5 Diskussion

↓87

5.1  Gruppenzusammensetzung

In unsere Studie wurden insgesamt 160 Patienten eingeschlossen. 100 von ihnen war an Tumoren des Gastrointestinaltraktes erkrankt und bildeten die Patientengruppe. Diese Gruppe wurde ausgesucht, weil bei Patienten mit gastrointestinalen Tumoren häufig eine Mangelernährung besteht und ein Zusammenhang zwischen Erkrankung und Ernährungszustand vermutet wird 25 . Die Kontrollgruppe setzte sich aus 60 Patienten einer allgemeinmedizinischen Praxis zusammen, die sich dort zu Routineuntersuchungen vorstellten. Hinsichtlich der Alters- und Geschlechterverteilung waren Tumorpatienten- und Kontrollgruppe ähnlich. Das mittlere Alter betrug 63,49 ± 11,3 Jahre (TP) vs. 60,48 ± 11,3 Jahre (KG). Damit lag das Alter der Erkrankten bzw. der Kontrollen im Bereich des ersten Maximums des Erkrankungsalters für maligne Erkrankungen 4 .

In den Untergruppen der Tumorpatienten spiegeln die Fallzahlen nicht die aktuellen Mortalitätsraten in Deutschland wider; zwar wird der Darmkrebs von der Arbeitsgemeinschaft bevölkerungsbezogener Krebsregister 4 als dritt- bzw. zweithäufigster Tumor bei Männern bzw. Frauen angegeben (16,1 % der Neuerkrankungsfälle an Krebserkrankungen bei Männern und 16,7 % der der Neuerkrankungsfälle an Krebserkrankungen bei Frauen). Die aktuellen Zahlen der jährlichen Neuerkrankungen und das mittlere Erkrankungsalter der entsprechenden Tumorentitäten sind in Tabelle 5.1. zusammengefaßt. Die Größe unserer Patientengruppen HCC, CCC und MÖP lassen keine Rückschlüsse auf die Häufigkeiten dieser Erkrankungen in Deutschland zu.

↓88

Tabelle 5-1: Inzidenz und Erkrankungsalter der untersuchten Tumorentitäten in Deutschland 4 , 17 , 24 , 52 , 76 , 96

Tumorentität (TP-Gruppe)

Neuerkrankungen bzw. Inzidenz

Mittleres Erkrankungsalter

Kolorektale Karzinom (CRC)

♂: 27 000/Jahr
♀: 30 000/Jahr

♂ 67 Jahre ♀ 72 Jahre

Hepatozelluläres Karzinom (HCC)

2,4/100 000 (Europa)
500/100 000 (Afrika)

40.- 60. Lebensjahr, ♂ > ♀

Cholangiozelluläres Karzinom (CCC)

Seltene Erkrankung, keine aktuellen Zahlen veröffentlicht

♂ u. ♀ 40.-70. Lebensjahr

Ösophaguskarzinom (MÖP)

♂: 3100/Jahr; ♀: 884/Jahr

♂: 62 Jahre; ♀: 69 Jahre

Magenkarzinom (MÖP)

♂ 9450/Jahr; ♀: 9050/Jahr

♂: 68 Jahre; ♀: 74 Jahre

Pankreaskarzinom (MÖP)

♂: 4900/Jahr; ♀: 5500/Jahr bzw.
♂ 6,7/100 000; ♀ 4,6/100 000

♂: 67 Jahre; ♀: 74 Jahre

Im Vergleich der Gruppen geordnet nach Therapie gehörten nur relativ wenige Patienten (31 %) der Gruppe an, die zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Chemotherapie, die als Therapieoption einen wichtigen Einflussfaktor auf den Ernährungszustand darstellt, erhielten 44 , 3 , 45 . Auch in diesem Fakt bildet sich der recht große Anteil der Patienten ab, die an Tumoren erkrankt waren, die nicht zytostatisch behandelbar sind.

Der hohe Anteil von Patienten, die an hepatozellulären Karzinomen und cholangiozellulären Karzinomen erkrankt und in die Untersuchung eingeschlossen wurden, ergab sich aus dem Behandlungsschwerpunkt der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Universitätsmedizin Berlin/Charité. Spezifische Therapien wie Chemoembolisationen und Photodynamische Therapie werden an dieser Klinik durchgeführt.

↓89

5.2 Ernährungsgewohnheiten

Im Vergleich der Ernährungsgewohnheiten der Tumorpatientengruppe und der Kontrollgruppe gaben die Tumorpatienten signifikante Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten an: Einhalten einer Diät, kleinere Portionen, eher Verzehr von Zwischenmahlzeiten sowie Meiden starker Gewürze. Zusätzlich traten in der Patientengruppe häufiger Veränderungen in den Geschmacksempfindungen, Inappetenz, Völlegefühl, Übelkeit und Mundtrockenheit auf. Diese Beobachtungen lassen sich in der Gesamtgruppe auf zytostatische Therapie und deren spezifische Nebenwirkungen sowie eine entsprechende diätetische Beratung zurückführen.

Entsprechend sind die Ergebnisse der Analyse der Ernährungsgewohnheiten in den Gruppen geordnet nach der Tumorentität einzuordnen; hier erschweren zusätzlich tumorspezifische Komplikationen die Ernährung (z.B. Verzehr kleinerer Portionen, Schluckbeschwerden im Sinne einer Passagestörung bei Ösophagus- und Magenkarzinomen, Inappetenz, Zwang zum Essen und Übelkeit bei Patienten mit CCC, bei denen oft zusätzlich ein Ikterus besteht; Kompensation dieser Störungen durch den Verzehr hochkalorischer Zusatznahrung) 33 . In der Gruppe der Patienten mit kolorektalen Karzinomen wurden im Vergleich zu den anderen Tumorpatientengruppen relativ viele Patienten zum Zeitpunkt der Befragung zytostatisch therapiert, so daß die angegebenen signifikanten Veränderungen in dieser Gruppe mit Nebenwirkungen dieser Therapie erklärbar sind.

↓90

Tumorpatienten, die keine Chemotherapie (nChT) erhalten, sind nicht von den Nebenwirkungen der zytostatischen Therapie betroffen; essen regelmäßiger und dabei auch größere Portionen. Trotz oben beschriebener antiemetischer Therapie scheint die ChT- Gruppe nicht ausreichend gegen Nebenwirkungen, die die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen, abgeschirmt zu sein. Zu diesen Nebenwirkungen gehören neben Nausea und Emesis auch Mukositis und Diarrhoe 32 , 44 . Patienten der nChT-Gruppe lehnten häufiger scharfe Gewürze ab. Unter Chemotherapie könnte es zu einer Schädigung der Geschmacksknospen mit resultierender Erhöhung der Geschmacksschwelle für einige Geschmacksqualitäten kommen- auch eine Beeinträchtigung der Geschmacksknospen bei Mukositis ist vorstellbar. Das Gefühl, daß Speisen fade schmecken kann durch kräftige Gewürze gemindert werden. Auch auftretende Geschmacksveränderungen wie metallischer oder medizinischer Geschmack können durch kräftiges Würzen gemildert werden 19 , 60 , 118 . In einem Fallbericht wurde auf dieses Phänomen bei einer Pankreaskarzinompatientin unter Chemotherapie mit Gemzitabine hingewiesen 65 .

5.3  Verzehrhäufigkeiten

In den Verzehrhäufigkeiten der Tumorpatientengruppe verglichen mit der Kontrollgruppe spiegeln sich die bereits in der Ernährungsgewohnheiten auffälligen Tendenzen zur Diät und leicht verdaulichen Kost wider: Milchsuppe, Kompott, Kartoffelpüree, Grießbrei und Tee werden häufiger von der TP-Gruppe verzehrt. Fettreiche Lebensmittel wie Schmalz, Kartoffelchips und Nüsse, Fleisch, ballaststoffreiche bzw. blähende Gemüse und alkoholische Getränke werden seltener genossen (siehe Tabelle 47). Diese Beobachtungen sind bekannt. Teilweise werden Widerwillen sowie Veränderungen der Geschmacksempfindungen als ursächlich angesehen 44 , 96 . Die Lebensmittel, die in beiden Untersuchungsgruppen ähnlich häufig verzehrt wurden, scheinen für die Aufnahme notwendiger Kalorien und wichtiger Nährstoffe allerdings ausreichend zu sein. Die in der Studie in diesem Untersuchungsteil erhobenen Daten erklären die evidenten Anzeichen bestehender Mangelernährung in der Tumorpatientengruppe nicht ausreichend.

Ähnliche Ergebnisse veröffentlichte 1985 Bruning et al. in einer prospektiven Studie, die über 20 Wochen Tumorpatienten mit Uterus-, Blase-/Prostatakarzinom unter Radiatio sowie Patienten mit malignen Lymphomen unter Chemotherapie Ernährungsgewohnheiten, Körperzusammensetzung und Lebensqualität untersuchten. Diätassistenten erhoben Daten zur aktuellen Ernährung mit Hilfe eines Ernährungstagebuches; es erfolgten Blutwertbestimmungen, Ermittlung des Karnofsky Indexes und Messung von Körpergewichts und der LBM mit Hilfe der Anthropometrie 19 . In den Gruppen wurde eine geringfügig reduzierte tägliche Kalorienaufnahme ohne Verringerung des Körpergewichts bzw. der LBM beschrieben. Inwieweit der häufige Kontakt zu Diätassistenten (4x im Untersuchungszeitraum) bzw. die Tumorentität (keine gastrointestinalen Karzinome) diese Ergebnisse beeinflussen, bleibt ungeklärt.

↓91

Im Vergleich der Patientengruppen geordnet nach Tumorentitäten untereinander und mit der Kontrollgruppe zeichnen sich typische Unterschiede der Verzehrhäufigkeiten ab:

- so verzehrten Patienten mit kolorektalen Karzinomen seltener ballaststoffreiche Lebensmittel wie Kohlgemüse, Sauerkonserven und Beerenfrüchte. Eine Operation ist meist Bestandteil der Therapie kolorektaler Karzinome, in adjuvanter Intention bzw zur Aufrechterhaltung der Darmpassage; häufig mit Anlage eines protektiven bzw. endständigen künstlichen Darmausganges 96 . Nach Operationen am Darm werden von Patienten auftretende Blähungen bzw. Stuhlunregelmäßigkeiten als schmerzhaft und beeinträchtigend empfunden.

↓92

Im Vergleich der Verzehrhäufigkeiten der Tumorpatienten geordnet nach durchgeführter Therapie gaben Patienten unter Chemotherapie einen häufigeren Verzehr von kalorienreichen und geschmacksintensiven Lebensmitteln wie Sahne, Brühe, Schokolade, Salzgebäck und gesalzene Erdnüssen an. Vorstellbar wären Veränderungen der Geschmacksintensität unter dem Einfluß systemischer Zytostatika. Diesbezügliche Untersuchungen wurden für Therapieregime zur Behandlung oropharyngelaer Karzinome (Chemotherapie und Bestrahlung) veröffentlicht. Die Patienten unserer Studie, die eine Chemotherapie erhalten, befinden sich in intensiver medizinischer Betreuung. Zu dieser Betreuung gehört auch eine diätetische Beratung.

5.4 Lebensmittelpräferenzen

Im Gruppenvergleich der Tumorpatienten und der Kontrollpersonen spiegeln die Lebensmittelpräferenzen die bereits ermittelten Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten und Verzehrhäufigkeiten wider: die Gesamtheit der Tumorpatienten lehnten eher fettreiche und ballaststoffreiche Lebensmittel wie Schmalz, Schweinefleisch, Pizza, Vollkornbrot, Müsli und Cornflakes ab. Ebenso kohlensäurehaltige und alkoholische Getränke. Entsprechend wurden von TP der seltenere Verzehr dieser Lebensmittel sowie zusätzlich der seltene Verzehr von u.a. Nüssen, Lammfleisch, Kohl, Hülsenfrüchten, Zitrusfüchten, gesalzenen Knabberwaren angegeben. Ursache dieses Verhaltens ist sicherlich das Auftreten bereits genannter Komplikationen wie Nausea, Emesis und Diarrhoe bzw. die Angst vor diesen Komplikationen. Ein präventives Verzichtverhalten erscheint vorstellbar. Wichtig ist die Beobachtung, daß nahezu signifikant eine Ablehnung von frischem Obst durch die Tumorpatienten angegeben wurde. Eventuell ist dann an eine Supplemention wichtiger Vitamine zu denken und im ärztlichen Gespräch bzw. in der Diätberatung darauf zu achten. Anhand der nicht als signifikant unterschiedlich präferierten Lebensmittel erscheint bei Tumorpatienten mit diätetischer Beratung und gegebenenfalls vorgenommener Supplementation eine ausgewogene Ernährung möglich.

In den Patientengruppen geordnet nach Tumorentität wurden für Schmalz, frisches Obst und kohlensäurehaltige bzw. alkoholische Getränke ähnlich der Gesamtgruppe unterschiedliche Präferenzen ermittelt. Wie bei den Verzehrhäufigkeiten lehnten Patienten der CCC-Gruppe Schmalz als fetthaltiges Lebensmittel bei Fettverdauungsstörungen aufgrund erkrankungstypischer Cholestase ab. In einer Untersuchung von Bley et al. wurden erstmalig 2003 Daten zur Geschmacksveränderungen bei Patienten mit Cholestase veröffentlicht: 25 Patienten mit Cholestase wurden hinsichtlich der Geschmackserkennung für „süß“, „salzig“, „sauer“ und „bitter“ untersucht. Im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppen konnten erhöhte Geschmacksschwellen für die Qualitäten „süß“, „salzig“ und „bitter“ nachgewiesen werden. Daten zu sich daraus ergebenen Lebensmittelpräferenzen existieren aktuell noch nicht. In einem Fallbericht einer Patientin mit Pankreaskarzinom unter einer Chemotherapie mit Gemzitabine und Cholestase wurde über eine erhöhte Geschmacksschwelle für „süß“ berichtet. Zeitgleich trat eine Reduktion der Geschmacksschwelle für „bitter“ auf. Gewohnt süße Lebensmittel schmeckten fade; Fleisch unerträglich bitter. Allen Lebensmitteln war ein rostig-metallischer Geschmack eigen. Diese Geschmacksveränderungen waren im präsentierten Fall Ursache einer zunehmenden Appetitlosigkeit und Nahrungsverweigerung 15 , 65 .

↓93

Frisches Obst wurde bei Dysphagie typischerweise von Patienten der MÖP-Gruppe gemieden. Bei Patienten mit Ösophaguskarzinom sind für die Krankheitsentwicklung Risikofaktoren bekannt. Die Entwicklung eines Plattenepithelkarzinoms im Ösophagus wird durch Nikotin und Alkohol begünstigt 49 , 52 . In diesen Risikogruppen wird sicherlich vor Erkrankungsbeginn nicht immer auf ausgewogene Kost geachtet, so dass eventuell bereits vor Erkrankungsbeginn weniger gern frisches Obst verzehrt wurde. Der vorliegende Fragebogen vergleicht keine intraindividuellen Veränderungen der Lebensmittelpräferenzen im zeitlichen Verlauf.

Kola/Limonade sowie alkoholische Getränke wurden von allen Tumorpatienten abgelehnt; Dysphagie, Übelkeit aber auch die bereits beschriebene Tendenz zur leicht verdaulichen Kost, um Therapien besser zu bewältigen, mögen dafür die Ursache sein.

In einer 1992 von Mattes et al. veröffentlichten Untersuchung einer Patientengruppe mit heterogenen Malignomen konnte- wie bei unseren Ergebnissen- keine Beziehung zwischen Diagnose und gemiedenen Lebensmittels hergestellt werden 81 . Ebenfalls wie bei unseren Ergebnissen konnte keine Korrelation zwischen den gemiedenen Lebensmitteln und einer Bestehen bzw. Ausmaß einer Mangelernährung dargestellt werden.

↓94

Im Vergleich der Tumorpatienten geordnet nach Therapie gaben TP unter Chemotherapie eine Präferenz für kalorienreiche und teilweise stark gewürzte Lebensmittel an: Sahne, Butter, Schmalz, Pizza, Pommes frites und Hamburger wurden von der ChT-Gruppe bevorzugt. Stattgefundene Diätberatung hinsichtlich einer kalorienreichen Ernährung und Veränderungen der Geschmacksempfindungen durch die Medikamente könnten dieses Ergebnis bedingen. Beschrieben wurde das Auftreten eines metallischer Geschmacks unter einer Therapie mit 5-FU bzw. Cisplatin 12 . In der Literatur wurden bisher nur wenige Untersuchungen mit objektiver Testung von Geschmackssinnveränderung bei Patienten mit gastrointesinalen Tumoren unter Chemotherapie veröffentlicht. In diesen scheint die Geschmacksschwelle für alle Geschmacksqualitäten angehoben zu sein 50 , 115 , damit wäre die Präferenz für geschmacksintensive Lebensmittel von Patienten, die eine Therapie mit Zytostotika erhalten, erklärbar. Eine von Trant et al. 1982 veröffentlichte Präferenz für Süßes 115 konnte in unserer Therapiegruppe nicht nachvollzogen werden. Huldji et al. veröffentlichte bereits 1986 einen Vergleich von Tumorpatienten unter Bestrahlung (Zervix-, bzw. Blasen-/Prostatakarzinom) oder kombinierter Chemotherapie (Lymphome). In diesem wurde in der Chemotherapiegruppe eine Ablehnung bitterer Lebensmittel (z. B. Kaffee) deutlich. Unterschiede in der Präferenz süßer, saurer oder salziger Lebensmittel wurden nicht gefunden. Vermutet wird eine herabgesetzte Geschmacksschwelle für „bitter“, so dass diese Lebensmittel besonders intensiv schmecken 60 . Eine objektive Geschmackstestung wurde jedich in der Untersuchung nicht durchgeführt. Die Ergebnisse wurden durch Auswertung von Fragebögen zu Präferenzen von über 30 Lebensmitteln gewonnen.

In einer Untersuchung mit 284 Tumorpatienten unterschiedlicher Dignität, die mindestens 2 Zyklen einer Chemotherapie erhielten, beklagten vor allem Patienten mit einer Chemotherapie bestehend aus Cisplatin oder Doxorubicin Geschmacksveränderungen und eine Abschwächung des Geschmackssinns. Auffällig waren Änderungen der Geschmacksqualität von proteinreichen Lebensmitteln wie Fleisch. Gefunden wurde dabei eine Korrelation zwischen Geschmacksveränderungen und Appetitverlust. Eine Beziehung zwischen Tumorentität, Gewichtsverlust und Geschmacksveränderungen konnte nicht dargestellt werden. Vermutet wurde eine Schädigung der Geschmacksknospen durch Zytostatika 118 .

Sicherlich sind die aktuellen Chemotherapeutika besser verträglich, so daß zur Klärung dieser unterschiedlichen Ergebnisse erneut objektive gustatorische Tests notwendig erscheinen. Die Ergebnisse unserer Untersuchung reihen sich in die der zitierten Studien ein: Patienten unter Chemotherapie unserer Studie bervorzugen im Vergleich zu anderen Tumorpatienten teilweise geschmacksintensive Produkte. In der Beratung sollte auf diese Beobachtung eingegangen werden. Ein portionsweises Nachwürzen z. B. mit Kräutern, Salz oder scharfen Gewürzen kann die Schmackhaftigkeit erhöhen. Andererseits sollte der Genuß von bitteren Lebensmitteln wie Kaffee, bitterer Gemüse oder Zitrusfrüchten vorsichtig erprobt werden.

↓95

Ng et al. veröffentlichte 2004 Ergebnisse einer Studie 85 , in der der Einfluß des Geschmacks auf die Nahrungsaufnahme untersucht wurde: reduzierte Nahrungsaufnahme resultiert zum einen aus Veränderungen der Geschmacksschwelle und zum zweiten aus Änderungen des Geschmackssinns („Lebensmittel schmecken anders als gewöhnt“). Untersucht wurde der Effekt des Alters und vorhandene Erkrankungen auf Veränderungen des Geschmacks der vorgegebenen Geschmacksrichtungen „Schweinefleisch“ und „Rindfleisch“ in 7 Gruppen (junge gesunde Erwachsene, gesunde Erwachsene mittleren Alters, gesunde Alte (keine regulären Medikamente, keine Krankheiten, keine Demenz), terminal niereninsuffiziente Patienten mit Peritonealdialyse, präterminal niereninsuffiziente Patienten, Krebspatienten). Insgesamt wurden 117 Patienten untersucht. Nach einer 2 stündigen Fastenzeit wurden Testlösungen der beiden Geschmacksrichtungen angeboten in steigender Konzentration bis zum Erkennen der Geschmackssqualität. In der Gruppe der „gesunden Alten“- 69 bis 94 Jahre- konnte für beide Geschmacksqualitäten einer erhöhte Geschmacksschwelle detektiert werden. In der Krebspatientengruppe waren die Änderungen der Geschmacksschwellen entsprechend denen der Alters-Gruppen verändert. Auch im Vergleich Tumorpatienten unter alleiniger Radiatio vs. Tumorpatienten unter Radio/Chemotherapie vs. altersentsprechender Kontrollgruppe wurde kein Unterschied in der Geschmacksschwelle gefunden. Ng et al. folgerten aus ihren Ergebnissen, daß die Höhe der Geschmacksschwelle für Schweine- und Rindfleisch allein vom Alter abhängig sei 85 : bei über 70 Jährigen steigt die Geschmacksschwelle an. Ein Verlust an Geschmacksknospen wird als verantwortlich vermutet. Auffällig war allerdings ein Verkennen des Geschmacks bei Patienten mit terminaler Niereninsuffiziens und Krebspatienten (u.a. süß, bitter, nach Medizin schmeckend, sauer, scharf, nussig). Da die Patientengruppe der Tumorpatienten heterogen zusammengesetzt war und sowohl Tumorpatienten mit hämatogenen Tumoren als auch Patienten mit Tumoren der parenchymatösen Organen unterschiedlichen Stadiums untersucht wurden, können die Ergebnisse vorerst als Pilotstudienergebnisse eingeordnet werden. In unserer Untersuchung wurde von den TP im Vergleich zu Kontrollgruppe sowohl ein seltenerer Verzehr von Schweinefleisch als auch eine Ablehnung angegeben. Die Ergebnisse von Ng et al. machen als Ursache eine Veränderung der Geschmacksqualität verantwortlich. Da in unserer Studie Patienten- und Kontrollgruppe im Alter ähnlich waren (s. Kapitel 4.1) kann eventuell eine Änderung der Geschmacksschwelle vernachlässigt werden. Da die Patientengruppe bei Ng et al. relativ klein und heterogen ist, sollten jedoch weitere Ergebnisse abgewartet werden. Für eine Diätberatung ist das Wissen um Änderungen der Geschmacksqualtitäten sehr wichtig.

Neben dem Einfluß des Alters und Medikation auf die Lebensmittelpräferenz sollte auch der Geruchssinn bedacht werden (siehe Kapitel 1.5). Nielsen et al. untersuchten bei 133 Tumorpatienten heterogener Dignität und 50 tumorfreien Kontrollen die Annehmlichkeit von 10 Geruchsproben sowie mit Hilfe eines Fragebogen erhobene Daten hinsichtlich Geschmacksveränderungen, Gewichts- und Appetitverlust und vorzeitiges Sättigungsgefühl. In der TP-Gruppe konnte zwischen Patienten mit (PA) und ohne Lebensmittelaversionen (PNA) unterschieden werden. In der PA-Gruppe wurden Aversionen gegen die Gerüche von Schinken, Schweine- und Rindfleisch beschrieben, in dieser Gruppe berichteten die Patienten über Geruchs- und Geschmacksveränderungen für die abgefragten Lebensmittel und konnten Gewichtsverlust, Inappetenz und vorzeitigen Sättigung signifikant häufiger im Verlgeich zur PNA- und Kontrollgruppe gefunden werden. Die Tumorentität bzw. eine aktuell durchgeführte Chemotherapie hatten in dieser Studie keinen Einfluß auf Geruchs- und Lebensmittelaversionen 86 . Insgesamt waren nur 15 Patienten mit gastrointestinalen Tumoren in dieser Studie eingeschlossen (10 Patienten mit kolorektalen Karzinomen, 3 Patienten mit Pankerasneoplasie, 1 HCC Patient, 1 Magenkarzinompatient), von denen 6 Lebensmittelaversionen berichteten. Ähnlich wie in unserer Untersuchung wurden Daten mit Hilfe eines LASA-Scores erhoben und die bereits dargestellte Ablehnung gegenüber Fleisch bestätigt.

Auf die dargelegten Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, Verzehrhäufigkeiten und Lebensmittelpräferenzen kann in der diätetischen Beratung von Tumorpatienten eingegangen werden. Die Bedeutung der Diätberatung für Tumorpatienten wurde u.a. durch Bruning et al., Ollenschläger et al., Isenring et al., Ipsen et al. und Ravasco et al. belegt 19 , 62 , 63 , 88 , 100 . So konnte eine verbesserte Lebensqualität, seltener Auftreten von therapiebedingten Nebenwirkungen, stabilere Gewichtsverläufe sowie Zunahme der BCM nachgewiesen werden (siehe auch Kapitel 5.6).

5.5 Körperzusammensetzung

↓96

Wir führten Untersuchungen zur Körperzusammensetzung durch, um Anzeichen der Mangelernährung zum einen in der Patientengruppe als auch in der Kontrollgruppe zu erkennen und Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten und Geschmackspräferenzen als mögliche Ursache einer Mangelernährung einzuschätzen. Zur Einschätzung der Körperzusammensetzung wurden erhobene Ergebnisse aus der Anthropometrie und der Bioelektrischen Impedanzanalyse verwandt (siehe Kapitel 3.3). zusätzlich wurden die Serumparameter Albumin und Pseudocholinesterase bestimmt.

Wir definierten den Zustand der Mangelernährung wenn Patienten einen BMI zwischen 18 und 20 kg/m² oder eine Armmuskelmasse (AMA) unterhalb der 5. Perzentile oder eine Armfettfläche (AFA) unterhalb 5. Perzentile aufwiesen 31 . Eine mittelschwere Mangelernährung wurde definiert bei einem BMI zwischen 16 und 18 kg/m²; eine schwere Mangelernährung sollte bei BMI < 16 kg/m² vorliegen. Zusätzlich wiesen ein reduzierten Albuminwert (< 4 g/dl) sowie reduzierter PChe Wert (< 3 kU/l) auf eine bestehende Mangelernährung hin 95 .

In der Gesamtpatientengruppe als auch in den Gruppen geordnet nach Tumorentität wurde verglichen mit der Kontrollgruppe signifikant häufiger ein Gewichtsverlust angegeben. Dieser wird vor allem bei gastrointestinalen Tumoren zum einen vor Diagnosestellung innerhalb der sogenannten „Begleit-Symptomatik“ (Fieber ohne akute Infektion, Gewichtsverlust, Nachtschweiß) beobachtet als auch im Verlauf der Erkrankung als Prognosekriterium eingeordnet 3 , 25 , 35 49 . Erwartungsgemäß erfüllen auch die in unserer Studie befragten Patienten dieses Kriterium. In den Patientengruppen geordnet nach Therapie wurden keine unterschiedlichen Gewichtsverläufe ermittelt. Patienten unter Chemotherapie hatten häufigen Kontakt zu Ärzten und Diätassistenten. Rasch konnte z. B. mit Diätberatung und gff. supplementärer Zusatznahrung eingegriffen werden. Fordy et al. verglichen Tumorpatienten mit fortschreitender Erkrankung und hepatischer Metastasierung hinsichtlich der Gewichtsverläufe (22, davon 14 mit Gewichtsverlust). Patienten mit Gewichtsverlust hatten ein größeres Volumen an Lebermetastasen und im Vergleich zur gewichtstabilen Gruppe höhere Serumlevel von IL-2, IL-6 und CrP-Werte der löslichen TNF α-Rezeptoren waren in beiden Gruppen ähnlich. Unterschiede hinsichtlich Appetit, Übelkeit, Energieaufnahme oder Leberfunktion fanden sich nicht 38 . Damit scheint eine Beziehung zwischen Gewichtsabnahme und Zytokinwirkung zu bestehen.

↓97

In der Gesamtgruppe der Tumorpatienten unterschieden sich Körpergröße und Körpergewicht nicht. In der TP-Gruppe war jedoch das mittlere Körpergewicht geringer, Der BMI lag als Durchschnittswert nicht innerhalb unserer definierten Kriterien für das Vorliegen einer Mangelernährung. 4 Patienten der TP-Gruppe erfüllten mit einem BMI < 20 kg/m² das Kriterium einer Mangelernährung; in der Kontrollgruppe wurde kein BMI in diesem Bereich ermittelt. Deutlich häufiger- d.h. bei 15 % der Patienten- wurden im Rahmen der anthropometrischen Messung bei Tumorpatienten eine AMA unterhalb der 5. Perzentile nach den Normogrammen von Frisancho et al. 43 gemessen. In der Kontrollgruppe wurde bei 5 % (= 2 Patienten) eine AMA unterhalb der 5. Perzentile gemessen; so daß die Erwartungen an das „Normalkollektiv“ erfüllt wurden. Signifikant reduziert waren die Werte der AFA in der Tumorpatientengruppe. 6 % der TP lagen mit ihren AFA-Werten nach oben genannten Normogrammen 43 im Bereich der Mangelernährung; nur bei 2,6 % der Kontrollpersonen konnte dieser Befund erhoben werden. Effekte von Zytokinen und TNF α auf die Körperzusammensetzung resultieren am ehesten in einer Reduktion der Muskelmasse (siehe Kapitel 1.4.4 und 1.7.3). In der untersuchten Patientengruppe war anthropometrisch dieser Effekt nicht signifikant. Die Zytokinhypothese zur Genese der Tumorkachexie ist experimentell belegt, im klinischen Alltag steht sicherlich die multifaktorielle Genese im Vordergrund. In der Tumorpatientengruppe wurde ebenfalls eine reduzierte BCM und im Vergleich zur Kontrollgruppe ein geringerer Phasenwinkel gemessen. Die BCM ist ebenfalls wie die anthropometrisch ermittelte AMA ein Maß für metabolisch aktive Zellen, hauptsächlich Myozyten. Verschiedene Arbeiten belegen die Annahme einer zytokinvermittelten Proteolyse als mögliche Ursache einer Proteinmangelernährung bei Tumorpatienten 83 , 98 , 112 , 114 , u.a.. Diese Hypothese scheint sich in unseren Ergebnissen mit Abbau der Muskelmasse belegt durch geringere AMA- bzw. BCM-Werte zu bestätigen. Schwenk et al. definierten bei HIV-positiven Patienten den Phasenwinkel der BIA als unabhängigen prognostischen Wert: HIV-Patienten mit antiretroviraler Therapie und höherem Phasenwinkel hatten ein verringertes relatives Mortalitätsrisiko, so dass ein kleiner Phasenwinkel als prognostischer Marker für Progression der Erkrankung definiert wurde 104 . Eine derartige Untersuchung liegt für Tumorpatienten noch nicht vor.

In den Patientengruppen geordnet nach Tumorentität sowie der Kontrollgruppe waren die mittleren Körpergewichte ähnlich, der CRC-Gruppe konnte der geringste Mittelwert zugeordnet werden, so daß in dieser Gruppe ebenfalls- jetzt signifikant- der geringste BMI berechnet wurde. Der Mittelwert lag hier auch oberhalb unserer Grenze für das Vorliegen einer Mangelernährung. 2 Patienten der CRC-Gruppe, 1 Patient der CCC-Gruppe und einer der MÖP-Gruppe wiesen einen BMI < 20 kg/m² auf. Diese Beobachtung scheint durch tumorbedingte Veränderungen im Gastrointestinaltrakt wie
z. B. Obstruktion und Dysphagie sowie der Durchführung anstrengender Therapiestrategien (Chemotherapie) erklärbar. In diesen Gruppen wurden häufiger Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten und Lebensmittelpräferenzen mit Tendenz zur leicht verdaulichen Kost und kleineren Portionen angegeben. Per Anthropometrie konnten signifikant verminderte AFA-Werte für Patienten der MÖP-Gruppe bestimmt werden. Entsprechend unseren Kriterien für das Vorliegen einer Mangelernährung wurde bei den Patienten aller Tumorgruppen häufiger eine AMA < 5. Perzentile 43 gemessen, hier auch mit ca. 30 % bei Patienten der MÖP-Gruppe mit dem höchsten Anteil. In der Bioelektrischen Impedanzanalyse waren in allen Patientengruppen der Phasenwinkel φ signifikant reduziert. Die Größe von φ ist ein Maß der Phasenverschiebung von Spannungs- und Strommaximum als Ausdruck der Interaktion der Zellen im elektrischen Feld (s. Kapitel 3.3.4). Ein verringerter Phasenwinkel ist demzufolge ebenfalls Ausdruck reduzierter Anzahl metabolisch aktiver Zellen. Bei HIV-Patienten unter antiretroviraler Therapie konnte ein reduzierter Phasenwinkel als unabhängiger prognostischer Marker definiert werden 104 .

Die BCM als Maß metabolisch aktiver Zellen war nur in der CCC-Gruppe reduziert; die im Vergleich zur Kontrollgruppe kleineren Phasenwinkel weisen auf eine sich entwickelnde Signifikanz hin, die bei größeren Untersuchungsgruppen eindeutig zu beobachten wäre. Albumin war in keiner Gruppe signifikant reduziert; alle Mittelwerte befanden sich innerhalb des Normalbereiches von 3,5- 5,5 g/dl 49 ; in der HCC-Gruppewar die PChE signifikant reduziert und lag unter halb der Normalwertgrenze (3-8 kU/l Gemessen wird bei beiden Parametern der Serumwert. Von Pirlich et al. wurde 2003 in der DGEM-Leitlinie „Enterale Ernährung“ zur Einschätzung des Ernährungszustandes m. H. von Laborparametern folgende Bezugswerte vorgeschlagen 95 :

↓98

Tabelle 5-2: Einschätzung der Albuminwerte nach DGEM-Leitlinie "Enterale Ernährung" 95

Albuminwert

> 4,0 g/dl

3,5 – 4,0 g/dl

3,0-3,5 g/dl

< 3,0 g/dl

Einschätzung

unauffällig

grenzwertig

vermindert

stark vermindert

Anhand dieser Einteilung sind Patienten der Gruppen HCC, CCC und MÖP mit Albuminwerten (MW +/- SD) < 4 g/dl als grenzwertig in der hepatischen Synthesefunktion einzustufen. Bruning et al. veröffentlichten Ergebnisse einer Studie mit Patienten, die an Karzinomen des Uterus/Zervix, Blase/Prostata oder maligen Lymphomen erkrankt waren, in der Nahrungsaufnahme, Ernährungsstatus und Lebensqualität untersucht wurde. Die dabei erhobenen Albuminwerte waren ebenfalls nicht reduziert, lagen allerdings oberhalb 4,0 g/dl 19 . Zum einen wurden keine Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, keine Reduktion der Kalorienaufnahme gefunden, zum anderen war in dieser Tumorpatientengruppe keine hepatische Mitbeteiligung beschreiben. Darüber, ob die Reduktion des Albuminwertes ebenfalls in späteren Stadien nicht gastrointestinaler Tumore auftritt oder eine typische Veränderung der gastrointestinalen Tumore ist, gibt es aktuell keine Daten.

Albumin liegt einerseits intravasal und interstitiell vor; andererseits hat Albumin im Körper wichtige Funktionen, so daß das Gleichgewicht eng reguliert sein wird. Die PChE hingegen hat eine kürzere Halbwertszeit und Enzymfunktion. Ein Abfall der Serumkonzentration von PChE zeitlich vor Reduktion des Albuminspiegel bei Vorliegen von Mangelernährung ist sicherlich dadurch erklärbar (s. Kapitel 1.5.3). Die Reduktion der Albuminwerte weist auch in unseren Patientengruppe die Tendenz zur Synthesestörung auf.

↓99

Auch in den TP-Gruppen geordnet nach Tumorentität waren die Veränderungen der Körperzusammensetzung nicht in großem Umfang in Richtung Kachexie verschoben. Andeutungen sind vorhanden, jedoch nicht eindeutig genug, um Anhand der vorliegenden Daten auf die zytokinvermittelte Genese der Kachexie zu schließen.

In allen Tumorpatientengruppen konnten Merkmale hinweisend auf Mangelernährung darsgestellt werden. Auffällig war, daß diese Merkmale heterogen verteilt waren:

Tabelle 5-3: Zusammenfassung der Merkmale zur Einschätzung bestehender Mangelernährung in den Patientengruppen geordnet nach Tumorentität und der Kontrollgruppe, n.s. = nicht signifikant verändert

Patientengruppe

Gewichtsverlauf/BMI

Anthropometrie

BIA

Laborwerte

CRC

Gewichtsabnahme, BMI reduziert

n.s.

Phasenwinkel φ reduziert

n.s.

HCC

Gewichtsabnahme, BMI n.s.

n.s.

Phasenwinkel φ reduziert

Albumin grenzwertig, PChE reduziert

CCC

Gewichtsabnahme, BMI n.s.

n.s.

Phasenwinkel φ reduziert

Albumin grenzwertig, n.s.

MÖP

Gewichtsabnahme, BMI n.s.

AFA reduziert

Phasenwinkel φ reduziert

Albumin grenzwertig, n.s.

Kontrollgruppe

n.s.

n.s.

n.s.

n.s.

↓100

Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig zur Einschätzung des Ernährungszustandes eine genaue Gewichtsanamnese und die Durchführung verschiedener Methoden zur Analyse der Körperzusammensetzung sind. Dabei scheint die bioelektrische Impedanzanalyse bei allen Patientengruppen mit gastrointestinalen Tumoren durch den verringerten Phasenwinkel φ ausreichend valide auf eine Mangelernährung hinzuweisen. Ob die angegebenen Veränderungen in Anthropometrie bzw. der PChE tumorentitätsspezifisch (MÖP, HCC) sind, müßte in größeren Patientengruppen untersucht werden.

Im Vergleich der Tumorpatientengruppen geordnet nach Therapie wiesen Patienten unter Chemotherapie einen geringeren BMI auf. Ebenfalls konnte nur bei wenigen Untersuchten der beiden Gruppen ein BMI < 18,5 kg/m² berechnet werden (nChT 2 Patienten = 2,9 % vs. ChT 2 Patienten = 6,5 %), die Anzahl erreicht keinen signifikanten Unterschied. Die durch Anthropometrie und BIA gewonnenen Ergebnisse waren im Vergleich ähnlich. In beiden Gruppen wurde anthropometrisch in mehr als 5 Prozent der Fälle eine AMA bzw. AFA unterhalb der 5. Perzentile nach den Normogrammen von Frisancho et al. 43 gemessen werden. Dabei liegen die Werte der Patienten unter Chemotherapie eher im Bereich der Mangelernährung. Trotz antiemetischer Abschirmung wurden unter dem Einfluß einer Chemotherapie häufiger weniger Mahlzeiten und kleinere Portionen angegeben. Die Bevorzugung kalorienreicher Lebensmittel scheint die negativen Einflüsse einer zytostatischen Therapie auf die Ernährung nicht ausreichend zu beeinflussen, da die Patienten unter Chemotherapie in höherem Maße mangelernährt erscheinen. Auch der Versuch, Geschmacksveränderungen durch geschmacksintensivere Lebensmittel oder starke Gewürze auszugleichen, scheint den Mangel nicht ausreichend zu kompensieren. Unsere Untersuchung war nicht prospektiv angelegt, so dass keine Aussagen zu den Gewichtsverläufen nach Therapieende bzw. in Therapiepausen möglich sind. Andere Autoren beschreiben durchaus eine Gewichtszunahme nach Therapieende bzw. unter diätetischer Beratung 19 , 88 , 63 , 62 , 100 .

Der therapeutische Ansatz einer Chemotherapie besteht in einer Schädigung der malignen Zellen. Vorstellbar wäre dabei eine Reduktion der zytokinvermittelten Effekte wie Entwicklung einer Tumorkachexie. Wie dargestellt sind jedoch gerade in einer Gruppe von TP unter Chemotherapie die Einflüsse der Zytostatika auf Geschmackssinn und Schleimhäute ausgeprägt. Der Gewichtsverlust unter Chemotherapie muß hauptsächlich als Nebenwirkung der Therapie angenommen werden.

↓101

Insgesamt konnte in keiner Patientengruppe in den durchgeführten Untersuchungen der Körperzusammensetzung Mittelwerte im Bereich der Mangelernährung ermittelt werden. Die tendenziell verringerten Werte dieser Untersuchungen weisen jedoch auf „schlechter“ ernährte Patienten in den Tumorgruppen hin. Ähnliche Ergebnisse wurden 1992 von Mattes et al. veröffentlicht 81 . Patienten unter Chemotherapie wiesen im Vergleich zu Tumorpatienten unter einer anderen Therapieform eher Veränderungen der Körperzusammensetzung im Sinne einer Mangelernährung auf. Dieses Resultat verdeutlicht die Auswirkungen der Chemotherapie auf den Metabolismus, da in beiden Patientengruppen bei ähnlichen Diagnosen sicherlich ähnliche Mediatorwirkungen bzw. zentrale Veränderungen der Nahrungsaufnahmeregulation ablaufen. Ipsen et al. postulierte, dass ein auftretender Gewichtsverlust bei TP unter insuffizienter Energieaufnahme wahrscheinlich eher in einem Ernährungsproblem (z. B. Inappetenz, Übelkeit, Schluckstörung) begründet liegt als durch zytokinvermittelte proteolytische Prozesse 62 . Ob insuffiziente Kalorienaufnahme tatsächlich in einem frühen Tumorstadium alleinige Ursache einer Mangelernährung ist, bleibt ungesichert. Viele Untersuchungen haben erhöhte Zytokinlevel bei Tumorpatienten nachgewiesen 72 , 90 , 113 . Für alleinige Diätberatung wurde eine Verbesserung der Ernährungssituation nachgewiesen; letztendlich konnte durch optimierte Ernährung die Ausbildung einer Tumorkachexie bei fortschreitendem Tumorleiden nicht gestoppt werden 45 , 53 , 83 , 106 . Auffällig sind in der untersuchten Patientengruppe eine Abnahme der metabolisch aktiven Zellen (Reduktion der BCM in der TP-Gruppe und CCC-Gruppe, Phasenwinkel φ in den Gruppen CRC, HCC, CCC und MÖP reduziert, in den Tumorpatientengruppen häufiger als 5 % der Untersuchten eine AMA unterhalb der 5. Perzentile nach Frisancho et al. 43 ), obwohl im Vergleich zur Kontrollgruppe keine Unterschiede im Körpergewicht und BMI nachgewiesen werden konnten. Erklärbar ist dieses Ergebnis damit, dass bei Tumorpatienten unter unzureichender Nahrungsaufnahme ein Abbau von Strukturproteinen und Muskelmasse wahrscheinlich unter Zytokinwirkungen erfolgt (siehe Kapitel 1.7und 1.8).

5.6 Ausblick

Die Datenerhebung mit Hilfe des vorgestellten Fragebogens erlaubte einen umfangreichen Einblick in die Ernährungsgewohnheiten und Erhebung der aktuellen Körperzusammensetzung der untersuchten Patienten. Eine Befragung dieser Art unter Verwendung verschiedener Skalierungen wurde in den beteiligten Kliniken erstmalig durchgeführt und von den Studienteilnehmern durchweg positiv aufgenommen, auch wenn die Handhabung des LASA-Scores trotz intensiver Erläuterungen nicht jedem Patienten sofort verständlich war. Der Vergleich der angegebenen Daten zu Lebensmittelpräferenzen und Verzehrhäufigkeiten war plausibel. Für die tägliche klinische Arbeit ist ein Fragebogen dieses Umfangs sicherlich zu aufwendig. Vorstellbar wäre eine reduzierte Version zur Erfassung der Körperzusammensetzung (Gewicht, BMI, AMA, AFA, BCM, Phasenwinkel φ, PChE) und wichtiger Fakten („Änderung von Geschmacksempfindungen“, „Anzahl der täglichen Mahlzeiten“, Verzehrhäufigkeiten und Präferenz von Butter/Margarine, Fleisch, Milchprodukten, frischem Obst), die im Verlauf der Therapie auf Veränderungen und Interventionsbedarf (Diätberatung, medikamentöse Zusatztherapie) hinweisen.

Die Bedeutung einer diätetischen Beratung wurde in mehreren Studien nachgewiesen. Ollenschläger et al. veröffentlichten 1992 Ergebnisse einer prospektiven Studie an 29 Patienten mit akuter Leukämie. Diese wurden in die Gruppe „intensivierte orale Ernährung“ (Interventionsgruppe) oder „ad libitum“ randomisiert und über den Zeitraum der Tumortherapie beobachtet. Alle erhielten Mahlzeiten freier Wahl mit festgelegtem Kalorien- und Proteingehalt. In der Interventionsgruppe wurden zusätzlich tägliche Visiten durch Diätassistenten mit Ernährungsschulungen, Erfassung der Nahrungsaufnahme und Körperzusammensetzung sowie einmal wöchentlich eine Bestimmung der Lebensqualität per LASA-Score durchgeführt. In beiden Gruppen kam es unter der Therapie zum Gewichtsverlust, dieser wurde jedoch in der Interventionsgruppe eher und häufiger ausgeglichen. In der Interventionsgruppe wurden unter der Therapie täglich mehr Kalorien aufgenommen. Eine Korrelation bestand zwischen Ernährungsverhalten und subjektivem Wohlbefinden, reduzierte Nahrungsaufnahme korrelierte mit Auftreten von Therapienebenwirkungen und Gewichtsverlust mit Unwohlsein 88 .

↓102

Isenring et al. konnten in einer Untersuchung an Patienten mit gastrointestinalen Tumoren oder Tumoren des Kopf- und Halsbereiches unter ambulanter Bestrahlungstherapie ebenfalls einen Vorteil durch Diätberatung zeigen: in einer prospektiven Studie wurden Patienten über ein Jahr entweder intensiv durch Diätassistenten beraten (NI-Gruppe) oder es wurde nur Informationsmaterial ausgehändigt (UC-Gruppe). Patienten beider Gruppen erhielten zusätzlich energiedichte Supplemente. In der NI-Gruppe blieb das Körpergewicht eher konstant. In beiden Gruppen trat unter der Radiatio ein Gewichtsverlust auf, der hier ebenfalls in der Interventionsgruppe rascher ausgeglichen wurde. Durch die häufige Beratung fanden regelmäßig Kontakte zu medizinisch geschultem Personal statt, so dass eher z.B. auf Nebenwirkungen der Therapie reagiert werden konnte 63 . Ipsen et al. konnten in einer heterogenen Tumorpatientengruppe unter Chemo- oder Radiotherapie durch einen für den jeweiligen Patienten ausgearbeiteten Ernährungsplan eine weitere Gewichtsabnahme verhindern bzw. auch eine Gewichtszunahme erreichen 62 . Ravasco et al. ließen bei Patienten mit kolorektalen Karzinomen bzw. mit Karzinomen des Kopf- und Halsbereiches unter Radiatio entweder eine kontinuierliche Diätberatung oder eine kontinuierliche Therapie mit energiedichten oralen Supplementen durchführen. Beide Therapieformen konnte in beiden Untersuchungen die Energieaufnahme verbessern. Unter regelmäßiger diätetischer Betreuung war die Lebensqualität besser und kontinuierlich wurde eine ausreichende Kost durch die TP verzehrt. Orale energiedichte Supplemente lieferten jedoch gerade in anstrengenden Therapiephasen eine effektive Kalorien- und Proteinquelle 100 .

Die in der Einleitung vorgestellten metabolischen Veränderungen, die bei Tumorerkrankung das Auftreten einer Mangelernährung bedingen, lassen sich nicht allein durch Diätberatung beeinflussen. In der Literatur wurden verschiedene medikamentöse Therapieversuche zur Appetitstimulation, Gewichtszunahme bzw. Ausnutzung anaboler Effekte beschrieben. Dabei wurden u.a. Medroxyprogesteronazetat und Corticosteroide untersucht. Trotz erreichter Appetitstimulation konnte bei beiden Medikamenten keine Verbesserung des Ernährungszustandes erreicht werden 98 . Zur Appetitstimulation wurde ebenfalls Dronabiol (δ-9-tetrahydrocannabinol; THC) eingesetzt. Diese konnte bei guter Verträglichkeit erreicht werden, in Deutschland ist THC zu diesem Therapiezweck nicht zugelassen. Ebenfalls wurde versucht, metabolische Veränderungen umzukehren (z. B. Hydrazinsulfat als Phosphorenolpyruvat-Carboxygenase Inhibitor zur Verbesserung der Glukoneogenese) meist ohne Nachweis eines Benefits 98 . Therapieversuche mit dem Ziel einer Reduktion von Zytokinleveln (z. B. TNF α RNA Supression oder TNF-Antikörper) scheiterten an ausgeprägten Nebenwirkungsprofilen und nicht ausreichender Wirksamkeit 98 . Experimentelle Ansätze zur Beeinflussung des Appetits durch Eingreifen in die zentrale Steuerung (Leptindefiziens, MSH-Mangel; s. Kapitel 1.3.1) wurden veröffentlicht, beschränken sich aktuell jedoch auf tierexperimentelle Erfahrungen. Positive Erfolge konnten in der Therapie allgemeiner Symptome wie Übelkeit und Völlegefühl durch Prokinetika (Metoclopramid) bzw. zentral wirksame Antiemetika (5-HT3 Rezeptoantagonisten wie Ondansetron) erreicht werden.

Die Behandlung der Mangelernährung bei Tumorpatienten sollte neben der frühzeitigen Diagnose der Malnutrion (z.B. durch Gewichtsmessungen, Bestimmung von Blutwerten, mit Hilfe der Bioelektrischen Impedanzanalyse oder der Anthropometrie), eine genaue Ernährungsanamnese und Dokumentation von Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten umfassen. Dazu sollten wiederholte und an die jeweilige Situation angepasste Ernährungsberatung, frühzeitiges Anbieten von enteraler und später auch parenteraler Zusatzkost und medikamentöse Therapie auftretender Komplikationen durchgeführt werden. In den durchgeführten Untersuchungen lassen sich tumorpatientenspezifische Veränderungen in Ernährungsgewohnheiten und Geschmackspräferenzen nachweisen. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Ablehnungsverhalten durch Tumorpatienten. Das Vermeiden bestimmter - teilweise hochkalorischer - Lebensmittel sowie reduzierte Portionsgrößen scheinen sich negativ auf den nutritionalen Status auszuwirken; haben aber nicht ausreichend Einfluß auf den Metabolismus von Tumorpatienten, um das Phänomen der Tumorkachexie zu erklären. Der Zusammenhang der Entwicklung einer Tumorkachexie unter dem Einfluß verschiedener Mediatoren erscheint erwiesen, auch wenn die genauen Steuerungsmechanismen noch Forschungsschwerpunkt sind (siehe Kapitel 1.8). Weitere Untersuchungen der metabolen Veränderungen und deren Mediatoren bei Tumorkachexie sind notwendig, um eine causale Therapie der Mangelernährung bei fortgeschrittenem Tumorleiden zu ermöglichen.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
02.01.2007