6 Zusammenfassung

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Zu den Verhaltensstörungen bei Demenz zählen psychomotorische Unruhe und Agitiertheit, aber auch spezifische motorische Phänomene, wie etwa repetitive Handlungen im Sinne einer motorischen Abulie (das wiederholte Umherräumen von Gegenständen), und das ziellose, andauernde Umherlaufen (im Englischen als “Wandering” bezeichnet). Diese Phänomene sind deshalb von zentraler klinischer Bedeutung, weil sie persistieren und häufig der primäre Anlass für eine Institutionalisierung des Patienten sind.

Zur Beurteilung solcher Phänomene liegt eine Anzahl standardisierter Beobachtungsbögen vor. Problematisch sind diese Skalen im Hinblick auf ihre Reliabilität bei der Anwendung durch Angehörige und Pflegende. Wir schlagen daher die aktometrische Darstellung von motorischer Aktivität, wie sie etwa aus der Schlafforschung bekannt ist, vor. In dieser Dissertation wurde zunächst die Reliabilität und konkurrente Validität der Messung von motorischer Unruhe bei Demenz mittels eines aktometrischen Gerätes untersucht.

Dazu wurden 10 Patienten mit schwerer Demenz (Mittleres Alter 80.2 Jahre, SD = 6.3; MMSE im Mittel 3.2 Punkte, SD = 3.6) untersucht. 5 Patienten (3 männlich, 2 weiblich) litten an einer Demenz vom Alzheimer Typ, und fünf Patienten (2 männlich, 3 weiblich) an einer vaskulären Demenz. Die motorische Aktivität wurde mittels eines Aktometers kontinuierlich über drei Tage erfasst. In diesem Zeitraum wurde einmal täglich ein Beobachtungsbogen zu Verhaltensstörungen bei Demenz erhoben.

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Die Ergebnisse zeigen, dass die aktometrische Messung von Verhaltensstörungen eine valide und reliable Methode auch bei schwerer, weit fortgeschrittener Demenz darstellt. Angesichts der guten Tolerabilität des aktometrischen Gerätes liegt somit eine objektive, reliable, und valide Methode zur Erfassung motorischer Verhaltensstörungen bei Demenz vor. Darüber hinaus bietet die aktometrische Messung den entscheidenden Vorteil, dass Daten kontinuierlich über 24 Stunden am Tag erhoben werden können. So besteht die Möglichkeit, neben Maßen der motorischen Aktivität auch Aussagen über Störungen der circadianen Rhythmik zu treffen, die neurobiologisch und klinisch-therapeutisch differentielle Bedeutung haben könnten.

Studien zur circadianen motorischen Aktivität haben gezeigt, dass motorische Verhaltensweisen eng mit Störungen der Tag-Nacht-Rhythmizität bei Demenz verknüpft sind. Die circadiane Rhythmik wird in diesem Zusammenhang als Resultat der Interaktion zwischen circadianen Schrittmachermodulen im suprachiasmatischen Nukleus und externen Modulatoren der Rhythmizität gesehen. Von der Demenz vom Alzheimer-Typ ist bekannt, dass es im Verlauf zu einer strukturellen Schädigung des suprachiasmatischen Nukleus kommt, während dies bei der vaskulären Demenz nicht der Fall ist.

Im zweiten Teils dieser Arbeit wurden Unterschiede der circadianen Rhythmik zwischen vaskulärer Demenz und Demenz vom Alzheimer-Typ untersucht. Dabei konnte gezeigt werden, dass es bei beiden Patientengruppen in Abhängigkeit von der motorischen Aktivität zu einer charakteristischen Phasenverschiebung der circadianen Rhythmik kommt. Dieser Zusammenhang ist jedoch bei Alzheimer-Demenz, bei der von einer neurobiologischen Störung des suprachiasmatischen Nukleus ausgegangen werden kann, tedenziell stärker ausgeprägt. Diese Studie liefert somit Anhaltspunkte, dass auch bei weit fortgeschrittener Demenz das neurobiologische Modell von Edgar (Edgar, 1992) zutreffen könnte. Degenerative Veränderungen des SCN, wie sie bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ vorliegen, könnten somit zu einer qualitativen Verstärkung des von Edgar postulierten Zusammenhanges zwischen motorischer Aktivität und circadianer Rhythmik führen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Zunahme motorischer Aktivität bei zunehmender Störung der circadianen Rhythmik durch den SCN auch bei schwerster Demenz noch therapeutischen Interventionen zugänglich sein könnten. Sowohl die Substitution von Melatonin (Kunz et al., 2004, Kunz et al., 1999, Singer et al., 2003), als auch die experimentelle Therapie mit Vasopressinanaloga stellen hier pharmakotherapeutische Interventionsmöglichkeiten dar. Andererseits könnten aber auch behaviorale Interventionen selbst bei fortgeschrittener Degeneration des SCN noch wirksam sein, wie beispielsweise Untersuchungen am Tiermodell (Bertolucci et al., 2003, Menet et al., 2000) nahelegen.

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Angesichts der hier dargestellten Befunde kann aber vermutet werden, dass eine alleinige Behandlung von Störungen der motorischen Aktivität bei Demenz vom Alzheimer-Typ im Vergleich zu denen bei anderen Demenzformen geringeren therapeutischen Erfolg im Hinblick auf die Normalisierung der circadianen Rhythmik haben dürfte. Verfahren, die die Aktivität des suprachiasmatischen Nukleus beeinflussen, wie beispielsweise die Lichttherapie, Melatonin, oder auch experimentell-pharmakologische Studien mit dem Ziel, die Vasopressinsekretion im SCN zu erhöhen, könnten hier weitere therapeutische Optionen liefern.


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21.09.2006