Lange , Gloria: Bilanzrecht und Ökonomische Theorie des Rechts - Ansatzpunkte und Überlegungen zum § 249 HGB -

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Kapitel 1. Einleitung

1.1. Bisherige Ansätze aus Wirtschafts- und Rechtswissenschaft im Überblick

Das deutsche Bilanzrecht wurde in der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, die kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Gemeint sind die verschiedenen betriebswirtschaftlichen Bilanztheorien oder präziser Bilanzauffassungen<1> sowie die Bilanzrechtsinterpretation aus juristischer Sicht.

Die Betriebswirtschaftslehre hat die Rechnungslegungsprobleme in der Vergangenheit eher aus normativer Sicht betrachtet. Es steht die Überlegung im Vordergrund, welchen Zwecken die Rechnungslegung dienen soll und durch welche Regelungen dieser Zweck am besten zu erreichen ist.<2> So ging es aus betriebswirtschaftlicher Sicht in den zwanziger Jahren unter dem Einfluß der Inflation primär darum, Scheingewinne aus der Bilanz zu eliminieren, um gewinnabhängige Auszahlungen zu reduzieren. Dadurch sollte das Unternehmen in seiner Substanz, d.h. seinem Realkapital erhalten werden.<3> Daraus wurde dann die Bilanztheorie von Schmalenbach, die sogenannte dynamische Bilanzauffassung zur Ermittlung des Gewinns entwickelt, die an betriebswirtschaftlichen Zielen orientiert war, aber nicht auf geltendem Bilanzrecht basierte. Die dynamische Bilanzauffassung löste die bis dahin vorherrschende statische Bilanzauffassung ab, die die jährliche Ermittlung des Reinvermögens als Ziel der Bilanzierung ansah, hinter dem die Erfolgsermittlung zurückzutreten hat. In den sechziger Jahren standen in der Betriebswirtschaftslehre Fragen der Investitions-, Entscheidungs-, und Finanzierungstheorie im Vordergrund. Der Erkenntnis folgend, daß die Bilanz als Informationsinstrument für die Fragestellungen dieser entscheidungsorientierten Ansätze nicht ausreicht, wurden andere Informationsinstrumente entwickelt, wie die Unternehmensbewertung, die Finanzplanung und die Kapitalflußrechnung. Die Bilanz wurde als grobes Informationsmittel über die Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage angesehen,<4> als Instrument der vergangenheitsorientierten Rechenschaftslegung.

Bereits an dieser groben Skizze der Ansätze, welche die bilanzielle Gewinnermittlung in den letzten Jahrzehnten beeinflußt haben, ist zu erkennen, daß eine Anpassung der Rechnungslegungsvorschriften an die Wirtschaftsordnung und die jeweilige Zeit erfolgte. Rechnungslegungsnormen können demnach als eine Funktion der jeweiligen Wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Leitideen sowie der theoretischen Einsichten in die Effekte von Rechnungslegungsvorschriften auf individueller und gesellschaftlicher Ebene betrachtet werden.<5> Einen neuen Weg beschreitet in jüngster Zeit D. Schneider,<6> der Fragen des Rechnungswesens aus betriebswirtschaftlicher Sicht aus der Perspektive einer ökonomischen Analyse des Rechts untersucht. Ausgehend von seiner Interpretation der Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre, die den Einkommensaspekt beim Handeln von Menschen untersuchen soll, und der Sichtweise der Unternehmung als Institution zur zeitweisen Übernahme der Einkommensunsicherheit anderer Personen, verbunden mit der Notwendigkeit am Ende einer Abrechnungsperiode das tatsächlich erzielte Einkommen zu messen,<7> beschränkt sich die


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Analyse darauf, ”zu erforschen, wie Rechtsetzungen zum Rechnungswesen Handlungen im Hinblick auf den Einkommensaspekt beeinflussen (Entscheidungswirkungen) und wie sie die Einkommensverteilung beeinflussen (Verteilungsfolgen).“<8> Schneider sieht die ökonomische Analyse des Rechts der Rechnungslegung als einen Teil der betriebswirtschaftlichen Theorie an, und analysiert das geltende Bilanzrecht als Bestandteil des Rechnungswesens im Hinblick auf die Einkommensbemessung der Beteiligten.

Unabhängig von den betriebswirtschaftlichen Bilanztheorien wurde die Bilanzrechtstheorie ab den sechziger Jahren entwickelt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, das geltende Bilanzrecht logisch widerspruchsfrei zu interpretieren und fortzuentwickeln. Die verhältnismäßig späte Beschäftigung der Rechtswissenschaftler mit dem Bilanzrecht ist nach Moxter<9> auf die mangelnde Kodifizierung des Bilanzrechts zurückzuführen, denn dieses wurde erstmalig 1965 im AktG geregelt. Erst 1986 wurde es mit Gültigkeit für alle Kaufleute in das HGB übernommen. Aus juristischer Sicht entstand und entsteht die juristische Interpretation des Bilanzrechts durch die Richter des BFH, die viel zu bilanzrechtlichen Fragestellungen publizieren.<10> Auffallend ist, daß die juristische Literatur in letzter Zeit eine Abkehr von betriebswirtschaftlichen Bilanztheorien oder -interpretationen vorzunehmen scheint,<11> während betriebswirtschaftliche Gedankengänge, insbesondere die dynamische Bilanzauffassung durchaus in frühere Urteile des BFH und des RFH Eingang fand.<12> Nur Stützel<13> sieht in der Bilanz ein Rechenwerk zur Regelung von Rechtsbeziehungen. Er stellt neben der Dokumentationsfunktion die Kompetenzabgrenzungsfunktion und Ausschüttungsbemessungsfunktion in den Vordergrund und ermöglichte dadurch eine Verbindung zwischen juristischem und betriebswirtschaftlichem Denken, wobei jedoch die Gedankengänge einer ökonomischen Theorie des Rechts<14> noch nicht bekannt sind.<15>

Erste Ansätze das Bilanzrecht unter Berücksichtigung der Kapitalmärkte und der Agency-Problematik zu untersuchen,<16> und damit eine enge Verzahnung zwischen Recht und Ökonomie herzustellen, finden sich in der deutschsprachigen Literatur seit den achtziger Jahren. Ausgangspunkt dieser Ansätze ist die Erkenntnis der interdisziplinären Forschung, daß die Weiterentwicklung des Marktsystems eine zweckentsprechende laufende Anpassung des Rechtssystems erfordert. Dies hat zur Folge, daß die Evolution des Rechtssystems zur wichtigen Voraussetzung für die Weiterentwicklung des marktwirtschaftlichen Systems wird.<17>

”Ansätze zur Stärkung der Marktkräfte durch Rechnungslegung sind in solchen gesetzlichen Vorkehrungen zu suchen, die die handelsrechtliche Verknüpfung der Unternehmungen mit ihren Beschaffungs- und Absatzmärkten, Arbeitsmärkten und (...) den Kapital- und Kreditmärkten verbessern“<18>. Dieser Gedankengang ist von der Vorherrschaft des neoklassischen


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Paradigmas in den Wirtschaftswissenschaften inspiriert. Demgemäß argumentieren Ewert<19>, Brandl<20> und Schildbach<21> in ihren Arbeiten aus der neoklassischen Theorie heraus, wobei Brandl<22> Interdependenzen zwischen Marktunsicherheiten (unsichere künftige Erwartungen, Unvollkommenheit der Märkte) und Rechnungslegung feststellt und zu der Schlußfolgerung gelangt, daß zum einen die Marktunsicherheiten die Grenzen der Aussagekraft der Rechnungslegung ziehen, und zum anderen erst die Rechnungslegung die Informationsgrundlage für die Finanzmärkte schafft. Ewert untersucht in seiner Arbeit speziell die Beziehung zwischen fremdfinanzierungsbedingten Agency-Problemen und der Ausschüttungsbemessungsfunktion des Jahresabschlusses bei Kapitalgesellschaften.<23> Er betrachtet die Interessenkonflikte zwischen Managern und Eigentümern der Unternehmung einerseits und zwischen Eigentümern und Fremdkapitalgebern andererseits als Grundlage für Agency-Probleme und untersucht, auf welche Weise und in welcher Intensität fremdfinanzierungsbedingte Agency-Probleme und somit Interessenkonflikte durch Ausschüttungsrestriktionen verringert werden können. Ewert stellt dabei die Auswirkungen auf die Gläubigerschutzfunktion in den Mittelpunkt seiner Betrachtung.<24> Schildbach hingegen beschäftigt sich mit Fragen des Zusammenhangs zwischen dem Kapitalmarkt und der Informations- und der Ausschüttungsbemessungsfunktion der externen Rechnungslegung.

Durch diese Arbeiten werden die ursprünglichen Rechnungslegungszwecke, Gläubigerschutz und Selbstinformationspflicht, zumindest für die Kapitalgesellschaft aufgrund des erweiterten Kreises der Anteilseigner und die jederzeitige Handelbarkeit der Anteile durch eine anspruchsvollere Konzeption ersetzt. Es werden nun strengere Anforderungen an die Informationsfunktion und die Zahlungsbemessungsfunktion im Sinne einer Interessenregelung (Konfliktschlichtung) gestellt. Auch der Gesetzgeber erkennt Jahresabschlußzwecke wie Ausschüttungssperren im Gläubigerinteresse als Jahresabschlußzwecke an.<25> Mit der Notwendigkeit einer Offenlegung gegenüber einem anonymen Adressatenkreis erhält auch die Informationsfunktion eine andere Bedeutung als zuvor.<26>

Auch durch die Informationsökonomik, die unterschiedliche Rechnungslegungssysteme als miteinander konkurrierende Informationssysteme interpretiert, hat sich die Betrachtung der Rechnungslegung geändert, denn es wird untersucht, unter welchen Bedingungen die Rechnungslegung für Entscheider überhaupt Informationsgehalt und Informationswert aufweist, und wie der einzelne Rechnungslegungsadressat unterschiedliche Rechnungslegungssysteme nach ihrer Vorteilhaftigkeit ordnen kann. Ferner wird erstmals die Problematik der Konsensfähigkeit von Rechnungslegungsnormen thematisiert, indem die Frage gestellt wird, ob sich Rechnungslegungsadressaten mit unterschiedlichen Zielen und Erwartungen in einem gedachten Abstimmungsprozeß auf ein Rechnungslegungssystem einstimmig einigen können. Während die Fragen nach Informationswert und Informationsgehalt und der individuellen Präferenz des einzelnen Adressaten individualanalytisch behandelt werden, geht es bei der Frage nach dem Abstimmungsprozeß erstmals um ein kollektives Entscheidungs-


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problem. Ergebnis der informationsökonomischen Untersuchungen ist, daß bei kostenlosen Informationssystemen alle Adressaten jeweils die feinere Art der Rechnungslegung einer gröberen vorziehen. Sind die Informationssysteme dagegen nicht mehr kostenlos, so können Informationssysteme, die sich nicht in die Kategorien feiner oder gröber einordnen lassen, im Abstimmungsprozeß nicht mehr in eine Reihenfolge, die einstimmig präferiert wird eingeordnet werden.<27> Ein Konsens der Adressaten läßt sich daher mit der Informationsökonomie nicht konstruieren.

Der Konsensgedanke wird aus juristischer Sicht von Kirchner<28> aufgenommen, der diesen als Legitimationskriterium für Rechnungslegung als zwingendes Privatrecht heranzieht: nur ein Bilanzrecht auf das sich die betroffenen Akteure im Rahmen von unvollständigen Verträgen in einer gedachten Abstimmung einstimmig geeinigt hätten, ist aus der Sicht der ökonomischen Theorie des Rechts gerechtfertigt. Die Einführung der Annahme, daß das Bilanzrecht simultan Lücken in verschiedenen unvollständigen Verträgen schließt, erlaubt es nun, das Bilanzrecht als Bestandteil unterschiedlicher Rechtsbeziehungen, die im Innen- und Außenverhältnis der Unternehmung angesiedelt sind, zu untersuchen und die Rechtswissenschaft und die ökonomische Theorie miteinander zu verbinden.

Damit erfolgt eine Abkehr von den bisherigen interdisziplinären Ansätzen, bei denen primär<29> in Posner`scher Tradition die Frage gestellt wird, ob Rechnungslegungsvorschriften benötigt werden, oder ob eine Steuerung über den Markt effizienter wäre.<30> Bei den bisherigen Überlegungen geht es somit um eine Rechtfertigung für Rechnungslegungsvorschriften schlechthin.<31> Nur vereinzelt werden konkrete Probleme des Bilanzrechts herausgegriffen und einer Betrachtung der Auswirkungen auf einzelne Interessengruppen unterzogen.<32> Im Jahr 1993 wurde ein Sonderheft der Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung<33> mit dem Titel "Ökonomische Analyse des Bilanzrechts" herausgegeben. Eine Analyse des Inhalts fördert im wesentlichen die Betrachtung der bisherigen betriebswirtschaftlichen Theorien, eine Gegenüberstellung deutscher und amerikanischer Bilanztheorien sowie einen Vergleich zwischen deutschem Recht und EG-Recht als thematische Schwerpunkte zu Tage.

Abschließend läßt sich festhalten, daß trotz der zahlreichen und unterschiedlichen Ansätze eine umfassende Analyse des geltenden Bilanzrechts, wie es in den §§ 238 bis 289 HGB seinen Niederschlag gefunden hat, aus der Sicht der ökonomischen Theorie des Rechts fehlt.


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1.2. Problemstellung und Ziel der Arbeit

1.2.1. Aktueller Bezug des Themas

Die Frage, wie das Bilanzrecht beschaffen sein sollte, wurde in der Literatur zuletzt umfassend im Zusammenhang mit dem Bilanzrichtliniengesetz erörtert. Gegenwärtig stellt sie sich erneut, wenn die Rechungslegung nach internationalen Standards, wie z.B. den US-GAAP und den IAS im Vergleich zur Rechnungslegung nach dem HGB diskutiert wird. Die gegenwärtigen Diskussionen finden vor dem Hintergrund des Zugangs zu den internationalen Kapitalmärkten statt: so ist Voraussetzung zur Notierung an der New Yorker Stock Exchange die Bilanzierung nach US-GAAP oder eine Überleitungsrechnung für das Eigenkapital und das Jahresergebnis.<34> Möchte sich ein deutsches Unternehmen Eigenkapital über die New Yorker Börse beschaffen, so ist es folglich gezwungen, entweder abweichend von den in Deutschland geltenden Rechnungslegungsregeln zu bilanzieren, also einen zweiten Abschluß zu erstellen oder aber eine Überleitungsrechnung durchzuführen. Ein Abschluß nach den Regeln des HGB genügt den Anforderungen der SEC nicht,<35> weil das deutsche Bilanzrecht aus internationaler Sicht geprägt ist durch mangelhafte Informationsgewährung verbunden mit der Möglichkeit der Bildung stiller Reserven zu Lasten der Anteilseigner.<36> Es geht im Kern um den Konflikt zwischen Ausschüttungsbemessungs- und Informationsfunktion des deutschen Bilanzrechts, der auf Unverständnis stößt,<37> weil international der Gedanke des Anlegerschutzes bzw. der Investoreninformation dominiert.<38>

Diese Entwicklungen können auch nicht einfach ignoriert werden, da sich Deutschland in den letzten Jahren zu einem Kapitalimportland entwickelt hat und im internationalen Vergleich nur über einen schwach ausgeprägten Aktienmarkt verfügt. So lag die deutsche Aktienmarktkapitalisierung im Jahr 1993 bei 3% des Weltmarkts, während der US-Kapitalmarkt im gleichen Jahr auf einen Anteil von 38% des Weltmarkts kam, und damit den größten Kapitalmarkt der Welt sowohl nach dem Volumen als auch nach der Anzahl der Investoren darstellt.<39> Hinzu tritt ein verschärfter internationaler Wettbewerb, der auch die Selbstfinanzierungskraft deutscher Unternehmen in den letzten Jahren in Mitleidenschaft gezogen hat.<40> Die geringe Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen, die in der Literatur<41> mit weniger als 18% im Durchschnitt aller börsennotierten Werte angegeben wird, bildet ein weiteres Argument für die Anziehungskraft der internationalen Kapitalmärkte, insbesondere des US-Aktienmarktes.<42> Außerdem erfolgt ein Umdenken bei den großen Unternehmen: Sie orientieren sich stärker als bisher am Kapitalmarkt mit der Folge einer größeren Bedeutung des Marktwertes der Unternehmung als Zielgröße der Unternehmensführung, denn es gilt, den shareholder-value zu verbessern.<43> Aus diesen Entwicklungen resultiert zwangsweise für international tätige Unternehmen eine Orientierung an den Gepflogenheiten großer ausländischer Kapitalmärkte, insbesondere der New Yorker Börse. Daher sind in den letzten


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Jahren deutsche, international tätige Unternehmen vermehrt dazu übergegangen, neben dem Abschluß nach den Regeln des HGB freiwillig auch einen Abschluß nach internationalen Standards zu erstellen,<44> sei es als separater Abschluß nach US-GAAP oder IAS, sei es eine Überleitungsrechnung (Reconciliation) oder sei es, daß die Bilanzierungswahlrechte des HGB so ausgeübt worden sind, daß die Ansätze mit den Standards der IAS oder US-GAAP übereinstimmen.<45>

Es ist angesichts dieser Entwicklungen, die mit der fortschreitenden weltweiten Verflechtung der Kapitalmärkte einhergehen, und dazu geführt haben, daß auch der ”Neue Markt“ an der Frankfurter Börse über private Zulassungsverträge Jahresabschlüsse nach US-GAAP, IAS bzw. HBG-Abschlüsse mit Überleitungsrechnungen fordert,<46> überlegenswert, ob das Bilanzrecht in seiner jetzigen Ausgestaltung trotz der mangelnden internationalen Akzeptanz beibehalten oder geändert werden sollte. Wenn deutsche Unternehmen freiwillig andere Rechnungslegungsregeln anwenden, um Zugang zum Kapitalmarkt zu erlangen, entstehen ihnen zusätzliche Kosten.<47> Diese würden die Unternehmungen nicht auf sich nehmen, wenn sie sich davon nicht einen Nutzen versprechen würden, der diese Kosten rechtfertigt. Daher stellt sich die Frage, ob der Gesetzgeber mit dem geltenden Bilanzrecht den Unternehmungen ein Recht aufzwingt, das ihren eigenen Interessen widerspricht, ohne den betroffenen Akteuren einen Nutzen zu bringen, der die Nachteile aufwiegt. Sollte sich herausstellen, daß dies der Fall ist, wäre über Änderungen nachzudenken.

1.2.2. Dilemma zwischen Ausschüttungsbemessungs- und Informationsfunktion des Bilanzrechts

Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit des Zugangs zu den internationalen Kapitalmärkten darf jedoch nicht übersehen werden, daß das Bilanzrecht nach deutschem Verständnis andere Aufgaben als nach internationalem Verständnis zu erfüllen hat. In den USA werden für den Bilanzadressaten verläßliche, glaubwürdige Informationen gefordert, die es ihm ermöglichen, Vergleiche zwischen verschiedenen Unternehmungen und im Zeitablauf anzustellen. Die Informationen sollen konsistent, für Entscheidungen relevant und damit für den Bilanzadressaten nützlich sein.<48> Der Jahresabschluß erfüllt damit eine reine Informationsfunktion, bei der mehr Wert auf eine faire Darstellung der Lage des Unternehmens gelegt wird als auf Vorsichtsüberlegungen. Der Jahresabschluß ist nach US amerikanischem Recht in aller Regel<49> nicht für die Ausschüttung an die Anteilseigner maßgeblich. Ausschüttungen sind in den USA zulässig, solange sie nicht zur Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung führen. Die Finanzgläubiger schützen sich vor zu hohen Ausschüttungen durch privatrechtliche Vereinbarungen in den Kreditverträgen.<50>

Nach deutschem Verständnis muß das Bilanzrecht weitere Aufgaben erfüllen. Es ist als Kompromiß zwischen den Interessen unterschiedlicher Rechnungslegungsadressaten konzipiert und hat neben der Informationsgewährung an unterschiedliche Akteure, wie z.B. Anteilseigner, Fremdkapitalgeber, Lieferanten, Kunden, Arbeitnehmer und den Staat noch die


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Ausschüttungsbemessungsfunktion zu erfüllen.<51> Die Ausschüttungsbemessungsfunktion hat zur Folge, daß Regelungen existieren, die die Höhe der Gewinnausschüttungen an die Anteilseigner zugunsten anderer Gruppen von Akteuren beschränken. Die begünstigten Akteure sollen dadurch vor zu hohen Auskehrungen an die Eigentümer der Unternehmung geschützt werden.<52> Bei der Erstellung eines Jahresabschlusses sind beide Bilanzfunktionen zu berücksichtigen. Dadurch kann der Bilanzierende in ein Dilemma geraten: Informiert er in der Bilanz darüber, daß es dem Unternehmen ”gutgeht“ muß er mit einer höheren Auskehrung an Mitteln rechnen. Möchte er dagegen sicherstellen, daß keine höheren Auskehrungen an die Anteilseigner möglich sind, muß die Lage des Unternehmens im Zahlenwerk des Jahresabschlusses als ”schlecht“ dargestellt werden. Die unterschiedlichen Aufgaben des deutschen Bilanzrechts werden aus diesem Grund gewöhnlich als konfliktär<53> beurteilt.

1.2.3. Normative Fundierung bilanzrechtlicher Regelungen als Ziel der Arbeit

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung und der skizzierten Konzeption des Bilanzrechts soll der Versuch unternommen werden, mit Hilfe der ökonomischen Theorie des Rechts<54> einzelne bilanzrechtliche Regelungen normativ zu begründen. Das bedeutet, es soll untersucht werden, ob ein Festhalten an diesen Regelungen des geltenden Bilanzrechts durch den Gesetzgeber legitimiert werden kann. Wenn sich herausstellt, daß die herkömmlichen Bilanztheorien die normative Fragestellung nicht befriedigend zu beantworten vermögen, soll ausgehend von der Denkfigur des unvollständigen Vertrags versucht werden, mit Hilfe der Neuen Institutionenökonomie verschiedene Bilanztheorien zu integrieren. Zugleich wird versucht, eine Verbindung zwischen der Neuen Institutionenökonomie und der Konstitutionenökonomie herzustellen, und damit die grundsätzliche Anwendbarkeit der Neuen Institutionenökonomie in Verbindung mit der Konstitutionenökonomie auf eine bilanzrechtliche Fragestellung erprobt.

Die normative Analyse des gesamten Bilanzrechts unter Berücksichtigung aller Beziehungen, die das Bilanzrecht im Innen- und Außenverhältnis der Unternehmung regelt, würde angesichts der Komplexität der Materie, die sich noch durch die Verknüpfung des Bilanzrechts mit dem Steuerrecht über die Prinzipien der Maßgeblichkeit und Umkehrmaßgeblichkeit erhöht, den Rahmen der Arbeit sprengen. Daher erfolgt eine bewußte Beschränkung der normativen Analyse auf die Regelungen des § 249 HGB. Die Regelung des § 249 HGB wird aus zwei Gründen ausgewählt: zum einen setzt sich die Norm aus Passivierungspflichten, -wahlrechten und -verboten sowie Bewertungswahlrechten zusammen. Sie enthält damit die im Bilanzrecht auftauchenden Normenstrukturen. Zum anderen ist die Regelung des § 249 HGB durch die gewährten Ansatz- und Bewertungswahlrechte besonders gut zur Bildung und Auflösung stiller Reserven geeignet. Sie kann dadurch die Interdependenz von Ausschüttungsbemessungsfunktion und Informationsfunktion verdeutlichen. Damit kann der
§ 249 HGB als repräsentativ für den Aufbau und die Wirkungsweise des Bilanzrechts angesehen werden.


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1.3. Aufbau der Arbeit

Im zweiten Kapitel wird das dieser Arbeit zugrunde liegende Modell vorgestellt, das den Gegenstand der Arbeit auf die Unternehmensverfassung und auf die Finanzierungsbeziehungen der Unternehmung reduziert. Es werden dann in Abgrenzung zur neoklassischen Wirtschaftstheorie die der Arbeit zugrundeliegenden Annahmen vorgestellt und erläutert. Dieser Teil der Arbeit ist - auch in bezug auf die neoklassische Theorie - etwas ausführlicher gehalten. Dafür sind zwei Gründe ausschlaggebend: zum einen stehen die wesentlichen Annahmen dieser Arbeit im Widerspruch zur vorherrschenden neoklassischen Theorie und zum anderen basieren einige der im Verlauf der Arbeit vorgestellten Ansätze letztendlich auf den Annahmen der neoklassischen Theorie.

Unter Berücksichtigung der Annahmen werden die Beziehungen der Anteilseigner untereinander, der Unternehmung zu ihren Gläubigern und zu potentiellen Anteilseignern hinsichtlich der Interessen der unterschiedlichen Akteure näher beleuchtet. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Interessen der einzelnen Gruppen von Akteuren wird anschließend untersucht, welche Bedeutung der Ausschüttungsbemessungs- und Informationsfunktion des Jahresabschlusses in den jeweiligen Beziehungen zukommen kann.

Um die herkömmlichen und neueren Bilanztheorien auf ihre Eignung bezüglich der normativen Rechtfertigung einzelner bilanzrechtlicher Normen im Kontext des zugrundegelegten Modells untersuchen zu können, soll im nächsten Schritt festgestellt werden, welche bilanzrechtlichen Regelungen hinsichtlich der Ausschüttungsbemessungs- und Informationsfunktion relevant sind, welche Restriktionen sie den Akteuren auferlegen und wie sich dies auf das Verhalten der Akteure auswirkt. Nach einer allgemeinen Einführung in das Problem der Interdependenz zwischen den beiden Funktionen der Bilanz wird die Betrachtung eingeengt, indem die bilanzrechtlichen Regeln zur Bildung von Rückstellungen gemäß § 249 HGB referiert werden.<55>

Am Ende des zweiten Kapitels werden die restriktiven und die verhaltensleitenden Wirkungen des § 249 HGB auf die Akteure anhand des Modells untersucht. Im Hinblick auf unvollständige Verträge zwischen den Akteuren wird gefragt, ob die Regelung des § 249 HGB geeignet ist, bewußte oder unbewußte Lücken in diesen Verträgen zu schließen, und wenn dies der Fall ist, wie sich die konkrete Lückenfüllung auf das Verhalten der Akteure auswirkt. Im Hinblick auf die Beziehung zu den potentiellen Anteilseignern kann nur gefragt werden, ob der § 249 HGB innerhalb dieser Beziehung die Wirkung einer Restriktion für die Akteure entfalten kann. Sollte dies bejaht werden, ist weiter zu fragen, wie die Restriktionswirkung das Verhalten der Akteure beeinflußt.

Im dritten Kapitel wird geprüft, ob mit Hilfe traditioneller Bilanzauffassungen eine normative Fundierung von Regelungen des geltenden Bilanzrechts, konkret der Regelung zur Bildung von Rückstellungen, möglich ist. Den traditionellen Auffassungen werden die herkömmlichen (klassischen) bilanztheoretischen Ansätze zugeordnet, bei denen es sich vorwiegend um ältere Ansätze aus der Betriebswirtschaftslehre<56> handelt. Diese Ansätze gehen vom Zweck der Bilanz aus, der allerdings je nach gewähltem Ansatz ein anderer sein kann. Da der Bilanz in der Regel ein Zweck zugeordnet wird, an dem sie sich orientieren kann und an dem sich die Wertansätze ausrichten sollen, könnten diese Ansätze grundsätzlich geeignet sein,


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den § 249 HGB normativ zu begründen. Bei den klassischen bilanztheoretischen Ansätzen handelt es sich häufig nicht um festgefügte Auffassungen, sondern es können im einzelnen erhebliche Unterschiede bei den einzelnen Vertretern dieser Auffassungen auftreten.<57> Daher geht es nur darum, die grundlegenden gemeinsamen Aussagen der jeweiligen Ansätze zu erfassen und im Hinblick auf die gewählte Fragestellung zu untersuchen. Daneben wird die Bilanzrechtstheorie in die Betrachtung mit einbezogen, weil sie in Deutschland ein wichtiges Forschungsgebiet darstellt, und daher eine Antwort auf juristische Fragestellungen erwarten lassen sollte.

Nicht in die Untersuchung einbezogen werden die von der Betriebswirtschaftslehre entwickelten Ansätze zur Bilanzgestaltung,<58> obgleich diese auch zu den herkömmlichen Bilanztheorien gezählt werden könnten. Die Ansätze zur Bilanzgestaltung nehmen die Bilanz im Rechtssinn als gegeben an und überlegen, wie der Jahresabschluß aus Sicht der Unternehmung bzw. deren Management mit Hilfe der Bilanzpolitik gestaltet werden kann, um ein vorgegebenes Bilanzierungsziel zu erreichen. Durch die Bilanzpolitik soll das Verhalten der Bilanzadressaten beeinflußt werden. Diese Ansätze scheinen daher wenig geeignet zu sein, einen Beitrag zur Beantwortung der Frage nach der normativen Rechtfertigung geltenden Bilanzrechts zu leisten.

Im vierten Kapitel wird überprüft, ob die neueren, in der Regel interdisziplinär<59> orientierten Ansätze geeignet sind, unter Berücksichtigung des hier gewählten Modells die Regelungen des § 249 HGB normativ zu fundieren. Bei der Betrachtung der verschiedenen neueren Ansätze ist zu berücksichtigen, daß die Theorieentwicklung nicht im ”luftleeren Raum“ erfolgt, sondern die jüngeren Ansätze teilweise auf den Erkenntnissen der traditionellen Bilanztheorie aufbauen. Daher kommt es mitunter zu Überschneidungen und die Grenzen zwischen traditionellen Bilanztheorien und jüngeren Ansätzen verschwimmen. Dies gilt insbesondere für die Arbeiten, die versuchen den Gedanken des ökonomischen Gewinns mit dem Bilanzrecht zu verbinden. Sie sind den älteren Bilanzauffassungen noch dadurch verbunden, daß sie der Bilanz nur eine Aufgabe zuweisen. Mit den jüngeren Ansätzen verbindet sie die Einbeziehung kapitaltheoretischer Überlegungen. Insbesondere der neoinstitutionalistische Ansatz von Ordelheide hat sich von den traditionellen Ansätzen weit entfernt und ließe sich den modernen Ansätzen zurechnen. Er wird hier aber trotzdem den älteren Theorien zugeordnet, da Anknüpfungspunkt des Ansatzes der ökonomische Gewinn ist.

Die neueren interdisziplinär orientierten Ansätze sind durch Forschungspluralismus gekennzeichnet. Dies gilt um so mehr, wenn man die jüngere Theorieentwicklung in den USA in die Betrachtung einbezieht.<60> Ein wesentlicher Unterschied zu den traditionellen betriebswirtschaftlich orientierten Ansätzen ist neben der Rezeption wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse die differenziertere Betrachtung der Interessen der Bilanzadressaten. Angesichts der unterschiedlichen Fragestellungen, denen sich die neueren Ansätze zuwenden, ist es erforderlich, eine Auswahl zu treffen und nur diejenigen Ansätze zu berücksichtigen, bei denen eine Beantwortung der normativen Fragestellung nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann. Es werden daher beispielsweise die Ansätze über Normentwicklungsprozesse im Sinne der ”positive accounting theory“ von Watts und Zimmerman<61> igno-


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riert. Diese Ansätze fragen danach, wie bestimmte Rechnungslegungsnormen im politischen Prozeß zustande kommen, und wie diese den am politischen Willensbildungsprozeß Beteiligten nützen, um einen Beitrag zu der Frage nach der Umsetzbarkeit normativer Rechnungslegungsziele im politischen Prozeß zu leisten.<62> Eine direkte Antwort auf die hier interessierende normative Fragestellung ist daher von diesen Ansätzen nicht zu erwarten.

Auch der jüngste Ansatz von D. Schneider zu einer ökonomischen Analyse des Bilanzrechts läßt keine Antwort auf die normative Fragestellung erwarten. Obwohl dieser Ansatz thematisch mit der Arbeit im Zusammenhang zu stehen scheint, handelt es sich letztendlich um einen betriebswirtschaftlichen Ansatz, in dem es darum geht, das Bilanzrecht als Bestandteil des Rechnungswesens in die Betriebswirtschaftslehre zu integrieren.<63>

Ebenfalls nicht betrachtet werden Arbeiten, die Agency-Probleme zwischen Managern und Anteilseignern behandeln und nicht mit Finanzierungsbeziehungen im Zusammenhang stehen.<64> Ansätze, die Agency-Probleme mit Finanzierungsproblemen verbinden, finden hingegen Berücksichtigung.

Im fünften Kapitel soll versucht werden, mit Hilfe der Neuen Institutionenökonomie die jüngeren bilanztheoretischen Ansätze, die bereits einzelne Beziehungen zwischen unterschiedlichen Akteuren berücksichtigen, miteinander zu verbinden. Für dieses Vorgehen spricht vor allem, daß die Regelung von Beziehungen über unvollständige Verträge - worunter sowohl Verträge im rechtlichen Sinn als auch im rein ökonomischen Sinn verstanden werden - zentrale Annahme der Neuen Institutionenökonomie ist. Damit erscheint eine Verbindung von Rechtswissenschaft und Ökonomie über den Vertrag als Bindeglied möglich. Die Darstellung der Neuen Institutionenökonomie, beschränkt sich auf diejenigen Teilgebiete, die im Zusammenhang mit dem Versuch der Integration der verschiedenen neueren bilanztheoretischen Ansätze relevant erscheinen, wobei der Schwerpunkt bei der ökonomischen Vertragstheorie liegt. Die Annahmen der Neuen Institutionenökonomie werden nicht noch einmal aufgegriffen, da sie mit den Annahmen des Modells übereinstimmen und bereits in diesem Zusammenhang erläutert werden.

Wenn es gelingt, die jüngeren bilanztheoretischen Ansätze über den Vertrag als Bindeglied mit Hilfe der Neuen Institutionenökonomie miteinander zu verbinden, könnte dies zwar eine Erklärung des Bilanzrechts am Beispiel des § 249 HGB darstellen, aber es würde nicht bedeuten, daß die Regelung des § 249 HGB die bestmögliche Lösung eines Bilanzierungsproblems darstellt. Die normative Fragestellung wäre nicht beantwortet.

Daher soll abschließend versucht werden, die Verbindung der Neuen Institutionenökonomie mit der Konstitutionenökonomie herzustellen, da letztere für die Beantwortung der normativen Fragestellung geeignet erscheint. Verbindendes Element zwischen der Neuen Institutionenökonomie und der Konstitutionenökonomie ist ebenfalls der Vertrag, denn die Konstitutionenökonomie geht von der Vorstellung aus, daß alle Beziehungen zwischen Individuen ausschließlich über Verträge geregelt werden. Dies umfaßt auch kollektives Handeln. Die Konstitutionenökonomie sieht den freiwilligen Konsens aller von einer Regelung betroffenen Individuen im Rahmen eines Vertrags unter der Voraussetzung der Ungewißheit als Legitimationskriterium an, das die Existenz einer Regelung rechtfertigt. Für die Fragestellung der Arbeit bedeutet dies, daß die Regelung des § 249 HGB - stellvertretend für das Bilanzrecht -


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normativ fundiert wäre, wenn es gelingt einen hypothetischen Konsens der Beteiligten bezüglich dieser Regelung zu konstruieren. Wenn gezeigt werden kann, daß sich alle von der Regelung betroffenen Akteure des Modells in einem hypothetischen Konsens aus ihren eigenen subjektiven Interessen heraus auf diese Regelungen geeinigt hätten, spricht dies für einen allgemeinen Bedarf an dieser Regel. Es wäre gerechtfertigt die gesetzliche Regelung zu befürworten.<65>

Abgeschlossen wir die Arbeit im sechsten Kapitel mit einer Schlußbetrachtung, in der die Ergebnisse der vorhergehenden Kapitel zusammenfassend gewürdigt werden.

1.4. Exkurs: Zulässigkeit der Verbindung von positiver und normativer Theorie

Wie im Abschnitt 1.2.3 dargestellt, verfolgt die Arbeit eine normative Zielsetzung, nämlich eine normative Rechtfertigung der Regelungen des § 249 HGB. Da jedoch weite Teilbereiche der Arbeit der positiven Analyse zuzurechnen sind, ergibt sich die Notwendigkeit, in einem Exkurs die Frage nach dem Verhältnis von positiver und normativer Analyse zu klären, da die Zulässigkeit einer Verbindung von positiver und normativer Theorie umstritten ist.

Gegen die Verbindung von positiver und normativer Theorie spricht sich Becker aus.<66> Die Hintergründe der Unvereinbarkeitsthese von Becker sieht Pies<67> darin, daß ein Phänomen als erklärt gilt, wenn es auf rationale, an Kosten orientierte Individualhandlungen zurückgeführt werden kann. Demzufolge muß es einen Konflikt zwischen positiver und normativer Analyse geben, wenn eine Sollensvorschrift für ein bereits erklärtes Phänomen aufgestellt werden soll. Wenn erklärt werden kann, warum bestimmte Handlungen vorgenommen werden oder warum es bestimmte Normen gibt, soll damit zugleich die Aussage verbunden sein, daß ein Individuum nicht anders handeln kann, oder es keine besseren Regeln gibt. Hinter dieser Argumentation steckt der Gedanke, daß diejenigen Regelungen oder Handlungen, die sich im Laufe der Evolution durchgesetzt haben, die bestmöglichen Lösungen darstellen.<68> Wenn etwas aber gar nicht anders sein kann, weil nämlich ausgehend vom evolutionären Gedankengut bereits der bestmögliche Zustand erreicht ist, dann wäre es sinnlos eine vom Istzustand abweichende Sollensvorschrift aufzustellen. Es gibt keinen Spielraum für eine normative Analyse, denn die Individuen könnten nicht zu einer anderen Lösung gelangen.

Gelingt es dagegen nicht, eine Handlung oder eine Regelung zu erklären, erscheint es möglich, Handlungsvorschläge im Rahmen der normativen Analyse zu unterbreiten. Dadurch vermindert sich aber die Anstrengung, die Handlung oder die Regelung doch noch mit Hilfe der positiven Analyse zu untersuchen. Es besteht der Anreiz, den Individuen zu raten, die Handlungen oder Regelungen, die sich nicht erklären lassen, zu ändern. Durch Beckers Unvereinbarkeitsthese soll sichergestellt werden, daß solange nach einer Erklärung im Rahmen der positiven Analyse gesucht wird, bis sie gefunden ist. Wenn die Erklärung dann gelingt, wäre das wieder der Beweis, daß der bestmögliche, und damit nicht mehr der normativen Analyse zugängliche Zustand erreicht ist. Pies gesteht zu, daß es einen Konflikt zwischen positiver und normativer Analyse geben kann. Er meint jedoch: <69>”Der Schlüssel zu


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einer systematischen Integration positiver und normativer Analyse liegt nun in dem Umstand, daß auch eine imperialistische Ökonomik nicht alles erklärt und selbst jene Phänomene, die sie prinzipiell erklären könnte, nicht alle zugleich erklärt. Jede ökonomische Erklärung basiert auf Voraussetzungen, deren Gültigkeit sie mit Hilfe der ceteris-paribus-Klausel sicherstellt. Unter diese Klausel fallen auch die institutionellen Randbedingungen individueller Handlungen. Beziehen sich die hypothetischen Ratschläge auf die Veränderung solcher Institutionen, so ist wissenschaftliche Normativität nicht nur mit erfolgreichen ökonomischen Erklärungen vereinbar, sondern kann sogar durch solche Erklärungen unterstützt und verbessert werden. Der durchaus mögliche Widerspruch zwischen positiver und normativer Forschung läßt sich systematisch vermeiden, indem erstere auf die Erklärung restriktionsinduzierter Verhaltensänderungen, letztere auf Reformvorschläge für verhaltenskanalisierende Restriktionen, insbesondere Regeln, bezogen wird.“<70> Diesem Gedankengang wird hier gefolgt.

Außerdem erscheint es zweifelhaft, ob mit dem Hinweis auf evolutionäres Gedankengut eine bestehende Regelung als die beste Regelung identifiziert werden kann, denn dadurch, daß die Akteure, die Regeln in der realen Welt<71> anwenden, nicht allwissend sind, kann es sein, daß ihnen existierende alternative Regelungsmöglichkeiten unbekannt geblieben sind. Unter derartigen Umständen erscheint es möglich, eine Regelung oder eine Handlung zu erklären, ohne daß dadurch die Aufstellung einer Sollensvorschrift, die auf einer besseren Regelung basiert, sinnlos werden muß. Die Unvereinbarkeitsthese von Becker läßt sich demnach nicht halten, wenn die Annahmen vollkommenen Wissens und vollkommener Rationalität zugunsten der realitätsnäheren Annahmen unvollkommener Information und beschränkter Rationalität fallengelassen werden.

Für den Fortgang der Arbeit hat die Ablehnung der Unvereinbarkeitsthese zur Folge, daß selbst dann, wenn die Regelungen des § 249 HGB den Akteuren in den einzelnen Beziehungen Restriktionen auferlegt, von denen eine verhaltenskanalisierende Wirkung ausgeht, die Norm also einer ökonomischen Erklärung zugänglich ist, weiterhin versucht werden kann, die bestehenden Regelungen normativ zu rechtfertigen.


Fußnoten:

<1>

Von einer Theorie im Sinne Poppers kann nur bei der Theorie der Bilanzwirkungen gesprochen werden, weil nur bei dieser empirisch falsifizierbare Gesetzesaussagen existieren. Bei den anderen gemeinhin als Bilanztheorien bezeichneten Bilanzauffassungen handelt es sich um logisch-deduktive Aussagensysteme. Vgl. Ballwieser, (1993), S. 109 f.

<2>

Hax (1988), S. 188.

<3>

Vgl. Wagner (1993a), S. 3, sowie Schneider (1993), S. 33 ff. m.w.N.

<4>

Moxter (1993), S. 71.

<5>

Zur historischen Entwicklung der Rechnungslegungsvorschriften vgl. Brandl (1987), S. 7-18; Picot (1981), S. 176-179; zur Entwicklung der Theorien in den USA vgl. Ballwieser (1993), S. 133 f.

<6>

Vgl. Schneider (1994).

<7>

Schneider (1994), S. 1.

<8>

Schneider (1994), S. 5.

<9>

Moxter (1993), S. 62, 64, 84.

<10>

Moxter (1993), S. 62, dort FN 5 m.w.N.

<11>

Vgl. z.B. Groh (1989), S. 231 und Groh (1980), S. 126. Er meint, aus den heute kodifizierte GoB seien die nicht normierten Grundsätze in der methodisch üblichen Weise abzuleiten, wobei es um die Auslegung eines entwickelten Bilanzrechts geht, ohne daß auf die obersten Zwecke der Rechnungslegung zurückgegriffen werden muß. Die Anwendung von Bilanzrecht sei die Bilanz im Rechtssinn. Einen "Ausbruch" in rechtsfremde Überlegungen lehnt Groh ab.

<12>

Z.B. BFH-Urteil v. 13.8.1957, I 46/57 U, BFHE 65, 307, BStBl III 1957, 350; BFH-Urteil v. 14.1.1960, IV 108/58 U, BFHE 70, 365, BStBl III 1960, 137; sowie auch noch BFH-Beschluß v. 26.11.1973, GrS 5/71, BFHE 111, 242, BStBl. II 1974, 132. Vgl. auch Moxter (1988), S. 448 m.w.N. und Moxter (1993), S. 65 f. m.w.N.

<13>

Vgl. Stützel (1967).

<14>

Zum Begriff, Inhalt und den Anwendungsfeldern der ökonomischen Theorie des Rechts vgl. Kirchner (1997b).

<15>

Die Arbeit von Posner (1992), die als grundlegend für die ökonomische Theorie anzusehen ist, wurde erstmals 1972 veröffentlicht.

<16>

Z.B. durch Walz (1993).

<17>

Brandl (1987), S. 20, m.w.N.

<18>

Brandl (1987), S. 21.

<19>

Vgl. Ewert (1986).

<20>

Vgl. Brandl (1987).

<21>

Vgl. Schildbach (1986).

<22>

Brandl (1987), S. 23.

<23>

Ewert (1986), S. 5.

<24>

Ewert (1986), S. 6.

<25>

Allerdings ist umstritten, welcher Funktion aus der Sicht des Gesetzgebers der Vorrang gebührt. Während z.B. Moxter (1984), S. 17 f.; Moxter (1988), S. 454; Moxter (1995), S. 424 f.; Euler (1996), S. 228, Beisse (1984), S. 4 und Beisse (1989), S. 298-301; Kübler (1995), S. 363 davon ausgehen, daß die Ausschüttungsbemessungsfunktion der dominierende Zweck des handelsrechtlichen Abschlusses sei, vertritt die Gegenmeinung, daß die Informationsfunktion im Vordergrund stünde. Vgl. Küting/Weber (1990), S. 77, Rn. 160; Döllerer (1980), S. 199 und auch Groh (1980), S. 127; Leffson (1987), S. 98 ff.

<26>

Brandl (1987), S. 22 m.w.N.

<27>

Vgl. Ballwieser (1991), S. 97-124, S. 111 f, Ballwieser (1982), S. 781-784.

<28>

Vgl. Kirchner (1997a).

<29>

Ausnahmen bilden die Arbeiten von Ordelheide (1988a); Ordelheide (1988b), Schneider (1994) und Kirchner (1997a).

<30>

Beispielsweise untersucht Schildbach unter anderem die Frage, welche Rolle der Gesetzgeber bezüglich der Informations- und Kompetenzabgrenzungs- bzw. Ausschüttungsbemessungsfunktion der Handelsbilanz bei Bestimmung und Umfang der betrieblichen Rechnungslegung spielen sollte. Vgl. Schildbach (1986), S. 90.

<31>

Vgl. Walz (1993), S. 91-99.

<32>

Eine Untersuchung der Auswirkung konkreter Rechnungslegungsnormen hat in den siebziger Jahren Egner (1974) durchgeführt.

<33>

Vgl. Wagner (1993b), S. VII.

<34>

Ordelheide (1994), S. 29.

<35>

Zu den verschiedenen Arten der Registrierung am US amerikanischen Markt, die sich in den Anforderungen unterscheiden vgl. Wilhelm (1988).

<36>

Vgl. Ordelheide (1994), S. 32; Kleber (1994), S. 74 f.; Schildbach (1998), S. 3; Kübler (1995), S. 361.

<37>

Wangemann (1997), S. 199.

<38>

Vgl. Neumann (1998), S. 247 und Kübler (1995), S. 364 m.w.N., die darauf hinweisen, daß nach US-amerikanischem Verständnis vor allem die Anteilseigner als Investoren betrachtet werden, aber auch die Gläubiger der Unternehmung, die als Außenstehende ebenfalls informiert werden sollen.

<39>

Vgl. Kleber (1994), S. 70 m.w.N.; Wilhelm (1998), S. 364.

<40>

Ordelheide (1994), S.31.

<41>

Kleber (1994), S. 72.

<42>

Nach Rosen (1995), S. 507 ist Hauptziel der Notierung an ausländischen Börsen die Verbreiterung der Aktionärsbasis und die Senkung der Kapitalkosten. Ähnlich: Wilhelm (1998), S. 364 f.

<43>

Ordelheide (1994), S.31.

<44>

Eine Aufzählung deutscher Konzerne, die für das Wirtschaftsjahr 1996 US-GAAPs angewendet haben befindet sich in Bode/Gohdes/Thurnes (1998), S. 1093, FN 2.

<45>

Vgl. Neumann (1998), S. 246.

<46>

Vgl. Pellens/Bonse/Gassen (1998), S. 785 und Schildbach (1998), S. 1.

<47>

Vgl. Schildbach (1998), S. 17 und Brandl (1987), S. 166, der Nachteile im zwangsweisen Einsatz von Ressourcen zur Erfüllung der Rechnungslegungspflichten sieht.

<48>

Es wird auch vom ”decision usefulness approach“ gesprochen. Vgl. Ballwieser (1993), S. 111.

<49>

In einzelnen Bundesstaaten der USA können Ausnahmen bestehen.

<50>

Dazu ausführlich, Alberth (1997); vgl. auch Kübler (1995), S. 366 und 369; Schildbach (1998), S. 9 f. m.w.N.

<51>

Vgl. Küting/Weber (1990), S. 207, Rn. 109; Baetge (1992); S. 26-32; Busse von Colbe (1993), S. 14; Wangemann (1997), S. 199;
Küffner/Hock (1998), S. 59 f.

<52>

Kübler (1995), S. 370 f. hat die Unterschiede zwischen deutscher und US-amerikanischer Rechnungslegung in Bezug auf die Finanzgläubiger (Banken) auf die Formel des institutionellen Gläubigerschutzes in Deutschland gegenüber dem informellen Gläubigerschutz in den USA gebracht.
Der Art des Gläubigerschutzes liegt eine unterschiedliche Betrachtungsweise zugrunde: In Deutschland wird der Gläubiger als Opfer wirtschaftlicher Abläufe, die er nicht versteht, betrachtet, während der Gläubiger in den USA als rational agierender Akteur angesehen wird, der seine Risiken und Chancen abwägt und seine Beziehungen dementsprechend gestalten wird.

<53>

Vgl. Busse von Colbe (1993), S. 14; Moxter (1984), S.156.

<54>

Zu deren Einordnung innerhalb der Ökonomik und der Rechtswissenschaft vgl. Kirchner (1997b), S. 28-31.

<55>

Auf die steuerrechtlichen Besonderheiten, die über die Umkehrmaßgeblichkeit zu Rückwirkungen auf die handelsrechtlichen Normen führen können, wird aus Vereinfachungsgründen nicht eingegangen.

<56>

Die statische Bilanzauffassung geht ursprünglich auf juristische Schriften zurück, wurde dann aber von der Betriebswirtschaftslehre aufgenommen und verbreitet.

<57>

Wegen der Überschneidungen wird in der Literatur teilweise in formelle und materielle Theorien unterschieden. Vgl. z.B. Seicht (1981), Sp. 262-270.

<58>

Diese Ansätze werden auch als Theorien über Normanwendung bezeichnet. Vgl. Ballwieser (1993), S. 129 f.

<59>

Als interdisziplinär sollen hier auch die Grenzüberschreitung zwischen der Betriebswirtschaftslehre und der Volkswirtschaftslehre gelten.

<60>

Eine Übersicht über die Theoriebildung in den USA befindet sich bei Ballwieser (1993).

<61>

Vgl. Watts/Zimmerman (1978); Watts/Zimmerman (1986); Watts/Zimmerman (1990).

<62>

Watts/Zimmerman (1978), S. 113; im deutschen Schrifttum: Hax (1988), S. 187 f.

<63>

Vgl. bereits oben S. 1 f.

<64>

Zu Nachweisen zu diesen Ansätzen vgl. Ewert (1986), S. 373.

<65>

Ähnlich bereits Schildbach (1986), S. 96. Er vertritt jedoch die Auffassung, daß ein theoretischer Konsens nicht konstruierbar sei.

<66>

Becker (1982), S. 8.

<67>

Pies (1993), S. 117 f.

<68>

Vgl. dazu auch unten S. 121.

<69>

Pies (1993), S. 119.

<70>

Für eine Verknüpfung von normativer und positiver Analyse auch: Kirchner (1997b), S. 18.

<71>

Die Bezeichnung ”reale Welt“ soll hier der Abgrenzung zur Modellwelt der neoklassischen Theorie, in der vollkommenes Wissen und vollkommene Voraussicht herrscht, dienen. In einer solchen Welt würden sich angesichts der Modellannahmen die besten Regeln durchsetzen.


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