6 Schlussfolgerungen

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Die vorliegende Arbeit will zu einem aktuellen Bild über das Wissen der Bibliothekare zu Informationskompetenz und ihrer Wahrnehmung des Themas im Berufsalltag, zu ihren Einstellungen und Meinungen zu pädagogischen, kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten für die Vermittlung von Informationskompetenz und den Stand der Aus- und Fortbildung für diesen Bereich beitragen.

In Deutschland hat sich der Begriff Informationskompetenz nur teilweise durchgesetzt. Er wird von den befragten Hochschulbibliotheken und Bibliothekaren nicht mit der inhaltlichen Gesamtbedeutung verwendet. Die Vermittlung von Bibliothekskompetenz dominiert bei der Zielsetzung und in den Schulungsveranstaltungen. Standards auf nationaler Ebene werden bisher nicht entwickelt. Flankierende Maßnahmen der Berufsverbände fehlen weitgehend. Der Schulungsalltag der Bibliothekare wird häufig von eigenständigen Schulungen der Bibliotheken, seltener von integrierten Schulungsformen bestimmt. Ein Best-Practice-Modell hat sich noch nicht herausgebildet. Bibliothekare trauen sich vor allem die Vermittlung bibliotheksbezogener Kenntnisse zu, weniger die Vermittlung des Umgangs mit Information. So sehen sie auch vor allem bei ersteren die primäre Verantwortlichkeit für die Vermittlung bei sich selbst, bei letzteren bei sich und den Hochschullehrenden gemeinsam. Die Zusammenarbeit gestaltet sich sehr unterschiedlich.

Die Qualifikation der Bibliothekare ist auf internationaler und nationaler Ebene seit einigen Jahren stärker in den Vordergrund der Aktivitäten getreten. Die vorliegende Arbeit identifiziert ausgewählte pädagogische, kommunikative und organisatorische Fähigkeiten und Kenntnisse, die für die Planung und Durchführung von Schulungen zur Vermittlung von Informationskompetenz benötigt werden. Auf dieser Grundlage schlägt sie ein Anforderungsprofil für Bibliothekare in Deutschland vor. Bisher erwarben Befragte sukzessive die benötigten Fähigkeiten und Kenntnisse im Selbststudium, im Training am Arbeitsplatz und/oder in der beruflichen Fortbildung. Sie wünschten sich, die Kenntnisse in der Aus- und Fortbildung erwerben zu können. In Deutschland setzt kein bibliothekswissenschaftlicher Studiengang ein umfassendes, alle schulungsbezogenen Aspekte einbeziehendes und praktische Erfahrungen vermittelndes Kursmodell ein. Fortbildungsangebote sind begrenzt und unstrukturiert. Bisher haben die Befragten vor allem Fortbildungen zu den Informationsressourcen und zum Konzept Informationskompetenz besucht. Sie wünschen sich vorrangig Fortbildungen zu didaktischen und pädagogischen Themen auf lokaler und regionaler Ebene. Der Erfahrungsaustausch im Bereich der Vermittlung von Informations-kompetenz erfolgt maßgeblich über persönliche Kontakte.

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In Deutschland trifft das Thema Informationskompetenz zurzeit auf sehr großes Interesse. Viele Mitarbeiter sind durch die Neuerungen, die der Bologna-Prozess auslöste, hochmotiviert. Eine effektivere Gestaltung der Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Vermittlung von Informationskompetenz und der benötigten Qualifizierung der Bibliothekare wird durch das Fehlen eines nationalen Gremiums (Arbeitsgruppe/Sektion), eines Anforderungsprofils und angemessener Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für diesen Bereich behindert. Die allgemeinen Rahmenbedingungen für die Vermittlung von Informationskompetenz an Hochschulbibliotheken und die spezifischen Qualifikationsmöglichkeiten müssen verbessert werden. Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Arbeit werden folgende Handlungsansätze zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Schulungen und der Qualifizierung des Personals für Bibliotheken und Bibliothekare in Deutschland gesehen:

  1. Bibliotheken und Bibliothekare gründen ein auf nationaler Ebene verankertes Gremium, das sich intensiv mit den Anforderungen der Vermittlung von Informationskompetenz auseinandersetzt, Initiativen anregt und Lobbyarbeit leistet.
  2. Bibliotheken und Bibliothekare einigen sich auf nationaler Ebene auf Fachbegriffe (z. B. Informationskompetenz und Teaching Library) und Definitionen. Sie benutzen einheitliche Begriffe in ihrer Kommunikation mit dem Nutzer, die einen Wiedererkennungswert außerhalb des Bibliothekswesens erlangen.
    Bibliotheken und Bibliothekare legen Inhalte fest, die unter dem Begriff „Informationskompetenz“ vermittelt werden. Sie schaffen mit nationalen Standards einen Rahmen für detailliertere Ausführungen einzelner Hochschulbibliotheken zu Lehrzielen und Lernergebnissen.
  3. Die Bibliotheken und Bibliothekare evaluieren ihr Schulungsangebot. Sie legen die Aspekte der Informationskompetenz, die von Bibliothekaren vermittelt werden, fest. Sie erarbeiten eine Strategie zur Integration der Vermittlung von Informationskompetenz in die Studienpläne. Sie identifizieren geeignete Ansatzpunkte für die Integration im Curriculum und entwickeln gute Lehrkonzepte. Sie bündeln ihre Einzelinitiativen auf nationaler Ebene. In Anlehnung an die ACRL Best Practice Initiative und den ACRL Innovation in Instruction Award zeichnen sie herausragende Beispiele aus.
  4. Bibliotheken und Bibliothekare treten mit den Hochschullehrenden und Studierenden ihrer Hochschule in einen Dialog. Sie geben der Kommunikation und der Zusammenarbeit mit Hochschullehrenden einen hohen Stellenwert. Sie gehen aktiv auf die Hochschullehrenden zu und schaffen Weiterbildungsangebote. Sie platzieren Publikationen zum Thema Informationskompetenz in den von den Hochschullehrenden gelesenen Fachzeitschriften.
  5. Bibliotheken und Bibliothekare gewinnen Partner in den hochschulpolitischen Gremien und schaffen auf nationaler Ebene ein Bewusstsein für die Bedeutung von Informationskompetenz.
  6. Bibliotheken und Bibliothekare formulieren ein Anforderungsprofil für Mitarbeiter, die Informationskompetenz vermitteln. Bibliotheken qualifizieren ihr Personal systematisch für Lehraufgaben und weisen die hochschuldidaktische Lehrqualifikation ihrer Mitarbeiter nach.
  7. Bibliotheken und Bibliothekare formulieren einen Qualifikationsrahmen, der den systematischen Erwerb pädagogischer, kommunikativer und organisatorischer Fähigkeiten dokumentiert und Bibliotheksmitarbeiter beim Ausbau ihrer Kenntnisse gezielt unterstützt. Sie stimmen die Inhalte der Ausbildung und Fortbildung ab.
  8. Bibliotheken und Bibliothekare zeigen eine starkes öffentliches Interesse an der Ausbildung. Sie erarbeiten einen Rahmenlehrplan für die Ausbildung von Bibliothekaren für die Vermittlung von Informationskompetenz.
  9. Bibliotheken und Bibliothekare strukturieren und koordinieren die Fortbildungsangebote inhaltlich und zielgruppenspezifisch. Sie erfassen zentral Fortbildungsangebote für Mitarbeiter, die Informationskompetenz vermitteln. Sie prüfen die Einrichtung eines Fortbildungsprogramms in Form des Immersion-Workshop-Konzepts aus den USA oder eines Zertifikats. Sie schaffen Rahmenbedingungen, die die formelle und informelle Fortbildung effektiv und effizient unterstützen.
  10. Bibliotheken fördern die Weiterentwicklung und den Ausbau des Portals Informationskompetenz.de für den Austausch von Materialien und Erfahrungen.

In allen Punkten können sich Bibliotheken und Bibliothekare an Beispielen aus den USA, Großbritannien oder Australien orientieren.

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Heute ist es nicht mehr genug, das bibliothekarische Angebot auf die Bereitstellung von Informationen zu beschränken. Informationen müssen vor allem nutzbar gemacht werden. Die Chancen der Bibliotheken liegen in der Wahrnehmung ihrer Räumlichkeiten als Ort des Lernens und Lehrens und ihrer Mitarbeiter als Vermittler der Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit Information. Sie bilden das Kapital für die Zukunft der Bibliotheken.


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16.06.2010