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9.  Schlussfolgerungen

9.1. Methodologische Konsequenzen

Das Projekt Techniktraining im Tischtennis entwickelte zwei Konzepte, die methodologisch, auch über das Projekt hinaus, für andere Fragestellungen angepasst werden können. Die erste Phase beschrieb, wie Probleme aus der Praxis mit der Praxis gelöst werden können. Anstatt Trainerwissen aus der Praxis zu extrahieren und dann wissenschaftlich zu verarbeiten, wurden Probleme der Praxis unter ständiger und gleichwertiger Partnerschaft zwischen Inventoren und Evaluatoren beschrieben, spezifiziert und gelöst. Dieses Vorgehen ist in der prozessbegleitenden Trainings- und Wettkampfforschung nicht neu (vgl. Lames, 1999). Der hier beschriebene formative und summative Evaluationsprozess wurde unseres Erachtens bei anderen Projekten jedoch nicht explizit vor dem Start der Intervention mitgeplant und so umfangreich geprüft. Zudem wurde dem üblichen Verfahren isolierter Interventionen und Evaluationen eine dritte Phase, die Intervulation, angeschlossen, die über die einfache Kombination von Intervention und Evaluation hinausgeht. Diese Phase nutzt die Erfahrungen der einzelfallanalytischen Technikoptimierungen und deren Bewertungen, um diese Verbesserungen direkt zur Optimierung der Technikübergänge anzuwenden. Die Intervulation wird im Folgenden allgemeiner dargestellt, um die Übertragung auf andere Praxisprobleme oder Sportarten zu erleichtern.

Das Konzept Intervulation setzt voraus, dass in der jeweiligen Sportart Leitlinien über die Erfahrungen der Intervention und der Evaluation existieren. Aus der Sicht der Inventoren sind diese, was die Intervention betrifft und teilweise was die Selbstevaluation beziehungsweise die nach Leistungskriterien stattfindende Fremdevaluation betrifft, immer gegeben. Bei der sportwissenschaftlich (drittmittelfinanzierten) Projektforschung ist das nicht immer der Fall. Zu oft gehen die in Projekten erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten von kurzfristig gebundenen Mitarbeitern und projektbezogenen Arbeitsgruppen verloren. Intervulation erfordert bei den Institutionen eine langfristige Bereitschaft, mit zumindest mittelfristig gebundenen Personen zusammenzuarbeiten. Die drei Basissäulen der Intervulation bestehen aus den unabhängigen Inventoren und Evaluatoren, aus den Vorerfahrungen von Intervention und Evaluation und aus dem Ziel, normative Aussagen zu treffen. Die drei Bereiche werden im Rahmen von Leitlinien präsentiert.

9.1.1. Unabhängige Inventoren und Evaluatoren

Intervulationen erfordern unabhängige Inventoren und Evaluatoren, weil Inventoren am Erfolg gemessen werden. Ihre Trainerphilosophie und der Glaube an die eigene Kompetenz sind zentrale Voraussetzungen, um Sportlern die Techniken überzeugend zu vermitteln. Diese Voraussetzungen verhindern aber zugleich eine distanzierte und kritische Bewertung des Interventionsgeschehens. Evaluatoren leisten kritische Bewertungen, sind jedoch nicht immer mit den Prinzipien, Regeln und sozialen Normen der entsprechenden Sportart oder des Leistungssports vertraut. Die erste Forderung lautet deshalb, dass Inventoren und Evaluatoren die folgenden günstigen Voraussetzungen mitbringen, die die verschiedenen Funktionen (siehe auch Abbildung 46) spiegeln.


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Tabelle 26: Günstige Voraussetzungen von Inventoren und Evaluatoren

Bereich der Voraussetzung

Inventoren

Evaluatoren

Ziele

Interesse an normativen Aussagen über die betreuten Sportler hinaus

Wissen um Kontext für Machbarkeitsanalysen der Zielexplikation

Ist-Soll Diskrepanz

Beschreibung von individualisierten und messbaren Technikleitbildern

Wissen um sportartspezifische Messung von Techniken

Bewertung von Handlungsalternativen

Bereitschaft zu messbaren Zusammenhangsanalysen zwischen Technik und Ergebnis

Wissen um Bewertungsmethoden (zum Beispiel Szenario-Methode)

Handlungsausführung/

-kontrolle

Bereitschaft von formalisierter Trainingsdokumentation und Trainingskontrolle

Methoden der Interventionsgenerierung und ‑kontrolle (zum Beispiel Delphi-Methode)

Ergebnis/Folgen

Akzeptanz von erwartungsinkonsistenten Ergebnissen

Angepasste Ergebnisdarstellung an Bedürfnisse von Trainern, Sportlern, Funktionären

Folgenbewertung

Quantifizierung der Ergebnisse in Interventionsumfänge, Umlern- und Überlernangaben

Methodisches Wissen für Kosten-Nutzen-Abschätzungen

Obwohl viele der in der Tabelle enthaltenen Voraussetzungen sehr allgemein formuliert sind und deren Nutzen offensichtlich ist, sind alle Kriterien zum Teil schwer zu erfüllen. Beispielsweise sind nicht alle Bundestrainer bereit, über das normale Training hinaus Zeit zu investieren, weil zumeist zeitaufwendige Bewertungen, Analysen und Sitzungen stattfinden, in denen Abschätzungen verlangt werden, die meist unsicher sind. Evaluatoren, die mit den Evaluationsstandards und mit den Evaluationsmethoden vertraut sind und darüber hinaus sportartspezifisches Wissen mitbringen, gibt es auf der anderen Seite selten.

9.1.2. Vorerfahrungen in Intervention und Evaluation

Das in diesem Projekt verfolgte Drei-Phasen-Konzept beinhaltete vor der Realisierung des Hauptziels (die Technikoptimierung der Übergänge) die systematische Sammlung von Erfahrungen in Intervention und Evaluation. Dies bedeutete, dass bereits zu Beginn der wissenschaftlichen Begleitung von Training und Wettkampf eine Übereinkunft getroffen werden musste, wie Erfahrungen in Interventionen transparent gemacht und anschließend bewertet werden sollen. Konsequenterweise bedeutet das, dass bereits mit der Konzeption der Intervention die Evaluation geplant wird. Alle Beteiligten müssen deshalb Kompromisse eingehen, wie sie beispielsweise in diesem Projekt bei der Evaluations­stichprobenbildung, der Verschiebung des Hauptziels durch Voruntersuchungen, lang­fristige Entwicklungen von Diagnostikinstrumenten beschrieben worden sind. Diese Art der Intervention entspricht nicht den üblichen Bedürfnissen und Anforderungen eines Trainings im Leistungssport. Eine kritische Prüfung der Interventionsteile und die Abschätzung von Veränderungen, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, gehörten nicht in den Praxisalltag und bedürfen einer Reihe von Kompromissen. Damit jedoch besonders in Zeiten von Veränderungen, wie sie der Tischtennissport in Deutschland aktuell erfährt, daraus profitiert werden kann, sind folgende Kriterien an Vorerfahrungen in Intervention und Evaluation zu stellen (vgl. Tabelle 27).


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Tabelle 27: Kriterien zur Systematisierung der Vorerfahrungen in Intervention und Evaluation

Kriterium

Intervention

Evaluation

Planung von Programminhalten

Berücksichtigung von Evaluationsinhalten

Planung der formativen und summativen Evaluation vor dem Beginn der Intervention

Durchführung von Programminhalten

Transparenz der Durchführung und prozessbegleitende Evaluation

Kontinuierliche prozessbegleitende Evaluation vor Ort sowie Anpassungen der Formalisierungen

Dokumentation von Programminhalten

Systematische und formalisierte Durchführung von Dokumentation und Kontrolle

Akzeptanz für Veränderungen der Dokumentation während der formativen Evaluation

Bewertung von Vorerfahrungen

Beschreibung aller Schritte der Intervention vor Durchführung der Ist-Soll-Analysen

Quantitative Analysen aller Vorerfahrungen durch Moderatorengespräche und kommunikative Validierung

Die in der Tabelle dargestellten Kriterien, die die über die kurzfristigen Ziele hinausgehenden Belastungen für alle Beteiligten darstellen, ermöglichen eine Basis für die Intervulation.

9.1.3. Normative Zielsetzungen für Intervulationen

Die Beschreibung von normativen Zielsetzungen ist die dritte Säule der Intervulation. Bei der Einordnung des Forschungsprogramms in den Bereich der technologischen Theorien mit der Zielsetzung, die globale Wirkung von Interventionen als Norm zu erheben, wurde besonders Wert darauf gelegt, die Sportwissenschaft von der Sportpraxis abzugrenzen. So kann zum Beispiel die institutionalisierte wissenschaftliche Trainings- und Wettkampfdiagnostik des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig nicht in die hier dargestellte Intervulationssystematik subsummiert werden, weil das IAT z. B. in der Arbeitsgruppe Sportspiele die Aufgabe hat, Wettkämpfe zu dokumentieren, zu analysieren und diese Ergebnisse an die entsprechenden Abnehmer zurückzumelden. Dies muss mannschaftsspezifisch, gegnerspezifisch und unmittelbar erfolgen. Auch universitäre Drittmittelprojekte, die theoriegeleitet Wirkmechanismen von Interventionen ergründen, sind nicht in die Abteilung von Intervulationsstudien einzuordnen. Aus den Kriterien normativer Zielsetzungen der Intervulation können Interventions- und Evaluations­strategien entwickelt werden, die Aussagen zu den Bereichen des Technikleitbildes, der Leistungsdiagnostik für das Training und den Wettkampf, der Trainingsdokumentation sowie der Übungsauswahl erlauben. Im Folgenden werden die theoretischen und praktischen Konsequenzen der durchgeführten Intervulation im Tischtennis vorgestellt.

9.2. Theoretische Konsequenzen für die Steuerung von schnellen Bewegungen

Aus den Befunden der Intervention und Intervulation sind die folgenden zwei Dinge über den Tischtennissport hinaus von Bedeutung: Zum Einen, inwieweit die Befunde der TLTT-Analysen zu typischen Annahmen in motorischen Kontrolltheorien passen, und zum Anderen, inwieweit die gefundenen Leistungsentwicklungen mit Modellen des motorischen Lernens zu verbinden (Ripoll & Latiri, 1997) sind. In diesem Kapitel wird nur der Aspekt der sensomotorischen Kontrolle beschrieben, da motorisches Lernen einer eigenständigen und umfassenden Beschreibung bedürfte.

Die typische Unterteilung in zentrale und periphere Anteile der motorischen Steuerung wird besonders evident bei der Steuerung von schnellen Bewegungen, wie es Tischtennisschläge sind. Dabei ist die Frage wichtig, zu welchem Teil die Bewegungen visuell gesteuert und zu welchen Anteilen interne motorische Programme für die Steuerung verantwortlich sind. Im Tischtennis wurden sowohl für die überwiegend direkte Steuerung Argumente und Evidenzen aufgeführt (vgl. Bootsma & Van Wieringen, 1990) als auch für zentral gespeicherte Programme. Neal (1991) zeigte beispielsweise in der Analyse von unterschiedlichen Vorhandschlägen, dass weder die Annahme eines relativen Timings (Schmidt, 1975) noch die absoluter konstanter Bewegungslängen (Wollenstein & Abernethy, 1988) bestätigt werden konnten. Die Arbeitsgruppe um Bootsma und van Wieringen zeigte ebenfalls, dass eine alleinige Steuerung durch konstante Anfangspositionen und konstante Bewegungslängen nicht nachzuweisen ist, auch wenn ältere


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Arbeiten zu diesen Ergebnissen kamen (vgl. Tyldesley, 1975, 1981; Tyldesley & Whiting, 1975). Neuere Arbeiten von Rodrigues et al. (2002) ignorieren die Diskussion von Variabilitäten beispielsweise des Bewegungsanfanges oder der Bewegungsdauer (vgl. Rodrigues et al., 2002, S. 195, Tabelle 2). Anstatt gefundene Variabilitäten der Bewegungsausführung in Raum und Zeit als motorisches Rauschen „beiseite zu interpretieren“ (Bootsma & Van Wieringen, 1990), sind eine Reihe von Analysen durchgeführt worden, um zu zeigen, dass die motorische Variabilität funktional ist (vgl. Post, Daffertshofer & Beek, 2000). Diese funktionale motorische Ausführungsvariabilität kann durch die Nutzung einer Endpunktkontrolle erklären werden: Während die Bewegungen eines Sportlers oder die zwischen zwei Sportlern am Anfang stark variieren, nimmt diese Variabilität kurz vor dem Kontakt von Ball und Schläger ab. Das Problem konzentriert sich somit auf die Steuerung der Richtung des Schlägers (Bootsma & van Wieringen, 1990, S. 28). Allerdings existieren auch eine Reihe von Befunden, nach denen unser sensorisches System nicht genau genug ist, um diesen Punkt unter den Bedingungen, wie sie beim Tischtennis existieren, abzuschätzen (vgl. Tresilian, 1994). Rodrigues, Vickers und Williams (2002) fanden beispielsweise bei ihrem Tischtennisexperiment mit geübten und ungeübten Tischtennisspielern heraus, dass Auge-Kopf-Stabilitäten ca. 100 ms bis 30 ms vor Ball-Schläger-Kontakt gefunden werden konnten, die die Autoren als Beweis für stabile Blickzentrierungen auf den Ball interpretierten, die allerdings zu kurz für Korrekturen sind. Ripoll und Fleurance (1988) fanden jedoch Stabilisationen bereits um 238 ms bis 375 ms für verschiedene Vorhandschläge, die visuelle Korrekturen zulassen. Aufgrund der kurzen Stabilisationsphase kurz vor Schläger-Ball-Kontakt argumentieren Rodrigues, Vickers und Williams (2002, S. 198), dass die Benutzung der Expansionsrate des Balles zu ungenau ist und nur dann benutzt werden kann, wenn die Expansionsrate sich sehr schnell verändert. Zu möglichen funktionalen oder unfunktionalen Variabilitäten auf der motorischen Seite kommen also Variabilitäten des sensorischen Systems. Eine mögliche Lösung, wie Spieler die Bewegung des Schlägers so strukturieren, dass unter Einbeziehung aller Unsicherheiten ein optimales Ergebnis erzielt wird, ist die Verbindung der Forschung der motorischen Variabilität und der Forschung der sensorischen Variabilität. Kompensatorische Variabilitäten zwischen den motorischen und sensorischen Prozessen würden danach funktionale Variabilitäten entweder im sensorischen oder im motorischen Bereich ersetzen. Die Bandbreite der üblichen Variabilität des sensorischen Systems würde die Bewegung in die Auswahl einer geeigneten Bewegungssteuerung einbeziehen. Dass diese Annahme plausibel ist, sei an folgendem Beispiel erläutert: Die Bewegungstrajektorien vereinen sich nicht zum Zeitpunkt des Kontaktes von Schläger und Ball, wie beispielsweise von Bootsma und Van Wieringen (1990) angenommen, sondern ungefähr 70 Millisekunden vorher. Das entspricht in etwa dem Konfidenzintervall der Genauigkeit der optischen Variable tau für die Bewegungsgeschwindigkeiten, wie sie beim Tischtennis existieren (Tresilian, 1994). Wie aber produziert das motorische System die Bewegungsbahn unter Berücksichtigung dieser Rahmenbedingungen? Alle Modelle, die von einer Endpunktkontrolle ausgehen, müssen das Problem des Ablaufs der inversen Transformation von Kartesianischen Koordinaten zu den Muskel- oder Gelenksteuerungen lösen. Es ist jedoch unsicher, ob der Referenzpunkt intrinsisch ist (wie er beispielsweise bei minimum-joint-torque-change-models oder minimum-muscle-tension-change-models angenommen wird) oder extrinsisch (Kartesianische Koordination). Alternativ wird darauf hingewiesen, dass intrinsische und extrinsische Referenzpunkte Bewegungen (Rogosky & Rosenbaum, 2000; Rosenbaum, Loukopoulos, Meulenbroek, Vaughan & Engelbrecht, 1995) abhängig von den Aufgabenbedingungen (Breteler, Gielen & Meulenbroek, 2001) steuern. Cesari, Shiratori, Olivato und Duarte (2001) beschreiben beispielsweise, dass das Handgelenk gar nicht kontrolliert wird, sondern nur Schulter und Ellbogen, um das Neun-Freiheitsgradproblem auf ein Sechs-Freiheitsgradproblem zu reduzieren. Die von uns gefundene Lösung, Bewegungen des Schlägers optimal zu steuern, ist die Bat-Flat-Heuristik (vgl. Raab &


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Bert, in Vorbereitung). Sie beschreibt, welche Informationen zur sensomotorischen Kontrolle wie und wann benutzt werden, um eine optimale Bewegungssteuerung zu gewährleisten. Dabei gehen wir davon aus, dass der Sportler vor Bewegungsbeginn Informationen über das Verhalten des Gegners nutzt (vgl. Ripoll, 1989). Während der Bewegungsausführung wird die Bewegungssteuerung durch die Nutzung der Variable tau realisiert. Tau beschreibt die Größenveränderungsrate eines sich nähernden Objektes, aus der die Zeit bis zum Kontakt mit dem Objekt, hier der Kontakt von Ball-Schläger, errechnet werden kann. Da, wie bereits erläutert, tau nur ungenaue Vorhersagen des Treffpunktes von Schläger und Ball ermöglicht, ebenso wie motorische Variabilitäten keinen genauen Treffpunkt auf der Schlägermitte ermöglichen (Möllenbeck, Jendrusch & Heck, 2001), werden diese Variabilitäten kompensatorisch durch eine zeitliche und räumliche Strategie strukturiert. Die zeitliche Strategie benutzt eine Sicherheitszone, die in etwa der Streuung der sensorischen Ungenauigkeit entspricht. Es wird angenommen, dass diese Strategie durch Erfahrungen erworben wird. Diese Argumentation deckt sich mit Befunden zur Nutzung von tau in anderen Bereichen, beispielsweise im Weitsprung oder im Brems- und Fahrverhalten beim Autofahren (Lee, 1982) oder dem frühzeitigen Einklappen der Flügel von Seevögeln beim Eintauchen ins Wasser (Lee & Raddish, 1981). Die räumliche Strategie steuert den Schläger in einer Ebene durch die Fixierung des Ellbogens und des Schultergelenks. Das Handgelenk wird dabei in einem erlernten Neigungswinkel konstant gehalten (vgl. Cesari, et al., 2001). Die dadurch erreichte Bewegungstrajektorie durch den Raum ermöglicht es, Ungenauigkeiten im sensorischen oder motorischen Bereich auszugleichen. Die räumliche und zeitliche Strategie führt zu einer konstanten Bewegungsbahn circa 100 Millisekunden vor dem Schläger-Ball-Kontakt und optimiert somit funktional die Streuung des sensomotorischen Systems. Im folgenden Kapitel nennen wir die Konsequenzen für die Übungsgestaltung und mögliche Instruktionen, die sich aus diesen theoretischen Überlegungen ergeben.

9.3. Konsequenzen für die Praxis

Eine Reihe von Lehrplänen (DTTB, 1998, 2001) und Lehrbüchern (zum Beispiel Groß, 1995; Grubba, 1998) befasst sich mit dem Techniktraining im Tischtennis. Dabei überwiegen jedoch die Darstellung, Analyse und Vermittlung von einzelnen Techniken; die Technikübergänge werden weniger behandelt. Im Folgenden werden wir deshalb diese wichtige Lücke schließen und Empfehlungen für die Diagnostik und das Training von Technikübergängen geben.

9.3.1. Empfehlungen für die Diagnostik von Technikübergängen

Aus den Erfahrungen von Spielern und Trainern hat sich ein Repertoire an Schlagtechniken gebildet, die eine unter biomechanischen Gesichtspunkten optimale Durchführung der Bewegung erlauben (Anpassung an die anatomischen Gegebenheiten, zeitliche Koordination der Einzelimpulse der Körpersegmente) und innerhalb einer gewissen Bewegungskonstanz die durch Taktik und Gegnereinwirkung notwendigen Variationen zulassen. Eine wichtige Voraussetzung ist die problemlose Kombinierbarkeit der ausgeführten Bewegungen. Im deutschen Tischtennis konkurrieren jedoch zwei verschiedene Auffassungen, sodass in den Landesverbänden unterschiedliche Technikwechsel gelehrt werden: die Neutralstellung und der direkte Übergang.

Die Uneinigkeit der Trainer zeigt, dass im Bereich der Technikübergänge noch vieles nicht geklärt ist. Was macht einen besseren Übergang aus, und wie kann der Trainer das diagnostizieren?

Optimale Sollwerte von Technikübergängen orientieren sich an den Voraussetzungen, die der Spieler mitbringt. Geht man von einem durchschnittlichen Angriffsspieler mit Shakehand-Technik aus, können die folgenden Kriterien festgelegt werden: Die Bewegung des letzten Schlages sollte


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schnell beendet sein, um sofort aus dem Gegnerverhalten den nächsten Schlag zu antizipieren. Von der Endposition des letzten Schlages ist eine Bewegungstrajektorie zu wählen, die direkt in den nächsten Vorhand- oder Rückhandschlag führt. Der Zeitpunkt wird so gewählt, dass genügend Zeit für eine Ausholbewegung vorhanden ist. Optimale Beschreibungen für die Übergänge von Vorhand zu Rückhand und von Rückhand zu Vorhand werden aktuell gemeinsam mit den Bundestrainern entwickelt (vgl. Bert, Raab & Jeler, in Vorbereitung). Wie aber werden Übergänge diagnostiziert?

Vereinstrainer, denen die Möglichkeit zu einer dreidimensionalen Diagnostik normalerweise nicht zur Verfügung steht, sollten den Leistungsstand ihrer Schützlinge auf andere Art diagnostizieren. Schon das Aufzeichnen mit nur einer Videokamera ermöglicht eine ausführliche und sorgfältige Beobachtung, z. B. darüber, wie sich der Spieler nach einem Schlag verhält, wie seine Fußstellung aussieht und wohin er den Schläger führt. Auf diese Weise kann der Trainer von jedem Spieler ein individuelles Fehlerprofil erstellen und das Training dementsprechend auf ihn abstimmen.

9.3.2. Empfehlungen für das Training von Technikübergängen

Ein zentrales Ziel der Diagnostik des Technikwechsels bestand darin, konkrete Empfehlungen für eine Sollwert-Vorstellung des Übergangs zu formulieren. Aufgrund der Ergebnisse gibt es eine Tendenz für den direkten Übergang von einer Technik zu anderen ohne zu weites Absinken des Schlagarms. Diese Empfehlung ist jedoch mit einiger Vorsicht zu geben, da zwar vermehrtes Absinken zu mehr Fehlern führt (besonders bei hoher Wettkampfgeschwindigkeit), aber der Effekt nicht so stark ist wie erhofft. Deshalb wird es weiterhin dem Trainer überlassen bleiben, ob er komplettes Umlernen oder optimieren innerhalb einer Technik präferiert. Trotz aller Vorsicht lassen sich jedoch konkrete Empfehlungen für das Training geben:

Das Training der Technikübergänge besteht aus einem Video- und aus einem Hallentraining. Das bedeutet einen etwas größeren Aufwand für den Vereinstrainer, zeigt sich jedoch erfolgsversprechend. Jeder Spieler erhält ein individuelles Videoband, das er sowohl im Training als auch zu Hause anschauen kann. Wenn letzteres nicht möglich ist, sollte der Trainer während des Hallentrainings mit dem Spieler die Aufzeichnungen anschauen. Als Vergleich sollte ein Technikvideo des DTTB oder eine Aufzeichnung eines Wettkampfs zwischen Spitzenspielern herangezogen werden, denn in den meisten Technikvideos werden die Techniken immer wieder gespielt, sodass ein Technikwechsel nicht vorkommt. Zunächst ist es sinnvoll, den Spieler die Bewegungen holistisch erfassen zu lassen und auf die Beachtung der Fehler zu verzichten. Die Analyse der Fehler geschieht im zweiten Schritt. Anschließend sollte dem Spieler die Möglichkeit gegeben werden, mehrere Male seine eigene Bewegung mit dem Technikleitbild zu vergleichen.

Für das Balltraining werden vom Trainer verschiedene Übungen festgelegt, die während eines bestimmten Zeitraums (z. B. sechs Wochen) verstärkt trainiert werden sollen.

Verschiedene Experten schlugen die folgenden Übungen vor, die für das Training von Technikübergängen sinnvoll sind. Je nach Fehlerbild, beispielsweise zu geringere Bewegungsamplituden bei Rückhandschlägen aufgrund zu später oder tiefer Neutral­stellung, sind die entsprechenden Anweisungen zur Optimierung (vgl. Zhengxian, 1983) einzelner Techniken auch mit den Empfehlungen zur Technikoptimierung der Übergänge zu verbinden.


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Abbildung 72: Übung 1 zum Training von Technikübergängen

Abbildung 73: Übung 2 zum Training von Technikübergängen

Abbildung 74: Übung 3 zum Training von Technikübergängen


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Abbildung 75: Übung 4 zum Training von Technikübergängen


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Abbildung 76: Übung 5 zum Training von Technikübergängen

Abbildung 77: Übung 6 zum Training von Technikübergängen

Die Übungen können abgewandelt werden, sodass sie im Training individuell eingesetzt werden können.

Eine gute Möglichkeit, die Übungen spielerisch einzusetzen, ergibt sich durch die folgende Übungsform. Der Trainer wählt bestimmte Übungen aus, die er auf einer Tafel, einem großen Karton oder ähnlichem notiert. Jede Übung muss mehrere Male hintereinander gespielt werden; deren Anzahl wird ebenfalls auf der Tafel notiert: zum Beispiel Übung 1:4 Durchgänge, Übung 2:3 Durchgänge. Methodische Variationen sollten jedoch unbedingt auf die Trainingsgruppe abgestimmt werden. Dabei ergibt sich die Möglichkeit, zu differenzieren: Jüngere Spieler müssen zum Beispiel die Übung dreimal ohne Fehler spielen, ältere Spieler fünfmal. Erst wenn ein Spielerpaar die vorgegebenen Durchgänge fehlerfrei ausgeführt hat, darf es zur nächsten Übung übergehen. Als kleiner Wettbewerb kann auch festgelegt werden, dass das Spielerpaar, das als Erstes alle Übungen in der vorgegebenen Wiederholung geschafft hat, gewinnt. Ein Spieler sollte nach jeder erfolgreich absolvierten Übung zur Tafel laufen und notieren, welche Übung gerade gespielt wird, damit die Tafel zu jeder Zeit den Spielstand anzeigt. Bei diesen Übungen bieten


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sich vielfältige Variationsmöglichkeiten an. Der Vorteil von Übungen als Spiel ist, dass diejenigen Übungen, die einem Spielerpaar am wenigsten gelungen sind, am meisten geübt werden. Ein typischer 6-Wochen-Plan mit Übungsvariationen für verschiedene Altersklassen ist in Vorbereitung.

9.3.2.1. Trainingsdokumentation

Da Spieler häufig bei verschiedenen Trainern trainieren (z. B. Leistungszentren, Heimatverein), bietet das Trainingstagebuch eine gute Möglichkeit, trotzdem ein gezieltes Training durchzuführen. Die Trainer können gemeinsam verschiedene Übungen bestimmen, die in der jeweiligen Trainingsphase geübt werden sollen. Dokumentiert wird im Trainingstagebuch, wie lange eine Übung pro Woche trainiert wurde, und wann der Spieler das Videoband angeschaut hat, wie viel Zeit er sich dafür genommen hat, und ob der Trainer dabei war oder nicht. Besondere Vorkommnisse während des Trainings werden ebenfalls dokumentiert. Auf diese Weise lernen die Spieler schon früh das Führen eines Tagebuchs, woraus im Laufe der sportlichen Karriere ein Taktiktagebuch werden könnte. Eigenes Engagement wird somit gefördert, und der Spieler begreift, dass nicht nur der Trainer für ein reibungsloses Training verantwortlich ist.

9.3.2.2. Evaluation durch die Trainer im Wettkampf

Immer wieder sollte der Trainer die Leistung seiner Schützlinge und damit auch ihre Fortschritte überprüfen. Dazu bieten sich kleinere Trainingswettkämpfe und –turniere an. Der Trainer bewertet die Verbesserungen der Techniken sowie die Technik im Bereich Beinarbeit auf einer Skala zwischen 1 und 6. Auf diese Weise kann der Trainer Zusammenhänge zwischen Trainingsumfang/-häufigkeit und Lernfortschritten erkennen.

Der Trainer bewertet bei der Evaluation im Wettkampf auch, wie gut der Spieler im Bereich der Technikübergänge ist, damit er nach der Trainingsphase „Technikwechsel“ die Leistungen vor und nach der Intervention miteinander vergleichen kann.

9.4. Fazit

Der deutsche Tischtennissport unterliegt großen Veränderungen, die sich durch die Ablösung erfolgreicher Spieler und durch die Modifikationen internationaler Regeln ergeben. Das Projekt Techniktraining im Tischtennis ist eine wissenschaftlich begleitende Trainings- und Wettkampfforschung. Sie wurde in drei Phasen unterteilt. Phase I erprobte die Diagnostik und Intervention für die Optimierung von Techniken. Auf der Grundlage des Konzeptes „Aus der Praxis für die Praxis“ wurden Probleme gesucht und spezifiziert. Dazu wurden ein Test, spezifische Verfahren zur Ergebnisrückmeldung und mit dem „Best-practice-Modell“ eine einzelfallbasierte Trainingskonzeption entwickelt. Phase II beinhaltete die Evaluation des durchgeführten Programms und wurde für jeden Schritt der Durchführung in einer prozessbegleitenden formativen Evaluation realisiert. In der Phase III der Intervulation wurden die Erfahrungen aus Intervention und Evaluation genutzt, um optimale Verfahren für die Diagnostik und das Training von Technikübergängen zu entwickeln und die Effekte in Training und Wettkampf kurz-, mittel- und langfristig zu überprüfen. Abschließend wurden über die betreute Gruppe hinaus Empfehlungen für theoretische, methodologische und praktische Anwendungen gegeben. Das Projekt dient der Initiierung einer Konzeption zur Diagnostik, Intervention und Bewertung von Technikübergängen im Tischtennis. Wenn die Ergebnisse über die positiven Effekte der betreuten Gruppe hinaus Wirkung bei den Trainern und Spielern des DTTB zeigt, ist die Hoffnung groß, dass Spielern wie Timo Boll weitere gute Nachwuchsspieler folgen.


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19.05.2005