1 Einleitung

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Die Symptomatik der Zwangserkrankung (Obsessive Compulsive Disorder: OCD) besteht in wiederkehrenden aufdringlichen Gedanken (obsessions), die mit starken Angst- und Unruhegefühlen einhergehen. Zu den häufigsten Zwangsgedanken zählt die Furcht, sich durch Berührung von Gegenständen oder anderen Personen zu infizieren oder zu verschmutzen, die Furcht vor aggressiven Impulsen sich selbst oder anderen gegenüber oder die Angst, durch unachtsames Verhalten Katastrophen wie Brände oder Einbrüche verursacht zu haben. Zur Reduktion der unangenehmen Gefühle reagieren die Betroffenen mit ritualisiertem Verhalten, den Zwangshandlungen (compulsions). Dazu gehören übertriebenes Waschen oder Putzen, oder sie überprüfen, ob sie keine Unfälle verursacht haben. Andere kontrollieren immer wieder, ob Türen verschlossen und elektrische Geräte ausgeschaltet sind. Auch ständiges Ordnen und das Horten von Gegenständen zählen zu den Zwangshandlungen. Die Zwangsrituale haben oft nur für kurze Zeit eine beruhigende Wirkung und müssen deshalb häufig wiederholt werden. Typischerweise zweifeln zwangserkrankte Patienten daran, ob sie ihrer Wahrnehmung trauen können oder ob sie die Zwangshandlungen korrekt vollzogen haben (American Psychiatric Association, 1994). Mit einer Lebenszeitprävalenz von 2 bis 3% in der Allgemeinbevölkerung ist die Zwangsstörung die vierthäufigste psychische Erkrankung (Rasmussen et al., 1997). Häufig beginnt sie schon im Kindes- oder Jugendalter und hat meistens einen chronischen Verlauf, wobei die Stärke der Symptome oszilliert und die Art der Zwänge wechseln kann. In selteneren Fällen verläuft die Erkrankung episodisch mit völliger Symptomfreiheit zwischen den Krankheitsphasen (American Psychiatric Association, 1994).

Im Streben nach einem besseren Verständnis der pathophysiologischen Grundlagen der Zwangserkrankung gab es in den vergangenen Jahren eine rege interdisziplinäre Forschungstätigkeit. Ergebnisse von Studien, die bildgebende Verfahren einsetzten, legen einen funktionellen reversiblen Hypermetabolismus im orbitofrontalen präfrontalen Kortex sowie striatalen Arealen als biologisches Korrelat der Erkrankung nahe (Saxena, Bota et al., 2001). Mit Hilfe neuropsychologischer Untersuchungen wurde der Frage nachgegangen, ob bei den betroffenen Patienten Veränderungen kognitiver Leistungen bestehen, die Rückschlüsse auf die zugrunde liegenden hirnphysiologischen Auffälligkeiten zulassen und die die von den Patienten erlebte Symptomatik erklären könnten.

Bisherige neuropsychologische Untersuchungen an OCD-Patienten weisen auf ein Muster selektiver Leistungsminderungen im Bereich der exekutiven Funktionen sowie der Verarbeitung visueller Informationen hin (Kuelz et al., 2004). Da die Befunde jedoch eine Vielzahl divergierender Ergebnisse aufweisen, richten sich gegenwärtige Bemühungen auf die Identifikation von Einflussfaktoren, anhand derer sich diese Heterogenität erklären lässt. Eine bedeutsame Moderatorvariable stellt vermutlich die komorbid bestehende depressive Symptomatik dar, unter der eine Vielzahl der OCD-Patienten leidet. Es ist bekannt, dass depressive Symptome allein bereits zu Beeinträchtigungen kognitiver Leistungen beitragen (Austin et al., 1992; Channon et al., 1993; Fossati et al., 1999; Neu et al., 2001; Porter et al., 2003). Bisher ist erst unzureichend untersucht, welcher Anteil der neuropsychologischen Defizite bei Patienten mit Zwangserkrankung tatsächlich auf die Zwangssymptomatik selbst zurückzuführen ist und inwiefern die Beeinträchtigungen ein Korrelat der depressiven Begleitsymptomatik darstellen. Die hier vorgestellte Arbeit soll dazu dienen, spezifische, mit Zwangssymptomen assoziierte kognitive Defizite zu identifizieren, die unabhängig von der Schwere der depressiven Begleitsymptomatik auftreten und hinsichtlich derer sich OCD-Patienten von Patienten mit unipolar depressiver Symptomatik ohne Zwangsstörung unterscheiden.


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21.01.2008