II Untersuchungsmethodik

↓20

II.1  Das Untersuchungsgebiet

Die Bezirksreform vom 01. Januar 2001 beendete die mehr als 80 Jahre währende administrative Selbständigkeit des Stadtbezirkes Wedding. Das Gebiet des 1920 geschaffenen Verwaltungsbezirkes erstreckte sich vom Plötzensee/Spandauer Schiffahrtskanal im Westen bis zum Humboldthain und den Gleisanlagen der Nordbahn im Osten. Von einigen Korrekturen des Grenzverlaufes im Jahr 1938 abgesehen, blieb das Gebiet bis in die Gegenwart nahezu unverändert.21 Auch die Bezirksreform änderte hieran nichts. Der Name „Wedding“ bezeichnet heute zwar keinen eigenständigen Verwaltungsbezirk mehr, dafür den nunmehrigen Ortsteil gleichen Umfangs innerhalb des neuen „Citybezirks Mitte“.

Der aktuelle Wedding-Begriff ist nicht mit den historischen Ursprüngen deckungsgleich, die bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen.22 Die erste urkundliche Erwähnung eines Dorfes „Weddinge“ am Fluß namens „Pankowe“ datiert aus dem Jahr 1251. Der Name geht mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Adelsfamilie von Weddingen zurück, die ihren Stammsitz im nördlichen Vorharzgebiet hatte und am hochmittelalterlichen Landesausbau beteiligt war. Nachdem dieses wohl von einem Adligen - Rudolphus von Weddingen - gegründete Dorf und ein dazugehöriges Gehöft schnell wieder verschwanden und nur der Flurname „Wedding“ überdauerte, begann eine permanente Besiedlung erst im Jahr 1601.23

↓21

In diesem Jahr kaufte der kurfürstliche Oberkammerherr und Geheime Kammerrat Hieronymus Graf Schlick mehrere Parzellen Land an der Panke und legte eine Meierei an. Der gesamte Gutskomplex - dessen bebauter Teil heute in etwa identisch ist mit dem Areal zwischen Pank-, Wedding- und Reinickendorfer Straße24 - ging 1603 als Vorwerk „Wedding“ in kurfürstlichen Besitz über. Die landwirtschaftliche Anlage wurde zum Siedlungskern und Namengeber des späteren Stadtbezirks.

Neben dieser ersten und ältesten dauerhaften Ansiedlung entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts östlich davon - am heutigen nördlichen Ende der Badstraße - eine zweite dauerhafte Niederlassung. Nachdem an dieser Stelle bereits seit etwa 1712 eine Walkmühle existiert hatte, wurde die kommerzielle Nutzung einer eisenhaltigen Quelle zur eigentlichen Initialzündung der Besiedlung. 1766 legte der Arzt Dr. Heinrich Wilhelm Behm am südlichen Ufer der Panke eine Bade- und Trinkkurheilanstalt an - den „Gesundbrunnen“.

Siedlungsgenetisch zerfällt der spätere Stadtbezirk somit in zwei Teile: einen westlichen um das Vorwerk Wedding und einen östlichen um die Anlagen des Gesundbrunnens.

↓22

Abb. 2: Wedding und Gesundbrunnen 1802.

Anm.: Die Chaussee nach Tegel ist braun markiert. Sie entspricht der heutigen Chausseestraße/Müllerstraße.
Quelle: Ausschnitt aus J. F. Schneider, Plan von Berlin nebst den umliegenden Gegenden im Jahr 1802.

Der am 01. Januar 1861 durch königliche Kabinettsordre vollzogenen Eingemeindung nach Berlin folgte die administrative Vereinigung der beiden Siedlungskerne. Die neuen Ortsteile bildeten fortan unter der Bezeichnung „Wedding und Gesundbrunnen“ den Stadtteil Nr. 16, später Nr. 24. Das Gebiet südlich des Humboldthains, der sog. „tiefe“ Wedding, war bis 1920 Teil der Oranienburger bzw. Rosenthaler Vorstadt. Die Eingemeindung der Jungfernheide erfolgte 1915. Bis dahin gehörte das Gelände um den Plötzensee besitzrechtlich zum Forstbezirk Tegel, administrativ zum Landkreis Niederbarnim.

Abb. 3: Berlin nach den Eingemeindungen von 1861.

Quelle: Ribbe, Wolfgang und Schmädecke, Jürgen: Kleine Berlin-Geschichte. 3. Aufl., Berlin 1994, S. 107.

↓23

Die Errichtung von Standesamtsbezirken nach der Verabschiedung des Preußischen Personenstandsgesetzes von 1874 orientierte sich an den administrativen Grenzlinien von 1861. Standesamtsbezirk und Stadtteil waren in ihrer räumlichen Ausdehnung zunächst identisch. Das Amt Nr. XIII „Wedding-Gesundbrunnen“ übernahm bis 1902 die Beurkundung von Personenstandsveränderungen im gleichnamigen Stadtteil und wurde zur zentralen räumlichen Kategorie der amtlichen Statistik. Mit dem Jahreswechsel 1901/1902 zerbrach diese Einheit. Das rasche Bevölkerungswachstum der zurückliegenden Jahre führte zu einer Trennung in die Bezirke XIII a (Gesundbrunnen) und XIII b (Wedding), wobei das ursprüngliche Areal des Gutshofes Wedding knapp im Bezirk Gesundbrunnen lag.

Die Abgrenzung eines Untersuchungsgebietes entsprechend dem heutigen Umfang des Ortsteils Wedding schied von vornherein als Option aus. Das räumliche Gefüge des Kaiserreichs wich zu stark von dem Stadtbezirk des Jahres 1920 ab. Überdies erwiesen sich die Grenzen von 1920 für vertiefende empirische Analysen als zu weit gefaßt. Die anfallende Datenmenge hätte bei dem angestrebten Schritt über die aggregierten Zahlen der amtlichen Statistik hinaus den Rahmen der Untersuchung bei weitem gesprengt.

Um ein zielgerichtetes Vorgehen sicherzustellen, bot sich als Kompromiß eine Orientierung an der Quellenbasis - den Kirchenbüchern - an. Die Größe der Parochien bestimmte demnach die Ausdehnung des Untersuchungsgebietes, das sich im einzelnen aus vier evangelischen Gemeindegebieten zusammensetzt - Nazareth, Dankes, Kapernaum und Oster (vgl. Abb. 4). Von diesen Gemeinden ist Nazareth die älteste. Sie entstand 1835 als Vorstadtgemeinde. Die Gründung von Dankes folgte im Jahre 1884, die von Kapernaum und Oster erst nach der Jahrhundertwende. Ihre Entstehung fällt in die Jahre 1903 bzw. 1908. Beide sind Ausgründungen von Nazareth.25

↓24

Die katholischen Gemeinden erwiesen sich dagegen für die Abgrenzung eines Untersuchungsgebietes als ungeeignet, da bis 1895 allein die St. Sebastiangemeinde existierte, die den gesamten Berliner Norden einschließlich Moabits versorgte - ein Gebiet weit größer als der Stadtbezirk von 1920. Erst in den Jahren danach verkleinerten Neugründungen sukzessiv die Seelsorgebezirke: 1895 (St. Paulus, Moabit), 1904/1911 (St. Joseph) und 1908 (St. Petrus).26

Abb. 4: Untersuchungsgebiet

Quelle: Eigene Darstellung nach Stephan (1951), S. 16.

Die Auswahl der Gemeinden greift auf den siedlungshistorischen Wedding-Begriff zurück. Die Linie Reinickendorfer Straße/Wiesenstraße begrenzt das Untersuchungsgebiet nach Osten - der Spandauer Schiffahrtskanal nach Westen. Neben der Stadtgrenze im Norden runden die Liesen- und Sellerstraße das Areal nach Süden hin ab. Das Untersuchungsgebiet entspricht dem westlichen Teil des späteren Stadtbezirkes.

↓25

Dies führt zu einem methodischen Grundproblem der Untersuchung, das nicht gänzlich aufgelöst werden kann. In den meisten Fällen müssen Daten von drei verschiedenen räumlichen Bezugsebenen direkt miteinander verglichen werden, was zwangsläufig mit Ungenauigkeiten verbunden ist - ohne allerdings die Aussagekraft im Grundsatz in Frage zu stellen: das von den vier evangelischen Kirchengemeinden umgrenzte Areal, der bis 1902 ungeteilte Standesamtsbezirk XIII und schließlich die neu geschaffenen Standesamtsbezirke Wedding (XIII b) und Gesundbrunnen (XIII a) (vgl. Abb. 5).

Abb. 5: Grenzen der Standesamtsbezirke im Vergleich zum Untersuchungsgebiet.

Quelle: Eigene Darstellung nach Stephan (1951), S. 16.

II.2 Datenbasis

Die auf vier Ebenen angelegte Analyse des Untersuchungsgebietes beruht im Grundsatz auf zwei Datenquellen - dem Berliner Adreßbuch und den Kirchenbüchern von vier evangelischen und drei katholischen Kirchengemeinden. Beide Quellen eignen sich im besonderen für das Vorhaben, eine Verbindung zwischen mikro- und makroanalytischer Betrachtungsweise herzustellen.27 Sie erlauben einerseits eine beliebige Zusammenfassung des Informationsgehaltes, andererseits ermöglichen sie eine Differenzierung nach Einzelpersonen und eine exakte räumliche Verortung der Merkmalsausprägungen durch die bereitgestellten Adreßangaben. Auf allen vier Ebenen wird zusätzlich die amtliche Statistik als Bewertungsgrundlage und Vergleichsgröße heranzuziehen sein.

II.2.1  Das Berliner Adreßbuch

↓26

Im Gegensatz zu den Kirchenbüchern handelt es sich beim Berliner Adreßbuch um eine publizierte Quelle, die periodisch, d.h. abgesehen von den Anfangsjahren, in einem jährlichen Rhythmus erschien. Die Zusammenstellung der Daten lag seit den Anfängen im Jahr 1799 in privatwirtschaftlicher Hand.28 Im Untersuchungszeitraum wechselte die Herausgeberschaft von „W. & S. Loewenthal“ (1881-1895) auf die „August Scherl, Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft mbH“ (1896-1943).

Das Adreßbuch ist in fünf Abschnitte gegliedert: I. Teil: Einwohnerverzeichnis, II. Teil: Behördenverzeichnis, III. Teil: Straßenverzeichnis, IV. Teil: Handel- und Gewerbetreibende, V. Teil: Vororte von Berlin.29 Von Interesse für die Untersuchung sind die Rubriken I-IV.

Das Einwohnerverzeichnis (I) beinhaltet eine alphabetische Auflistung aller von den jeweiligen Hausverwaltern resp. Eigentümern jährlich an den publizierenden Verlag gemeldeten Bewohner. Neben dem Vornamen,30 Beruf und der Anschrift sind häufig Anmerkungen zur Lage der Wohnung auf dem betreffenden Grundstück zu finden. Dies ermöglicht eine Zuordnung nach Etagen bzw. Vorder- und Hinterhaus.

↓27

Abb. 6: Beispiel für den Aufbau des alphabetischen Personenverzeichnisses.

Anm.: N, O, SO = Postbezirk, E. = Eigentümer, K. = Keller, H. = Hof, I. = 1.Stock. Das Vorderhaus wurde nicht separat gekennzeichnet.

Quelle: Berliner Adreßbuch 1900, Teil I, S. 8.

Der zweite Teil enthält ein Verzeichnis öffentlicher Einrichtungen. Dazu zählten neben Reichs-, Staats-, Provinzial- und Gemeindebehörden u.a. Kirchen, Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Ärzte, Anstalten, Stiftungen und Legate, Vereine, Zeitungen und Theater.

Abb. 7: Beispiel für den Informationsgehalt des Behördenverzeichnisses.

Quelle: Berliner Adreßbuch 1900, Teil II, S. 135.

↓28

Der dritte Teil listet die Bewohnerschaft nach einzelnen Straßen und Grundstücken sortiert auf. Für jedes Grundstück sind die gewerbliche Nutzung - soweit vorhanden - und der Hauseigentümer (E) separat vermerkt:

Abb. 8: Sortierung nach Grundstücken - Bsp. Müllerstraße 171a/172.

Quelle: Berliner Adreßbuch 1900, Teil III, S. 432.

Der vierte (Gewerbe)Teil ist schließlich vergleichbar mit den Gelben Seiten der Gegenwart. Zu den verschiedenen Branchen sind die jeweiligen Unternehmen und selbständig arbeitenden Personen aufgelistet:

↓29

Abb. 9: Ausschnitt aus dem Gewerbeteil - Bsp. Chemische Fabriken.

Quelle: Berliner Adreßbuch 1915, Teil IV, S. 75.

Der größte Vorteil der Adreßbücher besteht unzweifelhaft in der Tatsache, daß sie frei nutzbar und keine kriegsbedingten Lücken zu verzeichnen sind. Bei der Auswertung ist jedoch eine äußerst quellenkritische Vorgehensweise angebracht. Der Eintrag im jährlichen Adreßbuch hing allein von der Kooperationsbereitschaft und der individuellen Sorgfalt der Hauseigentümer und ihrer Verwalter ab, wie die folgende Bekanntmachung aus der Berliner Volkszeitung vom 27. September 1914 verdeutlicht.31 Mehr als eine dringende Bitte konnte der Herausgeber nicht formulieren.

Abb. 10: Bekanntmachung in der Berliner Volkszeitung (27. September 1914).

Quelle: Berliner Volkszeitung (27. September 1914).

↓30

„Notwendige Nachträge und erfolgte Veränderungen sind nicht immer auf dem letzten Stand, sondern oft aus der vorigen Ausgabe übernommen. Stichproben haben gezeigt, daß jeder einzelne Band auf seine Verläßlichkeit in bezug auf seine Aktualität hin überprüft werden muß.“32

Selbst bei einer jährlichen Aktualisierung sind nicht alle Bewohner Berlins erfaßt. Untermieter, Schlafleute, Familienangehörige und sonstige Personen ohne eigenen Hausstand sind nur äußerst sporadisch oder gar nicht berücksichtigt. Dies gilt auch für diejenigen Personen, die u.a. aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse zu einem häufigen Wohnungswechsel gezwungen waren. Jeder, der das Adreßbuch als sozialhistorische Quelle nutzt, muß sich über diese limitierenden Faktoren im klaren sein.

II.2.2 Kirchenbücher

II.2.2.1  Kirchenbücher versus Zivilstandsregister

↓31

Der Wert von Kirchenbüchern als sozialhistorische Quelle ist für die Zeit des Kaiserreichs umstritten.33 Zu tief waren die Einschnitte der Zivilstandsgesetzgebung. Mit dem „Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung“ vom 09. März 1874 verloren die Kirchenbücher zunächst in Preußen und im darauffolgenden Jahr mit dem „Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung“ (06. Februar 1875) im gesamten Reichsgebiet ihre Funktion als Personenstandsregister.34 Nicht mehr die Kirche, sondern die neu eingerichteten Standesämter übernahmen fortan die Registrierung und Beurkundung von Geburten, Heiraten und Sterbefällen. Im Bereich der Eheschließung verlor die Kirche jegliche zivilrechtliche Bedeutung. Nach § 41 des Reichsgesetzes konnte eine rechtsgültige Ehe nur noch von Standesbeamten geschlossen werden. Der kirchliche Segen, das über Jahrhunderte legitimierende Element der Ehe, spielte im juristischen Sinne keine Rolle mehr. Mit der neuen Gesetzgebung verloren kirchliche Amtshandlungen ihren verpflichtenden Charakter. Für die Kirche und die Kirchenbücher hatte dies weitreichende Konsequenzen.

Ab den Jahren 1874/75 erfaßten die Kirchenbücher nicht mehr die Gesamtheit der Personenstandsveränderungen. Sie geben im Gegensatz zu den Registern der Standesämter nur noch einen Ausschnitt des tatsächlichen Geschehens wieder. Von diesem übergeordneten Blickwinkel aus betrachtet, müßten die Zivilstandsregister den Kirchenbüchern als Quellenbasis vorgezogen werden. Ein Blick auf die verzeichneten Inhalte ist notwendig.

Die in den Zivilstandsregistern zu erfassenden Informationen sind im Reichsgesetz von 1875 festgelegt. Nach § 12 dieses Gesetzes waren ab dem 01. Januar 1876 drei Standesregister unter der Bezeichnung „Geburtsregister“, „Heiratsregister“ und „Sterberegister“ zu führen. Die einzelnen Register sollten folgende Angaben beinhalten:

↓32

- Geburtsregister (§ 22):

1.

Vor- und Familiennamen, Stand oder Gewerbe und Wohnort des Anzeigenden;

2.

Ort, Tag und Stunde der Geburt;

3.

Geschlecht des Kindes;

4.

Vornamen des Kindes;

5.

Vor- und Familiennamen, Religion, Stand oder Gewerbe und Wohnort der Eltern.

↓33

- Heiratsregister (§ 54):

1.

Vor- und Familiennamen, Religion, Alter, Stand oder Gewerbe, Geburts- und Wohnort der Eheschließenden;

2.

Vor- und Familiennamen, Stand oder Gewerbe und Wohnort ihrer Eltern;

3.

Vor- und Familiennamen, Alter, Stand oder Gewerbe und Wohnort der zugezogenen Zeugen;

4.

die Erklärung der Eheschließenden;

5.

den Ausspruch des Standesbeamten.

↓34

- Sterberegister (§ 59):

1.

Vor- und Familiennamen, Stand oder Gewerbe und Wohnort des Anzeigenden;

2.

Ort, Tag und Stunde des erfolgten Todes;

3.

Vor- und Familiennamen, Religion, Alter, Stand oder Gewerbe, Wohnort und Geburtsort des Verstorbenen;

4.

Vor- und Familiennamen seines Ehegatten, oder Vermerk, daß der Verstorbene ledig gewesen sei;

5.

Vor- und Familiennamen, Stand oder Gewerbe und Wohnort der Eltern des Verstorbenen.35

↓35

Die konfessionsübergreifende Führung der Kirchenbücher wurde dagegen erstmals im Allgemeinen Landrecht (ALR) von 1794 geregelt. Im II. Teil, Tit. 11, 6. Abschn., § 481 war festgeschrieben:

„Die Pfarrer sind schuldig, richtige Kirchenbücher zu halten, und darin alle von ihnen besorgten, ingleichen alle die Eingepfarrten betreffenden und ihnen angezeigten Aufgebote, Trauungen, Geburten, Taufen und Begräbnisse deutlich und leserlich einzuschreiben.“36

↓36

Die staatlich vorgeschriebenen Inhalte waren wie folgt definiert:

-

„§ 483: Bei Trauungen müssen die Vor-, Zu- und Geschlechts-Namen, ingleichen das Alter beider Verlobten; auch ob sie schon verheiratet gewesen, oder nicht; ob sie noch unter Aeltern und Vormündern stehen, oder nicht, verzeichnet werden. [...]

-

§ 485: Bei Geburten und Taufen muß der Pfarrer den Vor-, Zu- und Geschlechts-Namen, und den Stand der Aeltern, ingleichen den Namen und Stand der gegenwärtig gewesenen Taufzeugen, nebst Namen, welche dem Kind selbst beigelegt worden, mit eintragen. [...]

-

§ 492: Bei Todesfällen muß der Name, der Stand und das Alter des Verstorbenen, der Tag des Todes, die Krankheit oder sonstige Todesart, nach der dem Pfarrer geschehenen Anzeige, eingeschrieben werden.“37

Diese Anweisungen bildeten fortan das inhaltliche Grundgerüst der Kirchenbücher. Darüber hinaus stand es den Glaubensgemeinschaften frei, auf der Grundlage ihres jeweiligen Kirchenrechtes weitere Angaben in die Matrikel aufzunehmen, so daß es bei einem Vergleich der Konfessionen zu einem ähnlichen, aber keinem vollkommen identischen Aufbau der Kirchenbücher kam.

↓37

Mit dem preußische Zivilstandsgesetz von 1874 war es den Kirchen wieder selbst überlassen, die Gestaltung des Kirchenbuchwesens zu regeln. In der Praxis änderte sich jedoch wenig und es blieben die Bestimmungen des ALR auch ohne rechtliche Sanktionierung im Grundsatz bestehen, wie die im Jahr 1914 in der evangelischen Kapernaumgemeinde verwendeten Registervordrucke exemplarisch verdeutlichen:

Abb. 11: Kirchliches Trauregister.

Anm.: Die Rubrik „Tag und Nr. der bürgerlichen Eheschließung“ fehlt in den Büchern der kath. St. Sebastiangemeinde.

Quelle: Kirchenbücher der ev. Kapernaumgemeinde (1914).

Abb. 12: Kirchliches Sterberegister.

Anm.: Die Rubrik „Hinterlassene Familienmitglieder“ wurde von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht geführt.

Quelle: Kirchenbücher der ev. Kapernaumgemeinde (1914).

↓38

Abb. 13: Kirchliches Taufregister.

Quelle: Kirchenbücher der ev. Kapernaumgemeinde (1914).

Die inhaltlichen Unterschiede zwischen Zivilstandsregistern und Kirchenbüchern waren demnach äußerst gering. Lediglich an einem Punkt bestand eine entscheidende Abweichung. Im Gegensatz zu den zivilen Standesregistern verzeichneten die kirchlichen Sterberegister die Todesursache. Diese Angabe ist für die sozialhistorische Forschung von großer Bedeutung, da die Todesursache weit mehr als eine medizinische Komponente darstellt. Sie läßt ebenso Rückschlüsse auf die Sozialstruktur, die Wohnbedingungen oder demographische Veränderungen zu. Die kirchlichen Sterberegister sind allein aus diesem Grund den zivilen vorzuziehen.38

Anders gestaltet sich die Situation bei den Trau- und Taufregistern. Da keine entscheidenden inhaltlichen Abweichungen nachzuweisen sind, wären die Zivilstandsregister aufgrund ihrer gesetzlich abgesicherten Vollständigkeit zu favorisieren. Die Formulierung muß jedoch im Konjunktiv bleiben.

↓39

Im Gegensatz zu den Kirchenbüchern, die unter Einhaltung der gültigen Archivgesetze für die wissenschaftliche Nutzung zugänglich sind,39 unterliegen die Zivilstandsregister den Bestimmungen von § 61 (1) des Personenstandsgesetzes (PersStdG):

„Einsicht in die Personenstandsbücher, Durchsicht dieser Bücher und Erteilung von Personenstandsurkunden kann nur von den Behörden im Rahmen ihrer Zuständigkeit und von Personen verlangt werden, auf die sich der Eintrag bezieht, sowie von deren Ehegatten, Vorfahren und Abkömmlingen. [...] Andere Personen haben nur dann ein Recht auf Einsicht in die Personenstandsbücher, auf Durchsicht dieser Bücher und auf Erteilung von Personenstandsurkunden, wenn sie ein rechtliches Interesse glaubhaft machen.“40

↓40

Auch wenn diese Formulierung nicht vollkommen eindeutig ist, bedeutet sie in letzter Konsequenz, daß die Zivilstandsregister für die Forschung unzugänglich sind. Zwar gibt es auch Beispiele bei denen es Wissenschaftlern genehmigt wurde, Einsicht in die Zivilstandsregister zu nehmen. Solche Genehmigungen stellen jedoch eine Ausnahme dar und beruhen allein auf dem Ermessen des jeweiligen Standesamtsleiters.41 Ein juristisch abgesicherter Anspruch auf Einsichtnahme besteht nicht. So wurde eine Nutzungsanfrage bei dem für den Wedding zuständigen Standesamt Berlin-Mitte mit Verweis auf den eben zitierten Absatz des PersStdG negativ beschieden. Durch die restriktive Auslegung des § 61 (1) mußte im Rahmen der Untersuchung gänzlich auf die Standesamtsregister verzichtet werden.

II.2.2.2 Zur Aussagekraft der Kirchenbücher - Das Problem der Kirchenbindung

Die Frage der Kirchenbindung wird damit zum zentralen Problem der Kirchenbuchanalyse. Zu unterscheiden ist zwischen den Personengruppen, die über den Kirchenaustritt einen offenen Bruch mit der Kirche vollzogen und denjenigen, die noch formal der Kirche angehörten, aber nicht mehr am aktiven kirchlichen Leben teilhatten. Während die letztgenannte Gruppe noch in den Kirchenbüchern - wenn auch nur lückenhaft - nachzuweisen ist, fehlen die Ausgetretenen in den Kirchenbüchern vollständig.

II.2.2.2.a)  Der Kirchenaustritt

Auf Seiten der evangelischen Kirche wurde über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg eine sehr exakte Austrittsstatistik geführt. Die statistische Erfassung beschränkte sich - von wenigen Jahren abgesehen - nicht nur auf allgemeine Zahlen für das gesamte Stadtgebiet. Eine weitere Differenzierung nach den einzelnen Gemeinden liegt vor. Wesentlich lückenhafter sind dagegen die Angaben der katholischen Kirche. Jedwede statistische Überlieferung begann erst mit dem Jahr 1906.42 Informationen zu einzelnen Gemeindegebieten sind nicht vorhanden.

↓41

Betrachtet man die Entwicklung der Kirchenaustritte in Berlin und dem Untersuchungsgebiet, fällt die sprunghafte Zunahme ab 1906 auf. Mit einem Anteil der Ausgetretenen von 1,51% bzw. 1,14% an der Gesamtzahl der Gemeindeglieder erreichten die Weddinger Kapernaum- und Ostergemeinde im Jahr 1913 den höchsten und dritthöchsten Wert der Gesamt-Berliner Austrittsstatistik. Unter einem Prozentpunkt blieben dagegen die Dankes- und Nazarethgemeinde mit 0,81% bzw. 0,96%.43

Tab. 1: Absolute Zahl der Kirchenaustritte 1889-1914. Wedding und Gesamt-Berlin.

Jahr a)

Austritte nach Gemeinden

Berlin gesamt

Dankes

Nazareth/

Oster b)

Kapernaum

(gegr. 1903)

ev.

kath.

(k.A. bis 1906)

1889

9

3

240

-

1891

8

18

631

-

1892

16

8

433

-

1893

1

4

375

-

1894

6

7

414

-

1895

0

4

346

-

1896

7

26

545

-

1897

0

5

298

-

1898

3

7

164

-

1899

2

8

148

-

1900

4

3

184

-

1901

1

4

162

-

1902

2

4

226

-

1903

2

7

1

246

-

1904

3

15

1

283

-

1905

0

13

4

653

-

1906

98

224

24

3274

159

1907

95

242

49

3510

588

1908

224

876

234

8298

805

1909

128

326

130

8358

962

1910

58

214

75

3339

248

1911

55

305

138

3259

363

1912

70

311

156

4652

555

1913

74

508

493

4927

891

1914

37

693

211

9961

194


a)
Für die Jahre 1885 bis 1888 bzw. 1890 sind im StatJbB keine Werte ausgewiesen.
b) Die Austritte in der Nazareth- und Ostergemeinde (gegr. 1908) sind in der amtlichen Statistik erst ab 1911 getrennt aufgelistet. Auf eine separate Darstellung wurde daher auch für die Jahre bis 1914 verzichtet.

Quelle: StatJbB, versch. Jg. sowie Krose (1918), S. 353.

Genauere Angaben zu den Ausgetretenen finden sich in den Gemeindearchiven. Für die besonders betroffene Kapernaumgemeinde faßt ein Bericht an die Kreissynode die Situation des Jahres 190944 wie folgt zusammen:

↓42

„Wer tritt aus der Kirche aus? Zum größten Teil die besser gestellten Arbeiter und Handwerker, selten liederliche und heruntergekommene Personen, bei ihnen fehlt der Hauptanlaß der Kirchensteuer. In den Wohnungen der Ausscheidenden sieht es zumeist ganz ordentlich und behaglich aus; es läßt sich, wenn nicht böser Wille vorliegt, ganz vernünftig mit ihnen reden; sie wollen offensichtlich zu den ‚Intelligenten‘ gerechnet sein, die auch ohne die Kirche ein anständiges, rechtschaffenes Leben wollen.“45

Fünf Jahre später (1913) findet sich in den Akten ein weiterer Zustandsbericht:

↓43

„Infolge der eifrigen Arbeit der Monisten, Sozialdemokraten und Freidenker ist die Austrittsbewegung im Jahre 1913 stark angeschwollen. Die Zahl der Austritte betrug im ganzen 500 (1912 nur 166). Davon waren 55% männlichen, 45% weiblichen Geschlechts. 8% der Gesamtzahl waren Kinder unter 14 Jahren, bei denen der Vater den Austritt bewirkte. Dem Alter nach standen 42% zwischen dem 20. und 30., 34% zwischen dem 30. und 40., 10% zwischen dem 40. und 50. Lebensjahre; vereinzelt waren die Fälle, in denen das Alter unter 20 oder über 50 war. Der Mehrzahl nach handelt es sich um verheiratete Männer in den rüstigsten Jahren, deren Frauen mit austraten. Die Kinder treten nicht gerade häufig mit aus, wahrscheinlich will man sie erst noch konfirmieren lassen.

↓44

Dem Berufe nach handelt es sich bei den Männern überwiegend um gelernte Arbeiter. 37% waren davon Metallarbeiter (besonders Schlosser und Dreher); ferner Mechaniker, Maurer, Maler, Schriftsetzer, Tischler u.s.w. Fast jedes Handwerk hat einzelne Vertreter. Ungelernte Arbeiter waren mit 20% vertreten. Von höheren Berufen fanden sich 6 Monteure, 4 Kaufleute, 3 Ingenieure, 2 Buchhalter, 2 Kontoristen, 1 Bauführer, 1 Maschinist, 1 Eisenbahnkassenassistent.

Die Gründe des Austritts waren nicht immer zu erfahren, da die Recherchenten häufig auf ihre bezüglichen Fragen keine oder abweisende, sogar oft recht unflätige Antworten bekamen. Die Kirchensteuer kehrt sehr häufig als Austrittsgrund wieder, häufig auch verbunden mit dem offenen Bekenntnis des Unglaubens und der völligen Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse. [...]“46

↓45

Die Berichte deuten darauf hin, daß unter den Ausgetretenen im Untersuchungsgebiet die gelernten und verheirateten Arbeiter bzw. Handwerker im Alter zwischen 20 und 30 Jahren dominierten. Damit dürften sich die Auswirkungen auf die kirchlichen Standesregister insgesamt in engen Grenzen halten. Weder in den Trau- noch in den Tauf- und Sterberegister stellten die verheirateten 20- bis 30-Jährigen die maßgebliche Personengruppe. Zudem erreichten die absoluten Werte erst ab 1906 ein relevantes Ausmaß. Von der Austrittsbewegung war in absoluten Zahlen gemessen vor allem die evangelische Kirche betroffen, auch wenn bezogen auf die jeweilige Gesamtzahl der Gemeindeglieder keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden großen Konfessionen auszumachen sind.

Da die konkreten Austrittsmotive im Rahmen der Kirchenbuchanalyse von nachrangiger Bedeutung sind, sei an dieser Stelle nur auf zwei Dinge verwiesen:

  1. Das nach Kaiser für die Austrittsbewegung mitverantwortliche Gesetz „betreffend die Erhebung von Kirchensteuern in den Kirchengemeinden und Parochialverbänden der evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen der Monarchie“ vom 14. Juli 1905, das das Finanzaufkommen der Kirche für ganz Preußen einheitlich regelte, kann für Berlin nicht als Erklärungsgrund herangezogen werden.47 Eine auf die Einkommensteuer erhobene Kirchensteuer gab es innerhalb Berlins bereits seit 1881.48 Das Jahr 1905 brachte für die Berliner Gemeindeglieder lediglich eine Anhebung der Steuersätze um zwei Prozentpunkte. Zu einer plötzlichen Steuerpflicht weiter Bevölkerungskreise wie Kaiser behauptet führte das Gesetz nicht. Letztendlich wurden mit dem Gesetz lediglich die in Berlin bereits geltenden Bestimmungen staatsrechtlich sanktioniert. Einzige Ausnahme bildete § 5 des vorgeschalteten „Kirchengesetzes, betreffend die Erhebung von Kirchensteuern“ vom 26. Mai 1905.49 Nach den Bestimmungen dieses Paragraphen konnte eine mit einem Ausgetretenen verheiratete Frau zu 50% der Kirchensteuer veranlagt werden, was nach einem Bericht des Konsistoriums vom 13. März 1908 häufig dazu führte, daß Ehefrauen von ihren Männern zum Austritt gezwungen wurden.50
  2. Die wesentlich wichtigeren gesetzlichen Neuerungen brachte die Einkommensteuergesetzgebung von 1906/07, die dazu führte, daß die Jahreseinkommen vielfach in höhere Steuerklassen eingestuft und damit kirchensteuerpflichtig wurden.51 Daß die Zahl der Austritte dennoch erst 1908/09 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, muß auf die zeitliche Verzögerung zurückgeführt werden, mit der die gesetzlichen Bestimmungen umgesetzt wurden. Nimmt man die Statistik der Einkommensteuerpflichtigen, werden die Auswirkungen sichtbar. Eine deutliche Verschiebung in die höheren Steuerklassen oberhalb der Freistellungsgrenze ist erkennbar. Ab einem Jahreseinkommen von 1.500 Mark (Mk.) mußte Kirchensteuer abgeführt werden:

↓46

Tab. 2: Veränderung der absoluten Zahl der Einkommensteuerpflichtigen unter 3.000 Mk. Jahresverdienst nach Steuerklassen im Vergleich zum Vorjahr (in %).

Steuerklasse

ab (in Mk.)

1905/06

1906/07

1907

1908

1909

900

+2,3

-2,2

-11,6

-27,4

-8,1

1.050

+11,1

+10,9

+4,2

-8,3

-6,6

1.200

+20,2

+20,7

+17,1

+8,5

-1,4

1.350

+11,8

+17,1

+27,6

+30,2

+1,5

1.500

+9,7

+12,2

+39,9

+46,8

+5,5

1.650

+6,8

+9,9

+28,8

+52,3

+5,4

1.800

+6,8

+7,1

+31,1

+57,0

+6,5

2.100

+5,5

+4,5

+18,8

+30,8

+6,6

2.400

+7,6

+4,5

+12,2

+22,0

+2,1

2.700

+17,0

+17,1

-1,6

+4,3

-2,5


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Zu vertiefenden Informationen, u.a. über die mit dem Jahr 1913 in den Vordergrund tretenden ideologisch-politischen Motive, sei an dieser Stelle auf die weiterführende Literatur verwiesen.52

II.2.2.2.b) Das Fernbleiben von kirchlichen Amtshandlungen ohne Kirchenaustritt

Ungleich schwieriger ist es, Aussagen zu den Personen zu treffen, die noch der Kirche angehörten, aber den kirchlichen Amtshandlungen fernblieben und somit in den Kirchenbüchern ebenfalls nicht erfaßt sind. Für diese Personengruppe fehlen konkrete statistische Angaben, da das Hauptaugenmerk den Kirchenaustritten galt.

↓47

Die Problematik veranschaulicht folgende Auflistung:

Tab. 3: Gesamt-Berlin. Anteil der kirchlichen Trauungen an den Eheschließungen insgesamt sowie Taufen pro 100 Lebendgeborenen 1885-1914 (in %).

Jahr

Anteil kirchlicher Trauungen bei... a)

Von je 100 Lebendgeborenen wurden getauft... a)

rein evang. Paaren

rein kath. Paaren

Kinder aus rein evang. Ehen b)

uneheliche Kinder evang. Mütter

eheliche kath.

Kinder b)

uneheliche Kinder kath. Mütter

1885

58,35

82,95

85,16

72,80

65,86

37,40

1890

64,26

81,85

87,61

74,16

75,40

38,20

1895

65,42

66,53

93,55

64,49

60,72

64,95

1900

66,25

70,85

93,87

66,32

62,96

66,49

1905

62,55

84,52

93,38

60,23

73,20

66,34

1910

54,60

80,75

91,45

60,74

75,42

61,22

1914

40,62

75,67

88,93

63,88

81,40

74,69


Quelle: Magistrat der Stadt Berlin [Hrsg.]: Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin in den Verwaltungs-Jahren 1906 bis 1910. Dritter Band. Berlin 1912, S. 14 bzw. StatJbB, versch. Jahrg.

a) Da die Zahlen auf der einfachen Gegenüberstellung von standesamtlichen und kirchlichen Trauungen pro Kalenderjahr beruhen, geben sie kein vollkommen exaktes Bild der Realität wieder. So werden Ehepaare, die sich nicht im gleichen Jahr standesamtlich und kirchlich trauen ließen, in der Statistik von zwei verschiedenen Jahren erfaßt. Sie belasten - aus Sicht der Kirche - einerseits die Statistik des Jahres der standesamtlichen Eheschließung und beschönigen zugleich die des Jahres der kirchlichen Trauung. Darüber hinaus muß berücksichtigt werden, daß es aufgrund der starken Wanderungsbewegungen keine Seltenheit war, daß die standesamtliche und kirchliche Trauung an verschiedenen Orten vollzogen wurde. Auch dies führt zu Verfälschungen. Die gleiche Schwierigkeit ist bei der Gegenüberstellung von Geburten und Taufen zu berücksichtigen.
b) Das große Problem der Taufstatistik sind die Kinder aus Mischehen. Zur Berechnung des Taufanteils wurde von evangelischer Seite die absolute Zahl der Geburten aus Mischehen halbiert und zu jeweils gleichen Teilen den beiden großen Konfessionen zugeordnet. Der so gewonnene Wert bildete die Bezugsgröße der Anteilsberechnung. Ihm wurde die Zahl der Taufen von Kindern aus bikonfessionellem Elternhaus gegenübergestellt. Dies führte dazu, daß die Statistik der evangelischen Landeskirche für Kinder aus Mischehen ab 1905 einen Taufanteil von über 100% auswies. Die Werte sind daher für die protestantische Seite in der obigen Tabelle nicht gesondert aufgeführt. Für die katholische Seite ist diese Differenzierung nicht möglich, da die Taufstatistik nur zwischen ehelichen und unehelichen Kindern unterscheidet. Taufen aus rein katholischen und gemischten Ehen sind nicht getrennt aufgelistet. Die Werte der Rubrik „eheliche katholische Kinder“ sind daher in ihrer Aussagekraft eingeschränkt. Dies ist der Grund, weshalb der katholische Taufanteil in der Auflistung deutlich unter dem evangelischen bleibt.

Auffällig ist der deutliche Unterschied zwischen den Trauungen und Taufen, der in der evangelischen Kirche durchschnittlich etwa 30% betrug. Die Ursachen können nicht in einer allgemeinen Entkirchlichung gesucht werden. In diesem Fall hätten die Werte der Taufen nicht mehr rund 90% betragen dürfen. Es ist daher wahrscheinlich, daß die Ursachen in den konkreten Lebensumständen zu suchen sind. Legt man zeitgenössische Berichte zugrunde, so wird deutlich, daß die Ehe gerade in den Unterschichten häufig nicht mehr als eine Zweck- und Überlebensgemeinschaft darstellte. Heiratende Personen hatten oftmals schon in einer „wilden Ehe“ zusammengelebt. Die Eheschließung wurde vielfach erst nach einer Schwangerschaft vollzogen.53

↓48

Der Akt der Eheschließung besaß in vielen Fällen nur noch einen formellen Charakter. Große Feierlichkeiten blieben aus, da dies das Budget ohnehin nicht zugelassen hätte. Unter diesen Bedingungen wurde vielfach auf eine kirchliche Trauung verzichtet. Einen Eindruck von einer Hochzeitsfeier im Berliner Arbeitermilieu vermittelt eine Erzählung in der „Deutschen Kinderfibel“ von 1933, in der die Geschichte der Vollwaisen Grete und ihres Pflegebruders Willy beschrieben wird. Die standesamtliche Trauung der beiden hatte kurz vor der Geburt des ersten Kindes stattgefunden. Rationale Gründe bestimmten den Entschluß zur Eheschließung:

„Sollte Grete ein Kind zur Welt bringen, so konnte es unehelich sein oder ehelich, je nachdem, ob Willy das Mädchen heiratete oder nicht. Sollte Grete ein uneheliches Kind gebären? Man behauptet, das uneheliche Kind sei dem ehelichen gleichgestellt oder fast gleichgestellt. In Wirklichkeit ist das nicht der Fall, und da die Mutter selbst noch minderjährig, Mündel eines Amtsvormunds und Vollwaise war, so war die Lösung durch Heirat zweckmäßiger, auch wenn von den beiden jungen Leuten vorher an diese äußerliche Fixierung ihres Verhältnisses ganz und gar nicht gedacht worden war.“54

↓49

Entsprechend schlicht verliefen die Feierlichkeiten:

„Frau Menges hatte sich angestrengt, um diesen Tag würdig zu feiern. Wie sie es zustande gebracht hatte, zwei Kuchen zu backen, einen mit Äpfeln, den zweiten als Königskuchen, die Unmenge von Kaffee - Bohnenkaffe von Zuntz, Berliner Mischung - aufzubrühen, einen Berg von Stullen (nur mit guter Butter) vorzubereiten, dazu eine ganze Batterie von Bierflaschen im Ausguß kaltzustellen, und noch einen Schweinebraten für alle zu machen, das ist ein Geheimnis. Es waren nicht viele Gäste da, und viele wären in die kleine Wohnung auch nicht aufzunehmen gewesen. Aber die da waren, lärmten genügend. Das junge Paar wurde beglückwünscht, nicht eben originell und nicht eben fein; es wurden Versuche gemacht, humoristisch sein sollende Reden zu halten; die Versuche schlugen fehl, da niemand zuhörte. Man sang; Schlager (nicht so schöne Beine hätt‘), ab und zu ein Arbeiterkampflied, dazwischen auch ein sogenanntes Volkslied (sitzt ein kleiner Fink, Fink, Fink). Ein ausgeliehenes Grammophon spielte Märsche, Walzer, einen Tango (bei dem war eine Stelle der Platte lädiert und die Sache klang abscheulich), eine Tauberplatte war auch da und verfehlte ihre erotisierende Wirkung nicht; irgendwie war auch der Anfang der Tannhäuserouvertüre, gespielt von einem englischen Blasorchester, dazwischen, dieser Anfang wurde auch mehrere Male gespielt. Man machte den Versuch, in dem engen Spalt zwischen Tisch und Wand zu tanzen. Die Toilette wurde fleißig und allseitig besucht (die Spülung funktionierte bald sehr unzuverlässig), alle schwitzten, das junge Paar war längst getrennt, und schließlich verschwand Willy mit einigen seiner engsten Freunde überhaupt. Man sah ihn den ganzen Abend nicht mehr.“55

↓50

Zugleich hat es den Anschein, daß die Taufe unabhängig vom sozialen Umfeld und der Konfession nach wie vor als verpflichtend angesehen wurde. Hier lebten offensichtlich Traditionen fort, die bis 1914 fest in der Bevölkerung verankert waren.

Einen Sonderfall bildeten die Bestattungen, die bisher bewußt keine Erwähnung fanden. Im Gegensatz zu den Trau- und Taufregistern wurden in den kirchlichen Sterbebüchern alle Personen verzeichnet, die noch formell der Kirche angehörten - unabhängig davon, ob die Bestattung auf einem kirchlichen oder kommunalen Friedhof bzw. mit oder ohne Beteiligung eines Geistlichen stattgefunden hatte. In den Sterberegistern fehlen lediglich die aus der Kirche Ausgetretenen.

Zusammengenommen bleibt festzuhalten: Kirchenaustritte sind in größerem Umfang erst ab 1906 zu beobachten. Im Vergleich zu der Austrittsbewegung der 1920er Jahre bleiben die Konsequenzen für die Kirchenbuchanalyse unbedeutend. Wesentlich problematischer ist das Fernbleiben von kirchlichen Amtshandlungen. Dies gilt insbesondere für die Trauungen. Hier sind die größten Lücken zu verzeichnen.

II.3 Erhebung, Aufbereitung, Darstellung

II.3.1  Erhebungsprinzip

↓51

Während sich die Arbeit mit dem Berliner Adreßbuch auf die gezielte Recherche einzelner Sachverhalte beschränkte, war für die Analyse der Kirchenbücher die Durchführung einer systematischen Datenerhebung notwendig. Bei der Konzeption eines Erhebungsbogens galt es zunächst das Problem zu lösen, mit einem möglichst geringen zeitlichen Aufwand, eine möglichst umfangreiche und aussagekräftige Datenmenge zu erfassen. In einem ersten Schritt mußte die Wahl zwischen einer Teil- und Vollerhebung getroffen werden. Eine Teilerhebung bot den Vorteil, den zu erfassenden Personenkreis per Stichprobe einzugrenzen und sich auf wenige Kernvariablen zu beschränken.

Dabei galt es zu berücksichtigen, daß die Kirchenbücher aufgrund ihrer Lückenhaftigkeit von vornherein eine Stichprobe darstellen. Die als Pretest angelegte Arbeit an dem ersten Kirchenbuch zeigte ferner, daß die Stärken der Kirchenbuchangaben gerade im Detail liegen. So findet sich bspw. in den Sterberegistern nicht nur die Angabe zur Todesursache, sondern oftmals auch der Name des Krankenhauses in dem eine Person verstarb. Auch machte es wenig Sinn, auf die sehr zeitraubende Erfassung der Vor- und Familiennamen zu verzichten, da diese die Rekonstruktion von Querverbindungen ermöglichen, die aus der amtlichen Statistik nicht ersichtlich sind.

Die Entscheidung fiel schließlich auf eine Vollerhebung. Nur Angaben, die eine vollkommene Irrelevanz besaßen, blieben außen vor. Hierzu zählte u.a. die „Stunde des Todes“ oder die laufende Nummer, unter der die Registrierung in den Standesämtern vorgenommen wurde. Um die Datenmenge dennoch auf eine Größe zu reduzieren, die in einem akzeptablen Zeitrahmen zu bewältigen war, mußte eine andere Form der Begrenzung gewählt werden. Anstatt einzelne Personen oder Variablen wegzulassen, wurde auf die Erfassung eines ganzen Kirchenbuchtyps - den Taufregistern - verzichtet. Den Ausschlag gab die Tatsache, daß in den Taufregistern in der Regel nur eine Altersgruppe erfaßt ist. Taufregister beinhalten keine Variablen, die nicht auch in den anderen Registern zu finden wären. Zwar kann die Nennung der Taufpaten wichtige Hinweise zu den Verwandtschaftsverhältnissen und der sozialen Mobilität liefern,56 dies ist jedoch nur dann möglich, wenn auch weitere Angaben wie der Beruf und Wohnsitz genannt sind. In den Massengemeinden des Berliner Nordens fehlen diese Angaben jedoch oftmals. Hinzu kommt der Erhebungsaufwand. Im Vergleich zu den Trau- und Sterberegistern besitzen die Taufregister den mit Abstand größten Umfang. Der Erfassungsaufwand und -nutzen hätte in keinem angemessenen Verhältnis zueinander gestanden. Zumal ein Teil des Personenkreises der Taufregister auch in den Sterberegistern nachzuweisen ist - mit dem zusätzlichen Vermerk der Todesursache.

↓52

Unter Berücksichtigung der genannten Einschränkungen setzt sich der aus den Kirchenbüchern gewonnene Datensatz wie folgt zusammen:

Tab. 4: Untersuchungsgebiet. Zahl der erfaßten Personen nach Kirchenbuchtyp und Gemeinde (1885-1914) (abs./%).

Trauungen

Sterbefälle

Gesamt

 

abs.

%

abs.

%

abs.

%

 

Nazareth

16.200

43,08

28.826

49,69

45.026

47,09

 

Dankes

13.808

36,72

18.533

31,94

32.341

33,82

 

Kapernaum

2.354

6,26

3.880

6,69

6.234

6,52

 

Oster

930

2,47

2.195

3,78

3.125

3,27

 

Ev. gesamt

33.292

88,53

53.434

92,10

86.726

90,70

 

St. Sebastian

2.646

7,04

3.283

5,66

5.929

6,20

 

St. Joseph

1.634

4,35

1.282

2,21

2.916

3,05

 

St. Petrus

34

0,09

18

0,03

52

0,05

 

Kath. gesamt

4.314

11,47

4.583

7,90

8.897

9,30

 

Insgesamt

37.606

100,00

58.017

100,00

95.623

100,00

 


Anm.: Die geringen Werte der kath. St. Petrusgemeinde sind der Abgrenzung des Untersuchungsgebietes geschuldet. Nur ein Straßenzug - die östliche Seite der Reinickendorfer Straße - wurde in den Datensatz aufgenommen. Auch das Gemeindegebiet von St. Sebastian ist nur in Teilbereichen berücksichtigt. In St. Sebastian besteht zudem eine Überlieferungslücke in den Trauregistern vom 10. September 1885 bis 02. April 1888.

Quelle: Eigene Aufstellung nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

Rechnet man die in den Trauregistern vermerkten Angaben zu den Vätern der Brautleute hinzu, beläuft sich die Gesamtsumme der erfaßten Personen auf über 130.000. Der überwiegende Teil der Datensätze entstammt den evangelischen Kirchenbüchern. Das Verhältnis von 9:1 spiegelt relativ genau die Anteile der beiden Konfessionen in der Gesamtbevölkerung wider. Das Verhältnis von Trauungen und Todesfällen beträgt konfessionsübergreifend etwa 40:60. Die beiden wichtigsten Gemeinden sind die evangelische Nazareth- und Dankesgemeinde. Beide zusammen stellen allein über 80% der Datensätze.

II.3.2 Datenaufbereitung

↓53

Die aus den Kirchenbüchern und dem Adreßbuch entnommenen Rohdaten sind für eine statistische Auswertung zunächst nur eingeschränkt verwertbar. Allein die unterschiedlichen Schreibweisen stehen einer sofortigen Nutzung im Wege. Drei Variablen bedurften darüber hinaus der Einarbeitung einer mehrdimensionalen Klassifikation: die Berufsangaben, Todesursachen und Namen der Herkunftsorte.

II.3.2.1  Berufsangaben

Die größten Schwierigkeiten bereiteten die zur Verfügung stehenden Berufsangaben. Allein in den Kirchenbüchern fanden sich über 2.700 verschiedene Berufsbezeichnungen. Um Aussagen zur sozialen Mobilität, zur Schicht- oder Branchenzugehörigkeit treffen zu können, mußte jede dieser Bezeichnungen nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammengefaßt und systematisiert werden. Auf die Erstellung einer neuen Klassifikation wurde dabei verzichtet, um eine Vergleichbarkeit der eigenen Ergebnisse sicherzustellen.

Die Wahl fiel schließlich auf zwei Systematiken. Einerseits wurde die zeitgenössische Klassifikation der Berufs- und Betriebszählung des Deutschen Reichs aus dem Jahr 1907 in den Datensatz eingearbeitet, um eine Verbindung zur amtlichen Statistik herstellen zu können.57 Andererseits fand die von Schüren im Jahr 1989 publizierte Berufssystematik Berücksichtigung, deren erklärtes Ziel es war, eine einheitliche Arbeitsgrundlage für Sozialhistoriker zu schaffen.58

↓54

Die Klassifikation von Schüren ordnet jedem Beruf drei Informationsebenen zu. Sie unterscheidet nach der Schichtzugehörigkeit, der Stellung im Beruf und dem Wirtschaftssektor bzw. Arbeitsmilieu. Jede der drei Ebene ist nach verschiedenen Ausprägungen weiter untergliedert:

Ebene 1: Schichtzugehörigkeit

1

Untere Unterschicht

(z.B. ungelernte Arbeiter, Tagelöhner)

2

Mittlere Unterschicht

(z.B. angelernte Arbeiter)

3

Obere Unterschicht

(z.B. gelernte Arbeiter, untere Angestellte/Beamte)

4

Untere Mittelschicht

(z.B. Kleinbauern, Handwerksmeister, mittlere Beamte)

5

Obere Mittelschicht

(z.B. Vollbauern, mittlere Unternehmer)

6

Oberschicht

(z.B. Gutsbesitzer, Großunternehmer, Akademiker)

Ebene 2: Stellung im Beruf

1

Arbeiter (inkl. Gesellen und Tagelöhner)

2

Hausrechtlich eingebundene Arbeiter (Gesinde, Hausdiener)

3

Selbständige (inkl. Handwerksmeister und Freiberufler)

4

Gesellen oder Meister

5

Selbständige Meister oder Werkmeister

6

Angestellte (inkl. Werkmeister)

7

Beamte, Offiziere

0

Sonstige

Ebene 3: Wirtschaftssektor oder Arbeitsmilieu

1

Landwirtschaft

2

Häusliche Dienste

3

Handwerk

4

Heimgewerbe

5

Manufaktur, Fabrik, Industrie

6

Handwerk oder Heimgewerbe oder Manufaktur/Industrie

7

Handel, Banken, Versicherungen, Transport

8

Professions

9

Öffentlicher Dienst, Kirchen, Verbände

0

Sonstige und nicht klassifizierbare Arbeitsbereiche

Für eine statistische Auswertung sind die zu jeder Kategorie angegebenen Zahlen entscheidend. Jedem Beruf wird - analog zu den drei Ebenen - eine dreistellige Ziffer zugeordnet. So bekommt bspw. der Beruf des Schlossers die Zahlenkombination 346 (3 = „Obere Unterschicht“, 4 = „Gesellen oder Meister“, 6 = „Handwerk oder Heimgewerbe oder Manufaktur/Industrie“). Dieses System ist für statistische Auswertungen äußerst einfach zu handhaben. Aussagen zu einzelnen Informationsebenen können ebenso wie zu Merkmalskombinationen auf eine schnelle und übersichtliche Art und Weise getroffen werden.

↓55

Das größte Problem liegt in den häufig sehr ungenauen Bezeichnungen der Berufe. Als Konsequenz müssen Mischkategorien gebildet werden, die nur näherungsweise Rückschlüsse auf die tatsächlichen Verhältnisse zulassen. Die Berufsbezeichnung „Schlosser“ ist hierfür ein gutes Beispiel. Es ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu rekonstruieren, ob eine Beschäftigung im Handwerk oder der Industrie vorlag. Eine Zuordnung in die Mischkategorie 6 ist die Folge. Noch schwieriger ist es bei Berufsbezeichnungen, die nicht einmal mehr in Mischkategorien zu fassen sind. Hierzu zählt u.a. die Bezeichnung „Beamter“, die im Untersuchungszeitraum sowohl im öffentlichen Dienst, als auch in privaten Unternehmen für Angestellte gebräuchlich war (Ebene 2: Kategorie 6 oder 7). Schüren löst dieses Problem, indem er im Zweifelsfall eine Zuordnung zu der größeren Gruppe der Angestellten vorschlägt, um die Fehlerwahrscheinlichkeit möglichst niedrig zu halten.59

Die Klassifikation von 1907 beschränkt sich dagegen auf zwei Informationsebenen: die Stellung im Beruf und die Einteilung nach Branchen. Dies entspricht den Ebenen 2 und 3 der Schüren-Systematik.

Die Ebene „Stellung im Beruf“ sieht eine Differenzierung der Erwerbstätigen in drei Haupt- und sieben Untergruppen vor:60

↓56

a

Selbständige, auch leitende Beamte und sonstige Geschäftsleiter:

Eigentümer, Inhaber, Besitzer, Mitinhaber oder Mitbesitzer, Pächter, Erbpächter, Handwerksmeister, Unternehmer, Direktoren, Administratoren u.a.

b

Nichtleitende Beamte, überhaupt das wissenschaftlich, technisch oder kaufmännisch gebildete Verwaltungs- und Aufsichts-, sowie das Rechnungs- und Bureaupersonal.

c

Sonstige Gehilfen, Lehrlinge, Fabrik-, Lohn- und Tagearbeiter, einschließlich der im Gewerbe tätigen Familienangehörigen und Dienenden.

a1

Eigentümer und Miteigentümer,

a2

Pächter,

a3

Leitende Beamte und sonstige Betriebsleiter,

a fr

Gewerbetreibende, die in der eigenen Wohnung für ein fremdes Geschäft arbeiten;

b1

Technisch gebildete Betriebsbeamte (Betriebsinspektoren, Ingenieure, Chemiker, usw.) auch Volontäre,

b2

Aufsichtspersonal (Aufseher, Werkmeister, Obersteiger und Steiger, usw.),

b3

Kaufmännisch gebildetes Verwaltungspersonal, sowie Bureau- und Rechnungspersonal (Prokuristen, Disponenten, Justitiare, Buchhalter, Korrespondenten, Rechner, Schreiber usw.) auch Volontäre und Lehrlinge;

c1

Familienangehörige, die im Betrieb ihres Haushaltungsvorstandes tätig, aber nicht eigentliche Gewerbsgehilfen sind,

c2

Gesellen, Lehrlinge und sonstige Arbeiter für Dienstleistungen, zu welchen in der Regel eine Vorbildung erforderlich ist (z.B. Gesteins-, Kohlenhauer usw.),

c3

Andere Hilfspersonen (Handarbeiter, Handlanger, sonstige Arbeiter für Dienstleistungen, zu welchen in der Regel eine Vorbildung nicht erforderlich ist, sowie Maschinisten, Heizer, auch Geschäftskutscher, Fuhrleute, Hausdiener usw.).

Von diesen Gruppen können nicht alle besetzt werden, da u.a. nicht klar ist, inwieweit Personen als Familienangehörige beschäftigt waren (c1) oder in der eigenen Wohnung für ein fremdes Gewerbe arbeiteten (a fr). Nicht zulässig ist außerdem die direkte Ableitung einer Schichtzugehörigkeit. So zählte u.a. jeder kleine Händler in seiner Stellung als selbständiger Geschäftsmann zur Gruppe „a“, obwohl sich sein Lebensstandard vielfach kaum von dem eines Arbeiters unterschied, der wiederum zur Kategorie „c“ gerechnet wurde.61 Die Einteilung hat dennoch ihre Vorteile, da gerade im gewerblichen Bereich eine sehr genaue Unterscheidung zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern möglich ist (c2/c3), die wiederum als Orientierung für Schüren diente.

↓57

Die Brancheneinteilung nach der Klassifikation von 1907 zeigt Abb. 14. Insgesamt werden sieben Hauptkategorien (A-G) unterschieden. Die Schwierigkeit liegt auch hier bei der oftmals zu ungenauen Berufsbezeichnung. So ist eine Unterscheidung zwischen den Klassen D und G kaum möglich. Ob Dienstpersonal im Haus der Herrschaft wohnte oder nicht, ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachzuweisen. Die Rubriken D und G wurden aus diesem Grund zusammengefaßt.

Im Vergleich zu Schüren ist die Differenzierung zwischen den Angestellten im privatwirtschaftlichen und öffentlichen Sektor noch problematischer. Die Berufsliste von 1907 weist u.a. Berufsbezeichnungen wie „Bureaubeamter“, „Bureaudiener“ oder „Kalkulator“ ausschließlich dem öffentlichen Dienst zu, ohne auf den alternativen und weiterverbreiteten privatwirtschaftlichen Angestelltenstatus zu verweisen. Hinzu kommt: Angestellte im gewerblichen Sektor wurden der jeweiligen Branche des Arbeitgebers zugeteilt und nicht als separate Gruppe geführt. Dies macht aus heutiger Perspektive eine korrekte Zuordnung undurchführbar. Es mußte daher analog zu Schüren mit neu geschaffenen Mischkategorien gearbeitet werden. Als wichtigste Ergänzung wurde in Gruppe „D“ die Kategorie „Dienstleistungen allgemein“ geschaffen, in der vor allem Angestelltenberufe zusammengefaßt sind, die keiner der Branchengruppen A-F eindeutig zuzuordnen sind (u.a. Bote, Wächter, Heizer).

Abb. 14: Berufsklassifikation nach der Berufs- und Betriebszählung des Deutschen Reichs vom 12. Juni 1907.

Quelle: Eigene Darstellung nach Kaiserliches Statistisches Amt (1909), S. 38*-41*.

↓58

Soweit es möglich und sinnvoll ist, werden bei den statistischen Auswertungen beide Systematiken gegenübergestellt. Im Vordergrund steht jedoch die Klassifikation von Schüren. Sie ist insgesamt flexibler zu handhaben und ermöglicht allgemeinere Aussagen zur sozialen Schichtung sowie der Stellung im Beruf. Sie ist insbesondere besser auf die Problematik der ungenauen Berufsbezeichnungen abgestimmt.

II.3.2.2 Todesursachen

Als zweite Variable bedurften die in den Sterberegistern vermerkten Todesursachen einer systematischen Aufarbeitung. Da das heutige medizinische Wissen nicht mit dem Stand des Untersuchungszeitraumes zu vergleichen ist und die Krankheitsbezeichnungen vielfach nicht mehr übereinstimmen, wurde eine aktuelle Klassifikation von vornherein ausgeschlossen. Die Ausführlichkeit des Verzeichnisses und die Übersichtlichkeit der Systematik entschieden die Wahl zugunsten des „Alphabetischen Registers der Krankheiten und Todesursachen“ der Medizinalabteilung des preußischen Ministeriums der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten aus dem Jahr 1904.62

I.

Infektionskrankheiten, Zoonosen und Schmarotzerkrankheiten.

II.

Vergiftungen.

III.

Aeussere Einwirkungen.

IV.

Störungen der Entwickelung und Ernährung.

V.

Krankheiten der Organe

A.

der Haut und des Zellgewebes,

B.

der Muskeln und Sehnen,

C.

der Knochen, Knorpel und Gelenke,

D.

des Blutes und der blutbildenden Drüsen,

E.

des Gefässsystems,

F.

des Nervensystems,

G.

des Ohres,

H.

des Auges,

J.

der Respirationsorgane,

K.

des Verdauungsapparats,

L.

der Harnorgane,

M.

der Geschlechtsorgane.

VI.

Andere sowie nicht angegebene und unbekannte Krankheiten.

[VII.

Totgeburten]

↓59

Das Verzeichnis unterteilt die Krankheiten und Todesursachen in sechs Hauptgruppen. Die Gruppe V „Krankheiten der Organe“ ist in weitere Untergruppen gegliedert. Für totgeborene Kinder wurde eine eigene Rubrik (VII) gebildet, da die Klassifikation eine Fehlgeburt nur als Todesursache der Mutter auflistet.

Erneut erwiesen sich die ungenauen Quellenangaben als Hauptproblem. Die bestehenden Schwierigkeiten lassen sich am Beispiel der „Lungenentzündung“ verdeutlichen. Das alphabetische Verzeichnis des Ministeriums unterscheidet allein acht verschiedene Varianten. Da in den Kirchenbüchern zumeist konkretisierende Angaben fehlen, mußte die große Mehrzahl der Fälle in die Kategorie „Lungenentzündung, ohne nähere Angabe“ eingeordnet werden. Dies ist vom Grundsatz her unproblematisch, da eine Lungenentzündung in welcher Form auch immer die Erkrankung eines Organs darstellt. Da die Klassifikation jedoch Infektionskrankheiten separat ausweist, wird die Zuordnung ungenau. Zahlreiche Lungenentzündung dürften u.a. im Zusammenhang mit einer tuberkulösen Erkrankung aufgetreten sein, was für die Untersuchung nicht unerheblich ist. Immerhin bietet die verwendete Systematik dem Nutzer von vornherein Sammelkategorien an, so daß bis auf die neugeschaffene Rubrik VII keine Modifikationen vorgenommen werden mußten.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, wie zuverlässig die Angaben der Todesursachen in den Kirchenbüchern überhaupt sind. In seiner Untersuchung über die Mortalität und Todesursachen in der Weddinger St. Sebastiangemeinde im Zeitraum von 1861 bis 1889 kam Zemann zu dem Schluß:

↓60

„Da die Eintragungen in die Sterberegister zumeist von medizinischen Laien - z.B. durch den amtierenden Pfarrer - vorgenommen wurden, sind die Angaben zum großen Teil unter Vorbehalt zu beurteilen.“63

Die Einschätzung würde bedeuten, daß die Analyse der Todesursachen auf einem sehr schwachen Fundament steht und sogar grundsätzlich in Frage gestellt werden muß. Dies ist jedoch nur bedingt richtig. Der eigentliche Eintrag der Todesursache in das Kirchenbuch lag selbstverständlich in der Hand von Kirchenbeamten und damit von medizinischen Laien. Andere Personen waren zur Führung der Kirchenbücher überhaupt nicht berechtigt. Dies bedeutet allerdings nicht, daß medizinische Laien wie der Küster oder Pfarrer auch die Todesursache feststellten. Nach einer Bekanntmachung des Berliner Polizeipräsidenten vom 14. Juni 1835 mußte für jeden Verstorbenen innerhalb des Berliner Polizeibezirkes eine obligatorische ärztliche Leichenschau durchgeführt und ein sog. Totenzettel angefertigt werden.64 Dieser Totenschein mit dem Vermerk der Todesursache mußte dem jeweiligen Kirchenbeamten vorgelegt werden. Fehlte der Schein, durfte keine Beerdigung stattfinden.

↓61

Nach der Verabschiedung der Zivilstandsgesetze änderte sich nur der Verwaltungsablauf. Da die Kirchenbücher nicht mehr als Standesregister fungierten, blieb der eigentliche Totenschein der Kirche vorenthalten. Da jedoch die Kirche nach wie vor für den Großteil der Beerdigungen verantwortlich war und eine Bestattung ohne amtliche Genehmigung nicht stattfinden durfte, wurde von den zuständigen Polizeirevieren seit Mai 1875 auf Grundlage des Totenscheins ein Beerdigungsschein ausgestellt, der für die Kirchenbeamten bestimmt war (vgl. Abb. 15).65 Dieser enthielt nach wie vor die Angabe der Todesursache, so daß sich für die Kirche de facto nichts änderte.

Es ist daher äußerst unwahrscheinlich, daß die Angaben in den kirchlichen Sterberegistern grundsätzlich von den Angaben der Totenzettel bzw. Beerdigungsscheine abweichen.

Abb. 15: Aufbau eines Beerdigungsscheines.

Quelle: Sammlung der Polizei-Verordnungen (1910), S. 283.

↓62

Die ärztliche Leichenschau garantiert eine gewisse Sicherheit bei den Aussagen zur Todesursache, auch wenn selbstverständlich immer eine Abhängigkeit vom zeitgenössischen medizinischen Kenntnisstand, dem Wissen des jeweiligen Arztes und der Arbeitsweise des Kirchenbuchführers bestand.66 Auch weist Zemann zurecht darauf hin, daß häufig Krankheiten nicht explizit genannt wurden, sondern lediglich Symptome, was ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten schafft und das Vorgehen erschwert.67

Hinzu kommt ein besonderer Sachverhalt, auf den eine Arbeit aus dem Jahr 1906 aufmerksam macht.68 Darin wird kritisiert, daß Ärzte in bestimmten Fällen nicht die wirkliche Todesursache auf den Totenscheinen angeben, um die Familie der Hinterbliebenen nicht zu kompromittieren und das Berufsgeheimnis zu wahren. So würde das Wochenbettfieber mit dem relativierenden Vermerk Bauchfellentzündung umschrieben. Ähnliches gelte für Todesfälle durch Syphilis, Alkoholismus u.a.

Die Kritik läßt sich anhand der Kirchenbucheintragungen des Weddings - wenn auch nur in Einzelfällen - belegen. So finden sich Beispiele für Frauen, die an Bauchfellentzündung verstarben. Da in einigen Fällen um wenige Tage versetzt neugeborene Säuglinge gleichen Namens und mit dem selben Wohnsitz in den Sterberegistern verzeichnet sind, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die tatsächliche Todesursache der Frau im Zusammenhang mit der Geburt stand. Auf die Aussagekraft der Ergebnisse hat dies allerdings keine entscheidenden Auswirkungen.

II.3.2.3 Ortsnamen

↓63

Als dritte Variable erforderten die in den Heiratsregistern vermerkten Wohnorte des Vaters zum Zeitpunkt der Eheschließung eine systematische Aufbereitung. Um eine sinnvolle Auswertung vornehmen zu können, mußten die einzelnen Ortschaften in ihren übergeordneten administrativen Kontext gestellt werden. Zu jedem vermerkten Ortsnamen galt es, den dazugehörigen Landkreis, Regierungsbezirk und die Provinz zu ermitteln bzw. außerhalb Preußens den Staat oder Teilstaat zu benennen. Auch die für die Rekonstruktion von Land-Stadt-Wanderungen bedeutsame Einwohnerzahl mußte in den Datensatz eingearbeitet werden.

Verschiedene Nachschlagewerke stehen zur Auswahl. Die größte Informationstiefe bietet „Meyers Orts- und Verkehrs-Lexikon des Deutschen Reichs“.69 Dieses beinhaltet neben allen selbständigen Gemeinden auch Verweise zu unselbständigen Wohnplätzen, d.h. u.a. zu eingemeindeten Ortschaften bis hin zu einzelnen Forsthäusern oder Gehöften außerhalb einer geschlossenen Siedlung. Bei Umbenennungen, die vor allem in den polnischsprachigen Gebieten zu Schwierigkeiten führen, sind die alten und neuen Ortsnamen in das alphabetische Verzeichnis eingearbeitet.

Von den verschiedenen zur Verfügung stehenden Auflagen dieses Werkes wurde die fünfte Edition aus den Jahren 1912/1913 gewählt. Dies ist die letzte in den Grenzen vor dem Vertrag von Versailles. Alle späteren Ausgaben hätten wichtige Herkunftsgebiete nicht mehr erfaßt. Gegen eine frühere Ausgabe sprachen die Ortsumbenennungen. Um möglichst alle Veränderungen berücksichtigen zu können, bot sich ein Publikationsjahr nahe 1914 an. Nachteilig wirkt sich lediglich die Tatsache aus, daß die angegebenen Einwohnerzahlen (Stand: 1910) auf den gesamten Untersuchungszeitraum bezogen werden müssen. Die seit 1885 aufgetretenen Veränderungen können nicht berücksichtigt werden.

↓64

In der Praxis steht die Zuordnung erneut vor dem Problem der zu ungenauen Quellenvermerke. So fehlen gerade in der größten Gemeinde des Untersuchungsgebietes - der Nazarethgemeinde - in den meisten Fällen Angaben, die über den bloßen Ortsnamen hinausgehen. Die daraus resultierende Schwierigkeit läßt sich sehr anschaulich am Beispiel „Königsberg“ verdeutlichen. Nimmt man die Einwohnerzahl als Entscheidungsgrundlage so ist die Wahrscheinlichkeit am größten, daß die Hauptstadt der Provinz Ostpreußen mit ihren knapp 250.000 Bewohnern gemeint ist. Nach dem Ortslexikon gab es jedoch innerhalb des Deutschen Reiches fünf weitere selbständige Gemeinden gleichen Namens. Zwei lagen in der Provinz Brandenburg. Eine davon - Königsberg Neumark - war Kreisstadt. Nimmt man die Fälle, in denen eine eindeutige Zuordnung zur Provinzhauptstadt auf der einen sowie der Kreisstadt auf der anderen Seite möglich war, lag der Anteil von Königsberg Preußen bei 73,1% gegenüber 26,9% von Königsberg Neumark. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei einer fehlenden Spezifizierung Königsberg Preußen der tatsächliche Herkunftsort war, liegt damit sehr hoch. In unklaren Fällen wurde dennoch auf eine Zuordnung verzichtet, da eine Fehlerwahrscheinlichkeit von knapp 30% als zu hoch einzustufen ist.

Betrachtet man die Anteile der ausgeschlossenen Fälle nach den untersuchten Gemeinden, werden große Unterschiede sichtbar. Man erkennt an den Werten, inwieweit in den Kirchenbüchern noch Hinweise zum Landkreis oder Zusätze wie „in Preußen“, „an der Oder“, u.a. zu finden waren:

Tab. 5: Kirchengemeinden des Untersuchungsgebietes. Anteile der nicht zuzuordnenden und fehlenden Ortsangaben in den Trauregistern 1885-1914.

Nicht zuzuordnen

(in %)

Fehlende Ortsangaben

(in %)

Zahl der erfaßten Personen (abs.)

(100%)

Nazareth

8,1

0,6

16.200

Dankes

1,1

1,9

13.808

Kapernaum

15,5

3,8

2.354

Oster

13,0

0,1

930

St. Sebastian

1,6

2,6

2.646

St. Joseph

3,2

4,0

1.634

St. Petrus

5,9

0,0

34

Insgesamt

5,4

1,6

37.606


Quelle: Eigene Berechnung nach den Kirchenbüchern der Gemeinden.

↓65

Die größten Lücken finden sich in den Trauregistern der Kapernaumgemeinde. Über 15% der Ortsnamen konnten nicht zugeordnet werden. Rechnet man die 3,8% hinzu, bei denen eine Ortsangabe überhaupt nicht verzeichnet war, sind fast 20% der Eintragungen in den Kirchenbüchern dieser Gemeinde statistisch nicht verwertbar. Da es sich bei der Kapernaumgemeinde nur um eine vergleichsweise kleine Gemeinde handelte - zumindest an der Zahl der Kirchenbucheintragungen gemessen, ist dies für die Untersuchung nur von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend sind die Gesamtwerte. Diese liegen mit 5,4% und 1,6% deutlich unter 10%, so daß die Aussagekraft der Ergebnisse durch Zuordnungsprobleme und fehlende Angaben zwar beeinflußt, nicht aber entscheidend eingeschränkt wird.

II.3.3 Kartographische Darstellung

Indem der Raum die zentrale Untersuchungseinheit bildet, muß es das Ziel sein, die aus dem Adreßbuch und den Kirchenbüchern gewonnenen Merkmalsausprägungen möglichst exakt zu verorten, d.h. im Idealfall einem bestimmten Grundstück zuzuordnen. Grundlage bildet ein digitalisierter Stadtplan, der anhand des sog. „Straube-Plans“ (um 1910, Maßstab 1:4.000) erstellt wurde. Er ermöglicht - abhängig von der konkreten Fragestellung - Themendarstellungen auf drei räumlichen Ebenen: Grundstück, Straßenzug und Häuserblock.

Abb. 16: Räumliche Untersuchungsebenen - Kartenausschnitt.

Anm.: Die in der Karte dargestellten Nummern sind in den Datensatz eingearbeitet. Sie bilden die Schnittpunkte der Datenanbindung.

Quelle: Eigene Darstellung.

↓66

Die große Schwierigkeit bestand in der korrekten Zuordnung der Hausnummern zu dem jeweiligen Grundstück. An diesem Punkt machte sich die ehemalige Stadtrandlage negativ bemerkbar. Da in den meisten Straßen zunächst nur einzelne Gebäude standen, vergaben das zuständige Polizeipräsidium bzw. die ihm angeschlossenen Polizeireviere in der ersten Bebauungsphase nur eine provisorische Numerierung. Erst wenn die Bebauung annähernd abgeschlossen oder der genaue Zuschnitt der Parzellen abzusehen war, wurde die Straße endgültig numeriert. Ein Großteil der Straßen wies daher zwischen 1885 und 1914 zwei - im Fall der Seestraße abschnittsweise sogar drei - unterschiedliche Numerierungen auf.

Tab. 6: Hausnummernänderungen im Untersuchungsgebiet 1885-1914.

Straßen...

ohne Änderung

39

mit einer Änderung

31

mit zwei Veränderungen

1


Quelle: Eigene Aufstellung nach dem vorhandenen Kartenmaterial und den Angaben des Berliner Adreßbuches.

Die Frage, ob in einer Straße eine Veränderung der Hausnummern vorgenommen wurde oder nicht, war über das vorliegende Kartenmaterial und die Informationen des Berliner Adreßbuches zu klären. Wesentlich schwieriger gestaltete sich die zeitliche Eingrenzung. Da die Kirchenbücher fortlaufend geführt wurden, galt es den Zeitpunkt der Umnumerierung möglichst exakt zu rekonstruieren, um falsche Zuordnungen zu vermeiden. Drei Punkte erwiesen sich hierbei als besonders problematisch:

↓67

Für provisorische und endgültige Numerierungen bestanden innerhalb des Polizeipräsidiums unterschiedliche Zuständigkeiten. Die endgültigen Numerierungen oblagen dem Kommissariat für Militär- und Gnadensachen, Straßenbenennungs- und Bleuchtungsangelegenheiten in der Abteilung IIb (Gewerbe-, Straßen- und Verkehrspolizei). Für die provisorische Nummernvergabe waren dagegen die lokalen Polizeireviere unter Aufsicht der Abteilung III (Baupolizei) eigenverantwortlich zuständig.70

-

Selbst bei der besten Quellenlage ist es unmöglich, eine Hausnummernveränderung auf einen konkreten Zeitpunkt zu fixieren. Eine Umnumerierung vollzog sich nicht innerhalb eines Tages, sondern erstreckte sich in der Regel über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Eine typische Anweisung der Abteilung IIb an ein ausführendes Polizeirevier findet sich in den Akten der Willdenowstraße:

↓68

„Durch das Kommissariat für Militärsachen und besondere Aufträge dem 58. Revier zur weiteren Veranlassung wegen Durchführung der endgültigen Numerierung, welche möglichst zu beschleunigen ist.

↓69

Eine neue, für das Wahlbureau des Magistrats bestimmte Nachweisung, in welcher die ergänzenden Grundbuchbezeichnungen des Amtsgerichts _ Katasteramtes _ zu berücksichtigen sind, ist in duplo anzufertigen und beizufügen.

Berlin, den 22.11.1912“

↓70

Das in diesem Fall zuständige 58. Polizeirevier hatte keine klaren zeitlichen Vorgaben. Es sollte lediglich für eine „beschleunigte“ Durchführung sorgen.72

Nicht für alle Straßen, in denen Hausnummern geändert wurden, ist ein Aktenbestand überliefert. In diesem Fall mußte das Gemeinde-Blatt der Haupt- und Residenzstadt Berlin als Arbeitsgrundlage herangezogen werden. In diesem sind die obligatorischen Meldungen des Polizeipräsidiums an das Wahlbüro des Magistrats veröffentlicht, die Auskunft über vollzogene Umnumerierungen geben.73 Diese Meldungen wurden jedoch erst nach Abschluß einer neuen Numerierung gemacht. Es geht daraus nicht hervor, wann mit dem eigentlichen Umstellungsvorgang begonnen wurde.

In den meisten Fällen konnte der Zeitpunkt einer Nummernänderung sehr genau eingegrenzt werden. Da jedoch in jedem Fall eine Übergangsphase bestand, in der zumindest nicht in jedem Fall mit Sicherheit zu sagen war, ob die betreffende Nummer bereits zur neuen oder alten Zählweise gehörte, müssen bei bestimmten Auswertungen einige Datensätze ausgeschlossen werden. Diese Einschränkung bleibt für die Aussagekraft der Ergebnisse ohne Folgen, da im Vergleich zum gesamten Untersuchungszeitraum nur sehr kurz Zeitabschnitte betroffen sind.


Fußnoten und Endnoten

21  Zu den genauen Veränderungen vgl. Dettmer, Klaus: Wedding. (Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke, Bd. 10) Berlin 1988, S. 110ff.

22  Vgl. zu den folgenden Ausführungen u.a. Dettmer (1988), S. 28-50. Langenheinecke, Ute: Der Wedding als ländliche Ansiedlung - zur städtebaulichen Entwicklung des Bezirks Wedding (1720 bis 1840). (Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Beiheft 23) Berlin 1992. Reinecke, Jochen: Der Berliner Wedding in vorindustrieller Zeit. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 907) Frankfurt/M. 2001. Stephan, Bruno: 700 Jahre Wedding - Geschichte eines Berliner Bezirks. Berlin 1951.

23  Die exakten Koordinaten des mittelalterlichen Anwesens sind nicht mehr zu rekonstruieren. Simon vermutet eine Lage in der Nähe des Nettelbeckplatzes, ohne allerdings einen schriftlichen oder archäologischen Beleg anführen zu können. Aus diesem Grund warnt Langenheinecke vor Verortungsversuchen, da diese in jedem Fall spekulativ bleiben müssen. Vgl. Simon, Christian: 750 Jahre Wedding - Eine Chronik. (Reihe Berliner Stadtteile. Band 1. Wedding) Berlin 2001, S. 12 und Langenheinecke (1992), S. 17.

24  Zur genauen Lage der einzelnen Straßen vgl. jeweils die Übersichtskarte im hinteren Einband.

25  Vgl. zu den verschiedenen Gemeinden u.a. Böpple, Gerlinde: Kapernaum: eine evangelische Kirchengemeinde ”auf dem Wedding“. Berlin 1992. Diestelkamp, Ludwig: Geschichte der Nazareth-Gemeinde auf dem Wedding zu Berlin von 1835 bis 1885. Eine Festgabe zur fünfzigjährigen Feier des Einweihungstages der Nazareth-Kirche am 5.Juli 1885. Berlin 1885. Gemeindekirchenrat der Dankes-Kirchengemeinde [Hrsg.]: 100 Jahre Dankes-Kirchengemeinde 1884-1984. Berlin 1984. Neubauer, Hermann: Geschichte der Nazarethgemeinde 1835-1925. Berlin 1926.

26 

Vgl. Katholische Kirchengemeinde St. Sebastian [Hrsg.]: 125 Jahre St. Sebastian Berlin-Wedding. 1860-1985. Berlin 1985, S. 10-17.

Der Anteil der jüdischen Glaubensgruppe an der Gesamtbevölkerung betrug im Untersuchungsgebiet weniger als einen Prozentpunkt. Von einer Berücksichtigung wurde aus diesem Grund gänzlich abgesehen. Vgl. Leyden (1933), S. 103f.

27  Die gleichen empirischen Eigenschaften besitzt - zumindest in der Theorie - die Einwohnermeldekartei Berlins. Sie ist allerdings nur noch in Fragmenten überliefert und für das Kaiserreich ohne Relevanz. Die eigentliche Zentralkartei gilt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen. Vgl. zur Entwicklung des Berliner Einwohnermeldewesens u.a. Mühlbauer, Holger: Kontinuität und Brüche in der Entwicklung des deutschen Einwohnermeldewesens: historisch-juristische Untersuchung am Beispiel Berlins. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 635) Frankfurt a/M. u.a. 1995 sowie Throl, [F.]: Das polizeiliche Meldewesen. An der Hand der in Berlin bestehenden Einrichtungen nach amtlichen Quellen dargestellt und mit Genehmigung des Königlichen Polizei-Präsidiums herausgegeben. Berlin 1897.

28  Zur Entstehung des Berliner Adreßbuches vgl. Gebhardt, Peter von: Die Anfänge des Berliner Adreßbuches - Ein bibliographischer Versuch. Berlin 1930.

29  Die Anordnung der Rubriken variierte mit dem publizierenden Verlag. Die genannte Reihenfolge bestand seit 1897. In den Jahren zuvor unter W. & S. Loewenthal folgte dem Einwohnerverzeichnis nach Namen (I) das Häuserverzeichnis nach Straßen (II), das Gewerbeverzeichnis (III) und das Behördenverzeichnis (IV). Eine Sonderstellung nahm das Jahr 1896 ein. Nach dem Wechsel der Herausgeberschaft stand für einen Jahrgang die Rubrik „Königliches Haus, Behörden, öffentliche Einrichtungen“ an erster Stelle, gefolgt von dem Einwohner-, Straßen- und Gewerbeverzeichnis.

30  Die Vornamen wurden erst seit 1899 vollständig ausgeschrieben. Zuvor fand sich lediglich eine Abkürzung mit dem ersten Buchstaben.

31  Mein Dank gilt an dieser Stelle Herrn André Bialk für den Hinweis auf diese Anzeige.

32  Vgl. Denecke, Dietrich: Aspekte sozialgeographischer Interpretationen innerstädtischer Mobilität im 19. und 20. Jahrhundert. Allgemeiner Forschungsstand und Forschungsbeispiele. In: Heineberg, Heinz [Hrsg.]: Innerstädtische Differenzierung und Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert. Geographische und historische Aspekte. (Städteforschung: Reihe A, Darstellungen, Band 25) Köln, Wien 1987, S. 136.

33  Vgl. u.a. Gehrmann, Rolf: Zielsetzungen und Methoden bei der historisch-demographischen Auswertung von Berlin-Brandenburgischem Kirchenbuchmaterial - Das Beispiel St. Nikolai (Spandau). In: Ribbe, Wolfgang [Hrsg.]: Berlin-Forschungen I (Einzelveröffentlichung der Historischen Kommission zu Berlin Bd. 54) (Publikationen der Sektion für die Geschichte Berlins Band 3) Berlin 1986, S. 265-295.

34  Vgl. Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten (GS) (1874), Nr. 7, S. 95-109 sowie Reichs-Gesetzblatt (RGBl.) (1875), No. 4, S. 23-40.

35  Vgl. RGBl. (1875), No. 4, S. 28, 33f.

36  Koch, C. F. [Hrsg.]: Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten. Unter Andeutung der obsoleten oder aufgehobenen Vorschriften und Einschaltung der jüngeren noch geltenden Bestimmungen. 4. Band, 8. Aufl., Berlin u. Leipzig 1886, S. 508.

37  Vgl. Koch (1886), S. 508.

38 

Eigentlich hatte das evangelische Konsistorium 1874 die Streichung der Rubrik „Todesursache“ verfügt. Dies wurde jedoch offensichtlich nicht umgesetzt. Mit Ausnahme eines kurzen Zeitraumes in der evangelischen Dankesgemeinde findet sich in allen übrigen ausgewerteten Sterberegistern - evangelischen wie katholischen - die Nennung der Todesursache. Die Lücke in der Dankesgemeinde umfaßt die Zeit vom Februar 1896 bis Juni 1899. Vgl. Königliches Konsistorium der Provinz Brandenburg [Hrsg.]: Handbuch der Amtlichen Mitteilungen. Berlin 1917, S. 534.

Vgl. auch Fidler, F[ranz] [Hrsg.]: Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung vom 6. Februar 1875 in der vom 1. Januar 1900 an geltenden Fassung nebst den Preußischen Ergänzungsvorschriften. (Guttentag'sche Sammlung Deutscher Reichsgesetze. Nr. 59) Berlin 1912, S. 104. Dort wird im Erläuterungstext zu § 59 (Fußnote 6) explizit darauf hingewiesen, daß die Nennung der Todesursache in den Standesregistern nicht zu erfolgen hatte.

39  Vgl. Evangelisches Kirchengesetz zur Sicherung und Nutzung von kirchlichem Archivgut in der Evangelischen Kirche der Union (Archivgesetz-ArchG) vom 06. Mai 2000. In: Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Jg. 54 (2000), H. 7, S. 192-196 bzw. Amtsblatt des Bischöflichen Ordinariats Berlin, 61 (1989), S. 9-11.

40 

Vgl. zur aktuellen Fassung die Internetseite des Bundesministeriums des Innern:

http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/persstdg/

Die ursprüngliche Gesetzgebung von 1874/75 sah einen wesentlich freizügigeren Umgang mit den Standesregistern vor. So verfügte das Reichsgesetz von 1875 in § 16: „[...] Gegen Zahlung der nach dem angehängten Tarife zulässigen Gebühren müssen die Standesregister jedermann zur Einsicht vorgelegt, sowie beglaubigte Auszüge [...] aus denselben ertheilt werden. [...]“ Vgl. RGBl. (1875), No. 4, S. 27 bzw. GS (1874), Nr. 7, S. 99 (§ 12).

41  Die Problematik veranschaulicht Kaelble, Hartmut; Federspiel, Ruth [Hrsg.]: Soziale Mobilität in Berlin 1825-1957. Tabellen zur Mobilität, zu Heiratskreisen und zur Sozialstruktur. (Quellen und Forschungen zur historischen Statistik von Deutschland, Bd. 10) St. Katharinen 1990, S. VIII. Dort heißt es in Fußnote 8: „Wir möchten dem Leiter des Standesamts Neukölln, [...], für sein Entgegenkommen besonderen Dank abstatten.“ Und auf der gleichen Seite weiter oben: „Andere Standesämter waren uns jedoch nicht zugänglich.“

42  Vgl. Krose, H.A. [Hrsg.]: Kirchliches Handbuch für das katholische Deutschland. Nebst Mitteilungen der amtlichen Zentralstelle für kirchliche Statistik. Bd. 7 (1917/1918), Freiburg i. Br. 1918, S. 353.

43  Vgl. Evangelisches Zentralarchiv (EZA) 7/3996 (Jan.-Dez. 1914) „Bericht des geschäftsführenden Ausschusses der Berliner Stadtsynode über die Kirchenaustrittsbewegung im Bezirke des Berliner Stadtsynodalverbandes“. Unklar bleibt, weshalb die absoluten Zahlen der je Gemeinde Ausgetretenen in dem Bericht der Stadtsynode für das Jahr 1913 so deutlich von den Werten der amtlichen Statistik abweichen: Dankes 259, Nazareth 501, Kapernaum 506, Oster 322. Nur die Werte der Kapernaumgemeinde stimmen annähernd mit den Angaben des Statistischen Jahrbuches der Stadt Berlin (StatJbB) überein (vgl. Tab 1).

44  Böpple datiert das Dokument fälschlicherweise in das Jahr 1908. Vgl. Böpple (1992), S. 21.

45  Vgl. Gemeindearchiv Kapernaum (GA Kap.), Nr. 141 (Kreissynode, 13.V.1902-25.VII.1948) („Bericht über den weiteren Verlauf der Austrittsbewegung in der Kapernaumgemeinde“).

46  Vgl. GA Kap. Nr. 141 („Bericht über die Austritte aus der Kapernaumkirchengemeinde, sowie über die Rück- und Übertritte im Jahre 1913“).

47  Vgl. Kaiser, Jochen-Christoph: Sozialdemokratie und „praktische“ Religionskritik. Das Beispiel der Kirchenaustrittsbewegung 1878-1914. In: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. 22 (1982), S. 280f.

48  Vgl. Loebell, Georg von: Zur Geschichte der evangelischen Kirchengemeinden Berlins während der Jahre 1875-1908. Berlin 1909, S. 12 und 86. Der Steuersatz lag zunächst bei 3%. Die weitere Entwicklung: 5,5% 1882, 7% 1889, 10% 1890, 13,5% 1899, 15,5% 1905, 20% 1908.

49  Vgl. Kirchliches Gesetz- und Verordnungs-Blatt, Jg. 29 (1905), No. 3, S. 31-39.

50  Vgl. EZA 7/3993 (Jan. 1896-Juli 1909) („Betrifft den Bericht des Polizeipräsidenten von Berlin vom 18. April 1907, betreffend den Austritt aus der evangelischen Landeskirche“).

51 

Entscheidend waren die Bestimmungen des am 18. Juni 1907 nochmals konkretisierten § 23. Die dort festgelegte Regelung ermöglichte es den staatlichen Behörden erstmals, Einsicht in die Gehalts- und Lohnlisten der Arbeitgeber zu nehmen. Zuvor - nach dem Einkommenssteuergesetz von 1891 §§ 23 und 24 - wurden die Einkommen von unter 3.000 Mk. geschätzt. Erst ab 3.000 Mk. bestand die Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung. Da die Kirchensteuer zumeist in einer einzigen jährlichen Rate erhoben wurde, kam es für weite Personenkreise zu deutlichen finanziellen Mehrbelastungen.

Vgl. GS (1891), Nr. 19, S. 185f., GS (1906) Nr. 30, S. 273f. bzw. GS (1907), Nr. 26, S. 139f.

52  Nach 1910 begannen Vertreter des linken Flügels der Sozialdemokratie um die Person Karl Liebknecht mit einer offenen Kampagne gegen die Kirche. Sie betrachteten den Kirchenaustritt als Mittel des „Massenstreiks“ gegen die Kirche, um auf diesem Weg den bestehenden Staat zu schwächen und damit eine Veränderung der Gesellschaftsordnung beschleunigt herbeizuführen. Die Sozialdemokratische Partei selbst nahm hierzu offiziell eine neutrale Haltung ein, seit auf dem Einigungskongreß von Gotha 1875 die Religion zur Privatsache erklärt worden war.
Zur gleichen Zeit machten sich freidenkerische und monistische Kreise für den Kirchenaustritt stark. Von Bedeutung wurde insbesondere das im Jahr 1910/11 unter der Führung des linksliberalen Journalisten Otto Lehmann-Rußbüldt konstituierte „Komitee Konfessionslos“, dessen Ziel es war, „die mit der Kirche Zerfallenen zusammenzuschließen, um ihnen die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu erzwingen.“ Ab 1913 begann eine direkte Zusammenarbeit des Komitees mit der Gruppe um Karl Liebknecht, so daß in diesem Jahr die Agitation einen Höhepunkt erreichte.
Vgl. neben Kaiser (1982), S. 263-298. Ermel, Horst Dieter: Die Kirchenaustrittsbewegung im Deutschen Reich 1906-1914. Studien zum Widerstand gegen die soziale und politische Kontrolle unter dem Staatskirchentum. Köln 1971. Gallenkämper, Bernhard: Die Geschichte des preußischen Kirchenaustrittsrechts und Aspekte seiner heutigen Anwendung. Münster 1981. Sternberg, Johannes-Georg: Kirchenaustritte in Preußen 1847 bis 1933 im Lichte der kirchlichen Publizistik als Anfrage an die evangelische Kirche. Bochum 1992. (Zitat ebd., S. 60).

53  Vgl. Beier, Rosmarie: Leben in der Mietskaserne. Zum Alltag Berliner Unterschichtsfamilien in den Jahren 1900 bis 1920. In: Asmus, Gesine [Hrsg.]: Hinterhof, Keller und Mansarde. Einblicke in Berliner Wohnungselend 1901 bis 1920. Hamburg 1982, S. 253.

54  Vgl. Fischer, Ruth und Heimann, Franz: Deutsche Kindheiten 1932. Wohlfahrt, Krankheit, Hunger, Krise. [Zuerst Berlin 1933 unter dem Titel „Deutsche Kinderfibel“] Nachdr. Düsseldorf 1986, S. 35f. Die Erzählung beruht auf keiner reellen Begebenheit. Im Vorwort ist zur Vorgehensweise vermerkt: „[Es] wurden viele Erfahrungen mit vielen Menschen und die Kenntnis der Lebensumstände vieler Menschen manchmal verdichtet; manche Züge, die einer oder der andere in diesem Buch trägt, stammen vielleicht von zwei verschiedenen Menschen. Immer aber sind wirkliche, lebende Menschen und ihre wirklichen, tatsachenmäßig bekannten Schicksale zum Modell genommen worden.“ Die Autorin selbst war seit Jan. 1921 Mitglied der KPD.

55  Vgl. Fischer/Heimann (1986), S. 42f.

56  Vgl. Schultz (1987), S. 94 und S. 157. Schultz weist anhand der Kirchenbücher des 17. und 18. Jahrhunderts nach, daß die Paten oftmals aus der nächst höheren sozialen Schicht gewählt wurden, um eigene Aufstiegsambitionen zum Ausdruck zu bringen.

57  Vgl. Kaiserliches Statistisches Amt [Hrsg.]: Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907. Berufsstatistik. (Statistik des Deutschen Reichs. Band 202) Berlin 1909, S. 37-240.

58  Vgl. Schüren, Reinhard: Soziale Mobilität. Muster, Veränderungen und Bedingungen im 19. und 20. Jahrhundert. St. Katharinen 1989, S. 313-361.

59  Vgl. Schüren (1989), S. 318. Weitere Informationen zur praktischen Anwendung finden sich ebd., S. 313-325.

60  Vgl. Kaiserliches Statistisches Amt (1909), S. 37*.

61  Vgl. Haupt, Heinz-Gerhard: Kleinhändler und Arbeiter in Bremen zwischen 1890 und 1914. In: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. 22 (1982), S. 95-132.

62  Vgl. Medizinalabteilung des Ministeriums der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten [Hrsg.]: Alphabetisches Register der Krankheiten und Todesursachen mit den Nummern des durch Ministerialerlass vom 22. April 1904 eingeführten Verzeichnisses. Berlin 1905, S. IX.

63  Vgl. Zemann, Reinhard: Mortalität und Todesursachen in der katholischen Kirchengemeinde St. Sebastian zu Berlin-Wedding im Zeitraum von 1861 bis 1889. Berlin 1987, S. 12.

64 

Zur Entwicklung der Leichenschau in Berlin vgl. Stürzbecher, M.: Über die Entwicklung der Leichenschau in Berlin. In: Beiträge zur Gerichtlichen Medizin. Bd. XXVII (1970), S. 256-262.

Die Verordnung von 1835 ist abgedruckt in: Sammlung der Polizei-Verordnungen und polizeilichen Bekanntmachungen für Berlin. Erster Band. Berlin 1910, S. 277.

65  Zum genauen Verwaltungsablauf vgl. Throl (1897), S. 33-41.

66  Die genannten Bestimmungen beschränkten sich jedoch ausschließlich auf den Berliner Polizeibezirk. Für das gesamte Gebiet des preußischen Staates wurde die Leichenschau erst am 18. April 1933 mit der „Polizeiverordnung über das Leichenwesen“ einheitlich geregelt. Vgl. GS (1933), Nr. 31, S. 149-153.

67  Vgl. Zemann (1987), S. 12.

68  Vgl. Heimann, Georg: Die Zuverlässigkeit der amtlichen Erhebungen über die Todesursachen, besonders in Berlin. In: Medizinische Klinik - Wochenschrift für praktische Ärzte. Jg. 2 (1906), S. 20-24.

69  Vgl. Uetrecht, E.: Meyers Orts- und Verkehrs-Lexikon des Deutschen Reichs. 5. neubearb. u. verm. Aufl., Erster und Zweiter Band. Leipzig und Wien 1912/1913.

70 

Vgl. zum Aufbau des Berliner Polizeipräsidiums Feigell, [Willi]: Die Entwicklung des Königlichen Polizei-Präsidiums zu Berlin in der Zeit von 1809 bis 1909. Berlin 1909, S. 10f. und 24ff.

Vgl. zu den Kompetenzen bei der Vergabe von Hausnummern Landesarchiv Berlin (LAB), Pr. Br. Rep. 030-131, Nr. 17787, Bl. 102.

72  Die Umsetzung war in diesem konkreten Fall bis zum 07. Dezember 1912 abgeschlossen. An diesem Tag wurde dem Wahlbüro des Magistrats eine Mitteilung gemacht, die am 15. Dezember im Gemeinde-Blatt der Haupt- und Residenzstadt Berlin veröffentlicht wurde. Vgl. Magistrat [Hrsg.]: Gemeinde-Blatt der Haupt- und Residenzstadt Berlin. Jg. 53 (1912), No. 50, 15. Dez. 1912, S. 546.

73 

Die Meldung einer Nummernänderung durch das Polizeipräsidium an den Magistrat war seit 1885 vorgeschrieben.

Vgl. LAB, A Pr. Br. Rep. 030-131, Nr. 17787, Bl. 137.



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20.07.2007