Siebert, Carsten: Qualia Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

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Kapitel 8. Verkörpertes Bewußtsein: Wo spüre ich etwas? Und wo bin ich überhaupt?

Die Frage scheint recht schlicht zu sein, doch ihre Schlichtheit ist nur Schein. Sie läßt mir seither keine Ruh: Wie weiß mein Körper was ich tu? (Robert Gernhardt)

8.1. Die Theorie der ‘somatischen Marker’ im Kontext: Antonio Damasio

Die Überzeugung, daß man es sich in den vergangenen Jahrzehnten in Folge der Fortschritte, die in der Aufklärung von Hirnprozessen durch die Anwendung von Modularitätshypothesen erzielt worden sind, zu leicht gemacht habe, findet eine Bestätigung in neueren Thesen über die Vernetzheit aller dieser Vorgänge. Auch wenn niemand mehr daran arbeitet, direkte neurophysiologische Korrelate für die belief boxes zu finden, die in den Hirnmodellen der siebziger Jahre so populär waren, trifft man doch immer noch auf die Tendenz, einzelne Aspekte einer Theorie des Geistes so zu behandeln, daß man für sie in sich abgeschlossene Modelle entwickelt. Nur deshalb konnte sich die Debatte um phänomenale Qualitäten als relativ unabhängige Einzeldisziplin entwickeln, die zwar nach Möglichkeit anschlußfähig an die Theorien sein sollte, die sich mit den propositional verfaßten kognitiven Fähigkeiten beschäftigten, die mit diesen Theorien aber nicht in einem intrinsischen Zusammenhang zu stehen schien. Und nur aus dieser theoretischen Abtrennung konnte sich die Frage ergeben, wie denn eine wissenschaftliche Psychologie, in der alles auch ohne Bezug auf phänomenale Qualitäten gesagt werden kann, sich mit dem phänomenologischen Faktum des eigenen Erlebens vereinbaren läßt. Wenn die beste naturwissenschaftliche Theorie ohne Phänomene auskommt, wozu sollen sie dann gut sein? Die Beschäftigung mit phänomenalen Qualitäten erscheint aus dieser Perspektive wie ein Kropf am Schwanenhals der reinen Wissenschaft, sie gerät in gefährliche Nachbarschaft zu irrationalem Spintisieren. Wir haben oben gesehen, daß das etwa für Chalmers wichtige Probleme sind. Aber auch ganz andere Ansätze wie Dennetts Versuch, Qualia zu ‘quinen’, d.h. sie im direkten Anschluß an die Naturwissenschaften als in der relevanten Hinsicht illusionäre Entitäten (oder doch als rein instrumentalistisch verstehbare Abstracta) zu erweisen, sind in der unmittelbaren Nachbarschaft solcher Überzeugungen angesiedelt.

Die Trennung von klar bestimmbaren propositional verfaßten Zuständen, Rationalität, Kognition und ähnlichen Begriffen von der weit diffuseren Sphäre von Gefühlen, Sinneserlebnissen, Stimmungen und so weiter scheint sich immer stärker als vorschnelle Überzeugung herauszustellen, je mehr wir über die tatsächliche Funktionsweise des Gehirns in Erfahrung bringen. Diese Trennung ist weniger eine Folgerung aus bestimmten Beobachtungen oder Argumenten, sondern ein Überbleibsel des ansonsten beiseite gelegten Rationalismus’ des 18. Jhdts. Es sind nicht nur Philosophen, die sich unterschiedliche Systeme für die im höheren Sinne vernünftigen und die bloß sensorischen mentalen Fähigkeiten vorstellten, auch die Neurowissenschaftler dachten in dieser Dichotomie und versuchten, dementsprechende neuronale Realisierungen ausfindig zu machen. Eben diese Dichotomie aber wird durch neuere Ergebnisse der Neurowissenschaften völlig unterminiert. Es sind im besonderen drei Gruppen von Menschen, bei denen sich ebenso empirisch faszinierende wie persönlich tragische Zusammenhänge (bzw. deren Störungen) zwischen den Komplexen von abstraktem Denken/Entscheiden und von Empfindung/Gefühl beobachten lassen: Patienten mit Läsionen im Bereich des Frontalhirns, Anosognostiker und (mit einigen Vorbehalten) Autisten.


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8.1.1. Drei Typen von empirischen Befunden

8.1.1.1. Patienten mit Frontalhirnläsionen

Die klassische Fallstudie, die die Einschätzung des Verhältnisses von emotiven und phänomenalen Zuständen einerseits und rationalen Entscheidungen andererseits revolutionieren sollte, ist der Fall von Phineas Gage, der im Sommer 1848 einen folgenschweren Unfall erlitt, der sich kaum weniger phantastisch anhört als viele philosophische Gedankenexperimente: Bei einer Sprengung im Verlauf von Gleisbauarbeiten in Vermont durchbohrte eine Eisenstange von unten seine linke Wange, schoß durch den hinteren Teil des linke Auges, durchquerte Teile seines Vorderhirns und durchschlug schließlich beim Austritt Gages Schädeldecke. Bedenkt man, daß die Stange über sechs Kilogramm wiegt, 1,98 m lang und über drei Zentimeter dick ist, bevor sie bis auf einen Durchmesser von sechs Millimetern spitz zuläuft und mehr als dreißig Meter durch die Luft flog, nachdem sie Gages Schädel durchbohrt hatte, erhält man ein Gefühl dafür, wie seltsam der Umstand ist, daß Gage diesen Unfall überlebte. Noch viel erstaunlicher ist, daß Gage bei diesem Vorgang nicht einmal das Bewußtsein verlor: Nach den zeitgenössischen Berichten fiel er zu Boden, wobei seine Gliedmaßen krampfhaft zuckten; schon nach wenigen Minuten sprach er wieder und konnte aufrecht auf dem Wagen sitzen, der ihn zum nächsten Arzt brachte. Dort angekommen, stieg er selbständig, nur wenig von Helfern gestützt, vom Wagen, witzelte mit dem Arzt (er bemerkte: ”Hier gibt es reichlich für Sie zu tun, Doktor“) und wirkte insgesamt völlig normal. Ein zweites, in Anbetracht der damaligen Medizin vielleicht noch größeres Wunder: Gage überstand die sich einstellende Wundinfektion am offenen Gehirn. Physisch genas er in der folgenden Zeit vollständig, auch deshalb ist der Fall für das 19. Jhdt. ausgesprochen detailliert dokumentiert. Nur diesem außergewöhnlichen Umstand ist es zu verdanken, daß nach seiner physischen Genesung zusehends klarer wurde, daß die Unfallfolgen schwerer waren, als man zunächst angenommen hatte. Denn Gages Persönlichkeit hatte sich weitreichend verändert: War er vorher als strebsamer, höflicher Mensch bei seinen Mitarbeitern sehr beliebt und arbeitete zielstrebig und mit Erfolg auf eine Karriere bei der Eisenbahngesellschaft hin, bei der er beschäftigt war, ließ er sich nach dem Unfall sozial nicht mehr integrieren. Er war zu keiner langfristigeren Planung mehr fähig, weil er binnen kurzer Zeit die widersprüchlichsten Pläne verfolgte und schnell wieder verwarf, war jähzornig, unflätig und triebhaft. Er starb 13 Jahre nach seinem Unfall, in denen er ein unstetes Leben in den USA und Mexiko zwischen Gelegenheitsarbeiten und familiärer Unterstützung geführt hatte, an epileptischen Dauerkrämpfen (vgl. Damasio 1997, Kapitel 1 und 2).

Gages Schicksal ist für uns besonders bemerkenswert, weil es eine erste Bestätigung der These bietet, daß intelligentes, rationales Verhalten nicht so eindimensional ist, wie in vielen traditionellen Rationalitäts- und Intelligenztheorien angenommen wird.<144> Obwohl die im Rahmen solcher Theorie meist in Anspruch genommenen Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Sprache, Gedächtnis und Intelligenz (im Sinne etwa der erfolgreichen Bearbeitung eines Intelligenztests) nicht beeinträchtigt schienen, war Gage nicht mehr in der Lage, vorausschauend zu planen. Offenbar waren weite Teile seines Wertesystems und auch des diesbezüglichen Wissens abstrakt vorhanden, er konnte sie aber nicht mehr handlungsrelevant in konkreten Lebenssituationen aktivieren. Die Lehre hieraus ist, daß es nicht ausreicht, abstrakt über die nötigen Überzeugungen und angemessene Lösungsalgorithmen zu verfügen, um im vollen Sinn des Wortes rational zu handeln. Es ist auch nicht genug (um eine andere Terminologie zu verwenden), die richtigen Meinungen und Wünsche zu haben: Solange diese Fähigkeiten dissoziiert vorliegen, sind die resultierenden Handlungsmuster klar pathologisch. Die interessante Frage, die der Fall von Phineas Gage aufwirft, ist, auf welche Weise alle diese Elemente integriert werden müssen, um solche Handlungsmuster zu erzeugen, die wir als rationales, intelligentes Verhalten charakterisieren würden.

Neuroanatomisch läßt sich sehr genau angeben, welcher Art die Hirnläsionen waren, die zu der speziellen Dissoziation im Fall von Gage führten. Die modernen bildgebenden Verfahren (funktionales Magnetresonanz-Imaging oder fMRI) ermöglichen es, eine genaue Computersimulation von Gages Gehirn zu erstellen, an der sich ablesen läßt, daß der ventro-


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mediale Bereich des Präfrontalhirns, d.h. der innenliegende, vordere, untere Teil des Stirnlappens beider Großhirnhemisphären stark in Mitleidenschaft gezogen waren (vgl. H. Damasio et al. 1994). Man weiß aus anderen Experimenten, daß diese Areale in besonderer Weise an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, und tatsächlich zeigte Gage dabei deutliche Defizite. Als Einzelbeobachtung wäre das noch nicht hinreichend aussagekräftig, es gibt aber inzwischen eine ganze Reihe von Fallstudien, die es erlauben, die Schlußfolgerungen zu verallgemeinern. Die kognitiven und das Verhalten betreffenden Merkmale, die für Frontalhirnpatienten kennzeichnend sind, faßt man unter der Bezeichnung ‘Gage-Matrix’ zusammen. Durch Damasios eingehende Untersuchung und Beschreibung hat besonders der Fall eines Patienten mit dem Pseudonym Elliott einiges Aufsehen erregt, er soll hier aber nur paradigmatisch für eine Vielzahl von Patienten des gleichen Typs stehen, die alle unter sehr ähnlichen Kernsymptomen zu leiden haben.<145> Elliott hatte nach der operativen Entfernung eines Hirntumors eine Charakteränderung erlitten, die, wenngleich weniger ausgeprägt, der von Gage ähnelte: Obwohl er ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen war und auch nach der Operation in seinen intellektuellen Fähigkeiten in keiner Weise eingeschränkt schien, was es ihm unmöglich, seine Arbeit weiterhin auszuüben. Wie wenig eingeschränkt Elliott zunächst schien, wird schon dadurch deutlich, daß Damasio ihn deswegen kennenlernte, weil Elliott ein psychiatrisches Gutachten brauchte, um sein Recht auf eine Invalidenrente durchzusetzen - er erschien nach allen üblichen Tests so normal, daß man ihn der Faulheit und des Simulantentums bezichtigte. Denn plötzlich konnte Elliott seine Zeit nicht mehr sinnvoll einteilen, keine Tätigkeit mehr systematisch zuende führen oder verschiedene Aufgaben ihrer Wichtigkeit nach zu ordnen. Auch im Privatleben traf er kurzsichtige Entscheidungen und verspekulierte innerhalb kurzer Zeit sein Vermögen, obwohl sich an seinem Wissensstand über das Finanzwesen nichts geändert hatte. Damasio kennzeichnet einen wesentlichen Aspekt von Elliotts Defizit wie folgt:

Man könnte sagen, daß Elliott den Arbeitsschritt, an dem er hängenblieb, zu sorgfältig ausführte, und zwar auf Kosten des übergeordneten Ziels. Und man könnte sagen, daß er sich, gemessen am übergeordneten Bezugssystem seines Verhaltens - an der übergeordneten Priorität -, irrational aufführte, während er in den kleinen Bezugssystemen seines Verhaltens, die Teilaufgaben betrafen, eine übermäßige Detailversessenheit an den Tag legte. (Damasio 1997: 67)

Das ist eine Erklärung dafür, daß Elliott bei allen psychologischen diagnostischen Tests gut bis überdurchschnittlich abschnitt, denn diese Tests beziehen sich jeweils auf relativ eng umgrenzte Fähigkeiten, um die Möglichkeit einer möglichst genauen Differenzierung der Störungen zu eröffnen - Störungen in der Integrierung dieser Fähigkeiten decken sie nur in eklatanten Fällen auf. Da die Dissoziierung sich bei Elliott besonders in der Unfähigkeit bemerkbar machte, im persönlichen und sozialen Bereich angemessene Entscheidungen zu treffen und zudem alle anderen Kandidaten für die Ursache der Dissoziierung (etwa Defizite in der Erinnerung oder der Aufmerksamkeit) ausgeschieden werden konnten, entschied sich Damasio dafür, Elliotts emotionale Reaktionen genauer zu untersuchen. Denn Elliott zeigte eine eigenartige Teilnahmslosigkeit, die sich auch auf sehr persönliche Zustände erstreckte. So berichtete er völlig emotionslos über die persönlichen Katastrophen, die ihm in der Folge seiner Erkrankung widerfahren waren, wie dem Verlust seines Vermögens und seiner Familie. Auch zeigte er selbst während der langwierigsten und langweiligsten Tests nie Spuren von Ungeduld oder Zorn. Diese Verflachung des Gefühlslebens untersuchte Damasio mit standardisierten psychologischen Tests: Er zeigte Elliott (und auch vielen anderen Frontalhirnpatienten) emotional besetzte Bilder, z.B. von grauenvollen Verkehrsunfällen oder Naturkatastrophen. Dabei kam es zu einer erstaunlichen Selbstaussage Elliotts:

Nach einer von vielen Sitzungen, in denen wir ihm diese Bilder gezeigt hatten, erklärte er sehr bestimmt, seine Gefühle hätten sich seit seiner Krankheit verändert. Er merke, daß Themen, die ihn einst sehr erregt hätten, jetzt keine Reaktion, weder positive noch negative, hervorriefen. (Damasio 1997: 78)

Dabei war das Problem nicht, daß er nicht hätte sagen können, welche Bilder furchtbar und welche


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angenehm waren; sein Wissen darüber war nicht beeinträchtigt. Auch hatte er die Bilder offenbar sehr aufmerksam betrachtet, denn seine propositionale Beschreibung der Bilder war, anders als sein emotionales Verhältnis zu ihnen, völlig unauffällig. Daß diese Auskunft Elliotts mehr war als eine eventuell irreführende oder falsche Selbstbeobachtung, ließ sich auch daran erkennen, daß seine Hautleitfähigkeitswerte unverändert blieben. Bei organisch und psychisch gesunden Menschen sind emotionale Erregungszustände zuverlässig mit einer unwillkürlichen (da über das vegetative Nervensystem gesteuerten) Senkung des Hautleitwiderstandes verbunden, weil die Schweißdrüsen stärker aktiviert werden. Dieser Wert kann somit als eine Art objektiver Maßstab für emotionale Reaktionen verstanden werden, aus dem Umstand, daß er bei Patienten mit einer Gage-Matrix weit weniger variabel ist als bei Gesunden läßt sich auf eine generelle Verflachung des emotionalen Profils schließen.<146> Eine mit Blick auf repräsentationalistische Theorien im Sinne Tyes interessante erste Folgerung ist, daß der Bereich des Phänomenalen sich nicht einfach mit den sensorischen Repräsentationen eines Organismus identifizieren läßt, denn die Sensorik von Frontalhirnpatienten ist nicht gestört. Phänomenalität entsteht, und das ist zumindest eine Präzisierung, offenbar erst mit der Integration von sensorischen Repräsentationen in ein Gesamtbild der Körperzustände, ist also kein so basaler Zustand, wie Tye annimmt, sondern tritt erst auf, wenn sehr viel komplexere Zustände des Gesamtsystems ebenfalls bestehen.<147>

8.1.1.2. Anosognostiker

Man könnte nun meinen, eine Gage-Matrix trete nur bei Patienten auf, die unter Läsionen leiden, die sich, wie bei Gage oder Elliott, im ventromedialen Bereich des Frontalhirns finden. Das wäre gemäß einer modularen Theorie zu erwarten, die annimmt, die Verarbeitung im Gehirn fände in verschiedenen Zentren im Gehirn verteilt statt, weswegen einzelne Funktionen neurophysiologisch mit eng umgrenzten neuronalen Verbänden identifizierbar seien. Es gibt aber mindestens eine weitere Gruppe von Patienten, deren kognitive und behaviorale Störungen sich zwanglos in die Gage-Matrix einfügen, bei denen aber ganz andere Hirnbereiche verletzt sind.

Als Anosognosie (aus alpha privativum und den griechischen Wörtern für ‘Krankheit’, nosos und ‘Einsicht’, gnosis) bezeichnet man das eigenartige Phänomen, daß manche Patienten ihre eigenen, teilweise gravierenden funktionalen Störungen nicht erkennen und auch auf Nachfrage und gegen alle Evidenzen daran festhalten, mit ihnen sei alles in Ordnung. Es gibt verschiedene Arten von Anosognosien: Die Unfähigkeit, bestimmte Aphasien oder sogar die eigene Blindheit wahrzunehmen etwa. Die Fälle aber, die uns besonders interessieren sollten, weil die Betroffenen eine Gage-Matrix aufweisen, sind solche, in denen, häufig infolge eines Schlaganfalls, eine Lähmung nicht erkannt wird. In schweren Fällen sind die Patienten linksseitig gelähmt und leugnen trotzdem, daß irgendetwas nicht normal ist. Man könnte versucht sein, dieses eigenartige Verhalten durch eine psychologische Reaktion, etwa einer Verdrängung zu erklären, aber daß die Ursache für die Anosognosie organisch ist, kann man schon daraus ersehen, daß sie fast ausschließlich mit linksseitigen Lähmungen einhergeht: Anosognosie tritt nur bei der Schädigung einer bestimmten rechtshemisphärischen Hirnregion auf (um jandl’sche Illtümer zu vermeiden: die rechte Hirnhälfte ist für die linke Körperseite zuständig und umgekehrt); die Verleugnung der eigenen Krankheit beruht auf dem Verlust bestimmter kognitiver Funktionen.

Anosognostiker leiden aber nicht nur an diesen sofort augenfälligen Störungen, die ihren Fall sehr unterschiedlich zu den subtilen, nur durch spezielle Tests diagnostizierbaren Defiziten der Frontalhirnpatienten erscheinen lassen. Sie zeigen zudem noch eine ganz ähnliche Verflachung des emotionalen Profils. Damasio beschreibt Anosognostiker, deren Krankheit durch einen inoperablen Hirntumor verursacht wurde und die auf die Ankündigung ihres unmittelbar bevorstehenden Todes ohne größere Erregung registrierten, obwohl sie kognitiv sehr wohl verstanden, was das bedeutete:

Nicht weniger auffällig als die Mißachtung, mit der anosognostische Patienten ihren kranken Gliedmaßen begegnen, ist die Sorglosigkeit, mit der sie ihre Situation beurteilen, der Gefühlsmangel, den sie erkennen lassen, und die Empfindungslosigkeit, von der sie

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berichten, wenn sie danach gefragt werden. [...] In diesem Zusammenhang ist anzumerken, daß ein Patient mit spiegelbildlicher Schädigung in der linken Hemisphäre völlig normal reagiert, wenn man ihm derart niederschmetternde Mitteilungen macht. (Damasio 1997: 100f)

Gleiches gilt für die generelle Einschätzung ihrer Situation. So sind Anosognostiker z.B. unfähig, ihr weiteres Leben zu planen, weil sie offenbar nicht in der Lage sind, einzuschätzen, was ihnen in der Zukunft begegnen könnte. Ihr fehlerhaftes Selbstbild bezieht sich nicht nur auf die Theorie, die sie über den eigenen Körper und dessen Verhältnis zur Umwelt entwickeln, sondern auch auf ihre Handlungsplanung und die Einschätzung der Reaktionen anderer.

Bei Anosognostikern sind die rechtshemisphärischen somatosensiblen Rindenfelder geschädigt, diejenigen kortikalen Areale also, die für die äußeren (Tast-, Temperatur-, Schmerzempfinden) wie für die inneren Körpersinne (Propriozeption, d.h. Gelenkstellung und viszeraler Zustand) zuständig sind. Zudem ist die weiße Substanz und mit ihr die Verbindung dieser Zentren untereinander wie zum Thalamus, den Basalganglien und den motorischen und präfrontalen Rindenfeldern gestört. Nur die Schädigung all dieser Areale und/oder ihrer Verbindungen erzeugt Anosognosie, ist z.B. nur das Areal für Temperaturempfindungen geschädigt, bleibt auch das Defizit des Patienten auf diese funktionale Einheit beschränkt. Wir können zur Erklärung dessen, was bei Anosognostikern abläuft, zwei bereits im Detail beschriebene Einsichten heranziehen: Edelmans Theorie der Rolle und Genese mentaler Karten und Tyes Betonung der Rolle integrativer sensorischer Repräsentationen am Zustandekommen phänomenalen Bewußtseins. Diese beiden Aspekte finden sich auch bei Damasio:

Seit langem schon gehe ich von der Arbeitshypothese aus, daß die Gehirnfelder, die innerhalb der bei Anosognosie rechtsseitig geschädigten Region in wechselseitiger Verbindung stehen, durch ihre kooperative Interaktion wahrscheinlich die umfassendste und integrierteste Karte des aktuellen Körpergeschehens produzieren, über die das Gehirn verfügt. (Damasio 1997: 103)

Zwar gibt es vergleichbare Karten auch in den entsprechenden somatosensorischen Arealen der linken Hemisphäre, dort sind sie aber nicht integriert, so Damasios Vermutung. Daß eine Hirnhemisphäre bei bestimmten Aufgaben dominant ist, ist ein seit langem etabliertes Faktum. Ganz wie Edelman betont Damasio, daß die Integration von viszeralen (organsensorischen) Zuständen und den Teilelementen des Bewegungsapparats nicht in einer feststehenden Karte erfolgt (insofern ist die Karten-Metapher vielleicht etwas irreführend), sondern aus einem ständigen Rückkoppelungsprozeß von Signalen besteht, die von den kleineren Karten ausgehen. Statt einer physisch auf Papier fixierten Karte wäre eine bessere Illustration vielleicht eine ständig auf dem neuesten Stand gehaltene online-Datenbank, mit dem gewichtigen Unterschied, daß mentale Karten weit weniger auf ein abstraktes Symbolsystem angewiesen sind, weil sie sich auf die imagery stützen. Das, was in diesen integrierten Karten abgelegt ist, nennt Damasio die ‘Körperlandschaft’ und erklärt die kognitiven und behavioralen Ausfälle von Anosognostikern dadurch, daß, wenn bestimmte Areale geschädigt sind, die normalerweise dort repräsentierten Körperteile nicht mehr als Teil der eigenen Körperlandschaft wahrgenommen werden und ihr Ausfall so für die Patienten nicht als Problem sichtbar wird. Daß diese Patienten (wie Menschen mit Frontalhirnverletzungen auch) Probleme damit haben, sich in Beziehung zu anderen Menschen oder zukünftigen Situationen zu setzen, überrascht nicht, wenn ihre Fähigkeit zur Selbstrepräsentation entscheidend gestört ist, ebensowenig wie der Umstand, daß ihre Schmerztoleranz ungewöhnlich hoch zu sein scheint - wenn etwas nicht als Teil meiner selbst repräsentiert ist, kann es mir auch nicht weh tun.<148>

8.1.1.3. Autisten

Ein weiterer Symptomkomplex, der mit den oben genannten Schädigungen in engem


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Zusammenhang zu stehen scheint, ist das Krankheitsbild des Autismus. Stärker als in den bislang besprochenen Fällen ist hier jedoch noch Vorsicht angesagt, da man erst seit kurzer Zeit beginnt, den Autismus besser zu verstehen. Damasio selbst geht auf den Autismus nicht ein, ich denke aber, daß die Bezugspunkte deutlich genug sind und daß sich seine generelle Theorie auch in diesem Fall zur Erklärung geradezu anbietet. Zum einen ähneln sich die Beschreibungen von Patienten mit einer Gage-Matrix und von Autisten in frappierender Weise. Besonders deutlich wird das in der klassischen Beschreibung eines Frontalhirnpatienten von Ackerly und Benton (1948). Dieser Mann hatte seine Läsionen direkt nach der Geburt erlitten und war deshalb nicht in der Lage, ein normales Sozialverhalten auszubilden, obwohl er nicht unintelligent war. Er verließ sich sehr auf regelmäßige Verhaltensmuster, wobei es ihm bei der Lösung neuer Aufgaben an Kreativität und Antrieb mangelte, und Abweichungen von der Routine schnell Wutausbrüche hervorrufen konnten. Sein Gefühlsleben waren ebenso wie sein Sexualtrieb schwach ausgeprägt. Belohnung oder Strafe hatte auf sein Verhalten keine Auswirkung. In bestimmten, eng eingegrenzten Themenbereichen zeigte er überraschend detaillierte Kenntnisse, interessierte sich für fast alles andere aber gar nicht. Dieser Symptomkatalog könnte ohne jede Änderung (wenn vielleicht auch mit einigen Ergänzungen) einen Autisten beschreiben. Damasio beschreibt an einer Stelle seine Frontalhirnpatienten zusammenfassend so, daß ihre Schwierigkeit darin zu bestehen scheint, daß sie keine ”angemessene Theorie der eigenen Person oder von deren Rolle in Vergangenheit und Zukunft entwickeln“ konnten (Damasio 1997: 93). Was ihnen (unter anderem) fehlt, ist eine Theorie des Geistes sowohl für sich wie auch für andere Personen. Genau in diese Richtung gehen auch die neuesten Theorien des Autismus. Simon Baron-Cohen (1995) hat für das Hauptdefizit der Autisten den Ausdruck mindblindness geprägt, worunter er die teilweise oder völlige Unfähigkeit versteht, andere als Personen zu betrachten und sich vorzustellen, was in ihrem Geist vorgeht. Im Gegensatz zu Frontalhirnpatienten ist allerdings noch nicht definitiv geklärt, welche organischen Schäden den Autismus verursachen. Alles deutet allerdings derzeit auf Läsionen im limbischen System hin, der emotionalen ‘Bewertungsinstanz’ des Gehirns, das in den Hypothalamus sowie temporalen und frontalen Cortex projiziert.

Ein klassischer diagnostischer Test für Autismus ist die Bewertung einer Bildergeschichte, in der eine Figur einen Gegenstand an einer bestimmten Stelle versteckt und dann aus dem Raum geht. Unbemerkt von der ersten Figur betritt eine zweite den Raum, holt den Gegenstand aus dem Versteck und versteckt ihn an anderer Stelle. Dann kommt die erste Figur in den Raum zurück. Die Probanden werden gefragt, wo die erste Figur den Gegenstand suchen wird. Autisten antworten zuverlässig so, daß die Figur im zweiten (ihr unbekannten) Versteck nachsehen wird, wo sich der Gegenstand tatsächlich befindet. Sie können offenbar nicht von ihrem eigenen Wissen abstrahieren und sich in die erste Figur hineindenken, sich also nicht vorstellen, was der Wissenstand dieser Figur ist. Auch mit der Bewertung von Fotos von Gesichtern, die verschiedene Gefühlszustände abbilden, haben Autisten große Schwierigkeiten. Zudem scheinen sie die Welt nicht in belebte und unbelebte Objekte einzuteilen, wie es normale Kinder schon sehr früh tun. Kurz: Autisten scheinen nicht in der Welt mentaler Realitäten zu wohnen, die für uns absolut selbstverständlich ist.<149> Vielleicht wirken sie deshalb leicht wie ‘Außerirdische’ - Oliver Sacks (1997) lesenswerter Artikel über die Autistin Temple Gradin heißt nicht umsonst ”An Anthropologist on Mars“! Peter Carruthers beschreibt das Defizit von Autisten in folgender Weise:

It has often been said that humans are distinctively rational animals. It may be closer to the truth to say that they are uniquely imaginative animals, since many other species seem to share our capacity to act intelligently in the light of desires, but none (excepting perhaps chimpanzees) share our ability to reason from supposed premises or to explore the consequences of imagined scenarios. (Carruthers 1996: 265)

Der Mangel an kreativen Umgang mit Vorstellungen, so die These von Baron-Cohen und anderen, beruht auf einer Störung in einem postulierten Modul für die Theorie des Geistes. Das soll nicht heißen, daß irgendwo im Hirn eine explizite Theorie in dem Sinn abgespeichert ist, daß derjenige, der über sie verfügt, auch imstande sein muß, ihren konkreten Inhalt anzugeben. ‘Theorie’ ist hier vielmehr in dem weiten Sinn zu verstehen, in dem z.B. die folk psychology eine Theorie darstellt. Es


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wäre vielleicht nicht unangebracht, statt von ‘Theorie’ von bestimmten ‘Interpretationsregeln’ zu sprechen, wenn man denn bereit ist zuzugestehen, daß man Regeln auch ‘blind’ folgen kann, d.h. ohne im Einzelfall überhaupt angeben zu können, welcher Regel man folgt (oder daß man das tut). Niemand bestreitet natürlich, daß Autisten über phänomenale Erlebnisse verfügen, daß sie aber offenbar weniger ausgeprägt sind als bei den meisten Menschen, liegt an der Unfähigkeit, bestimmte z.B. sensorische Repräsentationen so in die Körperlandschaft zu integrieren, daß sie als eigene (und daher in besonderer Weise wichtige) Zustände wahrgenommen werden können. Das normale phänomenale Erleben beruht auf dem Zusammenspiel von Bewertungssystemen wie dem limbischen System und cortikalen Prozessen. Phänomenalität scheint auf diese Weise eine zentrale Rolle für die Integration der verschiedenen mentalen Karten zu spielen, die als Gesamtsystem unsere Körperlandschaft ausmachen. Die Welt in bestimmter Weise zu erleben und zu unterstellen, daß andere sie ähnlich erleben, ist eine Grundkonstante in allen Beziehungen sowohl zu sich selbst wie zu anderen und zur Umwelt:

It is probably impossible to imagine what it is like to be mindblind, in the same way that it is impossible to imagine what it is like to be a bat (Nagel 1974). [...] Conversely, it is probably impossible for a mindblind person to imagine what it is like to be a mindreader. In the words of Sperber (1993), ”attribution of mental states is to humans as echolocation is to the bat.“ It is our natural way of understanding the social environment. (Baron-Cohen 1995: 4)

Man könnte das so formulieren, daß unsere Seinsweise wesentlich nicht nur von unserem eigenen phänomenalen Erleben, sondern auch von der Unterstellung eines solchen Erlebens bei anderen geprägt ist. Unser menschliches Sozialverhalten beruht sowohl auf der Fähigkeit, die Gedanken anderer ‘lesen’ zu können, wie auf der eigenen Erfahrung, wie es ist, eine Theorie des Geistes zu haben. Menschen, die uns in sozialen Zusammenhängen begegnen, haben für uns eine bestimmte affordance, nämlich die uns durch ihre Fähigkeit zur intelligenten und verständlichen Interaktion bestimmte Handlungsspielräume zu eröffnen.<150> Diese Handlungsmöglichkeiten bleiben Autisten verschlossen, und auch die oben beschriebenen Frontalhirnpatienten und Anosognostiker sind in der Wahrnehmung dieser Möglichkeiten stark eingeschränkt. Menschen, die nicht an solchen oder ähnlichen Krankheiten leiden, haben kaum eine andere Möglichkeit, als mit anderen Menschen durch die Unterstellung einer basalen Theorie des Geistes zu interagieren. Und weil diese Interaktion wesentlich sprachlich geprägt ist, kann es zu den Mißverständnissen kommen, wie sie häufig im Streit zwischen analytischer Philosophie und eher phänomenologisch geprägten Ansätzen auftreten: Erstere setzt sich leicht dem Vorwurf aus, sie wolle alles auf Sprache reduzieren, obwohl, so letztere, es doch einen Bestand von Erlebnissen gäbe, der zunächst vorsprachlich sei und dessen voller Gehalt irgendwie durch das Netz der Sprache rutsche. Natürlich kann es überhaupt nicht die Absicht einer philosophischen Theorie sein, alles auf Sprache zu reduzieren (was sollte das auch heißen), aber dieser Vorwurf trifft zumindest die etwas subtiler formulierten analytischen Theorien nicht, die auf dem überwältigend wichtigen Status der Sprache für unsere Art des Weltumgangs beharren. Nicholas Humphries hat diese Idee von seiner Perspektive der evolutionären Psychologie aus so auf den Punkt gebracht:

The fact is that, whatever may be the logical problems of describing inner experience, human beings everywhere openly attempt it. There is, so far as I know, no language in the world which does not have an appropriate vocabulary for talking about the objects of reflexive consciousness, and there are no people in the world who do not quickly learn to make free use of this vocabulary. (Humphries 1984: 3)

Der Umstand, daß Autisten stark in ihrer Teilnahme an diesem Sprachspiel der ‘Beschreibung innerer Erlebnisse’ behindert sind, läßt zumindest die Vermutung zu, daß diese wie viele ihrer anderen Verhaltensauffälligkeiten ihre Ursache in einem eingeschränkten phänomenalen Erleben haben, welches sich verheerend auf die Integration der verschiedenen Einzelaspekte des Bewußtseins auswirken.


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8.1.2. Konsequenzen aus den Fallstudien

Nach Damasio folgen aus den beschriebenen Fällen im wesentlichen diese drei Punkte:

Erstens: Es gibt eine Region im menschlichen Gehirn, den ventromedialen, präfrontalen Cortex, dessen Schädigung in denkbar reiner Form sowohl Denken/Entscheidungsfindung als auch Gefühl/Empfinden mindert - vor allem im persönlichen und sozialen Bereich. Metaphorisch könnte man sagen, daß sich Vernunft und Emotion in den ventromedialen präfrontalen Rindenabschnitten und in der Amygdala ‘überschneiden’.
Zweitens: Es gibt eine Region des menschlichen Gehirns, den Komplex somatosensibler Rindenfelder in der rechten Hemisphäre, deren Schädigung die gleichen Eigenschaften - Denken/Entscheidungsfindung und Gefühl/Empfinden - in Mitleidenschaft zieht und außerdem die Verarbeitung der grundlegenden Körpersignale tiefgreifend stört.
Drittens: Es gibt Regionen im präfrontalen Cortex jenseits des ventromedialen Abschnitts, deren Schädigung Denken und Entscheidungsfindung ebenfalls beeinträchtigt, aber ein anderes Erscheinungsbild hervorruft: Entweder ist der Defekt weit umfassender und schmälert die intellektuellen Operationen in allen Bereichen, oder er ist selektiver und zieht Operationen mit Wörtern, Zahlen, Gegenständen und räumlichen Beziehungen stärker in Mitleidenschaft als Operationen im persönlichen und sozialen Bereich. (Damasio 1997: 108)

Die Frage ist nun, wie es möglich ist, diese Punkte im Rahmen einer Theorie über Gehirn- und Körperzustände miteinander zu verbinden und zu erklären. Dabei ist eine der wesentlichen Anforderungen an eine solche Theorie, die von Damasio und anderen empirisch aufgezeigte enge Verbindung zwischen Rationalität/Entscheidungsfindung und Gefühl/Empfinden angemessen zu berücksichtigen. Hier ist auch noch einiges an terminologischen Vorentscheidungen einzulösen, denn die Zusammenstellung der jeweils zwei Begriffe impliziert bereits eine bestimmte Erklärungsrichtung. Damasios Theorie ist für uns auch deshalb besonders interessant, weil sie nicht nur auf der Koppelung von Gefühlen und Empfindungen besteht, sondern den Gefühlen die Priorität in der Erklärung einräumt. Das steht im Gegensatz zu den bislang besprochenen philosophischen Theorien, die den Bereich des phänomenalen Bewußtseins in der Regel von den Körperempfindungen (und hier meist von der Wahrnehmungssensorik) her aufzurollen versuchen. Dieser Bereich wird im Sinne der Trennung von kognitiven und phänomenalen bewußten Zuständen meist als einfacher strukturiert gesehen, als basalere, protopropositionale sensorische Repräsentationsleistung, während Gefühle in phänomenale und propositionale Komponenten aufgespalten werden müssen, will man sie angemessen analysieren. Es ist der empirischen Ausrichtung der Neurowissenschaften zu verdanken, daß sie im Gegensatz zu dieser Konzeption häufig die Rolle der emotionalen Bewertung für die evolutionäre Ausprägung des Gehirns betonen. Denn, so die generelle Argumentationslinie, Gefühle seien aus einer primitiven Bewertung eines Reizes als positiv bzw. nützlich oder negativ bzw. schädlich hervorgegangen, d.h. aus zunächst sehr einfach strukturierten reflexhaften Regelkreisen, die direkt mit dem Verhaltensrepertoire verknüpft waren.<151> In komplexeren Systemen, in denen diese unmittelbare Verknüpfung dadurch aufgehoben ist, daß zwischengeschaltete kognitive Systeme ebenfalls Einfluß auf die Entscheidungsfindung haben, dient dann die phänomenale Einschätzung einer gegebenen Situation als eines der Kriterien für eine bestimmte Handlung. Es ist also nicht so, daß Gefühle in jedem Fall als Konglomerat aus Empfindungen und Meinungen analysiert werden müßten (wie etwa Tye [1995] vorschlägt), vielmehr sind Sinnesempfindungen immer schon Ausdruck einer ‘Bewertung’ durch die sich in den tiefen Schichten des Gehirns befindlichen ‘Bewertungssysteme’.

8.1.3. ‘Gefühle’ als Ausdruck genetisch fixierter Bewertung

Gewisse Bewertungen von Umweltreizen, so behauptet Damasio, seien bereits angeboren, also genetisch fixiert. Solche Gefühle nennt er primäre Gefühle. Beispiele dafür sind etwa die


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Schreckreaktionen auf bestimmte Tiersilhouetten (z.B. von Raubvögeln) oder Bewegungsmuster (z.B. Spinnen und Schlangen). Natürlich gibt es im Gehirn kein ‘Adlermodul’, welches genetisch fixiert den Adler als Adler erkennt. Vielmehr sind es Verknüpfungen einzelner Reize wie sie verhältnismäßig große, dunkle, sich in einem bestimmten Winkel von oben nähernde Objekte erzeugen, die automatisch einen Fluchtreflex auslösen. Auch hier können wir zwanglos die Ergebnisse aus früheren Kapiteln zusammenfügen: Diejenigen synaptischen Verknüpfungen, die sich in den Arealen bilden, die sich mit der Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen beschäftigen, werden von einem übergeordneten System daraufhin untersucht, ob sie solche Muster enthalten, die den Vektoren im Wahrnehmungsraum entsprechen, die eine bestimmte motorische Reaktion auslösen. Dieses übergeordnete System, das Damasio im limbischen System (vor allem in der Amygdala und dem vorderen Teil des Gyrus cinguli) vermutet, untersucht dabei nicht die Gehalte der ihm untergeordneten Systeme im Sinne einer propositionalen Theorie von Zuständen höherer Ordnung, vielmehr schwingen seine neuronalen Schaltkreise auf dieselbe Weise mit den Zuständen der Wahrnehmungsareale mit, wie diese mit bestimmten Außenweltreizen mitschwingen, im oben erläuterten gibsonschen Sinn des resonating. Schwingen alle diese Systeme koordiniert, wird nicht nur ein Fluchtreflex ausgelöst, sondern zumindest in höheren Tieren auch ein Körperzustand erzeugt, der für das Gefühl der Furcht charakteristisch ist. Die neuronalen Karten, in denen alle diese Zustände realisiert sind, sind genausowenig begrifflich, wie das oben vorgestellte Gesichtererkennungsnetz von Cottrell über Begriffe wie ‘Nasenlänge’, ‘Augenabstand’ oder auch nur ‘Gesicht’ verfügen muß, um seine Aufgabe zu erfüllen. Für viele Lebewesen reichen diese relativ basalen Schaltkreise aus, um sich z.B. hinreichend vor Freßfeinden zu schützen. Man muß sich vor Augen führen, daß Damasio hier den Begriff ‘Gefühl’ als terminus technicus durchaus unterschiedlich von unserem normalen Verständnis verwendet: Hier geht es noch nicht um Zustände wie ‘das Gefühl der Trauer’, sondern in diesem Sinne haben auch Austern Gefühle. Allerdings ist die Auster zu einfach gestrickt, um dieses Gefühl auch empfinden zu können. Die meisten Autoren wären eher dazu geneigt zu sagen, Austern hätten nur dumpfe sensorische Empfindungen, aber keine Gefühle.<152> An dieser Terminologie allein hängt nicht viel, sie trägt aber auch nicht unbedingt dazu bei, unnötige Verwirrungen zu vermeiden. Nach Damasio nimmt die Auster nichts wahr, auch wenn sie in angemessener Weise auf Reize reagiert. Ihre primären Gefühle bestehen sozusagen ausschließlich in sensorischen Karten ihrer Körperzustände (inklusive Bewegungssystem), umfassen aber keine Repräsentationen von Gegenständen als Auslöser dieser Körperzustände; sie befindet sich in einem phänomenalen Zustand, den sie aber nicht empfindet, d.h. der nicht selbst zum Thema einer übergeordneten mentalen Karte wird.

Die Verknüpfung von Kategorien von Objekten und Situationen auf der einen Seite und primären Gefühlen auf der anderen stellt sich erst in den sekundären Gefühlen ein. Bei Wesen mit entsprechend komplexen Nervensystemen werden die sensorischen Repräsentationen der eigenen Körperzustände, die den primären Gefühlen entsprechen, in einem weiteren Schritt in einer neurophysiologisch realisierten Karte integriert, die eine Repräsentation der Körperlandschaft darstellt. Die physiologischen Veränderungen, die in den basaleren Stufen repräsentiert sind, bilden, wenn keine irgendwie auffälligen Reize vorliegen, ein Fließgleichgewicht, d.h. einen homöostatischen Zustand, der dem Versuch des Organismus entspricht, die Kombination aus einem möglichst vorteilhaften energetischen Zustand mit der Möglichkeit zur schnellen Reaktion auf veränderte Bedingungen herzustellen. Wenn äußere Anstöße z.B. aus der Wahrnehmung das System zwingen, den Gleichgewichtszustand zu verlassen, wird der Reiz im limbischen System zunächst nach zwei Kriterien bewertet: Ist der Reiz wichtig? Ist er neu oder war ihm das System bereits ausgesetzt? Auch hier ist zu betonen, daß auf der Ebene des limbischen Systems die ‘Bewertung’ des Reizes ganz ohne propositionale Individuierung seiner Gehalte auskommt: Jeder Reiz verursacht ein ganz bestimmtes synaptisches Erregungsmuster, das durch Wiederholungen zunehmend stabilisiert werden kann. Stabilisierte Schaltkreise reagieren leichter auf das Wiederauftreten eines Reizes. ‘Bekanntheit’ ist hier also nicht mehr als die Stärke, mit der ein Schaltkreis auf einen Reiz anspricht und wie lange er nach dem Reiz aktiv bleibt. Ähnlich verhält es


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sich mit dem Wichtigkeitskriterium: Bestimmte neuronale Netze münden direkt in motorische Reaktionen, entspricht das von einem Reiz verursachte neuronale Muster diesen Parametern, ist es ‘wichtig’ für das System. Aber die Abgleichung eines Reizes mit eventuell schon existierenden neuronalen Strukturen findet nicht nur (quasi präkognitiv) im limbischen System statt, sondern schließt, so vorhanden, cortikale Systeme mit ein und damit die Fähigkeit, sich bewußt, propositional und willkürlich mit einem Reiz auseinanderzusetzen. Diese zunehmende Komplexität versucht Damasio durch evolutionäre Überlegungen zu erklären:

Das Bewußtsein ermöglicht erweiterte Schutzstrategien. [...] Wenn Sie ihre emotionalen Zustände empfinden, daß heißt, sich Ihrer Gefühle bewußt sind, so gewinnen Sie damit eine Flexibilität der Reaktionsfähigkeit, die auf der besonderen Geschichte Ihrer Interaktion mit der Umwelt beruht. (Damasio 1997: 186)

Empirisch rechtfertigt Damasio die Unterscheidung von primären und sekundären Gefühlen durch den Verweis auf die schon besprochenen Studien von Frontalhirnpatienten, bei denen die emotionale Verflachung deswegen nicht sofort augenfällig ist, weil sie primäre Gefühle haben. So erschrecken sie z.B. bei plötzlichem Lärm, was zu erwarten ist, da ihr limbisches System vollkommen intakt ist. Bei Patienten, die dort massive Schädigungen aufweisen (auch bei manchen Autisten), unterbleiben hingegen selbst solche Schreckreaktionen.

8.1.4. ‘Empfindungen’ als Qualia

Mit dem, was Damasio als Empfindung bezeichnet, sind wir in dem Bereich angelangt, in dem klassischerweise das Qualia-Problem verhandelt wird. Empfindungen sind Gefühle, die, mit anderen Zuständen integriert, der Aufmerksamkeit zumindest im Prinzip zugänglich sind. Gefühle sind sensorische Repräsentationen bestimmter Körperzustände, d.h. von reizbedingten Veränderungen der Haut, der Blutgefäße, der Eingeweide, der Muskeln, der Gelenke etc. Neuronal gesehen entspringt dieser Komplex von Schaltkreisen in Kopf, Hals, Rumpf und Gliedmaßen. Durch Rückenmark und Hirnstamm verlaufen sie zur Formatio reticularis (einer Anhäufung von Hirnstammkernen, die unter anderem für die Kontrolle von Wachen und Schlafen zuständig ist) und zum Thalamus, von wo aus sie zum Hypothalamus, limbischen Strukturen und bestimmten somatosensiblen Rindenfeldern in den Bereichen von Insel und Schläfenlappen weiterziehen. In den letzteren Feldern (also genau in dem Bereich, der bei Anosognostikern verletzt ist) befindet sich eine Repräsentation der Körperlandschaft, die sich aus vielen mehr oder weniger topographisch organisierten Karten zusammensetzt.

Damasio betont, daß nicht nur diese neuronalen Bahnen wichtig für die Entstehung dessen sind, was wir als Phänomen empfinden. Das ist deswegen besonders begrüßenswert, weil in den Neurowissenschaften den neuronalen Verknüpfungen allzuoft das alleinige Augenmerk gilt. Dabei vermitteln auch andere Kanäle dem Gehirn Reize aus anderen Körperregionen, die in der Körperlandschaft berücksichtigt werden. So können Hormone und Peptide, die im Körper ausgeschüttet werden, über den Blutkreislauf in das Gehirn gelangen, entweder in Zwischenstufen durch die Blut-Gehirn-Schranke oder aber direkt über Gehirnteile, die vor dieser Schranke liegen (z.B. die area postrema). Im Zusammenhang der Diskussion der Argumente Searles und anderer, die konkrete biochemische Realisierung unserer bewußten Vorgänge könne nicht völlig ohne Einfluß auf die Weise sein, in der sich diese Vorgänge für uns anfühlen, wenn wir sie erleben, ist schon drauf hingewiesen worden, daß die klassischen, funktionalistischen Ansätze der Kognitionswissenschaften diesen Kanälen, bei denen es mehr als unklar ist, wie sie sich in die behauptete ‘flowchart des Geistes’ einbauen lassen sollten, viel zuwenig Gewicht beilegen. Auch hier zeigt sich die Horizontverengung, die durch die Computermetapher hervorgerufen wurde.

Damasio unterscheidet drei Arten von Empfindungstypen: Erstens die Empfindungen von ‘grundlegenden Universalgefühlen’, die er als die Körperzustandsprofile von Glück, Traurigkeit, Wut, Furcht und Ekel identifiziert, die weitestgehend frei von Einflüssen aus dem kognitiven Apparat und ‘präorganisiert’, d.h. in grundlegender Weise schon vor der Erfahrung durch die Organisation der hardware gegeben sind. Diese Empfindungen können, zweitens, durch die Erfahrung zu Empfindungen von ‘differenzierten Universalgefühlen’ modifiziert werden:

Feinere Schattierungen des kognitiven Zustands verbinden sich mit differenzierteren Spielarten des emotionalen Körperzustands. Diese Verbindung aus einem komplizierten

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kognitiven Inhalt und der Modifikation eines präorganisierten Körperzustandsprofils ermöglicht uns, verschiedene Abstufungen von Reue, Verlegenheit, Schadenfreude, Rachsucht und so fort zu empfinden. (Damasio 1997: 207)

Die dritte Art von Empfindungen, die Damasio anführt, sind die ‘Hintergrundempfindungen’, die Empfindungen also, die stets vorhanden sind und die den basal wahrgenommenen sensorischen Repräsentationen der homöostatischen Körperzustände entsprechen, die nicht durch emotionale Empfindungen aus dem Gleichgewicht gebracht worden sind. Es ist, so glaube ich, nicht abwegig, den richtigen Kern der Beobachtung von Searle und Strawson, nachdem das Erleben geradezu die Essenz des Bewußtseins bildet, in Damasios Terminologie genauer zu explizieren: In der Tat sind bewußte Zustände immer auch gleichzeitig empfundene Zustände, weil Bewußtsein durch die Integration verschiedener neuronaler Karten zu einer Körperlandschaft entsteht, in der immer auch sensorische Zustände mitrepräsentiert sind. Damasio kann sogar neurophysiologische Belege dafür angeben, warum uns diese Hintergrundempfindungen weniger greifbar oder undeutlicher vorkommen. Man weiß, daß die Signale aus den Eingeweiden in subcortikalen wie cortikalen Strukturen verteilt sind, die in weit geringerem Maß eine topographische Organisation aufweisen als die Hirnareale, in die Muskeln und Gelenke projizieren. Ein Faktor, der zur generellen Unbestimmtheit von Wohlbefinden wie Unwohlsein führt, könnte das Problem sein, die entsprechenden Repräsentationen einer bestimmten Körpergegend zuzuordnen. Aber gerade durch diese geringe Spezifität entspricht das Hintergrundempfinden weitgehend dem, was Searle für das phänomenale Erleben postuliert:

Das somatische Hintergrundempfinden setzt nie aus, obwohl wir es manchmal kaum bemerken, weil es keinen bestimmten Teil des Körpers, sondern den übergreifenden Zustand praktisch aller seiner Bereiche repräsentiert. (Damasio 1997: 210)

Während sich bei Searle die Betonung der Wichtigkeit des phänomenalen Erlebens aber nur auf eine phänomenologische Intuition berufen kann, auf eine Erkenntnis aus der Selbstbeobachtung, kann man mit Damasios Theorie im Lichte klinischer Erkenntnisse zudem noch erklären, wozu das Hintergrundempfinden dient und warum seine Störung mit schweren Bewußtseinsstörungen einhergeht. Es gibt Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die zu einem relativ begrenzten Ausfall der Propriozeption führen. Erstaunlicherweise zeigen Patienten, die an diesem Krankheitsbild leiden, schwere Störungen ihrer geistigen Prozesse. Und auch die schon beschriebene Unfähigkeit von Anosognostikern, Fragen nach ihrem eigenen Befinden realistisch zu beantworten, erklärt sich aus der Störung des Hintergrundempfindens, die durch die Läsionen der Bereiche im Gehirn verursacht wird, die für die Integration der verschiedenen neuronalen Karten zuständig sind:

Unfähig, sich des aktuellen Körperinputs zu bedienen, gelingt es dem Anosognostiker nicht, die Repräsentation seines Körpers auf den neuesten Stand zu bringen, und er vermag deshalb nicht mehr prompt und automatisch über das somatosensible System zu erkennen, daß sich die Realität seiner Körperlandschaft verändert hat. Er kann sich noch eine Vorstellung davon machen, wie sein Körper einmal war, aber dabei handelt es sich um eine inzwischen überholte Vorstellung. Und da seinem Körper damals nichts fehlte, berichtet der Patient das auch. (Damasio 1997: 211f.)

Was den Anosognostikern fehlt, wird besonders deutlich, wenn man ihren Fall mit dem von Patienten vergleicht, die unter dem Phänomen von Phantomgliedern leiden, d.h. die angeben, Empfindungen in Gliedmaßen zu haben, die tatsächlich (durch Unfälle oder Amputationen) nicht mehr vorhanden sind.<153> Anders aber als Anosognostiker sind diese Patienten in der Lage, die festgeschriebene Repräsentation eines Körpergliedes mit der konkreten aktuellen Situation zumindest soweit zu vergleichen, daß sie diesen Zustand als ‘unheimlich’ und nicht realistisch


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einschätzen können - das partiell eingefrorene Körperschema gerät in Konflikt mit anderen sensorischen Daten, die z.B. aus dem Befühlen des Amputationsstumpfes, aber auch generell aus den Hintergrundempfindungen gewonnen werden. Das Abklingen der Phantomempfindung geschieht dadurch, daß diese aktuellen sensorischen Körperrepräsentationen nach und nach die Oberhand gewinnen. Anosognostiker sind dagegen der Möglichkeit beraubt, ein aktuelles Körperbild zu empfinden. Damasio spekuliert, daß die Störungen von Anosognostikern letztlich noch schwerwiegender sind, als es zunächst den Anschein hat; seiner Vermutung nach ist ihr Selbst nicht mehr vollständig, weil sie verschiedene Zustände nicht mehr sich selbst als Individuum zuordnen können. Wir erleben uns als kontinuierliche Individuen dadurch, daß unsere Hintergrundempfindungen relativ zu den aus der Umwelt einströmenden Reizen konstant bleiben. Da unser Körper relativ konstant ist, empfinden wir auch die sensorischen Repräsentationen, die wir von ihm haben, als Konstante. Auf diesem Hintergrund schreiben wir uns selbst bestimmte Handlungen zu, vor diesem Hintergrund bewerten wir, ob bestimmte Veränderungen uns betreffen. Diese Einordnung von Reizen bezüglich ihrer Relevanz für unser Selbst geht Anosognostikern weitgehend verloren. Unsere kognitiven Prozesse beruhen wesentlich auf unseren Empfindungsprozessen, oder, besser gesagt, unsere Empfindungen sind ebenso ‘kognitiv’ wie unsere Fähigkeit zu Inferenzschlüssen. Das traditionelle Stufenmodell (von basaler, subcortikaler, bloßer Empfindung zu höherstufiger, cortikaler, abstrakter Kognition) ist weder neuroanatomisch zutreffend noch als theoretische Unterscheidung brauchbar:

Empfindungen [besitzen] einen wirklich privilegierten Status. Sie werden auf vielen neuronalen Ebenen, einschließlich der neocortikalen, repräsentiert, wo sie die neuroanatomischen und neurophysiologischen Äquivalente all dessen sind, was über andere Sinneskanäle aufgenommen wird. Doch dank ihrer unauflöslichen Verbindung zum Körper stellen sie sich während der Entwicklung zuerst ein und bewahren ein Primat, der unser geistiges Leben unmerklich durchdringt. (Damasio 1997: 219)

Man könnte nun meinen, eine so starke Betonung der Rolle, die unser Körper inbezug auf kognitive Prozesse spielt, sei Wasser auf die Mühle eines reduktionistischen Physikalismus: Eine genaue biochemische Beschreibung der Körperzustände plus der Gehirnzustände, die zusammengenommen die Körperlandschaft ausmachen, wäre dann die letzte Ebene der Erklärung mentaler Phänomene. Aber das ist zu kurz gedacht: Selbst wenn wir über eine akkurate biochemische Zustandsbeschreibung des Gehirns verfügten (wobei fraglich ist, ob eine hinreichend genaue Beschreibung schon aus praktischen Gründen überhaupt möglich ist), hätten wir nicht viel gewonnen, denn welche Stoffe innerhalb welcher Systeme wie miteinander interagieren, ginge aus einer solchen Beschreibung nicht hervor - es wäre nichts erklärt, nicht, weil die Beschreibung als solche falsch oder unzulänglich wäre, sondern weil sie auf einer zu einfachen Ebene operiert.

8.1.5. Der Begriff der ‘somatischen Marker’

Warum werden in Damasios Ansatz Denken und Entscheiden als ein Komplex behandelt? Man muß nicht soweit gehen wie die Scholastik, die auch im Unterlassen einer Handlung eine Handlung sieht, um festzustellen, daß das Ziel des Nachdenkens typischerweise eine Entscheidung ist. Nun kann man sich verschiedene Wege vorstellen, auf denen man durch einen Prozeß des vernünftigen Nachdenkens zu einer rationalen Entscheidung gelangen kann. Eine Möglichkeit ist es, das Nachdenken als eine Art im menschliche Gehirn implementierten Schlußmechanismus zu verstehen, als eine Funktion zur Erstellung induktiver Schlüsse, die dann die besten, d.h. rationalsten Ergebnisse zeitigen wird, wenn der Prozeß sich möglichst eng an die Schlußregeln der formalen Logik hält, seine Algorithmen sich also möglichst eng an solche Regeln anschließen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten unsere rationalen Fähigkeiten davor geschützt werden, durch Einbrüche der Gefühle oder der Empfindungen in der Ausführung ihres Kalküls gestört zu werden; die häufig durchaus nicht so ideal rationalen Verhaltensweisen, die Menschen an den Tag legen, wird dann durch eben solche, nicht im eigentlichen Sinne in den Bereich der Rationaliät gehörende Faktoren erklärt. Das ist, in vielleicht etwas überspitzter Form, die Mehrheitsaufassung der neuzeitlichen Philosophie, nicht nur im Rationalismus eines Descartes oder Leibniz, sondern ebenso im Empirismus. Dieses Programm wird ausdrücklich auch in weiten Teilen der


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zeitgenössischen Kognitionsforschung vertreten.<154>

Die Forschungen Damasios und anderer legen demgegenüber ein anderes Bild nahe: Die relevante Trennlinie verläuft nicht zwischen rationalen Kompetenzen auf der einen und emotiven/phänomenalen Kompetenzen auf der anderen Seite; vielmehr bilden diese Fähigkeiten immer eine Gemengelage. Ein weit interessantere Unterscheidung ist die zwischen rationalem Verhalten inbezug auf die eigene Person und die sozialen Zusammenhänge und rationalem Verhalten inbezug auf abstrakte Sachverhalte, die nicht in direktem Zusammenhang mit der eigenen Situation stehen. Vollständig rationales Verhalten beinhaltet stets beide Komponenten, aber an den besprochenen Patientengruppen läßt sich eine Dissoziierung entlang dieser Linie gut nachweisen. Die Vorstellung einer vollständig ‘reinen’, abstrakten Vernunft als Muster für Rationalität ist ein Zerrbild. Am Fall von Damasios Patienten Elliott kann man sich das verdeutlichen: Seine Schwierigkeit besteht nicht darin, erfolgreich einen Algorithmus zur Bewältigung einer bestimmten Aufgabe durchzuführen; daß er z.B. bei der Ordnung von Dokumenten versagt, liegt vielmehr daran, daß er, kaum hat er sie nach einem bestimmten Kriterium rigoros und unter hohem Zeitaufwand sortiert, er sie in eine neue Ordnung nach einem anderen Paradigma bringt und darüber praktische Erwägungen wie die, innerhalb seiner Arbeitszeit fertig zu werden, völlig vernachlässigt. Aber nicht nur an Beispielen wie diesem wird deutlich, warum algorithmische Lösungsverfahren keine gute Erklärung unserer rationalen Denk- und Entscheidungsprozesse bieten, denn die meisten Probleme, die wir im Alltag bewältigen müssen, sind nicht auf so wenige und relativ einfache Parameter beschränkt wie Sortieraufgaben dieses Typs. Schon einfache Handlungsentscheidungen verzweigen sich schnell in einen so komplexen Baum von möglichen Handlungsfolgen, die wiederum für unsere Handlungen in der Ausgangssituation entscheidend sind, daß die Algorithmen, die man zur Bewältigung einer solchen Aufgabe bräuchte, die Kapazität unserer Aufmerksamkeit und unseres Arbeitsgedächtnisses weit überschreiten würden. Es sollte uns zu denken geben, daß die wenigen Gebiete, auf denen die KI-Forschung interessante Ergebnisse aufzuweisen hat, sich mit Problemen beschäftigen, die ungewöhnlich gut algorithmisierbar sind. So schlagen mittlerweile Schachcomputer Weltmeister - aber nicht, weil sie ebensogut nachdenken oder genauso ‘rational’ spielen, sondern aufgrund ihrer ungeheuren Rechenleistung, die sie in die Lage versetzen, von jeder neuen Stellung aus über viele Züge hinweg alle möglichen Partien zu berechnen und so vorteilhafte Züge zu isolieren. Kein Mensch spielt so Schach. Man könnte auch sagen, daß Deep Blue in bestimmter Hinsicht (nämlich seinem ‘Verhaltensoutput’ nach) einen Schachspieler gut simuliert. Aber Deep Blue spielt überhaupt kein Spiel, sondern arbeitet einen Algorithmus ab. Bei Schachcomputern taucht das Problem nicht auf, das der KI generell die meisten Probleme bereitet: Das sogenannte ‘Rahmenproblem’ (frame problem), das darin besteht, wie man in Hinsicht auf eine bestimmte zu lösende Aufgabe die Hintergrundannahmen formalisiert, die die weitaus größte Zahl möglicher Reaktionsstrategien von vornherein als unfruchtbar erweist, sodaß das Programm erst gar keine Zeit damit verschwendet, unsinnige Ansätze erst bis in die letzte unsinnige Konsequenz durchzurechnen, bis es von ihnen abläßt.<155> Die Schwierigkeit wird dadurch noch größer, daß die meisten dieser Hintergrundannahmen nicht explizit als konkreter Gehalt einer ‘Erinnerungszelle’ gespeichert sind, sondern sich oft nur dispositional als Konsequenz wieder anderer Zustände ergeben. Searle nennt dieses Feld den background, auf dem jede Art von originärer Intentionalität sich abspielt.<156> Wirklich intelligentes, im Vollsinn rationales Verhalten zeichnet sich weniger durch die stringente Anwendung bestimmter Algorithmen aus als durch sinnvolle Entscheidungen darüber, wann welche Lösungsstrategien verfolgt werden sollen bzw. wann man algorithmische Prozesse abbricht und auf sich beruhen läßt.

Dieser Prozeß der ‘Bewertung’ verläuft dabei so, daß in jeder Situation, die eine Handlung erfordert,


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neben den einschlägigen propositionalen Einstellungen (also Meinungen, Wünsche, etc.) jederzeit auch phänomenale Einstellungen bestehen, die man als affektive Reaktion auf die mit der Entscheidungssituation verbundenen somatischen Gesamtrepräsentation (der ‘Körperlandschaft’) verstehen kann. Diese affektive Einstellung markiert ein bestimmtes aktuelles oder auch nur vorgestelltes Szenario als (phänomenal) ‘positiv’ oder ‘negativ’, und zwar bereits unabhängig von der bewußten kognitiven Auswertung der mit diesem Szenario verbundenen propositionalen Einstellungen. ‘Positiv’ und ‘negativ’ bezieht sich dabei auf potentielle Abweichungen von der normalen Homöostase des Systems somatischer, also körperbezogenen Repräsentationen. Eine Empfindung, die als somatische Repräsentation eine Vorstellung in dieser Weise begleitet, ist ein somatischer Marker.

Die Rolle somatischer Marker sollte nicht im Widerspruch zu der Fähigkeit gesehen werden, eine ausführliche, propositional verfaßte, bewußte Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Sie markieren nur bestimmte Handlungsmöglichkeiten als sehr aufwendig, wenn das Gleichgewicht des Organismus aufrechterhalten werden soll, d.h. sie setzen ein Warnsignal und reduzieren die Zahl der erfolgversprechenden Strategien auf ein beherrschbares Maß.<157> In diesem Sinne sind phänomenale Zustände unumgänglicher Bestandteil auch unserer logischen Denkprozesse:

Somatische Marker sind ein Sonderfall der Empfindungen, die aus sekundären Gefühlen entstehen. Von diesen Gefühlen und Empfindungen ist durch Lernen eine Verbindung zur Vorhersage künftiger Ergebnisse bestimmter Szenarien hergestellt worden. Wenn sich ein negativer somatischer Marker in Juxtaposition zu einem bestimmten künftigen Ergebnis befindet, wirkt diese Zusammenstellung wie eine Alarmglocke. Befindet sich dagegen ein positiver somatischer Marker in Juxtaposition, wird er zu einem Startsignal. (Damasio 1997: 238)

Das System der Bewertung von Vorstellungen via somatische Marker konstituiert, wie Damasio es ausdrückt, einen ‘Tendenzapparat’: Keine Vorwegnahme des Handlungsentschlusses, sondern eine Angabe einer Richtung, ein Auf- bzw. Abbau von Hürden inbezug auf spezifische Entscheidungen. Es dürfte offensichtlich sein, daß dieser Mechanismus hervorragend geeignet ist, auch die Grundstruktur für emotionale Bewertungen (im Sinne von Damasios ‘sekundären Gefühlen’) vorzugeben, die selbst natürlich durchaus propositional verfaßt sind (ich bin traurig, daß x geschehen ist, wütend auf p, freue mich darüber, daß q, usw.). Man kann kaum genug betonen, daß die These nicht ist, unsere hochstufigen rationalen Denkprozesse seien in Wahrheit basale, körperbestimmte emotionale Prozesse; vielmehr wird behauptet, daß beide Arten von Prozessen beim Menschen hochstufige, weite Teile des Gehirns bis in den Neocortex hinein beanspruchende Prozesse sind, die erst zusammengenommen unsere kognitiven Fähigkeiten ausmachen. Sonst wäre es Damasio auch kaum möglich, an seiner (vor allem gegen gängige Simulationstheorien<158> gerichteten) These festzuhalten. Somatische Marker ersetzen nicht eine implizite Theorie des Geistes, vielmehr machen sie eine solche überhaupt erst möglich, indem sie z.B. die ungeheure Menge möglicher Verhaltensweisen anderer in bestimmten sozialen Situationen auf ein ‘vernünftiges’ Maß reduzieren. Sie sorgen, wenn man so will, für einen holistischen oder situativen Blick auf bestimmte Szenarios, ganz ähnlich, wie ein guter Schachspieler nicht einzelne Figuren auf dem Brett sieht, deren Zugmöglichkeiten einzeln und Schritt für Schritt analysiert werden muß, sondern eine bestimmte eher positive oder eher negative Konstellation von Figuren.


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Besonders interessant ist Damasios Theorie hier, weil sie sich, worauf Henrik Walter (1997) kürzlich hingewiesen hat, an die philosophische Diskussion um Willensentscheidungen anschließen läßt. Deren in den letzten Jahrzehnten sicher wichtigstes Paradigma geht auf Frankfurts (1971) Unterscheidung von Wünschen erster und zweiter Ordnung zurück. Im weiteren Kontext der Frage, was eine Person ist, kommt Frankfurt zu dem Schluß, daß eine Entscheidung dann aus freiem Willen geschieht, wenn die Wünsche erster Ordnung so geartet sind, daß man sie auch gemäß der eigenen Wünsche zweiter Ordnung als diejenigen Wünsche anerkennt, die man haben möchte. Eine Person handelt dann frei oder authentisch, wenn sie sich mit den Wünschen zweiter Ordnung auch identifizieren kann, wobei Frankfurt die Identifikationsleistung so expliziert, daß dann gegeben ist, wenn eine weitere reflexive Überprüfung der eigenen Wünsche zweiter Ordnung keine Veränderung mehr zeitigt. Phänomenologisch ist diese Darstellung nicht unproblematisch, denn jedem dürfte das Erlebnis vertraut sein, daß man ‘ein schlechtes Gefühl’ bei bestimmten Entscheidungen auch dann hat, wenn man ganz fest der Meinung ist, diese Entscheidung sei objektiv die beste (d.h., sie hält jeder reflexiven Überprüfung stand) und auch diejenige, die am ehesten in Einklang mit den eigenen Wünschen zweiter Ordnung stehe. Man scheint in solchen Fällen immer noch eine bestimmte Distanz zu dieser Entscheidung zu haben, die schwer mit der Auffassung in Einklang zu bringen ist, hier sei das Niveau völlig authentischer Entscheidung erreicht. Vor dem Hintergrund der Theorie somatischer Marker hebt sich demgegenüber deutlich ein Möglichkeit ab, diese Intuition zu berücksichtigen: Das Bild, das Frankfurt von der Bewertung unserer Wünsche erster Ordnung zeichnet, orientiert sich zu stark an den rationalistischen Modellen der Kognition. Genau in diese Richtung geht Walters Kritik an Frankfurt: Ihm zufolge sind authentische Entscheidungen nicht solche, die man nach reiflicher Überlegung als diejenigen erkannt hat, für die die besten Argumente sprechen, sondern jene, die in Übereinstimmung mit der Bewertung durch somatische Marker getroffen werden. Die Bewertung unserer Wünsche erster Ordnung ausschließlich durch formale, logisch schlüssige Entscheidungsalgorithmen führt nicht etwa zu besonders guten, besonders rationalen oder authentischen Entscheidungen, wie Frankfurts Modell einander nachgeordneter Stufen nahelegt, es macht vielmehr intelligentes Verhalten als Folge von im Vollsinn rationalen kognitiven Prozessen unmöglich - das jedenfalls ist eine naheliegende Interpretation der klinischen Studien mit Frontalhirnpatienten. Walter gesteht dabei zu, daß auch die Bewertung mittels somatischer Marker nicht notwendig dazu führt, daß immer eine eindeutig gewünschte Entscheidung zustandekommt, schließlich könnte es sowohl einander widersprechende somatische Marker für dieselbe Entscheidung geben als auch Widersprüche zwischen Markern und Entscheidungsalgorithmen - wir entscheiden uns ebensooft ‘wider besseres Wissen’ wie ‘mit einem schlechten Gefühl’ für eine bestimmte Handlung. Unsere Entscheidungen seien häufig nicht authentisch, sondern kontingenten Umständen wie Zeitnot oder äußerem Druck geschuldet. Mir selbst scheint das nicht zwingend; man könnte genausogut folgern, daß man den Begriff der ‘authentischen Entscheidung’ nicht übermäßig theoretisch belasten sollte. Das muß ich hier auf sich beruhen lassen, schließlich geht es mir hier nicht vordergründig um die Handlungstheorie oder die Theorie der Person. Vielleicht lehnt sich Walter hier zu eng an Damasio an, der nicht immer frei davon ist, in seinem berechtigten Plädoyer für die emotionalen, phänomenalen Anteile rationalen Denkens seine formal-abstrakten Elemente zu sehr zurückzusetzen. Walter meint, die in Übereinstimmung mit den somatischen Markern getroffenen Überzeugungen seien deshalb die authentischen Entscheidungen einer Person, weil in den somatischen Markern die Lebenserfahrung des Organismus quasi sedimentiert ist. Authentisch handeln wir aber immer dann, wenn wir als die Person handeln, die wir sind, und wer wir sind, bestimmt sich ganz erheblich aus unsere Lebensgeschichte. Aber hier lauert ein naturalistischer Fehlschluß, denn zu unseren authentischen Fähigkeiten gehört es eben auch, sich aus rationalen Erwägungen über unsere Gefühle hinwegzusetzen. Und obwohl sich die Fähigkeit zu rationalem Handeln phylogenetisch entwickelt hat und ihre Geschichte ein Thema der Wissenschaften ist, ist eine rationale Entscheidung nicht mehr durch Verweis auf die Geschichte ihrer Entstehung einholbar. Bei allem Respekt vor dem Programm der evolutionären Psychologie muß man vor dem Erklärungskurzschluß warnen, dem viele Evolutionspsychologen bezüglich sozialen Normen oder der Rationalität unterliegen, daß nämlich deren ‘objektive’ Gültigkeit oder Ungültigkeit dadurch erwiesen werden könne, daß man die Bedingungen untersucht, unter denen sie evolvierten und schaut, ob diese Bedingungen auch jetzt noch existieren. Trotzdem muß Damasios Hinweis darauf erlaubt sein, daß sich die Evolution schon vorhandener Systeme bedient, um sie adaptiv zu verändern und diese Systeme, wenn möglich, doppelt benutzt. Dasselbe Neuron im Gehirn kann, je nach synaptischer Verschaltung, zu verschiedenen Zeiten zur Lösung ganz verschiedener


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Aufgaben herangezogen werden. Warum sollten nicht zumindest teilweise dieselben Systeme für die emotionale und ‘rein’ rationale Verarbeitung im Gehirn verantwortlich sein?

So erscheint plausibel, daß ein System, das Marker und Orientierungshilfen für ‘persönliche’ und ‘soziale’ Reaktionen hervorbringt, dazu auserkoren wurde, ‘andere’ Entscheidungsprozesse zu unterstützen. [...] Natürlich müßten somatische Marker nicht als ‘Empfindungen’ wahrgenommen werden. Doch ich denke, sie heben verdeckt, in Gestalt eines Aufmerksamkeitsmechanismus, bestimmte Elemente gegenüber anderen hervor und steuern praktisch die Freie-Fahrt-, Stop- und Richtungssignale, die für einige Aspekte der Entscheidungsfindung in nichtpersönlichen, nichtsozialen Bereichen erforderlich sind. (Damasio 1997: 260)

Wenn Damasios Hypothesen über die Existenz und Rolle somatischer Marker zutreffen, scheinen sie eine direkte empirische Stütze für das Konzept von Wahrnehmung zu sein, das ich in dieser Arbeit zu entwickeln versucht habe. Denn wenn unsere Phänomenalität auf hochstufig integrierten somatischen Repräsentationen beruht, die als mentale Karten so im Gehirn realisiert werden, daß sie nie fixiert sind, sondern sich stets in Rückkoppelungsprozessen mit allen verfügbaren Eingabekanälen in einem Fließgleichgewicht halten, ist klar, daß Empfindungen nicht statisch an bestimmten Stellen im Gehirn lokalisiert sind, auch wenn dort neurophysiologische Zustände als ihre Konstitutionsbedingungen bestehen. Ebensowenig lassen sich die Gehalte etwa der visuellen Wahrnehmung als Netzhautbilder verstehen, die als feste Verschaltungsmuster in das Sehzentrum projiziert werden. Gibsons wesentliche Einsicht ist, daß Wahrnehmung eine Leistung des auf spezifische Weise in seine Umwelt eingebetteten Organismus mit seinem spezifischen optischen System ist und nicht erst auf der Rückseite der Retina beginnt. Auch Tye betont, daß die Individuierung mentaler Zustände nicht ausschließlich über die Individuierung ihres jeweiligen neurophysiologischen Korrelats geleistet werden kann, weil ganz ohne Kontext die Zuweisung repräsentationaler Gehalte sich als unmöglich erweist. Damasios analoger Punkt ist, daß Empfindungen (ebenso wie letztlich alle anderen mentalen Zustände) sich dann theoretisch nur unbefriedigend fassen lassen, wenn sie auf die an ihrem Zustandekommen beteiligten Hirnzustände reduziert werden. Hier trifft er sich mit Edelmans Nachweis der Verwiesenheit von somatischem Zustand und mentaler Kartierung: Körper und Gehirn stehen in so engen Wechselverhältnissen zueinander, daß ihre komplexesten Zustände (und daß es sich bei mentalen Zuständen um derart komplexe Zustände handelt, steht wohl außer Frage) nur als Zustände des Systems verstanden werden können, das sie gemeinsam bilden. Die Einheit, die mit der Umwelt interagiert, besteht schließlich nicht im Gehirn allein, sondern im Organismus als ganzem. Der Grundgedanke meiner Ausführungen zur Wahrnehmung, der in allen bisherigen Kapiteln angeklungen ist, besteht in der Betonung ihres interaktiven Charakters, und hier weiß ich mich zumindest punktuell einig mit so unterschiedlichen Theoretikern wie Gibson, Churchland, und eben auch Damasio:

Die Umgebung wahrzunehmen heißt demnach nicht nur, daß das Gehirn direkte Signale von einem ganz bestimmten Stimulus empfängt, von unmittelbaren Bildern ganz zu schweigen. Vielmehr verändert sich der Organismus auch selbst, so daß die Schnittstellen aufeinander abgestimmt werden. Der Körper im engeren Sinne ist nicht passiv. [...] Die meisten Interaktionen mit der Umgebung finden statt, weil der Organismus sie braucht, um die Homöostase aufrechtzuerhalten. (Damasio 1997: 300)

Damasio selbst präsentiert diese Überlegung unter der Voraussetzung der Evolutionsbiologie: Wenn unsere mentalen Zustände als token in den neurophysiologisch beschreibbaren Strukturen unseres Gehirns realisiert sind, die gegebenenfalls zusätzlich die Spezifizierung von Kontextbedingungen erfordern, scheint klar zu sein, daß sie nicht gänzlich körperunabhängig sind, und sei es nur in dem schwachen Sinn, daß sie sich während der Evolution durch funktionelle Bedürfnisse des Organismus herausgebildet haben. Das ist zunächst einmal nur eine empirische Theorie über das Bewußtsein, die Damasio versucht, durch Studien zu stützen, die darauf hindeuten, daß die Unterbrechung des Regelkreises von sensorischem input und Veränderung der Zustände im Sensorium mit deutlich diagnostizierbaren geistigen Veränderungen einhergeht (vgl. Hohman 1966). Zu einem ähnlichen Ergebnis führte bereits seine Deutung der Fälle von Anosognosie: Ein auch nur partielles ‘Einfrieren’ der Körperlandschaft führt dort zu radikalen Änderungen der mentalen Zustände, und zwar nicht nur der Überzeugungen und Einstellungen bezüglich des tatsächlich gelähmten Gliedes. Das, was unser Selbst fundiert, worauf quasi das


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Subjekt unser Erfahrung aufbaut, besteht in den durch vielfältige Reizbahnen miteinander koordinierten Repräsentationen, die zusammengenommen unsere Körperlandschaft ergeben. Erst dieser somatisch markierte Hintergrund, zeitlich in bestimmtem Takt aktualisiert, integriert auch kognitive (d.h. nicht somatisch repräsentierende) Systeme zu dem, was wir als unser Selbst erleben.

Das ist eine ebenso elegante wie überzeugende Erledigung dessen, was in der Literatur als das Bindungsproblem (binding problem) auftaucht: Wenn die verschiedenen Fähigkeiten unseres Gehirns so modular aufgebaut sind, wie die anatomische Möglichkeit der genauen Lokalisierung der einzelnen Sinnesleistungen nahelegt, d.h. wenn z.B. Farbe, Form und Bewegung äußerst heterogen in ganz verschiedenen Hirnarealen verarbeitet werden, wie erklärt sich dann der homogene Charakter unserer Erfahrung eines farbigen, bewegten Gegenstandes? Denn es gibt kein ‘Erfahrungszentrum’ im Gehirn, in das alle Module gemeinsam projizieren würden, wie man mit Descartes noch bis in unser Jahrhundert annahm. Abgesehen davon, würde ein solches Zentrum ohnehin nur zu weiteren Problemen führen, denn wenn im Gehirn alle Sinneseindrücke zusammengeführt würden, müßte es dort einen Homunkulus geben, der sich von unserer technicolor phenomenology (Dennett) berieseln läßt - kein sehr überzeugendes Bild, vielmehr eines, das den Eindruck, bei den phänomenalen Qualitäten handele es sich um ein unlösbares Problem erst aufkommen läßt. Das Bindungsproblem entsteht erst dann, wenn man eine zentralistische Intuition an das höchst dezentrale, massiv parallele neuronale Netz heranträgt, das unser Gehirn darstellt. Diesem Zentralismus liegt die falsche Meinung zugrunde, die sensorischen Zentren des Gehirns seien (oder funktionierten doch in wesentlicher Hinsicht wie) Meßgeräte, die auf identische, von den Sinnesorganen ins Gehirn projizierte Stimuli immer identische Reaktionen zeigten, also eine zunächst quasi mechanisch erstellte Repräsentation erarbeiteten (das, was häufig unter sensation verstanden worden ist), die die Grundlage für die Interpretation und Bewertung in höheren Hirnregionen darstelle (was dann zur perception im eigentlichen Sinn führt). Dieses Bild setzt eine hierarchische Struktur voraus, die sequentiell nur in der Richtung von ‘Eingabemodulen’ zum ‘Zentralprozessor’ organisiert ist, wobei ebenfalls vorausgesetzt wird, daß alle Bewußtseinsprozesse mit den höchsten Stufen dieser Organisation verbunden sind. Zumindest für das visuelle System ist mittlerweile aber nachgewiesen, daß die Reizleitung durchaus nicht als Einbahnstraße funktioniert und daß bereits an den Neuronen, in denen die Reize aus dem Sehnerv im Gehirn eintreffen, ablesbar ist, ob eine Versuchsperson den Stimulus mit innerer Anteilnahme (also besonderer Aufmerksamkeit) verfolgt. Die neuronalen Mechanismen, die am Aufkommen von Bewußtsein beteiligt sind, sind offenbar weitaus stärker im gesamten visuellen System verteilt, als daß gemäß der hierarchischen Auffassung zu erwarten wäre. Die Frage ist, von wo aus die Aufmerksamkeitslenkung initiiert wird. Christof Koch hält den präfrontalen Kortex für den wahrscheinlichsten Ursprungsort, denn erwiesenermaßen besteht besonders bei Primaten eine intensive Rückkoppelungsschleife zwischen den sensorischen Eingangsfeldern und den Aufmerksamkeitszentren an der Vorderseite des Gehirns.<159> Das würde zu der These Damasios passen, die den letzteren Bereich mit der Integrierung mentaler Karten zur Körperlandschaft in Verbindung bringt.


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8.1.6. Modalität als Weise der somatischen Repräsentation

Für das Problem des phänomenalen Erlebens ist besonders relevant, daß innerhalb dieses Modells eine neue Erklärung des Umstandes möglich wird, daß wir auch die Modalität erleben, in der wir Informationen aus der Umwelt aufnehmen. Bis vor kurzem glaubten die Neurowissenschaften, die erlebte Modalität schlicht am Verarbeitungsort innerhalb des Gehirns festmachen zu können (”Prinzip des Verarbeitungsortes“).<160> Neuere Studien zeigen, daß auch hier das Bild komplexer ist (wie es sich in der Hirnforschung zuverlässig immer herausstellt, daß die jeweils letzte Theorie immer noch zu schlicht gestrickt war). Denn es ist nachgewiesen worden, daß die visuellen Areale blinder Menschen auch auf Daten aus anderen Sinneskanälen reagieren. Wie Brigitte Röder (1997) zeigen konnte, evozieren sowohl haptische wie auditive Stimuli bei Blinden mittels EEG meßbare Potentiale im visuellen Cortex. Daß diese Bereiche nicht nur ‘mitschwingen’, ohne selbst einen Anteil an der Verarbeitung zu haben, belegt eine Studie einer Gruppe um Leonardo Cohen (1997): Mittels starker magnetischer Impulse können selektiv bestimmte cortikale Bereiche (in diesem Fall der visuelle Cortex) zur Entladung gebracht werden, wodurch sie kurzzeitig funktionsuntüchtig werden. So behandelte Versuchspersonen (sowohl Blinde wie eine Vergleichsgruppe Sehender) sollten Schriftzeichen ertasten. Nur die Blinden wurden dadurch beim Abtasten der Zeichen gestört; sie machten viele Fehler und berichteten über eine verzerrte oder unvollständige Wahrnehmung - ein eindeutiger Beleg dafür, daß ihr visueller Cortex funktional an der Verarbeitung der Tastreize beteiligt ist.

All diese Experimente legen den Schluß nahe, daß das Gehirn zwar funktional differenziert ist, daß diese Differenzierung aber nicht so statisch ist, daß man von klar eingrenzbaren Modulen sprechen könnte. Im Cortex scheint es nur in geringem Maße eine eindeutige Spezialisierung bestimmter Bereiche zu geben; was wo verarbeitet wird und wie es verarbeitet wird, ist innerhalb bestimmter physiologischer Grenzen variabel und ergibt sich aus Rückkoppelungsprozessen zwischen sehr vielen beteiligten, auch hochstufigen Hirnarealen. Wahrnehmungsreize werden nicht in den primären sensorischen Arealen aufbereitet und dann den höherstufigen Bewußtseinsprozessen präsentiert, sondern der auf allen Ebenen ablaufende Wahrnehmungsprozeß ist nur im Systemzusammenhang bewußt zu nennen. Die Eigenschaft, phänomenal bewußt zu sein, kommt nicht einem irgendwo im Neocortex isolierbaren Bewußtseinszentrum zu, Träger dieser Eigenschaft ist vielmehr das ganze, in einem bestimmten Körperzusammenhang realisierte Nervensystem. Phänomenales Bewußtsein tritt nicht zu bestimmten neuronalen Verschaltungen etwa in Form eines Zustandes höherer Ordnung hinzu, der diese spezielle Verschaltung zu seinem Inhalt hat. Solche Verschaltungen sind aufgrund ihrer organisatorischen Struktur phänomenal bewußt.<161> Diese organisatorische Struktur ist aber nicht (im Sinne einer funktionalistischen Architektur) fixiert, sondern modifiziert sich je nach der Abweichung aus der Homöostase, in die das System durch innere oder äußere Anstöße gerät.

Angesichts dieses komplexen Befundes deutet sich eine Folgerung für die leidige Frage nach der Lokalisierung von phänomenalen Zuständen an: Die neurobiologischen Konstitutionsbedingungen für phänomenal bewußte Zustände sind derart weit auf verschiedene Teilsysteme des Nervensystems verteilt, daß auf dieser Ebene nicht eindeutig anzugeben ist, an welcher Stelle sie realisiert sind, weil es keine einzelne Stelle gibt, an der sich eine solche Realisierung befände. Die Frage ist nicht aufgrund irgendwelcher metaphysischen Probleme nicht zu beantworten, sondern einfach in ihrer Globalität falsch gestellt. Eine sinnvolle und gegebenenfalls empirisch zu beantwortende Frage wäre demgegenüber die Frage nach der Realisierung von Teilsystemen, die im Zusammenspiel Bewußtsein hervorbringen, und ihrer Verknüpfung. Allerdings spricht man im Rahmen dieser empirischen Programme nicht mehr über Bewußtsein allgemein, sonder nur über biologisch realisiertes Bewußtsein. Denn die so gewonnenen Erkenntnisse und Methoden lassen


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sich unproblematisch nur auf Menschen und gegebenenfalls noch auf uns mehr oder weniger ähnliche Systeme ausweiten.

Wenn das Prinzip des Verarbeitungsortes nicht zur Erklärung der erlebten Unterschiede zwischen den Modalitäten herangezogen werden kann, was sind die Erklärungsalternativen? Eine Möglichkeit ist es, im Rahmen des Modells der Körperlandschaft als Integration mentaler Karten darauf zu verweisen, daß die Reize, die auf unsere Sinnesorgane einwirken, doppelt vorliegen: als in den jeweiligen Sinneszellen registrierter distaler Reiz, dann aber auch als somatische Repräsentation der Körperveränderung, die durch diesen Reiz physiologisch ausgelöst wird (als proximaler Reiz):

Sobald die Spezialsinne ins Spiel kommen, rufen sie zwei Arten von Signalen hervor. Die erste Art kommt aus dem Körper - sie entsteht an den besonderen Orten der speziellen Sinnesorgane (dem Auge beim Sehen, dem Ohr beim Hören) - und wird an den somatosensiblen motorischen Komplex übermittelt, der den gesamten Körper als funktionale Karte repräsentiert. Die zweite Signalart stammt von dem Spezialorgan selbst und wird in den sensorischen Einheiten repräsentiert, die für die betreffende Sinnesmodalität zuständig sind. (Damasio 1997: 309)

Wenn ich auf das Blatt Papier schaue, das vor mir liegt, sehe ich nicht nur das Blatt, sondern habe auch diverse Körperempfindungen davon, daß ich es mit den Augen sehe - das grelle Licht reizt meine Hornhaut und läßt Tränenflüssigkeit austreten, ich akkomodiere verschieden, wobei sich die Augenmuskeln bewegen, etc. Derjenige Teil meiner sensomotorischen Karte, in dem die Augen repräsentiert sind, ist aktiv, und gleichzeitig ist auch die Karte aktiv, die auf visuelle Reize besonders anspricht. Die Integration dieser Karten führt dazu, daß ich einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt als gesehenen empfinde. Ich sehe nicht nur etwas, ich empfinde gleichzeitig auch, daß ich es sehe.

Auf dieser Grundlage läßt sich die Intuition reformulieren, nach der unsere phänomenalen Qualitäten transparent sind, d.h. daß Qualia nicht als konkrete Zustände von den Objekten oder Zuständen abgelöst werden können, die uns phänomenal erscheinen: In der Integration von somatosensiblen Signalen und den Reizen, die aus den je spezifischen Sinneszellen der verschiedenen Wahrnehmungsmodalitäten stammen, wird die Wahrnehmung eines Gegenstandes in den Zusammenhang des Körpergeschehens eingeordnet. Ein wahrgenommener Gegenstand hebt sich ab vor einem Hintergrund von Körperempfindungen, die wesentlich durch die Reize, die der Gegenstand physiologisch auslöst, moduliert werden. Die Empfindungen, die mit der Wahrnehmung des Gegenstandes einhergehen, kann man deshalb nicht isolieren und als konkreter ‘Empfindungszustand’ getrennt erleben. Man könnte sogar sagen, daß in der Qualia-Debatte selbst von erklärten Qualia-Freunden die Wichtigkeit und Präsenz von phänomenalen Zuständen weit unterschätzt worden ist, da sie häufig als eine eigene Klasse mentaler Zustände behandelt werden, als phänomenales Bewußtsein, das von anderen Arten bewußter Zustände (z.B. ‘Zugriffsbewußtsein’, ‘propositionalem Bewußtsein’, etc., vgl. Block 1995) abgehoben werden kann, wobei angenommen wird, die verschiedenen Bewußtseinsarten benötigten je andere, eventuell völlig voneinander unabhängige Erklärungen.

8.1.7. Phänomenalität als Hintergrund für bewußte Prozesse

Es ist ein großes Verdienst Searles, dagegen seit mehr als zwanzig Jahren immer die Identität von Phänomenalität und Bewußtsein hervorzuheben. Zwar kann unsere Aufmerksamkeit mehr oder weniger stark auf den Umstand gerichtet sein, daß unser mentales Leben sich auf dem Hintergrund von Körperempfindungen abspielt, weswegen der Eindruck entstehen kann, manche kognitiven Leistungen bedürften dieses Hintergrundes nicht. Aber erst diese Einbettung erlaubt es uns überhaupt, irgendeinen Gedanken als den je meinen zu denken, sorgt für den Zusammenhalt, der ich als Subjekt meiner mentalen Zustände bin.<162> Mein Körper gehört weit wesentlicher zu mir, als


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bloß eine Art von Maschine zu sein, die mein Gehirn umherträgt und ernährt - unsere Art von Bewußtsein ist ganz wesentlich verkörpertes Bewußtsein. Selbst unsere basalsten Kategorisierungsleistungen beruhen auf unserer ‘Körperperspektive’ und der damit verbundenen Art von räumlichen Zusammenhängen.<163> Bewußte Zustände beruhen auf der Integration verschiedenster physiologisch realisierter Repräsentationen, sie sind Zustände des in einer Umwelt handlungsfähigen Gesamtsystems, das sich aus dem Körper, den Repräsentationen sowohl äußerer Objekte wie eigener Körperzustände, den daraus sich ergebenden abstrakteren Repräsentationen und solchen Zuständen zusammensetzt, die all diese Zustände als Zustände eben dieses individuellen Systems integriert. Auch der anspruchsloseste sensorische Empfindungszustand ist weit davon entfernt, eine irgendwie basale Repräsentationsleistung eines bestimmten Gehirnareals zu sein, sondern ist als bewußter Zustand eine höchst komplexe Leistung des Gesamtsystems.

Es klingt zunächst ausgesprochen banal, darauf zu bestehen, daß ich immer dort bin, wo auch mein Körper ist. Daraus gewinnt das Gedicht, das ich über den Anfang dieses Kapitels gesetzt habe, gerade seine Komik: ‘Mein Körper’ weiß natürlich nichts, ‘ich’ weiß dagegen sehr wohl, in welchem Zustand sich mein Körper befindet, weil das Erleben meines Körpers zu den Dingen gehört, die mich überhaupt ‘ich’ sagen lassen - ich und Körper sind keine Dialogpartner, die sich über ihre jeweiligen Befindlichkeiten auf dem Laufenden halten müßten. Genau dieses Modell liegt aber mehr oder weniger versteckt vielen Argumentationen in den Kognitions- wie in den Neurowissenschaften zugrunde. Einer der klassischen Texte des Versuchs, neurobiologische


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Strukturen als Implementierungen informationsverarbeitender Prozesse anzusehen, ist Lettvins (1959) Aufsatz ‘What the frog’s eye tells the frog’s brain.’ Von diesem Aufsatz aus führen direkte Verbindungslinien zu den neueren, strikter kognitionswissenschaftlichen Programmen, etwa dem David Marrs (1982). Und zunächst ist an einem solchen Titel auch nichts auszusetzen, solange man sich darüber im Klaren ist, daß hier eine Metapher bemüht wird, denn es gibt keine Konversation zwischen einzelnen Teilen des Froschs. Aber innerhalb dieser Metaphorik kann man bestimmte Eigenarten des Signaltransfers zwischen funktional unterschiedlichen Teilen eines komplexen Systems gut fassen: Sie macht deutlich, was für Arten von ‘subpersonalen’ Prozessen im Nervensystem des Frosches ablaufen. ‘Subpersonal’ in diesem Sinne sind die Prozesse, weil sie alle unterhalb der Ebene des Handlungssubjekts (der ‘Person’ im weitestmöglichen Sinn) angesiedelt sind, wobei die beiden letzteren Begriffe hier sehr großzügig so verwendet werden, daß sie auch so relativ einfach gestrickte Kreaturen wie Frösche bezeichnen. Die Zustände, um die es hier geht, spielen auf der Ebene des erlebenden Subjekts keine Rolle: Weder der Frosch noch wir erleben unsere primal sketches oder haben ein Wissen oder eine Empfindung davon, was in Area V 4 unseres Hinterhauptlappens vor sich geht. ‘Subpersonal’ sind diese Zustände deshalb, weil sie für uns als Handlungssubjekte nicht im Erleben Handlungen bestimmen - genau deswegen braucht es so ausgefeilte Forschungsprogramme, um herauszufinden, wie sie funktionieren, andernfalls könnten wir die Neurowissenschaften durch Introspektion betreiben.

Die zentrale Einsicht, die ich in meinen Ausführungen zum Streit zwischen Inferentialismus und direkter Theorie zu verdeutlichen suchte, ist, daß diese Art von ‘subpersonalen’ Theorien uns zwar wichtige Erkenntnisse bezüglich der Konstitution derjenigen Systeme bringen, in denen unsere Wahrnehmungen ablaufen, aber im engeren Sinne keine Erklärungen unserer Wahrnehmung sein können. Nachdem wir verschiedene Theorien kennengelernt haben, die analoge Ansätze im Bereich des phänomenalen Erlebens durchzuführen versuchen, können wir an dieser Stelle die These generalisieren: Selbst eine detaillierte Aufklärung der genauen physiologischen Strukturen, die in unserem Nervensystem existieren, führt zu keiner Theorie, innerhalb derer jedwede bewußten Zustände (und dazu gehören sowohl Wahrnehmungszustände wie phänomenale Zustände) befriedigend reduziert oder auch nur vollständig erklärt werden könnten.

8.2. Wo bin ich? Und wo spüre ich etwas?

8.2.1. ‘Personale’ und ‘subpersonale’ Zustände

Das Problem physiologisch-reduktiver Bewußtseinstheorien ist, daß sie ihre Erklärungsleistung notwendig aus einer Äquivokation im Begriff dessen bezieht, was es heißen soll, ein Zustand sei ‘subpersonal’ (vgl. McDowell 1994a). Erstens ist in gewisser Hinsicht vielleicht schon klar, daß die oben ausgeführte Verwendung von ‘subpersonal’ deshalb nur metaphorisch sein kann, daß es in Informationsverarbeitungsansätzen keine tatsächlich ‘personale’ Ebene gibt, gegen die man die ‘subpersonale’ Ebene absetzen könnte. Daher auch die großzügig in den Text gestreuten Anführungszeichen. In der Metapher der Informationsverarbeitung unterhalten sich einzelne neurophysiologisch realisierte Systeme als ‘personal’ vorgestellte Gesprächsteilnehmer. Zweitens ist die für jede Art von Bewußtseinstheorie relevante Frage demgegenüber aber, ob und wie diese Systeme (oder zumindest eines davon) zu uns sprechen. In einem solchen Zusammenhang kann man auch von subpersonalen Zuständen als von den Teilzuständen sprechen, auf die man bewußt zugreifen kann. Subpersonal in diesem Sinne wären etwa Meinungen oder Wünsche (und selbst solche aktuell unbewußten Zustände, die zumindest prinzipiell, etwa im Rahmen einer Therapie, bewußt gemacht werden können). Um die Diskussion konkreter und dadurch verständlicher zu halten, möchte ich am Beispiel der visuellen Wahrnehmung kurz zeigen, warum von den Beschreibungen der Ebene der Informationsverarbeitung, so wertvoll sie für unser Verständnis unserer organischen Ausstattung auch sind, kein Weg zur adäquaten Charakterisierung des Gehaltes unserer bewußt wahrgenommenen Zustände führt.

Es ist nicht unüblich, den Vorgang der visuellen Wahrnehmung wie folgt zu beschreiben (vgl. z.B. Dennett 1978): Bestimmte distale Reize (z.B. von einer Oberfläche reflektierte Photonen) führen kausal zu proximalen Reizen (d.h. physiologischen Reaktionen in der primären Sensorik, z.B. der Retina). Die in diesen Reizen enthaltene Information über distale Objekte wird in verschiedenen Hirnzentren verarbeitet und führt zu Aktivitäten in verschiedenen anderen Arealen. Der so verarbeitete Ausgangsreiz wird dann dem Bewußtsein zugänglich gemacht (oder auch nicht, in


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welchem Fall es zu keiner Wahrnehmung kommt). Wir haben schon gesehen, daß dieses Bild höchst problematisch ist, weil innerhalb einer solchen Theorie weder spezifiziert werden kann, was genau die Objekte der Wahrnehmung sind, noch der Informationsbegriff hinreichend klar ist. Hier sollten wir uns auf eine andere seltsame Konsequenz dieses Bildes konzentrieren: Der Inhalt der Wahrnehmung ist in diesem Bild das, was uns unser Sehzentrum ‘sagt’, also daß, was innerhalb der informationsverarbeitenden Prozesse spezifiziert ist, die zwischen einzelnen Teilen unseres Gehirns ablaufen - ‘subpersonale’ Prozesse im ersten Sinn. Dann aber wird ohne zusätzliches Argument behauptet, daß, wenn wir (auf der ‘personalen’ Ebene) in der Wahrnehmung etwas über unsere Umwelt lernen (und so zu subpersonalen Zuständen im zweiten Sinn gelangen), wir letztlich nur Zugang zu diesen informationsverarbeitenden, ‘subpersonalen’ Prozessen haben. Hier wird mit zwei verschiedenen Bedeutungen von ‘Gehalt’ operiert, und der ersten Spezifizierung von Gehalt im Sinne dessen, was der Gehalt der physiologisch realisierten informationverarbeitenden Prozesse ist (‘bestimmte Feuerungsmuster in den Feldern V 1 bis V18’ z.B.), wird eine zweite Spezifizierung schlicht untergeschoben, die die Gehalte unserer Wahrnehmung betrifft (‘ein roter Gummiball, der rasch von rechts nach links vor mir hüpft’). In der Leitmetapher des ‘What the frog’s eye tells the frog’s brain’ könnte man das so formulieren: Es ist ungefährlich, aus heuristischen Gründen davon zu sprechen, daß sich einzelne Hirnzentren gegenseitig etwas mitteilen. Wechselt man aber die Ebene von den Informationsverarbeitungszuständen eines Systems zu dem System, welches das Erlebnissubjekt ist, greift man zu kurz, wenn man bei der Metapher bleibt, das Gehirn oder seine Teile sagten uns etwas über die Umwelt. Dadurch wird nicht bestritten, daß wir aufgrund unserer neurophysiologisch beschreibbaren Zustände etwas sehen. Aber wir sehen nicht unsere neurophysiologischen Zustände, nicht einmal metaphorisch. Die Frage unserer Verortung in einer Umwelt ist für Wesen wie uns immer auch eine Frage, wie wir uns denkend innerhalb dessen orientieren, was und als Welt begegnet. Insofern handelt es sich um eine eminent philosophische Frage, und in bestimmter Hinsicht ist es in meinen ausführlichen Referaten empirischer Theorien mein wichtigstes Anliegen, zu zeigen, wann sich diese Theorien aus der Ebene der reinen Empirie hinausbewegen und die Interpretation und Gewichtung ihres Datenmaterials aufgrund impliziter philosophischer Grundeinstellungen vornehmen. Das kann keine Kritik an bestimmten empirischen Theorien begründen - die Richtigkeit oder Falschheit einer empirischen Theorie läßt sich nicht philosophisch zeigen, sondern nur empirisch. Worauf ich deuten will, sind vielmehr problematische Selbsteinschätzungen bezüglich des Erklärungsanspruchs bestimmter Theorien.

In der Wahrnehmung haben wir Zugang zur Umwelt, das habe ich mit Gibson zu zeigen versucht; metaphorisch gesagt, spricht nicht unser Gehirn, also irgend etwas in uns selbst, zu uns, sondern die Umwelt. Die Umwelt läßt uns in der Wahrnehmung bestimmte ihrer Eigenschaften sichtbar werden, wobei das, was uns da erscheint, natürlich wesentlich durch unsere eigene organische Konstitution bedingt ist - deswegen fallen wir hier nicht in einen unkritischen Mythos des Gegebenen zurück. Natürlich ist auch dies wieder eine metaphorische Redeweise. Doch während hier hinter der Metapher der unmetaphorische Umstand sichtbar wird, daß uns die Gehalte der Wahrnehmung über Zustände unserer Umwelt informieren, ist die Redeweise, nach der unsere Hirnzentren sich unterhalten, irreduzibel metaphorisch. Denn schon die Zuschreibung von Gehalten kann auf der ‘subpersonalen’ Ebene nur eine metaphorische sein: Für wen sollte denn ein bestimmtes neuronales Erregungsmuster eine bestimmte Bedeutung, also einen angebbaren Gehalt haben? Doch wohl nur für das Erfahrungssubjekt, das einen bestimmten Zustand als eine Rotempfindung erlebt; sicher nicht für Area V 4 im Hinterhautlappen, in dem die Farbe von optischen Signalen verarbeitet wird - der Zustand von V 4 kann schon deshalb für das Erfahrungssubjekt nicht gehaltvoll sein, weil es über keinerlei bewußten Zugang zu ihm verfügt. Unsere organische Ausstattung verarbeitet im engeren Sinne keine Informationen, sondern reagiert als transducer nur so auf bestimmte, kausal eintreffende Reize, daß die Integration der durch die Reizungen zustande gekommenen Hirnzustände mit höchst komplexen anderen Hirnzuständen aus der Motorik, Erinnerung, Aufmerksamkeit, etc. einen bewußten Zustand hervorbringt, der so erlebt wird, daß er bestimmte Informationen über die Umwelt für das Erfahrungssubjekt verfügbar macht. Ganz in diesem Sinne schreibt McDowell:

The ‘sub-personal’ account of a sensory system, which treats it as an information processing device that transmits its informational results to something else inside an animal, cannot adequately characterize what its sensory systems are for the animal (as opposed to what they are, metaphorically speaking, for the internal parts that receive the results of the

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information-processing): namely, modes of sensitivity or openness to features of the environment - not processors of information, but collectors of it. (McDowell 1994a: 197)<164>

Man sieht allerdings auch an diesem Zitat, wie schwierig es ist, die grundlegende Unterscheidung zwischen den Ebenen des Erlebnissubjekts und der neurophysiologischen Prozesse, auf denen dieses Erleben basiert, wirklich konsequent durchzuführen: McDowell dürfte eigentlich innerhalb seines Ansatzes nicht davon sprechen, daß die Sinnessysteme Informationen sammeln, so als lägen diese Informationen irgendwie bereits in der Umwelt herum. Was für einen Organismus als Information gilt, was die Umwelt an affordances enthält, hängt von den mannigfaltigen wechselweisen Beziehungen ab, in denen Organismus und Umwelt stehen. McDowell (1994a) ist sich dieses Umstandes gleichwohl stärker bewußt als die meisten zeitgenössischen Autoren. Das Erlebnissubjekt, für das bestimmte Strukturen der Umwelt als bedeutsam erscheinen, das über bewußte, intentionale, gehaltvolle Zustände verfügt, ist eine Einheit, die sich auf der neurophysiologischen hardware unseres Gehirns konstituiert, aber daraus kann man nicht schließen, daß diese neurophysiologischen Zustände per se semantisch gehaltvolle oder erlebte Zustände sind. Gehirne sind Systeme, die so viele diskrete Zustände einnehmen können, daß sie potentiell in der Lage sind, zum Träger semantischer Zustände werden zu können. Aktuell haben diese Zustände aber nur dann Bedeutung, wenn sie so integriert werden, daß es jemanden gibt, der durch diese Zustände realisiert wird und für den bestimmte mentale Zustände (nicht etwa bestimmte eigene neurophysiologische Zustände!) bedeutsam sind.<165> Den nützlichen Begriff der Integration müssen wir hier in seiner Bedeutung weiter fassen: Integriert werden muß ein bestimmter neurophysiologischer Zustand nicht nur in die Körperlandschaft, um ein personaler Zustand zu sein, d.h. ein Zustand, als bewußter Zustand erlebt werden kann. Das war, wie wir oben gesehen haben, Damasios These. Damit etwas (d.h. ein bestimmter Gehalt) erlebt werden kann, muß ein Gehirnzustand zudem in bestimmten Verhältnissen zu der Umwelt stehen, in der sich der Organismus befindet, dessen Teil er ist. Um es mit einem Wort John Searles zu sagen: Wir sind alle Gehirne im Tank - nur, daß unser Tank aus Knochen, Gewebe und Körperflüssigkeit besteht, nicht aus Glas, Metall, und künstlichen Nährlösungen, und daß wir von evolutionären Prozessen ‘konstruiert’ sind, nicht von den üblichen verrückten Wissenschaftlern.<166> Worin das Gehirn liegt,


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wer es gebaut hat und wie genau seine transducer physisch realisiert sind, ist dem Gehirn egal (wenn ihm denn irgendetwas egal sein könnte). Das Gehirn weiß nichts und versteht nichts, es moduliert bestimmte physiologische Prozesse, nichts weiter. Wären die Bedeutungen dessen, was mir jetzt alles durch den Kopf geht, schon in meinen Hirnzuständen, müßte ich irgendeinen direkten Zugang zu meiner Physiologie haben, der mir diese ‘physiologischen Bedeutungen’ präsentiert. Es gibt aber keine solchen direkten Erfahrungen von Hirnzuständen, unser Umgang mit semantischen Gehalten ist kein Umgang mit den Hirnzuständen, die es uns ermöglichen, semantische Gehalte zu haben, genausowenig wie unsere Wahrnehmung im Umgang mit Sinnesdaten besteht. Um unsere Art von Bewußtsein zu ermöglichen, deren wesentlicher Bestandteil phänomenales Bewußtsein ist, muß ein Gehirn in der richtigen Weise ‘verkörpert’ sein, denn nur als Bestandteil eines Gesamtorganismus kann es relevante Beziehungen zu seiner Umwelt aufbauen. Ich bin nicht mit meinem Gehirn identisch, sondern mein Gehirn ist ein Teil des komplexen Systems aus Körper und Nervensystem innerhalb einer konkreten Umwelt, in der ich als Organismus realisiert bin. Das ist der systematische Punkt, auf den ich, mit McDowell, größten Wert lege, und für den Theorien wie die Damasios eine empirische Unterfütterung bieten.<167>

Gleichzeitig wird an diesem Punkt deutlich, daß Damasios Theorie selbst in zumindest terminologisch bedeutsamer Hinsicht modifiziert werden muß oder daß man doch zumindest auf die Gefahr einer Äquivokation hindeuten sollte. Denn wenn es richtig ist, daß bewußte Zustände als personale Zustände nicht einfach mit Hirnzuständen gleichzusetzen sind, es weiter stimmt, daß Zustände mit intentionalem Gehalt jedenfalls solche bewußte Zustände sind, dann erscheint Damasios Zuweisung von repräsentationalem Gehalt an einzelne Hirnzentren als ungerechtfertigt. Was er neurophysiologisch untersucht, kann nach dem oben Gesagten nicht intentional gehaltvoll sein, er beschäftigt sich strenggenommen immer nur mit ‘subpersonalen’ (d.h. kausale Signale modulierenden), nicht mit subpersonalen (d.h. für die personale Einheit des Erlebnissubjekts erfahrbaren) Zuständen.

8.2.2. Hirnphysiologie und Repräsentation

In der Wahrnehmung, um beim Beispiel zu bleiben, wird nichts repräsentiert, vielmehr werden bestimmte Eigenschaften der Umwelt präsentiert (die wir dann natürlich als bestimmte Gegenstände repräsentieren können). In diesem Sinn geht es in der Wahrnehmung um eine direkte Informationsaufnahme, die nicht durch repräsentationale Zwischenstufen vermittelt wird. Wahrnehmung eröffnet primär Handlungsmöglichkeiten (affordances), sie dient nicht dazu, irgendwelche ‘Informationen zu repräsentieren’, die die Wahrnehmungssubjekte sich wie auf einer Leinwand anschauen und nach denen sie ihr Handeln dann ausrichten. Die Kröte, die Dretske als


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Beispiel einführt, repräsentiert weder ‘Hund’ noch ‘Mensch’ noch ‘dunkler Fleck’. Viele Schwierigkeiten in der Debatte um die Gehalte der mentalen Zustände, die sich auf die Gehalte von Wahrnehmungen weniger komplexer Gehirne beziehen, ergeben sich aus der anthropomorphisierenden Neigung, dem Krötenhirn unsere Art von Inhalten zuzuschreiben; Inhalte, die sich ohne das begriffliche Instrumentarium, das Kröten nicht zur Verfügung steht, nicht einmal individuieren lassen. Begrifflicher Gehalt ist an sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten gekoppelt, weswegen ich nicht sehe, in welchem Sinne etwa Kröten darüber verfügen können sollten. Wenn man überhaupt davon sprechen kann, daß es der Kröte um irgendetwas geht, dann um soetwas wie die Möglichkeit, einen ganz bestimmten motorischen Ablauf zu vollziehen, der innerhalb der wahrgenommenen Umweltparameter möglich ist. Ohne irgendeine Art von begrifflicher Verallgemeinerung dessen, was ihr in ihrer Umwelt widerfährt, verfügt die Kröte nicht über so etwas wie die Erfahrung einer Welt, ihre ‘Erfahrung’ bleibt konkret auf ihre jeweilige Situation bezogen. Die intentionalen Zustände der Kröte richten sich auf ihre Umwelt, nicht auf Gegenstände, die als bestimmte Gegenstände repräsentiert sind. Damit muß man nicht leugnen, daß die Kröte etwas erlebt: Ihre Umwelt steht in bestimmten komplexen Beziehungen zu ihren neurobiologischen Zuständen, die sich unter evolutionärem Einfluß als überlebensstabilisierend erwiesen haben. Auch im Nervensystem der Kröte sind bestimmte Zustände somatisch markiert, und in diesem Sinne verfügt die Kröte über intentionale Zustände. Auch sonst weist alles, was wir an Kröten beobachten können, darauf hin, daß sie phänomenal bewußte Kreaturen sind. Alles was hier bestritten werden soll, ist, daß die Kröte über eine Teilmenge derselben phänomenalen Zustände verfügt, die wir als sprachbegabte Wesen erleben. Es gibt sicher aufgrund unserer biologischen Verwandtschaft einige Ähnlichkeiten der Nervensysteme, meine These ist aber, daß die Art, wie wir mittels dieser Ähnlichkeiten unserer transducer die Umwelt auch als Welt erleben und wie wir uns zu dem Erlebten selbst verhalten können, unser phänomenales Erleben grundsätzlich von dem der Kröte unterscheidet.

Aus solchen Überlegungen ziehen jene Versuche ihre anfängliche Überzeugungskraft, die versuchen, alles Erlebbare, also auch das Phänomenale, als prinzipiell propositional verfaßt zu beschreiben. Aber diese Versuche schießen in ihrer extremen Beschränkung des Mentalen auf das kognitive Vermögen über das Ziel hinaus. Denn daraus, daß wir bei allen Versuchen, uns theoretisch mit nicht-propositionalen Zuständen auseinanderzusetzen, auf die sprachliche, d.h. propositionale Ebene zurückgreifen müssen, folgt natürlich nicht, daß das Objekt unserer theoretischen Bemühungen selbst propositional verfaßt ist. Ein solches Vorgehen hieße, sich auf die gewagte These zu kaprizieren, daß die Welt sprachähnlich verfaßt sein müßte, was immer das heißen sollte. Eine schwächere Spielart derselben Intuition, die sich vor allem bei Higher-order-Theoretikern größter Beliebtheit erfreut, meint, zumindest daran festhalten zu müssen, daß alle mentalen oder bewußten Zustände sprachähnlich seien.<168> Auch dagegen kann man sowohl empirisch wie philosophisch argumentieren: Erstens ist hoffentlich deutlich geworden, daß das Gehirn anders als ein Computer nicht einzelne Symbolketten transformiert, von denen man tatsächlich sagen müßte, sie seien sprachähnlich. Sowohl der Exkurs zur vektoriellen Codierung von Sinnesstimuli wie auch der Nachweis ‘mentaler Karten’ bzw. der imagery belegen das zur Genüge. Zweitens ist es eine unzulässige Äquivokation anzunehmen, man könne überhaupt in nicht-metaphorischer Weise davon reden, daß es im Gehirn sprachähnliche Zustände gäbe. Nicht einmal das Sprachzentrum ist ‘sprachähnlich’ organisiert, vielmehr müßte man genauer sagen, daß es dort hochdifferenzierte Strukturen gibt, die unter den geeigneten Randbedingungen an der Hervorbringung von Sprache wesentlich beteiligt sind. Plakativ gesagt, spricht nicht mein Sprachzentrum, sondern ich spreche, wobei die Aufklärung der Organisation der Hirnstrukturen, die mich dazu in die Lage versetzen, ein wichtiges Programm der Neurowissenschaften ist.

Vielleicht sagt man selbst in dieser vorsichtigeren Formulierung noch zu viel, denn für manche Philosophen scheint die Verwendung des Terminus ‘Struktur’ bereits nahezulegen, daß es zumindest syntaktische (wenn schon keine semantischen) Strukturen im Gehirn gibt. Das ruft, zurecht, Searles erbitterten Widerspruch auf den Plan. ‘Syntax’ ist nicht der Name einer physikalischen Eigenschaft:


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The really deep problem is that syntax is essentially an observer-relative notion. The multiple realizability of computationally equivalent processes in different physical media is not just a sign that the processes are abstract, but that they are not intrinsic to the system at all. They depend on an interpretation from outside. (Searle 1992: 209)

Searle überreagiert hier etwas, weil er den funktionalistisch orientierten Kognitionswissenschaften inbezug auf das Argument der multiplen Realisierbarkeit zu weit entgegenkommt. Wir haben gesehen, daß in allen physikalisch beschreibbaren Fällen der Möglichkeit der Realisierung in verschiedenen Materialien doch relativ enge Grenzen gesetzt sind. Deswegen ist Searles Behauptung übertrieben, alle physikalischen Systeme ließen sich auf irgendeiner Ebene als Implementierungen eines bestimmten Algorithmus verstehen. Ebenso übertrieben ist seine Folgerung, die Kognitionswissenschaften seien untauglich, um die Funktionsweise unseres Gehirns zu erforschen. Wir haben verschiedene Ansätze genauer untersucht, die als besonders gute Modelle von Gehirnvorgängen das Feld möglicher Kandidaten von neuronalen Organisationsstrukturen stark verkleinern und uns allein deshalb schon verstehen helfen, was genau in unseren Gehirnen abläuft. Aber, und hier liegt Searles richtige Intuition, über unsere bewußten mentalen Zustände sagt uns daß selbst im besten Fall nicht mehr, als welcher Gehirnzustand in der Regel mit dem erlebten mentalen Zustand korreliert, in dem ich mich zum Zeitpunkt der Untersuchung befinde. Ich muß die physikalisch beschreibbaren Strukturen, die ich gegebenenfalls im Gehirn vorfinde, erst als syntaktische Strukturen interpretieren, noch bevor ich sie als semantische, bedeutungstragende Zustände verstehen kann. Dabei bleibt mir gar nichts anderes übrig, als meine Intentionalität auf die vorgefundenen Strukturen zu projizieren; ihr Gehalt ist nicht durch ihre bloße Struktur fixiert, sondern derivativ bestimmt durch meine Zuschreibung einer bestimmten Funktion im Systemzusammenhang. Denn die Rede von Funktionen ist notwendig teleologisch; es scheint mir eine begriffliche Voraussetzung zu sein, daß ich, um bestimmen zu können, welche Funktion ein System hat, wissen muß, welchen Zweck es erfüllen soll. Vom Scheitern des einzigen interessanten Theorietyps, der versucht, dieses teleologische Moment zu naturalisieren, indem er die Evolutionstheorie ins Spiel bringt, haben wir uns am Beispiel Dretskes überzeugen können.

Es ist nun keine große Schwierigkeit, Damasios Theorie so zu formulieren, daß sie diesen Einschränkungen bezüglich der Verwendung des Repräsentationsbegriffs gerecht wird. Solange Damasio ein neurophysiologisches Programm verfolgt, macht die Zuschreibung von repräsentationalem Gehalt an Hirnstrukturen keine Probleme, wenn man sich des metaphorischen Charakters dieser Zuschreibungen bewußt ist. Darin besteht keine Abwertung der Kognitionsforschung, solche Zuschreibungen sind im Gegenteil unerläßlich, um Erkenntnisfortschritte zu machen. Problematisch wird es erst dann, wenn Damasio meint, mentale Zustände mit neurophysiologischen Zuständen identifizieren zu können. Dieser Anspruch ist weder durch seine Theorie selbst noch durch seine Methodologie gedeckt, die darin besteht, die Selbstaussagen von Versuchspersonen in eine sinnvolle Beziehung zu den Vorgängen zu setzen, die sich gleichzeitig neurophysiologisch identifizieren lassen. Auch hier kann das angestrebte Erklärungsziel nur Kovarianz mentaler und neurophysiologischer Zustände heißen, nicht Reduktion des ersteren auf den letzteren. Implizit ist diese Einsicht bei Damasio auch vorhanden, denn sein zentraler Begriff der Integration ist selbst nicht mehr ausschließlich in den Begriffen der Neurophysiologie explizierbar.

8.2.3. Verschiedene Weisen, phänomenal bewußt zu sein

Wenn es stimmt, daß phänomenale Zustände in immens komplexen, verkörperten Hirnzuständen realisiert sind, die in geeigneten Verbindungen zur Umwelt stehen, läßt sich sogar die Intuition einholen, durch die Vertreter eines harten analytischen Kurses sich häufig gezwungen sahen, die Existenz von Qualia, verstanden als vorsprachliche mentale Phänomene, zu bestreiten. Der wahre Kern dieser Position ist im Rahmen der von mir vorgeschlagenen Position der, daß mentale, bewußte, intentional gehaltvolle Zustände bei uns als sprachbegabte Wesen nicht sprachunabhängig thematisierbar sind. Denn sie sind als Integration von Systemzuständen eines so hohen Grades an Komplexität realisiert, daß es unmöglich ist, so zu tun, als wäre eine der zu integrierenden, z.B. sensorischen mentalen Karten für sich allein bereits bewußt. Daher erklären sich die großen Probleme, in die Theorien wie die Tyes geraten, die versuchen, Qualia als basale,


189

primitive, für sich aber doch phänomenal bewußte sensorische Repräsentationen zu deuten.<169> Ebenso unmöglich ist es andererseits, das Bewußtsein in einem Zustand höherer Ordnung zu suchen. Es gibt keinen derartigen ‘höheren’ Zustand; bewußt ist nur die Integration einer großen Zahl mentaler Karten, die über reentry-Schleifen dynamisch miteinander verbunden sind. Zu den beteiligten mentalen Karten gehören bei uns ganz wesentlich solche, in denen sich unsere Sprachfähigkeit gründet. In Anlehnung an Aristoteles könnte man davon sprechen, daß es Teil unserer Natur, unserer spezifischen Seinsweise als zoon logon echon ist, die Umwelt als Welt sprachlich zu erschließen und uns in ihr zu verorten. Davon ist auch die Weise betroffen, wie uns die Welt phänomenal erscheint.<170> Qualia sind so schwer greifbar, gerade weil alle bewußten Zustände einen phänomenalen Charakter haben, auch die explizit versprachlichten. Der phänomenologisch schwer von der Hand zu weisende Eindruck, es gäbe eine Ebene reinen, vorsprachlichen Erlebens entsteht dadurch, daß der Hintergrund von somatisch markierten Repräsentationen, von dem sich alle bewußten Zustände abheben, nicht in jedem Fall versprachlicht wird. Aber mit dem Verweis, es gäbe doch bestimmte phänomenale Gehalte, die man sprachlich nicht auszudrücken vermöge, verwirrt man die Sachlage: Natürlich gibt es darunter noch eine Ebene, die nicht sprachlich verfaßt ist, nämlich die der Neurophysiologie. Dieser Ebene kann man höchstens metaphorisch Gehalte zuschreiben, und obwohl unsere Erlebnisse in ihr realisiert sind, erleben wir sie nicht, weswegen der Versuch sinnlos wäre, hier unsere ‘vorsprachliche Phänomenalität’ anzusiedeln. Man kann - und sollte - die Vorgänge auf dieser neurophysiologischen Ebene besser zu verstehen suchen, und tatsächlich gibt es in den Kognitionswissenschaften diesbezüglich beeindruckende Projekte, die aber die Konstitutionsbedingungen von Phänomenalität betreffen, nicht die phänomenalen Eindrücke, so wie wir sie erleben.

8.2.4. Ich und mein Gehirn

Die beiden Fragen der Überschrift des Anschnitts 8.2 lassen sich nur gemeinsam lösen. Dabei ist die Frage, wo ich bin, leichter zu beantworten, weil sie sich besser in ein topographisches Paradigma einfügen läßt: ‘Ich’, d.h. das bewußte, personale Erlebnissubjekt, befinde mich immer genau dort, wo mein Körper mit all seinen biologischen Funktionen ist, die als Konstitutionsbedingungen für meine bewußten Zustände ausgezeichnet sind. Was zu meinem Körper gehört, bestimmt sich aus der Differenz zu der bestimmten Umwelt, in der ich lebe. Dabei ist es nicht reiner Zufall, daß mein Bewußtsein an genau diesen Körper gebunden ist, sondern die bewußten Zustände, die mich ausmachen, entstehen nur aufgrund der Basis eben dieses Körpers. Verändert sich mein Körper, verändert sich auch mein Bewußtsein in mehr oder weniger großem Umfang. ‘Ich’ bin also insofern Teil der physikalischen Welt (und daher auch raumzeitlich lokalisierbar), als daß die von mir erlebten mentalen Zustände kovariant sind zu den physikalisch beschreibbaren neurophysiologischen Zuständen, die ihrer Konstitutionsbedingung bilden. ‘Ich’ bin insofern kein Teil der physikalischen Welt, als daß es ein empirisch höchst sinnloses Unterfangen für einen Physiker wäre, die Welt nach einer Entität ‘Carsten Sieberts Ich’ abzusuchen, denn diese Entität ist physikalisch gesehen nichts über die mit ihr kovariierende neuronale Struktur hinaus, die natürlich eine physikalisch beschreibbare Mikrostruktur aufweist. Aber ich bin nicht mein Gehirn (wie die Vertreter der Identitätstheorie bezüglich mentaler Zustände annahmen), es gibt kein geisterhaftes Ich, das meine Neurophysiologie bewohnt. Deswegen bin ich auch nicht an einer


190

konkreten Stelle in meinen neuronalen Netzen gefangen.

Das ‘Wo’ der Frage ‘Wo spüre ich etwas?’ beschreibt eine ähnliche Ambiguität. Wo spüre ich das Rot, das ich jetzt vor mir sehe? Sicher weder auf der Retina noch in einem Areal meines Hinterhauptlappens. Aber doch auch nicht an der Stelle des Bucheinbands, auf den ich blicke. Das mag rätselhaft erscheinen, ein echtes Rätsel gibt es hier aber deswegen nicht, weil es ein Kategorienfehler ist anzunehmen, ‘Roterlebnisse’ müßten sich genauso in einem physikalischen Raum-Zeit-Schema lokalisieren lassen wie Büchereinbände. ‘Phänomenal bewußt zu sein’ (und damit ‘ein Roterlebnis zu sein’) ist eine Eigenschaft komplexer Systeme, deren Realisierungen physikalisch beschreibbar sind, wobei diese Beschreibung aber systematisch die uns interessierende Eigenschaft verfehlen muß. Das ist für sich genommen weder besonders aufregend noch auf bewußte Zustände beschränkt - auch Eigenschaften wie ‘ein Kunstwerk’ oder ‘ein Fünfmarkschein zu sein’ sind physikalisch nicht erklärbar. In diesen Fällen ist es ähnlich schwierig, kontextunabhängig genaue Lokalisierungen vorzunehmen: Es ist einfach keine sinnvolle Frage, wo genau denn Schuberts Streichquintett in C-dur sei. Was sollte eine mögliche Antwort sein - eine Konjunktion aller Raum-Zeitstellen, an denen sich eine Realisierung (als Notenschrift, Aufnahme in verschiedenen Medien, aktuelle Aufführung, etc.) befindet? Das wirkliche Rätsel besteht nicht darin, daß bestimmte physikalisch realisierte Systeme Eigenschaften haben, die der physikalischen Beschreibung unzugänglich bleiben, sondern darin, daß einige hochkomplexe Systeme so etwas wie eine Innenperspektive entwickeln.


Fußnoten:
<144>

Eine der Initialzündungen der Kritik traditioneller Theorien, allerdings ohne den Versuch einer detaillierten neurobiologischen Rückbindung ist Gould (1981). Die am weitesten entwickelten positiven Theorien finden sich bei Howard Gardner (1991). -- Eine philosophische Behandlung vieler psychologischer Studien zur Rationalität findet sich in Stich (1990).

<145>

Von Damasio selbst gibt es Untersuchungen über weitere zwölf Patienten. Einen Überblick über ältere Studien bieten Stuss und Benson (1986); wichtige neuere Studien sind Price et al. (1990): oder Grattan und Eslinger (1992).

<146>

Die detaillierte Beschreibung der Hautleitfähigkeitstests findet sich in Damasio 1997: 279ff.

<147>

Für eine Zusammenfassung des Zusammenhangs von Läsion und Defizit vgl. Damasio 1997: 97.

<148>

Wie absurd uns eine solche Situation normalerweise vorkommt, zeigt Dickens in seiner Figur Mrs. Gradgrind, deren Selbstintegration allerdings aufgrund psychologischer Mechanismen gestört ist: " 'I think there's a pain somewhere in the room,' said Mrs. Gradgrind, 'but I couldn't positively say that I have got it' "(Charles Dickens, Hard Times, II, ix).

<149>

Nach Meltzoff und Gopnik (1993) ist die Nachahmung von mitmenschlichen Verhaltensweisen schon bei Neugeborenen nachweisbar und bildet den Ausgangspunkt für die spezifischen Reaktionsweisen auf Dinge bzw. auf Personen.

<150>

Das ist, in nuce, meine Antwort auf das problem of other minds, die Frage also, wie wir in der Lage sind, anderen Menschen aufgrund der Wahrnehmung ihres zunächst nur äußerlichen Verhaltens innere mentale Zustände zuzuschreiben. Die Fähigkeit hierzu ist gleichsam eine Vorbedingung für eigenes bewußtes Handeln; das je eigene Bewußtsein entwickelt sich gemeinsam mit der Fähigkeit, auch anderen Bewußtsein zuzuschreiben.

<151>

Das ist so originell nicht. Man findet schon bei Descartes die Auskunft: "Die Sinnesempfindungen sind mir von der Natur eigentlich nur gegeben, damit sie dem Geiste anzeigen, was für das Ganze, dessen Teil er ist, zuträglich oder unzuträglich ist" (Descartes 1641 [1977]: 149). -- Für einige Details bezüglich des Schmerzsystems vgl. Hardcastle 1997b: 390.

<152>

Ein Vertreter dieser Auffassung ist übrigens auch Platon: "But, not possessing right judgment, you would not realize that you are enjoying yourself even while you do, and, being unable to calculate, you could not figure out any future pleasures for yourself. You would thus not live a human life but the life of a mollusc or of one of the creatures in shells that live in the sea", Philebos, 21c (Frede-Übersetzung). - Im Gorgias (492e-494b) macht Platon denselben Punkt mit Verweis auf eine Ente.

<153>

Damasio geht nicht detailliert auf diese Fälle ein. 95 Prozent aller Arm- und Beinamputierten berichten von Phantomgliedern, die als so real erlebt werden, daß die Patienten mit ihnen versuchen, nach Gegenständen zu greifen oder Ausweichbewegungen zu vollführen. Normalerweise schrumpfen die Phantomglieder mit der Zeit oder verschwinden völlig (vgl. Melzack 1990). Dafür, daß die Repräsentationsleistungen des Gehirns sich nicht aus einer tabula rasa ausbilden, spricht, daß auch Kinder, die ohne ein Gliedmaß geboren werden, bisweilen von Phantomgliedern berichten, die sie nie tatsächlich gehabt haben. Darauf weist Tye hin (Tye 1995: 151).

<154>

Diese Darstellung ist sicher pointiert, aber, darauf lege ich Wert, keine Karikatur! Als locus classicus vgl. Hobbes im Leviathan I, 5: "For REASON, in this sense, is nothing but Reckoning (that is, Adding and Subtracting) of the Consequences of generall names agreed upon, for the marking and signifying of our thoughts." Diese Tradition verläuft bruchlos bis zu Autoren wie Dennett, die sich auf die prinzipielle Algorithmisierbarkeit mentaler Zustände berufen.

<155>

Fodor hat, wie immer, eine griffigere Formulierung: Das Rahmenproblem ist "Hamlet's problem; when to stop thinking"(Fodor 1987: 140).

<156>

vgl. Searle 1992, besonders Kapitel 8.

<157>

Das ist, trotz einiger wichtiger Unterschiede, zumindest auf derselben Linie wie Sperber und Wilsons relevance theory und könnte als Versuch betrachtet werden, das benötigte Relevanzkriterium neurophysiologisch näher zu bestimmen. Anders als Fodor, der Rationalität als maximale Berücksichtigung der verfügbaren Informationen zu fassen versucht, postulieren auch Sperber und Wilson Mechanismen, die rationales Handeln erst dadurch ermöglichen, daß sie bestimmte Informationen als irrelevant für den konkreten Kontext vernachlässigen: "If it were crucial to rational belief fixation to consider all the relevant available evidence, why shouldn't evidence available in the environment (in libraries, for instance, or in other people's memories) be exploited too? Given Fodor's [1987] criterion of rational belief fixation, why should the way in which you access the relevant evidence - by remembering or by consulting - matter to whether rationality demands its use?"(Sperber und Wilson 1996: 530).

<158>

Eine Einführung in die gegensätzlichen Simulations- bzw theory of theory of mind-Ansätze mit Literaturangaben bietet Stich und Shaun 1996. Vgl. auch die Aufsätze verschiedener Autoren in Carruthers und Smith 1996.

<159>

Zunächst gelangen Reize aus dem Sehnerv in ein V 1 genanntes Areal des Hinterhautlappens und von da aus in über 30 bislang nachgewiesene nachgeordnete Areale, die auf zunehmend komplexere Eigenschaften (Farbe, Bewegung, Kanten, Formen, komplexere Gestaltstrukturen, etc.) reagieren. Während man aber früher annahm, diese Areale würden diese Eigenschaften rein rezeptiv codieren, zeigen neuere Arbeiten, daß bereits in diesen primären Sensoren der input je nach Aufmerksamkeit gefiltert wird. Da die dabei angestellten Experimente ein Gefühl für die Aussagekraft der Neurophysiologie geben, seien sie kurz beschrieben: N. Logothetis untersuchte die binokuläre Rivalität bei Affen. Werden gleichzeitig unterschiedliche Bilder in beide Augen projiziert, nehmen Primaten zu jedem Zeitpunkt nur ein Gesicht wahr, diese Wahrnehmung 'springt' aber spontan hin und her, auch wenn der Netzhautreiz gleich bleibt. Im Versuch wurden die Affen zunächst trainiert, durch Handzeichen anzugeben, welches Gesicht sie gerade sahen. Elektrophysiologische Ableitungen zeigen, daß bereits in V 1 18 Prozent der Neuronen abhängig vom bewußt (d.h. nach Selbstauskunft des Affen) gesehenen Gesicht ihre Impulsmuster änderten. Einen ähnlichen Versuch führte R. Desimones für gesehene Farben im Feld V4 durch; daß die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, zeigen Studien von G. Simpson an V1 und V2 (für eine Zusammenfassung dieser und weiterer Experimente vgl. Science, Bd. 275, 1538).

<160>

vgl. Roth 1996: 97 f.: "Der Ort, an dem eine bestimmte Erregung verarbeitet wird, bestimmt seine Modalität und auch seine Qualität. Dies bedeutet etwa, daß das Gehirn dasjenige als Sehen interpretiert, was den visuellen Cortex erregt, und dasjenige als Hören, was den auditorischen Cortex erregt, und zwar gleichgültig, ob die Erregung tatsächlich von Auge bzw. vom Ohr kommt. Für Qualitäten wie Farbe und Form gilt Entsprechendes."

<161>

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang doch mehr als eine bloße Sprachregelung, auf das Substantiv 'Bewußtsein' zu verzichten und sich auf die adjektivische Verwendung zu beschränken. Allzuleicht kommt man sonst in die Versuchung, irgendwo im Gehirn nach 'Dem Bewußtsein' als Zustand zu suchen. Wenn ein intentionales Objekt inexistent ist, dann dieses.

<162>

Ein vielleicht unerwarteter Kronzeuge für diese Verbindung ist - Descartes, dem gerechterweise eine Rehabilitierung von dem Vorwurf gebürte, er habe einen intellektualisierten ghost in the machine als Intendant des cartesischen Theaters eingeführt (in einer kühnen Synthese Santayanas und Nietzsches könnte man inbezug auf z.B. Dennett sagen, daß, wer die Geschichte nicht kennt, dazu verdammt ist, sie als Farce zu wiederholen). In den Meditationen schreibt Descartes: "Ferner lehrt mich die Natur durch jene Schmerz-, Hunger-, Durstempfindungen usw., daß ich meinem Körper nicht nur wie ein Schiffer seinem Fahrzeug gegenwärtig bin, sondern daß ich ganz eng mit ihm verbunden und gleichsam vermischt bin, sodaß ich mit ihm eine Einheit bilde. Sonst würde ich nämlich, der ich nichts als ein denkendes Wesen bin, nicht, wenn mein Körper verletzt wird, deshalb Schmerzen empfinden, sondern ich würde diese Verletzung mit dem reinen Verstand wahrnehmen, ähnlich wie der Schiffer mit dem Gesicht wahrnimmt, wenn irgendetwas am Schiff zerbricht, und ich würde alsdann, wenn der Körper Speise oder Getränk braucht, eben dies ausdrücklich denken, ohne verworrene Hunger- oder Durstgedanken zu haben" (Descartes 1641 [1977]: 145). Man hat allzu oft in der Descartes-Rezeption unter dem Eindruck der behaupteten substantiellen Trennung von res cogitans und res extensa vernachlässigt, daß Descartes ebenso betont, daß letztere nur in erstere eingebunden vorkommt, und zwar so, daß sie eine lediglich analytisch trennbare Einheit bilden.

<163>

Obwohl dann immer Vorsicht geboten ist, wird eine Idee noch nicht allein deswegen falsch, weil es modisch ist, sich auf sie zu berufen: In dieser Arbeit habe ich mich auf die einschlägigen Ansätze von Gibson, Thompson, Rosch, Varela und Edelman schon in extenso bezogen. Auch Searle betont in neueren Arbeiten diesen Punkt: "I believe [...] that we ought to think of the experience of our own body as the central reference point for all sorts of consciousness" (Searle 1995: 61). Aus der Fülle der Studien, die sich um den Begriff der Verkörperung drehen, seien hier nur noch die Arbeiten von George Lakoff und Mark Johnson ergänzt, die diese These vom Standpunkt der Linguistik aus vertreten. Johnson diagnostiziert den Hauptfehler der 'objektivistischen' Tradition so: "The structure of rationality is regarded as transcending structures of bodily experience. And meaning is regarded as objective, because it consists only in the relation between abstract symbols and things (with their properties and relations) in the world. As a consequence, the way human beings grasp things as meaningful - the way they understand their experience - is held to be incidental to the nature of meaningful thought and reason" (Johnson 1987: x). Johnson setzt dagegen auf eine Theorie, die Bedeutungen aus körperbezogenen Schemata zu erklären sucht. Auch hier wird ein letztlich naturalistisches Programm vertreten, das sich aber, im Gegensatz zu den Projekten, die unter der Bezeichnung 'naturalisierte Semantik' laufen (z.B. bei Fodor und Millikan) bewußt ist, daß die Klärung von Bedeutungsfragen nicht auf die richtig verstandene Anwendung der Naturwissenschaften reduziert werden kann. -- Auch Metzinger (1993, 1996) betont die zentrale Rolle der Verkörperung: "[U]nsere Form von Subjektivität [ist] fast immer leibgebundene Subjektivität. Alle später entwickelten Formen mentaler Selbstrepräsentation treten unter Standardbedingungn stets in Begleitung eines räumlichen Modells des Selbst und vor dem phänomenalen Hintergrund des Verkörpertseins auf" (1996: 131). Schon das einschränkende 'fast' allerdings deutet darauf hin, daß Metzinger an einer Version der hier kritisierten Trennbarkeitsthese festhält; bei ihm ist die tatsächliche Verkörperung bewußter Zustände (die in 'Selbstmodellen', d.h. 'mentalen Selbstrepräsentationen' bestehen sollen) ein kontingentes Faktum, keine Konstitutionsbedingung. Es wäre eine eigene Untersuchung wert, zu zeigen, inwieweit Metzinger zu sehr an Theorien festhält, die Bewußtsein als Zustände höherer Ordnung erklären wollen. -- Etwas überraschend ist dagegen, daß selbst Dennett in jüngster Zeit (und gegen frühere Äußerungen, vgl. etwa Dennett 1978) die Körpergebundenheit von Bewußtsein betont: "One cannot tear me apart from my body leaving a nice clean edge, as philosophers have often supposed. My body contains as much of me, the values and memories and dispositions that make me who I am, as my nervous system does" (Dennett 1996: 77). Wie Dennett das aber mit seiner Theorie der algorithmisch verfaßten multiple drafts vereinbaren will, bleibt sein Geheimnis.

<164>

Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß 'openness' die gebräuchliche Übersetzung von Heideggers Terminus 'Erschlossenheit' ist. Ich habe bereits versucht zu zeigen, in welchem Sinne ich glaube, daß dieser Begriff für die Wahrnehmungstheorie nutzbar zu machen ist und welche Implikationen daraus für die Theorie des phänomenalen Bewußtseins folgen. -- Der Verweis auf die Analyse von Erschlossenheit als affordance, die ich in Kapitel 4 geliefert habe, ist auch deswegen wichtig, weil sich in einer umweltorientierten Wahrnehmungstheorie das Problem der Fehlrepräsentation berücksichtigen läßt, mit dem McDowell (1994b) wohl unüberwindliche Schwierigkeiten bekommt.

<165>

Man ist schnell versucht, so zu reden, als müsse es jemanden geben, für den diese Hirnzustände Bedeutung haben. Das ist irreführend, weil es dann so scheint, als müsse es doch einen Homunkulus geben, der Hirnzustände als mentale Zustände, z.B. Wahrnehmungen, interpretiert. Das ist dasselbe Dilemma, das uns bereits als binding problem begegnet ist. Hier wie da vermeidet man das Dilemma mit dem Hinweis, daß verschiedene Zustände nicht durch einen weiteren, übergeordneten Zustand miteinander verbunden werden müssen, sondern daß die erforderliche Einheit (als Integrationsleistung) in der speziellen Verknüpfung der beteiligten Systeme selbst besteht.

<166>

Der Vergleich stammt aus Searle 1983: 230. Searle allerdings versucht damit einen Internalismus zu begründen, weil er, in exakter Umkehrung der Position, die hier vertreten werden soll, dem Gehirn im Tank dieselben intentionalen Zustände zuschreibt wie seinem molekular identischen, aber sich in einem tatsächlichen Körper befindlichen Zwilling: "Some form of internalism must be right because there isn't anything else to do the job. The brain is all we have for the purpose of representing the world to ourselves and everything we can use must be inside the brain. Each of our beliefs must be possible for a brain in a vat because each of us is precisely a brain in a vat". Wir haben aber nicht nur das Gehirn, wir haben ebenfalls die Umweltbeziehungen, in denen wir stehen und ohne die eine Fixierung dessen, was eine bestimmte Struktur im Gehirn bedeuten soll, nicht möglich ist. In einem Hirnzustand zu sein ist eine notwendige Bedingung dafür, in einem mentalen Zustand zu sein, aber welchem mentalen Zustand dieser Hirnzustand entspricht, ist nicht hinreichend durch seine Mikrostruktur fixiert, sondern zumindest zum Teil durch seine konkreten Beziehungen zur Umwelt. Die Vernachlässigung dieses Umstandes ist mindestens ein Grund dafür, daß Searle die theoretischen Vorteile seiner Einsicht, bei der Wahrnehmung handle es sich um Präsentation von Gegenständen, nicht um ihre Repräsentation, nicht vollständig ausschöpfen kann (vgl. Searle 1983: 45ff.). Er versucht das Problem dadurch zu lösen, daß er sagt, die Verursachungsbedingungen einer Wahrnehmung seien Teil ihres Gehalts, weswegen die vollständige Angabe des intentionalen Gehalts einer Wahrnehmung die folgende Form habe: "I have a visual experience (that there is a yellow station wagon there and that there is a yellow station wagon there is causing this visual experience)."(48). Diese unintuitiv komplexe Angabe des Gehalts wird unnötig, wenn man es vermeidet, die Kausalgeschichte eines Reizes in der Verarbeitung durch das Gehirn als bestimmend für seinen Gehalt zu betrachten. Die eigenartige verbale Doppelung in Searles Formulierung ergibt sich ja nur als Konsequenz daraus, daß innerhalb seines Internalismus' schon Gehirnzustände intentionalen Gehalt haben; sie wird unnötig, wenn man die Kausalgeschichte als notwendige Ermöglichungsbedingung, nicht aber als erschöpfende Festlegung des intentionalen Gehalts versteht.

<167>

In der neueren Literatur herrscht große Einigkeit bezüglich der fundamentalen Bedeutung des Handelns für fast alle Hirnprozesse. Selbst Churchland, der die hier unterschiedenen Bedeutungen von 'sub-personal' munter vermischt, ist sich dessen bewußt: "A neglected element in the reckoning of semantic content is the set of causal connections that join cognitive states to motor behavior. [...] We do not usually think of our internal cognitive activities as representing complex bodily behaviors - it is the perceptual end of the system that tends to dominate our philosophical attention - but most assuredly they do represent such things, and any proper account of cognitive representation in general must include the motor end of the system as well" (Churchland 1998: 30f.). Ganz ähnlich Hardcastle: "We are biological organisms equipped to move through our environment. [...] When thinking about our perceptual systems, especially when worrying about various components' purposes, it is important to keep in mind how a subsystem is supposed to function with regard to motor assembling. For most, if not all, information processing in the brain is related to the motor system in one way or another" (Hardcastle 1997: 387). Das ist, in anderen Worten, Marrs Betonung der kontextbedingten, umwelteingebundenen Bestimmung des Zwecks mit der zusätzlichen Pointe, daß diese Zwecke als affordances in den Spielraum möglicher motorischer Reaktionen rückgebunden ist. Ich halte es für einen konsequenten Schritt, die Individuierung aller semantischer Gehalte aus solchen Zusammenhängen zu erklären. Darin gehen Churchland und Hardcastle nicht weit genug.

<168>

Für eine sehr scharfsinnige Verteidigung dieser Position vgl. Nelkin 1996.

<169>

Deutlicher noch als bei Tye findet sich eine solche Position bei Michael Lockwood: "Whatever is presented to, or in, consciousness, must constitute an advance on the raw data. As the fruits of the brain's (unconscious) labours, it must somehow reflect the brain's prior discriminations and judgments. The right way to think of this, it seems to me, is that the visual qualia are the product of a 'first processing pass' by the brain. They incorporate the results of initial analysis of the data, cast in a form that can best facilitate a more sophisticated 'second pass', at the level of consciousness" (Lockwood 1993: 63). Das liest sich wie eine Explikation der PANIC-Zustände Tyes, zeigt aber deutlicher die oben diagnostizierte Äquivokation zwischen metaphorischer und buchstäblicher Verwendung von Begriffen wie 'Datum', 'Urteil' oder 'I'nformationsverarbeitung'.

<170>

Dieser Gedanke der Verwobenheit von Phänomenalität und sprachlicher Erschlossenheit findet sich auch bei Hamlyn (1994): "[T]he phenomenal character of a perceptual experience should be viewed as the result of the way in which sensations produced in us by objects blend with our way of thinking of and understanding those objects (which, it should be noted, are things in the world and should not be confused with the sensations which they produce)".


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