|
| [Seite 6↓] |
In Deutschland sind nach der neuesten epidemiologischen Untersuchung ca. 122.000 Menschen an MS erkrankt (vgl. Hein, 1999 S. 80). Mit einer Prävalenz von 149,1 (ebd.) zählt Deutschland zu den Hochrisikogebieten (high risk4) (vgl. Kurtzke, 2000 S. 134ff.). Die Inzidenz liegt bei einer jährlichen Neuerkranktenrate von 3-4.0005. Charakteristika der demographischen Verteilung sind:
Die MS wird meist als entzündliche Autoimmunerkrankung bezeichnet, aber dies ist nicht 100%-ig gesichert (vgl. Wekerle, 1999 S. 379; Kuhlmann/Brück, 2001 S. 12ff.). Unterschiedliche Faktoren für die Autoimmunreaktion und mögliche Krankheitsursachen werden diskutiert. Ergebnisse aus Migrations- und Zwillingsforschung deuten auf genetische Prädisposition und Umweltfaktoren hin (vgl. Gold/Rieckmann, S. 40ff.; Kurtzke, 2000; Warren/Warren, 2001 S. 56). Auch virale und bakterielle Pathogenesen, sowie toxische oder metabolische Ursachen bzw. Auslöser sind im Gespräch (vgl. Kuhlmann/Brück, 2001 S.11ff.; Bogumil, 2000 S. 291.). Z.T. werden infektiöse Mechanismen gleichrangig mit Autoimmunprozessen als Ursache benannt (vgl. Meinl/Voltz, 2001 S. 35ff.).
|
| [Seite 7↓] |
Charakteristisch für die MS sind sogenannte Plaques, die multifokal im ZNS lokalisiert sind und unterschiedliche Aktivitätszustände aufweisen. Sie entstehen aufgrund entzündlicher Reaktionen von T-Lymphocyten und Makrophagen. Während in aktiven Plaques (Entmarkungsherden) noch Myelinabbau (Markscheiden/Oligodendrocyten) stattfindet, wird in chronisch inaktiven Plaques kein Myelin mehr abgebaut. Es sind bislang vier verschiedene immunopathogene Mechanismen der Demyelinisierung (Entmarkung) nachgewiesen (vgl. Brück, 2001 S. 30ff; Kuhlmann/Brück, 2001 S. 12ff.; Meinl/Voltz, 2001 S. 35ff.). Neben Plaques können in den betroffenen Gebieten Markschattenherde auftreten, in denen Remyelinisierungsprozesse stattfinden (vgl. Brück, 2001 S. 27ff.). In neueren Untersuchungen werden neben Demyelinisierungsschäden auch Axonschäden beschrieben (vgl. Meinl/Voltz, 2001 S. 35;. Kuhlmann/Brück, 2001 S. 11) . Die Schädigung der Axone erfolgt während der aktiven Entzündung in den Plaques aber auch abgeschwächt in chronisch-inaktiven Plaques (vgl. Rieckmann, 2002 S. 35ff.; Brück, 2001 S. 32).
Verlaufsformen
Drei Verlaufsformen werden grundsätzlich unterschieden (vgl. Bitsch, 2001 S. 71; Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 51; Gold/Rieckmann, 2000 S. 14ff.):
Die häufigste Verlaufsform ist der schubförmige Verlauf. Akute Krankheitsphasen mit Schüben6 werden von Remissionsphasen abgelöst, in denen es zu kompletter oder teilweiser Remission (Residualsymptomatik) kommt (vgl. Bitsch, 2001 S. 71ff.; Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 52). Die RRMS kann durch den sekundär chronisch progredienten Verlauf abgelöst werden. Cha[Seite 8↓]rakteristisch ist eine schleichende Symptomprogredienz mit oder ohne weitere Schübe. Wie bei der RRMS sind mäßige Remissionen und Plateaus möglich. (vgl. Bitsch, 2001 S. 71ff.; Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 52) . Ohne akut auftretende Krankheitsschübe verläuft dagegen der primär chronisch progrediente Verlauf, bei dieser Verlaufsform entwickeln sich MS-bedingte Defizite schleichend. Im Krankheitsverlauf sind dezente Remissionen oder Plateaus möglich (vgl. Bitsch, 2001 S. 71ff.; Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 52) .
| Abb. 3: Schematische Darstellung der Verlaufsformen der MS | ||
| Legende: S = Schub, (S) = Schub möglich oder schleichende Verschlechterung (in Anlehnung an www.ms-gateway.de , 2003) |
Die Anteile der verschiedenen Verlaufsformen an der Gesamtpopulation werden je nach Autor unterschiedlich angegeben:
Tab. 1: Verlaufsformen im Bezug auf die Krankheitsdauer
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RRMS |
SPMS |
PPMS |
Wann |
Autoren |
|
90 – 95% |
5 – 10% |
Beginn |
Gold/Rieckmann, 2000 S. 14ff. |
|
|
85 – 90% |
10 – 15% |
Beginn |
Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 52 |
|
|
30-40% d. RRMS |
nach 10-15 J. |
Flachenecker/Hartung, 1996 S. 441 |
||
|
30-50% d. RRMS |
nach 10 J |
Gold/Rieckmann, 2000 S. 14ff. |
Symptomatik
Die Symptomatik der MS ist unspezifisch und gleichzeitig vielgestaltig, da alle Bereiche des ZNS betroffen sein können. Monosymptomatik ist selten, meist treten mehrere Symptome zusammen auf. Verursacht werden die Symptome durch Myelinschäden mit Leitungsverlangsamung oder –block und axonale Schädigungen (vgl. Gold/Rieckmann, 2000 S. 16ff.). Die Beziehung zwischen Behinderungsgrad im Verlauf der MS und Axonschäden ist nach neuesten Erkenntnissen deutlich (vgl. Meinl/Voltz, 2002 S. 41).
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|
Tab. 2: Symptome, Häufigkeit und Ursprungssystem
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Neurologisches System |
Symptom |
Initial in % |
Verlauf i. % |
|
Kortikale Störung |
Kognitive Defizite |
Selten | |
|
Euphorie |
Selten |
10 – 60 |
|
|
Depression |
Selten |
20 – 45 |
|
|
Hirnnervenausfälle |
Optikusneuritis |
16 |
65 |
|
Atrophie des N. opticus |
Selten |
77 |
|
|
Trigeminusneuralgie |
5 |
30 |
|
|
Pyramidenbahnstörungen |
Spastik |
10 |
90 |
|
Paresen der unteren Extremität |
10 |
90 |
|
|
Paresen der oberen Extremität |
5 |
22 |
|
|
Hirnstamm/Kleinhirn |
Nystagmus |
20 |
85 |
|
Dysarthrie |
2 |
50 |
|
|
Intentionstremor |
Selten |
50 |
|
|
Rumpf- und Gangataxie |
18 |
50 – 80 |
|
|
Sensibilität |
Tiefensensibilität Arm |
10 |
30 |
|
Tiefensensibilität Bein |
30 |
85 |
|
|
Lhermitte |
3 |
30 |
|
|
Autonome Störungen |
Blasenstörungen |
3 – 10 |
80 |
|
Mastdarmstörungen |
20 |
70 |
|
|
Sexuelle Störungen |
Selten |
50 – 75 |
|
|
Sonstige Symptome |
Müdigkeit |
20 |
80 |
|
Neurogener Schmerz |
Selten |
40 |
Prognose und Behinderung
Der Grad der Behinderung bzw. Funktionseinschränkung im Krankheitsverlauf wird bei der MS durch den EDSS (Expanded Disability Status Scale) Wert und seit Kurzem durch den Multiple Sclerosis Functional Composite (MSFC)7 angegeben (vgl. Kurtzke, 1983; Cutter et al., 1999). Die mittlere jährliche Zunahme des EDSS beträgt 0,48 – 0,54 bei progredienten bzw. 0,25 bei schubförmigen Verläufen (vgl. Flachenecker/Zettl (2), 2002 S. 56) .
Tab. 3: EDSS Werte im zeitlichen Verlauf
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EDSS |
Median |
RRMS |
SPMS |
PPMS |
|
3 |
8 Jahre | |||
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6 |
15 – 18 Jahre |
15 Jahre (nach Krankheitsbeginn) |
5 Jahre (nach Progredienz) |
5 Jahre (nach Krankheitsbeginn) |
|
7 |
30 Jahre |
|
| [Seite 10↓] |
Bei der MS ist keine eindeutige Prognose möglich, aber prognostisch günstige bzw. ungünstige Faktoren können benannt werden (vgl. Gold/Rieckmann, 2000 S. 17ff.; Bitsch, 2001 S. 76ff.):
Tab. 4: Prognostisch günstige und ungünstige Faktoren
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Faktor |
Günstig |
Ungünstig |
|
Alter (Erkrankungsbeginn) |
Jung (< 35 bzw. 40 Jahre) |
Hoch (> 35 - 40 Jahre) |
|
Geschlecht |
Weiblich |
Männlich |
|
Verlaufsform |
RRMS |
PPMS oder SPMS |
|
Symptomatik zu Beginn |
Nur sensible Symptomatik oder isolierte Retrobulbärneuritis |
Blasenstörung, Pyramidale oder zerebelläre Symptome |
|
Monosymptomatisch |
Polysymptomatisch |
|
|
Symptome des 1. Schubes |
Rasche/komplette Rückbildung |
Lange Persistenz |
|
Intervall zw. 1. / 2. Schub |
Lang |
Kurz |
|
EDSS |
EDSS < 3 nach 5 Jahren |
EDSS > 3 nach 5 Jahren |
Bei der Therapie der MS sind zu unterscheiden:
Zur immunmodulatorischen medikamentösen Stufentherapie der MS und für die akute Schubbehandlung existiert eine umfassende, evidenzbasierte Rahmenempfehlung (vgl. MSTKG 1999, 2001 und 2002). Die Rahmenempfehlung wurde in verkürzter Form als Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in das Register der AWMF aufgenommen (vgl. AWMF, 2002). Die Behandlung der MS-Symptome und alternative Therapieverfahren sind so vielfältig, dass auf eine detaillierte Erörterung verzichtet wird.
Ziel der Schubbehandlung ist die möglichst komplette Rückbildung der neurologischen Symptome und eine Verkürzung der Schubdauer (vgl. Kastrup/ Maschke, 2001 S. 42ff.). Auch die Verlängerung der schubfreien Intervalle durch die Glucocorticoid-Stoß-Therapie wird diskutiert (vgl. Hoffmann, 2002).
|
| [Seite 11↓] |
| Abb. 4: Immunmodulatorische Stufentherapie | ||
| Anmerkung: GLAT = Glatirameracetat (in Anlehnung an MSTKG, 2001) |
Die Stufentherapie dient der Verlaufsbeeinflussung der MS mit dem Ziel der Verlangsamung bzw. Stagnation der Krankheitsprogression. Die Medikamente wirken immunmodulierend bzw. immunsuppressiv und greifen an unterschiedlichen Stellen in die immunologischen Vorgänge ein. Ihr Einsatz ist von Verlaufsform, Verträglichkeit, individueller Wirksamkeit und Krankheitsaktivität abhängig. Für die Therapie der RRMS und der SPMS sind in Deutschland Medikamente zugelassen, deren potenziell positiver Einfluss auf Progredienz und Krankheitsaktivität gesichert ist. Für die PPMS stehen noch keine gesicherten Medikamente zur Verfügung, aber bei besonders aggressivem Verlauf ist der Einsatz von Mitoxantron und einer Cortisonpulstherapie denkbar (vgl. AWMF, 2002). Die zugelassenen oder in der Studienphase befindlichen Medikamente ermöglichen derzeit noch keine Heilung. Durch die Applikationsform (überwiegend parenteral, häufig Selbstinjektion) und mögliche Nebenwirkungen8 können sie belastend für Betroffene sein.
In den letzten Jahren hat sich die Ausgangssituation der medizinischen Versorgung MS-Betroffener positiv verändert: Durch bessere diagnostische Möglichkeiten und größeres medizinisches Wissen über die MS konnten neue Diagnosekriterien entwickelt werden (vgl. McDonald et al., 2001), die zur schnelleren Diagnosesicherung beitragen. Die Therapierbarkeit der MS [Seite 12↓]hat sich verbessert. Durch die Rahmenempfehlungen und die Leitlinie existieren außerdem klare, evidenzbasierte Behandlungskriterien.
MS-Betroffene als medizinische Laien werden dagegen mit einer sehr komplexen Krankheit konfrontiert, die durch ihre vielfältigen Erscheinungsformen und die unklare Ätiologie schwer zu verstehen ist. Erschwerend ist, dass keine echte Prognose gestellt werden kann, aber starke Behinderungen möglich sind. Die Einschätzung der vorhandenen Therapieoptionen durch Betroffene kann durch die Unheilbarkeit einerseits und die potenziellen Belastungen durch die Medikamente beeinflusst sein.
Veränderungen in der Medizin basieren auch auf dem neuen theoretischen Verständnis für Gesundheit und Krankheit sowie die Patientenrolle. Diese Paradigmenwechsel haben Implikationen auf die gesamte medizinische Versorgung. In Bezug auf die Patientenrolle charakterisiert der Begriff Patientenorientierung den Paradigmenwechsel, während das veränderte Krankheitsverständnis in neuen Krankheits- bzw. Gesundheitskonzepten deutlich wird.
Allgemeine Einordnung
Der Begriff Patientenorientierung wird seit einigen Jahren vermehrt von verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Bezogen wird Patientenorientierung auf Mikro-, Meso- und Makroebene der medizinischen Versorgung, (vgl. Garms-Homolovà, 2000 S. 18). Beispiele sind:
|
| [Seite 13↓] |
Die begriffliche Inflation führt zur begrifflichen Unschärfe (vgl. Koch-Straube, 2003; Schaeffer, 2001 S. 49; Stratmeyer, 2002 S. 261). Es besteht die Gefahr konzeptioneller Beliebigkeit.
Erklärungsansätze und Konzepte
Die gängigsten Erklärungsansätze für Patientenorientierung sind begrifflich orientiert und keine echten Konzepte:
Tab. 5: Erklärungsansätze für Patientenorientierung
|
Patientenorientierung |
|||
|
Aspekt |
= Kundenorientierung = Klientenorientierung |
vs. Krankheitsorientierg. vs. Patientenignorierung |
Definitionen |
|
Erklärung |
Gleichsetzen Patient – Kunde – Klient |
Dichotomien – Ausschließen des jeweiligen Gegenparts |
Bezugspunkte: Patientenbedürfnisse, zentrale Rolle Patient |
|
Quellen |
Leitbilder Gesundheitseinrichtungen (z.B. www.hpg-pflegedienst.de /pfll.php, 2004) Management Fortbildungen (z.B. www.ab-personalentwicklung.com/ Gespraeche.htm , 2004) |
http://paedglo.psychol.uni-giessen.de/user/~schneider/ klin/allgvm.htm, 2004 Wittneben, 2003 Friesacher, 1996 |
Hauke, 1997 S.8 Klemperer, 2000 S.15 |
|
Kritik |
Unterschiedliche Rollenerwartungen an Patient, Klient, Kunde à nicht adäquat |
Patient/Krankheit kein wechselseitiger Ausschluss Ignorierung/Orientierung schwammig und ungenau |
Genügen nicht für Konzeptualisierung |
|
Potenzial |
Kunde/Klient à neue Verantwortlichkeiten |
Komponenten eines Konzeptes aus Kritik ableitbar |
Bezugspunkte nutzbar |
Die Problematik der Erklärungsmuster ist deutlich: Die jeweiligen Perspektiven reduzieren Patientenorientierung auf einige wenige Aspekte. Da meist theoretische Grundlagen fehlen, sind abzuleitende Anforderungen und Konsequenzen für die medizinische Versorgung vage und beliebig veränderbar. Es fehlt ein Minimalkonsens ebenso wie ein definiertes Maximalziel, das es im Idealfall anzustreben gilt. Für wenige spezifische Kontexte gibt es Konzepte der Patientenorientierung, z.B.:
Der direkte Transfer eines kontextgebundenen Konzeptes auf die gesamte medizinische Versorgung ist ohne Ergänzungen und Veränderungen nicht möglich. Sehr ausgereift ist das Modell der multidimensionalen Patienten[Seite 14↓]orientierung (vgl. Stratmeyer, 2003 S. 275). Es wird aber auf den pflegepädagogischen Bereich begrenzt und trotz der Auflösung der Dichotomie Krankheitsorientierung – Patientenorientierung bleibt die theoretische Auseinandersetzung mit dem Paradigmenwechsel im Krankheitsverständnis aus. Der wesentliche Schritt Wittnebens, die zentrale Rolle des Patienten (vgl. Definitionen) durch die Grundannahme der Subjektorientierung theoretisch zu untersetzen (vgl. Wittneben, 2003 S. 20ff.), ist auf andere Kontexte der medizinischen Versorgung übertragbar. Durch die Subjektorientierung steht der Patient nicht nur im Zentrum, sondern seine Handlungsfähigkeit im therapeutischen Prozess wird berücksichtigt. Der Vergegenständlichung (Objektrolle) des Patienten als Spielball im therapeutischen Geschehen wird die Achtung seiner Individualität entgegengesetzt. Medizinische Notwendigkeiten und Patientenbedürfnisse müssen in Einklang gebracht werden, statt medizinische Erfordernisse in den Mittelpunkt zu stellen. Versorgung wird folglich individualisiert. In Anlehnung an die Dichotomie Patientenorientierung – Patientenignorierung lässt sich der Stand der Theoriebildung zusammenfassen:
| Abb. 5: Paradigmenwechsel Patientenorientierung | ||
Der Paradigmenwechsel ist auf der Mikroebene zwar relativ deutlich, aber Anforderungen an die Versorgung sind aus diesen allgemeinen Aspekten nur bedingt abzuleiten. Die mangelnde Berücksichtigung des Krankheitsverständnisses kann zusätzlich verzerrten Wahrnehmungen und der Dichotomisierung Patientenorientierung vs. Krankheitsorientierung Vorschub leisten.
|
| [Seite 15↓] |
Bezugspunkt von Gesundheit und Krankheit ist häufig noch die Gesundheitsdefinition der WHO von 19489, obwohl diese bei der Entwicklung der Strategien zur Gesundheitsförderung (vgl. WHO, 1986) deutlich revidiert wurde.
Kennzeichen des Paradigmenwechsels
Im Gesundheits- und Krankheitsverständnis sind historisch mehrfach Veränderungen zu beobachten. Dargestellt wird der Paradigmenwechsel, der zum aktuellen Gesundheits- und Krankheitsverständnis geführt hat.
Tab. 6: Charakteristika des Paradigmenwechsels Krankheitsverständnis
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Aspekt |
Aktuelles Paradigma |
Veränderung |
|
Menschenbild |
Mehrdimensionalität |
Reduktionismus |
|
Mensch: Körper-Seele-Geist-Einheit im sozialen und ökologischen Umfeld (Ideal: Ganzheitlichkeit) |
Eindimensionale Sicht: Körper oder Geist oder Seele (Beispiel: biomedizinisches Modell) |
|
|
Patientenrolle |
Subjektivierung |
Objektivierung |
|
Bewertung von Gesundheit und Krankheit nach objektiven Parametern und subjektivem Empfinden des Patient als Outcome Kriterium Subjektive Gesundheits- und Krankheitskonzepte (vgl. Faltermaier, 1994; Flick, 1998) |
Reduktionismus à Objektivierung des Patienten Zentral: Algorithmus Ursache – Symptom/Krankheit – Heilung |
|
|
Krankheit/ Gesundheit |
Dynamischer Prozess |
Absoluter Zustand |
|
Absolute Gesundheit und Tod als Pole eines Kontinuums |
Gesundheit oder Krankheit sind absolute, statische Zustände |
|
|
Perspektive |
Ressurcenorientierung |
Betonung der Defizite |
|
Ressourcen (persönliche bzw. aus dem Umfeld) werden einbezogen |
Defizite, Einschränkungen und Probleme zentrale Aspekte |
|
|
Orientierung |
Gesundheits- und Krankheitsorientierung |
Krankheitsorientierung |
|
Beide Ausrichtungen ergänzen sich, statt des Ausschließlichkeitsprinzips der Krankheitsorientierung |
Ausschließlich Krankheitsorientierung ohne Beachtung der Gesundheit mit Ausnahme des Zielpunkts Heilung |
Bestätigt wird der Paradigmenwechsel durch Forschungsergebnisse aus der Psychoneuroimmunologie und Untersuchungen zu subjektiven Gesundheits- und Krankheitskonzepten. Schnittpunkte zur Patientenorientierung bestehen durch die zentrale Patientenrolle und die Subjektorientierung.
[Seite 16↓]Die Salutogenese – ein Beispiel für das neue Paradigma
Ein Konzept, das dem neuen Paradigma entspricht, ist die Salutogenese (vgl. Antonovsky, 1997). Statt der Suche nach pathogenen Faktoren stehen gesundheitsgenerierende = salutogene Faktoren im Vordergrund. Der Mensch wird als System verstanden und eine systemtheoretische Sicht von Gesundheit und Krankheit entwickelt (vgl. Antonovsky, 1997; Bengel et. al., 2001 S. 25ff.). Zentrale Annahme ist das Gesundheitskontinuum, da Chaos vorherrschende Eigenschaft menschlicher Existenz und absolute Gesundheit ein unerreichbarer Gleichgewichtszustand ist (vgl. Antonovsky, 1997 S. 29). Kerngedanken sind (vgl. Antonovsky, 1997 S. 29ff.):
Grundannahme ist der Sense of Coherence (Kohärenzgefühl, SOC) als Grundorientierung des Menschen (vgl. Antonovsky, 1997 S. 163) und handlungsleitendes Bindeglied zwischen Gesundheitskontinuum und Individuum (vgl. Höfer, 2000 S. 58; Bengel et al., 2001 S. 28ff.). Das SOC basiert auf drei Kernkomponenten als affektive, kognitive und motivationale Verarbeitungsmuster zur Bewältigung äußerer und innerer Reize sowie Stressoren (vgl. Antonovsky, 1997 S. 34ff.):
Die Kernkomponenten entwickeln sich durch Erfahrungsmuster, die in einem System übergeordneter psychosozialer generalisierter Widerstandsressourcen (GRR-GRD) begründet sind (vgl. Antonovsky, 1997 S. 42ff.). Im GRR-GRD werden personengebundene und personenfremde Faktoren zusammengefasst: Physis, Intelligenz, Bewältigungsstrategien, soziale Unterstützung, ökonomische Situation und kulturelle Faktoren.
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Tab. 7: Paradigmenwechsel am Beispiel der Salutogenese
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Komponente |
Salutogenese |
Kritische Würdigung |
|
Mehrdimensionalität |
Systemtheoretischer Blick GRR-GRD Verarbeitungsmuster |
Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Einflussfaktoren fehlt (vgl. Wydler et al., 2000 S. 200; Faltermaier, 2000 S. 189; Bengel et al. 2001, S. 93) Geringer Stellenwert psychischer Gesundheit (vgl. Bengel et al., 2001 S. 93) |
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Subjektivierung |
Individualisierung von Gesundheit/Krankheit |
Stabilität des SOC im Erwachsenenalter statt lebenslanger Identitätsentwicklung (vgl. Faltermaier, 2000 S. 192; Höfer, 2000 S. 57ff.; Poschwatta, 2000) geringe Berücksichtigung der aktiven und bewussten Rolle des Patienten (vgl. Wydler et al., 2000 S. 194; Antonvsky, 1997 S. 140ff.; Faltermaier, 1994 S. 156ff.) |
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Dynamischer Prozess |
Health-ease/Dis-ease Kontinuum |
Keine ausreichende Operationalisierung von Gesundheit (vgl. Bengel et al., 2001 S. 93ff.; Faltermaier, 2000) |
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Ressurcenorientierung |
GRR-GRD System | |
|
Gesundheits- und Krankheitsorientierung |
Gesundheitsgenerierende Faktoren |
Um Anforderungen an patientenorientierte medizinische Versorgung inhaltlich differenziert darzustellen, sind eindeutige theoretische Konzepte als Grundlage notwendig. Sowohl Darstellungen und Konzepte der Patientenorientierung als auch die Salutogenese als Beispiel für das neue Paradigma von Gesundheit und Krankheit weisen Lücken auf. Eine Integration der theoretischen Zugänge kann einerseits den Ausgleich der jeweiligen Schwächen und andererseits die Nutzung der jeweiligen Potenziale gewährleisten. Statt nur einen Ausschnitt der Versorgung zu erfassen, kann durch die Integration gleichzeitig die gesamte medizinische Versorgung abgedeckt werden.
Als Grundannahme eines integrativen Konzeptes der Patientenorientierung bietet sich die Subjektorientierung an. Sie umschreibt im Wesentlichen die Besonderheit der zentralen Rolle des Patienten im therapeutischen Prozess und ist gleichzeitig wesentliches Merkmal des aktuellen Krankheitsverständnisses (vgl. Geissler, 2002 S. 440; Wittneben, 2003).
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| [Seite 18↓] |
Kernkomponenten eines integrativen Konzeptes sind:
Autonomie
Die zentrale Rolle des Patienten im Versorgungsprozess wird von allen Beteiligten als wesentlicher Aspekt gefordert. Vordergründig ist Zentralität auch gegeben, wenn der Patient unreflektiert fürsorglich ohne tatsächliche Achtung von Selbstbestimmungsrecht oder Handlungsfähigkeit eingebunden wird. Dies stärkt das Machtgefälle in therapeutischen Beziehungen (vgl. Pillen, 1997; Barth, 1999 S. 157ff.; Wittneben, 2003; Geissler, 2002), statt einen Ausgleich zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung anzustreben. Die Autonomie des Patienten ist folglich wesentliche Kernkomponente der Patientenorientierung. Die Achtung der Autonomie ist bioethisch (vgl. Beauchamp/Childress, 2001 S. 57ff.), moralphilosophisch (vgl. Kant, 1980) und rechtlich (z.B. Grundrechte vgl. BGBl, Art. 2, 1949 S. 1 geändert BGBl I, 2000 S. 1755ff.) verankert. Patientenautonomie wird in Entscheidungsprozessen wirksam und ermöglicht Patienten, ihre Handlungsfähigkeit im Versorgungsprozess wahrzunehmen (vgl. Barth, 1999 S. 159). Das Selbstbestimmungsrecht beinhaltet auch das bewusste Abtreten der Entscheidungskompetenz an Dritte (vgl. ALTMANN/Münch, 1998 S. 91; Barth, 1999 S. 161).
Expertenschaft/Expertentum
Z.T. wird Patientenorientierung mit der Wahrnehmung der Patientenbedürfnisse gleichgesetzt, ungeachtet, woher das Wissen über diese stammt (vgl. Hauke, 1997). Werden Bedürfnisse erahnt, so besteht die Gefahr, Patienten als unmündige Mitglieder im Versorgungsgeschehen zu betrachten: Autonomes Handeln ist nicht gewährleistet, vielmehr werden die Deutungsmuster professioneller Akteure oder generalisierte Meinungen zur Richtschnur optimaler Versorgung. Aus der Handlungsorientierung bedingt durch Autonomie und Subjektorientierung, folgt daher die Beachtung des Expertenwissens der [Seite 19↓]Patienten für ihre individuelle Gesundheit und Krankheit wie auch ihre Bedürfnisse. Die Ergänzung des medizinischen, objektiven Expertenwissens durch das subjektive Expertentum der Patienten ermöglicht partnerschaftliche Beziehungsgestaltung und Stärkung der Selbstverantwortung (vgl. Dubs, 1998 S. 93; Berchtold, 2000 S. 104; Künzi, 2001 S. 23).
Ganzheitlichkeit
Das Idealbild ganzheitlicher Versorgung wird ebenfalls häufig postuliert, tatsächliche Ganzheitlichkeit ist aber nicht zu erreichen (vgl. Stemmer, 1999) und ein unscharfes, nicht eindeutig definiertes Konstrukt (vgl. Meier, 1989 S. 27; www.muellerscience.com/NavStart.htm , 2003). Dennoch ist Mehrdimensionalität in der medizinischen Versorgung eine wesentliche Kernkomponente der Patientenorientierung. Statt Ausschnitte (Reduktionismus) wahrzunehmen, sind unterschiedliche Dimensionen und ihre Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Einerseits ist die Ganzheitlichkeit philosophisch begründet10 und andererseits trug das philosophisch veränderte Weltbild Descartes zum Reduktionismus der Medizin bei (vgl. Descartes in Hartkopf, 2000 S. 65). Heute wird Ganzheitlichkeit wieder als ethischer Anspruch formuliert (vgl. Engelhardt, 2002).
Ressourcenorientierung
Statt sich auf die Defizite zu konzentrieren und personengebundene bzw. personenfremde Möglichkeiten außer Acht zu lassen, leitet sich aus der Salutogenese eine besonders deutliche Ressourcenorientierung ab (vgl. Antonovsky, 1997; Bengel et al., 2001 S. 35; Schiffer, 2001 S. 44; Maotz, 1998). Ressourcenorientierung in der medizinischen Versorgung und besonders im Kontext chronischer Erkrankungen führt weg von der patientenignorierenden Stigmatisierung von Patienten als defizitäre Mängelwesen.
Das integrative Konzept mit seinen Kernkomponenten kann als Bezugssystem zur Entwicklung eines Anforderungsprofils an patientenorientierte medizinische Versorgung genutzt werden. Statt idealistischer, nicht begründbarer Forderungen entspricht dieses Kriterienraster dem aktuellen Kenntnisstand.
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Tab. 8: Kernkomponenten und ihre Anforderungen
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Kernkomponente |
Anforderungen |
Begründung/Anmerkung |
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Autonomie/ Expertenwissen |
Berücksichtigung von: Eigenaktivität Selbstverantwortung Patientenrechten und –pflichten |
Autonomie nur gegeben, wenn Handlungsfähigkeit in Eigenaktivität/Selbstverantwortung umgesetzt werden kann à Patient hat Rechte und Pflichten Möglichkeit gegeben durch Expertentum |
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Adäquate Information, Aufklärung, Unterstützung des Coping |
Grundbedingungen für selbstbestimmtes Handeln/Möglichkeit zur Erweiterung des Expertenwissens in Bezug auf die eigene Erkrankung |
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Partnerschaftliche Beziehungsgestaltung inkl. partnerschaftliche Entscheidungsfindung |
Akzeptanz von Autonomie und Expertentum à Gleichberechtigung à Partnerschaftl. Beziehungsgestaltung |
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Ressourcenorientierung |
Berücksichtigung von Ressourcen und Defiziten |
Ressourcen müssen Blick auf Defizite ergänzen |
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Ganzheitlichkeit |
Berücksichtigung von Bedürfnissen, Erleben, Erfahrungen, Einflussfaktoren, Lebenssituation à individualisierte Versorgung |
Krankheit, Probleme, Bedürfnisse nicht objektivierbarà Beachten aufgrund mehrdimensionaler Einschätzung von Krankheit |
Für die Mikroebene der medizinischen Versorgung kann folgendes Anforderungsprofil abgeleitet werden:
Meso- und Makroebene der medizinischen Versorgung (Organisationsstrukturen, rechtliche Rahmenbedingungen) müssen entsprechend gestaltet sein, um das Erfüllen des Anforderungsprofils auf Mikroebene (Beziehungsgestaltung) zu fördern bzw. zu ermöglichen.
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| [Seite 21↓] |
| Abb. 6: Integratives Konzept Patientenorientierung und Konsequenzen | ||
Einbezogen werden in die Schilderung des Stands der Forschung Untersuchungen zu MS und den jeweiligen Aspekten bis einschließlich 2003. Die Recherche erfolgte über Medline, das Internet und Veröffentlichungsdatenbanken. Da Patientenorientierung kein eindeutig definiertes Konzept ist, wurden ergänzend Subjektorientierung und Salutogenese als eingrenzende Begriffe in die Recherche einbezogen: Die Recherche ergab zu den jeweiligen Schlüsselbegriffen im Zusammenhang mit MS keine verwertbaren Ergebnisse12. Daher wurden die beiden Untersuchungsschwerpunkte Lebenssituation und medizinische Versorgung als Bezugspunkte herangezogen.
[Seite 22↓]Studienstand - Lebenssituation
Medizin- und pflegepädagogische Untersuchungen zur Lebenssituation MS-Betroffener existieren bislang noch nicht. Studien auf der Basis eines patientenorientierten theoretischen Ansatzes fehlen ebenfalls (s.o.).
Zu Lebenssituation und Alltag MS-Betroffener liegen internationale Studien vor, deutsche Studien fehlen mit Ausnahme von Untersuchungen zu Krankheitsbewältigung, Krankheitskosten bei MS13 und Lebensqualität. Lebensumstände, Sozialisation und Enkulturation sind in unterschiedlichen Ländern bzw. Kulturen nicht vergleichbar, so dass internationale Ergebnisse nicht unmittelbar auf den deutschen Raum übertragen werden können. In den Untersuchungen zur Krankheitsbewältigung werden mögliche Beziehungen zur Lebenssituation nicht vertieft oder es handelt sich um nichtrepräsentative qualitative Studien, die erst vor kurzem veröffentlicht wurden14 (vgl. u.a. Hellige, 2002; Ziegeler/Friedrich, 2002). Untersuchungen zur Lebensqualität (vgl. z.B. Haas et al., 2003; Gold et al., 2001) beziehen sich auf die Veränderung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei MS oder die Instrumententwicklung. Konkrete Hinweise auf Patientenorientierung oder Salutogenese fehlen, aber die Untersuchungsziele lassen auf Subjektorientierung schließen.
Studienstand - Versorgungssituation
Zur Versorgungssituation MS-Betroffener in Deutschland fehlen ebenfalls Studienergebnisse. Die Ergebnisse aus dem internationalen Bereich, die bislang vorliegen, sind nicht auf Deutschland übertragbar: Bei der Einschätzung ist die spezifische Situation grundlegende Bezugsgröße und das deutsche Gesundheitssystem ist mit anderen Gesundheitssystemen nur bedingt oder nicht vergleichbar. Ein direkter Transfer der Ergebnisse ist folglich nicht möglich. Dies trifft auch auf die Bedürfnisse MS-Betroffener an die medizinische Versorgung zu. Sie sind ebenso von der bestehenden Situation, den Lebensbedingungen und der Biographie (Sozialisation, Enkulturation) abhängig.
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Dem Untersuchungsziel angemessene Erhebungsinstrumente liegen für den deutschsprachigen Raum (vgl. Forschungsstand) kaum vor. Neben den grundlegenden Anforderungen an Instrumente hinsichtlich Reliabilität und Validität (vgl. Bortz/Döring, 1995 S. 180ff.; Atteslander, 1995 S. 342ff.; Kromrey, 1998, S. 188ff./S. 240ff.), werden auch andere Grundbedingungen nicht erfüllt:
Das ACT Programm ist ein schriftliches Material für MS-Betroffene. Ausgehändigt wird es in der Regel durch behandelnde Ärzte. Entwickelt wurde ACT durch ein internationales Komitee mit MS-Spezialisten, Psychologen, MS-Nurses und MS-Betroffene. Ein nationales Komitee mit drei MS-Spezialisten adaptierte die Originalfassung an die deutschen Verhältnisse. In einer Pilotphase (im Jahr 2000) wurde es in 7 MS-Zentren getestet und ab September 2000 bundesweit vertrieben.
Das ACT Programm basiert auf der Self Regulation Theory zur Krankheitsverarbeitung (vgl. Bates, 2001; Earll, 1995 S. 291), die vor allem im angelsächsischen Sprachraum verbreitet ist. Das Individuum, das aktiv eine Definition bzw. eine mentale Repräsentation der Erkrankung konstruiert, steht mit seinem subjektiven Erleben im Vordergrund (vgl. Earll, 1995 S. 291). Grundidee ist ein selbstregulativer Regelkreis, der dem Regelkreis der Problemlösung stark ähnelt:
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| Abb. 7: Regelkreis der Self Regulation Theory | ||
| Inhalt/Layout: Barbara Poschwatta, 2004 (in Anlehnung an Bates, 2001 S. 5) |
1. Phase – Wahrnehmung
Betroffene15 konstruieren zu Beginn der Konfrontation mit einer Erkrankung ein mentales Abbild dieser Erkrankung. Diese mentale Repräsentation entspricht der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen und nicht der medizinischen Sicht oder objektivierbaren Fakten, dies kann zu Divergenzen zwischen Professionellen und Betroffenen führen (vgl. Brownlee et Al., 2000 S. 386; Earll, 1995). Unterschieden werden fünf Bereiche der Wahrnehmung:
Tab. 9: Repräsentationsbereiche
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Bereich |
Beschreibung |
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Identity Level |
Benennung, Symptome, Krankheitszeichen, funktionelle Einschränkungen |
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Time Line |
Zeitpunkt des Auftretens der Erkrankung, Dauer, Zeit bis zur Genesung |
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Consequences |
Funktionelle, soziale, ökonomische und psychologische Folgen |
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Cause |
Umweltfaktoren, interne Faktoren der Krankheitsentstehung |
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Control |
Kontrolle durch die eigene Person bzw. durch Andere inkl. Therapieoptionen |
Die Repräsentationen beinhalten zwei Abstraktionsebenen: Verbalisierung und konkrete Erfahrungsprozesse. Alle fünf Bereiche umfassen objektivierbare Merkmale und das subjektiv damit verbundene Erleben bzw. Empfinden.
2. Phase – Entscheidungen/Handlungen
Aus der mentalen Repräsentation werden im Prozess der Handlungsplanung Handlungsziele abgeleitet. Die Handlungsplanung ist kein vollständig bewusster Prozess, unbewusste Handlungsmechanismen spielen eine wesentliche Rolle (vgl. Leventhal et al., 1997 S. 27ff.). Nach der Entscheidung für individuelle Handlungsziele und -weisen werden diese umgesetzt.
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3. Phase – Evaluation/Neubewertung
Nach der Umsetzung der Handlungen werden die Handlungen überprüft und die mentale Repräsentation setzt erneut ein.
Gesundheits- und Krankheitsverhalten sind folglich das Produkt von Handlungen und Handlungsplänen bei deren Entwicklung Vernunft und Gefühl interagieren. Kontextfaktoren beeinflussen die Krankheitsrepräsentation und die Handlungsabläufe. (vgl. Brownlee et al., 2000 S. 376)
Die Ziele des ACT Programms sind für MS-Betroffene:
Behandelnde Ärzte sollen durch das ACT Programm in der Behandlung und Patientenführung unterstützt werden. Indirekt wird eine bessere Compliance angestrebt, die beiden Seiten zu Gute kommt. Grundgedanke des ACT Programms ist, dass Information die mentale Repräsentation beeinflussen kann und dies sich wiederum positiv auf das Verhalten auswirkt. Daher enthält ACT Informations- und Selbsterfahrungsanteile:
Tab. 10: Anteile des ACT Programms und ihre Funktion
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Anteil |
Funktion |
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Informationsbroschüre zum Programm |
Erläuterung der Ziele/Funktion des Programms |
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Therapieleitfaden: evidenzbasierte Darstellung der Therapiemöglichkeiten (RRMS) |
Information und Beitrag zur Therapieentscheidung |
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Übersichtskarte zur Basistherapie |
Information und Beitrag zur Therapieentscheidung |
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Selbstbeobachtungsbogen |
Selbstbeinschätzung der Betroffenen zur Unterstützung der Alltags- und Krankheitsbewältigung |
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Merkzettel für Fragen und Probleme |
Vorbereitung der Arzt-Patient-Gespräche zur Verbesserung der Arzt-Patient-Kommunikation |
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Broschüre Freude am Leben |
Information und Beitrag zur Alltagsbewältigung |
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Jahresübersicht |
Vermerken wichtiger Ereignisse (Schübe, Injektionen, Therapie etc.) à besserer Umgang mit MS |
4 Die Unterscheidung in Risikogebiete ist bei der High Risk Gruppe relativ ungenau: Die Spannweite geht von 30 bis über 300 Fälle pro 100.000 Einwohner (vgl. Kurtzke, 2000 S. 135)
5 Die Prävalenz wurde in einem Verfahren erhoben, das eine Schätzung erlaubt. Genauere Daten fehlen wegen der deutschen gesetzlichen Bestimmungen zu nichtmeldepflichtigen Erkrankungen.
6 Schubdefinition: Neuauftreten neurologischer Symptome oder Verschlechterung bestehender Symptomatik länger als 24 Stunden, wenn möglich Objektivierbarkeit der Symptome, stabiles Intervall von mind. 30 Tagen vor dem Schub, Ausschluss von Pseudoattacken/paroxysmalen Episoden (vgl. Clanet, 2002 S. 43; Flachenecker/Zettl, 2002 (2) S. 54ff.; Gold/Rieckmann, 2000 S.14)
7 Der EDSS bezieht sich überwiegend auf die Mobilität und ist nicht linear (vgl. Gold/Rieckmann, 2001). Auch die Interrater Reliabilität wird z.T. angezweifelt (vgl. Cohen et al., 2000). Der MSFC dagegen integriert zusätzlich die Arm-/Handfunktion sowie die kognitive Funktionsfähigkeit und gleichzeitig sind die Reliabilitätswerte sehr gut (vgl. Cohen et al., 2000).
8 z.B. initial grippeähnliche Symptome bei der β-Interferon-Therapie, Entzündungen der Injektionsstellen bzw. Hautnekrosen bei β-Interferonen, systemische Postinjektionsreaktionen bei GLAT oder Kardiotoxizität des Mitoxantron (vgl. Gold/Rieckmann, 2000)
9 Gesundheit ist ein Zustand absoluten körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Einschränkung (vgl. WHO, 1946 rat. 1948 S. 100).
10 ‚Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile’ (vgl. Aristoteles in www.daszitat.de , 2004)
11 Fürsorge und Autonomie widersprechen sich nicht zwangsläufig, aber dann wenn Fürsorge unreflektiert das Handeln bestimmt und die Autonomie missachtet wird. (vgl. Beauchamp/Childress, 2001)
12 Überwiegend fanden sich überhaupt keine Ergebnisse bei den Recherchen. Lediglich ‚patient centered’ AND ‚multiple sclerosis’ ergab fünf Ergebnisse, die aufgrund der gewählten Themenstellung aber nicht verwertbar waren.
13 Mit zunehmendem Behinderungsgrad nehmen finanzielle Auswirkungen und berufliche Einschränkungen stark zu und gleichzeitig die Lebensqualität ab (vgl. Kobelt et al., 2001; Rieckmann, 2001).
14 Die vorliegende Untersuchung wurde im Januar 2001 begonnen und die Voruntersuchungen Ende 2001 abgeschlossen. Die Ergebnisse der genannten Studien werden daher in die Diskussion integriert.
15 Betroffene ist in diesem Abschnitt auf Erkrankte oder Klienten in der Gesundheitsförderung bezogen.
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