5. Ausblick: Vegetarismus als scheiternder Schuldverzicht

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Die Ablehnung des Opferstoffes Fleisch artikuliert, wie wir gesehen haben, eine Sanktion der mit ihr verknüpften kulturellen Stiftungsangelegenheiten. Vor dem Hintergrund des Tieropfers in der mediterranen Kultur hat sich Vegetarismus insgesamt als Ablehnung des Opfers zu erkennen gegeben. Namentlich bei den Pythagoreern konnte ein Bestreben erkannt werden, hinter der als trügerisch entlarvten Weltordnung eine bessere zu behaupten, die die Möglichkeit einer engeren Gemeinschaft mit den Göttern eröffnet. So kommt es zu unterschiedlichen Weisen des Arrangements mit dem Opfer, wobei in jedem Fall klar wird, dass dem Opferverhältnis nicht zu entkommen ist, sondern das Opfer lediglich auf einer anderen Ebene restituiert wird. Bereits bei den Pythagoreern zeichnet sich außerdem das zunächst verwunderliche Phänomen ab, das uns später bei den Manichäern in noch drastischerer Weise wieder begegnet ist: das Essen gerade des Göttlichen ist das, worauf es dem Verzichtenden ankommt. In das Christentum sind diese Überlegungen zum Vegetarismus wesentlich mit eingeflossen, da eine Ablehnung des jüdischen und des heidnischen Opfers propagiert wird. Aber auch hier kommt es zu einer Restitution des Opfers im Abendmahl, denn Brot und Wein fungieren im Abendmahl als Opferelemente. Es zeichnet sich also ein Übergang ab von der Ablehnung des Opfers zu einer Überbietung und Generalisierung desselben als Selbstopfer. Es ist deutlich geworden, dass die Kirche sich selbst als Opfer darbringt, was Augustinus belegt. Die Manichäer lehnen ebenfalls das Opfer ab, was angesichts ihrer Herleitung vom Christentum nicht verwundert. Es hat sich hier eine Transformation der christlichen Problematik abgezeichnet, insofern als das, was bei den Christen verborgen geblieben ist, im Manichäismus eben gerade ins Zentrum gerückt ist. Der Manichäismus stimmt in der Hinsicht mit dem Christentum überein, dass es gut ist, das Göttliche zu essen, aber es geht bei den Manichäern darum, Erlösung verstehbar zu machen, und zwar als Prozess innerhalb einer geregelten Weltordnung, die nicht zwischen Dingen und Menschen trennt. Die Manichäer sehen dann aber das Göttliche im Unterschied zu den Christen im Licht und in den heliotropen Pflanzen. Zudem problematisieren sie das Weltverhältnis generell als Schuldverhältnis, indem sie eine in Dingen und Menschen gleichermaßen vorhandene göttliche Substanz ansetzen. „Das Orale ist die Wurzel aller Schuld“.689 Das Differierende im Manichäismus ist aber, was für diese Studie hervorgehoben werden sollte, dass in der Verdauung der disziplinierten Körper der Electi die zerstörende Oralität in Erlösungsprozesse umschlägt. Dabei wird das Opfer der traditionellen Religion ersetzt durch das Opfer im sakralisierten Magen bzw. den Verdauungsprozess des manichäischen Heiligen.

Was nun insgesamt bei der Bearbeitung des Themas Vegetarismus herausarbeitet worden ist, ist eine diesem Essstil immanente Negation der Herrschaftsdomäne, also ein Widerstand gegen die Anerkennung eines symbolischen Herrn, d. h. in erster Linie des geltenden Gesetzes. Offensichtlich ist dem Vegetarier im Allgemeinen die Proklamation von Gewaltvermeidung ein Hauptanliegen. Diese aber wiederum – was verschiedene Beispiele belegt haben – wird von einigen Epiphänomenen gestützt: Erstens mit der Rebellion gegen die Herrschaftsposition und zweitens mit einem Wunsch nach Unsterblichkeit bzw. einem Bestreben zurück zu einem als ursprünglich imaginierten Zustand zu gelangen. Damit hängt drittens die Affinität zu einer religiösen dualistischen Denkstruktur eng zusammen, die auf Totalität zielt und wiederum an diverse Entmischungs- oder Reinigungszeremonien gekoppelt ist, die wir mehr oder weniger ausgeprägt bei allen untersuchten Diskurspositionen beobachten konnten. Viertens und für diese Thematik momentan abschließend hat sich uns darin eine bestimmte Artikulation des Geschlechterverhältnisses zu erkennen gegeben, die – kurz gesagt – auf eine Vorstellung von der „Abschaffung der Frau“ bzw. der Verleugnung des Weiblichen im Mann hinausläuft. Nichts aus einer Gebärmutter Stammendes zu verzehren, könnte ja auch bedeuten, selbst, sich selbst neu gebären zu wollen, was das neuzeitliche Technikgebaren (im Sinne des Ge-stells) par excellence zum Ausdruck bringen würde. Daher ging es also in dieser Vegetarismus-Analyse nicht (nur) ums Essen, sondern um ein sich in einem Essstil artikulierendes Verhältnis zu Macht, Herrschaft sowie um eine sichtbare Antizipation neuzeitlich-moderner Technik bereits in der Antike. Wir haben im Gang durch die Themenschwerpunkte und Diskurspositionen die These, dass Souveränität nicht durch eine Ablehnungsgeste erreicht wird, geprüft und bestätigt gefunden. Ohne sich in irgendeiner Weise dem Gesetz unterzuordnen, ist es unmöglich, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen. Anhand der Ablehnung des Opfers inklusive der dieses besiegelnden Fleischmahlzeit, auf der Vegetarismus in jeder Hinsicht basiert, haben wir den – vergeblichen – Versuch einer Veränderung der Herrschaftsverhältnisse unter Umgehung der Unterwerfung unter das Gesetz skizziert. So hat sich die Frage nach Souveränität, neben der Subversionsproblematik, vielleicht in zunächst überraschender Weise ins Zentrum der Vegetarismusthematik gerückt. Innerhalb der Opferökonomie hat der Verlust Vorrang vor der Aneignung; das Opfer ist in erster Instanz maßlose, mitunter aggressive, Verschwendung, mit dem ihr zugesellten Pendant: der Askese, die im Gegenzug nunmehr an einen Harmonieimperativ gekoppelt ist. Auch ist uns ein auffallender Hang zum Sakralen in Form versuchter Gottesangleichung bei sämtlichen sich durch Fleischverzicht definierenden, im Wesen religiösen Gruppierungen begegnet. Beim Streben nach Aufstieg kristallisiert sich, als Epiphänomen nachgerade, eine fast schon militärisch zu nennende soziale Hierarchisierung heraus: oben befindet sich der stellvertretende „Gott“, dem einige Auserwählte folgen, und das breite Spektrum der profanen Gläubigen wird von weiteren Anhängern des entsprechenden religiösen Heilsphantasmas gebildet. Der sakrale Mensch der Askese gilt überdies als souverän, weil er fast nichts benötigt, um überleben zu können, aber sein Leben fällt entsprechend mager aus: ist es doch mehr der Aufschub der Existenz auf eine ungewisse Zukunft. Im selben Verhältnis, in dem er materieller Güter entsagt, steigt jedoch sein Prestige als „Übermensch“. Und so rückt der Asket – zumindest innerhalb einer esoterischen Gruppe – klammheimlich an die Stelle des vormaligen Gesetzgebers, dessen oktroyiertem Gesetz er sich selbst soeben entzogen hatte. Das Herrschaft konstituierende Gesetz bzw. Macht als solche kann nicht auf dem Wege des Verzichts bekämpft werden.690 Es sollte bis hierher deutlich geworden sein, dass ein Kampf gegen die Macht auch nur ein Kampf um die Macht ist, eben weil er innerhalb des differenzierten Beziehungsgeflechts nur zur Stärkung dessen führt, was zu bekämpfen er vorgibt. So kann die die gesamte Arbeit durchziehende Frage, ob das Verweigerungsgebaren des Vegetarismus seiner Struktur nach, also als Negationsbewegung, sich nicht nur als Umkehrung, sondern gar als Überbietung der verworfenen Herrschaftsverhältnisse erweist und letztlich zu einer Potenzierung der ohnehin bestehenden Übermacht führt, abschließend bejaht werden.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass unser heutiger Umgang mit Tieren – und davon abgeleitet unser Verhältnis in Bezug auf den Verzehr von Tieren – nur auf der Folie des Christentums überhaupt vorstellbar ist. Man könnte im Anschluss an die Ausführungen dieser Arbeit so weit gehen, noch heute die Existenz „manichäischer Gnostifizierungsversuche“ gegen diese Postulate zu mutmaßen. Es hat sich aber auch einmal mehr der im Christentum prominente Versuch, uns von Schuld zu erlösen, als gescheitert erwiesen. Zugespitzt formuliert erweist sich der Vegetarier nach den Ausführungen dieser Arbeit als „Wolf im Schafspelz“.


Fußnoten und Endnoten

689  H. Böhme 2001a, 247.

690  Zu Recht wirft Foucault die Frage auf, „woher [...] die Tendenz, die Macht nur in der negativen und fleischlosen Form des Verbotes zur Kenntnis zu nehmen [kommt]? Woher kommt die Neigung, die Dispositive der Herrschaft auf die Prozedur des Untersagungsgesetzes zu reduzieren?“ Er beantwortet diese Frage zunächst damit, dass die Macht, „nur unter der Bedingung, daß sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verschleiert“, überhaupt erträglich ist. „Ihr Durchsetzungserfolg entspricht ihrem Vermögen, ihre Mechanismen zu verbergen.“ (Foucault 1976, 107)



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20.07.2007