Neuropsychologie der Zwangserkrankung:
Störungsspezifische oder depressionsbedingte Defizite?

Dissertation

zur Erlangung des akademischen Grades
im Fach Psychologie

eingereicht an der
Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II
der Humboldt-Universität zu Berlin

von

Dipl. Psych. Friederike   Rampacher, geb. Buhtz
geb. 23.06.1974 in Zwickau

Präsident/ Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin:

Prof. Dr. C. Markschies

Dekan/ Dekanin der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II:
Prof. Dr. W. Coy

Gutachter:
1. Prof. Dr. N. Kathmann
2. PD Dr. Dr. R. Beyer
3. PD Dr. M. Wagner

eingereicht am: 04.05.2006

Datum der Promotion: 17.11.2006

Zusammenfassung

Patienten mit Zwangserkrankung (Obsessive Compulsive Disorder, OCD) weisen selektive Defizite in der Verarbeitung komplexer visueller Informationen sowie im Bereich der Exekutivfunktionen auf, die zum Teil auf die depressive Begleitsymptomatik zurückzuführen sind.

Das Ziel dieser Untersuchung bestand darin, die kognitiven Defizite bei OCD-Patienten zu identifizieren, die ein spezifisches Korrelat der Zwangssymptomatik in Abgrenzung zu Patienten mit unipolar depressiver Symptomatik darstellen. Zusätzlich wurde untersucht, inwiefern depressive Begleitsymptomatik, Einfluss der Krankheitsschwere, Ersterkrankungsalter sowie eine familiäre Häufung von Zwangssymptomatik unter Angehörigen ersten Grades die kognitiven Leistungen von OCD-Patienten modulieren.

Vierzig OCD-Patienten, 20 MD-Patienten sowie 40 gesunde Kontrollprobanden wurden hinsichtlich sieben kognitiver Domänen neuropsychologisch untersucht. Innerhalb der OCD-Stichprobe wurden die Leistungen von hoch- und niedrigdepressiven OCD-Patienten nach BDI-Mediansplit (MedianBDI = 15,5) sowie von Patienten mit vs. ohne familiäre Häufung der Erkrankung einander gegenübergestellt.

Die OCD-Patienten zeigten Beeinträchtigungen gegenüber Gesunden in allen untersuchten Bereichen bis auf die Domäne Verbales Gedächtnis. Die Defizite in den Domänen Visuelle Organisa tion und Problemlösen/Arbeitsgedächtnis erwiesen sich spezifische Korrelate der Zwangssymptomatik. Die MD-Patienten wiesen ein mit den OCD-Patienten überlappendes Defizit in der Domäne Verbale Flüssigkeit auf. In der OCD-Gruppe ergab sich eine negative Korrelation zwischen der aktuellen Schwere der Zwangsgedanken und der Domäne Visuelle Organisation. Das Ersterkrankungsalter korrelierte negativ mit der Domäne Visuomotorik/ Aufmerksamkeitswechsel. Es bestand kein bedeutsamer Einfluss der depressiven Begleitsymptomatik sowie der familiären Häufung von Zwangssymptomen auf die kognitiven Leistungen.

Anhand dieser Arbeit wurde belegt, dass es sich bei den Defiziten der OCD-Patienten hinsichtlich der visuellen Gestalterfassung sowie der mentalen Manipulation komplexer visuell kodierter Information um spezifische Merkmale der Zwangserkrankung in Abgrenzung zu milden Formen unipolarer Depression handelt. Eine leichte depressive Begleitsymptomatik mindert die kognitiven Leistungen von zwangserkrankten Patienten nicht zusätzlich.

Abstract 

Patients suffering from Obsessive Compulsive Disorder (OCD) show selective deficits both in the processing of complex visual information and concerning their executive functions. Patients with Major Depression (MD) were found to have, in parts, similar impairments. Other studies had suggested that concomitant depression is in large parts responsible for the functional impairments found in OCD patients concerning attention and executive functions. The aim of the present study was to identify those cognitive deficits in OCD patients which are a correlate specific to OCD, as opposed to MD patients. We also looked at the influence of the following factors on the cognitive functions of OCD patients: concomitant depression, severity of the disorder, age at onset, and the occurrence of OCD symptoms among immediate family.

Forty OCD patients, 20 MD patients, and 40 healthy controls underwent several neuropsychological tests and were compared across seven cognitive domains. For the OCD sample, results of highly and slightly depressive OCD patients, according to BDI median split (medianBDI = 15.5) were compared, as were those of patients with and without a family history of the disorder.

OCD patients showed impairments across all domains, not including Verbal Memory. The deficits in the domains Visual Organisation and Problem Solving / Working Memory were found to be specific correlates of obsessive-compulsive symptoms. MD patients had a deficit in Verbal Fluency similar to that of OCD patients, otherwise performance was unremarkable. Within the OCD group, we found a negative correlation between the current severity of obsessive thoughts and the domain Visual Organisation. Age at onset had a negative correlation with the domain Visual Motor Speed / Attentional Set Shifting. Neither concomitant depression nor a family history of OCD symptoms were found to influence cognitive performance.

The study proved that the deficits of OCD patients concerning visual organisation and mental manipulation of complex, visually coded information are features specific to this disorder, in delimitation from mild forms of major depression. Furthermore, it became obvious that the light concomitant depression often found in OCD patients does not further impair their cognitive functions.

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21.01.2008