I Problemstellung

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„Die Oranienburger Vorstadt in ihrer jetzigen Gestalt ist das Kind einer neuen Zeit und eines neuen Geistes; der ‚Wedding‘ aber, der nun vor uns liegt, ist noch im Einklang mit dem alten nationalen Bedürfnis, mit den bescheideneren Anforderungen einer früheren Epoche gebaut. Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert, das ist die völlige Abwesenheit alles dessen, was wohltut, was gefällt. In erschreckender Weise fehlt der Sinn für das Malerische. Die Häuser sind meist in gutem Zustand, nirgends die Zeichen schlechter Wirtschaft oder des Verfalls. [...] Überall ein Geist mäßiger Ordnung, mäßiger Sauberkeit, überall das Bestreben, sich nach der Decke zu strecken und durch Fleiß und Sparsamkeit sich weiterzubringen, aber nirgends das Bedürfnis, das Schöne, das erhebt und erfreut, in etwas anderem zu suchen, als in der Neuheit eines Anstrichs, oder in der Geradlinigkeit eines Zauns. [...] Nützlichkeit und Nüchternheit herrschen souverän und nehmen der Erscheinung des Lebens allen Reiz und alle Farbe. Grün und gelb und rot wechseln die Häuser und liegen doch da wie eingetaucht in ein allgemeines, trostloses Grau.“1

Mit diesen Worten beschrieb Fontane im Jahr 1860 auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg den Wedding. Noch im Jahr der Eingemeindung nach Berlin vermittelte der Stadtteil im Norden Berlins den Eindruck eines ländlich geprägten und in den Augen Fontanes wenig attraktiven, gesichtslosen Vorortes, unbeeinflußt von der Dynamik des Industrialisierungsprozesses.

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Nur wenige Jahre später hatte sich das Bild grundlegend gewandelt. Billiges, unbebautes Land mit einem leistungsfähigen Anschluß an das Eisenbahn- und Wasserstraßennetz machten den Wedding innerhalb kürzester Zeit zu einem der bedeutendsten Standorte der Berliner Großindustrie. Den stärksten Entwicklungsschub erlebte der Stadtteil in den 30 Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Bevölkerungszahl stieg von 69.500 Einwohnern (1885) auf über 251.000 (1914). Ein hohes natürliches Bevölkerungswachstum und eine intensive Zuwanderung von Personen, die ihr Auskommen in den ansässigen Industriebetrieben suchten, bestimmten die Szenerie. In keinem Stadtteil Berlins lag der Anteil ungelernter Arbeiter höher als innerhalb des Weddings.

Mit dem raschen Bevölkerungswachstum setzte seit den 1880er Jahren von Süden her eine zunehmend intensivere Bautätigkeit ein. An die Stelle der aufgelockerten ein- und zweistöckigen Vorstadtbebauung trat in immer stärkerem Maße eine fünfstöckige Blockrandbebauung mit Quer- und Hofgebäuden. Ende 1900 wies der Wedding nicht nur das niedrigste Mietniveau Berlins auf, sondern stellte zugleich den mit Abstand höchsten Anteil an bewohnten Grundstücken ohne Gas und Elektrizität (22,6%).2 Über 60% der Bevölkerung lebten in Wohnungen mit nur einem heizbaren Raum. Die Belegungsdichte lag bei 2,5 Personen pro Zimmer.3 Nur die östliche Luisenstadt wies innerhalb des Berliner Stadtgebietes ähnlich hohe bzw. geringfügig höhere Werte auf.

In seiner 2002 veröffentlichten Untersuchung über „Das arme Berlin“ zog Kapphan u.a. für den Wedding eine Kontinuitätslinie aus dem Kaiserreich in die Gegenwart.4 Er stellte den Wohnungsbau des Kaiserreichs an den Anfang der Entwicklung:

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„Die Verteilung von unterschiedlich großen Wohnungen über das Stadtgebiet spiegelt [...] die soziale Segregation wider. Arbeiterhaushalte wohnten aufgrund ihres niedrigeren Einkommens überwiegend in den kleinen Wohnungen und hatten damit in den bürgerlichen Quartieren von Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf sehr viel weniger Gelegenheiten, überhaupt eine Wohnung zu finden. Umgekehrt war das Wohnungsangebot für die reichen Haushalte in Wedding, Neukölln und Friedrichshain sehr klein. Die gebauten Strukturen entsprachen also sozialen Strukturen und determinierten die sozialräumliche Verteilung der Bevölkerung auf die verschiedenen Stadtteile.“5

Die in dieser Zeit geschaffenen Grundstrukturen blieben nach seiner Argumentation über alle Kriegszerstörungen, Flächensanierungen und teilungsbedingten Einschnitte hinweg prägend. Aus der Perspektive des Jahres 1991 kommt Kapphan in einem Ost-West-Vergleich zu folgendem Schluß:

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„Nimmt man den Anteil der Arbeiter an den Erwerbstätigen in einem Bezirk als Indikator für soziale Segregation, dann zeigen sich für die Zeitpunkte 1925 und 1991 für Ost- und West-Berlin charakteristische Unterschiede. Im Westteil sind die Gebiete, die einen überdurchschnittlichen Arbeiteranteil haben, genau dieselben wie bereits 1925. An den Orten, wo früher das Proletariat konzentriert war, das sich aus Zuwanderern aus den ländlichen Gebieten Mittel- und Ostdeutschlands rekrutiert hatte, wohnen auch heute die Arbeiter, darunter die heutigen Zuwanderer aus dem Ausland.

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Ganz anders ist dies im Ostteil. Die ehemaligen Arbeiterwohngebiete haben - bezogen auf den gesamten Bezirk - heute einen unterdurchschnittlichen Arbeiteranteil. Überdurchschnittlich sind im Jahr 1991 dagegen die Anteile in den Neubaubezirken Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf. [...]

Die historische Kontinuität der sozialräumlichen Verteilung ist im Ostteil der Stadt durch die sozialistische Wohnungs- und Belegungspolitik absichtlich unterbrochen worden. Im Westteil der Stadt wurde der Gegensatz zwischen innerstädtischen Arbeiterwohngebieten und Villenvororten, der bereits zur Jahrhundertwende 1900 angelegt war, durch den sozialen Wohnungsbau der 1920er bis 70er Jahre zwar relativiert, jedoch nicht aufgelöst.“6

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Abgesehen von der Frage, ob tatsächlich eine Relativierungstendenz zu beobachten ist oder ob nicht gerade der soziale Wohnungsbau und die mehr als 70 Jahre anhaltende Mietpreisbindung für Altbauten das Segregationsmuster konservierten bzw. verschärften, bildet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die unabdingbare Voraussetzung für das Verständnis der Gegenwart. Die Gegenwart markiert keinen zeitlich isolierten Zustand, sondern ist untrennbar mit der Vergangenheit verbunden. Wehler brachte es in seiner Kritik am Präsentismus der Soziologie am deutlichsten auf den Punkt, indem er die Gegenwart mit der „Breite einer Rasierklinge“ gleichsetzte.7 Auch wenn die aktuelle Situation des Weddings im Rahmen dieser Untersuchung nur in Form eines abschließenden Ausblicks aufgegriffen werden kann, ist es das erklärte Ziel, eine Bewertungsgrundlage für weiterführende, gegenwartsbezogene Untersuchungen zu schaffen.

Mit dieser Zielstellung ist eine konzeptionelle Anlehnung an die Überlegungen des französischen Historikers Braudel verbunden, der bereits in den 1950er Jahren Geschichte und Gegenwart in den Spannungsbogen von „événement“ (Ereignis)/„courte durée“ (kurzer Zeitablauf) und „longue durée“ (langer Zeitablauf) einordnete:

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„Das Ereignis ist eine Explosion, eine ‚schallende Neuigkeit‘, wie man im 16.Jahrhundert sagte. Sein täuschender Rauch erfüllt das Bewußtsein der Zeitgenossen, aber es hält nicht lange vor, kaum sieht man seine Flamme. [...] Ein Ereignis kann zur Not eine Reihe von Bedeutungen und Zusammenhängen umfassen. Es zeugt manchmal von sehr tiefen Bewegungen, und durch das mehr oder minder künstliche Spiel der ‚Ursachen“ und ‚Folgen‘, das den Historikern von gestern so lieb war, nimmt das Ereignis einen Zeitablauf in Anspruch, der viel größer ist als seine eigene Dauer. Ausdehnbar bis zum Unendlichen knüpft es, freiwillig oder nicht, an eine ganze Kette von Ereignissen, an zugrunde liegende Realitäten an. Und es scheint infolgedessen unmöglich zu sein, die einen von den anderen zu trennen. [...]

Jede ‚Aktualität‘ vereint ursprüngliche Bewegungen und verschiedene Rhythmen: Die Gegenwart stammt gleichzeitig aus dem Gestern, dem Vorgestern und dem Einst.“8

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Legt man den tiefgreifenden Wandel des Weddings von einem noch überwiegend ländlich geprägten Vorort zum großstädtischen Industriebezirk zwischen 1885 und 1914 als den zu analysierenden Hauptprozeß zugrunde, stellt sich die Frage nach der methodischen Herangehensweise. Über Jahre hinweg war der zu wählende Ansatz in der deutschen Sozialgeschichtsschreibung umstritten. Mit der „Historischen Sozialwissenschaft“ und der sog. „Neuen Kulturgeschichte“ bzw. „Historischen Anthropologie“ standen sich zwei alternative Forschungsansätze gegenüber.9

Der Ansatz der „Historische Sozialwissenschaft“ entwickelte sich in der Zeit nach 1960 mit der grundlegenden Neuausrichtung der deutschen Geschichtswissenschaft. Im Zuge der Neuorientierung verlor die seit dem 19.Jahrhundert dominierende politische Geschichte mit ihrer starken Verhaftung in nationalstaatlichen und nationalpädagogischen Kategorien rasch an Bedeutung. Ökonomische und soziale Faktoren rückten in den Mittelpunkt. Die neue „Historische Sozialwissenschaft“ ging eine enge Verbindung mit den systematischen Sozialwissenschaften ein, d.h. vor allem mit der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Ökonomie. Als zentrales Thema wurde die Erforschung und Darstellung von Prozessen und Strukturen gesellschaftlichen Wandels definiert. Es folgte eine umfassende Theoretisierung des Forschens und eine Betonung des sozialplanerischen Praxisbezugs. Die Geschichtswissenschaft sollte einen direkten Beitrag zur Durchsetzung sozialer Gleichheitschancen leisten.

Seit den 1980er Jahren mehrte sich die Kritik an dieser Vorgehensweise. Immer lauter wurde der Vorwurf einer „zu starke[n] Fixierung auf die sozioökonomischen ‚Umstände‘ und eine[r] ‚menschenverachtende[n]‘ Beschränkung auf Strukturen und Prozesse.“10 Alles drohte unter dem selbstgewählten Korsett von Theorie und Statistik zu ersticken. Borscheid sprach gar vom Alptraum einer Sozialgeschichte ohne Menschen.11

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Im Zuge der Kritik rückte der Alltag in den Blickpunkt des Interesses. Theorien wurden weitgehend abgelegt und das Individuum zum zentralen Untersuchungsobjekt erklärt. Ein Perspektivwechsel setzte ein. Nicht mehr die Struktur bestimmte das Handeln der Menschen, sondern vielmehr der Mensch die Ausprägung der Struktur. Die „Kultur“ avancierte zum Schlagwort, unter dem sich die Kritiker sammelten. In der neu gegründeten Zeitschrift „Historische Anthropologie“ wurde die Zielstellung der „Neuen Kulturgeschichte“ wie folgt definiert:

„ [...] Befindlichkeiten und Einstellungen, Interpretationen und Imaginationen, Verhaltens- und Handlungsweisen sollen in ihren historisch-sozialen Zusammenhängen untersucht und dargestellt werden. [...] Untersucht werden die Formen des Umgangs miteinander, sowohl der einzelnen wie der sozialen Gruppen, der Geschlechter wie der Generationen, aber auch der Umgang mit der als ‚Natur‘ wahrgenommenen Umwelt. Die Analyse von Ritualen, Bräuchen, symbolischen Handlungen schließt die Innenseite von Gesellschaften auf, [...] in denen soziales Leben symbolisch formuliert, in verdichteter Form repräsentiert und konflikthaft ausgetragen wird.“12

↓10

Beide Positionen sind letztendlich untrennbar miteinander verbunden. Eine strukturgeschichtliche Betrachtung entfaltet ihren analytischen Nutzen erst in Verbindung mit einem Blick auf die Heterogenität des Alltags. Umgekehrt muß jede Einzelstudie zu bestimmten Personen und Lebensumständen ohne Aussagekraft bleiben, solange ein Bezug zu den übergeordneten ökonomischen, gesellschaftlichen oder städtebaulichen Rahmenbedingungen fehlt.

So zeigt ein Blick über die deutschen Grenzen hinaus, daß der scharfe Gegensatz zwischen „Historischer Sozialwissenschaft“ und „Historischer Anthropologie“ auf Deutschland beschränkt geblieben ist.13 Der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Mitterauer sprach in diesem Zusammenhang gar von einem „deutschen Sonderweg“ und sieht die Ursachen in Versäumnissen der innerdisziplinären Entwicklung. Seine Kritik richtet sich vor allem an die Vertreter der „Historischen Sozialwissenschaft“:

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„Theoretische Abgrenzungen und Rechtfertigungen im nachhinein sind Scheingefechte. Die Notwendigkeit historisch-anthropologischer Forschung ist wohl nicht deshalb zu betonen, weil es sich um etwas grundsätzlich anderes handelt, sondern weil unter der Dominanz einer verengten Konzeption von Historischer Sozialwissenschaft viel Wichtiges nicht in Angriff genommen worden ist.“14

Für Österreich stellte er zugleich fest, daß die dortige

↓12

„Sozialgeschichte-Forschung [...] auch von ihren Anfängen an nie an den sozialen Makrostrukturen von Staat und Gesellschaft orientiert [war]. Die Analyse der kleinen Lebenswelten spielte hier stets eine wesentliche Rolle.“15

Abgesehen von den in der Forschungspraxis nicht zu trennenden Dimensionen „Struktur“ und „Alltag“ stellt sich im Hinblick auf die eigenen Erörterungen die Frage nach dem Untersuchungsobjekt. Der Begriff „Sozialgeschichte“ impliziert eine auf die Gesellschaft, gesellschaftliche Gruppen oder Einzelpersonen gerichtete Analyse. Ausgeblendet wird der determinierende Einfluß baulicher Strukturen auf die soziale Differenzierung. Die Stadt als vom Menschen geschaffene und segregierte Umwelt, in die Menschen hineingeboren werden oder von außen zuziehen, legt eine Abkehr von der „klassischen“ sozialgeschichtlichen Perspektive nahe. Nicht die Gesellschaft und ihre Teilgruppen, sondern der Raum, innerhalb dessen sich das gesellschaftliche Leben abspielt, erscheint als entscheidender Ansatzpunkt.

Die Untersuchung beruht demnach auf zwei konzeptionellen Säulen:

↓13

  1. Die Ausführungen streben eine inhaltliche Verknüpfung von übergeordneten strukturellen Faktoren und einem individuellen, mikroanalytischen Blickwinkel an. Auch wenn dies nicht in jedem Fall möglich ist und auf eine rein exemplarische Ebene beschränkt bleiben muß, besteht auf diese Weise zumindest die Möglichkeit, die Komplexität und Heterogenität des Geschehens in groben Umrissen zu vertiefen.
  2. Der Arbeit liegt eine explizit räumliche Perspektive zugrunde. Das Untersuchungsgebiet ist zugleich zentrales Untersuchungsobjekt. Es gilt, statistische Merkmalsausprägungen möglichst exakt räumlich zu verorten und durch den Einsatz der thematischen Kartographie zu analysieren.

Überträgt man die Überlegungen in eine schematische Darstellung ergibt sich folgende Arbeitshypothese:

Abb. 1: Untersuchungskonzept

Quelle: Eigene Darstellung.

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Das Schaubild ist von innen nach außen zu lesen. Im Mittelpunkt steht das Untersuchungsgebiet, das verschiedene Strukturebenen aufweist. „Struktur“ wird hierbei definiert als die räumliche Verteilung und Beziehung von Elementen zueinander zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Strukturen stellen für sich genommen reine Momentaufnahmen dar. Werden sie jedoch in eine Zeitreihe gesetzt, besteht die Möglichkeit, Veränderungen in ihrer Langzeitwirkung darzustellen und Entwicklungstendenzen abzuleiten.

Die vier Strukturebenen, die zugleich das Gliederungsschema der Arbeit vorgeben, orientieren sich am Informationsgehalt der gewählten Quellenbasis.16 Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.17

Den Ausgangspunkt markiert eine Auseinandersetzung mit der städtebaulichen Situation. Sie bildet zugleich den Bezugspunkt für die weiteren Betrachtungsebenen:

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  1. Städtebauliche Struktur: Verstädterungsprozesse, Flächennutzung, Wohnungsbau.
  2. Wirtschafts- und Sozialstruktur: Leitbranchen, Produktionsstandorte, Stellung der Beschäftigten im Beruf, Verteilung der Wohnsitze.
  3. Demographische Struktur: Natürliche Bevölkerungsbewegung (Nuptialität, Fertilität, Mortalität).
  4. Wanderungsstruktur: Interregionale Wanderungsbewegungen (Wanderungsvolumen, Verweildauer, Herkunftsgebiete, u.a.), Intraurbane Wanderungen.

Die für sich genommen rein deskriptiven Strukturebenen entfalten ihre Aussagekraft durch die dargestellten Prozesse. Die Prozesse vollziehen sich aufgrund der Faktoren, die kontinuierlich auf die Strukturen einwirken. Es gilt die Annahme, daß die Strukturen durch die Prozesse geformt werden und ein Ergebnis derselben sind. Andererseits sind die Prozesse nicht von den Strukturen entkoppelt. Jeder Prozeß findet innerhalb einer vorgegebenen Struktur statt. In der Praxis können Strukturen und Prozesse nicht voneinander getrennt werden. Sie stehen in einer engen Wechselbeziehung, was durch die gestrichelte Begrenzungslinie angedeutet wird.

Es ist außerdem darauf hinzuweisen, daß die dargestellten Einflußfaktoren vielfach in enger Abhängigkeit zueinander stehen, da sie zumeist nicht zeitlich getrennt, sondern parallel wirken. Auf die Darstellung möglicher Abhängigkeitsverhältnisse wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet.

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Eine Betrachtung der Strukturen und Prozesse kann nicht ohne die Berücksichtigung des Faktors „Mensch“ erfolgen. In Anlehnung an die Forderung der Historischen Anthropologie wird das „Handelnde Individuum“ als separate Untersuchungsebene eingeführt.

Das Individuum bewegt sich nicht in einem losgelösten Raum, sondern unterliegt Restriktionen, die durch die jeweilige Familiengeschichte, die Erziehung sowie das Wohn- und Arbeitsumfeld vorgegeben sind. Durch sein Handeln nimmt jedes Individuum im Endeffekt ständig Einfluß auf die verschiedenen Prozesse. Die Einflußnahme erfolgt dabei mit einer Intensität, die im Normalfall keine sichtbaren Auswirkungen auf die Gesamtstrukturen hat. Erst das gleichgerichtete Handeln einer Vielzahl von Menschen führt zu nachweisbaren strukturellen Veränderungen.

Dies bedeutet im Umkehrschluß: Dadurch, daß der Einzelne die Strukturen durch sein Handeln nicht beliebig verändern kann, ist er abhängig von den zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort vorhandenen strukturellen Rahmenbedingungen.

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Neben den Faktoren, die kontinuierlich auf die Strukturen einwirken, müssen schließlich singuläre bzw. temporäre Einflußfaktoren berücksichtigt werden. Dazu zählen u.a. politische Ereignisse, richtungsweisende Erfindungen oder auch positive wie negative Naturereignisse. Da eine vergleichsweise geringere Relevanz für die langfristige Ausprägung der Strukturen angenommen wird, sind die Pfeile des Schaubildes in entsprechend abgeschwächter Form gehalten.

Den eingetragenen Pfeilen liegt die Annahme zugrunde, daß sich ein Ereignis zum einen unmittelbar auf das Handeln der Individuen auswirken kann oder auch direkt die Prozesse beeinflußt. Letzteres wäre bspw. bei einer bedeutenden technischen Neuerung denkbar. Für die meisten Personen würde sich zunächst nichts ändern. In dem Moment jedoch, indem etwa die Industrie eine Innovation umsetzt und damit die Wirtschaftsstruktur modifiziert, kann sich das „Ereignis“ u.a. durch veränderte Qualifikationsanforderungen auf die konkrete Situation des Einzelnen auswirken.

Zum anderen kann das Handeln einer Einzelperson Ereignisse auslösen wie dies bspw. bei Erfindungen der Fall ist. Genauso ist es denkbar, daß bestimmte strukturelle Konstellationen zu tiefgreifenden Einschnitten führen, wie dies oftmals bei politischen Revolutionen zu beobachten ist.

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Faßt man das bisher gesagte zusammen, ergibt sich eine zweigeteilte Zielstellung:

  1. Auf Grundlage einer explizit raumbezogenen Perspektive wird der Versuch unternommen, Stadtentwicklung in der Phase der Hochindustrialisierung - am Fallbeispiel des Berliner Stadtteils Wedding (1885-1914) - in ihrer Mehrdimensionalität zu analysieren. Nicht die Betrachtung auf vier inhaltlich getrennten Ebenen ist das Ziel, sondern deren bewußte Verknüpfung. Dabei gilt die Hypothese, daß die städtebaulichen Strukturen determinierend auf die übrigen Untersuchungsebenen wirken. Als Quellenbasis dienen die personenbezogenen und hausnummerngenauen Angaben von Kirchenbüchern und dem Berliner Adreßbuch. Die für den Wedding ermittelten Ergebnisse bleiben nicht isoliert, sondern werden in ihren jeweiligen Gesamt-Berliner Kontext gestellt.
  2. Die Untersuchung zielt in einem übergeordneten Rahmen auf eine Verbindung zur Gegenwart, indem sie versucht, eine Bewertungsgrundlage für aktuelle Entwicklungen zu schaffen. Als Anregung für weiterführende Arbeiten werden die zentralen Ergebnisse des Untersuchungszeitraumes aufgegriffen und exemplarisch in einem finalen Ausblick mit der gegenwärtigen Situation des Weddings konnektiert.

Vergleichbare Untersuchungen liegen in dieser Form für das Berliner Stadtgebiet und den behandelten Zeitraum nicht vor. Zwar wurden immer wieder einzelne Aspekte zum Städtebau, der Wirtschaft, Demographie u.a. aufgegriffen, nicht jedoch in einem Gesamtzusammenhang diskutiert.

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Für einen früheren Zeitraum - 1650-1800 - ist die Arbeit von Schultz hervorzuheben.18 Sie versuchte, die Berliner Stadt- und Gewerbeentwicklung mit demographischen Faktoren und der Sozialstruktur in Verbindung zu bringen. Als Datengrundlage dienten ihr die Kirchenbuchangaben der evangelischen Kirchspiele St. Nikolai und St. Georgen. Die Einordnung ihrer statistischen Ergebnisse in den historischen Kontext und die intensive Arbeit mit alltagsbezogenen Hintergrundinformationen geben ihrer Untersuchung eine hohe konzeptionelle Relevanz - weit über die von ihr behandelte Zeitspanne hinaus.

Zu erwähnen ist weiterhin die Darstellung von Leyden aus dem Jahr 1933.19 In seiner Arbeit „Gross-Berlin. Geographie der Weltstadt“ spannte er ebenfalls einen Bogen von der städtebaulichen Entwicklung über Aspekte der Bevölkerungs- und Verkehrsstruktur bis hin zum Themenbereich „Wirtschaft“ - ohne allerdings die Ebene der amtlichen Statistik zu verlassen. Die Bedeutung seiner Arbeit liegt vielmehr in dem von ihm gewählten raumbezogenen Untersuchungsansatz.

Richtet man den Blick über das Berliner Stadtgebiet hinaus, bleibt vor allem der Hinweis auf eine neuere Untersuchung zur Stadt München. Unter dem Titel „München um 1900. Wohnen und Arbeiten, Familie und Haushalt, Stadtteile und Sozialstrukturen, Hausbesitzer und Fabrikarbeiter, Demographie und Mobilität. Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einer deutschen Großstadt vor dem Ersten Weltkrieg“ unternahm Neumeier eine mehrdimensionale statistische Auswertung der in München fast vollständig erhaltenen Original-Wohnungs- und Hausbögen der amtlichen Wohnungsenquête für die Jahre 1904 bis 1907.20 Im Gegensatz zu der im Rahmen der vorliegenden Dissertation angewandten Konzeption bleibt die Arbeit von Neumeier allerdings auf eine rein statistische Ebene fokussiert.

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Vor einem Einstieg in die Analyse der vier Strukturebenen des Untersuchungskonzeptes erfolgt zunächst eine nähere Auseinandersetzung mit den methodischen Grundlagen. Die räumliche Abgrenzung des Untersuchungsgebietes, die Auswahl der Quellenbasis und die Schwierigkeiten der Datenaufbereitung bedürfen einer einleitenden Erläuterung.


Fußnoten und Endnoten

1  Vgl. Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Teil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam und Brandenburg. Berlin 1977, S. 174f.

2  Vgl. Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Ergebnisse der Grundstücks- und Wohnungsaufnahme im Jahr 1900. (Berliner Statistik, 2.Heft) Berlin 1904, S. 23 und S. 62.

3  Vgl. ebd., S. 27 und S. 53.

4  Vgl. Kapphan, Andreas: Das arme Berlin. Sozialräumliche Polarisierung, Armutskonzentration und Ausgrenzung in den 1990er Jahren. (Stadt, Raum, Gesellschaft, Bd. 18) Opladen 2002, S. 61-81.

5  Vgl. ebd., S. 62.

6  Vgl. ebd., S. 79.

7  Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Soziologie und Geschichte als Nachbarwissenschaften. In: Funken, Christiane [Hrsg.]: Soziologischer Eigensinn. Zur „Disziplinierung“ der Sozialwissenschaften. Opladen 2000, S. 116.

8  Vgl. Braudel, Fernand: Geschichte und Sozialwissenschaft - Die "longue durée". In: Wehler, Hans-Ulrich [Hrsg.]: Geschichte und Soziologie. (Neue wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 53), Köln 1976, S. 191 und 197. Im französischen Original: Histoire et Sciences Sociales. La Longue Durée. In: Annales 13 (1958), S. 725-753.

9  Vgl. zu den folgen Ausführungen u.a. Hardtwig, Wolfgang: Geschichtskultur und Wissenschaft. München 1990, S. 47-57. Mitterauer, Michael: Von der Historischen Sozialwissenschaft zur Historischen Anthropologie? In: Historical Social Research (HSR), Bd. 25 (2000) 2, S. 139-148. Wehler, Hans-Ulrich: Das Duell zwischen Sozialgeschichte und Kulturgeschichte: die deutsche Kontroverse im Kontext der westlichen Historiographie. In: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte. Bd. 15 (2002), S. 103-110.

10  Vgl. Borscheid, Peter: Alltagsgeschichte - Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit? In: Hardtwig, Wolfgang [Hrsg.]: Über das Studium der Geschichte. München 1990, S. 392.

11  Vgl. ebd. S. 394.

12  Vgl. Historische Anthropologie. Jg. 1 (1993), S. 1.

13  Vgl. zur internationalen Entwicklung der Sozialgeschichte Eibach, Joachim: Sozialgeschichte. In: Eibach, Joachim u. Lottes, Günther [Hrsg.]: Kompass der Geschichtswissenschaft: ein Handbuch. Göttingen 2002, S. 9-22.

14  Vgl. Mitterauer (2002), S. 146.

15  Vgl. ebd., S. 145.

16  Zur Auswahl der Quellenbasis vgl. Kapitel II, 2.

17  So wäre es u.a. denkbar, eine separate politische Analyseebene einzufügen, die im Hinblick auf die große Bedeutung der Arbeiterbewegung („Roter Wedding“) durchaus von Relevanz gewesen wäre. Der enge zeitliche Rahmen der Untersuchung machte jedoch Einschränkungen unumgänglich.

18  Vgl. Schultz, Helga: Berlin 1650-1800. Sozialgeschichte einer Residenz. Berlin 1987.

19  Vgl. Leyden, Friedrich: Gross-Berlin. Geographie der Weltstadt. Breslau 1933.

20  Vgl. Neumeier, Gerhard: München um 1900. Wohnen und Arbeiten, Familie und Haushalt, Stadtteile und Sozialstrukturen, Hausbesitzer und Fabrikarbeiter, Demographie und Mobilität. Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einer deutschen Großstadt vor dem Ersten Weltkrieg. (Europäische Hochschulschriften. Reihe III, Bd. 655) Frankfurt a/M [u.a.] 1995.



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20.07.2007