Radspieler, Alexander: Untersuchungen zur Synthese von Diazonamid A und Phorbazol A und C

49

Kapitel 5. Synthese von substituierten 4-Chloroxazolen

5.1 Literaturbekannte Ringschlußsynthesen

Wie bereits in Kapitel 3 erwähnt, sind zur Synthese von 4-Chloroxazolen 36 nur wenige Verfahren bekannt. Da dieser Heterocyclus im Diazonamid A enthalten ist, wurde eine Methodik für die Darstellung von Bausteinen entwickelt, die für die Totalsynthese geeignet sind. Wie bei den Untersuchungen zum Phorbazol A wurde auf das Verfahren von Davis et al. 59 zurückgegriffen. Dabei werden Acylcyanide 34 in Gegenwart von Chlorwasserstoff mit Aldehyden 35 umgesetzt.

(18)

Die Methode, die bisher nur wenig Anwendung fand, ähnelt in ihrem Reaktionsprinzip der Oxazolsynthese nach Fischer. 60 Bei letzterer erhält man Oxazole, die am C4-Atom unsubstituiert sind, indem man ein Cyanhydrin mit einem Aldehyd und Chlorwasserstoff reagieren läßt. Dadurch daß beim Verfahren nach Davis Acylcyanide anstelle von Cyanhydrinen eingesetzt werden, trägt das entstehende C4-Atom des Oxazolrings ein Chloratom. Nebenreaktionen, wie sie bei der Oxazol-Synthese nach Fischer (Bildung von 2,5-Diaryl-4-oxazolidonen oder Wanderung der Arylreste) auftreten, werden bei der Synthese (18) von 4-Chloroxazolen nicht beobachtet.

Voraussetzung für die Reaktion (18) ist allerdings, daß es sich nicht um ein elektronenreiches Acylcyanid 34 handelt. So ist z.B. Benzoylcyanid gut für die Reaktion geeignet, mit p-Methoxybenzoylcyanid findet dagegen keine Umsetzung statt. Bei den Literaturangaben zum Aldehyd 35 wurden bisher nur aromatische Aldehyde beschrieben. Diese können sowohl elektronenziehende und -schiebende Substituenten tragen.


50

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die bekannten Literaturbeispiele. 59 Man erkennt, daß alle genannten 4-Chloroxazole ein 2,5-Diaryl-Substitutionsmuster aufweisen.

34

35

Ausbeute an

36

Ph-

p-MeO-Ph-

65%

Ph-

p-Me-Ph-

66%

Ph-

p-O2N-Ph-

75%

Ph-

p-HO-Ph

60%

p-O2N-Ph-

Ph

50%

Der Mechanismus der Reaktion (18) ist noch nicht näher untersucht worden. Es wird jedoch vermutet, 52 daß dabei Imidoylchloride 122 auftreten, wie sie bereits von Cornforth für die Fischer-Synthese vorgeschlagen wurden. 61

Das Imidoylchlorid 123a würde als Nukleophil an den Aldehyd 35 angreifen und Zwischenstufen vom Typ der Verbindung 123b bilden. Diese sollten unter Wasserabspaltung zu den erwünschten Oxazolen 36 cyclisieren.

(54)

5.2 Synthese des Indolylacylcyanids (127)

Für die Anwendung der vorgestellten Oxazolsynthese zum Aufbau von Bausteinen des Diazonamids war es zunächst notwendig, eine Zugangsmöglichkeit zu einem geeigneten Indolylacylcyanid zu entwickeln.

Als Vorläufer bieten sich reaktive Carbonsäurederivate oder Aldehyde an. So wurde nach Synthese des geschützten Indolaldehyds 125 die Aldehydgruppe entweder über das


51

Cyanhydrin 126 in das Acylcyanid überführt (Cyanierungs / Oxidations-Weg) oder aber über die Carbonsäure 129 zum Acylcyanid umgesetzt (Oxidations / Cyanierungs-Weg).

Der 2-Chlorindol-3-carbaldehyd 79 ist eine bekannte Verbindung und läßt sich nach Andreani et al. 62 leicht aus 2-Indolinon unter den Bedingungen der Vilsmeier-Reaktion in 67%-iger Ausbeute darstellen.

(55)

Um die elektronischen Eigenschaften des Indol-Rests den Erfordernissen der Reaktion (18) anzupassen, wurde am Indolstickstoff eine elektronenziehende Schutzgruppe eingeführt. Dabei fiel die Wahl auf die Trichlorethoxycarbonyl-Gruppe (Troc), da sie unter den stark sauren Reaktionsbedingungen stabil ist. Die gewünschte Umsetzung gelang uns in nahezu quantitativer Ausbeute mit dem Chlorameisensäuretrichlorethylester mit DMAP als Base. Mit andere Basen wie Natriumhydrid oder KOH unter Phasentransferkatalyse war die Umsetzung weit weniger erfolgreich.

Ausgehend vom Aldehyd 125 wurde beim Cyanierungs / Oxidations-Weg zunächst das Cyanid eingeführt. Dies gelangt leicht durch Umsetzung von 125 mit Trimethylsilylcyanid, und man erhielt so das geschützte Cyanhydrin 126 in quantitativer Ausbeute. Als Lewis-saurer Katalysator wurde Zinkiodid zugesetzt, um den Angriff an den heteroaromatischen Aldehyd zu erleichtern.

(56)

Für Oxidationen von Cyanhydrinen zu Acylcyaniden sind mehrere Verfahren in der Literatur bekannt. Das in Kapitel 3 verwendete BTSC auf Kieselgel führte im vorliegenden


52

Fall aber nur zu Zersetzungsprodukten. Bei der Verwendung von NBS als Oxidationsmittel gelangte man zum erwünschten Produkt. Das von Jochims et al. beschriebene Verfahren unter Bestrahlung mit einer Quecksilberdampflampe mußte allerdings dahingehend variiert werden, daß statt dessen unter Rückflußbedingungen gearbeitet wurde. Außerdem wurde eine katalytische Menge AIBN als Radikalstarter zugegeben.

Leider kam es auch mit dieser Verbesserung zu oftmals starken Schwankungen der Ausbeute an 127. Beispielsweise konnte das Nebenprodukt 128 bis zu 10% der Ausbeute nachgewiesen werden.

Da außerdem die Reinigung des Acylcyanids 127 durch seine leichte Zersetzlichkeit erschwert ist, wurde nach einem Verfahren gesucht, bei dem das entstehende Acylcyanid möglichst direkt, d.h. als Rohprodukt, weiter verarbeitet werden kann. Als geeignet hat sich der Oxidations / Cyanierungs-Weg erwiesen. Dabei wurde zuerst der Aldehyd 125 unter milden Bedingungen in die Carbonsäure 129 überführt, indem man Natriumchlorit als Oxidationsmittel verwendete.

(57)

Als günstig erwiesen sich dabei die Reaktionsbedingungen, wie sie von Dalcanale et al. 63 beschrieben worden sind. Dabei erhielt man eine Ausbeute an 129 von 89%. Bei der Methode 64 mit NaClO2 und Methylbuten blieb hingegen ein Großteil des Edukts unumgesetzt.


53

Für die Umsetzung von Carbonsäuren zu Acylcyaniden sind mehrere Methoden bekannt. Erster Schritt ist meist die Aktivierung zum Säurehalogenid, das dann mit dem entsprechenden Reagenz behandelt wird.

(58)

Das Säurechlorid 130 erhielt man leicht durch Umsetzung von 129 mit Oxalylchlorid und einer katalytischen Menge an DMF bei Raumtemperatur in CH2Cl2.

Das beste Ergebnis für die Reaktion (58) erzielte man nach der Methode von Olah et al. 65 durch Behandlung von 130 mit Trimethylsilylcyanid und einer katalytischen Menge an Zinntetrachlorid in CH2Cl2 (Ausbeute 85%). Ähnliche Verfahren mit TMS-Triflat als Katalysator führten hauptsächlich zu Zersetzungsprodukten, während mit ZnCl2 als Lewissäure nur Ausgangsstoff isoliert wurde. Zum gleichen Ergebnis kam man mit PNP-CN (Bis-(triphenylphosphin)-iminium-cyanid) als Reagenz, 66 und auch mit Natriumcyanid in Acetonitril unter Rückfluß oder KCN unter Ultraschall 67 zeigte sich kein nennenswerter Umsatz.

5.3 Synthese der Aldehyde für Reaktion (18)

Um die Möglichkeiten der Synthese der 4-Chloroxazole einschätzen zu können, wurden verschiedene Aldehyde dargestellt. Entsprechend der Retrosynthese des Diazonamid A in Kapitel 4 ist für das Konzept a) ein C3-Baustein von Interesse. Deshalb wurden die aliphatischen Aldehyde 133, 136 und 140 dargestellt. Sie tragen in beta-Stellung zur Aldehydgruppe ein Sauerstoffatom in Form eines Esters (133 und 136) bzw. eines geschützten Alkohols bei 140. In alpha-Position befindet sich eine geschützte Aminogruppe in 133 oder -als Vorläufer für eine Aminogruppe- ein Oxim bei 136 und 140.

Für die Synthese von 133 wurde Serin 131 verwendet. Diese Aminosäure wurde an der Aminofunktion mit der säurestabilen Troc-Gruppe geschützt und an der Carboxylfunktion


54

verestert (Ausbeute über zwei Stufen nach bekannter Methodik: 86%). Anschließend oxidierte man nach Swern mit 86%-iger Ausbeute.

(59)

Der Aldehyd 133 könnte zur Enolisierung neigen, da er sich in beta-Stellung zu einem Ester befindet. Dadurch wäre aber ein elektrophiler Angriff an der Carbonylfunktion erschwert. Deshalb wurden die Verbindungen 136 und 140 in die Untersuchungen einbezogen, deren alpha-Aminofunktion als Oxim maskiert ist. Für die Synthese von 136 ging man von kommerziell erhältlichem Ethyl-3,3-diethoxypropionat 134 aus, dessen Acetalfunktion im Sauren hydrolysiert wurde. Leider ist der resultierende Aldehyd sehr instabil. Er wurde deshalb nicht isoliert, sondern mit Natriumnitrit weiter zu 135 umgesetzt. Die Gesamtreaktion (60) war dennoch nicht unproblematisch, und sie lieferte mit schwankendem Ergebnis maximal 18% Ausbeute.

(60)

Das Oxim 135 wurde anschließend an der OH-Funktion methyliert, was durch Umsetzung mit Methyliodid und Silberoxid in 63% Ausbeute gelang.

(61)

Um einen C3-Baustein mit einer ähnlichen Funktionalität wie 136 zu erhalten, der aber leichter zugänglich sein sollte, wurde der Aldehyd 140 synthetisiert. Dazu ging man von Dihydroxyaceton 137 aus, das als Dimer kommerziell erhältlich ist. Nach Literaturvorschrift 68 wurde das Dimer mit Bz-Cl gespalten, wobei eine Hydroxygruppe als Benzoat geschützt wurde.


55

(62)

Das Keton 138 konnte durch Reaktion mit O-Methyl-hydroxylamin 69 in quantitativer Ausbeute zum Oxim 139 umgesetzt werden. Abschließend erhielt man durch Swern Oxidation 70 den bisher unbekannten Aldehyd 140 in 92% Ausbeute.

Für Vergleiche, ob ein heterocyclischer Baustein für die 4-Chloroxazolsynthese nach Gleichung (18) geeignet ist, wurde auch der Oxazol-4-carbaldehyd 144 synthetisiert. Dazu wurde der Ester 142 in drei Stufen nach Literaturangaben hergestellt. 71 Die Cyclodehydratisierung mit Thionylchlorid wird als Gabriel-Oxazolsynthese bezeichnet.

(63)

Die Reduktion des Esters 142 zum Aldehyd 144 konnte mit Diisobutylaluminiumhydrid (DIBAH) bei -78 °C in Ether durchgeführt werden. Jedoch fand unter diesen Bedingungen teilweise Überreduktion zum Alkohol 143 statt, und man isolierte den erwünschten Aldehyd lediglich in 52%-iger Ausbeute. Durch einen zweistufigen Prozeß über Reduktion zu 143 und Oxidation mit aktivem Braunstein konnte man 144 in 80% Ausbeute darstellen.

(64)

Für die Verwendung des Retrosynthese-Konzepts b) wurden die C2-Aldehyde Bromacetaldehyd 146 72 und Acetoxyacetaldehyd 148 73 synthetisiert. Beide Verbindungen sind literaturbekannt und lassen sich über Ozonolyse aus den entsprechenden Alkenen


56

darstellen. Dieses Verfahren ist der Hydrolyse von acetalischen Vorläufern überlegen, da man auf diese Weise die Aldehyde wasserfrei erhält. Beide Verbindungen sind oxidationsempfindlich, können aber bei -20 °C unter Schutzgasatmosphäre für ca. 10 Tage gelagert werden.

5.4 Umsetzung der Acylcyanide zu 4-Chloroxazolen

Davis et al. verwenden für die Synthese von 4-Chloroxazolen trockenen Diethylether, in dem Acylcyanid 34 und Aldehyd 35 gelöst werden. Anschließend wird die Reaktionsmischung bei 0 °C mit Chlorwasserstoff gesättigt und bei dieser Temperatur für 24 h gehalten.

Bei verschiedenen Umsetzungen wurde die Erfahrung gemacht, daß es beim Acylcyanid 127 notwendig ist, chlorierte Lösemittel zu verwenden, damit eine homogene Lösung vorliegt. Selbst bei polareren Ethern (z.B. Glyme) fallen ansonsten im Reaktionsverlauf Zwischenprodukte aus, die jedoch nicht isolierbar sind. Als günstig zeigten sich hingegen Dichlormethan und Dichlorethan. Letzteres wurde vor allem benutzt, um einen größeren Temperaturbereich untersuchen zu können. Es ergab sich jedoch, daß es notwendig ist, den Chlorwasserstoff bei Eisbadtemperatur einzuleiten. Anschließend kann man auf Raumtemperatur auftauen lassen. Eine weitere Erhöhung der Temperatur wirkt sich ungünstig auf das Ergebnis der Reaktion aus. Vermutlich ist dies in der mangelnden Stabilität den verschiedenen Zwischenstufen wie 123a und 123b begründet. 74

Des weiteren zeigte sich, daß man durch Zugabe von einem Äquivalent Bortrifluorid-etherat die Ausbeute erhöhen kann. Es ist zu vermuten, daß dadurch die Elektrophilie am Aldehyd 35 erhöht wird. In den Fällen, in denen es jedoch zu keiner Umsetzung von Aldehyd und Acylcyanid kam, ließ sich die Reaktion aber auch durch diesen Zusatz nicht erzwingen.


57

Die nachfolgende Tabelle zeigt, mit welchen Aldehyden die Reaktion (67) erfolgreich durchgeführt werden konnte und wo die Grenzen der Reaktion liegen.

(67)

<b>149</b>

151

152

136

<b>140</b>

<b>150</b>

<b>153</b>

<b>154</b>

155

<b>    156</b>
Ausbeute

48%

74%

36%

-//-

<b>149</b>

157

146

133

<b>144</b>

<b>150</b>

<b>158</b>

159

160

<b>161</b>
Ausbeute

77%

43%

-//-

-//-

So wurde mit Benzaldehyd 151 die Verbindung 153 erhalten; auch mit Acrolein 152 war die Reaktion zu Verbindung 154 erfolgreich. Ebenso konnte der Aldehyd 136, der einen maskierten Aminosäurerest in der Seitenkette trägt, zu Verbindung 155 erfolgreich umgesetzt werden. Es war uns aber nicht möglich, mit den Aldehyden 133, 140 und 144 zu den entsprechenden Produkten 160, 156 und 161 zu gelangen.

Man erkennt, daß es mit Aldehyden, die in der alpha-Position funktionalisiert sind, teilweise


58

zu Problemen kommt. Bei Aldehyd 133 ist dies leicht zu verstehen, da die Carbonylfunktion durch Bildung der tautomeren Enolform deaktiviert werden kann. Diese Möglichkeit wurde bei den alpha-Oximaldehyden 136 und 140 ausgeschalten. Die Gründe, warum jedoch nur die schwer zugängliche Verbindung 136 zur Reaktion gebracht werden kann, nicht aber 140, lassen sich nicht leicht finden. Zu vermuten ist, daß der Einfluß der beta-Estergruppe für die Umsetzung zum 4-Chloroxazol günstig ist.

Als Nebenprodukt der Reaktion (67) konnte nach Aufarbeitung teilweise das Ketoamid 162 als Hydrolyseprodukt des Acylcyanids 127 nachgewiesen werden. Insbesondere bei den Umsetzungen, die nicht zu den erwünschten Chloroxazolen führten, wurde 162 in bis zu 45% Ausbeute gefunden.

Das Konzept a) unter Darstellung des Chloroxazols mit einem C3-Aldehyd war aber nicht nur hinsichtlich der funktionellen Gruppen problematisch. Es führte auch zu Schwierigkeiten beim Aufbau des quaternären C10-Atoms (siehe Kapitel 6). Ein Ausweg bietet das Konzept b). Dabei muß das Acylcyanid 127 mit einem C2-Baustein zur Reaktion gebracht werden. Untersucht wurden die Umsetzungen mit Acetaldehyd 157 und Bromacetaldehyd 146. Damit wurden in guten Ausbeuten die Verbindungen 158 (77%) und 159 (43%) erhalten. Bei der Reaktion mit Acetaldehyd wurde außerdem Verbindung 163 in 6%-iger Ausbeute isoliert. Sie entstand wohl aus einer aldolartigen Addition eines weiteren Äquivalents Acetaldehyd mit anschließendem Substitution der Hydroxygruppe durch Chlorid.


59

Um den Einfluß der beiden heteroaromatischen Chlorsubstituenten auf die Geometrie der Verbindung zu untersuchen, wurde aus Verbindung 158 geeignete Kristalle für eine Röntgenstrukturanalyse gewonnen.

Um die Abstoßung der beiden Chlorsubstituenten (Cl 16 / Cl 17) zu verringern, sind die beiden heteroaromatischen Ringe nicht coplanar angeordnet, sondern weisen einen Diederwinkel von 45.6 ° auf (vgl. 60 ° im Diazonamid A). Die heterocyclischen Ringe selbst sind planar und entsprechen in ihrer Geometrie anderen Oxazolen 75 oder Indolen. 76 Der Abstand der beiden Chloratome Cl 16 und Cl 17 ist mit 3.41 Å um 0.11 Å geringer verglichen mit der theoretischen Summe der van der Waals Radien von zwei Chloratomen (1.76 Å + 1.76 Å). 77 In einer planaren Projektion der beiden Heterocyclen wäre der Abstand jedoch auf 2.60 Å verkürzt.

Um die Verdrillung der Heterocyclen und den dadurch bedingten Verlust an Resonanzstabilisierung zu vermindern, liegen die beiden Chloratome nicht vollständig in der Ebene der entsprechenden Heterocyclen. So ragt Cl 16 um 0.06 Å über die Ebene des Oxazolrings hinaus, während Cl 17 um 0.08 Å auf die entgegengesetzte Seite des Indolrings verschoben ist. Der Abstand von 1.44 Å zwischen C3 und C10 läßt erkennen, daß die Bindung zwischen den beiden heterocyclischen Ringsystemen einen gewissen Grad an Konjugation aufweist.


60

Um Rückschlüsse auf den Einfluß des 2-Chlorindolyl-Substituenten in 127 auf die Reaktivität des Acylcyanids zu erhalten, wurde die Chloroxazol-Synthese auch mit kommerziell erhältlichem Benzoylcyanid 164 durchgeführt. Da es keinen o-Substituenten trägt, kann das neu entstehende 4-Chloroxazol eine coplanare Lage zum Phenylring einnehmen. Motivation für die Synthese der 5-Phenyl-4-Chloroxazole war zudem die Möglichkeit, Folgereaktionen an einfach zugänglichen Verbindungen zu testen. Diese Folgereaktionen werden in Kapitel 5.5 näher beschrieben.

(68)

<b>165</b>

Ausbeute

<b>144</b>

<b>166</b>

-//-

157

<b>167</b>

44%

146

<b>168</b>

55%

152

<b>169</b>

20%

148

170

65%

Man erkennt, daß wiederum nur Aldehyde erfolgreich umgesetzt werden konnten, die auch mit dem Indolylacylcyanid 127 reagierten. Die Ausbeuten der entsprechenden Reaktionen sind vergleichbar. Offensichtlich werden die 4-Chloroxazol-Synthesen durch sterisch anspruchsvolle Substituenten am Acylcyanid nicht behindert, während sich voluminöse Reste am Aldehyd störend auswirken.


61

5.5 Folgereaktionen der 4-Chloroxazole

Als einfachste Form der Derivatisierung der neugebildeten Chloroxazole wurde die Stabilität der Troc-Schutzgruppe am Indolring untersucht. Dies ist notwendig, da man im weiteren Syntheseverlauf sicherlich von der säurestabilen Troc-Gruppe am Indolring auf eine basenstabile Schutzgruppe wechseln müßte. Es ergab sich, daß die Troc-Funktion sehr leicht unter milden Bedingungen abgespalten werden konnte. Es genügte, 158 bei Raum-temperatur in methanolischem Natriumhydroxid zu lösen, um in nahezu quantitativer Ausbeute das freie Indol 171 zu erhalten. Verglichen mit aliphatischen Aminen läßt sich hier die Troc-Funktion leichter entfernen, da der N-Indolyl-Rest als Carbamat-Sustituent eine gute Abgangsgruppe darstellt.

(69)

Unter gleichartigen Bedingungen wurde auch bei Verbindung 154 die Schutzgruppe abgespaltet. Gleichzeitig wurde durch Eliminierung von HCl die Doppelbindung am Oxazol so wiederhergestellt, wie sie im Ausgangsstoff Acrolein vorhanden gewesen ist.

(70)

Diese Bedingungen ließen sich nicht auf das phenylsubstituierte Oxazol 169 übertragen. Statt einer Eliminierung kam es hier zu einer Substitution des Chloratoms durch einen Methoxyrest.


62

(71)

Mit dem Ethylenrest im Oxazol 172 bietet sich ein interessanter Anknüpfungspunkt für Funktionalisierungen, die später für die angestrebte Totalsynthese genutzt werden könnten. Leider erwies es sich als unerwartet schwierig, die Doppelbindung zu nutzen. So führten die Bedingungen einer Wackerreaktion nicht zum erwünschten Molekül 175, sondern zu einer Vielzahl von Nebenprodukten.

(72)

Auch mehrere Versuche zur Aminohydroxylierung von 172 ergab nicht den angestrebten Aminoalkohol, sondern führte nur zu Zersetzung des Ausgangsmaterials. 78 Dabei wäre das Zielmolekül 176 in der erforderlichen Weise für die Acylierungsreaktion (48) der Konzeption a) substituiert. Es hätte nämlich nur die Hydroxyfunktion des geschützten Aminoalkohols in ein geeignetes Carbonsäurederivat überführt werden müssen.

(73)

Es war jedoch möglich, aus der Doppelbindung des 2-Vinyloxazols 172 durch Ozonolyse den Aldehyd 177 zu erhalten. Trotz der milden Bedingungen konnten mit 36% nur mäßige


63

Ausbeuten erzielt werden. Dies ist vermutlich auf die Oxidierbarkeit des Indolrings zurückzuführen. Bei einer Wiederholung des Versuchs sollte sich deshalb am Indol-Stickstoff eine elektronenziehende Schutzgruppe befinden. Dies würde auch die Stabilität der Verbindung 177 erhöhen, die sich bei RT nur für ca. einen Tag unzersetzt lagern läßt.

(74)

Um der Verwendbarkeit von 4-Chloroxazolen als Acylierungsmittel gemäß Konzeption a) nachgehen zu können, wurde die Methylgruppe in Verbindung 167 um eine Estergruppe verlängert.

(75)

Dazu wurde die benzylische Methylgruppe mit LDA deprotoniert und mit Chlorameisensäuremethylester als Elektrophil umgesetzt. Den Oxazolyl-essigsäuremethylester 178 erhielt man in 44% Ausbeute. Dieser konnte durch wässrige Hydrolyse in quantitativer Ausbeute in die Carbonsäure 179 umgewandelt werden.

Für die Konzeption b) sollte ein Chloroxazol mit einer Nitromethylgruppe die Funktion des Synthons 112 ermöglichen, d.h. seine Verwendung als C,H-acides Nukleophil. Diese Verbindung konnte durch nukleophile Substitution synthetisiert werden.

Während die Bedingungen nach Kornblum et al. 79 mit DMF als Lösemittel nur zu Zersetzung führten, konnten befriedigende Ausbeuten mit Natriunitrit in DMSO erzielt werden. Die Verwendung von Silbernitrit in unpolaren Lösemittel wie Diethylether oder Toluol unter PTC führten zu keiner Umsetzung. Als alternative Nitritquelle bot sich mit Nitrit beladener Ionenaustauscher an (Amberlyst A26).


64

(76)

Für das phenyl-substituierte Oxazol 168 erhielten wir das erwünschte Produkt 180 mit NO2¯ auf polymeren Träger in DMSO in 36%iger Ausbeute, mit NaNO2 in 50%iger.

Die Umsetzung des dem Diazonamidgerüst ähnlicherem 159 lieferte vergleichbare Ergebnisse. Verbindung 181 konnte in 43% Ausbeute mit Nitrit in homogener Lösung isoliert werden und mit 35%-iger Ausbeute bei der Verwendung von NO2¯ am Ionenaustauscher.

(77)

Der Baustein 181 ist weitgehend den Erfordernissen des Synthesekonzepts angenähert. Die Reaktionen, die zu 181 führten, sollen sich auf entsprechende Verbindungen übertragen lassen, bei denen sich in der 4-Position des Indolrings eine Abgangsgruppe für eine spätere Diarylkupplung befindet.


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Wed Oct 18 14:57:25 2000