6 Zusammenfassung

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In Deutschland sind Tumorerkrankungen neben Erkrankungen des kardiovaskulären Systems die häufigste Todesursache. In Mitteleuropa ist beispielsweise das kolorektale Karzinom die zweithäufigste Tumorerkrankung bei Männern und Frauen und tritt mit einer Inzidienz von ca. 25/10000 Einwohner/Jahr auf 4 , 17 , 49 . Gerade bei Patienten, die an gastrointestinalen Tumoren erkrankt sind, wird ein Gewichtsverlust beobachtet 95 . Der Gewichtsverlust kann zu Mangelernährung und Ausbildung einer Tumorkachexie führen.

Der Ernährungszustand hat entscheidenden Einfluß auf Therapiemöglichkeiten, mangelernährte Patienten leiden häufiger unter therapeutischen Komplikationen, Infektionen, sind häufiger und länger hospitalisiert 95 . Nicht zu vergessen ist, daß die Lebensqualität von Tumorpatienten entscheidend von körperlicher Belastbarkeit und Ernährungszustand abhängt 71 . Gewichtsverlust bei Tumorpatienten (TP) resultiert aus einer verminderten Energieaufnahme und einem erhöhten Energiebedarf. Für die reduzierte Energieaufnahme sind Anorexie, Appetitlosigkeit oder Erkrankungsfolgen wie Passagestörungen, Mukositis oder Diarrhoe verantwortlich. Ein erhöhter Energiebedarf kann aus Veränderungen des Metabolismus, zytokinvermittelte Wirkungen, Therapiestrategien, Nebenwirkungen der Therapie u. a. Gründen resultieren. Die Gewichtsabnahme erfolgt durch eine Reduktion der metabolisch aktiven Zellmasse (BCM, Muskelmasse). Diese kann bei Tumorerkrankungen zur Aufrechterhaltung der Energieversorgung durch katabole Prozesse wie Proteolysen verringert werden.

Mit dem Hintergrundwissen über Ideen der Entstehung von Mangelernährung bei Tumorpatienten beschäftigten wir uns mit der Frage, welchen Einfluß die aktuelle Ernährung auf den Ernährungszustand hat. Es wurden 100 Patienten mit gastrointestinalen Tumoren hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten, Verzehrhäufigkeiten und Lebensmittelpräferenzen befragt. Im Vergleich wurden 60 gesunde Kontrollpersonen ebenfalls hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten, Verzehrhäufigkeiten und Lebensmittelpräferenzen befragt. Zur Bestimmung der Körperzusammensetzung und eventuell Erkennen einer Mangelernährung wurden Körpergröße und Körpergewicht gemessen, daraus der BMI errechnet; per Anthropometrie Armmuskelmasse und Armfettmasse ermittelt und per Bioelektrischer Impedanzanalyse Impedanz Z, Resistanz R, Reaktanz XC sowie der Phasenwinkel φ gemessen und daraus BCM, TBW, FFM und FM errechnet. In der Gruppe der Tumorpatienten wurde zur Einschätzung der hepatischen Syntheseleistung Albumin und Pseudocholinesterase bestimmt. Mittels eines Fragebogens wurden Ernährungsgewohnheiten, Verzehrhäufigkeiten und Lebensmittelpräferenzen erhoben. Die Lebensmittelpräferenzen wurden anhand eines LASA-Scores ermittelt. Verglichen wurden die Daten zum einen in der Gesamtgruppe der Tumorpatienten (TP) und der Kontrollgruppe (KG), des weiteren wurde die TP nach Tumorentität in die Gruppen der Patienten mit kolorektalen Karzinomen (CRC), mit hepatozellulären Karzinomen (HCC), mit cholangiozellulären Karzinomen (CCC) und mit Karzinomen des Magens, Ösophagus oder Pankreas (MÖP) eingeteilt und diese Untergruppen untereinander sowie mit der KG verglichen. Zuletzt wurden die Patienten der Tumorgruppe nach aktueller Therapieform der Gruppe „Chemotherapie“ (ChT) bzw. keine Chemotherapie (nChT) wenn aktuell Staginguntersuchungen, Photodynamische Therapie oder eine Chemoembolisation erfolgten.

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Tabelle 6-1: Gruppenzusammensetzung der Gruppen TP, CRC, HCC, CCC, MÖP, ChT, nChT und KG

Gruppe

Untergruppe

Anzahl

♀/♂

Alter (Jahre) MW ± SD

TP

100

49♀/51♂

63,7 ± 11,0

TP

CRC

34

16♀/18♂

62,9 ± 12,7

TP

HCC

19

9♀/10♂

63,4 ± 13,0

TP

CCC

27

15♀/12♂

64,8 ± 8,2

TP

MÖP

20

9♀/11♂

63,2 ± 10,5

KG

60

31♀/29♂

60,4 ± 11,2

TP

ChT

31

16♀/15♂

62,3 ± 13,2

TP

nChT

69

32♀/37♂

63,8 ± 10,5

In der Auswertung der Ernährungsgewohnheiten gab die Gesamtgruppe der Tumorpatienten im Vergleich zur Kontrollgruppe häufiger die Durchführung einer Diät, kleinere Portionsgrößen, seltener Nutzen der Gartechnik „Braten“, Auftreten von Geschmacksänderungen und Veränderungen der Geschmacksempfindungen, Meiden starker Gewürze, Zwang zum Essen, Inappetenz, Übelkeit, vorzeitiges Sättigungsgefühl, Völlegefühl und Mundtrockenheit sowie den zusätzlichen Verzehr hochkolarischer Supplemente an. Im Vergleich der Verzehrhäufigkeiten in den Gruppen der Tumorpatienten und der Kontrollpersonen wurde durch die TP häufiger Lebensmittel, die das Kriterium einer leicht verdaulichen Kost erfüllen, wie z. B. Kartoffelpürree, Kompott, Grießbrei, Milchreis und Tee verzehrt. Seltener hingegen wurden von Tumorpatienten fetthaltige Lebensmittel wie Schmalz und Pizza, Schweinefleisch, schwer verdauliche Produkte wie Kohlgemüse, Hülsenfrüchte, Sauerkonserven sowie kohlensäure- bzw. alkoholhaltige Getränke genossen. Von 41 Lebensmitteln und 7 Getränken wurde auf einem LASA-Score der Präferenzwert ermittelt. Dabei konnte keine Bevorzugung eines Lebensmittels bestimmt werden. Tumorpatienten lehnten verglichen mit der Kontrollgruppe signifikant fetthaltige und ballaststoffreiche Lebensmittel (z.B. Schmalz, Schweinefleisch, Pommes frites, Nüsse, Pizza, Vollkornbrot, Müsli) sowie kohlensäure- und alkoholhaltige Getränke ab.

Körpergröße, Körpergewicht und BMI waren in Tumorpatienten- und Kontrollgruppe ähnlich. 65 % der TP gaben einen Gewichtsverlust in den letzten 6 Monaten an- deutlich mehr als in der KG (16 % Gewichtsverlust). Bei 4 Patienten der Tumorgruppe (4 %) wurde ein BMI < 18,5 kg/m² ermittelt. In der Kontrollgruppe wurde kein BMI unterhalb dieser Grenze als Hinweis auf eine Mangelernährung errechnet. Mit p = 0,05 war die anthropometrisch bestimmte AFA in der Tumorpatientengruppe reduziert; die AMA war in beiden Gruppen ähnlich. Allerdings wurde in der Tumorpatientengruppe häufiger als bei 5 % der Untersuchten eine AMA und AFA unterhalb der 5. Perzentile der Vergleichstabellen von Frisancho et al. gemessen 43 ,. 94 Per BIA wurde in der Tumorpatiengruppe eine signifikant reduzierte BCM sowie ein kleinerer Phasenwinkel φ bestimmt (BCMTP 23,4 ± 6,5 kg vs. BCMKG 26,1 ± 7,4 kg, p< 0,05; Phasenwinkel φ TP 4,9± 0,9 ° vs. Phasenwinkel φ KG 5,7 ± 1,1 °; p < 0,001).

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In der Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten der Gruppen CRC, HCC, CCC, MÖP und der Kontrollgruppe wurden in den Tumorpatientengruppen häufiger eine Diät eingehalten, HCC-, CCC- und MÖP-Patienten gaben im Vergleich zu CRC und KG das Auftreten von Geschmacksveränderungen und Patienten der CRC- und CCC-Gruppe gaben Änderungen der Geschmacksempfindungen verglichen mit den HCC, MÖP und KG-Patienten an. CRC und CCC Patienten gaben signifikant häufiger an, sich zum Essen zwingen zu müssen. In der Gruppe der MÖP wurden häufiger Kau- und Schluckbeschwerden angegeben. In der CCC-Gruppe trat häufiger Inapppetenz und Übelkeit auf. Patienten der Gruppen CRC und CCC bemerkten im Vergleich zu den anderen Gruppen häufiger eine vorzeitige Sättigung. Wie im Vergleich der Gesamttumorpatientengruppe vs. Kontrollgruppe angedeutet, wurde auch in der Untergruppen geordnet nach Tumorentität seltener Schmalz (alle Gruppen), Schweinefleisch (MÖP), Kohlgemüse (CRC, MÖP), Trockenobst (HCC, MÖP), seltener Nüsse (CCC), Salzgebäck und gesalzene Erdnüsse (CCC) und Wein (HCC) verzehrt. Lebensmittel im Sinne einer leicht verdaulichen Kost bzw. einfach schluckbare Produkte wurden häufiger von Patienten der MÖP-Gruppe genossen: Kartoffelpürree, Weißbrot, Grießbrei. Im Vergleich der Lebensmittelpräferenzen lehnten CCC Patienten Schmalz ab, MÖP Patienten frisches Obst und alle Patienten der Tumorgruppen kohlensäure- und alkoholhaltige Getränke ab. Alle Patienten wiesen ein ähnliches Gewicht und eine ähnliche Körpergröße auf. Der BMI in der CRC-Gruppe war verglichen mit der Kontrollgruppe reduziert (BMI CRC 24,0 ± 4,5 kg/m² vs. BMI KG 26,9 ± 3,8 kg/m², p < 0,001). In den Tumorpatientengruppen wurde häufiger ein Gewichtsverlust angegeben (CRC 53 %, HCC 63 %, CCC 77 %, MÖP 70 %, vs. KG 18 %). Die MÖP-Gruppe wies im Vergleich zur Kontrollgruppe eine reduzierte Armfettfläche AFA auf (AFA MÖP 1955,3 cm² ± 976,6 vs. AFA KG 2739,9 cm² ± 1246,9, p < 0,001). In allen Tumorpatientengruppen wurde häufiger als in 5 % der Untersuchten eine AMA unterhalb der 5. Perzentile nach Frisancho et al. gemessen 43 , in der CRC- und MÖP-Gruppe wurde auch eine AFA unterhalb der 5. Perzentile häufiger als in 5 % der Untersuchten bestimmt. Bei allen Patienten der CRC, HCC, CCC und MÖP wurde in der BIA ein veringerter Phasenwinkel φ gemessen und in der CCC-Gruppe eine signifikant reduzierte Körperzellmasse BCM im Vergleich zur BCM der Kontrollgruppe bestimmt. (BCM CCC 22,2 ± 5,2 vs. BCM KG 26,1 ± 7,4, p < 0,001). Keine signifikanten Unterschiede ergaben sich im Vergleich der FFM, des TBW und der Resistanz aller Gruppen. Zusätzlich wurden in den Gruppen CRC, HCC, CCC und MÖP Albumin (Alb) und Pseudocholinesterase (PChE) gemessen; nur in HCC war allein PChE signifikant reduziert.

In der Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten der Patienten geordnet nach aktuell durchgeführter Therapie wurden von Patienten, die aktuell keine Chemotherapie erhielten (nChT), häufiger selbst gekocht, regelmäßig Frühstück und Mittag verzehrt sowie größere Portionen für Frühstück und Abendessen angegeben. Ebenfalls wurde in der nChT-Gruppe häufiger als in ChT scharfe Gewürze abgelehnt. Im Vergleich der Verzehrhäufigkeiten der vorgegebenen Lebensmittel verzehrten Patienten der nChT- Gruppe häufiger Hartkäse (p < 0,05), Margarine (p < 0,05), Honig und Marmelade (p < 0,05) und Rohkost (p < 0,05) als Tumorpatienten der ChT- Gruppe. Patienten unter Chemotherapie hingegen gaben im Vergleich einen signifikant häufigeren Verzehr von Sahne (p < 0,05), klarer Suppe oder Brühe (p < 0,05), Kalbfleisch (p < 0,01), Lammfleisch (p < 0,005), Schokolade (p < 0,05), Salzgebäck
(p < 0,05) und gesalzenen Erdnüssen (p < 0,05) an. In der Auswertung der Lebensmittelpräferenzen der Tumorpatientengruppen ChT und nChT konnten signifikant unterschiedliche Präferenzwerte im Sinne einer Präferenz der ChT für die Lebensmittel Sahne (p < 0,01), Butter (p < 0,05), Schmalz (p < 0,01), Kartoffeln (p < 0,05), Nudeln
(p < 0,05), Pommes frites (p < 0,05), Pizza (p < 0,01) und Hamburger (p < 0,0001) ermittelt werden. In der Gruppe der ChT war der Body Mass Index (BMI) signifikant reduziert (BMI nChT 25,81 ± 4,08 kg/m² vs. BMI ChT 23,72 ± 4,19 kg/m²(MW ± SD),
(p < 0,05). Körpergröße und –gewicht waren in beiden Gruppen ähnlich.Bei 2 Patienten der nChT-Gruppe (2,9 %) und bei 2 Patienten der ChT- Gruppe (6,5 %) wurde ein BMI unterhalb 18,5 kg/m² ermittelt. Die anthropometrisch ermittelten Werte der AMA und AFA waren in beiden Gruppen ähnlich. Unerwartet viele Patienten lagen mit ihren Werten der AMA unterhalb der 5. Perzentile: 15,3 % in der nChT-Gruppe bzw. 26,1 % in der ChT-Gruppe. Bei 5 % der nChT-Patienten lag die AFA unterhalb der 5. Perzentile; bei 8,7 % der ChT-Patienten ebenfalls. Sämtliche Werte, die durch BIA ermittelt wurden, waren in beiden Gruppen ähnlich.

In allen Patientengruppen wurden im Vergleich zur Kontrollgruppe Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, Verzehrhäufigkeiten und Lebensmittelpräferenzen dargestellt. Dabei neigen die Tumorpatienten zur leicht verdaulichen Kost. Bestanden Unterschiede in den Lebensmittelpräferenzen, so wurden diese durch TP abgelehnt. Diagnosespezifische Aversionen konnten bei Patienten mit MÖP und CCC nachgewiesen werden. Im Vergleich der Therapiegruppen wurden von TP unter Chemotherapie vor allem geschmacksintensive Lebensmittel häufiger verzehrt bzw. bevorzugt. Aktuelle Untersuchungen über objektive Geschmacksveränderungen besonders bei Tumorpatienten unter einer Chemotherapie stehen aus. Bereits bei Patienten mit gastrointestinale Tumoren, deren Körpergewicht nicht deutlich reduziert ist, bestehen Anzeichen einer Proteinmangelernährung, ein zytokinbedingter Einfluß auf die Änderungen der Körperzusammensetzung kann angenommen werden.


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02.01.2007