5 Schlussbetrachtungen

↓210

5.1  Zu Problemen der wissenschaftlich-empirischen Methode des Interviews

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft kennt vier wesentliche Bereiche, die im Einzelnen und in ihrem Zusammenspiel das Antwortverhalten der Teilnehmer einer Untersuchung beeinflussen: die unzureichende K o operationsbereitschaft, die durch Ort und eventuelle besondere Umstände gekennzeichnete Gesprächssituation, das Verhalten des Interviewers und das der Befragten.254 Alle vier Aspekte haben somit Auswirkungen auf das Untersuchungsergebnis und sollen deshalb nachstehend bezogen auf vorliegende Arbeit betrachtet werden. Wann entscheidet sich ein potentieller Teilnehmer, ob er an einer Untersuchung teilnimmt oder nicht? Dies passiert im Allgemeinen im ersten Moment des Kontaktierens. Somit ist es von entscheidender Wichtigkeit, diesen Prozess so optimal wie möglich zu gestalten. In vorliegender Arbeit wurde deshalb beispielsweise der Leitfaden des Gesprächs auf dem Einladungs-Flyer bereits mit aufgedruckt. So wusste jeder potentielle Teilnehmer, was ihn erwartet. Er konnte sich, wenn er dies wollte, entsprechend vorbereiten und der gesamten Situation wurde somit von Anfang an die Unbehaglichkeit, die von etwas Neuem ausgehen könnte, genommen. In der Literatur genannte und hinlänglich bekannte Maßnahmen zur Erhöhung der Teilnahmebereitschaft, wie beispielsweise das Appellieren an die Hilfsbereitschaft, das Benennen von Zeitspannen, das Zusichern der ausschließlichen Verwendung der Aussagen im Rahmen dieser Arbeit, fanden ihre Berücksichtigung. Den potentiellen Teilnehmern aus dem Sample „Einwohner der Stadt Wolgast“ wurde das kostenlose Ausstellen eines Benutzerausweises mit einjähriger Gültigkeit in Aussicht gestellt. Dies zumindest schien einige zur Teilnahme motiviert zu haben. Andere, die nicht teilnahmen, vermuteten darin eine von vielen, mittlerweile sehr unbeliebten Werbeaktionen. Trotz dieser Bemühungen konnte die erreichte Bereitschaft zur Teilnahme nicht zufrieden stellen. Aus dem Sample „Stadtvertreter/leitende Verwaltungsangestellte/Bibliotheksmitarbeiter“ waren 54% der Stadtvertreter, 67% der leitenden Verwaltungsangestellten und 67% der Bibliotheksmitarbeiter zu einem Interview bereit. Aus dem Sample „Einwohner der Stadt Wolgast“ konnten 6,4% und aus dem Sample „Benutzer mit Wohnsitz in Wolgast“ 19,3% zur Teilnahme motiviert werden. Konnten im erstgenannten Sample noch Mehrheiten erreicht werden, war dies bei den beiden letztgenannten nicht möglich. Deshalb wurde ein Versuch gemacht, Gründe in Erfahrung zu bringen. Aus dem Sample „Benutzer mit Wohnsitz in Wolgast“ wurden 45 Personen durch zwei Bibliotheksfachangestellte zu ihren Gründen für eine Teilnahmeverweigerung befragt. Es wurde zugesichert, dass diese Gründe nicht mit dem jeweiligen Namen des Befragten zusammen gespeichert werden. 27 Personen gaben an, terminlich verhindert gewesen zu sein, neun hatten den Termin vergessen, einer kam aus Gründen mangelnder Kenntnisse der deutschen Sprache nicht, zwei hatten kein Interesse und jeweils drei waren krank bzw. behaupteten, keine Einladung erhalten zu haben. Hier zeigt sich, dass diese Antworten wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, Möglichkeiten zu finden, die Teilnahmebereitschaft zu verbessern. Warum diese Benutzer nicht teilgenommen haben, ließ sich nicht wirklich feststellen. Ein Lösungsansatz, wie die Teilnahmebereitschaft erhöht werden könnte, konnte deshalb nicht gefunden werden. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit gewesen, auch den potentiellen Teilnehmern aus dem Sample „Benutzer mit Wohnsitz in Wolgast“ eine geldwerte Gegenleistung anzubieten, wie in der Vorjahresuntersuchung geschehen. Die damit verbundenen negativen Erfahrungen und das Problem, dass sich die Teilnehmer dann nicht nur zur Teilnahme sondern auch zu einem bestimmten Antwortverhalten verpflichtet fühlen könnten, führten dazu, dies nicht umzusetzen. Dem Problem Antworten zu erhalten, die sich am sozial Erwünschten orientieren, wurde in der Gesprächsituation versucht zu begegnen, indem dem Teilnehmer Gelegenheit gegeben wurde, lange Zeit ohne unterbrochen zu werden, zu reden. Anfang und Ende des Gesprächs konnten so auf eine eventuelle Widersprüchlichkeit hin untersucht werden. Auch der Ort des Gespräches und die Begleitumstände sind Faktoren, die Antworten beeinflussen. Die Gespräche mit einem von dreizehn Stadtvertretern und vier von fünf leitenden Verwaltungsangestellten fanden nicht in der Stadtbibliothek Wolgast statt, sondern in der Wohnung des Stadtvertreters bzw. in den Büros der leitenden Verwaltungsangestellten. Die Gespräche mit allen anderen Teilnehmern wurden ausschließlich in der Stadtbibliothek durchgeführt. So konnten Ort und Thema aufeinander abgestimmt werden und eine optimale Atmosphäre geschaffen werden. Schwieriger war es, bestimmte Begleitumstände, wie die Anwesenheit weiterer, nicht eingeladener Personen, in ihren Auswirkungen auf das Gespräch zu relativieren. Dies wurde versucht, indem diesen Anwesenden durch diplomatische Gesprächslenkung möglichst wenig Gelegenheit an der Gesprächsbeteiligung gegeben wurde, um das Beeinflussen des Gesprächs durch sie gering zu halten. Auch war das Interviewerverhalten in besonders hohem Maße darauf gerichtet, sich so weit wie möglich zurückzunehmen, um nicht Antworten zu suggerieren. Dieses Bestreben wurde auch dadurch unterstützt, dass die Fragen den Teilnehmern vorher bekannt waren. Die Befragten konnten so erzählen, was ihnen wirklich wichtig war und waren nicht in der Situation, überraschend antworten zu müssen. Diese Strategie hat sich größtenteils bewährt und hinsichtlich des Themenfeldes, das sich fast auf den gesamten Lebensbereich der Teilnehmer bezieht, scheint sie auch besonders geeignet gewesen zu sein. Niemand würde über sein Leben unter Zeitdruck erzählen, noch möchte er es reduziert auf ein kurzes Frage-Antwort-Schema sehen.

5.2 Zum Problem der Verallgemeinerung vorliegender Untersuchungsergebnisse

↓211

Zwei Gründe führen dazu, dass jede verallgemeinernde Schlussfolgerung aus vorliegenden Untersuchungsergebnissen nur einen hypothetischen Aussagewert haben kann. Zum einen ist es unmöglich, Ergebnisse aus qualitativen Untersuchungen zu verallgemeinern.255 Zum anderen sind Aussagen, die sich auf das Soziale beziehen, immer probalistische Aussagen, dass heißt sie sind mit Wahrscheinlichkeit wahr. 256 Diese Aussagen sind an bestimmte Bedingungen geknüpft, aus denen die Einschränkungen resultieren. Gleichzeitig lässt dies aber auch die Frage zu, inwieweit unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Ergebnisse wahrscheinlich sind. Sind die Aussagen dieser Untersuchung verallgemeinerbar auf ähnliche Bibliotheken? In Beantwortung dieser Frage wird vom „Einzelnen“ auf das „Allgemeine“ geschlossen. Es handelt sich demzufolge um einen induktiven Weg der Erkenntnisgewinnung, der zu Aussagen mit Wahrscheinlichkeitsstatus führt. Dies bedeutet, wenn die Stadtbibliothek Wolgast als ein Teil der Gesamtheit bundesdeutscher Öffentlicher Bibliotheken begriffen wird, der typisch für diese Gesamtheit ist, dann könnten die Aussagen auch für andere Öffentliche Bibliotheken gelten. Diese Hypothese kann nur durch weitere Untersuchungen bestätigt oder widerlegt werden. Weitere Untersuchungen liegen bisher aus dem angloamerikanischen Bereich vor. Auf aktuelle Problemfragen wird abschließend eingegangen.

5.3 Aktuelle Fragestellungen

Themen aktueller Wirkungsforschung hinsichtlich sozialer Wirkungen sind nach wie vor die „Beschreibung des Auftrages und der Zielstellung einer Bibliothek als Maßstab für die festgestellten Wirkungen“, das „Verhältnis von Wirkungen und Bibliotheksdienstleistungen“ und die methodischen Möglichkeiten, Wirkungen festzustellen.

Eine Untersuchung, die eine Vielzahl von Public Libraries einbezieht, ist im Jahr 2001 in den USA durchgeführt worden. Am Counting on Results – Projekt beteiligten sich 45 Public Libraries, repräsentativ für 20 Staaten aus allen fünf Hauptregionen der USA. Ein Hauptziel dieser ausführlichen und detailreichen Untersuchung bestand darin, eine neue Arbeitshilfe für eine outcome-based evaluation zu entwickeln und zu testen. Der Ansatz war, von den „Service Response“ auszugehen und zu zeigen, dass es möglich ist, jedem einzelnen „Service Response“ entsprechende Wirkungen zuzuordnen. 257 Sechs aus den in vorliegender Arbeit bereits kurz vorgestellten 13 „Service Response“ - Basic Literary , Business and Career Information, Commons (Library as a Place ), General Information, Information Literary, Local History and Genealogy– bildeten die Grundlage für das weitere Vorgehen. Outputs und Aktivitäten der Bibliotheken wurden ermittelt und im Zusammenhang mit Berichten der Bibliotheksbenutzer über Nutzung und Nutzen betrachtet. Die Befragungen wurden mittels online-Fragebogen bzw. einer Postkarten-Variante dieses Fragebogens durchgeführt. Die Ergebnisse wurden insgesamt, sowie nach weiteren Merkmalen, wie Alter und Geschlecht der Befragten ausgewertet und zeigten, dass 74% die „Lesefreude“ als ein Ergebnis ihrer Bibliotheksbenutzung ansahen. 56% nannten das „Dazulernen“ für ihre persönlichen Interessen, 46% das „Finden von Informationen, die im Rahmen einer Schulausbildung oder Berufstätigkeit oder ähnlichem gebraucht werden“ als Wirkung.258 Ein Ergebnis der Untersuchung bestand im Entwickeln eines standardisierten Fragebogens auf der Grundlage der geschilderten Wirkungen. In Auswertung der Untersuchung wurde es als problematisch angesehen, dass einige Bezeichnungen für die „Service Response“ den Status eines Überbegriffes haben, andere wiederum sind schwierig voneinander abzugrenzen.259 Bezüglich des Benennens von Auftrag und Zielen besteht ein weiterer Klärungsbedarf.

↓212

Die Dienstleistungen ausgewählter Bibliotheken hinsichtlich ihrer lernunterstützenden Funktion innerhalb eines speziellen Bereiches untersuchte eine Studie aus Großbritannien aus dem Jahr 2002. Das Ziel dieser Untersuchung war es, die Bedeutung der Bibliotheken für das Lernen von „Erwachsenen ohne formalen Bildungsabschluss“ zu erforschen. Die zentralen Fragen waren: Wie können Bibliotheken eine Hilfestellung für diese Erwachsenen sein? Inwieweit können Bibliotheken eine Ressource für informelles wie formelles Lernen sein? Die Studie ermittelte, dass diese Erwachsenen die Bibliotheken vorwiegend für ihre Freizeitinteressen nutzten und sie das Potential der Bibliothek als Lernumgebung in geringerem Maße wahrnahmen. Aus der Situation der Arbeitslosigkeit heraus, erkannten jedoch viele die lernunterstützenden Möglichkeiten der Bibliothek. Allerdings benötigten diese Erwachsenen spezielle Angebote - besonders hinsichtlich des Bereiches des Entwickelns von Fertigkeiten - die nicht in jeder untersuchten Bibliothek vorhanden waren. 260

Die Vorgehensweise in dieser Untersuchung war durch einen Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Methoden bestimmt. In zwei Kommunalverwaltungen Englands wurden Fragebögen an Lernende und an Bibliotheksbenutzer versandt. Eine Auswahl dieser mittels Fragebogen Befragten wurde interviewt. Ein weiterer Fragebogen diente der Untersuchung, inwieweit Bibliotheken über die entsprechenden Ressourcen verfügen.261 Im Unterschied zur erstgenannten Untersuchung aus den USA, die aus Benutzersicht evaluierte, wurden durch diesen methodischen Ansatz verschiedene Perspektiven berücksichtigt. Ein Methodenmix scheint ein vielfach gewählter Ansatz zu sein262 und ist sicher ein erkenntnisreicher Weg, um komplexe „Gegenstände“ zu erforschen. Dabei gehen die Studien vom gesellschaftlich Gewünschten aus. Damit ist im Bereich der Öffentlichen Bibliotheken eine outcome-based evaluation auch eine community-based evaluation .

Der Versuch diesen Ansatz auf bundesdeutsche Gegebenheiten zu übertragen, ist bezogen auf das Beispiel „Stadt Wolgast“ schwer umsetzbar gewesen. Daraus ergeben sich wichtige weitere Fragestellungen nachfolgender Forschung:

↓213

Das Darstellen der Leistung einer Bibliothek mittels Wirkungsmessung ist dabei ein wichtiger Ansatz, der auch für eine entsprechende Argumentation nutzbar ist.


Fußnoten und Endnoten

254  Vgl. Möhring, W./Schlütz, D., Befragung, 2003, S. 45-71.

255  Vgl. Patton, M.Q., methods, 1987, S. 167.

256  Vgl. Brosius, H.-B./Koschel, F., Kommunikationsforschung, 2003, S.26.

257  Vgl. Results, 2002, S.17.

258  Vgl. Results, 2002, S.85.

259  Vgl. Results, 2002, S.104-105.

260  Vgl. Proctor, R./Bartle, C., Learners, 2002, S.7-12.

261  Vgl. Proctor, R./Bartle, C., Learners, 2002, S.37.

262  Vgl. Eve, J./Brophy, P., Value, 2001, S.25-30. Vgl. Hull, B., Barriers, 2000, S.20-22.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
09.07.2007