4 Ergebnisse

4.1 Deskriptive Ergebnisse

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In Tabelle 1 finden sich die deskriptiven Daten für die in dieser Studie untersuchten Patienten. Deutlich wird, dass es sich um eine Stichprobe hohen Alters mit niedrigem kognitiven Status und hohen Beobachtungswerten in der motorischen Unruhe handelt.

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Dies wird auch in den aktometrisch gemessenen Aktivitätsmustern für jeden einzelnen Patienten für den jeweils ersten Tag nach Aufnahme deutlich, die in Abbildung 5 dargestellt sind.

Hier zeigen sich in erster Linie eine Störung des Tag-Nacht-Rhythmus (dargestellt an der hohen motorischen Aktivität in den Nachtstunden) sowie hohe Aktivitätsspitzen und lang andauernde Aktivitätsphasen, die für repetitive motorische Verhaltensstörungen charakteristisch sein können.

Hinsichtlich der Fragestellung, ob sich Patienten in Parametern der circadianen Rhythmik unabhängig vom kognitiven Status und der Schwere der motorischen Verhaltensstörung unterscheiden, interessiert deskriptiv in erster Linie, ob für die genannten Merkmale Gruppenunterschiede zwischen Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ und einer vaskulären Demenz vorlagen.

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In Tabelle 2 finden sich die Mittelwerte für das Alter, die behavioralen und aktometrischen Daten, sowie den kognitiven Status für beide Gruppen.

Tabelle 1. Individuelle Daten zu Alter, Kognition, und motorischen Verhaltensstörungen bei den untersuchten Patienten am Aufnahmetag. B-AD steht für BEHAVE-AD, CB für COBRA, mot für motorisch, psy für psychopathologisch, sum für Summenwert. VD bezeichnet die Diagnose vaskuläre Demenz, AD die Diagnose Demenz vom Alzheimer-Typ.

Abbildung 5. Rohdaten der Aktivitätsprofile (Impulse/min) bei den untersuchten Patienten am ersten Messtag.

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Tabelle 2. Gruppenmittelwerte und Standardabweichungen (in Parenthese) zu Alter, Kognition, und Maßen von Verhaltensstörungen bei den untersuchten Patienten am Aufnahmetag. B-AD steht für BEHAVE-AD, CB für COBRA, mot für motorisch, psy für psychopathologisch, sum für Summenwert. MA bezeichnet die mittlere Gesamtaktivität, L5 die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden, und M10 die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden.

4.1.1 Unterschiede zwischen Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ und einer vaskulären Demenz hinsichtlich Alter und kognitivem Status

Beide Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich ihres Alters (t(8) =0.68, p = .51). Obgleich numerisch ein Unterschied zwischen den MMSE Werten in den beiden Patientengruppen bestand, war dieser nicht statistisch bedeutsam (t(8) = 1.66, p = .16). In beiden Gruppen fanden sich sehr niedrige Werte, die für einen insgesamt sehr niedrigen kognitiven Status (schwere Demenz) sprechen.

4.1.2 Unterschiede zwischen Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ und einer vaskulären Demenz in der Schwere der motorischen Verhaltensstörungen

Schwere der Verhaltensstörung. Für die erhobenen Beobachtungswerte der Verhaltensstörungen fanden sich in den Summenwerten keine Unterschiede. Dies gilt sowohl für den Summenwert der BEHAVE-AD (t(8) = 0.80, p = .45), ihre Subskalen motorisch (t(8) = 1.66, p = .14) und psychopathologisch (t(8) = 0.84, p = .43), wie auch für die COBRA (t(8) = 0.48, p = .64), und ihre Subskala psychopathologisch (t(8) = 0.40, p = .70). Für die Subskala motorisch ergab sich jedoch ein signifikanter Unterschied (t(8) = 2.43, p < .05) in Richtung höherer motorischer Aktivität bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ. Für beide Instrumente wurden hier Häufigkeitsratings verglichen.

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Aktivitätsniveau.In der aktometrisch gemessenen mittleren Gesamtaktivität, sowie in den Variablen M10 (Aktivität in den 10 aktivsten Stunden) und L5 (Aktivität in den 5 am wenigsten aktiven Stunden) fanden sich ebenfalls keine bedeutsamen Gruppenunterschiede. Die Kennwerte waren für die M10 (t(8) = 1.95, p = .10), für die L5 (t(8) = 0.56, p = .56), und für die mittleren Gesamtaktivität (t(8) = 1.78, p = .12) statistisch nicht signifikant. Es sei jedoch angemerkt, dass bei niedriger Gruppenstärke in dieser Untersuchung die Signifikanzniveaus der M10 und der mittleren Gesamtaktivität als marginale Trends gewertet werden können.

Zusammenfassung.Im mittleren Aktivitätsniveau, aktometrisch erhoben in den Variablen M10 (Aktivität in den 10 aktivsten Stunden), und der mittleren Gesamtaktivität, sowie in der motorischen Unruhe, mittels Fremdrating durch nahe Angehörige erhoben, ergaben sich statistische Kennwerte, die darauf hinweisen, dass in der Gruppe der Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ zumindest numerisch ein höheres Aktivitätsniveau vorlag. Bei der Beantwortung der Frage, ob bei dieser Gruppe ein spezifisches Muster der circadianen Rhythmik vorliegt, wird somit für die Schwere der motorischen Unruhe zu kontrollieren sein.

4.2 Reliabilität der behavioralen Messung von Verhaltensstörungen

Die Test-Retest Reliabilität für die Skalen (erhoben zwischen Tag 2 und Tag 3) war insgesamt zufriedenstellend. Für den Summenwert der BEHAVE-AD Skala, sowie für den motorischen und den psychopathologischen Subscore war sie hoch (BEHAVE-AD (sum): rtt = .87, p < .001; BEHAVE-AD (psy): rtt = .83, p < .001; BEHAVE-AD (beh): rtt = .84, p < .001). Angesichts der vergleichsweise niedrigen Variabilität in den Gruppen kann davon ausgegangen werden, dass die Test-Retest Reliabilität hier als ein guter Schätzwert der Reliabilität gelten kann.

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Die interne Konsistenz, die sowohl für die BEHAVE-AD, als auch für die COBRA-Skala berechnet werden konnte, war moderat für die BEHAVE-AD Skala und ihre Subscores (BEHAVE-AD (sum): α = .67; BEHAVE-AD (psy): α = .61; BEHAVE-AD (beh): α = .70), aber hoch für die COBRA Skala und die entsprechenden Subscores (COBRA (sum): α = .74; COBRA(psy): α = .67; COBRA (beh): α = .84).

4.3 Reliabilität der aktometrischen Messung von Verhaltensstörungen

Die Test-Retest Reliabilität für sowohl die Rohwerte (rtt = .89, p < .001) als auch die Mittelwerte der aktometrischen Aktivität war hoch (rtt = .88, p < .001). Angesichts einer hohen Variabilität der Daten (vergleiche Tabelle 2) könnte dieser Wert jedoch statistisch überschätzt sein.

Tabelle 3. Korrelation zwischen aktometrischen Daten und Ratings in den Beobachtungsbögen über alle Tage hinweg. B-AD steht für BEHAVE-AD, CB für COBRA, mot für motorisch, psy für psychopathologisch, sum für Summenwert. MA bezeichnet die mittlere Gesamtaktivität, L5 die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden, und M10 die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden. IV bezeichnet die intradiane Variabilität der Aktivität. *** p > .001; ** p < .01; * p < .05.

4.4 Validität der aktometrischen Messung

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Zur Bestimmung der externen Validität der aktometrischen Messung wurden Korrelationen zwischen den benutzten Skalen sowie ihren Subscores, und Parametern der motorischen Aktivität berechnet. Die zugehörige Korrelationsmatritze findet sich in Tabelle 3.

Die höchsten Korrelationen fand sich zwischen mittlerer aktometrischer Aktivität und motorischen Subscores sowie zwischen M10 und motorischen Subscores. Mittlere Korrelationen fanden sich zwischen Subscores und der L5. Die Korrelation zwischen aktometrischer Aktivität und psychopathologischen Subscores war insgesamt schwach. Keine statistisch bedeutsamen Assoziationen fanden sich zwischen Werten der intradianen Variabilität und den Beobachtungsskalen. Die intradiane Variabilität bildete sich also in diesen Skalen nicht ab.

4.4.1 Abhängigkeit der Validität der Messung von kognitivem Status und Alter

Es fanden sich signifikante positive Korrelationen zwischen mittlerer aktometrischer Aktivität und Alter (r = .42, p< 0.01), sowie zwischen mittlerer aktometrischer Aktivität und kognitivem Status, gemessen mittels der MMSE (r = -.58, p< 0.001). Wir berechneten daraufhin Partialkorrelationen, um für Alter und kognitiven Status zu kontrollieren. Es ergaben sich nun niedrigere Korrelationen zwischen aktometrischer Aktivität und den Verhaltensratings, die jedoch weiterhin statistisch bedeutsam waren. Interessanterweise nahmen gleichzeitig die Korrelationen mit der intradianen Variabilität (IV) numerisch zu, was mit in der Literatur berichteten Befunden zur Fragmentierung des intradianen Rhythmus mit zunehmendem Alter in Verbindung gebracht werden kann (vgl. Vitiello und Prinz, 1989). Die Partialkorrelationen finden sich in Tabelle 4.

4.4.2 Erste Diskussion der Validität der Messung

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Die Ergebnisse dieses ersten Teils der Studie zeigen eine hohe Reliabilität und interne Konsistenz sowohl für Verhaltensratings, als auch für aktometrische Daten. Erstmals konnte aber gezeigt werden, dass zwischen den Beobachtungsratings und der mittleren aktometrischen Aktivität ein enger Zusammenhang besteht. Methodenkritisch ist anzumerken, dass angesichts der geringen Anzahl von Patienten in der Stichprobe und der hohen Variabilität, insbesondere in den Maßen der aktometrischen Aktivität, die Assoziation zwischen aktometrischen Daten und Beobachtungsratings überschätzt sein könnte. Angesichts der hohen Stabilität dieser Assoziation gegenüber konfundierenden Variablen, wie am Beispiel des Alters und des MMSE gezeigt, ist jedoch davon auszugehen, dass hier grundsätzlich eine bedeutsame statistische Assoziation vorliegt.

Tabelle 4. Partialkorrelationen (kontrolliert für Alter und MMSE) zwischen aktometrischen Daten und Ratings in den Beobachtungsbögen über alle Tage hinweg. B-AD steht für BEHAVE-AD, CB für COBRA, mot für motorisch, psy für psychopathologisch, sum für Summenwert. MA bezeichnet die mittlere Gesamtaktivität, L5 die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden, und M10 die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden. IV bezeichnet die intradiane Variabilität der Aktivität. *** p > .001; ** p < .01; * p < .05.

Diese starke Assoziation belegt die externe Validität der aktometrischen Messung in bezug auf das Merkmal „motorische Verhaltensstörung bei Demenz“. Es ergab sich jedoch keine gesonderte Validität für einzelne Symptome, wie etwa dem ruhelosen Umherwandern. Diese Abwesenheit von Spezifität muss jedoch als vorläufig interpretiert werden, da in der vorliegenden kleinen Stichprobe die Bandbreite spezifischer motorischer Symptome zu schmal gewesen sein mag. In einer Studie zum Symptom des ruhelosen Umherwanderns hatten Cohen-Mansfield und Mitarbeiter - im Gegensatz zu den hier vorgelegten Ergebnissen - hohe Assoziationen zwischen aktometrischer Aktivität und Parametern der videogestützten Beobachtung der Patienten gefunden(Cohen-Mansfield et al., 1987).

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Angesichts der guten Tolerabilität des aktometrischen Gerätes liegt somit eine objektive, reliable und valide Methode zur Erfassung motorischer Verhaltensstörungen bei Demenz vor. Einschränkend sollte jedoch erwähnt werden, dass sich diese Validität lediglich auf die Häufigkeit der Verhaltensstörung erstreckt. Zu den Maßen der Schwere der Verhaltensstörung, wie sie etwa in der COBRA gemessen werden, fanden sich keine signifikanten Assoziationen. Es könnte aber sein, dass die subjektive Bewertung der Schwere einer Verhaltensstörung, zumal von einem nahen Angehörigen, wenig reliabel war.

Die hohe Korrelation zwischen aktometrisch erfasster mittlerer Aktivität und den motorischen Ratings könnte bedeuten, dass Ratingskalen primär solche Verhaltensstörungen valide abbilden, die mit einer hohen motorischen Aktivität einhergehen. Die hohe Korrelation mit der Variable M 10 (die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden) im Vergleich zur Korrelation zur Variable L5 (die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden) weist darauf hin, dass die motorischen Ratings „bewegungssensibel“ sein könnten, das heisst, dass nur solche Verhaltensstörungen abgebildet werden, die mit einem gewissen Maß an motorischer Unruhe einhergehen. Diese Annahme kann jedoch mit den vorliegenden Daten nicht belegt werden.

Angesichts differentieller Zielsymptome in der Behandlung von Verhaltensstörungen bei Demenz sei jedoch darauf hingewiesen, dass die aktometrische Messung der motorischen Unruhe insbesondere dann als Therapiemonitoring geeignet sein dürfte, wenn es sich um ein Zielsymptom handelt, das primär motorisch ist oder sekundär motorische Veränderungen zur Folge hat, wie beispielsweise die gehemmte Depression oder das manische Syndrom.

4.5 Verlaufsergebnisse

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Um die Frage nach differentiellen Veränderungen der circadianen Rhythmik bei Demenz vom Alzheimer-Typ und bei vaskulärer Demenz zu untersuchen, wurden zunächst Verlaufsdaten untersucht. Dabei sollen hier exemplarisch der motorische Subscore der BEHAVE-AD, die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden (L5) und die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden (M10) dargestellt werden.

4.5.1 Stabilität der Verlaufsmessung

Zur Prüfung der Reliabilität der Messung werden zunächst die Stabilität der BEHAVE-AD (Subscore motorisch), der M 10 und der L5 über die drei Messtage dargestellt (Tabelle 5).

Tabelle 5. Stabilität der aktometrischen Daten und Ratings in den Beobachtungsbögen über drei Tage. B-AD steht für BEHAVE-AD, mot für motorisch. M10 bezeichnet die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden, L5 die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden. *** p > .001; ** p < .01; * p < .05.

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Dabei waren die Stabilität für die BEHAVE-AD (Subscore motorisch) und die M 10 hoch, während die L5 nur mittelgradige Stabilitätsindizes aufwies. Dies könnte eventuell die Anpassung an die neue Umgebung, insbesondere eventuell veränderte Schlafzeiten reflektieren, die sich so über drei Tagen abbilden könnte. Insgesamt sind die berichteten Stabilitäten jedoch, insbesondere angesichts der kleinen Stichprobe, zufriedenstellend.

4.5.2 Verlaufsanalysen

Zur Analyse gruppendifferentieller Verläufe wurden Innersubjekteffekt-Varianzanalysen mit Messwiederholungen im Rahmen eines gemischten Modells gerechnet. Diese Methode erlaubt auch bei kleinen Fallzahlen eine Abschätzung der Power, wie es angesichts der wenigen Patienten in dieser Studie notwendig scheint. Die Verlaufsdaten für die drei Gruppen in BEHAVE-AD, M10 und L 5 sind in Abbildung 6 dargestellt.

Zur Analyse der Daten der BEHAVE-AD, Subscore motorisch, wurde eine 2 (Demenz vom Alzheimer-Typ versus vaskuläre Demenz) mal 3 (Messzeitpunkte (Tage)) Varianzanalyse gerechnet. Das Datenmuster war konsistent mit Homogenitätsannahmen (Box's M = 7.99, p = .59). Weder der Haupteffekt für Gruppe (p = .37) noch der Messwiederholungseffekt (p = .69), noch die Interaktion zwischen beiden (p = .79) war signifikant. Trotz insgesamt niedriger geschätzter Power (P = .141) kann angesichts der hohen Prüfwerte zur Ablehnung der Nullhypothese davon ausgegangen werden, dass hier keine signifikanten Unterschiede vorlagen. Somit unterschieden sich die beiden Gruppen im Verlauf nicht in den Ratings der motorischen Verhaltensstörung.

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Abbildung 6. Verlauf der aktometrischen Daten (Impulse/min) und Ratings in den Beobachtungsbögen über drei Tage als Funktion der Demenzdiagnose. BEHAVE-AD (mot) steht für die motorische Subskala. M10 bezeichnet die Aktivität in den 10 aktivsten Stunden, L5 die Aktivität in den am wenigsten aktiven 5 Stunden.

Das analoge Datenmuster für die M10 (die mittlere Aktivität in den 10 aktivsten Stunden) entsprach ebenfalls Homogenitätsannahmen (Box's M = 19.19, p = .09). Weder der Haupteffekt für Gruppe (p = .21) noch der Messwiederholungseffekt (p = .31), noch die Interaktion zwischen beiden (p = .40) waren signifikant. Bei insgesamt niedriger geschätzter Power (P = .23) kann angesichts der niedrigen Prüfwerte zur Ablehnung der Nullhypothese nicht sicher davon ausgegangen werden, dass hier keine signifikanten Unterschiede vorlagen. Somit ist für weitere Analysen für die M10 zu kontrollieren.

Das analoge Datenmuster für die L5 (die mittlere Aktivität in den 5 am wenigsten aktiven Stunden) entsprach ebenfalls Homogenitätsannahmen (Box's M = 21.28, p = .06). Weder der Haupteffekt für Gruppe ( p = .39) noch der Messwiederholungseffekt (p = .28), noch die Interaktion zwischen beiden (p = .46) waren signifikant. Bei insgesamt niedriger geschätzter Power (P = .26) kann angesichts der mittleren Prüfwerte zur Ablehnung der Nullhypothese davon ausgegangen werden, dass hier keine signifikanten Unterschiede vorlagen.

4.6 Circadiane Rhythmizität

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Zentrales Ziel dieser Studie war es, durch den Vergleich von Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ und Patienten mit einer vaskulären Demenz den Einfluß struktureller Läsionen des SCN auf Schlafstörungen und Verhaltensstörungen bei Demenz zu untersuchen. Strukturelle Läsionen des SCN können in der Gruppe der Alzheimer-Demenz angenommen werden und sollten bei Patienten mit einer vaskulären Demenz, in Abwesenheit hypothalamischer Läsionen, fehlen. Durch die Auswahl schwer dementer Patienten sollte der Einfluß einer verminderten Wahrnehmung externer Zeitgeber experimentell kontrollierbar sein. Die Patienten sollten für die Schwere der Verhaltensstörungen, insbesondere der Aktivitätsstörungen, vergleichbar sein, um den Einfluß einer erhöhten motorischen Aktivität auf Phasenverschiebungen in der circadianen Rhythmik kontrollieren zu können. Sollten sich unter diesen Bedingungen Unterschiede in der Phasenverschiebung des circadianen Rhythmus darstellen lassen, wäre dies ein direkter Hinweis auf den Einfluß und die Funktion des SCN bei Verhaltensstörungen bei Demenz.

Angesichts der im deskriptiven Teil dargestellten marginalen Unterschiede zwischen dem mittleren Aktivitätsniveau bei Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ und Patienten mit vaskulärer Demenz werden im folgenden zentrale Variablen der circadianen Rhythmik, die intradiane Variabilität (IV), die interdiane Stabilität (IS) sowie Maße der circadianen Phase, der Mesor, die Amplitude und die Akrophase (vgl. Abschnitt 3.1) zunächst auf ihre Unterschiede in beiden Gruppen hin, und dann jeweils auf ihre Unterschiede nach Kontrolle des Aktivitätsniveaus analysiert. Die statistische Kontrolle des Aktivitätsniveaus erfolgt dabei zunächst durch eine Normalisierung der circadianen Parameter an der mittleren Aktivität in den 10 aktivsten Stunden, der M10:

4.6.1 Unterschiede in Rohwerten der circadianen Rhythmizität zwischen Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz

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Aktivitätsrhythmen. Sowohl für die interdiane Stabilität als auch für die intradiane Variabilität ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Die Kennwerte unterschieden sich für die intradiane Variabilität (t(8) = 1.00, p = .35) und für die interdiane Stabilität (t(8) = 1.39, p = .21) statistisch nicht signifikant. Die interdiane Variabilität und die intradiane Stabilität sind in Abbildung 7 dargestellt.

Abbildung 7. Interdiane Stabilität (links) und intradiane Variabilität (rechts) bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT) und Patienten mit vaskulärer Demenz (VD). Individuelle Datenpunkte.

Circadiane Phase. Für den Mesor, also den Wendepunkt der circadianen Rhythmik, ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (t(8) = 1.18, p = .28). Sowohl für die Amplitude wie auch die Akrophase, also für Maße der Verschiebung der circadianen Rhythmik, ergaben sich jedoch signifikante Unterschiede Die statistischen Kennwerte waren für Amplitude (t(8) = 2.44, p < .05), und für die Akrophase (t(8) = 2.34, p < .05). Die Amplitude und die Akrophase ist in Abbildung 8 dargestellt.

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Abbildung 8. Amplitude (Impulse/min; links) und Akrophase der circadianen Rhythmik (Uhrzeit; rechts) bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT) und Patienten mit vaskulärer Demenz (VD). Individuelle Datenpunkte.

4.6.2 Unterschiede in der circadianen Rhythmizität zwischen Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz unter Kontrolle des Aktivitätsniveaus

Aktivitätsrhythmen. Unter Kontrolle der mittleren Aktivität in den 10 aktivsten Stunden (M10) analog Gleichung 3 ergaben sich keine signifikanten Unterschiede für die intradiane Variabilität (t(8) = 1.92, p = .12) oder für die interdiane Stabilität (t(8) = 1.98, p = .11).

Circadiane Phase. Unter Kontrolle der mittleren Aktivität in den 10 aktivsten Stunden (M10) analog Gleichung 3 ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen für den Mesor (t(8) = 1.39, p = .22). Der vormals signifikante Unterschied für die Amplitude verschwand völlig (t(8) = 0.27, p = .98). Der Unterschied für die Akrophase blieb jedoch stabil (t(8) = 2.68, p < .05). Somit war in der Tat unabhängig von der mittleren Aktivität eine zeitliche Verschiebung der Phase der circadianen Rhythmik festzustellen. Dabei zeigte sich numerisch, dass die Akrophase bei den Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ zeitlich nach hinten verschoben war.

4.7 Zusammenhang zwischen motorischer Aktivität und circadianer Rhythmik

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Der Zusammenhang zwischen motorischer Aktivität, spezifisch die mittlere Aktivität in den 10 aktivsten Stunden, und circadianer Rhythmik, spezifisch die Akrophase, ist in Abbildung 9 dargestellt.

Regressionsanalysen wurden zur Bestimmung der spezifischen Varianzaufklärung in der Akrophase durch (1) die motorische Aktivität, dargestellt durch die mittlere Aktivität in den 10 aktivsten Stunden (M10), (2) durch die Diagnose vaskuläre Demenz versus Demenz vom Alzheimer-Typ durchgeführt, sowie (3) durch die Interaktion von (1) und (2). Das lineare Modell folgte dabei der Gleichung:

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Die Regressionsanalysen wurde dabei schrittweise inkrementell durchgeführt. Die mittlere Aktivität führte dabei zu einem schwachen Modellfit (R 2 = .30). Das Hinzufügen der Demenzdiagnose in das Modell führte jedoch zu einer marginal signifikanten Verbesserung des Modellfits (R 2 = .49; ΔR 2 = 0.19; F change (2, 7)= 3.59, p = .09). Durch das weitere Hinzufügen des Interaktionsterms aus motorischer Aktivität und Diagnose kam es zu erneut zu einer marginal signifikanten Verbesserung des Modellfit. Das Modell klärte nun insgesamt mehr als zwei Drittel (68%) der Varianz in der Akrophase auf (R 2 = .68; ΔR 2 = 0.19; F change (2, 7)= 3.57, p = .09).

Abbildung 9. Akrophase der circadianen Rhythmik als Funktion der mittleren Aktivität M10 bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ (leere Kreise) und Patienten mit vaskulärer Demenz (gefüllte Kreise). Individuelle Datenpunkte. Regressionsgeraden für jede Gruppe.

Wie in Abbildung 9 dargestellt, kam es also bei erhöhter motorischer Aktivität insgesamt zu einer Verschiebung der Akrophase, die jedoch ausgeprägter war, wenn es sich um Patienten handelte, die an einer Demenz vom Alzheimer-Typ litten.


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21.09.2006