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2.  Gruppen- und Einzelfalldiagnostik

Die Einzelfalldiagnostik und die Einzelfallintervention beruhen auf drei Säulen: auf einem gemeinsamen Diagnostik- und Interventionskonzept, auf der individuellen Gestaltung der Intervention durch die erhobenen individuellen diagnostischen Kennwerte und auf einer vergleichenden Analyse von Leistungspaaren, um Unterschiede in der Leistung auf Bewegungsunterschiede zurückführen zu können. Es ist wegen der Fülle von einzelnen Daten nicht sinnvoll, jeden Einzelfall im Detail darzustellen. Allerdings ist auf Mittelwertdarstellungen nicht zu verzichten, um einen generellen Trend in der Entwicklung oder in Gruppenunterschieden interpretieren zu können. Die Kombination individueller Darstellungen, der Präsentation von Paarvergleichen sowie mittelwert­statistischer Gruppenvergleiche ist für dieses Projekt so wichtig, da es als Pilotprojekt für weiteres Messplatztraining gelten soll. Deshalb sind zusätzlich generelle Analyse­möglichkeiten in Diagnostik und Intervention zu prüfen. Da bei der zweiten praktischen Zielsetzung (der individuellen Rückmeldung) ein durchschnittlicher Wert über eine Gruppe nur einen Orientierungsrahmen bieten kann, dessen zentrale Tendenz (z. B. Mittelwert) nicht viel darüber aussagt, wie sich ein Spieler in der spezifischen Situation verhält noch an welchen Stellen die Intervention ansetzen soll, müssen Einzelfälle und zentrale Tendenzen miteinander verglichen werden. Die methodische Diskussion von Vor- und Nachteilen von Einzelfallanalysen oder Gruppenmittelwertsvergleichen wird hier nicht wiederholt. Es sei darauf hingewiesen, dass intra- und interindividueller Varianz eine zentrale Bedeutung (vgl. Kapitel 10, für eine Diskussion dieser Herangehensweisen im Hinblick auf Motorik) zugemessen wird (Ashby, Maddox & Lee, 1994; Maddox, 1999, für eine allgemeine Diskussion). Eine mittlerweile etablierte Methode zum Vergleich individueller und gruppenstatistisch bezogener Kennwerte kann durch den Multi-Level-Modeling-Ansatz realisiert werden (vgl. Goldstein, 1995). Die Grundidee beinhaltet eine Varianz-Kovarianz-Matrix in einem statistischen Modell, das sowohl die Korrelationen zwischen Personen als auch zwischen relevanten Variablen und somit eine Abschätzung der Repräsentation von individuellen Werten durch zentrale Tendenzen zulässt. Inwieweit die einzelfallanalytische Betrachtung mit Kenntnis der spezifischen Einflussfaktoren wiederum das durchschnittliche Verhalten ergeben und damit Möglichkeiten einer Generalisierung auch über die verwendete Stichprobe hinaus liefern kann, bleibt weiterer Forschung vorbehalten (Langford, Marris, McDonald, Goldstein, Rasbash & O’Riodan, 1999; Marris, Langford, Saunderson, & O’Riodan, 1997, für entsprechende Vorgehensweisen).

Zusammenfassend wird der Schwerpunkt auf die individuellen Analysen gelegt, da besonders auf dieser Ebene geeignete praxisrelevante Rückmeldungen für Trainer und Spieler gewährleistet werden können. Deshalb wird auf Einzelfallanalysen zurückge­griffen, die dann den mittleren Leistungen der Stichprobe gegenübergestellt werden. Bei der Bewegungsanalyse werden von den Bundestrainern vorgeschlagene Leistungspaare verglichen, um die Konsequenzen von Rückmeldungen und Interventionsmaßnahmen auf die Bewegungs- und Trefferleistung aufzuzeigen. Bryan (1987) argumentiert, dass ein Unterschied zwischen experimentellen Untersuchungen und Evaluationsstudien im Bereich der angewandten Sportwissenschaft das Problem der Leistungsbemessung ist. Während experimentelle Designs über Signifikanztests und Effektstärken zumeist Gruppenstatistiken bewerten, steht für den Trainer und Sportler die individuelle Leistungsbewertung im Vordergrund, die klein (und oft auch nicht signifikant in experi­mentellen Settings) aber bedeutend ist z. B. als Verbesserung, um Qualifikationsnormen oder einen höheren Rangplatz zu erreichen. Unter Umständen bestimmen kleine Veränderungen mit, ob eine Medaille erreicht wird bzw. welche Farbe diese Medaille hat. Die methodologische Diskussion darf jedoch nicht darauf beschränkt werden, dass prinzipiell Evaluationen im Einzelfall durchgeführt werden müssen und dass im Hochleistungssport diese Art der


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Leistungsbemessung das Primat hat. Auch anders herum ist es nicht so, dass bspw. in der Erforschung von Interventionsprogrammen des Techniktrainings nur das fast ausschließlich wahrzunehmende Gruppendesign sein Primat zu Recht besitzt. Wollman (1986) hat bereits vor Jahrzehnten erkannt, dass Einzelfall­analysen und Gruppenbetrachtungen beide alleine ihre Berechtigungen bei Betrachtung des jeweiligen Forschungsinteresses besitzen. Neben den eben zitierten Argumenten für und wider die eine bzw. die alleinige Betrachtung der individuellen bzw. gruppen­statistischen Ebene ist diese Diskussion auch im Sport in der methodischen Entwicklung von Versuchsplänen übernommen worden. Beispielsweise sind klassische einzelfallanaly­tische Versuchspläne (A-B-A-B-Design und multiple Baseline-Designs, vgl. Bryan, 1987) im Fußball, Turnen und Tennis (Allison & Ayllon, 1980) oder Schwimmen (Koop & Martin, 1983) zu finden. Die Kombination verschiedener einzelfallanalytischer Versuchspläne (vgl. Komaki & Barnett, 1977) oder die Kombination gruppenstatistischer und einzelfallanalytischer Analyseebenen ist mittlerweile für viele Forschungsfragen notwendig (vgl. Dowrick & Dove, 1980; Raab & Johnson, in Druck) und auch für die Bewertung vergleichender Interventionsprogramme durchgeführt worden (Christensen, 1985).

2.1. Technikdiagnostik durch den TTLT

In der Technikdiagnostik wird die Beschreibung von Ist- und Sollwerten sowie deren Rückmeldung optimiert (vgl. Kapitel 1.1). Auf der Grundlage der inhaltlichen Voruntersuchungen wird das quasi-experimentelle Design dargestellt, wobei die instrumentellen Voruntersuchungen die Gestaltung der Testsituation bestimmen. Die Ergebnisse der Diagnostik werden am exemplarischen Einzelfall und an vergleichenden Einzelfallanalysen systematisch überprüft.

Die Hypothesen, die in der Diagnostik überprüft werden, sind für die mögliche Umsetzung eines Messplatzes konzipiert. Da bereits in Voruntersuchungen (vgl. Bert, 2001) die Gütekriterien des TTLT geprüft wurden, sind jetzt nur noch die Analysen relevant, die sich auf die Auswahl von Stufen der gewählten Faktoren beziehen. Die Grundstruktur bezieht sich auf die Trennung von Hypothesen zur Technikoptimierung (Hypothesenblock I) und zur Optimierung von Technikübergängen (Hypothesenblock II). Die Unterstruktur in den Hypothesenblöcken bezieht sich auf Hypothesen zu den Trefferleistungen (Hypothesen 1), den Bewegungen (Hypothesen 2) und dem Zusammenhang zwischen Treffern und Bewegungen (Hypothesen 3).

Die Hypothesen zu den Trefferleistungen dienen vor allem der Überprüfung der spezifischen Diagnostik und haben keinen innovativen theoretischen Erklärungswert. Sie dienen auch dem Vergleich mit bereits existierenden absoluten Leistungskennziffern (vgl. Diskussion in Rodrigues, Vickers & Williams, 2002). Die Hypothesen zu den Bewegungstrajektorien ermöglichen die Prüfung einiger ungeprüfter Annahmen in den Leitbildern, die sich auf die Nachteile von Varianz beziehen. Die interessanteste Hypothesengruppe beschreibt die Annahmen über den Zusammenhang zwischen Treffern und Bewegungen. Diese Analysen können langfristig auch dazu dienen, eine Unterteilung in Fehler oder Variationen von Bewegungen zu spezifizieren. Hypothesen und Diagnostik für die zwei Interventionen (Technikoptimierung und Technikwechsel) werden hier im Überblick dargestellt, auch wenn sich die Intervention (Kapitel 3) zunächst nur auf die Technikmerkmale konzentriert.

Die Hypothesen, die sich auf den Erfolg der Intervention (z. B. Lernen, Vergleiche zwischen Interventions- und Evaluationsstichprobe) beziehen, werden erst in Kapitel 3 beschrieben.

2.1.1. Hypothesenblock I: Technikoptimierung

a) Treffer

H1a: Je höher die Frequenz der Schläge, desto schlechter sind die Trefferleistungen.


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Die Hypothese ist durch die Annahmen der Spitzentrainer motiviert, die der Geschwin­digkeit einen wichtigen Stellenwert für die Übergänge zumessen. Dies wurde bislang nur für einzelne Techniken überprüft (Xiaopeng, 1998).

H1b: Wenn keine Vorinformationen über die Reihenfolge der Schläge existiert, werden schlechtere Trefferleistungen erzielt, als wenn Vorinformationen über die Reihenfolge der Schläge vorhanden sind.

Dieser Effekt ist bislang nur einmal hinsichtlich der Effektivität der Trainingsgestaltung bestätigt worden, nicht aber innerhalb der Sequenzorganisation von Technikschlägen (vgl. Zeng, 1990).

b) Bewegungsmerkmale

H2a: Je höher die Geschwindigkeit der Sequenz desto mehr Komponenten sind zur Erklärung der Bewegungstrajektorien notwendig.

Komponenten von Bewegungen sind dreidimensionale Teilmerkmale, die die Güte der Bewegung beschreiben können (vgl. Post, Daffertshofer & Beek, 2000). Dementsprechend ist bei Geschwindigkeitserhöhungen eine höhere, nicht zusammenhängende Varianz innerhalb von Bewegungen zu erwarten.

H2b: Je mehr Vorinformation desto weniger Komponenten sind zur Erklärung der Bewegungstrajektorien notwendig.

Wie bei Hypothese 2a argumentiert, sind fehlende Informationen zur Vorstrukturierung von Bewegungen in der Anzahl der Komponenten wiederzufinden.

c) Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bewegungsmerkmalen und Treffer­leistungen

H3a: Bewegungen, deren Ausholbewegung unter dem Tischtennistisch beginnt, führen zu schlechteren Trefferleistungen als Bewegungen, deren Ausholbewegung auf Höhe des Tisches oder über dem Tisch beginnt.

Diese Hypothese ist durch das Leitbild einer Ausholbewegung auf bzw. über Tischkantenhöhe motiviert (vgl. Kapitel 1.3).

H3b: Bewegungstrajektorien mit geringerer Varianz innerhalb einer Sequenz führen zu besseren Trefferleistungen als Bewegungen mit höherer Varianz.

Die Annahme, dass geringe Variabilität in der Bewegung und ein fester Ausgangspunkt (vgl. Hypothese 3a) zu besseren Treffern führen, ist im Tischtennis bereits für einzelne Schläge in den Leitbildern formuliert, jedoch empirisch nicht bestätigt worden (vgl. Bootsma et al., 1991) und soll hier für diese Leistungsgruppe und die spezifischen Sequenzmanipulationen erneut überprüft werden.

H3c: Bewegungen, bei denen der Ellbogen sich angemessen weit vom Körper entfernt, führen zu besseren Trefferleistungen als Bewegungen, in denen sich der Ellbogen nicht angemessen weit vom Körper entfernt. Diese Annahme entsteht aus dem Leitbild und ist nicht spezifisch hinsichtlich der genauen Angaben eines Abstandes. Es gibt einige Arbeiten, die sich auf die biomechanische Analyse von einzelnen Schlägen beziehen (Barchukova & Voronov, 1998), die nahe legen, dass Bewegungen einen optimalen Kraftstoß bei Angriffsschlägen nur in bestimmten Winkelstellungen des Unterarms erreichen können. Dies ist allerdings nicht für Sequenzen von Bewegungen im Tischtennis untersucht worden.

2.1.2. Hypothesenblock II: Technikwechsel

a) Treffer

H1a: Je mehr Technikwechsel in einer Sequenz von Schlägen vorkommen, um so schlechtere Trefferleistungen werden erwartet.

Dies wird sowohl von den Bundestrainern angenommen als auch von der Bewegungslehre unterstützt, nach der die Genauigkeit der Bewegung mit der Anzahl der Freiheitsgerade innerhalb und zwischen Bewegungen abnimmt.


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H1b: Die Position des Technikwechsels innerhalb der Sequenz hat keinen Effekt auf die Trefferleistung.

Diese Hypothese wird durch die mittlere Bedeutung des Positionseffektes in der Befragung der Spitzentrainer für den Technikwechsel motiviert. Innerhalb der Sequenz sind keine Unterschiede in der Trefferleistung anzunehmen, wenn ein Technikwechsel am Anfang oder Ende der Schlagreihenfolge erfolgt. Es wird erwartet, dass bei allen Übergängen die Trefferleistung nur durch die Anzahl der Übergänge beeinflusst wird.

b) Bewegungen

H2a: Je mehr Technikwechsel innerhalb einer Sequenz von Schlägen, desto mehr Komponenten sind zur Erklärung der Bewegungstrajektorien notwendig.

Diese Hypothese ist motiviert durch Arbeiten von Post, Daffertshofer und Beek (2000), die weniger Komponenten der Bewegung über den Lernverlauf beim Jonglieren gefunden haben. Dies wurde jedoch noch nicht im Tischtennis überprüft. Dies gilt für den Technikwechsel als auch für die weiteren Hypothesen zur Geschwindigkeit und der Menge an Vorinformation.

c) Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bewegungswechseln und Trefferleistungen

H3a: Je mehr die Bewegung durch eine Neutralstellung geführt wird (Absinken des Handgelenks) umso schlechtere Trefferleistungen werden erzielt.

Diese Hypothese ist generiert durch die unterschiedlichen Meinungen einer optimalen Übergangstechnik und ist so formuliert, wie sie die Mehrzahl der Bundestrainer am Bundesstützpunkt erwartet.

H3b: Je mehr eine Bewegungstrajektorie Zwischenbewegungen (Knick) von der Vorhand zur Rückhand oder Rückhand zur Vorhand enthält, desto schlechter sind die Trefferleistungen.

Diese Hypothese entspricht ebenfalls der Vorstellung der Bundestrainer, dass direkte Übergänge von einer Technik in die andere Technik zu besseren Leistungen führen.

2.2. Design für die Diagnostik

2.2.1. Unabhängige Variablen

Wir haben ein 4x2x2-Design (Technikwechsel x Geschwindigkeit x Grad der Vorinfor­mation) aufgrund der Voruntersuchungen und Absprachen mit den Bundestrainern für die Untersuchung gewählt:

Die Spieler sollen im Hinblick auf die Qualität ihrer Techniken und ihrer Technikwechsel untersucht werden. Für die allgemeine Praxis und für die meisten Spieler ist der Wechsel zwischen Angriffstechniken in Vorhand und Rückhand am häufigsten. Der Wechsel zwischen Angriffs- und Abwehrtechnik ist zu vernachlässigen, da er nur wenige Spieler betrifft und im Spiel ebenfalls nur einen geringen Prozentsatz ausmacht (vgl. Bert, 2001; Zhang & Hohmann, 2002). Sinnvoll ist daher, die Spieler verschiedene Sequenzen spielen zu lassen, in denen Vorhand- und Rückhandschläge vorkommen.


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Bei der Auswahl der Sequenzen haben wir mehrere Aspekte berücksichtigt. Eine Sequenzlänge entspricht in etwa der Länge eines durchschnittlichen Ballwechsels. In Trainingssituationen am Balleimer werden häufig Sequenzen von fünf bis sechs Bällen gespielt. Das liegt einerseits an der gewünschten spielnahen Situation – nach Aussage der Bundestrainer Jeler und Schimmelpfennig geht man von einer durchschnittlichen Ballwechsellänge von drei bis vier Schlägen aus (Zhang & Hohmann, 2002, für eine Analyse im Männerbereich) –, andererseits an der körperlichen Belastung, die den Anforderungen im Spiel angepasst wird. Eine zu hohe Belastung mit dadurch steigenden Laktatwerten soll beim Techniktraining möglichst vermieden werden (vgl. Epstein, 1992; Preuss, 1988). Das Verhältnis von drei Vorhandschlägen zu zwei Rückhandschlägen entspricht nicht ganz dem Verhältnis der im Spiel geschlagenen Bälle, weil der vorhandorientierte Spielertyp, zu dem die meisten jungen Spieler erzogen werden und zu dem auch mehr als die Hälfte aller leistungsorientierten Spieler gehört, überwiegend mit der Vorhand spielt. Bei einer Untersuchung zum Technikwechsel muss dieser Wechsel jedoch auch vorkommen.

Aus allen möglichen Kombinationen (bei fünf Schlägen pro Sequenz bedeutet dies insgesamt zehn) wurden vier Sequenzen ausgesucht, die sich

  1. im Zeitpunkt des Technikübergangs,
  2. in der Anzahl der Technikübergänge und
  3. im Zeitpunkt, an dem die folgenden Bälle mit Sicherheit vorausgesagt werden können,

unterscheiden. Dies verdeutlicht die folgende Tabelle.

Tabelle 2: Unterscheidungskriterien der ausgewählten Sequenzen (V = Vorhand, R = Rückhand)

Nr.

Sequenzstruktur

Anzahl der Übergänge

Zeitpunkte der Übergänge

Antizipation des nächsten Balles

1

VVVRR

1

nach dem 3. Ball

nach dem 3. Ball

2

VRRVV

2

nach dem 1. und

nach dem 3. Ball

nach dem 3. Ball

3

RVVRV

3

nach dem 1.,

nach dem 3. und

nach dem 4. Ball

nach dem 4. Ball

4

VRVRV

4

nach dem 1.,

nach dem 2.,

nach dem 3. und

nach dem 4. Ball

nach dem 4. Ball

Wie die Tabelle zeigt, werden durch die Sequenzen der Zeitpunkt und die Anzahl der Technikübergänge variiert. Die Antizipation bezieht sich in der Tabelle auf den Zeitpunkt, in dem innerhalb der Sequenz der nächste Schlag vorhersagbar ist, unabhängig von weiteren Antizipationsleistungen, die auf Wahrnehmung beruhen. Die Unsicherheit verändert nicht nur die Bewegungsstrategie, sondern auch die visuellen Suchstrategien (vgl. Ripoll, 1989; Rodrigues, Vickers & Williams, 2002; Schellenberger, 1984), die jedoch nicht im Mittelpunkt dieses Projektes stehen.

2.2.2. Abhängige Variablen

Um Aussagen über die Bewegungen machen zu können, werden diese mit Video aufgenommen (vgl. Durey & Journeaux, 1995). Für diese Analyse gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. optisch mit Beurteilung der Bewegung nach bestimmten Kriterien durch Fachleute (Expertenratings) und
  2. biomechanisch durch Ermittlung kinematischer Daten.

Die zweite Möglichkeit scheint erfolgsversprechender, da Tischtennis eine sehr schnelle Sportart ist, in der es geübten Trainern zwar nicht schwer fällt, die Qualität der Bewegungen zu


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unterscheiden, jedoch die Aussagen darüber, was in hundertstel Sekunden passiert, nicht genau sein können. Genaue Aussagen sind aber das Ziel der Untersuchung: Wie verändert sich die Bewegung unter bestimmten Bedingungen, welche Faktoren sind leistungsbestimmend, welche sind zu vernachlässigen und welche Bewegungstrajektorien führen zu den meisten Treffern? Nach einem Expertenrating weiß man unter Umständen nur, welche der Bewegungen besser sind (beziehungsweise was der Status quo der Meinungen ist), aber nicht, was genau die bessere Bewegung ausmacht.

Eine Möglichkeit, die Bewegungen genau zu analysieren, stellt die Videometrie (vgl. Allard, Stokes & Blanchi, 1995; Kasai & Mori, 1998) dar. Mit Hilfe von „Simi-Motion” können zum Beispiel Bewegungsbahnen oder Winkelveränderungen berechnet und dargestellt werden. Um eine dreidimensionale Analyse zu erreichen, muss die Bewegung von mindestens zwei Kameras aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen werden. Die Positionen sind für die Erfassung ohne Bedeutung und können frei gewählt werden. Bei der Verwendung von nur zwei Kameras ist es empfehlenswert, die Kameras in einem Winkel von ca. 60° bis 120° zu positionieren.

Bevor die Bewegungen gefilmt werden, sind räumliche Referenzobjekte (Kalibrierungs­systeme) nötig. Häufig werden quaderförmige Kalibrierungssysteme verwendet, die möglichst bildfüllend sein sollen, da die Berechnung umso ungenauer wird, je weiter die erfassten Punkte außerhalb des kalibrierten Raumes liegen. Soll also ein Spieler in voller Größe erfasst werden, muss ein dementsprechend großes Kalibrierungssystem (Axialsystem mit Abmessungen von 2 m x 2 m x 2 m) verwendet werden.

Für die Aufzeichnung von Bewegungen werden Punkte im dreidimensionalen Raum in ihrem Verhältnis zueinander bestimmt. Für die Schlagarmbewegung sind die folgenden Punkte relevant: Schulter, Ellbogen, Handgelenk und Schläger. Aus deren Verbindungen resultiert der gesamte Arm: Schulter bis Ellbogen = Oberarm, Ellbogen bis Handgelenk = Unterarm, Handgelenk bis Schläger = Hand-Schläger-Einheit. Um diese Punkte später auf dem Bildschirm besser erfassen zu können, müssen sie markiert werden. Hierfür werden selbstklebende Reflektoren an den Gelenkpunkten angebracht und angeleuchtet. Aufgrund eines externen Triggers (Lichtsignal) ist es möglich, die Aufnahmen der Kameras zu synchronisieren, sodass mit Hilfe einer mit “Simi-Motion” erstellten Spezifikation die einzelnen Punkte aus jeder Kameraperspektive zu exakt demselben Zeitpunkt erfasst werden können. Trotz der Markierung der Gelenkmittelpunkte ist es in manchen Fällen nicht möglich, einen Punkt zu erfassen, wenn er durch einen anderen Körperteil verdeckt ist. In diesem Fall werden Lücken gelassen, die später mittels Berechnung gefüllt werden oder zur Identifikation von nicht analysierbaren Schlägen führen. Fixpunkt ist die Tischmitte. Sobald die einzelnen Punkte der Bewegung erfasst sind, können 3D-Koordinaten berechnet werden, die es erlauben, die Bewegung graphisch darzustellen. In der Strichdarstellung kann mit “Simi-Motion” die Bewegung des Schlagarms dargestellt werden. Dadurch ist es möglich, sie isoliert und ohne Störfaktoren zu beobachten (vgl. Abb. 6).

Im Gegensatz zu den Trefferleistungen sind Bewegungstrajektorien nicht einfach im Mittel über verschiedene Personen oder Testzeitpunkte darzustellen. Deshalb werden die Bewegungsanalysen zur Beschreibung einer optimalen Technik und einer optimalen Technikwechseltechnik durch die folgenden Vorannahmen strukturiert. Die Veränderungen in der Bewegung vom Prä- zum Posttest sind durch die Korrelation der Treffer mit einem Außenkriterium validiert. Nur solche Bewegungsveränderungen, die auch zu einer besseren Trefferleistung führen, sind in unserem Sinne als qualitativ besser zu beschreiben. Dieser Effekt muss sich jedoch systematisch über alle Stufen der Bewegungsanalyse hinziehen, da auch mit zusätzlichen Bewegungen außerhalb der postulierten optimalen Bewegungsbahnen gute Trefferleistungen erzielt werden können. Ein Vergleich von Bewegungstrajektorien über einen Zeitraum von sechs Monaten erschwert die Benutzung realer Raum- und Zeitmaße. Beispielsweise können Wachstumsprozesse der Spieler in diesem präadoleszenten und pubertalen Alter eine Rolle spielen. Größere Bewegungstrajektorien


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würden sich so beispielsweise auf einen Armwachstum und nicht auf Veränderungen der Bewegungsamplitude zurückführen lassen. Selbst wenn man relative Bewegungstrajektorien zwischen einzelnen Segmenten benutzt, sind solche Effekte nicht vollends auszuschließen. Gravierender ist jedoch die Tatsache, dass es nahezu unmöglich ist, bei den Posttestaufnahmen von der Kalibrierung bis zu den Kamerahöhen tatsächlich alle Bedingungen konstant zu halten. Bereits leichte Veränderungen auch nur einer Achse eines Systems machen direkte Trajektorienvergleiche in einem dreidimensionalen Raum schwierig. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass Veränderungen nicht auf die Bewegung, sondern auf die Aufnahmeunterschiede zurückzuführen sind. Eine plausible Lösung, die Prä-/Postvergleiche, Vergleiche innerhalb eines Tests, vergleichende Bewegungsanalysen über verschiedene Geschwindigkeiten und Sequenzen zulässt, sind Zusammenhangsanalysen der Bewegungsparameter, die korrelationsanalytisch Komponenten explorieren. Die Anzahl und Struktur solcher Komponenten dienen letztlich der vergleichenden Bewegungsanalyse (vgl. Haas, 1995; Post, Daffertshofer & Beek, 2000).

2.2.3. Komponentenanalysen für die Technikoptimierung

Der Vergleich von Bewegungsparametern der Prä- und Posttestanalysen basiert auf individuellen Bewegungsanalysen für jede Stufe eines jeden Faktors. Die x-, y-, z-Werte für die Schulter, den Ellbogen, die Hand und den Schläger werden für die Blöcke von 25 Schlägen in den bekannten Sequenzen gruppiert. Für die unbekannten Sequenzen werden jeweils die fünf Schläge jeder Teilsequenz mit gleicher Struktur untereinander geschrieben, sodass identisch lange Bewegungsparametermatritzen für bekannte und unbekannte Sequenzen gleicher Struktur entstehen. Die Daten in den Matritzen wurden mit dem Butterworth-Filter 2. Ordnung (digitaler Bandpassfilter für Extremwerte, bei „Simi-Motion“ als Standardfilter eingesetzt) geglättet; fehlende Werte wurden ersetzt durch den mittleren Wert der Werte vor und nach dem fehlenden Wert. Waren in der Matrix Parameter enthalten, von denen mehr als 20% der Werte fehlten, wurden diese ganz von der Analyse ausgeschlossen. Die Daten wurden anschließend aus “Simi-Motion” exportiert und in eine SPSS-Matrix überführt. Diese wurde für jede Sequenz und in jeder Geschwindigkeit für bekannte und unbekannte Sequenzen für jeden Spieler einzeln umgesetzt. In der SPSS-Matrix wurden die Parameter ersetzt, die eine Varianz von Null hatten. In jeder Matrix war dies der Referenzpunkt auf dem Tischtennistisch, der sich über die Zeit nicht veränderte. Die Komponentenanalyse (die Komponentenanalyse ist im Prinzip eine Faktorenanalyse, bei der das Kriterium der Varianzaufklärung a-priori auf 98% gesetzt wird, und in der hier angewandten Form von Post Daffertshofer & Beek, 2000 bereits durchgeführt wurde) konnte anschließend berechnet werden, wobei folgende Einstellungen gewählt wurden: Eine Komponentenanalyse galt als abgeschlossen, wenn über 98% der Varianz aufgeklärt werden konnte. Die Varimax (Kaiser-Normalisierung) rotierte Hauptkomponentenanalyse diente der weiteren Bearbeitung. Nur Korrelationen über .10 wurden berücksichtigt. Komponenten mit einem Eigenwert unter 1 wurden in der weiteren Analyse in der Anzahl der resultierenden Komponenten mitgezählt; aufgrund ihrer geringen Aufklärung inhaltlich aber nicht weiter bestimmt. Zur inhaltlichen Bestimmung der positiven und negativen Korrelation zwischen Bewegungsparametern wurden der dreidimensionale Raum und die Richtung der x-, y- und z-Werte entsprechend zur Bewegungsrichtung für alle Analysen gleich angeordnet (vgl. Abbildung 6).


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Abbildung 6: Dreidimensionaler Raum der Bewegungsparameter in Relation zur Bewegungsrichtung. Exemplarische Darstellung. Tischkante angedeutet als Orientierung für die Schlagbewegung im Raum

In der Abbildung 6 sind die Daten für die Gelenkpunkte Schulter, Ellbogen, Hand in x-,y-z-Richtung angegeben. Die digitalisierten Bewegungspunkte werden aus der ASCI-Form entsprechend graphisch repräsentiert. Die z-Richtung entspricht dem Auf- und Niederführen des Arms im Raum, die x-Achse ist parallel zum Tischtennistisch und entspricht Bewegungen nach links und rechts und die y-Achse entsprechend den Bewegungen nach vorn (über den Tischtennistisch) und nach hinten (weg vom Tischtennistisch). Da das übliche dreidimensionale Koordinatensystem die y-Achse als Bewegungen nach oben und nach unten vorsieht, werden in den folgenden Beschreibungen von y-Achsen-Bewegungen gesprochen, wenn der Arm nach oben bzw. unten geht, während die z-Achsen-Bewegungen Trajektorien entsprechen, die über oder weg vom Tischtennistisch laufen.

Die Mittelwert- und Summenwerte der kinematischen Angaben und Streuungsmaße der einzelnen Bewegungen vom Umkehrpunkt der Ausholbewegung (niedrigster Punkt in der y-Achse) bis zum Ballkontakt können entsprechend ausgegeben werden. Dies kann für die Analyse der Weglängen und die entsprechenden zeitlichen Ableitungen (Geschwindigkeit, Beschleunigung) sowie für Winkelangaben genutzt werden (vgl. Tab. 3).


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Tabelle 3: Bewegungsparameter für die Technikmerkmale und die Übergangstechnik (exemplarisch an Werten eines Spielers)

Maß/Parameter

Streckenlänge (m)

Varianz

Standard-Abweichung

Weglänge

Ellbogen (re)

1.00

0.08

0.28

Handgelenk (re)

1.11

0.11

0.33

Schläger (re)

1.66

0.29

0.54

Bahngeschwindigkeit

Schulter (re)

3.56

0.10

0.32

Ellbogen (re)

2.75

0.11

0.34

Handgelenk (re)

3.32

0.18

0.42

Schläger (re)

5.75

0.69

0.83

Bahnbeschleunigung

Schulter (re)

55.63

13.56

3.68

Ellbogen (re)

49.20

19.68

4.44

Handgelenk (re)

3.32

0.18

0.42

Schläger (re)

121.37

96.03

9.80

Für die einzelnen Bewegungsparameter sind die Korrelationen zwischen Bewegungsbahn, Geschwindigkeit und Treffergenauigkeit zu bestimmen. Beispielsweise könnten zu große Bewegungslängen zu schlechteren Trefferleistungen und zu ungünstigeren Geschwin­digkeits- und Beschleunigungsverläufen führen.

Die Bewegungsparameter werden durch zwei unterschiedliche Referenzpunkte analysiert. Einmal durch den Vergleich der Bewegungspunkte in Relation zu Referenzpunkten außerhalb der Bewegung. Bootsma und Van Wieringen (1988) beispielsweise nutzen den Eckpunkt des Tischtennistisches. Die Alternative ist ein Referenzpunkt innerhalb des Systems. Zum Beispiel können Bewegungspunkte des Ellbogens in Relation zum Handgelenk berechnet werden (vgl. Ehrlenspiel, 2001). Je nachdem, ob individuelle oder gruppenspezifische Aussagen gemacht werden sollen, haben beide Systeme Vor- und Nachteile, die hier im Detail nicht diskutiert werden müssen. Im Folgenden werden deshalb vor allem die realen Bewegungsparameter ohne externe Referenz dargestellt, um mögliche Veränderungen der Kinematik des Spielers, unterschiedliche relative Positionen der Bewegungspunkte durch das Kleben der Marker (vgl. Abb. 7) zwischen unter­schiedlichen Testzeitpunkten sowie eventuelle methodische Differenzen des Testaufbaus als mögliche Fehlerquellen der vergleichenden Bewegungsanalyse auszuschließen. Das bedeutet jedoch auch, dass in Analysen über Spieler hinweg Korrelationen zwischen Bewegungspunkten zuerst an einem Spieler berechnet und anschließend für Gruppen­aussagen die einzelnen Bewegungsanalysen zu einem Gesamturteil zusammengefasst werden müssen.

Abbildung 7: Laterale Kameraperspektive (links); frontale Kameraperspektive (rechts)

Die kinematischen Daten können auf diese Weise einen Aufschluss über die Qualität der Bewegungen geben, die Effektivität der Schläge wird jedoch nicht erfasst. Wie bereits erwähnt, hängt die Qualität der Schläge vor allem davon ab, wie genau der Ball platziert ist. Daher ist eine übliche Trainingsmethode, Zielfelder auf einer Tischhälfte treffen zu lassen. Um nach der Untersuchung erkennen zu können, wie groß die Abweichung vom Zielfeld ist, wird auf dem Tischtennistisch eine Markierung von drei konzentrischen Quadraten angebracht (20 cm x 20 cm, 40 cm x 40 cm und 60 cm x 60 cm).

Der Spieler erhält die Aufgabe, das kleinste Quadrat zu treffen. Anhand einer Videoaufzeichnung werden die Trefferleistungen gezählt. Anschließend werden Punkte vergeben, je nachdem wie weit vom Zielquadrat entfernt der Ball auftrifft.


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Die Treffsicherheit des Spielers sagt uns etwas über die Effektivität der Schläge aus. Die Wertungen entsprechen den Trefferabweichungen von dem ersten Quadrat: Null Fehlerpunkte, wenn der Ball im inneren Quadrat aufkommt, einen Fehlerpunkt, wenn er im zweiten Quadrat aufkommt, zwei Fehlerpunkte, wenn er außerhalb des ersten und zweiten Quadrats aufkommt. Trifft der Ball nicht innerhalb der drei markierten Quadrate auf, wird er mit vier Fehlerpunkten bewertet, der Schlag ins Netz erhält fünf Fehlerpunkte. Mit sechs Fehlerpunkten wird bewertet, wenn der Ball nicht in Netzrichtung geschlagen wird, also zum Beispiel nach oben oder stark zur Seite wegspringt oder vom Spieler nicht erreicht wird. In der folgenden Abbildung ist der Testaufbau im Labor dargestellt.

Abbildung 8: TTLT Testaufbau (vordere Kameras für 3D-Analysen in Simi-Motion, hintere Kamera für die Aufnahme der Trefferleistungen). Die Bälle werden vom Trainer aus der üblichen Position seitlich neben dem Tisch eingespielt

2.3. Stichprobe

Insgesamt besteht die Trainingsgruppe aus 20 Spielern. Sie gehören alle dem erweiterten Kader des Bundesleistungszentrums in Heidelberg an. Eine Trainingsgruppenhälfte ist die Interventionsstichprobe, während die andere Hälfte als Evaluationsstichprobe und damit als trainierende Kontrollgruppe dient. Die Auswahl zur Interventions- beziehungsweise Evaluationsstichprobe wurde zu Beginn nach Einschätzung der Trainer in zwei gleich starke Leistungsgruppen unterteilt. Die Parallelisierung von Leistungsgruppen anstatt einer randomisierten Verteilung in zwei Gruppen wurde gewählt, um bereits eingespielten Paaren ein gemeinsames Training zu ermöglichen.

Tabelle 4: Deskriptive Personenmerkmale der Stichprobe

Gruppe

Alter (x, s)

Geschlecht

Trainingserfahrung

Interventionsstichprobe

11,3 (1,8) Jahre

4 (m) 6 (w)

4,5 Jahre

Evaluationsstichprobe

11,5 (1,4) Jahre

5 (m) 5 (w)

4,8 Jahre


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Wie die Tabelle zeigt, sind die Stichproben annähernd gleich. Zusätzlich zur expertenbasierten Parallelisierung werden im Rahmen des quasi-experimentellen Vergleiches Leistungsüberprüfungen in der Trainings- und Wettkampfdiagnostik (vgl. Kap. 3.3 und 3.4) realisiert.

Nachfolgend sind die Trainingsgewohnheiten der einzelnen Spieler aufgelistet.

Tabelle 5: Trainingsgewohnheiten der Spieler aus der Interventionsgruppe

Name

Training pro Woche

Trainer

Ort

Maike

9 Stunden

Schmidt, Lehmann, Müller, Knoll, Riemensperger

DTTZ, Verbandsstützpunkt St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTG Walldorf

Mona

10 Stunden

Schmidt, Lehmann, Müller, Biedermann, Slavik

DTTZ, Verbandsstützpunkt St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTC Ketsch

Zjelka

10 Stunden

Schmidt, Lehmann, Jeler, Ihle

DTTZ, Verbandsstützpunkt Sportschule Schöneck (AG Ba-Wü), TV Forst

Maren

11 Stunden

Schmidt, Lehmann, Jeler, Jungblut

DTTZ, Verbandsstützpunkt

St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTG Walldorf

Bastian

8 Stunden

Schmidt, Lehmann, Caselitz, Bondarev

DTTZ, Verbandsstützpunkt

St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTF Hemsbach

Ulf

8 Stunden

Schmidt, Lehmann, Kasper

DTTZ, Verbandsstützpunkt St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTV Weinheim/West

Hermann

11 Stunden

Schmidt, Lehmann, Petrovic

DTTZ, VerbandsstützpunkteSportschule Schöneck, St. Ilgen (AG Ba-Wü), TTV Ettlingen

Sarah

10 Stunden

Schmidt, Lehmann, Jeler

DTTZ, Verbandsstützpunkt St. Ilgen (AG Ba-Wü)

Kathrin

10 Stunden

Schmidt, Lehmann,

DTTZ, Verbandsstützpunkt Sportschule Schöneck (AG Ba-Wü), TV Busenbach

Anne

18 Stunden

Jeler

DTTZ, Internat Bundesleistungszentrum Heidelberg

Die relativ hohen wöchentlichen Trainingsumfänge und relativ geringen Streuungen (mit Ausnahme von Anne aus dem Internat) sprechen dafür, dass die geplanten Interventionen mit hohen Trainingsumfängen gleichverteilt über einen kurzen Zeitraum realisiert werden können.

2.4. Durchführung der TTLT-Diagnostik für Technikmerkmale und Technikwechsel

Zur üblichen Trainingszeit werden am ersten Testtermin zwei, an den folgenden drei Terminen jeweils zwei bis drei Spieler nacheinander aufgenommen. Pro Versuchsperson dauert eine Untersuchung in etwa 60 Minuten. Alle zehn Spieler der Interventionsstichprobe füllen einen Fragebogen zur Person aus, und die Gelenke des Schlagarms (Handgelenk, Ellbogen und Schulter) sowie der Schläger werden mit selbstklebenden Markern versehen. Um die Aufnahmequalität zu verbessern, ziehen die Spieler einen schwarzen Nylonstrumpf über den Arm, und die Marker werden an Schulter, Ellbogen und Handgelenk angebracht. Um ein Verrutschen zu vermeiden, wird der Strumpf am schwarzen T-Shirt mit Klebeband fixiert.

Nach einer kurzen Einspielphase und der ersten Instruktion wird mit dem Test begonnen. Der erste Block besteht aus vier Sequenzen mit Vorinformation über die Reihenfolge der Vorhand- und Rückhandschläge, die mit normaler Wettkampfgeschwindigkeit gespielt werden. Jede Sequenz wird fünfmal wiederholt. Vor jeder Sequenz erläutert der Trainer, was gespielt wird, also wie die Sequenz aussieht. Beispielsweise bedeutet das für die Sequenz 2 (vgl. Tab. 2), dass „einmal Vorhand, zweimal Rückhand und zweimal Vorhand“ gespielt wird. Nach den fünfundzwanzig Bällen (fünfmal die Sequenz 1 á 5 Bälle) erläutert der Trainer die folgende Sequenz und so weiter. Im zweiten Block, in dem die Sequenzen ebenfalls vorher erläutert werden, entspricht die Spielgeschwindigkeit einem hohen Wettkampftempo. Zwischen den [Seite 31↓]Blocks wird jeweils eine Pause von circa drei Minuten eingelegt. Im dritten und vierten Block erhält der Spieler keine Vorinformation. Der Trainer notiert die gespielten Sequenzen, wodurch gewährleistet ist, dass jede Sequenz gleich oft gespielt wird. Im dritten Block wird in normaler Wettkampfgeschwindigkeit eingespielt, im vierten Block in hoher Wettkampf­geschwindigkeit. Die beiden Geschwindigkeiten v1= normales Spieltempo und v2= hohes Wettkampftempo werden konstant gehalten. So werden insgesamt vierhundert Bälle (4 Sequenzen x 5 Bälle x 5 Wiederholungen (Blöcke) x 2 Geschwindigkeiten x 2 Informationsbedingungen) auf das Zielfeld geschlagen. Alle Bälle entsprechen der neuen Ballgröße, um sich den aktuellen Wettkampfregeln anzugleichen und Vergleiche zu älteren (Seydel, 1990; Tiefenbacher, Seydel & Durey, 1996) und neueren Arbeiten (vgl. Möllenbeck, Jendrusch & Heck, 2001; Xiaopeng, 1998) zu ermöglichen. Nach Testende erhalten die Spieler ein Überraschungsei.

2.5. Ergebnisse der TTLT-Diagnostik für Bewegungsmerkmale

2.5.1. Trefferleistungen

2.5.1.1. Analyse der Effekte als zentrale Tendenz für Hypothesen 1a und 1b

Die Berechnung des kompletten Designs mit vier Sequenzen, zwei Geschwindigkeiten und zwei Bedingungen mit oder ohne Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen ergab bei Ansetzung eines Alpha-Niveaus von 5 Prozent folgendes Bild. Die Sequenzen unterscheiden sich hinsichtlich der Trefferleistungen voneinander (F(3, 27) = 3.83, p < .05, η2 = .30), die Trefferleistungen in den unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterscheiden sich (F(1, 9) = 104.71, p < .01, η2 = .92), die Trefferleistungen mit oder ohne Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen unterscheiden sich (F(1, 9) = 47.22, p < .01, η2 = .84), die Interaktion zwischen Geschwindigkeit und Sequenz ist signifikant (F(3, 27) = 7.95, p < .01, η2 = .47). Die weiteren zweifachen und dreifachen Interaktionen verfehlen das Signifikanzniveau. Die Signifikanzgrenzen als klare Trennung von Effekten und keinen Effekten sind aufgrund der geringen Stichprobe nur vorsichtig zu benutzen. Beispielsweise sind aufgrund der geringen Streuungen zwischen den Personen und wegen der sehr selektierten Gruppe von Leistungssportlern von einem halben bis knapp einem Trefferpunkt davon auszugehen, dass die starken Manipulationen von Geschwindigkeiten und Vorinformationen Effekte zeigen. Auf der anderen Seite sind die nicht-signifikanten Zweifach-Interaktionen zwischen Sequenz und Vorinformation (F(3, 27) = 2.28, p = .10, η2 = .20) und Geschwindigkeit und Vorinformation (F(1, 9) = 4.55, p = .06, η2 = .34) sowie die Dreifach-Interaktion von Sequenz, Geschwindigkeit und Vorinformation (F(3, 27) = .56, p = .054, η2 = .24) mit geringen Effektstärken später zu diskutieren.

Die spezifischere Auswertung der Trefferleistungen wird nach der Struktur der Hypothesen vorgenommen. Insgesamt werden, über alle Spieler und Bedingungen gemittelt, Fehlerpunkte erzielt, die einer Genauigkeit des 40 cm x 40 cm Quadrates entsprechen (M = 2,65, SD = .87).

In Hypothese 1a wird angenommen, dass mit zunehmender Geschwindigkeit des Ballwechsels die Fehlerwerte steigen. Diese Hypothese konnte bestätigt werden. Die Erhöhung der Fehlerwerte von normaler Geschwindigkeit (M = 2, 34, SD = .67) zu schneller Geschwindigkeit (M = 3,13, SD = .48) ist wie oben berichtet signifikant.

In Hypothese 1b wurde angenommen, dass bei Sequenzen ohne Information darüber, welche Sequenz als nächstes folgt, schlechtere Trefferleistungen erzielt werden, als wenn diese Vorinformation gegeben wird. Die Erhöhung der Fehlerwerte von bekannten zu unbekannten Sequenzreihenfolgen ist signifikant, aber die Trefferleistungen unterscheiden sich um weniger als einen halben Punkt (bekannt: M = 2,52, SD = .49, unbekannt: M = 2,80, SD = .38).


[Seite 32↓]

Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass mit zunehmender Geschwindigkeit und mit geringerer Vorinformation die Fehlerwerte erwartungsgemäß steigen. Wie bereits oben diskutiert, ist es für eine detaillierte Rückmeldung als auch zur Absicherung der Repräsentation der zentralen Tendenz für das individuelle Verhalten notwendig, im Folgenden Einzelfälle separat und vergleichend darzustellen.

2.5.1.2. Exemplarische Einzelfallanalyse

Die exemplarische Einzelfallanalyse wird auf Wunsch von Bundestrainerin Jeler an dem Spieler Hermann demonstriert. Die Einzelfallanalysen wurden in reduzierter Form ebenfalls für alle anderen Spieler durchgeführt, allerdings werden sie hier nur durch die graphische Darstellung beigefügt. Hermann wurde von der Bundestrainerin ausgewählt, weil eine Bewertung von Hermann zur Einstufung der Kaderzugehörigkeit kurz nach der Testdurchführung erfolgen sollte und deshalb eine ausführliche und sofortige Auswertung erforderlich machte. Im Folgenden werden Hermanns Trefferleistungen mit dem Mittelwert der restlichen Treatmentgruppe verglichen. Die videometrische Auswertung orientiert sich an den Vorgaben der Technikanalysen aus den Voruntersuchungen sowie vorheriger Arbeiten (vgl. Pokorny, Fleiss & Svoboda, 1987; Stucke, Mosblech & Leiss, 1986, 1989). Bei allen dargestellten Werten handelt es sich um Mittelwerte. Es sei an dieser Stelle an die Bewertung erinnert: Der Wert 0 bedeutet, dass das innerste Quadrat getroffen wurde; je kleiner der Wert ist, desto besser ist also die Trefferleistung.

Wie gut treffen die Spieler bei den jeweiligen Sequenzen und wie repräsentativ ist das Ergebnis für den exemplarischen Einzelfall?


[Seite 33↓]

Abbildung 9: Streuungsmatrix (Scatterbox, Distanzmaße) für die Sequenz 1, 2, 3 und 4 für die Fehlerwerte. Labels der Punkte beschreiben den Einzelfall. Der Fall Nr. 5 ist der im Text beschriebene Hermann. Linien beschreiben linearen Fit sowie an den Rändern das 95% Konfidenzintervall. 1 = Bastian, 2 = Ulf, 3 = Maren, 4 = Mona, 5 = Hermann, 6 = Kathrin, 7 = Sarah, 8 = Maike, 9 = Anna, 10 = Zjelka

Der Mittelwert der Stichprobe unterscheidet sich für die Sequenzen 1 bis 3 nicht vom Mittelwert von Hermann bei Akzeptanz des Konfidenzintervalls, das für die Vorhersage aufgrund der linearen Regressionsanalyse gesetzt wurde. Alternative Regressionsmodelle wurden nicht getestet, da in den Hypothesen klare Vorhersagen einer linearen Steigerung der Fehlerwerte mit der Sequenz und damit den Technikübergängen angenommen wurde. Abbildung 9 zeigt zudem, dass Hermann in den Sequenzen 1 und 3 sehr nah am Mittel der Gruppe liegt. Interessant ist die Sequenz 4, in der Hermann (Nr. 5 ist bei Sequenz 4, M_S4 der beste Wert) bessere Werte erzielt als die anderen Teilnehmer. Zur statistischen Absicherung wurden Distanzanalysen berechnet (vgl. Tabelle 6). Als Kennwert für die Güte der Anpassung der Analyse wurde der Dispersionswert (Dispersion Acounted For, D.A.F., Kennwerte sind zwischen –1 und 1) berechnet, der in diesem Fall eine hohe Anpassung von .98 erreichte.


[Seite 34↓]

 

Bastian

(1)

Ulf

(2)

Maren

(3)

Mona

(4)

Hermann

(5)

Kathrin

(6)

Sarah

(7)

Maike

(8)

Anna

(9)

Bastian (1)

.000

        

Ulf (2)

1.441

.000

       

Maren (3)

1.441

.000

.000

      

Mona (4)

1.168

.971

.971

.000

     

Hermann (5)

1.593

.529

.529

.687

.000

    

Kathrin (6)

.632

.810

.810

.806

1.013

.000

   

Sarah (7)

1.602

.877

.877

.485

.382

1.117

.000

  

Maike (8)

1.211

.739

.739

.237

.474

.733

.395

.000

 

Anna (9)

1.090

1.426

1.426

.492

1.178

1.013

.925

.722

.000

Zjelka (10

1.467

1.544

1.544

.583

1.173

1.309

.833

.806

.382

Wie aus Tabelle 6 ersichtlich ist der erste Fall (Bastian) am weitesten von den anderen Fällen entfernt, während Hermann mittlere Abstände von den anderen Fällen erreicht, wenn man über alle Sequenzen vergleicht. Wie bereits in Abbildung 9 dargestellt, würden die weitaus überdurchschnittlichen Leistungen Hermanns in der Sequenz 4 im Vergleich zum Mittel der Gruppe bei der alleinigen gemittelten Analyse von Distanzen übersehen werden. Deshalb erscheint eine weitere genauere Analyse für einzelne Geschwindigkeiten oder Vorinformationen unabdingbar.

Wie variieren die Trefferleistungen in Abhängigkeit von Geschwindigkeit und Vorinformation bei den einzelnen Spielern?

Tabelle 7 zeigt die Distanzen für alle 10 Spieler, wenn die Daten (gemittelt über Vorinformation und Sequenz) in normale und hohe Geschwindigkeit der Ballwechsel unterteilt werden.

Tabelle 7: Distanzen (euklidisch) für Einzelfälle über normale und hohe Geschwindigkeit

 

Bastian

(1)

Ulf

(2)

Maren

(3)

Mona

(4)

Hermann

(5)

Kathrin

(6)

Sarah

(7)

Maike

(8)

Anna

(9)

Bastian (1)

.000

        

Ulf (2)

2.266

.000

       

Maren (3)

2.224

.065

.000

      

Mona (4)

2.246

.160

.110

.000

     

Hermann (5)

1.404

1.127

1.066

1.034

.000

    

Kathrin (6)

1.814

.731

.666

.610

.457

.000

   

Sarah (7)

1.671

.829

.766

.724

.318

.145

.000

  

Maike (8)

2.009

.472

.407

.341

.712

.270

.395

.000

 

Anna (9)

1.687

.785

.722

.683

.354

.129

.046

.359

.000

Zjelka (10

1.650

.819

.756

.719

.316

.164

.037

.397

.039

Wie bereits bei den Sequenzen 1-4 unterscheidet sich Bastian von dem Rest der Gruppe, während Hermann sich von den ersten vier Spielern weiter distanziert als von den Spielern 6 bis 10. Hermann unterscheidet sich jedoch nicht in einer systematischen Weise von dem Gruppenmittel. Die Distanzmatrix erreicht mit einem Dispersionswert (D.A.F.) von .99 eine hohe Verteilung. Hermann ist also durchschnittlich hinsichtlich seiner Leistungen bei normaler und hoher Geschwindigkeit.

Trennt man die Daten nach Bedingungen mit oder ohne Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen, dann sehen wir ähnlich der Analyse der Sequenzen 1 bis 4 hohe Distanzen zu Bastian (wie alle anderen Sportler auch) und mittlere Distanzen zu den anderen Spielern. Die Lösung der Distanzen erreicht eine hohe Anpassung (D.A.F. Dispersionsmaß) von .99.


[Seite 35↓]

Tabelle 8: Distanzmaße (euklidisch) für Einzelfälle über Sequenzen mit Vorinformation und ohne Vorinformation. Hohe Werte entsprechen einer Unähnlichkeit zwischen Sportlern

Bastian

(1)

Ulf

(2)

Maren

(3)

Mona

(4)

Hermann

(5)

Kathrin

(6)

Sarah

(7)

Maike

(8)

Anna

(9)

Bastian (1)

.000

        

Ulf (2)

1.951

.000

       

Maren (3)

1.971

.041

.000

      

Mona (4)

1.900

.157

.197

.000

     

Hermann (5)

2.266

.573

.533

.730

.000

    

Kathrin (6)

1.965

.065

.100

.108

.626

.000

   

Sarah (7)

2.192

.381

.341

.535

.205

.429

.000

  

Maike (8)

2.211

.396

.356

.549

.197

.442

.019

.000

 

Anna (9)

2.264

.585

.545

.742

.017

.639

.220

.213

.000

Zjelka (10

2.076

.256

.216

.413

.317

.311

.134

.153

.329

Nimmt man Hermann als von den Bundestrainern (und nicht als „Prototyp“ von den Autoren ausgewählten) für die Darstellung gewählten Spieler, so fällt auf, dass er im Mittel die Stichprobe recht gut repräsentiert. Dies kann nur mit der Einschränkung aufrecht erhalten werden, dass Hermann in der Sequenz 4 überdurchschnittliche Leistungen erbringt, die allerdings nicht als Ausreißer (Outlier) gewertet werden dürfen, wenn man als Kriterium Werte über der zweifachen Standardabweichung als Ausreißer (Outlier) definiert. Dieses Kriterium wird üblicherweise zur Entdeckung und Behandlung von Ausreißern angenommen, wie beispielsweise der Windsorisierung (Windsoring), im dem alle Werte über der zweifachen Standardabweichung in die zweifache Standardabweichung überführt werden.

2.5.1.3. Vergleichende Einzelfallbetrachtungen

Exemplarisch wird hier der Vergleich zweier Spieler dargestellt, der dem Trainer und dem Spieler Aufschluss über Leistungsunterschiede geben kann. Die Trainer können mit den im Paar-Vergleichsverfahren erzielten Daten leichter direkte Vergleiche zwischen Spielern nutzen, die von ihnen selbst in dieselbe Leistungs- beziehungsweise Altersklasse eingeordnet wurden. Auf Wunsch der Trainer wurden folgende Paare ausgewählt: Hermann/Kathrin und Sarah/Maike.


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Beispiel Hermann und Kathrin:

Der exemplarische Vergleich erstreckt sich auf die zentralen Variablen des Designs. Unterschiede bei den Trefferleistungen in den verschiedenen Sequenzen, bei verschiedenen Geschwindigkeiten und bekannten und unbekannten Sequenzen können so zwischen vergleichbaren Spielern analysiert und entsprechende Konsequenzen für das Training gezogen werden.

Abbildung 10: Mittlere Fehlerpunkte der vier verschiedenen Sequenzen (gestreifter Balken: Hermann; weißer Balken: Kathrin, M_S1 = Sequenz 1, M_S2 = Sequenz 2, M_S3 = Sequenz 3, M_S4 = Sequenz 4)

Wie die Abbildung zeigt, ist Kathrin in allen Sequenzen schlechter. Der Vergleich der Werte kann mit einem t-Test (die unterschiedlichen Freiheitsgrade sind durch die Elimination von Sequenzen verursacht, in denen mehr als 1 Ball nicht zuzuordnen war) über alle Bälle zwischen den Spielern in den jeweiligen Bedingungen getestet werden. Eine Alpha-Adjustierung wird im Paarvergleich über alle Paarvergleiche nicht vorgenommen, da im Gegensatz zum gruppenmittelwertstatistischen Vergleich über verschiedene abhängige Variablen, hier durchaus ein abhängiges Verhältnis zwischen den Leistungen der einzelnen Spieler von vorneherein angenommen wird. Beispielsweise könnte Hermann, wie die Daten zeigen, prinzipiell besser als Kathrin treffen. Dies ist jedoch statistisch nur für beide Geschwindigkeitsstufen für die Sequenz 4 unter keiner Vorinformation der Sequenzreihenfolge signifikant (Normale Geschwindigkeit: t(20) = ‑2.37, p < .05; Hohe Geschwindigkeit: t(20) = -2.78, p < .01).


[Seite 37↓]

Abbildung 11: Fehlerpunkte (v.l.n.r.): normale und hohe Wettkampfgeschwindigkeit, mit und ohne Vorinformation (gestreifter Balken: Hermann; weißer Balken: Kathrin, M_V1 = normale Geschwindigkeit, M_V2 = hohe Geschwindigkeit, M_BEK = Mittelwert der bekannten Sequenzen, M_UNBEK = Mittelwert der unbekannten Sequenzen)

Hermanns Überlegenheit zeigt sich auch in der Trefferleistung, wenn man die Treffer nach Geschwindigkeiten und Vorinformation trennt. Interessant ist, dass Hermann bei bekannten Sequenzen in den Sequenzen 2, 3 und 4 signifikant überlegen ist (Sequenz 2, normale Geschwindigkeit: t(22) = -3.52, p < .01; Sequenz 4, normale Geschwindigkeit: t(22) = -3.76, p < .01; Sequenz 3, hohe Geschwindigkeit: t(22) = -4.22, p < .01; Sequenz 4, hohe Geschwindigkeit: t(18) = -3.40, p < .01).


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Beispiel Sarah und Maike

Abbildung 12: Mittlere Fehlerpunkte der vier verschiedenen Sequenzen (gestreifter Balken: Sarah; weißer Balken: Maike, M_S1 = Sequenz 1, M_S2 = Sequenz 2, M_S3 = Sequenz 3, M_S4 = Sequenz 4)

Maike spielt, wie in der Abbildung dargestellt, insgesamt etwas besser. Nur in der ersten Sequenz erzielt Sarah gute Trefferleistungen. Der größte Unterschied liegt in der Sequenz 4, die als einzige für die Bedingung mit Vorinformation unabhängig von der Geschwindigkeit zu besseren Leistungen von Maike führt (Normale Geschwindigkeit: t(20) = -2.02, p < .05; Hohe Geschwindigkeit: t(20) = -1.75, p = .05).

Abbildung 13: Fehlerpunkte (v.l.n.r.): normale und hohe Wettkampfgeschwindigkeit, mit und ohne Vorinformation (gestreifter Balken: Sarah; weißer Balken: Maike, M_V1 = normale Geschwindigkeit, M_V2 = hohe Geschwindigkeit, M_BEK = Mittelwert der bekannten Sequenzen, M_UNBEK = Mittelwert der unbekannten Sequenzen)

Die Ergebnisse von Sarah und Maike sind sich, abgesehen von Sarahs Trefferleistung in der Sequenz 1, sehr ähnlich. Die schlechteren Leistungen von Sarah bei schnellen Bewegungen sowie bei bekannten Sequenzen sind den Trainern zurückzumelden, um möglicherweise mit Sarah vor allem den Umgang mit schnellen Bewegungen zu trainieren.

Zusammenfassend sind die vergleichenden Einzelfallanalysen bedeutsam in dem Sinne, in dem sie den Trainern eine Reihe von Bedingungen aufzeigen, in denen sich Spieler unterscheiden. Die Unterschiede zwischen Hermann und Kathrin sind größer als zwischen Sarah und Maike und bedürfen einer genauen Analyse vor der Umsetzung von Rückmeldungen an die Spieler. Weitere Variablen, die möglicherweise die Unterschiede moderieren können, werden nicht im Detail beschrieben. Beispielsweise sind das Trainingsalter und der Umfang der wöchentlich trainierten Stunden keine Einflussfaktoren, da im Vergleich Hermann und Kathrin sowie im Vergleich Sarah und Maike der Unterschied des wöchentlichen Trainingsumfanges nur eine Stunde beträgt.

2.5.1.4. Diskussion der gruppen- und einzelfallbezogenen Analysen der Trefferergebnisse

Das Beispiel von Hermann sowie die Mittelwerte der Stichprobe zeigen, dass die Trefferleistungen von der Geschwindigkeit und der Vorinformation abhängen. Die Sequenzunterschiede fallen jedoch eher geringer aus und sind individualanalytisch zu prüfen, wie dies am Beispiel der Sequenz 4 bei Hermann gezeigt wurde. Beispielsweise erklären sich die Bundestrainer (auf Nachfrage) die guten Leistungen von Hermann in der Sequenz 4 damit, dass Hermann im Vergleich zum Mittel der Gruppe durch gute Beinarbeit und damit schnellerer Bereitschaftsstellung für den nächsten Schlag auffällt. Die Rückmeldung dieser Effekte soll die Aufmerksamkeit der Trainer beispielsweise auf Vorbereitungsaspekte der Bewegung und grundlegendere Fähigkeiten wie Antizipations­prozesse und Blickstrategien lenken, die möglicherweise alternative Erklärungen für diese Unterschiede sind. Zudem (allerdings ist dies auf der Grundlage dieser Daten nicht zu prüfen) lassen sich solche Unterschiede auch durch die individuellen Ausprägungen im Training erklären.

Warum steigen nicht konsequent die Fehlerwerte mit steigender Anzahl von Technikübergängen? Wir nehmen an, dass mit steigender Anzahl der Technikwechsel die Trefferleistung sinkt und damit der dargestellte Wert steigt, weil in der Regel die Beibehaltung von konstanten Ausgangsbedingungen und Ergebniskonstanz innerhalb einer Technik zu besseren Treffern führt (Wie-Entscheidung) als die zusätzliche Veränderung der Technikauswahl (Was-Entscheidung), wie beispielsweise bei Roth (1989) für Tischtennis gezeigt. Das ist jedoch nur bedeutsam, gemittelt über alle Sportler, beim Übergang zwischen der Sequenz 2 und der Sequenz 3. Möglichweise sind die relativen hohen Fehlerwerte in der ersten, nur einen Technikwechsel beinhaltenden Sequenz dadurch zu erklären, dass die Versuchsteilnehmer durch das Einspielen nicht genügend vorbereitet waren. Die Möglichkeit eines Reihenfolgeeffektes kann nicht geprüft werden, da alle Spieler dieselbe Reihenfolge der Sequenzen erhielten. Die Gewöhnung an die Testsituation dauert eventuell länger als die Einspielphase und wirkt sich möglicherweise zunächst auf die schlechte Trefferleistung aus. Der niedrige Wert der vierten Sequenz kann dadurch erklärt werden, dass es sich um eine im Systemtraining häufig gespielte Übung (genannt „1-1“) mit einem guten Rhythmus (abwechselnd Vorhand- und Rückhandschlag) handelt. Die Trefferleistung wird durch eine bereits bekannte Aufgabe positiv beeinflusst. Diese Argumentation kann nur dadurch erhärtet werden, dass Informationen über die Häufigkeit


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einzelner Übungen für jeden Spieler erhoben werden. Da dieser Effekt nicht im selben Maße in der Gruppe auftritt (vgl. die Breite der Streuungsmatrix in der Sequenz 4 im Vergleich zu den anderen Sequenzen in Abbildung 9) kann diese Argumentation später überprüft werden. Insgesamt sind die Sequenz­unterschiede gering (statistisch lassen sich nur die Sequenz 2 und Sequenz 3 absichern) und sprechen für eine Reduzierung der Stufen dieses Faktors, wenn man nur die Trefferleistungen berücksichtigt. Im Folgenden sind für die Diagnostik zunächst einmal die Hypothesen für die Bewegungen in den unterschiedlichen Bedingungen zu prüfen.

2.5.2. Bewegungsanalyse

2.5.2.1. Analyse der Effekte als zentrale Tendenz für Hypothesen 2a bis 3c

Die Bewegungsanalyse, wie bereits oben erörtert, ist über Spieler schwierig, da die Daten von Simi-Motion nicht einfach aufaddiert werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Armlängen der Spieler sind somit beispielsweise Variabilitäten in den Daten erzeugbar, die sich nicht auf Unterschiede zwischen Schlägen, sondern zwischen Spielern zurück­führen lassen. Für die Bedingungen gilt ein ähnliches Problem, die Analyse von Bewegungslängen, Schlaggeschwindigkeiten, Winkeln und weiteren möglichen Para­metern von Schlägen unterscheidet sich zwischen Vorhand- und Rückhandschlägen, sodass eine Mittelung über Sequenzen mit unterschiedlicher Anzahl von Übergängen und Vorhand- und Rückhandschlägen erschwert wird. Eine Möglichkeit, diese Probleme zu beheben, sind Komponentenanalysen (vgl. Kap. 2), die unabhängig von den individuellen Raum- und Zeitparametern Ähnlichkeiten von Bewegungsteilen oder Bewegungen extrahieren.

Tabelle 9: Komponentenstruktur Prä-/Posttest der Technikoptimierung

Faktor

Anzahl Komponenten

Struktur der Komponenten

Bekannte Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

2

E (y)

S(y)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

3

H(x),E(x),S(y)

E(y),S(z)

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

3

H(x),E(x)

S(y),E(y)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

4

S(x),E(x)H(x)

E(z),S(z)

Unbekannte Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

3

T(x),H(x),E(x),S(x)

S(y),T(y),E(y)

E(z),S(z),H(z)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

4

T(x),H(x),E(x),S(x)

E(z),S(z),H(z)

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

5

H(x),S(x),E(x)

E(z-),H(y)

S(z),S(y)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

5

H(x),E(x)

S(z,y)

H(y+),E(y)

Anmerkungen: S= Schulter, E= Ellbogen, H= Handgelenk, T= Tischtennisschläger, x-Achse = links und rechts vom Spieler, y-Achse = vorne und hinten, z-Achse = oben und unten; Minuszeichen = negative hohe Ladung auf entsprechenden Faktor. Reihenfolge der Punkte und der x-, y-, z-Achsenbezeichnungen in Klammern nach Höhe der Ladung geordnet. Es sind nur Sequenz 2 und Sequenz 3 dargestellt, die auch in den späteren Analysen für den Prä-Posttestvergleich benutzt werden.


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Die Tabelle liest sich wie folgt: Die Spalte Faktor bildet die Bedingungen der Sequenzen bei normaler und hoher Geschwindigkeit ab; zuerst für die bekannten Sequenzen und anschließend für die unbekannten Strukturen beziehungsweise Reihenfolgen von Vorhand- und Rückhandschlägen. Die Anzahl der Komponenten entspricht dem Ergebnis der Faktorenanalysen, um mindestens 98% der Varianz in den Daten zu erklären. Die Struktur der Komponenten sind die Bewegungspunkte Schulter (S), Ellbogen (E), Handgelenk (H) und Tischtennisschläger (T). Die Angaben x, y oder z geben die Bewegungsrichtung an. Jede Komponente ist durch eine Zeile getrennt. Von oben nach unten entspricht diese Ordnung der Wichtigkeit der Komponenten an der Varianz­aufklä­rung. Es sind nicht immer alle Komponenten dargestellt. Das Kriterium zur Darstellung war ein Mindestmaß an aufgeklärter Varianz von 10%. Die Reihe der Bewegungspunkte mit ihrer Richtung in jeder Komponente sind durch Kommata getrennt, und die Reihenfolge repräsentiert die Ladung der Bewegungspunkte zu dem Faktor. Zusätzlich wurde hinter eine Richtungsebene ein Minus- oder ein Pluszeichen eingefügt. Diese Darstellung entspricht einer negativen oder positiven Korrelation zu der Ausrichtung der entsprechenden Komponenten, wenn nicht alle Komponenten in dieselbe Richtung laden.

Hypothese 2a: Je höher die Geschwindigkeit desto mehr Komponenten in der Bewegung

Die Anzahl der Komponenten innerhalb der bekannten und unbekannten Strukturen von normaler zu hoher Geschwindigkeit nimmt zu.

Hypothese 2b: Je höher die Vorinformation desto weniger Komponenten in der Bewegung

Für bekannte Strukturen werden im Mittel weniger Komponenten zur Aufklärung der Bewegungsvarianz gebraucht als für die unbekannten Strukturen. Dies entspricht den Vor­hersagen, dass bei unbekannter Reihenfolge mehr Bewegungskomponenten vorhanden sind.

Die zusätzliche Analyse liegt in der Struktur der Komponenten, die darüber Aufschluss geben, wie strukturelle Variationen zwischen den Bedingungen auftreten. Zunächst einmal ist festzustellen, dass Bewegungskomponenten sich überwiegend aus zwei bis drei Bewegungspunkten über die Gelenke hinweg, aber in einer Ebene, konzentrieren. Die Komponentenstruktur zeigt zudem, dass überwiegend benachbarte Bewegungspunkte Komponenten abbilden. Zum Beispiel gibt es keine Komponenten, in denen Hand und Schulter ohne den Ellbogen eine Komponente bilden, oder Tischtennisschläger und entfernte Bewegungspunkte wie Schulter oder Ellbogen allein eine Komponente darstellen.

Zur Prüfung der Hypothesen 3a bis 3c (vgl. Kap. 2.1.1) müssen die einzelnen Kennwerte für die Bewegungen aus der Gesamtsequenz extrahiert werden. Für die Analyse zur Überprüfung der Hypothese 3a (Tiefe der Ausholbewegung) ist zu gewährleisten, dass die y-Achsen-Werte des Handgelenks (als Indikator wie weit ausgeholt wurde) in Relation zum Tischtennistisch berechnet werden. Dies wird relativ anstatt absolut vorgenommen, da durch unterschiedliche Definitionen des Fixpunktes (Tischmitte) absolute Werte möglicherweise nicht den realen Ausholpunkt im Raum beschreiben. Für die Hypothese 3a ist ohnehin bedeutsam, ob Spieler unter oder über dem Tisch ihre Ausholbewegung beginnen. Da die Digitalisierung der Bewegungen pro Sequenz immer mit dem tiefsten Punkt der ersten Ausholbewegung beginnen, ist das Prüfen der y-Werte zu den Ausholbewegungen unproblematisch. Schwieriger wird die Analyse für die Hypothesen 3b (Varianz der Bewegung) und 3c (Entfernung des Ellbogens vom Körper). Für die Analyse der Varianz der Bewegungen sind viele Einflussgrößen denkbar. Neben der Einspielgenauigkeit des Trainers, sind die genauen Extraktionspunkte der einzelnen Bewegungen schwierig. Zur Lösung des ersten Problems wurden nur die Sequenzen für die Analyse der Varianz der Bewegungen benutzt, die in der üblichen Bandbreite der Bälle zur Mitte des Tisches lagen. Dies wurde von den beiden Digitalisierungsassistenten nach Augenmaß vorgenommen. Zudem wurden nur die Sequenzen genommen, in denen keine Bälle von dem Spieler ins Netz bzw. ins Aus geschlagen wurden, da hier eine erhöhte Streuung nach der jeweiligen und folgenden Bewegung vorliegen könnte, die nicht direkt mit einer standardisierten Bewegung, sondern einer internen


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Fehlerkorrektur in Zusammenhang steht. Diese beiden Vorgehensweisen ermöglichten zudem, auf beiden Seiten (der Bewegung und der Treffer) Sequenzen mit Extremwerten zu extrahieren. Das Problem der genauen Zeitpunkte der Extraktion wurde dadurch erhöht, dass neben der Definition der Ausholbewegung (niedrigster y-Wert des Handgelenks), für das Ende der Bewegung der Ballkontakt genommen wurde (unter der absichtlichen Ausschließung der Ausschwungphase nach Ballberührung, da es schwierig ist, zwischen Teil der Bewegung und Teil des Anfanges des Überganges zwischen den Techniken zu unterscheiden). Zudem wurden für die Berechnung der Varianzen auch nur die mittleren drei Schläge berechnet, um nicht mögliche weitere Varianzen der Bewegungen am Anfang und am Ende zu erfassen, die sich nicht auf in Sequenz geschlagene Bälle beziehen. Zum Beispiel sind mit positionsspezifischen Analysen der Treffer innerhalb der Sequenz die höchsten Fehler und größten Varianzen beim letzten Schlag gefunden worden (bekannte Sequenzen M = 2.91, SD = 1.07; bekannte Sequenzen M = 3.38 SD = .96). Möglichweise ist neben dem Positionseffekt aufgrund der vermehrten Technikübergänge am Ende der Sequenz einfach ein schnellerer Schlag bei der letzten Bewegung eingesetzt worden, der die geringeren Treffer erklären könnte. Da dies nur mit weiteren Analysen geklärt werden kann (z.B. Veränderung der Schlaggeschwindigkeit über die Positionen), ist ein konservatives Ausschlusskriterium die Analyse der mittleren Schläge. Für die Analyse der Entfernung des Ellbogens vom Körper wird pro Spieler die Differenz der x-Werte des Ellbogengelenks relativ zum Schultergelenk berechnet und die Entfernung mit den meisten Treffern als Indikator für eine optimale Entfernung benutzt.

Hypothese 3a: Ausholbewegung

Nach Leitbild sollte die Ausholbewegung nicht unter Tischtennistischniveau stattfinden. Hypothese 3a nahm an, dass entsprechend des Leitbildes die Bewegungen, die unter Tischniveau anfingen, zu schlechteren Leistungen führen als die Bewegungen, die über Tischniveau anfingen. Die Analyse der über alle Spieler gemittelten Schläge ergab, dass überwiegend unter Tischniveau – entgegen dem Leitbild – ausgeholt wurde. Tabelle 10 fasst die absoluten Werte unterhalb und oberhalb des Tischniveaus sowie die prozentualen Anteile dieser Bewegungen für die einzelnen Bedingungen der Diagnostik zusammen.


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Tabelle 10: Absolute Werte der Ausholbewegung, prozentualer Anteil der Bewegungen oberhalb und unterhalb der Tischkante sowie die Trefferleistung im Mittel für die Sequenzen 2 und 3, die zwei Geschwindigkeiten sowie für bekannte und unbekannte Strukturen. Angaben in cm

Faktor

Absolute Ausholbewegung

(cm)

Prozentualer Anteil

unter Tischkante

Trefferleistung

(Fehlerpunkte)

Bekannte Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

-23 (10)

65,85%

2,27

    

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

-28 (01)

74,6%

2,41

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

-32 (01)

87,85%

3,19

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

-22 (13)

91,45%

3,13

Unbekannte Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

-15 (18)

61,95%

2,27

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

-32 (01)

93,35%

2,93

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

-33 (01)

93,75%

3,93

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

-26 (18)

98,55%

4,04

Anmerkungen: Die absolute Ausholbewegung (Mittelwert und Standardabweichung in Klammern) bezieht sich auf die Differenz von Tischkante zu Handgelenk-Wert im Raum für die y-Achse. Negative Werte entsprechen einer Ausholbewegung unterhalb der Tischkante und positive Werte entsprechen einer Ausholbewegung oberhalb der Tischkante. Es sind nur Sequenz 2 und Sequenz 3 dargestellt.

Eine statistische Berechnung der Unterschiede ist aus mehreren Gründen nur schwer möglich. Erstens gibt es eine Reihe von Spielern, die prinzipiell unterhalb der Tischkante ausholen, in der Sequenz 3 sogar fast alle. Dies führt dazu, dass bei einer Teilung von Schlägen unter Tischkante und über Tischkante unterschiedlich viele Spieler in die Analyse ausgewählt werden. Da Signifikanzen in möglichen Korrelationsanalysen zwischen Treffern und Ausholweite auch von der N-Zahl abhängen, sind hier bei listen- und fallweise basierten Exklusionsverfahren eine Reihe von großen Unterschieden zu erwarten, die die wahren Differenzen überdecken. Zweitens existiert dasselbe Problem auch für die Analyse der Bedingungen, die aufgrund der nicht-verwertbaren Datenpunkte variieren können sowie durch das Problem, dass viel mehr Datenpunkte zum Bereich der Ausholbewegung unter Tischkante als über Tischkante vorliegen. Drittens sind die Trefferleistungen mit den Bedingungen konfundiert, die beispielsweise durch eine erhöhte Anzahl von Übergängen oder Geschwindigkeiten zu mehr Ausholbewegungen über der Tischkante führen als ohne. Eine über alle Bedingungen und Spieler gemittelte Auswertung von Schlägen über und unter Tischkantenniveau erscheint jedoch kaum irgendwelcher Interpretation zugänglich. Durchaus können die Trefferleistungen außer in den folgenden einzelfallanalytischen Darstellungen und Vergleichen zumindest für die prozentualen Anteile von Schlägen über und unter Tischkante in den einzelnen Bedingungen beschrieben werden. Wie in Tabelle 10 aufgezeigt, gibt es hier einen relativ klaren Zusammenhang zwischen Trefferleistung und prozentualem Anteil von Schlägen unterhalb der Tischkante. Hohe Prozentzahlen an Schlägen unterhalb der Tischkante stimmen mit hohen Fehlerwerten überein. Nur bei Sequenz 3 und Geschwindigkeit 2 bei bekannten Strukturen ist der Prozentwert höher als zur Sequenz 2 unter denselben Bedingungen jedoch bei etwa gleicher Trefferleistung. Für die absoluten Werte ist in bekannten und unbekannten Sequenzen ebenfalls zutreffend, dass das zumeist tiefere Ausholen unter Tischkanten-Niveau mit höheren Fehlern zusammenhängt. Allerdings ist dies weder bei den bekannten noch unbekannten Strukturen für die Sequenz 3 bei hoher Geschwindigkeit der Fall.

Hypothese 3b: Variabilität der Bewegung

Die Variabilität der Bewegung wird durch die gemittelte Varianz aller Schläge innerhalb einer Sequenz und gemittelt über alle Sequenzen innerhalb einer Bedingung über alle Spieler für alle neun möglichen Freiheitsgrade der Bewegung errechnet. Das heißt, dass die Varianz der Gelenke Schulter, Ellbogen, Handgelenk in allen drei Dimensionen gemittelt pro Spieler und pro Bedingungen als Mittelwert tabellarisch veranschaulicht wird. Die Varianzen in den einzelnen Bedingungen können dann mit den jeweiligen Trefferleistungen korreliert werden, um zu überprüfen, ob geringe Bewegungsvarianz mit guten Trefferleistungen zusammenhängt. Pro Sequenz und Spieler werden damit in etwa (in Abhängigkeit der auswertbaren Datenpunkte) 1875 Punkte pro Raumdimension (x-, y-, z-Achse) und Gelenk (Schulter, Ellbogen, Handgelenk) verwertet.


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Tabelle 11: Variabilitäten als Varianz gemittelt über Spieler und Sequenzen innerhalb einer Bedingung (m)

 

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

Bekannte Strukturen

SCHULTER_X

0.343

0.251

0.319

0.166

SCHULTER_Y

0.172

0.122

0.137

0.067

SCHULTER_Z

0.099

0.089

0.074

0.054

ELLBOGEN_X

0.246

0.211

0.242

0.172

ELLBOGEN_Y

0.255

0.237

1.786

3.740

ELLBOGEN_Z

0.043

0.033

0.038

0.016

HAND_X

0.275

0.224

0.273

0.176

HAND_Y

0.102

0.086

0.122

0.074

HAND_Z

0.036

0.015

0.027

0.007

Gesamt

0.175

0.141

0.335

0.497

Unbekannte Strukturen

SCHULTER_X

0.318

0.320

0.356

0.350

SCHULTER_Y

0.143

0.153

0.169

0.157

SCHULTER_Z

0.095

0.094

0.087

0.099

ELLBOGEN_X

0.315

0.256

0.390

0.380

ELLBOGEN_Y

0.259

0.267

0.304

0.265

ELLBOGEN_Z

0.023

0.018

0.023

0.039

HAND_X

0.361

0.299

0.470

0.479

HAND_Y

0.118

0.095

0.130

0.135

HAND_Z

0.023

0.027

0.025

0.097

Gesamt

0.184

0.170

0.217

0.222

Anmerkungen: Die geringen Variabilitäten in der z-Dimension liegen an den geringen Daten, die in dieser Komponente verwertet werden konnten, sowie daran, dass die z-Achse die Bewegung nach vorne beschreibt und durch den frühen Abbruch bei Treffpunkt des Balles die Variabilität in dieser Achse gering ausfällt.

Die Korrelation von Fehlerwerten mit der Variabilität der Bewegung, gemittelt über alle neun Freiheitsgrade, ergab keine signifikanten Zusammenhänge für die Bedingungen. Die Korrelationen sind zwar alle negativ, das heißt höhere Variabilität hängt eher mit geringeren Fehlerwerten zusammen, jedoch liegen die Korrelationen für die einzelnen Bedingungen zwischen r = .098 und r = -.35. Auf der Mittelwertebene sind damit keine bedeutsamen Zusammenhänge zwischen Variabilität der Bewegungen und der Trefferleistungen feststellbar.

Hypothese 3c: Ellbogenentfernung zum Körper

Die Hypothese 3c beschreibt, dass zu enge oder zu weite Ellbogenentfernungen von der Schulter zu schlechteren Leistungen führen, als mittlere Entfernungen von Schulter und Ellbogen.


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Tabelle 12. Mittelwerte und Standardabweichungen für Ellbogen-Schulter Abweichungen in der x-Achse für bekannte und unbekannte Strukturen in Sequenz 2 und Sequenz 3 bei normaler und hoher Geschwindigkeit

 

Mittelwert der Ellbogen-Abweichung von der Schuler (cm)

Standardabweichung

Bekannte Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

14

(09)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

12

(08)

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

12

(07)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

11

(08)

Unbekannten Strukturen

Sequenz 2

Geschwindigkeit 1

10

(09)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 1

09

(08)

Sequenz 2

Geschwindigkeit 2

09

(09)

Sequenz 3

Geschwindigkeit 2

12

(11)

Wie bereits bei der Hypothese 3b sind die Korrelationen zwischen den Gruppenmittelwerten des Abstandes des Ellbogens von der Schulter in x-Richtung nicht signifikant zusammenhängend mit der Trefferleistung. Es gibt zwar negative Zusammenhänge von r = -.10 bis r = -.39 zwischen mittlerem Abstand pro Bedingung und der Fehlerleistung, die darauf hindeuten, dass zu geringe Abstände zwischen Ellbogen und Schulter mit größeren Fehlern zusammenhängen (zu nahe am Ball, vgl. Kap. 1.3), diese fallen jedoch nicht signifikant aus. Die Unterschiede zwischen den Sequenzen in den Bedingungen sind zwar relativ hoch (vgl. Tabelle 12), jedoch sind zwischen den Bedingungen die mittleren Abweichungen nahezu bedeutungslos, sodass eine differenzierte Analyse wenig Erfolg verspricht.

2.5.2.2. Zusammenfassung der Ergebnisse der zentralen Tendenz

Die Hypothesen 2a bis 2c zur Bewegungsanalyse konnten bestätigen, dass sich die Komponenten der Bewegung mit zunehmender Anzahl von Technikwechseln erhöhen (Hypothese 2a), mit steigender Geschwindigkeit zunehmen und mit geringer Vorinformation ebenfalls ansteigen. Als einzige Ausnahme aus dieser Zusammenfassung ist bei der Hypothese 2a die Sequenz 4 anzusehen, die trotz einer hohen Anzahl von Technikübergängen eine relativ geringe Anzahl von Bewegungskomponenten anzeigt. Möglicherweise ist durch den sehr rhythmischen Verlauf der Sequenz von Vorhand-Rückhand-Vorhand-Rückhand eine vereinfachte Koordination vorweg möglich, die es der Struktur der Bewegung erlaubt, sich durch wenige Komponenten darzustellen. Eine mögliche Erklärung, dass in rhythmischen Aufgaben mit Wechsel der Bewegung eine Erschwerung der Ausführung derselben Bewegung hintereinander gefunden wird, liegt im Konzept des „inhibition of return“-Ansatzes, der eine erneute Kodierung derselben Bewegung als schwerer ansieht als ein systematischer Wechsel bei Bewegungssequenzen (vgl. Buckolz, Boulougouris, O'Donnell & Pratt, 2002).

Die Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bewegungsausführung und der Trefferleistung sind aus anwendungsorientierter Sicht sehr wichtig. In der Hypothese 3a wurde gezeigt, dass höhere Fehlerwerte bei Sequenzen mit höheren Anteilen von Schlägen unter der Tischkante vorkommen. Dieses Bild ist bis auf geringfügige Nichtübereinstim­mungen bei der Sequenz 2 und Sequenz 3 bei bekannten Strukturen systematisch der Fall. Die Bedeutsamkeit dieses Befundes ist aufgrund der ungleichen Verteilungen nicht vorbehaltlos zu generalisieren. Interessant ist vor allem der Befund, dass trotz des anvisierten Leitbildes überwiegend unter dem Tischkantenniveau ausgeholt wird. Dafür gibt es eine Reihe von möglichen, hier nicht zu klärenden Ursachen. Beispielsweise wird das Leitbild von den Trainern nur innerhalb einer gewissen Toleranzgrenze verändert, die nur bei weitaus tieferen Ausholbewegungen greift. Zweitens kann es sein, dass der Trainer oft gar nicht die zu weite Ausholbewegung bemerkt. Wenn der Trainer wie üblich zumeist im Training von der anderen Tischseite Bälle zuspielt, kann die Verfolgung des Balles auf die andere Seite und der Kaskadensprung zur anschließenden Ausholbewegung evtl. nur den Zeitpunkt der Ausholbewegung erfassen, der in etwa mit dem Leitbild übereinstimmt, obwohl der Spieler tatsächlich viel weiter unten ausgeholt hat. Die Annahme, dass dies vom Trainer einfach gesehen und korrigiert wird, scheint sich nicht zu bestätigen und befürwortet eine genauere Analyse der Effekte der Umsetzung der Leitbilder, der Toleranz der Abweichung sowie eine Analyse der visuellen Möglichkeiten des Trainers im Training, um solche Abweichungen zu erfassen. Die Hypothese 3b zur Variabilität der Bewegung sowie die Hypothese 3c zur Ellbogenentfernung zum Körper konnten nicht durch bedeutsame Zusammenhänge mit der Trefferleistung in Verbindung gebracht werden. Bevor die Hypothesen jedoch einfach verworfen werden, ist eine Analyse der Durchführung und Auswertung nötig. Eine mögliche Ursache für die Nichtexistenz von Zusammenhängen mit Variabilitätskennziffern der Bewegung oder Abstandsmaßen ist der hohe Messfehler in den aufgeführten Daten, der möglicherweise insgesamt die Varianz bei den Bewegungen beeinflusst. Damit ist eine klare Trennung von Daten, die sich [Seite 46↓]auf hoch variable bzw. gering variable Bewegungen bzw. zu weiten oder zu geringen Abstand von Schulter und Ellbogen beziehen, erschwert. Möglicherweise sind differenziertere Analysen der kompensatorischen und nicht-kompensatorischen Variabilität innerhalb und zwischen Freiheitsgeraden der Bewegung zu differenzieren, um ein geschlossenes Bild der Bewegungsvariabilität zu erfassen (vgl. Kap. 10, für eine ausführliche Diskussion dieses Punktes).

2.5.2.3. Exemplarische Einzelfallbewegungsanalyse

Die exemplarische Einzelfallanalyse hat das Ziel, die zentralen Technikmerkmale bei einem Spieler zu analysieren. Für die Veranschaulichung der Einzelfallanalyse wird der Spieler Hermann auf Wunsch der Bundestrainer benutzt.

Die Sollwertvorstellungen der einzelnen Techniken werden an die einzelnen Bewegungen angelegt und verglichen (vgl. Mason, 1986). Es werden im Folgenden die Ausholbewegung im Verhältnis zum Tischtennistisch, die Ellbogenbewegung weg vom Körper und Bewegungsbeschreibungen zwischen den Techniken behandelt.

Bei Hermann kann nun für jede einzelne Sequenz, bei jeder Geschwindigkeit sowie bei bekannter und unbekannter Sequenzfolge dieses Kriterium angewandt werden (vgl. Abb. 14).

Die Ausholbewegung

Wie bereits dargestellt ist der räumliche Startpunkt der Ausholbewegung als wichtiges Bewegungsmerkmal im Leitbild verankert und soll im Folgenden geprüft werden. Ein gutes Maß für die Güte der Ausholbewegung ist ihre geringe Variabilität in einem Startpunkt sowie die Höhe der Ausholbewegung (vgl. Leitbilder, Kapitel 1.3). Die Darstellung erfolgt, den Hypothesen gemäß, nach Sequenzen, Geschwindigkeiten sowie mit oder ohne Vorinformation und wird mit dem Gruppenmittelwert verglichen. Die ANOVA über die unterschiedlichen Bedingungen ergab einen signifikanten Unterschied hinsichtlich der y-Differenz des Handgelenkes zur Tischkante (F(7, 243) = 8.2, p < .01, η2 = .89), die im Folgenden detailliert beschrieben wird.

Abbildung 14 zeigt bei normaler Geschwindigkeit und mit Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen exemplarische Sequenzen 1 bis 4 für die Ausholbewegung in Relation zur Tischtenniskante in der Mitte des Tisches.


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Abbildung 14: Vertikalbewegung des Handgelenks bei Sequenzen mit Vorinformation und normaler Geschwindigkeit. Von oben nach unten die Sequenzen 1-4 (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Als Referenzniveau ist die Tischhöhe in grau unter der Zeitachse eingetragen. Die Vertikalbewegung des Handgelenks bei normaler Geschwindigkeit und bekannten Sequenzen verdeutlicht am besten die Grundtechnik des Vorhand-Topspins und Rückhand-Konterschlags. In allen Sequenzen holt Hermann bei den Vorhandschlägen deutlich unter dem Tischtennistisch aus, was nicht der im Lehrplan vermittelten Sollbewegung beim Topspin auf Überschnitt, so wie er eingespielt wurde, entspricht (im Mittel über alle Sequenzen bei -6 cm unter der Bedingung normale Geschwindigkeit und Vorinformation). Beim Rückhand-Konter sinkt das Handgelenk von Hermann nicht so stark unter Tischniveau, erreicht allerdings im Mittel immer noch Werte


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um -16 cm. Zur Erinnerung ist für diese Bedingungen im Mittel der Gruppe eine etwas tiefere Ausholbewegung festgestellt worden (-28 cm, vgl. Tab. 10). Abbildung 15 zeigt die Vertikalbewegung des Handgelenks bei Sequenzen mit Vorinformation und hoher Geschwindigkeit

Auch bei hoher Geschwindigkeit zeigt sich bei Hermann ein zu weites Ausholen unter Tischniveau. Der Mittelwert liegt mit -22 cm unter dem der Bedingungen mit normaler Geschwindigkeit. Die erhöhte Geschwindigkeit der Sequenz (vgl. in den Abb. 14 und Abb. 15 die unterschiedliche Gesamtlänge der fünf Wiederholungen zwischen 30 und 40 Sekunden) erhöht den Druck, schnell zu schlagen und reduziert aufgrund des limitierenden Zeitfaktors die Ausholbewegung. Allerdings ist dies kein systematischer mittlerer Trend über alle Sequenzen. In Sequenz 2 liegt der Wert von -31 cm deutlich über dem Mittel der Ausholbewegung unter normaler Geschwindigkeit, während bei der Sequenz 3 mit einem Mittel von -13 cm deutlich geringere Ausholbewegungen realisiert werden. Eine Reduzierung dieser prinzipiellen Tendenz, kürzer auszuholen, ist weder innerhalb einer Sequenz noch über die Sequenzen hinweg nach fünfundzwanzig Schlägen festzustellen. Es ist also ein Technikmerkmal, das durch entsprechende Rückmeldungen und Übungen korrigiert werden sollte. Für die Bearbeitung der Zielstellung der Technikoptimierung innerhalb der Bewegungsmerkmale der Vorhand- und Rückhandtechniken werden im Folgenden die Bewegungen der Spieler dargestellt, wenn sie keine Vorinformation über die Platzierung des Balls besitzen. Hermann weiß nicht, dass dieselbe Gleichverteilung der Sequenzen erneut gespielt wird. Die Reihenfolge der eingespielten Sequenzen erfolgt zufällig, indem der Ballverteiler aus den vorgegebenen vier Sequenzen eine aussucht und durch Mitschrift des Ballverteilers gewährleistet wird, dass alle Sequenzen gleich oft vorkommen. Für jede Bedingung und jeden Spieler sind die Reihenfolgen innerhalb einer Sequenz also gleich, jedoch die Reihenfolge der Sequenzen unterschiedlich. Im Folgenden werden der Übersicht halber alle Sequenzen immer in derselben Reihung dargestellt.


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Abbildung 15: Vertikalbewegung des Handgelenks bei Sequenzen mit Vorinformation und hoher Geschwindigkeit. Von oben nach unten die Sequenzen 1-4 (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Die Abbildungen 16 bis 19 zeigen die Vertikalbewegung des Handgelenks bei Sequenzen ohne Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen und bei normaler Geschwindigkeit.

Abbildung 16: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 1 ohne Vorinformation und normaler Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 1 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt (Bei Sequenz 1.1 wird mit dem Zeitfenster (grauer Balken) extrahiert, die sich auf die Trajektorien zwischen den Techniken beziehen. Fehlende Verbindungen zwischen Daten zeigen Bereiche an, in denen aus der Perspektive die Punktverfolgung nicht reliabel war. V = Vorhand, R = Rückhand.; (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Ohne Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen und damit ohne Vorinformation, ob der nächste Schlag mit der Vorhand oder Rückhand auszuführen ist, werden die Ausholbewegungen kürzer. Die Ausholbewegungen sinken immer noch unter Tischniveau. Wie bei den Sequenzen mit Vorinformation unter hoher Geschwindigkeit gibt es einen starken [Seite 51↓]Sequenzeffekt bei der Beschreibung der Ausholtiefe. Hermann holt bei der Sequenz 1 relativ durchschnittlich aus (M = - 21 cm). Während er bei der Sequenz 2 (vgl. Abb. 17) nahezu auf der Höhe des Tischtennistisches ausholt (M = - 02 cm), holt er bei Sequenz 3 (vgl. Abb. 18) überdurchschnittlich weit aus (M = - 32 cm). Die Interpretationen über Unterschiede in der Gesamtbewegungsamplitude und Fläche unter der Kurve sind ebenfalls hilfreich, um diesen Unterschied genauer zu analysieren. Sind beispielsweise die Amplituden bei Schlägen unterschiedlich groß und ergeben Werte über die Geschwindigkeit, dass die Technik mit dem geringeren Beschleunigungsweg langsamer ist, dann sind Empfehlungen hinsichtlich der Bewegungsausführung beim Treffpunkt zu geben, ohne ein Ausholen weiter unter dem Tisch zu erzeugen. Unterscheiden sich die Amplituden in ihrer Breite in den verschiedenen Schlägen unter verschiedenen Bedingungen, so sind entsprechende Bewegungen, die außerhalb der Schlagrichtung liegen, zu korrigieren. Zu beachten ist außerdem der leichte „Knick“ in der Kurve beim Schlagübergang (oben links bei s1.1 grau markiert). Der Übergang zum nächsten Schlag erfolgt also nicht direkt, sondern der Schläger wird abgebremst. Dabei sind in der Analyse auch Abschätzungen zu ziehen, inwieweit es sich um ein Abbremsen der Bewegung oder um eine in der zweidimensionalen Abbildung nicht sichtbare andere Bewegungsrichtung handelt. Im Leitbild eines direkten Überganges wäre das zu starke Absinken des Armes nicht gewünscht. Dies lässt sich teilweise auch bei Sequenz 2 (Vh/Rh/Rh/Vh/Vh) beobachten, wie die folgende Abbildung zeigt, allerdings sind im Durchschnitt deutlich geringere Ausholbewegungen zu verzeichnen.


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Abbildung 17: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 2 ohne Vorinformation und normaler Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 2 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Inwieweit das einzelne Ausholen unter Tischniveau als zu korrigierender Fehler zu bewerten ist, wird bei der Zusammenfassung im Detail beschrieben. Die Kurven ähneln sich insgesamt sehr. Allerdings variieren die Extrem- und Wendepunkte sowie die Nullstellen der Bewegung. Die Ursache wird später ausführlich diskutiert. Die Amplitude ist für den Rückhandschlag geringer als für den Vorhand-Topspin, was auch dem aktuellen Technikleitbild entspricht. Die Konterbewegung soll nämlich mehr nach vorne als nach oben gerichtet sein, denn das Hauptziel dieses Schlages ist nicht die Rotation wie beim Topspin, sondern die Geschwindigkeit.

Die folgende Abbildung illustriert die Vertikalbewegung des Handgelenks beim Spielen der Sequenz 3, die mit einem Rückhandkonter beginnt.


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Abbildung 18: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 3 ohne Vorinformation und normaler Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 3 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Sehr deutlich zeigt sich wieder der vermehrte Fehler in der Ausholbewegung, wenn man den strikten Auslegungen des Leitbildes folgt. Auch bei den Rückhandschlägen holt Hermann unterschiedlich tief aus. Beispielsweise ist der zweite und vierte Schlag weit unter dem Tischtennistisch. Knicke lassen sich ebenfalls bei allen fünf Wiederholungen erkennen.

Sequenz 4, bei der abwechselnd Vorhand- und Rückhandbälle eingespielt werden, ist in der folgenden Abbildung dargestellt. Auch hier hat der Spieler keine Instruktionen darüber erhalten, wohin der Ball gespielt wird.


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Abbildung 19: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 4 ohne Vorinformation und normaler Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 4 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Zusammenfassend kann für die Bewegungen ohne Vorinformation mit normaler Geschwindigkeit festgehalten werden, dass die Ausholbewegungen etwas kürzer werden, allerdings immer noch unter dem Tischniveau beginnen. Da das Ausholen auch bei unbekannten Sequenzen zu tief erfolgt, sind geeignete Toleranzgrenzen zu definieren, um entsprechend bei der Intervention Veränderungen zu bewirken. Es zeigen sich außerdem deutliche Knicke in den Kurven, und zwar im Übergang zwischen den Schlägen. Das kann daran liegen, dass der Spieler den Schläger aufgrund der fehlenden Information über die Platzierung des nächsten Balles in den meisten Fällen nicht direkt in die Ausholposition für den nächsten Schlag bringen kann. Bei guter Antizipation (im Sinne der Vorhersage der Schlagrichtung, vgl. Ripoll, 1989) ist der Knick in der Kurve weniger ausgeprägt. Innerhalb einer Sequenz unterscheiden sich die Kurven vor allem in der Bewegungsamplitude, wenn es sich um Vorhand und Rückhand handelt, während innerhalb einer Technik die Variabilität relativ gering ausfällt. Die charakteristischen Merkmale der Bewegungen stimmen überein, das heißt, ob die Sequenz zum ersten, dritten oder fünften Mal gespielt wird, hat keinen Einfluss auf die Bewegungen.

Im Folgenden werden die Bewegungen bei höherem Einspieltempo dargestellt. Der Spieler hat weiterhin keine Information darüber, wohin der Ball eingespielt wird. Die Abbildungen 20-23 zeigen die Vertikalbewegung des Handgelenks bei Sequenzen ohne Vorinformation und mit hoher Wettkampfgeschwindigkeit.


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Abbildung 20: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 1 ohne Vorinformation und mit hoher Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 1 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Beim Spielen der ersten Sequenz (dreimal Vorhand, zweimal Rückhand) mit höherem Einspieltempo ist Hermanns Fehler des zu tiefen Ausholens nicht mehr so stark ausgeprägt. Dies erklärt sich dadurch, dass hier größerer Zeitdruck als beim normalen Einspielen besteht. Durch die erhöhte Einspielfrequenz wird die Zeit zwischen den Schlägen knapper. Das Handgelenk sinkt nur beim Ausholen vor dem ersten Schlag unter Tischniveau und erreicht im Mittel unterdurchschnittliche Werte um M = -23 cm, während im Gruppenmittel unter dieser Bedingung etwa 10 cm tiefer ausgeholt wird. Bei Sequenz 2 jedoch ist zu erkennen, dass sich der Fehler auch bei hohem Spieltempo wiederholt und im Mittel einen Wert von - 34 cm erreicht (die Gruppe hat im Mittel -33 cm).


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Abbildung 21: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 2 ohne Vorinformation und mit hoher Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 2 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Hier wird besonders deutlich, wie Hermann unter Tischniveau unterschiedlich weit ausholt. Zwischen Vorhand- und Rückhandschlägen besteht in der Amplitude ein relativ großer Unterschied. In der folgenden Abbildung ist die Sequenz 3 dargestellt. Die im Vergleich zu den anderen Bedingungen hohe Varianz in der Ausholbewegung und einiger Schläge mit Ausholbewegung über der Tischtenniskante führt dazu, dass die mittlere Ausholbewegung mit M = -12 cm relativ gering zum Mittel der Gruppe in dieser Bedingung ausfällt (Gruppe mit M = -26 cm).

Abbildung 22: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 3 ohne Vorinformation und mit hoher Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 3 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Wie schon bei Sequenz 3 in normalem Spieltempo holt Hermann auch bei hohem Spieltempo bei Rückhandschlägen unter Tischniveau aus. Die Abbildung 23 zeigt die Auf- und Abbewegung des Handgelenks über fünf Schläge in Relation zur Tischkante (durchgezogene Linie).

Abbildung 23: Vertikalbewegung des Handgelenks bei der Sequenz 4 ohne Vorinformation und mit hoher Geschwindigkeit. Von oben nach unten ist die Sequenz 4 in fünf Schlägen über den Gesamtdurchgang dargestellt. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Betrachtet man die Kurven zusammenfassend, so bewirkt die Veränderung der Geschwindigkeit einen augenfälligen Unterschied: Bei hohem Wettkampftempo sind die Kurven glatter, es ergibt sich kaum ein Knick wie bei normalem Spieltempo. Es kann vermutet werden, dass der Spieler den Schläger bei langsamerer Einspielfrequenz zwischen zwei Schlägen kurz abbremsen muss, weil er nicht rechtzeitig weiß, wohin der nächste Ball gespielt wird. Damit ist auch unbekannt, wie die Ausholbewegung aussehen muss. Bei höherer Frequenz stehen dem Spieler noch während der Ausschwungphase des vorherigen Schlages alle Informationen zur Verfügung, die benötigt werden, um zuverlässig vorwegzunehmen, wohin der nächste Ball gespielt wird. In dem Fall wird


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der Arm auf direktem Weg in die neue Ausgangsposition geführt, ohne vorher abgebremst zu werden. Die Kurve zeigt in diesem Fall keinen Knick.

Insgesamt sind bei höherem Einspieltempo etwas kürzere Ausholbewegungen zu verzeichnen, jedoch zeigen sich in einigen Situationen überflüssige Ausholbewegungen. Das ist ein individueller Fehler, der auch bei höherem Tempo konstant bleibt. Inwieweit die Struktur der Ausholbewegung sich von den Strukturen der Gruppe unterscheidet, lässt sich wiederum durch die Ähnlichkeitsanalyse feststellen, wie sie bereits für die Treffer durchgeführt wurde. Die fallbasierte Ähnlichkeitsanalyse für das Maß der Ausholbewegung zeigt in der nachgewiesenen Streuung von .96 (Dispersion Accounted For), dass Hermann hinsichtlich der mittleren Ausholbewegung zwar etwas geringere Ausholbewegungen erzeugt, aber nicht weit von den anderen Gruppenmitgliedern angesiedelt ist, wenn man von einer relativen, weiten Entfernung zu einem Spieler absieht.

Deutlich wird auch, dass die Kurven unter den jeweiligen Bedingungen sehr ähnlich sind. Die Unterschiede ergeben sich durch leichte Variationen beim Einspielen der Bälle (Streuung, Rotation), die aber, wie zu sehen ist, am groben Verlauf nichts ändern.

Systematische Unterschiede zwischen den Wiederholungen lassen sich nicht erkennen, was bei den Sequenzen ohne Vorinformation auch zu erwarten ist. Bei den bekannten Sequenzen müssten wahrscheinlich mehr als fünf Wiederholungen gespielt werden, um eine deutliche Änderung der Kurve durch bessere Antizipationsleistungen hervorzurufen.

Der Ellbogen

Der Ellbogen als eine Hauptachse der meisten Schlagbewegungen bestimmt zum großen Teil die Wirksamkeit des Schlages. Meist ist er eine wesentliche Fehlerquelle: Ist er zu nah am Körper, ist meistens die Ausholphase eingeschränkt. Nur der Unterarm kann dann eine Bewegung ausführen, der Oberarm wird nicht beteiligt. Dadurch wird die Unterarmbeschleunigung mit dem Ellbogen als Drehachse nicht optimal genutzt. Bei zu weiter Entfernung vom Körper verliert der Schlag an Wirksamkeit und Kontrolle, da er mit beinahe oder ganz gestrecktem Arm ausgeführt wird. Oft verlässt der Ellbogen die Bewegungsebene (= Ebene, auf der sich alle Teile des Arms, also Oberarm, Unterarm und Hand bewegen), wodurch der Schlag unökonomisch wird und an Präzision verliert. Bleibt nämlich der Arm während des Schlages auf einer Ebene, so bleibt der Neigungswinkel des Schlägers während des gesamten Bewegungsablaufs konstant, und der Spieler kann den Ball an verschiedenen Stellen der Schlagebene gleichermaßen kontrolliert treffen. Dies gilt für die Schläge, bei denen sich der Neigungswinkel während der Bewegung nicht verändert, was für die Mehrheit der Schläge zutrifft.

Aus diesem Grund lenken die Trainer die Aufmerksamkeit besonders auf den Ellbogen. Auch in der Bewegungsanalyse durch “Simi-Motion” spielt er deshalb eine entsprechende Rolle.

In den folgenden Abbildungen sind alle Punkte im Raum, an denen sich der Ellbogen während einer Sequenz von fünf Schlägen befindet, überlagert. Wie bereits in Abb. 6 dargestellt, werden die Gelenkpunkte im dreidimensionalen Raum über die Punktverfolgung in „Simi-Motion“ gemessen. Im Folgenden wird nur der Ellbogen zur Analyse der Variabilität veranschaulicht, da die Gruppenmittelwerte der Differenz von Ellbogengelenk zu Schulter in x-Richtung (vgl. Hypothese 3c) sowie der Vergleich mit den individuellen Werten von Hermann im Text beschreibbar ist. Die x-Achse entspricht der Grundlinie des Tischtennistisches, sodass sich der Betrachter in der Perspektive „schräg links hinter dem Spieler“ befindet. Eine ANOVA zeigt für die x-Richtungsunterschiede zwischen den Sequenzen einen signifikanten Haupteffekt für Sequenzunterschiede in allen Bedingungen (F(3, 244) = 12.16; p < .01, η2 =.05). Im Folgenden werden die einzelnen Unterschiede aufgeschlüsselt.

Abbildung 24 zeigt die Punktüberlagerung des Ellbogengelenkes für die jeweils fünf mittleren Schläge jedes Blocks von 25 Schlägen.


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Abbildung 24: Punktüberlagerung des Ellbogengelenks für die Sequenzen 1-4 bei normaler Spiel­geschwindigkeit mit Vorinformation (je 5 Schläge). In Sequenz 1 ist der Schulter-Ellbogen-Abstand der x-Achse eingezeichnet und gilt für alle folgenden Abbildungen. V = Vorhand, R = Rückhand

Zwischen den Sequenzen zeigen sich keine bemerkenswerten Unterschiede hinsichtlich der Bewegungstrajektorien des Ellbogengelenks. Die unterschiedliche Breite in x-Richtung lässt sich an den Standardabweichungen über die Bewegungen erkennen, die bei den Sequenzen im Mittel bei einer durchschnittlichen Differenz der Positionen des Ellbogengelenks und des Schultergelenks von M = 18 cm mit einer SD = 08 eher gering ausfallen und auch nicht wie in Tabelle 12 beschrieben von den Mittelwerten der Gruppe ausfallen. Bei Sequenz 4 (unten rechts), bei der abwechselnd Vorhand und Rückhand gespielt wird, kann man den Weg des Ellbogens gut verfolgen. Er zeigt eine sehr deutliche Überlagerung. In Abbildung 25 wird die Punktüberlagerung des Ellbogens bei hoher Wettkampfgeschwindigkeit gezeigt.


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Abbildung 25: Punktüberlagerung der Ellbogenbewegung für die Sequenzen 1-4 bei hoher Wettkampf­geschwindigkeit mit Vorinformation (je 5 Schläge). V = Vorhand, R = Rückhand

Bei höherer Geschwindigkeit zeigen sich ebenfalls keine bemerkenswerten Unterschiede bei mittleren Abständen von M = -12 cm. Bei Sequenz vier (unten rechts) wird wieder ein relativ konstanter Weg dargestellt, den der Ellbogen zurücklegt. Im Vergleich zum langsameren Einspieltempo ist die Überlagerung jedoch weniger deutlich. Die Streuung in x-Richtung liegt auch an der Streubreite der eingespielten Bälle. Die Form der Kurve erweist sich auch bei hoher Geschwindigkeit als relativ konstant. Allerdings ist die Streuung etwas größer bei höheren Geschwindigkeiten als bei normalen Geschwindigkeiten mit einer mittleren Streuung über die Sequenzen von SD = .095.

Wenn der Spieler über keine Vorinformation verfügt, ergeben sich Punktüberlagerungen, wie sie in Abbildung 26 (normale Geschwindigkeit) und Abbildung 27 (hohe Wettkampfgeschwindigkeit) dargestellt sind.


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Abbildung 26: Punktüberlagerung der Ellbogenbewegung für die Sequenzen 1-4 bei normaler Spielgeschwin­digkeit ohne Vorinformation (je 5 Schläge). V = Vorhand, R = Rückhand

Die Abbildungen zeigen eine größere Streuung im Vergleich zu den Sequenzen mit Vorinformation über die Reihenfolge der Sequenzen, die sich auch im Mittelwert für diese Bedingungen (m = 14 cm; SD = 10) darstellt. Lenkt man zum Beispiel den Blick wiederum auf die vierte Sequenz (unten rechts) und vergleicht die Überlagerungen mit den bekannten Sequenzen (Abbildung 24 und 25), erkennt man die größere Variabilität, die sich besonders für Sequenz 4 mit den meisten Technikübergängen auszeichnet. Die Bewegungsbahnen überlagern sich nur wenig. In der folgenden Abbildung, wenn zusätzlich zur fehlenden Information über die Platzierung des nächsten Balles noch die Geschwindigkeit gesteigert wird, zeigt sich dies noch deutlicher in den Standardabweichungen von im Mittel SD = 12.


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Abbildung 27: Punktüberlagerung der Ellbogenbewegung für die Sequenzen 1-4 bei hoher Wettkampf­geschwindigkeit ohne Vorinformation (je 5 Schläge). V = Vorhand, R = Rückhand

Fasst man die zwei- und dreidimensionalen Analysen zur Schlagbewegung zusammen, so zeigt sich, dass Hermann über eine Bewegungstrajektorie verfügt, die bei den Geschwindigkeiten und der Anzahl der Vorinformationen konstant bleibt. Allerdings entspricht die streuende Ausholposition unter Tischkante nicht der Instruktion der Trainer. Sie ist unter anderem ein Grund für schlechtere Leistungen bei schnellen Ballwechseln, wie die Analysen der Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bewegungsausführung und Trefferleistung ergeben haben. Dass selbst erfahrene Spieler nicht von einem konstanten Anfangspunkt ausgehen, bestätigen andere Untersuchungen (Bootsma, Houbiers, Whiting & Van Wieringen, 1991; Bootsma & Van Wieringen, 1988, 1990; Sorensen, Ingvaldsen & Whiting, 2001), auch wenn weiterhin in Instruktionen in Lehrbüchern darauf hingewiesen wird, einen konstanten Anfangspunkt für ihre Bewegungen zu wählen. Die Bewegungslänge ist größer, wenn der Spieler mit der Bewegung unter dem Tisch anfängt, als wenn er über dem Tisch um einen Anfangspunkt herum streut. Das wirkt sich zwar nur in schnellen und unvorhersagbaren Situationen auf die Leistung aus. Im Wettkampf geht es allerdings genau um diese Situationen. Deshalb empfehlen die Trainer und Diagnostiker einen höheren Bewegungsausgangspunkt. Um zusätzliche und überflüssige


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Bewegungskomponenten beim Übergang besonders bei unbekannten Bewegungssequenzen zu reduzieren, wird zusätzlich die Ellbogenstellung durch entsprechende Übungen optimiert.

2.5.2.4. Vergleichende Einzelfallbewegungsanalysen

Im Folgenden soll dargestellt werden, wie die Bewegungen der Spieler im Paarvergleich analysiert werden. Dies haben besonders die Trainer gefordert, um Kleingruppen oder Paare zu vergleichen, die dasselbe Fehlermuster aufweisen. Dies vereinfacht auch die Trainingsgestaltung in Paaren mit ähnlichen Übungen und Instruktionen.

Beispiel Hermann und Kathrin

Eine Berechnung von t-Tests für die einzelnen Bedingungen wird zuerst tabellarisch dargestellt und anschließend für die einzelnen Bedingungen diskutiert.

Tabelle 13: t-Tests für die einzelnen Bedingungen zwischen Hermann und Kathrin für die Ausholbewegung unter dem Tischniveau

 

t-Wert

df

p-Wert

Bekannte Strukturen

Sequenz 2

normale Geschwindigkeit

-.52

19

.61

Sequenz 3

normale Geschwindigkeit

3.31

12

.01

Sequenz 2

hohe Geschwindigkeit

-1.72

41

.09

Sequenz 3

hohe Geschwindigkeit

1.29

16

.21

Unbekannte Strukturen

Sequenz 2

normale Geschwindigkeit

6.96

11

.00

Sequenz 3

normale Geschwindigkeit

-1.32

36

.20

Sequenz 2

hohe Geschwindigkeit

-2.06

13

.13

Sequenz 3

hohe Geschwindigkeit

6.74

34

.00

Wie Tabelle 13 veranschaulicht, sind die deskriptiven Unterschiede zwischen den Spielern Hermann und Kathrin für die Ausholbewegung nur bedeutsam für die Sequenz 2 bei normaler Geschwindigkeit und bekannter Struktur der Sequenz, sowie für dieselbe Sequenz bei unbekannter Struktur und der Sequenz 3 bei hoher Geschwindigkeit und unbekannter Struktur.

Die Darstellung exemplarischer Kurven und Differenzen spezifiziert diesen Effekt zwischen den Spielern.


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Abbildung 28: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in normaler Geschwindigkeit mit Vorinformation (oben Hermann, unten Kathrin). V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Abbildung 29: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in hoher Wettkampf­geschwindigkeit mit Vorinformation (oben Hermann, unten Kathrin). V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Hermann holt wesentlich öfter unter Tischniveau aus als Kathrin. Dementsprechend muss bei ihr die Ausgangsposition der Bewegung weniger korrigiert werden als bei Hermann. Dieser Fehler zeigt sich regelmäßig auch bei hoher Wettkampfgeschwindigkeit, wie aus Abbildung 29 zu ersehen ist. Hermann holt bei fast allen Schlägen unter der Nulllinie (Tischkante) aus, während Kathrin selten unter Tischniveau spielt.

Wie aus der Abbildung zu ersehen ist, variiert die Vertikalbewegung bei Kathrin sehr.

Im Folgenden soll exemplarisch nur die zweite Sequenz einmal mit und einmal ohne Vorinformation gegenübergestellt werden, um zu sehen, ob sich solche Aussagen über die Situationen generalisieren lassen. In der Abbildung werden jeweils die mittleren fünf Schläge für beide Geschwindigkeiten sowie mit und ohne Vorinformation von Hermann (links) und Kathrin (rechts) gezeigt.


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Abbildung 30: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in normaler Spielgeschwin­digkeit (Abbildungen 1 bis 4) und hoher Wettkampfgeschwindigkeit ohne Vorinformation (je fünf Schläge, Hermann links; Kathrin rechts). V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Die Amplitudenunterschiede zwischen Vorhand- und Rückhandschlägen sind bei Hermann geringer als bei Kathrin. Hermann könnte seinen Konterschlag verbessern, indem er mehr nach vorn als nach oben schlägt und dadurch die Geschwindigkeit des Balles erhöht. Kathrin zeigt im Vergleich zu Hermann bei den Rückhandschlägen eine starke Auf- und Abbewegung, die ebenfalls zu verbessern ist.

Beispiel Sarah und Maike

Die Trainer wählten als weiteres Paar zwei Spielerinnen (Sarah und Maike), die sehr unterschiedlich in den Heimatvereinen trainieren. Das in der Abbildung unterschiedlich hohe Tischniveau ergibt sich durch verschiedene Testtermine, die zu einer unterschiedlichen Kalibrierung führten. Die Differenzen zwischen beiden Testterminen lagen bei ca. 0.10 cm. Dies hat zur Folge, dass eine relative Abstandmessung zwischen Gelenkpunkten (Ellbogenanalyse) oder zwischen Tischkante und Handgelenk (Ausholbewegung) im Vergleich zwischen den Spielerinnen möglicherweise zu einer Verzerrung der realen Abstände führt. Eine Berechnung der Unterschiede im Sinne einer statistischen Sicherheit wird deshalb nicht realisiert und Ergebnisse sind nur deskriptiv dargestellt.

Abbildung 31: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in normaler Spielgeschwindigkeit mit Vorinformation (links Sarah, rechts Maike, je fünf Schläge). V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

In diesem Vergleich wird deutlich, wie Sarahs Ausholbewegung unter Tischniveau sinkt. Die wesentlich kleinere Maike hingegen zeigt eine korrekte Ausholbewegung. Bei den Rückhandschlägen sieht man bei Sarah nur einen Extremwert, während bei Maike zwei Extremwerte zu sehen sind. Diese unnötige Auf- und Abbewegung beim Konterschlag sollte korrigiert werden.


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Auch bei hoher Wettkampfgeschwindigkeit zeigen sich regelmäßig diese Fehler, wie Abbildung 32 zeigt. Die Spielerinnen holen in fast allen Schlägen unter der Nulllinie (Tischkante) aus.

Abbildung 32: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in hoher Wettkampfgeschwindigkeit mit Vorinformation (links Sarah, rechts Maike). V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)

Sarah zeigt bei bekannten Sequenzen bei hoher Geschwindigkeit eine Bewegungsstrategie, die nicht dem Leitbild entspricht. Der Amplitudenunterschied ist zwischen Vorhand und Rückhand nur minimal, sodass die Rückhandbewegung statt in Gegnerrichtung stark nach oben und unten verläuft und der Kraftimpuls nicht in die richtige Richtung gesetzt wird. Dieses Bewegungsmuster ist bei Maike nicht zu finden, allerdings zeigt es zu geringe Amplituden in der Rückhand.

Wie aber verändern sich die Bewegungsmuster, wenn keine Vorinformation über den nächsten Schlag gemacht wird? Abbildung 33 zeigt exemplarisch bei den Sequenzen 2 und 3 die Bewegungstrajektorien bei normaler und hoher Geschwindigkeit.


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Abbildung 33: Vertikalbewegung des Handgelenks bei den Sequenzen 2 und 3 in normaler Wettkampfgeschwindigkeit (Abbildungen 1 bis 4) und hoher Geschwindigkeit ohne Vorinformation. V = Vorhand, R = Rückhand (x-Achse Zeit in Sekunden, y-Achse Bewegung in Meter)


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Die Amplitudendifferenzen zwischen Vorhand und Rückhand sind bei Maike im Vergleich zu Sarah größer und entsprechen dem Befund, wenn die Sequenz vorgegeben ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass Maike bei der Mehrzahl der Sequenzen unter dem Tisch ausholt, was sie bei den bekannten Schlägen nicht getan hat. Vor allem geschieht das bei Vorhandschlägen. Da dieses Verhalten die Trefferleistungen beeinflusst, sollte dieses Verhalten in variablen Zuspielübungen korrigiert werden.

Ellbogen

Alle Punkte, an denen sich der Ellbogen während der Sequenz befindet, sind in den folgenden Abbildungen überlagert dargestellt. Zuerst werden wie bei der Ausholbewegung die Werte der x-Ausrichtung vom Ellbogen relativ zum Schultergelenk in allen Bedingungen zwischen Hermann und Kathrin verglichen. Tabelle 14 gibt einen Überblick über die Effekte.

Tabelle 14: t-Tests für die einzelnen Bedingungen zwischen Hermann und Kathrin für die Ellbogen-Distanz zum Schultergelenk

 

t-Wert

df

p-Wert

Bekannte Strukturen

Sequenz 2

normale Geschwindigkeit

3.68

426

.01

Sequenz 3

normale Geschwindigkeit

4.18

41

.01

Sequenz 2

hohe Geschwindigkeit

15.42

498

.01

Sequenz 3

hohe Geschwindigkeit

-.16

45

.87

Unbekannte Strukturen

Sequenz 2

normale Geschwindigkeit

1.89

254

.06

Sequenz 3

normale Geschwindigkeit

1.72

261

.09

Sequenz 2

hohe Geschwindigkeit

5.66

237

.01

Sequenz 3

hohe Geschwindigkeit

3.98

240

.01

Wie Tabelle 14 zeigt, sind die Unterschiede in den Differenzen zwischen Schulter- und Ellbogengelenk bei Hermann und Kathrin in den meisten Bedingungen unterschiedlich. Die Sequenz 3 bei hoher Geschwindigkeit bei bekannten Strukturen hebt sich deutlich ab, während die beiden weiteren nicht signifikanten Bedingungen bei den unbekannten Strukturen (Sequenzen 2 und 3 bei normaler Geschwindigkeit) nur knapp die Signifikanzgrenze überschreiten. Eine differenziertere Analyse der Unterschiede wird im Folgenden für die Bedingungen einzeln beschrieben.

Beispiel Hermann und Kathrin

Zunächst werden Hermann und Kathrin einander gegenübergestellt. Abbildung 34 zeigt die Überlagerung der Punkte beim Spielen der Sequenz 2 (fünf Schläge), wenn Vorinformationen über den Ball gegeben werden (links) und wenn der Spieler nicht weiß, welchen Ball er als nächstes spielen wird (rechts). Von den fünf Wiederholungen werden jeweils die mittleren fünf Schläge ausgewählt.


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Abbildung 34: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 2, normale Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Hermann (oben) und Kathrin (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Die x-Achse verläuft parallel zur Grundlinie des Tisches, sodass die Perspektive der eines Beobachters entspricht, der hinter dem Spieler steht. Es ist eine geringe Variabilität der Bewegungen zu erkennen, die Koordinatenpunkte der drei Vorhand-Topspin-Bewegungen sind nahezu identisch. Der Ellbogen wird nach dem Schlag auf gleichem Weg in die Ausholbewegung zurückgeführt. Hermann zeigt variablere und längere Bewegungsbahnen bei unbekannten Sequenzen als bei bekannten Sequenzen.


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Abbildung 35: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 3, normale Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Hermann (oben) und Kathrin (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Die Abbildung zeigt deutlich, wie sehr Kathrins Bewegung des Ellbogens streut, wenn sie keine Vorinformationen über den nächsten Ball hat. Beispielsweise streut die Bewegung mehr in x-Richtung. Ebenfalls deutlich zeigt sich, wie unterschiedlich die Ellbogen­bewegungen bei den drei Vorhand-Topspin-Bewegungen aussehen, selbst wenn offensichtlich ist, dass der Schlag dreimal in Folge zu spielen ist.

Die Punktüberlagerungen des Ellbogens sollen auch bei hoher Wettkampfgeschwindigkeit verglichen werden.


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Abbildung 36: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 2, hohe Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Hermann (oben) und Kathrin (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Wie schon in den vorherigen Betrachtungen sind stärkere Variationen der Bewegungstrajektorien bei Sequenzen ohne Vorinformation zu finden. Im Vergleich von Hermann und Kathrin zeigt Hermann wiederum genauere Reproduktionen der Bewegung.


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Abbildung 37: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 3, hohe Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Hermann (oben) und Kathrin (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Bei Sequenz 3 sind die Trefferleistungen zugunsten von Kathrin zu verzeichnen, obwohl sie im Zuspiel in x-Richtung weitere Wechsel realisieren musste als Hermann. Allerdings ist die Streuung für beide Spieler ähnlich zu den vorherigen Befunden. Inwieweit diese Variabilitäten funktional oder disfunktional interpretiert werden, wird später diskutiert.


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Beispiel Sarah und Maike

Wie oben werden Sarah und Maike vergleichend in den dreidimensionalen Trajektorien analysiert. Aufgrund der unterschiedlichen Kalibrierungen wird auf eine statistische Analyse der Unterschiede verzichtet und nur eine deskriptive Darstellung gezeigt. Abbildung 38 zeigt die Überlagerung der Ellbogenpunkte beim Spielen der Sequenz 2 (fünf Schläge), wenn Vorinformationen über den Ball gegeben werden (links), und wenn der Spieler nicht weiß, welchen Ball er als nächstes spielen wird (rechts).

Abbildung 38: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 2, normale Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Sarah (oben) und Maike (unten). V = Vorhand, R = Rückhand


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Es ist eine geringe Variabilität der Bewegungen zu erkennen, die Koordinatenpunkte der drei Vorhand-Topspin-Bewegungen sind nahezu identisch. Der Ellbogen wird nach dem Schlag auf gleichem Weg in die Ausholbewegung zurückgeführt. Sarah zeigt variablere und längere Bewegungsbahnen bei unbekannten Sequenzen im Vergleich zu bekannten Sequenzen (vgl. Abbildung 39).

Abbildung 39: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 3, normale Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Sarah (oben) und Maike (unten). V = Vorhand, R = Rückhand


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Die Bewegung des Ellbogens streut, wenn Maike keine Vorinformationen über den nächsten Ball hat. Die unterschiedliche Ellbogenbewegung bei den drei Vorhand-Topspin-Bewegungen streut bei den Sequenzen 2 und 3 (vgl. Abbildung 40). Die Bewegung von Sarah streut geringer und wird von den Trainern auch weniger als Fehler wahrgenommen.

Abbildung 40: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 2, hohe Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Sarah (oben) und Maike (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Wie schon bei den normalen Geschwindigkeiten zeigt sich auch bei hoher Geschwindigkeit ein ähnliches Bewegungsmuster für Sarah und Maike. Wieder beschreibt Maike längere Bewegungstrajektorien in x-Richtung. Insgesamt sind die Trefferleistungen bei hoher Geschwindigkeit bei Maike geringer als bei Sarah. Eine Bewegung bei schnell ankommenden Bällen, die viele seitliche, also nicht in Spielrichtung zeigende Komponenten besitzt, kann bei leichten Abweichungen des geschätzten Treffpunktes von Schläger und Ball zu größeren Fehlern führen. Zudem ist plausibel, dass ein optimaler Kraftimpuls mit vielen seitlichen Bewegungen nicht ausgeführt werden kann. Das wird ein Korrekturansatz für Maike sein.


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Abbildung 41: Punktüberlagerung Ellbogen Sequenz 3, hohe Geschwindigkeit, bekannte (links) und unbekannte (rechts) Sequenzstruktur von Sarah (oben) und Maike (unten). V = Vorhand, R = Rückhand

Die Sequenz 3 unterscheidet sich nicht maßgeblich von der vergleichenden Analyse zwischen Maike und Sarah in Sequenz 2. Vielmehr sind ähnliche Bewegungsstrukturen zu verzeichnen, die darauf hindeuten, dass derselbe Fehler situationsunabhängig produziert wird und deshalb prinzipiell korrigiert werden muss.

Aus den Einzelfallanalysen und den vergleichenden Analysen können zwei Konsequenzen gezogen werden. Erstens sind Korrekturen von individuellen Fehlern in einem Trainings­programm vorzunehmen, das spezifische Übungen zur Korrektur der festgestellten Fehler enthält. Zweitens sind aufgrund der vergleichenden Analysen Spieler-Paare mit ähnlichen Fehlern zu bilden.

Die Trainer und Diagnostiker haben bereits mit Hilfe der graphischen und tabellarischen Auswertungen sowie der Videos einen Trainingsplan erstellt, der zu „Best-Practice-Modellen“ für jeden Einzelfall führt. Diese werden im Folgenden von ihrer Struktur und Logik vorgestellt.

Zusammenfassung der Einzelfallanalysen

Die exemplarische Einzelfallanalyse von Hermann sowie die vergleichenden Einzelfallanalysen zeigten, dass trotz einiger gemeinsamer Abweichungen vom Leitbild (z. B. die zu tiefe Ausholbewegung) individuelle Unterschiede in der Bewegungs­ausführung vorliegen, die entsprechend in der individuellen Rückmeldung berücksichtigt werden sollten.


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Tabelle 15: Fehler nach dem Leitbild (vgl. Kapitel 1) und Personen, für die dies besonders relevant ist

Vorhand

Rückhand

Spieler

Das Ausholen unter Tischniveau

 

Hermann und Katrin

Der Ellbogen ist zu nah am Körper

 

Maren

Ellbogen verlässt die Bewegungsebene

 

Sarah

„Scheibenwischertechnik“

 

Zjelka (nicht in Einzelfällen dargestellt)

Der Ellbogen ist zu weit vom Körper entfernt

Extreme Auf- und Abbewegung

Kathrin

 

Hubbewegung aus den Beinen

Maike

 

Stoßbewegung statt Schlag

Maike

Wie in Tabelle 15 dargestellt, sind insgesamt mehr verschiedene Fehler bei der Vorhand- gefunden worden als bei der Rückhandbewegung. Für die Rückmeldung ist relevant, dass aufgrund der Analyse Schwerpunkte bei den Zusammenstellungen von Trainingspaaren gefunden werden können. Beispielsweise können für Hermann und Kathrin spezifische Übungen zur Ausholbewegung zusammengestellt werden. Maike sollte einen Schwer­punkt auf die Rückhandbewegungen legen. Maren, Maike und Zjelka sollten die Armbewegung beim Vorhandschlag trainieren und es sollten individuelle Rückmeldungen zu den spezifischen Fehlerbildern entwickelt werden.

Bevor die Intervention der Technikoptimierung vorgestellt wird, werden im Folgenden in aller Kürze die Haupteffekte der Diagnostik für den Technikwechsel dargestellt, auf die in der zweiten Intervention nach einer einzelfallanalytischen Betrachtung zurückgegriffen wird (vgl. Kapitel 8).

2.6. Ergebnisse der TTLT-Diagnostik für Technikwechsel

2.6.1. Trefferleistungen

In Hypothese 1a wurde angenommen, dass mit der Anzahl der Übergänge in einer Sequenz die Fehlerpunkte zunahmen. Dementsprechend sind höhere Fehlerwerte in den letzten und niedrigere Fehlerwerte in den ersten Sequenzen zu erwarten, da die Sequenzen 1 und 2 ein bis zwei Übergänge und die Sequenzen 3 und 4 drei bis vier Übergänge enthielten. Der Übergang zwischen Sequenz 2 und 3 (also zwischen der Anzahl von zwei auf drei Übergänge) ist deutlich (Sequenz 2: M = 2.54, SD = .52; Sequenz 3: M = 2.81, SD = .59) und ist für den Sequenzunterschied in den Treffern verantwortlich. Warum die Sequenz 1 (M = 2.70, SD = .55) relativ hohe Fehlerwerte hat und die Sequenz 4 relativ niedrige (M = 2.64, SD = .53), wird später diskutiert.

In Hypothese 1b wurde angenommen, dass die Position des Übergangs in einer Sequenz keinen Einfluss auf die Trefferleistung besitzt. Dazu wurden die Treffer über alle Sequenzen gemittelt, die nach einem Übergang an 2. Position der Sequenz (von den Sequenzen 2, 3, 4), an 3. Position der Sequenz (von der Sequenz 4), an 4. Position der Sequenz (von den Sequenzen 1, 2, 3, 4) und an 5. Position der Sequenz (von den Sequenzen 3, 4) erfolgten. Aus den sechs möglichen Paarvergleichen sind vier nicht signifikant und zwei (Position 2 im Vergleich zu Position 3 und Position 2 im Vergleich zu Position 4) signifikant. Position 2 erzielt die höheren Fehlerwerte bei dem Zielfeld (M = 2.96, SD = .50) im Vergleich zu den anderen beiden Positionen (Position 3: M = 2.53, SD = .47; Position 4: M = 2.79, SD = .41). Da dies über die Positionen kein klarer Trend ist (z. B. je später/früher in der Sequenz, desto größere Fehler), sind die Werte noch mit den entsprechenden Teilen der Sequenzen derselben Positionen abzugleichen, in denen keine Übergänge erforderlich waren. Dies geht nur für Positionen 2, 3 und 5, da immer bei Position 4 ein Übergang zwischen den Techniken vorher vorkam. Sequenz 2, ohne vorherigen Technikwechsel (M = 2.62, SD = .68), Sequenz 3, ohne vorherigen Technikwechsel (M = 2.95, [Seite 83↓]SD = .56), und Sequenz 5, ohne vorherigen Technikwechsel (M = 3.38, SD = .96), zeigen, dass mit späterer Position in der Sequenz schlechtere Trefferleistungen erbracht werden. Allerdings ist dieser Trend nicht signifikant (p > .05).

2.6.2. Bewegungswechsel

Hypothese 2a: Je mehr Technikwechsel desto mehr Komponenten sollten in der Bewegung feststellbar sein. Aus der Tabelle 9 ist zu entnehmen, dass für fast alle Bedingungen tatsächlich mehr Bewegungskomponenten für Sequenz 3 als für Sequenz 2 benutzt wurden. Die einzige Ausnahme bildete die Bedingung mit den meisten Übergängen (Sequenz 4) bei hoher Geschwindigkeit, bei denen die Spieler im Mittel am meisten Komponenten benutzten.

Hypothese 3a: Je größer die Bewegung beim Technikwechsel in die Neutralstellung (Absinken des Handgelenks in y-Richtung), desto schlechtere Leistungen bei den Treffern. Es wurden zur Analyse nur die Bewegungen der Sequenzen 2 und 3 herausgefiltert, in denen ein Technikwechsel vorkam. Dies sind bei der Sequenz 2 der Wechsel von Schlag 1 zu Schlag 2 sowie der Schlag 3 zu Schlag 4. Bei der Sequenz 3 waren es dieselben Positionen sowie der Übergang von Schlag 4 zu Schlag 5. Insgesamt konnte ein Absinken nach Ballkontakt von ca. 27 cm festgestellt werden, bevor eine neue Ausholbewegung initiiert wurde. Dabei wurde geringes Verbleiben nach dem Ballkontakt in etwa auf der Höhe des Schlages als direkter Übergang festgelegt. Da die Definition in Schläge mit direktem und indirektem (Neutralstellung) Übergang zu einer binären Variable nur mit einer Reihe von unüberprüfbaren Zusatzannahmen realisierbar ist, werden die mittleren minimalen y-Achsen-Werte mit den Treffern korreliert. Wie zu erwarten, sind die Neutralstellungen (tiefere y-Achsen Werte) bei den unbekannten Strukturen häufiger und tiefer als bei der bekannten Reihenfolge der Sequenzen. Im Mittel ist diese Abweichung für die Sequenzen 2 und 3 bei normaler Geschwindigkeit mit ca. 25,5 cm geringer als mit hoher Geschwindigkeit im Mittel von 27 cm. Bei unbekannter Reihenfolge erhöhen sich die jeweiligen Werte um ca. 2 cm. Eine Korrelation der mittleren y-Achsen Werte in den einzelnen Bedingungen mit den mittleren Trefferleistungen ergab erwartungskonform eine negative Korrelation (r = -.25, p > .05), deren Betrag aber geringer ausfiel als erwartet.

Hypothese 3b prüft, ob bei größerer Streckenlänge nach Ballkontakt und Start der nächsten Ausholbewegung bei Technikwechseln höhere Trefferleistungen erzielt werden. Dazu werden im Mittel über alle drei Dimensionen (x-, y-, z-Achse) die Streckenlängen (vgl. Kapitel 2.2.2, Tabelle 3) über die Bedingungen verglichen. Dies geschieht wie bei der Hypothese 3a nur über die Übergänge zwischen zwei Schlägen, in denen die Technik gewechselt wird. Die Streckenlängen nehmen entgegen den Erwartungen nicht zwischen unbekannten Reihenfolgen und bekannten Reihenfolgen von Sequenzen zu. Die Streckenlänge korreliert im Mittel über alle Spieler dementsprechend nicht hoch mit den Treffern in den einzelnen Bedingungen (r = .13, p > .05). Die geringe positive Korrelation, d.h. dass bei größerer Streckenlänge auch etwas höhere Fehlerwerte (entspricht geringeren Treffern) erreicht werden, wird im Prä-Posttest-Vergleich (vgl. Kapitel 8.5) noch einmal genauer analysiert.

Die genauere einzelfallanalytische Betrachtung wird in Kapitel 8.5.3 besprochen, dies betrifft auch die einzelfallanalytische Behandlung der Hypothesen zum Absinken des Armes zwischen den Bewegungen sowie die Analyse der Bewegungstrajektorien zwischen den Vorhand- und Rückhandschlägen.

2.7. Diskussion der Diagnostik

Die Diagnostik der Technikmerkmale und der Technikübergänge kann mit dem durchgeführten TTLT als gewährleistet angesehen werden. Insgesamt sind die Hypothesen zu den


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Trefferleistungen hypothesenkonform bestätigt worden und individuelle Differenzen konnten aufgezeigt werden. Bei normaler Geschwindigkeit und mit der Information, wohin der Ball fällt, zeigen sich die Spieler am treffsichersten (vgl. Ripoll, 1989, 1991; Zeng, 1990, für ähnliche Befunde). Bei der Bewegungsanalyse gab es neben der Bestätigung der negativen Effekte von zu weiten Ausholbewegungen überraschende Ergebnisse hinsichtlich der Variabilität der Bewegung bzw. der Ellbogendistanz zur Schulter in der Schlagausführung, die schwache Zusammenhänge zu den Trefferleistungen aufweisen. Die tendenziellen schwachen negativen Zusammenhänge weisen aber eher in die Richtung, dass trotz der Leitbildvorstellung der Trainer variable Ausholbewegungen nicht als Fehler bewertet werden müssen, solange die Bewegungen nicht sehr weit unter der Tischkante beginnen. Auch andere Studien ergeben, dass motorische Variabilität durchaus funktional sein kann. Bootsma und van Wieringen (1988) beispielsweise zeigen bei einer Untersuchung von Tischtennisschlägen holländischer Nationalspieler, dass zwar keine konstanten Bewegungslängen nachzuweisen sind, andererseits jedoch eine hohe Treffergenauigkeit besteht. Die Variabilitäten der Ellbogenführung (z. B. Kathrin) erhöhen sich erwartungsgemäß, wenn die Spieler keine Vorinformationen über den nächsten Ball haben (vgl. Ripoll 1989, für ähnliche Ergebnisse).

Da über alle Bedingungen und Spieler die Sequenzunterschiede etwas schwächer ausfielen als angenommen, sind möglicherweise Empfehlungen in der Evaluation zu geben, die auf eine Verkürzung des Faktors Sequenz hinwirken. Im Folgenden soll zunächst einmal dargestellt werden, wie von der Analyse der Fehlermerkmale in den Techniken ein Training umgesetzt wird, das in diesem Leistungsbereich zu Verbesserungen innerhalb kürzester Zeit führen soll.


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19.05.2005