1.  Konzept „Mit der Praxis für die Praxis“

[Seite 11↓]Phase I: Diagnostik und Intervention

Das Konzept „Mit der Praxis für die Praxis“ beinhaltet die sich überschneidenden Bereiche der Problemfindung, der Problemspezifizierung und der Problemlösung. Alle Entscheidungen beginnen und enden in der Praxis. Das forschungsmethodische Vorgehen unterscheidet sich von bereits existierenden Vorgehensweisen wie beispielsweise „Von der Praxis über die Theorie und Empirie wieder zurück zur Praxis“ (vgl. Roth & Schipke, 1996, S. 161) insofern, als zu jeder Phase und für jede Phase des Projektes Trainer (Inventoren) und wissenschaftliche Berater (Evaluatoren) gemeinsame Projektplanungen und kritische Projektbewertungen realisieren. Die Art des Problems, die beteiligten Personen sowie die existierenden Rahmenbedingungen spezifizieren letztlich das methodische Vorgehen und werden im Folgenden vorgestellt.

Abbildung 3: Konzept zur Problemfindung, -spezifikation und -lösung

Abbildung 3 zeigt das Konzept. Bei der Problemfindung werden die Bundestrainer oder andere in der Praxis tätige Personen aufgefordert, aktuelle Probleme zu benennen (vgl. Neumaier, De Marées & Seiler, 1997). In der Problemspezifikation werden für ein definiertes Problem die zentralen Rahmenbedingungen zusammen mit den Trainern gesammelt und systematisiert. Zur Problemlösung werden die Trainer gefragt, welche Personen-, Aufgaben- und Situationsfaktoren relevant sind, um das Problem zu lösen. Eine Expertengruppe setzt sich anschließend zusammen und sucht geeignete Strategien, um das Konzept in durchführbaren Arbeits- und Zeitplänen zu konkretisieren (vgl. Bert & Raab, 2003). Eine wichtige Komponente der Trainingssteuerung im Leistungssport sind individualisierte Trainingspläne (vgl. Hossner, Raab & Wollny, 1996). Deshalb wird das Konzept „Mit der Praxis für die Praxis“ neben gruppenstatistischen Bewertungen einer optimalen Technik auch effektive Optimierungsstrategien im Einzelfall festlegen (vgl. Groß, 1985; Schlicht, 1988).


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Die Problemspezifikation für das Techniktraining im Tischtennis beinhaltet ebenfalls zwei wichtige Basissäulen. Zum einen werden in einer inhaltlichen Voruntersuchung die Einflussfaktoren der Technikwechseltechnik, die von Trainern angegeben werden, berücksichtigt, zum anderen werden für die anvisierte Leistungsdiagnostik in einer instrumentellen Voruntersuchung die möglichen methodischen Zugänge zur optimalen Analyse der Techniken und der Technikübergänge überprüft.

1.1. Forschung im Tischtennis

Die wissenschaftliche Begleitung von Interventionen im Tischtennis ist marginal. Zwar gibt es eine Reihe von Untersuchungen im Tischtennis, diese benutzen die Sportart Tischtennis jedoch eher aus messmethodischen Gründen. Dies liegt daran, dass Tischtennisbewegungen gut im Labor untersucht werden können und viele Wiederholungen in kurzer Zeit unter klar definierten räumlichen Bedingungen möglich sind. Beispielsweise wird Tischtennis in motorischen Lernexperimenten benutzt (Maurer, 2003; Roth, 1989, Sorensen, Ingvaldsen & Whiting, 2001; Szymanski, 1997, Wollny, 2002). Wegen der kurzen zeitlichen und räumlichen Anforderungen an das Wahrnehmungssystem benutzen viele Wahrnehmungspsychologen die Bewegungen im Tischtennis (Bootsma & van Wieringen, 1988; Bootsma, Houbiers, Whiting & van Wieringen, 1991). Weitere Studien benutzen Tischtennis, um prinzipielle Fragen ihrer Disziplin (Stand: 2003: 51 Einträge in der psychologischen Datenbank PsychInfo; 37 Einträge in der medizinischen Datenbank MedLine) oder spezifische Teilbereiche der Antizipation und Reaktion zu beantworten (Ernst, 1994; Ripoll, 1989; Ripoll & Fleurance, 1988).

Während Zeitschriften wie Leistungssport und sportspezifische Zeitschriften (Tischtennis, Table Tennis World, International Journal of Table Tennis Sciences) selten experimentell und theoriegeleitete anwendungsorientierte Forschungen präsentieren, sind nur wenige Studien bekannt, die sich mit der Analyse der Tischtennisbewegungen experimentell beschäftigen. Eine der wenigen Ausnahmen betrifft die Arbeiten um Tyldesley (1975, 1981) sowie die neueren Analysen von Kasai und Mori (1998) sowie Rodrigues, Vickers und Williams (2002). Beispielweise zeigten Rodrigues, Vickers und Williams (2002) in einer kombinierten Analyse von Blickbewegungen und kinematischer Analysen, dass bei späterer Zielvorgabe im Vergleich zu früherer Zielvorgabe Bewegungsdauer und Schlaggeschwindigkeit reduziert werden können. Allerdings sind Aussagen über mögliche Optimierungsstrategien nicht direkt aus den genannten Arbeiten zu folgern. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen sowie die Analyse der Veränderungen im DTTB Leitplan (1998, 2001) sind besonders relevant, da sie eine Idee über den Stand der Forschung und das angenommene Anforderungsprofil des Tischtennis vermitteln und zudem klare Sollwerte für die einzelnen Techniken ableitbar sind. Dies wird sowohl für die Diagnostik als auch für die Intervention (Rückmeldung von Fehlern, Korrektur) ein zentraler Anknüpfungspunkt von theoretischen Vorstellungen und der konkreten Umsetzung sein.

1.2. Technikanforderungsprofil im Tischtennis

Die Beschreibung des Techniktrainings folgt den klassischen Unterteilungen in Technikerwerbstraining (Neulernen), Technikanwendungstraining (stabilisieren, variieren) und dem technischen Ergänzungstraining (vgl. Martin, Carl & Lehnertz, 1991). Wir werden uns im Folgenden auf das Optimieren von bereits gelernten Techniken konzentrieren, wie in der Zielsetzung des Projektes festgelegt. Optimierung unterscheidet sich von Umlernprozessen dahingehend, dass die vorhandene Technik nur hinsichtlich ausgewählter Technikmerkmale verändert bzw. bei dem Training der Technikübergänge die Bewegung zwischen Techniken präzisiert wird (Panzer, Daugs, Ehrig & Toews, 2001). Neue Techniken oder komplettes Umlernen der bereits erlernten Technikübergänge des direkten Übergangs oder des indirekten


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Übergangs werden nicht realisiert. Die bereits beschriebene Phase I wird deshalb vor allem die Analyse einzelner Technikmerkmale (Ausholbewegung unter bzw. über Tischkantenniveau, Bewegungstrajektorie des Ellbogens) beinhalten, während in der Phase des Trainings von Technikübergängen beide Optimierungsziele (Bewegungsmerkmale und Technikübergänge) betrachtet werden müssen, um mögliche (unerwünschte) Nebeneffekte eines Technikübergangstrainings auf die Technikmerkmale abschätzen zu können.

1.3. Das Leitbild der Vorhand- und Rückhandschläge

Die Sollwertvorstellung von Techniken (Leitbild) im Tischtennis unterliegt Schwankungen und ist auch international keinesfalls einheitlich. Beispielsweise sind die Vorstellungen asiatischer oder europäischer Handhaltungen und Stellungen zum Ball sehr unterschiedlich. Auch die Diskussion (ähnlich dem Tennis) über die Vor- und Nachteile vieler Technikausprägungen (z. B. Umspielen der Rückhand) variiert. Zudem ist das Leitbild besonders im Hochleistungssport nicht als starre Richtlinie zu verstehen, sondern wird den individuellen Bedingungen des einzelnen Sportlers angepasst. In den folgenden Abbildungen sollen für eine Rahmenvorstellung die Soll-Werte des Vorhand-Topspins und Rückhand-Konters dargestellt werden. An diesen Sollvorgaben sowie entsprechenden Fehlerbildern orientiert sich der deutsche Tischtennisverband (vgl. DTTB, 2001).

Abbildung 4: Vorhand-Topspin auf Überschnitt (Groß & Huber, 1995, S. 40 f.)

Typische Fehler sind:

Abbildung 5: Technik des Rückhand-Konter (Groß & Huber, 1995, S. 92 f.)


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Häufig auftretende technische Fehler des Rückhand-Konters sind:

Zusammenfassend steht der geringen Anzahl von Forschungsarbeiten, die sich mit Schlaganalysen im Tischtennis beschäftigen, eine relativ klare Vorstellung gegenüber, welche Bewegungsknotenpunkte die entsprechende Technik enthalten sollte und welche Fehlerbewegungen zu vermeiden sind. Während dies für die Optimierung von Technikmerkmalen als zumindest erster Schritt positiv bewertbar ist, steht dem gegenüber, dass weder Analysen noch Leitbilder für den Bereich der Technikübergänge existieren.

1.4. Fragestellungen

Die Interventions- und Evaluationsstudie „Techniktraining im Tischtennis“ umfasst drei Ziele: die Bewertung einer Technik-Diagnostik, die Überprüfung individueller Trainingsmaßnahmen und die Verfolgung langfristiger Leistungsverbesserungen im Wettkampf. Das Bundesleistungszentrum im Tischtennis, der DTTB sowie die beteiligten National- und Landestrainer haben sich auf diese Fragestellungen geeinigt.

1. Wie kann die Diagnostik von Techniken für Trainer und Athleten optimiert werden?

Jeder Trainer im Tischtennis benutzt seine Diagnostikinstrumente, die zumeist Beobachtungen im Training sowie Videoanalysen des Trainings und des Wettkampfes umfassen. Relativ wenig Erfahrungen gab es bislang über die Verbindung von kinematischen Bewegungsanalysen und Trefferleistungen im Tischtennis, um Leistungen zu erfassen. Deshalb wurden auf der Grundlage von Voruntersuchungen Kennziffern für die Trefferleistungen sowie kinematische Daten über die Armbewegung innerhalb und zwischen den Techniken entwickelt (vgl. Bert, 2001). In Phase I, der Intervention, sollen die Rückmeldungen der Bewegungsfehler (Ist-Werte) bzw. der Soll-Werte graphisch und durch Videoszenen optimiert und individualisiert werden. Es geht also um die Optimierung einzelner Technikmerkmale. In Phase III, der Intervulation soll Auskunft darüber gegeben werden, welche der existierenden Technikwechselstrategien welche Auswirkungen auf die Trefferleistungen besitzen. Durch das langfristige Ziel und den Wunsch des Bundesinstituts für Sportwissenschaft sowie des Deutschen Tischtennis Verbandes zur langfristigen Entwicklung und zum Aufbau eines Messplatzes wurde dieser Arbeit demnach ein Pilotcharakter zugewiesen.

2. Führen die aus der Diagnostik abgeleiteten Trainingsmaßnahmen zur Technik- und Technikwechseloptimierung kurzfristig zu Verbesserungen?

Technikveränderungen führen kurzfristig oft zu Leistungseinbußen. Deshalb sind Veränderungen nur dann sinnvoll, wenn zumindest mittel- und langfristig bessere Leistungen prognostiziert werden können. Die geplanten Maßnahmen des Video- und Balltrainings können jedoch kurzfristig zu Leistungssteigerungen führen, da die Techniken selbst nicht umgestellt, sondern optimiert werden. Rückmeldungen beispielsweise über die Position des Ellbogens zwischen der Vorhand- und der Rückhandtechnik sind in die individuellen Trainingsmaßnahmen einzubauen. Die Effektivität dieser Maßnahmen ist am Ende des Techniktrainings zu erfassen.

3. Verbessern die Technikwechseloptimierungen langfristig die Leistung bei Wettkämpfen?

Die veränderten Technikwechsel müssen sich auch im Wettkampf leistungssteigernd auswirken. Ihre Analyse im Wettkampf ermöglicht die Beurteilung der Trainings­maßnahmen


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(Trainingsinhalte, -umfänge und entsprechende Zeitpunkte der Interventio­nen). Dazu ist es erforderlich, Leistungserfolge im Wettkampf auch auf Veränderungen im Bereich der Technikmerkmale und der Veränderungen im Bereich von Technik­übergängen zurückzuführen.

1.5. Inhaltliche Voruntersuchung

Die inhaltliche Voruntersuchung spezifiziert das Problem der Technikübergänge durch eine Beschreibung verschiedener Einflussfaktoren. Da in der Literatur wenige Aussagen über Technikwechsel zu finden sind, bietet sich die Möglichkeit an, vom Wissen erfahrener Trainer zu profitieren. Um bei dieser Untersuchung die entsprechenden Faktoren zu berücksichtigen, haben wir bei der Europameisterschaft 2000 in Bremen 24 europäische Spitzentrainer im Tischtennis gefragt, ob differenzielle Aspekte des Spielers bzw. der Spielerin (Größe, Alter, Geschlecht, Händigkeit, Spieltyp) oder Situations­faktoren (Art des Technikübergangs, Zeitpunkt des Technikübergangs in der Sequenz, Spieltempo) relevant sind.

Auf einer Skala von 1 bis 6 sollten die Trainer angeben, wie wichtig ihnen die einzelnen Faktoren bei der Frage nach einem optimalen Technikwechsel sind. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse, die in Mittelwerten dargestellt sind:

Tabelle 1: Ergebnisse der Trainerbefragung bei Spitzentrainern in Europa zur Wichtigkeit von Faktoren, die den Technikwechsel beeinflussen (1 = sehr wichtig, 6 = unwichtig).

Einflussfaktor

Mittelwert

Größe

 

4,29

Alter

 

4,26

Geschlecht

 

5,23

Händigkeit

- des Spielers

5,23

 

- des Gegners

5,38

Spielsystem

- des Spielers

5,23

 

- des Gegners

5,38

Spielniveau

- Anfänger

3,50

 

- Fortgeschrittene

4,00

Technikübergänge

- Vorhand-Schuss nach Vorhand-Topspin

3,23

 

- Rh-Block nach Vorhand-Topspin

2,77

 

- Vorhand-Topspin nach Vorhand-Schupf

3,49

 

- Vorhand-Topspin nach Rückhand-Schupf

3,10

 

- Vorhand-Topspin (umlaufende Rh) nach Rückhand-Schupf

3,14

Zeitpunkt des Technikübergangs

 

3,00

Anzahl der Technikübergänge

 

2,95

Spieltempo

 

2,29

Antizipation

 

2,50

Reaktion

 

2,65

Kreativität des Gegners

 

2,82

Wie aus der Tabelle ersichtlich, liegt der Schwerpunkt auf den Situationsfaktoren. Allerdings sind die von den Spitzentrainern als wichtig eingestuften Situationsfaktoren, wie Reaktion, nur schwer zu trainieren oder die Kreativität des Gegners nur schwer zu operationalisieren. Zudem sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Antizipation, im Sinne von Verarbeitung handlungsrelevanter Information der gegnerischen Stellung bzw. Bewegung mehr von den europäischen Spitzentrainern als zentral empfunden wird als von den Bundestrainern des Bundesstützpunktes in Heidelberg. Das unterschiedliche Leistungsniveau sowie andere Altersgruppen führen zu unterschiedlichen Zielsetzungen, die diese Unterschiede erklären können. Der wichtigste und trainierbare Situationsfaktor, das Spieltempo, wurde von den deutschen Bundestrainern als sehr relevant angesehen. Deshalb haben wir das Spieltempo bei der Diagnostik berücksichtigt. Allerdings liegt der Zeitpunkt der Befragung relativ nah an der [Seite 17↓]Diskussion und der Veränderung der Regeln zur Ballgröße und der Verkürzung der Satzlänge. Es ist nicht auszuschließen, dass die wichtige Bedeutung des Spieltempos durch die aktuelle Akzentuierung der Schlaggeschwindigkeit im Training durch die Einführung der größeren Bälle verursacht wurde. Die größeren Bälle fliegen langsamer und mit weniger Spin und müssen daher mit mehr Geschwindigkeit geschlagen werden.

1.6. Instrumentelle Voruntersuchung

Es gibt mehrere Möglichkeiten die wichtigsten Situationsfaktoren in einem Tischtenniswechsel-Leistungsdiagnostik-Test zu manipulieren.

  1. Spiel 1:1
  2. Einspielen durch eine Ballmaschine
  3. Einspielen durch einen Trainer

Im Folgenden möchten wir die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Dazu werden unter anderem die klassischen Hauptgütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität sowie Nützlichkeitskriterien auf die jeweiligen Möglichkeiten angewendet.

Ad a) Spiel 1:1

Ein Spieler oder Trainer fungiert als Ballverteiler und erhält Instruktionen über Geschwindigkeit, Rotation und Platzierung der Bälle, die der Ballverteiler spielen soll. Im Spiel 1:1 werden die Bälle stark variieren, da sie nicht immer vom gleichen Standort gespielt und somit in einem anderen Winkel geschlagen werden. Da jeder Schlag (außer dem Aufschlag) vom vorhergehenden abhängt, wird es dem rückschlagenden Spieler auch nicht immer möglich sein, die Bälle mit der geplanten Geschwindigkeit und Rotation genau zu platzieren (vgl. Michaelis & Sklorz, 1982). Außerdem ist der Einfluss des Zuspielers zu groß, als dass die situativen Umweltfaktoren konstant gehalten werden könnten. Die Reliabilität dieser Vorgehensweise ist fraglich, da zu den zufälligen Einflussgrößen, die die Untersuchungsperson betreffen, die des Spielpartners bzw. Ballverteilers hinzukommen. Die Messgenauigkeit kann von solchen Variablen stark beeinträchtigt werden. Der Test wäre nur ungenau reproduzierbar. Der Vorteil besteht in der Spielnähe und damit auch in der externen Validität.

Ad b) Einspielen durch eine Ballmaschine

Die Ballmaschine (oder der „Roboter“) ermöglicht ein identisches Einspielen für alle Spieler, wodurch die Bedingungen konstant gehalten werden können und ein hoher Grad an Objektivität erreicht werden kann. Auch die Zuverlässigkeit ist im Vergleich zur Möglichkeit des Spiels 1:1 höher, da mit einer Ballmaschine der Test vergleichsweise genau reproduzierbar wäre. Der Nachteil ist jedoch, abgesehen vom Materialaufwand, die mangelnde Antizipationsmöglichkeit für den Spieler. Der Ball wird aus einer kleinen Öffnung „urplötzlich“ herausgeschossen mit einer Rotation, die technisch, also nicht mit Schläger und Belag erzeugt wird. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Ballmaschine im Leistungstraining nur selten eingesetzt wird. Hinzu kommt die Handhabung, da für jede Variation das Gerät neu eingestellt werden muss. Auf jeden Fall entspricht das Einspielen der Bälle durch eine Ballmaschine nicht der Spielpraxis. Damit stellt sich die Frage, ob das Kriterium „Technikwechsel“ repräsentativ erfasst werden kann. Die externe Validität dieser Möglichkeit wird deshalb geringer eingeschätzt als die des Spiels 1:1.

Ad c) Einspielen durch einen Trainer

Das Einspielen durch den Trainer wird in der Methodik „Balleimertraining“ oder engl. „Many Balls Training” genannt. „Ziel ist immer eine spielnahe Ballflugkurve, die einen realitätsnahen Rückschlag des Spielers ermöglicht“ (DTTB 1998, S. 4). Das ist bei einem erfahrenen Trainer in jedem Fall gewährleistet. Zudem kann das Einspielen ohne Aufwand variiert werden. Die Fehlerquote ist bei guten Trainern minimal. Da sie aufgrund ihrer Erfahrung die Bälle konstant und äußerst genau einspielen können, kann man auch hier von einem hohen Grad an Reliabilität ausgehen. Zu bedenken ist jedoch, dass im Allgemeinen mit steigender Anzahl der Versuche die Reliabilität zunimmt, die Konzentration der Trainer im Laufe des Tests aber abnimmt, worunter [Seite 18↓]die Präzision des Einspielens leidet. Deshalb sollte auf eine angemessene Testlänge und entsprechende Pausen geachtet werden. Im Hinblick auf die Validität kann diese Möglichkeit als Mittelweg bezeichnet werden, da sie zwar weniger repräsentativ für den Technikübergang ist als das beschriebene Spiel 1:1, aber doch eher geeignet ist als die Möglichkeit „Roboter“, bei der die Ballflugkurven technisch erzeugt werden.

Das Einspielen durch den Trainer ist für die Technikwechseldiagnostik am ehesten geeignet. Der Genauigkeit des Zuspiels wird vor der Spielnähe der Vorzug gegeben. Mögliche Reduktionen der ökologischen Validität im Test sollen durch Vergleiche mit Leistungen aus Wettkampfanalysen kompensiert werden (vgl. Tyldesley, 1975). Der Trainer erhält als Vorgabe verschiedene Sequenzen, die er einspielen soll. Die Geschwindigkeit wird über die Einspielfrequenz variiert, wobei ein Metronom sicher stellt, dass die Geschwindigkeit nur mit Absicht verändert wird. Vor Spielbeginn werden die beiden Frequenzen festgelegt, die einem hohen Spieltempo beziehungsweise einem normalen Trainings- und Spieltempo entsprechen.

Die Antizipation ist nur sehr schwer zu überprüfen. Die hier gewählte Möglichkeit entspricht nur der Form der Antizipation, die zur Vorhersage der Platzierung der gegnerischen Schläge benutzt wird. Wenn nämlich der Spieler die Vorinformation erhält, wie die Verteilung der Rückhand- und Vorhand-Bälle innerhalb der Sequenz aussieht, weiß er zu einem Zeitpunkt genau, welcher Ball als nächstes gespielt wird. Erhält er zum Beispiel die Information, dass von den fünf gespielten Bällen immer zwei auf die Rückhand-Seite gespielt werden, weiß er nach dem zweiten Rückhand-Ball, dass der nächste Ball mit Sicherheit ein Vorhand-Ball sein wird. Umgekehrt weiß er nach dem dritten Vorhand-Ball, dass der nächste Ball ein Rückhand-Schlag sein wird.

Die Antizipation im Tischtennis beruht auf Erfahrung. Ein erfahrener Spieler klammert bestimmte Möglichkeiten des Gegners aufgrund geringer Wahrscheinlichkeit aus und verringert somit die Komplexität der Spielsituation. Mit Variationen zwischen systematischen und zufälligen Sequenzen kann eine Aussage darüber gemacht werden, ob die Vorinformation überhaupt relevant ist. Wenn der Spieler alle Sequenzen gleich gut beantwortet, ob er nun weiß, wohin der Ball gespielt wird oder nicht, müssen diese Aspekte nicht genauer untersucht werden.

Laut Bundestrainerin Jeler werden Schläge entweder nach der Platzierung, nach der Geschwindigkeit (zum Beispiel Konter und Schuss) oder nach der Rotation (zum Beispiel Topspin) bewertet. Es wird aber auch auf eine dem Technikleitbild möglichst ähnliche Bewegung geachtet. Um bei der Untersuchung zwischen besseren und schlechteren Schlägen zu unterscheiden und einen Anhaltspunkt dafür zu erhalten, wie gut die Schläge sind, bekommt der Spieler die Aufgabe, alle Bälle in ein Zielfeld zu schlagen. Die Treffer werden mit einer Videokamera aufgenommen und anschließend ausgewertet. Aufschlussreich ist nicht nur die absolute Trefferzahl, sondern auch die Streuung und der konstante Fehler, weshalb es sinnvoll ist, eine Art Zielscheibe (konzentrische Kreise oder Rechtecke) anzugeben, anhand derer erkannt wird, in welche Richtung der Balltreffpunkt variiert. Auch Aussagen über die Bewegung und vor allem über die Technikübergänge können anhand der Videoaufzeichnung gemacht werden. Die Software “SIMI-Motion” (www.simi.com, SIMI Reality Motion Systems) bietet entsprechende Möglichkeiten. Damit eine dreidimensionale Analyse gewährleistet ist, wird die Bewegung mit zwei herkömmlichen Videokameras aufgezeichnet, zusammen mit einem Video-Overlay-Board (FAST Screen Machine) verarbeitet und das Videosignal (S-VHS) direkt zum Computermonitor weitergeleitet. Die Verarbeitung der Bildfrequenz vom Standardvideo (25 Bilder/s bzw. 50 Halbbilder) erfolgt automatisch. SIMI-Motion greift auf digitale Kopien (MJPEG-Dateien) des Materials auf einer Festplatte zu. Die aufgenommene Bewegungssequenz wird in Einzelbildschritten abgetastet. Drei Optionen stehen bei der Verarbeitung von Videomaterial zur Verfügung. Die im Bewegungsmodell festgelegten Bildpunkte werden im einzelnen Videostandbild per Mausklick erfasst und eine Strichfigur in das Videobild gezeichnet, die zur


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Kontrolle und Orientierung dient. Unter Laborbedingungen übernimmt SIMI-Motion die Analyse durch eine automatische Punktverfolgung. SIMI-Motion erstellt aus den Daten der Videoerfassung einen neuen Datensatz. Die Bildschirmkoordinaten der erfassten Bildpunkte aus verschiedenen Kameraansichten und die Koordinaten des Kalibrierungsobjektes werden zusammengeführt und es entsteht eine virtuelle Bewegung im zweidimensionalen (x/y) oder dreidimensionalen (x/y/z) Raum. Die Dokumentation der analysierten Daten (Bewegungsparameter wie Strecken, Winkelveränderungen, Geschwindigkeiten) sowie deren graphische Weiterverarbeitung (Strichmännchen, Zeitverläufe, dreidimensionale Darstellungen) erfolgt in einem zweiten Auswertungsschritt.

Eine Voruntersuchung der konzipierten Technikdiagnostik mit zwei C-Kader-Athleten ergab, dass der Test reliable und objektive Ergebnisse produziert (vgl. Bert, 2001). Die Objektivität bei der Durchführung wurde durch vorher festgelegte Instruktionen sowie konstante Testbedingungen gewährleistet und die Objektivität in der Auswertung durch Doppel-Digitalisierungen der Videobilder realisiert. Reliabilitäten konnten durch Split-Half-Analysen der Treffergenauigkeit als sehr gut bewertet werden (vgl. Bert, 2001).


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19.05.2005