die Funktion hat, die Fs eines bestimmten Objektbereichs anzuzeigen (indicate), d.h., über diese Fs Informationen bereitzustellen. S erfüllt diese Funktion, indem es verschiedene Zustände s1, s2... sn einnimmt, die bestimmten Werten f1, f2,... fn von F korrespondieren.

Ein Tachometer (Dretskes Lieblingsbeispiel schon aus früheren Veröffentlichungen) ist ein System, das auf dem Zeigerblatt bestimmte Zustände einnehmen kann, die Informationen über eine Eigenschaft\|--\|Geschwindigkeit\|--\|des Fahrzeugs liefern, in dem es eingebaut ist. Über den Informationsbegriff muß man an dieser Stelle vielleicht nicht mehr sagen, als daß er zunächst kausal verstanden wird: Da bei einem Auto die Reifengröße konstant ist, kann der Tacho eine Geschwindigkeit etwa informational als Funktion der Achsenrotation darstellen. So ist auch, in diesem Sinne, in der Neigung einer Rauchsäule die Information über die vorherrschende Windrichtung enthalten; die kausale Kovarianz von Windrichtung und Neigungswinkel ist hierfür ausreichend. Wie allerdings diese Kausalkette technisch realisiert ist, ist selbst keine repräsentationale Tatsache, sondern eine Tatsache über ein repräsentationales System. Das klingt hier ein wenig pedantisch; die Pointe dieser Unterscheidung wird sein, zur Erklärung des Unterschiedes von Geist und Gehirn herangezogen zu werden.

Warum aber soll es denn der informationale Gehalt des Tachos sein, gerade Geschwindigkeit und nicht z.B. die Zahl der Achsenumdrehungen zu repräsentieren? Die einfache Antwort darauf lautet, daß das eben die Funktion ist, die die Konstrukteure des Tachos ihm zugewiesen haben. Es ist keine intrinsische Eigenschaft eines repräsentationalen Systems, eine bestimmte Information aus allen möglichen zu repräsentieren, sondern eine konventionelle, die insofern derivativ ist, als daß sie von den Intentionen der Erbauer abhängt, die die erforderlichen Korrespondenzen zwischen sn und fn arbiträr festlegen. Es handelt sich um ein normatives, teleologisches Element, weil es einem System bestimmte Zwecke auferlegt.

Das gilt ganz ähnlich auch für unsere Gehirne (wie auch für jedes andere unserer Organe) als repräsentationale Systeme, natürlich mit der Einschränkung, daß hier die Zwecke nicht direkt von einem Konstrukteur festgelegt werden, sondern das teleologische Element durch die Evolutionstheorie eingeführt werden soll. In diesem Fall sind die Repräsentationen nicht konventionell, sondern natürlich, ansonsten bleibt alles beim alten:

Perceptual (including proprioceptive) systems produce representations of those conditions (external or internal, as the case may be) they have the function of informing about. The representations they produce by way of carrying out their informational functions have a content, something they say or mean, that does not depend on the existence of our purposes and intentions. This is why the senses - or, more precisely, the internal states (experiences, feelings) the senses produce by way of performing their function - have original intentionality. (Dretske 1995: 7f.)

Deshalb auch sind einige (biologische) Systeme sich der repräsentierten Objekte (und ihrer selbst) bewußt, andere hingegen nicht. Bewußtsein ist in diesem Rahmen eine Eigenschaft interner Zustände von informationalen Systemen mit originärer Intentionalität.


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6.1.2. Begriffliche versus nicht-Begriffliche Anzeigefunktionen

Bislang also sind Qualia im Sinne einer Unterklasse bewußter Zustände klassifiziert als Zustände repräsentationaler Systeme mit natürlichen informationalen Anzeigefunktionen. Das reicht als Charakterisierung aber noch nicht aus, denn noch finden sich alle Zustände mit natürlicher Intentionalität, also auch so kognitive Zustände wie Meinungen, Gedanken, etc. in derselben Klasse wieder.

Dretske unterscheidet zusätzlich noch zwischen begrifflichen und nicht-begrifflichen Anzeigefunktionen: Wenn beim Frühstück der Toast anbrennt, riechen Fred und sein Hund beide etwas. Allerdings riecht nur Fred, daß der Toast angebrannt ist, denn sein Hund verfügt offenkundig nicht über die Begriffe, die einen solchen Gedanken erst möglich machen. Freds Hund verfügt nur über einen Zustand mit sensorischer Anzeigefunktion; Fred hat darüber hinaus noch einen begrifflichen Zustand. Anders ausgedrückt: man kann etwas sinnlich wahrnehmen (be perceptually aware of something) im Sinne einer kausalen Einwirkung auf die Zustände des Wahrnehmungsapparates, ohne zu verstehen oder auch nur eine Meinung zu haben, worum es sich dabei handelt (bei Tieren ist letzteres der Normalfall). Den gleichen Umstand meint Dretske, wenn er von nicht-epistemischen versus epistemischen oder phänomenalen versus doxastischen mentalen Zuständen spricht. Beides, sowohl die Sinneswahrnehmung verbrennenden Toasts wie der Gedanke oder die Meinung, daß der Toast verbrennt, sind als Repräsentationen bestimmte token-Ereignisse, aber ihre Anzeigefunktionen speisen sich aus verschiedenen Quellen:

(1) A state may derive its indicator function - and, hence, its representational status - from the system of which it is a state. Call these systemic indicator functions (functionss) and the representations they give rise to systemic representations (representationss). [...]
(2) A token state may, on the other hand, acquire its indicator function, not from the system of which it is a state, but from the type of state of which it is a token. No matter what b systemically represents (what it is, by design, supposed to indicate), it might acquire (or be given) a special, or different, indicator function. [...] Call such functions acquired indicator functions (= functionsa). (Dretske 1995: 12f.)

Sinnliche Erlebnisse können jetzt identifiziert werden mit Zuständen, deren repräsentationale Eigenschaften systemisch sind. Begriffliche Zustände hingegen sind Zustände mit erworbenen repräsentationalen Eigenschaften. Der Unterschied liegt also in der Art und Weise, in der Systeme ihre Zweckbestimmung erhalten: Im ersten Fall durch die Evolution, im zweiten durch Lernprozesse. Sinnliches Erleben und Gefühle sind inhaltlich dadurch bestimmt, daß sie von den biologischen Funktionen des Wahrnehmungsapparates abhängen. Dretske geht sogar so weit zu sagen, daß die Qualität sensorischer Zustände phylogenetisch bestimmt ist.<99>

Natürlich können systemische Repräsentationen als Basis für erworbene Repräsentationen dienen.


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Diesen Umstand nutzt Dretske gerade dafür aus, Phänomene wie die Meinungsunabhängigkeit der sinnlichen Erfahrung in Fällen von Täuschungen wie der Müller-Lyer-Illusion oder auch dem Eindruck, mehr Farbtöne sehen als benennen zu können, zu erklären: Wir haben eben nur ein begrenztes begriffliches Repertoire, das wir auf die vorbegrifflich verfaßte Ebene des sinnlich Erlebten anwenden.

Erfahrungen sind diejenigen natürlichen systemischen Repräsentationen, die in der Konstruktion von erworbenen Repräsentationen verwendet werden. Ihre Funktion ist es, dem kognitiven System Information über die Umwelt zur Verfügung zu stellen, die in der Kontrolle und Regulation von Verhalten benutzt werden kann. Auf diese Weise stehen auch Qualia (verstanden als ‘basische, phänomenale, systemische Repräsentationen’) dem kognitiven System zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. In dieser Hinsicht sind Qualia schlicht Informationen über Aspekte der Welt, die noch nicht begrifflich aufbereitet sind. Das heißt nicht, daß sie nicht näher ausdifferenzierbar wären. Im Gegenteil ist sicher auch Dretske klar, daß die Weise, in der wir Qualia kategorisieren, natürlich konzeptuell formiert ist. Aber sie haben einen erlebten, phänomenalen Kern, der informationalen Gehalt trägt. Der Gehalt muß ‘nur’ von proto-propositionalen in propositionalen Gehalt quasi umformatiert werden.

Bisher ist nur dargestellt worden, wie Dretske sich vorstellt, daß repräsentationale Zustände Informationen über Objekte enthalten, nicht jedoch, wie sie Informationen über bestimmte Objekte enthalten können. Allerdings habe ich implizit Dretskes Lösung schon angedeutet, als ich oben die Rolle der Verursachungsbeziehung in seinem Informationsbegriff betont habe. Dretske meint ja, daß systemische Repräsentationen etwas (vorbegrifflich) repräsentieren können, ohne es als etwas Bestimmtes (begrifflich) auszuzeichnen:

Representations have a sense (the properties they have the function of indicating) and, often enough, a reference (an object whose properties they represent), but the sense does not determine the reference. (Dretske 1995: 23f.)

Der Sinn einer Repräsentation ist durch das teleologische Element festgelegt, die Repräsentation sagt aber selbst nichts darüber, von welchem Objekt sie eine Repräsentation ist. Die Referenz ist vielmehr festgelegt durch den Kontext (relation C). Dretske macht nicht besonders klar, was genau der Kontext sein soll, aber die einzig plausible Interpretation scheint mir zu sein, daß er auf den kausalen Kontext abzielt. Denn kontextuelle Fakten können selbst keine repräsentationalen Fakten sein, sondern nur Fakten über Repräsentationen, und diese hat Dretske im Zusammenhang mit der kausalen Verbindung von Objekt zur Repräsentation eingeführt. Diese Lesart scheint auch durch Äußerungen wie die folgende nahegelegt zu werden:

When we describe S (whose function it is to indicate F) as representing k, this implies that, for some F, S represents (possibly misrepresents) the F of k. That S represents k, therefore, implies a representational fact - viz., that k stands in relation C to S. [...] This is why one cannot know, at least by introspection, what object (or whether there is an object) one is experiencing. (Dretske 1995: 26)

Auf diese Weise versucht Dretske, die Möglichkeit der Fehlrepräsentation zu berücksichtigen, die in seinen früheren Arbeiten nach Meinung vieler Kritiker nicht hinreichend berücksichtigt wurde. In diesem neuen Modell sind nun zwei Formen von Fehlrepräsentation denkbar. Erstens kann S in der Repräsentation dem Objekt k ein F zuschreiben, das k faktisch nicht zukommt, d.h. ein System kann einem Objekt eine Eigenschaft zuschreiben, die es nicht hat. Zweitens kann S einem k irgendein F zuweisen, obwohl es kein k gibt, d.h. es gibt ein System, das einem Objekt bestimmte Eigenschaften zuschreibt, ohne daß das Objekt existiert. Repräsentationen haben nach Dretske immer einen teleologischen Anteil - das repräsentierende System muß darauf hin entworfen sein, mit einer bestimmten Eigenschaft eines Objekts zu kovariieren und so Informationen über diesen Gegenstand zu beinhalten. Fehlrepräsentationen sind so Fälle, in denen das System nicht richtig, d.h. gemäß seines Zwecks funktioniert.

6.1.3. Physiologische Realisierung und subjektive Erfahrung

Trotz der Betonung des kausalen Kontextes darf man Dretske nicht so mißverstehen, als wolle er die phänomenale Ebene der systemischen Repräsentationen mit der physiologischen Ebene identifizieren - sein Programm ist nicht eliminativ zu verstehen: Fakten über das Gehirn sind,


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obwohl sie die Referenz bestimmen, nie Fakten über Repräsentationen, sondern nur Fakten über ein bestimmtes repräsentationales System. Der Bereich des Mentalen ist aber nach der ersten Teilthese von RT dadurch gekennzeichnet, daß es sich bei ihm um repräsentationale Tatsachen handelt. Dretske vergleicht dieses Verhältnis mit einer Erzählung und ihrer physischen Manifestation: Was in einer Geschichte passiert, ihr Inhalt (story content), ist in einem Buch als physischem Gegenstand (story vehicle) ‘enthalten’, aber den Inhalt von Büchern können wir offensichtlicherweise nicht durch eine physikalische Analyse ihrer Mikrostrukturen erschließen. Genauso der Zusammenhang von Geist und Gehirn:

What we find by looking on the brain of a person experiencing blue dogs is neither blue nor doglike. We do not find the content of experience, the properties that make the experience the kind of experience it is. What we find, instead, are electric and chemical activity in gray, cheesy brain matter. We find the experience vehicles. (Dretske 1995: 36)

Das heißt nun aber gerade nicht, daß die Ebene dessen, was wir phänomenal erfahren/fühlen gegenüber der physikalischen Ebene als privilegiert privat ausgezeichnet werden kann. Als guter Materialist bestreitet Dretske, daß es Tatsachen geben könnte, von denen aus prinzipiellen Gründen ausschließlich jemand Bestimmtes wissen kann (z.B. diejenige, die sie gerade erlebt).

Der Plausibilisierung dieser These widmet Dretske ein ganzes Kapitel (das zweite seines Buchs), denn damit verstößt er gegen alle Intuitionen, die man gemeinhin über den Zugang zu seinen eigenen Zuständen zu haben glaubt. Man kann doch selbst in sich quasi hineinschauen, um sich zu vergewissern, was man gerade empfindet oder erlebt, und zwar auf eine Weise, in der andere das nicht können. Diese naive Intuition vom privilegierten Zugang der Introspektion zu inneren mentalen Zuständen bringt Probleme mit sich, die in ausufernde, eigenständige philosophische Debatten geführt haben. Dretske meint, mithilfe der RT diese Verwirrungen auflösen zu können. Der Fehler, der laut Dretske die Debatte bestimmt hat, liegt darin, Introspektion als eine Art der Wendung der Wahrnehmung nach innen zu verstehen. Besser sei es, Introspektion als eine ‘verschobene Wahrnehmung’ (displaced perception), eine Metarepräsentation, auzufassen. Diese Begriffe gilt es zunächst zu erläutern.

Eine verschobene Wahrnehmung liegt immer dann vor, wenn die Tatsache, daß k F ist, nicht durch die direkte Betrachtung von k festgestellt wird, sondern vermittelt durch die Betrachtung eines anderen Objekts h. Es gibt eine ‘Zieltatsache’ (target fact; k ist F), von der ich dadurch weiß, daß ich ein anderes Objekt mit einer anderen Eigenschaft, d.h. eine Mittlertatsache (intermediate fact; h ist G) anschaue, die aber für die Zieltatsache einsteht. Ein einfaches Beispiel ist eine Waage: Daß ein Gegenstand 522 g wiegt, stelle ich dadurch fest, daß ich auf die Skala schaue, die ‘522 g’ anzeigt. Verschobene Wahrnehmung ist immer dann nötig, wenn ein System zwar über begriffliche, nicht aber über sensorische Repräsentationsmöglichkeiten verfügt. Die sensorische Repräsentation kann mir vielleicht sagen, daß der Gegenstand ungefähr ein Pfund wiegt, ist aber nicht hinreichend feinkörnig für die Angabe des Gewichts in Gramm. Verschobene Wahrnehmungen sind aber auch deshalb immer begrifflich, weil ich die Verbindungsannahme (connecting belief) machen muß, daß Gh indikatorisch mit Fk verbunden ist (”Die Skala der Waage zeigt das Gewicht des Gegenstandes an“).

Nach Dretske basiert introspektives Wissen auf verschobener Wahrnehmung. Die ‘Erfahrung’, das ‘Erlebnis’ ist für sich genommen nicht wahrnehmbar; es ist immer auf ein externes (physisches) Objekt gerichtet, d.h. einen ‘inneren Sinn’, mit dem ich meine bewußten Zustände direkt wahrnehmen kann, gibt es nicht. Mentale, und deswegen repräsentationale Fakten erschließen sich nicht durch ihren intrinsischen Charakter, sondern ausschließlich durch ihr Verhältnis zu externen Fakten. Mein Wissen um eigene mentale Zustände ist dabei eine Metarepräsentation, also eine Repräsentation einer Repräsentation als Repräsentation; eine Repräsentation, die imstande ist, die Repräsentationsbeziehung selbst zu repräsentieren. Die Repräsentation einer Zeichnung als ”8 g schweres Blatt Papier“ ist keine Metarepräsentation, wohl aber dessen Repräsentation als ”Karikatur von Fred“, denn hier wird die repräsentationale Beziehung zwischen dem Objekt und dem, was es repräsentiert, explizit gemacht (vgl. Dretske 1995: 43f.). Introspektives Wissen ist, so Dretske, eine Repräsentation mentaler Tatsachen. Mentale Tatsachen sind nach RT notwendig repräsentational. Bei der Introspektion handelt es sich also um eine begriffliche Repräsentation von Repräsentationen als Repräsentationen, folglich um einen metarepräsentationalen Prozeß. Ein


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Gedanke bzw. ein Erlebnis wird repräsentiert als ‘Gedanke über...’ respektive ‘Erlebnis von...’. Wenn ich also eine Roterfahrung habe, während ich auf eine reife Tomate schaue, ist mein introspektives Wissen von dieser Roterfahrung die begriffliche Repräsentation dieser Erfahrung als einer Roterfahrung. Ich introspiziere also nicht meine Qualia, sondern repräsentiere auf bestimmte Weise meine Wahrnehmung. Denn was begrifflich als eine Wahrnehmungsrepräsentation repräsentiert wird, ist eine sensorische (ergo nicht-begriffliche) Repräsentation nicht etwa eines mentalen Zustandes oder Quales, sondern eines externen Objekts unter einer bestimmten Eigenschaft. In normalen Fällen (wenn keine Fehlrepräsentation vorliegt) ist dieses externe Objekt dasselbe, auf das die Roterfahrung gerichtet ist, also hier die rote Tomate.

Dieser Zug aber scheint zumindest für die Frage nach dem Status der Subjektivität innerhalb von Dretskes Theorie Probleme aufzuwerfen, denn wenn sich Introspektion immer nur auf die spezifische Art der Repräsentation bezieht, Repräsentationen aber prinzipiell nur über ihren externen Bezug individuiert werden können, ist die Direktheit der Introspektion in Gefahr. Bin ich, wenn ich meine Zustände introspiziere, wirklich in einer besseren Situation als ein beliebiger Außenstehender? Was ist der Unterschied zwischen den Perspektiven der ersten und der dritten Person? Der Unterschied, so Dretske, liegt in der Art, in der in den verschiedenen Perspektiven die Repräsentationen thematisiert werden. Ein externer Beobachter B muß sowohl das System S als auch das von S repräsentierte Objekt k und die Umweltbedingung C beobachten, um herauszufinden, was ein bestimmter Zustand Z in S repräsentiert. S selbst dagegen muß sich nur auf k richten, um aufgrund seiner Verfaßtheit in Z zu geraten und dadurch introspektives Wissen über die Weise zu erlangen, in der es selbst k repräsentiert. S muß, anders als B, nicht die Kausalgeschichte verfolgen, die Z zu einer Repräsentation von k macht. Wir haben es mit einem Fall von verschobener Wahrnehmung zu tun, bei der die Mittlerannahme nicht fehlgehen kann, denn das System S ist ja so ‘verdrahtet’, daß es aus dem Vorliegen einer Repräsentation einer roten Tomate quasi automatisch schließt, daß es eine rote Tomate gibt, die es gerade sieht. Der Zugang zu den eigenen mentalen Phänomenen ist also nicht privilegiert, sondern nur unmittelbar, ohne weitere Zwischenschritte. Das folgt ja auch daraus, daß, wenn Gehalte letztlich repräsentational bestimmt werden, Repräsentationen aber in richtiger Verursachung plus geeigneten (evolutionären) Kontextbedingungen bestehen, sich beide Faktoren, die zur Bestimmung von Gehalten führen, naturwissenschaftlich bestimmen lassen:

The Representational Thesis identifies the qualities of experience -qualia- with the properties objects are representeds as having. The properties that S representss things to have is, in principle, knowable by others. (Dretske 1995: 65)

Die relevanten Gehalte lassen sich naturwissenschaftlich bestimmen, nicht z.B. funktionalistisch (zumindest nicht im Sinne des klassischen Computerfunktionalismus): Nicht alle Wesen, die in ihrem Verhalten dieselben Unterscheidungsfähigkeiten zeigen, also inbezug auf kausale Rollen identisch sind, sind schon deshalb im selben repräsentationalen (und damit mentalen) Zustand. Was ein Zustand repräsentiert, hängt u.a. davon ab, gegen was für eine Kontrastklasse ein Sachverhalt abgegrenzt ist. Auch bei extensional gleichen Unterscheidungen können die jeweiligen Kontrastklassen andere sein, denn diese sind dadurch bestimmt, was zu unterscheiden der Zweck des gegebenen repräsentationalen Systems ist.<100>

6.1.4. Qualia als Eigenschaften externer Objekte

Durch die so vorgenommene Identifizierung von Qualia mit den Eigenschaften, die eine Erfahrung systemisch repräsentiert, glaubt Dretske, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Denn erstens bleibe so die Intuition bewahrt, der qualitative Charakter von Empfindungen sei subjektiv zumindest in dem Sinn, daß er sich nicht notwendigerweise in Verhaltensdispositionen offenbart, sich also nicht behavioral bestimmen läßt. Zweitens aber bleiben die qualitativen Aspekte objektiv bestimmbar:


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In identifying qualia with experienced properties, experienced properties with properties representeds, and the latter with those properties the senses have the natural function of providing information about, a representational approach to experience makes qualia as determinable as the biological functions of bodily organs. (Dretske 1995: 75)

Das ist prinzipiell immer so, auch wenn Dretske Realist genug ist, zuzugeben, daß es Fälle geben mag, in denen es praktisch schwierig bis unmöglich ist, die Funktion eines bestimmten Zustandes herauszufinden. Das kann etwa der Fall sein, wenn wir nicht genug über die evolutionären Faktoren wissen, die bei ihrer Selektion eine Rolle spielten, weil die erdgeschichtliche Überlieferung fehlt. Trotzdem sind Qualia aber nicht essentiell subjektiv oder privat. Der Vorteil, den Dretske durch diese externalistische These gewinnt, besteht darin, daß er eine einfache Erklärung dafür hat, auf welche Weise Qualia kausal wirksam sein können: Als kausale Spuren der Umwelteigenschaften in einer natürlichen systemischen Repräsentation sind sie mit Dretskes physikalistischer Grundintuition ohne Probleme in Einklang zu bringen. Aber es ist zumindest eine berechtigte Frage, ob Dretske mit diesem radikalen externalistischen Zug tatsächlich unser phänomenales Leben erklärt oder eher das Thema wechselt. Man sollte doch meinen, daß Qualia als qualitative Eigenschaften unserer mentaler Zustände irgendwie essentielle Eigenschaften dieser Zustände sein sollten. Bei Dretske hingegen sind Qualia bestimmt durch die Beziehungen eines sensorischen Zustandes zu den externen Eigenschaften, die er repräsentiert, wenn er störungsfrei gemäß seines Zwecks funktioniert.

6.1.5. Doxastisches und phänomenales Scheinen

Die Gleichsetzung von Qualia mit den Eigenschaften, die Wahrnehmungsobjekten aufgrund der S-Repräsentationen in wahrnehmungsfähigen Systemen zukommen, wirft die Frage auf, wie es sich mit dem Verhältnis von Konzeptualisierung und Erleben verhält. Anders gefragt: Wie werden die Eigenschaften individuiert, auf die die phänomenalen systemischen Repräsentationen gerichtet sind? Um diesen Zusammenhang zu klären, führt Dretske eine weitere Unterscheidung ein: Qualia sind in einer bestimmten Sinnesmodalität die Weisen, in der Objekte dem Wahrnehmenden erscheinen. Aber nicht alle Systeme, die etwas wahrnehmen können, verfügen auch über eine Begrifflichkeit, in der sie dies ausdrücken können. Es gibt also einen Unterschied zwischen phänomenalem Scheinen (p-Scheinen) und doxastischem Scheinen (d-Scheinen). Letzteres impliziert Begriffe und führt zur Ausbildung von Überzeugungen (”Diese Tomate ist rot“). Ersteres hingegen kann auch vorbegrifflich (als bloßer Systemzustand eben) auftreten, ohne daß damit notwendig irgendwelche Überzeugungen verknüpft sein müßten. Für p-Scheinen müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens muß der Gegenstand der Wahrnehmung S so erscheinen, wie er normalerweise für S erscheint (Normalitätsbedingung). Zweitens muß S verschiedene Zustände voneinander unterscheiden können: Der Gegenstand einer spezifischen Wahrnehmung muß S anders erscheinen, als andere Wahrnehmungsobjekte (Diskriminationsbedingung).

Mit diesem Instrumentarium meint Dretske, den Testfall der Spektrumsinversion angemessen behandeln zu können. er betont noch einmal seine Abgrenzung zum Computerfunktionalismus, indem er diesen Fall, der ja ursprünglich als anti-funktionalistisches Argument formuliert wurde, ausdrücklich zuläßt. Für seine physikalistische Position, meint er, stelle die Möglichkeit der Inversion keine Gefahr dar. Aus der Tatsache, daß für zwei Systeme S1 und S2 ein Gegenstand x phänomenal F aussieht, folgt nicht, daß der Gegenstand für beide gleich aussieht. Die Spektrumsinversion ist der Fall, in dem beide Systeme gleiche Unterscheidungsleistungen zeigen (S1 wie S2 unterscheiden gleich gut zwischen Fs und Nicht-Fs), auch scheint ihnen beiden das, was sie sehen, immer so zu sein, wie es normalerweise ist. Die beiden Bedingungen sind also erfüllt. Aber das heißt eben noch nicht, daß die systemischen Repräsentationen von S1 dieselbe Rolle spielen wie die von S2. Man kann nicht aus dem Verhalten (in diesem Fall: Unterscheidungsverhalten) auf den phänomenalen Gehalt der Wahrnehmung schließen. Es ist z.B möglich, daß durch einen Defekt eines ursprünglich sehr stark ausdifferenzierten Wahrnehmungssystems einige der feinen Repräsentationen zerstört werden. Andere dieser sehr spezifischen Repräsentationen bleiben bestehen. Damit greift Dretske ein Gedankenexperiment auf, das von Dennett eingeführt wurde: Ist es möglich, daß einem alle Rotweine, auch der billigste Supermarktfusel, so schmecken wie ein exquisiter Burgunder? Ja, so sagt Dretske, wenn man das Glück hat, daß von meinen Möglichkeiten zur Repräsentation von Weinen nur diejenige systemische Repräsentation erhalten bleibt, die eben diese Spitzenweine repräsentiert.


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6.1.6. Nicht-begriffliche Bestimmung mentaler Gehalte

Die Unterscheidung zwischen p-scheinen und d-scheinen benutzt Dretske auch, um die verbreitete Diskussion anzusprechen, was denn der Hund sieht, der eine Katze auf einen Baum jagt oder die Kröte, die ihre Zunge nach der Fliege hinausschnellen läßt. Wenn man davon ausgeht, daß Tiere nicht über Begriffe verfügen, sehen sie in diesen Fällen das, worauf sie evolutionär ausgerichtet sind. Die interessante Frage ist nicht, ob die Kröte ”eine Fliege“ sieht oder ”Nahrung“ oder ”Bewegten schwarzen Punkt einer bestimmten Größe“ - all das sieht sie nicht, denn dann müßte ihre systemische Repräsentation imstande sein, den sensorischen Reiz als z.B. ”Fliege“ zu repräsentieren. Die Kröte verfügt aber nicht über die Möglichkeit, etwas begrifflich zu fassen (weil ihr Repräsentationssystem zu primitiv ist), ihr kann überhaupt nichts doxastisch scheinen. Phänomenal erscheint ihr dagegen sehr wohl etwas - um herauszufinden, was genau, muß man sich im Detail mit den systemischen Repräsentationsfunktionen ihres visuellen Apparats befassen.<101>

In diesem Sinne antwortet Dretske auch auf Jacksons Argument des unvollständigen Wissens und Nagels Frage, ob wir wissen können, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Auch wenn wir mit Sinnesorganen konfrontiert sind, über die wir nicht verfügen, können wir wissen, welche Qualia ein solches System hat - wir müssen nur untersuchen, auf welche Eigenschaften der physikalischen Welt die entsprechenden systemischen Repräsentationen gerichtet sind. Dretskes eigenes Beispiel sind die elektrischen Sinnesorgane von Katzenhaien. Wer weiß, was ein elektrisches Feld bzw. die Störung eines solchen Feldes ist, muß nicht in der Lage sein, diese Felder auch direkt wahrzunehmen. Katzenhaie können das, aber dieser Mangel auf Seiten des Menschen ist kein Mangel an Faktenwissen, sondern das Fehlen einer bestimmten Fähigkeit. Dretske schließt sich hier der Analyse von Lewis und Nemirow an, die das Problem aus dem Unterschied zwischen knowing how und knowing that erklären wollen (die sogenannte ability hypothesis). Schließlich repräsentiert auch der Katzenhai die Störung des umgebenden elektrischen Feldes nicht als solche (das wäre eine höchst begriffliche Repräsentation), sondern innerhalb seiner evolutionären Parameter als *Beute* (die Sternchen sollen die Protopropositionalität andeuten, *Beute* wird nur über umweltangemessenes Verhalten als Kontrastklasse individuiert); mehr muß man auch als Beobachter nicht wissen, um das Quale zu kennen. Wer weiß, was eine Feldstörung der Art ist, die dem Wahrnehmungsorgan des Katzenhais als sensorischer Reiz dienen, kennt zwar das Quale (die spezifische Verformung des Feldes, wie sie im Katzenhai systemisch repräsentiert ist), befindet sich aber doch in einer anderen epistemischen Situation. Er kann z.B. nicht demonstrativ auf wahrgenommene Felder Bezug nehmen, dazu fehlt ihm das entsprechende Organ (daß der Fisch das ebenfalls nicht kann, liegt dagegen am Mangel begrifflicher Ressourcen).

6.1.7. Vier Probleme

6.1.7.1. Philosophische Zombies

Aber diese Auskunft Dretskes kann einen Qualia-Freak kaum überzeugen. Denn gegenüber den Theoretikern, die sich auf die Möglichkeit von philosophischen Zombies berufen, liefern Dretskes Ausführungen kein Argument. Dafür reicht die schwächere Form der logischen Möglichkeit oder der Vorstellbarkeit eines solchen anti-physikalistischen Arguments, wie sie etwa Chalmers formuliert. Selbst wenn Dretskes Repräsentationsthese stimmt, ist es möglich, sich vorzustellen, daß es einen Zombie-Katzenhai geben könnte, der trotz gleicher Repräsentationen keinerlei qualitative Zustände hat. Gemäß Dretskes Theorie ist dieser Fall absurd, aber für diese Absurdität argumentiert er nirgendwo; es scheint bereits vorausgesetzt zu sein, daß gleiche Repräsentationen mit Indikatorfunktionen mit gleichen Qualia einhergehen, was nicht selbstevident ist.

6.1.7.2. Phänomenalität als ständige Täuschung

Ein anderes Problem, von dem ich nicht sehe, wie Dretske es angemessen behandeln könnte, ist das der Farben. Gesetzt den Fall, der phänomenale Gehalt eines Zustandes wird individuiert durch eine bestimmte Umwelteigenschaft, die zu repräsentieren zu irgendeinem Zeitpunkt in der


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Phylogenese für ein System von Vorteil war, und das Quale dieses Zustandes ist eben die repräsentierte Eigenschaft. Irgendwann im vorzeitlichen Dschungel gab es einen Kontext, in dem einer unserer pelzigen Vorfahren das Rot einer bestimmten Frucht zu repräsentieren begann, weil er sie im Grün der Blätter so besser wiederfinden konnte. Diese Fähigkeit zur Farbunterscheidung wurde Teil des genetischen Repertoires. Das Quale dieses Zustandes ist eben jenes Rot. Das hätte eine merkwürdige Konsequenz: Alle Metamere (alle physikalisch verschiedenen Oberflächen, die wir phänomenal als gleich erleben) der Oberfläche der Urzeitfrucht wären strenggenommen nicht rot, denn sie konnten in unserer evolutionären Entwicklung gar keine Rolle spielen, etwa, weil sie wie ein Rot-Ton, den ich auf dem Bildschirm meines Computers sehe, schon technisch ein sehr junges Phänomen ist. Gesetzt den Fall, ich kann dieses Bildschirmrot nicht vom Rot der Urzeitfrucht unterscheiden, täusche ich mich immer, wenn ich meine, auf meinem Bildschirm diesen Rot-Ton zu sehen - mein phänomenaler Zustand repräsentiert eine ganz andere Umwelteigenschaft. Diese Eigentümlichkeit ist verallgemeinerbar: Nur recht wenige Eigenschaften unserer Umwelt dürften denen entsprechen, die zur Ausprägung unseres Wahrnehmungsapparats beigetragen haben. Bei einer großen Zahl von phänomenalen Zuständen repräsentieren wir also gar nicht das, was wir zu repräsentieren glauben. Wir täuschen uns beständig über die Qualia, die wir haben. Ich halte das für eine absurde Konsequenz, die aber aus Dretskes Ansatz notwendig zu folgen scheint.

6.1.7.3. Was macht Modalitäten phänomenal unterschiedlich?

Das meines Erachtens größte Problem von Dretskes Ansatz aber liegt an anderer Stelle: Wenn Qualia in der Repräsentation von Objekteigenschaften bestehen, müßte eine Eigenschaft auch einem Quale entsprechen. Dann müßten unsere Erlebnisse bestimmter Eigenschaften, etwa von Bewegung und Form, phänomenal identisch sein, egal, ob das Erlebnis ein visuelles oder ein haptisches ist. Beide Modalitäten, der Seh- wie der Tastsinn, sind natürliche repräsentationale Systeme zum Zweck der Repräsentation von bestimmten Umwelteigenschaften. Es gibt eine Teilmenge von Eigenschaften, die beide Systeme gleich gut repräsentieren können (Form und Bewegung). Wenn Qualia in der Repräsentation solcher Umwelteigenschaften bestehen, müssen sie bei gleichen Eigenschaften gleich sein. Der klassische Funktionalismus hat dieses Problem nicht, denn er kann sich darauf berufen, daß die kausalen Rollen der Sinnessysteme offensichtlich unterschiedlich sind. Dieser Ausweg ist Dretske durch seinen radikaleren Externalismus verstellt: Egal, ob ich ein Quadrat sehe oder betaste, ist mein phänomenaler Eindruck der einer Objekteigenschaft, nämlich von ‘Viereckigkeit’. Das hat das Beispiel des Katzenhais deutlich gemacht: Wenn die phänomenale Qualität seiner Erfahrung eines elektrischen Feldes an seiner internen Repräsentationsstruktur hinge, könnte ich als Mensch nicht wissen, wie es für den Hai ist, ein solches Feld zu erleben. Dretske sieht aber offenbar kein Problem in der intuitiven phänomenalen Unterschiedlichkeit ein und derselben Eigenschaft in unterschiedlichen Sinnesmodalitäten:

[A] blind person may know what it’s like to visually experience movement. If he knows what movement is, that is enough. [...] An experience of movement - whether it be visual, tactile, or kinaesthetic - has its qualitative character defined by what it is an experience of, and if these experiences are all of the same property, they are subjectively, with respect to this single property, the same kind of experience. (Dretske 1995: 94)

Die modalitätsspezifischen phänomenalen Unterschiede will Dretske zwar nicht leugnen, aber sie bestehen ihm zufolge nicht in der einzelnen erlebten Eigenschaft (etwa ‘Viereckigkeit’), sondern darin, daß jede Modalität ein anderes Spektrum an Eigenschaften repräsentiert, also der Sehsinn nicht nur Form und Bewegung, sondern auch Farbe, der Tastsinn hingegen auch Temperatur, etc. In der Gesamtrepräsentation eines wahrgenommenen Objekts unterscheiden sich die Modalitäten also doch. Diese Analyse wird den Phänomenen allerdings nicht gerecht. Mir ist es ein Leichtes, mich auf die isolierte Eigenschaft der Viereckigkeit der vor mir liegenden Diskette zu konzentrieren, sowohl, wenn ich darauf schaue, als wenn ich sie betaste. Dabei fühlt sich die ‘visuelle Viereckigkeit’ deutlich anders an als die ‘taktile Viereckigkeit’. Daß ich im einen Fall noch eine bestimmte Farbe sehe, im anderen eine Temperatur spüre, ist dabei völlig nebensächlich. Schon die erlebte Viereckigkeit ist eine andere abhängig davon, ob ich sie sehe oder ertaste.


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6.1.7.4. Wie bestimmt man naturalistisch biologische Funktionen?

Ein viertes gravierendes Problem von Dretskes Qualia-Theorie hängt mit ihrer Motivation zusammen und erfordert einen kurzen Exkurs in die Debatte um die Bestimmung des Funktionsbegriffs. Dretskes Grundfrage ist ”Wie können wir mentale Phänomene in derselben Terminologie beschreiben, die wir auch auf physikalische Objekte und Prozesse anwenden?“; dahinter steht letztlich die Sorge um die kausale Geschlossenheit unseres Weltbildes. Er glaubt, dieses Problem gelöst zu haben, wenn er zeigen kann, daß mentale Zustände Repräsentationen sind, denn von letzteren glaubt er, schon in früheren Veröffentlichungen (vgl. Dretske 1969, 1981, 1988) gezeigt zu haben, wie sie zu naturalisieren sind. Seine Grundidee dabei ist, daß jeder natürlich vorkommende Zustand Information über diejenigen Objekte oder Ereignisse enthält, die an seinen Zustandekommen kausal beteiligt waren. So enthalten z.B. die Jahresringe eines Baums Informationen über sein Alter, die Wetterbedingungen, etc. Wird dieser Zustand evolutionär selektiert oder von jemandem benutzt, um die in ihm kausal abgelegten Informationen für ein höherstufiges System anzuzeigen, wird er zu einer Repräsentation. Der repräsentationale Gehalt wird dabei dadurch bestimmt, welchen Gebrauch das System von den informationstragenden Zuständen macht. Diese Position Dretskes, von der abhängt, ob man bereit ist, seine Theorie mentaler Zustände als repräsentationaler Zustände zu akzeptieren, ist alles andere als unumstritten, besonders, weil nicht klar ist, was genau einem physikalisch beschreibbaren Zustand die Funktion verleiht, ein informationaler Zustand zu sein. Dretskes Funktionsbegriff muß ein biologischer sein, um seine Unterscheidung von natürlicher und konventioneller systemischer Repräsentation unterfüttern zu können.

Grob gesprochen, gibt es in der derzeitigen Diskussion um biologische Funktionen zwei Ansätze. Der eine analysiert Funktionen als die kausalen Rollen, die eine bestimmte Struktur zu den Fähigkeiten des Gesamtsystems beiträgt, dessen Teil sie ist. Diese Theorie schaut sozusagen nach vorn: Die Funktion einer Struktur wird an ihren Effekten abgelesen.<102> Der andere (populärere) Ansatz ist die selektionistische Variante einer ätiologischen Sicht von Funktionen als diejenige Fähigkeit einer Struktur, die erklärt, warum es sie überhaupt gibt. Diese Version schaut sozusagen zurück in der Zeit und identifiziert eine Funktion anhand ihrer historischen Genese.<103>

Der erste Versuch der Festlegung von Funktionen kommt sehr schnell in große Schwierigkeiten, denn nicht jeder Beitrag eines Teilsystems zu den Wirkungen des Gesamtsystems ist funktional relevant. Die bloße Bestimmung von Wirkungen muß irgendwie eingeschränkt werden, weil sonst funktional relevante Effekte nicht mehr von rein zufälligen kausalen Wirkungen unterschieden werden können. Gemäß dieser uneingeschränkten Definition ist es z.B. genausogut eine Funktion des Herzens, pochende akustische Signale hervorzubringen, wie Blut zu pumpen.

Eine Möglichkeit der Einschränkung ist die, nur den Teilsystemen funktionale Rollen zuzusprechen, die bestimmten Bedürfnissen des Gesamtsystems zuträglich sind, etwa der Steigerung der Überlebensfähigkeit. Aber auch das scheint unbefriedigend, denn dann privilegiert man z.B. fitness als ultimatives Ziel aller Lebewesen, und solche klarerweise teleologischen Begriffe machen eine naturalistische Reduktion aussichtslos. Ein weiteres Problem ist, daß Exaptionen so nicht erklärt werden können: Für mich ist es im Straßenverkehr eine die Wahrscheinlichkeit meines Überlebens steigernde Eigenschaft, eine Nase zu haben, die meine Brille vor den Augen hält. Man würde einen Biologen, der deshalb behauptete, Nasen hätten die Funktion, Brillen zu tragen, dennoch nicht ernst nehmen.<104>

Die selektionsgeschichtliche Variante hat mit solchen Fällen keine Probleme: Der Umstand, daß unsere Vorfahren zwar Nasen hatten, aber keine Brillen, reicht aus um festzustellen, daß diese Eigenschaft von Nasen nicht für den Selektionsprozeß relevant war und daher keine Funktion von Nasen sein kann. Man kommt so um die explizite Formulierung von Zielen herum, was diese Variante für viele Naturalisten attraktiv macht.<105> Dretske bemüht, wie wir gesehen haben, eine


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Version eben dieses Argumentes. Richard Manning (1997) aber hat darauf hingewiesen, daß sich auch für diese Art der Funktionsbestimmung überzeugende Gegenbeispiele finden lassen. Er verweist auf die sogenannte junk DNA, d.h. auf den Umstand, daß nur ein Bruchteil der Basenpaare der DNA relevante genetische Informationen tragen, während der größte Teil rein stochastisch verteilt zu sein scheint. Gemäß dem selektionistischen Funktionalismus müßten die wahllos verteilten Basenpaare dazu dienen, das zu tun, was sie schon immer getan haben - gar nichts nämlich. Ihre Funktion ist es, keine Funktion zu haben außer der, wie der informationstragende Rest der DNA repliziert zu werden. Für die Biologie hingegen ist junk DNA gerade das Paradigma einer völlig funktionslosen Struktur. Es scheint, daß man das Problem der teleologischen Begrifflichkeit nicht so einfach los wird, wie die Proponenten des selektionistischen Funktionalismus behaupten. Daß aber würde für Dretske bedeuten, daß sein Versuch, mentale Zustände durch Repräsentationen zu erklären zumindest solange problematisch bleibt, wie er nicht zeigen kann, daß der Repräsentationsbegriff ohne Berufung auf ein mentalistisches Vokabular erläutert werden kann. Es ist nicht klar, daß der Versuch einer naturalistischen Reduktion von mentalen Zuständen auf repräsentationale Zustände eine Option ist, solange nicht gezeigt wurde, daß Repräsentationen sich zufriedenstellend naturalisieren lassen. Die Frage nach der evolutionären Nützlichkeit von Bewußtsein, die Dretske sich zu Beginn seines Buches stellt, findet keine unproblematische Antwort.

6.2. Qualia als Datenformat: Beckermann

Es ist ein in der aktuellen Diskussion beliebter Schritt, Phänomenalität auf die Art der Realisierung des Geistes auf der hardware-Ebene zurückzuführen. Derlei Überlegungen finden sich im deutschen Sprachraum etwa in neueren Arbeiten Ansgar Beckermanns (1995), der den speziellen Charakter des Sehens auf die mehrschichtige Struktur der neuronalen Verarbeitung visueller Stimuli zurückführt, deren Ebenen immer im Austausch miteinander stehen.

Beckermann versucht, den (Computer-)Funktionalismus in Form eines Informationsverarbeitungsansatzes so zu modifizieren, daß er auch phänomenales Bewußtsein erklären kann. Die These ist dabei, daß Phänomenalität in nichts anderem besteht als in einer spezifischen Weise der Repräsentation. Der Haupteinwand gegen den Funktionalismus sind verschiedene Versionen der Gedankenexperimente von invertierten bzw. abwesenden Qualia, nach denen es zumindest vorstellbar ist, uns funktional identische Systeme zu konstruieren, die dennoch über keine phänomenalen Zustände verfügen. Die zugestandene intuitive Glaubwürdigkeit dieser Szenarien beruht aber laut Beckermann auf einer unzulänglichen Rekonstruktion der Repräsentationstheorie. Deren Hauptaugenmerk gilt traditionell Zustandstypen wie Meinungen oder Wünschen, während Prozesse (z.B. die der Wahrnehmung) nicht thematisiert werden. Das hat damit zu tun, daß Wahrnehmung in den meisten repräsentationalistischen Theorien nur insofern von Belang ist, als sie zu solchen propositionalen Zuständen führt. Daher geht die normale Analyse von Wahrnehmungssätzen in zwei Schritten vor: ‘(Eine Person) S sieht (einen Sachverhalt) p’ gdw.:

(1) S steht in einer funktional beschreibbaren Relation R zu einer mentalen Repräsentation mr mit dem Inhalt p.

Damit Wahrnehmungen von anderen propositionalen Zuständen unterschieden werden können, braucht man zusätzlich eine kausale Bedingung:

(2) mr ist durch die Tatsache, die p ausmacht, direkt verursacht, und zwar so, daß das visuelle System und vom Objekt reflektiertes Licht hierfür zentral sind.

Um zu seiner These zu gelangen, ergänzt Beckermann diese Analyse durch:

(3) mr schließt einen phänomenalen Gehalt ein, der in der spezifischen Weise besteht, in der mental repräsentiert wird.


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Visuelle Informationsverarbeitung im Gehirn beginnt mit Reizintensitätsgradienten auf der Netzhaut, Sehen ist aber ein distaler, d.h. nach außen gerichteter Sinn. Deshalb muß die Netzhautinformation in eine Umweltrepräsentation umgewandelt werden. Der gesamte Prozeß hat drei Schritte: Physikalische Objekte in einer ‘Szene’ führen zu zweidimensionalen Projektionen oder Bildern der Szene als input, die durch geeignete Prozesse in den output, d.h eine Repräsentation der Szene, verwandelt werden. Eine Theorie visueller Informationsverarbeitung muß sich in erster Linie mit dem zweiten dieser Schritte beschäftigen. Beckermann übernimmt die Theorie Marrs und unterteilt ihn in fünf weitere Schritte, das Rohbild (image), die primäre Bildanalyse (raw primal sketch), die niedere Bilddeutung (2 ½ D-sketch), die Objekterkennung (3 D model representation), und die höhere Bilddeutung, d.h. die integrative Zuweisung von Bedeutungen an das Gesehene in einer Szene.

Gemäß dieser Beschreibung des Verarbeitungsprozesses führt ein methodischer Fehler der KI zur Plausibilität der Hypothese abwesender Qualia: In ihren Versuchen, diesen Prozeß nachzubilden, wird das Rohbild aus Gründen der Rechenökonomie recht bald gelöscht. Ein Charakteristikum menschlichen Sehens scheint (wenn Marr auch nur annähernd Recht hat) dagegen zu sein, daß wir zu jeder Zeit auf alle Schritte zurückgreifen können, sodaß sie sich gegenseitig klären und interpretieren. Sie sind also gerade nicht strikt hierarchisiert und voneinander unabhängig. In einer so beschriebenen Struktur sieht Beckermann den phänomenalen Gehalt der Wahrnehmung. Er sieht sich dabei in weitgehender Übereinstimmung mit Theorien, die Phänomenalität auf die analoge (wohl Dretske 1995) oder piktorielle (Nelkin [1996], wohl auch Tye [1995] oder Kosslyn [1980, 1994]) Natur unserer Repräsentationen zurückführen. Allerdings glaubt Beckermann, daß seine Theorie weniger starke Annahmen machen muß: Netzhautbilder oder Rohbilder sind nur zweidimensionale Projektionen, aber wegen ihrer Vieldeutigkeit nicht einmal natürliche Zeichen (also keine natürlichen systemischen Repräsentationen gemäß Dretske), sondern nur kausale Spuren.

Wie Dretske glaubt auch Beckermann, daß der Repräsentationalismus einer evolutionären Rechtfertigung bedarf. Von Nicholas Humphrey (1993) übernimmt er daher die Idee zweier Repräsentationssysteme auf unterschiedlichen evolutionären Stufen mit anderen Leitfragen. Die erste lautet: ”Wie geschieht mir?“ Wahrnehmung ist phylogenetisch entstanden, als Oberflächensensitivität nicht mehr ausschließlich zu lokalen und automatischen, zeitlich direkten Veränderungen führte, sondern an eine zentrale Instanz weitergeleitet wurde, die dann für eine Reaktion sorgte. Repräsentiert werden hier Wirkungen, die proximale Reize auf die Körperoberfläche haben, also Drücke, Wärme etc., raw feels, Zustände meiner Selbst. Auf einer zweiten Stufe ist hingegen die Frage ”Was geschieht da draußen?“ leitend, denn auf dieser basalen Wahrnehmungsebene fußt ein evolutionär späteres Repräsentationssystem, das die gleichen Reize in völlig anderer Weise verarbeitet, nämlich als Repräsentationen der intentional objects of cognition, der stabilen, externen, objektiven Welt.

Die Annahme solcher Strukturen ermöglicht eine Erklärung des evolutionären Vorteils der Phänomenalität:, denn zum einen bietet eine analoge Abgleichung im Einzelnen unanalysierter Bilder den Vorteil eines erheblich geringeren Rechenaufwandes gegenüber einer algorithmischen Bildanalyse in jedem Einzelfall. Zum Beispiel kann ich beim Autofahren den Abstand zu meiner Vorderfrau dadurch konstant halten, daß ich meine eigene Geschwindigkeit unter Zuhilfenahme von Annahmen über die Geschwindigkeit des Autos vor mir und den Abstand ständig neu berechne, ich kann aber auch einfach das Auto als Wahrnehmungsinvariante im Sinne Gibsons betrachten, d.h. so motorisch reagieren, daß das Auto konstant dieselbe Menge an Oberflächeneinheiten verdeckt. Dann bedarf es keiner Bildanalyse. Ähnlich im Fall sensomotorischer Koordination: Niemand berechnet Flugbahnen, um einen Ball zu fangen, obwohl man theoretisch angeben könnte, mit wieviel Kraft man die Arme wohin bewegen muß. Wir beurteilen nicht nur, welche Muskelbewegungen welche Veränderungen in der Welt hervorrufen, sondern beziehen uns vielmehr auf Erfahrungswerte darüber, wie sich phänomenale Wahrnehmungsbilder aufgrund von Eigenbewegungen verändern.

Zum anderen weist Beckermann darauf hin, daß alle funktional identifizierten Felder der visuellen Verarbeitung nicht nur mit anderen kortikalen Feldern in feedback-Beziehungen stehen, sondern


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auch mit tieferen (evolutionär älteren) Strukturen wie dem Thalamus. Dabei ist zumindest die Projektion in Area 17 des Occipitallappens retinotop, weswegen das Feuerungsmuster der Neuronen in der primären Sehrinde als eine Kodierung des Netzhautbildes angesehen werden kann. Somit sieht sich Beckermann zu der Vermutung berechtigt, es handle sich bei der primären Sehrinde um das physische Substrat des phänomenal relevanten Wahrnehmungsbildes. Auf dieser Basis könnten auch interessante pathologische Befunde wie blindsight oder die Eigenarten von Patienten mit durchtrenntem corpus callosum erklärt werden.

Systeme, die in der beschriebenen Weise über Repräsentationen und Metarepräsentationen verfügen, haben nicht nur die Fähigkeit, die objektive Anordnung der Dinge wiederzugeben, sondern auch ihre visuellen Eindrücke davon (”Die objektiv runde Öffnung des Glases sieht von der Seite elliptisch aus“,etc.). Damit gibt es zwischen so konstruierten Systemen und uns in phänomenaler Hinsicht keinen Unterschied. Hier macht Beckermann dieselbe Unterscheidung, die uns als phänomenales bzw. doxastisches Scheinen bereits bei Dretske begegnete.

Für Verwendungen, die diesen Unterschied zum Ausdruck bringen, sind solche Fälle paradigmatisch, in denen jemand meinen phänomenalen Eindruck von einem Sachverhalt wissen will, auf dessen objektive Beschaffenheit es nicht ankommt. Die Möglichkeit des Wechsels zwischen subjektiver und objektiver Ebene wird durch die Theorie der zwei miteinander in Kommunikation stehenden Repräsentationssysteme erklärt: Weil wir zwischen allen Stufen vom Ausgangsbild bis zur Szenenrepräsentation springen können, können wir uns auf je eine Stufe konzentrieren, ohne damit zu implizieren, daß sich am Ausgangsbild etwas geändert habe.

Worin Beckermann konsequenter ist als Dretske, ist die Versicherung, daß die Eigenart phänomenaler Erlebnisse ausschließlich in der spezifischen Art ihrer Verarbeitung bestehe. Dretske vertritt dagegen, daß nur natürliche, also evolutionär entstandene systemische Repräsentationen Qualia haben oder, genereller, bewußt sind. Warum soll der Unterschied zwischen natürlicher und konventioneller Repräsentation entscheidend sein? Wenn ja, haben auch Regenwürmer Bewußtsein, denn eines der wichtigen Ergebnisse Dretskes war, daß bewußte Erfahrungen diejenigen natürlichen systemischen Repräsentationen sind, die der Konstruktion von erworbenen Repräsentationen dienen, d.h. von den S-Repräsentationen, die durch Lernen für die Bedürfnisse und Ziele eines Organismus’ effektiver gemacht werden können bzw. seine Verhaltenssteuerung verbessern.<106> Dann aber ist nicht recht einzusehen, warum ein ähnlich primitives, aber im Labor von einem Kognitionsforscher verdrahtetes System nicht bewußt sein sollte, zumindest dann nicht, wenn die funktionale Architektur plus geeignete Umweltbedingungen verantwortlich für das Auftreten bewußter Prozesse sind.

6.3. Qualia als sensorische Repräsentationen:Tye

Bei Dretske und auch bei Beckermann drängt sich der Eindruck auf, daß die klassischen Intuitionen, die die Debatte um das Problem des phänomenalen Bewußtseins angestoßen haben, nicht besonders wichtig genommen werden. In Fällen, wo seine Theorie unvereinbar mit den Intuitionen ist, ist Dretske nur zu bereit, die Intuitionen fallen zu lassen. Anders Michael Tye. In seinem Buch Ten Problems of Consciousness betont er, eine angemessene Theorie phänomenalen Bewußtseins müsse die Intuitionen erklären, nicht als gegenstandslos erweisen.<107> Dretske formuliert, wie wir gesehen haben, seine Version des Repräsentationalismus hauptsächlich, um seine physikalistische Grundüberzeugung einholen zu können. Tye kommt zwar zu einer recht ähnlichen Theorie, aber seine Motivation ist, daß der Repräsentationalismus besonders geeignet ist, die folgenden zehn Probleme des Titels zu lösen:

  1. Das Eigentumsproblem: Warum kann es kein phänomenales Erlebnis geben, das niemand hat?

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    Das Problem der subjektiven Perspektive: Warum scheint es, daß es für das vollständige Verständnis einer phänomenalen Qualität Q unumgänglich ist, daß man eine bestimmte Perspektive darauf einnehmen kann, die erfordert, selbst bereits einmal in diesem Zustand gewesen zu sein? Für das Verständnis physikalischer Zustände, etwa von Blitzen scheint das nicht nötig zu sein.
  3. Das Mechanismus-Problem: Wie können objektive, physikalische Veränderungen im Gehirn perspektivisch subjektive Zustände erzeugen?
  4. Das Problem der phänomenalen Verursachung: Wie können erlebte Qualitäten das Verhalten kausal beeinflussen?
  5. Das Problem der super-blindsight: Was unterscheidet den hypothetischen Fall von Blindsight-Patienten, die darauf trainiert worden sind, die Art des ihnen präsentierten Reizes quasi ‘blind’ zu erraten und dieses Ergebnis dann zu glauben, von Fällen des normalen Sehens?
  6. Das Transparenz-Problem: Warum erscheint uns, wenn wir uns auf unsere Erlebnisse konzentrieren, immer nur das, wovon sie Erlebnisse sind?
  7. Das Duplikaten-Problem: Kann es philosophische Zombies geben?
  8. Das Problem des invertierten Spektrums:
  9. Das Problem des phänomenalen Vokabulars und des gefühlten Orts: Wie kommt es, daß wir Begriffe, die normalerweise auf physikalische Objekte angewendet werden (mit denen wir sie z.B. lokalisieren), auch auf Erlebnisse anwenden?
  10. Das Problem des fremden Gliedmaßes: Wie erklären sich pathologische Fälle, in denen bestimmte sensorische Erlebnisse nicht mehr als die eigenen erlebt werden?

Tye macht den Versuch, diese sehr heterogenen Fälle, von denen man zudem vermuten kann, daß sie in sehr unterschiedlichem Maß problematisch sind, als Leitfaden für seine Behandlung von phänomenalem Bewußtsein zu nehmen. Er meint, daß die verschiedenen einschlägigen Theorien alle nur je einige dieser Probleme bewältigen und befindet, es sei nötig, auf alle Fragen zu antworten, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Als expositorische Strategie für sein Buch ist diese Orientierung an den Problemen nicht besonders glücklich; der Weg der Argumentation wird dadurch erheblich mäandernder als nötig.<108> Daher ist es wenig ergiebig, seinen Gedankengang im einzelnen nachzuvollziehen; stattdessen versuche ich, seine Einsichten systematisch zu präsentieren.

6.3.1. Gründe für den Repräsentationalismus

Warum ist Tye Repräsentationalist? Kurz gesagt glaubt er, daß Repräsentationen bestimmte Eigenschaften haben, die besonders dazu geeignet sind, die oben genannten zehn Probleme in den Griff zu bekommen, die mit ihrer Intensionalität zusammenhängen. Drei dieser Eigenschaften sind besonders hervorzuheben: Erstens können Repräsentationen Intensionen haben (d.h. Klassen von Dingen definieren), ohne daß es ein so definiertes Objekt gibt (d.h. die so bestimmte Menge kann leer sein). Zweitens können Repräsentationen selektiv nur ausgewählte Aspekte eines Objekts repräsentieren, andere hingegen unberücksichtigt lassen; in diesem Sinne können sie auch grob- oder feinkörniger repräsentieren. Diese ersten beiden Eigenschaften sind wichtig, um zu erklären, warum manchen unserer sinnlichen Repräsentationen in der Außenwelt tatsächlich nichts entspricht. Ein Beispiel sind etwa Nachbilder: Schaue ich einige Minuten lang auf ein grünes, hellerleuchtetes Quadrat und dann auf ein weißes Blatt Papier, sehe ich auf dem Blatt ein rotes Quadrat. Ich repräsentiere ein rotes Quadrat in meiner Umgebung, aber dieses Objekt, auf das mein Blick gerichtet zu sein scheint, gibt es nicht. Ähnlich verhält es sich im Fall der Halluzination,


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der Fata Morgana etc. Das repräsentierte Objekt ist intentional inexistent, genau so, wie ich auch an den derzeitigen König von Frankreich denken kann, ohne daß es ihn gibt. Ein Nachbild ist eine Art der Fehlrepräsentation. Ähnlich erklärt sich auch, warum z.B. ein Gesicht mir wütend vorkommen kann, ohne daß es mir alt vorkommt, obwohl tatsächlich beides zutrifft. Drittens gibt es eine Unterklasse von Repräsentationen, die Eigenschaften repräsentieren kann, ohne die repräsentierten Eigenschaften selbst zu besitzen oder ihr auch nur ähnlich zu sein. Anders als bildliche Repräsentationen, die irgendetwas mit dem Repräsentierten gemein haben müssen, sind symbolische Repräsentationen diesbezüglich völlig neutral. In einem roten Nachbild etwa wird ein Gegenstand als rot repräsentiert, das setzt aber nicht voraus, daß es irgendwo auch wirklich etwas Rotes gibt, weder in der Objektwelt noch im Repräsentationssystem. Tye selbst faßt seine These so zusammen:

The picture that emerges from my discussion is one of experiences and feelings as sensory representations either of the outside world or of certain sorts of internal bodily changes. Moods, emotions, and bodily sensations, in my view, are importantly like maps of our own internal physical workings, guides to our inner body states, graphic representations of what is going on inside (and to) our skins. Perceptual experiences are representations of the same sort, but their focus is the outside world, the external terrain. (Tye 1995: 94)<109>

6.3.2. Informationstragende und repräsentationale Zustände

Wie wird der Gehalt eines intentionalen Zustandes festgelegt? Eine der größten Schwächen von Tyes Ansatz ist, daß er auf diese Frage nicht nur keine besonders plausible Antwort hat, sondern daß er in verschiedenen Kontexten verschiedene Antworten zu geben scheint. Er ist in dieser Hinsicht weit weniger konsistent als etwa Dretske, dessen Beispiel der Repräsentationsfunktion der Jahresringe eines Baums für das Alter er an den Anfang seiner einschlägigen Überlegungen stellt. Die Jahresringe repräsentieren das Alter des Baumes, weil ihre Anzahl kausal mit der Anzahl der verstrichenen Jahre kovariiert, zumindest, wenn es keine besonderen Umstände gab, die verhindert hätten, daß wie normalerweise pro Jahr ein Ring abgelagert wird:

The key idea, then, is that representation is a matter of causal covariation or correlation (tracking, as I shall often call it) under optimal conditions. If there are no distorting factors, no anomalies or abnormalities, the number of tree rings track age [...]. (Tye 1995: 101)

Wenn die Bedingungen nicht optimal sind, wenn wir zum Beispiel das Wachstum des Baumes für ein Jahr künstlich anhalten, gibt es eine Fehlrepräsentation: Der Baum ist dann älter, als die Zahl der Ringe anzeigt. Alle Formen von Fehlrepräsentation sind auf einen derartigen Zusammenbruch der Optimalbedingungen zurückzuführen. Hier liegt der Grund, warum Tye nicht meint, mit der


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kausalen Kovarianz unter optimalen Bedingungen ein generelles Kriterium für alle Repräsentationen gefunden zu haben: Was sollten etwa optimale Bedingungen für den Glauben sein, daß der Teufel ein gefallener Engel ist? Bei dieser Meinung, so scheint es, gibt es keinen Zustand in der Welt, der ihn kausal hervorgerufen hat. Sensorische Zustände hingegen, das zeigt die Sinnesphysiologie, sind genau auf eine solche kausale Weise mit der Umwelt verbunden. Als Evidenz dafür führt er die Müller-Lyer-Täuschung an: Die beiden Linien sehen auch dann noch ungleich lang aus, wenn man weiß, daß sie tatsächlich gleich lang sind. Die sensorische Repräsentation scheint kognitiv undurchdriglich zu sein, sie scheint gegenüber den höherstufigen mentalen Prozessen autonom. Tye erklärt das so: Die Rezeptorzellen der Retina funktionieren als transducer, d.h. verwandeln physikalische Energie in Form von elektromagnetischen Wellen in symbolische Repräsentationen der Intensität und der Wellenlänge. Diese Repräsentationen werden von neuronalen Verbänden konstituiert und so selbst physikalische Objekte, die Intensität und Wellenlänge deshalb repräsentieren, weil dies die physikalischen Eigenschaften sind, mit denen sie unter optimalen Bedingungen zuverlässig kausal variieren:

So representations are built up of distal features of the surfaces of external objects in mechanical fashion by computational processes. The initial, or input, representations for the visual module track light intensity and wavelength, assuming nothing is malfunctioning. The output representations track features of distal stimuli under optimal or ideal perceptual conditions. Thereby, it seems plausible to suppose, they represent those features, they become sensations of edges, ridges, colors, shapes, and so on. (Tye 1995: 103)

6.3.3. Tyes Kriterium für Phänomenalität: PANICs

Nun gibt es wie in jedem physikalisch realisierten System auch im Gehirn eine Unzahl von Zuständen, die kausal mit bestimmten distalen Zuständen verbunden sind, ohne daß man sagen wollte, daß erste die letzteren repräsentieren. Tyes Unterscheidungskriterium zwischen repräsentationalen und nichtrepräsentationalen Zuständen ist letztlich ein funktionales: Sensorische Zustände sind diejenigen Zustände, die kausal mit bestimmten distalen Eigenschaften verbunden sind und den output spezieller sensorischer Module bilden, Modulen also, die im Kontext des Gesamtsystems eines Organismus’ eine bestimmte Rolle spielen. Dieser output muß zusätzlich der Weiterverarbeitung in höheren kognitiven Prozessen zur Verfügung stehen:

So perceptual sensations feed into the conceptual system, without themselves being a part of that system. They are nondoxastic or nonconceptual states. This, I want to stress, does not mean that perceptual sensations are not symbolic states. But, in my view, they are symbolic states very different from beliefs. (Tye 1995: 104)

Die Müller-Lyer Täuschung, so Tyes Diagnose, beruht darauf, daß die Art der symbolischen Verarbeitung, auf der die Linien als unterschiedlich lang repräsentiert werden, so basal ist, daß sie durch ein anderslautendes Feedback aus dem Begriffssystem nicht verändert werden kann. In diesem Sinne sind die Qualia eines solchen sensorischen Zustandes als festverdrahtete, mechanische Reaktion eines bestimmten Moduls innerhalb der funktionalen Architektur des Gehirns unveränderlich.

Systematisch geordnet, fungieren alle oben angesprochenen Punkte als Erklärung dessen, was es heißt, in einem phänomenalen Zustand zu sein. Die These, die Tye verteidigen will ist, daß der phänomenale Charakter eines Zustands, das also, wie es sich anfühlt, in ihm zu sein, nichts anderes ist als sein PANIC: Sein verfügbarer (Poised), Abstrakter, Nichtbegrifflicher intentionaler Gehalt (Intentional Content). Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was nach Tyes Meinung dafür spricht, Qualia so zu erklären. Dabei scheint es mir sinnvoll, das Akronym von hinten aufzurollen.

Der Hauptgrund, warum phänomenale Zustände intentionalen Gehalt haben, ist, erstens, die Transparenz-These, die uns schon so oft begegnet ist. In gewisser Hinsicht liegt hier das Kernstück des Repräsentationalismus, die verbleibenden drei Aspekte des Akronyms PANIC sind Erläuterungen, welcher Art der Gehalt phänomenaler Zustände ist. Der Gehalt unserer phänomenalen Episoden ist typischerweise etwas, das wir als Eigenschaft eines externen Objekts erleben (mit der Ausnahme von Schmerzen und propriozeptiven Zuständen); wenn wir uns auf die Qualität Rot konzentrieren wollen, konzentrieren wir uns immer stärker auf die rote Tomate, die vor


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uns liegt. Wir schauen quasi durch die phänomenale Episode hindurch auf einen Gegenstand; selbst, wenn sich herausstellt, daß es gar kein externes Objekt gibt, schien es uns so, als wäre dort etwas mit (z.B.) einer bestimmten Farbe gewesen. Zweitens schaffen wir mit Sätzen wie ”Es sieht aus wie...“ oder ”Es fühlt sich an wie...“ intensionale Kontexte: Im Fall von phänomenalen Aussagen können Prädikate, die inbezug auf dieselben Dinge wahr sind und singuläre Terme, die auf dieselben Objekte referieren nicht immer salva veritate ersetzt werden. Drittens läßt sich mit dem Verweis auf intentionalen Gehalt auch erklären, wie es zur Rede von ‘phänomenalen Objekten’ und ‘Erscheinungen’ kommt. Viertens schließlich erledigt sich so auch das Problem der phänomenalen Unterbestimmtheit, d.h. das scheinbare Paradox, daß ich einen phänomenalen Eindruck von einem Tiger haben kann, ohne einen phänomenalen Eidruck jeder seiner Streifen zu haben: Mein phänomenaler Zustand ist von einem Tiger, und Tiger sind gestreift, aber die Anzahl der Streifen ist in dieser Repräsentation unbestimmt.

Nicht-begrifflich sind phänomenale Zustände in dem Sinn, daß ein Subjekt für die allgemeinen Eigenschaften, die in den phänomenalen Gehalt ihrer Zustände eingehen, keine entsprechenden Begriffe haben muß. Der Weg durch die Sensorik zu den phänomenalen Repräsentationen des fundamentalen Sehens ist festverdrahtet und erfordert daher keine begrifflichen Resourcen: Wenn die Sinnesorgane unter normalen natürlichen Bedingungen ausgereift sind, hat ein Organismus Erlebnisse, die kognitiv undurchdringlich sind. Diese phylogenetisch fixierten, nicht-begrifflichen sensorischen Repräsentationen sind wesentlich feinkörniger als unsere begrifflichen Repräsentationen. Wir können z.B. weit mehr Farben im direkten Vergleich unterscheiden, als wir Farbwörter haben, mehr noch, wir können uns an die meisten Farbeindrücke nicht exakt erinnern - ob es Rot29 war oder Rot30, das ich zuhause gesehen habe, kann ich im Farbengeschäft nicht mehr sagen; ich muß schon ein Muster zum direkten Vergleich mitbringen, obwohl die Farbtöne phänomenal durchaus unterschiedlich sind. Erinnerungen, Meinungen und Gedanken allgemein sind Tye zufolge Repräsentationen einer höheren, begrifflichen Verarbeitungsstufe, die schon deshalb nicht alle Feinheiten der sensorischen Repräsentationen mitmachen können, weil es dann ein Kapazitätsproblem gäbe.

Mit der Rede von der Abstraktheit des phänomenalen Charakters versucht Tye letztlich dieselbe Intuition einzufangen, die er bereits unter Hinweis auf den intensionalen Kontext phänomenalen Gehalts formuliert hat: Es muß in einer gegebenen phänomenalen Episode kein bestimmtes konkretes Objekt geben. Verschiedene Objekte können phänomenal ununterscheidbar sein, auch können Fälle von Halluzination ununterscheidbar sein von solchen Fällen, in denen tatsächlich ein Objekt am Zustandekommen des phänomenalen Erlebnisses beteiligt ist:

What is crucial to phenomenal character is the representation of general features or properties. Experiences nonconceptually represent that there is a surface or an internal region having so-and-so features and such-and-such locations, and thereby they acquire their phenomenal character. (Tye 1995: 138)<110>

Macbeths Frage ”Is this a dagger that I see before me?“ könnte man abschlägig beantworten, er halluziniert den Dolch nur. Trotzdem hat seine Repräsentation generelle Merkmale von Dolchen, Macbeth repräsentiert einen Gegenstand mit einer bestimmten Form, Farbe, etc.

Was aber einen abstrakten, nicht-begrifflichen, intentionalen Zustand zu einem phänomenalen Zustand macht, ist der Umstand, daß er in der richtigen Weise kognitiv verfügbar oder poised ist. Wir haben schon in der Diskussion von Dretskes Thesen gesehen, wie zentral diese Einschränkung ist, wenn man einen so großzügigen Begriff davon hat, was alles Repräsentationen sind. Jedes System enthält eine Vielzahl von Zuständen, die kausal mit Eigenschaften der Umwelt korreliert sind, also in Dretskes und Tyes Sinn Informationen über die Umwelt enthalten, Repräsentationen von ihr sind, die aber mit mentalen, phänomenalen Zuständen nichts zu tun haben. Nur eine Teilmenge aller kausal mit der Außenwelt korrelierten Systemzustände können phänomenale


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Zustände sein,<111> nämlich diejenigen, die eine generelle funktionale Eigenschaft teilen: Ihre Gehalte müssen in einer Form vorliegen, die es den kognitiven Prozessen ermöglicht, direkt auf sie zuzugreifen, sie müssen in für die Introspektion angemessener Form vorliegen. Sensorische Repräsentationen als phänomenale Erlebnisse stellen den input zur Verfügung, der von höherstufigen kognitiven Systemen weiterverarbeitet wird. Das ist dieselbe Idee, die auch schon Dretske formuliert hat; Tye sagt allerdings ein wenig mehr darüber, wie er sich das genau vorstellt:

The claim that the contents relevant to phenomenal character must be poised is to be understood as requiring that these contents attach to the (fundamentally) maplike output representations of the relevant sensory modules and stand ready and in position to make a direct impact on the belief/desire system. [...] They supply the inputs for certain cognitve processes whose job it is to produce beliefs (or desires) directly from the appropriate nonconceptual representations, if attention is properly focused and the appropriate concepts are possessed. (Tye 1995: 138)

Der fundamentale Unterschied zwischen sensorischen Zuständen und propositionalen Einstellungen ist das Format, in dem sie symbolisch repräsentieren: Im ersten Fall in Form mentaler Karten, im zweiten satzähnlich. Aus diesem Umstand folgt in der Umkehrung notwendig eine These, die trotz ihrer großen Reichweite leicht zu übersehen ist: Begrifflich verfaßte Zustände können nie phänomenalen Gehalt haben! Denn phänomenalen Gehalt haben nach dem Gesagten nur sensorische Zustände, also der output der sensorischen transducer in Form mentaler Karten. Phänomenales Erleben ist an die Existenz eines entsprechenden Sinnesorgans gebunden. Tye bestreitet damit nicht nur, daß kognitive Episoden wie ‘das Rechnen von 2+2’ phänomenalen Gehlt haben, sondern auch die weitergehende These, alle bewußten Prozesse (und genuine Intentionalität überhaupt) seien immer mit phänomenalen Zuständen verbunden, wie sie z.B. von Searle (1992) oder Strawson (1994) vertreten wird.

6.3.4. Probleme mit der Teleologie - zwei Gedankenexperimente

6.3.4.1. Gedankenexperiment: Theodor

Soweit zunächst Tyes Thesen. Ein offensichtliches Problem dieses Ansatzes ist, daß nicht recht klar ist, wie denn die Funktion zu bestimmen ist, die ein bestimmtes physikalisches System erfüllen muß, damit es ein Repräsentationssystem ist. Zunächst sieht es so aus, als wolle Tye dieses Problem auf die gleiche Weise angehen, wie wir es bereits bei Dretske gesehen haben, indem er nämlich die evolutionäre Geschichte des Systems berücksichtigt, um herauszufinden, wozu seine internen Zustände dienen. Das zumindest scheint die Moral des Gedankenexperiments von Theodor zu sein, der das große Pech hatte, direkt nach seiner Geburt von den üblichen bösen Wissenschaftlern in ein Labor gebracht worden zu sein, wo sein Gehirn künstlich mit genau den gleichen Stimuli versorgt wurde, die er gehabt hätte, wäre er in seiner normalen Umwelt aufgewachsen. Genau genommen hat Theodor nie etwas wahrgenommen, weil seine Rezeptornerven direkt mit elektrochemischen Reizgebern in Verbindung standen, nie mit einer distalen Umwelt. Tye glaubt, daß in einem solchen Szenario, wie unwahrscheinlich es auch sein mag, es dennoch plausibel ist, davon zu sprechen, daß Theodors phänomenale Eindrücke zum Zeitpunkt t identisch sind mit denen, die er ohne die Intervention der bösen Wissenschaftler zu t gehabt hätte. Diese Überzeugung ist, so Tye, auch durchaus mit dem Externalismus vereinbar, obwohl faktisch Theodors sensorische Zustände nicht mit den richtigen Ereignissen der Umwelt kausal kovariieren, denn:

Theodore does at least have an evolutionary history. Theodore is a member of the species homo sapiens, a species that has evolved from other species. it has not been shown that facts pertaining to evolutionary history are not relevant to the phenomenal character of states of living creatures. It is still possible that two different organisms that evolved in different ways, while nonetheless sharing the same internal microphysical state (at some given time t), differ in their phenomenal states at t. (Tye 1995: 153)


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Was für Bedeutungen gilt, gilt in gleicher Weise auch für Qualia. Um das Diktum Putnams zu variieren: Phenomenology ain’t in the head. Nach Tyes Interpretation der Transparenz phänomenaler Zustände sind sie immer auf ein Objekt der Außenwelt gerichtet (das, im Fall von Fehlrepräsentationen, nicht unbedingt zu existieren braucht). Identische Hirnzustände zweier Organismen könnten aber, je nach den evolutionären Umweltbedingungen, durchaus auf verschiedene Objekte gerichtet sein (verschiedene Objekte repräsentieren), womit dann auch ihr qualitativer Gehalt verschieden wäre. Aufgrund dieser starken externalistischen Bedingungen für die Festlegung des Gehalts eines Hirnzustandes hält Tye die These, nach der mentale Zustände im allgemeinen und phänomenale Zustände im besonderen auf Hirnzuständen supervenieren für falsch.

6.3.4.2. Gedankenexperiment: Swampman

Wenn aber die evolutionären Umstände so bedeutsam sind, scheint es, als könne Tye einem weitverbreiteten Gedankenexperiment nicht mehr Herr werden. Der Fall von swampman wurde von Donald Davidson als Variante des Zwillingserde-Gedankenexperiments in die Debatte geworfen und liest sich in der ursprünglichen Version so:

Suppose lightning strikes a dead tree in a swamp; I am standing nearby. My body is reduced to its elements, while entirely by coincidence (and out of different molecules) the tree is turne into my physical replica. My replica, The Swampman, moves exactly as I did; according to its nature it departs from the swamp, encounters and seems to recognize my friends, and appears to return their greetings in English. It moves into my house and seems to write articles on radical interpretation. No one can tell the difference. (Davidson 1987 [in: Cassam 1994]: 46f.)

Für Dretske ist in diesem Fall die Sache klar: Swampman hat keinerlei phänomenale Zustände, denn es fehlt ihm ganz offensichtlich die dazu notwendige evolutionäre Geschichte. Schlimmer noch, er hat gar keine repräsentationalen Zustände, denn die physischen Zustände, mit denen er ex paludo zur Welt kam, stehen zunächst einmal in keinerlei kausalem Zusammenhang mit irgendwelchen Umwelteigenschaften.<112> Man sollte annehmen, daß auch Tye diese Antwort gibt, hat er doch im Fall von Theodor die Wichtigkeit seiner Zugehörigkeit zur biologischen Spezies homo sapiens hervorgehoben. Diese Konsequenz aber scheut er. Intuitiv ist für ihn klar, daß Swampman durchaus etwas meint, wenn er bestimmte Phonemfolgen produziert, daß er schreit, weil es ihm wehtut, wenn man ihn foltert, etc. Seine Begründung aber, warum das so ist, ist mangelhaft, vielleicht, weil er einen Grundzug des Gedankenexperimentes nicht beachtet, vielleicht auch, weil der Rückgriff auf Optimalbedingungen nicht das leisten kann, was er von ihm erwartet. Denn erstaunlicherweise bemerkt Tye nur:

It should be noted that, on the causal covariation model of representation, no obvious difficulty arises for the claim that some of Swampman’s inner states represent things. States in his head certainly track various external environmental states, just as mine do. Moreover, given that there are no distorting mirrors, no special peculiarities in the environment, his behavior is entirely appropriate to the states that are tracked. [...] So it is natural to suppose that, for a being of his sort, without any evolutionary history to weigh, optimal conditions obtain and hence there is sensory representation of those external states. (Tye 1995: 154f.)

Aber diese Auskunft geht völlig an Davidsons entscheidendem Punkt vorbei. Gesetzt, Swampman tritt in seine Existenz ein mit geschlossenen Augen und einem Hirnzustand, der, hätte ich ihn, die Erinnerung an eine besonders schöne rote Tomate wäre, inklusive der damit verbundenen Qualia. Wenn Repräsentationen solche Zustände sind, die kausal mit entsprechenden externen Umwelteigenschaften kovariieren, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, daß es sich bei Swampmans Hirnzustand um einen repräsentationalen Zustand handelt. Im Moment seiner Entstehung gab es schließlich die kausalen Verbindungen zwischen Welt und Hirn noch nicht, die es möglich machen würden, davon zu sprechen, dieser Zustand ‘verfolge’ einen bestimmten externen Zustand oder ‘zeige ihn an’, und diese Momente sollen doch wohl in Tyes Rede vom tracking enthalten sein.


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Solange Swampman die Augen geschlossen hält (um zu verhindern, daß es eine kausale Korrelation zwischen seinem visuellen System und der Welt gibt), tracken seine entsprechenden Hirnzustände nichts, obwohl er von ihnen genauso sprechen würde, ihnen auch denselben phänomenalen Gehalt zusprechen würde, wie wir es für unsere eigenen visuellen Zustände tun. Mehr noch, es ist bei Swampman nicht einmal klar, inwiefern er wirklich visuelle Zustände hat - er hat noch nie etwas gesehen! Wie man in solchen Fällen die optimalen Bedingungen festlegen will, ist völlig rätselhaft, wenn es sich nicht um evolutionär optimierte Bedingungen handeln soll. Wer legt fest, was das Ziel einer bestimmten Bewegung Swampmans ist; können wir z.B. sein Weglaufen vor einem Tiger als Fluchtverhalten erklären, ohne ihm einen evolutionären Hintergrund quasi anzudichten? Die reine Analogie mit unserem Verhalten jedenfalls reicht hier nicht, denn wer sagt, daß dasjenige, was für uns unter gegebenen Umständen eine sinnvolle Handlung unter Optimalbedingungen ist, auch für Swampman sinnvoll ist? Es scheint fast, als hänge Tye hier noch zu sehr am klassischen Funktionalismus, der sich mit dem Rest seiner Positionen an dieser Stelle nicht gut verträgt.<113>

Man könnte meinen, daß es innerhalb des Rahmens von Tyes Theorie eine naheliegende Lösungsstrategie gibt, die er ignoriert: Wenn man meint, daß Swampman tatsächlich repräsentationale Zustände hat, könnte man das einfach wie im Fall Theodors drauf zurückführen, daß er im relevanten Sinn ein Mensch ist, mit der Besonderheit, daß er als einziger Mensch nicht die Phylogenese von homo sapiens sapiens teilt. Biologisch gibt es da kein Problem: Dem allgemein anerkannten Biospezies-Konzept biologischer Arten zufolge ist eine Art eine geschlossene Fortpflanzungsgemeinschaft. Zu dieser Gemeinschaft gehört sicher auch Swampman als Molekül-für-Molekül-Kopie eines Menschen.<114> So könnte man Dretskes in der Tat eigenartige Konsequenz vermeiden, daß Swampman keine den unseren auch nur ähnlichen repräsentationalen Zustände hat und dennoch wäre klar, wie die optimalen Bedingungen für diesen Fall definiert sind. Andererseits bleiben dann trotzdem die Einwände bestehen, die gegen die biologische Bestimmung von Funktionen sprechen und auf die ich im Zusammenhang mit Dretskes Position bereits hingewiesen habe. Diese Variante wählt Tye vermutlich deswegen nicht, weil er (zurecht, wie wir oben bereits gesehen haben) befürchtet, daß so doch wieder ein teleologisches Moment in die Repräsentationstheorie eingeführt wird. Für Tye ist der Bezug auf die Teleologie allerdings nur in Fällen von bewußtem Entwurf (design) oder Evolution vonnöten, nicht jedoch in seiner Rede von optimalen oder normalen Bedingungen. Normale Bedingungen sollen dabei diejenigen sein, in dem sich ein System befindet und unter denen es gut funktioniert (functions well) oder gedeiht (flourishes). Ich habe schon bemerkt, daß ich nicht einmal im Ansatz erkennen kann, wie diese Terminologie ohne Teleologie erläutert werden könnte: Inbezug auf welchen Zweck funktioniert das System gut oder angemessen? Was sind die (doch wohl normativen) Kriterien, nach denen man beurteilt, ob ein System gedeiht, und wer oder was setzt sie fest? Das bleibt völlig rätselhaft.

Dagegen ist die richtige Intuition erkenntlich, die Tye hat, wenn er swampman ungeachtet seiner ‘falschen’ kausalen Geschichte genuine intentionale Gehalte zuschreiben will. Man ist versucht, anzunehmen, daß sinnvolle Kriterien dafür, ob ein System ‘wirklich’ etwas meint, ob es ‘genuine’ repräsentationale Zustände einnehmen kann, synchron, nicht diachron sein müssen. Das scheint besonders im Fall phänomenaler Zustände zu gelten: Mag es auch in der Tat schwierig sein, davon zu sprechen, das swampman die Frau seines durch den Blitz vernichteten Originals Donald wiedererkennt, wenn er sie, aus dem Sumpf kommend, zum ersten Mal in seiner noch recht jungen Existenz sieht, scheint doch klar, daß ein Zahnschmerz, der schon Donald plagte, ihm auf die gleiche Weise wehtun wird. Für den phänomenalen Eindruck des Schmerzes, der durch eine molekular identische Reizung des Nervs seines Backenzahns hervorgerufen wird, scheint swampmans Genese schlicht unerheblich. Sie sind, wie sie sind, unabhängig davon, wie sie zustande kommen. Tyes Bezugnahme auf das tracking unter Normalbedingungen ist nichts


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anderes als der Versuch, ein synchrones Kriterium zu formulieren, das an der externalistischen Orientierung des Repräsentationalismus’ festhält. Auch ich würde im Fall von Swampman behaupten, daß er tatsächliche, originäre intentionale Zustände hat und behaupte, daß das gesuchte Kriterium für das Vorliegen solcher Zustände ein synchrones sein muß, lehne aber Tyes Kriterium aus den genannten Gründen ab. Anders als Tye sehe ich auch das größte Problem der evolutionären Naturalisierungsversuche bezüglich der Semantik in einem anderen Punkt: Die meisten evolutionären Funktionalisten würden sicher nicht bestreiten wollen, daß Swampmans Blut bestimmte chemische Moleküle enthält, die nicht deshalb ‘unecht’ sind, weil sie mehr oder weniger spontan erzeugt wurden. Das aber würde heißen, daß Swampman zwar echtes Hämoglobin hat, aber keine echten Meinungen oder Überzeugungen. Das ist insbesondere deshalb eine seltsame Position, weil sie offenbar große Unterschiede bezüglich der Naturalisierbarkeit verschiedener Phänomene macht. Es wäre sicherlich im Rahmen einer naturalistischen Theorie wünschenswert, in beiden Fällen dieselbe Art von Erklärung geben zu können. Andernfalls drängt sich der Eindruck auf, hier zeigten sich Brüche im zugrundeliegenden Konzept dessen, was Naturalismus heißen soll. Meine Behauptung ist dagegen, daß Swampman sowohl echtes Hämoglobin wie echte phänomenale Zustände hat, und das dieser Umstand naturalistisch nur im Rekurs auf die zugrundeliegende physikalische Materialität (wenn auch nicht allein durch sie) erklärt werden kann.<115>

Ob der Repräsentationalismus überhaupt eine gute Theorie aller mentaler Zustände ist, entscheidet sich an der Frage, inwieweit Bedeutungszuweisungen zufriedenstellend naturalisierbar sind. Diese Frage ist weit davon entfernt, beantwortet zu sein, und ich selbst bin aus den bereits genannten Gründen diesbezüglich eher skeptisch, ohne aber ein abschließendes Urteil adäquat begründen zu können. In unserem Kontext ist das aber auch nicht unbedingt nötig, hier würde es bereits reichen, aufzuzeigen, warum der Repräsentationalismus zumindest keine vollständige Theorie über phänomenale Zustände sein kann.

6.3.5. Wann sind Repräsentationen poised?

Ein deutliches Manko von Tyes Theorie ist, daß nicht deutliche wird, wann genau ein informationstragender Zustand eine Repräsentation wird. Seine Auskunft ist, daß der Zustand in angemessener Weise verfügbar (suitably poised) sein muß. Aber was soll das heißen? Alle Versuche, das qualitative Erleben radikal in die Struktur der sensorischen Datenaufbereitung zu externalisieren, haben das Problem, daß dieser qualitative Aspekt dann unveränderbar (wie Dretske selbst sagt, sogar phylogenetisch) vorgegeben ist. In einem bestimmten System ist quasi fest verdrahtet (phylogenetisch fixiert), was als Qualia gelten kann. Was sich ändert, wenn ich einen Gegenstand nacheinander auf zwei verschiedene Weisen wahrnehme, ist nicht der qualitative Charakter selbst, sondern nur die Weise, in der ich diesen als fest vorgegebenen konzeptualisiere (mir für das kognitive System zugänglich mache, von einer systemischen in eine erworbene Repäsentation überführe, bewußt auf den nicht-epistemischen informationalen Gehalt zurückgreife, etc). Gestehen wir Tye das zum Zwecke des Arguments einmal zu, bleibt die Frage, wie solche Zustände physiologisch realisiert sind.

Nehmen wir als Beispiel noch einmal Marrs Theorie der Verarbeitung visueller Reize in voneinander abhängigen Symbolanordnungen oder mentalen Karten, die Tye ausdrücklich unterstützt. Wir haben es von der Retina bis zum bewußt erlebten visuellen Eindruck mit einer Reihe von transducern zu tun. Irgendwo in dieser Reihe findet ein Sprung statt von einer strikt physiologisch erklärbaren Transformation von inputs in outputs zu einer Repräsentation, von reinen hardware-Vorgängen zum PANIC-Zustand. Dabei sind PANIC-Zustände definitionsgemäß nicht-begrifflich. Eine der Intuitionen Tyes scheint hier zu sein, daß auch Tiere plausiblerweise phänomenale Zustände haben.<116> Bei Tieren reicht es, daß ein sensorischer Zustand für z.B. das motorische


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System zur Verfügung steht, um ein phänomenaler Zustand zu sein; Begriffe kommen dabei nicht ins Spiel. Wir Menschen als begriffsbegabte Wesen können zwar auch begrifflich auf unsere Sensorik zugreifen, aber auch wir müssen das nicht, um in einem phänomenalen Zustand zu sein. Die Ebene der phänomenalen Zustände ist geradezu die Ebene, die wir mit den Tieren gemeinsam haben, was ja schon durch unsere Phylogenese nahegelegt wird. Tye geht von der Voraussetzung aus, daß ”phenomenal consciousness is real and distinct from higher-order consciousness“, eben um die Frage danach, ob eine Organismus über phänomenale Zusände verfügt, unabhängig von seiner Artzugehörigkeit stellen zu können. Einen Hinweis auf die Ebene, auf der Tye sich das neurophysiologische Korrelat der Empfindungen vorstellt, hat er in seinem Erklärungsversuch der kognitiven Undurchdringlichkeit von Sinnestäuschungen wie der Müller-Lyer-Illusion bereits gegeben: Die phänomenale Ebene war hier laut Tye die basale Repräsentation der Linien als verschieden lang, die das kognitive System nicht korrigieren kann. Um genauer zu überprüfen, welche physiologische Realisierung der geforderten, vom Begriffsvermögen isolierbaren phänomenalen Zustände es geben könnte, stellen wir uns die Zeichnung eines Necker-Würfels vor. Es macht sicherlich einen repräsentationalen Unterschied, welche der Kanten ich als die mir am nächsten liegende interpretiere: Ich kann den Würfel springen lassen, wobei sich jeweils der repräsentationale Gehalt meiner Wahrnehmung verändert. Auch phänomenal sehen die beiden möglichen Interpretationen durchaus verschieden aus. Welche Stufe innerhalb von Marrs Theorie ist es, auf der der Übergang von transducing zu PANIC-Zustand stattfindet? Auf der Ebene des primal sketch und auch des 1 ½-D sketch ändert sich nichts, denn diese legen je nur den Linienverlauf fest und enthalten keine Hinweise auf die räumliche Ausrichtung. Die nächste Stufe wäre der 2 ½-D sketch, aber der ist offenkundig nicht mehr kognitiv undurchdringlich, vielmehr beeinflussen hier Begriffe in klarer Weise das, was gesehen wird. Hier ist ja bereits die Ausrichtung der Flächen bezüglich der Beobachterposition mit vermerkt, und wenn mich jemand auffordert, mir eine der Flächen abwechselnd als vordere oder hintere Fläche des Würfels vorzustellen, springt der Necker-Würfel nach Belieben. Es erscheint aber merkwürdig, ausgerechnet die Ebene des 1 ½-D sketches als die Ebene des phänomenalen Erlebens auszuzeichnen - ich zumindest habe noch keinen meiner 1 ½-D sketches gesehen und habe große Schwierigkeiten, wie man sich das auch nur vorstellen soll.<117> Ich habe an anderer Stelle schon dargelegt, warum ich der Überzeugung bin, daß meine phänomenalen Erlebnisse Objekte der Außenwelt zum Gegenstand haben und daß Bestrebungen, die Zustände, die phänomenal bewußt sind, auf eine bestimmte Verarbeitungsstufe im Gehirn festzulegen, auf der irrigen Annahme beruhen, man müßte die an der Wahrnehmung beteiligten transducer so ‘dünn’ wie möglich halten. Denn diese Art des Versuchs, die Phänomenalität als basalen Zustand eines Teilsystems der Wahrnehmung zu bestimmen, ist letztlich absurd. Auch Marrs These hat ja durchaus den Anspruch, eine Theorie nicht nur über das Sehen des Menschen zu sein, sondern über das Sehen allgemein, zumindest, soweit es in biologischen Organismen realisiert ist. Auch Hunde und Katzen bedürfen des 2 ½-D-sketches und der noch höheren Verarbeitungsstufen, wenn sie etwas sehen sollen, denn auch sie müssen, selbst wenn ihr Sehen nur die begriffslose Orientierung in der Umwelt ermöglichen soll, in irgendeiner Form die primitiveren Elemente in eine Repräsentation der Szene verwandeln und sich in ihr lokalisieren. Wir teilen, anders gesagt, viel zuviel mit den Tieren, als daß die Phänomenalität schon in relativ basalen Verarbeitungsstufen des Gehirns realisiert sein könnte. Sehen ist ein Prozeß, für den das gesamte visuelle System vorausgesetzt sein muß, und unser phänomenales Erleben hat das, was gesehen wird zum Inhalt, also den output des visuellen Systems, welches hier den transducer bildet.


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6.3.6. Der intentionale Gehalt von Gefühlen und Stimmungen

Noch weniger einleuchtend ist die RT bei globalen affektiven Zuständen oder Stimmungen wie der Depression. Denn hier scheint klar zu sein, daß ich die Welt genau gleich beschreiben würde, egal ob ich deprimiert bin oder nicht. Das ist eine Intuition, die Wittgenstein im Tractatus gut getroffen hat, wenn er schreibt, daß die Welt des Glücklichen eine andere ist als die des Unglücklichen, auch wenn sich an den Tatsachen nichts geändert hat.<118> Wenn ich ein Inventar der Objekte um mich herum anfertige, werde ich dort dieselben Gegenstände mit denselben Eigenschaften beschreiben. Allerdings werde ich meine Beschreibung vielleicht mit einer Bemerkung wie ”... aber es kommt mir alles so sinnlos vor“ abschließen. Ich kann mir nicht vorstellen, in welcher Hinsicht das ein repräsentationales Faktum über die Welt oder einen inneren sensorischen Zustand sein soll. Natürlich könnte ich, wenn ich ein zukünftiger Neurophysiologe mit optimierter Theorie über das Gehirn wäre, aus dem Umstand, daß ich eine Depression habe, darauf schließen, daß ich mich hirnchemisch, sagen wir, in einem Zustand von Lithiummangel befinde. In diesem rein kausalen Sinn ‘repräsentiert’ (und das sind scarequotes!) meine Depression Lithiummangel im Sinne einer Kovarianztheorie der Repräsentation: Diese beiden Zustände treten innerhalb der phylogenetischen Kontextrelation C zuverlässig korreliert miteinander auf. Aber es ist unglaubwürdig, daß es dies sein soll, was Depressionen repräsentieren. Wir empfinden Depressionen bewußt als Zustände mit einer bestimmten Qualität, und zum erlebten Inhalt dieser Stimmung gehören keine Fakten über seine vorbewußte physiologische Realisierung (auch nicht -pace Churchland [1979]- im Sinne eine eventuellen kognitiven Lernprozesses, der durch die beste aller möglichen brainsciences ausgelöst wird).

Aber eine solche direkte Repräsentation eines physiologischen Zustands kann Tye nicht als Gehalt des PANIC im Sinn haben, der eine Depression ist, denn wir haben keine auf Ungleichgewichte der Hirnchemie gerichtete Rezeptoren, und nur, wenn es solche Rezeptoren gäbe, könnten wir sensorische Repräsentationen dieser Zustände haben. Deswegen ist es zumindest irreführend, wenn Tye den Fall von Emotionen und Stimmungen mit dem von Schmerzen analogisiert (vgl. Tye 1995: 126). Schmerzen repräsentieren als phänomenale Zustände die Ursache der Reizung der Nocirezeptoren, in der Regel also eine Verletzung des Körpergewebes. Im Fall von Gefühlen und Stimmungen ist die Repräsentatonsleistung komplizierter, weil indirekt. Zunächst muß man die klarerweise intentionalen Aspekte eines emotionalen Zustands von den indirekt intentionalen, phänomenalen Aspekten trennen: Wenn ich mich vor jemandem fürchte, kann man sicher sagen, dieses Gefühl setze sich zusammen aus Überzeugungen (etwa, daß dieser Mann mich gleich schlagen wird) und von den Überzeugungen verursachten einfachen Gefühlen (die erlebte Furcht selbst). Diese ‘Basisfurcht’ läßt sich aber, behauptet Tye, selbst intentional verstehen: Meine Überzeugung, gleich auf sehr schmerzhafte Weise körperlich Schaden zu nehmen (die selbst als Hirnzustand realisiert ist), löst verschiedene physiologische Reaktionen aus. So werden z.B. Streßhormone ausgeschüttet, wodurch sich meine Atemfrequenz erhöht, ich zu schwitzen beginne, meine Pupillen sich weiten, etc.:

These physical changes are registered in the sensory receptors distributed throughout your body. In response to the activity in your receptors, you will mechanically build up a complex of how your body has changed, of the new body state you are in. In this way you will feel the physical changes. The feeling you undergo consists in the complex sensory representations of these changes. (Tye 1995: 126)

In zumindest einer Hinsicht hat Tye hier gewisse Intuitionen auf seiner Seite: Wenn man gar keine physischen Veränderungen erleben würde, wäre nicht klar, inwieweit das, was man dann erlebte, noch Furcht sein sollte. In dieselbe Richtung gehen auch die Resultate einiger empirischer


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Versuche (z.B. Ekman 1992), bei denen Versuchspersonen die Art von Mimik imitieren sollen, die für eine bestimmte Emotion typisch ist und darauf eben diese Emotion in Ansätzen auch erleben. In der Tat sind physiologische Veränderungen typisch für bestimmte Emotionen. Um daran zu glauben, muß man aber kein Repräsentationalist sein, vielmehr ist es eine der wenigen fast generell konsensfähigen Überzeugungen in der Philosophie des Geistes, daß eine massive Änderung des Gehirnzustandes mit einer Änderung des mentalen Zustandes einhergeht. Aber dadurch ist die Annahme nicht gerechtfertigt, daß Emotionen sich in der sensorischen Repräsentation solcher Veränderungen erschöpfen.<119> Wenn der repräsentationale Gehalt globaler affektiver Zustände der sensorische Zustand des Gesamtsystems ist, was heißt das mehr als die gebräuchliche These von der Abhängigkeit des Mentalen von seiner physischen Basis? Natürlich kann man keinen Ärger haben, ohne daß irgendetwas im Gehirn anders ist, als wenn man sich freut.

Wie letztlich unplausibel Tyes Ansatz ist, zeigt sich an der eigenartigen kausalen Rolle, die Emotionen in seinem Modell spielen. Emotionen können nicht nur von physiologischen Zuständen kausal erzeugt werden, sondern auch durch kognitive Zustände. Seltsamerweise ist es aber nach Tye nicht so, daß ich mich fürchte, weil ich der Meinung bin, gleich überfallen zu werden, was, wie ich annehme, der normalen Selbstbeobachtung entspräche. Vielmehr bewirkt die Meinung, gleich überfallen zu werden, physiologische Veränderungen der beschriebenen Art, die wiederum sensorische Repräsentationen verursachen, die als PANIC-Zustände mein phänomenales Erleben konstituieren.

Das bringt uns sofort zu der Frage, was denn passiert, wenn ein System einen emotionalen Zustand repräsentiert, obwohl es über keine entsprechende Sensorik verfügt. Man muß nicht gleich an Gehirne im Tank denken, schon bei Lähmungen aufgrund durchtrennter Nervenbahnen liegt so ein Fall vor. Jemand, der auf diese Weise gelähmt ist, erhält keine inputs mehr aus seinen Sinnesrezeptoren. Wenn er sich fürchtet, ist das streng genommen ein Irrtum. Er kann sich gar nicht richtig fürchten, denn Furcht ist die Repräsentation der entsprechenden Sensorik. Wenn ein gesunder Mensch sich fürchtet, repräsentiert er seine tatsächlichen physiologischen Veränderungen. Wenn ein gelähmter Mensch sich fürchtet, hat er nur Fehlrepräsentationen, weil er sich nicht unter optimalen Bedingungen fürchtet. Für das Gehirn im Tank sagt Tye das ausdrücklich, aber das ist direkt auf unseren Fall übertragbar:

You might even feel anger if you lose your body altogether and you are kept alive as a brain in the vat, stimulated to undergo the very brain states you do when you are angry in normal circumstances, via instructions from a computer. This is because you need not actually undergo a sensory representation of those changes. Where there is representation, there can be misrepresentation. And misrepresentation, or illusion, is what is going on in the case of the brain in the vat. (Tye 1995: 126)

Aber gelähmte Menschen sind nicht auf irgendeine illusorische Weise wütend. Tyes Darstellung scheint in einem tieferen Sinne absurd zu sein. Das kommt vielleicht noch besser heraus, wenn wir uns dem Fall von Stimmungen zuwenden. Tye gibt zu, daß es hier noch schwieriger ist, genau anzugeben, was der repräsentationale Gehalt sein soll, versucht es aber mit der folgenden Antwort:

For each of us, there is at any given time a range of physical states constituting functional equilibrium. Which states these are might vary from time to time. But when functional equilibrium is present, we operate in a balanced, normal way without feeling any particular mood. When moods descend on us, we are responding in a sensory way to a departure from the pertinent range of physical states. (Tye 1995: 129)

Wenden wir das auf den Fall der Depression an. Jemand, der keine Nervenverbindung mehr zu seinen Sinnesrezeptoren hat und sich dennoch depressiv fühlt, verhält sich in der entscheidenden Hinsicht so wie Macbeth, der den Dolch halluziniert: Beide habe eine Fehlrepräsentation - in dieser Hinsicht irren sich beide. Es ist schwierig, ganz genau auf den Punkt zu bringen, was an diesem Bild seltsam erscheint, denn Tye behauptet ja nicht, daß man sich darüber täuschen könnte, gerade deprimiert zu sein. Er würde darauf bestehen, daß bei der Fehlrepräsentation wie bei der


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Repräsentation tatsächlich eine Depression vorliegt, genau wie Macbeth einen phänomenalen Eindruck von Rot hat, wenn er das Blut am Dolch zu sehen meint. Macbeth aber könnte man versuchen, dadurch zu helfen, daß man ihn auf den halluzinatorischen Charakter des Dolches hinweist,<120> im Fall der Depression hingegen verspricht der Versuch der Aufmunterung durch den Hinweis, daß es sich doch nur um eine Fehlrepräsentation handle, nicht besonders viel Erfolg.

Aber man muß nicht versuchen, Tyes Position durch solche zugegebenermaßen extremen Beispiele zu unterminieren. Es reicht, sich seine Analyse von Stimmungen in den Standardfällen anzuschauen, um den Verdacht zu bekommen, daß hier etwas nicht stimmen kann. Tye erkennt einen Unterschied zwischen Emotionen und Stimmungen an:

For depressions or anxiety there is no characteristic activity standardly caused by them as in the case of fear or anger. Rather, there is a characteristic style or manner of behavior. Depression is a state that causes people who are subject to it to behave in a depressed manner, whatever they may be doing. (Tye 1995: 129)

Man kann nun mit Tye einer Meinung sein, daß es durchaus typisch für Depressionen ist, daß Menschen sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Die Frage ist aber doch vielmehr, ob sich durch dieses Verhalten die gesamte Depression erschließt. Und eben das möchte ich sehr bezweifeln.<121> Die These, daß Depression die Repräsentation (oder Fehlrepräsentation) einer bestimmten Weise ist, sich zu verhalten, ist analog zu der altbekannten These, daß Schmerz in der Summe des Schmerzverhaltens bestehe. Gegen solche letztlich behavioristisch orientierten Theorien hat Putnam (1963) das Beispiel des Superspartaners eingeführt, der so erzogen worden ist, daß er, obwohl er Schmerzen hat, lieber tot umfällt, als Schmerzverhalten zu zeigen. Diesen Fall können wir dahingehend erweitern, daß unser Superspartaner es zusätzlich auch noch für seiner nicht würdig hält, seine Depression öffentlich zu machen. Obwohl er sich innerlich leer fühlt, der peloponnesische Krieg völlig sinnlos erscheint, und er keinen Geschmack an seiner schwarzen Suppe findet, achtet er darauf, daß sein Gang genauso energetisch ist wie sonst, daß er genauso aktiv ist, seine Mundwinkel sich nicht ständig nach unten verziehen und er nicht nur selber Scherze macht, sondern auch über die anderer lacht - kurz, er verhält sich so, als wäre er bei bester Laune. Wenn man in sein Gehirn scheuen könnte, würde man zwar feststellen, daß sein Lithiumhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten ist, man würde aber auch sehen, daß seine Sinnesrezeptoren genau das repräsentieren, was die einer gutgelaunten Person repräsentieren. Das Problem ist hier nicht mehr, wie in den Beispielen oben, daß das System etwas fehlrepräsentiert; wir nehmen an, daß die Sensorik des Superspartaners völlig normal funktioniert und eine völlig zutreffende Repräsentation seiner ‘Körperlandschaft’ (body landscape) enthält.<122>

Dieser Fall erscheint mir nicht nur denkbar, sondern sehr allgemein im Verhaltensrepertoire eines Jeden von uns tatsächlich vorhanden zu sein - wer hätte noch nicht auch über längere Zeit andere erfolgreich über seine Stimmung getäuscht? Tye muß das bestreiten, denn wenn keine Fehlrepräsentation vorliegt, Depression die Repräsentation eines speziellen Gesamtkörperzustandes ist und unser Spartaner diesen Zustand nicht repräsentiert, kann er auch nicht deprimiert sein. Hier sind alle optimalen Bedingungen gegeben, alle Sinnesrezeptoren tracken zuverlässig die Körperzustände eines gutgelaunten Menschen, und dennoch ist der Spartaner deprimiert. Für den Psychofunktionalisten ergibt sich hier kein Problem; er würde einfach sagen, daß hier die Körperlandschaft einfach nicht die richtige kausale Rolle für den motorischen output spielt. Diese Position aber hat Tye aus anderen (wie mir scheint, guten) Gründen zurückgewiesen (vgl. Tye 1995: 163).


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Tye würde dieser Darstellung vermutlich widersprechen. Er könnte z.B. sagen, daß der Spartaner eben doch andere Zustände sensorisch repräsentiert, einfach schon, weil ein so schwerwiegender Umstand wie die aus dem Gleichgewicht geratene Hirnchemie irgendwo einen Unterschied in der Sensorik hervorrufen muß, wenn nicht in den Repräsentationen der Außenwelt, so doch zumindest, was propriozeptive Zustände angeht. Mit ein wenig gutem Willen können wir zugestehen, daß Tye im letzten Zitat etwas fahrlässig mit dem Begriff des Verhaltens operiert hat, daß aber der richtige Kern seiner Ausführungen der ist, daß sich im Fall von Depression ganz sicher etwas an der Körperrepräsentation ändert, die ja nicht nur über die Außenweltsinne zustande kommt, sondern über das autonome Nervensystem auch propriozeptive (die Gelenkstellung betreffende) und viszerale (die Organzustände betreffende) Elemente enthält, ganz zu schweigen von weiteren Repräsentationsfunktionen des endokrinen Systems (über den Hormonspiegel im Blutkreislauf) oder des Immunsystems. Vielleicht müssen wir Tyes Definition von sensorischen Zuständen nur dahingehend erweitern, daß nicht nur inputs aus den Sinnessystemen zur Entstehung von PANIC-Zuständen führen, sondern auch die aller anderen körpereigenen Systeme, die Informationen (im Sinne Dretskes) über Zustände sowohl der Welt wie des Körpers enthalten. Das ist auch, denke ich, eine richtige Idee. Allerdings scheint sie mir den Vorteil zu unterlaufen, den die Repräsentationstheorie für sich in Anspruch genommen hat, nämlich klar definierte repräsentationale Zustände mit klar definierbaren Gehalten zur Verfügung zu stellen und zudem noch zu erklären, wie solche Zustände entstehen. Denn diese Grundidee des Repräsentationalismus setzt voraus, man könnte einzelne Zustände irgendwie klar auch im Gehirn voneinander absetzen und verhieß zudem, man könne von der höchsten Systemebene (der personalen Ebene) abstrahieren, weil schon in kleineren Untereinheiten oder Modulen der entsprechende Gehalt zu finden wäre. Jetzt scheinen wir dahin gelangt zu sein, daß ein phänomenaler Zustand weit komplizierter ist, als es dieses Modell zuläßt, weil auch eine relativ einfach strukturierte Erlebnisepisode etwa einer Farbe nicht nur die Farbe in einer bestimmten Modalität als Außenwelteigenschaft (und in diesem Sinn als Quale) repräsentiert. Vielmehr werden in jedem Empfinden verschiedene Systeme aktiviert, die auch physiologisch nicht zu hierarchisieren sind und die letztlich diese Empfindung nur als eingebettet in einen Gesamtzustand des Systems erlebbar machen. Wenn wir in einem phänomenalen Zustand sind, der ein Objekt als blau repräsentiert, so handelt es sich bei dieser Repräsentation um einen Systemzustand, der sich wohl von der Repräsentation dieses Objektes als rot unterscheidet, aber nicht in der Weise, daß alles gleich bleibt und nur das Repräsentationsmodul ‘Farbe’ seinen Gehalt ändert. Dafür jedenfalls sprechen die empirischen Ergebnisse, auf die wir in den folgenden Kapiteln näher werden eingehen müssen.

Fußnoten:
<99>

Vielen Lesern mag der Zug in die Phylogenese nicht besonders plausibel erscheinen; daß er zunächst dennoch einige Evidenzen für sich hat, könnte ein Naturalist, der im Sinne Dretskes argumentiert, mit dem Verweis auf neuere Arbeiten zur evolutionären Entwicklungsbiologie zu belegen versuchen. Wie E. Pennisi und W. Roush (1997) kürzlich in einem Science-Artikel darlegten, weisen Erkenntnisse aus der Molekulargenetik darauf hin, daß auch in phylogenetisch weit entfernten Tierarten die gleichen Gene für die Ausprägung gleicher Sinnesorgane zuständig sind, auch wenn diese Organe sich in ihrem jeweiligen Aufbau stark voneinander unterscheiden. Das gilt selbst für die Augen von Wirbeltieren und den Facettenaugen von Insekten: Die Gene, die bei Mäuseembryonen die Lage der Augen bestimmen, finden sich in ganz ähnlichen Form auch bei Fruchtfliegen. Offenbar gibt es hier einen gemeinsamen Ursprung, der es ermöglichen könnte, die biologische Funktion des Sehens einheitlicher zu bestimmen, als das der Fall wäre, hätten sich grundverschiedene Weisen der Aufnahme von Umweltreizen in Form elektromagnetischer Wellen zwischen ca. 300 und 900 nm herausgebildet. Aber so interessant diese Auskunft für sich genommen ist, so wenig ist klar, warum die Kontinuität der biologischen Evolution auch eine Kontinuität der phänomenalen Gehalte erklären soll. Es ist eine in 'starken' naturalistischen Theorien bedauerlicherweise oft beobachtbare Strategie, aus einer philosophisch interessanten offenen Frage in den Diskurs einer Einzelwissenschaft auszuweichen, ohne daß dieser Diskurs mit dem Ausgangsproblem in ersichtlichem Zusammenhang stünde.

<100>

Das ist für Liebhaber phänomenaler Qualitäten (vulgo: qualia-freaks) wie mich deshalb eine interessante Behauptung, weil sie beansprucht, innerhalb einer physikalistischen Theorie den verwickelten Problemkomplex invertierter Qualia in den Griff zu bekommen.

<101>

vgl. Dretske 1995: 75, 81f.

<102>

vgl. hierzu z.B. Cummins 1975.

<103>

vgl. Kitcher 1993.

<104>

Zum Begriff der Exaption vgl. Gould und Lewontin (1979), Gould (1980) oder Gould und Vrba (1980).

<105>

z.B. für Millikan (1989, 1993), die eine selektionsgeschichtlich-funktionalistische Theorie semantischer Gehalte formuliert hat.

<106>

vgl. Dretske 1995: 19.

<107>

Es ist bemerkenswert, daß in immer mehr Veröffentlichungen die emphatische Betonung, man müsse das Phänomen des Bewußtseins endlich wirklich ernst nehmen, am Anfang steht. Wie alle philosophischen Debatten, so entwickelt auch die Diskussion um Qualia ihre eigenen literarischen Topoi.

<108>

Janet Levin (1997: 106) geht in ihrer Rezension so weit, von einer "generally confusing presentation" zu sprechen - das allerdings scheint mir etwas harsch.

<109>

In seiner Erklärung, wie es zum repräsentationalen Gehalt dieser Zustände kommt, macht Tye einige interessante Bemerkungen über language of thought-Theorien: Zunächst stellt er zutreffend fest, daß es sich bei der These, intentionale mentale Zustände seien als propositionale Zustände sprachähnlich verfaßt, um eine empirische These handelt, nicht um eine primär philosophische, was im Eifer des Gefechts häufig untergeht. Diese empirische These leitet sich aus der klassischen Kognitionswissenschaft ab, die das Gehirn als eine Art von Computer betrachtete, der die symbolischen Strukturen von Repräsentationen in einer systeminternen Sprache codiert. Die leitende Idee dabei ist, daß intentionale mentale Zustände satzartig sind, weil sie mehrere Merkmale mit Sätzen teilen: Erstens sind sie systematisch, d.h. zwischen ihnen bestehen intrinsische Verbindungen. Zweitens sind sie produktiv: Aus einer endlichen Menge von Elementen und Regeln können unendlich viele Ketten gebitldet werden. Sie sind drittens im schon erwähnten Sinn intensional und viertens wahrheitsfunktional. Aber diese Ähnlichkeiten, so hält Tye language-of-thought-Theoretikern wie Fodor und Pylyshyn (1988) entgegen, reicht nicht aus, um die weitgehende Folgerung zu decken, alle intentionalen Zustände seinen satzähnlich: "A commitment to an inner symbol system within which mental representation occurs is not commitment to sentences in each and every case. After all, computers -symbol manipulators par excellence- operate on all sorts of symbol structures (for example lists, sentences, arrays); to mention one example, there are well-known theories of mental imagery that fall within the computational approach but reject the thesis that images are sentences" (Tye 1995: 99). Tye selbst meint, die sententielle Analyse sei richtig im Fall von Meinungen und anderen propositionalen Zuständen, nicht aber im uns besonders interessierenden Fall von sensorischen Zuständen. Was auch immer aber das Format der repräsentationalen Zustände sein mag, die entscheidende Frage ist, was eine bestimmte Anhäufung von physikalisch beschreibbarer Materie zu einem repräsentationalen System macht. Auch hieran wird Tyes Stufenmodell (von basalen, physiologischen, phänomenalen zu davon klar trennbaren sententiellen, abstrakten kognitiven Zuständen) deutlich. Vgl. hierzu auch Tye 1991.

<110>

Je sinniger ein Akronym, desto naheliegender der Verdacht, daß die Elemente nicht genau das sagen, was sie eigentlich sagen sollten: "The 'abstract' seems a bit off - surely the contents of conceptual representations are more abstract than sensory ones. [...] 'General' would seem to be more the word he wants, but then 'PGNIC' makes a lousy acronym" (Antony 1997a: 26).

<111>

Diese Einschränkung ist zumindest dann erforderlich, wenn man keinen informationsbasierten Panpsychismus vertreten möchte. Auch diese Position wird diskutiert, vgl. Chalmers (1996).

<112>

Eine ausführlichere Diskussion von Doppelgängern ohne evolutionäre Geschichte findet sich in Cummins 1989: 80ff.

<113>

Einen ähnlichen Verdacht hegt Louise Antony (1997a: 26): "Tye falls back on the notion of function, which he seems to treat sometimes as a historical, and other times as a synchronic notion. Tye's discussion of Swampman and related puzzles is thus unprincipled and unsatisfying."

<114>

Dabei könnte Swampman sogar unfruchtbar sein, denn zumindest theoretisch ist er Mitglied der Fortpflanzungsgemeinschaft, weil man sein Erbgut immer noch in eine menschliche Eizelle einschleusen und lebens- und ihrerseits fortpflanzungsfähigen Nachwuchs erzeugen könnte.

<115>

Einen ähnlichen Punkt macht auch Galen Strawson (1996: 40f.). Strawsons internalistische Grundüberzeugung teile ich jedoch nicht. Ich behaupte die Wichtigkeit der materiellen Realisierung auch nur für das phänomenale Bewußtsein, das Projekt einer generellen naturalisierten Semantik im Stile von Millikan (1984 und 1993) halte ich für wenig aussichtsreich.

<116>

Vgl. Tye 1995: 5f.

<117>

Ich bin mir nicht einmal sicher, was es heißen sollte, seine 3-D model representation zu erleben; ich sehe immer nur Gegenstände, wenn auch sicher vermittelt durch die niedrigeren Verarbeitungsstufen. Vielleicht ist das eine Motivation für Beckermann, die Rolle aller Verarbeitungsstufen am Sehen eines Objekts hervorzuheben. Das ist keine schlechte Idee, aber ich denke, man sollte dann noch einen Schritt weitergehen und alle Verarbeitungsstufen als reine transducer verstehen. - Kathleen Akins deutet Tyes Äußerungen in seinem The Imagery Debate so, daß unsere visuellen Phänomene doch im interpretierten 2 1/2-D-sketch ihre Erklärung finden. Letztlich ist es nicht wichtig, auf welcher funktional identifizierten neurophysiologischen Ebene man Tyes PANIC-Zustände ansiedelt, da sich mutatis mutandis immer dasselbe Problem stellt: "When we experience visual phenomenology, say, when we look out of the window into the garden below, we do not see little dots and arrows affixed to 'cartoon' outlines (the primitives of the 2,5-D sketch), nor do we see stick-figures or generalized cylinders (the primitives of shape recognition" (Akins 1994: 174).

<118>

vgl. Tractatus Logico-Philosophicus, 6.43, in: L.W. 1984: Werke. Bd 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Eine andere Formulierung dieser Einsicht findet sich in seinem Vortrag über Ethik. Wittgenstein spricht über ein Erlebnis, das er als Grunderlebnis der ethischen (in Abgrenzung zur wissenschaftlichen) Einstellung bezeichnet: "Am ehesten läßt sich dieses Erlebnis, glaube ich, mit den Worten beschreiben, daß ich, wenn ich es habe, über die Existenz der Welt staune" (Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989, S.14). Was Wittgenstein zu umschreibe versucht ist der Eindruck, daß etwas Wesentliches sich in meiner Einstellung zur Welt ändern kann, auch wenn sich an der Art, wie ich die Dinge in der Welt repräsentiere, nichts ändert. Darüber kann man staunen, und das ist eine Episode, die sicher eine phänomenale Färbung hat.

<119>

Eine ähnliche Kritik findet sich bei Levi 1997.

<120>

Was bei Shakespeare bekanntlich niemand tut, vgl. Macbeth, 2.Akt, 1. Szene.

<121>

An dieser Stelle weiß ich mich einig mit Galen Strawson, der diese Idee als entscheidendes Merkmal des 'Neobehaviorismus' bezeichnet, dessen Widerlegung seine Hauptabsicht ist: "The functionalist idea that one can capture the whole nature of certain (or all) types of mental state or occurrence by giving an account of their typical or characteristic causes and effects is still extremely influential in contemporary philosophy of mind, and I do not know of any version of functionalism that is not neobehaviorist in its assumption that types of mental state and occurrence are essentially (if only partly) defined by their causal relations to types of bodily behavior" (Strawson 1996: 29); "It is obvious that depression in human beings standardly involves feelings that cannot be captured by statements about behavior or about dispositions to behavior" (Strawson 1996: 31).

<122>

Der Ausdruck body landscape stammt von Antonio Damasio (1997) \|-\| vgl. Kap. 8.


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Tue Jun 8 19:04:33 1999