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4  Diskussion

Die Experimentelle Melaninprotein-induzierte Uveitis der Ratte ist ein Modell für die akute nicht­infektiöse intraokulare Entzündung mit autoimmuner Pathogenese. Die Symptomatik ist der bei M. Behçet, M. Bechterew oder dem Vogt-Koyanagi-Harada-Syndrom auftretenden anterioren Uveitis ähnlich.

In dieser Studie wurden Ratten zur Induktion der EMIU mit 250 µg BMA immunisiert. Das Immuno­gen wurde in Kombination mit komplettem Freund-Adjuvans (CFA) und Pertussistoxin (PTX) inji­ziert, da die Immunisation unter Verzicht auf die genannten Immunstimulantien keine Symptome einer Uveitis hervor­rief. Möglicherweise hatte die aus boviner Choroidea aufgereinigte Substanz eine zu geringe Antigen­konzentration, so dass erst eine entsprechend höhere Dosis ausreichend uveitogen gewirkt hätte. Andererseits müsste die verwendete Menge im Vergleich zur Literatur aus­reichend hoch gewesen sein (Bora 1997).

Bei der Manifestation der EMIU können hauptsächlich CD4+-T-Lymphozyten, Neutrophile Granulo­zyten und Monozyten im vorderen Segment des Auges nach­gewiesen werden (Kim 1995). Rekrutierte ED1+-Monozyten haben dabei in Iris und Ziliar­körper einen vielfach höheren Anteil als gewebeständige ED2+-Monozyten (Histiozyten) (Kim 1995, McMenamin 1997a). Auch die Zahl dendritischer Zellen nimmt bis auf das Dreifache der normalen Zelldichte zu (Kim 1995, McMenamin 1997a). Neben der stark ansteigenden Zahl dendritischer Zellen und monozytärer Zellen wandelt sich auch deren Morphologie von einem dendriformen bzw. pleomorphem Charak­ter zu einer regelmäßigen Zellform. McMenamin und Butler deuten die ersichtlichen Veränderun­gen der Zellmorphe sowohl als Zei­chen der verstärkten Aktivierung und erhöhten Mobilität als auch für gesteigerte phagozytotische Aktivität (Butler und McMenamin 1996, McMenamin 1997a).

Makrophagen sind neben ihrer Fähigkeit zur Phagozytose und ihrer Funktion als antigenpräsen­tierende Zellen in die Regulation und die Effektorphase immunologischer Vorgänge involviert (Unanue 1984, Unanue und Allen 1987). Zur Untersu­chung funktioneller Aspekte kann in vivo die selektive Depletion von Makrophagen durch liposomal ver­kapseltes Clodronat angewandt werden (van Rooijen 1992). Clodronat-Liposomen werden von Makrophagen in Milz, Leber, Lunge und Lymphknoten (Delemarre 1990, van Rooijen 1989a) sowie durch Blutmonozyten phagozytiert (Thepen 1990, van Rooijen 1990). Nach Internalisation der Liposomen wird Clodronat aus Phagolysosomen freigesetzt und löst den apoptotischen Zelltod aus. Verschiedene Hypothe­sen für zugrunde-liegenden Mechanismen werden diskutiert: Es besteht die Mög­lichkeit, dass Clodronat mit Eisenionen Chelatkomplexe bildet und auf Grund dessen die intrazellulären Eisen­speicher erschöpft (Mönkkönen und Heath 1993, van Rooijen 1993). Clodronat könnte auch direkt auf den intrazellulären ATP-Metabolismus Einfluß haben (Pelorgeas 1992, Rogers 1992, van Rooijen 1993). Des weiteren gehört Clodronat zur Gruppe der Biphosphonate, die für ihre starke Affinität zu Kalzium-Ionen bekannt sind. Sonstige Biphosphonate und andere Substanzen mit starker Kalziumaffinität haben eine geringere makrophagentoxische Wirkung als Clodronat. Saito und Fidler stellten eine für Makrophagen toxische Wirkung chlorierter Substanzen fest (Fidler 1977, Saito und Yamaguchi 1985). Deswegen ist die Toxi­zität von Clodronat möglicherweise in der Kombination von hoher Kalziumaffinität der Biphosphonate und der strukturellen Chlorid-Gruppen begründet (van Rooijen 1989a, van Rooijen und Poppema 1992). Andere phagozytotisch wirkende Zellen, wie z.B. Neut­rophile Granulozyten und Endothelzellen, oder nicht-phagozytierende Zellen, wie z.B. T- und B-Lympho­zyten, bleiben durch Clodronat allerdings unbeeinflusst (Claassen 1990, Qian 1994, Schmidt-Weber 1996). Freies Clodronat durchdringt nur in extrem hohen Konzentrationen Zellmembranen. Darüber hinaus weist Clodronat im Blut und in anderen Körperflüssigkeiten eine extrem kurze Halbwertszeit von einigen Minuten auf (Fleisch 1988).

Die selektive Makrophageneliminierung wirkte sich stark supprimierend auf die Entzündungs­reak­tion bei einer Reihe autoimmunologischer Tiermodelle aus, so z.B. bei der Experimentellen Aller­gischen Enze­phalomyelitis (EAE) (Huitinga 1995), bei der Experimentellen Autoimmunen Neuritis (EAN) (Jung 1993), bei der Experimentellen Arthritis (van Lent 1994) und bei der Experimentellen Pigmentepithelmembran-Protein induzierten Uveitis (EAPU) (Broekhuyse 1997).

Morphologische Studien bei EMIU (McMenamin 1997b) lassen vermuten, dass Makrophagen gleichfalls in Prozesse einge­bunden sind, die die EMIU generieren und mediieren.

Ziel der Clodronatgabe war es, über den gesamten Untersuchungszeitraum eine anhaltende Makro­phagendepletion zu erreichen. Deshalb wurde den Tieren bereits 2 Tage vor der Immunisa­tion Clodronat-Liposomen intraperitoneal appliziert. Die Behandlung wurde am 1. Tag nach Immu­ni­sation fortgesetzt, um einer durch komplettes Freund-Adjuvans hervorgerufenen vorzeitigen Repopulation von Peritoneal- und Omentalmakrophagen vorzubeugen (Biewenga 1995). Makro­phagen stellen etwa 70–90% der Peritonealzellen des menschlichen und tierischen Orga­nismus (Bos 1988, Plasman und Vray 1993) und sind nicht vollständig durch liposomales Clodro­nat zu [Seite 34↓]eliminieren (Soesatyo 1991). Zudem setzt die Repopulation von Peritoneal­makrophagen bereits nach 3–4 Tagen ein (Soesatyo 1991). Daher erfolgten weitere intraperitoneale Clodronat-Injektionen im Abstand von maximal 3 Tagen. Eine Ursache für diese relativ frühzeitige Repopulation können Makrophagen des Omentum majus sein (Shimotsuma 1991, Wijffels 1992). Für die Repopulation kommen gleichermaßen migrierende monozytäre Vorläufer­zellen des Knochen­marks in Frage, da die intra­venöse Applikation von liposomalem Clodronat zwar Blutmonozyten, aber nicht deren Vorläufer im Knochenmark eliminiert (Huitinga 1992). Neben der Peritonealhöhle und dem Omentum majus werden durch intra­peritoneale Clodronat-Injektionen auch Makrophagen in Milz, Leber und thymikolym­phatische Makrophagen eliminiert (van Rooijen 1989b, van Rooijen 1990). Daher vermuten van Rooijen et al. einen Übertritt von Liposomen in die Blutbahn über das Omentum und über drainierende Lymphgefäße.

Im Beobachtungszeitraum der vorliegenden Studie lag die Manifestationsrate einer Uveitis anterior bei annähernd 80 %. Iridozyklitische Veränderungen des Augenvorder­abschnittes wie Irishyper­ämie, Vaskul­itis und Fibrin in der Vorderkammer waren bei spaltlampenmikroskopischen Untersu­chungen zwischen dem 8. und 10. Tag erkenn­bar. Bei fortgeschrittenem Verlauf kamen speckige Hornhautpräzipitate, Blu­tungen in die Vorderkammer, hintere Synechien bis zur totalen Okklusion mit Ausbildung einer Iris bombata hinzu. Entsprechende Beobachtungen wurden auch durch Chan und Broekhuyse beschrieben (Broekhuyse 1991, Chan 1994).

Im klinischen Alltag ist der Nachweis von Zellen im Kammerwasser für eine Uveitis anterior patho­gnomo­nisch. Die Analyse der Zellzahl und Proteinkonzentration im Kammerwasser zeigte bei im­munisierten Ratten unter Behandlung mit Clodronat keinen Unterschied zu nicht immunisierten Tieren bzw. eine sig­nifikante Reduktion im Ver­gleich zu EMIU-Tieren. In spaltlampenmikrosko­pischen Untersuchungen waren ebenfalls keine der bei EMIU zu beobachtenden Symptome fest­stellbar. Die Be­handlung immunisierter Tiere mit Leer-Liposomen hatte demgegenüber keine sup­primierende Auswirkung auf den Entzündungs­verlauf.

Schon 1998 hatte Broekhuyse am Modell der EMIU Makrophagendepletionsstudien durchge­führt (Broekhuyse 1997). Die Behandlung mit liposomalem Clodronat setzte relativ spät vor dem zu erwartenden Entzündungsbeginn und während der sich manifestierenden Entzündung ein. Die durch Broek­huyse vorgenommene Makro­phageneliminierung bewirkte keine Veränderung des Entzündungs­verlaufes bei EMIU. Broekhuyse nimmt daher an, dass Makrophagen als Effektorzellen für die EMIU unbedeutend sind. Statt dessen zieht er zytotoxische T-Lymphozyten als Effektorzel­len bei EMIU in Betracht (Broekhuyse 1997). Chan und McMenamin beschrei­ben das Vorherr­schen von T-Lymphozyten über Makrophagen während des gesamten EMIU-Verlaufs (Chan 1994, McMenamin 1997b). Diese Erkenntnisse und die in der vor­liegenden EMIU-Studie durch frühe Clodronat-Gabe bewirkte Suppression der Entzündung weisen auf die Entzündung generierende und mediierende Funk­tionen von Makrophagen bei der EMIU hin. Das könnte eine weitere Erklärung sein, warum eine Makro­phagendepletion zu späteren Zeit­punkten keinen anti-inflammatorischen Effekt zeigt (Broekhuyse 1997). Es ist bekannt, dass Makrophagen als anti­genpräsentierende Zellen eine zentrale Rolle in der zell­vermittelten Immunität einnehmen, indem sie Antigenpeptide durch Expression von MHC-II-Molekülen gegenüber T-Helferzellen (CD4+-T-Lymphozyten) präsentieren. Neben Makrophagen stimulieren daraufhin akti­vierte CD4+-T-Lym­phozyten durch Zell-Zell-Interaktionen und durch sezernierte Zytokine entsprechende Effektor­zellen, die für entzündliche Ver­änderungen an Zielstrukturen verantwortlich sind (D'Ambrosio 1999).

Die Emigration von Leukozyten in entzündetes Gewebe wird durch Adhäsions­moleküle vermittelt, die auf der Oberfläche von Leukozyten und vaskulären Endo­thelzellen exprimiert werden. Diese Moleküle er­möglichen die kontrollierte Re­krutierung spezifischer Entzündungszellen aus der Blut­zirkulation in das Zielgewebe.

Der Extravasation von Leukozyten gehen mehrere Stadien der Interaktion zwischen vaskulärem Endothel und Leukozyten voran. Zunächst besteht eine sehr geringe Affinität zwischen den Ad­häsionsmolekülen auf Leukozyten und denen auf Endothel­zellen (Selectine). Als Folge rollen Leu­kozyten an der inneren Gefäßwand entlang. Bei weiterer Aktivierung kommt es zu einer starken Haftung von Leukozyten am Gefäßendothel. Sie ist durch hochaffine Interaktion zwischen Inte­grinen und Adhäsionsmolekülen der Ig-Superfamilie bedingt (Carlos und Harlan 1994). Durch Anwen­dung der Intra­vital­mikroskopie können diese Phänomene am Auge in vivo beobachtet und quantifiziert werden, ohne dass Einflüsse durch invasive Präparationen zu erwarten sind (Baatz 1995).

In der vorliegenden Studie konnten erstmalig Zell-Zell-Interaktionen in Irisvenolen bei der EMIU beob­achtet werden. Zur Analyse der frühen Entzündungsreaktion wurde die Methode der Intra­vital­mikroskopie gewählt und Untersuchungen bis zum 10. Tag nach Immunisation (p.i.) vor­ge­nommen. [Seite 35↓]Des weiteren zeigten die Vorversuche, dass die Videobildqualität während der inflammato­rischen Spätphase, das heißt bei Auftreten spaltlampenmikroskopischer Symptome, stark durch in das Kammer­wasser exsudiertes Protein beeinträchtigt wird. In diesen Fällen wären keine verläss­lichen Analysen der Leukozyten-Endothelzell-Interaktion unter Anwendung der Intra­vitalmikro­skopie möglich gewesen. Kim und Chan berichten von einer zunehmenden Expression der Ad­häsionsmoleküle ICAM-1 (CD54) und LFA-1 (CD11a/CD18) 5 bis 7 Tage nach der Immuni­sation mit Melanin-assoziiertem Protein (Chan 1994, Kim 1994). Tatsächlich wurde das durch Selectine hervor­gerufene Rollen von Leukozyten das erste Mal verstärkt am 6. Tag p.i. beobachtet. Hingegen nahm die durch Integrine vermittelte feste Haftung von Leukozyten am Endothel erst­mals am 8. Tag zu und steigerte sich weiterhin bis zum 10. Tag. Bisher fehlten direkte quantitative Analysen der Leukozyten-Endothelzell-Interaktion während früher Entzün­dungsstadien bei der EMIU.

Wie anfänglich beschrieben, konnte die intraokulare Entzündungssymptomatik bei EMIU durch Makro­phageneliminierung supprimiert werden. Übereinstimmend zeigen die intravitalmikrosko­pischen Daten der vorliegenden Studie, dass die für eine Ent­zündung charakteristischen Ad­hä­sionsphänomene von Leukozyten am vaskulären Endothel durch Makrophagendepletion deutlich unterdrückt werden: die Zahl rollender Leukozyten war am 8. Tag um ein Drittel reduziert. Dieser Effekt war am letzten Unter­suchungszeitpunkt, dem 10.Tag, am stärksten ausgeprägt. Die hochaf­fine Interaktion zwischen Leuko­zyten und Endothel (fest am Endothel haftende Leuko­zyten) zeigte eine vergleichbare Reduktion. Die entzündungshemmende Wirkung von Clodronat-Lipo­somen wird nicht durch Bestandteile der lipo­somalen Membran verursacht, da Leer-Liposomen weder auf die intraokulare Entzündungssymptomatik noch auf die Zahl am Endothel entlang rollender bzw. fest haftender Leukozyten Einfluss hatten. Das zeigt, dass Liposomen nicht mit Ad­häsionsmolekülen interagieren, die das Rollen oder die feste Haftung von Leukozyten am Endothel vermitteln. Über­einstimmend berichtet Malhotra über eine fehlende Bindungskapazität von Phos­phatidylcholin an L- oder E-Selectin (Malhotra 1996).

CD4+-Lymphozyten (TH: „T-Helfer“) stellen die Mehrzahl der Leukozyten während früher Stadien der okulären Entzündung bei EMIU (McMenamin 1997b). Diese Lymphozyten produzieren ein breites Spektrum an Zytokinen. CD4+-Lymphozyten werden in zwei Subtypen (TH-1 und TH-2) eingeteilt, je nachdem welches Zytokin­profil von ihnen freigesetzt wird (D'Ambrosio 1999, Mosmann und Coffman 1989): Aktivierte TH-1-Zellen mediieren Immun­reaktionen vom verzögerten Typ (zelluläre Immunantwort) und setzen IFN-γ IL-2 und TNF-β frei. TH-2-Zellen unter­stützen B-Lympho­zyten in der Antikörperproduktion (humorale Immunantwort) durch die Sekretion von IL-4, IL-5, IL-6 und IL-10. Beide T-Zelltypen sind zur Produktion von IL-3, TNF-α und GM-CSF fähig. TH-1 und TH-2 Zytokine haben eine gegen­seitig inhibierende Wirkung. Beispielsweise verhindert IFN-γ die Proliferation von TH-2-Lymphozyten (Fernandez-Botran 1988) und umgekehrt IL-10 die klonale Expansion von TH-1-Lympho­zyten (de Waal 1991). Die wechsel­seitige Regulation durch TH-Typ-Lymphokine erlaubt nur einem T-Zell-Subtyp, die Immunantwort gegenüber einem Antigen zu beherrschen.

Die Aktivierung von Makrophagen, zum Beispiel durch Antigenkontakt bzw. Antigen­phagozytose oder durch Lymphokine (IFN-γ), führt durch de novo Synthese von m-RNA zur Sekretion verschie­dener im­munregulierender Substanzen. Dazu gehören Zytokine wie IL-1, IL-6, IL-8, TNF-α, GM-CSF, TGF-β, IFN-γ (Beutler und Cerami 1988, Dinarello 1989a, Fausto 1991, Geissler 1989, Gessani und Belardelli 1998, Larsen 1989, Le und Vilcek 1989, Yoshida 1994). Der biologische Effekt dieser Substanzen auf Entzündungs­reaktionen ist vielfältig und unter anderem davon ab­hängig, in welcher Kombination die entspre­chenden Substanzen vorliegen. Auf im­mun­kompetente Entzündungszellen wirken diese Effektorsubstanzen chemotaktisch und aktivi­tätsför­dernd. Des weiteren werden durch sie die Pro­liferation und Differenzierung immunkompe­tenter Zellen wie T-Lymphozyten, Makrophagen und Granulozyten unterstützt.

Da besonders TNF-α und IFN-γ Schlüsselrollen während der Immunantwort einnehmen, wurden deren Kinetik im Blutplasma im Rahmen der hier vorliegenden Studie untersucht. TNF-α, ein über­wiegend durch aktivierte Makrophagen frei­gesetztes Zytokin, ist an der Pathogenese einer Vielzahl von Erkran­kungen des Menschen und entsprechender Tiermodelle beteiligt. Beispiele sind die rheumatoide Arthri­tis (Feldmann 1998), die Enzephalomyelitis (Issazadeh 1995) und verschiedene Formen der Uveitis (Dick 1996, Nakamura 1994, Planck 1994, Wakefield 1999, Woon 1998). TNF-α stimuliert Entzündungszellen und Zellen im Gewebsver­band zur Zytokinsekretion (z.B. IFN-γ, IL-8). Als Folge wird eine aktivitätsfördernde und chemotaktisch wirkende Zytokinkaskade in Gang gesetzt, die Leukozyten und Endothelzellen zur verstärkten Expression von Adhäsionsmole­küle anregt und somit deren Migration in entzündliche Gewebe fördert (Adams und Lloyd 1997, Carlos und Harlan 1994, Paliard 1988).


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TNF-α im Plasma von EMIU-Tieren ließ eine bi­phasische Kinetik innerhalb des Untersuchungszeit­raumes von zehn Tagen erkennen. Der erste Gipfel von TNF-α am 4. Tag kann als Antwort akti­vierter Makro­phagen auf den Antigenkontakt angesehen werden. IFN-γ ist ein von aktivierten Lymphozyten sezernier­tes Lymphokin (Paliard 1988). Am 6. Tag stieg die IFN-γ-Konzentration rapide an. Im weiteren Verlauf bis zur Manifestation der EMIU fiel dieser Wert langsam ab. Da am 4. Tag der erste Anstieg des Plasma-TNF-α-Spiegels zu verzeichnen war und in kurzer zeitlichen Folge Maximalwerte von IFN-γ gemessen wurden, liegt es nahe, dass zu diesem Zeitpunkt nach vorange­gangener Antigenprozessierung und -präsentation eine Aktivierung von CD4+T-Lympho­zyten durch TNF-α stattgefunden hat. Auf Endothelzellen haben TNF-α und IFN-γ insoweit Einfluss, als dass die Expression von MHC-Molekülen induziert wird und zusätz­liche, die Emigration för­dernde Ad­häsionsmoleküle auf der Zelloberfläche exprimiert oder neusynthetisiert werden (Batten 1996, Doukas und Pober 1990, Paleolog 1992). Die intra­vitalmikroskopischen Beobachtun­gen mit einer steigenden Zahl rollender Leuko­zyten zum 6. Tag zeigt die Wirkung dieser Vorgänge auf die Mikrozirkulation. IFN-γ wirkt synergistisch mit TNF-α und IL-1. Als positi­ves Feedback-Signal verstärkt es gegen intrazelluläre Antigene gerichtete Ab­wehr­funktionen von Makrophagen (Nathan 1983). Daneben stellen IFN-γ, MCP und IL-8 einen proliferations­fördern­den und chemotaktischen Reiz für T-Lymphozyten, Granulozyten und Monozyten dar. Sie migrieren dem Konzen­tra­tionsgefälle folgend zum Entzündungsort, verlassen das Gefäßbett und infil­trieren die betreffenden Gewebe (Becker 2000, Weiss 1998). Daraus resultiert eine relative Verschiebung der zellulä­ren Blut­bestandteile nach extravasal. In histologischen Präparaten von mit Melaninprotein immuni­sierten Tieren überwiegen T-Lymphozyten gegenüber anderen Ent­zündungszellen (McMenamin 1997b), was die konsekutive Abnahme des relativen Anteils der Lymphozyten im peripheren Blutbild erklären könnte.

Histologische Untersuchungen bei EMIU zeigen eine zunehmende Zahl mono­zytärer Zellen in Iris und Ziliarkörper während der Manifestation der EMIU (McMenamin 1997b). Die Proliferation und Rekrutierung von Lymphozyten, Granulozyten und besonders von Makrophagen in uveales Gewebe könnte zu dem zweiten, stärker aus­geprägten Anstieg des Plasma-TNF-α am 10. Tag führen. Broekhuyse konnte durch späte Makro­phagen­depletion die gewebsdestruktiven Effektor­funktionen von Makrophagen ausschließen (Broekhuyse 1997). Möglicherweise haben rekru­tierte Makrophagen bei EMIU die Funktion, Zelltrüm­mer abzuräumen oder sie sind in Wundhei­lungsprozesse einbezogen. Bei einem anderen Modell der experimentellen Uveitis, der Endotoxin-induzierten Uveitis (EIU), sind verminderte entzündliche Veränderungen des Augenvorder­ab­schnittes nach Makrophagendepletion mit liposomalem Clo­dronat nachweisbar (Pouvreau 1998, Salkowski 1995). Dennoch wurde durch Makrophagendepletion bei EIU die Proteinexsu­dation und Zellinfiltration in das Kammerwasser weit weniger supprimiert als in der vorliegenden Arbeit. Die EIU wird durch proinflammatorische Zytokine mediiert, die nach Endo­toxinreiz neben Makrophagen auch durch T-Lymphozyten, Mastzellen, Endothel­zellen und Granu­lozyten freige­setzt werden. Im Fall der EIU zeigt eine Makrophagendepletion daher nur eine einge­schränkte antiinflammatorische Wirkung. Bei der EMIU hatte eine fortdauernde Behandlung mit liposomalem Clodronat weder am 8. noch am 10. Tag einen nennenswerten Anstieg von TNF-α im Blut­plasma zur Folge, was die Depletion von Makrophagen widerspiegelt. Insofern wäre gleicher­maßen der Signalfluss zu weiteren Entzündungs­zellen unterbunden, die Initiierung von Proliferation und Rekru­tierung kann, wie in den vitalmikroskopischen Parametern und dem Differentialblutbild erkennbar, nicht statt­finden. Entsprechende Hinweise ergeben sich aus dem erst zum 10. Tag im Plasma nachweisbaren IFN-γ bei mit Clodronat-Lipo­somen behandelten Tieren. Hierbei könnte es sich um eine durch noch vorhandene Makrophagenpopulationen statt­gefundene Aktivierung von Entzün­dungszellen han­deln. Weitere Ursachen des IFN-γ-Anstiegs bestehen in der Präsentation des Anti­gens stellvertretend durch andere phago­zytierende Zellen, die durch Clodronat unbeeinflusst bleiben.

Nach dem Zusam­menbruch der Blut-Kammerwasser-Schranke infolge entzündlicher Ver­änderun­gen und des Endothelschadens ist zu erwarten, dass die Zytokinkonzentrationen im Kam­mer­wasser ähnlich der im Blutplasma gemessenen sind. Ein paralleler Verlauf von TNF-α in Serum und Liquor ist bei der Expe­rimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis nachweisbar (Villaroya 1996). Bei EMIU wurden bisher keine direkten Untersuchungen von Zytokinen im Kammer­wasser vorgenom­men. Woon et al. stellten jedoch eine ge­steigerte TNF-α-mRNA-Synthese in Iris und Ziliarkörper bei vollständiger Manifestation der EMIU fest (Woon 1998). Demgegenüber war die IFN-γ-mRNA-Synthese zu diesem Zeitpunkt in Iris und Ziliarkörper nur marginal erhöht, wogegen in peripheren Lymphknoten eine vielfach höhere Expression von IFN-γ nach­gewiesen werden konnte. Es ist denkbar, dass als Antwort auf die Antigenexposition eine Aktivierung von TH-Lym­phozyten peripher stattfindet.


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In dieser Studie wurde erstmals die Methode der Intravitalmikroskopie an einem autoimmunolo­gischen Entzündungsmodell angewandt, um die Leukozyten-Endothel-Interaktion zu untersuchen. Pathophysiolo­gische Mechanismen der Zellrekrutierung zum Entzündungsort waren so direkt zu beobachten. Die ver­minderte Zahl rollender und fest haftender Leukozyten nach Makrophagen­depletion weist auf die entscheidende Rolle von Makrophagen während der Frühphase der EMIU hin. Die EMIU ist eine rekurrie­rende okuläre Entzündung. Weitere Studien werden zeigen, welche Bedeutung den Makrophagen im Rezidiv zukommt.


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24.06.2005