|
| [Seite 94↓] |
Die Ergebnisse belegen die besondere Bedeutung der MS für die Betroffenen, ihr Umfeld und professionelle Akteure in der medizinischen Versorgung. Zusammenfassend sind dies:
Die nachfolgende Diskussion der Ergebnisse dient gleichzeitig der Einordnung und vertiefenden Explikation. Bezugspunkte sind:
Für die Erörterung der Ergebnisse zur Lebenssituation MS-Betroffener ist wesentlich, inwieweit Veränderungen auf die MS zurückzuführen sind und welche MS-spezifischen Faktoren im Einzelnen besonders wirksam werden.
|
| [Seite 95↓] |
Die emotional geprägte erste Reaktion auf die Diagnose ist überwiegend negativ (vgl. Strasser-Fuchs et al., 1997 S. 966). Die affekt-betonte Erstreaktion wird meist von dem kognitiv geprägten Handlungsmuster der Informationssuche begleitet. Passivität in Form von Verdrängen ist deutlich seltener. Informationssuche ist Kennzeichen der Stärkung des Sense of Comprehensibility und gleichzeitig charakteristisch für wesentliche Merkmale der MS: Die Erkrankung ist weitgehend unbekannt oder nur namentlich bekannt (vgl. Vorkenntnisse selten) und nicht nur wegen der Unberechenbarkeit im Krankheitsverlauf mit großem Unsicherheitspotenzial verbunden.
Handlungsorientierung und Emotionsmuster nach der Diagnose stehen in einem signifikanten Zusammenhang, der erste Rückschlüsse auf Grundhaltung und Verarbeitungsmuster der Betroffenen zulässt:
| Abb. 21: Reaktionsmuster und Handlungsorientierung | ||
| Legende: Angaben in % von n = 1137; chi² Test p = 0,000 |
Nach positiver emotionaler Reaktion ist aktive Informationssuche häufiger und Passivität seltener. Auch gemischte affektive Reaktionen führen seltener zu Verdrängen. Besonders häufig ist Verdrängen nach negativ geprägter Reaktion. Dieses Zusammenspiel der MS als Unsicherheitsfaktor und persönlichkeitsgeprägter Reaktion auf die Diagnose wird durch den Einfluss anderer Faktoren untermauert:
|
| [Seite 96↓] |
| Abb. 22: Ausgewählte Einflussfaktoren für die Reaktion auf die Diagnose | ||
| Legende: Angaben in %; Zeit bis Diagnose chi² Test p = 0,002; Alter bei Diagnose chi² Test p = 0,000 |
Persönliche Reife, individuelle Erfahrungen und Unsicherheit wirken sich auf die emotionale Reaktion und die Handlungsorientierung nach der Diagnosestellung aus: Unsicherheit wird durch mangelnde Kenntnis des Krankheitsbildes und durch die Dauer bis zur endgültigen Diagnosestellung ausgelöst (vgl. Sandhaas, 2003; Strasser-Fuchs et al., 1997 S. 963ff.). Bei Kenntnis der MS Erkrankung ist die emotionale Reaktion häufiger positiv und Verdrängen seltener. Dauert die Diagnosesicherung länger als 2 Jahre, sind positive Reaktionen häufiger: Die MS stellt eine unbekannte, nicht einschätzbare Größe dar, erst die Diagnose ermöglicht die zielgerichtete Auseinandersetzung. Nicht die MS selbst sondern Belastung und Ängste durch das Fehlen einer konkreten, benennbaren Ursache führen in diesem Fall zur Verunsicherung.
Die Bedeutung persönlicher Reife und vorhandener Lebenserfahrungsmuster zeigt sich in der Abhängigkeit der Reaktion vom Alter bei Diagnosestellung. Positive Reaktionen und schnelle Informationsbeschaffung sind häufiger bei einem Alter über 30 Jahren zum Zeitpunkt der Diagnose. Sind die Betroffenen zum Zeitpunkt der Diagnose jünger, sind negative Reaktionen und Verdrängen häufiger. Persönliche Reife bzw. Lebenserfahrung erleichtern folglich den Umgang mit der Diagnose MS. Ist die persönliche Orientierung (Zukunftsplanung, Identitätsentwicklung) noch nicht abgeschlossen, ist der Umgang mit der MS als weiterem Unsicherheitsfaktor schwieriger. Die Stärke des SOC wirkt sich folglich bereits bei Erkrankungsbeginn deutlich aus.
|
| [Seite 97↓] |
Auch im Krankheitsverlauf hat die MS-bedingte Unsicherheit eine besondere Bedeutung und bestimmt z.T. die Wahrnehmung der MS. Trotzdem überwiegen positiv orientierte Wahrnehmungsmuster. Zwischen den einzelnen Wahrnehmungen und MS-bedingten sowie persönlichkeitsspezifischen Aspekten bestehen unterschiedliche Zusammenhänge:
Tab. 62: Einflussfaktoren für die Krankheitswahrnehmung
|
Faktor |
Umgang |
|||||
|
Positive Akzeptanz |
Verdrängen positiv |
Zentrale Bedeutung |
Verleugnung |
Belastung abhängig |
Zukunftsangst |
|
|
Stichprobe |
45,8 |
17,1 |
12,5 |
2,1 |
12,4 |
10,0 |
|
Symptomatik (subjektiver Schweregrad) 46 (chi ² Test p = 0,000; n = 981) |
||||||
|
Keine |
30,0 |
70,0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
|
Schwach |
53,2 |
22,2 |
8,0 |
0,8 |
2,6 |
13,2 |
|
Mittel |
48,6 |
13,0 |
13,2 |
1,8 |
4,6 |
8,9 |
|
Stark |
23,3 |
11,1 |
21,1 |
3,3 |
33,3 |
7,8 |
|
Pflegebedarf (kein Bedarf bis Pflegestufe 3) 47 (chi ² Test p = 0,000; n = 1047) |
||||||
|
Kein Bedarf |
49,0 |
18,8 |
11,7 |
0,9 |
7,8 |
11,8 |
|
Stufe 1 |
46,6 |
8,0 |
9,1 |
1,1 |
31,8 |
3,4 |
|
Stufe 2 |
28,8 |
17,8 |
17,8 |
11,0 |
21,9 |
2,7 |
|
Stufe 3 |
27,6 |
3,4 |
17,2 |
13,8 |
37,9 |
0,0 |
|
Reaktion auf die Diagnose (chi ² Test p = 0,006; n = 1027) |
||||||
|
negativ |
41,7 |
17,4 |
14,2 |
2,1 |
12,1 |
12,5 |
|
gemischt |
53,0 |
16,7 |
10,8 |
1,6 |
12,0 |
6,0 |
|
positiv |
54,0 |
14,0 |
8,7 |
2,7 |
15,3 |
5,3 |
|
Handlungsmuster nach Diagnose (chi ² Test p = 0,000; n = 1088) |
||||||
|
Aktiv |
51,6 |
13,6 |
12,3 |
1,3 |
11,1 |
10,1 |
|
Passiv |
31,6 |
24,8 |
14,4 |
3,2 |
14,8 |
11,2 |
Positive Akzeptanz der MS
Die Komponenten dieser Wahrnehmung lassen auf ein starkes SOC in Folge starker Kernkomponenten schließen. Dies wird durch eine positivere Grundorientierung im Reaktionsverhalten auf die Diagnose bestätigt (häufiger positive Reaktion, schnelle Informationssuche). Vergleichbar ist die positive Akzeptanz mit der Integration der MS in Lebenssituation und Selbstkonzept (vgl. Brooks/Matson, 1982; Katzlberger et al., 1995). Diese Integration erfordert [Seite 98↓]psychische Adaptation, so dass Neubetroffenen dieser innere Gleichgewichtszustand seltener gelingt als Betroffenen mit einer längeren Krankheitsdauer. Gleichzeitig wirken objektiv messbare Einschränkungen (zunehmender Pflegebedarf) wie auch subjektives Belastungserleben destabilisierend.
Positive Nichtbeschäftigung
Die handlungsleitenden Orientierungen weisen auf starke Kernkomponenten des SOC hin. Gleichzeitig ist Verdrängen häufig ein durchgängiges Verhaltensmuster (bereits nach der Diagnose häufiger). Positive Nichtbeschäftigung basiert ebenfalls auf psychischer Adaptation, sie nimmt bei einer Krankheitsdauer über fünf Jahren deutlich zu. Diese Wahrnehmung ähnelt dem Beschwichtigungsverhalten (vgl. Ritter, 1984 S. 71). Positive Grundorientierung und Adaptation widersprechen einer echten Verleugnung (vgl. Matson/ Brooks, 1977 S. 248ff; Katzlberger et al., 1995 S. 19; Ritter, 1984 S. 71). Der objektive Behinderungsgrad (Pflegebedarf) steht nicht in einem linearen Zusammenhang mit dieser Wahrnehmung, dagegen wirkt sich das subjektive Belastungserleben deutlich aus: Je größer die erlebte Belastung desto seltener ist positive Nichtbeschäftigung möglich.
Zentrale Bedeutung der MS
Die MS als bestimmendes Element weist auf einen stark ms-bezogenen Sense of Meaningfulness hin. Die Grundhaltung ist deutlich negativer aber ohne durchgängige Handlungsorientierung. Diese Wahrnehmung erinnert an die Entwicklung eines ms-geprägten Selbstkonzeptes (vgl. Copingtyp Legitimierter Ziegeler, 1998 S. 165ff.; Ziegeler/Friedrich, 2002 S. 240ff.). Die Krankheitsdauer hat keinen Einfluss, psychische Adaptation wird nicht wirksam. Dagegen ist bei objektiver Zunahme der Einschränkung (erhöhter Pflegebedarf) und steigendem Belastungserleben die bestimmende Rolle der MS häufiger.
Keine Beschäftigung bei negativen MS-Auswirkungen
Eine Einordnung dieser Wahrnehmung in das System des SOC ist nicht möglich. Verdrängen ist ebenso wie bei der positiven Nichtbeschäftigung häufig ein durchgängiges Verhaltensmuster (bereits als Diagnosereaktion häufiger). Diese Wahrnehmung ist die resignative Akzeptanz negativer Fol[Seite 99↓]gen der MS: Zu Beginn der Erkrankung ist diese Wahrnehmung selten und nimmt erst im Krankheitsverlauf zu (r = 0,136***). Ähnlich wirken sich subjektiv empfundene Symptombelastung und zunehmender Pflegebedarf aus. Die psychische Adaptation ist durch die Folgen der MS bestimmt: Störungen des Selbstkonzeptes werden resignativ verarbeitet. Verdrängen ist keine frühzeitige Verleugnung, sondern die adaptierte Wahrnehmung nach längerer Krankheitsdauer (vgl. Katzlberger et al., 1995; Matson/ Brooks, 1977).
MS als Belastung
Akzeptanz trotz Belastung durch bestehenden Hilfebedarf oder Zukunftsangst bei bestehender Belastung deuten auf einen schwachen Sense of Manageability hin. Akzeptanz ist aufgrund des negativen Belastungserlebens als Resignation zu werten, die Integration in das Selbstkonzept wird deutlich durch die Abhängigkeit von Anderen gestört. Die Notwendigkeit von Unterstützung wird als Störung von Selbstbestimmung und Selbstkonzept erlebt. Die Auswirkungen objektiver Einschränkungen (besonders häufig bei Pflegestufe 3) und des subjektiven Belastungserlebens belegen, dass diese Wahrnehmung eng an konkrete Folgen der MS gekoppelt ist. Übereinstimmung mit Bewältigungstypen bestehen wegen des Gegensatzes von Angst und Akzeptanz nur z.T.: Zerstörung (vgl. Görres et al., 1988) bzw. Ratlosigkeit (vgl. Ziegeler, 1998) sind ebenfalls durch starke Beeinträchtigung des Selbstkonzeptes wegen mangelnder Integrierbarkeit von Verlusten charakterisiert.
MS als Bedrohung
Das SOC scheint bei diesem Wahrnehmungsmuster für die gegenwärtige Lebenssituation ausreichend, Zweifel bestehen an der eigenen Stärke bei möglichen zukünftigen Veränderungen. Zukunftsangst ist häufig an eine negative Grundhaltung gekoppelt (negative Diagnosereaktion häufiger). Bei Neubetroffenen ist diese Wahrnehmung deutlich häufiger. Auch leichtes Belastungserleben verstärkt diese Wahrnehmung, während es bei starker subjektiver Belastung oder objektiv belegbaren Einschränkungen seltener ist. Stören Einschränkungen das Selbstkonzept nicht übermäßig, wirkt sich die Unsicherheit verstärkend aus, die MS wird als potenzielle Bedrohung empfunden.
|
| [Seite 100↓] |
Das Unsicherheitspotenzial der MS spiegelt sich in den Sorgen der Befragten wider. Gleichzeitig wird ein enger Bezug zur eigenen Situation deutlich:
Die Bedeutung der Unterstützungsarten in Abhängigkeit von Krankheitsdauer und anderen Faktoren belegt den situationsspezifischen Bedarf Betroffener:
|
|
Tab. 63: Unterstützung in Bezug zur Wahrnehmung
|
Wahrnehmung |
Unterstützungsart |
||||||
|
n |
Kognitiv |
r partiell |
Erfahrung |
r partiell |
aktiv |
r partiell |
|
|
Positive Integration |
502 |
70,5 |
-0,100** |
54,0 |
-0,101*** |
17,3 |
(0,041) |
|
Nichtbeschäftigung positiv |
187 |
63,1 |
(0,002) |
39,6 |
0,075** |
9,1 |
0,131*** |
|
Zentrale Bedeutung |
137 |
62,0 |
(0,014) |
38,0 |
0,073** |
29,2 |
-0,082** |
|
Verleugnung |
23 |
65,2 |
(-0,027) |
56,5 |
(-0,018) |
43,5 |
(-0,054) |
|
Belastung |
136 |
46,3 |
0,116*** |
51,5 |
(-0,019) |
38,2 |
-0,144*** |
|
Bedrohung |
110 |
70,0 |
(-0,007) |
44,6 |
(0,015) |
8,2 |
(0,056) |
|
Gesamt |
1095 |
65,0 |
48,3 |
19,6 | |||
Die MS wird im Krankheitsverlauf zwar zunehmend stärker als Belastung des Alltags empfunden, aber der Zusammenhang zur Krankheitsdauer ist relativ schwach. Dies entspricht der geringen Zunahme der erlebten Einschränkung durch Einzelsymptome im Krankheitsverlauf, gleichzeitig widerspricht dies der Datenlage zu natürlichem Krankheitsverlauf und Behinderungsgrad.
|
|
Tab. 64: Alltagsbewältigung - Einflussfaktoren
|
Faktor |
r unbereinigt |
Gültig |
r partiell Krankheitsdauer |
Gültig |
|
Krankheitsdauer |
0,174*** |
1197 |
entfällt | |
|
Pflegebedarf |
0,244*** |
1208 |
0,172*** |
1187 |
|
Schweregrad subjektiv |
0,419*** |
1080 |
0,397*** |
1072 |
Auch der Pflegebedarf korreliert nur sehr gering mit der Einschränkung der Alltagsbewältigung durch die MS. Dagegen korreliert das subjektive Belastungserleben mit der allgemeinen Belastung der Alltagsbewältigung etwas stärker. Das subjektive Erleben der Einschränkung der Alltagsbewältigung durch die MS ist folglich nicht nur auf den objektiven Schweregrad zu beziehen, sondern stark individuell geprägt. Der Unterschied zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung ist offenkundig. Diese Divergenz wurde bislang vor allem bei kognitiven Symptomen beschrieben (vgl. Rothwell et al., 1997).
Die Änderung der Lebenseinstellung aufgrund der MS als Kennzeichen psychischer Auswirkung führt in geringem Maß auch zu einem stärkeren Empfinden der Einschränkung der Alltagsbewältigung (rpartiell = 0,206***). Dieser Zusammenhang ist auf Persönlichkeit und Lebenssituation zurückzuführen, dies wird indirekt durch die Beziehung zwischen Wahrnehmung der MS und Belastungserleben bestätigt: Bei positiver Wahrnehmung der MS ist das Erleben der Alltagsbewältigung positiver als bei bestimmender Bedeutung oder Belastung durch Abhängigkeit.
Tab. 65: Wahrnehmung der MS und Alltagsbewältigung
|
Wahrnehmung |
n |
ja |
teils |
nein |
r |
r partiell Krankheitsdauer/Pflege |
|
Positive Akzeptanz*** |
501 |
34,5 |
56,7 |
8,8 |
0,147 |
0,115 |
|
Nichtbeschäftigung positiv*** |
187 |
20,3 |
56,7 |
23,0 |
0,247 |
0,260 |
|
Zentrale Bedeutung*** |
137 |
81,0 |
18,2 |
0,7 |
-0,261 |
-0,248 |
|
Belastung*** |
135 |
83,7 |
16,3 |
0,0 |
-0,278 |
-0,226 |
|
Verleugnen |
23 |
56,5 |
43,5 |
0,0 |
-0,043 |
0,002 |
|
Bedrohung |
110 |
40,0 |
52,7 |
7,3 |
-0,020 |
-0,020 |
|
Gesamt |
1093 |
45,0 |
46,2 |
8,8 |
entfällt |
entfällt |
Die Auswirkungen der MS auf die Alltagsbewältigung sind folglich nicht nur symptombezogen oder mittels objektiver Kriterien zu bestimmen.
|
| [Seite 103↓] |
Die Unterstützung aus dem sozialen Umfeld und von professionellen Helfern unterscheidet sich signifikant. Bei aktiver Hilfe und psychischer Unterstützung ist der geringe Anteil professioneller Leistung eventuell durch die Begrenzung der Antwortmöglichkeiten mit verursacht. Professionelle psychische Unterstützung geben nur 1/5 der Betroffenen in psychotherapeutischer Behandlung an. Auf die Pflege ist dies nicht zu übertragen (beliebige Antwortzahl) und professionelle Pflegekräfte sind ebenfalls geringer eingebunden als Angehörige (inkl. Partner). Abhängig ist die Beteiligung professioneller Pflegekräfte vom Grad der Pflegebedürftigkeit, je größer der Bedarf desto häufiger sind professionelle Pflegekräfte beteiligt. Bezogen auf das soziale Umfeld besteht kein signifikanter Zusammenhang zur Pflegestufe.
Tab. 66: Pflegestufen und Leistungserbringer
|
Leistung durch Einstufung |
n |
Professionelle Pflegende *** |
Partner |
Familie |
Freunde |
|
Keine |
34 |
11,8 |
64,7 |
38,2 |
20,6 |
|
Stufe 1 |
92 |
19,6 |
54,3 |
45,7 |
21,7 |
|
Stufe 2 |
80 |
31,3 |
63,8 |
40,0 |
15,0 |
|
Stufe 3 |
31 |
54,8 |
58,1 |
25,8 |
9,7 |
|
Gesamt |
237 |
26,9 |
59,2 |
39,9 |
18,1 |
Die Ergebnisse zur Pflege lassen den Schluss zu, dass auch bei aktiver Hilfe im Alltag tatsächlich selten professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Die besondere Bedeutung des nahen sozialen Umfeldes wird durch andere Untersuchungen bestätigt (vgl. informelle Kosten, Kobelt et al., 2001; Rieckmann, 2001; Studien zur Situation von Angehörigen, z.B. McKeown, 2003). Mögliche Erklärungen für die geringe Inanspruchnahme professioneller Hilfe sind:
Angst vor Fremdbestimmung
Die Sorge vor Abhängigkeit ist bei Pflegebedarf im Vergleich relativ häufig (29,8%). Gleichzeitig verstärkt sich das Gefühl des Verlustes der Selbstbestimmung bei Inanspruchnahme professioneller Pflege (bestätigt durch Expertengespräche). Die Distanz zu professionellen Helfern und die Sorge vor dem Eindringen Fremder in die Privatsphäre trägt zur Vermeidung bei.
|
| [Seite 104↓] |
geringe Flexibilität professioneller Dienstleister
Professionelle Hilfe und Pflege sind relativ stark strukturiert und scheinbar unflexibel in Zeitplanung und Leistungen. Bei der MS sind Symptome und Einschränkungen leicht veränderlich, Planbarkeit ist nur bedingt gegeben.
Kenntnisstand und Gewohnheiten
Aus Sicht Betroffener und Experten werden individuelle Probleme bzw. Gewohnheiten bei der Durchführung von Pflegemaßnahmen von professionellen Pflegekräften nicht ausreichend beachtet. Routine und individuelle Versorgung sind bei Unterstützung durch das nahe Umfeld dagegen gegeben.
Beziehungen werden durch die MS beeinflusst. Der Zusammenhang zur Krankheitsdauer lässt sich u.a. auf die Zunahme MS-bedingter Einschränkungen zurückführen (vgl. Gulick, 1994; O’Brien, 1993; Stenager et al., 1994), was durch den Einfluss des Pflegebedarfs auf Beziehungen bestätigt wird. Aber bereits Neubetroffene geben z. T. Auswirkungen an: Auslöser für Beziehungsänderungen sind nach Aussage Betroffener (Interviews) Reaktionen des Gegenübers (Entwicklung über einen längeren Zeitraum) und Veränderung der eigenen Einstellung zu Beziehungen (bereits frühzeitig nach der Diagnose).
Tab. 67: Reaktion des Umfeldes vs. Auswirkungen auf Beziehungen
|
Krankheitsdauer |
Auswirkung auf |
|||
|
Partnerschaft |
Freundschaften |
|||
|
r |
n |
r |
n |
|
|
Neubetroffene |
0,491*** |
89 |
0,646*** |
50 |
|
> 1 Jahr Krankheitsdauer |
0,576*** |
740 |
0,485*** |
605 |
|
Gesamt |
0,573*** |
835 |
0,500*** |
663 |
Zwischen der Veränderung der Partnerschaft durch die MS und der Art der Partnerschaft48 bestehen Zusammenhänge: Singles haben häufiger negative Erfahrungen mit Partnerreaktionen. Ob die MS der Grund für das Singledasein ist, lässt sich nicht schlussfolgern, aber 65,3% der Singles haben bereits eine Trennung wegen der MS erlebt (Stichprobe 15,9%). In der Literatur wird bei der MS wie auch bei anderen chronischen Erkrankungen z.T. eine höhere Scheidungsrate mit geschlechtsspezifischen Unterschieden diskutiert (häufiger Scheidungen bei weiblichen Betroffenen, (vgl. Glantz et al., 2001). Die Scheidungsrate ist nicht zu beziffern, aber bei Trennungen sind im Gegensatz männliche Befragte häufiger betroffen als Frauen (16,2% zu 23,7%).
Tab. 68: Partnerreaktion in Bezug zur Art der Partnerschaft
|
Art der Partnerschaft |
n |
Positiv |
Teils |
Negativ |
|
Ehe/eheähnliche Lebensgemeinschaft |
789 |
53,1 |
41,7 |
5,2 |
|
Living apart together |
98 |
58,2 |
37,8 |
4,1 |
|
Singles |
154 |
16,2 |
43,5 |
40,3 |
|
Gesamt |
1041 |
48,1 |
41,6 |
10,3 |
Die beruflichen Perspektiven werden stark durch die MS beeinflusst und die Auswirkungen der Krankheitsdauer sind deutlich. Mögliche Erklärungen sind:
Auswirkung spezifischer Symptome auf die Berufsausübung
Ein Zusammenhang zwischen den vorhandenen Symptomen und Auswirkungen auf die Berufstätigkeit kann nur für Neubetroffene (8,8% Berufswechsel, 20% Reduzierung der Arbeitszeit) hergestellt werden49: Berufswechsel sind häufiger bei Sehstörung oder Spastik der Arme. Arbeitszeitreduzierung ist häufiger bei Schmerzen, Sehstörung, Gangunsicherheit, verkürzter Gehstrecke oder Störung der Feinmotorik.
|
| [Seite 106↓] |
Unkenntnis der Unterstützungsmöglichkeiten zur Berufsausübung
Unkenntnis oder die Vorstellung von Unvereinbarkeit von MS und Beruf können in der vorliegenden Untersuchung nicht verifiziert werden. Das Interesse an beruflichen Folgen ist zwar vom Bestehen der Berufstätigkeit abhängig, aber nur 34,4% der erwerbstätigen Betroffenen informieren sich darüber.
Lebensqualität50 und Lebenszufriedenheit verschlechtern sich im Krankheitsverlauf. Der Zusammenhang ist mit Ausnahme von physischer Summenskala, körperlicher Funktionsfähigkeit und sozialer Zufriedenheit überwiegend sehr schwach oder nicht signifikant. Die Krankheitsdauer ist folglich nicht die bestimmende Größe (vgl. Patti et al., 2003; Benito-Leon et al., 2002).
Tab. 69: Einflussfaktoren für Lebensqualität und Lebenszufriedenheit
|
Dimensionen |
Änderung Lebenseinstellung |
Änderung Alltagsbelastung |
Zunehmender Pflegebedarf |
Krankheitsdauer |
||||
|
n |
r(*) |
n |
r (*) |
n |
r (*) |
n |
r |
|
|
Allgemeine Zufriedenheit |
1187 |
0,126*** |
1188 |
0,374*** |
1141 |
0,090** |
1191 |
0,092** |
|
AGES (SF-36) |
690 |
0,182*** |
690 |
0,423*** |
662 |
0,182*** |
693 |
(0,053) |
|
Körperl. Zufriedenheit |
1155 |
0,150*** |
1157 |
0,526*** |
1112 |
0,188*** |
1160 |
0,136*** |
|
Skala Körper (SF-36) |
620 |
0,123** |
620 |
0,453*** |
599 |
0,406*** |
623 |
0,273*** |
|
KÖFU (SF-36) |
703 |
(0,065) |
703 |
0,413*** |
673 |
0,530*** |
706 |
0,447*** |
|
KÖRO (SF-36) |
664 |
0,138*** |
664 |
0,386*** |
638 |
0,240*** |
667 |
0,199*** |
|
SCHM (SF-36) |
708 |
0,203*** |
708 |
0,338*** |
676 |
0,144*** |
711 |
(0,068) |
|
VITA (SF-36) |
702 |
0,197*** |
702 |
0,407*** |
671 |
0,112** |
705 |
(0,013) |
|
Psych. Zufriedenheit |
1172 |
0,136*** |
1174 |
0,367*** |
1127 |
0,074* |
1177 |
0,064* |
|
Skala Psyche (SF-36) |
620 |
0,184*** |
620 |
0,230*** |
599 |
0,090* |
623 |
(0.083) |
|
EMRO (SF-36) |
655 |
0,179*** |
655 |
0,222*** |
628 |
(0,072) |
658 |
(0,044) |
|
PSYC (SF-36) |
700 |
0,154*** |
700 |
0,287*** |
669 |
(0,024) |
703 |
(0,013) |
|
Soziale Zufriedenheit |
1066 |
0,105*** |
1067 |
0,252*** |
1027 |
0,085* |
1072 |
0,203*** |
|
SOFU (SF-36) |
708 |
0,183*** |
708 |
0,411*** |
677 |
0,153*** |
711 |
0,116** |
|
Zufriedenheit Alltag |
982 |
0,135*** |
984 |
0,358*** |
958 |
0,294*** |
987 |
0,187*** |
Die schlechtere Bewertung von Lebensqualität und Lebenszufriedenheit mit zunehmender Krankheitsdauer erklärt sich u.a. durch die Zunahme von Einschränkungen oder Behinderung (vgl. Amato et al., 2001; Henriksson et al., [Seite 107↓] 2001). Wie in anderen Untersuchungen (vgl. u.a. Miller et al., 2003; ModRego et al., 2001; Merkelbach et al., 2002; Solari/Radice, 2001; Nortvedt et al., 2000) werden vor allem physische Dimensionen beeinflusst: Bei zunehmendem Pflegebedarf werden körperliche Funktionsfähigkeit und physische Summenskala schlechter bewertet, der Einfluss auf die anderen Dimensionen ist nur sehr schwach oder nicht signifikant. Ist keine Pflege notwendig, werden alle Dimensionen außer der psychischen Summenskala besser als im Durchschnitt bewertet. Auf die Lebenszufriedenheit wirkt sich zunehmender Pflegebedarf überwiegend nur sehr schwach aus.
Die wahrgenommene Alltagsbelastung durch die MS beeinflusst die Bewertung der körperlichen und sozialen Dimensionen der Lebensqualität deutlich stärker als auf die Einschätzung psychischer Dimensionen. Die Lebenszufriedenheit wird zwar ebenfalls im physischen Bereich am stärksten beeinträchtigt, aber gleichzeitig zeigen sich engere Korrelationen zu den psychischen und alltäglichen Folgen zunehmender Alltagsbelastung sowie eine Verschlechterung der allgemeinen Zufriedenheit. Dagegen wird die soziale Zufriedenheit geringer beeinträchtigt als die soziale Funktionsfähigkeit. Der SF-36 erfasst folglich die konkreten Folgen körperlicher Einschränkungen sensitiver, als mögliche psychische Belastungen (vgl. Nortvedt et al., 2000).
Die Änderung der Lebenseinstellung als Kennzeichen der psychischen Auswirkungen der MS wirkt sich nur sehr schwach auf Lebenszufriedenheit und Lebensqualität aus. Ändert sich aber die Lebenseinstellung nicht, dann bewerten die Betroffenen alle Dimensionen von Lebensqualität und Lebenszufriedenheit deutlich besser als im Durchschnitt der Gesamtstichprobe.
Die Ergebnisse verdeutlichen den Unterschied von zeitlich begrenzt erhobener Lebensqualität und der zeitlich unabhängigen Lebenszufriedenheit. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität fokussiert stärker auf den körperlichen Bereich, körperliche Einschränkungen zeigen die deutlichsten Zusammenhänge zur Verschlechterung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Psychische Folgen der Einschränkungen werden dagegen nur bedingt erfasst.
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| [Seite 108↓] |
Die Lebenszufriedenheit ist sensitiver für die Bedeutung der Einschränkungen für den Einzelnen. Besonders deutlich wird dies beim Zusammenhang zwischen Alltagsbelastung und den einzelnen Dimensionen: Die Alltagsbelastung hat eine größere Bedeutung für die körperliche Zufriedenheit als für die tatsächliche Alltagszufriedenheit. Auch die Korrelationen zwischen den Dimensionen des SF-36 und den dazugehörigen Dimensionen der Lebenszufriedenheit spiegeln dies wider: Die körperlichen Dimensionen des SF-36 korrelieren nur gering mit der körperlichen Zufriedenheit. Diese hängt stärker von sozialer Funktionsfähigkeit, Vitalität und allgemeinem Gesundheitszustand ab. Die Einschätzung der körperlichen Zufriedenheit ist folglich differenzierter, als es durch einzelne physische Kriterien abgebildet wird. Der stärkere Einfluss von Vitalität und allgemeinem Gesundheitszustand weist auf eine vergleichende Bewertung hin: Nicht das einzelne Defizit wird eingeschätzt, sondern die Bedeutung für die Lebenssituation.
Die soziale Zufriedenheit und die Alltagszufriedenheit korrelieren maximal gering mit dem SF-36 und den benannten Faktoren. Dafür bestehen stärkere Korrelationen zwischen sozialer Zufriedenheit und Folgen der MS für die Partnerschaft: Sowohl die Auswirkungen der MS auf die Beziehung als auch die Partnerreaktion wirken sich aus: je positiver desto größer die Zufriedenheit und umgekehrt (r partiell Auswirkung = 0,550***; r partiell Reaktion= 0,515***)51.
Auswirkungen der MS auf die Lebenssituation
Die Auswirkungen der MS auf die Dimensionen der Lebenssituation sind multifaktoriell bedingt. Sie sind nicht nur auf MS-bedingte Einschränkungen zurückzuführen und beeinflussen sich in unterschiedlicher Form gegenseitig.
Psychische Auswirkungen
Die psychischen Auswirkungen der MS basieren auf der Stabilität des Selbstkonzeptes und Einflüssen des Unsicherheitspotenzials der MS, MS-bedingter Einschränkungen, Persönlichkeit und situationsabhängigen Faktoren. Das [Seite 109↓]Unsicherheitspotenzial wird vor, während und nach der Diagnose wirksam und wiederum durch mehrere Faktoren verursacht bzw. gefördert:
Subjektives Belastungserleben und Grundhaltung wirken als persönlichkeitsspezifische Faktoren über die Verstärkung der Unsicherheit hinaus. Sie beeinflussen nachhaltig die Einschätzung der MS und ihrer Auswirkungen in allen Krankheitsphasen. MS-bedingte Einschränkungen als objektiv messbare Faktoren wirken unterschiedlich stark. Die Art der Wechselbeziehung der Einflussfaktoren und zunehmende Erfahrung im Krankheitsverlauf erklären den z.T. vorhandenen Zusammenhang zwischen Krankheitsdauer und –wahrnehmung. Stabiles Coping (vgl. Görres et al., 1988 S. 278) nach mehrjähriger Krankheitsdauer ist anzuzweifeln (vgl. Ziegeler/Friedrich, 2002 S. 229), weil die Wahrnehmung als Teil des Coping weiterhin veränderbar bleibt.
Alltagsbewältigung und Unterstützung
Die Alltagsbewältigung wird durch MS-bedingte Probleme belastet, aber das subjektive Erleben der Schwere der Einschränkung ist persönlichkeits- und situationsabhängig. Der Zusammenhang zwischen Krankheitsdauer und erlebter Alltagsbelastung ist folglich nicht nur auf die Zunahme MS-bedingter Einschränkungen zurückzuführen. Zwischen psychischen Auswirkungen und subjektivem Erleben der Alltagsbewältigung bestehen enge Beziehungen.
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| [Seite 110↓] |
Die Bedeutung der Unterstützungsarten wird von MS-bedingter Unsicherheit, Persönlichkeit und situationsabhängigen Faktoren beeinflusst. Unterstützung leistet vor allem das soziale Umfeld, professionelle Unterstützung ist selten.
Soziale Auswirkungen
Soziale Auswirkungen sind durch MS-bedingte Einschränkungen zusammen mit psychischen Folgen und Reaktionen des Umfeldes verursacht. Die Bedeutung der Einschränkungen nimmt im Krankheitsverlauf stark zu.
Lebensqualität und Lebenszufriedenheit
Lebensqualität und die Lebenszufriedenheit werden durch die MS stark beeinflusst, im Vergleich zu Normstichproben ist die Einschätzung schlechter (vgl. RKI, 2000; Bullinger/Kirchberger, 1998; v. Steinbüchel et al., 1999). MS-bedingte Einschränkungen beeinflussen die Lebensqualität stärker als die Lebenszufriedenheit. Dagegen verändert das subjektive Erleben deutlich stärker die Lebenszufriedenheit. Das Konstrukt der Lebenszufriedenheit integriert im Gegensatz zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität die Bedeutung möglicher Einschränkungen für den Einzelnen, entsprechend ist der Zusammenhang zum Erleben der Alltagsbelastung enger. Dem subjektiven Erleben wird die Erhebung der Lebenszufriedenheit eindeutig besser gerecht.
Vergleich mit den Hypothesen
Die Hypothesen zu den Auswirkungen der MS auf die Lebenssituation werden überwiegend bestätigt: In allen Dimensionen wirkt sich die MS deutlich aus, aber diese Folgen sind nicht nur auf objektiv messbare, körperliche Veränderungen zurückzuführen. Die Krankheitsdauer als Einflussgröße ist Kennzeichen objektiver Zunahme von Einschränkungen aber auch der psychischen Adaptation. Die Auswirkungen werden in Abhängigkeit von der Persönlichkeit unterschiedlich bewertet. Das subjektive Erleben beeinflusst nicht nur die individuelle Einschätzung von Lebensqualität oder –zufriedenheit, sondern ebenso die Bewertung der Alltagsbelastung. Unterschiede in Fremd- und Selbsteinschätzung können zu Divergenzen in der Bewertung führen. Die Auswirkungen der MS auf einzelne Lebensbereiche und –situation können abgeleitet werden, aber nicht ihre Bedeutung für den Einzelnen.
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Allgemein sind Erwartungen an die Arzt-Patient-Beziehung von Krankheitsbild, Informiertheit, Umgang mit der Erkrankung und Alter abhängig (vgl. Baum et al., 1996 S. 142ff., Trojan et al. zit. in Dierks et al, 1995 S. 142; Dierks et al., 1995 S. 146ff.; Poschwatta, 2000). Anforderungen MS-Betroffener an die Arzt-Patient-Beziehung wurden in Deutschland bislang nicht erhoben.
Fachkompetenz (Informiertheit) und Patientenführung (Beteiligung an der Therapieentscheidung) haben herausragende Bedeutung für Betroffene. Dies widerspricht der Vermutung, dass personelle Kompetenzen in den Vordergrund rücken, wenn Heilung nicht erreicht werden kann (vgl. Stosberg, 1996 S. 74; Ziegeler/Friedrich, 2002 S. 110ff.). Die Informiertheit des Arztes als wichtigste Eigenschaft wird im Krankheitsverlauf von der Beteiligung an der Therapieentscheidung abgelöst. Diese Änderung basiert auf zunehmender Erfahrung und Wissenszuwachs statt auf psychischer Adaptation oder zunehmenden Einschränkungen mit Bedeutungsverlust neuer Informationen (kein signifikanter Zusammenhang zu Wahrnehmung, Pflegebedarf oder Alltagsbelastung). Die Informiertheit des Arztes wird etwas unwichtiger, wenn das eigene Wissen zunimmt. Beteiligung an der Therapieentscheidung wird im Vergleich wichtiger, weil sie für Betroffene grundlegende Bedeutung hat und Therapieentscheidungen im gesamten Krankheitsverlauf zu treffen sind.
Während die Krankheitswahrnehmung als wichtige Größe für den Umgang mit der MS keine entscheidende Rolle für die Erwartungshaltung spielt, bestätigt sich die Bedeutung der Informiertheit von Patienten. Altersabhängig ist die Erwartungshaltung nicht, es zeigen sich keine signifikanten Änderungen.
Der Wunsch nach Beteiligung an der Therapieentscheidung spiegelt die Bedeutung der Selbstbestimmung für Betroffene wider: Wird dem Arzt die Entscheidung überlassen, dann sind der Zeitfaktor und soziale Kompetenzen (vor allem Offenheit für Probleme) den Betroffenen wichtiger und Mitbeteiligung an der Therapieentscheidung unwichtiger. Bei selbstbestimmter, eigen[Seite 112↓]verantworteter Entscheidung durch Betroffene ist neben Mitentscheidung und Informiertheit das Gefühl des Ernst genommen Werdens als Sinnbild der Achtung der Autonomie besonders wichtig.
Die Einschätzung der Situation ist positiv, große Defizite sind auf den ersten Blick nicht abzuleiten. Die hohen Erwartungen an behandelnde Ärzte scheinen erfüllt, was die relativ hohe Zufriedenheit mit der medizinischen Betreuung erklärt. Aber einige Aspekte sind zu berücksichtigen: Die Zahl der Arztwechsel ist zwar mit 1,06 gering, aber bereits 38,1% der Neubetroffenen haben mindestens 1-mal den Arzt gewechselt. Über 9% der Befragten geben an, nicht in regelmäßiger ärztlicher Behandlung zu sein. Da sich die Befragten überwiegend mit der MS auseinandersetzen, ist dieser Wert relativ hoch.
Die Indikatoren der Arzt-Patient-Beziehung werden in Abhängigkeit von spezifischen Faktoren z.T. durchgängig negativer bewertet: Diese Unterschiede belegen die besondere Bedeutung von Haltung, Einstellung zur Schulmedizin, Integration der MS in das Selbstkonzept und Erfahrungen mit Ärzten:
Tab. 70: Medianvergleich Einschätzung der Arzt-Patient-Beziehung
|
Zeit |
Offenheit Probleme |
Informiert über MS |
Ernst nehmen |
Verständnis |
Offenheit Vorschläge |
Info umfassend |
Mitentscheidung |
|
|
GESAMT |
1,35 |
1,28 |
1,26 |
1,24 |
1,36 |
1,34 |
1,44 |
1,22 |
|
Homöopathie |
||||||||
|
Ja |
1,44 |
1,34 |
1,30 |
1,31 |
1,45 |
1,37 |
1,55 |
1,23 |
|
Nein |
1,31 |
1,26 |
1,23 |
1,22 |
1,33 |
1,32 |
1,40 |
1,20 |
|
regelmäßiger Arztkontakt |
||||||||
|
Ja |
1,33 |
1,26 |
1,24 |
1,23 |
1,34 |
1,32 |
1,42 |
1,21 |
|
Nein |
1,51 |
1,42 |
1,48 |
1,40 |
1,59 |
1,56 |
1,66 |
1,38 |
|
Wahrnehmung |
||||||||
|
Akzeptanz |
1,31 |
1,23 |
1,24 |
1,17 |
1,27 |
1,25 |
1,38 |
1,16 |
|
Verdrängen + |
1,26 |
1,24 |
1,17 |
1,21 |
1,29 |
1,28 |
1,38 |
1,20 |
|
Verleugnen - |
1,37 |
1,27 |
1,40 |
1,19 |
1,32 |
1,45 |
1,37 |
1,24 |
|
Zentrale Rolle |
1,48 |
1,35 |
1,29 |
1,35 |
1,54 |
1,49 |
1,56 |
1,32 |
|
Belastung |
1,40 |
1,30 |
1,34 |
1,31 |
1,46 |
1,37 |
1,53 |
1,32 |
|
Bedrohung |
1,43 |
1,38 |
1,29 |
1,29 |
1,47 |
1,52 |
1,45 |
1,23 |
|
Verteilergruppen |
||||||||
|
organisiert |
1,34 |
1,24 |
1,28 |
1,22 |
1,31 |
1,32 |
1,41 |
1,22 |
|
Arzt |
1,30 |
1,22 |
1,07 |
1,18 |
1,26 |
1,34 |
1,30 |
1,22 |
|
Alternativ |
1,39 |
1,28 |
1,34 |
1,31 |
1,47 |
1,37 |
1,58 |
1,21 |
|
Internet |
1,37 |
1,33 |
1,28 |
1,27 |
1,42 |
1,36 |
1,49 |
1,23 |
|
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In der Stichprobe werden Medikamente zur Schubprophylaxe häufiger angewendet als dies nach Vergleichszahlen zu vermuten wäre (20-25% der Betroffenen, vgl. Hein, 1999). In einer neueren Erhebung an MS-Zentren werden aber ähnliche Zahlen erreicht (vgl. Flachenecker et al., 2003). Deutliche Auswirkungen zeigen die Rahmenempfehlungen zur Behandlung der MS und die Zunahme der Therapiemöglichkeiten für die verschiedenen Verlaufsformen: Befragte mit einer Krankheitsdauer bis zu fünf Jahren nutzen medikamentöse Verfahren zur Schubprophylaxe deutlich häufiger (Rahmenempfehlung seit 1999). Betroffene mit einer Krankheitsdauer über zehn Jahren wurden/werden signifikant seltener therapiert. Zum Zeitpunkt ihres Krankheitsbeginns standen noch keine zugelassenen Medikamente zur Verfügung (Studienphase bzw. Medikamente für chronisch progrediente Verlaufsformen fehlten). Gleichzeitig haben Betroffene mit einer Krankheitsdauer über zehn Jahren häufiger Erfahrungen mit Medikamenten zur Verbesserung des Allgemeinbefindens, die z.T. als Alternative zur Stabilisierung betrachtet wurden.
Die Bereitschaft, einen eigenen Beitrag durch Änderung der Lebensweise oder finanziell zu leisten, ist groß. Naheliegende Schlussfolgerungen sind:
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| [Seite 115↓] |
Der Anteil Betroffener mit Psychotherapie-Erfahrung (28,9%) ist relativ hoch, in der Gesamtbevölkerung wird der Bedarf lediglich auf 2-5% geschätzt (vgl. www.gwg-ev.org/aktuell/bg-stelle/000920-infos4.htm , 2003). Dies belegt wiederum die große Bedeutung psychischer Folgen. Neubetroffene und Betroffene mit einer Krankheitsdauer über 10 Jahren sind seltener in psychotherapeutischer Behandlung als Betroffene zwischen einem und zehn Jahren Krankheitsdauer. Ein weiteres Indiz, dass nach fünf Jahren Krankheitsdauer kein stabiler psychischer Zustand erreicht wird. Besonders häufig ist Psychotherapie bei zentraler Bedeutung der MS. Bei positiver Wahrnehmung ist sie seltener.
Die hohen Anforderungen Betroffener an die Beteiligung bei der Therapieentscheidung werden durch die Erwartungen an die Arzt-Patient-Beziehung deutlich. 93,6% aller Befragten empfinden die Beteiligung an der Therapieentscheidung als wichtig. Aber über 16% der Befragten fühlen sich nicht beteiligt und über 27% verantworten die Entscheidung allein. Dieser große Unterschied zwischen Anforderung und Realität trägt zur geringeren Zufriedenheit mit der medizinischen Behandlung bei. In einer Analyse der Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns wird der Beteiligung MS-Betroffener an der Therapieentscheidung generell geringere Bedeutung beigemessen, als der Patienteninformation, Aufklärung und Erläuterung der Therapiemöglichkeiten (vgl. Poschwatta et al., 2003). Die allein verantwortete Entscheidung durch den Arzt wird häufig mit irrationalem Patientenverhalten und Expertenwissen des Arztes begründet (Expertengespräche). Entscheidungsleitende Faktoren wie auch Informationsverhalten lassen diesen Rückschluss nicht zu:
Information ist nicht nur wesentliche Größe bei der Therapieentscheidung, sondern – unabhängig von der Krankheitsdauer – informieren sich die Befragten überwiegend regelmäßig. Die Einflussfaktoren für das allgemeine Informationsverhalten lassen Rückschlüsse auf die Bedeutung der Information für die Betroffenen zu: Mit Information sind Hoffnung, Problemlösung, Auseinandersetzung mit der Erkrankung, Entscheidungshilfe und Möglichkeit zur Selbstbestimmung verbunden. Diese Bedeutungen überschneiden sich ebenso wie verschiedene Einflussfaktoren zusammenwirken.
Grundvoraussetzung für Information ist eine gewisse Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Erkrankung (vgl. Antonovsky, 1997). Diese ist bei jüngeren Betroffenen (unter 30 Jahren) seltener gegeben, folglich führt die MS-bedingte Unsicherheit seltener zur schnellen Informationssuche oder regelmäßiger Information. Information wird als Mittel zum Zweck häufiger bei konkreten Anlässen – meist das Wissen um neue Erkenntnisse – genutzt. Mit Information ist somit die Hoffnung auf neue Möglichkeiten verbunden.
Regelmäßige Information ist bei positiver Integration der MS häufiger: Die mit der Information direkt verbundene Auseinandersetzung wird ‚gesucht’. Dagegen ist bei positiver Nichtbeschäftigung Vermeidungsverhalten (unregelmäßige oder keine Information) deutlich häufiger. Andere Wahrnehmungen führen nicht zu signifikanten Abweichungen im Informationsverhalten.
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Empfundene Alltagsbelastung und Pflegebedarf wirken sich scheinbar konträr aus: Subjektives Erleben und objektive Einschränkung werden unterschiedlich in Informationsverhalten umgesetzt. Bei starkem Pflegebedarf ist regelmäßige Information seltener und bei empfundener Alltagsbelastung häufiger. Ohne Belastungserleben entfällt ein wichtiger Informationsanlass. Bei geringem Pflegebedarf ist regelmäßige Information häufiger, die Hoffnung durch Wissen Probleme zu lösen lässt aber mit wachsendem Pflegebedarf und Wissen (höherer Bedarf bei längerer Krankheitsdauer) nach.
Wird die Therapieentscheidung dem behandelnden Arzt überlassen, ist regelmäßige Information seltener. Information als wichtiges Element der Selbstverantwortung bzw. Selbstbestimmung wird vernachlässigt. Betroffene, die an der Therapieentscheidung beteiligt sind oder selbstverantwortet entscheiden, informieren sich entsprechend dem Durchschnitt regelmäßig.
Tab. 71: Einflüsse auf das allgemeine Informationsverhalten
|
Faktor |
Indikator |
regelmäßig |
unregelmäßig |
nicht |
n |
|
Gesamtstichprobe |
67,5 |
29,7 |
2,9 |
1214 |
|
|
Alter chi² Test p = 0,000 |
29 und jünger |
58,0 |
38,7 |
3,3 |
150 |
|
30-39 |
66,7 |
30,5 |
2,9 |
420 |
|
|
40-49 |
70,8 |
26,9 |
2,3 |
346 |
|
|
50-64 |
70,2 |
27,7 |
2,1 |
235 |
|
|
65 und älter |
65,5 |
17,2 |
17,2 |
29 |
|
|
Alltagsbelastung chi² Test p = 0,000 |
Ja |
72,1 |
26,3 |
1,7 |
537 |
|
Teils |
65,8 |
31,6 |
2,7 |
561 |
|
|
Nein |
52,8 |
37,7 |
9,4 |
106 |
|
|
Wahrnehmung chi² Test p = 0,000 |
positive Integration |
76,8 |
22,8 |
0,4 |
499 |
|
Verdrängen + |
42,8 |
47,6 |
9,6 |
187 |
|
|
Pflegebedarf chi² Test p = 0,001 |
kein Bedarf |
66,8 |
30,5 |
2,7 |
957 |
|
Stufe 1 |
76,1 |
23,9 |
0,0 |
92 |
|
|
Stufe 2 |
69,1 |
24,7 |
6,2 |
81 |
|
|
Stufe 3 |
45,2 |
41,9 |
12,9 |
31 |
|
|
Therapieentscheidung chi² Test p = 0,003 |
Arzt |
58,1 |
35,9 |
6,1 |
198 |
|
Selbstverantwortet |
67,8 |
30,1 |
2,1 |
329 |
|
|
Gemeinsam |
70,5 |
27,3 |
2,3 |
664 |
|
Das Informationsverhalten wird auch tendenziell vom Bildungsstand der Befragten beeinflusst. Je höher der Bildungsgrad, desto eher regelmäßige Information. Der Zusammenhang ist aber sehr schwach (r = 0,090**).
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| [Seite 118↓] |
Nutzung und Einschätzung der unterschiedlichen Informationsquellen lassen Rückschlüsse auf spezifische Erwartungen Betroffener zu. Das eigene Nutzungsverhalten wird zwar durch die Krankheitsdauer beeinflusst, aber Einschätzung personeller Informationsquellen und Empfehlung für Neubetroffene bleiben nahezu unbeeinflusst. Das Nutzungsverhalten ändert sich folglich nicht, weil bei mehr Wissen und Erfahrung die Qualität einzelner Angebote schlechter bewertet wird. Folgende Faktoren beeinflussen die Nutzung:
verändertes Informationsinteresse (Wissenszuwachs/situationsbedingt)
Ratgeberliteratur, die einen allgemeinen Überblick über die MS und im besonderen medizinische Themen gibt (vgl. Mielke, 2003), wird frühzeitig im Krankheitsverlauf genutzt. Die Eignung der Ratgeber als Einstiegsinformation zeigt sich auch bei der Empfehlung für Neubetroffene (über 40%). Mit zunehmender Krankheitsdauer und wachsendem Kenntnisstand nimmt die Nutzung ab. Gleichzeitig werden Informationsmaterialien der NPOs im Krankheitsverlauf immer häufiger genutzt: Diese bieten die Möglichkeit zur Vertiefung einzelner Themen, das Interesse an Einzelheiten nimmt folglich zu.
Zu Beginn ist das Interesse an Symptomatik und Verlauf (Prognose) im Vergleich höher, diese Aspekte werden unwichtiger, sie sind bekannt. Auch das Interesse an beruflichen Folgen nimmt mit zunehmender Krankheitsdauer ab: Berufstätigkeit ist mit zunehmender Krankheitsdauer seltener und wird folglich unwichtig. Dagegen nimmt das Interesse an Unterstützungsmöglichkeiten mit zunehmender Krankheitsdauer und wachsendem Bedarf zu.
Gestaltung der Informationsmedien (inhaltlich, sprachlich, Nutzbarkeit)
Die Gestaltung der Informationsmedien entspricht den unterschiedlichen Bedürfnissen. Inhaltlich sind die Materialien auf den unterschiedlichen Wissensstand und verschiedene Interessen abgestimmt (s.o.). Unterschiede in der Sprachverständlichkeit werden bei einem Vergleich der Ratgeberliteratur mit den Informationsmaterialien der NPOs deutlich: Ratgeber sind sprachlich einfacher als die vertiefenden medizinischen Informationen der NPOs53.
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Die Empfehlung des Internets für Neubetroffene ist deutlich seltener als die eigene Nutzung – ein Indiz für die Problematik der Informationsfülle im Internet: Es finden sich zwar zu allen Themen Informationen, aber wegen fehlender Kontrolle, sind häufig auch inadäquate, unseriöse oder qualitativ schlechte Informationen zu finden. Ohne Grundkenntnisse ist dieses Überangebot an Information nicht immer zu durchschauen. Grundkenntnisse sind auch von Vorteil, wenn Studien als Informationsquelle herangezogen werden. Die Verständlichkeit ist sonst nicht gegeben (weder sprachlich noch inhaltlich).
Persönlichkeit/Einstellung/Erwartungshaltung
Der Unterschied zwischen der Bewertung der Mitarbeiter und der Nutzung von Informationsmaterialien der NPOs ist frappierend. Schriftliche Materialien haben eine wesentliche Bedeutung während Mitarbeiter fast auf einer Stufe mit dem nahen Umfeld stehen. Ein Zusammenhang zur Bedeutung von Beratung ist nicht nachweisbar. In der Verteilergruppe der organisierten Betroffenen werden Mitarbeiter der Organisationen deutlich häufiger als hilfreich eingeschätzt. Dies weist auf die Schwellenangst Betroffener und entsprechend fehlende Erfahrung mit Mitarbeitern hin. Diese Hemmschwelle wird von Mitarbeitern wie auch Betroffenen bestätigt.
Gleichzeitig vermissen Betroffene z.T. das Verständnis von Mitarbeitern dieser Organisationen (vgl. Gruppendiskussion, Betroffeneninterviews). Die Erwartungshaltung an Ärzte oder andere Betroffene ist eindeutig definierbar. Dagegen scheint an Mitarbeiter der NPOs eine gemischte Erwartung zu bestehen: emotionale und inhaltliche Hilfe. Deutlich wird dies bei der Kritik, nichtbetroffene Mitarbeiter hätten kein Verständnis für die Lebenssituation Betroffener (vgl. Expertengespräche; Nau, 2003). Nicht bloße objektive Information sondern Fachwissen gepaart mit Verständnis für die besondere Lebenslage wird erwartet.
Subjektives Wissen von Betroffenen ist für einen großen Teil der Befragten wichtig. Die Bedeutung ist besonders hoch, wenn der Kontakt zu anderen Betroffenen gesucht wird oder der Erfahrungsaustausch eine hohe Wertigkeit hat. Dieser Zusammenhang weist auf einen persönlichkeitsspezifischen Faktor hin, der durch Expertengespräche und Interviews bestätigt wird.
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Soziologische Determinanten
Die Bedeutung des Internets scheint mit zunehmender Krankheitsdauer und wachsendem Kenntnisstand abzunehmen: Dieser Eindruck täuscht, nicht Krankheitsdauer und verändertes Informationsinteresse sondern das Alter wirkt sich aus: Je älter die Befragten sind desto seltener ist die Informationsbeschaffung über das Medium Internet. Dies entspricht ebenso wie der Zusammenhang zur Bildung (häufigere Nutzung bei höherem Bildungsstand) allgemeinem Nutzerverhalten (vgl. van Eimeren et al., 2003; Forschungsgruppe Wahlen, 2004; Haisken-De New et al., 2001).
Ist-Soll-Vergleich der Versorgungssituation
Hohe Anforderungen an die medizinische Versorgung
Die Anforderungen Betroffener an die medizinische Versorgung sind generell sehr hoch: Wesentlich für eine adäquate Arzt-Patient-Beziehung ist aus Betroffenensicht die partnerschaftliche Beziehungsgestaltung. Selbstbestimmung hat für Betroffene eine wesentliche Funktion, wichtiges Merkmal ist die Beteiligung an der Therapieentscheidung. Gleichzeitig sind psychosoziale Kompetenzen und Fachkompetenz Grundlage einer guten Beziehung. Die Anforderungen werden durch Persönlichkeit und Einstellung (Erwartungshaltung, allgemeine Haltung), Wissen und Erfahrung (Entwicklung von Expertenwissen) sowie situationsbedingt beeinflusst.
Potenziale auf Seiten der MS-Betroffenen
MS-Betroffene sind in den untersuchten Bereichen der medizinischen Versorgung sehr aktiv und bereit, einen eigenen Beitrag zu leisten: Überwiegend informieren sich die befragten Betroffenen regelmäßig. Der Wunsch nach Beteiligung an der Therapieentscheidung ist groß und die entscheidungsleitenden Faktoren sowie Informationsquellen sprechen für mündiges Patientenverhalten. Die Anforderungen an die Arzt-Patient-Beziehung sind zwar hoch, aber sie sprechen gleichzeitig für den Bedarf nach Eigenverantwortlichkeit. Im Krankheitsverlauf werden Betroffene zu Experten nicht nur der eigenen Lebenssituation mit MS, sondern auch für die MS selbst. Das Expertenwis[Seite 121↓]sen Betroffener ist neben Fachinformationen die wichtigste Informationsquelle, sie wird aber überwiegend ergänzend genutzt. Dagegen ist die Rolle von zweifelhaften Informationsquellen wie den Massenmedien gering.
Potenziale in der medizinischen Versorgung
Die untersuchten Teilbereiche der medizinischen Versorgung scheinen überwiegend patientenorientiert zu sein. Die MS-Betroffenen schätzen die Indikatoren einer patientenorientierten Arzt-Patient-Beziehung positiv ein und sind insgesamt mit der medizinischen Behandlung relativ zufrieden. Es stehen vielfältige Informationsmöglichkeiten zur Verfügung, die von Betroffenen gut angenommen werden. Für die Therapie existieren entsprechende Leitlinien und die Möglichkeit zur schnelleren Diagnosesicherung durch neue Diagnosekriterien, diese Veränderungen wirken sich positiv auf die Anwendung gesicherter Therapieverfahren aus.
Defizite und Problemfelder der medizinischen Versorgung
Die Arzt-Patient-Beziehung wird von kritischeren Betroffenen negativer eingeschätzt. Problematisch ist der Zusammenhang zwischen Unzufriedenheit und daraus abgeleiteter Ablehnung von regelmäßiger medizinischer Betreuung. Die Gefahr des Abwanderns von Betroffenen weg von der Schulmedizin hin zu fragwürdigen Therapien kann die Folge sein54. Auch der Zusammenhang zur psychischen Situation MS-Betroffener ist problematisch, vor allem vor dem Hintergrund, dass enttäuschten Erwartungen an die medizinischen Möglichkeiten argumentativ nur bedingt werden kann. Die z.T. nicht vorhandene Beteiligung an der Therapieentscheidung wird den Anforderungen Betroffener nicht gerecht und teilweise angeführte Gründe entsprechen dem Patientenverhalten überwiegend nicht. Werden Therapieentscheidungen durch Betroffene allein verantwortet, genügen diese Entscheidungen häufiger nicht dem Stand der wissenschaftlichen Forschung. Informationsangebote entsprechen nicht immer den spezifischen Erwartungen Betroffener bzw. sind nicht immer nutz- oder verfügbar.
[Seite 122↓]Vergleich mit den Hypothesen
Die Hypothesen zur Arzt-Patient-Beziehung können nur z.T. bestätigt werden: Das Anforderungsprofil ist sehr hoch, aber behandelnde Ärzte erfüllen die Erwartungen überwiegend. Dagegen bestätigen sich die anderen Hypothesen. Der Ist-Soll-Vergleich zur medizinischen Versorgungssituation belegt, die besondere Rolle der Selbstbestimmung für chronisch Kranke. Gleichzeitig beziehen sich die Erwartungen an professionelle Akteure auf soziale Kompetenzen wie auch Fachkompetenz. Informationen dienen nicht nur der Förderung des Sense of Comprehensibility, sondern sie haben eine Schlüsselrolle in verschiedenen Bereichen.
Die Bewertung des ACT Programms ist in Abhängigkeit von Blickwinkel und beurteilter Dimension sehr heterogen. Ein zusätzlicher Vergleich von Untergruppen ist aufgrund der geringen Stichprobengröße (zu ACT) nicht sinnvoll.
Das größte Potenzial haben die medizinischen Informationsanteile (Therapieleitfaden, Karte Therapiemöglichkeiten). Sie werden von Betroffenen am positivsten bewertet und gleichzeitig entsprechen sie deren allgemeinen Interesse an Informationen zu therapeutischen Möglichkeiten. Die Gestaltung lässt aus theoretischer Sicht Mängel erkennen, aber aus Nutzersicht bestätigt sich dieses potenzielle Defizit nicht. Die sprachliche Verständlichkeit ist aus theoretischer Sicht zweifelhaft, dennoch empfinden Betroffene die Anteile als verständlich. Das sprachliche Niveau der medizinischen Informationen entspricht anderen Informationsmaterialien (siehe vorher). Die Unterschiede in der Einschätzung erklären sich durch das angeeignete Expertenwissen Betroffener und eine Problematik bei der RES Überprüfung. Die Textverständlichkeit wirkt trotz Adaption des Instrumentes an die deutsche Sprache besser als es den Einstufungen entspricht (vgl. Kuch, 2003 S. 81).
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| [Seite 123↓] |
Die Effektivität der medizinischen Informationsanteile ist aus Sicht der Betroffenen unterschiedlich: Das Ziel der Information wird eher erreicht, während die Inhalte nur teilweise einen Beitrag zu Therapieentscheidung, positiverem Umgang mit der MS und besserer Arzt-Patient-Beziehung leisten. Die Einschätzung der Effektivität durch behandelnde Ärzte ist überwiegend positiver. Dieser Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbild erklärt sich u.a. durch Vergleichsmöglichkeiten behandelnder Ärzte. Außerdem ist das Erreichen der Ziele nur bedingt an einzelnen Anteilen des Programms oder dem Programm allein (Nutzung zusätzlicher Quellen) festzumachen.
Die Broschüre ‚Freude am Leben’ wird theoretisch besser bewertet, aber Betroffene schätzen sie am schlechtesten von allen Anteilen ein. Die Inhalte entsprechen nur begrenzt den Informationsinteressen. Die Darstellung wird theoretisch und durch Betroffene aber ähnlich positiv bewertet. In der Unterstützung der Alltagsbewältigung ist die Broschüre effektiver als in der bloßen Information. Die enthaltenen Informationen werden folglich direkt in die Praxis umgesetzt (bessere Alltagsbewältigung durch praxisnahes Wissen).
Der Therapieleitfaden und die Broschüre ‚Freude am Leben’ sind wichtig für die Bewertung des Gesamtprogramms durch Betroffene. Dies bestätigt die besondere Bedeutung von Informationen für Betroffene. ACT ist bezogen auf das Ziel, Betroffene zu informieren, nur bedingt zielgruppenorientiert: Neubetroffene als Hauptzielgruppe von ACT interessieren sich neben Therapiemöglichkeiten für Symptome und Verlauf der MS. Inhaltlich bestehen folglich Defizite, da Symptome und Verlauf nicht vertiefend erläutert werden.
Die Selbstbeobachtung wird von Betroffenen schlechter eingeschätzt als von behandelnden Ärzten. Generell spricht aber die Bereitschaft zur Wiederholung für eine positive Einstellung zu diesem Programmteil. Die psychischen Auswirkungen der MS sind z.T. von der schlechten Integration in das Selbstkonzept gekennzeichnet. Gleichzeitig wird in diesen Fällen die MS als deutliche Belastung für die Alltagsbewältigung erlebt. Die Ziele der Selbstbeobachtung beziehen sich folglich auf wesentliche Dimensionen für MS-Betrof[Seite 124↓]fene. Grund für eine potenzielle Wiederholung der Selbstbeobachtung ist vor allem die Veränderung der MS. Diese Veränderungen sind mögliche Auslöser einer neuerlichen Verunsicherung, die die Integration der MS in das Selbstkonzept tangieren kann. Betroffene schätzen das Potenzial der Selbstbeobachtung folglich besser ein, als es in der Bewertung der Effektivität vordergründig gegeben ist. Die theoretische Analyse der Selbstbeobachtung bestätigt Potenziale zur psychischen Unterstützung. Die Defizitorientierung wird aber auch von Betroffenen bemängelt (Interviews).
Die Selbstbeobachtung soll gleichzeitig offene Fragen und Probleme verdeutlichen, um diese in Arzt-Patienten-Gesprächen zu thematisieren. Der dazu dienende Merkzettel wird von Betroffenen ähnlich wie die Selbstbeobachtung bewertet und die Beschäftigung mit ACT vor einem Arzttermin findet eher selten statt. Betroffene und Ärzte erleben selten die Verbesserung der Arzt-Patient-Beziehung durch ACT. Vorbedingungen wären: Notwendigkeit zur Verbesserung und prozessuale Verwendung des Programms. Die Notwendigkeit kann nicht überprüft werden, aber der prozessuale Charakter von ACT wird überwiegend weder von Ärzten noch von Betroffenen umgesetzt.
Die Selbstbeobachtung ist für die Bewertung des Gesamtprogramms von Seiten Betroffener mitverantwortlich. Aus ärztlicher Sicht ist dies in geringerem Maß der Fall.
Die Ziele des ACT Programms sind zwar für Betroffene und Ärzte wesentlich, aber für beide Seiten sind sie nur z.T. ersichtlich bzw. verständlich. 40,8% der befragten Betroffenen verstehen die Zielsetzung nur bedingt oder nicht. Behandelnde Ärzte schildern in Gesprächen häufig Unverständnis für die Komplexität. Dies belegen auch die Ablehnungsgründe und die besondere Bedeutung der Ziele in einer potenziellen Einführung in das Programm.
Das Programm ist als schriftliches Werkzeug konzipiert, psychische sowie soziale Auswirkungen der MS zu mildern und gleichzeitig die medizinische Betreuung zu optimieren. Die Erwartungshaltung Betroffener an behandelnde Ärzte und andere Akteure in der medizinischen Versorgung ist nicht nur auf [Seite 125↓]Fachkompetenz bezogen. Soziale Kompetenzen und die Art der Beziehung sind wesentliche Aspekte. ACT verbindet Beziehungs- und Sachebene, aber als schriftliches Vehikel kann das Programm nur greifen, wenn die Akteure es entsprechend einsetzen. Die geringe Effektivität des Programms aus Sicht Betroffener kann daher auch durch inadäquaten Einsatz begründet sein. Generell ist die Wirksamkeit einer Intervention im komplexen medizinischen Versorgungsgeschehen schwer nachweisbar (vgl. Mühlhauser/Berger, 2002). Bei der Mehrdimensionalität der Ziele mit Integration verschiedener Ebenen, ist eine differenzierte Aussage noch schwieriger.
Der theoretische Hintergrund des Programms ist in Deutschland relativ unbekannt und die Vorgehensweise für Anwender z.T. befremdlich: In fürsorglich geprägter Beziehungsgestaltung schrecken einzelne Fragen des Selbstbeobachtungsbogens wie auch die medizinischen Darstellungen Ärzte ab: Die Begründung der Programmablehnung wegen negativer Inhalte bezieht sich nach Aussagen einzelner Ärzte auf das schonungslose Benennen von Symptomen. Die theoretische Kritik an überwiegend defizitorientierten Frageform ist ähnlich zu werten, beruht aber nicht auf einer protektiven Haltung.
Auffallend ist das Akzeptanzproblem: Ist das Programm bekannt, dann geben nur ein Drittel der Ärzte ACT an ausgewählte Betroffene weiter. Immerhin über die Hälfte der Betroffenen haben ACT mindestens einmal genutzt.
Grundlegende Bedingung ist die Bekanntheit des ACT Programms. Bei behandelnden Ärzten ist der Bekanntheitsgrad offenkundig eher gering55, was sich auf den Bekanntheitsgrad bei MS-Betroffenen deutlich auswirkt.
Die Ziele des Programms sind vorgegeben, aber inwieweit sie den Anwendern entsprechen, hängt von deren persönlicher Interessenlage ab. Die allgemeinen Anforderungen MS-Betroffener an die medizinische Versorgung belegen die besondere Bedeutung von Information, Beteiligung an der The[Seite 126↓]rapieentscheidung und patientenorientierter Arzt-Patient-Beziehung. Ähnlich werden alle Ziele von ACT als wichtig eingeschätzt. Behandelnde Ärzte dagegen verbinden mit den verschiedenen Zielsetzungen des Programms eine differenziertere Sicht: Psychische Aspekte und Alltagsbewältigung werden generell unwichtiger empfunden (vgl. Poschwatta et al., 2003). Aber Anwender von ACT (Ärzte) bewerten zumindest dessen psychische Ziele wichtiger.
Die Diskrepanz in der Bewertung der Zielsetzungen wirkt sich entsprechend auf die Akzeptanz des Programms aus, das in seiner Komplexität das Erreichen aller Ziele anstrebt. Stimmen eigene Ziele mit Programmzielen überein, ist von einer größeren Akzeptanz auszugehen. Werden nur einzelne Ziele als bedeutsam erlebt, ist ein hochkomplexes Material wie ACT nicht notwendig.
Der Nutzen von ACT ist für Ärzte und Betroffene unterschiedlich zu werten:
Effektivität durch Erreichen der Ziele
ACT erfüllt aus Sicht der behandelnden Ärzte alle Ziele mit Einschränkungen, lediglich der aktive Umgang mit der MS wird positiver eingeschätzt. Das wichtigste Ziel der Ärzte wird folglich auch am besten erreicht. Entsprechend ist von einem gewissen Nutzen des Programms für Ärzte auszugehen. Die Non-User von ACT bewerten indirekt die mögliche Effektivität schlechter: Eigene Konzepte werden bevorzugt, was mit Gewohnheit aber auch entsprechender Erwartungshaltung in Zusammenhang stehen kann (bestätigt durch Gespräche mit Ärzten und Außendienstmitarbeitern). Weiterhin wirken sich negative Erfahrungen mit anderen Materialien oder ACT aus, die die Erwartung bestätigen, dass die Ziele auf diese Art nicht erreichbar sind.
Betroffene bewerten die Effektivität z.T. deutlich schlechter als Ärzte. Dennoch wird ACT insgesamt positiv bewertet, was für einen anderen Blickwinkel spricht. Der Nutzen wird nicht nur an der Effektivität festgemacht.
Unterstützung durch das Programm
Aus ärztlicher Sicht unterstützt das ACT Programm den Arbeitsalltag nur bedingt (bestätigt durch Gespräche mit Ärzten und den Außendienstmitarbeitern). Vor allem fehlt die Zeitersparnis durch das Programm, es wird im Ge[Seite 127↓]genteil sogar ein zeitlicher Mehraufwand geschildert. Immerhin wird mit Ausnahme der Erleichterung der Beteiligung Betroffener an der Therapieentscheidung in den anderen Bereichen wenigstens eine gewisse Unterstützung empfunden. In diesem Zusammenhang widersprechen die Ergebnisse der Annahme der Non-User, dass der Einsatz von ACT keinen Nutzen verspricht.
Betroffene erleben augenscheinlich durch das Ausfüllen des Selbstbeobachtungsbogens eine Unterstützung. Fast 70% der Befragten halten eine Wiederholung unter bestimmten Umständen für sinnvoll und immerhin fast ein Drittel hat den Bogen bereits mehrfach ausgefüllt. Kritischere Einschätzung der Effektivität entspricht folglich nicht mangelndem Nutzen.
Situationsorientierung des Programms
Ziele und Unterstützung durch ACT wirken sich nur positiv aus, wenn sie der Arbeitssituation der Ärzte entsprechen und an der Lebenssituation Betroffener sowie ihren Bedürfnissen an die medizinische Versorgung orientiert sind.
Entsprechend der Angaben behandelnder Ärzte (vgl. Poschwatta et al., 2003) sind die Hauptschwerpunkte in der Betreuung MS-Betroffener Therapie, Diagnostik und Aufklärung. Information der Patienten im Krankheitsverlauf und Eingehen auf individuelle Bedürfnisse werden mit leichtem Abstand genannt. Förderung der Compliance, administrative Tätigkeiten und psychosoziale Betreuung sind dagegen im ärztlichen Alltag geringer ausgeprägt. Die Unterstützung der ärztlichen Tätigkeit durch das Programm ist bei den Hauptschwerpunkten nur bei der Therapieentscheidung gegeben und der Beitrag wird nicht sehr hoch eingeschätzt (Unterstützung Median 2,71). Zusätzlich streben nicht alle Ärzte die Mitbeteiligung der Patienten an. Da psychosoziale Betreuung und Förderung der Compliance im ärztlichen Alltag geringer ausgeprägt sind, sind wesentliche Ziele des ACT Programms nicht situationsgerecht für behandelnde Ärzte.
Aufgrund der allgemeinen Ergebnisse zur Lebens- und Versorgungssituation MS-Betroffener wird die besondere Bedeutung der psychosozialen Betreuung deutlich. Wichtige Größe ist die Selbstbestimmung, die sowohl die Wahrnehmung der MS bestimmt als auch im Bezug auf die medizinische Versorgung eingefordert wird. Gleichzeitig wird ein hohes Maß an eigenverantwortli[Seite 128↓]chem Handeln deutlich. ACT integriert Selbstbestimmung und Eigenverantwortung Betroffener einerseits und psychosoziale Ziele andererseits. Zusätzlich wird die Förderung der Beziehung zwischen Ärzten und Betroffenen angestrebt. Für Betroffene ist grundsätzlich die Situationsorientierung gegeben.
Der Einsatz von ACT ist für die Anwender mit Aufwand verbunden. Bereits vor der Weitergabe des Programms müssen sich behandelnde Ärzte mit ACT auseinandersetzen. Dies ist ein erster Hinderungsgrund für den Einsatz (vgl. Ablehnungsgründe). Obwohl Anwender den Zeitaufwand für die Einarbeitung mit überwiegend maximal 60 Minuten angeben, wird die fehlende Einarbeitung mit hohem Zeitaufwand begründet (vgl. Gespräche mit Ärzten, Außendienstmitarbeitern). Das Programm erklärt sich nicht unbedingt selbst, über die Hälfte der Ärzte empfehlen die Unterstützung der Einarbeitung. Die favorisierten Themen belegen, dass weder Ziele noch Handhabung eindeutig aus dem Programm hervorgehen. Dies erklärt den Zeitaufwand als Ablehnungsgrund: Der Nutzen jeglicher zeitlichen Investition wird in Frage gestellt, wenn weder Ziele noch Handhabung auf den ersten Blick ersichtlich sind.
Um das Programm einzusetzen, müssen die Ärzte geeignete Patienten auswählen. Die Patientenauswahl wird von den Ärzten an Reflexionsfähigkeit und die medizinische oder psychische Situation der Betroffenen gekoppelt. Die Notwendigkeit zur Patientenauswahl wird von Non-Usern als generell als Problem erlebt oder das ‚Vorhandensein’ geeigneter Patienten bezweifelt.
Die Gestaltung der Weitergabe von ACT ist für die Ärzte wiederum mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Für einen Patientenkontakt stehen durchschnittlich 22 Minuten pro Kontakt bzw. Arzttermin zur Verfügung (vgl. Poschwatta et al., 2003). Für die Weitergabe des Programms wird mit durchschnittlich 18 Minuten fast die gesamte Kontaktzeit benötigt. Der Zeitbedarf bei der Nachbesprechung ist von den Reaktionen der Betroffenen abhängig. Diese Reaktionen werden von Non-Usern ausufernd und daher als nicht leistbar erlebt. Anwender schildern den Zeitaufwand beim Folgetermin aber als akzeptabel. Auch die Sorge zusätzlicher Aufwand könnte entstehen, [Seite 129↓]weil Betroffene durch ACT eine kritischere Haltung entwickeln, ist anzuzweifeln, da das Anforderungsprofil Betroffener generell hoch ist.
Stärken-Schwächen-Analyse
Das ACT Programm hat Stärken in der Grundidee, für verschiedene wesentliche Probleme der Lebens- und Versorgungssituation MS-Betroffener Lösungsansätze bzw. Hilfestellung anzubieten. Dies wird von Betroffenen entsprechend honoriert. Gleichzeitig liegt eine große Schwäche in diesem Anspruch: Die Komplexität von ACT führt zu Akzeptanzproblemen auf Seiten der Ärzte sowie Unverständnis bei Ärzten und Betroffenen. Die Situationsorientierung des Programms ist differenziert einzuschätzen: Es entspricht der Situation Betroffener und deckt überwiegend deren Bedürfnisse ab. Dagegen ist die Situationsorientierung für Ärzte nur bedingt gegeben. Die Ziele entsprechen weder der Arbeitssituation noch dem ärztlichen Anspruch völlig.
Das größte Potenzial in der aktuellen Fassung haben die Informationsanteile von ACT, die bereits durch weitere Materialien ergänzt wurden. Die deutlichsten Defizite bestehen in der Selbstbeobachtung und den damit verbundenen Zielsetzungen. Die Selbstbeobachtung ist inhaltlich, in der Handhabung und in der Effektivität problematisch für Betroffene sowie Ärzte. Der prozessuale Charakter ist nicht immer nachvollziehbar und gleichzeitig wegen zeitlichen Mehraufwandes ein Kritikpunkt von Seiten der Ärzte.
Handhabung und Einsatz von ACT sind für behandelnde Ärzte durch die notwendige Patientenauswahl und dem mit dem Programm verbundenen zeitlichen Mehraufwand schwierig. Die Kopplung verschiedener Zielsetzungen erschwert den Einsatz des Programms und die Auswahl geeigneter Patienten.
Die Schwächen aus theoretischer Sicht bestätigen sich in der Praxis nur bedingt. Dennoch wären Veränderungen sinnvoll, weil Schwächen wie die mangelhafte Verständlichkeit der Ziele oder die Bewertung der Inhalte als negativ oder defizitorientiert die Nutzbarkeit einschränken.
[Seite 130↓]Akzeptanz als Kosten-Nutzen-Problem
Auf Seiten Betroffener ist die Akzeptanz von ACT relativ gut, obwohl das Programm als komplexes schriftliches Material in der Effektivität nur bedingt deren Anforderungen entspricht. Die Auseinandersetzung mit der MS wird offenkundig in der schriftlichen Form positiv aufgenommen und durch die Komplexität werden wesentliche Bereiche abgedeckt. Das Programm ist deutlich situations- bzw. bedürfnisorientiert, was sich positiv auswirkt.
Die Kosten-Nutzen-Relation ist für Ärzte wesentlich. Effektivität wird nicht nur am Erreichen der Ziele festgemacht sondern auch an der Unterstützung im Arbeitsalltag. Die Unterstützung ist vor allem vom zeitlichen Mehraufwand abhängig gemacht. Das Erreichen der Ziele wirkt sich auf die Akzeptanz aus, wenn sich nur einzelne Ziele mit den ärztlichen Anforderungen decken. Die Kosten-Nutzen-Relation ist dann nicht ausgewogen.
Vergleich mit den Hypothesen zu ACT
Es bestätigt sich, dass ACT den Anforderungen Betroffener inhaltlich überwiegend entspricht, aber trotzdem nicht alle Ziele erreicht. Die Gestaltung ist aus theoretischer Sicht sehr viel kritischer zu werten als aus Sicht MS-Betroffener.
Die Handhabung des ACT Programms genügt den Erfordernissen behandelnder Ärzte nur bedingt. Grundsätzlich schränken die Komplexität des Programms und der prozessuale Charakter die Anwendung deutlich ein.
Die Akzeptanz des Programms ist auf Seiten behandelnder Ärzte deutlich geringer als von Betroffenen. Die Akzeptanz Betroffener ist vor allem von den eigenen Bedürfnissen und weniger von großer Effektivität abhängig. Behandelnde Ärzte erwarten Nutzen im eigenen Arbeitsalltag und dieser ist in geringerem Maß durch die Effektivität des Programms zu erreichen, sondern vielmehr durch Zeitersparnis im Patientenkontakt.
Bezüge zu Einflussfaktoren können aufgrund der geringen Stichprobengröße nicht hergestellt werden.
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Die methodische Gestaltung der Untersuchung führt zu einigen Problemen, die vor allem die Ergebnisinterpretation erschweren:
Anlage der Untersuchung
Der Untersuchungszweck, möglichst individuelle Aussagen MS-Betroffener zu erheben und das Erleben Betroffener in den Mittelpunkt zu stellen, widerspricht vordergründig dem Ziel generalisierbarer Ergebnisse.
Durch die Selbstauskunft der Befragten fehlen objektivierbare Kenndaten zur MS. Die Vergleichbarkeit mit anderen Untersuchungen wird daher z.T. unterbunden. Vor allem im Bezug auf den Behinderungsgrad würden entsprechende Angaben eine Einordnung erleichtern.
Fragebogengestaltung und Auswertungsmöglichkeiten
Durch die Adaption der Fragen und Antwortvorgaben an Nutzerbedürfnisse sind die Auswertungsmöglichkeiten begrenzt. Nutzerfreundlichkeit deckt sich nicht immer mit statistischen Prinzipien und erschwert klare Interpretationen.
Die Integration des SF-36 in den Fragebogen ist problematisch: Betroffene empfanden diesen Teil als nicht adäquat (mehrfach geäußert) und inhaltlichen Bruch. Außerdem war eine wichtige Untersuchungsgruppe ausgeschlossen, weil der SF-36 nicht in die Internetversion integriert werden durfte.
Die Komplexität der MS Erkrankung wie auch der Untersuchungsanlage kann zu Interferenzen möglicher Einflussfaktoren führen. Dies beeinträchtigt die Interpretation der Untersuchungsergebnisse. Multivariate Statistikverfahren wurden in der Auswertungsphase als nicht praktikabel verworfen.
Stichprobenziehung und Generalisierbarkeit der Ergebnisse
Grundsätzlich sind die Ergebnisse generalisierbar, aber es ist zu berücksichtigen, dass die Beteiligung an Aufgeschlossenheit gekoppelt ist. Betroffene, die sich einer Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung verweigern, werden mit ihren Bedürfnissen und Interessen kaum berücksichtigt, sie nehmen an solchen Befragungen nicht teil. Für Betroffene, die zur Auseinandersetzung bereit sind, sind die Ergebnisse dagegen gültig und generalisierbar.
46 Kategorisierung: AM der Schweregrade aller Einschränkungen mit nachfolgender Bildung von Kategorien: 0 = keine Einschränkung, > 0 < 1 schwache Einschränkung, > 1 < 2 mittlere Einschränkung, > 2,0 = starke Einschränkung. Mediane und AM annähernd gleich à AM trotz nicht metrischer Daten.
47 Bestehender Bedarf ohne Pflegestufe (n = 33) nicht einbezogen
48 Bezogen auf den Untersuchungszeitpunkt, bei Singles bezogen auf die letzte Partnerschaft.
49 Es werden nur aktuelle Symptome erfasst und nicht die Symptomatik bei beruflichen Änderungen.
50 Lebensqualität steht nachfolgend generell für die ‚gesundheitsbezogene Lebensqualität’.
51 Auswirkungen auf Freundschaften und soziale Zufriedenheit korrelieren deutlich schwächer.
52 Einordnung der Informationsbasis in subjektiv, objektiv oder ohne Grundlage nicht möglich.
53 Ergebnisse einer Analyse einer Zufallsauswahl medizinischer Broschüren der DMSG.
54 Nicht bezogen auf Naturheilkunde, sondern obskure Heilversprechen, deren Wirkung in keiner Form wissenschaftlich abgesichert ist oder die sogar zur Patientengefährdung führen können.
55 ACT wurde in einem Mailing angekündigt und von den Außendienstmitarbeitern der Schering Deutschland GmbH (nachfolgend Außendienstmitarbeiter) an betreute Ärzte abgegeben.
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