Siebert, Carsten: Qualia Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

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Vorbemerkungen

Die ‘Dekade des Gehirns’, die zu Beginn der 90er Jahre ausgerufen worden ist, geht zuende. Nicht nur sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Neurowissenschaften enorm angewachsen, sie haben auch in den populären Medien eine weite Verbreitung erfahren. Das Thema stößt deswegen auf so großes öffentliches Interesse, weil es vielen Menschen so scheint, als bräche hier die Wissenschaft in einen Bereich ein, der geradezu paradigmatisch den Kern der eigenen Persönlichkeit ausmacht: Der Gedanke, selbst der ‘innerste’ Bereich, in dem ich mich als denkendes und wahrnehmendes Subjekt erfahre, könne technologisch verfügbar werden, weckt bei vielen ähnliche Befürchtungen wie der gentechnische Fortschritt. Unausgesprochen beruht dieses Unbehagen an dem vermeintlich prometheischen Charakter der Naturwissenschaft auf einer der philosophischen Grundfragen: Wie verorte ich mich und meine Handlungsvollzüge innerhalb dessen, was mir als Welt entgegentritt? Diese Frage ist natürlich nicht neu, sie begleitet unter anderem als das Leib-Seele-Problem seit langem die philosophischen Debatten. Man meinte verschiedentlich, Lösungen für dieses Problem gefunden zu haben, bis immer offenkundiger wurde, daß alle vorgeschlagenen Lösungsansätze immer dann in Schwierigkeiten gerieten, wenn sie zu erklären versuchten, warum die Welt, wie ich sie erlebe, einen bestimmten phänomenalen Charakter hat. Die Diskussion um diese qualitativen Aspekte des Bewußtseins oder Qualia wird in der Literatur häufig eher technisch an sehr eng gefaßten Beispielen geführt; ihre Implikationen aber sind kaum zu überschätzen, weil wir uns als Subjekte unserer Erfahrungen und Handlungen im bewußten Erleben allererst konstituieren. Meine These in diesem Buch ist folglich, daß die Qualia-Debatte keinesfalls eine mehr oder weniger interessante Spezialistenveranstaltung innerhalb der Unterdisziplin ‘analytische Philosophie des Geistes’ ist, sondern einen zentralen Punkt unseres Selbstverständnisses berührt.

Mein Versuch, diese These zu plausibilisieren, gliedert sich in zwei Abschnitte. Die Frage, für wie wichtig man Qualia inbezug auf unser Verhältnis zur Welt nimmt, spielt es eine große Rolle, welche Art von Wahrnehmungstheorie man vertritt. im ersten Teil, Phänomenalität und Weltwahrnehmung führe ich einige der zentralen Konzepte ein, die zum Verständnis der verschiedenen empirisch ausgerichteten Ansätze unabdingbar sind, mit denen sich der zweite Teil, Strukturen des phänomenalen Bewußtseins, im einzelnen beschäftigt.

In 1. Kapitel versuche ich zunächst aufzuzeigen, warum man in Qualia überhaupt ein Problem sehen kann. In einer knappen historischen Herleitung der Debatte lege ich im 2. Kapitel besonderes Augenmerk auf ihre Ursprünge im 17. Jahrhundert in der (unglücklichen) Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten. Für die moderne Diskusssion möchte ich dabei zeigen, wie durch die behavioristischen Tendenzen der analytischen Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. das Problem nicht virulent wurde. Die Abkehr vom Behaviorismus, die durch neue empirische Erkenntnisse (z.B mentale Rotations-Experimente, imagery generell), theoretische Paradigma (Chomsky) und die Entstehung der informatisch orientierten Kognitionswissenschaften schlug auch in die Philosophie durch und führte (via Kausaltheorie/Identitätstheorie) zum Funktionalismus, dessen Erklärungsfunktion seinerseits spätestens seit Nagel verstärkt angezweifelt wird. Das geschieht in der Regel mit Bezug auf einige inzwischen kanonische Gedankenexperimente

In einem zweiten größeren Abschnitt des ersten Teils versuche ich, die These zu plausibilisieren, ein Problem der Qualia-Debatte seien die in den meisten Positionen unausgewiesenen wahrnehmungstheoretischen Voraussetzungen: Wie etwas phänomenal erlebt wird, läßt sich nicht abtrennen von der Frage was da erlebt wird und wie der Prozeß strukturiert ist, der zur Wahrnehmung führt. Ich formuliere im 3. Kapitel einen mainstream-fähigen Inferentialismus und verteidige dagegen im 4. Kapitel eine Gibson-inspirierte direkte Theorie, die dem systematischen Anteil der wechselseitigen Verwiesenheit von Organismus und Umwelt Rechnung trägt. Weite Teile des Disputs ergeben sich daraus, daß häufig empirische Fragen mit philosophischen verwechselt werden, weil Doppeldeutigkeiten hinsichtlich dessen bestehen, was als bloßer Signalwandler (transducer) und was als Realisierung genuin kognitiver Prozesse gelten soll. Ich zeige dies besonders anhand von Marrs Theorie des Sehens. Daraus soll zunächst nur folgen, daß sensorische (und damit zumindest eine wichtige Teilklasse von phänomenalen) Episoden notwendig auf der Ebene höherer, Handlungsmöglichkeiten (im Sinne von affordances) nutzender Systeme erklärt werden müssen.


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Der zweite Teil beschäftigt sich auf dieser Grundlage mit verschiedenen konkreten Lösungsansätzen für das Qualia-Problem. Auch hier zeigt sich, daß empirische nicht immer hinreichend von philosophisch interessanten Fragen getrennt werden: Das 5. Kapitel befaßt sich mit konnektionistischen Vektorcodierungsmodellen (Churchland, Clark, Flanagan), versucht, sie an die Theorie der Selektion neuronaler Gruppen (Edelman) anzubinden und kommt zu dem Ergebnis, daß selbst, wenn die Theorie sich empirisch als richtig erweisen sollte, sie maximal zu guten Kovarianztheorien führt, aber keine Identifizierung von phänomenalen Qualitäten etwa mit Vektoren im Qualia-Raum erlaubt. Den anti-funktionalistische Impetus des Konnektionismus benutze ich zu einer Replik auf Dennetts These der universalen Algorithmisierbarkeit mentaler Zustände.

Wenn sich das Qualia-Problem nicht so einfach via neurophilosophy lösen läßt, liegt es nahe, zu versuchen, mentale Zustände als informationstragende neurophysiologische Zustände zu betrachten und für ihre phänomenale Aspekte auf die Beschaffenheit der repräsentierten Gegenstände zu verweisen. Das 6. Kapitel setzt sich daher mit dem Intentionalismus anhand von Dretske, Beckermann und Tye auseinander. An dieser Idee ist sicher viel Richtiges, aber eine befriedigende Erklärung liefert auch sie nicht, weil sie außerstande ist zu erläutern, wie repräsentationale - und das heißt intentionale - Zustände ohne die implizite Annahme bewußter Prozesse auch nur formuliert werden sollen.

Das 7. Kapitel formuliert die These, daß die Versuche der Erklärung des Bewußtseins, die sich eng an die empirische Forschung anlehnen, deshalb philosophisch unbefriedigend sind (wenn sie auch evtl. empirisch im Sinne der Etablierung immer besserer Kovarianzmodelle zutreffen), weil Bewußtsein kein einheitliches Phänomen ist, das ein dankbares naturwissenschaftliches Forschungsobjekt abgäbe. Ich formuliere die vielen Theorien implizite Trennbarkeitsthese bezüglich ‘kognitiver’ und ‘phänomenaler’ Zuständen und bringe dagegen Searles und G.Strawsons These in Position, Bewußtsein sei wesentlich phänomenal. Nun behauptet Chalmers, er könne sowohl diese Intuition einholen wie auch einen nichtreduktiven Funktionalismus vertreten (es überrascht wohl nicht, wenn ich glaube, daß er die Kohärenzthesen falsch als Kohärenz zwischen psychologischen und phänomenalen Zuständen liest, obwohl sich entsprechende Kovarianzen nur zwischen neurophysiologischen und bewußten Zuständen behaupten lassen). Das nehme ich zum Anlaß, die These der multiplen Realisierbarkeit als Grundannahme des Funktionalismus kritisch zu hinterfragen. Je komplizierter ein System, umso weniger plausibel ist die Überzeugung, man könne seine kausalen Rollen reproduzieren, ohne eine exakte (auch materialidentische) Kopie zu bauen. Bestritten wird, daß die entscheidende Frage nach der ausreichenden Feinkörnigkeit der funktionalen Analyse für Systeme wie das Gehirn oberhalb der neurophysiologischen Ebene beantwortbar ist. Der Funktionalismus ist zwar als Forschungsheuristik zur Aufklärung der Binnenstruktur unserer hardware nützlich, führt aber gerade deshalb immer dann in die Irre, wenn er sich zu weit von der hardware entfernt.

Nach diesen kritischen Auseinandersetzungen mit verschiedenen Theorien über phänomenales Bewußtsein stellt sich natürlich die Frage, was sich positiv dagegenstellen läßt. Das 8. Kapitel beschäftigt sich mit Damasios Theorie somatischer Marker als einem Versuch, unter expliziter Zurückweisung der Trennbarkeitsthese eine Theorie zu formulieren, die die searlesche Intuition der notwendigen phänomenalen Grundierung aller bewußten Prozesse auch empirisch greifbar macht. Auch hier kommt es letztlich zwar nur zur Formulierung von Kovarianzen, hier läßt sich aber methodisch belegen, warum das so ist (und warum das nicht weiter schlimm ist): Die Verknüpfung von Neurophysiologie und Phänomenologie muß methodisch immer durch den Flaschenhals der Berichte von Versuchspersonen. Es tun sich keine ontologischen Abgründe auf, sondern nur methodische Beschränkungen. Unter Berufung auf die Ergebnisse des ersten Teils (und Überlegungen McDowells und anderer) läßt sich das auch philosophisch formulieren: Träger bewußter Zustände sind nicht Gehirne (sub-personale Systeme) sondern Handlungssubjekte (wobei ich den Subjektbegriff hier so weit wie möglich verwende); Bewußtsein ist verkörpertes Bewußtsein. Die Rede von ‘repräsentationalen Hirnzuständen’ erweist sich als (notwendige) Metapher: Aufgrund der Organisation ihrer Gehirns sind Personen in der Lage, etwas repräsentieren zu können: Auch hier muß man sich vor der Verwechslung des transducers mit dem durch ihn ermöglichten Zustand hüten. Alle bewußten Zustände (auch phänomenale) basieren auf hochstufigen systematischen Integrationen einer großen Anzahl mentaler Karten, sind also nicht mit relativ einfachen neurophysiologischen Realisierungen zu identifizieren (wie z.B. Tye es mit seinen PANIC-Zuständen tut). Wir teilen nicht letztlich identische phänomenale Qualitäten schon mit z.B.


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niederen Tieren, wobei bei uns noch stärker abstrakte, kognitive bewußte Zustände hinzutreten, vielmehr ist unsere Art, phänomenal bewußt zu sein, immer schon abhängig von unseren angeblich ‘höheren’ geistigen Fähigkeiten. Was nicht impliziert, daß unsere Art, phänomenal bewußt zu sein, die einzige ist.

In einigen Schlußbemerkungen, die das 9. Kapitel bilden, ziehe ich die einzelnen Stränge meiner Argumentation in Hinsicht darauf zusammen, was das für den Naturalismus bedeutet. Wie immer, hängt das von der Definition ab. Ich greife einige Überlegungen von Stich auf und vertrete einen nicht-puritanischen, eklektischen Naturalismus, der aus der Einsicht in die Unmöglichkeit der vollständigen Rückführung z.B. der folk psychology (aber auch der Ethologie, etc.) auf die Neurowissenschaften eine theoretisch möglichst breit gestreute Annäherung an das Bewußtsein sucht. Es geht bei Fragen des Bewußtseins immer auch um Fragen der Selbstinterpretation; allein deswegen ist nicht zu erwarten, daß die Anwendung eines rein naturwissenschaftlichen Paradigmas alle Fragen beantwortet. Bestimmte neurophysiologische Realisierungen körpereingebetteter hochgradig integrierter Karten sind bewußt. Das ist ein factum brutum, für das in den Naturwissenschaften keine weitere Erklärung zu erwarten ist. Hingegen läßt sich eine Menge darüber sagen, welche konkreten Strukturen unser Bewußtsein hat, warum wir bestimmte Kategorisierungen vornehmen, warum wir zuverlässig bestimmten Fehlschlüssen erliegen etc. Man mag das Eigenschaftsdualismus nennen, aber der Eigenschaftsdualismus läßt sich als Theorie nur auf dem Hintergrund einer Substanzontologie formulieren, deren Fragwürdigkeit ich in der Diskussion primärer und sekundärer Qualitäten zu erweisen versucht habe.

Neben des Ausblicks auf die kommenden Attraktionen sind diese Vorbemerkungen auch der Ort, den Personen und Institutionen Dank zu sagen, ohne die diese Arbeit nicht entstanden wäre, zumindest nicht in dieser Form. Herrn Prof. Herbert Schnädelbach danke ich für die Betreuung dieser Arbeit und ganz besonders für die Möglichkeit, einige Ergebnisse des ersten Teils im WS 1995/96 in einem Seminar ‘Wahrnehmung und Weltbezug’ zur Diskussion stellen zu können. Die Studienstiftung des deutschen Volkes hat in großzügiger Weise nicht nur die materielle Basis für diese Arbeit geliefert, sondern auch wichtige Kontakte hergestellt, etwa zu den Herren Professoren Manfred Stöckler und Gerhard Roth, denen ich für zwei Einladungen nach Bremen danke. Ingrid Ehrlich, Rainer Goebel und David Linden vom MPI für Hirnforschung in Frankfurt/Main führten mir die unendliche Geduld anschaulich vor Augen, die zur Meisterung der praktischen Schwierigkeiten der Anwendung bildgebender Verfahren unabdingbar ist. Die University of Pennsylvania stellte mir eine bequeme fellowship zur Verfügung; dort brachte mich auch Prof. Gary Hatfield zuerst auf den Gedanken, mich näher mit dem phänomenalen Bewußtsein zu beschäftigen. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne die lebendige Diskussion mit anderen zu philosophieren. Von den vielen Gesprächspartnern, die mir wichtige Anstöße gaben und mich durch hartnäckige Kritik zu größerer Genauigkeit anhielten, seien besonders Sebastian Rödl, Christian Schlüter und Ulrich Seeberg genannt. Alexander Staudacher verdanke ich weit mehr als viele Literaturangaben, besonders aufgrund seiner Gutmütigkeit, auch bei telephonischen Überfällen nicht gleich aufzulegen. Meine Darstellung des Qualia-Problems verdankt viel unseren gemeinsamen Vorträgen in Bremen und St. Johann. Michael Schmitz schließlich hat nicht nur fast den gesamten Text gewissenhaft korrekturgelesen, sondern mich auch auf eine Reihe von Fehlern und Unstimmigkeiten hingewiesen. Wenn ich in meiner ostwestfälischen Sturheit nicht alle seine Verbesserungsvorschläge akzeptiert habe, so gereicht mir das vermutlich eher zum Schaden. Was auch für alle anderen seltsamen Behauptungen und irreführenden Darstellungen gilt, von denen mich selbst eine so exzellente Kommentatorenschar nicht hat abbringen können.


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