III Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung (1885-1914) - Eine gegenwartsbezogene Stadtteilanalyse

↓70

III.1  Die städtebauliche Struktur

↓71

„Die Beziehung zwischen der gebauten Umwelt - den Hervorbringungen von Architektur, Stadt- und Wohnungsbau - und dem sozialen Handeln der Individuen und Gruppen kann als so eng angesehen werden, dass in der hier vertretenen Perspektive jede Soziologie implizit auch eine Analyse der Raumstrukturen und baulichen Umweltbedingungen einschließen müßte.“74

Diesen Satz stellte Schäfers an den Anfang seiner Ausführungen zur Architektursoziologie. Die gebaute Umwelt ist eine vom Menschen geschaffene Umwelt. Sie bildet den physischen Rahmen des täglichen Lebens. Die vorhandene Bausubstanz ist sichtbarer Ausdruck vergangener und gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen und spiegelt die sich wandelnden politischen und ökonomischen Regulationen wider. Die vergleichsweise hohe Persistenz macht sie als Grundkategorie jeglicher stadthistorischer Längsschnittanalysen unverzichtbar.

↓72

Im Untersuchungsgebiet markierten die drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg die entscheidende städtebauliche Entwicklungsetappe. In keinem anderen Zeitabschnitt zuvor und danach dehnte sich die bebaute Fläche rascher aus. Elementare physische Grundstrukturen entstanden. Das noch in weiten Teilen sehr ländlich geprägte, an der städtischen Peripherie gelegene Stadtviertel des Jahres 1885 mit seinen nicht einmal 70.000 Einwohnern hatte innerhalb von 30 Jahren sein Aussehen von Grund auf verändert. Die Einwohnerzahl war um mehr als das Dreifache auf über 250.000 Personen gestiegen. Innerhalb des Kranzes der rasch wachsenden Städte und Ortschaften der Umgebung hatte der Wedding den Schritt vom Vorort zum Großstadtbezirk vollzogen.

Die Komplexität der Thematik macht eine Schwerpunktsetzung notwendig. Um die zentralen Prozesse erfassen zu können, werden drei Fragestellungen in den Mittelpunkt gerückt:

  1. In welchem Umfang und unter welchen Rahmenbedingungen vollzog sich zwischen 1885 und 1914 eine Erweiterung der bebauten Fläche im Untersuchungsgebiet?
  2. Welche Verteilungsmuster und Veränderungen der Flächennutzung lassen sich nachweisen?
  3. Wie entwickelte sich abhängig von der Flächenerschließung und -nutzung die Wohnsituation?

III.1.1  Der bauliche Verstädterungsprozeß im Untersuchungsgebiet

III.1.1.1  Entwicklungslinien

↓73

Zwei gegenläufige städtebauliche Prozesse sind im Untersuchungszeitraum zu beobachten. Einerseits wurden in großem Umfang bisher unbebaute und vielfach noch landwirtschaftlich genutzte Flächen in Bauland verwandelt. Die geschlossene Siedlungsfläche Berlins dehnte sich bis weit in das Umland aus und verschmolz an vielen Stellen mit Vororten wie Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf/Neukölln75 oder Reinickendorf. Andererseits betraf die Entwicklung bereits bebaute Flächen. Um eine möglichst effektive Grundstücksnutzung zu erzielen, verschwanden zusehends die älteren zwei- bis dreigeschossigen Gebäude zugunsten einer geschlossenen mehrstöckigen Mietshausbebauung. Mit der Expansion nach außen ging eine Verdichtung nach innen einher.

III.1.1.1.a)  Expansion nach außen

Der Schwerpunkt der Bebauung lag zunächst im Süden und Südosten des Untersuchungsgebietes (vgl. Abb. 17), d.h. in den Bereichen mit der größten Nähe zur Innenstadt. Im gesamten Areal südlich der Ringbahn (A) und innerhalb des Dreiecks Reinickendorfer Straße/Schulstraße/Müllerstraße (B) wies bereits 1885 ein Großteil der Grundstücke einen Gebäudebesatz auf. Nach Norden und Westen hin nahm der Freiflächenanteil dagegen rasch zu. Ein deutliches Gefälle in Richtung des Stadtrandes ist erkennbar. Die Bebauung beschränkte sich hier auf einzelne Straßenzüge oder isoliert stehende Gebäude. Lediglich die Müllerstraße (C) durchzog als - wenn auch sehr aufgelockertes - Siedlungsband das gesamte Untersuchungsgebiet bis an die nördliche Stadtgrenze.

Abb. 17: Flächenerschließung 1885-1914.

↓74

Dieses Bild änderte sich erst nach 1900, als drei große und annähernd geschlossene Neubauviertel im Westen und Norden hinzukamen. Das erste Viertel umfaßte das Gelände zwischen der Triftstraße und dem Spandauer Schiffahrtskanal (1). Nördlich davon schloß der Bereich zu beiden Seiten der Seestraße an (2), während sich der dritte Komplex entlang der Utrechter Straße (3) erstreckte.

Aus der Perspektive des Jahres 1915 offenbarte das Gebiet große Gegensätze. Die geschlossenen Neubaugebiete an der Seestraße und südlich der Triftstraße waren durch unbebautes Gelände voneinander getrennt. An der nördlichen Müllerstraße wiesen erst wenige Straßenzüge Ansätze einer Bebauung auf. Dem stand das gesamte Areal südlich der Seestraße und östlich der Müllerstraße gegenüber, in dem bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges alle größeren Baulücken geschlossen waren.

Faßt man die Entwicklung in absoluten Zahlen zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

↓75

Tab. 7: Zahl der bewohnten Grundstücke im Untersuchungsgebiet. Veränderung nach Fünfjahreszeiträumen.

Grundstücke gesamt

Veränderung

(abs.)

Veränderung

(in %)

1885

690

1890

840

+150

+21,7

1895

951

+111

+13,2

1900

1012

+61

+6,4

1905

1245

+233

+23,0

1910

1651

+406

+32,6

1915

1807

+156

+9,4


Quelle: Eigene Erhebung nach dem Straßenverzeichnis des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Die größte Dynamik entfaltete sich in den Jahren zwischen 1905 und 1909. Allein in diesem Zeitraum wurden über 400 Grundstücke neu erschlossen, was einer Zunahme um mehr als 32% gegenüber dem Stand von 1905 entspricht. Auch die Jahre 1885-1889 und 1900-1904 erreichten Wachstumsraten von über 20%. Dem steht der Zeitabschnitt von 1895 bis 1899 gegenüber, in dem sowohl absolut als auch relativ die geringste Bautätigkeit zu verzeichnen war. Auffällig ist auch der deutliche Rückgang der Werte zwischen 1910 und 1914. Die Zuwachsrate von 9,4% darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß in diesen fünf Jahren noch 156 Grundstücke neu bebaut wurden. Keiner der Fünfjahreszeiträume vor 1900 hatte diese absolute Zahl erreicht.

Das Kataster der städtischen Feuersozietät bietet eine Vergleichsmöglichkeit zu den Werten des Adreßbuches und erlaubt eine Einordnung in den Gesamt-Berliner Zusammenhang. Die Zahlen der pro Versicherungsjahr aufgenommenen Neubauten auf bisher unbebauten Grundstücken beschreiben einen ausgeprägter Kurvenverlauf:76

↓76

Abb. 18: Anzahl der in die Feuerversicherung aufgenommenen Neubauten auf bisher unbebauten Grundstücken in Gesamt-Berlin und dem Versicherungsbezirk XIII (Wedding und Gesundbrunnen) 1885-1914 (abs.).

Quelle: Eigene Darstellung nach StatJbB, versch. Jg.

Die Darstellung vermittelt das Bild einer Baukonjunktur mit zwei aufeinanderfolgenden Auf- und Abschwungphasen. Den Jahren 1888-1891 bzw. 1905-1907 mit ihren Maximalwerten von über 500 neuversicherten Grundstücken standen Zeitabschnitte gegenüber (1885/86, 1898-1901, 1909-1914), in denen mit weniger als 300 Neubauten nur etwas mehr als die Hälfte davon erreicht wurde.77

Den Zahlen für Gesamt-Berlin ist die Entwicklung im Versicherungsrevier XIII (Wedding und Gesundbrunnen) gegenübergestellt. Im großen und ganzen decken sich die beiden Verlaufskurven, auch wenn sich die Deutlichkeit der Ausprägungen unterscheidet. So führte die erste Hochphase um das Jahr 1890 im Bereich des Wedding und Gesundbrunnen nur zu einer vergleichsweise geringen Zunahme der neuversicherten Grundstücke. Dagegen traten die Jahre 1905-1908 sehr markant in Erscheinung. 1909 stellte das Revier XIII mit 32% nahezu jedes dritte neuversicherte Grundstück innerhalb Berlins. Eine signifikante Abweichung zu den Werten des Adreßbuches ist nicht erkennbar.

↓77

Abb. 19: Gesamt-Berlin. Flächenerschließung nach Versicherungsrevieren.

Anm.: I = Berlin, Kölln, usw., II = Friedrichstadt, III = Friedrich- und Schöneberger Vorstadt, IV = Friedrich- und Tempelhofer Vorstadt, V = Luisenstadt jenseits des Kanals, VI = Luisenstadt diesseits des Kanals, VII = Stralauer Viertel, VIII = Königsviertel, IX = Spandauer Viertel, X = Rosenthaler Vorstadt, XI = Oranienburger Vorstadt, XII = Friedrich-Wilhelm-Stadt, Moabit, XIII = Wedding und Gesundbrunnen.
Die innerstädtischen Versicherungsreviere I, II, VI und IX blieben aufgrund ihrer geringen Werte in der Darstellung unberücksichtigt. In diesen Gebieten war die Bebauung bereits so weit vorangeschritten, daß kaum noch neue Flächen erschlossen wurden.

Ein Vergleich mit den übrigen Versicherungsrevieren macht eine Tendenz zwischen dem Norden und Osten auf der einen bzw. dem Süden und Westen auf der anderen Seite sichtbar (vgl. Abb. 19). Während in den Revieren III, IV, V, XI und XII die höchsten Zuwächse in die Zeit vor 1894 fielen, erreichten die Werte in den Revieren VII, VIII, X und XIII erst zwischen 1900 und 1910 ihr Maximum. Die beiden Hochphasen der Baukonjunktur wurden von jeweils unterschiedlichen Gebieten der Stadt getragen.

Zum Problem wird die fehlende Kongruenz von Stadt- und Siedlungsgrenze. Längst reduzierte sich das administrative Stadtgebiet von Berlin auf den Kernbereich eines ganzen Agglomerationsraumes. Die Erschließungstätigkeit konzentrierte sich nicht mehr allein auf das bis dato unbebaute Gelände am administrativen Stadtrand. Eine Übersichtskarte der Jahre 1896-1908 (Abb. 20) zeigt die Schwerpunkte der Entwicklung. Die größten zusammenhängenden Neubauviertel lagen in Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg, d.h. außerhalb des Berliner Stadtgebietes und damit auch außerhalb der Berliner Statistik. Diese Tatsache relativiert den Stellenwert des Weddings im Prozeß der Stadterweiterung. Verglichen mit dem gesamten Südwesten erscheinen die Flächenerweiterungen des Weddings als geradezu marginal und für die Gesamt-Berliner Entwicklung ohne ausschlaggebende Bedeutung. Die Abbildung zeigt die Notwendigkeit, den Blick über die Stadtgrenze hinaus zu richten. Erst die Berücksichtigung der Vororte ermöglicht eine realistische Einordnung in den städtebaulichen Gesamtzusammenhang. Berlin ist dabei sicherlich ein extremes Beispiel. Andere Großstädte des Deutschen Reiches wie bspw. Hamburg wiesen noch längere Zeit eine größere Deckungsgleichheit zwischen der administrativen Stadtfläche und der Ausdehnung der zusammenhängenden „städtischen“ Überbauung auf.78 Erst die Schaffung von Groß-Berlin im Jahr 1920 brachte eine Beseitigung der bestehenden Diskrepanz.

↓78

Abb. 20: Baualterskarte der geschlossenen Mietshausbebauung in Berlin und Umgebung 1896-1908. (Rot = Neubauten)

Quelle: Geist/Kürvers (1984), S. 368f.

III.1.1.1.b) Verdichtung nach innen

Der Verdichtungsprozeß nach innen läßt sich anhand eines Kartenausschnittes der Müllerstraße exemplarisch verdeutlichen. Das dargestellte Areal grenzt im Süden an die Gleisanlagen der Ringbahn. Im Liebenow-Plan von 1888 ist eine geschlossene Bebauung nur für die Straßenecke Müllerstraße-Lindower Straße erkennbar. Auf der gegenüberliegenden westlichen Seite der Müllerstraße beschränken sich die Eintragungen dagegen auf ein freistehendes Gebäude (Nr. 166) und vier nebeneinander gelegene, aber baulich nicht miteinander verbundene Objekte (Nr. 160-163). Soweit eine Bebauung vorhanden war, umfaßte sie lediglich den vorderen Teil der Grundstücke. Vollständig umbaute Hofflächen fehlten. Weiträumige landwirtschaftliche Nutzflächen erstreckten sich hinter den Gebäuden und reichten in Teilbereichen bis an die Müllerstraße heran.79 Auch Fuhrherren, Holz- und Brennmaterialienhändler nutzten die noch vorhandenen Freiflächen für ihre Geschäfte.

Abb. 21: Müllerstraße - Ausschnitt aus dem Liebenow-Plan 1888.

Quelle: LAB, Kart. Acc. 388 (Bl. 2).

↓79

Nur 13 Jahre später hatte sich die Situation grundlegend gewandelt. Die geschlossene Blockrandbebauung hatte sich im gesamten Gebiet durchgesetzt. Freiflächen waren mit Ausnahme der Müllerstraße 15/16 und 161 vollständig verschwunden. Die alte Bausubstanz war entweder völlig umgestaltet oder durch einen Neubau ersetzt. Quer- und Seitengebäude in der Tiefe eines Grundstückes stellten nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel dar.

Abb. 22: Müllerstraße - Ausschnitt aus dem Straube-Plan 1901.

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M (1901).

Der Berliner Wohnungsreformer und Nationalökonom Eberstadt setze sich intensiv mit dem Phänomen der Verdichtung auseinander. In seinem „Handbuch des Wohnungswesens“ beschrieb er seine Eindrücke auf dem Weg in eine deutsche Großstadt:

↓80

„Wenn wir uns einer deutschen Großstadt von außen her nähern, so drängt sich uns zuerst eine besondere Erscheinung auf: zu äußerst, rings von freiem Felde umgeben, stehen mächtige Wohngebäude, die Massenmiethäuser oder Mietkasernen. An der Stelle, wo die städtische Hausplatzrente in die ländliche Ackerbaurente übergeht, finden wir nicht, wie wir es erwarten sollten, den Flachbau, sondern hier herrscht die gedrängteste Bauweise. Folgen wir nun einer der breiten Vorortstraßen [...] in der Richtung nach der Stadt hinein. Hierbei fällt uns zunächst die Regellosigkeit der Bebauung auf. Zwischen den einzelnen riesigen Häusern klaffen breite Lücken unbebauter Baustellen. Auch das umliegende Land, selbst in geringem Abstand von unserer Straße, ist nur wenig bebaut und kaum durch Seitenstraßen aufgeschlossen.

↓81

Bei der Fortsetzung unseres Weges, in größerer Stadtnähe, wird die Erscheinung noch auffallender. Die Bebauung scheint sprungweise vor sich zu gehen. Zahlreiche einzelne Baustellen, ganze Komplexe baureifen Landes liegen unbebaut neben den gedrängten Massen der Mietskaserne; an Bauland fehlt es nicht. Inzwischen rückt das Straßennetz immer dichter zusammen. Wir nähern uns den Bauten aus den siebziger Jahren. Indes je weiter wir nach dem Innern vorschreiten, je dichter die Gesamtbebauung wird, um so mehr nimmt, auf das einzelne Grundstück gerechnet, die Höhe und Dichtigkeit der Bebauung ab. In den Außenbezirken bei reichlicher Fülle des Baulandes ist die Zusammendrängung auf dem einzelnen Grundstück am stärksten.“80

Da Eberstadt die geschilderten Verhältnisse mit Zahlen aus Berlin belegt, dürfte ihm die Stadt Berlin vor Augen gewesen sein. So kommt er weiter unten auch direkt auf die Berliner Vororte zu sprechen:

↓82

„In einzelnen Berliner Vororten war noch im Jahr 1892 vielfach oder sogar vorzugsweise der Flachbau anzutreffen. Die gedrängte Bauweise ist hier erst seit dem Ende der achtziger Jahre im Gefolge der Mietskaserne eingedrungen und erschien zunächst sporadisch inmitten der niedrigen Bauformen.“81

Bei der Erklärung dieses Vorgangs kam er zu folgendem Ergebnis:

↓83

„Die Bodenspekulation im ganzen und die einzelnen Bodenspekulanten müssen, wenn sie die Bodenpreise haben wollen, das Mittel anwenden, die gedrängte Bauweise an der äußersten Grenze der Stadterweiterung beginnen zu lassen, um hierdurch auf das stadteinwärts gelegene Gelände zu wirken. Um die Bebauung einzuleiten und heranzuziehen, werden deshalb mitunter einzelne Baustellen billiger abgegeben; ein Verfahren, daß sich stets reichlich lohnt. Als typisches Beispiel sei erwähnt, daß die Besitzer eines großen Geländekomplexes an der Berliner Peripherie im Jahr 1904 ein Grundstück am äußersten Ende der noch unbebauten Flächen zu dem Ausnahmepreise von 650 M. für die Quadratrute[ 82 ] verkauften, damit mit der Bebauung an äußerster Stelle begonnen werde. Die Berechnung erwies sich als richtig; das stadteinwärts gelegene Gelände wurde alsbald in rascher Folge auf 900, 1100 und 1300 M. und darüber gesteigert.“83

Nach den Ausführungen von Eberstadt vollzog sich die Verdichtung nicht vom Zentrum ausgehend in Richtung der Peripherie, sondern rückwirkend vom Stadtrand in Richtung der Innenstadt.

Eine empirische Überprüfung dieser Annahme steht vor dem Problem, daß Eberstadt für den von ihm verwendeten Begriff der „gedrängten Bauweise“ keine Indikatoren definierte, sondern allein mit der steigenden Behausungsziffer, d.h. der Zahl der Bewohner je Grundstück, argumentierte. Diese ist in der amtlichen Statistik nur für die Ebene der Stadtviertel ausgewiesen und somit für detailliertere Betrachtungen ungeeignet.

↓84

Nur in einem einzigen Fall konnte in den Akten eine Auflistung der Bewohnerzahlen nach Grundstücken nachgewiesen werden. Dabei handelte es sich um einen Zufallsfund in den Beständen des Konsistoriums der Provinz Brandenburg.84 Vor der Ausgründung der Kapernaumgemeinde aus Nazareth im Jahr 1903 ließ die Kirchenleitung von den örtlichen Polizeirevieren einen Auszug aus den Melderegistern erstellen, der zu jedem Grundstück in der noch ungeteilten Nazarethgemeinde die Zahl der evangelischen Haushaltsvorstände und die Gesamtzahl der ansässigen Protestanten vermerkte (vgl. Abb. 23). Die Aufstellung bildete die Grundlage für die Abgrenzung des späteren Gemeindegebietes von Kapernaum.

Den Verwendungsmöglichkeiten sind jedoch enge Grenzen gesetzt. Eine Überprüfung der Beobachtung von Eberstadt ist kaum möglich. Nicht allein das Fehlen des katholischen Bevölkerungsanteils schränkt den Aussagegehalt ein. Schwerer wiegt der Zeitpunkt der Erstellung. Im Jahr 1901 hatte die Bautätigkeit in den Neubauvierteln gerade erst begonnen. Der Stand der Bebauung läßt eine Gegenüberstellung der Alt- und Neubaugebiete nicht zu. Die fünf Grundstücke mit der höchsten Behausungsziffer lagen allesamt in den Straßenzügen der Altbauviertel. Eine Sonderstellung nahm das mit (6) bezeichnete Grundstück Müllerstraße 56/57 ein. Die hohe Zahl der Bewohner des dort seit 1888 beheimateten Paul-Gerhardt-Stiftes ist auf die Funktion als Diakonissenmutterhaus und Krankenhaus zurückzuführen. Daher resultiert auch die geringe Zahl der Haushaltsvorstände.

Tab. 8: Nazarethgemeinde. Die sechs Grundstücke mit der höchsten absoluten Anzahl evangelischer Bewohner inkl. des Paul-Gerhardt-Stiftes im Februar 1901.

HHV

Bew.

1)

Müllerstraße 156a

86

341

2)

Reinickendorfer Straße 23c

54

267

3)

Liebenwalder Straße 5

63

259

4)

Adolfstraße 12b

62

257

5)

Reinickendorfer Straße 53

61

254

6)

Müllerstraße 56/57

4

233


Anm.: HHV = Evang. Haushaltsvorstände, Bew. = Anzahl der evang. Bewohner insg.

Quelle: LABB, 14/3700, Bd. 1.

↓85

Für spätere Zeitpunkte bietet allein das Berliner Adreßbuch die Möglichkeit, durch eine Auszählung der Haushalte je Grundstück auf die Belegungsdichte zu schließen. Dieses Verfahren ist allerdings mit erheblichen Ungenauigkeiten behaftet. Zum einen erlaubt die Zahl der Haushalte nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf die Bewohnerschaft,85 zum anderen setzt die Gesamtqualität der Adreßbuchangaben engste Grenzen.86

Abb. 24 zeigt - bei aller gebotenen Vorsicht - das Ergebnis für das Jahr 1915. Nach dem Straßenteil des Berliner Adreßbuches läßt sich in Übereinstimmung zu Eberstadt die höchste Haushaltsdichte in den Neubauvierteln um die Seestraße und südlich der Triftstraße nachweisen, wohingegen in den bereits 1885 bebauten Gebieten die Werte deutlich niedriger lagen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine zeitlich getrennte von außen nach innen gerichtete Entwicklung handelte, muß jedoch bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist ein parallel ablaufender Prozeß. Fakt ist: Auch ohne die großen Neubaugebiete war bereits eine nachweisbare Verdichtung eingetreten. So stieg die durchschnittlich Behausungsziffer des Weddings zwischen 1885 und 1900 von 56,3 auf 84,1.87 Es wäre daher falsch, die Erklärung für die Verdichtung nach innen allein auf die Expansion nach außen zurückzuführen. Beide Prozesse sind letztendlich Ausdruck der gleichen Ursachen - des starken Bevölkerungswachstums gepaart mit einem zunehmend spekulativeren Boden- und Immobilienmarkt. Daß die Haushaltsdichte in den bereits 1885 bebauten Gebieten niedrigere Werte aufwies, ist in erster Linie der Tatsache geschuldet, daß die alte lockere Vorstadtbebauung nicht sofort verschwand, sondern sukzessiv ersetzt wurde.

Abb. 23: Anzahl der evangelischen Bewohner je Grundstück - Nazarethgemeinde ungeteilt, Februar 1901.

↓86

Abb. 24: Haushaltsdichte 1915 (nach Straßenzug, nur bewohnte Grundstücke berücksichtigt).

III.1.1.2 Einflußfaktoren

Die städtebauliche Entwicklung Berlins vor dem Ersten Weltkrieg ist ohne den im Jahr 1862 genehmigten „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ nicht zu erklären.88 Der sog. Hobrecht-Plan, der seit 1858 im Königlichen Polizeipräsidium unter Federführung des Baumeisters James Hobrecht89 entstanden war, teilte die Umgebung von Berlin und Charlottenburg in 14 Planungseinheiten. Ziel war es, bei der sich abzeichnenden raschen Expansion der Stadt einem städtebaulichen Wildwuchs von vornherein entgegenzutreten und die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Für alle noch unbebauten Flächen in der gesamten Umgebung Berlins wurde im Vorgriff auf die erwartete Entwicklung ein verbindliches Fluchtlinienraster projektiert, das alle für den Verkehr notwendigen Straßen umfassen sollte. Ein Netz von zumeist rechtwinkligen Baublöcken zwischen sternförmigen Ausfallstraßen entstand. Eine große Ringstraße sollte die Städte Berlin und Charlottenburg nach dem Vorbild der Pariser Boulevards umfassen. Zahlreiche als Grünanlagen gestaltete Plätze waren als Mittelpunkte der neuen Stadtquartiere vorgesehen.90 Die Vorgaben des Planes behielten bis 1919 ihre rechtliche Gültigkeit.

Auch wenn die ursprünglich festgelegten Fluchtlinien bei der vielfach erst Jahrzehnte später anstehenden Bebauung noch mehrfach abgeändert wurden,91 hatte der Plan weitreichende Konsequenzen. Das als Straßenland vorgesehene Gelände mußte unbebaut bleiben und bei Bedarf kostenlos an die Kommune abgetreten werden.92 Der „Hobrecht-Plan“ verwandelte - wenn auch ungewollt - die gesamte Umgebung Berlins unabhängig vom tatsächlichen Stand der Bebauung in Bauerwartungsland. Der Startschuß für eine ausgedehnte Bodenspekulation war gegeben.93

↓87

Für den Wedding gaben die Festlegungen der Bebauungsplanabteilungen X1und X2 die Entwicklungsrichtung des Straßenrasters vor.94 Als markantestes Element erscheint die Seestraße als Teilstück der geplanten großen Ringstraße. Sie mündete an der östlichen Begrenzungslinie des Untersuchungsgebietes in einen sternförmigen Platz, den sog. Platz H - den heutigen Louise-Schroeder-Platz.95 Vergleicht man den im hinteren Einband dargestellten Fluchtlinienverlauf von 1916 mit den Vorgaben von 1862 (Abb. 25) wird die Bedeutung des „Hobrecht-Planes“ für die städtebauliche Entwicklung am deutlichsten. Lediglich im Bereich nördlich der Seestraße sind größere Modifikationen erkennbar.

Abb. 25: Wedding und Gesundbrunnen. Ausschnitt „Neuester Bebauungs-Plan von Berlin mit nächster Umgebung und Angabe des Weichbilds u. Polizei-Bezirksgrenzen“ 1863.

Quelle: LAB, Kart. A 1002.

Neben dem Bebauungsplan von 1862 hatte das preußische „Gesetz betreffend die Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften“ - das sog. Fluchtliniengesetz vom 02. Juli 1875 - die größten Auswirkungen auf den Verlauf der städtebaulichen Entwicklung. Das Gesetz (§ 12) ermöglichte den Erlaß eines Ortsstatutes, durch welches das Bauen an einer nicht vollständig regulierten Straße verboten werden konnte.96 Die entsprechende Verfügung trat für den Gemeindebezirk Berlin am 08. Oktober 1875 in Kraft.97 Jeder, der fortan ein Baugebiet neu erschließen wollte, mußte nach § 1 des Statutes im voraus dafür Sorge tragen, daß die anliegende Straße befestigt und entwässert war. Die Kosten hierfür hatten allein die jeweiligen Grundbesitzer zu tragen.

↓88

„Das [Gesetz] wurde von weitreichender Bedeutung für den Produktionsprozeß der Stadterweiterung. Die Aufschließung des Geländes für ein mit Mietskasernen bebautes Häuserviertel erforderte einen großen Kapitalaufwand. Der Grundbesitzer [...] sah sich also gezwungen, den Anschluß an das Kapital zu suchen. Das Parzellierungsgeschäft wurde mehr und mehr Gegenstand der Großunternehmung und wählte sich in den letzten Jahrzehnten als günstigste Unternehmungsform die Aktiengesellschaft.“98

- so das Fazit der zeitgenössischen Beobachterin Carthaus.

↓89

Die Überlagerung von Spekulationsanreiz und zunehmendem Kapitalaufwand führte in den meisten Fällen zu einem ähnlichen Ablauf der Flächenerschließung und -bebauung. Carthaus bietet die treffendste Beschreibung der Vorgänge. Sie unterscheidet vier aufeinanderfolgende Entwicklungsetappen:99

  1. Ankauf des Geländes und Herrichtung zur Bebauung durch eine Terraingesellschaft.
  2. Verkauf des baureifen Grundstücks an einen Bauunternehmer.
  3. Kreditbeschaffung zur Errichtung des eigentlichen Gebäudes, da der Bauunternehmer in der Regel über keine eigenen Finanzmittel verfügte.
  4. Verkauf des fertigen Gebäudes an einen gewerbsmäßigen Mietshausbesitzer.

Die verschiedenen ineinandergreifenden „Produktionsschritte“ bildeten abhängig vom jeweiligen Einzelfall eine mehr oder weniger geschlossene Verwertungskette des Bodens, die wiederum entscheidenden Anteil am Verlauf der Baukonjunktur und damit an der Erschließungstätigkeit im Untersuchungsgebiet hatte. Drei Faktoren bestimmten demnach maßgeblich den Prozeß der Stadterweiterung: die Verfügbarkeit von Kapital in Form von zinsgünstigen Hypotheken, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und die Lage des zu bebauenden Areals im Stadtgebiet.100

↓90

1) Da die Beteiligten Bauunternehmer kaum eigenes Kapital zum Einsatz brachten, entstand eine starke Abhängigkeit von der Lage auf dem Geld- und Hypothe kenmarkt. Das Zinsniveau für die Pfandbriefe der deutschen Hypothekenbanken läßt daher direkte Rückschlüsse auf die Erschließungstätigkeit zu. Ein günstiges Zinsniveau war gleichbedeutend mit günstigem Baugeld.

Tab. 9: Durchschnittliche Verzinsung der am Jahresende im Umlauf befindlichen Pfandbriefe.

Jahr

Verzinsung

Jahr

Verzinsung

1885

4,10

1900

3,69

1886

3,94

1901

3,71

1887

3,91

1902

3,72

1888

3,88

1903

3,70

1889

3,52

1904

3,73

1890

3,81

1905

3,66

1891

3,83

1906

3,86

1892

3,85

1907

3,76

1893

3,85

1908

3,78

1894

3,83

1909

3,99

1895

3,74

1910

3,80

1896

3,69

1911

3,83

1897

3,66

1912

4,75

1898

3,66

1913

3,99

1899

3,67

1914

3,85


Quelle: Reich, Emmy: Der Wohnungsmarkt in Berlin von 1840-1910. (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen. Heft 164) München, Leipzig 1912, S. 146 u. Carthaus (1917), S. 221f.

In den beiden Hochphasen der Baukonjunktur (vgl. Abb. 18, S. 53) bewegten sich die Zinssätze der Pfandbriefe auf einem minimalen Niveau. Die Verzinsung wies 1889 und 1905 ihre niedrigsten Werte auf, d.h. jeweils ein Jahr bevor die Zahl der Neubauten auf bis dato unbebauten Grundstücken ihr Maximum erreichte. Diese Verzögerung läßt sich u.a. dadurch erklären, daß die Errichtung eines Gebäudes mehrere Monate in Anspruch nahm, so daß ein Großteil der 1890 und 1906 fertiggestellten Bauvorhaben im Jahr zuvor bei minimalen Zinssätzen begonnen wurde.

↓91

Das Zinsniveau bildete eine wichtige Voraussetzung für die Intensität der Bautätigkeit, ohne eine hinreichende Erklärung für die starken Schwankungen liefern zu können. So lahmte zwischen 1895 und 1900 die Baukonjunktur, obwohl ausreichend günstiges Kapital vorhanden gewesen wäre.

2) Neben dem finanziellen Kontext ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt zu berücksichtigen. Folgt man der Argumentation von Zimmermann, war der Wohnungsmarkt zwischen 1870 und 1914 in seiner Gesamtheit angebotsorientiert. Die Nachfrage nach Wohnraum blieb demgegenüber von untergeordneter Bedeutung:

↓92

„Die Bautätigkeit orientierte sich nicht am Wohnungsbedarf, sondern primär an der überlokal dimensionierten Struktur des Hypotheken- und Geldmarktes. Dadurch kam es immer wieder zu Phasen wachsender lokaler Wohnungsnot, ohne daß der Markt mit der nötigen Flexibilität auf die steigende Nachfrage reagierte. Wir haben es mit einem gegenüber Nachfrageschwankungen ausgesprochen unelastischen Wirtschaftssektor zu tun.“101

Angebot- und Nachfrage lassen sich in Grundzügen anhand von drei Indikatoren darstellen: dem Wohnungsleerstand, der Bevölkerungszunahme und dem insgesamt vorhandenen Wohnungsbestand.102 Hierbei kann es sich freilich nur um eine grobe Einordnung handeln. Die Indikatoren stellen lediglich Durchschnittswerte dar, die keine qualitativen Aussagen zur Art und Ausstattung des Wohnraumes oder der Dauer eines Leerstandes zulassen.

Nach Abb. 26 lagen in den meisten Jahren des Untersuchungszeitraumes in Gesamt-Berlin die Zuwachsraten des Wohnungsbestandes konstant höher als die der Gesamtbevölkerung. Dies gilt im besonderen für die Jahre 1890-1896 bzw. 1902-1914. Lediglich zwischen 1886 und 1888 sowie 1897 und 1901 kam es zu einer Überschneidung der beiden Kurven. Analog entwickelte sich die Leerstandsquote. Je größer und permanenter sich die Differenz zwischen Wohnungsangebot und Bevölkerungszuwachs gestaltete, desto höher stieg das Leerstandsniveau. Dies würde erklären, weshalb die niedrigen Zinssätze zwischen 1895 und 1900 zu keinem Anstieg der Neubauzahlen führten. Auf dem Berliner Wohnungsmarkt herrschte zu diesem Zeitpunkt ein erhebliches Überangebot.

↓93

Abb. 26: Gesamt-Berlin. Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsbestand und Leerstandsquote 1885-1914 (in %).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Erst schrittweise konnte der Wohnungsüberhang abgebaut werden, ehe 1901 der

Kulminationspunkt erreicht war. Bei einem Leerstand von unter 1% bestand nun sogar ein akuter Wohnungsmangel.103 Erst jetzt konnten die günstigen Kredite zu einer Belebung der Bautätigkeit führen. Der einsetzende Bauboom orientierte sich jedoch nicht am tatsächlichen Bedarf. Rasch stiegen die Leerstandsquoten wieder an. Da nun auch noch eine Verteuerung des Kapitals hinzukam, entstand eine tiefgreifende Krise, die im Jahr 1912 ihren Höhepunkt erreichte.104

↓94

Abb. 27 stellt die gleichen Indikatoren für den Standesamtsbezirk „Wedding und Gesundbrunnen“ dar. Bei der Interpretation der Abbildung ist zu berücksichtigen, daß eine jährliche Ermittlung der Einwohnerzahlen auf der Ebene der Standesamtsbezirke erst seit 1895 vorgenommen wurde. Für die Zeit davor stehen lediglich die Zahlen der fünfjährlichen Bevölkerungszählungen zur Verfügung. Dies führt in den ersten zehn Jahren zu einem treppenartigen Verlauf der Bevölkerungskurve. Um die Darstellung übersichtlich zu halten, mußte zudem eine Werteskala von -4% bis +20% statt -4% bis +10% zugrunde gelegt werden. Die Schwankungen der Kurvenverläufe waren wesentlich deutlicher ausgeprägt.

Abb. 27: Wedding und Gesundbrunnen. Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsbestand und Leerstandsquote 1885-1914 (in %).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Besonders auffällig ist die Entwicklung nach 1895 als die Bautätigkeit im Gegensatz zu den Berliner Durchschnittswerten nicht nur deutlich absank, sondern fast schlagartig gegen Null tendierte. Die Ursache muß in der ungleich höheren Leerstandsrate gesucht werden. Der 1895 vorhandene Leerstand von knapp 15% (Gesamt-Berlin 6,2%) konnte auf diese Weise zwar rasch abgebaut werden, kehrte sich allerdings wie im übrigen Stadtgebiet auch ab 1900 in eine Wohnungsknappheit um. Bemerkenswert ist die nun einsetzende und bereits beschriebene Intensität der Bebauung. Da die Zahl der neugeschaffenen Wohnungen erneut weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus stieg, betrug die Leerstandsrate bereits im Jahr 1909 wieder über 10%. Im Gegensatz zum gesamten Stadtgebiet nahm der Wohnungsüberhang jedoch bis zum Krieg wieder ab und näherte sich dem städtischen Durchschnitt an.105

↓95

Die Gegenüberstellung der drei Indikatoren relativiert die Ausführungen von Zimmermann. Sicherlich ist das sprunghafte Ansteigen der Leerstandsquoten Anfang der 1890er Jahre und vor 1910 auf eine einseitige Angebotsorientierung zurückzuführen. Andererseits mußte der stärkste Baumboom zum erliegen kommen, wenn die Nachfrage nach dem geschaffenen Wohnraum ausblieb. Ferner zeugt der rasche Anstieg des Wohnungsbestandes nach 1901 von einer durchaus vorhandenen Flexibilität des Bausektors, der innerhalb kürzester Zeit auf den eingetretenen Wohnungsmangel reagieren konnte. In jedem Fall muß dem Verhältnis von Angebot- und Nachfrage ein entscheidender Anteil am zeitlichen Verlauf der Stadterweiterung im Untersuchungsgebiet beigemessen werden.

3) War das Zinsniveau günstig und bestand eine ausreichende Nachfrage nach Wohnraum, bestimmte schließlich die Lage eines Grundstückes den räumlichen Schwerpunkt der Bautätigkeit.

↓96

„Ist die Beschaffenheit des Baugrundes für die Wertschätzung einer Baustelle auch ein sehr wichtiger Faktor, so tritt er in Berlin doch zurück gegen den Einfluß, den die Lage, d.h. die Gegend, in der sich das Grundstück befindet, auf den Wert ausübt, und zwar um so mehr, je größer die Stadt ist. In besseren Gegenden derselben und in beliebteren Ortschaften der Umgebung werden höhere Mietserträge erzielt, und in demselben Maße, in welchem der Mietsertrag steigt, treibt die Spekulation den Preis der Baustellen in der betreffenden Gegend in die Höhe.“106

In der Realität entsprechen die Grundstückstaxierungen am ehesten den Lagewerten. Nach Hirsch setzte sich eine Grundstückstaxe aus drei Faktoren zusammen: dem Bodenwert, dem Gebäudewert und dem Ertragswert. Aus diesen drei Faktoren wurde der „gemeine Wert, d.h. de[r] objektive Verkaufswert“ ermittelt.107

Nach einer Taxierungskarte von 1906 (vgl. Abb. 28) - unmittelbar vor der maximalen Neubautätigkeit im Untersuchungsgebiet - rangierte der größte Teil des Berliner Nordens in den untersten Wertklassen. Höhere Einstufungen erreichten lediglich einige Gebäude südlich des Weddingplatzes, d.h. in dem Bereich mit der größten Nähe zur Innenstadt. Sie sind der 14. Taxierungsklasse (höchste = 1; niedrigste = 36) zugeordnet. Dies war jedoch die Ausnahme. Die mit Abstand größten Anteile stellten die Klassen 23 bis 28. Beiderseits der nördlichen Müllerstraße dominierten die niedrigsten Kategorien 33-36.

↓97

Der Aussagegehalt der Karte läßt sich in drei Punkten zusammenfassen:

Es bleibt die Frage, weshalb der Wedding erst so spät in den Blickpunkt des Interesses rückte. Eine exemplarische Auseinandersetzung mit der Praxis der Flächenerschließung ist notwendig. Zu den Unternehmen, die die städtebauliche Entwicklung des Untersuchungsgebietes maßgeblich gestalteten, zählte die Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord (BABN). Der überlieferte Aktenbestand ermöglicht eine Rekonstruktion der geschäftlichen Tätigkeiten und gewährt Einblicke in die bauliche Entwicklung am nördlichen Stadtrand. Zugleich liefert die BABN ein anschauliches Beispiel für die gängigen - und viel kritisierten - Geschäftspraktiken einer Terraingesellschaft.

↓98

Abb. 28: Karte zur Berechnung des Grund und Bodenwertes in Berlin 1906. Ausschnitt.

Quelle: Verändert nach Müller, Gustav: Karte zur Berechnung des Grund- und Bodenwertes in Berlin, Charlottenburg, Westend, Weißensee, Wilhelmsberg. Jg. 10 (1906).

III.1.1.3 Die Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord (BABN) - Ein Fallbeispiel

Die Gründung der BABN datiert auf den 19. April 1905. An diesem Tag wurde das Unternehmen durch notariellen Vertrag als Aktiengesellschaft von unbegrenzter Dauer errichtet. Der Eintrag in das Handelsregister des Königlichen Amtsgerichts I zu Berlin folgte zwei Monate später am 16. Juni 1905. Gegenstand des Unternehmens war „der Erwerb, die Verwaltung und die Verwertung von Grundstücken, insbesondere im Norden von Berlin und in dessen nördlichen Vororten.“108 Mit einem Stammkapital von 10.000.000 Mk. zählte das Unternehmen zu den größten Terraingesellschaften Berlins.109 Der Aktienhandel an der Berliner Börse begann am 20. Januar 1906.110 Das Amt des Vorstandsvorsitzenden übernahm der Kaufmann und spätere Stadtverordnete Paul Busch.

Der Grundbesitz bestand zunächst aus vier voneinander getrennten Arealen. Drei davon lagen im Untersuchungsgebiet, eines in Reinickendorf (vgl. Abb. 29). Komplex I (Müllerstraße/Triftstraße) umfaßte 3.381 Quadrat-Ruten (Qu.-R.), Komplex II (Müllerstraße 102-112) 14.179 Qu.-R., Komplex III (Müllerstraße 74-76) 7.009,5 Qu.-R. sowie Komplex IV (Holländerstraße, Reinickendorf) 15.279 Qu.-R.

↓99

Über die Motive und Perspektiven der Gesellschaftsgründung gibt der erste Geschäftsbericht Auskunft:

„Das leitende Motiv für dieselbe [die Gründung der Gesellschaft] war die Tatsache, dass die Berliner Weichbildgrenze im Westen, Süden und Osten durch die Errichtung von Mietshäusern erreicht ist und die in Betracht kommenden Stadtviertel Raum für eine nutzbringende Verwertung grösserer Geländeflächen zu Bebauungszwecken nicht mehr bieten.

↓100

Dass sich die Bautätigkeit neuerdings dem Norden Berlins zugewandt hat, ist unseres Erachtens nur eine selbstverständliche Folge der Verhältnisse in den anderen Gebietsteilen Berlins. Der Norden Berlins bietet seinen Bewohnern gegenüber den Vororten: die schnellsten und billigsten Verkehrswege nach den geschäftlichen Zentren der Stadt, die besten und erstklassigen Bildungsanstalten, Krankenhäuser etc., sowie verhältnismässig niedrige Steuern, und gegenüber den anderen bereits ausgebauten Stadtvierteln Berlins: moderne und doch billige Mietswohnungen. Dass der Norden Berlins und seine weit vorgelagerte Peripherie die zu allerletzt von der Bautätigkeit berührten Teile Berlins darstellen, wird den Vorteil haben, dass die Neubauten selbst im Style der Berliner Mietkaserne alle jene hygienischen und feuerpolizeilichen Vorzüge aufweisen werden, welche die alten Häuser in den sonstigen Stadtbezirken zum grössten Teil nur allzusehr vermissen lassen.

Abb. 29: Grundbesitz der BABN um 1906.

Quelle: Verändert nach LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1. Übersichtsplan.

↓101

Abgesehen von diesen allgemeineren, die Bautätigkeit im Norden Berlins begünstigenden Gesichtspunkten sind gerade in letzter Zeit mehrere besondere Faktoren in Erscheinung getreten, welche dem Norden Berlins eine gute Aussicht für die Zukunft eröffnen. Schon seit einer Reihe von Jahren ist der grosse Bau des städtischen Virchow-Krankenhauses im Gange, welcher im Laufe dieses Jahres wahrscheinlich beendigt werden wird, sodass man mit der Eröffnung des Krankenhauses für den 1.Januar 1907 mit einiger Sicherheit wird rechnen können. Hand in Hand mit diesem Bau und teilweise veranlasst durch denselben geht die Absicht der Stadt Berlin, den Stadtteil Moabit mit einem Kostenaufwande von Mark 3 000 000.- durch eine grosse Brücke über den dortigen Güterbahnhof im Zuge der Putlitzstrasse und der Föhrerstrasse mit dem nördlichen Teile der Müllerstrasse und dem neuen Krankenhause zu verbinden. Ausserdem wird auf dem Platz D in unmittelbarer Nähe der Müllerstrasse seitens der städtischen Behörden der Bau eines grossen Prachtgebäudes geplant, in welchem die technische Mittelschule, die XIV. Realschule und eine neue Gemeindedoppelschule installiert werden sollen. Man darf aus diesen grossen neuen städtischen Bauten im Norden Berlins mit Recht den Schluss ziehen, dass auch der Berliner Magistrat der kommenden Entwicklung der Bautätigkeit im Norden Berlins seine Aufmerksamkeit zugewandt hat und schon jetzt durch Errichtung entsprechender Bildungsanstalten der zukünftigen Bevölkerungszunahme des Müllerstrassendistriktes Rechnung tragen will. Einen weiteren Aufschwung darf das nördliche Berlin, insbesondere die Müllerstrassenzone, von dem Ausbau der Grossschiffahrtsstrasse Berlin-Stettin erwarten, da diese Unternehmung den Bau grösserer Fabriken in den nördlichen Distrikten Berlins und seiner Vororte anregt und damit eine noch grössere Betätigung des industriellen Lebens in denselben wie bisher in Aussicht nehmen lässt. Des weiteren wird der nördliche Teil der Müllerstrasse in seiner baulichen Entwicklung dadurch wesentlich gefördert werden, dass die Nord-Süd Unterpflasterbahn von den städtischen Behörden bereits beschlossen ist und sobald wie möglich ausgebaut werden wird. Hierzu kommt, dass die Abdeckerei, welche die Entwickelung des nördlichen Teils der Müllerstrasse bisher verhindert hat, in naher Zeit aus Berlin entfernt und dass Hand in Hand damit die Anlage des Schillerparkes östlich der Müllerstrasse in Angriff genommen werden wird.“111

Die Ausführungen des Geschäftsberichtes sind äußerst bemerkenswert. Sie bestätigen die Aussagen der Taxierungskarte von 1906. Erst als in den meisten anderen Stadtgebieten eine gewisse Sättigung erreicht war, rückte der Norden in den Blickpunkt der Investoren. Das noch vorhandene große Freiflächenangebot liefert unter Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt eine Erklärung für den besonderen Verlauf der Baukonjunktur im Untersuchungsgebiet. Interessant ist der Verweis auf die Abdeckerei, der eine entscheidende entwicklungshemmende Funktion beigemessen wird. Die Ausführungen zeigen, wie sehr in der Praxis die individuellen Faktoren vor Ort das Handeln beeinflußten. Infrastrukturelle Maßnahmen, wie der Bau des Rudolf Virchow-Krankenhauses, die Errichtung einer leistungsfähigen Brückenverbindung nach Moabit oder die geplante Nord-Süd-Bahn beflügelten die Phantasie der Beteiligten. Bernhardt geht sogar davon aus, daß erst der Beschluß der Stadtverordnetenversammlung zum Bau der Nord-Süd-Bahn zur Gründung der BABN geführt hatte.112

↓102

Die Geschäfte der BABN verliefen für den Außenstehenden zunächst überaus erfolgreich. Zwischen 1907 und 1910 konnte an die Aktionäre eine Dividende von zunächst 5% und ab 1908 von 6% ausgeschüttet werden. Ähnlich positiv zeigte sich der Verlauf des Aktienkurses. Der Erstkurs vom 20. Januar 1906 lag bei 123%. Bis 1910 pendelte er sich zwischen 120% und etwas über 125% ein.113

Danach erfaßte die allgemeine Immobilienkrise das Unternehmen mit voller Härte. Die eigenen Geschäftspraktiken wurden der BABN zum Verhängnis. Eine rasante Talfahrt begann. Der Börsenkurs betrug am Jahresende 1911 nur noch 96% des Ausgabewertes. Im darauffolgenden Jahr sank er auf 55,5%, ehe mit 39,0% 1914 ein vorläufiger Tiefstand erreicht war. Ab 1911 wurden die Dividendenzahlungen eingestellt. Der Vorstandsvorsitzende Paul Busch, der seit der Gründung die Geschicke der Gesellschaft maßgeblich bestimmt hatte, gab am 30. September 1913 seinen Posten auf.

Aus der Perspektive des Jahres 1917 stellten sich die Ursachen und der Verlauf des Niedergangs wie folgt dar:

↓103

„Die Boden-Akt.-Ges. Berlin-Nord betrieb seit ihrer Gründung eine gewinnreiche Verkaufstätigkeit. Selbst in dem ungünstigsten Jahre 1907 wurde ein großer Teil des Terrains an der Müllerstraße [Komplex I, Abb. 29]‚ zu lohnenden Preisen‘ verkauft. Die ungünstigen Geldmarktverhältnisse bildeten kein Hindernis, da die Gesellschaft von den Käufern kaum bares Geld verlangte, sie im Gegenteil mit Baugeldern unterstützte. Dadurch brachte sie die Käufer in die Lage, die Bauten trotz ungünstiger Geldverhältnisse zu beginnen‘.[ 114 ] Die Folge dieser Verkaufstätigkeit war zunächst eine Überspannung der Finanzen. Die Dividendenauszahlung für 1909 und 1910 von je 6% wurde nur ermöglicht durch Erhöhung der Bankschulden auf 3 ½ Mill. M.; denn fast alle disponiblen Mittel waren in Baudarlehen und Aktivhypotheken festgelegt.

↓104

Für 1911 mußte die Gesellschaft nicht nur ihre Dividendenzahlung einstellen, sie sah sich auch gezwungen, einen großen Teil ihrer Reserven zu Abschreibungen zu verwenden. Die Hypothekenforderungen von 7,9 Mio. M. [...] wurden um 1,1 Mill. M. minderbewertet. [...]

Die günstigen Prognosen der Verwaltung für das Jahr 1912 wurde durch die tatsächlichen Vorgänge nicht gerechtfertigt. Eine immer größere Zahl der von der Gesellschaft ehemals verkauften und beliehenen Parzellen kam zur Zwangsversteigerung. Der Reservefonds wurde aufgelöst und als Vorsorge für weitere Verluste eine Delkrederereserve von 2 Mill. M. gebildet. Die für 1912 verbliebene Unterbilanz von 900 000 M. erhöhte sich aber durch weitere große Verluste an Hypothekenforderungen und Debitoren auf über 2,5 Mill. M. [...]

↓105

Im folgenden Jahre entstanden abermals große Verluste. Die Unterbilanz erhöhte sich auf 3,34 Mill. M., und der Rest des Reservefonds von über 1,72 Mill. M. wurde auf Aktivhypotheken und Debitoren abgeschrieben. Eine Sanierung, die wohl erst nach Friedensschluß erfolgen dürfte, wird den Aktionären große Opfer auferlegen, da bereits jetzt die Unterbilanz ein Drittel des Aktienkapitals und die Bankschulden mehr als drei Fünftel desselben ausmachen.“115

Indem der Verkauf der Gesellschaftsgrundstücke über eigene Kredite und zu fiktiven Preisen abgewickelt wurde, standen die hohen Gewinne letztendlich nur auf dem Papier. Daß die Ausschüttung einer Dividende nur über Bankschulden finanziert werden konnte, um offensichtlich den Börsenkurs künstlich in der Höhe zu halten, spricht gegen die Seriosität der Unternehmung und wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf die Verantwortlichen. Am 04. Dezember 1918 wurde der Handel der BABN-Wertpapiere an der Berliner Börse eingestellt.

III.1.2 Die Flächennutzung im Wandel von 30 Jahren

↓106

Die Bodennutzung unterlag in den Jahren des Kaiserreiches keinen kommunalen oder staatlichen Planungsvorgaben. Flächennutzungspläne im modernen Sinne existierten nicht.116 Das preußische Oberverwaltungsgericht hatte es 1882 den Städten sogar explizit untersagt, Bauordnungen mit einer Einteilung von Stadtvierteln nach Typen und Bebauungsformen zu erlassen.117 Vorhandene Planwerke, wie der Hobrecht-Plan, beschränkten sich auf die Festlegung von Fluchtlinien. Welchem Verwendungszweck die Grundstücke im einzelnen zugeführt wurden, blieb den Eigentümern überlassen. Solange diese die jeweils gültigen Bauvorschriften und Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung (RGO) (§§ 16-40)118 einhielten, besaßen sie freie Hand.

III.1.2.1  Die Situation in den Jahren 1885, 1900 und 1915

Die Analyse der Flächennutzung folgt einem Zeitintervall von 15 Jahren: 1885, 1900 und 1915 (Abb. 30-32). Die verwendeten Kategorien orientieren sich an den Angaben aus dem Straßen- und Gewerbeteil des Berliner Adreßbuches. Im Grundsatz werden fünf Nutzungsarten unterschieden:

  1. Wohnen
  2. Gewerbe
  3. Öffentliche Einrichtungen
  4. Grünflächen
  5. Verkehrs- und Lagerflächen

↓107

Abb. 30: Flächennutzung 1885.

Abb. 31: Flächennutzung 1900.

Abb. 32: Flächennutzung 1915.

↓108

Da zahlreiche Grundstücke mehr als eine Nutzung aufwiesen, mußten zwei Mischkategorien (Mischtyp I: Wohnen/Gewerbe, II: Wohnen/Öffentliche Einrichtungen) gebildet werden, die in den Karten in abgeschwächter Farbgebung dargestellt sind.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Eingrenzung und Operationalisierung des Begriffs „Gewerbe“.

↓109

„Unter Gewerbe ist jede objektiv erlaubte, mit Fortsetzungsabsichten zum Erwerb betriebene Tätigkeit zu verstehen. Nicht zum Gewerbe gehört die gesamte Land- und Forstwirtschaft, einschließlich Jagd, Fischerei, Gartenbau, Weinbau und Viehzucht [...]. Nicht zum Gewerbe gehört ferner die wissenschaftliche, schriftstellerische, künstlerische, sowie die seelsorgerische, ärztliche, advokatorische und unterrichtende Tätigkeit, ebenso der gesamte öffentliche Dienst. [...] Zum Gewerbe gehört nicht die Hauswirtschaft, der Hausbesitz und der Gesindedienst [...].“119

Zum Gewerbe wären demnach alle dauerhaft angelegten und auf Gewinn abzielenden Tätigkeiten zu rechnen, mit Ausnahme der Landwirtschaft, den freien Berufen, der Hauswirtschaft und dem öffentlichen Dienst. Würde man auf dieser Basis die Flächennutzung untersuchen, gäbe es kaum ein gewerbefreies Grundstück. Das eigentliche Ziel, die Grundstücke mit einer prägenden bzw. dominanten Gewerbenutzung zu identifizieren, bliebe unerfüllt.

Um eine eindeutige Abgrenzung vornehmen zu können, mußte das Auswahlverfahren konkretisiert werden. Zwei Kriterien erwiesen sich bei der empirischen Umsetzung als besonders geeignet - wenn auch nicht ohne Schwächen:

↓110

Unter „Gewerbe“ wurden alle Grundstücke mit Betrieben erfaßt,

Die Konzentration der Wohnbebauung im südöstlichen Teil des Untersuchungsgebietes bestimmte maßgeblich die Nutzungsverteilung des Jahres 1885 (vgl. Abb. 30). In den Bereichen beiderseits der Ringbahn lagen die größten Gewerbeflächen. Neben dem T-förmigen Betriebsgelände von Schering (I) erstreckten sich entlang der Sellerstraße die Flächen der III. Städtischen Gasanstalt (II). Beide Unternehmungen hatten bereits lange vor 1885 ihren Standort im Wedding bezogen. Die Städtische Gasanstalt existierte seit 1859.121 Nur wenige Jahre später - 1864 - hatte der Apotheker Ernst Schering seine Produktion aus der Chausseestraße 21 in die Müllerstraße 170 verlagert.122

↓111

Westlich der Tegeler Straße treten die Produktionsflächen der bereits in Liquidation befindlichen Norddeutschen Fabrik für Eisenbahnbetriebsmaterial (III) in Erscheinung. Das 1869 gegründete Unternehmen,123 das in seinen besten Zeiten knapp 1.200 Personen Beschäftigung bot, verfügte über einen separaten Gleisanschluß und ein eigenes Hafenbecken am Spandauer Schiffahrtskanal.124 Schließlich bleibt auf das Areal der Norddeutschen Brauerei (IV) am südlichen Ufer der Panke zu verweisen.

Die öffentlichen Einrichtungen beschränkten sich auf den schulischen und kirchlichen Sektor. Neben dem Städtischen Progymnasium in der Pankstraße (1) existierten im Untersuchungsgebiet sechs Gemeindeschulen. Die beiden vorhandenen Kirchengrundstücke lagen am Leopold- (Nazareth-Kirche) (2) und Weddingplatz (Dankes-Kirche) (3). Am nördlichen Stadtrand an der unmittelbaren Grenze zu Reinickendorf standen die Gebäude der Abdeckerei (4).

In der Rubrik Verkehrsflächen ist auf die mit „a“ und „b“ bezeichneten Grundstücke zu verweisen. „a“ markiert das Areal des Kohlenbahnhofs in der Fennstraße; „b“ den Bahnhof der „Großen Berliner Pferde-Eisenbahn AG“125 in der Ofener Straße. Bei den übrigen gelb eingefärbten Flächen handelte es sich um Lagerplätze für Brenn- und Baumaterialien. Die vergleichsweise hohe Nutzungsvariabilität dieser Grundstücke ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß in den meisten Fällen die Lagerung von Materialien nur eine Zwischennutzung vor der endgültigen Bebauung darstellte. Das Auftreten neuer Lagerplätze ist somit auch ein Indikator für das Voranschreiten der baulichen Verstädterung.

↓112

Hinter den ausgewiesenen Grünflächen verbargen sich zu Beginn des Untersuchungszeitraumes ausschließlich Friedhofsflächen als typische Stadtranderscheinung. Allein in der Liesenstraße lagen seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vier Kirchhöfe - der alte Domfriedhof (1844) (A), der Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde (1835) (B), der Friedhof der katholischen Gemeinde St. Hedwig (1834) (C) und auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Friedhof der Dorotheenstädtischen Gemeinde (1842) (D). Nördlich davon schloß der Städtische Friedhof in der Gerichtstraße (1828) (E) an, auf dessen Gelände sich seit 1912 das älteste Krematorium Berlins befindet. Die übrigen Ruhestätten reihten sich entlang der Müllerstraße in Richtung Tegel. Am weitesten stadteinwärts lag der 1866 angelegte Friedhof der Garnisongemeinde (F). An der Kreuzung Seestraße folgten der Friedhof der Philippus-Apostelgemeinde (1859) (G) und der 1850 angelegte Bestattungsplatz der Charité (H). Letzterer ging 1906 in städtischen Besitz über und wird seit 1920 als Urnenfriedhof genutzt. Den Abschluß nach Norden bildete schließlich der Neue Domfriedhof (J) an der Liverpooler Straße, auf dem im Jahr 1870 die ersten Bestattungen vorgenommen wurden.126

Verglichen mit dem Ausgangspunkt des Jahres 1885 vermittelt die Situation 15 Jahre später ein wesentlich komplexeres Bild (vgl. Abb. 31). Bis 1900 war nicht allein die Wohnbebauung weiter vorangeschritten. In der östlichen Seestraße hatte sich 1896/97 auf dem Areal zwischen Seestraße, Oudenarder Straße, Hennigsdorfer Straße und Liebenwalder Straße mit der S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft (ab dem Geschäftsjahr 1900: Bergmann-Elektricitäts-Werke AG) (V) eines der rasant wachsenden Unternehmen der Berliner Elektroindustrie niedergelassen.127 Neben dieser großflächigen Investition fallen die zahlreichen neu entstandenen kleineren Gewerbeflächen ins Auge - häufig in Form einer Wohn-Gewerbe-Mischnutzung, die sich v.a. beiderseits der Ringbahn und entlang der Müllerstraße konzentrierten.

Die wichtigsten Neuerungen im Bereich der öffentlichen Einrichtungen betrafen die Flächen 5 und 6. Hier entstanden mit dem 1889 eröffneten Paul-Gerhardt-Stift (5) und dem zwei Jahre später 1891 fertiggestellten Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus (6)128 die ersten Krankenhäuser des Untersuchungsgebietes. In der Reinickendorfer Straße 2 d-e folgte 1892 die Eröffnung der kommunalen Markthalle XIV (7). Wiederum nur ein Jahr später 1893 wurde der einzige Kirchenneubau zwischen 1885 und 1900 - die Neue Nazareth-Kirche (8) - seiner Bestimmung übergeben. Die Zahl der Gemeindeschulen erhöhte sich von 6 auf 13.

↓113

Schließlich bleibt auf zwei Einrichtungen zu verweisen, deren Standorte sich bereits außerhalb des Untersuchungsgebietes befanden. In der Wiesenstraße (9) weihte am 13. Dezember 1896 der Berliner Asylverein für Obdachlose ein Männerasyl ein.129 Hinter dem städtischen Obdach in der Fröbelstraße (Prenzlauer Berg) war dies die zweitgrößte Einrichtung ihrer Art in Berlin. Sie bot zunächst für 700 Personen Platz. Mit der Erweiterung 1907 kamen 200 Betten hinzu. Zugleich entstand auf dem Areal ein separates Frauenasyl mit nochmals 400 Betten.

Eine vollkommen andere Funktion besaß die Institution, die unter der Nummer 10 in der Karte dargestellt ist. Auf dem Grundstück an der Seestraße befanden sich seit 1896/97 die Gebäude des mit der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule verbundenen Instituts für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation.130 Bereits 1891 war auf dem gleichen Areal durch den Verein „Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB)“ eine Versuchsbrauerei entstanden - die sog. Hochschulbrauerei. Beide Einrichtungen wurden zum Ausgangspunkt eines ganzen Wissenschaftsviertels.

Zu keinen Veränderung kam es dagegen im Bereich der Verkehrs- und Grünflächen.

↓114

Die Flächennutzungskarte des Jahres 1915 spiegelt schließlich den enormen Bauboom nach der Jahrhundertwende wider. Auffällig ist, daß sich die Zahl der Gewerbeflächen kaum erhöhte. Die Neubauviertel erscheinen in der Karte als reine Wohngebiete. Großflächige Gewerbeneuansiedlungen fehlen völlig. Lediglich die seit 1908 auf dem Gelände der Maxstraße 2-5 errichteten Produktionsstätten der Brotfabrik Wittler (VI) verdienen eine Erwähnung.131

Kaum zu überblicken ist im Vergleich dazu der Zuwachs an öffentlichen Einrichtungen. An erster Stellte steht die große Fläche des 1906 eröffneten städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhauses (11) im Westen des Untersuchungsgebietes, das seinerzeit zu den größten und modernsten medizinischen Einrichtungen Europas zählte. Auf dem Nachbargrundstück am Nordufer und eng mit dem Krankenhaus verbunden, lagen seit 1900 die Gebäude des Robert-Koch-Instituts für Infektionskrankheiten (12).

Das Bildungsangebot erfuhr durch den Neubau des Schulkomplexes am Zeppelinplatz (13) zwischen 1907 und 1909 eine qualitative Aufwertung. Neben der 14. Realschule zog die Technische Mittelschule (seit 1913 „Beuth-Schule“) ein, aus der die 1971 gegründete Technische Fachhochschule Berlin hervorgegangen ist.132 Die Zahl der Gemeindeschulen stieg von 13 auf 29.

↓115

Auch die Kirche erlebte einen regelrechten Bauboom. Allein in den 15 Jahren vor dem Kriegsausbruch verzeichnete das Gebiet drei neue Gotteshäuser. Den Anfang machte die evangelische Seite mit der Fertigstellung der Kapernaum-Kirche (1902) (14) an der Seestraße. Es folgte 1910 die katholische St. Joseph-Kirche (15) in der Müllerstraße, ehe 1911 mit der Osterkirche (16) in der Samoastraße ein weiterer evangelischer Kirchenneubau entstand.

In der Gerichtstraße öffnete 1908 das Stadtbad Wedding seine Pforten (17). Im gleichen Jahr stellte in der nördlichen Müllerstraße die Abdeckerei (4) ihren Betrieb ein. Mit dem Umzug nach Rüdnitz bei Bernau begann die Anlage des Schillerparks (K). Zwischen 1909 und 1913 entstand die erste Grünfläche des Untersuchungsgebietes, die ausschließlich Regenerations- und Gestaltungszwecken diente.

An der westlichen Seestraße - außerhalb der Stadtgrenze - waren schließlich zwei weitere Forschungseinrichtungen hinzugekommen: das Institut für Zuckerindustrie (1904) (18) und die Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung (1907) (19). In Analogie zu dem bereits ansässigen Institut für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation handelte es sich auch hier um Gründungen von Industrieverbänden. In beiden Fällen bestand eine enge Verflechtung mit der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule.133

III.1.2.2 Nutzungsarten

III.1.2.2.a)  Gewerbliche Nutzung

↓116

Die kartographische Darstellung offenbart eine ausgeprägte räumliche Differenzierung der Gewerbenutzung. Der starken Konzentration entlang der Ringbahn und in den südlich angrenzenden Gebieten, stehen die annähernd gewerbefreien Neubaugebiete gegenüber. Die zu große Entfernung von einem effektiven Verkehrsträger kann dabei nur bedingt als Argument geltend gemacht werden. Die Betriebsstätten der Bergmann Elektricitäts-Werke AG in der Seestraße belegen, daß für bestimmte Branchen auch ohne Gleis- und Wasserstraßenanschluß ein erfolgreicher Geschäftsbetrieb möglich war.

Die entscheidenden gesetzlichen Bestimmungen zur Ansiedlung von Gewerbebetrieben finden sich in dem bereits zitierten Paragraph 16 RGO. Die in diesem und den dazugehörigen Ergänzungsgesetzen aufgelisteten Betriebsstätten unterlagen einer besondere Genehmigungspflicht durch die Baupolizeibehörden. Die Berliner Baupolizeiordnungen vom 15. Januar 1887 und 15. August 1897134 orientierten sich an diesen Richtlinien. In den Paragraphen 38 finden sich lediglich - unter direkter Berufung auf § 16 RGO - einige Konkretisierungen samt einer Liste mit zusätzlichen genehmigungspflichtigen Betriebsstätten, die jedoch im Grundsatz kaum etwas änderten. Die Gewerbegesetzgebung scheidet als Erklärungsansatz aus.

Viel wichtiger erscheint die Rolle der spekulativen Terraingesellschaften bei der Erschließung der Neubaugebiete. Zwar sorgten diese in der Theorie lediglich für die infrastrukturelle Erschließung eines Bauplatzes, in der Praxis ging die Einflußnahme jedoch weit darüber hinaus. In den meisten Fällen reichten bereits die Terraingesellschaften die kompletten Bebauungspläne bei den zuständigen Behörden des Polizeipräsidiums ein. Bis zum Verkauf der Grundstücke an einen Bauunternehmer lagen in der Regel schon die Baugenehmigungen vor, so daß die Errichtung eines Gebäudes ohne Verzögerungen beginnen konnte.135 Dieser besondere Service der Terraingesellschaften führte zu einer sehr homogenen Gebäudestruktur. Gewerbegrundstücke waren in diesem System der Standardisierung nur noch in Ausnahmefällen vorgesehen, zumal die Rendite deutlich hinter einer Wohnnutzung zurückblieben.

↓117

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: die in den Berliner Baupolizeiordnungen festgelegten Richtlinien zur Überbauung eines Grundstückes:

-

Die Bauordnung (BauO) von 1853 beinhaltete zunächst keinerlei Vorgaben zur bebaubaren Grundstücksfläche. Sie beschränkte sich vielmehr auf Verfügungen, die zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung als unbedingt notwendig erachtet wurden. So orientierte sich die vorgeschriebene Mindestgröße des Hofraumes von 17 Fuß [5,34 m]136 Länge und Breite (§ 27) allein an den feuerpolizeilichen Bedürfnissen. Die festgelegten Abmessungen sollten lediglich das Wenden einer Feuerlöschpumpe ermöglichen und das Öffnen eines Sprungtuches zulassen.

↓118

-

Die BauO von 1887 ging bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Zum ersten Mal wurde in § 2 eine Obergrenze für den Anteil der überbaubaren Fläche festgelegt:

↓119

„Bisher nicht bebaute Grundstücke dürfen auf zwei Drittel, bei Veröffentlichung der Bau-Polizei-Ordnung bereits bebaute Grundstücke bis auf drei Viertel ihrer Grundfläche bebaut bzw. wieder bebaut werden.“137

Die Mindesthoffläche wurde auf 60 qm heraufgesetzt, lediglich bei Eckgrundstücken waren 40 qm zulässig. Die Gebäudetiefe wurde auf 18 m begrenzt. Für eine maximale Ausnutzung der Fläche war es unbedeutend, ob die zu bebauende Parzelle eine Tiefe von 20 m oder 100 m aufwies.138

Dies änderte sich im Jahr 1897. Die Trennung zwischen bereits bebauten und unbebauten Grundstücken entfiel. Die neue Regelung teilte ein Parzelle nunmehr in parallele Streifen zur Straßenfront. Je tiefer ein Grundstück war, desto niedriger lag der maximal zulässige Überbauungsgrad:

↓120

„§ 2 [...] 1. Für die Berechnung des bebaubaren Theiles seiner Gesammtfläche wird das Grundstück durch Linien, welche zur Baufluchtlinie parallel laufen, in Streifen zerlegt. Der erste Streifen erstreckt sich - von der Baufluchtlinie ab gemessen - bis zur Tiefe von 6 m, der zweite bis zur Tiefe von 32 m. Der erste Streifen darf als voll (10/10), der zweite als zu 7/10 bebaubar in Rechnung gestellt werden. Ist das Grundstück tiefer als 32 m, so wird der hinter dem zweiten Streifen liegende Rest, wenn das Grundstück innerhalb der früheren Stadtmauer liegt, mit 6/10, wenn es außerhalb derselben liegt, mit 5/10 seiner Fläche als bebaubar in Rechnung gestellt. Die so als bebaubar ermittelten Flächeninhalte der einzelnen Streifen werden zusammengerechnet und ergeben die bebaubare Fläche des Grundstückes, welche unabhängig von der Streifentheilung vertheilt werden kann. [...]“139

Monke stellte in seiner Untersuchung zur Mietshausentwicklung in Moabit folgende Rechnung auf. Sie verdeutlicht die Konsequenzen:

↓121

„Sehr häufig hat ein Berliner Baugrundstück eine Breite von ca. 18 m und eine Tiefe von ca. 45 m. Diese 810 qm Grundfläche waren bisher mit etwa 540 qm bebaubar gewesen. Nach der neuen Regelung wurde das Grundstück in Streifen, parallel zur Straßenfront, geteilt, und die aus ihnen sich ergebende Bebaubarkeit addiert. Das bedeutet:

↓122

18 x 6 x 10/10 = 108,0 qm

18 x 26 x 7/10 = 327,6 qm

↓123

18 x 13 x 5/10 = 117,0 qm

↓124

= 552,6 qm, etwas mehr als 2/3

der Grundstücksfläche, sind bebaubar. Diese mögliche höhere Ausnutzung wird bei kleineren Grundstücken tatsächlich noch deutlicher. Bei einem Grundstück von 16 m Breite und 32 m Tiefe ergeben sich bei 512 qm Grundfläche 341 qm Bebauungsfläche nach der alten Bauordnung, und nach den neuen Bestimmungen:

↓125

16 x 6 x 10/10 = 96,0 qm

↓126

16 x 26 x 7/10 = 291,2 qm

= 387,2 qm, also 75%.

↓127

Der Wunsch nach weniger tiefen Grundstücken mußte also selbstverständlich größer werden.“140

Tatsächlich läßt sich eine Verkleinerung der Grundstücke anhand des vorhandenen Kartenmaterials beobachten, auch wenn es zu keiner schlagartigen Umstellung der Parzellierungsgewohnheiten kommen konnte. Da das Straßenraster durch den Bebauungsplan von 1862 vorgegeben war und Modifikationen in jedem Fall mit einem erheblichen Verwaltungs- und Zeitaufwand verbunden waren,141 führten die Bestimmungen von 1897 erst mittelfristig zu sichtbaren Veränderungen. Die auf den älteren Grundstücken noch häufig anzutreffenden industriellen Betriebsstätten auf dem Hinterhof mußten bei einem engeren Flächenzuschnitt einer reinen Wohnnutzung weichen. Selbst die erhöhten Straßenbaukosten konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Ascher beschrieb die Situation aus Sicht des Terrainunternehmers:

↓128

„Die Geländeunternehmung hat, was vielfach verkannt wird, kein Interesse an tiefen Baustellen, es sei denn, daß Fabrikanlagen für das Hinterland in Frage kommen. Ein zweites und drittes Quergebäude ist stets - für sich betrachtet - unwirtschaftlich; seine Baukosten stehen denen des Vorderhauses nicht sehr nach, die Mieten bleiben jedoch ganz beträchtlich hinter jenen zurück; die vergrößerten Straßenbaukosten bei der Anlage flacher Baublöcke werden durch diese Tatsache völlig ausgeglichen. Außerdem hat die Praxis gelehrt, daß sich kleine flache Baustellen rascher verkaufen als tiefe, da die Häuser auf letzterem infolge der Höhe der aufgewendeten Bausumme sehr unbeliebt und schwer verkäuflich sind, die Finanzierung der Bauten auch schwer durchführbar ist. Aus diesen Gründen legen vielfach Unternehmer aus eigenem Antriebe durch tiefe Blöcke Straßen hindurch, um sich flache Baustellen zu sichern.“142

Tiefe Grundstücke waren vergleichsweise unrentabel geworden und nur noch schwer zu verkaufen. Nach Möglichkeit erhielten flache Grundstücke ohne Fabrikanlagen den Vorzug, wie auch der Geschäftsbericht der BABN aus dem Jahr 1905 verdeutlicht:

↓129

„Wir sind bei der Aufschliessung unserer Terrains zu beiden Seiten des nördlichen Teils der Müllerstrasse, insbesondere desjenigen an der westlichen Seite in Grösse von rund 14 179 Qu.-R. Bruttoland von der Absicht ausgegangen, in diesem Teile der Müllerstrassenzone Baustellen zu schaffen, wie sie bisher in der fraglichen Gegend nicht vorhanden gewesen sind. Anstelle des städtischen Bebauungsplanes, welcher sehr gross angelegte Baublöcke mit tiefen Baustellen vorsah, haben wir deshalb einen völlig neuen Bebauungsplan eingereicht, bei dem wir zwar 654 Quadratruten mehr für Strassenland opfern müssen, dadurch aber Baustellen erhalten, welche sich sämtlich nur zwischen 24 bis 30 Meter in der Tiefe bewegen, wodurch der Bau von Hinterhäusern in der fraglichen Gegend beinahe vollständig vermieden wird.“143

III.1.2.2.b) Flächen der öffentlichen Hand

Ist es das Ziel, dem Einfluß öffentlich genutzter Flächen auf die städtebauliche Entwicklung nachzugehen, bieten sich drei Fallbeispiele für eine nähere Betrachtung an: das Rudolf Virchow-Krankenhaus am Augustenburger Platz, die Abdeckerei in der Müllerstraße 81 und die evangelische Kapernaum-Kirche in der Seestraße.

↓130

Als am 08. Juni 1893 die Berliner Stadtverordnetenversammlung der Errichtung eines vierten städtischen Krankenhauses (seit 1901 Rudolf Virchow-Kranken haus) auf dem Gelände zwischen der Seestraße und dem Spandauer Schiffahrtskanal zustimmte, war die Umgebung noch annähernd unbebaut.144 Der geplante Neubau setzte in jeder Hinsicht Maßstäbe. Mit 700 Angestellten für 2.000 Patienten war es das größte Krankenhaus seiner Art in Berlin. Die moderne Ausstattung und hohe Spezialisierung der verschiedenen medizinischen Abteilungen markierte einen Meilenstein in der Geschichte der stationären Krankenpflege. Das von Baustadtrat Ludwig Hoffmann entworfene Pavillonsystem ging als „Gartenstadt für Kranke“ in die Geschichtsbücher ein und trug nicht zuletzt dazu bei, das althergebrachte Bild des Krankenhauses als Ort von Wundinfektion und Tod zu revidieren.145

Ein so umfangreiches Bauprojekt konnte nicht ohne Rückwirkungen auf den privaten Wohnungsmarkt bleiben. Mit der Errichtung des neuen Krankenhauses nahm die öffentliche Hand, d.h. in diesem Fall die Stadt Berlin, indirekten Einfluß auf die räumliche Schwerpunktsetzung des Wohnungsbaus - obwohl es nicht gelang, den Krankenhausneubau in der ursprünglich angedachten Zeitspanne von etwa fünf Jahren zu realisieren, da sich die Vorarbeiten als unerwartet zeitraubend erwiesen. Dennoch ging es schrittweise voran. 1899 konnte mit den eigentlichen Baumaßnahmen begonnen werden. Am 01. Oktober 1906 nahm das Krankenhaus schließlich die ersten Patienten auf.

Nicht ohne Grund nennt die BABN in ihrem ersten Geschäftsbericht das Rudolf Virchow-Krankenhaus an erster Stelle der besonderen Faktoren, die zu positiven Zukunftsaussichten des Berliner Nordens als Investitionsstandort Anlaß gaben.146 Die große Zahl der im Krankenhaus und in den umgebenden Forschungseinrichtungen Beschäftigten ließ eine vergleichsweise zahlungskräftige und konjunkturunabhängige Mieterklientel erwarten.

↓131

Es bleibt die Frage, inwieweit sich die Verantwortlichen bei der Standortwahl der städtebaulichen Konsequenzen bewußt waren. Der Grundstücksfindungsprozeß ist in einer vom Magistrat an die Stadtverordneten gerichteten Vorlage „betreffend die Errichtung eines vierten städtischen Krankenhauses hierselbst“ vom 02. Juni 1893 erläutert:

„Wir haben [...] bereits im Februar d. Js. eine Kommission zur Ermittelung eines Grundstücks eingesetzt, welches zur Errichtung eines neuen Krankenhauses passend wäre. Diese Kommission hat die eingegangenen Grundstücksangebote geprüft und verschiedene zum Kauf offerirte Komplexe besichtigt, indessen keinen derselben für geeignet befinden können. Nach längerer Umschau ist von der Kommission schließlich das der Stadt Berlin gehörige Grundstück zwischen der Seestraße und dem Spandauer-Schifffahrtskanale zum Bau des Krankenhauses empfohlen worden.

↓132

[...] Die Deputation [für öffentliche Gesundheitspflege] hätte - ebenso wie wir [der Magistrat] -, da der Südwesten nur auf das kleine Elisabethkrankenhaus angewiesen ist, für das neue Krankenhaus lieber ein Grundstück in dortiger Gegend ausgewählt. Die Deputation hat sich aber überzeugt, daß außer dem s. Zt. zur Erbauung einer Gasanstalt bei Friedenau erworbenen Grundstück, welches jedoch erst in vielleicht 6 bis 8 Jahren bei weiter vorgeschrittener Entwicklung jener Gegend zu entwässern und dann recht gut für ein fünftes Krankenhaus verwendbar sein wird, gegenwärtig kein geeignetes Terrain dort vorhanden ist. [...]“147

Der Standort zwischen Seestraße und Schiffahrtskanal war nicht mehr als eine Notlösung, auf die mangels alternativer Grundstücke zurückgegriffen wurde. In der Tat ist die Lage im westlichen Wedding zum Zeitpunkt der Beschlußfassung kaum als ideal zu bezeichnen, wenn man bedenkt, daß auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals bereits das Städtische Krankenhaus Moabit lag. Die Entscheidung führte zu einer sehr ungleichen Verteilung der städtischen Krankenhäuser über das Stadtgebiet. Die zukünftige Entwicklung des umgebenden Gebietes spielte in den Überlegungen keine nachweisbare Rolle.

↓133

Dem Krankenhausneubau stand nur wenige hundert Meter entfernt der Betrieb der Abdeckerei gegenüber. Schon seit dem Mittelalter war der Abdecker für die Beseitigung von verendeten oder gefallenen Tieren zuständig. Dafür erhielt er die Berechtigung, die anfallenden Kadaver wirtschaftlich zu verwerten. Aus diesem Grund siedelte sich in der unmittelbaren Umgebung einer Abdeckerei zumeist eine charakteristische Produktionsgemeinschaft aus Leimsiedereien, Talgschmelzen, Knochenmühlen, Seifensiedereien, Gerbereien u.a. mit einer dementsprechend starken Geruchsbelästigung an.

Das Berliner Abdeckereiwesen unterstand der Verantwortlichkeit des Fiskus, der den Betrieb nicht selbst ausübte, sondern ihn eigenverantwortlich an einen Pächter übertrug.148 Seit den frühen 20er Jahren des 19.Jahrhunderts befand sich die Abdeckerei auf einem staatlichen Grundstück südlich der Jungfernheide149 - dem späteren Standort des Rudolf Virchow-Krankenhauses! Als sich mit fortschreitender Bebauung in den 1850er Jahren die Klagen über die Geruchsbelästigung mehrten, mußte ein neuer und möglichst peripherer Standort gefunden werden. Nach einem langen Hin und Her und der Diskussion verschiedener Alternativen fiel die Wahl schließlich auf das Areal in der Müllerstraße 81. Auf dem hintersten Teil dieses Grundstückes an der unmittelbaren Grenze zu Reinickendorf sollte die neue Betriebsstätte entstehen. 1873 erfolgte der Umzug.150 An diesem Standort verblieb die Anlage, bis 1903 von staatlicher Seite der Beschluß gefaßt wurde, den fiskalischen Abdeckereibetrieb gänzlich einzustellen.151 Am 31. März 1907 lief der letzte Pachtvertrag aus. Ab diesem Zeitpunkt oblag die Tierkörperbeseitigung der Stadt Berlin. Da ein Standort innerhalb des Stadtgebietes nicht mehr in Frage kam, wurde in Rüdnitz bei Bernau eine städtische Fleischvernichtungsanstalt errichtet, deren Inbetriebnahme am 01. Juni 1908 erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt stellte die Abdeckerei in der Müllerstraße ihren Betrieb endgültig ein.

Bedenkt man die starke Geruchsbelästigung, von der bis 1908 das Gebiet der nördlichen Müllerstraße betroffen war und schenkt man den Ausführungen der BABN Glauben,152 so stellte die Abdeckerei lange Zeit das entscheidende Hindernis für die Ausdehnung der Stadt nach Norden dar und bildete somit eine Art Gegenpol zum „Entwicklungsmotor“ des Rudolf Virchow-Krankenhauses.

↓134

Das Bemerkenswerte an dieser Situation ist die bestehende Interdependenz zwischen diesen beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Einrichtungen. Ohne die Abdeckerei wäre die Errichtung des Rudolf Virchow-Krankenhauses innerhalb des Weddings nicht realisierbar gewesen. Diese Aussage mag zunächst etwas abwegig erscheinen. Wirft man jedoch einen Blick auf die Grundbesitzverhältnisse, so ergibt sich ein erstaunlicher Zusammenhang. Da der Betrieb der Abdeckerei bis 1907 in Händen des Fiskus lag, befanden sich die Betriebsstätten folgerichtig - zumindest bis 1873 - auf staatlichem Grund und Boden. Als die Verlagerung notwendig wurde und die Suche nach einem alternativen Standort begann, kam die Stadt Berlin ins Spiel. Ihr gehörten die in Frage kommenden Ländereien in der nördlichen Müllerstraße, u.a. auch das Grundstück Nr. 81, so daß man sich im Jahr 1864 zu einem umfassenden Gebietstausch entschloß:

„Nach dem, in den gehorsamst beigefügten Acten Wedding No. 6a befindlichen, zwischen der Königlichen Ministerial-Bau-Commission und der hiesigen Stadtgemeinde unterm 20ten July 1864 abgeschlossenen Vertrage hat die letztere folgende ihr gehörige Grundstücke an den Königlichen Fiscus abgetreten:

↓135

1. die in der Königlichen Jungfernhaide belegenen und von derselben umschlossenen beiden Seen mit den dazu gehörigen Uferrändern und Fennen und zwar:

↓136

a) den Großen Plötzen-See mit einem Areal einschließlich der Uferränder und Fenne von 40 Morgen 90 Ruthen.

b) den Kleinen Plötzen-See mit einem Areal gleicher Qualität von 25 Morgen 169 Ruthen, mit Ausnahme des östlich vom Schifffahrts-Kanal, resp. der östlichen Uferstraße desselben belegenen Theiles mit einem Flächeninhalte von 6 Morgen.

↓137

2. von der zwischen dem Hütungs-Entschädigungslande der Ackergutsbesitzer Büttnerschen Erben und den Weddingsländereien gelegenen, von der Fennstraße nach der Jungfernhaide führenden, sogenannten Weddingstrift ein Areal von 5 Morgen 15 Ruthen.

↓138

3. von dem Weddingsgrundstücke Müllerstraße No. 81 eine Fläche von 10 Morgen 6 Ruthen.

Für diese Abtretungen ist der hiesigen Stadt-Commune ein Terrain der Königlichen Jungfern haide von 125 Morgen 173 Ruthen gewährt, welches am Spandauer Schifffahrtskanal, der Triftstraße, der Seestraße und dem von der Müllerstraße nach der Triftstraße führenden Fußsteige belegen ist, sowie die in diesem Areal belegenen 10 Morgen, auf welchen zur Zeit noch die Berliner Ab deckerei sich befindet.“153

↓139

Erst durch die Verlagerung der Abdeckerei kam die Stadt Berlin in den Besitz des Grundstückes, auf dem mehr als 30 Jahre später mit der Errichtung des Krankenhauses begonnen wurde. Ohne die Abdeckerei wäre innerhalb des Weddings kein geeigneter Standort für einen städtischen Krankenhausneubau verfügbar gewesen. Der Betrieb, der die Entwicklung nach Norden hemmte, sorgte somit zugleich für eine beschleunigte Bebauung nach Westen - ein Kuriosum, das in seiner Tragweite nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Am 30. November 1895 bot der katholische Bergwerksbesitzer, Königlich Preußische Premier-Leutnat a.D. und Kaiserlich Österreichische Kammerherr Graf Eduard Karl von Oppersdorff der evangelischen Nazarethgemeinde die Schenkung eines Kirchbaugrundstückes in der Seestraße an. Dort besaß der Graf einen umfangreichen Grundbesitz, der sich von der Müllerstraße 137 ausgehend, die gesamte südliche Seite der Seestraße entlang erstreckte.154 Das betreffende Grundstück lag an der Ecke der projektierten Straße 16, der späteren Antwerpener Straße. Sieben Jahre später wurde an dieser Stelle die Kapernaumkirche fertiggestellt. Der Pfarrer der Nazarethgemeinde Ludwig Diestelkamp schilderte den Schenkungsvorgang aus seinen Erinnerungen:

↓140

„Es trat bei mir ein Herr ein, der sich vorstellte als Graf Oppersdorff: ‚Herr Stadtverordneter Dinse und mein Verwalter, Herr Sachon, haben mir mitgeteilt, daß Sie einen Bauplatz für eine neue Kirche suchen, jenseits der Müllerstraße. Ich bin bereit, einen solchen zu schenken in Größe von 22 m Breite und 53,38 m Tiefe, dazu 20 000 M. in landschaftlichen Zentralpfandbriefen.‘ “155

Was bewog den katholischen Grafen dazu, ausgerechnet einer evangelischen Gemeinde eine solche Schenkung zu machen? Welche Motive bestimmten sein Handeln? Diese Frage stellte sich Böpple in ihrer neueren Untersuchung über die Kapernaumgemeinde.Sie kam zu einem klaren Schluß:

↓141

„Die evangelische Mutter, wie Pfarrer Diestelkamp gerne betonte, war bestimmt nicht der Anlaß.[ 156 ] Mit der Schenkung verbanden sich handfeste geschäftliche Interessen.

Über den Stadtverordneten Dinse hatte Oppersdorf[f], der entlang der Seestraße über beträchtliches Grundvermögen verfügte, erfahren, daß die Gemeinde einen Bauplatz suche. Er erkannte sofort, daß dies seinen Spekulationen entgegenkam. Die Grundstücke an der Seestraße waren wegen des schlechten Untergrunds als Bauland bisher nicht in Betracht gezogen worden. Da der Bau einer Kirche zweifellos den Bau von Häusern nach sich ziehen würde, schenkte Oppersdorf[f] der Gemeinde nicht nur Land, sonder auch ein Startkapital, um den Bau zu forcieren.“157

↓142

Diese Einschätzung würde bedeuten, daß hier eine Privatperson den Versuch unternommen hat, den Bau einer öffentlichen Einrichtung - in diesem Fall einer Kirche - gezielt zur Bodenspekulation einzusetzen. Die Auflagen, die mit der Schenkung verbunden waren, sprechen dafür. Bis zum 01. August 1896 mußte der Grundstein gelegt und ein Jahr später am 01. August 1897 der Kirchbau „unter Dach“ gebracht sein.158 Auch wenn sich durch einen zunächst vollzogenen Grundstückstausch das Projekt verzögerte und Oppersdorff daraufhin die Fristen verlängerte, so überrascht die Eile. Wäre die Schenkung allein zum Andenken an die fromme Mutter erfolgt, hätte der Graf wohl kaum so restriktive Bedingungen gestellt.

Es bleibt die Frage, ob Oppersdorff tatsächlich so zielgerichtet und profitorientiert vorging, wie ihm seine Kritiker vorwarfen. Sicherlich schadete der Kirchbau nicht dem Wert seiner Grundstücke. Andererseits darf man nicht übersehen, von wem der Plan zur Schenkung ausging. Er stammte entgegen den Erinnerungen von Pfarrer Diestelkamp und der Interpretation von Böpple nicht von Oppersdorff selbst. Wirft man einen Blick in die Akten, so stellen sich die Ereignisse vom 30. November 1895 etwas anders dar. Unter besagtem Datum findet sich ein an Pfarrer Diestelkamp gerichteter Brief des Grafen. Darin heißt es:

↓143

„Nachdem mir durch Ihre geneigte Mitteilung unter Vorlegung des amtlichen Berliner Bebauungsplanes einerseits und unter Vorlage der Gemeindebezirkskarte andrerseits eingehend erklärt wurde, daß die zentrale Stelle für die Neuerrichtung resp. d. Umbau der alten Nazarethkirche sich gerade auf dem mir gehörigen Terrain in der Seestraße befinde, habe ich bereitwillig sowohl besagtes Terrain zur unentgeltlichen Hergabe als auch die Hingabe von 20 000 Mark in 3 prozentigen Centrallandschaftlichen Pfandbriefen sehr ergeben ausgeführt.“159

Allem Anschein nach hatte nicht Oppersdorff die Initiative ergriffen und war an jenem 30. November unvermittelt in das Zimmer des Pfarrers eingetreten. Nach dem zitierten Schreiben war er schon zuvor von Diestelkamp selbst auf das Grundstück angesprochen und zur Schenkung überredet worden. Einer großen Überredungskunst bedurfte es freilich kaum, da sich der Graf der Vorteile des Geschäfts mit Sicherheit bewußt war.

Das Beispiel zeigt jedoch, wie genau man zwischen einem bewußten aktiven Handeln und einem eher passiven Reagieren auf eine günstige Situation unterscheiden muß. Fest steht: Nach der Aktenlage war es nicht die originäre Idee von Oppersdorff, den Bau einer Kirche gezielt zur Wertsteigerung der eigenen Grundstücke einzusetzen. Ohne die konkrete Anfrage der Nazarethgemeinde hätte es wohl kein Schenkungsangebot gegeben.

↓144

Welche nachweisbaren Vorteile dem Grafen aus der Schenkung erwuchsen, kann aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig geklärt werden. Die Tatsache, daß Oppersdorff seine restlichen Grundstücke erst im Geschäftsjahr 1907 an die BABN und eine mit ihr „befreundete“ Gesellschaft160 veräußerte, spricht gegen einen sofortigen und sprunghaften Wertzuwachs.

III.1.2.2.c) Verkehrsflächen

Der Verkehrssektor erlebte nach den Darstellungen der Flächennutzungskarten zwischen 1885 und 1914 keine Veränderungen. Die beiden einzigen Areale, die einem Verkehrsträger zugeordnet werden konnten, lagen in der Fennstraße (Kohlenbahnhof) und Ofener Straße (Bahnhof der „Großen Berliner Pferde-Eisenbahn AG“). Dies offenbart eine große Schwäche der gewählten Darstellungsform. Da die meisten Verkehrstrassen des Personennahverkehrs im öffentlichen Straßenraum verliefen, mußten sie - abgesehen von der Ringbahn - in den Kartenblättern unberücksichtigt bleiben. Die Realität war um ein vielfaches komplexer, als es die Darstellungen vermitteln.

Zu den wichtigsten Verkehrsträgern zählten in den Anfangsjahren neben dem dampfbetriebenen Eisenbahnverkehr die Pferdeeisenbahn und der Pferdeomnibus. Diesen allein auf tierische Kraft angewiesenen Transportmitteln waren enge Grenzen gesetzt. Die Transportgeschwindigkeit lag niedrig und eine Kapazitätssteigerung war nur in sehr geringem Umfang möglich. Die Tarife lagen so hoch, daß für weite Bevölkerungskreise eine regelmäßige Nutzung nicht in Frage kam.

↓145

Erst die rasante technische Entwicklung kurz vor der Jahrhundertwende und die Einführung eines Einheitstarifs von 10 Pfennig auf den Strecken der Großen Berliner Straßenbahn brachten eine Veränderung. Bis 1902 war in Berlin die Ablösung der Pferdebahn durch die elektrische Straßenbahn abgeschlossen. Der Verbrennungsmotor hielt bei den Buslinien Einzug. Zeitgleich begann der Aufbau eines Schnellbahnnetzes mit Hoch- und Untergrundbahnen.

Im Untersuchungsgebiet machte sich dies zunächst kaum bemerkbar. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges fehlte in weiten Teilen des Untersuchungsgebietes ein leistungsfähiger Personennahverkehr. Der Straßenbahnverkehr dominierte. Lediglich das Gebiet entlang der Ringbahn hatte direkten Anschluß an die Hauptverkehrsadern der Stadt. Die Bedeutung der Ringbahn beschränkte sich jedoch allein auf den Ost-West-Verkehr. Es fehlte eine effektive Nord-Süd-Verbindung für einen schnellen Zugang zur Innenstadt und eine Verbindung mit dem rasch wachsenden Vorort Reinickendorf.

Nicht ohne Grund hatte die Stadtverordnetenversammlung bereits 1905 den Bau einer Unterpflasterbahn in Nord-Süd-Richtung beschlossen. Der Endpunkt dieser Bahn sollte jedoch nicht in Reinickendorf, sondern nördlich der Seestraße an der Einmündung der Türkenstraße liegen. Der Anschluß nach Reinickendorf wäre in der Verantwortung der Großen Berliner Straßenbahn verblieben.

↓146

Mit dem geplanten Bau der Nord-Süd-Bahn steht ein Projekt in Verbindung, das an dieser Stelle eine besondere Erwähnung verdient und richtungsweisend für die weitere Entwicklung am nördlichen Stadtrand wurde. Als Initiator trat die BABN auf.

Wie erwähnt, stellte Bernhardt die Gründung der BABN in einen direkten Zusammenhang mit dem Nord-Süd-Bahn-Projekt.161 Auch wenn dies anhand der Quellen nicht eindeutig nachzuweisen ist, erscheint es bemerkenswert, mit welchem Engagement die neu entstandene Gesellschaft die Frage des Schnellbahnbaus aufgriff. Bereits im Januar 1906 lag der Verkehrs-Deputation des Magistrats ein Schreiben vor, in dem die BABN um die Verlängerung der geplanten Nord-Süd-Bahn bis an die Grenze der Reinickendorfer Gemarkung bat.

Mit der Bitte um die Trassenverlängerung reichte die Gesellschaft ein eigenes Schnellbahnprojekt ein. Die BABN eröffnete den Stadtoberen detaillierte Pläne für den Bau einer Schnellbahntrasse von der nördlichen Müllerstraße über Tegel nach Heiligensee (vgl. Abb. 33). Lukrative Gewinnaussichten sollten von den Vorteilen einer Zusammenarbeit überzeugen:

↓147

„Wenn hieraus [aus den bisherigen Ausführungen] ohne Weiteres hervorgeht, dass die Rentabilität der Unterpflasterbahn Nord-Süd auch von der Reinickendorfer Weichbildgrenze ab sofort gesichert ist, so beabsichtigen wir, um die Rentabilität der nördlichsten Strecke der Unterpflasterbahn von vornherein für die Stadt Berlin noch gewinnbringender zu gestalten, an der Berliner Weichbildgrenze eine elektrische Schnellbahn zu bauen, welche an der westlichen Seite der Tegeler Chaussee an der Strafanstalt Tegel und dem Borsigwerk vorbei durch den Ort Tegel bis zum Schlossrestaurant Tegel geht und von da südlich schwenkend die sehr beliebten Ausflugsorte Tegelort, Jörsfelde, Konradshöhe, Sandhausen und Heiligensee berühren und direkt im besten Sinne des Wortes mit dem Centrum Berlins verbinden wird. Es ist einleuchtend, dass durch einen derartigen neuen Schnellbahn-Verkehrsweg die weitere Ansiedlung und Bevölkerungszunahme in den nördlichen Vororten, besonders in Tegel, einerseits gefördert und andererseits durch denselben eine enorme Zunahme des Berliner Ausflüglerzuges nach diesen landschaftlich ausserordentlich reizvoll gelegenen Plätzen und Villencolonieen am Tegeler See und der Havel hervorgerufen werden wird.“162

Nach diesen Planungen sollte an der Grenze zu Reinickendorf ein Umsteigebahnhof von der städtischen Nord-Süd-Bahn zur privaten Schnellbahn der BABN entstehen. Der Verlauf der Schnellbahn hätte - zumindest bis Tegel - in etwa der heutigen U-Bahnlinie 6 entsprochen. Die Verantwortlichen erwarteten eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrsströme:

↓148

„Man kann dann später von dem Mittelpunkt des westlichen Berlins - sagen wir von der Untergrundstation Unter den Linden der Nordsüdline - in etwa 20 Minuten bis Tegel fahren, was u. E. eine vollständige Umwälzung der Verkehrsverhältnisse des Nordens zur Folge haben muss. Die Bewohner von Tegel werden dann nur noch zum geringsten Teil die Staatsbahn, welche an Tegel vorbei nach Velten und Kremmen geht, benutzen, weil erstens diese Züge in zu grossen Abständen von Berlin nach Tegel bezw. umgekehrt abgelassen werden, weil zweitens diese Linie eine für die Fahrgäste ausserordentlich zeitraubende und weit ausgebauschte Kurve über Dalldorf, Reinickendorf, Schönholz, Pankow, Gesundbrunnen zu durchlaufen hat und weil drittens die Berliner Endstation derselben, der Stettiner Vorortsbahnhof, zu weit von dem geschäftlichen Centrum Berlins entfernt und jedenfalls ausserordentlich ungünstig liegt. Die Bewohner von Tegel und diejenigen Berliner Einwohner, welche Tegel erreichen wollen, werden daher später die Staatsbahn und die Tegeler Strecke der Grossen Berliner Strassenbahn nur noch sehr wenig in Anspruch nehmen; sie werden vielmehr auf der Unterpflasterlinie Nord-Süd und der von uns zu erbauenden Schnellbahn von und nach Tegel verkehren.“163

Abb. 33: Geplante Schnellbahntrasse der BABN.

Quelle: LAB, A Rep. 251-11, Nr.1.

↓149

Auch wenn die elektrische Schnellbahn nach Tegel aufgrund der rasch eintretenden massiven finanziellen Probleme der BABN nie gebaut wurde, ist das Projekt bemerkenswert. Einerseits belegt es die große Bedeutung des entstehenden Schnellbahnnetzes im Prozeß des industriellen Städtewachstums. Die beträchtliche Verkürzung der Fahrzeiten drängte die räumliche Distanz als limitierendes Element der Stadtentwicklung zunehmend in den Hintergrund. Neue Perspektiven bei der Wohnstandortwahl taten sich auf. Schnellbahn und Eisenbahn ermöglichten eine Suburbanisierung des Wohnens und eine Verlagerung großer Industriebetriebe vor die Tore der Stadt. Eine neue Form der Mobilität - das Berufspendeln - entstand. Andererseits zeigen die Planungen aber auch, daß der Nahverkehr im Untersuchungsgebiet bis 1914 noch nicht den entscheidenden Modernisierungsschritt vollzogen hatte und von dieser Entwicklung erst langsam erfaßt wurde.

III.1.2.2.d) Grünflächen

Der Schillerpark (1909-1913) blieb im Untersuchungszeitraum die einzige neu angelegte Grünfläche. Da es sich zugleich um die einzige ausschließlich zu Freizeit- und Erholungszwecken gestaltete Anlage handelte, lohnt ein genauerer Blick auf die Entstehungsgeschichte und die zugrundeliegende Konzeption.164

Die Idee zum Bau eines „Nordparks“ wurde erstmals 1898 schriftlich fixiert, als die Stadtverordnetenversammlung eine Anfrage betreffend die Anlegung eines Parks zwischen See- und Müllerstraße und der Weichbildgrenze an den Magistrat richtete.165 Mit dem Projekt waren zunächst sehr pragmatische Ziele verbunden. Über die Anlage des Parks erhoffte man den Flugsand der sog. „Wurzelberge“ einzudämmen und die Geruchsbelästigungen der Abdeckerei samt der benachbarten Müllablage - der „Scherbelberge“ - zu beseitigen. Zugleich sollte ein Erholungsraum für die in der Umgebung rasch zunehmende Bevölkerung geschaffen werden. Am 08. Oktober 1903 legte die Stadtverordnetenversammlung die späteren Grenzen des Parks fest und ermächtigte den Magistrat, das notwendige Land zu erwerben. Anläßlich des hundertsten Todestages von Friedrich Schiller wurde das Projekt 1905 dem Dichterfürsten gewidmet.

↓150

Die 25 ha große, von dem Magdeburger Gartenarchitekten Friedrich Bauer (1872-1937) konzipierte Parkanlage verband die Prinzipien eines Landschafts- und Architekturparks. Der Entwurf erwies sich für die zukünftige Gestaltung von Grünanlagen als richtungsweisend. Der aus den USA stammende „Volkspark“-Gedanke wurde konsequent aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. Das städtische Grün diente nicht mehr allein dem Lustwandeln und Bestaunen der Natur, sondern in gleichem Maße der sportlichen Ertüchtigung. Die Grünflächen waren nicht mehr gesperrt, sondern bewußt für sportliche Betätigungen freigegeben. Bauer konzipierte weitläufige, offene Rasenflächen. Im südlichen Teil des Parks entstand eine 3,5 ha große planierte Schülerwiese, die im Norden in der stärker konturierten Bürgerwiese ihr Gegenstück fand. Hinzu kamen Spielplätze und ein Planschbecken am nordöstlichen Rand des Parks. Mit diesem neuen Grundkonzept wurde der Schillerpark u.a. zum Vorbild für den nur wenige Jahre später in der Weimarer Republik angelegten Volkspark Rehberge auf der gegenüberliegenden Seite der Müllerstraße.

Bewertet man den Schillerpark aus städtebaulicher Perspektive, bleibt nicht allein der innovative Charakter des Nutzungskonzeptes hervorzuheben. Der kurz vor der Jahrhundertwende verabschiedete Baubeschluß reiht sich direkt in das Spannungsverhältnis von Abdeckerei und Virchow-Krankenhaus ein. Die Anlage des Parks kann als Bemühung interpretiert werden, die städtebauliche Barriere nach Norden aufzubrechen und das Image eines ganzen Stadtgebietes positiv zu beeinflussen.

Zur Untermauerung dieser Vermutung ist auf ein weiteres Grünflächenprojekt zu verweisen, das wie die Schnellbahn der BABN nie verwirklicht wurde. Im Juni 1911 stand in der Berliner Stadtverordnetenversammlung die Eingemeindung der Gutsbezirke Plötzensee und Jungfernheide auf der Tagesordnung. Das zur Disposition stehende Areal umfaßte ca. 220 ha. Davon waren 45 ha für ein Vorhaben der besonderen Art reserviert.166 Zwischen der gedachten verlängerten Kameruner Straße im Süden und der Londoner Straße im Norden plante der Hamburger Tiergärtner Carl Hagenbeck167 die Errichtung eines Tierparks.168 In einem Schreiben vom 19. März 1912 ging der Magistrat ausführlich auf die in Aussicht gestellte Anlage ein:

↓151

„Nach den uns gemachten Mitteilungen werden im Tierpark sowohl Säugetiere und Vögel als auch umfangreiche Sammlungen von Reptilien, Fischen und Seetieren sowie Insekten zur Schau gestellt werden, auch soll die Urweltfauna in Nachbildungen gezeigt werden. Die Tiere werden in möglichster Anlehnung an ihre natürlichen Lebensformen und so untergebracht werden, dass der Eindruck der Gefangenschaft vermieden wird.

↓152

Die grossen Raubtiere werden sich in einer offenen, frei gelegenen Grotte bewegen; besondere Einrichtungen werden geschaffen werden, die selbst die Unterbringung von Affen im Freien ohne Gitter ermöglichen; für Gebirgstiere werden Felsengruppen angelegt; für Straussen ist eine besondere Farm geplant; für Wasservögel werden Teiche geschaffen; für Reptilien, Fische, Seetiere und Insekten werden ein Reptilienhaus, ein Aquarium und ein Insektenhaus errichtet. Zur Vorführung von Tierdressuren mannigfacher Art wird eine grosse Arena dienen und ein besonderer Raum wird für jährlich wechselnde Völkerausstellungen bestimmt sein.

Das weite Gelände des Tierparkes soll der landschaftlichen Umrahmung der Schaustellungsvorrichtungen dienen und wird mit den erforderlichen Restaurationsanlagen versehen werden.“169

↓153

Folgt man der Argumentation von Hagenbeck, war der geplante Tierpark mehr als eine rein gewinnorientierte Investition. Er unterstrich die große Bedeutung des Vorhabens für die Bevölkerung im Norden Berlins und verwies auf den gemeinnützigen Charakter des Projektes. Aus diesem Grund bat er den Magistrat um die Gewährung einer Hypothek in Höhe von 1.000.000 Mark:

„Mit Rücksicht auf die Bedeutung des geplanten Tierparkes für die Einwohnerschaft hat der Kommerzienrat Hagenbeck gebeten, das Zustandekommen des Unternehmens durch Hergabe einer Hypothek von 1 000 000 Mark aus städtischen Mitteln zu fördern [...].

↓154

Wir erkennen die Grosszügigkeit des in Aussicht genommenen Unternehmens und seine Bedeutung für die Berliner Bevölkerung insbesondere des Nordens und für die Hebung des angrenzenden Stadtteiles an, glauben auch dass das Unternehmen auf den Fremdenverkehr förderlich einwirken könnte, und sind geneigt, es zu unterstützen.“170

Mit dieser Einschätzung stellte der Magistrat indirekt eine Verbindung zwischen dem Tierparkprojekt und dem Schillerpark her. Die Kommunalpolitik hatte den Berliner Norden als Handlungsfeld „entdeckt“, der nach den Worten des Stadtverordneten Liebenow (09. Mai 1912) bis dato „eher stiefmütterlich behandelt“ worden war.171 Am gleichen Tag genehmigte die Stadtverordnetenversammlung unter Auflagen die Hypothek von 1.000.000 Mark. Die Auszahlung war an die Eröffnung des Parks gebunden. Hierzu kam es jedoch nie.

↓155

Abb. 34: Kopf der Wochenzeitung „Das Afrikanische (Hagenbeck) Viertel“.172

Quelle: Heimatmuseum Wedding (HMW) (Bib. Kart. 4 HMW AB 714).

Zum letzten Mal tauchte das Tierparkprojekt im Jahr 1916 in den stenographischen Berichten der Stadtverordnetenversammlung auf. In der Sitzung des 22. Juni stand der Erwerb von Flächen in der Jungfernheide zur Diskussion, wobei der Stadtverordnete Heimann auf die unrealisierten Planungen Hagenbecks zu sprechen kam:

↓156

„Die Verhandlungen müßten sich meines Erachtens auch auf den Erwerb des ganzen Restgeländes erstrecken. Denn es will mir doch viel wichtiger und richtiger erscheinen, wenn auf dem Terrain für den geplanten Hagenbeckschen Tierpark unter den gegenwärtigen Verhältnissen Menschen statt Tiere ansiedeln würden. Dies umsomehr, da dort nach dem Versprechen des Fiskus doch noch jungfräulicher und billiger Baugrund vorhanden ist, und da infolge der durch den Krieg herbeigeführten Umstände und durch den Tod des alten Hagenbeck die Ausführung des Tierparks vollkommen im Nebel liegt.“173

Der Nebel sollte sich nicht mehr lichten.

III.1.3 Der Wohnungsbau

Das Verhältnis zwischen gebauter Umwelt und den Lebensverhältnissen der Bevölkerung tritt in der individuellen Wohnraumsituation am markantesten zu Tage. Die Wohnung bildet den Mittelpunkt des familiären Lebens. Sie ist Ort sozialer Kontakte, oftmals Arbeitsstätte und gilt nicht zuletzt als Indikator für den gesellschaftlichen Stellenwert der Bewohner.

↓157

Dem zeitgenössischen Beobachter des Weddings bot sich ein äußerst heterogenes Bild. Allein das Baualter und die sich verändernden Bauordnungen führten zu einem in sich differenzierten Wohnungsmarkt mit vielfältigen Wohnungszuschnitten, -ausstattungen und -lagen. Es gilt, die häufigsten und markantesten Erscheinungsformen herauszugreifen und exemplarisch zu vertiefen.

Als Hindernis erweist sich die starke Fokussierung der Forschung auf die Wohnverhältnisse der Unterschichten. Generationen von Historikern und Soziologen ließen sich aus den unterschiedlichsten Motiven vom Elend der Ärmsten inspirieren. Auch quellenorientierte Untersuchungen wie die Ausführungen zur Wohnungsenquete der Berliner „Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker“ ermöglichen letztendlich nur einen selektiven Blick hinter die Kulissen.174 So prekär und menschenunwürdig die Wohnsituation in weiten Teilen auch war, besteht die Gefahr einer negativen Verallgemeinerung.

Um dies zu vermeiden, wird die Thematik zunächst aus einem rein statistisch-juristischen Blickwinkel erschlossen. Erst am Ende des Kapitels erfolgt anhand von drei Fallbeispielen ein Blick auf die konkrete Wohnraumsituation vor Ort.

III.1.3.1  Wohnbebauung 1885-1914

↓158

Die vor allem durch die Terraingesellschaften angeheizte Bodenspekulation wurde zum entscheidenden Faktum des Wohnungsbaus. Indem sich die Grundstückspreise von vornherein an den maximal zu erzielenden Renditen orientierten, legte der Bodenpreis bereits die spätere Gebäudestruktur fest. Nur bei einer Annäherung an den maximal zulässigen Überbauungsgrad war eine Amortisierung der Investitionskosten möglich.

Aus diesem Grund setzte sich nicht nur im Untersuchungsgebiet - bei allen Variationen im Detail - ein verhältnismäßig einheitlicher Gebäudetypus durch: das mehrgeschossige Mietshaus, das gemeinhin als „Mietskaserne“ bezeichnet wird. Der Begriff „Kaserne“ ist dabei durchaus umstritten.175 Eberstadt erkannte in ihm eine gesellschaftspolitische Dimension:

↓159

„Der Begriff „Kaserne“ enthält die Aufhebung des Einzelwesens und des Einzelwillens und die Unterwerfung unter einen übergeordneten Zweck. Für das Wohngebäude, das jede Individualität der Bewohner verwischt und die Wohnverhältnisse durchaus den Zwecken der Spekulation unterwirft, konnte deshalb in der Tat keine treffendere Bezeichnung gefunden werden als die der Mietskaserne. Der Ausdruck bezeichnet den Haustypus, der in Hofwohnungen, Seitenflügeln, Quergebäuden eine unterschiedlose Masse von Wohnräumen umschließt. Durch die Größe des Grundstücks, dessen Abmessungen die Wohnhausform vollständig abgestreift haben, und zugleich durch den Hausgrundriß, in dem die Einzelwohnung völlig verschwindet, ist die Mietskaserne gekennzeichnet.“176

Diese Definition hat sich bis heute im Sprachgebrauch festgesetzt und fand die weiteste Verbreitung. Die Beschreibung ist so allgemein gehalten, daß nach ihr fast jedes mehrstöckige Mietshaus unter die Rubrik „Kaserne“ fällt. Auf dieser Grundlage erklärte Hegemann Berlin zur „größten Mietskasernenstadt der Welt“.177

Nähert man sich dem Begriff über die innere bauliche Erschließung, wie dies der Architekt Goecke getan hat, läßt sich dagegen eine klare Unterscheidungslinie zwischen „Mietshaus“ und „Mietskaserne“ ziehen:

↓160

„[...] Beide Gebäude-Arten unterscheiden sich wesentlich von einander, wenn auch die Bezeichnungen synonym gebraucht werden. In eigentlichen Kasernen reihen sich die Wohnungen an lange gemeinschaftliche Korridore, also in wagrechtem Sinne aneinander, in großen Miethshäusern gruppiren sich die Wohnungen unmittelbar um die Treppenhäuser, also in lothrechtem Sinne übereinander.“178

Nach dieser Definition im engeren Sinne hätte es in Berlin nur sehr wenige Mietskasernen gegeben. Sachlich begründeter ist sicherlich der Abgrenzungsversuch von Goecke. Der von Eberstadt postulierte Begriff steht dagegen ganz im Zeichen der Wohnungsreform. Er diente in erster Linie als Kampfbegriff. Der Begriff „Mietskaserne“ sollte daher nur sehr eingeschränkt Verwendung finden. Zu undifferenziert und politisch aufgeladen war und ist die Verwendung in Vergangenheit und Gegenwart.

III.1.3.1.a)  Rechtliche Voraussetzungen

↓161

Die bestehenden Bauordnungsvorschriften bestimmten den Umfang der baulichen Ausnutzung der Grundstücke. Sie bildeten den rechtlichen Rahmen für die Konzeption der Gebäude und des Wohnraums. Eine maximale bauliche Ausnutzung der Grundstücke war gleichbedeutend mit einer maximale Ausnutzung des geltenden Rechts.

Ein zentraler Aspekt des Wohnungsbaus wurde bereits unter dem Gesichtspunkt der Flächennutzung angesprochen - der Anteil der bebauten Fläche auf einem Grundstück.179 Nachdem die BauO von 1853 abgesehen von der Mindesthoffläche keinerlei Vorgaben gemacht hatte, durften seit 1887 nur noch maximal 2/3 eines neu erschlossenen Grundstücks bebaut werden. Zehn Jahre später (1897) folgte die Staffelung des Überbauungsanteils in Abhängigkeit von der Lage innerhalb oder außerhalb der alten Stadtmauer sowie der Parzellentiefe, was wiederum eine Verkleinerung der Grundstückszuschnitte bewirkte.

Veränderte baurechtliche Bestimmungen brachten neue Grundrißformen hervor. In sie flossen alle gültigen gesetzlichen Vorgaben ein und wurden in eine aus betriebswirtschaftlicher Sicht möglichst ideale Anordnung gebracht. Anhand des Grundrisses lassen sich oftmals Aussagen zum Entstehungszeitraum der Gebäude treffen, da jede Bauordnung zu charakteristischen Merkmalsausprägungen führte. Den „idealtypischen“ Grundriß gab es allerdings nicht. Es bestand in jedem Fall eine Abhängigkeit von der Breite und Tiefe eines Grundstückes. Dementsprechend variierte die Gebäudeanordnung. Die folgende Abbildung kann daher nur einen exemplarischen Einblick gewähren (vgl. Abb. 35).

↓162

Der erste Grundrißtyp nach der BauO von 1853 ist für das Untersuchungsgebiet ohne Bedeutung geblieben. Gebäude mit einer Mindesthofgröße von 5,34 m auf 5,34 m sind nicht nachzuweisen. Dennoch hat das Beispiel aus der Wilhelmstraße seine Berechtigung. Es zeigt sehr anschaulich, wie sich fehlende Bestimmungen auf die Gebäudestruktur auswirken konnten. Beide Grundstücke waren zu fast 100% überbaut.

Von diesen frühen Grundrissen hebt sich das Beispiel der Yorckstraße deutlich ab. Es fallen vor allem die deutlich größeren Innenhöfe auf, die nach § 2 der BauO von 1887 mindestens 60 qm Grundfläche betragen mußten. Daß die Größe der beiden Höfe jeweils deutlich darüber lag, ist kein Indiz für eine uneffektive Raumnutzung. Da es auf dem Grundstück bereits eine ältere Bebauung gegeben hatte, durften maximal 75% der Fläche bebaut werden. Ein Viertel mußte also ohnehin für Freiflächen eingeplant werden. Die beiden Höfe entsprechen fast exakt diesem Anteil.

Abb. 35: Gebäudegrundrisse nach den Bauordnungen von 1853 (oben links), 1887 (oben rechts) und 1897 (unten).

Quelle: Ehrlich (1933), S. 28 u. 31 sowie Monke, Bd. II (1968), Abb. 50 (ohne Seitenzahlen).

↓163

Die beiden unteren Grundrisse repräsentieren schließlich die BauO von 1897. Im Gegensatz zu den oberen Beispielen, handelt es sich um theoretische Konstruktionen und nicht um Fallbeispiele von existierenden Gebäuden. Sie orientieren sich an der Idealtiefe von 32 m. Bei dieser Tiefe verloren Quergebäude auf dem Hinterhof ihre Rentabilität und wurden zugunsten eines Seitenflügels aus den Plänen gestrichen. Dies galt allerdings nicht für tiefere Grundstücke, auf denen sich nach wie vor Seiten- und Quergebäude befanden.

Eine zunehmende Vereinheitlichung vollzog sich auch bei der Gebäudehöhe, die sich bei Neu- und Umbauten kaum mehr unterschied. Nach der BauO von 1853 bestand zunächst eine Abhängigkeit von der Straßenbreite:

↓164

„§ 28. Aeltere Gebäude dürfen in ihrer früheren Höhe wieder aufgebaut, neue Gebäude überall bis auf 36 Fuß [11,3 m] Höhe errichtet werden. Bei einer Straßenbreite von 36 bis 48 Fuß [15,07 m] ist eine Höhe der Gebäude von 1 ¼ der Straßenbreite zulässig. Bei noch breiteren Straßen unterliegt die Höhe der Bauten keiner allgemeinen Beschränkung. Die Höhe des Gebäudes wird von dem Straßenpflaster bis zur oberen Kante der Frontwand gemessen.“180

Nimmt man die Mindesthöhe eines Zimmers von 8 Fuß [2,51 m] (§ 88) als Grundlage, so war es an einer breiten Straße ohne weiteres möglich, ein sechsgeschossiges Gebäude zu errichten - nicht eingerechnet das Keller- und Dachgeschoß. Für Quer- und Seitengebäude fehlten konkrete Vorgaben. Lediglich der Abstand zwischen verschiedenen Gebäuden auf einem Grundstück war geregelt:

↓165

„§ 31. Gebäude auf demselben Grundstück müssen mit den Fronten mindestens 17 Fuß [5,34 m] von einander entfernt bleiben. Giebel gegen Giebel und Giebel gegen Front dürfen sich auf 8 Fuß [2,51 m] einander nähern, insofern die Länge der Giebel 24 Fuß [7,54 m] nicht übersteigt. Eine geringere Entfernung ist zulässig, sofern mit massiven Wänden feuersicher, d.h. dergestalt gebaut wird, daß sich in den gegenüber liegenden Gebäudetheilen keine Oeffnungen befinden.“181

Die Vorschriften von 1887 waren dagegen wesentlich differenzierter und setzten eine explizite Höhenbegrenzung. Auch für die Ausführung der Hintergebäude finden sich genaue Vorgaben:

↓166

„§ 37. Gebäude dürfen in den Frontwänden stets 12 m hoch und nicht höher als 22 m errichtet werden. Innerhalb dieser Grenzen gelten folgende Bestimmungen:

a) Gebäude an Straßen dürfen so hoch sein, als die Straße zwischen den Straßenfluchtlinien breit ist. [...] In Straßen, welche nur an einer Seite zum Anbau bestimmt sind, darf die Höhe bis 22 m betragen. Ist die Straßenbreite ungleich oder liegt ein Gebäude an mehreren Straßen, so ist, falls es nicht vorgezogen wird, die einzelnen Gebäudetheile in entsprechend verschiedener Höhe aufzuführen, ein einheitliches mittleres Höhenmaß für das ganze Gebäude festzustellen. Für Vordergebäude, welche ganz oder mit einzelnen Theilen hinter der Bauflucht zurückbleiben, kann ausnahmsweise ein entsprechend gesteigertes Höhenmaß zugelassen werden.

↓167

b) Hintere Gebäude und Seitenflügel dürfen in der Höhe die Ausdehnung des nothwendigen (§ 2) Hofraums vor ihnen nicht mehr als 6 m überschreiten. Ist der Hofraum ungleich gestaltet, so tritt Durchschnittsberechnung ein. [...]“182

Fünf Stockwerke mit maximal 22 m Höhe bildeten fortan den Richtwert und bestimmten zunehmend das Straßenbild. Die durch § 37 ermöglichte fünfgeschossige Bauweise wurde zum Charakteristikum für die geschlossene Wohnhausbebauung mit Seitenflügeln und Quergebäuden um den alten Berliner Stadtkern. Sie prägte den Begriff vom sog. „Wilhelminischen Ring“, der die dicht bebauten Gebiete bis zur Ringbahn - und im Untersuchungsgebiet auch darüber hinaus - beschrieb. Die BauO von 1897 änderte an diesen Verfügungen nur noch Details, die unerheblich blieben.

↓168

Blickt man in das Innere der Gebäude sind vor allem die Verordnungen für die „Zum dauernden Aufenthalte von Menschen bestimmten Räume“ (§ 37) von Interesse. Hierunter fallen auch die Bestimmungen zu den Keller- und Dachgeschoßwohnungen.

-

In der BauO von 1853 fanden sich unter § 87 zunächst allgemeine Richtlinien zum Bau von Wohnungen:

↓169

„§ 87. Die zu Wohnungen bestimmten Gebäude oder Gebäudetheile müssen so angelegt und in solchem Material ausgeführt werden, daß sie hinlänglich Luft und Licht haben, trocken und der Gesundheit nicht nachtheilig sind.“183

Zu der Höhe der Wohnräume war festgelegt:

↓170

„§ 88. Alle zum täglichen Aufenthalt von Menschen bestimmten Wohnräume müssen in neuen Gebäuden wenigstens 8 Fuß [2,51 m] und wenn solche in vorhandenen Gebäuden angelegt werden, wenigstens 7 ½ Fuß [2,36 m] lichte Höhe erhalten. Alle Wohn- und Schlafräume mit weniger als 9 Fuß [2,83 m] lichter Höhe müssen zur Herstellung eines gehörigen Luftwechsels mit passenden Einrichtungen und mindestens mit Fenstern zum Oeffnen in hinreichender Zahl und Größe und mit von innen zu heizenden Oefen versehen sein.“184

Die Dachgeschoßwohnungen blieben gänzlich unerwähnt. Für das Kellergeschoß galten folgende Richtlinien:

↓171

„§ 89. Kellergeschosse dürfen nur dann zu Wohnungen eingerichtet werden, wenn deren Fußboden mindestens einen Fuß über dem höchsten Wasserstande, deren Decke aber mindestens 3 Fuß [0,94 m] über dem Niveau der Straße liegen. Der Sturz des Fensters muß 2 Fuß [0,63 m] über dem Niveau der Straße liegen. Auch müssen die Mauern und Fußböden solcher Wohnungen gegen das Eindringen und Aufsteigen der Erdfeuchtigkeit geschützt werden.“185

-

↓172

Diese Bestimmungen blieben im Grundsatz über die Jahre 1887 und 1897 hinaus bestehen. Lediglich für die Einrichtung von Kellerwohnungen erhöhten sich die Auflagen. Zudem enthielt die BauO von 1887 erstmals Vorschriften für das Wohnen im Dachgeschoß:

„§ 37. a) [...] Räume, die zu dauerndem Aufenthalte von Menschen bestimmt sind, [müssen] eine - bei ungleicher Höhenlage der Decke oder des Fußbodens im Durchschnitt zu berechnende - Höhe von mindestens 2,50 m haben und nirgends tiefer als 0,50 m unter dem umgebenden Erdboden liegen.

↓173

Das letztere Maß kann auf 1 m erhöht werden, wenn an der zu den betreffenden Räumen gehörigen Frontwand ein durchgehender Lichtgraben hergestellt wird, dessen Breite mindestens 1 m beträgt und dessen gut zu entwässernde Sohle um 15 cm tiefer als der Fußboden der anstoßenden Räume angeordnet ist. [...]

↓174

Dachräume dürfen zu dauerndem Aufenthalte nur dienen, wenn sie den Bestimmungen der Absätze 1 bis einschließlich 3 entsprechen und außerdem unmittelbar über dem obersten Stockwerke belegen, auch von den angrenzenden Theilen des Dachbodens durch massive Wände geschieden sind.“186

Jeder Bauherr hatte sich an diese rechtlichen Vorgaben zu halten. Sie bilden die Grundlage für die Analyse der Wohnraumsituation.

III.1.3.1.b) Die Wohnbebauung in Zahlen

Die Wohnverhältnisse sind in der amtlichen Statistik umfassend dokumentiert. Die in einem Abstand von fünf Jahren vom Statistischen Amt der Stadt Berlin durchgeführten Grundstücks- und Wohnungsaufnahmen liefern detaillierte Angaben zu den vorhandenen Ausstattungsmerkmalen, auch wenn veränderte Erhebungsparameter die Vergleichbarkeit der Werte zwischen den Erhebungsjahren teilweise einschränken.

↓175

Der Gebäudebestand des Stadtteils Wedding-Gesundbrunnen wich zu Beginn des Untersuchungszeitraumes von allen übrigen Gebieten der Stadt ab. Mehr als 45% der Gebäude bestanden 1885 nur aus einem oder zwei Stockwerken. Kein anderes Viertel reichte auch nur annähernd an diesen Wert heran. Moabit, das Gebiet mit dem zweithöchsten Anteil in dieser Rubrik, blieb mit 26,2% bereits weit dahinter zurück. Die Zahlen sprechen für einen sehr ländlichen Charakter der Bebauung. Dies unterstreicht die Kategorie der fünfstöckigen Gebäude. Mit nur 21,6% lag der Wedding um mehr als 15 Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt. Lediglich die Innenstadtgebiete wiesen niedrigere Anteile auf. Die Maximalwerte der westlichen Luisenstadt jenseits des Kanals überstiegen die Anteile des Weddings in dieser Rubrik um mehr als das Dreifache.

Abb. 36: Anzahl der Stockwerke je Gebäude nach Stadtteilen 1885 (in %).

Quelle: Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 1. December 1885 in der Stadt Berlin. Zweites Heft, Abt. IV. Berlin 1891, S. 63.

Die vertikale Verteilung der Wohnungen entsprach der Gebäudestruktur (vgl. Tab. 10). Mehr als die Hälfte der Wohneinheiten des Weddings (52,2%) lagen zwischen Keller- und erstem Obergeschoß gegenüber 44,3% im Gesamt-Berliner Durchschnitt. In den oberen Etagen war das Untersuchungsgebiet dagegen stark unterrepräsentiert. Auffällig ist die Diskrepanz bei den Anteilen der so viel kritisierten Kellerwohnungen. Trotz der vergleichsweise niedrigen Bebauung blieb der Wedding mit 6,8% um mehr als zwei Prozentpunkte unter dem städtischen Mittelwert.

↓176

Auch bei der Wohnungsgröße, die sich an der Zahl der heizbaren Zimmer orientierte, sind signifikante Abweichungen erkennbar. Der Wohnungsbestand des Weddings setzte sich zu über 90% aus Ein- und Zweizimmerwohnungen zusammen. Dies war deutlich mehr als die 77% des gesamten Stadtgebietes. Wohnungen mit mehr als drei heizbaren Zimmern fehlten im Wedding dagegen fast völlig.

Tab. 10: Verteilung und Größe der Wohnungen im Wedding und in Gesamt-Berlin 1885.

Wedding

Wohnung mit ... heizbaren Zimmern

0

1

2

3

4

5

6+

Gesamt (%)

Keller

17

808

255

37

4

1

0

6,8

Erdgeschoß

43

1734

719

215

72

19

13

17,1

Hochparterre

11

427

134

35

8

4

3

3,8

1. Stock

48

2779

824

238

91

36

28

24,5

2. Stock

36

2379

708

127

36

8

6

20,0

3. Stock

21

1999

553

65

9

3

0

16,1

4. Stock

21

1410

325

25

0

0

0

10,8

5. Stock

3

62

6

0

0

0

0

0,4

Mehrere Stockwerke

0

7

19

6

10

13

14

0,4

Gesamt (%)

1,2

70,4

21,5

4,5

1,4

0,5

0,4

100,0

Gesamt-Berlin

Wohnung mit ... heizbaren Zimmern

0

1

2

3

4

5

6+

Gesamt (%)

Keller

375

17867

8454

1166

143

16

2

9,2

Erdgeschoß

637

17037

11142

5181

2255

1170

1396

12,8

Hochparterre

191

5455

2614

1057

363

150

159

3,3

1. Stock

447

24746

13835

8011

4133

2679

3933

19,0

2. Stock

415

26827

15770

7863

3571

2318

3302

19,8

3. Stock

426

29759

16840

6377

2571

1644

1990

19,6

4. Stock

446

28930

12168

2416

714

257

183

14,8

5. Stock

30

1684

433

56

12

4

0

0,7

Mehrere Stockwerke

7

188

508

369

271

172

973

0,8

Gesamt (%)

1,0

50,1

26,9

10,7

4,6

2,8

3,9

100,0


Quelle: Böckh (Abt. III.) (1891), S. 29f.

Für die Gesamtzahl der Wohnungen ermöglicht die Statistik eine Differenzierung nach Vorder- und Hintergebäuden. Mit einem Verhältnis von 60,4%:39,6% entsprachen die Werte des Weddings exakt dem Berliner Durchschnitt.

↓177

Tab. 11: Verteilung der Wohnungen nach Vorder- (VH) und Hinterhaus (HH). Wedding und Gesamt-Berlin 1885 (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

VH

HH

VH

HH

Keller

4,1

2,7

5,5

3,7

Erdgeschoß

8,9

8,2

6,9

5,9

Hochparterre

1,9

1,9

1,5

1,8

1. Stock

13,9

10,6

11,4

7,6

2. Stock

12,9

7,1

12,6

7,1

3. Stock

11,1

5,0

12,6

7,0

4. Stock

7,0

3,8

8,7

6,1

5. Stock

0,3

0,1

0,4

0,3

mehrere Stockwerke

0,4

0,1

0,7

0,1

Gesamt

60,4

39,6

60,4

39,6


Quelle: Eigene Berechnung nach Böckh (Abt. III.) (1891), S. 20-23.

Als weiteres Kriterium ist die Belegungsdichte, d.h. die Zahl der Personen je Zimmer zu berücksichtigen. Unklar bleibt, welche Raumeinheiten als „Zimmer“ in die Berechnungen aufgenommen wurden. Dies erschwert die Interpretation. So liegt in der Kategorie „ohne heizbares Zimmer“ die Zahl der Wohnungen höher als die Zahl der Zimmer. Eine Erklärung hierfür ist nicht genannt. Wahrscheinlich ist, daß in diesem Fall ein einzelner Küchenraum als separate Wohneinheit gerechnet wurde.

Klammert man diesen Aspekt aus, ergibt sich für das Untersuchungsgebiet ein Mittelwert von 2,6 Personen je Zimmer gegenüber 1,9 im Gesamt-Berliner Durchschnitt. In allen Wohnungsgrößen lag der Wedding entweder gleichauf oder über den gesamtstädtischen Werten. Vor allem die Differenz in der quantitativ so bedeutsamen Rubrik der Wohnungen mit einem heizbaren Zimmer wirkte sich entscheiden auf den höheren Gesamtwert aus.

↓178

Tab. 12: Belegungsdichte. Wedding und Gesamt-Berlin 1885.

Wohnungen mit ... heizbaren Zimmern

Zahl der Bewohner je Zimmer

Wedding

Gesamt-Berlin

0

3,7

3,6

1

3,3

3,0

2

2,2

2,1

3

1,5

1,4

4

1,2

1,2

5

1,0

1,0

6+

0,9

0,8

Gesamt

2,6

1,9


Quelle: Eigene Berechnung nach Böckh (Abt. III.) (1891), S. 24f.

Schließlich bleibt ein kurzer Blick auf die infrastrukturelle Ausstattung der Wohnungen. Die Grundstücks- und Wohnungsaufnahme von 1885 erfaßte drei Kriterien: das Vorhandensein von Wasserleitungen, Wasserclosets und Badeeinrichtungen. In allen drei Rubriken belegte der Wedding den letzten Platz. Noch 1885 waren 26,4% der Weddinger Vorder- und 40,6% der Hinterhauswohnungen ohne Wasseranschluß. Nur Alt-Cöln reichte mit 17,1% und 35,5% annähernd an diesen Wert heran. Der Berliner Durchschnitt lag demgegenüber bei 11,0% bzw. 21,3%.

Noch ungünstiger gestalteten sich die Verhältnisse bei der Ausstattung mit Wasserclosets. Während im Stadtgebiet bereits 50,3% der Wohnungen im Vorderhaus und 28,3% im Hinterhaus über ein solches verfügten, bildete der Wedding mit 15,1% und 8,5% das einsame Schlußlicht.

↓179

Lediglich bei der Ausstattung mit Badeeinrichtungen fielen die Abweichungen geringer aus. Dies lag jedoch ausschließlich an dem im gesamt Stadtgebiet sehr niedrigen Standard. In ganz Berlin verfügten 1885 lediglich 7,3% der Vorderhaus- und 0,3% der Hinterhauswohnungen über ein Badezimmer. Im Vergleich dazu beliefen sich die Anteile innerhalb des Weddings auf 1,0% und 0,1%.187

Festzuhalten bleibt: Eine noch weitgehend ländlich geprägte Bausubstanz mit einer unterdurchschnittlichen sanitären Ausstattung und einer hohen Belegungsdichte kennzeichnete zu Beginn des Untersuchungszeitraums die Wohnraumsituation des Weddings.

Die letzten Zahlen vor dem Kriegsausbruch sind für das Jahr 1910 verfügbar. Innerhalb von 25 Jahren hatte sich die Gebäudestruktur grundlegend gewandelt. Eine extreme vertikale Verschiebung der Anteile ist erkennbar. Die Bedeutung von ein- und zweistöckigen Gebäuden sank von 45,3% auf 7,2%. Im Gegenzug stieg der Anteil der Gebäude mit fünf und mehr Vollgeschossen von 23,5% auf 81,7%. Dies waren fast vier Prozentpunkte mehr als der Berliner Durchschnitt. Im Standesamtsbezirk Wedding (XIII b) lag der Anteil der fünfgeschossigen Gebäude aufgrund der großflächigen Neubaugebiete sogar bei 87,9%.

↓180

Tab. 13: Anzahl der Stockwerke je Gebäude 1910. Wedding/Gesundbrunnen und Gesamt-Berlin (in %).

Zahl der Stockwerke

1

2

3

4

5+

Wedding (XIII b)

1,9

3,4

2,7

4,1

87,9

Wedding/Gesundbrunnen (XIII)

2,3

4,9

4,5

6,6

81,7

Stadt Berlin

0,9

2,5

4,1

14,5

78,0


Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910 sowie die Wohnungs- und Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910 in der Stadt Berlin und 44 Nachbargemeinden. Erste Abteilung. Stadt Berlin. 1. Heft. Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910. Berlin 1913, S. 93f.

Die höhere Bebauung spiegelte sich in der vertikalen Anordnung der Wohnräume wider. Die Bedeutung der unteren Etagen zwischen Keller und erstem Obergeschoß sank folgerichtig von 52,2% auf 34,7%. Damit lagen die Werte des Weddings unterhalb des städtischen Mittels von 36,5%. Fast 65% der Wohneinheiten befanden sich nunmehr im zweiten bis vierten Obergeschoß. Dieser Wert überstieg den Berliner Durchschnitt um 2,2 Prozentpunkte und bedeutete eine völlige Umkehrung der Situation von 1885. Mit einem Anteil von 1,1% blieben Kellerwohnungen ohne jegliche statistische Relevanz.

Auch bei der Wohnungsgröße sind deutliche Unterschiede auszumachen. Nicht mehr Einzimmerwohnungen, sondern Quartiere mit zwei und drei Räumen stellten mit knapp 80% die höchsten Anteile. Dies änderte allerdings nichts daran, daß der Wedding im oberen Marktsegment bei den Wohnungen mit vier und mehr Räumen unterrepräsentiert blieb.

↓181

So augenfällig die Veränderungen auch sind, ist Zurückhaltung bei der Bewertung angebracht. Die Statistik des Jahres 1910 bezieht sich nicht wie 1885 auf die Zahl der heizbaren Zimmer, sondern auf die Gesamtzahl der verfügbaren Wohnräume:

„Als Wohnräume zählen heizbare Zimmer, nicht heizbare Zimmer, Kammern, Mädchenkammern, Alkoven und Küchen (ausschl. gemeinsamer Küche).“188

↓182

Die unterschiedlichen Grundgesamtheiten schränken die Vergleichbarkeit ein. Je schlechter die Ausstattung mit Heizgelegenheiten war, desto stärker machten sich die veränderten Erhebungsparameter bemerkbar. Bedenkt man die schlechte Ausstattung der Wohnungen im Wedding 1885, so dürften die Verzerrungen nicht unerheblich sein. Dies gilt vor allem für die Wohnungsgröße. Die Schwerpunktverlagerung auf zwei bzw. drei Wohnräume könnte in erster Linie dieser Tatsache geschuldet sein.

Tab. 14: Verteilung und Größe der Wohnungen im Wedding und in Gesamt-Berlin 1910.

Wedding/

Gesundbrunnen

ges.

Zahl der Wohnräume

Gesamt

%

abs.

0

1

2

3

4

5

6+

   

Keller

1

90

265

199

80

17

4

1,1

656

Erdgeschoß

14

718

3489

2633

810

278

146

12,9

8088

Hochparterre

0

37

225

214

95

35

32

1,0

638

1. Stock

0

577

4796

4355

1183

703

672

19,7

12286

2. Stock

0

558

5516

5315

1175

628

433

21,8

13625

3. Stock

0

649

6137

5757

1012

433

183

22,7

14171

4. Stock

0

744

5577

5062

870

301

86

20,2

12640

5. Stock

0

32

75

46

4

2

0

0,3

159

mehrere Stockwerke

0

0

15

26

51

35

72

0,3

199

Gesamt (%)

0,0

5,5

41,8

37,8

8,5

3,9

2,6

100,0

62462

Berlin

gesamt

Zahl der Wohnräume

Gesamt

%

abs.

0

1

2

3

4

5

6+

  

Keller

18

1957

6262

6744

2493

575

121

3,3

18170

Erdgeschoß

163

6867

25081

21792

9029

3990

3686

12,7

70608

Hochparterre

0

801

2561

2836

1581

1271

2717

2,1

11767

1. Stock

4

6052

30618

29836

12405

8915

14022

18,4

101852

2. Stock

3

6739

36255

37092

13399

8953

12882

20,8

115323

3. Stock

4

8157

42130

42545

13148

7497

9207

22,1

122688

4. Stock

2

9521

42213

38841

10139

4753

3297

19,6

108766

5. Stock

0

596

1584

918

182

58

36

0,6

3374

mehrere Stockwerke

0

0

52

246

300

257

1214

0,4

2069

Gesamt (%)

0,0

7,3

33,7

32,6

11,3

6,5

8,5

100,0

554617


Quelle: Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Die Einschränkungen gelten nicht für die Verteilung der Wohnungen nach Vorder- und Hinterhaus, da in diesem Falle nur die geschlossenen Wohneinheiten unabhängig von der Zahl der Zimmer erfaßt wurden. Die Bedeutung der Vorderhauswohnungen war insgesamt deutlich zurückgegangen. Lagen 1885 sowohl im Wedding als auch im Berliner Durchschnitt noch 60% der Wohneinheiten zur Straßenfront, waren die Werte bis 1910 im gesamten Stadtgebiet auf 51,6% und im Wedding gar auf 47,8% gesunken. Mehr als die Hälfte der Wohnungen lag nunmehr auf den hinteren Teilen der Grundstücke. Ein Indiz für die zunehmende bauliche Ausnutzung der Grundstücke.

↓183

Tab. 15: Verteilung der Wohnungen nach Vorder- (VH) und Hinterhaus (HH). Wedding und Gesamt-Berlin 1910 (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

VH

HH

VH

HH

Keller

0,6

0,5

1,8

1,5

Erdgeschoß

4,0

8,9

4,6

8,1

Hochparterre

0,5

0,5

1,2

1,0

1. Stock

9,5

10,2

9,7

8,7

2. Stock

10,9

10,9

11,3

9,5

3. Stock

11,6

11,1

12,1

10,0

4. Stock

10,4

9,8

10,4

9,2

5. Stock

0,1

0,1

0,3

0,3

mehrere Stockwerke

0,3

0,1

0,3

0,1

Gesamt (%)

47,8

52,2

51,6

48,4


Quelle: Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Trotz der stärkeren baulichen Verdichtung sank innerhalb des Weddings die Belegungsdichte von 2,6 auf 1,43 Personen je Wohnraum bzw. von 1,9 auf 1,28 im Stadtgebiet. Ob ein direkter Vergleich der Zahlen allerdings zulässig ist, muß offen bleiben. Sollte sich die Vermutung bestätigen, daß in den Zahlen von 1885 u.a. die Küchen nicht berücksichtigt wurden, wäre das Ausmaß des Rückgangs deutlich zu relativieren. Würde man zu jeder Wohnung des Jahres 1885 einen fiktiven Küchenraum hinzurechnen, hätte die Belegungsdichte bereits zu Beginn des Untersuchungszeitraumes ein Niveau von 1,62 Personen erreicht. Zumindest deuten die Zahlen darauf hin, daß die zunehmende bauliche Verdichtung mit keiner Verschärfung der Wohnraumsituation einherging. Trotz der statistischen Unsicherheiten lassen die Werte auf eine Abnahme der Personenzahl je Wohnraum schließen.

In jedem Falle verzeichneten die Zweiraumwohnungen der Vorder- und Hinterhäuser im Jahr 1910 die höchste Belegungsdichte. Erst an zweiter Stelle folgten die Quartiere mit lediglich einem Wohnraum.

↓184

Tab. 16: Belegungsdichte. Wedding und Gesamt-Berlin 1910. (VH = Vorderhaus, HH = Hinterhaus).

Zahl der Wohnräume je Wohnung

Wedding

Berlin

VH

HH

Gesamt

VH

HH

Gesamt

1

1,48

1,54

1,52

1,38

1,44

1,42

2

1,61

1,75

1,71

1,50

1,64

1,60

3

1,35

1,50

1,42

1,25

1,38

1,32

4

1,04

1,19

1,07

0,99

1,09

1,01

5

0,86

1,02

0,87

0,81

0,89

0,82

Gesamt *)

1,27

1,60

1,43

1,13

1,45

1,28


*) In den Gesamtzahlen mußten die Werte der Wohnungen mit sechs und mehr Räumen unberücksichtigt bleiben, da die exakte Zimmerzahl aus der Sammelkategorie nicht zu ermitteln war.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Im Bereich der infrastrukturellen Ausstattung konstatierte Ascher tiefgreifende Verbesserungen:

↓185

„Selbst für die kleinste Wohnung wurde ein eigenes Klosett verlangt. Gemeinschaftliche Klosetts verschwanden; die früheren dunklen, in irgend einen Winkel eingezwängten Anlagen ohne Luft und Licht waren nicht mehr zulässig.[ 189 ] Jede mittlere und auch ein wesentlicher Teil der kleinen Wohnungen erhielt Badezimmer; Wasserleitung, Gas zum Kochen und zur Beleuchtung waren selbstverständlich, ebenso für die größeren Wohnungen die Anlage für elektrisches Licht. Ohne die Anlage eines Balkons war selbst die kleinste Wohnung schwer vermietbar, für große Wohnungen war außerdem noch der Bau von Erkern Bedingung. Heizung, Warmwasserbereitung, Personenfahrstuhl, Staubsauger, eingemauerte Tresore, Normaluhr und Weckeranlage und anderer moderner Luxus trat in den letzten Jahrzehnten hinzu [...].“190

Zweifellos überzeichnete Ascher die tatsächlichen Verhältnisse. Von einem Wohnluxus war die Masse der Bevölkerung weit entfernt. Trotzdem hat Ascher sicherlich recht, wenn er steigende Wohnansprüche konstatiert.

Ein Blick auf die leerstehenden Wohnungen in der großen Immobilienkrise vor dem Kriegsausbruch untermauert diese Beobachtung. Von dem Leerstand waren - zumindest im Wedding - nicht die großen und teuren Wohnungen zur Straßenfront betroffen, sondern am stärksten die Ein- und Zweizimmerwohnungen mit einem Mietpreis von unter 600 Mk. in den Hinterhäusern.

↓186

Von den am 01. Dezember 1912 im Standesamtsbezirk XIII b (Wedding) leerstehenden 1.879 Wohnungen ohne Gewerberäume lagen 63% auf dem hinteren Teil der Grundstücke, 57% bestanden nur aus einem Zimmer und 58% hatten einen Mietwert von unter 300 Mk. jährlich. Dem standen lediglich 39 Wohnungen mit vier und mehr Zimmern gegenüber, die sich allesamt im Vorderhaus befanden.191 Es stellt sich vor diesem Hintergrund sogar die Frage, ob tatsächlich von einer allgemeinen Immobilienkrise gesprochen werden darf oder ob es sich nicht vielmehr um die Krise eines bestimmten Marktsegmentes handelte. Zumindest widerspricht das Ergebnis einem der zentralen Kritikpunkte der Wohnungsreformer, die vor allem das Fehlen von kleinen und bezahlbaren Wohnungen monierten. Gerade in den niedrigsten Größen- und Preisklassen herrschte das größte Überangebot - auch wenn die Leerstandsquoten freilich keine Rückschlüsse auf die Qualität des Wohnraums zulassen.

Die Statistik bestätigt die Verbesserungen. Gegenüber 1885 hatte der Wedding die sanitären Defizite mehr als kompensiert. Vor allem die großen Neubaugebiete im Standesamtsbezirk XIII b führten zu einem sehr modernen und gut ausgestatteten Wohnungsbestand, der sich an dem fortgeschrittenen technischen Entwicklungsstand orientierte. Bei den meisten Kriterien hatte der Wedding bereits den Berliner Durchschnitt erreicht oder sogar überschritten.

Tab. 17: Indikatoren zur Wohnungs- und Grundstücksausstattung 1910 (in %).

XIII a

XIII b

XIII

Berlin

 

Bewohnte Wohnungen nach ihrer Ausstattung

  

Abort zur alleinigen Benutzung

47,9

67,2

58,5

53,4

  

mit Badezimmer

8,7

13,9

11,5

13,5

  

Warmwasser

0,3

0,4

0,4

1,0

  

mit Gasbenutzung zum Kochen

29,6

38,2

34,3

34,6

  

mit Gasbenutzung zur Beleuchtung

40,5

50,0

45,7

45,0

  

mit elektrischer Beleuchtung

0,8

0,6

0,7

1,7

  

ohne Gas- und elektrische Beleuchtung

59,3

49,9

54,1

54,4

  

  

Bewohnte Grundstücke nach ihrer Ausstattung

  

mit Gasleitung überhaupt

91,4

96,7

94,1

98,9

  

mit elektrischer Leitung überhaupt

25,7

23,2

24,4

39,6

  

ohne Gas- und elektrische Leitung

8,1

3,1

5,5

1,0

  


Anm.: XIII a = Gesundbrunnen, XIII b = Wedding, XIII = Wedding und Gesundbrunnen.

Quelle: Statistisches Amt Berlin (1913), S. 78-81 bzw. (1914), S. 38.

↓187

Fast alle Grundstücke waren nunmehr an das Gasnetz angeschlossen. Der elektrische Strom stand vor dem Durchbruch. In annähernd 60% der Wohnungen befand sich ein separates Klosett, 11 von 100 Wohnungen hatten ein Badezimmer und in mehr als 34% der Wohnungen hatte sich das Gas in der Küche als Brennstoff durchgesetzt. Die 1885 aktuellen Rubriken „Vorhandensein einer Wasserleitung bzw. eines Wasserclosets“ tauchten in der Statistik von 1910 überhaupt nicht mehr auf.

Die verschiedenen Zahlen belegen, wie unmöglich es ist, von „der“ Wohnsituation zu sprechen. Abhängig vom Gebäudealter, Vorder- oder Hinterhaus, der Zimmergröße oder der Etage konnte sich ein vollkommen abweichendes Bild ergeben. Selbst unter dem gleichen Dach waren große bauliche Gegensätze möglich.

Fest steht: Im Untersuchungszeitraum vollzogen sich im Bereich des Wohnungsbaus zwei gegenläufige Entwicklungen. Auf der einen Seite stand die immer stärkere bauliche Ausnutzung der Grundstücke, die den Anteil der Hinterhauswohnungen kontinuierlich steigen ließ. Auf der anderen Seite verbesserte sich die Ausstattung der Wohnungen und auch die Wohndichte zeigte eine abnehmende Tendenz.

↓188

Eine Beurteilung der so viel kritisierten „Mietskaserne“ sollte aus diesem Grund sehr differenziert erfolgen. So berechtigt die Kritik im Einzelfall auch war, gibt der Bewertungsmaßstab den Ausschlag. Je nachdem, ob man von dem maximal möglichen ausgeht oder von dem was in der Vergangenheit war, wird die Beurteilung der Situation eine andere sein. Benevolo brachte die Problematik am besten auf den Punkt, indem er zur Berichterstattung über Elendsquartiere in England und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts feststellte:

„Und wenn damals häufiger über schlechte Wohnungen geklagt wird, dann nicht so sehr deshalb, weil ihre Qualität sich verschlechtert hätte, sondern weil der Pegel, mit dem sie verglichen werden, sich immer mehr erhöht. Der verbesserte Lebensstandard und die neue soziale Einstellung bewirken, daß gewisse Unvollkommenheiten, die ein Jahrhundert früher als unvermeidlich hingenommen wurden, jetzt als unerträglich empfunden werden.“192

III.1.3.2 Wohnformen - Fallbeispiele

III.1.3.2.a)  Das privatwirtschaftliche Mietshaus

↓189

Die statistischen Zahlen vermitteln einen Eindruck von den qualitativen Veränderungen der Bausubstanz im Untersuchungszeitraum. Zwischen der Wohnungsausstattung in den 1880er Jahren und der Zeit vor dem Kriegsausbruch bestand ein signifikanter Unterschied. Dieser bezog sich nicht allein auf die Gegenüberstellung der tradierten Vorortbebauung mit den fünfgeschossigen Mietshausneubauten. Auch zwischen den Neubauten selbst bestanden erhebliche Abweichungen. Trotz aller physiognomischen Ähnlichkeit wichen die Ausstattungsmerkmale zu Beginn und am Ende des Untersuchungszeitraumes deutlich voneinander ab.

Ein geschlossener Mietshauskomplex der 1880er Jahre findet sich u.a. in dem bereits angesprochenen Areal unmittelbar nördlich der Ringbahn (vgl. Abb. 37).193 Im Herbst 1887 kaufte eine Terraingesellschaft - die Grundrenten-Gesellschaft - die gesamten Straßenfront Müllerstraße 163a-168 auf.194Sie sorgte für die Parzellierung und reichte einen einheitlichen Bebauungsplan beim Polizeipräsidium ein. Nach Erbringung der nötigen Vorleistungen - die Müllerstraße mußte an dem betreffenden Straßenabschnitt reguliert, gepflastert und entwässert werden - stand der Baugenehmigung nichts im Wege. Schon ein Jahr später konnte die Gesellschaft das Geschäft als abgeschlossen verbuchen. Mit den erteilten Bauscheinen im Rücken übernahmen private Bauunternehmer die Errichtung der Gebäude.

Die Gebäudestruktur umschloß - abgesehen von den Eckgrundstücken - jeweils zwei Innenhöfe. Ein Vorderhaus, ein Quergebäude und ein Seitenflügel treten als strukturierende Elemente in Erscheinung. Auf dem zweiten Hinterhof sind Remisen und Stallgebäude zu erkennen.

↓190

Abb. 37: Grundstücke der Grundrenten-Gesellschaft 1887 - Müllerstraße 163a-168.

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M (1908).

Keller- oder Dachgeschoßwohnungen waren in den Planungen nicht vorgesehen. Die größten Wohneinheiten lagen im Vorderhaus zur Straßenfront. Das Gebäude Müllerstraße 166 steht stellvertretend für das gesamte Areal (vgl. Abb. 38). Im 1. und 2. Stockwerk bestand das Vorderhaus lediglich aus zwei Wohnungen mit je drei Stuben und einer Küche. Sowohl in den Seitenflügeln als auch im Quergebäude lassen sich dagegen ausschließlich Wohneinheiten mit einer Stube und Küche nachweisen. Das Verhältnis von Ein- zu Drei-Zimmerwohnungen betrug je Stockwerk 7:2.

Die sanitäre Ausstattung differierte hingegen kaum. Sowohl im Vorder- als auch im Hinterhaus lagen die Toiletten im Treppenhaus. Separate Badezimmer existierten nicht. Lediglich ein Vermerk aus dem Jahr 1908 deutet im ersten Seitenflügel den nachträglichen Umbau einer Küche zu einem Baderaum an.195

↓191

Im Erdgeschoß dominierte die Ladennutzung (vgl. Abb. 39). Das Eckgebäude Müllerstraße 163a verdeutlicht das Ausmaß der Einzelhandelsnutzung. Fast die gesamte Straßenfront bestand aus Verkaufsräumen. Nur wenige schmale Wohnstuben unterbrachen die Reihe der Ladenflächen.196 Dies betraf allerdings nur die unmittelbar an den Straßenraum grenzenden Räumlichkeiten. Auf der publikumsabgewandten Seite zum Innenhof blieb die Raumnutzung identisch mit den darüberliegenden Etagen.

Abb. 38: Müllerstraße 166 - Grundriß der Stockwerke 1 und 2.

Quelle: LAB, B Rep. 203, Nr. 9616 (Müllerstraße 166, Bd. 2).

Abb. 39: Erdgeschoß Müllerstraße 163a (Stand 1893).

Quelle: LAB, B Rep. 203, Nr. 2471 (Müllerstraße 163a, Ecke Straße 6).

↓192

Mehr als 20 Jahre später und ca. zwei Kilometer weiter nördlich begann die Bebauung der Otawistraße. Auf der südlichen Straßenseite, direkt gegenüber dem Grundstückskomplex II der BABN,197 hatte die Norddeutsche Immobilien-Aktiengesellschaft bis 1911 für die Erschließung der Grundstücke gesorgt. Aufgrund der bestehenden Immobilienkrise kam die Bebauung nur schleppend voran. Eines der ersten realisierten Gebäude stand auf dem Grundstück Nr. 38.

Abb. 40: Grundstück Otawistraße 38.

Quelle: Verändert nach Stadtplan von Berlin, IV gg und gf-w (1931 und 1940).

Allein der Grundriß offenbart eine deutliche Abweichung von den Bauplänen der Grundrenten-Gesellschaft. Die Grundstückstiefe hatte sich deutlich verringert. Den einzigen Innenhof umgaben zwei Seiten- und ein Quergebäude. Nichts geändert hatte sich dagegen an den unterschiedlichen Wohnungsgrößen zwischen Vorder- und Hinterhaus (vgl. Abb. 41). Im 3. und 4. Stockwerk lagen zur Straßenfront vier Zweizimmerwohnungen. Diesen standen acht Einzimmerwohnungen in den übrigen Gebäudeteilen gegenüber.

↓193

Der entscheidende Unterschied zu den 1880er Jahren lag in der Ausstattung der Wohnungen. Die Toiletten im Treppenhaus waren verschwunden. Selbst im Hinterhaus besaßen alle Wohnungen eine Innentoilette. 50% der Wohneinheiten verfügten sogar über ein eigenes Badezimmer. Lediglich das hintere Quergebäude blieb an diesem Punkt außen vor. Die sanitäre Situation hatte sich insgesamt deutlich verbessert.

Abb. 41: Grundriß Otawistraße 38 - 3. und 4. Stockwerk.

Quelle: Nach LAB, B Rep. 203, Nr. 2708.

III.1.3.2.b) Genossenschaftliches Wohnen

Unter der Dominanz des privatwirtschaftlich-kapitalintensiven Bauens traten in den Jahren des Kaiserreiches alternative Finanzierungs- und Wohnkonzepte nur punktuell in Erscheinung. Ein von öffentlichen Steuermitteln getragener Wohnungsbau existierte nicht. Erst das Preußische Wohnungsgesetz vom 28. März 1918 schuf hierfür die rechtlichen Voraussetzungen.198

↓194

Die einzige statistisch relevante Größe blieben Baugenossenschaften. Ihre Zahl stieg im gesamten Reichsgebiet seit 1889 rasch an. Das in diesem Jahr verabschiedete „Gesetz, betreffend die Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften“ (01. Mai) ermöglichte die Gründung von Genossenschaften mit beschränkter Haftung, wodurch sich das Risiko für die beteiligten Personen minimierte.199 Für das nötige Kapital sorgte neben den Einlagen der Genossen die Invaliditäts- und Altersversicherung des gleichen Jahres (22. Juni 1889). Das über die Versicherung angesammelte Geld konnte den Baugenossenschaften zu günstigen Zinssätzen zur Verfügung gestellt werden.200

Eine dieser Genossenschaften war der Berliner Spar- und Bauverein. Am 09. März 1892 erfolgte der Eintrag in das Genossenschaftsregister.201 Mit einem Mitgliederbestand von über 2.500 Personen (1902) zählte der Verein zu den größten Baugenossenschaften Berlins.202 Das erste vereinseigene Gebäude wurde am 01. Oktober 1894 in der Sickingenstraße 7/8 in Moabit fertiggestellt. Die architektonische Gestaltung übernahm der Regierungsbaumeister Alfred Messel, der zunächst dem Vorstand und ab 1898 dem Aufsichtsrat des Vereins angehörte.203

Die große Schwierigkeit der Baugenossenschaften bestand in der permanenten Diskrepanz von Wohnungssuchenden und fertiggestelltem Wohnraum. Nach Zahlen aus dem Jahr 1902 standen in den Reihen des Spar- und Bauvereins 2.428 Wohnungsbedürftigen 348 Neubauwohnungen gegenüber. Lediglich 14% der Mitglieder konnten eine Wohnung erhalten, während 86% leer ausgingen. Die Vergabe mußte durch Losentscheid erfolgen.204 Um die enorme Nachfrage zu decken, durfte die Bautätigkeit nicht ins Stocken geraten. In schneller Abfolge entstanden über das gesamte Stadtgebiet verteilte Wohnanlagen.205 In den Ansiedlungen des Vereins lebten 1902 1.389 Personen.

↓195

Abb. 42: Gebäudekomplex Nordufer 10-14.

Quelle: Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. H (1908).

Die ersten Aktivitäten des Spar- und Bauvereins im Untersuchungsgebiet sind für das Jahr 1903 nachgewiesen. In diesem Jahr erwarb der Verein das Grundstück am Nordufer 10-14 zwischen der Buch- und Fehmarnstraße. Über das Areal vermerkte der Geschäftsbericht:

↓196

„Wir haben das in der Gegend des Virchow-Krankenhauses unmittelbar neben dem Königlichen Institut für Infektionskrankheiten an dem Nord-Ufer, der Buch- und Fehmarn-Straße gelegene 6000 qm große Grundstück zum Preise von 850 Mk. pro Quadratrute bezw. 60 Mk. pro qm erworben. Das Grundstück hat an dem Nord-Ufer 120 m, an der Fehmarn-Straße 70 m und an der Buch-Straße 25 m Straßenfront, sämtliche 3 Straßen sind asphaltiert. Vor der Front am Nord-Ufer liegt ein 7 ½ m breiter Vorgarten, während das Nord-Ufer selbst eine breite mit drei Baumreihen besetzte Straße bildet, die am Spandauer Schiffahrts-Kanal liegt.

Maßgebend beim Ankauf des Grundstückes waren neben dem tadellosen Baugrund die verhältnismäßig große Straßenfront, die freie Lage und die guten Verbindungen, die der vom Grundstück 5 Minuten entfernt liegende Bahnhof Putlitz-Straße [heute: Beusselstraße] und die nach Eröffnung des neuen Krankenhauses hinzutretenden Straßenbahnen nach allen Teilen der Stadt schaffen.“206

↓197

Auf dem gesamten Areal war der Bau von 191 Wohn- und 8 Geschäftseinheiten vorgesehen. Diese sollten sich wie folgt verteilen:

Tab. 18: Geplante Wohneinheiten Nordufer 10-14 (1903).

Zahl der Wohnungen

Zahl der Stuben

Größe

77

1

nebst Küche und Zubehör

4

2

(kleine)

83

2

(1 große, 1 kleine)

13

2

(beide zweifenstrig)

7

3

(1 große, 2 kleine)

7

3

(2 große, 1 kleine)

dazu:

1 Restaurant

1 Bäckerei

1 Kolonialwaren-Laden

5 Läden


Quelle: Berliner Spar- und Bauverein (1904), S. 5.

Auffällig sind die großen Innenhöfe, die deutlich von den bis dato vorgestellten Grundrißtypen abweichen (vgl. Abb. 43). Von den 6.000 qm Grund und Boden waren lediglich 3.125 qm zur Bebauung vorgesehen - ein Anteil von 52%. Auch die Verteilung der Wohnungen entsprach nicht den bisher vorgestellten Mustern. Die Größen- und Ausstattungsunterschiede zwischen Straßenfront und Innenhof wurden aufgehoben. Die konzipierten Ein- und Zweizimmerwohnungen verteilten sich gleichmäßig über den gesamten Gebäudekomplex. Jede Wohnung verfügte über eine Küche und eine eigene Innentoilette. Die reine Wohnfläche (ohne Küche) variierte zwischen ca. 20 qm in Einzimmerwohnungen und ca. 32 qm in Zweizimmerwohnungen. Die Vermietung begann zum 01. Oktober 1905.

↓198

Auch wenn der Gebäudegrundriß innovative Elemente erkennen ließ, die auf eine Verbesserung der Wohnsituation zielten, blieb der Entwurf stark mit der vorherrschenden Bebauungsstruktur der Umgebung verhaftet. Die Blockrandbebauung und Tiefenerschließung durch Quergebäude blieb erhalten. An diesem Punkt wird die enge Verflechtung mit dem privaten Wohnungsmarkt offensichtlich. Die hohen Bodenpreise schlossen ein grundlegend neuartiges Bebauungskonzept von vornherein aus. Ein Kompromiß zwischen der maximalen und gerade noch rentablen Überbauungsdichte mußte gefunden werden.

Die eigentliche Verbesserung betraf die rechtliche Situation der Bewohnerschaft. Die mit der Genossenschaft abgeschlossenen Mietverträge konnten im allgemeinen nicht gekündigt werden, solange eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft bestand und alle Bestimmungen des Mietkontraktes erfüllt wurden. Mieterhöhungen waren nur bei einem etwaigen Wohnungswechsel möglich. Die Mieter erhielten de facto den Status von Wohnungseigentümern.207

Abb. 43: Grundriß Nordufer 10-14 - 3. und 4. Stockwerk.

Quelle: Berliner Spar- und Bauverein (1904), Blatt 4.

III.1.4 Zwischenfazit

↓199

In den drei Jahrzehnten vor dem Kriegsausbruch hatte sich das Gesicht des Untersuchungsgebietes grundlegend gewandelt. Obwohl der Wedding zunächst kein bevorzugtes Investitionsobjekt darstellte, war die Mietshausbebauung punktuell bis an den nördlichen Stadtrand vorgedrungen. Eine geschlossene Blockrandbebauung dominierte in immer stärkerem Maße das Straßenbild.

Greift man auf die drei Ausgangsfragen zurück, bleibt festzuhalten:

  1. Die Bebauung erfolgte schubweise. Auf eine erste Hochphase der Baukonjunktur zu Beginn der 1890er Jahre folgte ein Einbruch, der bis zur Jahrhundertwende andauerte. Die nun einsetzende Belebung erreichte ihren Höhepunkt 1907. Bis zum Kriegsausbruch war die Entwicklung erneut rückläufig und erreichte 1911/12 ihren absoluten Tiefpunkt.
    Für das Untersuchungsgebiet wurden vor allem die Jahre zwischen 1900 und 1910 prägend. Die fast zeitgleiche Errichtung von drei in sich geschlossenen Neubauvierteln im Norden und Westen führte zu einem städtebaulichen Südost-Nordwest-Gefälle. Mit der baulichen Expansion nach außen auf bis dato unerschlossenes Gelände ging eine zunehmende Verdichtung nach innen einher - ohne allerdings den Nachweis für eine zeitlich getrennte, von außen nach innen gerichtete Entwicklung erbringen zu können.
    Den rechtlich-planerischen Rahmen setzten der Hobrecht-Plan von 1862 und das preußische Fluchtliniengesetz von 1875. Während der Bebauungsplan ein Straßenraster für die Umgebung Berlins projektierte und damit den Startpunkt für eine ausgedehnte Bodenspekulation gab, erhöhten die gesetzlichen Bestimmungen des Jahres 1875 auf entscheidende Weise die finanziellen Hürden für die Baulanderschließung. Die Verpflichtung, als Vorableistung in finanzieller Eigenregie neues Straßenland anzulegen und für die Entwässerung zu sorgen, drängte Privatpersonen als Initiatoren von Bauprojekten in den Hintergrund. Eine zum überwiegenden Teil kreditfinanzierte Verwertungskette des Bodens unter dem maßgeblichen Einfluß aktienkapitalgestützter Terraingesellschaften bestimmte zunehmend das Geschehen. Die Verfügbarkeit von zinsgünstigen Hypotheken, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und die topographische Lage des zur Bebauung anstehenden Geländes wurden zu den maßgeblichen Faktoren für die raum-zeitliche Differenzierung der Bautätigkeit.
  2. Die kartographische Darstellung der Flächennutzungskategorien offenbarte ein überaus heterogenes Verteilungsmuster. Der räumlichen Konzentration der Gewerbeflächen beiderseits der Ringbahn standen die Neubauviertel des Nordwestens mit ihrer fast ausschließlichen Wohnnutzung gegenüber. Vor dem Hintergrund einer möglichst rentablen Ausnutzung der Baugrundstücke führte das Zusammenwirken von spekulativem Bodenmarkt und veränderten Bauordnungsvorschriften zu einer funktionale Trennung - unabhängig von jeglicher Flächennutzungsplanung.
    Demgegenüber stehen die Abdeckerei und das Rudolf-Virchow-Krankenhaus stellvertretend für die große Bedeutung öffentlicher Einrichtungen auf den Prozeß der Stadterweiterung. Bremste der Abdeckereibetrieb lange Zeit die Entwicklung nach Norden, führte der Krankenhausneubau am Spandauer Schiffahrtskanal zu einer beschleunigten Bebauung nach Westen. Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, die Anlage des Schillerparks und der geplante Bau der Unterpflasterbahn markierten zugleich den entscheidenden Schritt von einer quantitativen hin zu einer qualitativen Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur. Darüber hinaus bleibt das Engagement privatwirtschaftlicher Investoren wie der BABN hervorzuheben, die mit ihrem - wenn auch gescheiterten - Schnellbahnprojekt bereits die zukünftige Entwicklung vorwegnahm.
  3. Die Berliner Bauordnungsvorschriften hatten neben der funktionalen Trennung der Flächennutzungskategorien entscheidenden Einfluß auf die Wohnverhältnisse. Der ökonomische Zwang zu einer maximalen baulichen Ausnutzung der Grundstücke, war gleichbedeutend mit einer möglichst optimalen Ausnutzung des gesetzlich Zulässigen. Abhängig von den Abmessungen des Bauplatzes vollzog sich eine Standardisierung der Gebäudeformen. Fünf Stockwerke mit maximal 22 m Höhe schufen seit der Bauordnung von 1887 den äußeren Rahmen. Trotz abnehmender Grundstückstiefen stieg der Anteil der Hinterhausbewohner bis zum Kriegsausbruch kontinuierlich an.
    Mit der enormen Neubautätigkeit ging eine vertikale Verschiebung des Wohnens einher. Zugleich verbesserten sich die Ausstattungsmerkmale entscheidend. Wasserclosets in den Wohnungen samt Badeeinrichtungen waren aus den späten Neubauten nicht mehr wegzudenken.
    Innerhalb der Gebäude kann ein deutliches qualitatives Gefälle zwischen den Vorder- und Hinterhäusern nachgewiesen werden. Während die Wohnungen zur Straßenfront größer und besser ausgestattet waren, sank mit zunehmender Grundstückstiefe der Standard. Einzige Ausnahme bildeten offensichtlich genossenschaftliche Bauten, deren Anzahl allerdings sehr begrenzt blieb.

III.2 Wirtschafts- und Sozialstruktur

↓200

Der Wirkungszusammenhang von beruflicher Tätigkeit, dem Beschäftigungsort und der Wahl des Wohnstandortes gibt die Veranlassung zu einer integrierten Betrachtung der Wirtschafts- und Sozialstruktur. Aus soziologischer Perspektive wird „Sozialstruktur“ als „Gesamtheit der relativ dauerhaften Grundlagen und Wirkungszusammenhänge sozialer Beziehungen und der sozialen Gebilde wie Gruppen, Institutionen und Organisationen einer Gesellschaft“208 definiert. Nach Schäfers lassen sich acht Elemente und Bereiche einer Sozialstrukturanalyse umreißen:

„die Bevölkerungsstruktur und die Bestimmungsgründe für bestimmte Formen des generativen Verhaltens;
Struktur und Wandel des ökonom. Systems, der Berufs- und Produktionssektoren (Struktur von Lohnarbeit und Kapital, des Zusammenhangs von betrieblicher Arbeit mit der sozialen Position und dem sozialen Prestige von Individuen und Gruppen, von betrieblicher Arbeit mit der sozialen Sicherheit, der sozialen Mobilität, der Freizeit, Gesundheit, etc.);
Struktur und Wandel des pol. Systems, vor allem des Staates und der Parteien;
Struktur und Wandel des Systems der sozialen Sicherheit, des Zusammenhangs mit dem Arbeitsverhältnis, der Einkommens- und Vermögensstruktur;
Struktur und Wandel der wichtigsten sozialen Gruppen in der Gesellschaft: der Familie, der Jugend, der Wohnkollektive, der Vereine, der Freizeitgruppen, der Nachbarschaft etc.;
Struktur und Wandel der Siedlungsformen von Städten und Gemeinden;
Struktur und Wandel des Bildungs- und Ausbildungssystems (Differenzierung des Schul- und Hochschulwesens, der Ausbildungsstätten, der Institutionen der Weiterbildung etc.);
Struktur und Wandel des kulturellen Systems, z.B. der Normen und Werte, der religiösen Anschauungen, der pol. Kultur.“209

↓201

Dieser sehr breit gefächerte Definitionsansatz widerspricht dem eingangs formulierten Untersuchungskonzept. Nicht eine auf die Gesellschaft gerichtete Sozialstrukturanalyse im Sinne von Schäfers dient als Zielstellung. Die Fokussierung auf den Raum erfordert - trotz aller Überschneidungslinien - eine abweichende inhaltliche Ausrichtung, die u.a. den Städtebau als eigenständige Bezugsgröße anerkennt und nicht auf eine analytische Ebene im Rahmen einer übergeordneten gesellschaftlichen Gesamtentwicklung reduziert.

Der Begriff „Sozialstruktur“ muß eine inhaltliche Konkretisierung erfahren, die der eigenen Fragestellung gerecht wird. Der angestrebte ökonomische Kontext und die Einsatzmöglichkeiten des Quellenmaterials legen es nahe, die Stellung im Beruf resp. die Schichtzugehörigkeit als zentrale Indikatoren einer Sozialstruktur im engeren Sinne festzulegen.

Ziel ist es, die im Rahmen der städtebaulichen Analyse gewonnenen Ergebnisse in einen sozioökonomischen Kontext zu stellen und weiter zu vertiefen. Die Verknüpfung von branchenspezifischen Produktionsstandorten mit dem Wohnsitz und dem sozialen Status der Beschäftigten leitet zugleich einen Perspektivwechsel von der rein städtebaulichen Ebene hin zu einer personenbezogenen Betrachtung räumlicher Verteilungsmuster ein. Es gilt die Frage zu klären, inwieweit bestimmte städtebauliche Strukturen zu einer sozialräumlichen Differenzierung führten.

↓202

Die Analyse selbst beruht auf einer dreistufigen Vorgehensweise. Zur Einordnung in die Thematik wird zunächst ein Blick auf einige grundlegende sozioökonomische Entwicklungsfaktoren anzustellen sein. Dies beinhaltet u.a. eine allgemeine Auseinandersetzung mit den zu beobachtenden gesamtwirtschaftlichen Konjunkturzyklen, der Arbeitsmarktsituation und der Entwicklung des Reallohnniveaus. In einem zweiten Schritt steht die Branchenstruktur zur Diskussion. Anhand der Beschäftigtenstatistik gilt es, Veränderungen nachzuzeichnen und die für den Wedding relevanten Leitbranchen zu identifizieren. Diese werden in einem dritten Schritt einer separaten Analyse unterzogen. Jede Leitbranche wird - soweit dies im Einzelfall möglich und sinnvoll ist - aus drei Perspektiven beleuchtet:

  1. An erster Stelle steht eine Betrachtung der Beschäftigtenstruktur. Nach einer Gegenüberstellung mit der Situation in den anderen Berliner Stadtteilen wird für jede Branche die Frage nach den räumlichen Verteilungsmustern der Wohnstandorte innerhalb des Untersuchungsgebietes aufgegriffen und eine Verbindung zur beruflichen Stellung der Arbeitnehmerschaft hergestellt.
  2. Basierend auf der Flächennutzungsanalyse von Kapitel 1.2 folgt eine möglichst exakte Verortung der vorhandenen Produktionskapazitäten. Die räumliche Anordnung erlaubt gegebenenfalls Rückschlüsse auf die Wohnstandortwahl.
  3. Schließlich wird zu jeder Branche ein Fallbeispiel - sei es ein einzelnes Unternehmen oder ein zeitgenössischer Situationsbericht - exemplarisch herausgegriffen, um auf charakteristische Merkmalsausprägungen des jeweiligen Wirtschaftszweiges im Detail eingehen zu können.

III.2.1  Sozioökonomische Rahmenbedingungen

Nach dem Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in langen Wellen markierte der Untersuchungszeitraum eine Phase des technologischen Umbruchs. Der Eisenbahnbau und die Schwerindustrie, die seit den 1850er Jahren die Industrialisierung Deutschlands entscheidend beeinflußt hatten, verloren zunehmend an Dynamik. Basisinnovationen wie die Erfindung des Elektro- und Benzinmotors veränderten das Wirtschaftsgefüge von Grund auf. Die Chemische Industrie sowie die Elektro- und Automobilindustrie stiegen zu den neuen Leitsektoren des beginnenden 20. Jahrhunderts auf.

↓203

Abb. 44: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in „langen Wellen“.

Quelle: Schätzl, Ludwig: Wirtschaftsgeographie 1. Theorie. 6. überarb. u. erw. Aufl. Paderborn u.a. 1996, S. 203.

Der wirtschaftliche Einbruch des Jahres 1873 gilt gemeinhin als Endpunkt der Durchbruchsphase der „Industriellen Revolution“ in Deutschland.210 Nicht mehr die Landwirtschaft, sondern der industriell-gewerbliche Sektor bildete fortan den maßgeblichen Faktor wirtschaftlichen Wachstums.

↓204

„Konjunkturschwankungen und -zyklen werden wirtschaftliches, ja allgemein menschliches Schicksal, sie ersetzen die vormals lebensbestimmenden Erntezyklen, den Wechsel von guten Ernten und ‚Mißernten‘.“211

Es kann an dieser Stelle nicht das Ziel sein, die Vor- und Nachteile der vielfältigen Berechnungsverfahren zur Darstellung konjunktureller Schwankungen einer kritischen Diskussion zu unterziehen. Abhängig von dem gewählten Ansatz und den berücksichtigten Indikatoren wird das Ergebnis im Detail ein anderes sein.212 Das Augenmerk ist statt dessen auf eine grundlegende Abgrenzung von Auf- und Abschwungphasen gerichtet. Eine Möglichkeit bietet die Skizzierung einer Verlaufskurve nach der jährlichen Wachstumsrate des Nettoinlandproduktes in Preisen.213

Abb. 45: Deutsches Reich. Jährliche Wachstumsrate des Nettoinlandprodukts in Preisen von 1913.

Anm.: Die Kurve beruht auf den Angaben von Hoffmann, Walter G.: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Berlin u.a. 1965, S. 26. Für die drei mit (2) markierten Jahre (1872, 1897, 1898) kommen Hohorst u.a. nach Kontrollrechnungen auf abweichende Werte: für 1872 statt 8,1% auf 7,0%, für 1897 statt 3,6% auf 2,9% und 1898 statt 3,6% auf 4,3%.

Quelle: Hohorst u.a. (1978), S. 92f.

↓205

Die Konjunkturforschung gliedert den Untersuchungszeitraum in zwei übergeordnete Entwicklungsabschnitte mit dem Jahr 1895 als Wendepunkt. Die davorliegenden Jahre werden gemeinhin - entweder direkt oder indirekt - mit dem Konjunktureinbruch von 1873 in Verbindung gebracht. Während die ältere Forschung der 1960er und 70er Jahre für die Zeitspanne von 1874 bis 1894 den Begriff der „Großen Depression“ prägte,214 legen neuere Untersuchungen seit den Arbeiten von Spree eine Modifikation zugunsten einer relativen Stockungsphase nahe. Dem stehen die knapp zwanzig Jahre bis zum Kriegsausbruch gegenüber, die von einem nahezu ununterbrochenen wirtschaftlichen Aufschwung gekennzeichnet waren.

Nach Spiethoff lassen sich für das Deutsche Reich zwischen 1885 und 1913 innerhalb dieser übergeordneten Zweiteilung jeweils vier kürzere Aufschwung- und Stockungsperioden unterscheiden.215

Stockungsspanne bis 1894:

1883-1887: Stockung

5 Jahre

1888-1890: Aufschwung

3 Jahre

1891-1894: Stockung

4 Jahre

Aufschwungspanne 1895-1913:

1895-1900: Aufschwung

6 Jahre

1901-1902: Stockung

2 Jahre

1903-1907: Aufschwung

5 Jahre

1908-1909: Stockung

2 Jahre

1910-1913: Aufschwung

4 Jahre

↓206

Die Konjunkturschwankungen bestimmten die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Hatte noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Abwertung der eigenen Arbeitsleistung durch den vorhandenen Arbeitskräfteüberschuß das größte Risiko eines Arbeitnehmers dargestellt, rückte mit der voranschreitenden Industrialisierung der temporäre Verlust des Arbeitsplatzes immer stärker in das Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit.

Das sich erst langsam entwickelnde Problembewußtsein drückt sich in dem vorhandenen statistischen Datenmaterial aus.216 Von den Volkszählungen befaßte sich vor 1914 allein die Volks- und Berufszählung des Jahres 1895 mit Fragen der Arbeitslosigkeit. In allen früheren und späteren Erhebungen wurde die Thematik ausgeklammert.

Als alternative Quelle bieten sich die Zahlen der öffentlichen Arbeitsnachweise an, deren Anfänge auf die Armenpflege zurückgehen.217 Die Trägerschaft dieser Arbeitsnachweise lag in der Regel in kommunaler Hand. Eine Ausnahme bildete Berlin, wo sich im Jahr 1883 ein Centralverein-Arbeitsnachweis konstituiert hatte.218 Der Erfolg des Vereins führte dazu, daß die Stadt Berlin bis zum Kriegsausbruch zugunsten der Vereinsarbeit auf die Errichtung eines eigenen städtischen Arbeitsamtes verzichtete. Die Initiatoren setzten sich zum überwiegenden Teil aus Fabrikbesitzern, Kaufleuten, Handwerksmeistern und anderen Gewerbetreibenden bzw. Firmen zusammen. Um die Arbeitgeber zur Meldung von freien Stellen zu motivieren, blieb für sie die Inanspruchnahme der Dienstleistungen des Vereins kostenlos. Arbeitsuchende hatten eine Einschreib- und Vermittlungsgebühr zu entrichten.

↓207

In den Anfangsjahren lag die jährliche Zahl der Vermittlungen bei durchschnittlich 6.000 bis 7.000. Nur langsam nahm die Frequentierung zu. Erst als in den Jahren 1894/95 in Übereinkunft mit den Handwerksinnungen vier Facharbeiternachweise das Angebot erweiterten, begann ein größerer Personenkreis, die Leistungen des Vereins in Anspruch zu nehmen. Erst für die Folgejahre läßt das bereitgestellte Zahlenmaterial verwertbare Rückschlüsse auf die Arbeitsmarktsituation zu, zumal belegt ist, daß Arbeitern ohne Erfolgsaussichten von einer Registrierung abgeraten wurde.219 Da auch in der Folgezeit nur ein Teil der Stellenvermittlungen über den Centralverein abgewickelt wurde, bleibt in jedem Fall eine zurückhaltende Interpretation angebracht.

Die folgende Auflistung kann nicht mehr als einen Eindruck von der tatsächlichen Situation vermitteln. Sie stellt die im Centralverein registrierten Arbeitsgesuche den vorhandenen offenen Stellen und getätigten Vermittlungen gegenüber.220 Nach den vorliegenden Angaben bestand eine Korrelation der Arbeitslosenzahlen mit der Gesamtkonjunktur. Die Rezessionsjahre 1901/02 und 1908/09 führten offensichtlich zu einer deutlich verschärften Lage auf dem Berliner Arbeitsmarkt.

Tab. 19: Arbeitsmarktsituation im Stadtkreis Berlin 1897-1913.

Arbeit suchende

Offene Stellen

Vermittlungen

Arbeit suchende/

Offene Stelle

1897

29.727

-

22.705

-

1898

34.317

-

24.141

-

1899

39.177

-

30.363

-

1900

48.432

48.040

38.393

1,01

1901

41.319

31.339

26.600

1,32

1902

49.552

37.935

30.534

1,31

1903

74.541

60.691

46.616

1,23

1904

99.874

90.499

67.017

1,10

1905

132.950

125.200

90.058

1,06

1906

167.827

142.740

107.398

1,18

1907

167.831

125.454

100.917

1,34

1908

158.795

107.176

88.767

1,48

1909

162.211

122.983

99.827

1,32

1910

204.960

176.914

138.389

1,16

1911

243.828

218.043

176.977

1,12

1912

245.086

201.937

166.069

1,21

1913

224.337

158.481

133.795

1,42

↓208

Eine Arbeitslosenquote läßt sich aus den Zahlen nicht berechnen. Einen Anhaltspunkt liefert Kuczynski, der für das gesamte Reichsgebiet eine Schätzung der Werte vornahm. Die höchste Arbeitslosigkeit bestand demnach mit 6,0% und 7,2% in den Rezessionsjahren 1892 und 1901. Extreme Schwankungen kennzeichneten die Entwicklung:

Tab. 20: Deutsches Reich. Geschätzte Arbeitslosigkeit 1887-1913.

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

1887

1,0

1894

3,5

1901

7,2

1908

2,9

1888

4,5

1895

3,5

1902

3,2

1909

2,8

1889

1,0

1896

1,0

1903

2,7

1910

1,9

1890

2,5

1897

1,5

1904

2,1

1911

1,9

1891

4,5

1898

1,0

1905

1,6

1912

2,0

1892

6,0

1899

1,5

1906

1,2

1913

2,9

1893

3,5

1900

2,5

1907

1,6


Quelle: Kuczynski, Jürgen: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1871 bis 1900. (Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Teil 1. Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis zur Gegenwart, Bd. 3) Berlin 1962, S. 266 und ders.: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1900 bis 1917/18. (Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Teil 1. Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis zur Gegenwart, Bd. 4) Berlin 1967, S. 315.

Eine abschließende Beurteilung der Arbeitsmarktsituation ist nur eingeschränkt möglich. Die Lückenhaftigkeit des Quellenmaterials läßt lediglich einige grundlegenden Aussagen zu. Offensichtlich erlangte der Verlust des Arbeitsplatzes nur in wenigen gesamtwirtschaftlichen Krisenjahren größere Ausmaße. Ein konjunktureller Aufschwung sorgte im Gegenzug für einen raschen und nahezu vollständigen Abbau der Erwerbslosigkeit. Viel wichtiger als die Argumentation mit Jahresdurchschnittswerten erscheint das Phänomen der saisonalen Freistellung von Arbeitskräften, die vor allem in den Wintermonaten für einen erheblichen Teil der Beschäftigten zu einem prägenden Element des Alltags wurde:

↓209

Tab. 21: Saisonale Arbeitslosigkeit in Deutschland. Arbeitsuchende auf 100 offene Stellen nach den Angaben der Arbeitsnachweise 1910-1913.

Jan.

Feb.

Mrz.

Apr.

Mai

Jun.

Jul.

Aug.

Sep.

Okt.

Nov.

Dez.

1910

155,1

142,3

118,3

127,7

131,4

130,4

124,0

114,3

109,2

131,4

150,7

146,8

1911

136,9

129,7

108,7

107,6

112,6

109,9

110,6

111,6

107,7

127,3

151,9

141,1

1912

167,1

167,8

152,2

128,6

135,0

139,4

135,3

130,3

132,9

128,7

161,7

159,6

1913

159,6

165,7

161,4

144,2

142,5

148,6

151,0

155,7

156,2

163,4

200,7

195,2


Quelle: Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie. Bericht der Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin. (Jg. 1911, Bd. I) Berlin 1912, S. 7, (Jg. 1912, Bd. I) Berlin 1913, S. 10 und (Jg. 1913, Bd. I) Berlin 1914, S. 12.

Mit der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen ist schließlich die Frage der Entlohnung verbunden. Zur Bestimmung der Reallohnentwicklung stehen verschiedene Berechnungs- und Schätzungsverfahren zur Verfügung. Ritter/Tenfelde stellen die Ergebnisse von drei Autoren zur Diskussion:

Abb. 46: Nominallohn, Lebenshaltungskosten und Reallohn im Kaiserreich. Indizes 1871-1913. (1895 = 100%).

Anm.: K = Kuczynski, D = Desai, O = Orsagh.

Quelle: Ritter, Gerhard A. und Tenfelde, Klaus: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914. Bonn 1992, S. 492. Verändert nach Kuczynski (1962), S. 295-302. Kuczynski (1967), S. 326-331. Desai, Ashok V.: Real Wages in Germany 1871-1913. Oxford 1968, S. 112, 117 und 125 sowie Orsagh, Thomas J.: Löhne in Deutschland 1871-1913. Neuere Literatur und weitere Ergebnisse. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 125 (1969), S. 476-483.

↓210

Der Nominallohnindex entspricht dem durchschnittlichen Bruttojahresverdienst. Nach Hohorst u.a. (1978) sind die Berechnungen von Desai und Orsagh den Zahlen von Kuczynski vorzuziehen, da sich beide ab 1887 auf die Berichte der Berufsgenossenschaften an das Reichsversicherungsamt über die in der Unfallversicherung erfaßten Personen und ihr Einkommen stützen, wohingegen Kuczynski mit heterogenem Datenmaterial argumentiert.221

Bei der Erstellung eines Index der Lebenshaltungskosten ist die Auswahl der zugrundegelegten Variablen entscheidend. Während sich Kuczynski auf Nahrungsmittel und Mieten beschränkt, bezieht Desai zusätzlich Kleidung, Brennstoff und Beleuchtung ein.222

Den Zusammenhang von Nominallohn und Lebenshaltungskosten drückt der Reallohnindex aus. Er gibt Auskunft über die tatsächliche Kaufkraft und beruht auf der Formel:

↓211

Im Grundsatz stimmt die Tendenz der Ergebnisse überein. Sowohl Kuczynski als auch Desai und Orsagh berechneten einen deutlichen und kontinuierlichen Anstieg der Nominallöhne, der sich v.a. nach der Jahrhundertwende beschleunigte. Dagegen bestand offensichtlich eine Koppelung der Lebenshaltungskosten an den Verlauf der Gesamtkonjunktur. Alle drei Autoren konstatieren nach einer uneinheitlichen Entwicklung mit Preisanstiegen (1871-1875 und 1885-1890) und -rückgängen (1875-1885 und 1890-1895) ab dem Referenzjahr 1895 eine bis zum Kriegsausbruch anhaltende Expansion des durchschnittlichen Kostenniveaus.

Der entscheidende Unterschied ist in der Rubrik der Reallöhne zu suchen. Da Kuczynski den niedrigsten Anstieg der Nominallöhne und die höchste Zunahme der Lebenshaltungskosten zugrundelegte, trat nach seinen Berechnungen mit der Jahrhundertwende eine Stagnation der Reallohnentwicklung ein. Dem widersprechen die Ergebnisse von Desai und Orsagh. Ihre Werte deuten lediglich auf einen verlangsamten Anstieg hin.

↓212

Ritter/Tenfelde führen den verlangsamten Anstieg auf eine verschlechterte Marktposition der Arbeitnehmer zurück. Sie argumentieren einerseits mit einem vermehrten Arbeitskräftepotential im Zuge der Geburtenentwicklung und der Umkehrung der Außenwanderungsbilanz. Andererseits verweisen sie auf Erklärungsansätze, die die hohen Reallohnsteigerungen zwischen 1871 und 1890 mit technischen Fortschritten in der Konsumgüterindustrie und den daraus resultierenden sinkenden Produktionskosten und Preisen in Verbindung bringen. Dabei handelte es sich um Einmaleffekte, die sich in dieser Form nicht reproduzieren ließen.223

Die Auflistung der sozioökonomischen Einflußfaktoren könnte an dieser Stelle beliebig vertieft und ausgeweitet werden. Der Aufstieg der Arbeiterbewegung, der Erfolg und Verlauf von Arbeitskämpfen oder die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre hätten ebenfalls eine Berechtigung, Erwähnung zu finden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit sei jedoch zunächst auf eine Darstellung verzichtet. Im Rahmen der Erörterungen wird gegebenenfalls auf weitere Faktoren einzugehen sein.

Als Orientierungsrahmen bleibt der sich im Untersuchungszeitraum vollziehende technologische Umbruch, die schwankende konjunkturelle Entwicklung mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und der zu beobachtende langfristige Anstieg des durchschnittlichen Reallohnniveaus festzuhalten.

III.2.2 Branchen- und Beschäftigtenstruktur

↓213

Als Datengrundlage für die Abgrenzung von Leitbranchen dienen die Volkszählungsergebnisse der Jahre 1885, 1900 und 1910. Die vom Statistischen Amt der Stadt Berlin bereitgestellten Zahlen ermöglichen eine Differenzierung der Wohnbevölkerung nach der Berufstätigkeit.

Für das Jahr 1885 ergibt sich folgende Verteilung:

Tab. 22: Beschäftigtenanteile nach Berufsgruppen 1885. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin (in %).

Branche

XIII

Gesamt-Berlin

Differenz

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

10,95

15,18

-4,23

2

Metallverarbeitung

8,81

4,88

+3,93

3

Handelsgewerbe

6,34

11,07

-4,73

4

Baugewerbe

5,66

4,20

+1,46

5

Häusliche Dienste

5,21

13,09

-7,88

6

Privat-Verkehrsgewerbe

4,42

2,33

+2,09

7

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

4,28

4,88

-0,60

8

Papierindustrie (Papier + Leder)

3,79

2,24

+1,55

9

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

3,20

8,50

-5,30

10

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,03

2,95

+0,08

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

2,68

1,82

+0,86

12

Gast- und Schankwirtschaft

1,23

1,96

-0,73

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

27,10

11,52

+15,58

Ohne Beruf und Berufsangabe

7,00

8,24

-1,24

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II) (1891), S. 79.

↓214

Unter den zwölf zahlenmäßig stärksten Berufsgruppen stand das Bekleidungsgewerbe an erster Stelle. Annähernd 11% der Beschäftigten fanden in diesem Wirtschaftszweig ihr Auskommen. Trotz der Spitzenstellung blieb der Wedding damit um mehr als 4 Prozentpunkte hinter dem Gesamt-Berliner Durchschnittswert zurück. Es folgten die Metallverarbeitung mit knapp 9% und bereits mit deutlichem Abstand das Handelsgewerbe mit 6,3%. Während der Anteil der Metallverarbeitung fast doppelt so hoch wie im gesamten Stadtgebiet lag, erreichten die Werte des Handelsgewerbes nur etwas mehr als die Hälfte des städtischen Mittels. Der Maschinenbau spielte mit einem Beschäftigtenanteil von weniger als 3% lediglich eine untergeordnete Rolle und belegte den elften Rang. Auffällig ist der extrem hohe Wert der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“. Mehr als ein Viertel der Arbeitnehmerschaft war zu dieser Kategorie zu rechnen. Damit lag der Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen um mehr als 15% über dem Berliner Mittelwert. Auffällig sind weiterhin die unterdurchschnittlich entwickelten Anteile der Häuslichen Dienste (5) und des Öffentlichen Sektors (9).

Die Statistik erlaubt ferner eine Unterscheidung der Beschäftigten nach „Selbständigen“ und „Abhängigen“:

Tab. 23: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1885. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin.

Branche

XIII

Berlin

A/S

A/S

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

1,3

0,9

2

Metallverarbeitung

16,6

7,3

3

Handelsgewerbe

0,4

1,2

4

Baugewerbe

11,9

6,6

5

Häusliche Dienste

-

-

6

Privat-Verkehrsgewerbe

1,1

1,6

7

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

6,0

4,4

8

Papierindustrie (Papier + Leder)

10,5

3,9

9

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

-

-

10

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

2,6

2,9

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

7,6

4,1

12

Gast- und Schankwirtschaft

0,3

1,0

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

Ohne Beruf und Berufsangabe

-

-


Anm.: Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II) (1891), S. 79.

↓215

Es fällt auf, daß bei den dienstleistungsorientierten Berufsgruppen wie dem „Handelsgewerbe“, dem „Privat-Verkehrsgewerbe“ sowie der „Gast- und Schankwirtschaft“ der Wedding im Vergleich zum städtischen Durchschnitt einen sehr geringen Anteil abhängig Beschäftigter aufwies. Dies deutet auf sehr kleinteilige Strukturen hin. Demgegenüber steht das produzierende Gewerbe mit einem - abgesehen von der Industrie der Nahrungs- und Genußmittel - überdurchschnittlich hohen Arbeitnehmeranteil.

Fünfzehn Jahre später - 1900 - hatte sich die Situation wie folgt gewandelt:

Tab. 24: Beschäftigten- und Branchenanteile nach Berufsgruppen 1900. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin (in %).

1885

Branche

Beschäftigtenanteil 1)

Branchen-anteil 2)

XIII

Berlin

Differenz

 

1

(1)

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

12,51

15,67

-3,16

5,21

2

(2)

Metallverarbeitung

12,39

6,58

+5,81

12,28

3

(3)

Handelsgewerbe

8,84

13,10

-4,26

4,40

4

(11)

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

8,22

4,35

+3,87

12,32

5

(4)

Baugewerbe

7,71

5,24

+2,47

9,60

6

(5)

Häusliche Dienste

5,19

10,00

-4,81

3,38

7

(10)

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

4,58

3,72

+0,86

8,02

8

(6)

Privat-Verkehrsgewerbe

4,48

1,95

+2,53

14,95

9

(8)

Papierindustrie (Papier + Leder)

4,26

2,97

+1,29

9,35

10

(7)

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

3,90

4,50

-0,60

5,64

11

(9)

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

3,54

7,94

-4,40

2,90

12

(-)

Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbetrieb

1,90

2,64

-0,74

4,70

weitere Branchen mit ...

... > 10%

Chemische Industrie

1,26

0,53

+0,73

15,50

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

0,83

0,45

+0,38

11,99

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

3,50

1,80

+1,70

12,65

Ohne Beruf und Berufsangabe

10,45

9,85

+0,60

6,92

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0


1) Anteil der jeweiligen Branche an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Weddings bzw. Gesamt-Berlins (Wedding bzw. Berlin gesamt = 100%).
2) Anteil des Stadtteils Wedding an den in Gesamt-Berlin in der jeweiligen Berufsgruppe Beschäftigten (Berufsgruppe in Gesamt-Berlin = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme Ende Oktober 1900 sowie die Wohnungs- und die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1900 in der Stadt Berlin. Zweite Abteilung. Bevölkerungs-Aufnahme. Berlin 1904, S. 91-113.

↓216

Trotz der unveränderten Reihenfolge von Bekleidungsgewerbe, Metallverarbeitung und Handelsgewerbe hatten sich die Schwerpunkte deutlich verschoben. Der metallverarbeitende Sektor befand sich nunmehr annähernd gleichauf mit dem Bekleidungsgewerbe und wies mit 12,4% einen Wert auf, der noch weitaus deutlicher den Berliner Durchschnitt überstieg als 1885. Einen noch gewaltigeren Zuwachs erlebte der Maschinenbau. Der Beschäftigtenanteil war um mehr als 5,5% auf 8,2% gestiegen. Mit diesen Werten schob sich der Maschinenbau an die vierte Stelle der Berufsstatistik und lag ebenfalls weit über den Zahlen von Gesamt-Berlin.

Die Statistik des Jahres 1900 bietet im Gegensatz zu 1885 die Möglichkeit, die Verteilung einzelner Berufsgruppen über das Stadtgebiet zu berechnen (Branchenanteil).224 Bezogen auf Gesamt-Berlin stellte die Chemische Industrie die höchsten Werte. 15,5% aller in Berlin in dieser Branche Beschäftigten hatten ihren Wohnsitz im Wedding. Es folgte die Lederindustrie mit 15,47% und das Private Verkehrsgewerbe mit 14,95%. Auch die Bereiche Metallverarbeitung und Maschinenbau wiesen zweistellige Anteile auf. Andererseits spielten das in der Beschäftigtenstatistik des Weddings an erster und dritter Stelle geführte Bekleidungs- bzw. Handelsgewerbe im Gesamt-Berliner Kontext mit 5,2% und 4,4% lediglich eine untergeordnete Rolle.

Unklar bleibt der starke Einbruch in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“. Der Rückgang von 27,1% auf 3,5% kann nicht allein mit einer zunehmenden beruflichen Spezialisierung erklärt werden. Die Ursache muß in einem veränderten statistischen Erhebungsverfahren gesucht werden, auch wenn die Statistik selbst hierzu keine Auskunft gibt. Möglicherweise fand im Vergleich zu 1885 weniger die Berufsausbildung als vielmehr die aktuelle Beschäftigungssituation Berücksichtigung. Für ein verändertes Verfahren spricht zumindest die Tatsache, daß in der Bevölkerungs-Aufnahme von 1910 die Werte wieder die Marke von 10% überschritten.225

↓217

Das Verhältnis von abhängig Beschäftigten zu Selbständigen blieb im Grundsatz unverändert (vgl. Tab. 25). Nach wie vor lag der Arbeitnehmeranteil des Weddings im Dienstleistungsbereich unter und im produzierenden Gewerbe über dem gesamtstädtischen Mittelwert. Auffällig ist die insgesamt zu beobachtende deutliche Anteilsverschiebung zugunsten der abhängig Beschäftigten. Kamen bspw. 1885 in der Weddinger Metallverarbeitung auf einen Selbständigen noch 16,6 Lohnempfänger, stieg das Verhältnis bis 1900 auf 1:38,1 Personen an. Noch deutlicher fielen die Verschiebungen im Maschinenbau mit einer Zunahme von 1:7,6 auf 1:37,2 aus. Die Zahlen offenbaren eine Tendenz zur Vergrößerung der Betriebseinheiten.

Tab. 25: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1900. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin.

Branche

XIII

Berlin

A/S

A/S

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

2,5

1,9

2

Metallverarbeitung

38,1

16,2

3

Handelsgewerbe

1,8

2,3

4

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

37,2

12,9

5

Baugewerbe

20,5

10,4

6

Häusliche Dienste

-

-

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

6,9

5,5

8

Privat-Verkehrsgewerbe

2,0

3,4

9

Papierindustrie (Papier + Leder)

27,5

8,6

Papierindustrie

37,2

8,9

Lederindustrie

21,9

7,9

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

10,7

7,4

11

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

-

-

12

Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbetrieb

-

-

Chemische Industrie

29,0

6,9

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

26,9

20,4

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

Ohne Beruf und Berufsangabe

-

-


Anm.: Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 91-113.

Nach der Bevölkerungs-Aufnahme des Jahres 1910 war der Maschinenbau zum wichtigsten Erwerbszweig des Weddings aufgestiegen. In gleicher Weise verlor die Metallverarbeitung Beschäftigungsanteile und fiel auf den dritten Platz zurück. Ebenfalls leichte Verluste hatte das Bekleidungsgewerbe zu verzeichnen, das erstmals die Spitzenposition verlor. Während das bis dato drittplazierte Handelsgewerbe um einen Rang zurückfiel, konnte es immerhin einen prozentualen Zuwachs verzeichnen. Bei allen übrigen Verschiebungen ist das von vornherein niedrige Ausgangsniveau zu beachten. So ist der Sprung des öffentlichen Sektors vom elften auf den sechsten Platz zwar bemerkenswert, tatsächlich betrug der Zuwachs nicht einmal einen Prozentpunkt.

↓218

Tab. 26: Beschäftigten- und Branchenanteile nach Berufsgruppen 1910. Standesamtsbezirke Wedding (XIII b), Wedding/Gesundbrunnen (XIII ges.) und Gesamt-Berlin (in %).

1900

Branche

Beschäftigtenanteil 1)

Branchen-anteil 2)

XIII b

XIII ges.

Berlin

Diff. 3)

 

1

(4)

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

12,34

11,70

6,30

5,40

19,03

2

(1)

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

9,90

10,24

14,33

-4,09

7,28

3

(2)

Metallverarbeitung

9,48

9,96

5,77

4,19

17,70

4

(3)

Handelsgewerbe

9,44

9,44

13,37

-3,93

7,23

5

(5)

Baugewerbe

6,09

6,14

4,58

1,56

13,74

6

(11)

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

5,43

4,51

7,26

-2,75

6,36

7

(7)

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,59

4,20

3,71

0,49

11,60

8

(6)

Häusliche Dienste

3,80

3,83

7,54

-3,71

5,21

9

(8)

Privat-Verkehrsgewerbe

3,51

3,49

2,26

1,23

15,83

10

(10)

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2,61

2,95

3,57

-0,62

8,46

11

(9)

Papierindustrie (Papier + Leder)

2,02

2,32

2,33

-0,01

10,22

12

(-)

Gast- und Schankwirtschaft

2,15

1,95

3,92

-1,97

5,11

weitere Branchen mit ...

... > 10%

Chemische Industrie

1,02

0,81

0,49

0,32

17,02

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

0,61

0,48

0,38

0,10

13,01

Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht

0,62

0,60

0,50

0,10

12,39

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

10,34

10,59

6,06

4,53

17,92

ohne Beruf und Berufsangabe

10,68

11,15

10,74

0,41

10,64

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0

100,0

1) Anteil der jeweiligen Branche an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Weddings bzw. Gesamt-Berlins (Wedding bzw. Berlin gesamt = 100%).
2) Anteil des Stadtteils Wedding an den in Gesamt-Berlin in der jeweiligen Berufsgruppe Beschäftigten (Berufsgruppe in Gesamt-Berlin = 100%).
3) Die Differenz bezieht sich auf das Gebiet des ungeteilten Standesamtsbezirkes XIII (XIII ges.).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910 sowie die Wohnungs- und die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910 in der Stadt Berlin und 44 Nachbargemeinden. Erste Abteilung. Stadt Berlin. 3. Heft. Die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910. Berlin 1916, S. 46-55.

Eine markante Veränderung ist bei den Branchenanteilen zu beobachten. In nur zehn Jahren konnte die Mehrzahl der Weddinger Wirtschaftszweige erhebliche Zuwachsraten verbuchen. Die Bedeutung des Untersuchungsgebietes für die Gesamt-Berliner Wirtschaft erfuhr eine entscheidende Aufwertung. Den Spitzenplatz nahm nunmehr der Maschinenbau mit über 19% ein. Auch die Werte im Bereich der Metallverarbeitung und Chemischen Industrie sind mit über 17% bemerkenswert. Sie verdeutlichen auf welch rasante Art und Weise die Industrialisierung und das Wachstum der Bevölkerung innerhalb des Weddings vorangeschritten waren.

Tab. 27: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1910. Standesamtsbezirke Wedding/Gesundbrunnen (XIII ges.), Wedding (XIII b), Gesundbrunnen (XIII a) sowie Gesamt-Berlin.

Branche

A/S 1)

XIII ges.

XIII b

XIII a

Berlin

1

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

68,8

66,6

72,0

23,2

2

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

1,3

1,3

1,3

1,4

3

Metallverarbeitung

40,1

38,7

41,9

16,3

4

Handelsgewerbe

1,9

2,1

1,8

2,3

5

Baugewerbe

12,7

11,5

14,4

8,3

6

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

2,0

2,4

1,4

1,9

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

7,3

6,1

8,8

6,1

8

Häusliche Dienste

-

-

-

-

9

Privat-Verkehrsgewerbe

5,4

6,5

4,5

7,8

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

10,7

11,8

9,9

7,0

11

Papierindustrie (Papier + Leder)

16,5

16,5

16,5

6,8

Papierindustrie

36,5

43,5

29,8

10,7

Lederindustrie

10,9

8,7

12,9

5,0

12

Gast- und Schankwirtschaft

0,8

0,9

0,6

1,5

...

Chemische Industrie

27,8

25,9

33,0

7,7

...

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

96,0

399,02)

35,4

21,0

...

Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht

3,4

4,1

2,7

2,5

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

-

-

ohne Beruf und Berufsangabe

-

-

-

-


Anm.:
1) Die Statistik des Jahres 1910 unterscheidet nicht explizit zwischen abhängig Beschäftigten und Selbständigen. Ihr liegt die in Kap. II, 3.2.1 vorgestellte Berufsklassifikation des Kaiserlichen Statistischen Amtes zugrunde. Die Rubrik „a“ wird demnach mit selbständig gleichgesetzt, die Kategorien „b“ und „c“ zu den abhängig Beschäftigten zusammengefaßt. Vgl. oben, S. 37.
2) Der hohe Wert resultiert aus der Tatsache, daß in der Statistik nur eine Person unter „a“ geführt wird.

Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 46-55.

↓219

Die Gegenüberstellung von abhängig Beschäftigten und Selbständigen führt zu einem wesentlich differenzierteren Bild als zehn Jahre zuvor. Eine allgemeine Tendenz des produzierenden Gewerbes zur Vergrößerung der Betriebseinheiten ist nicht mehr nachzuweisen. Unter den Branchen mit der höchsten Beschäftigungsrelevanz nahm allein im Maschinenbau der Anteil der abhängig Beschäftigten deutlich zu. Während im metallverarbeitenden Sektor die Relationen auf einem stabilen Niveau verharrten, erlebte das Baugewerbe sogar eine rückläufige Entwicklung mit einer Zunahme des Selbständigenanteils. Letzteres muß mit der schwierigen konjunkturellen und strukturellen Lage des Bausektors zum Zeitpunkt der Erhebung in Verbindung gebracht werden.

Eine uneinheitliche Entwicklung läßt sich auch bei den Dienstleistungsbranchen beobachten. Während im Handelsgewerbe die Werte nahezu unverändert blieben, stiegen im Privat-Verkehrsgewerbe die Anteile der abhängig Beschäftigten an - im Wedding von 1:2,0 auf 1:5,4 Personen in Gesamt-Berlin von 1:3,4 auf 1:7,8 Personen.

Faßt man die Beobachtungen zusammen, bleiben vier Aspekte festzuhalten:

↓220

  1. Die Jahre zwischen 1885 und 1910 markieren für das Untersuchungsgebiet die eigentliche Durchbruchphase der Industrialisierung. Sinnbildlich für die Gesamtentwicklung steht der Aufstieg des Maschinenbaus zum wirtschaftlichen Leitsektor.
  2. Innerhalb des Stadtteils Wedding/Gesundbrunnen besaßen - neben dem sich rasch entwickelnden Maschinenbau - das Bekleidungsgewerbe, die Metallverarbeitung, der Handelssektor und das Baugewerbe die höchste Beschäftigungsrelevanz. Vor allem zwischen 1885 und 1900 nahm die Größe der Betriebseinheiten und damit die Anzahl der abhängig Beschäftigten signifikant zu.
  3. Verglichen mit den gesamtstädtischen Durchschnittswerten lagen die Anteile des Weddings im Bereich des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung am höchsten. Unterrepräsentiert blieben dagegen das Bekleidungs- und Handelsgewerbe, der öffentliche Dienst und der gesamte Komplex der häuslichen Dienstleistungen.
  4. Als Leitbranchen für die weitere Untersuchung lassen sich demzufolge abgrenzen: der Maschinenbau und die Metallverarbeitung sowie das Bekleidungs-, Handels- und Baugewerbe. Hinzu kommt die Chemische Industrie aufgrund ihres hohen Branchenanteils.

III.2.3 Leitbranchen

III.2.3.1  Metallverarbeitung und Maschinenbau

III.2.3.1.a)  Beschäftigtenstruktur

In der Praxis ist es kaum möglich, eine klare Trennlinie zwischen der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau zu ziehen. Zahlreiche Unternehmen konnten aufgrund ihres breit gefächerten Produktionsspektrums zu beiden Branchen gerechnet werden. Vielfach durchliefen Firmen eine Entwicklung von der reinen Metallverarbeitung zum spezialisierten Maschinenbau. Die Übergänge waren fließend. Um nicht in zu starkem Maße von Zulieferern abhängig zu sein, blieb die Metallverarbeitung zumeist ein elementarer Bestandteil der Produktion, auch wenn der eigentliche Geschäftszweck schon längst im Maschinenbau angesiedelt war. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die beiden Wirtschaftszweige als Einheit zu betrachten.

Wirft man einen vergleichenden Blick auf die Beschäftigtenanteile der beiden Branchen in den verschiedenen Berliner Stadtteilen, wird eine konträre Entwicklung sichtbar. Während der Maschinenbau nach 1900 weiterhin starke Zuwächse zu verzeichnen hatte, verlor die Metallverarbeitung durchweg an Bedeutung. Diese gegenläufige Tendenz läßt auf eine zunehmende Spezialisierung der Produktion schließen, die zu Lasten der Anteile des rein metallverarbeitenden Gewerbes ging.226

↓221

Tab. 28: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).227

Maschinenbau

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding 3)

12,3

+6,7

19,0

2,7

+5,5

8,2

+3,5

11,7

2. Moabit

14,7

+0,2

14,9

2,3

+5,9

8,2

+2,4

10,6

3. Stralauer Viertel östlich

5,4

+6,3

11,7

1,9

+1,9

3,8

+3,0

6,8

4. Rosenthaler Vst. nördlich

7,3

+2,8

10,1

1,7

+3,4

5,1

+2,1

7,2

5. Oranienburger Vst.

12,0

-2,4

9,6

2,7

+4,3

7,0

+2,5

9,5

6. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,2

-2,2

6,0

2,0

+1,5

3,5

+0,7

4,2

7. Luisenstadt jenseits östlich

4,8

0,0

4,8

2,1

+2,9

5,0

+3,0

8,0

8. Luisenstadt jenseits westlich

5,9

-1,9

4,0

2,5

+2,0

4,5

+1,0

5,5

9. Königs-Viertel

4,1

-0,2

3,9

1,2

+1,4

2,6

+0,7

3,3

10. Rosenthaler Vst. südlich

4,5

-1,0

3,5

1,8

+1,4

3,2

+1,1

4,3

11. Luisenstadt diesseits

5,8

-2,5

3,3

2,2

+1,5

3,7

+0,2

3,9

12. Stralauer Viertel westlich

4,5

-1,3

3,2

1,6

+1,6

3,2

+0,9

4,1

Metallverarbeitung

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding 3)

12,3

+5,4

17,7

8,8

+3,6

12,4

-2,4

10,0

2. Stralauer Viertel östlich

7,1

+4,7

11,8

6,3

+1,1

7,4

-1,1

6,3

3. Rosenthaler Vst. nördlich

6,8

+3,3

10,1

4,5

+2,7

7,2

-0,6

6,6

4. Moabit

9,3

+0,4

9,7

5,5

+2,4

7,9

-1,6

6,3

5. Luisenstadt jenseits westlich

9,6

-2,5

7,1

7,8

+3,4

11,2

-2,2

9,0

6. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

9,1

-2,1

7,0

4,7

+1,2

5,9

-1,3

4,6

7. Oranienburger Vst.

9,7

-2,7

7,0

7,5

+1,1

8,6

-2,3

6,3

8. Luisenstadt jenseits östlich

7,4

-1,4

6,0

7,9

+3,7

11,6

-2,4

9,2

9. Luisenstadt diesseits

6,7

-1,3

5,4

5,6

+0,9

6,5

-0,6

5,9

10. Königs-Viertel

4,6

+0,5

5,1

3,7

+0,8

4,5

-0,4

4,1

11. Stralauer Viertel westlich

5,4

-1,2

4,2

4,6

+1,1

5,7

-0,8

4,9

12. Rosenthaler Vst. südlich

4,7

-1,1

3,6

4,5

+0,6

5,1

-0,9

4,2


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Maschinenbau bzw. in der Metallverarbeitung Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Maschinenbau/in der Metallverarbeitung Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Maschinenbaus/der Metallverarbeitung an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die räumlichen Abgrenzungen der Stadtteile beziehen sich - soweit dies möglich war - auf den Stand des Jahres 1885. Spätere Gebietsteilungen sind nicht berücksichtigt. In wenigen Fällen sind die Zahlen nicht direkt zu vergleichen, da es zu einer Modifikation der Außengrenzen kam. Die Abweichungen sind jedoch so gering, daß die Aussagekraft der Ergebnisse davon nur unwesentlich beeinflußt wird.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 92f. und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 47.

Innerhalb Berlins lag der Schwerpunkt der Branchen im Norden und Nordwesten der Stadt.228 Lediglich das östliche Stralauer Viertel reichte an die Anteile des „Eisernen Nordens“ heran. Die Zuwachsraten in den Stadtteilen Wedding, Moabit, der nördlichen Rosenthaler Vorstadt und dem östlichen Stralauer Viertel deuten bei einem gleichzeitigen Verlust in den übrigen Stadtgebieten auf eine zunehmende räumliche Konzentration und eine Außenverlagerung von Kapazitäten aus den innenstadtnahen Gebieten hin.

An der Spitze der Auflistung stand der Wedding. Die Zahlen dürfen allerdings nicht darüber hinweg täuschen, daß ein erheblicher Anteil der Beschäftigten außerhalb des Untersuchungsgebietes in Lohn und Brot gestanden haben dürfte. Sowohl die Produktionsstätten der AEG (um 1914: ca. 14.000 Beschäftigte) als auch der Berliner Maschinenbau AG vormals L. Schwartzkopff (1894: ca. 1.900) befanden sich in der benachbarten Oranienburger Vorstadt.229

↓222

Zur Überprüfung dieser Vermutung ist ein Blick auf die exakte räumliche Verteilung der Wohnstandorte notwendig. Es ist anzunehmen, daß die Anteile der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus an der Gesamtzahl der Beschäftigten in den südöstlichen Teilen des Untersuchungsgebietes, d.h. in den Bereichen mit der größten Nähe zu den genannten Produktionsstätten, überdurchschnittlich hoch lagen.

Als Datengrundlage dienen die hausnummerngenauen Berufsangaben der Kirchenbücher. Vergleicht man die aus den Trau- und Sterberegistern gewonnene Branchenverteilung mit den Angaben der Volkszählungsergebnisse werden allerdings erhebliche Abweichungen sichtbar. Während die Metallverarbeitung mit 11,8% an erster Stelle der Berufsstatistik rangierte, belegte der Maschinenbau mit 1,9% lediglich den zehnten Rang.

Tab. 29: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Metallverarbeitung und Maschinenbau 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

↓223

Die minimalen Werte des Maschinenbaus dürfen nicht als Indiz für eine Unzulänglichkeit der Kirchenbuchangaben fehlinterpretiert werden. Der Anteil von 1,9% verdeutlicht vielmehr die erheblichen Schwierigkeiten einer retrospektiven Datenaufbereitung. Zahlreiche im Maschinenbau anzutreffenden Berufsbezeichnungen entstammten ursprünglich der Metallverarbeitung und waren in beiden Branchen anzutreffen. Da aus heutiger Sicht der konkrete Beschäftigungsort nicht mehr nachzuvollziehen ist, erfolgte die Zuordnung im Zweifelsfall zur Metallverarbeitung. Ein Beispiel ist die Berufsbezeichnung „Dreher“. Abhängig vom jeweiligen Geschäftszweck konnte die Arbeit an der Drehbank zur Herstellung eines fertigen Endproduktes dienen oder lediglich einen Arbeitsschritt im Rahmen eines komplexeren Ganzen darstellen. Die nicht mehr zu lösenden Überschneidungslinien unterstreichen die Notwendigkeit einer zusammengefaßten Betrachtung der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus.

Einen weiteren Schwachpunkt bildet die Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“, die mit 31,9% überdurchschnittlich stark besetzt ist. Während die amtliche Statistik selbst bei der so bedeutsamen aber wenig konkreten Berufsbezeichnung „Arbeiter“ in den meisten Fällen eine Branchenzuordnung vornehmen konnte, bleibt aus heutiger Perspektive nur der Rückgriff auf Sammelkategorien. Je höher die Beschäftigungsrelevanz einer Branche im Niedriglohnsektor der „Arbeiter“ war, desto deutlicher müssen die aus den Kirchenbüchern gewonnenen Werte hinter den offiziellen Zahlen zurückbleiben. Das gleiche Problem stellt sich bei den typischen Verwaltungsberufen, wie Buchhalter, Kassierer oder Schreiber. Auch hier ist rückblickend keine Branchenzuordnung mehr möglich. Da es sich allerdings um einen weitaus begrenzteren Personenkreis handelte, fallen die Konsequenzen weniger stark ins Gewicht.230

Trotz der Einschränkungen bleiben die Ergebnisse aufschlußreich. Die kartographische Darstellung nach Abb. 47 zeigt die vermutete Schwerpunktsetzung der Wohnstandorte im Südosten entlang der Gerichtstraße (1).231 Auch wenn dies allein noch keinen hinreichenden Beweis für einen Zusammenhang mit den Produktionsstätten der AEG oder Schwartzkopff darstellen kann, so läßt sich zumindest festhalten, daß zwischen 15% und 20% aller Beschäftigten des Gebietes ihr Auskommen in der Metallverarbeitung oder dem Maschinenbau fanden. Konzentrationstendenzen sind ferner entlang der Ringbahn (2) und um den Leopoldplatz (3) zu erkennen. Anders die hohen Werte auf dem noch unerschlossenen Areal an der nördlichen Stadtgrenze (4) und in der Otawistraße (5). Sie sind der geringen Grundgesamtheit in den drei Straßenblöcken geschuldet und für die weiteren Überlegungen unerheblich.

↓224

Abb. 47: Beschäftigte in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau. Wohnstandorte 1885-1914.

Ein überaus homogenes Bild vermittelt die in den Kreisdiagrammen dargestellte Schichtzugehörigkeit. Die Rubrik „Obere Unterschicht“ - gleichbedeutend mit der Facharbeiterschaft - dominierte mit einem Gesamtanteil von 95%. Weder in räumlicher noch in zeitlicher Perspektive kam es zu nennenswerten Verschiebungen. Der durchschnittliche soziale Rang verharrte auf der Skala von 1 bis 6 bei 3,0.232

Tab. 30: Maschinenbau/Metallverarbeitung des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,0

0,0

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

(2) Mittlere Unterschicht

0,4

0,5

2,6

3,0

3,0

2,4

2,0

(3) Obere Unterschicht

96,7

96,7

93,6

93,8

94,2

94,8

95,0

(4) Untere Mittelschicht

2,8

2,6

3,5

2,9

2,3

2,8

2,8

(5) Obere Mittelschicht

0,1

0,1

0,3

0,3

0,3

0,1

0,2

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,03

3,02

3,01

3,00

3,00

3,01

3,01


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓225

Die Anteile der „Oberen Unterschicht“ dürften im Vergleich zur tatsächlichen Situation allerdings deutlich zu hoch angesiedelt sein. Zwar stellte die Facharbeiterschaft eine wachsende Gruppe unter den Beschäftigten, bedenkt man jedoch die Schwächen der Berufsklassifikation bei un- und angelernten Arbeitern bzw. den oftmals zu allgemeinen Berufsbezeichnungen im Angestelltensektor, müssen die Anteile nach unten korrigiert werden.

III.2.3.1.b) Produktionsstandorte

Zur Bewertung der Wohnstandortverteilung ist ein Blick auf die räumliche Lage der Produktionsstätten notwendig. Abb. 48 dokumentiert eine annähernde Deckungsgleichheit mit den Ergebnissen der Flächennutzungsanalyse in Kapitel 1.2. Der Großteil der Produktionsstandorte befand sich zu beiden Seiten der Ringbahn (A). Darüber hinaus sind die Müllerstraße (B) und die östliche Seestraße (C) hervorzuheben.

Abb. 48: Standorte des Maschinenbaus und der Metallverarbeitenden Industrie. 1885, 1900, 1915.

↓226

Die Nutzungskontinuität war gering. Nur für sieben Grundstücke konnte der Nachweis einer permanente Nutzung durch Unternehmen der Metallverarbeitung bzw. des Maschinenbaus über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren hinweg erbracht werden:

  1. Müllerstraße 35: Berliner Werkzeugmaschinenfabrik AG vormals L. Sentker, 1915: Elektrizitäts-Gesellschaft "Sanitas" GmbH.
  2. Müllerstraße 30: Hirsch & Co. Maschinenfabrik, Fabrk. elektr. Maschinen u. Apparate, M. Levy.
  3. Lindower Straße 22: Hasse & Co. Werkzeugmaschinenfabrik.
  4. Müllerstraße 10/11: 1885: Grunauer & Co., Eisengießerei, 1900: Grunauer, Maschinenfabrik, 1915: Gans & Goldschmidt, Elektrizitäts-Gesellschaft mbH.
  5. Reinickendorfer Straße 64a (113): 1885: Facon-Schmiede- und Schraubenfbrk. AG, 1900: Cartonnag. Maschin. Industrie u. Facon-Schmiede AG, 1915: Maschinen- und Cartonagen-Werke GmbH.
  6. Müllerstraße 177: Brodnitz & Seydel, Maschinenfabrik.
  7. Fennstraße 27: 1885: Kammerich & Co. Trägerwellblechfabrik, 1900: Thyssen & Comp., Trägerwellblechfabrik, 1915: Müller Nachfl., Maschinenfabrik.233

Die Abbildung spiegelt die Dynamik der Entwicklung wider. Auffällig ist vor allem die große Zahl der zwischen 1900 und 1915 hinzugekommenen Betriebseinheiten. Allein 13 der neu entstandenen Maschinenbauunternehmen lassen anhand der Namengebung auf eine explizite elektrotechnische Ausrichtung des Geschäftsfeldes schließen. Neben der quantitativen Ausweitung der Produktionskapazitäten bleibt das hohe Innovationspotential hervorzuheben.

↓227

Dabei ist zu bedenken, daß in der Darstellung lediglich die Betriebe erfaßt sind, die den in Kapitel 1.2.1 definierten Erfassungskriterien entsprachen. Der Großteil der handwerklichen Kleinstbetriebe blieb unberücksichtigt, was vor allem im Bereich der Metallverarbeitung zu einem unvollständigen Bild führen dürfte. Im Gegensatz zu den komplexeren Produktionsabläufen im Maschinenbau und den vergleichsweise hohen Investitionskosten, konnten hier auch Einzelpersonen ohne größere Kapitaldecke unternehmerisch tätig werden.

Die räumliche Anordnung der Produktionsstätten liefert - unabhängig von eventuell vorhandenen Restriktionen auf dem Wohnungsmarkt - einen hypothetischen Erklärungsansatz für das räumliche Verteilungsmuster der Wohnstandorte nach Abb. 47. Während eine Unterkunft im südlichen Untersuchungsgebiet einen unmittelbaren Zugang zu den zahlreichen potentiellen Arbeitgebern in der Nachbarschaft gewährleistete, bot das Gebiet um den Leopoldplatz (D) den strategischen Vorteil einer Lage zwischen den Betriebseinheiten der Müllerstraße (B) und östlichen Seestraße (C) auf der einen und dem Ringbahnareal (A) auf der anderen Seite. Dies erhöhte im Falle eines kurzfristig notwendigen Arbeitsplatzwechsels die Flexibilität.

III.2.3.1.c) Bergmann-Elektricitäts-Werke Aktiengesellschaft

Das größte Maschinenbauunternehmen des Untersuchungsgebietes war seit 1896/97 an der Seestraße auf dem Areal zwischen Oudenarder, Hennigsdorfer und Liebenwalder Straße beheimatet (vgl. Abb. 48, C). Die Bergmann-Elektricitäts-Werke Aktiengesellschaft wies im Geschäftsjahr 1910 einen Mitarbeiterstamm von über 10.000 Personen aus. Hinter der AEG und Siemens galt das Unternehmen als die Nummer drei der Berliner Elektroindustrie.234

↓228

Als Sigmund Bergmann im Jahr 1891 mit seinen Kompagnons Georg Sebastian Runk und Philipp Seubel die offene Handelsgesellschaft "S. Bergmann & Co., Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen" gründete, waren die Umstände noch äußerst bescheiden. Die angemieteten Produktionsräume lagen in der Fennstraße 21 südlich der Ringbahn. Das Grundstück mußte sich Bergmann mit anderen Gewerbetreibenden teilen (1895: Arndt, Maschinenfabrik; Bennewitz, Pianofabrik; Fabian, Schlosserei).

1893 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Fortan firmierte das Unternehmen unter dem Namen „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“. Die Produktion konzentrierte sich zunächst ganz auf die Herstellung von Isolierrohren zur wasserdichten und feuersicheren Verlegung von elektrischen Leitungen.235 Hinzu kamen Installationsmaterialien wie Schalter, Sicherungen und Fassungen.236

Mit dem rasanten Vormarsch der Elektrizität, die innerhalb weniger Jahre alle Bereiche des Alltags zu durchdringen begann, kam auch für Bergmann der Durchbruch. Die Produktpalette erweiterte sich in atemberaubendem Tempo. Schon vier Jahre nach der Gründung platzten die Produktionsräume in der Fennstraße aus allen Nähten. Die räumliche Enge wurde zu einer ernsthaften Bedrohung für das junge Unternehmen. Aufträge konnten nicht mehr rechtzeitig erfüllt werden oder mußten für teueres Geld an externe Auftragnehmer vergeben werden. Der Geschäftsbericht des Jahres 1895 schilderte in aller Offenheit die schwierige Situation:

↓229

„Die im letzten Jahresbericht angedeutete Verbreiterung unseres Fabrikationsfeldes haben wir zur Durchführung gebracht und ist der grösseren Mannigfaltigkeit unserer Fabrikate, die sich jedoch nur auf gangbare Artikel beschränken, zum Theil der erheblich vergrösserte Umsatz zuzuschreiben.

↓230

Der Mangel an genügenden Fabrikationsräumlichkeiten macht sich seit einiger Zeit in empfindlicher Weise geltend und bildete der im letzten Frühjahr ausgeführte kleine Anbau nur eine vorübergehende Abhilfe. Sämmtliche Fabrikationsräume sind nun derart überfüllt, dass die Fabrikation nicht mehr in solch rationeller Weise betrieben werden kann, als dies wünschenswerth erscheint.

Vor allem sind wir vielfach gezwungen, Theile unserer Fabrikate ausserhalb zu höheren Preisen herstellen zu lassen, als sie uns bei eigener Fabrikation kosten würden, aber es fehlt uns der Raum zur Aufstellung weiterer Maschinen.

↓231

Unser Unternehmen ist stetig im Wachsen begriffen und sind wir seit einiger Zeit nicht im Stande unsere Aufträge so prompt zu erledigen, wie dies früher bei uns üblich war, da es unmöglich ist, vorräthige Fabrikate für das Lager zu schaffen. In der Hauptgeschäftssaison dürfte sich dieser Missstand noch bedeutend fühlbarer machen.“237

Nur vier Jahre nach der Gründung war eine Standortverlagerung auf ein eigenes Grundstück unumgänglich geworden. Leider fehlen jegliche Überlieferungen zum Vorgang der Standortsuche. Es läßt sich daher nicht mehr eindeutig klären, welche Kriterien abgesehen von den günstigen Bodenpreisen letztendlich den Ausschlag gaben. Fest steht: In der Seestraße wurde man fündig und bereits im darauffolgenden Jahr nahmen die Umzugspläne konkrete Formen an:

↓232

"Durch den Umzug in die neuerbaute Fabrik hoffen wir in die Lage versetzt zu sein, infolge genügender Räumlichkeiten, in noch rationellerer Weise arbeiten zu können, während wir durch die nunmehr gewährleistete Möglichkeit der Ausdehnung die Vollendung der neuen Fabrik als willkommenen Wendepunkt für unser Unternehmen begrüssen können.

↓233

Es verdient erwähnt zu werden, dass das für unsere neue Fabrik zu äusserst günstigen Bedingungen erworbene Grundstück durch die stattgehabte Bebauung sehr an Werth gewonnen hat, da angrenzende Grundstücke seitdem mit dem drei- und vierfachen Preise bezahlt wurden. Ferner wurde durch den Neuerwerb des Grundstückes Liebenwalderstrasse 29 das billige Hinterland unseres Fabrikgrundstücks erheblich im Werthe gesteigert.“238

Der Umzug erfolgte 1897. Zufrieden resümierte die Unternehmensleitung:

↓234

"Fabrikbetriebsunkosten sind gegen das Jahr 1896 erheblich zurückgeblieben, wie dies auch in unserem vorigen Jahresbericht in Aussicht gestellt wurde, da wir in den neuen Fabrikräumen erheblich rationeller arbeiten können. [...]

Der Umzug in die neue Fabrik wurde ohne die geringste Betriebsstörung bewirkt, sodass die Effectuirung der eingelaufenen Bestellungen ununterbrochen flott von statten ging."239

↓235

Der neue Standort in der Seestraße stellte die Weichen für die Zukunft. Nachdem der Umsatz 1896 erstmals die Millionengrenze überschritten hatte, lag er 1899 bereits bei über 3 Millionen Mark.

Tab. 31: Umsatzentwicklung der S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft 1893-1899.

1893

393.380,23 Mk

1894

573.383,13 Mk

1895

964.437,61 Mk

1896

1.348.847,28 Mk

1897

1.629.137,33 Mk

1898

2.138.466,69 Mk

1899

3.211.395,37 Mk


Quelle: LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Geschäftsberichte S. Bergmann & Co. AG).

Mit dem Umzug veränderte sich die Unternehmensstruktur. Neben der „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“ entstand als eigenständige Gesellschaft die Berg mann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesell schaft“, deren erstes Geschäftsjahr am 01. August 1897 begann. Aus der spezialisierten Fabrik für Isoliermaterialien wurde ein elektrotechnisches Universalunternehmen. Die Leitungsgremien der beiden Gesellschaften waren aufs engste miteinander verflochten. Über den Aufbau der Fabrikation und die Produktpalette gibt der erste Geschäftsbericht Auskunft:

↓236

"Unser erstes Geschäftsjahr, beginnend mit dem 1. August 1897 und endigend am 31. Dezember 1898 hatte in erster Linie die Aufgabe, den Neubau der Fabrik und deren innere Einrichtung zu schaffen. Der Bau begann im Monat Dezember und war begünstigt durch die milde Witterung des Winters 1897/98, sodass bereits nach einem halben Jahr die Betriebseinrichtungen fertiggestellt und die Aufstellung der Werkzeugmaschinen vorgenommen werden konnten. Die neuen Räume wurden Anfang Juli bezogen und konnte damit die Fabrikation aufgenommen werden. Schon während der Bauperiode wurden aber auch die Vorbereitungen für die Fabrikation durch die Herstellung der erforderlichen Modelle, Anfertigungen von Werkzeug- und Spezialvorrichtungen für die rationelle Fabrikation in gemietheten Räumen eifrig betrieben, welche Arbeiten allerdings noch eine geraume Zeit beanspruchten.

↓237

Unser Programm umfasste die Herstellung der elektrisch betriebenen Ventilatoren und den Bau der Kraftmotoren bis zu 5 HP nach den in unserem Besitz befindlichen Lundellpatenten. Während wir die kleinen Ventilatoren bereits kurze Zeit nach der Betriebsaufnahme in grosser Zahl lieferten, hat die Fertigstellung der Kraftmotoren mehr Zeit in Anspruch genommen. Aber auch diese sind nunmehr soweit vorgeschritten, dass die Lieferung erfolgen kann.

Gleichzeitig wurde der Bau der grösseren Maschinen verfolgt und gehen in den nächsten Wochen zahlreiche Maschinen, welche nach dem System Bergmann-Burke hergestellt werden, der Vollendung entgegen.

↓238

Wir sind in kürzester Zeit auf dem Standpunkt angelangt, dass wir normale Maschinen bis zur mittleren Grösse stets ab Lager oder mit sehr geringen Lieferfristen abgeben können und versprechen wir uns davon grossen Erfolg, da besonders in den kleinen Motoren von prompter Lieferung die Ertheilung der Aufträge abhängig ist. [...]

↓239

Zur Zeit sind wir damit beschäftigt, die Fabrikation der Anlass- und Regulirwiderstände nach unserem eigenen System, ferner den Bau der Bogenlampe für lange Brenndauer nach dem System Bergmann einzurichten und ist nicht zu zweifeln, dass wir uns damit lohnende Absatzgebiete eröffnen werden."240

Der Geschäftsbericht bezifferte die Mitarbeiterzahl auf ca. 260 Personen. Erstmals fand der Glühlampenbau Erwähnung, der Jahrzehnte später zum Charakteristikum des Betriebsgeländes werden sollte. Zunächst stellte jedoch erneut das hohe Auftragsvolumen die Verantwortlichen vor Probleme. Bereits im zweiten Geschäftsjahr waren die Kapazitätsgrenzen überschritten. Die Mitarbeiterzahl lag nunmehr bei ca. 450 Personen. Die Ausführung weiterer Neubauten wurde unumgänglich:

↓240

"Es hat unser Unternehmen innerhalb der kurzen Zeit seines Bestehens einen so bedeutenden Aufschwung genommen, dass wir uns veranlasst sahen, die Leistungsfähigkeit unserer Fabrik durch Anschaffung einer weiteren Anzahl wichtiger Werkzeugmaschinen und Betriebsmaschinen im Laufe des Jahres erheblich zu steigern, wodurch wir unsere sämmtlichen Werkstätten bis zur äussersten Zulässigkeit ausgenützt haben. Trotzdem können wir damit seit Herbst 1899 kaum den Ansprüchen genügen, welche in Gleichstrom-Maschinen, soweit es sich um grössere Maschinen-Typen handelt, an uns herantreten, und gelangten wir zu der Ueberzeugung, dass für die Herstellung der letzteren, sowie auch zum Bau von Wechselstrom- und Drehstrom-Maschinen, zu deren Fabrikation wir uns infolge der regen Nachfrage nunmehr entschliessen mussten, unsere vorhandenen Werkstätten und Betriebseinrichtungen unzureichend werden.

Aus diesem Anlass und mit Rücksicht auf die rasche Entwicklung unserer Geschäftsverbindungen bezw. auf das sich immer mehr ausdehnende Absatzgebiet für unsere Fabrikate, haben wir die Ausführung eines Neubaues beantragt, wofür uns durch die ausserordentliche Generalversammlung vom 20. Oktober 1899 die Genehmigung ertheilt wurde. Die Fertigstellung dieses Neubaues ist bis zum Einbau der maschinellen Einrichtungen vorgeschritten, so dass die Inbetriebnahme der neuen Maschinenhalle in den nächsten Monaten bevorsteht [...]."241

↓241

Das Jahr 1900 beendete die Zweiteilung des Unternehmens. Am 15. Dezember des Jahres beschlossen die Generalversammlungen der „Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesellschaft“ und „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“ die Fusion zur Bergmann-Elektricitäts-Werke, Aktiengesellschaft. Das Unternehmen gliederte sich fortan in zwei Geschäftsbereiche: die Abteilung J für Installationsmaterial und die Abteilung M für Maschinenbau.

Im darauffolgenden Jahr machte die schlechte konjunkturelle Lage Bergmann so zu schaffen, daß der Gesamtumsatz erstmals in der Unternehmensgeschichte einen leichten Rückgang aufwies. Die schwierige Geschäftslage war jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits im Jahr 1903 zogen die Umsätze wieder deutlich an und erreichten 1911 ein Ergebnis, das das Niveau des Jahres 1900 fast um das Zehnfache übertraf.

Tab. 32: Umsatzentwicklung der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG 1900-1914.

1900

6.760.000 Mk.

1908

23.031.600 Mk.

1901

6.670.000 Mk.

1909

37.586.500 Mk.

1902

6.807.000 Mk.

1910

50.871.370 Mk.

1903

8.252.000 Mk.

1911

66.471.485 Mk.

1904

10.713.395 Mk.

1912

+20%

1905

13.209.492 Mk.

1913

+10%

1906

16.054.895 Mk.

1914

k.A.

1907

21.017.920 Mk.


Quelle: LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Geschäftsberichte Bergmann-Elektricitäts-Werke AG).

↓242

Eine Vielzahl von Neubauten und Gebäudeerweiterungen wurden zum typischen Merkmal jener Jahre. So bekam u.a. die Glühlampenfertigung 1904 neue Räume zugewiesen, 1905 folgte ein neues Fabrikgebäude in der Hennigsdorfer Straße zum Bau von Elektrizitäts-Zählern bzw. in der Oudenarder Straße für den Bau von Dampfturbinen. Im Jahr 1906 waren die Kapazitätsgrenzen erneut erreicht. Das Areal in der Seestraße konnte den steigenden räumlichen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zahl der Arbeiter und Angestellten bereits bei 3.000 Personen.

Um von Zulieferern bei Kupfer- und Messingfabrikaten unabhängig zu werden, kaufte das Unternehmen ein Grundstück in Rosenthal (heute Pankow) außerhalb der Stadtgrenzen Berlins, um darauf ein eigenes Metallwerk zu errichten. In den Folgejahren wurde das „Werk Rosenthal“ systematisch ausgebaut. Bald schon begann die Verlagerung von Produktionssparten aus der Seestraße. Seit 1908 waren in Rosenthal das Metall- und Kabelwerk mit der Dampfturbinen- und Automobilfabrik zusammengefaßt. Die in der Seestraße freiwerdenden Produktionsräume konnten zu einer Erweiterung des Großmaschinenbaues, der Apparatefabrik und der Metallfaden-Glühlampen-Fabrik genutzt werden. Allerdings entschloß sich die Unternehmensleitung bereits ein Jahr später, auch den gesamten Großmaschinenbau nach Rosenthal überzusiedeln.

In der Seestraße verblieben bis 1915 die Lampen-Abteilung (Oudenarder Straße 14/15), die Abteilungen J (Installation) und Z (Zähler) (Hennigsdorfer Straße 30-35), die Maschinenabteilung T242 (Seestraße 63) sowie der gesamte Komplex der Verwaltung und Direktion (Seestraße 64-67). Der Großteil der über 10.000 Mitarbeiter fand zu diesem Zeitpunkt bereits in Rosenthal Beschäftigung. 1912 kam es zu einer umfassenden Beteiligung der Siemens-Schuckert Werke GmbH am Unternehmen.243 Auch wenn sich die Verantwortlichen von Bergmann gegen die Vermutung sträubten, daß mit der Übernahme des Aktienpaketes ein Abhängigkeitsverhältnis eingetreten sei, lag die kaufmännische Leitung fortan nicht mehr in ihren Händen. Da sich Siemens in der Praxis jedoch sehr zurückhielt, war die Beteiligung zumindest nicht mit einem völligen Verlust der unternehmerischen Unabhängigkeit verbunden.

↓243

Mit dem weiteren Ausbau des Standortes Rosenthal verlor das Areal in der Seestraße innerhalb des Unternehmens immer mehr an Bedeutung. Das Ende kam schließlich in den 1930er Jahren. Die negativen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zwangen die Unternehmensleitung zunächst zur Fusion ihres Glühlampenwerkes mit der Osram GmbH Kommanditgesellschaft (1931).244 Nur vier Jahre später folgte die endgültige Aufgabe des Standortes. Am 22. August 1935 übernahm Osram für 1,8 Mio. Mk. die gesamten Bergmannschen Produktionsstätten in der Seestraße. Als letzter Unternehmensteil zog im März 1936 die Verwaltung nach Rosenthal um.245

Faßt man die Ausführungen zusammen, bleibt auf vier Punkte zu verweisen:

  1. Das Fallbeispiel der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG steht stellvertretend für die zentrale Bedeutung der Elektroindustrie am Aufstieg des Maschinenbaus im Untersuchungsgebiet.
  2. Das Unternehmen durchlief ein für die Zeit und Branche typisches räumliches Entwicklungsmuster: Zunächst die Produktion in angemieteten Räumen in Innenstadtnähe, kurze Zeit später der Ankauf eines eigenen Grundstücks am Stadtrand, ehe die rasante unternehmerische Expansion eine Verlagerung nach außerhalb in die „Peripherie der Vorortbahnen“ notwendig machte. Alle größeren Maschinenbaubetriebe wie die AEG oder Siemens verzeichneten eine ähnliche Entwicklung.
  3. Untypisch ist die Wahl des Standortes in der Seestraße, da dieser verkehrstechnisch nur unzureichend erschlossen war. Weder ein Anschluß an das bestehende Eisenbahnnetz noch an eine Wasserstraße war vorhanden. Der gesamte Zulieferverkehr und Abtransport fertiger Güter mußte über die Straße erfolgen. Eine mögliche Erklärung für die ungewöhnliche Wahl liegt in dem zunächst sehr eingeschränkten Produktionsspektrum. Für die Herstellung von Isolationsmaterialien war der Verkehrsanschluß noch nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Erst die Erweiterung der Produktion und v.a. der Einstieg in den Maschinenbau führte zu Standortnachteilen. Dies erklärt, weshalb u.a. bereits 1910 eine Verlagerung des gesamten Großmaschinenbaus auf das verkehrsgünstige Betriebsgelände in Rosenthal erfolgte.
  4. Das rasant steigende Arbeitsplatzangebot der Bergmann AG auf ihrem Standort in der Seestraße hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Bautätigkeit in den umgebenden Straßenzügen. So ist das in Abb. 17 (S. 51) markierte Neubaugebiet (3) in den unmittelbaren Kontext von Bergmann zu stellen.

III.2.3.2 Bekleidungsgewerbe

III.2.3.2.a)  Beschäftigtenstruktur

↓244

Die Anfänge des Berliner Bekleidungsgewerbes reichen in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück.246 Zu dieser Zeit begannen einzelne Kleider- und Tuchhändler mit dem Aufbau einer über die handwerkliche und haushaltsinterne Einzelanfertigung hinausgehenden Produktion. Die Zahl der Konfektionsunternehmen und die Bandbreite des Sortimentes weiteten sich in der Folgezeit rasch aus. Innerhalb weniger Jahre vollzog sich der Übergang von einer handwerklichen bedarfsorientierten hin zu einer standardisierten angebotsorientierten Produktion.247

Als im Jahr 1846 der Amerikaner Elias Howe das erste Patent auf eine Nähmaschine anmeldete, erreichte die Entwicklung eine neue Qualität. Die Nähmaschine ermöglichte eine enorme Ausweitung des Produktionsvolumens und führte zu einer spürbaren Verbilligung der Waren. Schon bald rekrutierten sich die Käufer aus allen Bevölkerungsschichten.

↓245

„Für die Arbeiter- und Landbevölkerung wurde billige Stapelware, für die wohlhabenden Kreise exklusive Maßkonfektion angefertigt. Insgesamt scheint sich das Konsumverhalten der Käufer und das Angebot der Konfektionäre gegenseitig hochgespielt zu haben.“248

Als im Zuge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 Paris kurzzeitig als Modezentrum ausfiel, gelang der internationale Durchbruch. Berlin stieg zu einem der wichtigsten europäischen Standorte der Bekleidungsindustrie auf.

Das Zentrum des Berliner Bekleidungsgewerbes lag in der Gegend um den Hausvogteiplatz im alten Stadtzentrum. Hier hatten die wichtigsten und traditionsreichsten Konfektionsunternehmen ihre Verkaufsräume.249 Die Herstellung der Waren verteilte sich dagegen in Werkstätten und Heimarbeit über das gesamte Stadtgebiet.

↓246

Tab. 33: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Bekleidungsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Rosenthaler Vst. nördlich

7,6

+3,5

11,1

15,6

+3,7

19,3

-1,4

17,9

2. Stralauer Viertel östlich

6,1

+4,9

11,0

14,0

+1,3

15,3

-0,8

14,5

3. Königs-Viertel

8,4

+0,9

9,3

18,4

+1,0

19,4

-1,2

18,2

4. Rosenthaler Vst. südlich

9,7

-1,8

7,9

22,1

+2,7

24,8

-2,4

22,4

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,0

-0,6

7,4

11,9

+0,5

12,4

-0,5

11,9

6. Wedding

5,2

+2,1

7,3

11,0

+1,5

12,5

-2,3

10,2

7. Luisenstadt diesseits

7,8

-0,9

6,9

18,3

-0,2

18,1

0,7

18,8

8. Stralauer Viertel westlich

7,8

-1,4

6,4

17,6

+2,4

20,0

-1,3

18,7

9. Oranienburger Vst.

7,5

-1,6

5,9

15,5

+0,4

15,9

-2,6

13,3

10. Moabit

4,9

+1,0

5,9

8,8

+1,2

10,0

-0,5

9,5

11. Luisenstadt jenseits westlich

6,3

-1,4

4,9

16,5

+1,1

17,6

-2,2

15,4

12. Friedrichs- u. Schöneberger V.

4,3

-0,7

3,6

9,4

+1,5

10,9

1,2

12,1

Sonstige Stadtteile... 3)

> 10%

Neu-Cöln

0,3

-0,1

0,2

17,1

+0,8

17,9

1,6

19,5

Alt-Cöln

0,7

-0,2

0,5

18,7

-0,4

18,3

-0,6

17,7

Friedrichstadt

3,8

-1,0

2,8

16,2

+0,4

16,6

0,4

17,0

Friedrichswerder

0,3

-0,1

0,2

17,3

+1,6

18,9

-3,5

15,4

Spandauer Viertel

4,9

-1,4

3,5

17,5

-1,4

16,1

-1,1

15,0

Alt-Berlin

1,0

-0,4

0,6

15,7

-0,5

15,2

-1,8

13,4

Luisenstadt jenseits östlich

3,4

-0,6

2,8

9,3

+3,3

12,6

-2,1

10,5


1)
Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Bekleidungsgewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Bekleidungsgewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Bekleidungsgewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die folgenden Stadtteile wiesen 1910 einen Beschäftigtenanteil von über 10% auf, spielten jedoch innerhalb Gesamt-Berlins nur eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 96 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 49.

Nach den Zahlen der amtlichen Statistik trat der Wedding nicht als Produktionsschwerpunkt des Berliner Bekleidungsgewerbes in Erscheinung. Ein Branchenanteil von 7,3% war für das Jahr 1910 im Vergleich zu den Maximalwerten der nördlichen Rosenthaler Vorstadt lediglich gleichbedeutend mit dem sechsthöchsten Wert. Zehn Jahre zuvor lag das Untersuchungsgebiet mit 5,2% gegenüber 9,7% in der südlichen Rosenthaler Vorstadt gar nur an zehnter Position.

Obwohl 1885 und 1900 kein anderer Wirtschaftszweig innerhalb des Weddings mehr Beschäftigte auf sich vereinen konnte und das Bekleidungsgewerbe 1910 nur knapp hinter dem Maschinenbau zurückblieb, müssen die Werte von 11,0% (1885), 12,5% (1900) und 10,2% (1910) als sehr niedrig eingestuft werden. Am Ende des Untersuchungszeitraumes wies lediglich Moabit mit 9,5% einen niedrigeren Beschäftigtenanteil auf. Gerade die beiden Stadtteile, die im Bereich der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus an der Spitze standen, blieben im Bekleidungsgewerbe am deutlichsten zurück.

↓247

Auffällig ist die parallele Ausrichtung der Vorzeichen bei den Beschäftigtenanteilen in den verschiedenen Stadtteilen. Während bis 1900 fast überall ein relativer Zuwachs zu verzeichnen war, führte das folgende Dezennium zu einer Umkehr ins Minus. Von wenigen Ausnahmen wie der diesseitigen Luisenstadt oder der Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt abgesehen, zeigten die Anteile eine rückläufige Tendenz.

Zwei Ursachen sind denkbar: Entweder verlor das Bekleidungsgewerbe nach der Jahrhundertwende tatsächlich an Bedeutung oder die Zahlen beruhen auf einer Unzulänglichkeit der Statistik. Allein die enormen Schwankungen in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ mit - auf Gesamt-Berlin bezogen - durchschnittlich 11,5% (1885), 1,8% (1900) und 6% (1910) würden einen schlüssigen Erklärungsansatz liefern. Sollte dies der Grund sein, müßten auch die rückläufigen Anteile der Metallverarbeitung relativiert bzw. die Zuwachsraten des Maschinenbaus noch höher bewertet werden.

Abb. 49: Bevölkerungsabnahme in der Berliner Innenstadt zwischen 1885 und 1930.

Quelle: Leyden (1933), S. 102.

↓248

Wie in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau ist auch im Bekleidungsgewerbe eine Verlagerung der Produktionskapazitäten in die Außenbezirke zu erkennen. Während die Branchenanteile in der nördlichen Rosenthaler Vorstadt, dem östlichen Stralauer Viertel, Wedding und Moabit zwischen 1900 und 1910 stiegen, gingen sie in den innenstadtnahen Gebieten zurück. Nicht Kapazitätsprobleme oder verkehrstechnische Überlegungen gaben den Ausschlag, vielmehr muß unter Berücksichtigung der weitverbreiteten Heimarbeit die voranschreitende Citybildung als Erklärung herangezogen werden. Immer weiter wurde im Innenstadtbereich die Wohnbevölkerung zugunsten einer tertiärwirtschaftlichen Nutzung zurückgedrängt (vgl. Abb. 49).250

Tab. 34: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Bekleidungsgewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Die vielfache Verlagerung des Herstellungsprozesses in den Bereich der Privathaushalte bewirkte in den meisten Fällen eine räumliche Einheit von Wohn- und Produktionsstandort. Zur räumlichen Verortung muß erneut auf die Angaben der Kirchenbücher zurückgegriffen werden. Nach den Berufsangaben der Trau- und Sterberegister belegte das Bekleidungsgewerbe mit einem Anteil von 4,7% lediglich den fünften Rang - eine erhebliche Abweichung im Vergleich zu den zweistelligen Werten der amtlichen Statistik.

↓249

Eine Erklärung ist in dem hohen Frauenanteil unter den Beschäftigten des Bekleidungsgewerbes zu suchen. Weber führt ihn auf das rasch anwachsende weibliche Arbeitskräfteangebot in den Städten zurück.251 Ohne die Arbeit in der traditionellen landwirtschaftlichen Eigenproduktion und der völligen Abhängigkeit von den Einkünften des Mannes, war mit dem Voranschreiten der Industrialisierung eine enorme Nachfrage auf dem Gebiet der weiblichen Lohnarbeit entstanden. Das Bekleidungsgewerbe konnte das vorhandene Potential in nahezu idealer Weise nutzen. Zum einen hielt die große Nachfrage nach Heimarbeit das Lohnniveau auf einem für die Unternehmen attraktiv niedrigen Niveau. Zum anderen waren die Anforderungen an die Ausbildung und die technische Ausstattung gering. In der Regel genügte die Anschaffung einer Nähmaschine, um die Produktion aufnehmen zu können, auch wenn diese Investition für viele bereits zum finanziellen Drahtseilakt wurde und an den Rand des wirtschaftlichen Ruins führen konnte. Durch die Heimarbeit sparten die Konfektionsunternehmen die Kosten für teuere Produktionsstätten und boten den an den Haushalt gebundenen (Ehe-)frauen und Töchtern die Möglichkeit, zum Familieneinkommen beizutragen.252

Den fundamentalen Stellenwert der Frauenarbeit im Bekleidungsgewerbe verdeutlicht eine Zusammenstellung aus den Bevölkerungsaufnahmen von 1900 und 1910.253 Zugleich liefern die Zahlen einen Erklärungsansatz für die vergleichsweise niedrigen Beschäftigtenanteile des Weddings (vgl. Tab. 35).

Lediglich die östliche Luisenstadt jenseits des Kanals wies in den beiden Erhebungsjahren einen höheren Frauenanteil im Bekleidungsgewerbe auf. Dies bedeutet im Umkehrschluß, daß sich der Wedding durch einen sehr niedrigen Männeranteil auszeichnete. Auffällig ist zudem der vergleichsweise niedrige Wert der Frauen im Bekleidungsgewerbe an der Gesamtzahl der weiblichen Erwerbstätigen. Mit 27,2% (1900) und 19,6% (1910) lagen die Werte um etwa 10% niedriger als bspw. in der Rosenthaler Vorstadt.254 Beides deutet auf eine überdurchschnittliche Verfügbarkeit alternativer Arbeitsplätze hin.

↓250

Tab. 35: Frauen im Bekleidungsgewerbe nach Stadtteilen 1900 und 1910 (in %).

1900

1910

Frauenanteil im Bekleidungs-gewerbe

Anteil an erwerbs-tätigen Frauen insg. 1)

Frauenanteil im Bekleidungs-gewerbe

Anteil an erwerbs-tätigen Frauen insg.

Anteil verheirateter Frauen 2)

1

Luisenstadt jenseits östlich

75,9

29,7

75,2

20,6

11,0

2

Wedding

74,0

27,2

70,5

19,6

14,8

3

Friedrichs- u. Schöneberger V.

70,5

12,3

69,4

13,8

5,3

4

Luisenstadt jenseits westlich

70,6

30,9

69,1

23,8

9,4

5

Stralauer Viertel östlich

74,3

32,6

67,6

26,7

13,2

6

Friedrichs- u. Tempelhofer V.

69,8

20,6

67,3

19,0

6,6

7

Moabit

69,8

19,9

66,9

16,0

6,4

8

Rosenthaler Vst. nördlich

68,5

37,2

65,9

31,6

14,3

9

Oranienburger Vst.

69,3

28,8

65,6

21,3

8,6

10

Rosenthaler Vst. südlich

66,3

37,4

63,1

30,8

10,0

11

Stralauer Viertel westlich

62,7

29,4

61,3

25,4

10,3

12

Königs-Viertel

60,6

28,4

55,4

24,9

10,9

13

Luisenstadt diesseits

53,5

22,9

50,6

21,7

6,9

14

Spandauer Viertel

54,6

19,8

49,0

16,7

7,5


1) Anteil der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Frauen an der Gesamtzahl der weiblichen Erwerbstätigen je Stadtteil.
2) Bezogen auf die Gesamtzahl der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Frauen je Stadtteil. Zahlen nur für 1910 verfügbar.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 96 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 49.

Der hohe Anteil von 14,8% verheirateter Frauen - der höchste in ganz Berlin - untermauert diese Vermutung. Während eine Ehefrau mit Kindern auf die Heimarbeit angewiesen blieb, konnte eine ungebundene Frau verstärkt auf alternative, besserbezahlte Angebote in anderen Branchen zurückgreifen. Die Anteile im Bekleidungsgewerbe verschoben sich zugunsten der Verheirateten. Unwahrscheinlich ist, daß die wirtschaftliche Not überdurchschnittlich viele Ehefrauen zum Nebenerwerb in Heimarbeit zwang. Nicht die absolute Zahl der verheirateten Frauen lag im Wedding überdurchschnittlich hoch, sondern die Zahl der ledigen Konfektionsarbeiterinnen vergleichsweise niedrig.

Dies allein erklärt noch nicht die bestehende Diskrepanz zwischen den Zahlen der Volkszählungsergebnisse und der Kirchenbuchanalyse. Der hohe Frauenanteil wäre ohne statistische Relevanz geblieben, hätten die zur Führung der Kirchenbücher berechtigten Personen bei der Registrierung der beiden Geschlechter die gleichen Maßstäbe angelegt. In der Praxis kam es jedoch zu erheblichen Abweichungen. Während bei den aufgelisteten Männern in fast 95% der Fälle eine Berufsbezeichnung zu finden ist, beschränkt sich der Wert bei den Frauen auf lediglich 46,4%. Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind enorm:

↓251

Tab. 36: Kirchengemeinden des Untersuchungsgebietes. Anteil der Datensätze in den Trau- und Sterberegistern mit Berufsangaben. Nach dem Geschlecht 1885-1914 (in %).

Gemeinde

m

w

Dankes

95,5

51,0

Kapernaum

94,8

26,0

Nazareth

93,4

44,7

Oster

98,8

36,4

St. Joseph

97,6

73,0

St. Petrus

100,0

84,0

St. Sebastian

95,4

48,9

Gesamt

94,6

46,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

Abgesehen von der statistisch irrelevanten St. Petrus-Gemeinde bieten die Angaben aus den Kirchenbüchern der katholischen Gemeinde St. Joseph die größte Vollständigkeit. Hier findet sich für immerhin 73% der Frauen eine Berufsangabe.255 Dem stehen die evangelischen Gemeinden Kapernaum und Oster mit den Minimalwerten von 26,0% und 36,4% gegenüber.

Daß die Werte der Männer nicht noch höher liegen, ist den Sterberegistern geschuldet. Verstarb z.B. ein unehelich geborener Junge, vermerkte der Kirchenbuchführer in den meisten Fällen lediglich den Namen, nicht aber den Beruf der Mutter. Die unvollständige Registrierung der Frauen beeinflußt auf diese Weise indirekt auch die Statistik des anderen Geschlechts.

↓252

Für eine kartographische Darstellung der Wohnstandorte hat dies weitreichende Konsequenzen. Es ist zu vermuten, daß das Ergebnis weniger die tatsächlich herrschenden Verhältnisse widerspiegelt, als vielmehr zum Gradmesser für die Sorgfalt der Kirchenbuchführung degradiert.

Abb. 50: Beschäftigte im Bekleidungsgewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

Die aus den Trau- und Sterberegistern gewonnene Verteilung zeigt Abb. 50. Eine positive Korrelation zwischen dem Gemeindegebiet mit den genauesten Angaben - St. Joseph (nordwestlich der blau gepunkteten Linie) - und den Anteilen des Bekleidungsgewerbes an der Gesamtbeschäftigtenzahl ist nicht nachzuweisen. Offensichtlich führte die räumliche Überlagerung mit den Pfarreien der evangelischen Kapernaum- und Ostergemeinde, die späte Ausgliederung aus dem Seelsorgebezirk von St. Sebastian und die daraus resultierende geringe Grundgesamtheit zu einer Relativierung der hohen Werte.

↓253

Wichtiger erscheint die Trennlinie zwischen der evangelischen Dankes- und Nazarethgemeinde (rot gepunktete Linie bzw. Ringbahn). Zwischen den beiden Gemeinden, die mit über 80% den Großteil der Datensätze stellten, betrug die Differenz des Frauenanteils 6,3%. Die zusammenhängende Fläche der Straßenblöcke mit einem Beschäftigtenanteil des Bekleidungsgewerbes von über 5% in der südlichen Reinickendorfer Straße sowie beiderseits der Pank- und Gerichtstraße (1) könnte auf diesen Unterschied zurückzuführen sein. Andererseits deutet der ebenfalls sehr hohe Wert in dem bereits zur Nazarethgemeinde gehörenden Häuserblock an der östlichen Pasewalker Straße (2) auf eine gemeindeunabhängige Konzentration um den Nettelbeckplatz (3) hin. Mehr als eine Vermutung kann dies allerdings nicht sein. Die lückenhafte Datenbasis verhindert eine finale Beurteilung des Verteilungsmusters.

Im Gegensatz zur Metallverarbeitung und dem Maschinenbau vermittelt die in den Kreisdiagrammen dargestellte Schichtzugehörigkeit ein wesentlich differenzierteres Bild. Neben den 75,1% der „Oberen Unterschicht“ konnten die „Untere Mittelschicht“ und die „Mittlere Unterschicht“ mit 14,4% und 10,3% größere Anteile auf sich vereinen. Die Kategorien „Untere Unterschicht“ und „Oberschicht“ blieben dagegen unbesetzt (vgl. Tab. 37).

Auffällig ist die starke Zunahme der „Mittleren Unterschicht“ von 3% auf über 17% und der damit verbundene Rückgang des durchschnittlichen sozialen Status von 3,13 auf 2,95. Unter den 301 Personen der „Mittleren Unterschicht“ stellten die Näherinnen mit 275 Nachweisungen den mit Abstand höchsten Anteil. Vieles deute darauf hin, daß die Verschiebungen in Richtung einer sozialen Abwertung weniger den tatsächlichen Verhältnissen als vielmehr der uneinheitlichen Kirchenbuchführung geschuldet sind. Es ist sicherlich kein Zufall, daß sich der Abwertungsprozeß gerade in den Jahren 1905-1909 beschleunigte, als die sehr genauen Aufzeichnungen in der St. Joseph-Gemeinde einsetzten.

↓254

Tab. 37: Bekleidungsgewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

(2) Mittlere Unterschicht

4,5

3,0

6,2

10,2

17,3

17,1

10,3

(3) Obere Unterschicht

79,9

85,8

74,9

73,9

68,4

70,9

75,1

(4) Untere Mittelschicht

15,6

11,0

18,7

15,7

14,1

11,8

14,4

(5) Obere Mittelschicht

0,0

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,11

3,08

3,13

3,06

2,97

2,95

3,04


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

III.2.3.2.b) Die Berliner Konfektionsindustrie - Hintergründe

Richtet man das Augenmerk auf die beschäftigungsintensive Oberbekleidungs- und Wäscheherstellung, wird eine räumliche Arbeitsteilung sichtbar, die sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckte. Grandke identifizierte einen dreistufigen Produktionskreislauf.

Am Anfang und Ende stand das Konfektionshaus, das die zu fertigenden Modelle und Muster vorgab. Es kaufte en gros die zur Verarbeitung vorgesehenen Stoffe und sorgte - abhängig von dem jeweiligen Endprodukt256 - für den entsprechenden Zuschnitt. Das vorbereitete Rohmaterial verließ nun das Konfektionshaus und wurde an einen sog. Zwischenmeister übergeben. Dieser fungierte als Bindeglied und beschäftigte seinerseits Arbeiter, die für das fertige Endprodukt sorgten.

↓255

„Bei der Art, wie die Arbeiter vom Meister beschäftigt werden, unterscheiden wir [...] drei Formen, nämlich einmal den reinen Werkstattbetrieb, bei dem sich die Fertigstellung der Ware vollständig in der Werkstatt des Meisters vollzieht, zweitens den gemischten Betrieb, bei dem die Herstellung der Ware zum Teil in der Werkstatt des Meisters geschieht, zum Teil aber von ihm an Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen weitergegeben wird, die in ihrer eigenen Wohnung thätig sind. Bei dieser Form des gemischten Betriebs sind wieder zwei Abarten zu unterscheiden; einmal, daß ein und dieselbe Person sowohl in der Werkstatt des Meisters wie zu Hause arbeitet, das ist die bei weitem häufigste Form bei allen auf Stücklohn gestellten Werkstattarbeiterinnen. Sie entsteht dadurch, daß in der Regel, namentlich während der Saison, bei Schluß der Arbeitszeit in der Werkstelle noch nicht fertige Arbeit mit nach Hause genommen und mit Hilfe von Abend- und Nachtthätigkeit fertiggestellt wird. Die zweite Abart ist, daß ein Teil der Verrichtungen an einem Stück in der Werkstatt von bestimmten Werkstattarbeiterinnen und ein anderer Teil der Verrichtungen an demselben Stück von Heimarbeiterinnen, - also von anderen Persönlichkeiten - in ihren eigenen Wohnungen besorgt wird.

↓256

Die dritte Form, in der sich die Thätigkeit des Zwischenmeisters äußert, ist dann die, daß er ausschließlich Heimarbeiterinnen beschäftigt, also eine Art kleinen Kontraktor darstellt, der nur die Mittelperson zwischen dem Konfektionshause und der Arbeiterschar bildet und gleichsam für diese Vermittelung Prozente von dem vom Konfektionshause gezahlten Lohn für sich einbehält.“257

Die saisonal schwankende Auftragslage bestimmte den Produktionsrhythmus. Je nach Warentyp variierte die Auslastung im Jahresverlauf:

↓257

„Für die meisten Geschäfte besteht jede Saison aus drei Teilen: der Mustersaison, in welcher die Muster und Modelle geschaffen werden, der Reisesaison, in welcher die Aufträge entgegengenommen werden und der Liefersaison, der eigentlichen Saison, mit der Hochsaison als Kulminationspunkt, in welcher die Aufträge ausgeführt werden. [...] Das Gros der Arbeiter hat nur in der Liefersaison, der Saison im engeren Sinne, bei genügender Arbeit vollen Verdienst. Die verschiedene Dauer der Liefersaison ist es demnach, welche den einzelnen Branchen der Konfektionsindustrie den Stempel als Saisonindustrie aufdrückt.

Die Saison in der Herren- und Knabenkonfektion ist relativ günstig. Man unterscheidet eine Frühjahrs- oder Sommersaison, die im allgemeinen von Weihnachten bis Ende April währt, und eine Wintersaison, die einige Wochen nach Pfingsten beginnt und in den Oktober und bei schönem Wetter auch bis Mitte November dauert. Zeiten völliger Unthätigkeit gibt es kaum [...]

↓258

Die Saisonverhältnisse in der Damenkonfektion sind von viel größerer Bedeutung. Man unterscheidet hier auch eine im Frühjahr und Sommer und eine im Herbst und Winter liegende Saison. Während der Frühjahrs- und Sommersaison werden die Wintersachen angefertigt, die von den Käufern seltener durch neue ersetzt werden. Daher ist sie im allgemeinen kürzer als die Wintersaison, während welcher die Sommersachen gearbeitet werden, in denen der Bedarf ein größerer ist und mit denen öfters gewechselt wird. Im allgemeinen beginnt hier die Saison 2-3 Monate später als in der Herren- und Knabenkonfektion, d.h. Anfang Januar resp. Mitte Mai, endet aber fast gleichzeitig mit dieser, Ende April resp. Mitte Oktober. Durchschnittlich wird für Mäntel 6 Monate flott und 2 Monate weniger lebhaft gearbeitet; die übrigen 4 Monate ist stille Zeit.“258

Die vorherrschende Heimarbeit hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Wohnverhältnisse. Einen Einblick gewähren die 1898 publizierten Ergebnisse von Dyhrenfurth, die ihre Aussagen auf eine Befragung von 206 Heimarbeiterinnen stützte:

↓259

„Denken wir uns die aus zwei Räumen bestehende Berliner Arbeiterwohnung, wie sie am häufigsten vorkommt.

↓260

Meist werden wir sie in unserem Falle in den oberen Stockwerken der Hinterhäuser zu suchen haben, in denen auf die billigste Weise das Bedürfnis nach vollem Licht zum arbeiten befriedigt werden kann. Von der Treppe aus betritt man einen schmalen, dunklen Gang, an dem mehrere Parteien, meist zwei bis vier, wohnen und der die einfenstrigen Küchen von den gegenüberliegenden Stuben trennt. Je nachdem es der Platz erlaubt, sitzt die arbeitende Frau nun in einem oder dem anderen der beiden Räume.

Ist die Stube an Schlafgänger abvermietet oder durch die eigene Familie in Beschlag genommen, so steht die Nähmaschine zwischen Kochherd, Vorräten, Betten, eingeweichter Wäsche in der Küche.

↓261

Ja diese Küchenarbeit, wie sie die Leute nennen, kann man beinah als typisch für die Berliner Hausindustrie bezeichnen. Und gerade diejenigen Hausfrauen, die noch das Bedürfnis haben, wenigstens die Stube reinlich und präsentabel zu erhalten, ziehen es vor, mit ihrer Schneiderei in die Küche zu ziehen, wenn diese nur irgend welchen Raum dafür bietet. [...]

↓262

In den sogenannten Kochstuben, von Ehepaaren mit drei und vier Kindern bewohnt, trifft man inmitten des unbeschreiblichen häuslichen Chaos die Frauen an der Nähmaschine sitzend an. Das Arbeitsmaterial liegt auf den Betten verstreut und wird aufs ängstliche vor Unsauberkeit geschützt. Aber die Luft mit allem, was sich ihr mitteilt, wenn in einem Raume gesunde und kranke Menschen Tag und Nacht atmen, sich reinigen, ihre Speisen zubereiten, die Überreste und die gebrauchte Wäsche aufbewahren - diese Luft ist von den Waren, die hier hergestellt werden, nicht abzuschließen.

Eine frühere Geschäftsangestellte sagte mir, daß sie ihre Stellung zum Teil deshalb aufgegeben habe, weil beim Öffnen der von den Heimarbeitern abgelieferten Bündel so unerträgliche Dünste aufgestiegen wären, daß ihr ohnehin geschwächter Magen zu sehr darunter gelitten habe. Selbst Ungeziefer sei in den Packeten vorgekommen.

↓263

Nach den in den Häuslichkeiten gemachten Beobachtungen erscheint mir diese Angabe nicht zweifelhaft.“259

Die Fertigstellung der Waren hatte innerhalb einer festgelegten Zeitspanne zu erfolgen. Vor dem Abgabetermin erreichte das Arbeitspensum seinen Höchststand. Eine von Beier zu Beginn der 1980er Jahre befragte Probandin erinnerte sich rückblickend an die Arbeit ihrer Mutter:

↓264

„Mein Onkel erzählte oft, wir haben noch geschlafen, und dann hat Mutter schon wieder gesessen und genäht, und dann hat er immer gesagt, Mutti, du mußt doch aufhören, du mußt doch auch schlafen, ach, ich hab schon geschlafen, na, da hat sie wieder zwei drei Stunden geschlafen, dann hat sie wieder gesessen und genäht [...]“260

Da auch der Zwischenmeister von Seiten des Konfektionshauses an Fristen gebunden war, verlief die Abgabe der fertigen Ware nicht ohne Stockungen. Alle von einem Meister beschäftigten Heimarbeiterinnen wurde etwa zur gleichen Zeit vorstellig. Nach der Überprüfung der Waren mußten fehlerhafte Arbeiten gleich an Ort und Stelle ausgebessert werden. Das Prozedere konnte mehrere Stunden in Anspruch nehmen:

↓265

„In ein paar Detailgeschäften [...] erfolgte die Abnahme sofort. Auch von neun bis zehn Engrosgeschäften ist das Gleiche ausgesagt; von etwa sieben wird die Zeit, die mit Warten vergeht, auf 1 bis 2 Stunden angegeben, eine Stockung, die wahrscheinlich schwer zu vermeiden ist, besonders da, wo die Abfertigung des Einzelnen, das Überziehen des Gegenstandes über die Probierpuppen etc. längere Zeit in Anspruch nimmt. Daß sich in weiteren acht Geschäften das Warten oft über 2-3 Stunden ausdehnt, erscheint schon bedenklicher; an fünf Abnahmestellen soll es jedoch oft 4-5 Stunden dauern, bevor man an der Reihe ist, an einigen anderen noch darüber hinaus, und von etwa neun Firmen heißt es, daß ganze halbe Tage wartend im Lieferraum zugebracht werden müssen. Und nun male man sich die Empfindungen der Frauen aus, die, vielleicht mit Hintansetzung ihrer Haushaltungspflichten, die Morgenstunden benutzt haben, um die Ware zum Liefern fertigzustellen und die nun Stunde um Stunde verrinnen sehen, ohne etwas anderes thun zu können, als an die unversorgten Kinder, die vernachlässigte Wirtschaft daheim zu denken und sich auszurechnen, wieviel Nachtstunden geopfert werden müssen, um die versäumte Arbeitszeit nachzuholen.“261

Mit der Lieferung der Waren an das Konfektionshaus war die Produktionskette schließlich geschlossen. Ließ es die Auftragslage zu, begann der gesamte Ablauf von vorn.

↓266

Vier Aspekte bleiben festzuhalten:

  1. Ein Bekleidungsgewerbe des Weddings existierte strenggenommen nicht. Das Untersuchungsgebiet war lediglich Teil eines gesamtstädtisch organisierten, arbeitsteiligen Produktionsprozesses.
  2. Im Gegensatz zum Maschinenbau und der Metallverarbeitung blieb die städtebauliche Bedeutung des Bekleidungsgewerbes marginal. Große Produktionsstätten fehlten. Die Fertigung in Werkstätten und Heimarbeit dominierte.
  3. Die Heimarbeit der Frau wurde vor allem in den Unterschichthaushalten zu einem strukturierenden Element des Familienalltags. Für die betroffenen Frauen bedeuteten die Näharbeiten eine erhebliche Mehrbelastung, ohne daß die zumeist kärgliche Entlohnung zu einer spürbaren Verbesserung der finanziellen Situation geführt hätte.
  4. Das Berliner Bekleidungsgewerbe steht stellvertretend für eine Entwicklung, die in vielen Zweigen des traditionellen Handwerks zu beobachten war. Die Ausweitung der maschinellen und standardisierten Produktion drängte den Anteil selbständiger Meister zurück. Gesellen wurden zu Lohnarbeitern. Ganze Berufszweige wie bspw. das Schuhmacherhandwerk verschwanden und existierten nur noch zur Verrichtung von Reparaturarbeiten als Flickschuster weiter. Ein tiefgreifender Umstrukturierungsprozeß wird sichtbar, der einerseits mit Krise und Abstieg verbunden war, andererseits neue Handwerkszweige hervorbrachte. So rückten u.a. Installations-, Reparatur- und Dienstleistungstätigkeiten in den Vordergrund.262

III.2.3.3 Handelsgewerbe

III.2.3.3.a)  Beschäftigtenstruktur

Das Handelsgewerbe erlebte im Untersuchungszeitraum einen enormen Aufschwung. Die rasch expandierende industrielle Produktion verlangte nach neuen, adäquaten Distributionsformen. Der Laden wurde zur Basisinnovation und zum sichtbaren Ausdruck des Wandels.

↓267

„Die Produktion an sich war wertlos, unbedeutend, lediglich notwendige Grundlage für das eigentliche Ziel jeder Produktion, nämlich für den Verkauf, für die Realisierung der im Produkt gebündelten Werte. [...] Der Laden entwickelte sich [...] zum entscheidenden Ort der Realisierung dieser Werte - während parallel die Fabrik zum entscheidenden Ort der Güterproduktion wurde. Ohne den Laden kann die Industrialisierung daher nicht angemessen erklärt werden.“263

Der Laden - definiert als ein vor der Witterung geschützter Verkaufsraum, der einzig dem Warenverkauf dient - war strenggenommen keine wirkliche Innovation. Seine Anfänge reichen bis ins Mittelalter zurück. Neu war die flächendeckende Verbreitung, die alle Bereiche des Konsumgüterhandels erfaßte. Die Erdgeschosse der neu errichteten Mietshäuser waren zur Straßenfront fest für den Einzelhandel reserviert.264 Die traditionelle räumliche Einheit von Produktion und Verkauf zerbrach.265

↓268

Eine Ausnahme blieb lange Zeit der Lebensmittelsektor. Im Vergleich zum Gebrauchsgüterhandel setzte sich in diesem Bereich der Ladenverkauf vergleichsweise spät durch. Die geringe Haltbarkeit der Waren machte einen ständigen ortsgebundenen Handel unrentabel. Wochenmärkte und der direkte Verkauf an den Wohnungen der Kunden bestimmten das Bild. Grundnahrungsmittel wie Brot wurden vielfach noch in Eigenproduktion hergestellt.

„Grundsätzlich gilt, daß die Ladenorientierung je früher einsetzte, desto haltbarer und wichtiger ein Lebensmittel war.“266

↓269

Das Handelsgewerbe zählte über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg zu den Wachstumsbranchen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen legten die Beschäftigtenanteile in allen Stadtteilen kontinuierlich zu. Der Wedding fiel dabei durch seine vergleichsweise niedrigen Werte auf. Der Branchenanteil von 7,2% im Jahr 1910 war allein der hohen absoluten Einwohnerzahl geschuldet. Kein anderer Stadtteil wies zur gleichen Zeit einen geringeren Beschäftigtenanteil im Handel auf. Eine temporäre Ausnahme war dies nicht. Bereits in den Zähljahren 1885 und 1900 zierte der Wedding mit 6,3% und 8,8% das Ende der Auflistung.

Tab. 38: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Handelsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Stralauer Viertel östlich

5,4

+4,1

9,5

7,5

+3,7

11,2

+0,5

11,7

2. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

10,2

-0,9

9,3

10,0

+3,2

13,2

+0,8

14,0

3. Königs-Viertel

7,7

+1,5

9,2

13,5

+1,5

15,0

+1,8

16,8

4. Moabit

6,5

+1,9

8,4

7,3

+3,7

11,0

+1,7

12,7

5. Rosenthaler Vst. nördlich

5,0

+2,6

7,6

8,3

+2,2

10,5

+1,0

11,5

6. Wedding

4,4

+2,8

7,2

6,3

+2,5

8,8

+0,6

9,4

7. Luisenstadt diesseits

9,0

-1,9

7,1

15,3

+2,1

17,4

+0,6

18,0

8. Rosenthaler Vst. südlich

6,6

-0,9

5,7

10,3

+3,9

14,2

+1,0

15,2

9. Oranienburger Vst.

6,1

-0,5

5,6

8,4

+2,4

10,8

+1,0

11,8

10. Stralauer Viertel westlich

7,0

-1,6

5,4

10,6

+4,4

15,0

-0,2

14,8

11. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,5

-0,3

5,2

8,8

+2,9

11,7

+2,0

13,7

12. Spandauer Viertel

6,6

-2,0

4,6

16,1

+2,2

18,3

+0,1

18,4

Sonstige Stadtteile... 3)

> 15%

Neu-Cöln

0,5

-0,2

0,3

19,9

+2,5

22,4

+3,0

25,4

Alt-Berlin

1,8

-0,9

0,9

19,2

+3,9

23,1

-2,8

20,3

Alt-Cöln

0,9

-0,3

0,6

16,7

+2,9

19,6

-0,1

19,5

Friedrichstadt

5,0

-1,6

3,4

17,1

+1,1

18,2

+0,7

18,9

Friedrichswerder

0,3

-0,1

0,2

16,4

-0,1

16,3

+0,6

16,9

Thiergarten

1,6

-0,2

1,4

9,9

+7,1

17,0

-0,2

16,8


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Handelsgewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Handelsgewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Handelsgewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die folgenden Stadteile wiesen 1910 einen Beschäftigtenanteil von über 15% auf, spielten jedoch innerhalb Gesamt-Berlins nur eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 98 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 51.

Eine Erklärung für die außergewöhnlich niedrigen Werte innerhalb des Weddings liefert eine Aufschlüsselung der Zahlen nach der Stellung im Beruf und dem Frauenanteil. 1885 verzeichnete die Statistik für den Wedding eine Selbständigenquote von 69,2%. Kein anderer Berliner Stadtteil reichte an diesen Wert auch nur annähernd heran. Auch wenn die Quote bis 1900 um über 30% gesunken war, blieb der Wedding bis 1910 auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau. Dies galt in gleichem Maße für den Anteil der Frauen an den Selbständigen. Mit 28,9% bzw. 33,9% belegte der Wedding in den Jahren 1900 und 1910 die Spitzenposition der Auflistung. Die hohen Werte selbständiger Frauen und der Selbständigen insgesamt deuten auf einen sehr kleinteiligen und wenig spezialisierten Einzelhandel mit dementsprechend niedrigen Beschäftigtenanteilen hin.

↓270

Bemerkenswert ist der allgemein zu beobachtende Einbruch der Selbständigenquote zwischen 1885 und 1900. Die Zahlen belegen einen raschen und tiefgreifenden Wandel der Einzelhandelsstruktur hin zu größeren Verkaufseinheiten.267

Tab. 39: Selbständigenanteil insgesamt und Anteil der Frauen an den Selbständigen im Berliner Handelsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910 (in %).

Anteil der Selbständigen (%)

Frauenanteil an den Selbständigen (%)

1885

+/-

1900

+/-

1910

1900

+/-

1910

1. Wedding

69,2

-33,6

35,6

-1,6

34,0

28,9

+5,0

33,9

2. Luisenstadt jenseits östlich

58,3

-31,3

27,0

+1,6

28,6

26,1

+3,7

29,8

3. Thiergarten

55,7

-17,3

38,4

-1,8

36,6

10,2

+3,2

13,4

4. Oranienburger Vst.

55,2

-25,8

29,4

-0,3

29,1

24,8

+2,7

27,5

5. Rosenthaler Vst. nördlich

52,5

-22,0

30,5

-0,3

30,2

25,1

+5,2

30,3

6. Friedrichs- u. Schöneberger V.

52,3

-16,6

35,7

-4,5

31,2

13,9

+4,5

18,4

7. Friedrich-Wilhelm-Stadt

52,1

-23,7

28,4

-2,8

25,6

15,9

+2,2

18,1

8. Stralauer Viertel östlich

51,1

-21,8

29,3

+0,6

29,9

24,1

+8,5

32,6

9. Dorotheenstadt

50,1

-5,7

44,4

+8,0

52,4

8,3

-3,8

4,5

10. Luisenstadt jenseits westlich

49,8

-21,4

28,4

+1,7

30,1

23,3

+7,3

30,6

11. Rosenthaler Vst. südlich

47,5

-18,5

29,0

+1,6

30,6

21,1

+5,1

26,2

12. Stralauer Viertel westlich

47,4

-17,4

30,0

+2,7

32,7

21,1

+4,4

25,5

13. Spandauer Viertel

45,6

-11,8

33,8

+4,0

37,8

21,0

-0,8

20,2

14. Königs-Viertel

45,3

-16,0

29,3

+1,3

30,6

21,0

+2,2

23,2

15. Moabit

43,7

-18,7

25,0

-0,2

24,8

19,7

+6,3

26,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 98 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 51.

Nach den Angaben der Kirchenbücher belegt das Handelsgewerbe mit 4,9% den vierten Rang. Verglichen mit dem Bekleidungsgewerbe liegt die Diskrepanz zu den Werten der amtlichen Statistik auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Dennoch bleibt eine Abweichung zwischen 1,4% und 4,5%. Die Ursachen sind in dem ebenfalls sehr hohen Frauenanteil und den damit verbundenen Unzulänglichkeiten der Kirchenbuchführung zu suchen.268

↓271

Tab. 40: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Handelsgewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Das räumliche Verteilungsmuster ergibt kein eindeutiges Bild (vgl. Abb. 51). In der Mehrzahl der Straßenblöcke bewegten sich die Beschäftigtenanteile zwischen 2,5% und 5%. Nur in drei Fällen überstiegen die Werte die Marke von 10%. Dabei handelte es sich um Flächeneinheiten mit einer vergleichsweise geringen Grundgesamtheit. Tendenziell lagen die Anteile in den Neubaugebieten westlich der Müllerstraße höher als in den östlich angrenzenden Altbauvierteln. Dies könnte auf die vorherrschende Ladennutzung in den Erdgeschossen der fünfgeschossigen Neubauten zurückzuführen sein.

Abb. 51: Beschäftigte im Handelsgewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

↓272

Hervorzuheben ist die Situation um den Weddingplatz (1). Von den sieben angrenzenden Straßenblöcken wiesen allein fünf einen Beschäftigtenanteil des Handelsgewerbes von über 5% auf. Da es sich nach der Bodenwertkarte von 1906 (Abb. 28, S. 73) zugleich um das Areal mit den höchsten Grundstückspreisen des Untersuchungsgebietes handelte, läßt das Verteilungsmuster auf eine Funktion als Dienstleistungs- und Versorgungszentrum schließen.269

Die wenig konkreten, jedoch am häufigsten anzutreffenden Berufsbezeichnungen „Handelsmann“ bzw. „Kaufmann“ werden nach der Klassifikation von Schüren der „Unteren Mittelschicht“ zugeordnet. Ohne die Möglichkeit, eine Differenzierung nach der Betriebsgröße oder dem Geschäftszweck vornehmen zu können, entsteht eine überaus homogene Schichtstruktur, die sich deutlich vom Maschinenbau und dem Bekleidungsgewerbe abhebt. Der Schwerpunkt ist um eine Kategorie nach oben in die „Untere Mittelschicht“ verschoben. Sie dominiert mit 87,5% und führt zu einem durchschnittlichen sozialen Status von 3,99.

Tab. 41: Handelsgewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,6

0,3

0,8

0,7

0,2

1,0

0,6

(2) Mittlere Unterschicht

0,0

0,3

0,3

0,2

0,2

0,0

0,1

(3) Obere Unterschicht

3,8

2,6

2,8

5,2

5,4

8,8

5,3

(4) Untere Mittelschicht

89,2

89,9

91,0

83,7

88,3

84,8

87,5

(5) Obere Mittelschicht

6,4

7,0

5,3

10,1

5,9

5,4

6,5

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

4,01

4,03

4,00

4,02

4,00

3,94

3,99


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

↓273

Ob diese vergleichsweise hohe Einordnung der tatsächlichen Situation im Untersuchungsgebiet gerecht wird, muß angezweifelt werden. Der starke Anteil von Kleinstbetrieben unter der Leitung einer Frau deutet auf Nebenerwerbstätigkeiten hin, die allein dazu dienten, das Familieneinkommen auf eine breitere Basis zu stellen.270 Folgt man den Ausführungen von Haupt, war für die Mehrzahl der kleinen Geschäfte die Gefahr eines Konkurses allgegenwärtig. Ohne den zusätzlichen Lohn des Mannes konnte die Familie ihr Auskommen nicht bestreiten. Die Grenzziehung zwischen Mittel- und Unterschicht verschwimmt. Selbständigkeit war vielfach nicht mehr als die „Selbständigkeit zur Selbstausbeutung.“271

Die steigenden Anteile der „Oberen Unterschicht“ entsprechen dagegen der zunehmenden Anzahl abhängig Beschäftigter und der konstatierten Vergrößerung der Betriebseinheiten. Die Berufsbezeichnungen „Verkäufer“ bzw. „Verkäuferin“ nahmen in ihrer Häufigkeit zu.

III.2.3.3.b) Die Markthalle XIV - Räumliche Verteilungsmuster des Lebensmitteleinzelhandels

Im Jahr 1881 ersuchte die Berliner Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, einen Plan zur Errichtung von Markthallen für das gesamte Stadtgebiet zu erarbeiten. Seit 1886 entstand ein Netz von 13 Kleinmarkthallen und einer Zentralmarkthalle am Alexanderplatz. Mit der sukzessiven Fertigstellung der Hallen wurden sämtliche Wochenmärkte aufgehoben. Die Zentralmarkthalle übernahm fortan die Versorgung des Berliner Groß- und Kleinhandels mit Frischwaren. Mit der Errichtung des kommunalen Markthallensystems nahm die Stadtverwaltung unmittelbaren Einfluß auf die Lebensmittelversorgung der Stadt.

↓274

Im Untersuchungsgebiet öffnete im Jahr 1892 die Markthalle XIV in der Reinickendorfer Straße 2 d-e ihre Pforten (vgl. oben, S. 81f., Abb. 31/32, Nr. 7). Gottwald beschreibt die Situation im Innern etwa 30 Jahre nach der Inbetriebnahme:

„Im ganzen sind 326 feste Stände vorhanden. Davon entfallen z.B. 82 auf die Fleischer und 24 auf die Fischhändler. Die Stände ziehen sich zum Teil an den Wänden entlang, zum Teil bilden sie am Mittelgang Doppelreihen. Außer den festen Ständen gibt es noch sogenannte Inselstände, die nicht in einer Reihe liegen. Jeder feste Stand gleicht einem kleinen Laden. Er trägt eine Nummer und den Namen des Inhabers.

↓275

Was kann man nun in der Halle kaufen? Da sehen wir, wie die Fleischer appetitliche Fleisch- und Wurstwaren zur Schau stellen. Fettwaren, wie Butter, Schmalz, Margarine, ferner Käse in vielen Sorten und Eier sind in ausreichender Menge vorhanden. Auch Kolonialwaren, Mehl, Backobst, Puddingpulver und dergleichen locken die Umschau haltende Hausfrau zum Kaufen an. Gemüse und Obst kann man, der Jahreszeit entsprechend, in frischem Zustand haben. Es wird vielfach von Selbsterzeugern aus den nördlichen Dörfern, wie Blankenburg, Karow, Berlin-Buchholz, zum Verkauf gebracht. Fische und Räucherwaren fehlen niemals. Nicht nur Lebensmittel, auch Küchengeräte, Einkaufstaschen, Körbe, Schnürsenkel, Schuhcream, Lichte, Seifen und dergleichen mehr werden den Besuchern der Markthalle angeboten. Einen besonderen Schmuck erhält die Halle durch die Blumenstände, die neben lieblichen Blumen auch Kränze feilbieten.“272

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kleinmarkthallen des Stadtgebietes konnte die Markthalle XIV auf ein stabile Entwicklung zurückblicken. Nach einem anfänglichen Rückgang verharrte die Auslastung bei einer Gesamtverkaufsfläche von 1.500 qm auf einem konstant hohen Niveau. Lediglich die Hallen VI und VIII wiesen ähnlich positive Werte auf.273

↓276

Abb. 52: Auslastung der Markthallen in der Stadt Berlin 1886-1909.

Quelle: Eigene Darstellung nach Lange (1911), S. 81.

Anm.: III = Zimmerstraße 90-91/Mauerstraße 82, IV = Dorotheenstraße 28-30/Reichstagsufer, V = Magdeburger Platz, VI = Invaliden-/Ackerstraße, VII = Eckgrundstück Luckauer Straße/Luisenufer, VIII = Andreasstraße 56, IX = Eisenbahnstraße 40, X = Arminiusplatz, XI = Marheinekeplatz, XII = Badstraße 10/10a, XIII = Wörther Straße 45, XIV = Reinickendorfer Straße 2d.274

Zum Scheitern des Markthallenkonzeptes gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Spiekermann führt als Hauptursache das wenig attraktive Ambiente mit Schwüle im Sommer und Kälte im Winter an. Breite Käuferschichten blieben fern und suchten nach alternativen Einkaufsmöglichkeiten.275 Ladengeschäften und Straßenhändler deckten die Nachfrage, zumal sich für die Konsumenten vielfach die Entfernungen vergrößert hatten:

↓277

„Ihre Verbreitung [der Ladengeschäfte] war dadurch begünstigt, daß die Anzahl der Kleinhandelspunkte mit frischen Nahrungsmitteln mit der Errichtung der Hallen vermindert worden war, indem jede Halle mehrere Wochenmärkte ersetzen sollte. Dadurch war vielen Konsumenten bei der größeren Entfernung der Haushaltungen von der Halle als früher vom Markt der Bedarfseinkauf erschwert worden. [...] Von den ehemaligen Marktzentren und den Hallen aus besetzten sie nach Bedürfnis das ganze Stadtgebiet in steigender Zahl. [...]

Die Kleinhandlungen für frische Nahrungsmittel [...] üben durch ihren Betrieb unmittelbar an den verkehrsreichen Straßen, durch ihre Schaufenster, Reklamen, Auslagen und Einrichtungen, und besonders auch durch das Entgegenkommen[ 276 ] und die Höflichkeit der Händler einen anziehenden Einfluß auf Konsumenten aus. Diese vermögen dort im einzelnen und ungestört ihren Bedarf vorteilhafter zu decken als in den Hallen, wo der gesamte unruhige Betrieb in einem einzigen, geschlossenen großen Raum vor sich geht. [...]

↓278

Eine weitere Beeinträchtigung erfährt der Betrieb der Markthallen durch den sogenannten Straßenhandel. Wie schon zurzeit der Wochenmärkte die Selbstproduzenten von dem Vorrecht Gebrauch machten, in der Stadt unmittelbar von ihren Wagen herab zu verkaufen oder mit ihren Tragekörben von Haus zu Haus zu gehen, so machte sich bald nach der Eröffnung der Hallen in immer steigendem Maße ein Straßenhandel bemerkbar, der in einfachster Art betrieben wird. Unternehmende Leute versehen sich aus den nicht verkauften täglichen Restbeständen der Marktgroßhändler, zumeist auf Kredit, mit frischen Nahrungsmitteln, vornehmlich mit Obst, Gemüse, Fischen und auch Blumen, die ihnen billig abgelassen werden. [...] Da die Straßenhändler ihre Waren billig verkaufen und überall hinziehen können, wo Bedürfnis vorhanden ist, so erfreuen sie sich eines sicheren und großen Umsatzes."277

Lange verweist darüber hinaus auf die Problematik der Citybildung. Die zunehmende Abwanderung von Wohnbevölkerung entzog den innenstadtnahen Hallen II-IV schrittweise die Lebensgrundlage, so daß die Halle III bereits 1909 geschlossen werden mußte.

↓279

Der langfristige Erfolg der Halle XIV legt - trotz des Scheitern des Gesamtkonzeptes - die Vermutung nahe, daß von ihr eine nachweisbare Beeinflussung der umgebenden Einzelhandelsstruktur ausging. Da es im Rahmen der Untersuchung nicht möglich ist, alle Einzelhandelseinrichtungen zu erfassen und zu kartieren, wurde eine Beschränkung auf zwei Handelssparten vorgenommen - den sog. Grünkram- und Kolonialwarenhandel. Beide standen nach der Beschreibung von Gottwald mit ihrem Sortiment in Konkurrenz zu den Angeboten der Markthalle. Es ist zu erwarten, daß die Wettbewerbssituation zu einer Reduzierung der alternativen Verkaufsstellen in der Umgebung der Halle führte.

Abb. 53 zeigt für das Jahr 1915 ein ausgesprochen disperses Verteilungsmuster in enger Anlehnung an den Bebauungsstand.278 Eine klare räumliche Schwerpunktsetzung ist nicht zu erkennen. Die im Berliner Adreßbuch verzeichneten 95 Kolonialwaren- und 144 Grünkramhandlungen des Untersuchungsgebietes sorgten für ein annähernd flächendeckendes Versorgungsangebot. Die Grundbedürfnisse konnten in der unmittelbaren Nachbarschaft befriedigt werden. Die blau markierte Markthalle tritt kaum als strukturierendes Element in Erscheinung. Lediglich in der unmittelbarsten Nachbarschaft sind die alternativen Versorgungseinrichtungen unterrepräsentiert.

Die Darstellung legt drei Schlüsse nahe:

↓280

  1. Ein engmaschiges Netz an Ladengeschäften mußte nicht zwangsläufig zu Lasten einer Markthalle gehen. Wichtiger als die Konkurrenzsituation waren offensichtlich die Erreichbarkeit und die Dichte der Wohnbebauung in der Umgebung.
  2. Trotz der positiven Entwicklung läßt sich - zumindest für das Jahr 1915 - keine Sonderstellung der Markthalle XIV im Versorgungssystem des Weddings nachweisen. In der Markthalle muß eher eine das Angebot ergänzende, nicht jedoch eine dominierende Einrichtung gesehen werden. Für eine abschließende Beurteilung reicht das vorliegende Datenmaterial allerdings nicht aus. Eine exakte Gegenüberstellung der Angebots- und Nachfragevolumina zwischen der Markthalle und den umliegenden Ladengeschäften läßt sich aus heutiger Perspektive nicht mehr vornehmen.
  3. Auch wenn die Markthalle langfristig nicht als zentrale Versorgungseinrichtung in Erscheinung trat, liefert sie einen hypothetischen Erklärungsansatz für die hohen Beschäftigtenanteile des Handelsgewerbes in den Straßenblöcken um den Weddingplatz. Vieles deutet darauf hin, daß die Markthalle die Herausbildung einer Zentrumsfunktion maßgeblich beförderte.

Abb. 53: Räumliche Verteilung der Grünkram- und Kolonialwarenhandlungen 1915.

III.2.3.4 Baugewerbe

III.2.3.4.a)  Beschäftigtenstruktur

Die intensive Bautätigkeit im Stadtgebiet und den angrenzenden Vororten schuf über alle konjunkturellen Schwankungen hinweg einen enormen Bedarf an Arbeitskräften. Im Gegensatz zur Terrainerschließung blieben im Bereich der Bauausführung große börsennotierte Gesellschaften die Ausnahme. Private Bauunternehmungen dominierten. Da die Errichtung eines Gebäudes fast ausschließlich über Kredite finanziert wurde, ohne daß der Bauherr in größerem Umfang Eigenkapital zum Einsatz bringen mußte,279 bestand zu keiner Zeit die Notwendigkeit, auf ein aktiengestütztes Finanzierungssystem umzustellen.

↓281

Tab. 42: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Baugewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteile 1)

Beschäftigtenanteile 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Stralauer Viertel östlich

9,3

+7,8

17,1

5,3

+2,4

7,7

-1,2

6,5

2. Rosenthaler Vst. nördlich

11,8

+5,0

16,8

6,8

+3,1

9,9

-2,0

7,9

3. Wedding

9,6

+5,6

15,2

5,7

+2,0

7,7

-1,6

6,1

4. Moabit

9,8

+0,7

10,5

5,3

+1,3

6,6

-1,7

4,9

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,8

-0,9

7,9

5,2

-0,6

4,6

-0,9

3,7

6. Königs-Viertel

6,5

+1,0

7,5

3,5

+1,6

5,1

-0,8

4,3

7. Oranienburger Vst.

7,4

-1,5

5,9

4,5

+0,7

5,2

-1,3

3,9

8. Rosenthaler Vst. südlich

6,7

-1,8

4,9

6,2

-0,4

5,8

-1,7

4,1

9. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,3

-0,8

4,5

4,9

-0,4

4,5

-0,8

3,7

10. Luisenstadt jenseits östlich

5,1

-0,8

4,3

6,1

+0,3

6,4

-1,7

4,7

11. Stralauer Viertel westlich

5,5

-1,2

4,3

4,0

+0,7

4,7

-1,0

3,7

12. Luisenstadt jenseits westlich

4,5

-0,7

3,8

5,0

-0,8

4,2

-0,7

3,5


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Baugewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Baugewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Baugewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 97 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 50.

Der Großteil der im Berliner Baugewerbe Beschäftigten lebte in den Stadtrandgebieten. Im Jahr 1910 verzeichneten drei Stadtteile einen Branchenanteil von über 15%. Der höchste Wert entfiel auf das östliche Stralauer Viertel mit 17,1%. Fast jeder fünfte Bauhandwerker Berlins hatte hier seinen Wohnsitz. Knapp dahinter folgten die nördliche Rosenthaler Vorstadt mit 16,8% und der Wedding mit 15,2%. Gegenüber 1900 fallen die hohen Zuwachsraten dieser drei Stadtteile auf: +7,8%, +5,0% bzw. +5,6%. In den übrigen Gebieten stagnierten die Zahlen oder waren leicht rückläufig. Das Ergebnis deckt sich mit der in Abb. 19 (S. 54) dargestellten Neubautätigkeit. Dem nach 1900 in den nördlichen und östlichen Stadtteilen einsetzenden Bauboom standen die Gebiete im Westen und Süden mit einer rückläufigen Entwicklung gegenüber.

Ein bekanntes Bild offenbart die Entwicklung innerhalb der Stadtteile. Während zwischen 1885 und 1900 das Baugewerbe in fast allen Gebieten prozentual zulegen konnte, waren die Werte bis 1910 ohne Ausnahme rückläufig. Auch wenn die absolute Zahl der im Bauhandwerk Beschäftigten wuchs, nahm die relative Bedeutung nach 1900 ab. Wie bereits ausgeführt, ist eine zurückhaltende Interpretation angebracht. Die augenfällige Entwicklung könnte auf variierende Erhebungskriterien in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ zurückzuführen sein.280

↓282

Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Leitbranchen entsprechen die aus den Kirchenbüchern ermittelten Anteile des Baugewerbes in etwa den Zahlen der amtlichen Statistik. Hinter dem Quantum von 7,3% stehen die Angaben von 4.388 Datensätzen. Mögliche Verzerrungen durch die lückenhaften Berufsangaben bei Frauen sind nicht zu berücksichtigen.

Die kartographische Darstellung läßt eine Konzentration der Wohnstandorte zwischen der Pankstraße/Lindower Straße und der Liebenwalder Straße erkennen (1) (vgl. Abb. 54). In diesem Gebiet findet sich ein annähernd geschlossenes Areal mit Beschäftigtenanteilen von über 6%. Die Neubaugebiete an der Seestraße (2), südlich der Triftstraße (3) und beiderseits der Utrechter Straße (4) treten dagegen nicht signifikant in Erscheinung. Das gleiche gilt für den gesamten Bereich südlich der Ringbahn (5), wo lediglich in vier Straßenblöcken die Marke von 6% erreicht wird.

Die Ballung der Wohnstandorte in dem Altbaugebiet nördlich der Ringbahn legt einen Zusammenhang mit der intensiven Neubautätigkeit auf den westlich und nördlich angrenzenden Flächen nahe. Eine Unterkunft zwischen Liebenwalder Straße und Pankstraße bot den Vorteil einer größtmöglichen räumlichen Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, auch wenn nicht mit Sicherheit zu belegen ist, daß die im Untersuchungsgebiet lebenden Bauhandwerker auch tatsächlich ihr Auskommen auf den benachbarten Baustellen fanden.

↓283

Abb. 54: Beschäftigte im Baugewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

Tab. 43: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Baugewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Nach den hohen Werten der „Unteren Mittelschicht“ im Handelsgewerbe tritt im Bausektor wieder die „Obere Unterschicht“ mit 86,9% in den Vordergrund (vgl. Tab. 44). Maurer, Maler und Zimmerleute stellten das Gros der Beschäftigten. Die „Untere Mittelschicht“ repräsentierten mit 7,3% die entsprechenden Handwerksmeister. Immerhin 81 Personen zählten nach der zugrunde gelegten Klassifikation zur „Oberen Mittelschicht“. Hinter den Zahlen verbergen sich u.a. Architekten, Bauingenieure und vor allem die Gruppe der Bauunternehmer. Daß die „Untere Unterschicht“ einen Anteil von 3,8% stellt, ist dagegen allein der Berufsbezeichnung „Bauarbeiter“ geschuldet. In der Realität lag die Anzahl der Hilfsarbeiter mit Sicherheit um ein Vielfaches höher. Es ist überaus wahrscheinlich, daß zahlreiche Personen, die in den Kirchenbüchern als „Arbeiter“ geführt wurden, zumindest einer saisonalen Tätigkeiten auf dem Bau nachgingen.

↓284

Daß der Anteil der „Unteren Unterschicht“ für 1910-1914 einen Minimalwert von 1,5% verzeichnete und zugleich die Mittelschicht mit 9,8% bzw. 2,8% ein Rekordniveau erreichte, spiegelt die schwierige Lage der Baukonjunktur wider. Die Entlassung von abhängig Beschäftigten im Zuge einer Verkleinerung der Betriebseinheiten führte zu einem relativen Bedeutungszuwachs der Handwerksmeister, Bauunternehmer u.a. Der sprunghafte Anstieg des durchschnittlichen sozialen Status von 3,01 auf 3,12 muß vor diesem Hintergrund als Ausdruck der tiefgreifenden Krise interpretiert werden.

Tab. 44: Baugewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

3,5

3,6

2,9

5,0

5,8

1,5

3,8

(2) Mittlere Unterschicht

0,0

0,1

0,0

0,0

0,2

0,3

0,1

(3) Obere Unterschicht

89,8

88,2

89,2

84,8

83,4

85,5

86,9

(4) Untere Mittelschicht

5,4

6,7

6,5

8,4

7,9

9,8

7,3

(5) Obere Mittelschicht

1,2

1,3

1,4

1,8

2,7

2,8

1,8

(6) Oberschicht

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,01

3,02

3,04

3,02

3,01

3,12

3,03


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

Wenig sinnvoll ist eine weitere Differenzierung nach dem Firmensitz der einzelnen Bauunternehmungen. Die Divergenz zwischen dem eingetragenen Unternehmenssitz und dem tatsächlichen Ort der Leistungserbringung führt zu keinem verwertbaren Ergebnis. Nicht die Zahl und räumliche Verteilung der Bauunternehmen, sondern der bereits untersuchte Umfang der Bautätigkeit wird zum entscheidenden raumrelevanten Kriterium.

III.2.3.4.b) Der Bauunternehmer Adolf Reich - Ein Blick hinter die Kulissen des Berliner Baugewerbes

↓285

Ohne Bauunternehmer ist die Erweiterung der Stadtfläche nicht zu erklären. Sie sorgten für die Erschließung einer Baustelle im Auftrag von Terraingesellschaften bis hin zur Fertigstellung der Gebäude in Eigenregie. In ihren Händen lag die gesamte Bauausführung.

Die Hürden für die Gründung eines Bauunternehmens lagen ausgesprochen niedrig. Weder mußte eine bestimmte Eigenkapitalsumme, noch eine spezielle handwerkliche Befähigung nachgewiesen werden.281 Erst die Gesetzesnovelle zur Gewerbeordnung vom 07. Januar 1907 gab den Baupolizeibehörden die Möglichkeit, „unzuverlässigen“ Bauunternehmern den Gewerbebetrieb zu untersagen.282 Die 1909 verabschiedeten Bestimmungen zur Hinterlegung finanzieller Sicherheiten traten dagegen nie in Kraft.283 Selbst die Führung eines Baubuches zur Kontrolle der Ausgaben zählte bis dahin nicht zu den Vorschriften.284

Es ist kein Zufall, daß die gesetzgeberischen Aktivitäten zur strengeren Reglementierung des Bauhandwerks 1907 einsetzten, d.h. genau in dem Jahr der beginnenden großen Immobilienkrise. Hohe Leerstandsraten, sinkende Auftragszahlen und die Verteuerung von Krediten brachten in zahlreichen Fällen das labile finanzielle Kartenhaus zum Einsturz. Bauunternehmen gingen Konkurs ohne daß die Forderungen der Bauarbeiter und Zulieferer auch nur annähernd abgesichert waren. Oftmals hatte der Unternehmer die Baugelder für den eigenen Lebensunterhalt anstelle des Hausbaus verbraucht. Das Schlagwort vom „Bauschwindel“ machte die Runde.

↓286

Eine Liste des Berliner Polizeipräsidiums vom März 1913 verzeichnete 921 Namen von „unzuverlässigen“ Bauunternehmern.285 Zahlreiche Prozesse gegen insolvente Bauherren begannen. Einer von ihnen richtete sich gegen Adolf Reich, dessen „Karriere“ als Bauunternehmer auf einer Baustelle im Untersuchungsgebiet (Afrikanische Straße) sein Ende fand. Die Prozeßakte zeigt in aller Deutlichkeit die Problematik.

Die Klageschrift des Polizeipräsidenten gegen Reich vom 01. April 1912 auf „Untersagung des Gewerbebetriebes als Bauunternehmer und Bauleiter, sowie des Betriebes einzelner Zweige des Baugewerbes“ zeichnet zunächst den beruflichen Werdegang nach:

↓287

„Der Zimmerer Adolf Reich, am 2. August 1854 zu Alt Demanczewo Kreis Posen-West geboren, gegenwärtig hier, Waldemarstraße 56 wohnhaft, betreibt seit Jahren in und um Berlin das Gewerbe als selbständiger Bauunternehmer. Er will das Zimmererhandwerk in den Jahren 1868-1871 bei dem Zimmermeister Feckert in Posen erlernt haben. Eine Meisterprüfung hat er nicht bestanden. Zeugnisse über die berufliche Vorbildung besitzt er nicht.

Ein auf Reich‘s Namen lautender Betrieb wurde bis zum Jahr 1896 in den Listen der Nordöstlichen Baugewerksberufsgenossenschaft geführt, dann aber gelöscht, da die Pfändung wegen rückständiger Beiträge wiederholt fruchtlos ausfiel, Reich auch am 5. Oktober 1896 [...] vor dem Königlichen Amtsgericht I zu Berlin den Offenbarungseid leistete.

↓288

Am 15. März 1908 wurde Reich in die Berufsgenossenschaft unter der handelsrechtlich nicht eingetragenen Firma Adolf Reich & Co. wieder aufgenommen; Teilhaberin war seine am 11. März 1910 verstorbene Ehefrau Henriette Reich geb. Böhnke. Der Betrieb mußte jedoch später abermals gelöscht werden, da Reich am 13. Januar 1909 erneut offenbarte und auch seine Ehefrau den Offenbarungseid leistete. Nicht einmal die Möbel gehörten damals den Eheleuten.“286

Zwei Grundprobleme werden offensichtlich: 1. Die vage berufliche Ausbildung und 2. die völlige Mittellosigkeit. Neben Verstößen gegen Unfallverhütungsvorschriften, der Hinterziehung von Krankenkassenbeiträgen für die von ihm beschäftigten Arbeiter und die Umgehung der Berufsgenossenschaft, kam die Beweisaufnahme zu folgendem Schluß:

↓289

„Die Bautätigkeit, die der Beklagte entfaltete, ging weit über seine Mittel hinaus. So kommen die von ihm ausgeführten Neubauten in Weißensee, Sedanstraße 54 und in Lichtenberg, Dossestraße 6 schon kurz vor oder kurz nach der Fertigstellung unter Zwangsverwaltung und zur Zwangsversteigerung und die Handwerker hatten mit ihren Forderungen größtenteils das Nachsehen. [...]

↓290

In wirtschaftlicher Hinsicht ist Reich somit als ganz unselbständig und unzuverlässig anzusehen und es ist zu befürchten, daß Bauhandwerker, die er zu ferneren Bauausführungen heranzieht, für ihre Arbeitsleistungen und Lieferungen keine Zahlung erhalten und schwer geschädigt werden.

Die Unzuverlässigkeit des Beklagten als Bauleiter erweisen die zahlreichen, bei der Bauausführung in Lichtenberg begangenen erheblichen Verstöße gegen die Baupolizeiordnung und gegen die allgemein üblichen und anerkannten Regeln der Baukunst. Durch die fortgesetzten Verstöße gegen die Unfallverhütungsvorschriften werden auch Leben und Gesundheit der auf seinen Bauten beschäftigten Arbeiter stark gefährdet. [...]

↓291

Ist der Beklagte aber weder in beruflicher noch in wirtschaftlicher oder moralischer Hinsicht als zuverlässig zu erachten, so erscheint die Untersagung des Gewerbebetriebes auf Grund des § 35 Absatz 5 der Reichsgewerbeordnung als dringend geboten.“287

Der Versuch wie im Falle Reichs noch kurz vor dem Bankrott neue Baustellen zu übernehmen (Afrikanische Straße), offenbart eine Art von Kettenreaktion, die zum völligen Zusammenbruch führen mußte. Mit einer neuen Baustelle bestand für den Bauunternehmer kurzfristig die Möglichkeit, an neues Geld zu kommen, um damit noch ausstehende Verbindlichkeiten auf früheren Baustellen zu begleichen. Damit fehlten jedoch die Gelder für die neu übernommene Baustelle, so daß die Diskrepanz zwischen verfügbarem und notwendigem Kapital immer größer wurde.

↓292

Das Urteil gegen Reich fiel dementsprechend deutlich aus. Am 11. Oktober 1912 gab der Bezirksausschuß zu Berlin der Klage des Polizeipräsidiums statt und untersagte Reich den Gewerbebetrieb als Bauunternehmer und Bauleiter sowie den Gewerbebetrieb als Maurermeister und Zimmermeister.288

Das Fallbeispiel liefert einen weiteren Baustein zur Erklärung des Konjunkturverlaufs im Baugewerbe. Durch die sowohl bei der Terrainerschließung als auch der Bauausführung zu beobachtenden fragwürdigen Finanzierungsmethoden bestand zu jeder Zeit die Gefahr eines negativen Selbstverstärkungseffektes. Aufgrund der fehlenden Kapitaldecke war es für einen Bauunternehmer in der Regel nicht möglich, eine Anpassung der eigenen Geschäftstätigkeit an eine sich evtl. verringernde Nachfrage vorzunehmen. Um der Schuldenfalle zu entrinnen, blieb - wie im Falle Adolf Reich - nichts anderes übrig, als die eigenen Aktivitäten trotz verschlechterter Rahmenbedingungen noch auszuweiten. Verstärkte Verkaufsaktivitäten auf dem Baustellenmarkt und eine steigende Erteilung von Baugenehmigungen wurden zum Fanal für den bevorstehenden Zusammenbruch.

III.2.3.5 Chemische Industrie

III.2.3.5.a)  Beschäftigtenstruktur

Im Unterschied zu den bisher analysierten Wirtschaftszweigen blieb die Chemische Industrie für den Arbeitsmarkt von untergeordneter Bedeutung. Nach den Angaben der amtlichen Statistik betrug die Gesamtbeschäftigtenzahl 1910 innerhalb des Berliner Stadtgebietes gerade einmal 5.751 Personen.289 Dies entspricht einer Quote von 0,5%. Mit 979 Arbeitnehmern und einem Beschäftigtenanteil von 0,8% lag der Wedding zwar über dem Berliner Durchschnitt, dies änderte jedoch nichts an der insgesamt sehr geringen Beschäftigungsrelevanz.

↓293

Tab. 45: Branchen- und Beschäftigtenanteile in der Chemischen Industrie nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding

15,5

+1,5

17,0

0,5

+0,8

1,3

-0,5

0,8

2. Moabit

8,7

+1,2

9,9

0,3

+0,3

0,6

-0,1

0,5

3. Luisenstadt jenseits östlich

10,9

-1,2

9,7

0,4

+1,0

1,4

-0,1

1,3

4. Stralauer Viertel östlich

4,9

+4,8

9,7

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,1

-0,4

7,7

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

6. Oranienburger Vst.

7,6

-0,1

7,5

0,3

+0,2

0,5

+0,1

0,6

7. Rosenthaler Vst. nördlich

5,3

+0,5

5,8

0,2

+0,2

0,4

-0,1

0,3

8. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,3

-0,1

5,2

0,2

+0,3

0,5

0,0

0,5

9. Königs-Viertel

4,9

0,0

4,9

0,2

+0,2

0,4

-0,1

0,3

10. Luisenstadt jenseits westlich

5,2

-1,0

4,2

0,2

+0,3

0,5

-0,1

0,4

11. Luisenstadt diesseits

5,2

-1,1

4,1

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

12. Rosenthaler Vst. südlich

4,3

-0,5

3,8

0,1

+0,3

0,4

0,0

0,4


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin in der Chemischen Industrie Beschäftigten. (Gesamtzahl der in der Berliner Chemischen Industrie Beschäftigten = 100%).
2) Anteil der Chemischen Industrie an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 93 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 47.

Die eigentliche Bedeutung liegt in der überragenden Stellung des Weddings für die Chemische Industrie Berlins. 17% aller Beschäftigten des Wirtschaftszweiges gaben bei der Volkszählung von 1910 den Wedding als Wohnsitz an. Mit 9,9% bzw. je 9,7% folgten Moabit, das östliche Stralauer Viertel und die östliche Luisenstadt jenseits des Kanals erst mit erheblichem Abstand. Der Wedding war am Vorabend des Ersten Weltkriegs das Zentrum der Chemischen Industrie Berlins, auch wenn das östliche Stralauer Viertel mit +4,8% gegenüber 1900 eine deutlich höhere Zuwachsrate zu verzeichnen hatte.

Lediglich 60 Datensätze aus den Kirchenbüchern können zweifelsfrei der Chemischen Industrie zugeordnet werden. Die geringe Grundgesamtheit erfordert im Vergleich zu den bisher bearbeiteten Branchen ein abweichendes kartographisches Darstellungsprinzip. Da in allen Straßenblöcken der Beschäftigtenanteil unter einem Prozentpunkt blieb, gibt Abb. 55 die Verteilung der absoluten Werte wieder. Auf eine räumliche Aufschlüsselung der Schichtzugehörigkeit mußte gänzlich verzichtet werden.

↓294

Tab. 46: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Chemische Industrie 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Die absolute Mehrzahl der Erwerbstätigen hatte ihren Wohnsitz beiderseits der Ringbahn. Eine zusammenhängende Fläche mit Nachweisungen ist erkennbar. Den mit Abstand höchsten Wert stellte der Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße (1). Hier lebten allein neun der 60 dokumentierten Personen.

Abb. 55: Beschäftigte in der Chemischen Industrie. Wohnstandorte 1885-1914.

↓295

Die zusammengefaßten Werte der Schichtzugehörigkeit ergeben folgende Verteilung:

Tab. 47: Chemische Industrie des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten insgesamt 1885-1914.

abs.

%

(1) Untere Unterschicht

7

11,7

(2) Mittlere Unterschicht

9

15,0

(3) Obere Unterschicht

5

8,3

(4) Untere Mittelschicht

1

1,7

(5) Obere Mittelschicht

24

40,0

(6) Oberschicht

14

23,3

Durchschnitt 1-6

4,13


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Mit 40,0% konnte die „Obere Mittelschicht“ die höchsten Anteile auf sich vereinen. Unter den 24 Personen dieser Kategorie fanden sich 22 Apotheker. An zweiter Stelle folgte mit 23,3% die „Oberschicht“, die im vorliegenden Fall mit der Berufsbezeichnung „Chemiker“ gleichzusetzen ist. Demgegenüber blieben die „Obere Unterschicht“ und „Untere Mittelschicht“ unterrepräsentiert. Die Zahlen lassen auf einen sehr hohen Statuts der Beschäftigten schließen. Einschränkend sei jedoch auf die niedrigen absoluten Werte hingewiesen. Bereits eine einzelne Person mehr oder weniger führt zu sichtbaren Anteilsverschiebungen.

III.2.3.5.b) Produktionsstandorte

↓296

Nach der Berufsklassifikation des Kaiserlichen Statistischen Amtes von 1907 umfaßte die Rubrik „Chemische Industrie“ neben Apotheken, die Herstellung von chemischen, pharmazeutischen und photographischen Präparaten, die Produktion von Farben, Sprengstoffen und Zündwaren sowie Knochenmühlen, Düngerfabriken und die Verarbeitung von Abfuhrstoffen. Eine eigene Rubrik bildeten dagegen Gasanstalten, die Licht- und Seifenfabrikation bzw. der gesamte Produktionskomplex von Ölen, Fetten, Lacken und Leim. Sie wurden in der Statistik unter der Bezeichnung „Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, Öle und Firnisse“ geführt.290

Auf der Grundlage dieser Abgrenzung lassen sich im Untersuchungsgebiet - abgesehen von den Apotheken - drei Produktionszweige der Chemischen Industrie nachweisen: Chemische Präparate, Farben und Zündwaren.

Die Mehrzahl der Betriebsstätten reihte sich in Übereinstimmung mit den Wohnstandorten entlang der Ringbahn (A) (vgl. Abb. 56). Nach Norden hin trat allein das Gebiet um die Kreuzung Seestraße/Müllerstraße mit drei Grundstücken als Schwerpunkt der Farbenherstellung in Erscheinung (B). Ohne größere Bedeutung blieb dagegen die Fertigung von Zündwaren. Im Gewerbeteil des Berliner Adreßbuches ist lediglich für das Jahr 1900 ein Unternehmen in der Reinickendorfer Straße 23d (C) aufgelistet.

↓297

Das zumeist singuläre Auftreten der Produktionsstätten deutet auf kleine Betriebseinheiten mit einer kurzen Lebensdauer hin. Der Nachweis einer längerfristigen Nutzung beschränkt sich auf drei Grundstücke:

  1. Müllerstraße 170/171: Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) (1885-1915)
  2. Müllerstraße 138b: Farbenfabrik L. Decken (1885-1915)
  3. Tegeler Straße 15: Sauerstoff-Fabrik Berlin GmbH (1900-1915)

Als traditionsreichstes und größtes Unternehmen nahm die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) eine Sonderstellung ein.

↓298

Abb. 56: Standorte der Chemischen Industrie 1885, 1900 und 1915.

III.2.3.5.c) Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering)

Die Anfänge des Unternehmens reichen bis in das Jahr 1851 zurück. In diesem Jahr erwarb der Firmengründer Ernst Schering (1824-1889) die sog. „Grüne Apotheke“ in der Chausseestraße 17 (Oranienburger Vorstadt) und begann an diesem Standort - neben dem Apothekenbetrieb - mit dem Aufbau einer Produktion für „Feinchemikalien“. Nachdem die Fabrikate auf der Pariser Weltausstellung von 1855 mit Auszeichnungen abgeschnitten hatten und das Geschäft florierte, genügten die vorhandenen Produktionskapazitäten bereits nach wenigen Jahren nicht mehr den Anforderungen. Da in der Chausseestraße langfristige Expansionsmöglichkeiten fehlten, erwarb Schering 1858 das 6.250 m² großes Grundstück Müllerstraße 170.291

Abb. 57: Schering-Firmengelände (1908).

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M. (1909).

↓299

Als eines der ersten Unternehmen überhaupt vollzog der noch kleine Betrieb eine Randwanderung in den gerade erst nach Berlin eingemeindeten Wedding. Die Baugenehmigung für das erste Fabrikgebäude wurde am 14. November 1864 erteilt. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1871 begann die eigentliche Bebauung des Geländes.292 Bis 1890 entstanden entlang der Ringbahntrasse mehrere Lagerhallen, Schuppen und Werkstätten, die in der Folgezeit sukzessiv durch Fabrik- und Expeditionsneubauten ersetzt wurden. Bereits 1872 hatte das Unternehmen die Genehmigung zum Bau eines 70 m langen, viergeschossigen „Comptoir- und Magazingebäudes“ in der Fennstraße erhalten. An der Straßenfront zur Müllerstraße entstand schließlich in den Jahren 1889/90 ein dreiflügeliges Geschäftshaus mit roten Ziegelfassaden. Das sog. „Rote Schloß“ beherbergte fortan die Unternehmensleitung. Schering begann die gesamte räumliche Entwicklung zwischen der Sellerstraße und Ringbahn zu bestimmen.

Mit der baulichen Expansion wuchs auch die Produktpalette schnell über die bescheidenen Anfänge der „Grünen Apotheke“ hinaus. Für den unternehmerischen Durchbruch sorgte nicht zuletzt die Politik. Die 1883 eingeführte gesetzliche Krankenversicherung machte Arzneimittel für die breite Basis der Bevölkerung zugänglich und eröffnete bis dato unbekannte Absatzmöglichkeiten. Dreizehn Jahre zuvor hatte das Unternehmen bereits von der kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich profitiert, indem es die Versorgung mehrere Armeekorps mit Arzneimitteln übernommen hatte.293 Es verwundert daher nicht, daß Desinfektions- und Schlafmittel sowie Narkoseäther und Chloroform zu den ersten in größerem Umfang hergestellten pharmazeutischen Produkten zählten.

Neben Arzneimitteln stellte Schering Chemikalien für die Parfümerie-, Textil-, Leder-, Seifen- und Feuerwerksindustrie her. Synthetischer Kampfer, ein Grundstoff für die Herstellung von Zelluloid, wurde seit der Markteinführung 1903 zum wichtigsten nichtpharmazeutischen Produkt. Bereits zuvor hatte sich die Fotochemie zu einer Spezialität des Unternehmens entwickelt. Der Absatz von Fotoplatten und später Fotopapier brachte dem Unternehmen einträgliche Gewinne.

↓300

1895 beschäftigte das Unternehmen 58 Angestellte (davon 20 Chemiker), 525 Arbeiter und 40 Arbeiterinnen.294 Wenn man bedenkt, daß fünf Jahre später die amtliche Statistik für den gesamten Wedding (inkl. des Gesundbrunnens) eine absolute Beschäftigtenzahl von 840 Personen in der Chemischen Industrie auswies, wird die überragende Stellung von Schering deutlich.

Die Fluktuation der Beschäftigten war gering. Das Unternehmen verfügte über einen festen Mitarbeiterstamm. Da es keinen Ausbildungsgang zum Chemiefacharbeiter gab, bildete das Unternehmen seine Mitarbeiter selbst aus.

↓301

„Anders als in der metallverarbeitenden Industrie wurden der chemischen Industrie [...] keine aus den Handwerksberufen freigesetzten Fachkräfte „zugeliefert“. Auf eine genaue Ausführung von Anweisungen und den sorgsamen Umgang mit den zu verarbeitenden Stoffen kam es an.“295

Die Zahl der Beschäftigten war begrenzt, dafür bot sich den einmal Angestellten eine größere Arbeitsplatzsicherheit als in anderen Branchen.

Dies bedeutet zusammengefaßt:

↓302

  1. Schering war das einzige Großunternehmen der Chemischen Industrie im Untersuchungsgebiet. Die dominante Stellung des Weddings in der Beschäftigtenstatistik der Chemischen Industrie Berlins hing entscheidend von diesem Unternehmen ab. Alles stand und fiel mit Schering.
  2. Die Notwendigkeit zur Aneignung von Spezialwissen schuf eine Beschäftigungsgrundlage, die deutlich von anderen Branchen abwich. In kaum einem anderen Industriezweig bestimmte die Maxime einer möglichst engen und dauerhaften Bindung an das Unternehmen stärker die Personalpolitik. Dieser Aspekt sollte langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung des Konzerns am Standort Wedding haben, da der feste Mitarbeiterstamm maßgeblich zum Verbleib des Unternehmens im geteilten Berlin nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beitrug.

III.2.4 Zwischenfazit

Der Untersuchungszeitraum markierte für den Wedding die eigentliche Durchbruchphase der Industrialisierung. Stellvertretend für die Entwicklung steht der Aufstieg des Maschinenbaus zum Wirtschaftszweig mit der höchsten Beschäftigungsrelevanz. Das Vorherrschen elektrotechnischer Unternehmen verweist auf ein überaus hohes Innovationspotential. Die entstehenden großflächigen Produktionsstandorte prägten nachhaltig die Raumstruktur des Weddings.

Abgesehen von dem überwiegend in Heimarbeit organisierten Bekleidungsgewerbe und dem krisengeschüttelten Baugewerbe stiegen in nahezu allen Branchen die Anteile der abhängig Beschäftigten. Die Größe der Betriebseinheiten nahm insgesamt zu.

↓303

Mit dem Bevölkerungswachstum und den zahlreichen industriellen Neugründungen erhöhte sich die Bedeutung des Weddings für die Gesamt-Berliner Wirtschaft in entscheidender Weise. Fast 20% aller im Stadtgebiet lebenden Metallarbeiter, Maschinenbauer und Chemiearbeiter hatten am Vorabend des Ersten Weltkrieges ihren Wohnsitz im Norden Berlins. Lagen die Beschäftigtenanteile des produzierenden Gewerbes signifikant über dem Berliner Durchschnitt, blieb andererseits der gesamte Dienstleistungssektor unterrepräsentiert.

Einen ergänzenden Beitrag zur Analyse der städtebaulichen Entwicklung lieferte das Fallbeispiel der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG. Die Ansiedlung des Unternehmens an der östlichen Seestraße zeigte unmittelbare Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Mit der Errichtung der ersten Fabrikgebäude stiegen die Bodenpreise in der Umgebung schlagartig an. Das gesamte Neubaugebiet um die Utrechter Straße muß in den Kontext von Bergmann gestellt werden. Die Bergmann-Werke und der Neubau des Rudolf-Virchow-Krankenhauses unterstreichen die Bedeutung von einzelnen Großinvestitionen auf den räumlichen Fortgang der Stadterweiterung.

Eine weitere wichtige Querverbindung zum Städtebau offenbarte der Einzelhandel. Die Raumaufteilung der neu entstandenen Mietshäuser mit ihren fast durchgehenden Ladenfronten im Erdgeschoß bewirkte einen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozeß. Das fünfgeschossige Mietshaus schuf nicht allein die baulichen Voraussetzung für den raschen Durchbruch des Ladengeschäftes als bevorzugte Verkaufsform, sondern sorgte zugleich für die notwendige Klientel in der unmittelbaren Nachbarschaft.

↓304

Für ein Aufgreifen der Ausgangsfrage nach einer möglichen Dependenz von städtebaulicher Struktur und sozialräumlicher Differenzierung fehlt ein abschließender, integrierter Blick auf die Gesamtverteilung der Berufsgruppen und die Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten. Vor allem das räumliche Distributionsmuster der ungelernten Lohnarbeiter muß bei einem finalen Urteil Berücksichtigung finden. Mit einem Anteil von über 30% - nach den Kirchenbuchangaben - beeinflußte die Rubrik maßgeblich die Beschäftigungssituation.

Betrachtet man die Branchenverteilung je Häuserblock für den gesamten Untersuchungszeitraum, werden deutliche Abweichungen sichtbar (vgl. Abb. 58). Während die vier dargestellten Leitbranchen Metallverarbeitung/Maschinenbau, Bekleidung, Handel und Baugewerbe zusammengenommen konstant um einen Anteil von 30% variierten, zeigen die Kreisdiagramme erhebliche Abweichungen bei den ungelernten Lohnarbeitern. Die maximalen Werte konzentrierten sich entlang der Liebenwalder Straße, Reinickendorfer Straße, Kösliner Straße, Gerichtstraße und Neue Hochstraße (1) an der östlichen Begrenzung des Untersuchungsgebietes. Hinzu kommen zwei Straßenblöcke zwischen der Schulstraße, Müllerstraße und Gerichtstraße (2) sowie der gesamte Bereich um den Sparrplatz (3). Die niedrigsten Anteile finden sich dagegen in der nördlichen Müllerstraße (4), in den Neubauvierteln beiderseits der Seestraße (5) und Utrechter Straße (6) sowie südlich der Triftstraße (7) bzw. in den Straßenblöcken um den Weddingplatz (8).

Die differierenden Anteile der ungelernten Lohnarbeiter spiegeln sich in dem durchschnittlichen sozialen Status wider. Die Häuserblöcke mit den höchsten Anteilen der „Lohnarbeit wechselnden Art“ wiesen zugleich die niedrigsten Statuswerte auf. Von Abweichungen im Detail abgesehen, offenbaren die Flächendarstellungen bei einer Gegenüberstellung der Zeiträume 1885-1889 und 1910-1914 eine hohe raum-zeitliche Persistenz.

↓305

Die Verteilungsmuster lassen auf eine Korrelation zwischen dem Gebäudealter und der Sozialstruktur schließen. Der soziale Status der Einwohnerschaft lag in den östlichen Altbauvierteln signifikant niedriger als in den Neubaugebieten des Westens und Nordwestens. Dabei dürfte weniger das Gebäudealter, als vielmehr die mit einem bestimmten Entstehungszeitraum verbundenen Ausstattungsmerkmale den Ausschlag gegeben haben. Das mit der Wohnraumqualität variierende Mietniveau wurde offensichtlich zum entscheidenden segregierenden Faktor. Mehr als eine hypothetische Vermutung kann dies allerdings nicht sein, da u.a. eine grundstücksgenaue Auswertung der Bauakten für das gesamte Untersuchungsgebiet notwendig wäre, um abweichende Ausstattungsmerkmale im Detail nachweisen zu können.

Eine Sonderstellung nahm das Altbaugebiet um den Weddingplatz ein (8). Der vergleichsweise hohe soziale Status der Anwohnerschaft unterstreicht nochmals die im Rahmen der Einzelhandelsanalyse ermittelten Hinweise auf ein lokales Dienstleistungs- und Versorgungszentrum.

Abb. 58: Beschäftigte nach Berufsgruppen und Schichtzugehörigkeit je Häuserblock.

III.3 Demographische Struktur

↓306

Veränderungen des Bevölkerungsstandes werden durch vier Faktoren bestimmt: die Zahl der Geburten, die Zahl der Sterbefälle sowie den Umfang der Zu- und Abwanderung. Sie bilden die mathematischen Komponenten der „Demographischen Grundgleichung“:

Abb. 59: Demographische Grundgleichung.

Quelle: Bähr, Jürgen: Bevölkerungsgeographie. 3. akt. und überarb. Aufl., Stuttgart 1997, S. 173.

Die Differenz aus Geburten- und Sterbefälle wird als „natürliche“ Bevölkerungsbewegung bezeichnet. Sie steht im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen. Der Aspekt der Wanderungen wird in Kapitel 4 einer separaten Analyse unterzogen - ohne damit eine vollständige inhaltliche Trennung der beiden Themenbereiche anstreben zu wollen. Gerade bei der Untersuchung eines einzelnen Stadtteils wie dem Wedding sind Querverbindungen unerläßlich. Je kleiner die zu untersuchende Raumeinheit ist, desto größer sind in der Regel die Auswirkungen von Wanderungsbewegungen auf die Zusammensetzung der ortsansässigen Bevölkerung.

↓307

Ziel ist es,

  1. die räumlichen Verteilungsmuster demographischer Merkmalsausprägungen in Abhängigkeit von ihrem städtebaulichen und sozio-ökonomischen Bezugsrahmen zu analysieren und mögliche Interdependenzen herauszuarbeiten.
  2. zur Erklärung langfristiger Veränderungen des Geburten- und Sterbeaufkommens innerhalb des Untersuchungsgebietes eine Einordnung in den übergeordneten theoretischen Kontext des sog. Demographischen Übergangs vorzunehmen.

Den Einstieg in die Thematik bildet eine Auseinandersetzung mit dem Alters- und Geschlechtsaufbau der Einwohnerschaft. Die zu diesem Zweck erstellten Bevölkerungspyramiden erlauben eine grundlegende Abgrenzung der für die natürliche Bevölkerungsbewegung relevanten Personengruppen. Darauf aufbauend folgt zunächst eine Analyse des Heiratsverhaltens als Determinante des Geburtenaufkommens, ehe die eigentlichen Komponenten der demographischen Grundgleichung - die Fertilität und Mortalität - aufgegriffen werden.

↓308

Zu einem limitierenden Faktor wird die vorhandene Datenbasis. Die Beschränkung der empirischen Erhebung auf die kirchlichen Trau- und Sterberegister macht es notwendig, die Ausführungen zur Fertilität ausschließlich auf die Zahlen der amtlichen Statistik zu stützen. Aussagen zu räumlichen Verteilungsmustern können nur indirekt aus dem Heiratsverhalten abgeleitet werden. Dies schränkt den Aussagegehalt auf der Mikroebene einzelner Häuserblöcke, Straßenzüge bzw. Grundstücke ein.

Zugleich macht das vorhandene Quellenmaterial eine Abweichung von dem bisherigen Darstellungsprinzip notwendig. Da aussagekräftige zeitgenössische Situationsberichte zu demographischen Fragestellungen für das Untersuchungsgebiet nicht nachgewiesen werden konnten, muß eine inhaltliche Vertiefung der statistisch-strukturellen Ergebnisse durch Fallbeispiele unterbleiben.

III.3.1  Einwohnerzahl, Alters- und Geschlechtsstruktur

Über 200 Jahre hinweg hatte Berlin ein nahezu ununterbrochenes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen.296 1861 beherbergte die Stadt erstmals - begünstigt durch die Eingemeindung des Weddings, Moabits u.a. - über 500.000 Einwohner. Schon 16 Jahre später wurde die Marke von einer Million erreicht. Die Zuwachsraten der Folgejahre übertrafen alles bis dahin Gesehene. Ein jährliches Plus von 50.000 Menschen bildete Ende der 1880er Jahre keine Ausnahme; fünfstellige Gewinne blieben bis zur Jahrhundertwende die Regel. 1905 wurde die Zwei-Millionen-Grenze überschritten.

↓309

Damit war der Höhepunkt erreicht. Bis zum Kriegsausbruch stagnierten die Werte oder waren sogar leicht rückläufig. Die Dynamik verlagerte sich zusehends in die rasch wachsenden Vororte. Erst mit der Schaffung von Groß-Berlin 1920 erreichte die Einwohnerzahl dank der Eingemeindungen ein neues Maximum.

Tab. 48: Entwicklung der Einwohnerzahl in Gesamt-Berlin und dem Standesamtsbezirk Wedding (XIII, inkl. Gesundbrunnen) 1885-1914 (abs.).

Berlin

Wedding

Berlin

Wedding

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

 

1885

1.291.372

69.526

1900

1.864.779

+44.490

138.407

+1.534

1886

1.337.727

+46.355

k.A.

1901

1.887.942

+23.163

142.247

+3.840

1887

1.388.224

+50.497

k.A.

1902

1.896.388

+8.446

147.560

+5.313

1888

1.440.944

+52.720

k.A.

1903

1.922.359

+25.971

155.695

+8.135

1889

1.497.307

+56.363

k.A.

1904

1.961.896

+39.537

163.699

+8.004

1890

1.551.866

+54.559

95.375

[+25.849]

1905

2.010.727

+48.831

177.480

+13.781

1891

1.592.043

+40.177

k.A.

1906

2.055.339

+44.612

195.316

+17.836

1892

1.611.218

+19.175

k.A.

1907

2.070.001

+14.662

210.118

+14.802

1893

1.628.238

+17.020

k.A.

1908

2.060.124

-9.877

217.054

+6.936

1894

1.643.631

+15.393

k.A.

1909

2.050.158

-9.966

225.014

+7.960

1895

1.661.005

+17.374

114.512

[+19.137]

1910

2.059.417

+9.259

236.272

+11.258

1896

1.698.660

+37.655

119.221

+4.709

1911

2.071.940

+12.523

245.534

+9.262

1897

1.733.525

+34.865

125.033

+5.812

1912

2.083.392

+11.452

250.517

+4.983

1898

1.774.628

+41.103

131.065

+6.032

1913

2.082.111

-1.281

254.775

+4.258

1899

1.820.289

+45.661

136.873

+5.808

1914

2.029.852

-52.259

251.140

-3.635


Quelle: StatJbB, versch. Jg.

Gegenüber der gesamtstädtischen Entwicklung offenbart die Einwohnerzahl des Untersuchungsgebietes eine gewisse Zeitverzögerung, die mit dem Fortgang der Bebauung korrespondiert. Die höchsten Zuwachsraten wurden erst nach der Jahrhundertwende zwischen 1905 und 1907 erreicht. Bis 1913 blieben die Vorzeichen positiv, ehe der Kriegsausbruch auch im Wedding zu einem leichten Bevölkerungsrückgang führte.

↓310

Eine genaue Aufschlüsselung der Einwohnerschaft nach dem Alter und Geschlecht ist für das Untersuchungsgebiet seit 1890 möglich. In der Bevölkerungs- und Wohnungsaufnahme dieses Jahres wurden erstmals demographische Kenngrößen nach Stadtteilen differenziert ausgewiesen.

III.3.1.1  Die Situation im Jahr 1890

Für das Jahr 1890 ergibt eine Gegenüberstellung des Weddings mit den Werten von Gesamt-Berlin folgende Verteilung:

Abb. 60: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1890.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 1. December 1890 in der Stadt Berlin. Zweites Heft. II. Abt., Berlin 1896, S. 7.

↓311

Der Bevölkerungsaufbau des Weddings ähnelte einer Pyramidenform. Charakteristisch tritt die breite Basis mit den höchsten Bevölkerungsanteilen in den Altersgruppen von 0-14 Jahren in Erscheinung. Mit Ausnahme der 15-24jährigen zeigt das Schaubild eine kontinuierliche Abnahme der Anteile mit steigendem Alter. Ab 45 Jahre ist ein Frauenüberhang zu beobachten. In den niederen Altersklassen fehlte dagegen ein eindeutiger Trend. Während der Anteil weiblicher Personen bei den 10-14jährigen überwog, bestand in den Altersklassen der 25-29 bzw. 40-44jährigen eine erkennbare Prävalenz des männlichen Geschlechts. Die Sexualproportion, d.h. das Verhältnis von männlicher zu weiblicher Bevölkerung, betrug insgesamt 96,7:100.

Einer näheren Betrachtung bedarf der Einschnitt in den Altersklassen 15-19 und 20-24. Da in der Rubrik der 25-29jährigen der Männeranteil deutlich überwog und der Bevölkerungsaufbau fast schon die Form einer doppelten Pyramide annahm, ist zu vermuten, daß hohe positive Wanderungssalden bei den über 25jährigen zu dem ungleichmäßigen Erscheinungsbild führten. Es bleibt allerdings die Frage, weshalb nicht bereits in den Altersgruppen der 15-19 und 20-24jährigen eine verstärkte Zuwanderung einsetzte.297

Diese Frage drängt sich um so mehr bei einem Blick auf die Gesamt-Berliner Situation auf. Hier stellten gerade die 20-24jährigen die größte Einheit. Die Pyramidenform ist deutlich modifiziert und erst für die Altersklassen ab 20 Jahre ausgebildet. Eine breite Basis mit einem hohen Kinderanteil fehlt und weist auf ein abweichendes generatives Verhalten hin. Die höheren Altersklassen sind durchweg stärker besetzt, was wiederum auf ein erhöhtes Durchschnittsalter schließen läßt.

↓312

Auffällig ist der für annähernd alle Altersklassen nachzuweisende Frauenüberhang. Lediglich für die 0-4 und 20-24jährigen ergeben die Berechnungen minimal höhere Anteile der männlichen Bevölkerungsgruppe. Folgerichtig weist die Statistik ein stärkeres Ungleichgewicht der Sexualproportion mit 92,7:100 aus.

Führt man die hohen Anteile der 20-24jährigen in Gesamt-Berlin ebenfalls auf Zuwanderungsgewinne zurück, bleibt die Frage, weshalb der Wedding für diese Altersgruppe nicht als bevorzugtes Zielgebiet in Erscheinung trat. Geht man davon aus, daß hinter Wanderungsbewegungen in erster Linie ökonomische Motive standen, würde dies zu der Vermutung führen, daß der Wedding für diese Altersgruppe unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Blickt man zurück auf die Wirtschaftsstruktur des Jahres 1885, so wäre dies durchaus plausibel. Der wenig attraktive Sektor der „Lohnarbeit wechselnder Art“ lag im Untersuchungsgebiet mit 27,1% um mehr als 15% über dem Berliner Durchschnitt. Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie nahmen erst langsam zu. Ebenso waren das Bekleidungs- und Handelsgewerbe, die häuslichen Dienste und der öffentliche Sektor signifikant unterrepräsentiert.298

III.3.1.2 Die Situation im Jahr 1900

Das für die Jahrhundertwende vorliegende Zahlenmaterial ermöglicht eine noch detailliertere Darstellung als zehn Jahre zuvor. Die Differenzierung der Altersklassen bricht nicht bei 75 Jahren ab, sondern reicht nunmehr bis 90. Für jeden Stadtteil sind nach dem Alter und Geschlecht getrennte Angaben zum Familienstand ausgewiesen. Insbesondere der Anteil der Verheirateten gibt - nicht allein im Hinblick auf die Geburtenrate - wichtige Aufschlüsse. Auch wenn das Heiratsverhalten im nächsten Kapitel gesondert betrachtet wird, ist eine graphische Berücksichtigung bereits an dieser Stelle hilfreich, da eine größere Sicherheit bei der Interpretation der Ergebnisse geschaffen wird. Die Anteile der Verheirateten sind an der abgeschwächten Farbgebung zu erkennen.

↓313

Abb. 61: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1900.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 5-9.

Im Vergleich zu 1890 hatte sich auf den ersten Blick nichts Grundlegendes verändert. Im Detail war es jedoch zu deutlichen Verschiebungen gekommen. Zwar ähnelte der Altersaufbau des Weddings nach wie vor eine Pyramide, die Basis hatte jedoch deutlich an Breite verloren. Die Anteile der Altersgruppe 0-4 waren innerhalb von zehn Jahren um mehr als 13‰ gesunken. Die gleiche Entwicklung ist für die 5-9 und 10-14jährigen zu beobachten. Dagegen verzeichneten alle Altersgruppen ab 45 Jahre positive Wachstumsraten. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung stieg an.

Die Darstellung legt den Schluß nahe, daß es sich bei den Zugewanderten zum überwiegenden Teil um ledige Personen gehandelt haben muß. Wichtig ist ein Vergleich mit Gesamt-Berlin. In den Altersgruppen 20-44 wies die Statistik für den Wedding signifikant höhere Anteile verheirateter Personen aus. Dies deutet auf ein selektives Wanderungsverhalten hin. Zeitgenössische Untersuchungen belegen u.a. für Frankfurt a/M., daß die von außerhalb des Stadtgebietes Zuziehenden die innenstadtnahen Altbaugebiete mit billigem Wohnraum bevorzugten, wohingegen die äußeren Stadtteile von der Abwanderung aus der Innenstadt profitierten.299

↓314

„Sind mit Neubaugebieten die Zielorte vorgegeben, so ist doch interessant zu sehen, daß der Zuzug im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Neubauten zunächst weniger von außen als aus der Stadt heraus erfolgte.“300

Dies führt zu der Hypothese, daß sich die Zuwanderung lediger Personen zunächst überwiegend auf die innenstadtnahen - evtl. fernbahnhofsnahen - Gebiete konzentrierte, um vorläufig Fuß zu fassen, und erst mit der Gründung einer Familie (verstärkt ab 25) eine Wanderung in die Neubaugebiete der Außenbezirke einsetzte. Auf diese Weise ließe sich die Schwerpunktverschiebung der Altersklassen 20-24 und 25-29 erklären.

↓315

Die Sexualproportion verschob sich leicht zugunsten des männlichen Bevölkerungsanteils und stieg von 96,7 auf 97,2:100. Auffällig ist der hohe Männerüberhang in den Altersgruppen 25-29 und 30-34, der sich gegenüber 1890 deutlich verstärkt hatte. Dies deutet auf ein erweitertes industrielles Arbeitsplatzangebot hin und würde u.a. mit den wachsenden Beschäftigtenanteilen des Maschinenbaus korrelieren. Die höchsten Zuwachsraten verzeichneten jedoch die 20-24jährigen: +5,6‰ (m) bzw. +7,4‰ (w). Bei den Frauen lagen die Gesamtanteile damit bereits höher als in der Altersgruppe ab 25.

Beides - die geschmälerte Basis der Bevölkerungspyramide und der Bedeutungsgewinn der 20-24jährigen - läßt auf eine demographische Angleichung des Weddings an den Gesamt-Berliner-Durchschnitt schließen.

Auch der Altersaufbau von Gesamt-Berlin war in den Grundzügen unverändert geblieben. Eine fast schon idealtypisch ausgebildete Pyramidenform ist nach wie vor erst ab der Altersgruppe der 20-24jährigen zu erkennen. Die Basis verlor weiter an Bedeutung. Der Anteil der 0-4jährigen sank zwischen 1890 und 1900 um exakt 10‰. Im Gegensatz zum Untersuchungsgebiet beschränkten sich die Verluste nicht nur auf die Altersklassen von 0-14 Jahre, sondern umfaßten auch die 15-19jährigen (-1,1‰). Dafür ist bereits ab der Altersklasse 40-44 ein fast durchgehender Anteilszuwachs zu beobachten. Im gesamten Stadtgebiet stieg das Durchschnittsalter an.

↓316

Eine gegenläufige Entwicklung offenbarte die Sexualproportion. Während im Untersuchungsgebiet der Männeranteil leicht stieg, sank er im Stadtgebiet von 92,7 auf 91,6:100. Nur in einer einzigen Altersklasse - den 20-24jährigen - bestand mit einer Differenz von 0,2‰ ein leichtes Übergewicht der Männer.

Der bereits 1890 zu beobachtende deutliche Frauenüberschuß bei den 15-19jährigen muß auf das enorme Arbeitsplatzangebot im Bereich der häuslichen Dienstleistungen zurückgeführt werden. Dies erklärt auch die abweichenden Werte des Weddings. In keinem anderen Wirtschaftszweig blieb die Beschäftigtenstatistik des Untersuchungsgebietes deutlicher unter dem Berliner Durchschnitt.301

III.3.1.3 Die Situation im Jahr 1910

In der letzten Bevölkerungsaufnahme vor dem Kriegsausbruch setzten sich die beobachteten Tendenzen fort:

↓317

Abb. 62: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (XIII a und b) (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1910.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 10-15.

Innerhalb des Weddings verschmälerte sich die Basis weiter. Die Altersklasse der 0-4jährigen hatte mit einem Minus von 10,5‰ gegenüber 1900 erneut die stärksten Rückgänge zu verzeichnen. Auffällig sind die deutlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Altersgruppen 15-19 und 20-24. Während der männliche Bevölkerungsanteil um 4,3‰ und 0,2‰ abnahm, legten die Werte der Frauen um 0,4‰ und 1,8‰ zu. Dies führte in beiden Altersgruppen zu einem Frauenüberhang von knapp 4‰ und deutet auf eine steigende Bedeutung häuslicher Dienste hin. In der Tat hatte das Untersuchungsgebiet in diesem Bereich aufgeholt und eine Annäherung an den Berliner Durchschnitt vollzogen.302

Am schnellsten wuchsen die Anteile der Altersgruppen 25-29 und 30-34. Dabei lagen die Zuwächse der Frauen um 3‰ über denen der Männer. In den Altersgruppen über 40 Jahre kam es dagegen zu keinen nennenswerten Verschiebungen. Ein markanter und kontinuierlicher Bedeutungszuwachs wie zwischen 1890 und 1900 ist nicht nachzuweisen. Die hohen Anteilsgewinne der Frauen in den Altersklassen von 20-34 führten zu Verschiebungen in der Sexualproportion. War das Verhältnis zwischen 1890 und 1900 noch zugunsten der Männer von 96,7 auf 97,2:100 gestiegen, sank es nun auf 95,4:100.

↓318

Etwas anders gestaltete sich die Situation in Gesamt-Berlin. Zwar verzeichneten auch hier die 0-4jährigen die höchsten Verluste (-10,7‰), die Verluste gingen jedoch wesentlich weiter und erstreckten sich auf alle Altersklassen bis 30 Jahre. So verlor auch die bis dato so starke Gruppe der 20-24jährigen 6,6‰. Erst ab der Altersgrenze von 30 begannen die Anteile zu wachsen. Diese Tatsache läßt auf eine merkliche Abschwächung der Zuwanderung schließen, was durch die Zahlen der amtlichen Statistik bestätigt wird. Während sich zwischen 1890 und 1900 der Anteil der Zuwanderung am Gesamtbevölkerungswachstum auf 45,9% beziffern läßt (Gesamtzuwachs: 312.913 Personen), sank er zwischen 1900 und 1910 auf 10,2% (Gesamtzuwachs: 194.638). Der absolute Wanderungsgewinn sank von 143.581 Personen auf 19.757 - ein Rückgang um fast 124.000.303

Bestimmte bis zur Jahrhundertwende die Zuwanderung maßgeblich die Entwicklung der Gesamtbevölkerung, verlagerte sich in den Jahren danach der Schwerpunkt auf die natürliche Bevölkerungsbewegung. Das Zusammenwirken von Fertilität und Mortalität und nicht mehr der Zustrom von Migranten wurde zum ausschlaggebenden demographischen Faktor. Die Sexualproportion verharrte mit insgesamt 92,3:100 auf einem stabilen Niveau.

III.3.2 Heiratsverhalten

Die Hochzeit markierte für den Großteil der Bevölkerung den Beginn des Lebensabschnittes, der mit der Gründung einer Familie verbunden war. In den meisten Jahren des Untersuchungszeitraumes entstammten im Berliner Stadtgebiet über 80% der Neugeborenen aus ehelichen Lebensgemeinschaften. Obwohl der Anteil unehelicher Kinder von minimal 12,3% (1890) auf 23,6% (1913) angestiegen war, blieben Kinder und Heirat untrennbar miteinander verbunden.304

↓319

Tab. 49: Anteil unehelicher Kinder auf 100 Geburten. Gesamt-Berlin 1885-1914.

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

1885

13,5

1895

14,6

1905

16,8

1886

13,5

1896

15,3

1906

17,6

1887

13,0

1897

15,8

1907

18,6

1888

12,7

1898

15,8

1908

19,3

1889

12,9

1899

15,3

1909

20,0

1890

12,3

1900

15,0

1910

20,9

1891

12,8

1901

15,1

1911

22,2

1892

13,2

1902

15,2

1912

23,1

1893

13,6

1903

15,6

1913

23,6

1894

13,7

1904

16,3

1914

22,9


Quelle: StatJbB (1915-1919), S. 74.

III.3.2.1  Heiratsaufkommen

Setzt man das Heiratsaufkommen des Jahres 1885 = 100%, werden die Unterschiede in der Entwicklung des Heiratsverhaltens am deutlichsten sichtbar (vgl. Abb. 63). Die Kurve mit den geringsten prozentualen Zuwachsraten (gelb) steht für die Gesamtzahl der standesamtlichen Eheschließungen im Stadtgebiet und verläuft annähernd parallel zu den Werten der Berliner Gesamtbevölkerung (braun). In beiden Fällen ist das bereits 1885 sehr hohe Ausgangsniveau von 13.866 Trauungen und 1.291.372 Einwohnern bei der Interpretation zu berücksichtigen.

Abb. 63: Wedding und Gesamt-Berlin. Entwicklung des Heiratsaufkommens im Vergleich zur Einwohnerzahl (in %).

Quelle: StatJbB, versch. Jg.

↓320

Die übrigen drei Verlaufskurven beschreiben die Situation im Untersuchungsgebiet. Auch innerhalb des Weddings wichen die Entwicklung der standesamtlichen Eheschließungen (rot) und der Einwohnerzahl (grün) kaum voneinander ab. Die städtebauliche Dynamik führte offensichtlich zu deutlich höheren Zuwachsraten als im gesamten Stadtgebiet. 1914 erreichten die Eheschließungen ein Niveau von 408% gegenüber 1885. Der Anstieg der Einwohnerzahl blieb mit 361% nur unwesentlich dahinter zurück.

Eine Sonderstellung nahmen die kirchlichen Trauungen (blau) ein, deren Zuwachsraten bis 1894 deutlich über denen des Standesamtsbezirkes XIII lagen. Die Ursache ist in der besonderen Situation der Kirche nach der Einführung der Personenstandsgesetzgebung zu suchen. Infolge der drastischen Einbrüche kirchlicher Amtshandlungen Mitte der 1870er Jahre und der anschließenden Aufhebung der Stolgebühren muß der Kurvenverlauf bis 1894 als Konsolidierungsprozeß interpretiert werden.

Ab diesem Zeitpunkt blieben die Werte der Kirche immer weiter hinter denen des Standesamtes XIII zurück. Ab 1907 entwickelten sich die beiden Verlaufskurven sogar in entgegengesetzte Richtungen. Während die Zahl der standesamtlichen Eheschließungen bis zum Ausbruch des Krieges - von kleineren Unterbrechungen abgesehen - weiter stieg, sanken die Werte der Kirche seit dem Höchststand von 1907 (211,7%) auf 160% gegenüber 1885. Die Zäsur des Jahres 1907 entspricht sehr genau dem Zeitpunkt, als die Zahl der Kirchenaustritte signifikant zu steigen begann.305 Die Lückenhaftigkeit der kirchlichen Trauregister nahm fortan kontinuierlich zu.

↓321

Drei Einschnitte lassen sich in allen Kurvenverläufen - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - nachweisen: 1892-1895, 1901-1903 und 1908/1909. Die Zeitabschnitte sind annähernd deckungsgleich mit der Abgrenzung konjunktureller Stockungsphasen nach Spiethoff und lassen auf eine Dependenz schließen.306

Trotz ihres zunehmend rudimentären Charakters ermöglichen die Kirchenbücher einen sehr exakten Blick auf die räumliche Verteilung der Heiratenden im Untersuchungsgebiet (vgl. Abb. 64). Da in den Kirchenbüchern nur für bestimmte Zeitabschnitte und Gemeinden der Wohnsitz beider Eheleute zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung verzeichnet ist, muß sich die Abbildung - um Verzerrungen zu vermeiden - auf die Ehemänner beschränken, für die annähernd vollständige Angaben vorliegen.

Nach den Kreisdiagrammen fällt die überwiegende Zahl der Nachweise in den Neubauvierteln (1-3) zwangsläufig in die Zeit nach 1900 bzw. 1905, da das Vorhandensein einer Wohnbebauung nun einmal die Grundvoraussetzung für jegliche Form demographischer Merkmalsausprägungen bildet.307 Interessanter ist die Entwicklung in den Baublöcken mit einem vorherrschenden Grundstücksbestand aus der Zeit vor der Jahrhundertwende. Hier dominieren in den meisten Fällen die Jahresklassen 1885-1899 (blau).

↓322

Abb. 64: Wohnsitz der Ehemänner zum Zeitpunkt der kirchlichen Hochzeit nach Straßenblöcken.

Diese Tatsache läßt neben der wachsenden Lückenhaftigkeit der Kirchenbuchangaben auf einen Zusammenhang zwischen dem Alter der Gebäude und der Bewohnerschaft schließen. Allem Anschein nach verloren die östlichen und südlichen Bereiche des Untersuchungsgebietes nicht nur gegenüber den Neubauvierteln an Dynamik, sondern auch gegenüber der eigenen Vergangenheit. Die Anzahl junger Paare in der Phase der Familiengründung war in diesen Gebieten - zumindest in Teilbereichen - offensichtlich rückläufig.308

Die als Fläche dargestellte räumliche Verteilung der Ehemänner zwischen 1885 und 1889 bzw. 1910 und 1914 unterstreicht diese Vermutung.309 In den letzten fünf Jahren des Untersuchungszeitraumes konnte neben den drei Neubauvierteln (1-3) allein ein größeres Areal an der westlichen Reinickendorfer Straße (4) Anteile von über 20‰ auf sich vereinen. Im gesamten Gebiet östlich der Reinickendorfer Straße und südlich der Ringbahn (5) beschränkten sich die Maximalwerte dagegen - abgesehen von dem Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße (6) - auf die Kategorie „15 -< 20‰“.

III.3.2.2 Heiratsalter

↓323

Von maßgeblicher Bedeutung für die Zahl der Kinder pro Frau ist das Alter bei der Geburt des ersten Kindes. Je später das erste Kind zur Welt gebracht wird, desto geringer ist die verbleibende Zeit, die einer Frau innerhalb des gebärfähigen Alters zur Verfügung steht.310 Legt man den hohen Prozentsatz ehelicher Geburten zugrunde, wird das Heiratsalterneben dem Akt der Eheschließung zu einer zentralen Kenngröße des Reproduktionsverhaltens.

Abb. 65 stellt auf Grundlage der Kirchenbuchangaben das Durchschnittsalter der in erster Ehe standesamtlich und kirchlich Heiratenden dar. Bereits verwitwete oder geschiedene Personen blieben unberücksichtigt.311 Die Werte der Kirche müssen dabei zwangsläufig über denen der Standesämter liegen, da eine kirchliche Trauung vor dem Vollzug der standesamtlichen Eheschließung seit 1874/75 untersagt war - unter Androhung einer Gefängnisstraße von bis zu drei Monaten für den Geistlichen.312

Abb. 65: Wedding. Durchschnittliches Heiratsalter in Standesamt und Kirche 1885-1914.

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓324

Zwischen den Geschlechtern sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Analog zu den Darstellungen der Bevölkerungspyramiden heirateten Frauen durchschnittlich um mehr als zwei Jahre (2,12 Jahre) früher als Männer. Die Schwankungen der Werte blieben allerdings über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren hinweg gering. So betrug die Spannweite zwischen maximalem und minimalem Durchschnittsalter bei den Männern 1,26 Jahre, bei den Frauen 0,85 Jahre.

Seit 1895 ist ein leichtes Absinken des Durchschnittsalters der Frauen zu beobachten. Von den zehn Jahren mit dem höchsten Heiratsalter lagen allein neun zwischen 1885 und 1895. Zu erkennen ist allerdings auch, daß es sich hierbei um keine kontinuierliche Entwicklung handelte. Die konjunkturellen Einbrüche von 1901/02 und 1908/09 führten zu einem temporären Altersanstieg. Das gleiche gilt für die Zeit ab 1911. Bis zum Ausbruch des Krieges pendelten sich die Werte auf einem erhöhten bzw. leicht ansteigenden Niveau ein.

Bei den Männern verlief die Entwicklung wesentlich uneinheitlicher, aber im Grundsatz parallel, wobei die höchsten Werte nicht in den 1880er Jahren lagen, sondern in der Zeit vor dem Kriegsausbruch.

↓325

Eine Differenzierung nach Altersklassen ergibt für die Frauen folgendes Bild:

Tab. 50: Wedding. Verteilung der in erster Ehe heiratenden Frauen nach dem Alter bei der zivilen Eheschließung (in %).

unter 20

20 bis 24

25 bis 29

30 bis 34

35 bis 39

40 bis 44

älter als 45

1885-1889

9,87

47,06

28,91

9,54

2,94

1,09

0,59

1890-1894

9,56

47,46

29,36

9,68

2,68

0,87

0,39

1895-1899

10,81

50,80

26,28

7,74

2,99

0,82

0,57

1900-1904

8,75

52,44

27,80

7,35

2,32

0,80

0,56

1905-1909

10,27

50,82

27,88

7,43

2,15

0,92

0,54

1910-1914

9,06

51,41

27,31

7,78

3,17

0,82

0,46


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Während die Altersgruppen 25-29 bzw. 30-34 seit 1895 verloren, stiegen die Anteile der unter 24jährigen. Die mit Abstand bedeutendste Gruppe bildeten über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg die 20-24jährigen. Sie allein stellten seit 1895 über 50% der in erster Ehe heiratenden Frauen und trugen wesentlich zu dem verringerten Altersdurchschnitt bei.

↓326

Das leichte Absinken des Heiratsalters bei den Frauen läßt auf einen früheren Zeitpunkt der ersten Geburt schließen. Welche Auswirkungen dies auf die Geburtenfolge und die Zahl der Kinder pro Frau hatte, wird in Kapitel 3.3 zu überprüfen sein.

Es bleibt allerdings die Frage, inwieweit die Werte des Jahres 1914 in einer Zeitreihe zulässig sind. Der Kriegsausbruch und die allgemeine Mobilmachung beschleunigten vielfach den Heiratswunsch oder führten zu einer Verschiebung der Heiratspläne auf die unbestimmte Zeit nach dem Krieg, was Vergleiche mit den Vorjahren zumindest erschwert.

III.3.2.3 Familienstand bei der Eheschließung

In zahlreichen Fällen blieb es nicht bei einer Ehe fürs Leben. Entweder durch Scheidung oder den Tod eines Ehepartners stellte sich vielfach die Frage einer erneuten Heirat. Wurde das Ende einer Ehe nicht durch eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein ersetzt, markierte die Zeit bis zur erneuten Heirat eine Phase der Kinderlosigkeit, die sich auf die Zahl der Geburten pro Frau niederschlagen und das Geburtenaufkommen insgesamt beeinflussen konnte.

↓327

Einen Eindruck von der zur Diskussion stehenden Größenordnung vermittelt eine Auswertung der Kirchenbucheintragungen nach dem Familienstand:

Tab. 51: Wedding. Familienstand zum Zeitpunkt der kirchlichen Eheschließung nach dem Geschlecht (in %).

Ledige

Verwitwete

Geschiedene

m

w

m

w

m

w

1885-1889

86,3

90,2

11,9

7,8

1,7

1,9

1890-1894

89,3

93,2

9,4

5,6

1,3

1,2

1895-1899

89,8

94,2

8,5

4,3

1,7

1,5

1900-1904

90,3

95,1

8,3

4,0

1,3

0,9

1905-1909

90,3

94,8

7,6

3,5

1,8

1,2

1910-1914

90,5

94,0

6,9

3,9

2,1

1,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Die Werte der verwitweten Männer lagen in allen dargestellten Fünfjahresklassen deutlich über dem Niveau der Frauen. Während sich der Anteil der verwitweten Männer in den Kirchenbüchern von 11,9% auf 6,9% reduzierte, sank er bei den Frauen von 7,8% auf 3,9%. Von untergeordneter Bedeutung blieben die Geschiedenen mit einem maximalen Anteil von 2,1%.313

↓328

Eine Erklärung für die Abweichungen zwischen den Geschlechtern muß im ökonomischen Bereich gesucht werden. Offensichtlich war es für verwitwete Männer einfacher, erneut zu heiraten. Während der verwitwete Mann durch sein Einkommen einer neuen Partnerin zumindest eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit bieten konnte, brachte eine verwitwete Frau oftmals nicht mehr als die eigenen Kinder und die damit verbundenen finanziellen Belastungen in eine neue Ehe ein. Dies mußte für Frauen eine Wiederverheiratung erschweren.314

Der kontinuierliche Rückgang des Verwitwetenanteils resultierte dabei nicht aus einer zunehmenden Lückenhaftigkeit der Kirchenbucheintragungen. Eine Gegenüberstellung mit den für Gesamt-Berlin zusammengefaßten Werten der zivilen Standesregister bestätigt die Tendenz:

Tab. 52: Anteil der „Verwitweten“ an der Gesamtzahl der standesamtlichen Trauungen in Gesamt-Berlin und dem Untersuchungsgebiet (in %).

Gesamt-Berlin

Untersuchungs-gebiet

Differenz

m

w

m

w

m

w

1885-1889

10,4

6,7

11,9

7,8

1,5

1,1

1890-1894

9,2

6,0

9,4

5,6

0,2

-0,4

1895-1899

8,5

5,5

8,5

4,3

0,0

-1,2

1900-1904

8,5

5,1

8,3

4,0

-0,2

-1,1

1905-1909

8,2

5,0

7,6

3,5

-0,6

-1,5

1910-1914

8,1

5,0

6,9

3,9

-1,2

-1,1

Gesamtrückgang

-2,3

-1,7

-5,0

-3,9

-2,7

-2,2


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg. sowie ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓329

Mit -2,3% (m) und -1,7% (w) fiel die Abnahme in den Standesämtern bezogen auf Gesamt-Berlin allerdings deutlich moderater aus - ein mögliches Indiz dafür, daß bei einer erneuten Eheschließung der kirchliche Segen zunehmend in den Hintergrund rückte. Hierbei handelte es sich jedoch allenfalls um einen verstärkenden Effekt.

Die für die Zahl der Geburten zentrale Frage nach der Dauer zwischen der Lösung einer Ehe durch Tod oder Scheidung und der Wiederverheiratung kann an dieser Stelle nur in Grundzügen aufgegriffen werden. Während aus den Kirchenbüchern keinerlei Rückschlüsse zu ziehen sind, beschränkt sich die amtliche Statistik auf aggregierte Daten zu Gesamt-Berlin und bricht mit dem Jahr 1899 ab.

Bis dahin vergingen bei den Frauen im gebärfähigen Alter (unter 45 Jahren) vor einer erneuten Eheschließung folgende Zeiträume:

↓330

Tab. 53: Dauer bis zur Wiederverheiratung bei verwitweten Frauen unter 45 Jahren in Gesamt-Berlin 1885-1899 (in %).

Witwen

... Jahre bis zur erneuten Heirat (Ant. in %)

0

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12+

1885-1889

9,2

27,6

17,9

11,7

8,6

6,2

5,0

3,9

3,0

1,9

1,5

1,2

2,4

1890-1894

8,9

26,4

17,0

12,4

9,0

6,3

4,9

3,8

2,7

2,4

1,5

1,3

3,4

1895-1899

8,5

25,4

17,1

12,4

8,7

7,0

5,7

3,9

3,2

2,2

1,8

1,1

3,1


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Über 50% der im Berliner Stadtgebiet verwitweten Frauen heirateten - sofern sie überhaupt eine neue Ehe eingingen - innerhalb von zwei Jahren. Innerhalb von vier Jahren stiegen die Werte auf über 70%. Rechnet man hinzu, daß der Anteil der verwitweten Frauen an der Gesamtzahl der Eheschließungen durchgehend unter 10% blieb und eine steigende Dunkelziffer von Lebensgemeinschaften ohne Trauschein anzunehmen ist, müssen die Auswirkungen der Ehelosigkeit auf das Reproduktionsverhalten als eher gering eingeschätzt werden. Der Familienstand zum Zeitpunkt der Eheschließung kann für die weiteren Überlegungen unberücksichtigt bleiben.

III.3.2.4 Sozioökonomischer Hintergrund

Bereits für das Berlin des beginnenden 18. Jahrhunderts verweist Schultz auf die Bedeutung der sozialen Herkunft der Heiratenden für die Ausprägung der Geburten- und Sterberate. Sie konstatiert einen direkten Wirkungszusammenhang:

↓331

„Die sozialen Differenzen der Heiratenden hatten natürlicherweise unmittelbaren Einfluß auf die Unterschiede der Geburtenrate. Die Geburtenziffer lag bei den hohen bürgerlichen Beamten am niedrigsten und bei den Manufakturarbeitern am höchsten. Beides ist mit entsprechend niedrigen und hohen Heiratsraten ebenso im Einklang wie die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Handwerksmeister und die geringe der Tagelöhner.

↓332

Damit ist zugleich für alle diese Gruppen ein gleichläufiger Zusammenhang von Heirats-, Geburten- und Sterberate beschrieben. Je höher die Heiratsrate, desto größer die Geburtenziffer und schließlich auch die (Säuglings-)Sterblichkeit einer sozialen Gruppe/Schicht/Klasse.“315

Die nur fragmentarisch überlieferten Berufsangaben der Frauen in den Kirchenbüchern machen es notwendig, das Augenmerk auf die Ehemänner zu richten:316

Tab. 54: Beschäftigungssituation der Ehemänner im Untersuchungsgebiet zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung nach den 12 wichtigsten Wirtschaftszweigen 1885-1914 (in %).

1885-

1889

1890-

1894

1895-

1899

1900-

1904

1905-

1909

1910-

1914

Gesamt

1

Lohnarbeit wechselnder Art

26,7

26,5

21,2

20,4

21,2

19,5

22,4

2

Metallverarbeitung

15,8

13,2

16,7

14,9

13,8

13,1

14,5

3

Verkehrsgewerbe

9,4

11,0

12,0

13,8

11,5

14,2

12,1

4

Baugewerbe

10,1

8,6

6,7

6,9

8,1

5,2

7,5

5

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

6,3

6,5

9,5

8,0

6,9

6,9

7,3

6

Handelsgewerbe

3,4

3,7

3,8

4,8

6,9

8,4

5,4

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,5

4,1

4,1

4,4

4,4

4,7

4,2

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2,5

3,1

3,4

3,3

5,2

6,1

4,1

9

Bekleidungsgewerbe

4,7

4,9

3,6

4,2

3,2

2,8

3,8

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

5,8

5,3

3,6

3,1

3,0

2,7

3,8

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

2,6

2,3

3,2

2,7

3,1

4,3

3,1

12

Dienstleistungen allgemein

1,5

1,6

2,5

3,8

3,6

3,8

2,9


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓333

Mehr als 20% der Bräutigame verdienten ihren Unterhalt als un- und angelernte Lohnarbeiter. An zweiter und dritter Stelle folgten die Metallverarbeitung und das Verkehrsgewerbe. Analog zu den Ergebnissen von Kapitel 2 ist eine gegenläufige Entwicklung der Wirtschaftszweige zu beobachten. Während u.a. die Kategorie „Lohnarbeit wechselnder Art“ und das Bekleidungsgewerbe an Bedeutung verloren, nahmen die Werte der Dienstleistungsberufe und des Maschinenbaus zu.

Entsprechend der Beschäftigungssituation veränderte sich die Schichtzugehörigkeit. Während die drei Rubriken der Unterschicht verloren, verzeichnete die „Untere Mittelschicht“ einen signifikanten Zuwachs von 9,2% auf 17,4%. Der durchschnittliche soziale Status der Heiratenden stieg auf der Skala 1-6 von 2,50 auf 2,74 an.

Tab. 55: Schichtzugehörigkeit der Ehemänner zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung. Untersuchungsgebiet 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

29,5

30,0

24,9

25,2

25,4

23,9

26,3

(2) Mittlere Unterschicht

5,8

5,1

9,2

9,2

5,7

4,1

6,4

(3) Obere Unterschicht

52,8

52,7

52,1

51,3

50,1

50,3

51,4

(4) Untere Mittelschicht

9,2

9,5

10,4

11,4

15,0

17,4

12,5

(5) Obere Mittelschicht

2,3

2,5

3,2

2,6

3,4

3,7

3,0

(6) Oberschicht

0,3

0,2

0,2

0,3

0,4

0,5

0,3

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

2,50

2,50

2,58

2,58

2,66

2,74

2,60


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓334

Stellt man den heiratenden Männern die Berufe ihrer Väter gegenüber, werden grundlegende Verschiebungen sichtbar (vgl. Tab. 56). Hinter der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ (27,8%) konnte auf Seiten der Väter die Landwirtschaft mit 8,5% die zweithöchsten Anteile auf sich vereinen. Es steht zu vermuten, daß auch ein hoher Prozentsatz der ungelernten Lohnarbeiter zu dieser Kategorie zu rechnen ist. Hinter der Berufsbezeichnung „Arbeiter“ dürfte sich vielfach eine Beschäftigung als landwirtschaftlicher Arbeiter, Tagelöhner oder Erntehelfer verborgen haben. Mit 6,6% blieb die Metallverarbeitung am weitesten hinter den Anteilen der Söhne zurück. Der Maschinenbau zählte nicht zu den zwölf beschäftigungsrelevantesten Berufsgruppen, wohingegen die Rubrik „Ohne Beruf“ als Sammelkategorie für Rentiers, Rentner, Invaliden u.a. diente. Die hohe Relevanz der Landwirtschaft läßt auf ausgedehnte Land-Stadt-Wanderungen schließen.

Tab. 56: Untersuchungsgebiet. Beschäftigungssituation der Väter und die berufliche Orientierung ihrer Söhne zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung nach den 12 wichtigsten Wirtschaftszweigen (in %).

Berufliche Tätigkeit der Väter

Beruf des Sohns = Beruf des Vaters 1)

1

Lohnarbeit wechselnder Art

27,8

38,7

2

Landwirtschaft

8,5

1,4

3

Baugewerbe

8,2

27,6

4

Verkehrsgewerbe

7,6

27,3

5

Ohne Beruf

7,0

1,4

6

Bekleidungsgewerbe

6,7

14,8

7

Metallverarbeitung

6,6

41,3

8

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

4,1

26,4

9

Öffentlicher Dienst

4,0

16,7

10

Handelsgewerbe

3,9

24,0

11

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,0

27,5

12

Fabrikanten, Fabrikarbeiter u.a.

2,2

18,3

Insgesamt

100,0


1)
Anteil der Söhne, die zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung einer Beschäftigung in der jeweiligen Berufsgruppe des Vaters nachgingen.

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Der Beruf des Vaters determinierte für etwa ein Viertel der Söhne die eigene Berufswahl. Den höchsten Wert erreichte die Metallverarbeitung mit 41,3%. Wenig überraschend sind die minimalen Werte der Landwirtschaft. Vor dem Hintergrund der städtebaulich-ökonomischen Konstellation im Untersuchungsgebiet mußte der Quotient auf einem sehr geringen Niveau verharren.

↓335

Tab. 57: Untersuchungsgebiet. Schichtzugehörigkeit des Sohnes im Vergleich zum Vater. Verbesserung (+)/ Verschlechterung (-) nach der sechsstufigen Klassifikation von Schüren zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung (in %).

-

=

+

1885-1889

36,9

41,8

21,3

1890-1894

37,3

42,7

19,9

1895-1899

37,1

39,5

23,4

1900-1904

35,9

40,6

23,5

1905-1909

32,8

42,9

24,2

1910-1914

32,3

40,3

27,4

Gesamt

35,2

41,4

23,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Bei 41,4% der heiratenden Männer war die eigene Schichtzugehörigkeit mit der des Vaters identisch. 35,2% besaßen einen niedrigeren, 23,4% einen höheren sozialen Status.317 Die Zahlen vermitteln den Eindruck einer sozialen Mobilität, die im intergenerativen Vergleich zu einem Abstieg der Söhne führte. Zu bedenken ist dabei jedoch der Altersunterschied zwischen Vater und Sohn. Während der heiratende Sohn sich in der Regel erst am Anfang seines Berufslebens befand, hatte der Vater zumeist schon die maximal mögliche berufliche Stellung erreicht. Die Differenz der Schichtzugehörigkeit dürfte sich vor diesem Hintergrund - zumindest für einen Teil der Probanden - auf einen temporären Statusverlust reduzieren. Viel wichtiger erscheint der schrittweise Bedeutungsgewinn der Söhne mit einer bereits zum Zeitpunkt der Hochzeit höheren Schichtzugehörigkeit. Ihr Wert stieg von 19,9% auf immerhin 27,4%. Auch im intergenerativen Vergleich nahm der soziale Status der Heiratenden zu - trotz der insgesamt höheren Statuswerte der Väter.

Es bleibt ein kurzer Blick auf die Ehefrauen. Legt man die Ergebnisse der Bevölkerungspyramiden zugrunde, steht zu vermuten, daß sich mit dem steigenden Frauenüberschuß in den heiratsrelevanten Altersgruppen die Gefahr eines nuptialen sozialen Abstiegs erhöhte.

↓336

Die Gegenüberstellung der väterlichen Berufe von Braut und Bräutigam nach ihrer Schichtzugehörigkeit bestätigt diese Hypothese und legt zugleich eine Modifikation nahe. Nicht allein der Anteil der sozial „absteigenden“ Frauen vergrößerte sich langsam, aber kontinuierlich von 33,6% auf 35,8%. Von vornherein und über den gesamten Zeitraum hinweg heirateten mehr Frauen - bezogen auf das Elternhaus - einen statusniedrigeren Ehemann als umgekehrt.

Tab. 58: Untersuchungsgebiet. Nuptiale soziale Mobilität der Braut. Schichtzugehörigkeit des Brautvaters im Vergleich zum Vater des Bräutigams nach der sechsstufigen Klassifikation von Schüren (in %) (“-“ = Abstieg, “+“ = Aufstieg).

-

=

+

1885-1889

33,6

34,9

31,4

1890-1894

33,6

35,4

31,0

1895-1899

34,5

35,4

30,1

1900-1904

35,3

36,2

28,5

1905-1909

35,3

36,2

28,5

1910-1914

35,8

35,6

28,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

III.3.2.5 Konfessionelle Aspekte

Vor der Frage nach dem Geburtenaufkommen gilt es schließlich noch einen Blick auf die Konfession der Heiratenden zu werfen, um eventuelle Abhängigkeiten des generativen Verhaltens von der religiösen Prägung des Elternhauses untersuchen zu können.

↓337

Tab. 59: Wedding. Konfession der kirchlich Getrauten nach dem Geschlecht 1885-1914 (in %).

m

w

gesamt

ev.

kath.

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889 1)

92,7

7,2

94,5

5,4

93,6

6,3

1890-1894

90,0

10,0

89,0

11,0

89,5

10,5

1895-1899

87,8

12,2

87,8

12,2

87,8

12,2

1900-1904

85,9

14,0

87,8

12,1

86,9

13,1

1905-1909

86,3

13,5

87,0

12,8

86,6

13,2

1910-1914

83,6

16,3

83,9

15,9

83,7

16,1

Gesamt

87,5

12,4

88,1

11,8

87,8

12,1


1) Aufgrund der Überlieferungslücke in den Kirchenbüchern der katholischen St. Sebastian-Gemeinde sind die Anteile zwischen 1885 und 1889 zugunsten der evangelischen Kirche verzerrt. (Vgl. oben, S. 34).

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Unter den Eheleuten lag das Verhältnis von Katholiken zu Protestanten bei durchschnittlich 12:88. Eine deutliche zeitliche Verschiebung zugunsten der Katholiken tritt als charakteristisches Element in Erscheinung. Deren Anteile stiegen von 10,5% zwischen 1890 und 1894 auf über 16% nach 1910. Dem steht ein Rückgang der Protestanten von 89,5% auf 83,7% gegenüber.

Eine getrennte Betrachtung der evangelischen und katholischen Kirchenbücher zeigt eine weitere Auffälligkeit (vgl. Tab. 60). Während die katholischen Kirchenbücher mehr evangelische Männer als Frauen verzeichneten, lagen in den evangelischen Registern die Anteile der katholischen Männer über denen der Frauen. In beiden Fällen blieben die Werte der „konfessionsfremden“ Frauen hinter denen der Männer zurück. Offensichtlich richtete sich bei Mischehen die Wahl der Traukirche bevorzugt nach dem Bekenntnis der Braut. Die Orientierung an der Religionszugehörigkeit der Braut würde der Tradition des Allgemeinen Preußischen Landrechts § 435 (II. Teil, Tit. 11, Abs. 6) entsprechen.318

↓338

Tab. 60: Untersuchungsgebiet. Konfessionszugehörigkeit der Heiratenden in den katholischen und evangelischen Kirchenbüchern 1885-1914 (in %).

Katholische Kirchenbücher

m

w

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889

25,3

74,7

22,9

77,1

1890-1894

24,4

75,6

16,8

83,2

1895-1899

23,5

76,5

17,5

82,5

1900-1904

17,7

82,3

18,0

82,0

1905-1909

20,4

79,1

15,9

83,4

1910-1914

16,2

83,4

16,0

82,9

Gesamt

19,9

79,9

17,0

82,6

Evangelische Kirchenbücher

m

w

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889

94,9

5,1

96,8

3,1

1890-1894

96,0

4,0

95,6

4,4

1895-1899

94,9

5,1

95,5

4,5

1900-1904

94,6

5,4

96,7

3,3

1905-1909

95,0

4,8

96,5

3,4

1910-1914

96,5

3,3

97,0

3,0

Gesamt

95,3

4,6

96,4

3,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Die große Mehrzahl der Eheschließungen entfiel mit über 80% auf rein evangelische Paare (vgl. Tab. 61). An zweiter und dritter Stelle folgten die Kategorien der Mischehen. Nachdem zwischen 1890 und 1894 die Kombination aus evangelischem Mann und katholischer Frau die höheren Werte auf sich vereinen konnte, überwogen in der Folgezeit die Eheschließungen zwischen einem katholischen Mann und einer evangelischen Frau. Die Anteile der rein katholischen Paaren stiegen erst nach der Jahrhundertwende über das Niveau der Mischehen, solange man diese getrennt betrachtet. Die gegenläufige Tendenz zwischen den beiden großen Konfessionen wird auch hier klar ersichtlich.

↓339

Tab. 61: Untersuchungsgebiet. Kirchliche Trauungen nach der Konfession der Ehepartner (in %).

rein ev.

rein kath.

ev. (m) - kath. (w)

kath. (m) - ev. (w)

Sonstige

1890-1894

83,9

4,9

6,1

5,1

0,0

1895-1899

81,5

5,8

6,3

6,4

0,0

1900-1904

81,0

7,2

4,9

6,8

0,1

1905-1909

80,8

7,4

5,4

6,1

0,3

1910-1914

78,5

10,7

5,1

5,4

0,3


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Zur Absicherung der Ergebnisse hilft ein kurzer Blick auf die Angaben der amtlichen Statistik. Sie ermöglichen für Gesamt-Berlin eine konfessionelle Zuordnung der vollzogenen standesamtlichen Eheschließungen.

Tab. 62: Standesamtliche Trauungen in Gesamt-Berlin nach der Konfession der Ehepartner (in %).

rein ev.

rein kath.

ev. (m) - kath. (w)

kath. (m) - ev. (w)

rein jüdisch

Sonstige 1)

1885-1889

79,8

3,0

5,5

7,5

2,9

1,2

1890-1894

77,2

4,0

6,3

8,0

3,2

1,3

1895-1899

76,7

4,2

6,3

8,0

3,1

1,7

1900-1904

76,9

4,4

6,4

7,8

3,0

1,5

1905-1909

75,1

5,0

6,6

8,1

2,7

2,5

1910-1914

72,4

5,7

7,2

8,4

2,3

4,0


1) Dissidenten fielen kaum ins Gewicht. Lediglich in der Zeit nach 1910 erreichten sie in einer Rubrik (Dissident (m) - ev. (w)) einen Anteil von über 1% (1,8%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

↓340

Sowohl die Anteile der rein evangelischen, als auch der rein katholischen Trauungen lagen in Gesamt-Berlin deutlich unter den Werten der Kirchenbücher des Weddings. Dies ist einerseits auf die jüdische Glaubensgruppe zurückzuführen, andererseits auf die deutlich höheren Werte der Mischehen. Aus der Auflistung läßt sich schließen, daß bikonfessionelle Trauungen in den Kirchenbüchern unterrepräsentiert sein müssen. Zugleich belegen die Zahlen, daß es sich bei der gegenläufigen Tendenz zwischen den Konfessionen um kein Phänomen handelte, das auf den Wedding beschränkt geblieben ist. Im gesamten Stadtgebiet stiegen die Anteile der katholischen Eheschließungen. Bestand tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Reproduktionsverhalten und der Konfession, wird dieser Aspekt an erster Stelle zu berücksichtigen sein.

Die Anteile der katholischen Bräutigame an der Gesamtzahl der heiratenden Männer entsprachen dem städtebaulichen Nordwest-Südost-Gefälle (vgl. Abb. 66). Während in den südöstlichen Gebieten die Anteile am höchsten lagen, nahmen sie - von einzelnen Straßenblöcken abgesehen - nach Nordwesten hin ab. Als Schwerpunkte lassen sich anhand der Kreisdiagramme auf den gesamten Untersuchungszeitraum bezogen die Reinickendorfer Straße-Pankstraße (1), die Neue Hochstraße (2) und die Straßenblöcke um den Sparrplatz (3) identifizieren.

Für die letzten fünf Jahre des Untersuchungszeitraumes (1910-1914) ist vor allem die Konzentration der katholischen Eheleute zwischen Sparrplatz und Müllerstraße (4) hervorzuheben. Offenbar führte der Bau der St. Joseph-Kirche (vgl. Abb. 32, S. 82, Nr. 15) zu einer verstärkten Ansiedlung von Katholiken in der unmittelbaren Umgebung. Allein der Straßenblock westlich des Sparrplatzes stellte einen Anteil von knapp 50‰ an der Gesamtzahl der in diesem Zeitraum heiratenden katholischen Männer. Die Neubaugebiete blieben dagegen von untergeordneter Bedeutung (5-7).

↓341

Abb. 66: Wohnsitz der Ehemänner nach der Konfession zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung.

III.3.3 Fertilität

Das Geburtenaufkommen läßt sich über das gesamte Kaiserreich hinweg als Teil des politischen und gesellschaftlichen Diskurses verfolgen. Hatte zunächst die Angst vor der ungehemmten Fortpflanzung des Proletariats die Gemüter in den bürgerlichen Kreisen bewegt, rückte am Vorabend des Kriegsausbruchs der seit Jahren anhaltende Geburtenrückgang in den Blickpunkt. Für die Verantwortlichen in Staat und Kirche hatte er beunruhigende Ausmaße angenommen. Einige Autoren beschworen bereits das Schreckensszenario einer „drohenden Entvölkerung Deutschlands.“319 Seit etwa 1912 erschien eine wahre Flut an Publikationen, die sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven mit den möglichen Ursachen und Folgen der Entwicklung befaßte.320 Personen verschiedenster Couleur erarbeiteten Handlungsvorschläge, um das „große Übel“ möglichst schnell zu beseitigen.321 Auch wenn der wissenschaftliche Nutzen der meisten Arbeiten beschränkt blieb, zeigt der Umfang der Veröffentlichungen die empfundene Brisanz.

Inmitten der Diskussion stand Berlin.

III.3.3.1  Rohe Geburtenrate

↓342

Die wichtigste, da am einfachsten zu berechnende Kennziffer zur Fruchtbarkeit einer Bevölkerung ist die sog. „rohe“ Geburtenrate. Sie gibt - ohne eine Differenzierung nach dem Alter und Geschlecht - das Verhältnis der Neugeborenen zur Gesamtbevölkerung an und wird in ‰ gemessen.

Der bereits in Kapitel 3.1 rekonstruierte Altersaufbau der Einwohnerschaft deutete mit den starken Einbrüchen in der Altersklasse von 0-5 Jahren einen Rückgang der rohen Geburtenrate an. Die jährlichen Zahlen des Statistischen Jahrbuchs der Stadt Berlin bestätigen diese Entwicklung. Ausgehend von den Maximalwerten der Jahre 1875/76 sank die Geburtenrate bis zum Ausbruch des Krieges auf einen Tiefstand ab. Zwischen 1875 und 1914 hatten sich die Anteile mehr als halbiert. Selbst die absolute Zahl der Neugeborenen war seit 1907 rückläufig.

Tab. 63: Geburtenaufkommen in Gesamt-Berlin 1875-1914.

Jahr

abs. Zahl der Geburten

Rohe Geburtenrate (in ‰)

Jahr

abs. Zahl der Geburten

Rohe Geburtenrate (in ‰)

1875

43.774

46,15

1895

48.857

29,41

1876

46.298

47,19

1896

50.105

29,50

1877

45.913

45,52

1897

51.109

29,48

1878

45.903

44,21

1898

51.302

28,91

1879

46.091

43,08

1899

50.953

27,99

1880

45.882

41,52

1900

51.675

27,71

1881

45.253

39,74

1901

52.263

27,69

1882

46.274

39,37

1902

51.212

27,01

1883

45.947

37,90

1903

49.575

25,79

1884

46.408

37,10

1904

50.746

25,87

1885

46.990

36,39

1905

51.303

25,51

1886

47.616

35,59

1906

53.399

25,98

1887

48.925

35,24

1907

52.811

25,56

1888

49.805

34,56

1908

51.061

24,79

1889

50.868

33,97

1909

47.735

23,28

1890

50.919

32,81

1910

45.957

22,32

1891

53.537

33,63

1911

44.852

21,65

1892

52.500

32,58

1912

44.327

21,28

1893

51.288

31,50

1913

42.506

20,41

1894

49.555

30,15

1914

39.068

19,25


Quelle: StatJbB (1915-1919), S. 69.

↓343

Die aggregierten Daten für Gesamt-Berlin geben die eine Seite der Entwicklung wieder. Die andere betrifft die Situation in den einzelnen Stadtteilen respektive Standesamtsbezirken, für die zwischen 1896 und 1912 gesicherte Daten vorliegen (vgl. Tab. 64).322 Die Abweichungen innerhalb des Stadtgebietes waren enorm. 1896 reichte die Spannweite von 13,9‰ in der Friedrichstadt bis zu 40,8‰ in der nördlichen Rosenthaler Vorstadt - eine Differenz von immerhin 26,9‰. Bis 1912 hatten sich die Unterschiede zwar abgeschwächt, dennoch verblieb eine Diskrepanz von 18,8‰ (Friedrichstadt 10,2‰, Spandauer Viertel 29,0‰).

Tab. 64: Stadtteile mit einer maximalen und minimalen Veränderung der Geburtenrate zwischen 1896 und 1912 (in ‰).

Stadtteile mit einer ... Veränderung der Geburtenrate

maximalen

1896

1912

Diff.

Rosenthaler Vorstadt, nordöstlich*

40,8

23,7

-17,1

Moabit, westlich

38,8

22,0

-16,8

Rosenthaler Vorstadt, nordwestlich*

40,8

24,8

-16,0

Luisenstadt jenseits des Kanals, östlich

35,9

20,3

-15,6

Stralauer Viertel, südöstlich*

35,8

20,9

-14,9

Stralauer Viertel, nordöstlich*

35,8

21,9

-13,9

Wedding*

39,5

26,4

-13,1

minimalen

Obere Friedrichs- und Tempelhofer Vorstadt, westlich

21,4

16,0

-5,4

Luisenstadt, diesseits des Kanals, Neu-Kölln

19,6

14,5

-5,1

Untere Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt*

18,0

13,8

-4,1

Friedrichstadt

13,9

10,2

-3,7

Berlin, Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt*

15,1

12,6

-2,5

Friedrich-Wilhelm-Stadt und Moabit, östlich

24,1

27,7

+3,6

Spandauer Viertel

24,3

29,0

+4,6

Gesamt Berlin

29,5

21,3

-8,2


Anm.: Die Werte für die mit * gekennzeichneten Stadtteile liefern nur eine ungefähre Orientierung, da die räumliche Abgrenzung des Jahres 1912 nicht mit der des Jahres 1896 übereinstimmt. So berechnet sich u.a. die Differenz des Stadtteils Wedding aus einer Gegenüberstellung mit dem 1896 noch ungeteilten Wedding/Gesundbrunnen.

Quelle: StatJbB (1900-1902), S. 70 und (1912-1914), S. 112.

Das Untersuchungsgebiet zählte zu den Stadtteilen mit der höchsten Geburtenrate. 1896 lag der noch ungeteilte Standesamtsbezirk XIII mit 39,5‰ nur knapp hinter der nördlichen Rosenthaler Vorstadt an zweiter Stelle. Auch wenn bis 1912 die Geburtenrate des Weddings um 13,1‰ gesunken war und schließlich ein Niveau von 26,4‰ erreichte, war dies hinter dem Spandauer Viertel, dem östlichen Moabit und dem Gesundbrunnen gleichbedeutend mit dem vierthöchsten Wert im Berliner Stadtgebiet.

↓344

Drei Aspekte bleiben festzuhalten:

  1. Die rohe Geburtenrate des Untersuchungsgebietes entwickelte sich konträr zur Gesamtzahl der standesamtlichen Eheschließungen. Während die Zahl der Trauungen bis zum Kriegsausbruch anstieg (vgl. oben, Abb. 63, S. 226), verzeichnete die Geburtenrate eine rückläufige Tendenz.
  2. Die amtliche Statistik gibt in der vorliegenden Form nicht die tatsächliche räumliche Verteilung der Geburten wieder. Gegen den Trend stiegen die Anteile des Spandauer Viertels und des östlichen Moabits. Dies waren genau die Standesamtsbezirke mit den beiden größten Geburtskrankenhäusern Berlins - der Charité in der Schumannstraße und der Universitäts-Frauenklinik in der Artilleriestraße (heute: Tucholskystraße). Nach § 17 des Personenstandsgesetzes von 1875 mußte jede Geburt in dem Bezirk angezeigt werden, in dem die Niederkunft stattgefunden hatte.323 Der Anstieg der Geburtenrate in den beiden Standesamtsbezirken ist demnach kein Anzeichen für einen gegenläufigen Trend, sondern ein Hinweis auf die bessere medizinische Betreuung der Entbindenden. Klammert man die beiden Bezirke aus, verzeichneten der Wedding und Gesundbrunnen 1912 die höchsten Geburtenraten aller Berliner Standesamtsbezirke.
  3. Einer der zentralen Kritikpunkte an der Verwendung der rohen Geburtenrate als Indikator des Reproduktionsverhaltens verweist auf die Tatsache, daß eine sinkende Geburtenrate nicht zwangsläufig mit einer Veränderung des generativen Verhaltens verbunden sein muß. Sie kann allein darauf zurückzuführen sein, daß ein zunehmender Teil der Bevölkerung sich noch nicht oder nicht mehr im reproduktionsfähigen Alter befindet. Erst ein Blick auf das Verhältnis zwischen den Frauen im gebärfähigen Alter und der Gesamtbevölkerung gibt Aufschluß.

Nach den Bevölkerungsaufnahmen der Jahre 1890, 1900 und 1910 hatten sich die Anteile der Frauen im gebärfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung nur leicht verschoben:

↓345

Tab. 65: Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter (15-49 J.) an der Gesamtbevölkerung (in ‰).

Jahr

Gesamt

Verheiratet

Berlin

Wedding

Berlin

Wedding

1890

312,6

263,1

1900

312,9

270,1

152,0

164,4

1910

309,4

284,4

155,0

174,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II) (1896), S. 7, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 5-9 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 10-15.

Während in Gesamt-Berlin die Werte auf einem konstanten Niveau verblieben, stiegen im Wedding die Anteile der 15-49-jährigen Frauen sogar um mehr als 20‰ an. Ein verringertes Quantum der Frauen im gebärfähigen Alter scheidet als Ursache für den Rückgang der Geburtenrate aus. Die rohe Geburtenrate bezeichnet somit mehr als eine bloße Anteilsverschiebung. Sie belegt in diesem Falle einen tatsächlichen Rückgang der Fertilität.

III.3.3.2 Familienstand und Geburt

Eine Unterscheidung zwischen ehelichen und unehelichen Geburten nahm für Gesamt-Berlin bereits Tab. 49 (S. 225) vor. Bis zum Ausbruch des Krieges hatten sich die Anteile deutlich zugunsten der Unehelichkeit verschoben. In allen Gebieten der Stadt lagen die Werte des Jahres 1914 über denen der 1880er Jahre. Das Ausgangsniveau und das Ausmaß der Zunahme variierten jedoch erheblich.

↓346

Tab. 66: Anteil unehelicher Geburten an der Gesamtzahl der Neugeborenen nach Stadtteilen (in %).

Stadtteil 1)

Anteil unehelicher Geburten 1914

Zunahme im Vgl. zu 1887 2)

maximal

Friedrichstadt

39,9

+26,2

Spandauer Viertel

39,9

+19,1

Friedrich-Wilhelm-Stadt u. Moabit, östlich*

39,5

+27,0

Berlin, Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt*

34,5

+21,1

Oranienburger Vorstadt

29,2

+15,3

Untere Friedrichs- u. Schöneberger Vorstadt

28,5

+17,1

Stralauer Viertel, westlich

28,3

+12,5

minimal

Stralauer Viertel, nordöstlich*

17,8

+8,4

Moabit, westlich

17,6

+5,1

Königsviertel, nördlich*

17,3

+3,6

Rosenthaler Vorstadt, nordwestlich*

17,3

+6,1

Wedding*

17,2

+5,2

Tempelhofer Vorstadt, östlich*

16,9

+5,7

Rosenthaler Vorstadt, nordöstlich*

15,9

+4,7

Berlin Gesamt

22,9

+9,9


1) Die mit * gekennzeichneten Stadtteile sind aufgrund von veränderten Gebietszuschnitten nicht direkt mit den Werten des Jahres 1887 zu vergleichen.
2) Für die Jahre 1885 und 1886 liegen keine Daten vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1886-1887) und (1912-1914), S. 991.

Einen vergleichsweise geringen Anstieg verzeichnete das Untersuchungsgebiet. Im Vergleich zu 1887 beschränkte sich die Zunahme auf ein Plus von 5,2%. Der Standesamtsbezirk Wedding lag im Jahr 1914 mit einer Unehelichenquote von 17,2% am unteren Ende der Auflistung. Geringere Werte verzeichneten lediglich die östliche Tempelhofer Vorstadt und die nordöstliche Rosenthaler Vorstadt.324

Einen Erklärungsansatz für das niedrige Niveau unehelicher Geburten liefern die Bevölkerungspyramiden von 1900 und 1910. Im Vergleich zu Gesamt-Berlin zeichnete sich der Wedding durch einen sehr geringen Ledigenanteil in den heiratsrelevanten Altersgruppen aus, was u.a. auf die schwach ausgeprägte Bedeutung häuslicher Dienstleistungen zurückzuführen sein dürfte.

↓347

Aus den Zahlen ist allerdings nicht ersichtlich, ob die Veränderungen in erster Linie einem Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit geschuldet sind oder der relativen Stärke der Geburtenzahlen lediger Mütter. Ein Blick auf die absolute Zahl der Geburten gibt Aufschluß. Bezogen auf die Werte des Jahres 1887 nahm die Diskrepanz zwischen den ehelichen und unehelichen Verlaufskurven kontinuierlich zu.325

Abb. 67: Veränderung des Geburtenaufkommens in Gesamt-Berlin und dem Wedding/ Gesundbrunnen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung 1887-1914 (1887 = 100%) (in %).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Während die Entwicklung der unehelichen Geburten sowohl im Untersuchungsgebiet als auch in Gesamt-Berlin in etwa parallel zur Veränderung der Einwohnerzahl verlief, blieb die Zahl der ehelichen Geburten immer weiter zurück. Nicht die außerehelichen Geburten waren ungewöhnlich stark angestiegen, sondern die ehelichen gar nicht oder nur ausgesprochen schwach.

III.3.3.3 Alter und Geburtenfolge

↓348

Das Alter der Mutter bei der Geburt eines Kindes ermöglicht in Verbindung mit der Geburtenfolge differenzierte Aussagen zum Reproduktionsverhalten. Da die amtliche Statistik an dieser Stelle keine Aufschlüsselung nach Standesamtsbezirken vornimmt und sich allein auf gesamtstädtische Zahlen beschränkt, kann die Situation im Untersuchungsgebiet allerdings nur sehr grob und durch Rückschlüsse aus dem bisher Gesagten eingeordnet werden.

Die Unterteilung nach dem Alter der Mutter offenbart für die ehelichen Geburten eine klare Entwicklungsrichtung. In den Altersklassen 15-20 und v.a. 20-25 legten die Anteile zu, bei den 25-30jährigen verharrten sie in etwa auf dem gleichen Niveau, während bei den über 30jährigen durchgehende Verluste erscheinen. Das Durchschnittsalter der Mütter sank.

Tab. 67: Gesamt-Berlin. Altersverteilung der Mütter bei den ehelichen Geburten 1885-1914 (in %).

Jahr

15-20

20-25

25-30

30-35

35-40

40-45

45-50

o.A.

Insg.

1885

1,2

18,4

32,3

26,9

15,4

5,0

0,4

0,3

100

1890

1,3

20,6

33,2

25,2

14,1

4,7

0,4

0,4

100

1895

1,6

20,9

34,1

24,7

13,5

4,5

0,4

0,3

100

1900

1,9

25,4

33,4

22,6

12,2

3,9

0,4

0,2

100

1905

2,4

24,7

36,0

21,5

11,2

3,8

0,3

0,1

100

1910

2,8

27,6

32,9

22,0

10,9

3,4

0,3

0,1

100

1914

2,8

28,3

34,0

19,9

11,4

3,4

0,3

0,1

100


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

↓349

Das gleiche gilt auch für die unehelichen Geburten - nur um eine Altersklasse nach unten versetzt (vgl. Tab. 68). Nicht die 20-25jährigen stellten die höchsten Gewinne, sondern die Gruppe der 15-20jährigen. Bereits ab dem Alter von 25 Jahren setzte ein Rückgang der Anteile ein.

Tab. 68: Gesamt-Berlin. Altersverteilung der Mütter bei den unehelichen Geburten 1885-1914 (in %).

Jahr

<15

15-20

20-25

25-30

30-35

35-40

40-45

45-50

o.A.

Insg.

1885

0,0

13,8

43,0

23,6

11,5

5,1

1,5

0,2

1,3

100,0

1890

0,0

13,8

43,0

25,5

10,5

4,3

1,4

0,1

1,4

100,0

1895

0,0

16,6

42,6

22,5

9,4

4,6

1,1

0,2

3,0

100,0

1900

0,1

18,1

46,8

20,8

8,3

3,9

1,2

0,1

0,6

100,0

1905

0,1

20,1

45,3

20,8

7,6

4,2

1,2

0,0

0,7

100,0

1910

0,1

21,2

46,8

19,3

7,2

3,6

1,1

0,1

0,7

100,0

1914

0,1

23,0

47,5

18,0

6,4

3,2

1,1

0,1

0,6

100,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Auf Grundlage des bisher Gesagten legt dieses Ergebnis nur einen Schluß nahe: Die Ursache für das stark verminderte Geburtenaufkommen ist in den Altersgruppen ab 30 zu suchen. Die Werte sprechen für einen früheren Abschluß der reproduktiven Phase und für eine daraus resultierende verringerte Anzahl von Kindern pro Frau. Diese Vermutung bestätigt ein Blick auf das Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes. Die Veränderungen der Anteile blieben vergleichsweise gering. In allen Altersklassen stieg zwischen 1885 und 1914 die absolute Zahl der Erstgeburten.

↓350

Tab. 69: Gesamt-Berlin. Alter der (ehel.) Mütter bei der Geburt des ersten Kindes (in %).

Jahr

15-20

20-25

25-30

30-35

35-40

40-45

45-50

o.A.

Insg.

1885

4,0

39,7

37,1

13,7

4,3

1,0

0,1

0,1

100,0

1890

3,9

40,6

36,5

13,4

4,2

1,1

0,2

0,0

100,0

1895

4,7

40,6

36,1

13,1

4,2

1,1

0,1

0,0

100,0

1900

5,1

44,9

33,9

11,7

3,6

0,8

0,1

0,0

100,0

1905

6,0

42,4

35,8

11,6

3,3

0,8

0,0

0,0

100,0

1910

6,6

44,4

32,8

11,9

3,4

0,8

0,1

0,0

100,0

1914

6,0

43,3

33,6

12,0

4,1

0,8

0,1

0,0

100,0

Veränderung der abs. Zahlen 1885-1914

+86,4

+35,5

+12,4

+8,6

+16,6

+3,4

+60,0

+24,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Wichtig ist die leichte Bedeutungsverschiebung zugunsten der 15-25jährigen. Ein steigendes Alter bei der ersten Geburt kann demzufolge als Ursache für den Geburtenrückgang definitiv ausgeschlossen werden.

Den entscheidenden Hinweis liefert ein Blick auf die Geburtenfolge. Über 37% der Geburten des Jahres 1914 entfielen in Gesamt-Berlin auf das erste Kind einer Ehe - fast 15% mehr als 1885. Auch die Anteile des zweiten Kindes hatten zugenommen. Von da an kehrten sich die Vorzeichen ins Minus um. Die Zahl der Frauen mit drei und mehr Kindern und damit die Größe der Familien nahm kontinuierlich ab.

↓351

Tab. 70: Geburtenfolge in Gesamt-Berlin 1885-1914 (in %).

Jahr

... . Kind einer Frau

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10-14

15+

o.A.

1885

22,6

19,7

15,5

11,7

8,9

6,7

4,8

3,4

2,1

3,4

0,2

0,9

100,0

1890

25,3

21,8

16,0

11,3

7,6

5,4

3,8

2,8

1,8

3,3

0,2

0,6

100,0

1895

25,8

22,7

16,6

11,4

7,4

5,1

3,4

2,4

1,7

2,8

0,3

0,4

100,0

1900

29,8

24,0

16,0

9,9

6,6

4,5

3,0

2,2

1,3

2,3

0,2

0,2

100,0

1905

31,9

23,9

15,9

10,0

6,1

4,1

2,7

1,8

1,2

2,1

0,1

0,2

100,0

1910

33,2

25,6

15,0

9,3

5,6

3,5

2,5

1,7

1,1

2,0

0,1

0,4

100,0

1914

37,1

25,5

14,0

7,9

5,3

3,5

2,1

1,6

1,0

1,8

0,2

0,1

100,0

Diff.

1914-1885

+14,9

+6,0

-1,6

-4,0

-3,9

-3,6

-2,8

-1,9

-1,2

-1,5

0,0

-0,4

0,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Der Geburtenrückgang zeigt sich vor diesem Hintergrund als selektiver Prozeß, der auf bestimmte Segmente des Reproduktionsverhaltens beschränkt blieb. Während die Zahlen der unehelichen Geburten sowie des ersten und zweiten Kindes einer Ehe annähernd stabil blieben, führte eine Verringerung der verheirateten Frauen mit drei und mehr Kindern - zumeist ab dem Alter von 30 - zu dem so augenfälligen Einbruch der Geburtenrate.

Überträgt man das Ergebnis von Gesamt-Berlin auf das Untersuchungsgebiet, gewinnt die Tendenz zur Verkleinerung der Familien eine entscheidende Bedeutung. Da bei jungen Paaren bis zum dritten Kind das Reproduktionsverhalten offensichtlich am stabilsten geblieben ist und erst in einer Konsolidierungsphase ab 30 ein Geburtenrückgang einsetzte, nahm die räumliche Dependenz von Eheschließung und Geburtenaufkommen zu. Die Werte lassen nach der Verteilung der heiratenden Männer in Abb. 64 (vgl. oben, S. 228) auf eine zunehmende Verlagerung des Geburtenschwerpunktes in das Gebiet Reinickendorfer Straße/Liebenwalder Straße (4) sowie die Neubaugebiete um die Utrechter Straße (3), Seestraße (1) und südlich der Triftstraße (2) erwarten - wobei in jedem Fall die zunehmende Lückenhaftigkeit der Kirchenbuchangaben und die fehlenden Gewichtungsmöglichkeiten der Straßenblöcke als relativierende Faktoren zu berücksichtigen sind.

III.3.3.4 Geburtenaufkommen nach dem sozialen Status

↓352

Die Zahlen der amtlichen Statistik zur sozioökonomischen Situation des Elternhauses beschränken sich erneut auf Angaben zum gesamten Stadtgebiet. Stellt man für Gesamt-Berlin die prozentuale Verteilung der Geburten326 nach Wirtschaftszweigen den entsprechenden Beschäftigtenanteilen in der Gesamtbevölkerung gegenüber, ergibt sich für das Jahr 1885 die in Tab. 71 dargestellte Rangfolge. Den höchsten Geburtenüberschuß verzeichneten demnach die „Arbeiter ohne nähere Angaben“ mit 6,0%. Hinter der nicht weiter zu differenzierenden Sammelkategorie „Sonstige Gewerbe gesamt“ folgten an dritter und vierter Position das Baugewerbe und die Kategorie Metallverarbeitung/Maschinenbau. In beiden Branchen überstieg der Geburten- den Beschäftigtenanteil um 3,4% bzw. 2,9%.

Tab. 71: Wirtschaftszweige. Geburten- und Beschäftigtenanteile im Vergleich. Gesamt-Berlin 1885 (in %).

Anteile an den ... insg.

Differenz

Geburten

Beschäftigten

 

Arbeiter ohne nähere Angaben

17,5

11,5

+6,0

Sonstige Gewerbe gesamt

12,8

9,3

+3,5

Baugewerbe

7,6

4,2

+3,4

Metallverarbeitung, Maschinen, Instrumente

9,6

6,7

+2,9

Nahrungsmittel

3,5

3,0

+0,5

Gastwirtschaft

2,5

2,0

+0,5

Landbau, Gärtnerei, Fischerei

0,4

0,5

-0,1

Verkehr

4,0

4,1

-0,1

Bergbau, Steine, Erden

0,2

0,6

-0,4

Textilindustrie

1,2

1,7

-0,5

Handel

10,2

11,3

-1,1

Öffentlicher Dienst

6,9

8,6

-1,7

Bekleidung, Reinigung

11,8

15,2

-3,4

Persönlicher Dienst

9,7

13,1

-3,4

Ohne Berufsangabe

2,1

8,2

-6,1


Anm.: Bei ehelichen Geburten ist der Beruf des Vaters, bei unehelichen die berufliche Tätigkeit der Mutter erfaßt.

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1885), S. 39 und Böckh (Abt. II) (1891), S. 79.

Umgekehrt wiesen die Rubriken „Ohne Berufsangabe“ und „Persönliche Dienste“ sowie das Bekleidungsgewerbe das niedrigste Geburtenaufkommen im Vergleich zu den Beschäftigtenanteilen auf. Während der geringe Wert der Kategorie „Ohne Berufsangabe“ nicht überrascht, da in ihr vor allem Rentiers, Rentner, Invaliden u.a. zusammengefaßt sind, liefert der hohe Anteil lediger Frauen unter den Beschäftigten in Verbindung mit einem noch sehr niedrigen Niveau unehelicher Geburten (1885 = 13,5%) eine Erklärung für die unterdurchschnittlichen Werte des Dienstpersonals und des Bekleidungsgewerbes.

↓353

25 Jahre später - 1910 - hatten sich die Anteile erheblich verschoben. An erster Stelle rangierte zwar nach wie vor die Kategorie „Arbeiter ohne nähere Angaben“. Die Differenz zwischen Geburten- und Beschäftigtenanteil war jedoch von 6,0% auf 9,1% gestiegen. Die Persönlichen Dienste lagen nunmehr mit einem Plus von 3,7% an zweiter Stelle, gefolgt vom Baugewerbe mit 2,3%.

Tab. 72: Wirtschaftszweige. Geburten- und Beschäftigtenanteile im Vergleich. Gesamt-Berlin 1910 (in %).

Anteile an den ... insg.

Differenz

im

Vgl. zu 1885

Geburten

Beschäftigten

 

Arbeiter ohne nähere Angaben

15,2

6,1

+9,1

+3,1

 

Persönlicher Dienst

11,2

7,5

+3,7

+7,1

 

Baugewerbe

6,9

4,6

+2,3

-1,1

 

Sonstige Gewerbe gesamt

11,0

9,3

+1,7

-1,8

 

Metallverarbeitung, Maschinen, Instrumente

12,7

12,1

+0,6

-2,3

 

Nahrungsmittel

4,0

3,7

+0,3

-0,2

 

Bergbau, Steine, Erden

0,4

0,3

+0,1

+0,5

 

Landbau, Gärtnerei, Fischerei

0,6

0,5

+0,1

+0,2

 

Textilindustrie

0,3

1,0

-0,7

-0,2

 

Gastwirtschaft

2,3

3,9

-1,6

-2,1

 

Handel

11,9

14,0

-2,1

-1,0

 

Öffentlicher Dienst

5,2

7,3

-2,1

-0,4

 

Verkehr

2,1

4,7

-2,6

-2,5

 

Bekleidung, Reinigung

10,2

14,3

-4,1

-0,7

 

Ohne Berufsangabe

1,4

10,7

-9,3

-3,2

 


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1908-1911), S. 124* und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 46-55.

Lediglich vier Wirtschaftszweige konnten gegenüber 1885 einen Anteilszuwachs verzeichnen. Vor allem der Anstieg der Persönlichen Dienste mit +7,1% ist bemerkenswert. Am deutlichsten verloren neben der Rubrik „Ohne Berufsangabe“ das Verkehrsgewerbe (-2,5%) und die Metallverarbeitung/der Maschinenbau (-2,3%).

↓354

Der Geburtenrückgang besaß eine sich überlagernde schicht- und branchenspezifische Komponente. Einerseits wiesen vor allem die Rubriken mit einem hohen Anteil geringqualifizierter Arbeitsplätze ein überdurchschnittliches Geburtenniveau auf. Dem standen die handwerklich-industriellen und dienstleistungsorientierten Wirtschaftszweige gegenüber, die zwischen 1885 und 1910 ausnahmslos Anteile verloren.

Weigl verweist auf die Bedeutung einer allgemein zu beobachtenden Adaption von generativen Verhaltensweisen, die zuerst von der „hauptstädtischen Bürokratie und de[m] Großbürgertum“ gepflegt wurden und in einem abwärtsgerichteten Filterungsprozeß zum Maßstab für die niedrigeren sozialen Schichten wurde:

↓355

„Ein säkularer Wandel des generativen Verhaltens war vorerst in den ‚kulturellen Milieus‘ der hauptstädtischen Bürokratie und des Großbürgertums zu beobachten. Schon seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert charakterisierte eine an materieller Bestandswahrung orientierte Beschränkung der Familiengröße nach Erreichen der ‚gewünschten Kinderzahl‘ zumindest Teile dieser Schichten. Dieses Familienmodell hatte eine Vorbildwirkung auf das im Wandel begriffene großstädtische Kleingewerbe und den in den Hauptstädten entwickelten tertiären Sektor, die jedoch auch durchaus autonome instrumentelle Reaktionen auf die veränderten gesamtgesellschaftlichen Bedingungen der familialen Lebensführung und Daseinssicherung entwickelten. Das höchste Maß an kultureller Eigenständigkeit besaß die großstädtische Industriearbeiterfamilie, obwohl sie sich zumindest in mitteleuropäischen Metropolen hinsichtlich wichtiger demographischer Parameter [...] nicht mehr allzusehr von der ‚bürgerlichen Familie‘ unterschied. Dazu mag beigetragen haben, dass das wachsende großstädtische Konsumangebot abseits der Existenzsicherung ebenfalls wichtige Anreize bot, Reproduktion durch Konsum zu ersetzen.“327

Überträgt man die Ergebnisse auf das Untersuchungsgebiet, bleiben zwei Faktoren hervorzuheben:

  1. Die Erhöhung des durchschnittlichen Sozialstatus der Heiratenden spricht für die von Weigl geäußerte Vermutung und liefert einen Erklärungsansatz für den langfristigen Rückgang der Geburtenrate im Standesamtsbezirk Wedding.
  2. Zugleich korreliert die im Vergleich zum städtischen Durchschnitt nach wie vor überdurchschnittlich hohe Geburtenrate mit den maximalen Beschäftigtenanteilen der „Lohnarbeit wechselnder Art“.

III.3.3.5 Das Reproduktionsverhalten im Kontext religiöser Bindungen

↓356

Auch das vorliegende Datenmaterial zur Konfession der Geborenen bleibt auf Angaben zum gesamten Stadtgebiet beschränkt. Die Erfassung der Geburten nach der Konfession der Eltern erfolgte im Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin seit 1891 nach dem gleichen Schema wie bei den Trauungen. Es ist daher sinnvoll, sich erst ab diesem Zeitpunkt mit der konfessionellen Zugehörigkeit der Geborenen zu befassen. Auf diese Weise können die standesamtlichen Eheschließungen als Vergleichsgröße herangezogen werden, auch wenn in jedem Fall eine gewisse zeitliche Verzögerung zwischen Hochzeit und Geburt zu berücksichtigen ist.

Tab. 73: Verteilung der ehelichen Geburten (Geb.) und standesamtlichen Eheschließungen (HZ) nach der Konfession. Gesamt-Berlin 1891-1914 (in %).

Jahr

Rein ev.

Rein kath.

Ev. (m) -

Kath. (w)

Kath. (m) -

Ev. (w)

Rein jüdisch

Sonstige

HZ

Geb.

HZ

Geb.

HZ

Geb.

HZ

Geb.

HZ

Geb.

HZ

Geb.

1891

78,2

79,4

3,8

4,8

5,7

4,8

7,9

6,4

3,0

3,4

1,4

1,2

1892

76,6

79,0

4,0

5,0

6,2

4,9

8,4

6,3

3,4

3,6

1,4

1,2

1893

75,7

78,2

4,2

5,1

6,9

4,9

8,3

6,8

3,4

3,6

1,5

1,4

1894

76,9

77,6

4,0

5,4

6,7

5,2

7,7

6,8

3,1

3,8

1,6

1,2

1895

76,3

78,2

4,4

5,5

6,0

4,9

8,5

6,5

3,2

3,7

1,6

1,2

1896

76,8

78,0

4,4

5,4

6,2

4,9

8,1

6,8

2,9

3,5

1,6

1,4

1897

76,3

77,7

4,1

5,8

6,5

5,1

8,0

6,6

3,3

3,5

1,8

1,3

1898

76,7

77,2

4,3

5,9

6,4

5,4

8,0

6,8

3,0

3,5

1,6

1,2

1899

77,3

77,1

4,1

6,1

6,3

5,3

7,5

6,9

3,1

3,5

1,7

1,1

1900

77,0

77,2

4,3

6,2

6,4

5,3

7,8

6,9

2,9

3,4

1,6

1,0

1901

76,8

77,2

4,3

6,4

6,3

5,3

7,9

6,7

3,1

3,4

1,6

1,0

1902

76,5

76,9

4,2

6,2

6,7

5,3

7,8

6,9

3,2

3,7

1,6

1,0

1903

77,0

76,7

4,6

6,6

6,3

5,3

7,7

6,8

3,0

3,5

1,4

1,1

1904

77,1

76,3

4,4

6,8

6,2

5,5

7,7

6,8

3,0

3,5

1,6

1,1

1905

76,4

76,6

4,7

6,9

6,3

5,2

8,0

6,8

2,8

3,4

1,8

1,1

1906

75,6

75,8

4,9

7,2

6,8

5,5

8,0

6,7

2,7

3,5

2,0

1,3

1907

75,0

75,6

5,0

7,7

6,8

5,4

8,2

6,5

2,7

3,2

2,3

1,6

1908

74,7

74,7

5,3

8,1

6,4

5,4

8,3

6,8

2,7

3,2

2,6

1,8

1909

73,7

73,6

5,2

8,3

6,8

5,4

8,1

6,7

2,7

3,3

3,5

2,7

1910

72,8

73,6

5,7

8,4

7,0

5,2

8,5

6,7

2,6

3,2

3,4

2,9

1911

72,9

73,2

5,7

8,7

7,1

5,7

8,1

6,6

2,5

3,3

3,7

2,5

1912

72,7

72,4

5,9

8,9

7,2

5,9

8,2

6,8

2,3

3,2

3,7

2,8

1913

72,2

71,7

6,0

9,5

7,3

5,8

8,3

6,7

2,3

3,3

3,9

3,0

1914

71,7

71,4

5,4

9,6

7,7

5,5

8,8

6,6

1,9

3,5

4,5

3,4

Gesamt

-6,5

-8,0

+1,6

+4,8

+2,0

+0,7

+0,9

+0,2

-1,1

+0,1

+3,1

+2,2


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Bezogen auf die Geburten und die standesamtlichen Eheschließungen eines Jahrganges ergibt sich zunächst eine Verteilung, die unabhängig von der absoluten Zahl der Neugeborenen die Verschiebungen zwischen den Konfessionen darstellt (vgl. Tab. 73).

↓357

Als einzige Gruppe wiesen die Geburten aus rein evangelischem Elternhaus einen Rückgang der prozentualen Anteile auf. Mit einem Minus von 8% gegenüber 1891 lagen die Verluste um 1,5 Prozentpunkte über denen der standesamtlichen Eheschließungen. Die höchsten Zuwächse verzeichneten die rein katholischen Geburten. Ihre Bedeutung nahm um fast 5% zu und erreichte 1914 annähernd die Marke von 10%. Dabei stiegen die Anteile dreimal so schnell wie die der Eheschließungen. Sehr konstant blieb die jüdische Glaubensgruppe.

Eine Sonderstellung nahmen die Mischehen ein. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg lagen die Geburtenanteile unter den Werten der Eheschließungen. Die Diskrepanz deutet auf ein geringeres Geburtenaufkommen als in monokonfessionellen Elternhäusern hin. Diese Vermutung bestätigt ein Blick auf die absoluten Zahlen:

Tab. 74: Gesamt-Berlin. Prozentuale Veränderung der absoluten Anzahl ehelicher Geburten und standesamtlicher Eheschließungen zwischen 1891 und 1914 (in %).

Veränderungen zwischen 1891 und 1914 (in %)

Rein ev.

Rein kath.

Ev. (m) -

Kath. (w)

Kath. (m) -

Ev. (w)

Rein jüdisch

Sonstige

Eheschließungen

+17,8

+81,8

+72,6

+42,8

-19,7

+348,9

Geburten

-41,9

+28,2

-26,6

-33,3

-32,7

+87,2

Differenz Eheschließungen-Geburten

59,7

53,6

99,1

76,1

13,0

261,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

↓358

Unabhängig von der Konfession bzw. Religion blieb die Geburtenentwicklung hinter den Eheschließungen zurück. Am ausgeglichensten verlief die Entwicklung mit einer Differenz von 13% bei den rein jüdischen Ehepaaren. Dem Rückgang der Trauungen um 19,7% stand eine Abnahme der Kinderzahl um 32,7% gegenüber. An zweiter Stelle folgten die rein katholischen Ehen mit einer bereits sehr deutlichen Differenz von 53,6%. Trotz des absoluten und relativen Anstiegs der Geburten hielt die Zahl der Neugeborenen nicht mit der Zunahme der Trauungen Schritt.328 Dies relativiert zugleich den Bedeutungsverlust der rein evangelischen Geburten. Auch wenn die Zahl der Geburten um 41,9% gesunken war, hatten die Eheschließungen im Gegenzug nur um 17,8% zugenommen.

Deutlich stärker entwickelten sich die Werte bei den Mischehen auseinander. Während die Anzahl der Trauungen um 72,6% bzw. 42,8% angestiegen war, ging die Geburtenzahl um 26,6% und 33,3% zurück. Nur in der Rubrik „Sonstige“ war die Differenz zwischen Eheschließungen und Geburten mit 261,7% noch um ein Vielfaches größer.

Der Geburtenrückgang war demnach ein konfessions- und religionsübergreifendes Phänomen. Die Werte deuten jedoch darauf hin, daß ein Zusammenhang zwischen der konfessionellen Einheit einer Ehe und dem Ausmaß des Geburtenrückgangs bestand. Bei den rein jüdischen, katholischen und evangelischen Ehen entwickelte sich die Zahl der Trauungen und Geburten langsamer auseinander als bei Mischehen und Dissidenten. Gerade die eklatante Diskrepanz in der Rubrik „Sonstige“, in der v.a. die Dissidenten zusammengefaßt sind, stellt die Frage nach dem Anteil der Kirche am generativen Verhalten in ein neues Licht.

↓359

Definiert man bezogen auf die Ehemänner die Verteilung der Katholiken, die absolute Zahl der Eheschließungen und die Anteile der ungelernten Lohnarbeiter als Indikatoren einer hohen Natalität, besteht die Möglichkeit, näherungsweise die räumlichen Abweichungen des Geburtenaufkommens im Untersuchungsgebiet zu bestimmen. Um die raum-zeitlichen Veränderungen hypothetisch herausarbeiten zu können, ist eine Gegenüberstellung von zwei Zeitabschnitten zu Beginn - 1890-1894329 (Abb. 68) - und am Ende des Untersuchungszeitraumes - 1910-1914 (Abb. 69) - vorzunehmen.

In den Jahren 1890 bis 1894 kennzeichnete eine weitgehende Kongruenz der drei gewählten Indikatoren die Situation. Entsprechend dem Stand der Bebauung variierten die Anteile. Nach dem Verteilungsmuster zu folgern, konzentrierten sich die für ein hohes Geburtenaufkommen relevanten Merkmalsgruppen in einem annähernd geschlossenen Gebiet vom Nordhafen bzw. der Liesenstraße bis in die Liebenwalder Straße/nördliche Reinickendorfer Straße (1). Die einzige Unterbrechung verursachten drei Straßenblöcke auf der östlichen Seite der Reinickendorfer Straße zwischen Wedding- und Nettelbeckplatz (2), die erst nach der Jahrhundertwende in ihrer Gesamtheit baulich erschlossen wurden.

Abb. 68: Indikatoren des Geburtenaufkommens 1890-1894 je Häuserblock in Promille.

↓360

Für den Zeitraum zwanzig Jahre später (1910-1914) vermittelt die Darstellung dagegen ein wesentlich differenzierteres Bild (vgl. Abb. 69). An die Stelle einer zusammenhängenden Fläche waren vier kleinere Gebietseinheiten mit einer auffälligen Überlagerung der drei Merkmalsausprägungen getreten. Das kleinste Areal umfaßte zwei Baublöcke zwischen der Lüderitz- und Guineastraße (1) in dem Neubaugebiet an der Seestraße. Auch das Neubauviertel südlich der Triftstraße trat mit sechs Straßenblöcken (2) als Schwerpunkt in Erscheinung. Die größte geschlossene Gebietseinheit fand sich jedoch zwischen Turiner Straße und Reinickendorfer Straße (3). Die unmittelbar an der Reinickendorfer Straße gelegenen Baublöcke hatten bereits 1890-1894 auffällig hohe Werte verzeichnet. Nun waren durch die Neubautätigkeit an der Utrechter Straße weitere Flächen in westlicher Richtung hinzugekommen. Eine Sonderstellung nahm schließlich das mit (4) gekennzeichnete Gebiet zwischen der Kösliner und Neuen Hochstraße ein. In keinem der vier Straßenblöcke erreichte die Anzahl der Eheschließungen („Verteilung der Wohnsitze der Bräutigame zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung“) einen Wert von über 20‰. Die hohen Anteile der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ deuten allerdings auf eine erhöhte Kinderzahl pro Frau hin.

Auch wenn die gewählten Indikatoren nicht mehr als eine hypothetische Analyse zulassen, liefert die Gegenüberstellung der Jahre 1890-1894 und 1910-1914 zumindest einen Hinweis auf das räumliche Verteilungsmuster der Fertilität. Neben der partiellen Schwerpunktverlagerung in die Neubauviertel, lassen vor allem die westliche Reinickendorfer Straße nördlich der Ringbahn (3) sowie die Straßenblöcke um die Neue Hochstraße/Gerichtstraße (4) auf ein konstant überdurchschnittliches Geburtenaufkommen schließen.

Abb. 69: Indikatoren des Geburtenaufkommens 1910-1914 je Häuserblock in Promille.

III.3.4 Mortalität

↓361

Die neuen Handlungsmöglichkeiten der voranschreitenden medizinisch-hygienischen Forschung führten seit den 1860er Jahren zu einer steigenden Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen zum Themenkomplex Krankheit und Tod. Ein wachsendes Problembewußtsein gepaart mit einem zunehmend differenzierteren statistischen Erhebungsinstrumentarium gaben die Entwicklungsrichtung vor. Auch wenn es an dieser Stelle nicht möglich ist, eine komplette Auswertung der zeitgenössischen Literatur vorzunehmen, lassen sich drei inhaltliche Schwerpunkte abgrenzen:

  1. Infektionskrankheiten
  2. Kinder- und Säuglingssterblichkeit
  3. Auswirkungen der sozialen Lage und der Wohnverhältnisse auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung

Das Interesse richtete sich vor allem auf die rasch wachsenden Großstädte. Die hohe Bevölkerungsdichte in Verbindung mit den sich verschärfenden sozialen und baulichen Gegensätzen machte sie zum bevorzugten Untersuchungsobjekt. Dies galt im besonderen Maße für Berlin.

III.3.4.1  Rohe Sterberate

↓362

Faßt man die Werte der rohen Sterberate330 in einer Zeitreihe zusammen, wird eine rückläufige Tendenz sichtbar. Die jährliche Zahl der Verstorbenen auf 1.000 Einwohner sank im gesamten Berliner Stadtgebiet zwischen 1885 und 1914 von 25,8‰ auf 14,1‰. Die absolute Zahl der Todesfälle blieb dabei sehr konstant und variierte zwischen 29.727 (1913) und 37.542 (1893). Der Rückgang der Sterberate verlief nicht ohne Unterbrechungen. Immer wieder kam es zu leichten Schwankungen mit erhöhten Werten gegenüber dem Vorjahr. Angesichts der Gesamtsituation blieben diese Veränderungen allerdings ohne Bedeutung und führten lediglich zu einer temporären Unterbrechung des relativen Sterblichkeitsrückgangs.

Tab. 75: Sterblichkeit in Gesamt-Berlin (inkl. Totgeburten) 1885-1914.

Jahr

abs. Zahl der Verstorbenen

Rohe Sterberate

(in ‰)

Jahr

abs. Zahl der Verstorbenen

Rohe Sterberate

(in ‰)

1885

33.331

25,8

1900

37.250

20,0

1886

36.003

26,9

1901

35.902

19,0

1887

32.094

23,1

1902

32.570

17,2

1888

31.050

21,6

1903

33.629

17,5

1889

36.249

24,2

1904

35.256

18,0

1890

34.867

22,5

1905

36.293

18,1

1891

34.951

22,0

1906

34.587

16,8

1892

34.214

21,2

1907

34.277

16,6

1893

37.542

23,1

1908

34.259

16,0

1894

32.571

19,8

1909

33.617

16,4

1895

35.279

21,2

1910

31.918

15,5

1896

32.319

19,0

1911

33.956

16,4

1897

32.395

18,7

1912

31.722

15,2

1898

32.363

18,2

1913

29.727

14,3

1899

35.778

19,7

1914

31.223

15,4


Quelle: StatJbB (1915-1919), S. 103.

Tab. 76: Stadtteile mit einer maximalen und minimalen Veränderung der Sterberate zwischen 1885 und 1912 (in ‰).

Stadtteile mit einer ... Veränderung der Sterberate

maximalen

1885

1912

Diff.

Wedding*

37,5

14,6

-22,9

Gesundbrunnen*

37,5

15,5

-22,0

Stralauer Viertel, südöstlich*

30,8

12,9

-17,9

Königsviertel nordöstlich*

29,8

12,5

-17,3

Stralauer Viertel, nordöstlich*

30,8

13,9

-16,9

Rosenthaler Vorstadt, nordwestlich*

29,4

12,9

-16,5

minimalen

Berlin, Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt

18,8

13,0

-5,8

Friedrich-Wilhelm-Stadt u. Moabit, östlich*

25,0

19,4

-5,6

Luisenstadt, diesseits des Kanals, Neu-Kölln

21,1

15,8

-5,3

Friedrichstadt

15,4

10,3

-5,1

Untere Friedrichs- u. Schöneberger Vorstadt*

17,5

15,7

-1,8

Spandauer Viertel

25,2

26,8

+1,6

Gesamt Berlin

25,8

15,2

-10,6


Anm.: Nach 1912 ist nur die absolute der Zahl der Sterbefälle je Standesamtsbezirk aufgelistet. Auf eine eigene Berechnung der Sterberate wurde verzichtet, da nicht eindeutig zu klären ist, ob in den Jahren zuvor die mittlere Bevölkerung oder der Bevölkerungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt des Jahres als Bezugsgröße zugrunde gelegt wurde.
Die Werte für die mit * gekennzeichneten Stadtteile liefern nur eine ungefähre Orientierung, da die räumliche Abgrenzung des Jahres 1912 nicht mit der des Jahres 1885 übereinstimmt. So berechnet sich u.a. die Differenz des Stadtteils Wedding aus einer Gegenüberstellung mit dem 1885 noch ungeteilten Wedding/Gesundbrunnen.

Quelle: Eigene Berechnung nach StatJbB (1885) und (1912-1914), S. 130.

↓363

Das Untersuchungsgebiet durchlebte die größten Veränderungen aller Berliner Stadtteile. Verzeichnete der ungeteilte Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen 1885 mit 37,5‰ noch die höchste Sterberate des gesamten Stadtgebietes, waren die Werte bis zum Kriegsausbruch um ca. 22‰ gesunken. Lag die Quote zu Beginn des Untersuchungszeitraumes noch um 11,7‰ über dem Berliner Durchschnitt, erreichte der Wedding (XIII b) 1912 bereits ein Niveau knapp darunter und der Gesundbrunnen (XIII a) hatte sich um 0,3‰ an den städtischen Mittelwert angenähert.

Das raum-zeitliche Verteilungsmuster der Sterbefälle im Untersuchungsgebiet illustriert Abb. 70. Entsprechend dem Fortgang der Bebauung variierten die Anteile der sechs Fünfjahresklassen in den einzelnen Straßenblöcken (Kreisdiagramme). Grundsätzlich gilt: je früher ein Baublock erschlossen wurde, desto stärker gingen - auf den gesamten Untersuchungszeitraum bezogen - die Anteile nach der Jahrhundertwende zurück. Vor allem die Jahre 1910 bis 1914 treten in den Altbaugebieten durch ihre geringen Werte in Erscheinung (dunkelrot).

Eine Gegenüberstellung der Zeiträume 1885-1889 und 1910-1914 vermittelt das Bild einer hohen räumlichen Persistenz der Merkmalsausprägungen (Flächendarstellungen). Sowohl am Beginn als auch am Ende des Untersuchungszeitraumes lagen - unter Berücksichtigung des allgemeinen Sterblichkeitsrückgangs - die Straßenblöcke mit der maximalen Anzahl Verstorbener beiderseits der Reinickendorfer Straße nördlich der Ringbahn (1) sowie entlang der Gerichtstraße und Neuen Hochstraße (2). Auch beiderseits der Fennstraße (3) und zwischen Schul- und Gerichtstraße (4) blieben die Werte auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Im Gegensatz zu den Hochzeiten verschoben sich die Anteile nicht in Richtung der Neubauviertel. Abgesehen von dem Baublock an der westlichen Seite des Sparrplatzes (5) erreichte keines der neu erschlossenen Areale an der Seestraße (6), Utrechter Straße (7) oder südlich der Triftstraße (8) zwischen 1910 und 1914 einen Wert von über 20‰.

↓364

Abb. 70: Räumliche Verteilung der Todesfälle 1885-1914 nach Straßenblöcken.

Um einen Eindruck von der zur Diskussion stehenden Größenordnung zu gewinnen, ist ein kurzer Blick auf die absolute Zahl der Verstorbenen hilfreich (vgl. Tab. 77). Auf immerhin zehn Grundstücken des Untersuchungsgebietes überstieg die Anzahl der Todesfälle zwischen 1885 und 1914 die Marke von 150 Personen. Allein in der Kösliner Straße 3 starben 264 Bewohner.

Tab. 77: Die zehn Grundstücke des Untersuchungsgebietes mit mehr als 150 Todesfällen zwischen 1885-1914.

Grundstück

Anzahl der Toten

1

Kösliner Straße 3

264

2

Kösliner Straße 2

190

3

Grenzstraße 15

186

4

Müllerstraße 56-57a*

176

5

Gerichtstraße 21/22

167

6

Neue Hochstraße 42

164

7

Hennigsdorfer Straße 26

163

8

Neue Hochstraße 28

163

9

Liebenwalder Straße 5

161

10

Müllerstraße 25

151


* Hinter der Grundstücksbezeichnung „Müllerstraße 56-57a“ verbirgt sich das Paul-Gerhardt-Stift.

Quelle: Ev. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

↓365

Dies bedeutet:

  1. Neben der Geburtenrate verzeichnete auch die Sterberate eine rückläufige Tendenz. Dabei blieb sowohl in Gesamt-Berlin als auch im Untersuchungsgebiet die Sterberate unter dem Niveau der Geburtenrate. Alle betrachteten Jahrgänge wiesen demzufolge ein natürliches Bevölkerungswachstum auf. Auffällig ist die abweichende Entwicklung zwischen den Berliner Durchschnittswerten und der Situation innerhalb des Weddings. Während sich in Gesamt-Berlin die Differenz zwischen Geburten- und Sterberate verringerte - von 10,6‰ (1885) auf 3,9‰ (1914) - blieb der Abstand im Untersuchungsgebiet - sofern das vorliegende Datenmaterial Aussagen zuläßt - mit 11,9‰ (1900) und 11,8‰ (1912) annähernd konstant.
  2. Die Altbaugebiete stellten über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg die höchsten Anteile an der Gesamtzahl der Sterbefälle. Die Neubaugebiete blieben demgegenüber unterrepräsentiert. Das städtebauliche Südost-Nordwest-Gefälle spiegelte sich demzufolge in dem räumlichen Verteilungsmuster der Sterberate wider.
  3. Erneut führten die Standorte der Krankenhäuser zu Verzerrungen in der amtlichen Statistik. Wie bei der Geburt eines Kindes mußte auch ein Todesfall in dem Standesamtsbezirk angezeigt werden, in dem er erfolgt war.331 Demzufolge verzeichneten vor allem das Spandauer Viertel und das östliche Moabit mit dem Universitätsklinikum, dem katholischen St. Hedwigs-Krankenhaus und der Charité eine gegen den allgemeinen Trend laufende Entwicklung. Auch das Untersuchungsgebiet blieb mit seinen drei Krankenhäusern hiervon nicht unbeeinflußt, vor allem nach der Eröffnung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses im Jahr 1906.

Eine Vorstellung von der Dimension des Problems vermitteln die Sterberegister der evangelischen Nazarethgemeinde, in denen von 1885 bis zum Mai 1911 das Sterbekrankenhaus vermerkt wurde. Von den 26.270 Toten dieses Zeitraumes verstarben 3.276 in den verschiedenen Krankenanstalten. Dies entspricht einem Anteil von knapp 12,5%. Allein durch das Städtische Krankenhaus Moabit fielen zwischen 1885 und 1911 1.045 Personen des Weddings in die Statistik von Moabit.

↓366

Tab. 78: Verstorbene der Nazarethgemeinde nach Krankenhäusern Jan. 1885 - Mai 1911 (abs.).

Standes-amt

Zahl der Toten 1885-1911

Städtisches Krankenhaus Moabit

12b

1045

Rudolf-Virchow-Krankenhaus

13b

435

Kaiser- und Kaiserin-Friedrich Kinderkrankenhaus

13a

431

Augusta Hospital

11

311

Paul-Gerhardt-Stift

13b

283

Charité

12a

155

Städtische Irrenanstalt Dalldorf

103

St. Hedwigs-Krankenhaus

9

98

Lazarus-Krankenhaus

11

84

Städtisches Krankenhaus Friedrichshain

8

65

Klinikum Ziegelstraße

9

63


Quelle: Eigene Berechnung nach den Sterberegistern der ev. Nazarethgemeinde.

III.3.4.2 Das Sterbealter

Von zentraler Bedeutung für die Erklärung der rückläufigen Sterberate ist das Alter der Verstorbenen. Es gilt, mögliche Verschiebungen zwischen den Altersgruppen zu identifizieren und diejenigen mit der größten Mortalitätsrelevanz abzugrenzen.

↓367

„So kann eine relativ hohe Sterberate allein dadurch zustandekommen, daß es in der Gesamtbevölkerung einen hohen Anteil alter Menschen gibt oder daß in dem jeweiligen Untersuchungsgebiet eine besonders hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit herrscht, während gleichzeitig die Sterblichkeit der übrigen Bevölkerung in einem durchschnittlichen Rahmen liegt."332

Tab. 79: Wedding und Gesamt-Berlin. Verteilung der Todesfälle pro Jahr nach Altersgruppen 1885-1914 (in %).

Wedding

0-1

1-2

2-5

5-10

10-20

20-30

30-40

40-50

50-60

60-70

70-80

> 80

1885

52,0

11,1

7,9

3,1

2,0

3,1

6,2

4,1

3,0

4,7

1,7

1,2

1890

50,0

9,4

8,3

4,2

2,0

4,1

4,6

4,8

3,6

4,7

3,2

1,2

1895

43,6

9,2

7,5

4,5

2,1

3,0

5,1

6,1

5,2

6,0

5,8

1,8

1900

44,0

7,7

5,4

2,6

2,3

4,5

5,7

7,3

6,6

6,3

5,8

1,9

1905

41,6

6,5

5,2

2,4

3,1

5,3

5,4

6,8

7,3

8,4

6,2

1,9

1910

27,3

4,8

5,1

3,4

3,6

6,7

8,0

7,2

10,6

10,6

9,1

3,6

1914

20,0

4,2

5,2

3,0

4,6

6,6

8,2

9,1

10,0

12,4

11,5

5,0

Ges.

-32,0

-6,8

-2,8

-0,1

2,6

3,5

2,1

5,1

7,0

7,8

9,9

3,8

Gesamt-Berlin

0-1

1-2

2-5

5-10

10-20

20-30

30-40

40-50

50-60

60-70

70-80

> 80

1885

36,8

9,0

7,7

3,8

2,5

6,0

8,6

7,1

5,9

6,4

4,4

1,9

1890

37,8

8,3

6,7

2,8

2,6

6,1

7,3

7,3

6,5

6,7

5,6

2,3

1895

34,9

7,1

5,7

3,2

3,0

5,6

7,4

8,0

7,8

7,6

7,1

2,6

1900

33,2

5,9

4,6

2,4

2,7

6,4

7,2

8,2

9,3

8,6

8,0

3,5

1905

29,5

5,1

3,8

2,0

3,1

6,8

7,5

8,9

10,2

10,4

8,6

4,1

1910

23,0

3,7

3,7

2,5

3,4

7,2

8,1

9,2

11,4

12,7

10,5

4,6

1914

19,7

3,2

3,0

2,3

3,3

6,7

8,1

9,4

12,0

14,5

12,5

5,3

Ges.

-17,1

-5,8

-4,6

-1,4

0,8

0,6

-0,5

2,3

6,1

8,1

8,1

3,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings sowie StatJbB, versch. Jg.

Nach Tab. 79 stellten sowohl im Untersuchungsgebiet als auch in Gesamt-Berlin die Säuglinge, d.h. die Kinder unter einem Jahr, die höchsten Anteile an der Gesamtzahl der Verstorbenen.333 Zugleich war dies die Altersklasse, die zwischen 1885 und 1914 den stärksten Veränderungen unterlag. Während sich im gesamten Stadtgebiet die Bedeutung der Säuglingssterblichkeit um 17,1% reduzierte, betrug der Rückgang im Untersuchungsgebiet fast das Doppelte. Die Anteile sanken von 52% auf 20%. Bei Kriegsbeginn hatten sich die Unterschiede zu den Durchschnittswerten des Stadtgebietes fast vollständig nivelliert. Auch in den Altersgruppen der 1-2, 2-5 und 5-10jährigen wies die Tendenz - wenn auch in einem deutlich geringeren Ausmaß - nach unten.

↓368

Während die Anteile der Kinder und Säuglinge an den Sterbefällen sanken, nahm im Gegenzug v.a. die Relevanz der Altersgruppen über 40 Jahre zu. Ihre Anteile stiegen sowohl innerhalb des Weddings als auch im gesamten Stadtgebiet. Eine klare Bedeutungsverschiebung zugunsten der höheren Altersklassen ist erkennbar.

Ein Blick auf die absoluten Zahlen stützt zunächst diesen Befund. Tab. 80 setzt - nach Altersklassen geordnet - die Anzahl der Verstorbenen des Jahres 1885 gleich 100% und stellt die absoluten Werte von 1914 dagegen. In den Altersklassen 0-1 und 1-2 waren im Untersuchungsgebiet die Werte innerhalb von 30 Jahren auf unter 50% gesunken. Auch die 2-5jährigen blieben deutlich unter dem Niveau von 1885. Im Stadtgebiet umfaßte der Rückgang auch die 5-10 und 30-40jährigen. Ab der Altersklasse 40-50 legten die absoluten Zahlen insgesamt zu, wobei sich die Werte des Untersuchungsgebietes deutlich über dem Berliner Durchschnitt bewegten. Mit der relativen Bedeutungsverschiebung zugunsten der höheren Altersklassen korrespondierte eine absolute.

Tab. 80: Wedding und Gesamt-Berlin. Absolute Zahl der Verstorbenen pro Altersgruppe 1914 bezogen auf die Werte des Jahres 1885 (in %).

0-1

1-2

2-5

5-10

10-20

20-30

30-40

40-50

50-60

60-70

70-80

> 80

Wedding

45,1

44,9

76,1

113,2

270,6

247,2

156,7

262,3

394,0

311,4

814,3

495,0

Berlin

50,5

33,7

37,1

58,9

124,4

104,3

89,1

124,3

190,4

214,7

268,0

257,9


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings sowie StatJbB (1885), S. 53 und (1912-1914), S. 1005.

↓369

Bezieht man die Zahl der Verstorbenen auf die Gesamteinwohnerzahl pro Altersklasse und berechnet daraus eine altersspezifische Sterberate, müssen die Zuwächse der höheren Altersklassen allerdings relativiert werden (vgl. Tab. 81). Dies gilt zumindest im Hinblick auf das gesamte Berliner Stadtgebiet.334

Zwar stieg die absolute Zahl der Verstorbenen über 40 Jahre nach 1885 deutlich an, dafür nahm die Zahl der lebenden Personen noch schneller zu, so daß die altersspezifische Sterberate auch in den höheren Altersklassen rückläufig war. Nicht die Sterblichkeit in den höheren Altersklassen hatte zugenommen, sondern die der Altersklasse 0-5 ungewöhnlich stark abgenommen.

Im Vergleich zwischen den Geschlechtern verzeichneten die Männer fast durchweg höhere Sterberaten. Lediglich bei den 5-10 und 20-35jährigen überstiegen in einzelnen Jahrgängen die Anteile der Frauen geringfügig die der Männer. In den Altersgruppen ab 20 ist ein Zusammenhang mit dem erhöhten gesundheitlichen Risiko der Frauen infolge von Geburten zu vermuten. Das Ergebnis liefert neben der hohen Relevanz häuslicher Dienste einen weiteren Erklärungsansatz für den Frauenüberhang in der Gesamtbevölkerung.

↓370

Tab. 81: Alters- und geschlechtsspezifische Sterblichkeit. Gesamt- Berlin 1885-1910. Zahl der Verstorbenen je Altersgruppe und Geschlecht bezogen auf die mittlere Bevölkerung (in ‰).

1885

1890

1895

1900

1905

1910

Diff. 1885-1910

m

w

m

w

m

w

m

w

m

w

m

w

m

w

0 bis 5

123,8

108,1

115,3

99,4

105,0

87,2

95,2

79,5

81,0

67,3

57,3

47,4

-66,5

-60,7

5 bis 10

8,9

9,7

6,6

7,4

7,0

7,4

5,3

5,3

4,1

4,1

4,6

4,6

-4,3

-5,1

10 bis 15

3,1

3,5

2,3

3,1

2,9

2,6

2,6

2,3

2,3

2,5

2,2

2,6

-0,9

-0,9

15 bis 20

4,9

3,3

4,4

3,0

4,7

3,4

3,5

3,4

4,2

3,3

3,7

3,2

-1,2

-0,1

20 bis 25

6,0

5,0

5,5

4,5

4,7

4,2

5,0

4,8

4,5

4,7

4,5

4,5

-1,6

-0,5

25 bis 30

8,5

7,0

7,1

5,8

6,0

5,7

6,1

5,7

5,7

5,9

4,9

5,5

-3,6

-1,5

30 bis 35

12,6

9,5

9,4

6,8

8,8

6,8

7,8

6,3

7,1

6,5

6,1

6,8

-6,5

-2,7

35 bis 40

15,2

10,1

12,6

8,7

11,7

7,7

10,8

7,6

10,0

6,7

8,2

6,8

-7,0

-3,3

40 bis 45

17,9

11,2

15,5

9,7

16,1

9,3

15,0

8,3

13,7

8,1

11,2

6,9

-6,7

-4,3

45 bis 50

21,9

11,7

19,8

10,8

18,5

10,9

20,7

10,4

19,4

10,4

15,8

9,9

-6,1

-1,8

50 bis 55

25,7

15,5

24,9

13,8

23,5

14,5

28,5

13,3

24,7

14,0

21,6

13,0

-4,1

-2,5

55 bis 60

35,1

21,1

32,1

20,2

32,4

18,8

34,5

20,0

36,4

17,9

32,6

18,3

-2,5

-2,8

60 bis 65

47,8

29,7

45,0

27,8

47,3

28,6

46,9

27,9

47,4

27,2

41,6

25,8

-6,2

-4,0

65 bis 70

64,8

43,3

61,6

39,2

58,6

41,9

60,3

43,2

65,8

42,5

61,5

42,0

-3,3

-1,3

70 bis 75

96,9

65,1

90,0

65,4

88,5

66,9

90,9

71,0

91,7

67,9

88,5

62,4

-8,4

-2,7

Gesamt

-

-

24,9

20,2

22,3

18,0

21,0

17,1

18,8

15,5

15,7

13,7


Quelle: StatJbB, versch. Jg.

Die Situation innerhalb des Untersuchungsgebietes erfaßt Abb. 71. Bezogen auf den gesamten Zeitraum von 1885 bis 1914 (Kreisdiagramme) ist die Divergenz der altersbezogenen Mortalität je Straßenblock als gering einzustufen. Unabhängig vom Zeitpunkt der baulichen Erschließung stellten in allen Gebietseinheiten die Kinder- und Säuglingssterblichkeit die höchsten Anteile. Eine signifikante Abweichung zwischen Alt- und Neubauvierteln ist anhand der straßenblockinternen Strukturen nicht nachzuweisen.

Ein abweichendes Bild vermittelt eine Fokussierung auf die Jahre 1910 bis 1914 (Flächendarstellung). Bezieht man die Anteile der 0-4 und über 45jährigen nicht auf die Anzahl der Verstorbenen je Häuserblock, sondern auf die Gesamtzahl der Todesfälle im Untersuchungsgebiet zwischen 1910 und 1914, wird ein überaus heterogenes Verteilungsmuster sichtbar. In den letzten fünf Jahren vor dem Kriegsausbruch verzeichneten fast exakt die Straßenblöcke, die in Abb. 69 als Gebietseinheiten mit einem vermuteten maximalen Geburtenaufkommen identifiziert wurden, die höchste Anzahl verstorbener Kinder. Anhand der dunklen Farbgebung lassen sich die Areale an der Seestraße (1), zwischen Föhrer Straße und Nordufer (2), am Sparrplatz (3), beiderseits der Liebenwalder Straße/Reinickendorfer Straße (4) sowie der Kolberger Straße/Neuen Hochstraße (5) als Schwerpunkte der Kindersterblichkeit lokalisieren.

↓371

Stellt man für die Jahre 1910-1914 den Verstorbenen 0-4jährigen die räumliche Verteilung der über 45jährigen gegenüber, werden signifikante Abweichungen sichtbar. Im gesamten Gebiet südlich der Ringbahn lagen - abgesehen von dem Straßenblock zwischen Kolberger Straße und Hochstraße (a) - die Werte der über 45jährigen bezogen auf die Flächendarstellungen auf einem höheren Niveau als bei den 0-4jährigen. Umgekehrt übertrafen in den Neubaugebieten die 0-4jährigen fast durchweg die Anteile der über 45jährigen. Das Verteilungsmuster untermauert die Hypothese einer zumindest partiellen demographischen Konsolidierung der Altbaugebiete.

Gegen einen unmittelbaren Wirkungszusammenhang von Gebäudealter und demographischen Merkmalsausprägungen spricht allerdings erneut das gesamte Gebiet zwischen Pankstraße, Kösliner Straße, Reinickendorfer Straße und Liebenwalder Straße (4). Trotz der bereits sehr frühen Bebauung verharrten in diesem Bereich sowohl das Geburten- als auch das Sterbeaufkommen auf einem sehr hohen bis maximalen Niveau.

Abb. 71: Räumliche Verteilung der Todesfälle nach Altersgruppen.

III.3.4.3 Todesursachen

↓372

Die Analyse der Todesursachen basiert auf der eingangs erläuterten Klassifikation der Medizinalabteilung des Ministeriums der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten von 1904:335

I.

Infektionskrankheiten, Zoonosen und Schmarotzerkrankheiten.

II.

Vergiftungen.

III.

Aeussere Einwirkungen.

IV.

Störungen der Entwickelung und Ernährung.

V.

Krankheiten der Organe

A.

der Haut und des Zellgewebes,

B.

der Muskeln und Sehnen,

C.

der Knochen, Knorpel und Gelenke,

D.

des Blutes und der blutbildenden Drüsen,

E.

des Gefässsystems,

F.

des Nervensystems

G.

des Ohres,

H.

des Auges,

J.

der Respirationsorgane,

K.

des Verdauungsapparats,

L.

der Harnorgane,

M.

der Geschlechtsorgane.

VI.

Andere sowie nicht angegebene und unbekannte Krankheiten.

[VII.

Totgeburten]

Von den sechs Hauptgruppen stellte die Kategorie V „Krankheiten der Organe“ sowohl in Gesamt-Berlin als auch im Untersuchungsgebiet die mit Abstand höchsten Anteile (vgl. Tab. 82).336 Innerhalb des Weddings lagen die Werte dabei um ca. 5% über dem Niveau des Stadtgebietes. An zweiter Stelle folgten die Infektionskrankheiten, dahinter die Rubrik IV „Störung der Entwickelung und Ernährung“. Während der Wedding bei den Infektionskrankheiten in etwa den Gesamt-Berliner Durchschnittswert erreichte, blieb er in der Kategorie IV um 3-5 Prozentpunkte zurück. Die Bedeutung der übrigen Krankheitsklassen muß als marginal bezeichnet werden und kann bei den weiteren Überlegungen ausgeklammert werden.

↓373

Tab. 82: Verteilung der Verstorbenen nach den Haupttodesursachen (ohne Totgeburten) (in %).

Wedding

I

II

III

IV

V

VI

Gesamt

1885

26,1

0,2

1,1

12,6

57,6

2,3

1.629

1890

23,4

0,1

2,1

12,7

60,5

1,3

1.828

1895

21,3

0,1

2,0

12,6

62,5

1,5

1.837

1900

18,2

0,0

2,0

13,7

64,8

1,2

2.010

1905

17,5

0,5

2,6

15,2

62,4

1,8

2.271

1910

21,2

0,9

2,4

18,4

53,5

3,6

2.034

1914

20,3

0,8

3,9

16,5

55,9

2,7

1.973

Diff. 1914-1885

-5,8

0,6

2,8

3,9

-1,7

0,4

Gesamt-Berlin

I

II

III

IV

V

VI

Gesamt

1885

28,3

0,5

1,9

15,9

52,1

1,4

29.663

1890

25,6

0,3

2,4

16,9

53,6

1,2

30.152

1895

24,7

0,3

2,4

17,9

53,3

1,3

34.446

1900

24,8

0,4

2,6

20,0

51,1

1,1

35.411

1905

23,6

1,0

3,0

17,7

54,0

0,7

33.627

1910

23,6

0,9

3,5

20,4

50,8

0,8

33.393

1914

21,9

1,1

3,6

21,8

50,5

1,1

31.481

Diff. 1914-1885

-6,4

0,6

1,7

5,9

-1,6

-0,3


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings sowie StatJbB, versch. Jg.

Eine weitere Differenzierung ist notwendig. Unterteilt man die Kategorie V („Krankheiten der Organe“) in ihre zwölf Untergruppen, treten vier Rubriken besonders in Erscheinung - die Kategorien E (Gefässsystem), F (Nervensystem), J (Respirationsorgane) und K (Verdauungsapparat) (vgl. Tab. 83). Während die Anteile von F und J bei leichten Verlusten sehr konstant blieben, vollzogen die Kategorien E und K eine gegenläufige Entwicklung. Die Bedeutung der Gefäßkrankheiten nahm im Untersuchungsgebiet um fast 16% zu. Parallel gingen die vor allem für Kinder und Säuglinge typischen Erkrankungen des Verdauungsapparates um über 15% zurück. Die gleiche Tendenz offenbaren die Daten auch für das gesamte Stadtgebiet, wenn auch in abgeschwächter Form.337

Tab. 83: Anteil der Gefäßkrankheiten (E), der Erkrankungen des Nervensystems (F), der Respirationsorgane (J) sowie des Verdauungsapparates (K). 1885-1914 bezogen auf die Gesamtzahl der Verstorbenen (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

E

F

J

K

E

F

J

K

1885

2,9

11,1

16,1

25,4

4,6

13,3

13,8

17,3

1890

4,1

10,2

18,1

25,6

5,7

12,0

15,3

17,1

1895

5,2

11,9

15,9

25,8

7,2

10,6

13,2

18,1

1900

8,0

10,7

17,5

24,3

7,9

7,8

12,4

18,0

1905

13,7

9,6

13,7

22,2

9,8

7,9

13,7

17,3

1910

11,8

10,7

12,9

12,6

13,2

7,7

11,5

11,9

1914

18,7

8,8

13,5

10,2

15,0

7,8

10,9

10,6

Diff. 1914-1885

+15,8

-2,3

-2,6

-15,2

+10,4

-5,5

-2,9

-6,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings sowie StatJbB, versch. Jg.

↓374

Auch die Infektionskrankheiten (I) und die Störungen der Entwicklung und Ernährung (IV) lassen sich auf wenige Haupttodesursachen reduzieren:

Tab. 84: Anteil einzelner Todesursachen in den Kategorien Infektionskrankheiten (I) bzw. Störungen der Entwicklung und Ernährung (IV) (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

I

IV

I

IV

7

25

38

43

45

56

7

25

38

43

45

56

1885

25,2

48,0

35,4

31,1

11,2

10,7

22,6

53,3

33,6

19,9

16,9

18,2

1890

32,2

42,5

37,5

20,3

15,5

15,1

18,5

55,7

34,7

17,4

17,9

21,6

1895

14,3

45,4

30,3

15,2

18,2

23,4

12,0

53,8

34,7

12,5

18,2

27,0

1900

9,0

63,9

37,0

6,5

14,9

27,2

6,4

56,8

36,6

5,1

18,9

29,9

1905

7,1

62,0

35,7

7,8

15,9

30,1

3,8

63,4

28,8

4,4

13,6

42,0

1910

13,2

63,4

27,0

4,3

21,9

35,3

9,8

60,6

26,9

2,9

14,4

44,8

1914

13,1

57,5

18,8

2,8

22,5

42,2

8,7

60,8

23,9

2,5

17,4

45,1

Diff.

1914-1885

-12,1

+9,5

-16,7

-28,3

+11,3

+31,5

-13,9

+7,5

-9,7

-17,4

+0,5

+26,9

Absolute Zahl der Verstorbenen

1885

107

204

73

64

23

22

2007

4742

1688

997

847

915

1914

41

253

61

9

73

137

563

3946

1548

159

1129

2917

Diff. abs.

-66

49

-12

-55

50

115

-1444

-796

-140

-838

282

2002

in %

38,3

124,0

83,6

14,1

317,4

622,7

28,1

83,2

91,7

15,9

133,3

318,8

Gesamtbev.

1914 zu 1885

+361,0%

+157,2%


Anm.: 7 = Diphtherie, 25 = Tuberkulose, 38 = Angeborene Lebensschwäche, 43 = Abzehrung der Kinder, 45 = Altersschwäche, 56 = Neubildungen (Krebs, Geschwulste, Tumore, u.a.)

Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings sowie StatJbB, versch. Jg.

In der Kategorie I stellte die Tuberkulose (Nr. 25) vor der Diphtherie (Nr. 7) die höchsten Anteile. Obwohl im Untersuchungsgebiet die absolute Zahl der an Tuberkulose Verstorbenen zugenommen hatte, blieb der Anstieg weit hinter der Entwicklung der Gesamtbevölkerung (+361%) zurück. Sowohl die Diphtherie- als auch die Tuberkulosesterblichkeit sanken bis zum Kriegsausbruch deutlich ab.

↓375

Noch markanter sind die Verschiebungen innerhalb der Kategorie IV. Die Werte der Rubriken 38 (angeborene Lebensschwäche) und 43 (Abzehrung der Kinder) waren absolut und relativ rückläufig.338 Vor allem die Abnahme der Todesursache „Abzehrung der Kinder“ ist bemerkenswert. Die absolute Zahl der Verstorbenen betrug in dieser Rubrik im Untersuchungsgebiet 1914 nur noch 14,1% des Niveaus von 1885 bzw. im gesamten Stadtgebiet 15,9%. Im Gegensatz dazu gewann die Altersschwäche und insbesondere der gesamte Bereich der „Neubildungen“ an Bedeutung. Krebsgeschwulste, Tumore u.a. wurden immer häufiger als Todesursache diagnostiziert. In dieser Rubrik stieg die Zahl der Todesfälle im Untersuchungsgebiet auf 622,7% bzw. im Stadtgebiet auf 318,8% des Ausgangswertes von 1885.

Dieses Ergebnis entspricht dem Forschungskonzept des sog. epidemiologischen Übergangs, das den Wandel der Krankheitsbilder und Todesursachen im 19. und 20. Jahrhundert zu beschreiben versucht.

↓376

„Infektionskrankheiten wurden zurückgedrängt, während sogenannte ‚degenerative‘ und in der modernen Lebensweise begründete Formen der Morbidität und Mortalität in der Rangliste der Todesursachen aufrücken.“339

Hierzu zählen v.a. Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen.

↓377

„Man kann diesen Wandel auch als eine Verschiebung von exogenen Todesursachen (zunächst Hunger, Seuchen, Kriege, dann Infektionskrankheiten) hin zu endogenen oder körpereigenen Todesursachen verstehen, die mit lebenslangen Belastungen und Deformationen zu tun haben. Die epidemiologische Transition hängt eng mit dem Wandel des Sterbealters zusammen.“340

Während die hygienisch-medizinischen Fortschritte in Verbindung mit einer reduzierten Anzahl von Kindern je Familie zu einer entscheidenden Eindämmung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit führten, rückte der Bevölkerungsanstieg in den höheren Altersklassen altersbedingte Krankheitsbilder in den Vordergrund.

Abb. 72 illustriert die räumliche Verteilung der Todesursachen im Untersuchungsgebiet. Die in den Kreisdiagrammen dargestellten Anteile je Häuserblock vermitteln ein überaus einheitliches Bild. In allen relevanten Gebietseinheiten entfielen auf die Infektionskrankheiten sowie die Atemwegs- und Verdauungserkrankungen über 50% der Todesfälle. Auffällige Abweichungen sind nicht zu erkennen.

↓378

Einen weiteren Blick ins Detail ermöglichen die Flächendarstellungen. Aus dem vielfältigen Ursachenspektrum sind die Infektionskrankheiten und die Kategorie „Altersschwäche/Neubildungen“ herausgegriffen. Beide Rubriken bilden zentrale Kenngrößen des empidemiologischen Übergangs. Um einen sinnvollen Vergleich zwischen den Alt- und Neubauvierteln anstellen zu können, erfolgt eine Beschränkung auf den Zeitraum 1910-1914.

Als räumliche Schwerpunkte für das Auftreten tödlich verlaufender Infektionskrankheiten lassen sich die Bereiche Reinickendorfer Straße/Liebenwalder Straße (1), Kolberger Straße/Neue Hochstraße (2), der Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße (3) sowie das Areal um den Sparrplatz/Courbièreplatz (4) abgrenzen. Auffällig sind darüber hinaus die erhöhten Werte in den drei Neubauvierteln mit Anteilen von über 15‰ (5)(6)(7).341

Das Verteilungsmuster der Todesfälle durch Altersschwäche und Neubildungen konzentriert sich dagegen stärker auf die Altbaugebiete. Analog zu den Infektionskrankheiten treten die Straßenblöcke entlang der Liebenwalder Straße/Reinickendorfer Straße (1), der Gerichtstraße/Neuen Hochstraße (2) sowie des Sparrplatzes (4) als Schwerpunkte in Erscheinung. Hinzu kommen mit Maximalwerten von über 20‰ das Areal zwischen Fenn- und Sellerstraße (3) und zwei Straßenblöcke beiderseits des Leopoldplatzes (8). Das Grundstück des Paul-Gerhardt-Stiftes in der nördlichen Müllerstraße (9) nimmt dagegen als Krankenhaus eine Sonderstellung ein.

↓379

In den Neubauvierteln an der Seestraße (6) und südlich der Triftstraße (5) überstiegen ansonsten in keinem Straßenblock die Anteile das Niveau von 15‰. Das Ergebnis untermauert nochmals die Hypothese einer partiellen demographischen Konsolidierung in den Altbauvierteln und deutet erneut auf eine Sonderstellung des Gebietes Liebenwalder Straße/Reinickendorfer Straße (1) hin.

Abb. 72: Räumliche Verteilung der Verstorbenen nach Todesursachen.

III.3.4.4 Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod

Die Formulierung „Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod“ ist einer Arbeit von Spree über die Veränderung der Gesundheits- und Sterblichkeitsverhältnisse im Kaiserreich entlehnt.342 Spree konstatierte in seiner Schlußbetrachtung eine Dependenz von Mortalität und sozialem Status:

↓380

„Ich konnte zeigen (vor allem anhand der sozialen Differenzen von Säuglingssterblichkeit und TB-Sterblichkeit), daß noch gegen Ende des Kaiserreichs Arbeiter insgesamt als eine Gruppe zu gelten haben, die hinsichtlich der gesundheitsabhängigen und wiederum gesundheitsbestimmenden Marktkapazitäten depriviert erscheinen, während besonders Beamte und Angestellte (ungeachtet aller internen Differenzierungen dieser Gruppen) überproportional große Verbesserungen realisierten.“343

Die für Gesamt-Berlin vorliegenden Zahlen der amtlichen Statistik erlauben einen Blick auf die Verteilung der Todesfälle nach Berufsgruppen:

↓381

Tab. 85: Gesamt-Berlin. Verstorbene nach Berufsgruppen insgesamt (ges.) und Männer über 15 Jahre (m>15) 1885-1889 und 1910-1914 (in %). (Rangfolge nach den Gesamtwerten 1910-1914).

1885-1889

1910-1914

Diff. ges.

ges.

m>15

ges.

m>15

 

Arbeiter ohne nähere Angabe

19,0

17,8

14,9

10,9

-4,1

Ohne Beruf/Berufsbezeichnung

9,2

2,7

14,9

4,9

+5,7

Handel insgesamt

8,6

12,7

10,6

15,6

+2,0

Sonstige Gewerbe

10,4

10,9

10,1

12,5

-0,3

Rentiers, Rentner

3,7

7,3

8,0

12,2

+4,3

Bekleidung

10,6

7,9

7,5

6,2

-3,1

Häusliche Dienste

6,9

4,4

7,3

4,4

+0,4

Metallverarbeitung, Maschinen, Instrumente

7,8

8,2

7,1

8,3

-0,7

Öffentlicher Dienst, Freie Berufe

5,6

7,6

6,6

8,3

+1,0

Baugewerbe

6,3

6,3

4,7

5,8

-1,6

Gastwirtschaft

2,4

2,9

2,7

3,7

+0,3

Nahrungs- und Genußmittel

3,0

3,3

2,4

2,9

-0,6

Landverkehr und Schiffahrt

3,7

4,2

1,5

1,9

-2,2

Land- und Forstwirtschaft, Gärtnerei und Fischerei

0,6

0,9

0,7

1,1

+0,1

Bergbau, Steine und Erden

0,8

0,9

0,5

0,7

-0,3

Textilindustrie

1,4

2,0

0,5

0,7

-0,9

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

0,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Klammert man bei der Betrachtung der Gesamtwerte (ges.) die Sammelkategorie „Sonstige Gewerbe“ bzw. die Sonderrubriken „Rentiers/Rentner“ und „Ohne Beruf/ Berufsbezeichnung“ aus, stellten die „Arbeiter ohne nähere Angabe“ sowohl 1885-1889 als auch 1910-1914 die mit Abstand höchsten Anteile unter den Verstorbenen. An zweiter und dritter Position folgten das Handels- und Bekleidungsgewerbe. Konstant hohe Werte von über fünf Prozent fanden sich darüber hinaus in der Metallindustrie, den Häuslichen Diensten und dem Öffentlichen Dienst.

Während die ungelernten Lohnarbeiter und das Bekleidungsgewerbe mit einem Minus von 4,1% bzw. 3,1% die höchsten prozentualen Rückgänge aufwiesen, fokussierten sich die Zuwächse fast ausschließlich auf die Verstorbenen ohne Beruf/ Berufsangabe und die Rentiers/Rentner.

↓382

Die Verschiebungen resultierten aus dem durchschnittlichen Altersanstieg der Bevölkerung in Verbindung mit dem bereits geschilderten Rückgang der Kinder- und Säuglingssterblichkeit. Eine geschlechtsspezifische Komponente wird sichtbar (m>15). Während der prozentuale Anstieg der Rentiers/Rentner überwiegend von den Männern getragen wurde, läßt sich der weibliche Bevölkerungsteil als entscheidender Faktor für den Zuwachs der Kategorie „Ohne Beruf/Berufsangabe“ ausmachen. Die sich zugunsten der Frauen verschiebende Sexualproportion in den höheren Altersklassen und die Bestimmungen des „Gesetzes, betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung“ vom 22. Juni 1889, das gemäß § 9 allen Versicherten nach Vollendung des siebzigsten Lebensjahres eine Altersrente zusicherte,344 gaben die Entwicklungsrichtung vor.

So aufschlußreich die Verschiebungen zwischen den einzelnen Berufsgruppen auch sind, bleiben die Interpretationsmöglichkeiten beschränkt. Sichere Aussagen zu branchenspezifischen Mortalitätsmustern erlauben die prozentualen Werte nicht. Eine Gegenüberstellung mit den Anteilen der einzelnen Wirtschaftszweige an der Gesamtbevölkerung wäre notwendig. Alternativ bietet sich die Geburtenstatistik an. Stellt man die Anzahl der Verstorbenen unter 15 Jahren den Neugeborenen gegenüber, lassen sich nach Wirtschaftszweigen differenzierte Aussagen zur Kindersterblichkeit treffen.

Sowohl 1885 als auch 1914 wiesen die Rubriken „Arbeiter ohne nähere Angabe“ und „Ohne Beruf/Berufsbezeichnung“ das ungünstigste Verhältnis zwischen verstorbenen Kindern und Neugeborenen auf. Das über den gesamten Zeitraum niedrigste Sterblichkeitsniveau realisierte hingegen der Öffentliche Dienst.

↓383

Tab. 86: Verhältnis der Verstorbenen unter 15 Jahren zu der absoluten Geburtenzahl nach Wirtschaftszweigen. Gesamt-Berlin 1885-1914 (in %). (Rangfolge nach den Werten von 1914).

1885

1890

1895

1900

1905

1910

1914

1885-1914

Ohne Beruf/Berufsbezeichnung

64,8

65,3

63,1

101,6

55,9

58,6

57,3

-7,5

Arbeiter ohne nähere Angabe

48,2

45,7

49,3

50,5

44,2

41,8

40,0

-8,3

Häusliche Dienste

33,2

32,8

33,8

60,7

44,4

37,1

36,3

+3,1

Textilindustrie

47,6

48,4

34,4

39,2

42,1

26,8

34,0

-13,6

Bekleidung

39,8

38,4

32,4

40,6

33,3

26,2

27,7

-12,1

Gastwirtschaft

39,8

44,3

35,4

34,0

33,4

31,9

26,4

-13,3

Baugewerbe

36,7

35,1

35,9

30,3

30,2

21,8

24,4

-12,3

Handel insgesamt

30,3

27,9

27,3

25,9

24,1

20,2

19,4

-10,9

Metallverarbeitung, Maschinen, Instrumente

37,1

36,5

32,8

30,0

25,9

19,5

18,4

-18,7

Nahrungs- und Genußmittel

40,2

34,4

28,9

26,9

25,8

17,8

17,7

-22,5

Landverkehr und Schiffahrt

43,6

32,8

34,2

30,2

27,6

17,2

17,5

-26,1

Öffentlicher Dienst, Freie Berufe

30,5

30,5

27,8

23,2

21,3

17,0

17,1

-13,5

Gesamt

39,0

37,2

35,8

39,0

33,0

27,3

27,6

-11,5


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Auch wenn temporäre Schwankungen der Mortalität zu einem uneinheitlichen Erscheinungsbild führten, ist ein langfristiger Rückgang der Werte unverkennbar. Nach dem gewählten Berechnungsverfahren sank die durchschnittliche Kindersterblichkeit im gesamten Berliner Stadtgebiet zwischen 1885 und 1914 um 11,5%. Neben den „Häuslichen Diensten“, die als einziger Wirtschaftszweig einen Zuwachs zu verzeichnen hatten, verlief der Rückgang mit -7,5% und -8,3% bei den Berufslosen und den ungelernten Lohnarbeitern am langsamsten. Eine besonders günstige Entwicklung dokumentiert die Auflistung für das Verkehrs- und Nahrungsmittelgewerbe bzw. die Metallindustrie mit einer Dekreszenz von 26,1%, 22,5% und 18,7%. Selbst der Öffentliche Dienst erfuhr von seinem ohnehin minimalen Niveau ausgehend eine Verringerung der Anteile um 13,5%.

Das Ergebnis bestätigt im Grundsatz die Erkenntnisse von Spree. Zugleich legt es eine Konkretisierung nahe. Nicht die Arbeiterschaft als Gesamtschicht, sondern vor allem das Dienstpersonal, die Berufslosen und ungelernten Lohnarbeiter erscheinen als Gruppe mit besonders ungünstigen Vorzeichen, wohingegen - zumindest unter dem Aspekt der Kindersterblichkeit - u.a. die facharbeiterstarke Metallindustrie weit überdurchschnittliche Verbesserungen realisieren konnte.

↓384

Für das Untersuchungsgebiet ermöglichen die Angaben der Kirchenbücher in Verbindung mit den Ergebnissen der Volkszählungen näherungsweise Aussagen zur branchenspezifischen Mortalität. Tab. 87 stellt die Verteilung der Verstorbenen nach Wirtschaftszweigen in den Zeiträumen 1885-1889 und 1910-1914 den Beschäftigtenanteilen der Gesamtbevölkerung in den Jahren 1885 und 1910 gegenüber:

Tab. 87: Anteil der je Wirtschaftszweig im Untersuchungsgebiet Verstorbenen (Verst.) (1885-1889 und 1910-1914) im Vergleich zu den Beschäftigtenanteilen der Gesamtbevölkerung im Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (Besch.) (1885 und 1910) (in %). (Rangfolge nach der „Diff. Besch./Verst.“).

Branche

1885-1889

1885

1910-1914

1910

Differenz

Diff. Besch./Verst.

Verst.

Besch.

Verst.

Besch.

Verst.

Besch.

 

Metallverarbeitung, Maschinen, Instrumente

14,8

11,5

11,9

21,7

-2,9

+10,2

+13,1

Baugewerbe

8,7

5,7

6,0

6,1

-2,7

+0,4

+3,1

Nahrungs- und Genußmittel

2,6

3,0

2,3

4,2

-0,3

+1,2

+1,5

Handel insgesamt

3,9

6,5

6,2

9,8

+2,3

+3,3

+1,0

Öffentlicher Dienst, Freie Berufe

3,5

3,2

4,0

4,5

+0,5

+1,3

+0,8

Ohne Beruf/Berufsbezeichnung

1,4

7,0

5,4

11,2

+3,9

+4,2

+0,3

Bergbau, Steine und Erden

1,6

0,8

0,9

0,4

-0,6

-0,4

+0,2

Land- und Forstwirtschaft, Gärtnerei und Fischerei

0,8

0,7

0,6

0,6

-0,2

-0,1

+0,1

Sonstige Gewerbe

10,8

10,4

9,3

9,0

-1,5

-1,4

+0,1

Textilindustrie

0,6

0,9

0,3

0,5

-0,3

-0,4

-0,1

Gastwirtschaft

1,5

1,4

2,3

2,0

+0,9

+0,6

-0,3

Bekleidung, Reinigung

5,1

11,0

5,8

10,2

+0,7

-0,8

-1,5

Häusliche Dienste

0,5

5,2

0,9

3,8

+0,4

-1,4

-1,8

Landverkehr und Schiffahrt

7,9

5,6

10,0

5,4

+2,1

-0,2

-2,3

Arbeiter ohne nähere Angabe

35,1

27,1

31,1

10,6

-4,0

-16,5

-12,5

Dienstleistungen allgemein

1,4

-1)

3,0

-

+1,6

-

-

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0


) Die Rubrik „Dienstleistungen allgemein“ wurde als Sammelkategorie für die eigene Erhebung neu geschaffen. Aus diesem Grund stehen keine amtlichen Vergleichsdaten zur Verfügung.

Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings, Böckh (Abt. II) (1891), S. 79 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 46-55.

Die mit großem Abstand günstigste Entwicklung vollzog sich demnach in der Metallindustrie. Während der Anteil der Verstorbenen 1885-1889 und 1910-1914 um fast drei Prozentpunkte zurückging, erhöhten sich die Beschäftigtenanteile in der Gesamtbevölkerung um über 10%. Die Werte entwickelten sich zugunsten einer Sterblichkeitsreduktion um 13,1 Prozentpunkte auseinander.

↓385

Das Gegenteil trifft auf die ungelernten Lohnarbeiter zu. Auch wenn die Rubrik „Arbeiter ohne nähere Angabe“ mit einem Minus von 4% die höchste Abnahme aller Wirtschaftszweige in der Mortalitätsstatistik aufzuweisen hatte, blieb der Rückgang um 12,5% hinter den Beschäftigtenanteilen zurück.

Allerdings sind trotz der grundsätzlichen Deckungsgleichheit mit den Ergebnissen zur gesamtstädtischen Kindersterblichkeit Zweifel am Umfang der Verschiebungen angebracht. Wie bereits in Kapitel 2.2 angedeutet, dürften die enorm schwankenden Werte der ungelernten Lohnarbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten in erster Linie auf veränderte Erhebungskriterien zurückzuführen sein.345 Je stärker die aktuelle Beschäftigungssituation in die Volkszählungsergebnisse einfloß, um so stärker mußten u.a. die Anteile der Metallindustrie steigen. Die in Tab. 87 dargestellten Werte dürfen allein aus diesem Grund nicht überinterpretiert werden. Nicht die Merkmalsausprägung im Detail, sondern die Tendenz der Entwicklung wird zum entscheidenden Faktor.

Es bleibt ein Blick auf die Schichtzugehörigkeit der Verstorbenen:

↓386

Tab. 88: Verteilung der Verstorbenen nach der Schichtzugehörigkeit. Untersuchungsgebiet in Fünfjahresklassen (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Ges.

Diff. 1885-1914

(1) Untere Unterschicht

36,3

37,4

38,2

38,3

37,8

36,4

37,4

+0,1

(2) Mittlere Unterschicht

1,2

1,1

1,5

2,2

2,9

2,5

1,9

+1,3

(3) Obere Unterschicht

46,4

44,8

42,8

42,7

41,6

42,0

43,3

-4,4

(4) Untere Mittelschicht

11,7

11,9

13,1

12,5

13,8

14,8

13,0

+3,2

(5) Obere Mittelschicht

3,7

4,0

3,6

3,7

3,1

3,3

3,6

-0,4

(6) Oberschicht

0,6

0,8

0,8

0,7

0,8

0,8

0,8

+0,2

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

2,47

2,46

2,45

2,43

2,44

2,49

2,46

0,02


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Der durchschnittliche soziale Status der Verstorben unterlag keinen nennenswerten Veränderungen. Ein signifikanter Anstieg wie bei den Eheschließungen ist nicht nachzuweisen. Zwischen 1885-1889 und 1910-1914 betrug die Differenz auf der Skala von 1-6 lediglich 0,02 Punkte.

Die geringsten prozentualen Schwankungen verzeichnete die „Unteren Unterschicht“ mit einem Anstieg um 0,1%. Einzig die „Obere Unterschicht“ wies mit -4,4% größere Verluste auf. Im Gegenzug stiegen die Anteile der „Unteren Mittelschicht“ und der „Mittleren Unterschicht“ um 3,2% bzw. 1,3%. Mit insgesamt über 82% der Todesfälle dominierten die drei Kategorien der Unterschicht die Sterbestatistik.

↓387

Überträgt man die Ergebnisse auf eine räumliche Ebene, ist vor allem das Verteilungsmuster der verstorbenen ungelernten Lohnarbeiter von Interesse (vgl. Abb. 73). Als quantitativ größte Gruppe unter den Verstorbenen bei einer zugleich sehr ungünstigen Entwicklung der branchenspezifischen Sterblichkeit liefern ihre räumlichen Anteile entscheidende Hinweise auf einen selektiven Rückgang der Mortalität im Untersuchungsgebiet.

Nach den Kreisdiagrammen zu schließen, lagen die Anteile der verstorbenen ungelernten Lohnarbeiter um den Sparrplatz (1), in den beiden Straßenblöcken zwischen Schulstraße und Gerichtstraße (2) und in dem gesamten Areal zwischen Seestraße/Malplaquetstraße und der Weddingstraße/Pankstraße (3) am höchsten.

Geht man über die straßenblockinterne Verteilung hinaus und legt die jeweilige Gesamtzahl der verstorbenen ungelernten Lohnarbeiter des Untersuchungsgebietes als Bezugsgröße zugrunde (Flächendarstellung), treten sowohl im Zeitraum 1885-1889 als auch 1910-1914 ebenfalls der Sparrplatz (1), die beiden Straßenblöcken zwischen Schulstraße und Gerichtstraße (2) und die Reinickendorfer Straße/Pankstraße (3) durch maximale Anteile in Erscheinung.

↓388

Die Hauptabweichung betrifft das Gebiet südlich der Ringbahn. Auf das gesamte Untersuchungsgebiet bezogen markierten die Gerichtstraße/Neue Hochstraße (4) und die Straßenblöcke beiderseits der Fennstraße (5) einen weiteren Fokus des Mortalitätsgeschehens.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen überwogen in dem gesamten Areal südlich der Ringbahn zwischen 1885-1889 und 1910-1914 rückläufige Anteile. Der Schwerpunkt hatte sich nach Norden in das Viertel um die Liebenwalder Straße/Schulstraße (3) und in das Neubaugebiet um die Utrechter Straße (6) verschoben.

Abb. 73: Räumliche Verteilung der Verstorbenen nach Berufsgruppen.

III.3.5 Zwischenfazit

↓389

Nimmt man unter Bezug auf die zu Beginn des Kapitels formulierte Fragestellung eine abschließende Bewertung der räumlichen Verteilung demographischer Merkmalsausprägungen im Untersuchungsgebiet vor, bleibt festzuhalten:

  1. Heterogenität bestimmte das Distributionsmuster. Einzelne Teilbereiche zeichneten sich sowohl durch ein überdurchschnittliches Geburtenaufkommen als auch durch ein signifikant erhöhtes Sterblichkeitsniveau aus. Als Areale mit der höchsten demographischen Umsatzziffer lassen sich die Straßenblöcke um die Liebenwalder Straße/Reinickendorfer Straße, das Gebiet Gerichtstraße/Neue Hochstraße, der Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße sowie die westliche Seite des Sparrplatzes abgrenzen.
  2. Während sich der räumliche Schwerpunkt der Geburten in Richtung der Neubauviertel verlagerte und dabei eine nivellierende Tendenz entfaltete, blieben die Anteile der Verstorbenen in den östlichen Altbaugebieten überrepräsentiert. Auffällig ist die deutliche Abschwächung der demographischen Prozesse in dem gesamten Gebiet südlich der Ringbahn. Sowohl die Anzahl der Eheschließungen, die Überlagerung der geburtsrelevanten Indikatoren, als auch die Kennziffern der Mortalität zeigen gegenüber den nördlich angrenzenden Gebieten eine auffallend rückläufige Tendenz.
  3. Die Suche nach Erklärungsansätzen für das räumliche Verteilungsmuster muß sich weitgehend im hypothetischen Bereich bewegen. Eine Orientierung am Zeitpunkt der baulichen Erschließung erweist sich im Gesamtzusammenhang als unzureichend. Die demographische Diskrepanz zwischen den Altbaugebieten südlich und nördlich der Ringbahn legt u.a. eine Berücksichtigung der exakten Ausstattungsmerkmale des Wohnraumes (Größe der Wohnungen, Vorder- und Hinterhaus u.a.) und des daraus resultierenden Mietniveaus nahe. Eine zusätzliche, grundstücksgenaue Auswertung von über 2.000 Bauakten wäre notwendig, um an diesem Punkt eine gesicherte Bewertungsgrundlage schaffen zu können.
    Selbst dies würde jedoch nichts an der Tatsache ändern, daß in der Praxis Faktoren wirkten, die aus heutiger Perspektive nicht mehr zu differenzieren und in ihrer Bedeutung zu quantifizieren sind. U.a. macht es die fehlende Überlieferung von Mitarbeiterverzeichnissen der ehemals ansässigen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen unmöglich, auf einer gesicherten Quellenbasis die Dependenz von Wohnen und Arbeit zu analysieren.

Verläßt man die räumliche Mikroebene des Weddings, wird das rasche und kontinuierliche Absinken der Geburten- und Sterberate zum entscheidenden Faktor der demographischen Entwicklung im Untersuchungszeitraum. Der im 19. und 20. Jahrhundert in nahezu allen europäischen und nordamerikanischen Staaten zu beobachtende Wandel von einer hohen zu einer niedrigen Geburten- und Sterberate wird als „demographische Transition“ oder „demographischer Übergang“ bezeichnet. Aktuelle Verlaufsmodelle unterscheiden eine Abfolge von fünf idealtypischen Phasen des Übergangs:

↓390

Abb. 74: Das Modell des demographischen Übergangs.

Quelle: Bähr (1997), S. 249.

„1. Prätransformative Phase (Phase der Vorbereitung) mit hohen, nahe beieinanderliegenden Geburten und Sterberaten, hohen Umsatzziffern und geringen, vorübergehend auch negativen Wachstumsraten.

↓391

2. Frühtransformative Phase (Phase der Einleitung) mit deutlich fallenden Sterberaten bei weitgehend konstanten oder sogar leicht zunehmenden Geburtenraten und somit ansteigenden Wachstumsraten.

↓392

3. Mitteltransformative Phase (Phase des Umschwungs) mit weiterem Sterblichkeitsrückgang und einsetzendem Geburtenrückgang, wobei maximale Wachstumsraten erreicht werden.

4. Spättransformative Phase (Phase des Einlenkens) mit raschem Abfall des Geburtenniveaus und nur noch leicht abnehmender Sterblichkeit, was zu stark zurückgehenden Wachstumsraten führt.

↓393

5. Posttransformative Phase (Phase des Ausklingens) mit niedrigen Geburten- und Sterberaten, niedrigen Umsatzziffern und geringen bis stagnierenden Wachstumsraten [...].“346

Ehmer faßt die Annahmen des Verlaufsmodells in zwei Kernaussagen zusammen:

↓394

„Zum Ersten postuliert [es] eine Abfolge von drei Phasen, die jede menschliche Bevölkerung auf dem Weg in die Moderne zu durchlaufen habe: von einem stabilen Gleichgewicht von Mortalität und Fertilität auf hohem Niveau über eine Phase der Destabilisierung und des Bevölkerungswachstums zu einem neuerlichen stabilen Gleichgewicht von Mortalität und Fertilität auf niedrigem Niveau.

↓395

Zum Zweiten postuliert [es] für die zweite, transitorische Phase eine bestimmte chronologische Sequenz: Der Rückgang der Sterblichkeit habe zuerst eingesetzt und der Rückgang der Fruchtbarkeit sei erst mit zeitlicher Verzögerung gefolgt.“347

Das „Modell des demographischen Übergangs“ wurde in den letzten Jahrzehnten einer sehr intensiven Kritik unterzogen. Das statische Endstadium, das dem in westlichen Industrienationen zu beobachtenden anhaltenden Rückgang der Fertilität nicht gerecht wird, die Verbindung von Bevölkerungswandel und modernisierungstheoretischen Überlegungen oder die Frage nach der Prognosefähigkeit sind nur einige der strittigen Punkte.348

Selbst wenn nur der Begriff der „demographischen Transition“ „ohne jegliche theoretische Implikation als bequemes Kürzel für den Übergang von hohen zu niedrigen Geburten- und Sterberaten“349 geblieben sein sollte, ist eine Einordnung der eigenen empirischen Ergebnisse aufschlußreich, da mit dem Übergang auch eine Verschiebung der Altersstruktur und Sexualproportion verbunden war.

↓396

Der demographische Übergang vollzog sich in der Regel über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Für das Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1871 wird der Beginn in die Zeit nach 1865 datiert.350 Ein Blick weiter zurück in die Vergangenheit zeigt die langfristigen Veränderungen. Stellt man für das Berliner Stadtgebiet die Entwicklung der Geburten- und Sterberate zwischen 1840 und 1914 in einer Zeitreihe dar, werden tiefgreifende Einschnitte sichtbar (vgl. Abb. 75).

Der demographische Übergang als nachhaltiger Rückgang der Geburten- und Sterberate nahm im Berliner Stadtgebiet seinen Anfang in den Jahren nach 1872. Für die Zeit davor ist ein insgesamt konstanter, von starken und unregelmäßigen Einbrüchen gekennzeichneter Kurvenverlauf mit vereinzelten Sterbeüberschüssen (in den Jahren 1849 und 1871) sichtbar - ein typisches Erscheinungsbild der prätransformativen Phase.

Ein Rückgang der Sterberate bei einer gleichbleibenden oder ansteigenden Geburtenrate ist nur für einen sehr kurzen Zeitraum von vier Jahren nachzuweisen (1872-1876). Angesichts dieser Tatsache ist es kaum angemessen, von einem eigenständigen Stadium der Transition zu sprechen.351

↓397

Abb. 75: Die Geburten- und Sterberate in Berlin und dem Standesamtsbezirk Wedding (XIII, ab 1906 XIII b) 1840-1914 (in ‰).

Quelle: Für Gesamt-Berlin StatJbB (1915-19), S. 68f. und S. 102f., für den Wedding ebd., versch. Jg.

Nach den Verlaufskurven zu schließen, setzte der demographische Übergang im Stadtgebiet mit einem annähernd zeitgleichen Absinken der Geburten- und Sterberate ein. Der Untersuchungszeitraum ist in den Abschnitt III - die Mitteltransformative Phase - d.h. in den eigentlichen Zeitraum der Transition mit maximalen natürlichen Zuwachsraten einzuordnen. Die langsame Annäherung der beiden Verlaufskurven und die Verlangsamung des Rückgangs der Sterblichkeit deuten bis 1914 für das gesamte Stadtgebiet bereits auf die Phase des Einlenkens - die spättransformative Phase hin.

Dies gilt allerdings nicht für das Untersuchungsgebiet. Zwar gingen auch hier - in den wenigen Jahren, für die statistische Materialien vorliegen - die Verlaufskurven zurück, eine Annäherung ist bis zum Kriegsausbruch jedoch nicht nachzuweisen. Während die Sterberate sogar unter den Berliner Durchschnitt fiel, lag die Geburtenrate noch deutlich darüber. Bis zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs hatte innerhalb des Weddings die Phase des Einlenkens offensichtlich noch nicht begonnen.

↓398

Die Frage nach den Ursachen für den Rückgang der Fertilität wurde mittlerweile aus den unterschiedlichsten - ökonomischen wie sozio-kulturellen - Perspektiven beleuchtet. Ein Dilemma bleibt allen Ansätzen gemein:

„Das zentrale Problem besteht darin, dass die Motive von Eltern bei der Entscheidung für eine bestimmte Kinderzahl in aller Regel nicht klar artikuliert wurden und auch kaum einen Niederschlag in historischen Quellen gefunden haben.“352

↓399

Die fehlenden Primärquellen lassen nur indirekte Schlüsse zu - so auch bei der Betrachtung des Untersuchungsgebietes.

Die wichtigsten Ergebnisse zusammengefaßt:

  1. Veränderungen des Heiratsverhaltens scheiden als Erklärungsansatz aus. Die Zahl der Eheschließungen verlief in etwa parallel zum Anstieg der Gesamtbevölkerung. Der steigende Anteil unehelicher Geburten resultierte allein aus einer Abnahme der ehelichen Fruchtbarkeit und nicht aus einem verringerten Heiratsaufkommen. Das Absinken des Heiratsalters der Frauen steht sogar in einem direktem Widerspruch zum Rückgang der Fertilität.
  2. Der Geburtenrückgang muß als selektiver Prozeß bewertet werden, der sich auf eheliche Lebensgemeinschaften beschränkte und in einer verminderten Kinderzahl manifestierte. Bei verheirateten Frauen über 30 Jahren ab dem dritten Kind ging die Zahl der Geburten entscheidend zurück.
  3. Unklar bleibt, in welchem Ausmaß sich die verbesserten Möglichkeiten der Empfängnisverhütung auf die Geburtenzahlen niederschlugen. Auch die Folgen der im Umfeld der Arbeiterbewegung propagierten Senkung der Geburtenzahlen, die in der sog. Gebärstreik-Debatte von 1912/13 kulminierte, lassen sich nicht quantitativ erfassen.353 Dies gilt in gleichem Maße für die von Birg als Ursache angeführte gesetzgeberische Komponente. Er sieht einen entscheidenden Zusammenhang zwischen den Bismarck’schen Sozialgesetzen und der Abnahme der Kinderzahl pro Frau.354
  4. Der Geburtenrückgang besaß allem Anschein nach eine konfessionelle Komponente. Bei Mischehen und dissidentischen Lebensgemeinschaften lag die Diskrepanz zwischen der Zahl der Hochzeiten und dem Geburtenaufkommen besonders hoch.
  5. Trotz der rückläufigen Tendenz besaß der Wedding über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg die höchste Geburtenrate aller Berliner Standesamtsbezirke. Ein geringer Ledigenanteil in den Altersgruppen ab 20 und der niedrige sozioökonomischen Status der Einwohnerschaft hielten das Geburtenaufkommen auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Zugespitzt formuliert:

↓400

„Je ärmer das Wohnviertel, um so höher die Geburtenrate, je wohlhabender ein Stadtteil, desto geringer die Geburtenziffer.“355

Die aktuellen Untersuchungen zum Rückgang der Sterblichkeit können in drei Forschungsansätze unterteilt werden: (1) die Interdependenz von Lebensstandard, Ernährung und Gesundheit, (2) der Einfluß der Medizin auf den Wandel der Mortalität und (3) die Bedeutung sanitärer Reformen.356 In diesen Erklärungszusammenhang sind die eigenen Ergebnisse einzuordnen. Vier Punkte sind hervorzuheben:

↓401

  1. Das Untersuchungsgebiet verzeichnete den stärksten Rückgang der Sterblichkeit aller Berliner Standesamtsbezirke. Die rohe Sterberate sank im Wedding von 37,5‰ auf 14,6‰ und lag damit sogar unter den Durchschnittswerten der Stadt.
  2. Die Abnahme der Mortalität umfaßte alle Altersklassen. Sie betraf jedoch vor allem die Kinder- und Säuglingssterblichkeit. Allein in der Gruppe der Kinder unter einem Jahr sank der Anteil an der Gesamtzahl der Todesfälle zwischen 1885 und 1914 von 52,0% auf 20,0%. Die absolute Zahl der Verstorbenen erreichte in dieser Altersgruppe bei Kriegsausbruch ein Niveau von 45,1% gegenüber dem Jahr 1885.
  3. Die Verschiebungen der Altersstruktur spiegeln sich in der Häufigkeit der Todesursachen wider. Während sich die herausragende Stellung der Verdauungskrankheiten abschwächte, stieg analog zum Konzept der epidemiologischen Transition die Zahl der Gefäß- und Krebserkrankungen deutlich an.
  4. Hinzu kommt eine Abhängigkeit vom sozialen Umfeld der Verstorbenen. Vor allem die ungelernten Lohnarbeiter, das Dienstpersonal, die Berufslosen und Rentner verzeichneten die ungünstigste Entwicklung der Sterblichkeit. Dem steht der gesamte Bereich des Öffentlichen Dienstes und der freien Berufe mit seinen minimalen branchenspezifischen Mortalitätsziffern gegenüber.

III.4 Wanderungsstruktur

„Ist das letzte Resultat unserer heutigen sozialen Zustände eine hausierende Vagabundage der ganzen arbeitenden Bevölkerung, ein Durcheinanderschütteln der Menschen von Ort zu Ort, von Geschäft zu Geschäft, wie es selbst die Nomaden nicht kannten?“357

↓402

Schmoller entwarf mit dieser Frage das Bild einer in Bewegung und aus den Fugen geratenen Gesellschaft - Massenwanderung, soziale Entwurzelung und die Auflösung familiärer Bindungen als Charakteristika einer vollständigen Mobilität. Großstädte wie Berlin erlebten in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Migrationsbewegungen von enormem Ausmaß. Wanderungsvolumina von über 30% der mittleren Jahresbevölkerung waren keine Ausnahme.358 Die Bedeutung der Thematik für das Untersuchungsgebiet unterstrichen bereits die Ausführungen im vorherigen Kapitel. Die Altersstruktur und die damit verbundenen Konsequenzen für die Zahl der Geburten- und Sterbefälle waren untrennbar mit Wanderungsbewegungen verbunden.

Migrationen bilden die zweite Komponente der demographischen Grundgleichung. Die Differenz aus Zu- und Abwanderung bestimmt neben der Anzahl der Geburten und Sterbefälle die Größe und Zusammensetzung der Einwohnerschaft. Je kleiner die betrachtete Raumeinheit ist, desto stärker sind die zu beobachtenden bevölkerungsrelevanten Auswirkungen.

Nach den gängigen Definitionen bezeichnet Migration eine Form der räumlichen Mobilität. Unter letzterer wird ganz allgemein der Wechsel eines Individuums zwischen Einheiten eines räumlichen Systems verstanden. Die räumliche Mobilität ist unabhängig von der zurückgelegten Entfernung und der Frequenz der Bewegung. Von einem Wanderungsvorgang spricht man dagegen nur dann, wenn die Positionsveränderung im Raum dauerhaft in Form eines Wohnsitzwechsels angelegt ist.359 Alle anderen Formen der räumlichen Mobilität wie tägliche Pendlerbewegungen werden unter dem Begriff der „Zirkulation“ zusammengefaßt.

↓403

Die am häufigsten verwendete Typisierung von Wanderungsbewegungen legt die überbrückte Distanz zugrunde.360 Auch wenn zwischen den Autoren keine völlige Übereinstimmung herrscht, wird gemeinhin eine Differenzierung nach inter- und intraregionalen Wanderungen vorgenommen. Während bei einem interregionalen Wanderungsvorgang die Wohnsitzverlagerung über die Grenzen eines Gebietes (Gemeinde, Kreis, Bezirk, Land) erfolgt, findet diese bei intraregionalen Wanderungsbewegungen innerhalb der Gebietseinheit statt.361

Legt man die Typisierung nach der Distanz als strukturierendes Element der eigenen Analyse zugrunde, läßt sich eine doppelte Zielstellung formulieren:

  1. Es gilt, eine analytische Zweiteilung nach der Zuwanderung von außen und den innerstädtischen Wohnsitzverlagerungen vorzunehmen, um auf die jeweils charakteristischen räumlichen Mobilitätsmuster schließen zu können.
  2. Die Migranten sind - auf der Grundlage dieser Zweiteilung - nach ihren persönlichen Merkmalsausprägungen wie Alter, Geschlecht, Herkunft und Beruf zu differenzieren. Ziel ist es, die daraus resultierenden sozio-demographischen Konsequenzen für das Untersuchungsgebiet herauszuarbeiten.

III.4.1  Interregionale Wanderungen

III.4.1.1  Wanderungsvolumen

↓404

Da für das Untersuchungsgebiet keine amtlichen Zahlen zum interregionalen Wanderungsgeschehen vorliegen, muß sich die Betrachtung zunächst auf Gesamt-Berlin beschränken. Zwischen 1885 und 1899 schlossen nur zwei Jahre (1892 und 1896) mit leicht negativen Wanderungssalden (-2.426, -1.904 Personen). Der Bevölkerungszuwachs durch interregionale Wanderungen betrug allein in diesen 15 Jahren 327.222 Personen bei einem Anstieg der Gesamteinwohnerzahl um 569.394. Mehr als 57% des Bevölkerungszuwachses resultierten aus Wanderungsgewinnen.

Nach der Jahrhundertwende schwächte sich die Entwicklung deutlich ab. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrten sich die Vorzeichen ins Minus um. Nur acht von fünfzehn Jahren wiesen eine positive Wanderungsbilanz auf. Aus den Wanderungsgewinnen der Jahre 1885-1899 wurde im Zeitraum 1900-1914 ein Gesamtverlust von 122.883 Personen. Dabei schlugen sich vor allem die bereits kriegsbedingten Werte des Jahres 1914 negativ in der Bilanz nieder.

Tab. 89: Bevölkerungswachstum im Vergleich zum Vorjahr (Bev. ges.) und Wanderungsbilanz (Bilanz) von Gesamt-Berlin 1885-1914 (abs.).

Jahr

Bev. ges.

Bilanz

Jahr

Bev. ges.

Bilanz

1885

+40.477

+30.329

1900

+44.490

+27.671

1886

+46.355

+35.942

1901

+23.163

-10.733

1887

+50.497

+34.919

1902

+8.446

-953

1888

+52.720

+38.248

1903

+25.971

+18.503

1889

+56.363

+42.091

1904

+39.537

+27.178

1890

+54.559

+33.783

1905

+48.831

+38.650

1891

+40.177

+9.516

1906

+44.612

+12.308

1892

+19.175

-2.426

1907

+14.662

-15.716

1893

+17.020

+4.771

1908

-9.877

-35.961

1894

+15.393

-1.904

1909

-9.966

-13.780

1895

+17.374

+9.272

1910

+9.259

+261

1896

+37.655

+25.147

1911

+12.523

+1.244

1897

+34.865

+15.829

1912

+11.452

-1.615

1898

+41.103

+27.874

1913

-1.281

-28.639

1899

+45.661

+23.831

1914

-52.259

-141.301


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1915-1919), S. 5 und S. 190.

↓405

Die Wanderungsbilanz korrelierte mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Wanderungsverluste oder ungewöhnlich niedrige Zuwachsraten kennzeichneten die konjunkturellen Stockungsphasen 1891-1894, 1901-1902 und 1908-1909. Umgekehrt wiesen die Jahre des Aufschwungs fast durchweg fünfstellige Wanderungsgewinne aus. Einzige Ausnahme bildeten die Jahre 1910-1913. Trotz einer deutlichen konjunkturellen Belebung verharrten die Zuwächse auf einem minimalen bzw. rückläufigen Niveau.

Die für Gesamt-Berlin getroffenen Feststellungen können allerdings nur bedingt auf das Untersuchungsgebiet übertragen werden. Dies gilt v.a. für die Zeit nach 1905. Die Neubaugebiete und das rasche Bevölkerungswachstum lassen - trotz fehlender statistischer Werte - auf eine anhaltend positive Wanderungsbilanz schließen.362

Unabhängig von der konkreten Höhe der Wanderungsgewinne wäre es falsch, würde man aus der bloßen Differenz von Zu- und Abwanderung auf die Mobilität der Bevölkerung schließen. Langewiesche plädierte eindringlich dafür, das Augenmerk stärker auf das Wanderungsvolumen, d.h. die Summe von Zu- und Fortgezogenen zu richten.363

↓406

Trotz der rückläufigen Wanderungsgewinne nahmen die Wanderungsbewegungen in bezug auf die Gesamtbevölkerung zu. Die Anzahl der Migranten stieg von kleineren, konjunkturbedingten Unterbrechungen abgesehen bis zum Kriegsausbruch an (vgl. Tab. 90).

Die Aufstellung für Gesamt-Berlin relativiert das Bild von der Massenabwanderung in die Großstädte. „Der Zug nach der Stadt“ war weder eine Einbahnstraße noch eine Sackgasse.364 Dem Anstieg der Zuwanderung von 150.000 auf 320.000 Personen stand ein Abwanderungsvolumen gegenüber, das sich zwischen 1885 und 1914 von 120.000 auf 460.000 erhöht hatte. Auch wenn in den maximalen Zahlen des Jahres 1914 bereits der Kriegsausbruch zum Ausdruck kommt, darf das enorme Ausmaß der Ab- und Rückwanderung nicht außer Acht gelassen werden.

Tab. 90: Gesamt-Berlin. Zahl der Zu- und Fortzüge, Wanderungsvolumen (Vol.) und Anteil der Migranten an der mittleren Bevölkerung = Mobilitätskennziffer (MKZ, in %)365 1885-1914.

Jahr

Zuzug

Fortzug

Vol.

(Zuzug+Fortzug)

MKZ

(in %)

Jahr

Zuzug

Fortzug

Vol.

(Zuzug+Fortzug)

MKZ

(in %)

1885

150.083

119.754

269.837

20,90

1900

250.881

223.210

474.091

25,42

1886

157.348

121.406

278.754

20,84

1901

232.271

243.004

475.275

25,17

1887

168.336

133.417

301.753

21,74

1902

238.602

239.555

478.157

25,21

1888

179.439

141.191

320.630

22,25

1903

254.070

235.567

489.637

25,47

1889

195.743

153.652

349.395

23,33

1904

265.627

238.449

504.076

25,69

1890

196.786

163.003

359.789

23,18

1905

287.860

249.210

537.070

26,71

1891

192.550

183.034

375.584

23,59

1906

291.459

279.151

570.610

27,76

1892

177.744

180.170

357.914

22,21

1907

273.688

289.404

563.092

27,20

1893

183.718

178.947

362.665

22,27

1908

244.060

280.021

524.081

25,44

1894

184.654

186.558

371.212

22,58

1909

251.983

265.763

517.746

25,25

1895

200.982

191.710

392.692

23,64

1910

263.391

263.130

526.521

25,57

1896

219.244

194.097

413.341

24,33

1911

271.451

270.207

541.658

26,14

1897

221.458

205.629

427.087

24,64

1912

337.517

339.132

676.649

32,48

1898

229.576

201.702

431.278

24,30

1913

321.036

349.675

670.711

32,21

1899

231.611

207.780

439.391

24,14

1914

319.069

460.370

779.439

38,40


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1915-1919), S. 5 und S. 190.

↓407

Mit dem Wanderungsvolumen erhöhte sich der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung. Die MKZ stieg von knapp 21% 1885 auf ein Niveau von über 30% ab 1912.366 Dies bedeutet allerdings nicht, daß zwischen 21% und 30% der Bevölkerung dauernd in Bewegung waren. Die rohe MKZ stellt lediglich die an einem Ort gemessene Wanderungshäufigkeit dar. Sie läßt nicht erkennen, „ob sie durch eine bestimmte allgemeine Mobilität der Bevölkerung oder etwa durch eine sehr hohe Mobilität eines kleinen Teils der Bevölkerung zustande kommt.“367 Unklar bleibt, weshalb die Anzahl der Migranten zwischen 1911 und 1912 sprunghaft angestiegen war. Ein Hinweis auf eventuell veränderte Erhebungskriterien fehlt in dem Statistischen Jahrbuch von 1912-1914.368

Ein größeres Problem bildet die zunehmende Diskrepanz von administrativer Stadtgrenze und der zusammenhängend bebauten Stadtfläche. In den benachbarten Städten Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Neukölln und Lichtenberg hatten am Vorabend des Kriegsausbruchs die Einwohnerzahlen jeweils längst die Marke von 100.000 Personen überschritten.

Die Zahlen der amtlichen Statistik befassen sich seit 1898 mit dem Phänomen der Vorortwanderung. Bis 1911 findet sich eine separate Auflistung für die Ortschaften im Umkreis von 10km „vom Mittelpuncte der Stadt Berlin.“369 Greift man die Jahre 1900, 1905 und 1910 exemplarisch heraus, wird ein wachsender Einfluß der Vororte auf das Wanderungsgeschehen sichtbar. 1910 entfielen auf die benachbarten Ortschaften mehr als ein Viertel des gesamten Zuwanderungsaufkommens. Knapp 40% der Personen, die sich aus Berlin abgemeldet hatten, verblieben innerhalb des Stadtgebietes von Groß-Berlin in den Grenzen von 1920 und müßten strenggenommen unter innerstädtischen Wanderungsbewegungen registriert werden.370

↓408

Tab. 91: Gesamt-Berlin. Anteil der Vororte an der Zu- und Abwanderung 1900, 1905 und 1910 (in %).

Anteil der Vororte an der ...

Zuwanderung

Abwanderung

1900

19,4

28,2

1905

21,8

35,8

1910

25,5

38,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB (1900-1902), S. 166, (1905), S. 81 sowie (1908-1911), S. 216*.

Weiteren Aufschluß geben die im Abstand von fünf Jahren durchgeführten Volkszählungen. Sie ermöglichen eine Einteilung der Einwohnerschaft in „gebürtige Berliner“ und „Auswärtsgeborene“ (einschließlich der Vororte):

Tab. 92: Bevölkerungsanteil der Auswärtsgeborenen im Wedding/Gesundbrunnen (XIII), Wedding (XIII b) und in Gesamt-Berlin (in %).

XIII

XIII b

Gesamt-Berlin

1890

52,1

59,3

1895

50,6

58,3

1900

52,0

59,1

1905

53,2

54,5

59,7

1910

54,3

55,7

59,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (1896), S. 19. Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 2. December 1895 in der Stadt Berlin. Zweiter Theil. Berlin 1901, S. 78. Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 32. Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme von Ende Oktober 1905 sowie die Wohnungs- und Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1905 in der Stadt Berlin und 29 benachbarten Gemeinden. Zweite Abteilung. Bevölkerungs-Aufnahme. Berlin 1911, S. 30. Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 26f.

↓409

Mehr als 50% der Einwohnerschaft des Weddings waren demnach außerhalb des Stadtgebietes geboren. Mit Werten zwischen 50,6% und 54,3% blieb das Untersuchungsgebiet allerdings deutlich unter dem Berliner Durchschnitt von knapp 60%. Die vergleichsweise niedrigen Anteile lassen auf einen festen Einwohnerstamm schließen und könnten auch als Folge des hohen Geburtenaufkommens interpretiert werden.371

Tab. 93: Stadtteile mit den höchsten Auswärtigenanteilen im Berliner Stadtgebiet 1890 (in ‰).

Stadtteil

Auswärtige

1

Dorotheenstadt

724,6

2

Thiergarten-Vorstadt

682,7

3

Friedrich-Wilhelm-Stadt

678,7

4

Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt

675,0

5

Moabit

648,9

6

Spandauer Viertel

637,4

7

Friedrichstadt

632,8

8

Alt-Berlin

617,4

9

Friedrichswerder

615,2

10

Friedrichs- u. Tempelhofer Vorstadt

596,0


Quelle: Böckh (1896), S. 19.

Greift man sich das Jahr 1890 exemplarisch heraus, verzeichneten die innerstädtischen und innenstadtnahen Wohnviertel die höchsten Auswärtigenanteile. Dieser Befund stützt die Beobachtungen von Bleicher, der am Beispiel von Frankfurt am Main auf die Bedeutung der „älteren Stadttheile“ als Anlaufstelle für Migranten verwies.372 Das Ergebnis deckt sich darüber hinaus mit den Erkenntnissen von Schwippe/Zeidler, die die Vorteile eines zentralen Wohnstandortes für Personen betonten, die von einem häufigen Arbeitsplatzwechsel betroffen waren373 - und u.U. nur saisonal in die Großstadt kamen.

↓410

Eine Sonderstellung nahmen die westlichen Stadtteile ein. Hier drücken die Zahlen den hohen Dienstbotenanteil aus. So bestand in der Thiergarten- bzw. Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt unter den Auswärtigen ein Frauenüberschuß von 16% bzw. 14%.

Zu bedenken ist schließlich, daß auch gebürtige Berliner nach einem Aufenthalt außerhalb der Stadt als Migranten in Erscheinung traten. Die „Rückkehrer“ stellten bezogen auf die Gesamtbevölkerung im ungeteilten Standesamtsbezirk „Wedding/Gesundbrunnen“ Anteile zwischen 5,7% und 7,8% an der Gesamtzahl der in Berlin Geborenen. Im Stadtgebiet schwankten die Werte zwischen 6,8% und 9,0%.

Tab. 94: Wedding/Gesundbrunnen und Gesamt-Berlin. Anteil der in Berlin geborenen Migranten an der Gesamtzahl der gebürtigen Berliner 1895 bis 1910 (in %).

Wedding

Berlin

1895

5,7

6,8

1900

7,1

8,5

1905

7,8

9,0

1910

6,0

7,3


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 2. December 1895 in der Stadt Berlin. Erster Theil. Berlin 1900, S. 14. Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 14, (1911), S. 22 und (1916), S. 26.

III.4.1.2 Alter, Geschlecht, Familienstand

↓411

Angaben zum Alter, dem Geschlecht und Familienstand der Migranten liegen von amtlicher Seite ebenfalls nur für Gesamt-Berlin vor. Eine separate Betrachtung des Untersuchungsgebietes ist anhand des vorliegenden Datenmaterials nicht möglich. Die zentralen Merkmale und Entwicklungslinien von Gesamt-Berlin erlauben allerdings Rückschlüsse auf die konkrete Situation vor Ort.

Die zusammengefaßte Darstellung der demographischen Merkmalsausprägungen in Alterspyramiden verdeutlicht die Charakteristika des Wanderungsgeschehens:374

Abb. 76: Zu- und Abwanderung nach dem Alter, Geschlecht und Familienstand in Gesamt-Berlin 1890, 1900 und 1910 (abs.).

Erklärung: Blau = Männer, Hellblau = Verheiratete Männer, Gelb = Frauen, Hellgelb = Verheiratete Frauen, Schwarz = Witwer/ Witwen, Rot = Überhang des jeweils anderen Geschlechts.

Anm.: Die Zahlen für 1910 beinhalten offensichtlich einen Fehler. In der Altersgruppe „40 bis 44“ liegt bei den Abwanderungen die Zahl der verheirateten weiblichen Migranten über der Gesamtzahl der weiblichen Migranten. Auch die Verheiratetenquote von 96,3% bei den Männern ist für diese Altersgruppe ungewöhnlich hoch.

Quelle: Eigene Darstellung nach StatJbB (1889-1890), S. 180f., (1900-1902), S. 160f. und (1908-1911), S. 219*f.

↓412

Die Abbildungen visualisieren das Ergebnis des vorherigen Kapitels. Die rückläufigen Wanderungsgewinne resultierten nicht aus einer Abnahme der Zuwanderung, sondern aus dem Anstieg der Wohnsitzwechsel nach außerhalb der Stadt.375 Die Diagramme der Zu- und Abwanderung weisen dabei eine grundsätzliche Übereinstimmung auf. Die Struktur der Zuwanderung spiegelte sich in den Abwanderungen wider.

Die höchsten Anteile stellten die Altersgruppen 15 bis 29. Vor allem die 20-24jährigen bestimmten das Wanderungsgeschehen maßgeblich. Auffällig ist die schmale Basis von 0 bis 14 Jahren und die rasche Verjüngung der Anteile in den höheren Altersklassen. Ledige Personen im erwerbsfähigen Alter dominierten. Erst ab 30 Jahren nahmen die Anteile der Verheirateten signifikant zu.

In allen relevanten Altersgruppen wird ein deutlicher Männerüberhang sichtbar. Lediglich bei den 15-19jährigen überwogen weibliche Migranten. Auf die Ursache - die Beschäftigungsrelevanz häuslicher Dienstleistungen - wurde bereits an anderer Stelle hingewiesen.376 Männer waren insgesamt mobiler als Frauen. Dies betraf sowohl die Zu- als auch die Abwanderung.

↓413

Stellt man die Differenz zwischen der Zu- und Abwanderung von Männern und Frauen für die Zeit von 1885 bis 1914 gegenüber, ergibt sich allerdings ein Frauenüberschuß von 158.334 Personen. Davon entfielen allein 120.712 auf das Jahr 1914. Klammert man das Jahr des Kriegsausbruches aus, bleibt eine Differenz zugunsten der Frauen von 37.622. Obwohl Frauen nicht annähernd das Wanderungsvolumen der Männer erreichten, lag die absolute Zahl der Verbleibenden höher.377

Die Gewinne und Verluste zwischen den Geschlechtern variierten über die Jahre erheblich:

Abb. 77: Wanderungsbilanz von Männern und Frauen 1885-1913. Gesamt-Berlin (abs.).

Quelle: Eigene Darstellung nach StatJbB, versch. Jg.

↓414

Die Wanderungsbewegungen der Frauen waren offensichtlich weniger stark von konjunkturellen Schwankungen abhängig als die der Männer. In Krisenzeiten sank die weibliche Wanderungsbilanz langsamer ab und reagierte mit moderateren Zuwachsraten auf günstige ökonomische Rahmenbedingungen. Auch an diesem Punkt dürfte die große Bedeutung häuslicher Dienste zum Tragen kommen, die nicht unmittelbar konjunkturabhängig waren.378

III.4.1.3 Verweildauer

Die größere Mobilität der Männer und die höhere Zahl der verbleibenden Frauen stellen die Frage nach der Fluktuation der Migranten. Seit 1895 gibt die amtliche Statistik hierüber Auskunft. Die Volkszählungen erfassen ab diesem Zeitpunkt für die von außerhalb Zugewanderten das Jahr des Wohnsitzwechsels. Rechnet man diese Angaben in Zeiträume um, lassen sich die Werte vergleichen.

Tab. 95: Zeitraum seit der Zuwanderung. Auswärtige und gebürtige Berliner (in %).

Von den Auswärts-Geborenen erfolgte der Zuzug vor ... Jahr(en)

Wedding

< 1 Jahr

0 bis 5

5 bis 10

10 bis 15

> 15 Jahre

1895

9,1

26,2

22,7

14,6

36,5

1900

11,3

33,0

15,2

16,4

35,4

1905

13,9

33,5

18,3

11,3

36,9

1910

11,1

34,0

19,0

14,0

33,1

Stadt Berlin

< 1 Jahr

0 bis 5

5 bis 10

10 bis 15

> 15 Jahre

1895

12,7

32,4

20,6

13,3

33,7

1900

14,1

36,3

14,8

15,1

33,9

1905

15,5

35,8

16,9

10,8

36,5

1910

13,9

35,3

16,5

12,9

35,3

Von den gebürtigen Berlinern erfolgte der Zuzug vor ... Jahr(en)

Wedding

< 1 Jahr

0 bis 5

5 bis 10

10 bis 15

> 15 Jahre

1895

20,4

50,8

20,0

11,6

17,6

1900

20,6

54,3

19,0

10,6

16,2

1905

21,8

54,7

19,3

10,8

15,2

1910

25,5

62,4

17,9

8,7

11,0

Berlin

< 1 Jahr

0 bis 5

5 bis 10

10 bis 15

> 15 Jahre

1895

22,5

50,7

18,3

11,2

19,8

1900

22,1

55,9

16,8

10,3

17,0

1905

21,9

53,7

19,4

9,8

17,1

1910

24,9

58,3

18,2

10,6

12,9


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (1900), S. 14f., Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 14f., (1911), S. 22f. und (1916), S. 26f.

↓415

Entweder lebten die Auswärtigen erst sehr kurz oder schon sehr lange (über 15 Jahre) im Stadt- bzw. Untersuchungsgebiet. Die konstant hohen Werte mit über 30% - ausgenommen 1895 - in der Rubrik 0 bis 5 Jahre lassen auf eine sehr mobile Gruppe unter den Zuwanderern schließen. Noch deutlicher ist die Situation bei den in Berlin geborenen Migranten. Bei 20% bis über 25% der betroffenen Personengruppe lag der Wohnsitzwechsel noch kein Jahr zurück.

Ein Vergleich zwischen den Erhebungsjahren unterstreicht das Ergebnis. Nimmt man die Rubrik „0 bis 5“ im Jahr 1895 als Ausgangspunkt, müßte die gleiche Personengruppe im Jahr 1900 die Kategorie „5 bis 10“ bilden. Das gleiche gilt für die Jahre 1900-1905 und 1905-1910. Stellt man die Werte gegenüber, wird die Fluktuation innerhalb eines Fünfjahreszeitraums sichtbar.

↓416

Etwa 25% der außerhalb von Berlin Geborenen hatten zwischen den Erhebungsjahren wieder das Untersuchungsgebiet verlassen. Im Stadtgebiet erreichte die Abwanderungsquote sogar Werte um 50%. Bei den gebürtigen Berlinern lagen die Anteile noch darüber. Sie stiegen von knapp 45% im Untersuchungsgebiet bzw. 55% im Stadtgebiet zwischen 1895 und 1900 auf etwa 70% zwischen 1905 und 1910.

Aufschlußreich ist eine Differenzierung nach dem Geschlecht. Vergleicht man auch hier die Abwanderung innerhalb der ersten fünf Jahre nach dem Zuzug, werden deutliche Unterschiede sichtbar, die mit dem erhöhten absoluten Wanderungsaufkommen der Männer korrespondieren:

Tab. 97: Anteile der vor 5 bis 10 Jahren zugezogenen Personen bezogen auf die Rubrik „0 bis 5“ jeweils fünf Jahre zuvor im Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen nach dem Geschlecht (in %).

m

Auswärtige

Berliner

1900

69,9

56,7

1905

66,2

47,6

1910

70,8

30,8

w

Auswärtige

Berliner

1900

78,3

54,7

1905

80,4

50,4

1910

85,0

35,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (1900), S. 14f., Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 14f., (1911), S. 22f. und (1916), S. 26f.

↓417

Die Fluktuation unter den auswärts geborenen Männern lag um bis zu 15% über den Werten der Frauen. Während die Anteile der verbleibenden Männer zwischen 66,2% und 70,8% variierten, schwankten sie bei den Frauen zwischen 78,3% und 85,0%. Je mehr Zeit seit dem Zuzug vergangen war, desto deutlicher verschoben sich die Werte zugunsten der Frauen:

Tab. 98: Wedding - Differenz zwischen den Anteilen der auswärts geborenen Frauen und Männer nach dem Zeitraum seit der Zuwanderung bezogen auf die Gesamtzahl der Auswärtsgeborenen je Erhebungsjahr (negatives Vorzeichen = Männerüberschuß, positives Vorzeichen = Frauenüberschuß) (in %).

< 1 Jahr

0 bis 5

5 bis 10

10 bis 15

> 15 Jahre

Gesamt

1895

-1,11

-1,09

+0,16

+0,35

+3,33

+2,75

1900

-2,06

-2,93

+0,23

+0,29

+3,60

+1,19

1905

-2,25

-3,33

+0,14

+0,52

+3,20

+0,53

1910

-0,89

-0,71

-0,16

+0,30

+3,17

+2,60


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (1900), S. 14f., Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 14f., (1911), S. 22f. und (1916), S. 26f.

Die vergleichsweise hohe Fluktuation der Männer deutet auf ein erhebliches Ausmaß saisonaler Wanderungsvorgänge hin, die zu temporären Wohnsitzverlagerungen führten.

↓418

Die saisonalen Schwankungen der Migration untersuchte Langewiesche u.a. am Beispiel des Berliner Stadtgebietes.379 Er konnte zwei Wanderungsspitzen im April und Oktober nachweisen, denen ein äußerst geringes Wanderungsaufkommen in den Sommer- und Wintermonaten gegenüberstand. Er kam zu folgender Erklärung:

„Die Wanderungsgipfel im April und Oktober haben bereits Heberle und Meyer als Zug zu den Arbeitsplätzen bzw. zu den Winterquartieren interpretiert. Insbesondere die im Frühjahr beginnende Bautätigkeit in den Städten zog Arbeitskräfte an, die im Herbst dann zum erheblichen Teil wieder die Städte verließen. Umgekehrt setzte im Herbst, wenn die ländliche Arbeitssaison endete und die Arbeitslosenziffer im Agrarbereich anstieg, ein starker Rückfluß von Arbeitskräften in die Städte ein.“380

↓419

Abb. 78: Saisonale Wanderungsschwankungen: in Mobilitätskennziffern.

Quelle: Langewiesche (1977), S. 16.

Das saisonale Arbeitsplatzangebot führte zu einem regen Bevölkerungsaustausch zwischen Stadt und Umland. Während die einen im Frühjahr auf der Suche nach Arbeit in die Städte strömten, kehrten die anderen der Stadt den Rücken, um über den Sommer ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft zu verdingen.

Die Aussagen müssen sich allerdings auf externe Beobachtungen stützen. Die Korrelation von beruflicher Differenzierung und saisonalem Wanderungsvolumen kann für Berlin nicht nachgeprüft werden, da das entsprechende statistische Material fehlt. So existiert zwar eine Aufstellung der Migranten nach Berufsgruppen, diese ist jedoch nicht nach Monaten differenziert.381 Es ist außerdem nicht möglich, eine Verbindungslinie zwischen der Häufigkeit eines Wohnsitzwechsels und der Herkunftsregion zu ziehen, um zu klären, welche Entfernungen bei saisonalen Wanderungen tatsächlich zurückgelegt wurden. Nach wie vor bleibt „ein reiches Feld für sozialhistorische Lokalstudien.“382

III.4.1.4 Herkunftsgebiete

↓420

Vor einer Analyse der räumlichen Strukturen der Zuwanderung sei auf einige grundlegende Restriktionen verwiesen:

Die amtlichen Bevölkerungs-Aufnahmen erlauben eine räumliche Differenzierung der Bevölkerung nach Provinzen (Preußen), Teilstaaten bzw. dem Geburtsland außerhalb des Deutschen Reiches.383 Für die Jahre 1895, 1900 und 1905 stehen vertiefende Angaben zum Geschlecht der Migranten zur Verfügung. Es bietet sich an, die Betrachtung auf diese drei Erhebungsjahre zu konzentrieren.

↓421

Berechnet man für die drei Erhebungsjahre einen Durchschnittswert, ergibt sich für den Stadtteil Wed ding/Gesund brunnen das in Abb. 79 dargestellte Verteilungsmuster. Mit 22,7% dominierte der Regierungsbezirk Potsdam, d.h. die Zuwanderung aus der unmittelbaren Umgebung. Deutlich dahinter folgten der Regierungsbezirk Frankfurt a/O mit 13,1% sowie die Provinzen Pommern (13,0%) und Schlesien (11,3%). Anteile von über 5% stellten darüber hinaus Ostpreußen (8,4%), Posen (7,6%), Sachsen (Prov.) (6,7%) und Westpreußen (5,8%). Eine klare Ausrichtung des Einzugsgebietes nach Osten ist erkennbar. Abgesehen von Schlesien (47,5%) und Sachsen (Prov.) (50,0%) lagen in allen relevanten Herkunftsregionen die Anteile der Frauen über denen der Männer. Dies entspricht dem erhöhten Anteil auswärts geborener Frauen in der Gesamtbevölkerung.

Die Situation des Untersuchungsgebietes wich nur im Detail von den Gesamt-Berli ner Durchschnittswerten ab (vgl. Abb. 80). Auffällig sind die um mehr als 5% bzw. 2% höheren Anteile des Regierungsbezirkes Potsdam und der Provinz Pommern innerhalb des Weddings. Während ersteres auf die Stadtrandlage und eine damit verbundene intensive Austauschbewegung mit den Vororten schließen läßt,384 muß die überdurchschnittliche Bedeutung Pommerns auf das Eisenbahnnetz und die Nähe des Weddings zum Stettiner Bahnhof zurückgeführt werden, der für die Mehrzahl der Neuankömmlinge aus dem Pommerschen zum Ausgangspunkt ihres Aufenthaltes in Berlin wurde.

Neben den Abweichungen zwischen den Herkunftsgebieten fallen schließlich die generell höheren Frauenanteile in Gesamt-Berlin auf - ein erneuter Hinweis auf die vergleichsweise schwache Ausprägung häuslicher Dienste in der Wirtschaftsstruktur des Weddings.

↓422

Abb. 79: Wohnbevölkerung des Wedding/Gesundbrunnen. Herkunftsgebiete der Auswärtsgeborenen nach dem Geschlecht. Durchschnitt der Bevölkerungs-Aufnahmen von 1895, 1900 und 1905.

Abb. 80: Wohnbevölkerung von Gesamt-Berlin. Herkunftsgebiete der Auswärtsgeborenen nach dem Geschlecht. Durchschnitt der Bevölkerungs-Aufnahmen von 1895, 1900 und 1905.

Die Ergebnisse aus den kirchlichen Trauregistern entsprechen im Grundsatz der amtlichen Statistik (vgl. Abb. 81). Bei einem Vergleich der Zahlen ist eine Verschiebung in Abhängigkeit von der Entfernung zu erkennen. Während in den Kirchenbüchern die von Berlin entferntesten Provinzen (Ostpreußen +1,7%, Westpreußen +1,9%, Posen +1,1% und Schlesien +1,4%) überrepräsentiert sind, liegen die Werte der benachbarten Gebietseinheiten deutlich unter den Zahlen der amtlichen Statistik. Dies gilt für die Regierungsbezirke Potsdam (-4,4%) und Frankfurt a/O (-1,1%) ebenso wie für die Provinzen Pommern (-0,4%) und Sachsen (Prov.) (-1,1%). Möglicherweise kehrte ein größerer Teil der Personen aus dem Umland zum Vollzug der Eheschließung an den Heimatort zurück.

↓423

Im Widerspruch zu den Volkszählungsergebnissen steht der Frauenanteil, der abgesehen von Ost- und Westpreußen unter 50% blieb. Eine Erklärung liefert Tab. 98, S. 306. Die höheren Anteile der auswärts geborenen Frauen in der Einwohnerschaft resultierten aus der längeren Verweildauer. Entscheidend war die Gruppe der Frauen, deren Zuzug bereits mehr als 15 Jahre zurücklag. Bedenkt man, daß die 20-24jährigen die Hauptgruppe der Migranten stellten, fällt der Frauenüberschuß hauptsächlich in die Altersklassen ab 35, während bei den unter 30jährigen - und damit im bevorzugten Heiratsalter - die Männer überwogen.

Die ebenfalls in Abb. 81 dargestellte Verteilung der Wanderungsbewegungen nach Fünfjahresklassen zeigt eine sehr konstante Entwicklung. In den meisten Gebietseinheiten blieben die Abweichungen zwischen der Zeit vor und nach 1900 minimal. Lediglich für Posen, Westpreußen und das Königreich Sachsen war der Schwerpunkt in die Jahre nach der Jahrhundertwende verschoben.

Der komplexe Informationsgehalt der Kirchenbücher erlaubt im Gegensatz zur amtlichen Statistik eine weitere inhaltliche Differenzierung (vgl. Abb. 82). Stellt man die Anteile in den sieben für die Zuwanderung relevantesten Provinzen nach Regierungsbezirken dar, läßt sich eine Präzisierung der Herkunftsstruktur vornehmen. Außerhalb von Brandenburg konzentrierte sich die absolute Zahl der Migranten auf fünf Bezirke mit Anteilen von mehr als 5%: Stettin, Köslin, Marienwerder, Posen und Breslau. Von untergeordneter Bedeutung blieben dagegen Stralsund, Allenstein, Magdeburg und Erfurt.

↓424

Abb. 81: Herkunft der Eheleute I - Wedding 1885-1914 nach dem Wohnsitz des Vaters zum Zeitpunkt der kirchlichen Eheschließung.

Abb. 82: Herkunft der Eheleute II - Wedding 1885-1914 nach Regierungsbezirken, Einwohnergrößenklassen und der Konfession.

In den Kreisdiagrammen ist die Größenverteilung der Herkunftsorte erfaßt (vgl. Abb. 82). Markante Unterschiede werden sichtbar. Den höchsten Anteil von Ortschaften unter 500 Einwohnern stellte der Regierungsbezirk Gumbinnen in Ostpreußen. 62,1% der aus diesem Bezirk Zugewanderten lebten zuvor - wenn man den Wohnsitz des Vaters bei der Hochzeit zugrunde legt - in Orten der kleinsten Größenklasse. Deutlich dahinter folgten Königsberg mit 41,1%, Breslau mit 37,2% und Köslin mit 36,3%.

↓425

Eine vollkommen gegensätzliche Situation offenbarte der Regierungsbezirk Danzig. Hier stellten die beiden Städte mit über 50.000 Einwohnern - Danzig und Elbing - fast die Hälfte des Wanderungsaufkommens. Die schwache Ausprägung von Zuwanderern aus kleineren Ortschaften könnte darauf zurückzuführen sein, daß die beiden Städte mit ihrem hohen Industrialisierungsgrad selbst als Wanderungsziele in Erscheinung traten und das Migrationspotential aus den umgebenden ländlichen Gebieten absorbierten. Stellvertretend für die Bedeutung des Wirtschaftsstandortes steht die 1837 gegründete „Maschinenbauanstalt F. Schichau“ mit ihren Werftkomplexen in Elbing und Danzig.385

Tab. 99: Wedding. Größe der Herkunftsorte der auswärts geborenen Eheleute nach dem Wohnort des Vaters zum Zeitpunkt der Eheschließung 1885-1914 (in %).

Einwohner

Anteil

(in %)

0-499

ca. 25

500-999

ca. 13

1.000-4.999

ca. 22

5.000-19.999

ca. 18

20.000-49.999

ca. 10

50.000-99.999

ca. 4

>=100.000

ca. 8


Quelle: Eigene Berechnungen nach evang. und kath. Kirchenbüchern des Wedding.

Faßt man die Gesamtzahl der Auswärtsgeborenen zusammen und berechnet daraus die Anteile der Einwohnergrößenklassen ergibt sich ein ungefähres Bild der Größenverteilung. Die Zuwanderung erfolgte nach den kirchlichen Trauregistern zum überwiegenden Teil aus ländlichen Gebieten. Ca. 60% kamen aus Orten unter 5.000 Einwohnern, wobei die Ortschaften unter 500 Einwohnern mit 25% den höchsten Anteil stellten. Dem stehen etwa 12% aus Städten mit über 50.000 Einwohnern gegenüber.

↓426

Als dritte Informationsebene sind die Herkunftsgebiete der auswärts geborenen Katholiken dargestellt. Klammert man die Gebietseinheiten ohne Schraffur aus, in denen die Anteile an der Gesamtzahl der Katholiken im Untersuchungsgebiet einen Wert von unter einem Prozentpunkt annahmen, wird eine starke räumliche Konzentration sichtbar. Allein die Regierungsbezirke Posen (17,8%), Marienwerder (12,6%) und Oppeln (11,8%) stellten zusammen über 40%. Rechnet man Breslau (9,3%), Königsberg (8,7%), Bromberg (5,8%) und Danzig (5,6%) hinzu, ist bereits die Marke von 70% überschritten. Herkunftsgebiet und konfessionelle Prägung der Migranten waren aufs engste miteinander verbunden.

Direkte Rückschlüsse auf die wichtigste nichtdeutsche Sprachgruppe des Weddings - die Polen - erlauben die Werte allerdings nicht. In ihrer Untersuchung über die polnische Bevölkerungsgruppe des Weddings griff Behlen auf die Ergebnisse der Muttersprachenbefragung in den Volkszählungen zurück.386 Demnach lebten im Wedding 1890: 858, 1900: 1.460, 1905: 2.113 und 1910: 3.005 polnischsprachige Personen. Dies entspricht Anteilen von 0,9%, 1,1%, 1,2% bzw. 1,3% an der Gesamtbevölkerung bzw. von über 80% an den fremdsprachigen Einwohnern.387

Da die amtlichen Zahlen eine weitere Untergliederung nach Provinzen oder Landkreisen nicht vornahmen, wertete Behlen die Kirchenbücher der katholischen St. Sebastiangemeinde aus, in denen Trauungen in polnischer Sprache gesondert vermerkt wurden. Sie stufte „die Gruppe der polnischen Getrauten als ‚sichersten‘ Indikator des polnischen Elements im Wedding“ ein und errechnete einen Anteil von 4,68% polnischer Trauungen an der Gesamtzahl der Eheschließungen in St. Sebastian.388

↓427

Von den absolut 109 Paaren übertrug Behlen den Wohnsitz des Vaters in eine nach Landkreisen gegliederte Karte ohne die Häufigkeit der Nennungen zu berücksichtigen. Das Ergebnis „zeigt ein sich für den Raum Posen sowie den ‚Korridor‘ ergebendes zusammenhängendes Herkunftsgebiet der polnischstämmigen Eheleute bzw. ihrer Familien.“389 Das Gebiet ist annähernd deckungsgleich mit den Regierungsbezirken Posen, Bromberg und Marienwerder. Der hohe polnische Bevölkerungsanteil Oberschlesiens ist zumindest anhand der Trauungen in polnischer Sprache nicht nachzuweisen.390

III.4.1.5 Sozioökonomische Situation

Die sozioökonomische Situation der Migranten beschreiben für Gesamt-Berlin die Zahlen des Statistischen Jahrbuches der Stadt Berlin. Für die Jahrgänge 1886 bis 1910 stehen vergleichbare Angaben zur Verfügung.391 Faßt man für diesen Zeitraum die Werte nach Berufsgruppen zusammen, ergibt sich folgende Verteilung:

Tab. 100: Berufliche Tätigkeit der Zu- und Abgewanderten in Gesamt-Berlin 1886-1910 und die Fluktuation je Berufsgruppe (in %). (Rangfolge nach den Anteilen der „Zuwanderer“).

Zuwanderer

Abwanderer

Fluktu-ation 1)

abs.

in %

abs.

in %

 

Häusliche Dienste

1.309.217

23,4

948.917

21,6

72,5

Arbeiter ohne nähere Angaben

644.727

11,5

473.228

10,8

73,4

Handel

549.680

9,8

462.554

10,5

84,1

Ohne Beruf und Berufsangabe

515.674

9,2

476.602

10,8

92,4

Öffentlicher Dienst

424.232

7,6

367.904

8,4

86,7

Bekleidung, Reinigung

390.201

7,0

272.019

6,2

69,7

Metallverarbeitung, Maschinenbau

306.919

5,5

246.035

5,6

80,2

Baugewerbe

281.413

5,0

232.915

5,3

82,8

Nahrungsmittel

274.047

4,9

160.090

3,6

58,4

Berufsvorbereitung

196.523

3,5

197.382

4,5

100,4

Gastwirtschaft

162.191

2,9

125.904

2,9

77,6

Holz- und Schnitzstoffe

145.714

2,6

115.536

2,6

79,3

Papier und Leder

66.538

1,2

53.701

1,2

80,7

Polygraphisches Gewerbe

65.821

1,2

60.213

1,4

91,5

Rentiers, Pensionäre

61.521

1,1

50.931

1,2

82,8

Landbau, Gärtnerei, Fischerei

54.296

1,0

40.730

0,9

75,0

Sonstige Gewerbe

44.921

0,8

33.456

0,8

74,5

Verkehr

36.701

0,7

29.925

0,7

81,5

Bergbau, Steine, Erden

25.892

0,5

19.756

0,4

76,3

Chemische Industrie

16.471

0,3

14.775

0,3

89,7

Textilindustrie

18.763

0,3

13.724

0,3

73,1

Gesamt

5.591.462

100,0

4.396.297

100,0

78,6


1) Anzahl der Abwanderer auf 100 Zuwanderer.

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

↓428

Die mit Abstand größte Gruppe unter den von außen Zugewanderten stellte das Dienstpersonal mit 23,4%. Dahinter folgten die Arbeiter ohne nähere Angaben, das Handelsgewerbe sowie der gesamte Personenkreis ohne Beruf und Berufsangabe. Diese vier Kategorien dominierten in gleichem Maße auch das Abwanderungsgeschehen.

Äußerst aufschlußreich ist ein Blick auf die branchenspezifische Fluktuation. Legt man den Quotient aus Ab- und Zuwanderung zugrunde, erreichte die Rubrik „Berufsvorbereitung“ mit 100,4% den höchsten Wert aller erfaßten Kategorien. Mehr Schüler, Studenten, Lehrlinge und sonstige Auszubildende verließen das Berliner Stadtgebiet, als im Gegenzug von außen neu hinzu kamen. Sehr geringe Wanderungsgewinne verzeichnete die Stadt Berlin darüber hinaus bei den Personen ohne Beruf und Berufsangabe (92,4%), im Polygraphischen Gewerbe (91,5%), in der Chemischen Industrie (89,7%) und im Öffentlichen Dienst (86,7%).

Dagegen wiesen der Nahrungsmittelsektor, das Bekleidungsgewerbe und die Häuslichen Dienste die geringsten Abwanderungsquoten auf. So kamen im Bereich Nahrungs- und Genußmittel auf 100 Zuwanderer gerade einmal 58 Personen, die das Stadtgebiet verließen.

↓429

Tab. 101: Wanderungsbewegungen Gesamt-Berlin. Verhältnis von „Selbsttätigen“ (S) und „Angehörigen“ (A) 1886-1910. (Rangfolge nach dem Angehörigenanteil (A/S) unter den Zuwanderern, in %).

Zuwandernde

Abwandernde

Selbst-tätige

Ange-hörige

%

(A/S)

Selbst-tätige

Ange-hörige

%

(A/S)

Ohne Beruf und Berufsangabe

322.330

193.344

60,0

316.432

160.170

50,6

Verkehr

26.227

10.474

39,9

19.789

10.136

51,2

Rentiers, Pensionäre

44.985

16.536

36,8

37.328

13.603

36,4

Arbeiter ohne nähere Angaben

528.271

116.456

22,0

382.109

91.119

23,8

Öffentlicher Dienst

352.157

72.075

20,5

294.100

73.804

25,1

Sonstige Gewerbe

37.315

7.606

20,4

26.986

6.470

24,0

Holz- und Schnitzstoffe

121.256

24.458

20,2

88.567

26.969

30,5

Textilindustrie

15.618

3.145

20,1

11.000

2.724

24,8

Landbau, Gärtnerei, Fischerei

45.310

8.986

19,8

33.853

6.877

20,3

Handel

461.031

88.649

19,2

375.387

87.167

23,2

Bergbau, Steine, Erden

21.804

4.088

18,7

16.411

3.345

20,4

Gastwirtschaft

137.770

24.421

17,7

103.955

21.949

21,1

Polygraphisches Gewerbe

56.365

9.456

16,8

48.019

12.194

25,4

Chemische Industrie

14.213

2.258

15,9

12.612

2.163

17,2

Metallverarbeitung, Maschinenbau

264.980

41.939

15,8

199.897

46.138

23,1

Papier und Leder

58.077

8.461

14,6

44.185

9.516

21,5

Baugewerbe

245.551

35.862

14,6

199.358

33.557

16,8

Bekleidung, Reinigung

350.835

39.366

11,2

239.240

32.779

13,7

Nahrungsmittel

251.712

22.335

8,9

140.186

19.904

14,2

Berufsvorbereitung

192.332

4.191

2,2

195.014

2.368

1,2

Häusliche Dienste

1.283.781

25.436

2,0

919.402

29.515

3,2

Gesamt

4.831.920

759.542

15,7

3.703.830

692.467

18,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Die amtlichen Zahlen ermöglichen eine weitere Differenzierung nach Selbsttätigen und Angehörigen (vgl. Tab. 101). Aus diesen Angaben läßt sich ableiten, im welchem Ausmaß das Wanderungsgeschehen in den jeweiligen Wirtschaftszweigen von Erwerbstätigen oder Familienangehörigen ohne eigenem Auskommen bestimmt wurde.

Nach dieser Aufstellung erreichte der Anteil der Erwerbstätigen unter den Zuwanderern bei den Häuslichen Diensten, den in der Ausbildung Befindlichen und dem Nahrungsmittelgewerbe die höchsten Anteile. Die meisten „Angehörigen“ verzeichneten dagegen die Rubrik „Ohne Beruf und Berufsangabe“, das Verkehrsgewerbe und die Rentiers/Pensionäre.

↓430

Es fällt auf, daß abgesehen von drei Kategorien der Auflistung („Rentiers/Pensionäre“, „Berufsvorbereitung“ und „Ohne Beruf und Berufsangabe“) in allen Branchen unter den Abwanderern ein höherer Angehörigenanteil auftrat, als unter den Zuwanderern. Die Werte deuten auf einen Zusammenhang von Familiengründung und Abwanderung hin.

Für das Untersuchungsgebiet muß erneut auf die Angaben der kirchlichen Trauregister zurückgegriffen werden. Fundierte Aussagen zur beruflichen Situation können allein für die Bräutigame getroffen werden. Differenziert man nach dem Wohnsitz des Vaters zum Zeitpunkt der Eheschließung zwischen Berlinern und Auswärtigen, werden deutliche Unterschiede in der Beschäftigtenstatistik sichtbar (vgl. Tab. 102). Während die Nahrungs- und Genußmittelindustrie, das Bekleidungsgewerbe und die Lohnarbeit wechselnder Art bei den Auswärtigen überwogen, blieben im Gegenzug das Polygraphische Gewerbe, der Bereich „Handel und Versicherungen“, die Sammelkategorie „Fabrikanten, Fabrikarbeiter, etc.“ sowie die Metallverarbeitung und der Maschinenbau unterrepräsentiert.

Handwerkliche Berufe und Tätigkeiten ohne Vorbildung kennzeichneten die Branchenstruktur der Zuwanderer. Die industrielle Facharbeiterschaft rekrutierte sich dagegen zum überwiegenden Teil aus ortsansässigen Personen. In vielen Fällen dürfte es sich hierbei um die zweite Generation von Migranten gehandelt haben, d.h. um gebürtige Berliner, deren Eltern einstmals von außerhalb zuwanderten. Eine vertiefende Untersuchung wäre in diesem Zusammenhang der terminologische Schritt vom „Arbeiter“ zum „Fabrikarbeiter“ wert. Die unter den Ortsansässigen weiter verbreitete Zuspitzung auf eine rein industrielle Tätigkeit deutet auf eine unterschiedliche Wahrnehmung der eigenen Situation im Sinne eines möglichen Klassenbewußtseins hin.

↓431

Tab. 102: Wedding. Beschäftigtenanteile der von außerhalb zugewanderten Bräutigame im Vergleich zu den Ortsansässigen 1885-1914 (in %). (Rangfolge nach der Differenz).

Aus-wärtige

Orts-ansässige

Differenz

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

5,4

2,1

+3,3

Bekleidungsgewerbe

4,7

2,1

+2,6

Lohnarbeit wechselnde Art

23,0

21,3

+1,7

Baugewerbe

7,9

6,9

+1,0

Gast- und Schankwirtschaft

1,6

0,9

+0,7

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

4,2

3,7

+0,5

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

4,0

3,5

+0,5

Landwirtschaft, Forst, Fischerei

0,8

0,4

+0,4

Häusliche Dienste

0,3

0,1

+0,2

Dienstleistungen allgemein

2,9

2,8

+0,1

Reinigungsgewerbe

1,0

0,9

+0,1

Ohne Beruf und Berufsangabe

0,5

0,4

+0,1

Chemische Industrie

0,2

0,2

0,0

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen

0,2

0,2

0,0

Textilindustrie

0,1

0,1

0,0

Papierindustrie

0,2

0,4

-0,2

Lederindustrie und Industrie lederartiger Stoffe

1,2

1,6

-0,4

Künstlerische Gewerbe

0,2

0,6

-0,4

Industrie der Steine und Erden

0,7

1,3

-0,6

Verkehrsgewerbe

11,8

12,6

-0,8

Metallverarbeitung, Maschinenbau

17,1

18,4

-1,3

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

6,5

8,8

-2,3

Handel, Versicherung

4,8

7,2

-2,4

Polygraphische Gewerbe

0,7

3,4

-2,7

Gesamt

100,0

100,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Errechnet man auf Grundlage der Schüren-Klassifikation einen durchschnittlichen sozialen Status von Vater und Sohn auf einer Skala von 1 (Untere Unterschicht) bis 6 (Oberschicht), zeigen sich ebenfalls deutlich Unterschiede zwischen Zugewanderten und Ortsansässigen (vgl. Tab. 103). Bei den Migranten lag die Differenz im intergenerativen Vergleich mit -0,25 Punkten fast doppelt so hoch wie bei den wohnhaften Berlinern. Während der soziale Status der zugewanderten Söhne leicht unter dem Niveau der Ortsansässigen verblieb, lagen die Werte ihrer Väter deutlich darüber. Die Großstadt entfaltete offensichtlich eine nivellierende Tendenz zwischen den Generationen, die sich vor allem in einem niedrigeren sozialen Status der Väter manifestierte.

Tab. 103: Durchschnittlicher sozialer Status der zugewanderten und ortsansässigen Bräutigame im Vergleich zu den Vätern 1885-1914. (1 = Untere Unterschicht, 6 = Oberschicht).

Sohn

Vater

Differenz

Auswärtige

2,59

2,84

-0,25

Berliner

2,63

2,76

-0,13


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓432

Schließlich offenbart die Statistik eine auffällige regionale Komponente. Von den sieben preußischen Provinzen mit dem höchsten Wanderungsaufkommen wiesen die Ehemänner aus Posen, Ostpreußen und Pommern den niedrigsten sozialen Status auf. Dagegen lagen die Werte in Sachsen, Brandenburg und Schlesien am höchsten. Im intergenerativen Vergleich schnitten die Migranten aus den Provinzen Posen, Ostpreußen und Schlesien am schlechtesten, die Zuwanderer aus Brandenburg und Westpreußen am besten ab. Offen muß allerdings die Frage nach den genauen Ursachen bleiben. Die berufliche Stellung des Vaters läßt keine unmittelbaren Rückschlüsse zu. Ein Blick auf die konkrete Situation in den jeweiligen Herkunftsgebieten wäre notwendig.

Tab. 104: Durchschnittlicher sozialer Status der Zugewanderten nach Provinzen. 1885-1914. (1 = Untere Unterschicht, 6 = Oberschicht).

Sohn

Vater

Differenz

Brandenburg

2,63

2,74

-0,11

Ostpreußen

2,40

2,77

-0,37

Pommern

2,42

2,66

-0,24

Posen

2,39

2,92

-0,53

Sachsen

2,85

3,10

-0,25

Schlesien

2,57

2,93

-0,36

Westpreußen

2,49

2,64

-0,15


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

III.4.1.6 Migrationsnetzwerke

Seit den Migrationsgesetzen von E. Ravenstein (1885/89)392 brachte die systematische Auseinandersetzung mit Wanderungsvorgängen eine kaum mehr zu überschauende Anzahl theoretischer Erklärungsansätze hervor.393 Standen zunächst makroanalytische Modelltypen im Vordergrund, die anhand der Distanz (Gravitations- oder Distanzmodelle) oder abweichender sozioökonomischer Verhältnisse (Push-pull-Modelle) auf das Ausmaß von Wanderungsströmen schlossen, rückte seit den 1970er Jahren das Individuum stärker in den Mittelpunkt. An die Stelle des über vollständige Informationen verfügenden und wirtschaftlich optimal handelnden homo oeconomicus trat die Einsicht in die Bedeutung persönlich, subjektiver Entscheidungen. Nicht die „objektiven“ Merkmale des Herkunfts- oder Zielgebietes, sondern die individuellen aus einer eingeschränkten Wahrnehmung resultierenden Bewertungen derselben in Verbindung mit den auf jede Einzelperson wirkenden äußeren Zwängen (constraints) - u.a. Zeit, Geld, Umweltfaktoren, das soziale und kulturelle Umfeld - wurden nun zur Erklärung von Wanderungsbewegungen herangezogen.

↓433

Die Fokussierung auf individuelle Entscheidungsprozesse stellt die historische Migrationsforschung vor erhebliche empirische Schwierigkeiten. Die amtliche Statistik bietet trotz der enormen Fortschritte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keinen geeigneten Ansatzpunkt. Die aggregierten Daten betrachteten das Wanderungsgeschehen aus einer übergeordneten Perspektive. Der Einzelne wurde zum Teil eines größeren Ganzen reduziert.

„Man glaubte, durch das Verordnen der Kriterien zur Erfassung des ‚demographischen Geschehens‘ die subjektiven Erfahrungswelten der Einzelnen ausschalten und im Sinn eines Glaubens an die vermeintliche Objektivität der Wissenschaft verlässliche Fakten schaffen zu können.“394

↓434

Schriftliche Zeugnisse von Migranten, die über konkrete Motive Auskunft geben könnten, liegen nur in Ausnahmefällen vor und erlauben keine allgemeingültigen Aussagen. Auch die direkte Befragung von Probanden in Form einer Oral history scheidet für das Kaiserreich mittlerweile aus.

Die eingeschränkte Quellenlage führt in den meisten Untersuchungen dazu, die Auseinandersetzung mit dem auslösenden Momentum historischer Land-Stadt-Wanderungen nicht auf einer individuellen Ebene zu führen, sondern sich auf sozioökonomische Gesichtspunkte und den vagen Begriff der Armut im Sinne der „klassischen“ Push-pull-Konzeption zurückzuziehen. Der Schritt zum Verlassen des Heimatdorfes erscheint als unabänderliche Konsequenz und impliziert bei der Wahl des Zielortes eine Art Automatismus angesichts der Größe des zu beobachtenden Wanderungsvolumens.

Auf die Problematik dieses Denkansatzes verweist Kromer. Er richtet seine theoretischen Überlegungen ganz auf den Entscheidungsfindungsprozeß potentieller Migranten und kommt zu einem relativierenden Ergebnis.

↓435

„Erst Informationen über andere Regionen, soweit sie zu steigenden Erwartungen führen, schaffen überhaupt einen Begriff von Armut bzw. die Grundlage zur Bewertung der eigenen Situation.“395

Nicht die Höhe eines Einkommens an sich, sondern die Verfügbarkeit von Vergleichsmöglichkeiten und die darauf beruhende individuelle Einschätzung der eigenen Lage wird zum entscheidenden Kriterium für den Entschluß zur Abwanderung. Die Kommunikation zwischen ländlichen Regionen und der Großstadt wird zur conditio sine qua non. Nicht die Ärmsten wanderten ab, sondern diejenigen mit den besten Kommunikationsverbindungen. Kein Automatismus lenkte die Migranten an einen bestimmten Zielort, sondern bereits früher abgewanderte Personen. Sie - die „Propagandisten der Großstadt“ - versorgten die am Heimatort zurückgebliebenen mit den nötigen Informationen und markierten den Endpunkt der Zuwanderung. Dies unterstreicht Parnreiter, der Kommunikationsnetzwerken einen selbstverstärkenden und selektierenden Effekt zuschreibt:

↓436

„Elemente wie steigende Information über das Zielgebiet, sinkende Migrationskosten oder abnehmende Risiken üben ab einem gewissen Punkt einer Wanderung einen eigenständigen Stimulus aus, der die Migration in Gang hält. Netzwerke spielen eine wichtige Rolle bei der Integration in das Zielland, und sie üben über die (zwangsläufig selektive) Bereitstellung von Informationen über Wanderungsmöglichkeiten und über das Zielland eine doppelte Auswahlfunktion aus. Einerseits werden manche der potentiellen MigrantInnen mit mehr Informationen versorgt, was als Abwanderungsanreiz wirkt, andererseits wird durch die informationsspendende Person sowohl räumliche wie berufliche Orientierung vorbestimmt.“396

Die personenbezogenen Angaben der kirchlichen Trauregister ermöglichen eine empirische Überprüfung. Zwei sich gegenseitig bedingende Hypothesen sind zugrundezulegen:

↓437

  1. Der ungleichen räumlichen Verteilung der Migranten zwischen den Provinzen und Regierungsbezirken entspricht eine starke Differenzierung auf lokaler Ebene. Einzelne Ortschaften resp. Familien aus bestimmten Dörfern sind aufgrund der selektiven Informationsströme überdurchschnittlich häufig in den Weddinger Kirchenbüchern nachzuweisen.
  2. Innerhalb des Weddings liegen die Wohnsitze der aus einer Region Zugewanderten in relativer Nähe zueinander. Bereits früher abgewanderte Personen wurden zur Anlaufstelle von Neuankömmlingen aus der gleichen Region.

Die sicherste Rekonstruktion von Kommunikationsnetzwerken erlauben kleinere Ortschaften mit einer möglichst großen Entfernung zum Zielgebiet. In diesem Fall ist anzunehmen, daß sich die meisten Personen eines Ortes untereinander kannten und der daraus resultierende siedlungs- bzw. familieninterne Informationsaustausch zu lokal begrenzten Wanderungsentscheidungen führte.

Die Auswertung der kirchlichen Heiratsregister konzentrierte sich daher zunächst auf Ortschaften von unter 500 Einwohnern in den fünf östlichen preußischen Provinzen - Pommern, Posen, Schlesien, West- und Ostpreußen. Zieht man diejenigen ab, die nach dem Tod des Ehepartners oder einer Scheidung erneut heirateten, lassen sich maximal neun Personen aus demselben Ort nachweisen:

↓438

Tab. 105: Ortschaften unter 500 Einwohner mit der höchsten Anzahl von Heiratenden in den Kirchengemeinden des Weddings (Provinzen: Pommern, Posen, Schlesien, West- und Ostpreußen) nach dem Wohnsitz des Vaters zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung 1885-1914 (abs.).

Anz.

Ort

Ein-wohner

Landkreis

Regierungs-bezirk

Provinz

9

Backen (Nieder und Ober)

158

Guhrau

Breslau

Schlesien

9

Bienau

384

Osterode Ostpr.

Allenstein

Ostpreußen

9

Schmolainen

475

Heilsberg

Königsberg i/Pr

Ostpreußen

8

Fernheide

258

Schlochau

Marienwerder

Westpreußen

8

Morgenstern

419

Bütow

Köslin

Pommern

8

Wikoline

203

Guhrau

Breslau

Schlesien

7

Krumfließ

468

Deutsch Krone

Marienwerder

Westpreußen

7

Stecklin

388

Greifenhagen

Stettin

Pommern

6

Gabel

416

Guhrau

Breslau

Schlesien

6

Kehrberg

337

Greifenhagen

Stettin

Pommern

6

Krekollen

483

Heilsberg

Königsberg i/Pr

Ostpreußen

6

Wobeser

417

Rummelsburg

Köslin

Pommern

5

Bussin

336

Schlawe

Köslin

Pommern

5

Dolgen

434

Dramburg

Köslin

Pommern

5

Eisemost

251

Lüben

Liegnitz

Schlesien

5

Kaisertreu (fr. Podgradowitz)

165

Bomst

Posen

Posen

5

Klein Strenz

151

Wohlau

Breslau

Schlesien

5

Ober Dammer

158

Steinau

Breslau

Schlesien

5

Postelau

405

Dirschau

Danzig

Westpreußen

5

Schillgallen

223

Stallupönen

Gumbinnen

Ostpreußen

5

Schmalleningken

139

Ragnit

Gumbinnen

Ostpreußen

5

Woidnig

295

Guhrau

Breslau

Schlesien

5

Ziegnitz

335

Schlawe

Köslin

Pommern


Quelle: Eigene Erhebung nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings. Einwohnerzahlen nach Uetrecht (1912/1913)

Die Maximalzahl von neun Personen ist angesichts der Größe der betrachteten Orte und der Tatsache, daß nur Heiratende in den ohnehin sehr lückenhaften Trauregistern erfaßt sind, als sehr hoch einzustufen. Hinter den Zahlen dürfte sich - wenn auch nicht zwangsläufig - ein noch größerer Personenkreis aus den jeweiligen Ortschaften verbergen.

Die hohen Werte der bezeichneten Orte sind in den meisten Fällen auf einzelne Familien zurückzuführen. Die tabellarische Übersicht erfaßt die Zahl der anhand des Vaters und Familiennamens als direkte Angehörige identifizierten Personen.397

↓439

Tab. 106: Ortschaften unter 500 Einwohner mit der höchsten Anzahl von Heiratenden in den Kirchengemeinden des Weddings. Zahl der Personen je Familie sowie die Anzahl der Hochzeiten von Personen aus derselben Ortschaft untereinander (HZ).

Anz.

Ort

Personen je Familie

HZ

9

Backen (Nieder und Ober)

1

1

1

1

1

1

1

1

1

0

9

Bienau

3

2

1

1

1

1

-

-

-

3

9

Schmolainen

5

3

1

-

-

-

-

-

-

41)

8

Fernheide

5

1

1

1

-

-

-

-

-

0

8

Morgenstern

4

1

1

1

1

-

-

-

-

3

8

Wikoline

2

1

1

1

1

1

1

-

-

0

7

Krumfließ

3

1

1

1

1

-

-

-

-

2

7

Stecklin

2

1

1

1

1

1

-

-

-

0

6

Gabel

2

1

1

1

1

-

-

-

-

0

6

Kehrberg

2

1

1

1

1

-

-

-

-

1

6

Krekollen

2

1

1

1

1

-

-

-

-

1

6

Wobeser

3

2

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Bussin

4

1

-

-

-

-

-

-

-

0

5

Dolgen

3

1

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Eisemost

1

1

1

1

1

-

-

-

-

0

5

Kaisertreu (fr. Podgradowitz)

3

1

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Klein Strenz

2

1

1

1

-

-

-

-

-

0

5

Ober Dammer

3

1

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Postelau

2

2

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Schillgallen

1

1

1

1

1

-

-

-

-

1

5

Schmalleningken

1

1

1

1

1

-

-

-

-

0

5

Woidnig

2

2

1

-

-

-

-

-

-

0

5

Ziegnitz

2

1

1

1

-

-

-

-

-

0


1) Ein Mann aus Schmolainen heiratete in erster und zweiter Ehe eine Frau aus seinem Heimatort.

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Nur in vier von 23 Fällen ließen sich ausschließlich Einzelpersonen nachweisen (Backen, Eisemost, Schillgallen und Schmalleningken). In allen übrigen Ortschaften waren mindestens zwei bis maximal fünf Geschwister an der Wanderung beteiligt. Die Bedeutung von Hochzeiten unter Personen aus dem gleichen Heimatort variierte im Vergleich dazu erheblich. In Schmolainen waren sieben von neun, in Bienau sechs von neun und in Morgenstern sechs von acht Migranten untereinander verehelicht. In Backen, Fernheide und Wikoline u.a. konnte dagegen keine einzige innerdörfliche Heirat nachgewiesen werden. Unklar bleibt, ob die Wanderung der Eheleute zeitgleich erfolgte, ein Partner nachzog oder erst der gemeinsame Aufenthalt in der Fremde zu einer dauerhaften Lebensgemeinschaft führte. Lediglich in einem Fall (Krumfließ - 08.07.1912 St. Joseph) lebte die Braut bei der Eheschließung noch nachweislich im Herkunftsort.

Das Ergebnis deutet auf eine Verifizierung von Hypothese 1 hin. Zur weiteren Überprüfung ist eine Einordnung der Ortschaften in ihr lokales und regionales Umfeld notwendig. Es stellt sich die Frage nach dem Wanderungsgeschehen in den Nachbarorten. Blieb die Abwanderung lokal auf einzelne Ortschaften beschränkt oder lassen sich ortsübergreifende, regionale Verbindungslinien nachweisen?

↓440

Da eine detaillierte Betrachtung aller 23 Ortschaften an dieser Stelle nicht möglich ist, werden zwei Landkreise - Heilsberg (Ostpreußen) und Guhrau (Schlesien) - exemplarisch herausgegriffen. Sie sind mit zwei bzw. vier Ortschaften in der Auflistung vertreten und stellten je einen Ort mit neun Migranten.

Die Auswahl bildet zugleich die Grundlage für die Auseinandersetzung mit den in Hypothese 2 formulierten Annahmen.

III.4.1.6.a)  Landkreis Heilsberg (Ostpreußen)

Als Teil des Ermlandes beheimatete das Gebiet um Heilsberg eine überwiegend katholische Bevölkerung. Mit insgesamt 196 in den Kirchenbüchern des Weddings nachgewiesenen Migranten stellte der Landkreis den zweithöchsten absoluten Wert aller Kreise der östlichen preußischen Provinzen.398

↓441

Überträgt man die in den Kirchenbüchern angegebenen Wohnorte der Väter zum Zeitpunkt der Eheschließung in eine Karte, wird die räumliche Verteilung im Herkunftsgebiet sichtbar (vgl. Abb. 83). Alle grün unterlegten und freigestellten Ortsnamen sind eindeutig in den Kirchenbüchern des Weddings dokumentiert. Die roten Unterstreichungen markieren dagegen die Ortschaften, die ohne Nachweis blieben. Zu jedem Ort ist in den gelben Kästchen die Gesamtzahl der nachgewiesenen Personen zugeordnet. Die zwei Ortschaften der obigen Auflistung sind zur besseren Erkennung durch eine rote Hintergrundfarbe gekennzeichnet. In Klammern ist für jede Person das Jahr der Hochzeit verzeichnet, d.h. der sicher nachzuweisende Zeitpunkt eines Aufenthaltes im Berliner Norden.

Abb. 83: Herkunftsorte der Migranten aus dem Landkreis Heilsberg.

Kartengrundlage: Karte des Deutschen Reiches 1:100.000 (Blatt 103, Heilsberg, Ausg. 1897) verkleinert.
Quelle: Evang. und kath. Kirchenbücher.

Die farblichen Markierungen belegen eine starke interne Differenzierung des Gebietes. Während im nördlichen, nordöstlichen und südöstlichen Teil des Kartenblattes nur vereinzelte Migrationen zu belegen sind, bildete die Kreisstadt Heilsberg mit dem benachbarten Neuhof den Fokus des Wanderungsgeschehens.399 Allein 44 Personen kamen aus diesen beiden Orten. Ein zweiter - deutlich untergeordneter Schwerpunkt - ist im Südwesten mit den Ortschaften Schmolainen (9), Sternberg (8) und Peterswalde (4) erkennbar.

↓442

Faßt man alle Ansiedlungen mit mindestens einem Migranten zusammen, läßt sich eine geschlossene Fläche von Krekollen im Nordosten bis Schmolainen im Südwesten abgrenzen. Diese Geschlossenheit liefert einen Hinweis auf Kommunikationsverbindungen zwischen den Ortschaften, die zu einer zielgerichteten Abwanderung in den Berliner Norden geführt haben könnten. Einen interessanten Zusammenhang offenbart die blau markierte Kreisgrenze zwischen dem katholischen Heilsberg und den protestantischen Landkreisen Preußisch Eylau und Friedland. Offensichtlich determinierte die konfessionelle Prägung der Bevölkerung die räumliche Ausdehnung des Informationsflusses im Gebiet um Heilsberg.

Das Ergebnis bestätigt nochmals die Annahmen von Hypothese 1. Tatsächlich wiesen einzelne Ortschaften überdurchschnittlich hohe Werte auf, was auf innerdörfliche und familiäre Faktoren zurückzuführen ist. Andererseits zeigt die Darstellung, daß die einzelnen Ortschaften ihrerseits als Teil eines übergeordneten Zusammenhangs zu verstehen sind. Die Orientierung der Migranten resultierte offensichtlich auch aus einem siedlungsübergeifenden Prozeß. Nicht allein die Entscheidungen innerhalb der Ortschaften, sondern in gleichem Maße der Informationsaustausch zwischen benachbarten Siedlungen gab bei aller gebotenen Vorsicht die Zielrichtung einer Wanderung vor.400

Zur Situation im Zielgebiet. Sofern in den Kirchenbüchern der Wohnsitz vermerkt ist, zeigt Abb. 84 die räumliche Verteilung der Migranten aus dem Landkreis Heilsberg innerhalb des Weddings. Eine deutliche Konzentration in den südöstlichen Straßenzügen ist erkennbar. Die Mehrzahl der Personen aus dem Heilsberger Raum hatte zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit ihren Wohnsitz in dem Gebiet Neue Hochstraße, Gerichtstraße, Kolberger Straße, südliche Reinickendorfer Straße, Pankstraße und Kösliner Straße. In den westlichen und nördlichen Neubaugebieten sind Nachweise auf wenige Einzelfälle beschränkt.

↓443

Abb. 84: Wohnsitz der Migranten aus dem Landkreis Heilsberg zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung.

Der Vergleich der Anschriften über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren hinweg läßt nur einen Schluß zu: Die Migranten hatten eine sehr genaue Vorstellung von dem Zielort ihrer Reise. Ein eng begrenztes Gebiet von wenigen Straßenzügen markierte den Endpunkt. Diese augenfällige Konzentration kann nur durch persönliche Bindungen zwischen den Neuankömmlingen und bereits ansässigen Migranten aus der alten Heimat erklärt werden.

Das Wanderungsgeschehen aus dem Landkreis Heilsberg verifiziert die in Hypothese 2 geäußerte Vermutung. Die Wohnstandorte der Migranten zeigten eine Tendenz zur räumlichen Konzentration.

III.4.1.6.b) Landkreis Guhrau (Schlesien)

↓444

Die Region um die Stadt Guhrau stellte in der Auflistung allein vier Ortschaften unter 500 Einwohnern mit fünf und mehr Migranten - Backen, Wikoline, Woidnig, Gabel. Das Darstellungsprinzip ist unverändert (vgl. Abb. 85). Die grüne Markierung steht für einen Nachweis in den Kirchenbüchern des Weddings, die Ziffer in den gelben Kästchen verzeichnet die Anzahl der Migranten, die Klammerangaben listen das Jahr der kirchlichen Trauung auf, während die rote Unterstreichung die Ortschaften ohne Nachweis kennzeichnet.

Im Vergleich zu Heilsberg fällt die wesentlich dichtere Siedlungsstruktur auf. Lediglich die Waldgebiete in der westlichen Hälfte des Kartenblattes parallel zur Oder und am östlichen Kartenrand treten als siedlungsleere Räume in Erscheinung. Die Kreisstadt Guhrau stellte mit 18 Personen die höchste Zahl der Migranten. Eine mit Heilsberg zu vergleichende dominierende Position bedeutete dies allerdings nicht. Das Wanderungsgeschehen verteilte sich wesentlich gleichmäßiger über die dargestellte Fläche. Ein geschlossenes Gebiet von Ortschaften, die mindestens einen Migranten stellten, läßt sich nicht abgrenzen. Dies könnte auf die größere Siedlungsdichte zurückzuführen sein.

Bemerkenswert ist die Lage von Backen, Wikoline und Woidnig. Alle drei Orte der Auflistung befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Ein besserer indirekter Beleg für die siedlungsübergreifende Bedeutung von Kommunikationsnetzwerken läßt sich kaum anführen. Leicht zeitversetzt um 1885 ist der erste Nachweis in den Kirchenbüchern des Weddings zu erbringen. Mehrere Eheschließungen zwischen Migranten aus Ortschaften der Umgebung sind nachzuweisen (u.a. Backen-Wikoline, Woidnig-Backen, Sulkau-Wikoline, Wehrse-Wikoline, Bronau-Woidnig).401

↓445

Abb. 85: Herkunftsorte der Migranten aus dem Landkreis Guhrau.

Kartengrundlage: Karte des Deutschen Reiches 1:100.000 (Blatt 373, Guhrau, Ausg. 1894) verkleinert.
Quelle: Evang. und kath. Kirchenbücher.

Abb. 86: Wohnsitz der Migranten aus dem Landkreis Guhrau zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung.

Auch wenn die geographische Nähe nicht automatisch auf einen Informationsaustausch schließen läßt, ist die Wahrscheinlichkeit einer gegenseitigen Beeinflussung evident. Im Detail werden die grundlegenden Mechanismen des Wanderungsgeschehens sichtbar. Die Annahmen von Hypothese 1 können auch am Beispiel von Guhrau bestätigt werden. Zugleich legt das Ergebnis - analog zu den Resultaten von Heilsberg - eine Modifizierung nahe. Die Betrachtung des Wanderungsgeschehens darf nicht auf einzelne Ortschaften beschränkt bleiben. So bedeutend die Entscheidungsprozesse innerhalb der Dörfer auch waren, entfalten sie erst durch die Einbeziehung des umgebenden Gebietes ihre volle Wirkungskraft.

↓446

Auch innerhalb des Untersuchungsgebietes unterstreichen die Migranten aus dem Landkreis Guhrau die Ergebnisse von Heilsberg (vgl. Abb. 86). Eine noch stärkere räumliche Konzentration ist zu dokumentieren. Insbesondere auf der westlichen Seite der Ruheplatzstraße ist eine auffällige Häufung erkennbar. Auf engstem Raum hatten hier mehr als zehn Personen ihren Wohnsitz. Weitere in der Nähe gelegene Schwerpunkte bildeten die Prinz-Eugen-Straße, die Adolfstraße und die Straßenecke Gerichtstraße/Reinickendorfer Straße. Die Neubaugebiete entlang der Seestraße und südlich der Triftstraße blieben ohne Bedeutung. Dies gilt auch für das gesamte Gebiet nördlich der Schulstraße. Die Annahmen von Hypothese 2 sind auch anhand dieses Beispiels zu verifizieren.

Es bleibt festzuhalten:

  1. Die Beschränkung auf die Zahlen der amtlichen Statistik liefert ein sehr unvollständiges - da rein quantitatives - Bild des Wanderungsgeschehens. Vieles spricht dafür, die allzu umfassende Argumentation mit amtlichen Statistiken zugunsten einer regionalen Betrachtungsweise einzuschränken oder zumindest durch regionale Studien zu ergänzen. Nicht die aggregierten Daten einzelner Provinzen, Regierungsbezirke oder Landkreise zeigen die entscheidenden Verbindungslinien, sondern die kartographische Verortung der Migranten auf lokaler Ebene. Dieser zweifellos sehr mühevolle Ansatz fand in der deutschen Forschungspraxis bisher kaum Beachtung, obwohl er einen entscheidenden Schritt über die allgemeinen ökonomischen Erklärungsansätze hinaus ermöglicht. Die Landkreise Heilsberg und Guhrau waren nicht ärmer als ihre Nachbarkreise. Sie boten nicht mehr und auch nicht weniger Anlaß zur Abwanderung. Im Unterschied zu anderen Regionen verfügten Heilsberg und Guhrau aber offensichtlich über interne Strukturen, die zu sehr umfassenden und vor allem sehr zielgerichteten Migrationen führten.
  2. Interregionale Wanderungen bildeten einen bipolaren Prozeß. Soweit die beiden gewählten Fallbeispiele verallgemeinernde Rückschlüsse zulassen, führten regionale Schwerpunkte in den Abwanderungsgebieten zu räumlichen Konzentrationen im Zielgebiet. Auch an diesem Punkt stehen die Landkreise Heilsberg und Guhrau als Plädoyer für eine systematische Verbindung von Statistik und Kartographie. Ohne den Blick ins räumliche Detail muß die Analyse von Wanderungsmustern im Ansatz steckenbleiben.
  3. Das Ergebnis liefert schließlich Hinweise für die Annahme von Matzerath, der die Thematik unter einem soziologisch-verhaltensorientierten Blickwinkel bewertete. Er erblickte in der Interdependenz von Herkunfts- und Zielgebieten einen wesentlichen Faktor für die Verbreitung städtischer Lebensformen in ländlichen Regionen im Sinne modernisierungstheoretischer Überlegungen. Die Fallbeispiele bestätigen zumindest das Vorhandensein von Verbindungslinien als Voraussetzung für die Weitergabe bestimmter Wertvorstellungen, Ansprüche und Bedürfnisse. Eine Vertiefung muß an dieser Stelle allerdings unterbleiben.402

III.4.2 Intraurbane Wanderungen

III.4.2.1  Eine grundlegende Einordnung

↓447

„[D]ie Großstadt mit ihrem ewigen Wechsel und ihrem lockeren Gefüge der Gesellschaft nimmt auch der Wohnung den stabilen Charakter, der ihr unter normalen Verhältnissen eigenthümlich ist; sie gewöhnt den Menschen allgemach an das Umziehen, an jene schrecklichen Quartalswanderungen, bei der sich das Hab und Gut von durchschnittlich 20,000 Berliner Familien auf dem Möbelwagen herumtreibt, mit allen jenen Schrecknissen von verschabten und beschädigten Wandflächen, die man verläßt und die man vorfindet, von abgestoßenen Möbelfüßen, schadhaften Haushaltsgegenständen, von tagelanger chaotischer Wirthschaft, gegen welche ein wandernder Zigeunerhaushalt ein Muster von Ordnung und Behaglichkeit genannt werden kann.“403

Das von Hermann Schwabe - Direktor des statistischen Bureaus des Stadt Berlin - im Jahr 1874 gezeichnete Bild, prägte die Diskussion über innerstädtische Wanderungsbewegungen nachhaltig. Die Rezeption der Beschreibung läßt sich in einer nahezu ununterbrochenen Chronologie bis in aktuelle Untersuchungen hinein verfolgen. Der unstete, sich in einem vierteljährlichen Rhythmus auf Wanderschaft begebende städtische Nomade unter dem „steinernen Zelt“ der Großstadt wurde zum Signum einer ganzen Epoche stilisiert.

↓448

Abb. 87: Zahl der umgezogenen Personen innerhalb des Berliner Stadtgebietes (MKZ innerstädtisch) im Vergleich zum Außenwanderungsvolumen (MKZ außerhalb) jeweils bezogen auf die Gesamtbevölkerung (in %).

Quelle: Eigene Darstellung nach StatJbB, versch. Jg.

Betrachtet man die Zahl der innerstädtischen Umzüge im Bezug auf die Gesamtbevölkerung wird das Ausmaß der Fluktuation sichtbar. Die MKZ schwankte im Zeitraum von 1883 bis 1906 zwischen 44,5% und 34,6% und lag damit erheblich über den Werten der interregionalen Wanderungsbewegungen.404 Während die Bedeutung der Außenwanderungen tendenziell zunahm, ließ die innerstädtische Mobilität einen augenfälligen Kurvenverlauf erkennen. Stiegen die Werte zunächst rasch an, begann ab 1889 ein bis zur Jahrhundertwende - von einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1895/96 abgesehen - anhaltender Abwärtstrend, ehe ab 1903 ein erneuter Mobilitätszuwachs einsetzte.

Die Ergebnisse der Wohnungsaufnahmen von 1885 bis 1905 lassen auf einen Zusammenhang von Wohnungsgröße und Austauschvolumen schließen. Je kleiner das Quartier, desto ausgeprägter die Fluktuation. Die statistischen Unterschiede waren enorm. Die Mobilität in den Wohnstätten ohne heizbares Zimmer (die Küche nicht eingerechnet) lag bezogen auf das zurückliegende Jahr mehr als doppelt so hoch wie in den Wohnungen mit fünf oder mehr heizbaren Räumen. Dies führte schon früh dazu, die Symbolik des Nomadentums mit den Bewohnern von Kleinwohnungen in Verbindung zu bringen und als typisches Phänomen der Unterschichten zu stigmatisieren.

↓449

In jeder dritten Wohneinheit des Untersuchungsgebietes lag der Wechsel der Mietparteien weniger als ein Jahr zurück (vgl. Tab. 107). In den Kleinstwohnungen ohne heizbares Zimmer erreichten die Anteile sogar Werte von über 50%. Die Fluktuation des Weddings überstieg deutlich den Gesamt-Berliner Durchschnitt. Die auf die Wohndauer bezogene Rubrik „< 1 J.“ blieb im Untersuchungsgebiet um ca. 5% über bzw. in den Kategorien „6-10 J.“ und „> 10 J.“ um ca. 5% unter dem städtischen Mittelwert. Einen Erklärungsansatz für die überdurchschnittliche Mobilität innerhalb des Weddings liefert eine Untersuchung von Bleek über das Münchner Westend. Er verweist auf den Zusammenhang von Neubaugebieten und dem Mobilitätsaufkommen. Ein neues Stadtviertel zog demnach v.a. junge, heiratsfreudige Zuwanderer an und führt zu einer maximalen Fluktuation. Erst mit der einsetzenden baulichen Konsolidierung nahm auch die Zahl der Wohnsitzwechsel ab. Wischermann sprach in diesem Kontext von einem „Lebenszyklus des Stadtviertels.“405

Tab. 107: Die bewohnten Wohnungen des Weddings nach der Dauer des Wohnverhältnisses, unterschieden nach der Zahl der heizbaren Zimmer (ohne Küche) 1885-1905 (in %).

ohne heizbares Zimmer

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

55,0

18,5

7,0

5,5

5,0

6,0

3,0

0,0

100,0

1890

53,5

10,6

8,6

5,7

6,9

10,6

4,1

0,0

100,0

1895

50,4

18,1

11,7

5,5

4,0

6,2

3,2

1,0

100,0

1900

34,4

18,6

11,7

8,1

5,8

10,5

6,5

4,5

100,0

1905

41,7

16,2

9,7

6,5

3,4

12,9

8,3

1,3

100,0

mit einem heizbaren Zimmer

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

40,0

19,5

11,6

7,4

5,9

11,2

4,1

0,2

100,0

1890

39,1

21,0

11,9

7,0

5,1

10,3

5,6

0,0

100,0

1895

38,2

19,5

11,7

7,3

5,1

11,2

5,9

1,1

100,0

1900

34,4

20,0

13,5

8,0

5,4

11,2

6,6

0,8

100,0

1905

39,0

17,6

11,4

6,7

4,5

13,2

7,2

0,4

100,0

mit 2 heizbaren Zimmern

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

33,8

18,3

10,5

7,8

6,6

16,0

6,8

0,1

100,0

1890

33,3

20,4

14,1

8,3

5,9

11,6

6,5

0,0

100,0

1895

32,9

19,4

12,3

8,4

5,3

13,8

7,2

0,8

100,0

1900

27,5

16,9

13,8

9,1

6,5

16,1

9,3

0,8

100,0

1905

35,1

18,1

12,3

7,2

4,5

13,3

9,3

0,2

100,0

mit 3 oder 4 heizbaren Zimmern

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

24,2

14,2

9,5

12,0

5,6

21,5

12,6

0,4

100,0

1890

27,2

17,8

15,2

7,9

6,2

13,6

12,2

0,0

100,0

1895

23,2

14,5

12,1

9,2

7,6

21,3

11,8

0,3

100,0

1900

24,9

15,0

10,4

7,4

6,9

18,8

16,0

0,6

100,0

1905

25,5

15,2

12,8

8,4

5,4

17,0

15,4

0,3

100,0

mit 5 oder mehr heizbaren Zimmern

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

17,6

12,8

6,1

6,8

4,1

24,3

27,0

1,4

100,0

1890

20,2

11,7

12,9

8,9

8,9

16,1

21,4

0,0

100,0

1895

15,7

8,1

10,6

9,2

6,4

30,0

19,3

0,6

100,0

1900

13,6

9,3

9,1

6,7

6,0

21,1

34,0

0,2

100,0

1905

13,6

12,8

9,6

5,8

6,2

18,6

33,1

0,2

100,0

Überhaupt

< 1 J.

1-2 J.

2-3 J.

3-4 J.

4-5 J.

6-10 J.

> 10 J.

o.A.

Ges.

1885

37,7

18,9

11,1

7,7

6,0

12,9

5,4

0,2

100,0

1890

36,8

20,4

12,6

7,3

5,4

10,9

6,5

0,0

100,0

1895

35,6

18,9

11,9

7,7

5,4

12,8

6,8

0,9

100,0

1900

31,5

18,6

13,3

8,3

5,8

13,3

8,4

0,9

100,0

1905

36,4

17,5

11,8

7,0

4,6

13,6

8,9

0,3

100,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach den Wohnungsaufnahmen von 1885, 1890, 1895, 1900 und 1905.

Trotz der klaren Zahlenlage warnt Wischermann vor Verallgemeinerungen. Er tritt für eine Revision des „so gern gezeichnete[n] Bild[es] einer vierteljährlich umherirrenden städtischen Gesellschaft“ ein.406 Seine Kritik richtet sich vor allem auf zwei Punkte:

↓450

  1. Nach seinen Berechnungen lag die durchschnittliche Mietdauer in den Großstädten bei insgesamt rund vier Jahren. Für die Kleinwohnungen berechnet er mit drei bis vier Jahren eine wesentlich höhere Stabilität, als es die amtlichen Zahlen auf den ersten Blick suggerieren.
  2. Er verweist auf die Selektivität der Mobilität und konstatiert eine zweigeteilte Gesellschaft:

„Neben den Hochmobilen stehen die länger Ansässigen, über Jahrzehnte die Wohnung nicht wechselnden Standorttreuen.“407

↓451

Entscheidend für die Mobilitätsbereitschaft war die Stellung im Lebenszyklus und die Abhängigkeit von spezifischen Arbeitsverhältnissen. Als Branchen mit einer hohen Wohnmobilität identifizierte er u.a. das Nahrungs- und Baugewerbe.408

Ein dritter Kritikpunkt müßte im Hinblick auf die Umzugstermine selbst formuliert werden. Vierteljährliche Wanderungsspitzen lassen sich für Berlin nicht nachweisen. Bis zum Abbruch der Umzugsstatistik im Jahr 1906 bestimmte ein Halbjahresrhythmus das Geschehen. Die „Ziehtage“ waren der 01. April und der 01. Oktober.409 An diesen Tagen liefen die für ein halbes Jahr geschlossenen Mietkontrakte aus.

Abb. 88: Gesamt-Berlin. Durchschnittliche Anzahl der innerstädtischen Umzüge nach Monaten (1891-1906) (abs.).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

↓452

Die Gründe für die Festlegung der beiden Termine sind nicht eindeutig zu bestimmen. Wischermann verweist auf die traditionelle Überlieferung, die Himmelfahrt und Martini als wichtigste Umzugstage kannte. Die Loslösung von den kirchlichen Feiertagen und die Festlegung auf fixe Zeitpunkte zum Monatsbeginn führt er auf die Säkularisierung der Zeiteinteilung im 19. Jahrhundert zurück.410 Unklar bleibt jedoch, seit welchem Zeitpunkt der 01. Oktober und 01. April die Vermietungspraxis innerhalb des Berliner Stadtgebietes zu bestimmen begann.

Einen klaren gesetzlichen Rahmen schuf erst das 1896 verabschiedete Bürgerliche Gesetzbuch, das zum 01. Januar 1900 in Kraft trat. § 565 verankerte das Prinzip der quartalsweisen Kündigung, das in Berlin aber offensichtlich ohne unmittelbare Auswirkungen auf die gängigen Vermietungsmodalitäten blieb.411

Eine besondere demographische Komponente entfaltete die Vermietungspraxis im Hinblick auf das Heiratsverhalten (vgl. Abb. 89). Das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Wohnung führte zu einer zeitlichen Kohärenz von Eheschließungen und Mietfristen. Die Mehrzahl der Paare heiratete in den Monaten April und Oktober.

↓453

Abb. 89: Verteilung der kirchlichen Eheschließungen nach Monaten 1885-1914. Wedding (abs.).

Quelle: Eigene Berechnung nach den Kirchenbüchern des Weddings.

Es bleibt die Frage nach den jährlichen Schwankungen des Umzugsaufkommens. Reich und Niethammer konstatierten für Berlin einen umgekehrt proportionalen Zusammenhang zur Situation auf dem Wohnungsmarkt.412 Demnach nahm mit einem steigenden Wohnungsüberhang und hohen Leerstandsquoten die Mobilität der Bevölkerung zu, während in Zeiten erhöhter Nachfrage und einem sich verknappenden Wohnraumangebot die Umzugshäufigkeit sank.

Die einfache Formel hält einer empirischen Überprüfung anhand von Abb. 26, S. 69 nur bedingt stand. Zwar ist die Wohnungskrise der Jahrhundertwende deckungsgleich mit den Minimalwerten der Umzugshäufigkeit und auch der Anstieg der Mobilität bis 1906 kann mit dem steigenden Wohnungsangebot in Verbindung gebracht werden, für die Zeit vor 1900 ist die Situation jedoch längst nicht so eindeutig. Die Mobilitätsziffer erreichte 1889 ihr Maximum, zu einem Zeitpunkt als die Leerstandsquote ihren Tiefpunkt gerade erst überschritten hatte. Als sich 1895 schließlich die Zahl der ungenutzten Wohnungen auf dem Höhepunkt befand, war wiederum die Umzugshäufigkeit weit von ihren Maximalwerten entfernt.

↓454

Die Aussagekraft des Wohnungsangebotes bleibt eingeschränkt. Die konjunkturellen Schwankungen des Wohnungsmarktes wirkten allenfalls „gedämpft“ auf die Anzahl der Umzugsbewegungen.413 Wichtiger oder zumindest in gleichem Maße bedeutend erscheint die allgemeine wirtschaftliche Lage. Die minimalen Mobilitätsziffern des Jahres 1883 korrespondierten mit einer wirtschaftlichen Abschwungphase, wohingegen die Hochschwungphase ab 1888 offensichtlich zu einem starken Anstieg der innerstädtischen Mobilität führte. Auch die Depression von 1893/94 ist ebenso wie der gesamtwirtschaftliche Einbruch von 1901/02 im Kurvenverlauf nachzuweisen.414

III.4.2.2 Untersuchungsansätze

III.4.2.2.a)  Das Berliner Adreßbuch

Der Aufbau des Berliner Adreßbuches eröffnet verschiedene Optionen, die Fluktuation auf der Mikroebene einzelner Gebäude nachzuvollziehen. Den geeigneten Einstieg bildet die nach Grundstücken geordnete Auflistung der Haushaltsvorstände im Straßenteil des Adreßbuches. Die an dieser Stelle gemachten Angaben erlauben eine Analyse auf vier Betrachtungsebenen:

  1. Durch einen Vergleich zwischen zwei aufeinanderfolgenden Jahrgängen besteht zunächst die Möglichkeit, die Zu- und Abgänge je Grundstück namentlich und in absoluter Zahl festzustellen. Erweitert man die Betrachtung auf einen geschlossenen Zeitraum von mehreren Jahren werden Aussagen zur Wohndauer je Haushaltsvorstand und zur durchschnittlichen Länge eines Mietkontraktes möglich.
  2. Die zu jeder Person verzeichnete Berufsangabe gestattet die Frage nach der Interdependenz von Erwerbstätigkeit und residentieller Mobilität. Die gilt sowohl im Hinblick auf die Branche als auch auf die Stellung im Beruf.
  3. Bedeutend aufwendiger gestaltet sich die Betrachtung eines Gebäudequerschnittes. Im alphabetischen Personenverzeichnis des Adreßbuches (Teil I) ist für einen Großteil der erfaßten Haushaltsvorstände neben dem Beruf die exakte Position der Wohnung - differenziert nach Vorder- bzw. Hinterhaus und der Stockwerkslage - festgehalten. Soll die Fluktuation nach Etagen dargestellt werden, müssen alle für ein bestimmtes Grundstück im Straßenteil aufgelisteten Personen in einem zweiten Arbeitsschritt einzeln im ersten Teil des Adreßbuches nachgeschlagen werden.
  4. Das gleiche aufwendige Verfahren ist für die Frage nach den Mobilitätsmustern innerhalb des Stadtgebietes notwendig. Um zu klären, welche Distanzen bei Wohnungswechseln zurücklegt wurden, ist bei Neumietern das alphabetische Personenverzeichnis des Vorjahres und bei Auszüglern das des Folgejahres auf den alten bzw. neuen Wohnsitz hin auszuwerten.

↓455

Die sehr umfassenden Recherchearbeiten lassen für eine breit angelegte Längsschnittanalyse an dieser Stelle keinen Raum. Die Zahl der Haushaltsvorstände überstieg in einem durchschnittlichen Mietshaus schon innerhalb weniger Jahre die Marke von 100. Angesichts des enormen Zeitaufwandes erscheint es sinnvoll, die Betrachtung auf ein per Zufallsstichprobe ausgewähltes Grundstück zu beschränken. Auch wenn die dabei gewonnenen Erkenntnisse in ihrer Aussagekraft nicht über einen hypothetischen Charakter hinaus kommen, ist nur auf diese Weise das zur Verfügung stehende methodische Repertoire in seiner gesamten Bandbreite vorzustellen und auf seine Praktikabilität hin zu überprüfen. Nicht die Allgemeingültigkeit der Ergebnisse, sondern die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Adreßbuchforschung für die Rekonstruktion innerstädtischer Wanderungsbewegungen muß als definierte Zielstellung dienen.

Ein computergestütztes Auswahlverfahren nach dem Zufallsprinzip bestimmte das Gebäude „Kösliner Straße 6“ zum exemplarischen Untersuchungsgegenstand. Der erstmalige Bezug ist für das Jahr 1894 dokumentiert. Im Gegensatz zu den älteren Bauten der gegenüberliegenden Straßenseite besaß der Gebäudekomplex einen vergleichsweise großzügigen Grundriß mit einem Hintergebäude und einem Innenhof nach den Vorgaben der Bauordnung von 1887.415 Die Rückfront grenzte an das Ufer der Panke und markierte damit zugleich die östliche Grenze des Untersuchungsgebietes.

Nach den Angaben des Adreßbuches lebten zwischen 1894 und 1915 insgesamt 307 Haushaltsvorstände auf dem Grundstück. Vergleicht man die Gesamtzahl der pro Jahr verzeichneten Personen, werden große Unterschiede sichtbar (vgl. Abb. 90). Den zehn Haushaltsvorständen von 1894 standen maximal 44 im Jahr 1909 gegenüber, ehe die Zahl der Mietparteien bis 1911 wieder auf 24 bzw. 1912 gar auf 18 absank. Offensichtlich schwankte die Vollständigkeit der von den Eigentümern resp. Hausverwaltern an den Herausgeber des Adreßbuches gemachten Angaben erheblich. Eine mögliche Erklärung liegt in dem Zeitpunkt der Listenerstellung.416 Da die Erfassung der Namen in der Zeit des wichtigsten „Ziehtages“ um den 01. Oktober erfolgte, ist es denkbar, daß sich - je nach dem exakten Datum, an dem die Liste erstellt wurde - die noch nicht abgeschlossene Neuvermietung und vollzogene Verlängerung abgelaufener Mietverträge negativ auf den Umfang der Hauslisten auswirkte. Die Übertragung der Herausgeberschaft des Adreßbuches von den Gebr. Loewenthal auf den Scherl-Verlag im Jahr 1896 tritt dagegen nicht als entscheidende Zäsur in Erscheinung.417 Unter der neuen Regie konsolidierte sich der Umfang und damit auch die Vollständigkeit der Angaben erst langsam auf einem höheren Niveau. Die Qualität des Informationsgehaltes stand und fiel in jedem Falle mit der individuellen Sorgfalt desjenigen, dem die Anfertigung der Listen oblag, d.h. den Hauseigentümern und ihren Verwaltern.

↓456

Abb. 90: Kösliner Straße 6 - Zahl der Haushaltsvorstände insgesamt und die Anzahl der Neuzugänge im Vergleich zum Vorjahr (1894-1915) (abs.).

Quelle: Auszählung nach den Angaben des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Die Schwankungen zwischen den einzelnen Ausgaben des Adreßbuches erschweren das weitere Vorgehen erheblich. Bestimmt man die Fluktuation durch einen Vergleich der Bewohnerschaft von jeweils zwei aufeinanderfolgenden Jahrgängen, müssen unvollständige Hauslisten zu entscheidenden Verzerrungen führen. Dies gilt vor allem für die Berechnung von prozentualen Mobilitätsziffern aus dem Verhältnis der neu hinzugekommenen Personen zu der Gesamtzahl der Haushaltsvorstände. Ein im Vergleich zum Vorjahr sprunghaft vergrößerter Personenkreis in den Hauslisten täuscht nur allzu leicht eine erhöhte Mobilität vor, obwohl sich nicht die Zahl der Wohnungswechsel, sondern lediglich die Vollständigkeit der Auflistung verbessert hatte und bisher nicht erfaßte Bewohner - wie etwa 1898/99 - in die Berechnung einflossen. Umgekehrt begünstigte eine starke Reduzierung der Auflistung ein fiktives Absinken der Fluktuation (1909/10).

Es erscheint sinnvoller, das Augenmerk auf die Mietdauer der einzelnen Bewohner zu richten, um zumindest die Ungenauigkeit der prozentualen Angaben zu umgehen. An der Lückenhaftigkeit des Informationsgehaltes ändert dies freilich nichts. Angesichts der erheblichen Diskrepanz zwischen den einzelnen Jahrgängen des Adreßbuches dürfte die tatsächliche Zahl der Haushaltsvorstände deutlich über den ermittelten 307 gelegen haben, vor allem wenn man bedenkt, daß der Redaktionsschluß im Oktober nicht mehr als eine Momentaufnahme darstellte und der Ziehtag im April gänzlich unberücksichtigt blieb.

↓457

Klammert man die bestehenden Unzulänglichkeiten aus, reicht die Häufigkeit der Nachweise je Haushaltsvorstand von einem Jahr bis zu maximal 16 Jahren. Im Detail ergibt sich folgende Verteilung:

Tab. 108: Kösliner Straße 6 - Ungefähre Dauer der Mietverhältnisse 1894-1915.

Anzahl der Nachweise

(Jahre)

Zahl der Haushalts-vorstände

in %

16

1

0,3

9

1

0,3

8

1

0,3

7

1

0,3

6

4

1,3

5

3

1,0

4

14

4,6

3

21

6,8

2

60

19,5

1

201

65,5


Quelle: Eigene Erhebung nach den Angaben des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Bei zwei Dritteln (201) der für das Grundstück Kösliner Straße 6 zwischen 1894 und 1915 verzeichneten Personen blieb es bei einer Erwähnung. In 60 Fällen (19,5%) erstreckte sich der Nachweis auf zwei Jahrgänge des Adreßbuches. Die übrigen 15% verteilten sich auf Zeiträume von drei bis 16 Jahren, wobei die Gruppe der Personen mit einer Mietdauer von fünf und mehr Jahren lediglich einen Anteil von 3,6% stellte. Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen Zu- und Fortzug lag demnach bei 1,69 Jahren. Geht man davon aus, daß vor allem die Bewohnerschaft mit einer kurzen Verweildauer im Adreßbuch unterrepräsentiert sein dürfte, muß der Wert als eher zu hoch eingestuft werden.418 Von einer mittleren Mietdauer von etwa vier Jahren wie sie Wischermann berechnete, war das Grundstück Kösliner Straße 6 demnach weit entfernt.419

↓458

Tab. 109: Kösliner Straße 6 - Beschäftigungsbereiche der Haushaltsvorstände 1894-1915.

Berufsgruppe

Anzahl der Haushalts-vorstände

Anteil in %

1

Fabrikanten, Fabrikarbeiter u.a.

47

15,3

2

Baugewerbe

43

14,0

3

Metallverarbeitung

35

11,4

4

Bekleidungsgewerbe

26

8,5

5

Handelsgewerbe

24

7,8

6

Ohne Beruf und Berufsangabe

23

7,5

7

Häusliche Dienste, Lohnarbeit wechselnder Art

21

6,8

8

Verkehrsgewerbe

19

6,2

9

Gast- und Schankwirtschaft

13

4,2

10

Öffentlicher Dienst

13

4,2

11

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

12

3,9

12

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

9

2,9

13

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

8

2,6

14

Polygraphisches Gewerbe

4

1,3

15

Lederindustrie

3

1,0

16

Industrie der Steine und Erden

2

0,7

17

Reinigungsgewerbe

2

0,7

18

Forstwirtschaft und Fischerei

1

0,3

19

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, u.a.

1

0,3

20

Papierindustrie

1

0,3


Quelle: Eigene Aufstellung nach dem Berliner Adreßbuch, versch. Jg.

Die größte Beschäftigungsrelevanz besaß die Sammelkategorie der „Fabrikanten, Fabrikarbeiter u.a.“, deren nähere Erwerbstätigkeit zweifelhaft bleibt.420 15,3% der Haushaltsvorstände müssen hierzu gerechnet werden, wobei die Berufsbezeichnung „Fabrikarbeiter“ klar dominierte. Fabrikanten oder sonstige Personen in leitender Funktion waren nicht anzutreffen. Dicht dahinter folgten das Baugewerbe und die Metallverarbeitung mit Anteilen von 14,0% bzw. 11,4%. Alle anderen Branchen wie die häuslichen Dienste, das Bekleidungs-, Handels- oder Verkehrsgewerbe blieben unter 10%. Verwitwete Frauen,421 Rentner und Invaliden stellten zusammen 7,5% und bildeten die Rubrik „Ohne Beruf und Berufsangabe“.

Betrachtet man die Dauer der Mietverhältnisse in Abhängigkeit von der beruflichen Tätigkeit werden deutliche Unterschiede sichtbar. In den Berufsgruppen mit über 20 Nachweisen schwankte die Fluktuation innerhalb eines Jahres zwischen 45,7% in der Metallverarbeitung und 74,4% im Baugewerbe. Während der Bauarbeiter seinen Wohnstandort offensichtlich der saisonal wechselnden Auftragslage anpaßte, deuten die Werte der Metallverarbeitung auf kontinuierlichere Strukturen hin. Ungeachtet dessen bleibt selbst der minimale Anteil von 45,7% extrem hoch, wenn man einen Vergleich mit den Durchschnittswerten der Volkszählungen anstellt.422

↓459

Tab. 110: Kösliner Straße 6 - Wohnungswechsel innerhalb eines Jahres nach den Berufsgruppen mit über 20 Nachweisen 1894-1915 (in %).

Branche

%

1

Metallverarbeitung

45,7

2

Bekleidungsgewerbe

57,7

3

Fabrikanten, Fabrikarbeiter u.a.

61,7

4

Handelsgewerbe

62,5

5

Ohne Beruf und Berufsangabe

66,7

6

Häusliche Dienste, Lohnarbeit wechselnder Art

71,4

7

Baugewerbe

74,4


Quelle: Eigene Berechnung nach dem Berliner Adreßbuch, versch. Jg.

Hinweise zur exakten Lage der Wohnungen innerhalb des Gebäudes sind nur für die Jahre 1895/96, 1898-1905 und 1911-1915 dokumentiert. In den übrigen Jahrgängen fehlen die entsprechenden Vermerke vollständig oder zum überwiegenden Teil - ein weiterer Beleg für die enormen Qualitätsschwankungen des Adreßbuches. Lediglich 221 Fälle423 konnten in die Berechnungen aufgenommen werden. Sie verteilten sich zu 42,1% (93) auf das Vorder- und zu 57,9% (128) auf das Hinterhaus (vgl. Abb. 91). Die meisten Nachweise entfielen auf das 1. Obergeschoß (OG) des Hinterhauses (HH) (12,7%), die wenigsten auf das 4. OG des Vorderhauses (VH) (6,8%). Dachgeschoß- und Kellerwohnungen existierten offenkundig nicht.

Die Anteile der Bewohner mit einer Mietdauer von unter einem Jahr divergierten erheblich (Kreisdiagramme). Mit einer Fluktuation von über 80% stand das 4. OG VH an erster Stelle, gefolgt von dem 1. OG HH mit 75% - also genau die beiden Etagen mit der größten und geringsten Anzahl berücksichtigter Fälle. Anteile von über 50% stellten ferner das 3. OG HH mit 66,7% und das Erdgeschoß (EG) VH mit 63,6%.

↓460

Abb. 91: Verteilung der Haushaltsvorstände nach Etagen und Mietdauer innerhalb des Gebäudes Kösliner Straße 6.

Quelle: Eigene Darstellung nach den Angaben des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Die größte Kontinuität ist dagegen in den Obergeschossen zwei und drei des Vorderhauses und dem 2. OG des Hinterhauses zu beobachten. Die Anteile der Rubrik „5 und mehr Jahre“ überstiegen hier die Marke von 10%. Dies gilt auch - trotz der hohen Fluktuation innerhalb des ersten Jahres - für das Erdgeschoß des Vorderhauses, wo der Betrieb einer Schuhmacherwerkstatt für eine gewisse Konstanz sorgte. Bereits der längerfristige Aufenthalt einer einzelnen Person verursachte allerdings sichtbare Anteilsverschiebungen. Bei einer Grundgesamtheit zwischen 15 und 28 Fällen je Etage führte bereits der Nachweis von zwei bis drei Bewohnern zu zweistelligen Veränderungen. Die Darstellung kann daher selbst bei einer auf das Einzelgebäude beschränkten Betrachtung lediglich als grobe Orientierung dienen. Allein die 102 Mietparteien, für die das Adreßbuch keine Angaben zur Lage der Wohnung bereitstellt, setzen hinter das gesamte Ergebnis ein Fragezeichen.

Schließlich stellt sich die entscheidende Frage nach dem vorhergehenden Wohnsitz der Neumieter und dem Ziel der Abwandernden. Erneut wird die bereits bekannte Problemlage zum limitierenden Faktor. Die Unvollständigkeit der Angaben läßt Personen in der Anonymität der Großstadt verschwinden oder aus dieser unvermittelt auftauchen. Haushaltsneugründungen durch den Auszug aus dem Elternhaus oder der Schritt vom Schlafgängertum zur eigenen Wohnung erschweren die Rekonstruktion. Die methodisch so wichtige Trennlinie zur Außenwanderung verschwimmt. Die Tatsache, daß eine Person vor oder nach ihrem Aufenthalt in der Kösliner Straße 6 nicht im Adreßbuch erscheint, darf nicht als Indikator für ein Überschreiten der Stadtgrenze fehlinterpretiert werden. Auch die häufig wechselnden Berufsbezeichnungen gehen zu Lasten der Eindeutigkeit, so daß bei Namensgleichheit oftmals eine sichere Aussage unmöglich wird.

↓461

Nimmt man allein die Neumieter in den letzten neun Jahren vor dem Kriegsausbruch, kann das Ergebnis wenig zufriedenstellen. Die Frage nach dem „woher“ ließ sich lediglich für 23,5% der neu Eingezogenen eindeutig beantworten. In 8% der Fälle war ein Nachweis möglich, der jedoch aufgrund abweichender Berufsangaben und/oder Vornamen mit Unsicherheiten behaftet blieb. Eine Zuordnung mußte in mehr als zwei Dritteln der Fälle (68,5%) gänzlich unterbleiben. Für einzelne Jahre wie etwa 1909 erreichten die Ausfälle sogar Werte von über 90%.

Tab. 111: Wohnsitz der Neumieter im Jahr vor dem Umzug in die „Kösliner Straße 6“ 1907-1915.

1907

1908

1909

1910

1911

1912

1913

1914

1915

Ges.

in %

Eindeutig zuzuordnen

5

2

2

4

4

3

6

5

7

38

23,5

Nachweis, aber nicht sicher

1

2

1

1

2

1

2

0

3

13

8,0

Zuordnung nicht möglich

7

13

28

7

7

7

18

15

9

111

68,5

Neumieter gesamt

13

17

31

12

13

11

26

20

19

162

100,0


Quelle: Eigene Aufstellung nach den Angaben des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Von den 38 sicheren Nachweisungen lagen 20 in der unmittelbaren Nachbarschaft des neuen Wohnsitzes (vgl. Abb. 92). In neun Fällen erfolgte der Umzug zwischen Gebäuden der Kösliner Straße. Die übrigen Neumieter verteilten sich auf das restliche Untersuchungsgebiet (8), den Gesundbrunnen (5), den „Tiefen“ Wedding (3), Moabit (1) und das Königsviertel (1). Die wenigen eindeutigen Zuordnungen legen den Schluß nahe, das innerstädtische Wanderungsgeschehen als einen Prozeß innerhalb enger räumlicher Grenzen zu betrachten. Das gewohnte Umfeld bestimmte offensichtlich in entscheidender Weise den Aktionsradius bei der Wahl eines neuen Wohnsitzes.

↓462

Abb. 92: Wohnsitz vor dem Umzug (rot) in die „Kösliner Straße 6“ (blau) - 1907-1915.

Anm.: Auf die Kösliner Straße 19 und Weddingstraße 8 entfielen jeweils zwei Personen.

Quelle: Eigene Darstellung nach den Angaben des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Das Gesamtfazit fällt ernüchternd aus. Die vielfältigen Forschungsoptionen müssen zum Großteil auf theoretische Überlegungen beschränkt bleiben. Die enorme Lückenhaftigkeit und die divergierende Qualität der Angaben lassen lediglich fragmentarische Rückschlüsse auf das innerstädtische Wanderungsgeschehen zu. Die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag hinterläßt Zweifel an dem möglich Nutzen einer flächendeckenden Analyse der Adreßbuchangaben. Lediglich die Tatsache, daß die Inhalte des Adreßbuches nicht durch andere Quellen zu ersetzen sind, macht auch in Zukunft bei Fragen zur intraurbanen Migration eine Auseinandersetzung mit den bereitgestellten Informationen unumgänglich.

III.4.2.2.b) Die kirchlichen Trauregister - Heirat als Umzugsgrund

Einen alternativen Ansatz zur Analyse innerstädtischer Wanderungsbewegungen eröffnen die Angaben der kirchlichen Heiratsregister. Im Gegensatz zu den - zumindest in der Theorie - sehr vielfältigen Auswertungsoptionen des Adreßbuches bleiben die Einsatzmöglichkeiten der Kirchenbuchangaben von vornherein auf ein enges inhaltliches Spektrum beschränkt. Die Gesamtbetrachtung einzelner Grundstücke ist ebensowenig möglich, wie die Rekonstruktion individueller Aufenthaltsorte über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg. Dokumentiert sind lediglich die Wohnstandorte der Eheleute zum Zeitpunkt des Übergangs in eine neue Phase des Lebenszyklus - der Standesänderung vom Ledigen zum Verheirateten.

↓463

Die Problematik des innerstädtischen Wanderungsgeschehens ist mit Hilfe der Kirchenbücher nicht als Gesamtprozeß zu erörtern. Das vorliegende Datenmaterial erlaubt selbst im Idealfall lediglich die Frage, inwieweit Eheschließungen mit einem Wohnsitzwechsel verbunden waren, zwischen welchen Grundstücken der Umzug erfolgte und welche räumlichen Distanzen die Ehepartner dabei überwanden.

Wie notwendig die Betonung des Idealfalls ist, zeigt ein Blick in die Aufzeichnungen. Um alle Teilfragen optimal bearbeiten zu können, müssen die Trauregister drei Basisangaben beinhalten: den Wohnsitz des Ehemannes zum Zeitpunkt der Hochzeit, denjenigen der Frau und den (neuen) gemeinsamen Wohnsitz nach vollzogener Eheschließung. Lediglich eine Gemeinde - die evangelische Nazarethgemeinde - verzeichnete im Zeitraum von Januar 1899 bis Juni 1909 - wenn auch mit Lücken - alle drei Kriterien. Dies entspricht knapp 14% aller im Rahmen der Untersuchung erfaßten Paare. Da eine dreifache Adreßangabe weder in den evangelischen noch in den katholischen Kirchenbuchvordrucken vorgesehen war, ist es als Zufall zu bewerten und auf die besondere Sorgfalt des Kirchenbuchführers zurückzuführen, daß die Trauregister der Nazarethgemeinde diese Auskunft überhaupt bereitstellen. Für über 30% der in den Kirchenbüchern erfaßten Eheleute findet sich dagegen nur eine Adreßangabe in der Rubrik des Mannes,424 wobei unklar bleibt, ob diese den Wohnsitz vor oder nach der Eheschließung bezeichnet. In 50 Fällen fehlen jegliche Informationen zum Aufenthaltsort. Bei den übrigen ca. 56% ist für beide Eheleute eine getrennte Adreßangabe vorhanden, nicht jedoch ein zusätzlicher Vermerk zur gemeinsamen Wohnung.

Die Trauregister der Nazarethgemeinde müssen folglich in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt werden. Nur die dortigen für die Jahre 1899 bis 1909 vorhandenen Angaben besitzen die notwendige inhaltliche Tiefe, um zu fundierten Ergebnissen zu gelangen. Von den insgesamt 2.566 Paaren dieses Zeitraumes lebten zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits 1.322 (51,5%) in einer gemeinsamen Wohnung,425 ohne daß mit der kirchlichen Hochzeit ein Wohnsitzwechsel verbunden gewesen wäre. Sie bleiben für die weitere Untersuchung ohne Bedeutung. Lediglich in 56 Fällen führte die Trauung trotz eines bereits vorhandenen gemeinsamen Wohnsitzes zu einem Umzug. Bei 547 Paaren (21,3%) wurde die Wohnstätte des Mannes zum gemeinsamen neuen Domizil, wobei allein die Ehefrau eine Wanderungsbewegung vollzog. Ein umgekehrtes Geschehen läßt sich anhand des Datensatzes nicht nachweisen. In 641 Fällen (25%) war schließlich mit der Trauung eine Wohnsitzverlagerung beider Ehepartner verbunden. Offen bleibt, ob die Heirat den Wohnsitzwechsel ursächlich bewirkte oder erst eine evtl. aus beruflichen Gründen notwendige Verlagerung des Wohnstandortes den Entschluß zur Heirat nach sich zog.

↓464

Die unterschiedlichen Konstellationen legen eine nach Geschlechtern getrennte Vorgehensweise nahe. Während die Analyse des heiratsbedingten Wanderungsverhaltens der Frauen auf immerhin 1.244 Datensätzen zurückgreifen kann, beschränkt sich die Grundgesamtheit der Männer auf 697 Eintragungen. Die Differenzierung nach Standesamtsbezirken erlaubt eine erste Einordnung (vgl. Tab. 112).426 Die absolute Mehrzahl der Wanderungsbewegungen erfolgte innerhalb der drei Standesamtsbezirke des Untersuchungsgebietes (Oranienburger Vorstadt = 11, Gesundbrunnen = 13a und Wedding = 13b). Allein der Bezirk 13b „Wedding“ vereinte bei den Männern mehr als ein Drittel, bei den Frauen über ein Viertel der gesamten Wohnsitzwechsel auf sich. Der Anteil der innerhalb des Untersuchungsgebietes wandernden Frauen blieb dabei um etwa 7% unter dem Niveau der Männer. Frauen legten folglich bei nuptialen Wohnsitzverlagerungen größere Distanzen zurück als Männer.

Tab. 112: Nuptiale Wohnsitzverlagerungen in den Standesamtsbezirken des Untersuchungsgebietes - Nazarethgemeinde 1899-1909 (in %).

m

(GG = 697)

Neuer Wohnsitz

 

13b

13a

11

Ges.

 

Alter Wohnsitz

13b

33,7

4,4

1,7

39,9

 

13a

8,5

4,4

0,4

13,3

 

11

3,6

1,7

2,0

7,3

 

Ges.

45,8

10,6

4,2

60,5

 

w

(GG = 1.244)

Neuer Wohnsitz

 

13b

13a

11

Ges.

 

Alter Wohnsitz

13b

27,6

7,1

3,6

38,3

 

13a

7,7

3,9

1,3

12,9

 

11

1,5

0,5

0,7

2,7

 

Ges.

36,8

11,4

5,6

53,9

 


Quelle: Eigene Berechnungen nach den Trauregistern der ev. Nazarethgemeinde 1899-1909.

Die Suche nach einer Erklärung für die abweichenden Distanzen darf nicht auf Berlin beschränkt bleiben, sondern muß die Wohnsitzverlagerungen von und nach außerhalb der Stadtgrenze berücksichtigen. Allein 15% der erfaßten Frauen (187) verließen im Zuge der Eheschließung das Stadtgebiet.427 Umgekehrt kamen 5,8% (72) erst durch die Heirat nach Berlin und damit in das Untersuchungsgebiet.428 In beiden Fällen überwog die Nahwanderung. Bei den Männern lagen die entsprechenden Anteile bei lediglich 5,6% (39) bzw. 3,4% (24). Auch wenn die geschlechtsspezifische Divergenz heiratsbedingter Außenwanderungen auf den ersten Blick von der Fragestellung der intraurbanen Mobilität abweicht, dürfen die Ergebnisse nicht ausgeklammert werden. Die bereits mehrfach angesprochene fehlende Kongruenz administrativer und baulich-funktionaler Grenzen zwischen Berlin und seinem Umland führte dazu, „daß viele der Wanderungsvorgänge über die Stadtgrenze hinaus im Grunde eher innerstädtische Umzüge waren.“429

↓465

Dies ändert allerdings nichts an der überragenden Bedeutung der heiratsbedingten Wohnsitzverlagerungen innerhalb des Untersuchungsgebietes selbst. Abgesehen von den vorgestellten Kreuztabellen kamen die Wanderungsbewegungen zwischen zwei Standesamtsbezirken in keinem Fall über einen Anteil von zwei Prozent hinaus. Dies gilt selbst für das im Westen unmittelbar angrenzende Moabit. Zwar sind Eheleute aus allen Berliner Standesamtsbezirken in den Trauregistern der Nazarethgemeinde zu belegen, dabei handelte es sich jedoch ausschließlich um Einzelpersonen. Der Nachweis von gesamtstädtischen nuptialen Migrationsmustern ist anhand der Kirchenbuchangaben des Weddings nicht zu erbringen.

Das Hauptaugenmerk muß sich auf das Geschehen innerhalb des Weddings konzentrieren. Es ist zu vermuten, daß ein Großteil der Eheschließungen zwischen Personen aus der unmittelbaren Nachbarschaft erfolgte und der neue gemeinsame Wohnsitz die Grenzen des gewohnten Lebensumfeldes nicht überschritt. Die intensive Bautätigkeit nach der Jahrhundertwende läßt ferner eine Wanderungsbewegung aus den Altbaugebieten in die Neubauviertel erwarten.

Da sich zwischen 1899 und 1909 das Gemeindegebiet von Nazareth durch die Ausgründungen der Kapernaum- (16. Februar 1903) und der Ostergemeinde (16. März 1908) entscheidend veränderte, ist eine zweigeteilte Betrachtung sinnvoll. Es bietet sich an, jeweils die Jahre vor den Gebietsteilungen gesondert zu betrachten, d.h. die Jahre 1902 und 1907. Die Beschränkung auf einzelne Jahre ermöglicht es zugleich, die kartographische Darstellung auf eine noch überschaubare Form zu reduzieren.

↓466

Das Ergebnis läßt viele Fragen offen (vgl. Abb. 93 und 94). Eine klare Tendenz ist nicht erkennbar. Sowohl 1902 als auch 1907 hielten sich Wohnsitzwechsel im direkten nachbarschaftlichen Umfeld und über weitere Strecken hinweg annähernd die Waage. Ertragreicher erscheint eine Differenzierung nach dem Geschlecht. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß in keinem Fall der Wohnstandort einer unverheirateten Frau zum gemeinsamen Wohnsitz avancierte, lassen sich die kürzeren Distanzen der Männer im Zuge nuptialer Wanderungsbewegungen kartographisch nachweisen. Die Notwendigkeit, eine bestehende räumliche Nähe zum Arbeitsplatz aufrechtzuerhalten, wäre eine naheliegende Erklärung für den begrenzteren Aktionsradius. Auffällig ist die Verschiebung des Wanderungsschwerpunktes nach Norden. War 1902 noch die Mehrzahl der Umzugsbewegungen südlich der Schulstraße (1) zu verzeichnen, lag das Hauptgewicht 1907 um das Neubaugebiet in der Utrechter Straße (A).

Trotz dieses Faktums läßt sich die Hypothese eines verstärkten Wanderungsvolumens zwischen Alt- und Neubaugebieten nicht verifizieren. Viel eher vermitteln die Darstellungen - unabhängig vom Gebäudealter - das Bild von zwei funktional getrennten baulichen Einheiten beiderseits der Müllerstraße. Lediglich 1902 ist bei allen vier nuptialen Wohnsitzverlagerungen im Neubaugebiet an der nördlichen Seestraße (2) ein Zuzug aus den Gebieten jenseits der Müllerstraße zu erkennen. Wechselwirkungen mit dem Areal südlich der Triftstraße (3) blieben zu diesem Zeitpunkt aufgrund der erst langsam voranschreitenden Bebauung auf einen Fall beschränkt. Leider kann die Entwicklung beiderseits der westlichen Seestraße nicht weiterverfolgt werden. Mit der Gründung der Kapernaumgemeinde 1903 brechen die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern der Nazarethgemeinde ab.

Die Kirchenbuchangaben erlauben eine sehr genaue Rekonstruktion räumlicher Wanderungsmuster, die in ihrer Zuverlässigkeit weit über das Adreßbuch hinausgehen. Die entscheidende Restriktion stellt nicht die einseitige Beschränkung auf einen bestimmten Zeitpunkt im Lebenszyklus dar, sondern die fehlende Übertragbarkeit auf andere Stadtgebiete. Die nicht vorhandene Differenzierung in den Kirchenbuchvordrucken reduziert die Bereitstellung der für eine Analyse notwendigen drei Wohnsitzangaben auf Ausnahmefälle und verhindert eine systematische Fortführung des Untersuchungsansatzes.

↓467

Abb. 93: Nuptiale Wanderungsbewegungen 1902. Nazarethgemeinde nach Straßenblöcken.

Abb. 94: Nuptiale Wanderungsbewegungen 1907. Nazarethgemeinde nach Straßenblöcken.

III.4.3 Zwischenfazit

Greift man die beiden eingangs des Kapitels formulierten Zielstellungen auf, läßt sich als Ergebnis der Analyse interregionaler Wanderungsbewegungen festhalten:

↓468

  1. Der Anteil Auswärtsgeborener blieb innerhalb des Weddings deutlich unter den Werten von Gesamt-Berlin. Ein Gefälle von den innenstadtnahen Gebieten in Richtung des Stadtrandes konnte nachgewiesen werden. In den ermittelten Werten kommen einerseits die Vorteile eines zentral gelegenen Wohnstandortes zum Ausdruck, andererseits trugen die geringe Relevanz häuslicher Dienste im Untersuchungsgebiet und die überdurchschnittliche Geburtenrate zu einer Reduktion der Werte bei.
  2. Unter den Migranten dominierten Ledige im erwerbsfähigen Alter. Die Altersgruppen 15-29 Jahre stellten die mit Abstand höchsten Anteile. Kinder und Alte waren dagegen nur marginal vertreten. Abgesehen von der Altersgruppe 15-19, die sich vor allem aus Dienstpersonal rekrutierte, beteiligten sich mehr Männer als Frauen am Wanderungsgeschehen.
  3. Trotz dieser Tatsache lag der Anteil der im Stadtgebiet verbleibenden Frauen über dem Niveau der Männer. In diesem Faktum kommt die große Bedeutung saisonaler Wanderungsvorgänge zum Ausdruck, von denen Männer stärker als Frauen betroffen waren. Dies schlägt sich auch in der Verweildauer nieder. Frauen hielten sich durchschnittlich über längere Zeiträume im Stadtgebiet auf. Insgesamt stand einer hochmobilen Gruppe von Migranten ein fester Stamm von Zuwanderern mit einer dauerhaften Niederlassung im Stadtgebiet gegenüber.
  4. Nahwanderungen aus der Provinz Brandenburg bestimmten das Geschehen. Überdurchschnittlich hohe Anteile sind außerdem für Pommern und Schlesien zu verzeichnen. Die hohen Werte von Zuwanderern aus Pommern müssen mit der Nähe zum Stettiner Bahnhof in Verbindung gebracht werden. Er determinierte die räumliche Orientierung der Neuankömmlinge im Stadtgebiet. Im Ganzen überwog die Zuwanderung aus ländlichen Gebieten. Über 25% der Migranten stammten aus Ortschaften mit unter 500 Einwohnern.
  5. Unter den Zuwanderern stellten das Dienstpersonal, ungelernte Arbeiter, Personen des Handelsgewerbes sowie ohne Beruf und Berufsangabe die größten Gruppen. Der soziale Status blieb unter demjenigen der Ortsansässigen, soweit die lückenhaften Angaben der kirchlichen Trauregister an diesem Punkt verläßliche Aussagen zulassen. Im Hinblick auf die Ab- und Rückwanderung bleibt auf den erhöhten Angehörigenanteil zu verweisen. Offensichtlich wurde vielfach die Gründung einer Familie zum Anlaß genommen, das Stadtgebiet zu verlassen.
  6. Der gewählte theoretische Ansatz der Kommunikationsnetzwerke unterstrich - wenn auch nur indirekt - die Bedeutung von Informationsströmen als Impetus des Wanderungsgeschehens. Migrationen verliefen demnach sehr zielgerichtet. Die Fallbeispiele Guhrau und Heilsberg zeigten eine signifikante Interdependenz. Räumliche Schwerpunkte im Herkunftsgebiet korrespondierten mit einer Konzentration im Zielgebiet.

Schwieriger ist es, die Ergebnisse zum innerstädtischen Wanderungsgeschehen zusammenzufassen. Mehr als die jährliche Umzugsziffer und die im Abstand von fünf Jahren erhobene Verweildauer nach Wohnungsgrößen stehen von amtlicher Seite nicht zur Verfügung. Fest steht lediglich:

  1. Die Mobilitätskennziffer der innerstädtischen Umzüge überstieg deutlich das Niveau des interregionalen Wanderungsaufkommens.
  2. In Klein- und Kleinstwohnungen lag die Fluktuation am höchsten. Diese Tatsache läßt auf eine soziale Komponente schließen. Vor allem Unterschichthaushalte erwiesen sich als besonders mobil, ohne daraus eine Verallgemeinerung ableiten zu können. Auch in den Unterschichten stand den Hochmobilen eine große Gruppe Standorttreuer gegenüber.
  3. Innerstädtische Umzüge besaßen ein stark ausgeprägtes saisonales Profil. Die Ziehtage am 01. April und 01. Oktober bestimmten in entscheidendem Maße die Gesamtsituation mit unmittelbaren Auswirkungen auf das demographische Geschehen. Das Heiratsaufkommen war aufs engste an die Umzugstermine gekoppelt.
  4. Sowohl das Adreßbuch als auch die Kirchenbücher erwiesen sich als ungeeignete Quellenbasis für vertiefende Studien. Der Verlust der Einwohnermeldekartei und die lediglich rudimentäre Überlieferung der Hausbücher lassen auch für die Zukunft keine flächendeckenden Analysen erwarten.430

III.5 Fazit

↓469

Das als Arbeitshypothese erstellte schematische Untersuchungskonzept (Abb. 1) definierte den Raum als zentrale Bezugsgröße und gab eine Analyse auf vier inhaltlichen Ebenen vor. Es galt die Annahme einer determinierenden Funktion der städtebaulichen Strukturen auf die übrigen Dimensionen der Untersuchung.

Nimmt man nach Abschluß der Erörterungen eine finale Beurteilung des Schemas vor, bleibt an erster Stelle der hohe empirische Aussagegehalt der räumlichen Perspektive festzuhalten. Der Einsatz der thematischen Kartographie offenbarte Zusammenhänge, die eine Beschränkung auf rein mathematische Verfahren in dieser Form nicht nachvollziehbar gemacht hätten.

Die Hypothese einer determinierenden Funktion des Städtebaus kann anhand der vorliegenden Ergebnisse verifiziert werden. Die unter Einhaltung der jeweils gültigen gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffenen baulichen Strukturen bestimmten entscheidend die sozialräumliche und demographische Gliederung des Untersuchungsgebietes, ebenso das innerstädtische Wanderungsaufkommen. Lediglich die Analyse der interregionalen Migration erbrachte keinen direkten Zusammenhang. Der theoretische Ansatz der Kommunikationsnetzwerke verwies vielmehr auf die Bedeutung persönlicher Kontakte als raumstrukturierendes Kriterium. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß sich die Wohnstandortwahl der als Anlaufstelle für die Migranten dienenden Personen nicht unabhängig von den Restriktionen des Wohnungsmarktes und den Standorten der jeweiligen Arbeitgeber vollziehen konnte. Auf diese Weise bestand zumindest auch ein indirekter städtebaulicher Wirkungszusammenhang mit den Nachziehenden.

↓470

Eine Schwäche offenbarte die Variablenauswahl. Die Fokussierung der städtebaulichen Analyse auf das Gebäudealter und die Flächennutzung bot keine hinreichende Erklärung für das Auftreten bestimmter räumlicher Verteilungsmuster - vor allem im Bereich der Demographie. Um eine sichere Bewertungsgrundlage schaffen zu können, wäre es zusätzlich notwendig gewesen, anhand der Bauakten eine äußerst zeitaufwendige, grundstücksgenaue Auswertung der Wohnungsgrößen und Ausstattungsmerkmale vorzunehmen, was im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht zu leisten war. Dieser Aspekt muß bei zukünftigen, ähnlich gelagerten Untersuchungen zwingend Berücksichtigung finden und von vornherein in die Zeitplanung einkalkuliert werden.

Die Ausführungen legen darüber hinaus eine Modifikation auf der Ebene des „Handelnden Individuums“ nahe. Der Versuch, anhand von vertiefenden Fallbeispielen eine Verbindung von übergeordneten strukturellen Aspekten und einer alltagsgeschichtlichen Betrachtung herzustellen, erreichte in den meisten Fällen nicht die Ebene von Einzelpersonen. Entweder fehlte es wie im Bereich der Demographie gänzlich an verwertbaren, auf das Untersuchungsgebiet bezogenen Quellenmaterialien oder es traten an Stelle von einzelnen Personen Unternehmen wie die BABN als Akteure in Erscheinung. Zwar ließe sich auch hier strenggenommen eine Reduktion auf einzelne Geschäftsführer oder sonstige Entscheidungsträger vornehmen, dies erscheint jedoch im Hinblick auf das zunehmend aktienkapitalgestütze Wirtschaftssystem des Kaiserreichs als wenig sinnvoll. Neben dem „Handelnden Individuum“ wird das „Handelnde Unternehmen“ gleichberechtigt in das Schema eingefügt.

Abb. 95: Modifiziertes Untersuchungskonzept.

Quelle: Eigene Darstellung.

↓471

Nach der einleitend formulierten Zielstellung bleibt die Frage nach möglichen Kontinuitätslinien vom Kaiserreich in die Gegenwart aufzugreifen und in den Kontext der vier definierten Untersuchungsebenen einzuordnen. Analog zu den Ausführungen von Kapphan und dem eigenen Untersuchungskonzept bildet die städ tebau liche Struktur den Ausgangspunkt der abschließenden Überlegungen.

Ein bauliches Südost-Nordwest-Gefälle mit der ältesten Bausubstanz im Südosten und der modernsten im Nordwesten charakterisierte die physische Grundstruktur des Untersuchungsgebietes am Ende des Kaiserreichs. Dieser Gegensatz manifestierte sich nicht allein in der unterschiedlichen Ausstattung des Wohnraums, sondern in gleichem Maße in der räumlichen Verteilung der Flächennutzungskategorien. In Abhängigkeit von den sich verändernden Bauordnungsvorschriften konzentrierten sich die Industrieansiedlungen in dem Gebiet beiderseits und südlich der Ringbahn. Die Neubauviertel des Nordwestens blieben dagegen annähernd gewerbefrei.

Die geschlossene Blockrandbebauung war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch nicht bis an die Stadtgrenze vorgedrungen. Der Gebäudebestand beschränkte sich nördlich der Seestraße auf einzelne Straßenzüge. Ebenso war eine große Freifläche zwischen der Trift- und Brüsseler Straße verblieben. Der schubweise Fortgang der Bebauung spiegelt die Erschließungspraxis der Terraingesellschaften und die u.a. daraus resultierenden krisenhaften Erscheinungen des Wohnungsmarktes in den Jahren vor 1914 wider. Für die sehr spät einsetzende Bebauung nach Norden trat der Abdeckereibetrieb als maßgeblicher Faktor in Erscheinung.

↓472

Diese sehr spezifische Situation am nördlichen Stadtrand hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Bautätigkeit in der Weimarer Republik und dem Dritten Reich. Selbst auf Flächen, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr zur Bebauung gekommen waren, gab die Zeit vor 1914 die Entwicklungsrichtung vor. So entsprach die räumliche Ausdehnung der beiden in den 1920er und 1930er Jahren entstandenen Großwohnsiedlungen des Gebietes - der Friedrich-Ebert-Siedlung (1928-1932) und der sog. „Braunen Siedlung am Nachtigalplatz“ (1936-1938) - annähernd exakt den ehemaligen Grundbesitzungen der BABN und der in unmittelbarer Nachbarschaft tätigen Terrain- und Aktiengesellschaft Müllerstraße. Ohne die zusammenhängenden Flächen der beiden Terraingesellschaften aus dem Kaiserreich wären gemeinnützige Wohnungsbauprojekte dieser Größenordnung kaum an jenem Standort zu realisieren gewesen.431 Auf diese Weise hinterließen der Verlauf der kaiserzeitlichen Baukonjunktur und die schubweise Erschließung durch die Terraingesellschaften im nördlichen Untersuchungsgebiet eine charakteristische architektonische Abfolge, die bis in die Gegenwart prägend geblieben ist.

Abb. 96: Bebauungsstruktur nördlich der Seestraße.

Quelle: Bader, Frido J. Walter: Wohnen und Arbeiten auf dem Wedding. In: Hofmeister, Burkhard und Möbius, Dina [Hrsg.]: Exkursionen durch Berlin und sein Umland. Berlin 1992, S. 269.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann mit dem anstehenden Wiederaufbau - von dem das Untersuchungsgebiet weniger stark betroffen war, als andere Gebiete der Stadt - eine allgemeine Diskussion über den Umgang mit der noch erhaltenen Bausubstanz des Kaiserreiches. Nach der offiziellen Terminologie wurde die Stadtentwicklung des 19. Jahrhunderts und die zu diesem Zeitpunkt übliche Bauweise zum städtebaulichen Mißstand erklärt. Die Kritik mündete 1963 in einem Ersten Stadterneuerungsprogramm für West-Berlin.432 Der Erste Bericht zur Stadterneuerung von 1964 kam zu dem Schluß, daß in der westlichen Stadthälfte 430.000 Wohnungen verbesserungsfähig oder abbruchreif waren. Zunächst sollten 56.000 Wohnungen einer Sanierung unterzogen werden.433 Sanierung war in den meisten Fällen gleichbedeutend mit Totalabriß:

↓473

„In den dichtbebauten innerstädtischen Sanierungsgebieten, dort, wo die Bausubstanz 80 und mehr Jahre alt und in der Zwischenzeit nicht wesentlich erneuert worden ist, wird voraussichtlich [...] der Totalabriß mit nachfolgender Neubebauung vorwiegen müssen.“434

Die Auswahl und Abgrenzung von Sanierungsgebieten orientierte sich an drei Gesichtspunkten. Die größte Bedeutung wurde nach amtlicher Verlautbarung dem baulichen Zustand der Gebäude beigemessen:

↓474

„In erster Linie wurden die Gebiete erfaßt, bei denen mehrere Kriterien der Erneuerungsbedürftigkeit vorhanden sind, die Dringlichkeit von Maßnahmen wegen der Fülle an Mißständen also besonders groß ist. Dies ist insbesondere bei den ältesten, vor 1885 bebauten Gebieten der Fall, in denen die Gebäude unter den unzulänglichen Bestimmungen der Bauordnung von 1853 und zu einer Zeit errichtet worden sind, als es hygienisch einwandfreie sanitäre Anlagen noch nicht gab.“435

An zweiter Stelle des Auswahlverfahrens rangierten sog. „übergeordnete städtebauliche Gesichtspunkte“. So wurde u.a. für das im Stadtbezirk Wedding aber außerhalb des Untersuchungsraumes gelegene Sanierungsgebiet Brunnenstraße auf die Lage an der innerstädtischen Grenze und die Bedeutung für die Zeit nach einer möglichen Wiedervereinigung verwiesen.

↓475

Schließlich folgte ein Hinweis auf Erfahrungswerte aus den USA, die gezeigt hätten, „daß innerhalb eines Jahres höchstens Gebiete mit rd. 4.000 Wohnungen saniert werden können.“436

Rechnet man das Sanierungsprojekt an der östlichen Seite der Kösliner Straße hinzu, das bereits vor dem offiziellen Startschuß zur Stadterneuerung zwischen 1955 und 1962 zum Abschluß gekommen war und quasi als Testlauf für die spätere Sanierungspraxis diente,437 wurden im Untersuchungsgebiet insgesamt neun Stadterneuerungsgebiete ausgewiesen (vgl. Tab. 113 und Abb. 97).

Tab. 113: Stadterneuerungsgebiete im Untersuchungsraum nach dem Jahr der Ausweisung.

Nr. in Karte

Stadterneuerungsgebiete

Jahr der Ausweisung

1

Kösliner Straße

(1955)

2

Nettelbeckplatz

1963

3

Gerichtstraße

1971

4

Ruheplatzstraße

1972

5

Schulzendorfer Straße

1978

6

Courbièreplatz

1979

7

Schulstraße

1985

8

Neue Hochstraße

1985

9

Sparrplatz

1985


Quelle: Der Senator für Bau- und Wohnungswesen: 10. Bericht über die Stadterneuerung 1.1.-31.12.1972. Mitteilungen des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Nr. 59 Drucksache 6/1035, Anlage 4. Ders., 13. Bericht über die Stadterneuerung 1.1.1975-31.12.1977. Mitteilungen des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Nr. 166 Drucksache 7/1372, Anlage 8.1. Ders., 14. Bericht über die Stadterneuerung 1.1.1978-31.12.1979. Mitteilungen des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Nr. 86 Drucksache 8/531, Anlage 3.1 sowie Ders., 16. Bericht über die Stadterneuerung 1.1.1982-31.12.1983. Mitteilung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Nr. 38 Drucksache 10/464, S. 37a, 38a, 39a.

Vgl. auch Bezirksamt Wedding von Berlin [Hrsg.]: 25 Jahre Stadterneuerung für Menschen im Wedding. Berlin 1988.

↓476

Hinzu kamen sog. „Einzelsanierungsmaßnahmen“ auf ausgewählten Grundstücken.438 Nach dem Ersten Bericht zur Stadterneuerung waren bis 1963 allein im Stadtbezirk Wedding auf diese Weise 557 Wohnungen durch Abbruch verschwunden. Im Jahr 1963 folgten 187. Für 1964 waren weitere 281 Wohneinheiten zum Abriß vorgesehen.

Abb. 97: Untersuchungsgebiet. Räumliche Ausdehnung der Sanierungsgebiete und vorbereitenden Untersuchungsbereiche.

Anm.: Blau = Stadterneuerungsgebiet Kösliner Straße (vor 1963), Grün = Sanierungsgebiete des Ersten Stadterneuerungsprogrammes (bis 1972). Rot = Sanierungsgebiete nach 1972, Gelb = Untersuchungsbereiche zur Vorbereitung von Sanierungsmaßnahmen.

Quelle: Eigene Darstellung nach dem 10., 13. 14. und 16. Bericht über die Stadterneuerung.

Auch wenn die Thematik der Sanierungspolitik an dieser Stelle nur angerissen werden kann und sich ein langsamer Wandel von der reinen Abrißsanierung hin zu einer erhaltenden Stadterneuerung vollzog, bleiben im Hinblick auf das Kaiserreich zwei Aspekte festzuhalten:

↓477

  1. Die Sanierungsmaßnahmen seit den 1950er Jahren führten zu einer partiellen Umkehr der Gebäudealtersstruktur im Untersuchungsgebiet. Teile der am frühesten bebauten Gebiete weisen heute die jüngste Bausubstanz auf, ohne damit allerdings eine qualitative Differenzierung verbinden zu können. Da die Neubebauung im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus erfolgte, orientierte sich die Anhebung der Wohnraumausstattung lediglich an sozialpolitischen Mindeststandards. Auch wenn dies im Vergleich zu den unsanierten und abgerissenen Altbauten zumeist eine Verbesserung darstellte, drängt sich aus heutiger Perspektive ein Vergleich mit der Situation in den noch annähernd geschlossen erhaltenen und durch weitgehend privatwirtschaftliche Initiative an die modernen Wohnstandards angepaßten Mietshausviertel des Kaiserreichs auf, wie u.a. an der Seestraße und südlich der Triftstraße. Es steht zu vermuten, daß die Abrißsanierung, die eigentlich die Nivellierung des städtebaulichen Nordwest-Südost-Gefälles des Kaiserreichs zum Ziel haben mußte, genau das Gegenteil bewirkte und zu einer Konservierung bzw. Verschärfung desselben geführt hat. Eine vertiefende Studie wäre notwendig, um diese Vermutung einer empirischen Überprüfung zu unterziehen. Die sehr ungenauen Zahlen der amtlichen Statistik deuten zumindest auf eine Verifizierung hin.
  2. Sieht man von den Flächensanierungsgebieten ab, muß zugleich auf die hohe Persistenz der kaiserzeitlichen Bausubstanz verwiesen werden. In weiten Teilen des Untersuchungsgebietes datiert die Errichtung der Gebäudesubstanz aus der Zeit vor 1918. So weist u.a. das Statistische Gebiet Leopoldplatz nach den Zahlen der Gebäude- und Wohnungszählung vom 25. Mai 1987 nach wie vor einen Anteil von 67% des Kaiserreichs am Gesamtwohnungsbestand aus.439

Eng verknüpft mit den Aspekten des Städtebaus steht die Wirtschaftsstruktur. Hervorzuheben ist im besonderen der Aufstieg des Maschinenbaus zum wirtschaftlichen Leitsektor des Weddings in den drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Elektrotechnische Großunternehmen wie die AEG und Bergmann bestimmten mit ihren Gewerbeflächen zunehmend das Stadtbild und die Beschäftigtenstruktur. Das hohe Innovationspotential sorgte für einen scheinbar ungebrochenen Expansionsdrang.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Teilung der Stadt änderten sich jedoch die Vorzeichen grundlegend, wenn auch die Konsequenzen nicht sofort sichtbar wurden. Die ehemalige Stärke der Elektroindustrie und des Maschinenbaus kehrte sich für den Wedding zur Achillesferse um.440 Allein zwischen 1970 und 1980 sank das Beschäftigungsniveau in der West-Berliner Elektroindustrie um 34% und im Maschinenbau um 37%. Traditionsreiche Großunternehmen wie die AEG und Osram zogen sich bis Ende der 1980er Jahre ganz aus dem Wedding zurück. Im Falle von AEG-Telefunken war der Rückzug gar mit dem Konkurs verbunden. Weitere Traditionsunternehmen wie Ludwig Loewe & Co. im benachbarten Moabit, die Berliner Maschinenbaufabrik AG und der Druckmaschinenhersteller Rotaprint gingen den gleichen Weg und verschwanden aus dem Handelsregister.

↓478

Der großflächige Niedergang resultierte aus einer Überlagerung von standortspezifischen mit branchen- und unternehmensspezifischen Faktoren. Zur Zäsur wurde die Ölkrise von 1973/74 und die anschließende Rezession von 1974/75. Der Konjunktureinbruch deckte längerfristige Fehlentwicklungen schonungslos auf.

Bähr identifizierte einen vielschichtigen Ursachenkomplex des Niedergangs:

↓479

Der rasante Aufstieg des Maschinenbaus in den letzten drei Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erweist sich vor diesem Hintergrund als eine der zentralen Ursachen für die gegenwärtig sehr hohe Arbeitslosenquote des Weddings und die Problematik der Nachnutzung von Gewerbeflächen.441 Das größte im Untersuchungsgebiet betroffene Areal waren die ehemaligen Produktionsstätten von Bergmann und Osram an der Seestraße. Nach dem Abzug großer Teile der Fertigungskapazitäten 1988 mußte ein neues Nutzungskonzept erstellt werden. Im Anschluß an die Sanierung des Gewerbekomplexes folgte die Umwandlung in einen Gewerbehof. Aktuelle Daten der Betreiberfirma verweisen auf eine 90%ige Flächenauslastung. Ca. 60 Firmen und Einrichtungen mit zusammen mehr als 3.000 Beschäftigten beherbergt das Gelände heute.442 Im Gegensatz zu diesem offensichtlich erfolgreichen Umstrukturierungsprojekt liegt in vielen Fällen eine Nachnutzung noch in weiter Ferne.

Von der Problematik sind allerdings nicht alle Teilbereiche des Untersuchungsgebietes in gleichem Maße betroffen. Analog zur Flächennutzung des Kaiserreichs konzentriert sich der Handlungsbedarf vor allem auf die südöstlichen Areale.

Ein vollkommen gegensätzliches Bild zeigt die Situation in der Chemischen Industrie. Das Großunternehmen des Kaiserreiches - die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) - blieb über alle Wirren des Krieges und die Teilung der Stadt hinweg mit seinem Hauptsitz am Standort Wedding. Die Gründe für die Standorttreue faßte das Unternehmen unter der Frage „Weshalb blieb Schering in Berlin?“ wie folgt zusammen:

↓480

„Eine Alternative zum Standort Berlin bot sich in den Jahren 1945 bis 1949 nicht an. Nur hier [...] gab es Voraussetzungen, die einen Wiederaufbau möglich erscheinen ließen: Hier lagen chemische Werke der Schering AG, hier gab es auch nach der Demontage Restbestände an Fertigwaren. Vor allem aber gab es in Berlin Mitarbeiter, die auf allen Gebieten über Schering-Know-how und Erfahrung verfügten. Trotzdem stellte sich für den Vorstand immer wieder die Frage, ob die politische Entwicklung eine Verlagerung in die Westzone notwendig machen würde. Spätestens ab 1947 war erkennbar, daß mit der Enteignung unserer Werke im Ostsektor der Stadt gerechnet werden mußte und daß eine Abtrennung von unserem Hauptabsatzgebiet, der Ostzone, im Bereich des Möglichen stand - gute Gründe nachzudenken, ob eine Verlagerung durchführbar sein könnte. Drei Voraussetzungen hätten dafür gegeben sein müssen: die Übernahme eines für den Aufbau eines pharmazeutischen Betriebes geeigneten Werkes, die Übersiedlung einer größeren Zahl von Mitarbeitern mit allen politischen, technischen und vor allem menschlichen Problemen und drittens die dafür notwendigen finanziellen Mittel. Keine der drei Voraussetzungen war gegeben, und sie waren auch nicht zu schaffen.“443

Das Spezialwissen der Mitarbeiter, das sich nicht beliebig ersetzen ließ und bereits im Kaiserreich zu einer besonderen Bindung an das Unternehmen geführt hatte, war einer der entscheidenden Faktoren für den Verbleib und die damit verbundene völlige städtebauliche Umgestaltung in der Umgebung des ursprünglichen Betriebsstandortes. Das Unternehmensgelände erstreckt sich heute auf das gesamte Areal zwischen Ringbahn und Sellerstraße. Die frühere Wohnbebauung ist in diesem Bereich fast vollständig verschwunden und durch Betriebsgebäude ersetzt.

↓481

Es bleibt eine Weiterführung der Überlegungen auf die sozio-demographische Ebene. Anhand der Kirchenbuchangaben konnte für das Untersuchungsgebiet im Zeitraum 1885-1914 der Nachweis einer ausgeprägten sozialen und demographischen Segregation erbracht werden. Die niedrigsten Statuswerte sowie die höchste Geburten- und Sterberate konzentrierten sich in dem Gebiet Liebenwalder Straße-Reinickendorfer Straße, in der Gerichtstraße-Neuen Hochstraße und in den Straßenblöcken um den Sparrplatz. Auch wenn das Gebäudealter für sich genommen keine hinreichende Erklärungskraft entfaltete, so bestand zumindest eine grundsätzliche Korrelation.

Die demographische Situation kennzeichnete eine überdurchschnittlich junge Einwohnerschaft mit maximalen Geburtenraten im Vergleich zu den übrigen Gebieten der Stadt - trotz eines langfristigen Geburtenrückgangs. Die Zuwanderung von ledigen Personen zwischen 15 und 29 Jahren aus den ländlichen Gebieten der preußischen Ostprovinzen bestimmte maßgeblich die Zusammensetzung der Bevölkerung. Sie zogen entweder direkt von außerhalb zu oder kamen über die Zwischenetappe eines innenstadtnahen Wohnstandortes in das Untersuchungsgebiet.

Stellt man diesem Ergebnis die aktuelle Situation gegenüber, zeigen sich auffällige statistische Übereinstimmungen. Auch gegenwärtig liegt die Altersstruktur des Weddings deutlich unter dem Berliner Durchschnitt. Ein Bevölkerungsanteil von 19,16% der Altersgruppe unter 18 Jahren war im Jahr 2002 gleichbedeutend mit dem dritthöchsten Wert im Stadtgebiet. Lediglich in den Bezirken Hellersdorf (21,62%) und Kreuzberg (19,39%) lagen die Werte noch geringfügig höher.444 Gleiches gilt für die Geburtenrate und das natürliche Bevölkerungswachstum. Einem Rückgang von 1,5‰ in Gesamt-Berlin stand 1999 ein natürliches Bevölkerungswachstum des Weddings von 1,2‰ gegenüber.

↓482

Die grundsätzliche Übereinstimmung zwischen Gegenwart und Kaiserreich überrascht jedoch, sobald man einen Blick auf die langfristige demographische Entwicklung wirft. Nach den Zahlen der amtlichen Statistik ist eine Kontinuitätslinie nicht nachzuweisen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sank die Geburtenrate unter bzw. stieg die Sterberate des Weddings über den Berliner Durchschnitt. Die natürlichen Bevölkerungsverluste des Weddings erreichten ein Ausmaß, das in Relation zu Gesamt-Berlin deutlich von der gegenwärtigen Situation und den Verhältnissen des Kaiserreichs abwich (vgl. Tab. 114).

Tab. 114: Geburten- und Sterberate im Wedding und in Gesamt-Berlin 1925-1999 (in ‰).

Wedding

Berlin

GR

SR

NW

GR

SR

NW

1925

12,5

10,9

1,6

11,7

11,3

0,4

1930

10,6

10,7

-0,1

9,9

11,2

-1,3

1935

14,5

12,9

1,6

14,1

13,1

1,0

1938

14,3

11,9

2,4

14,9

13,2

1,7

1951

9,3

12,6

-3,3

9,0

12,4

-3,4

1955

7,0

14,2

-7,2

7,8

13,9

-6,1

1960

9,3

16,4

-7,1

9,8

16,4

-6,6

1965

11,5

19,5

-8,0

11,8

18,0

-6,2

1970

10,1

20,6

-10,5

9,5

19,0

-9,5

1975

11,1

21,0

-9,9

8,8

19,5

-10,7

1980

11,1

18,5

-7,4

9,8

18,3

-8,5

1985

12,1

16,8

-4,7

9,7

17,6

-7,9

1990

13,4

12,2

1,2

10,3

14,1

-3,8

1995

11,6

11,2

0,4

8,3

11,3

-3,0

1999

12,0

10,8

1,2

8,8

10,3

-1,5


Anm.: GR = Geburtenrate, SR = Sterberate, NW = Natürliches Bevölkerungswachstum

Quelle: StatJbB, versch. Jg.

Läßt sich der Einbruch nach 1945 mit der unsicheren politischen Lage und der massiven Abwanderung von Personen im erwerbsfähigen Alter nach Westdeutschland erklären, bleibt die Frage nach den Gründen für die signifikante Erholung der Werte seit 1970. Die Ursachenforschung führt zurück auf die besondere wirtschaftliche Situation in Verbindung mit der städtebaulichen Sanierungspolitik. Infolge des akuten Facharbeitermangels hatte zwischen 1968 und 1974 die Anzahl ausländischer Arbeitnehmer in der West-Berliner Industrie von ca. 4% auf rund 20% zugenommen.445 Seit dem Ende der 1960er Jahre wurde es gängige Praxis, Wohnungen die zur Sanierung vorgesehen waren, in einer Art Zwischennutzung an die ausländischen Arbeitnehmer zu vermieten.

↓483

„Ende 1974 leben in den Sanierungsgebieten Kreuzbergs bereits 37,5% Ausländer (Bezirksdurchschnitt 24,7%), in denen des Wedding 32,8% (Bezirksdurchschnitt 17,7%). Das Umherschieben der Ausländer von einem ‚sanierungsbedürftigen‘ Haus zum anderen ist gängige Praxis der Sanierungsträger geworden.“446

Die Vermietungspraxis in den Sanierungsgebieten führte zu einer räumlichen Konzentration der ausländischen Bevölkerungsgruppen, d.h. von Personen mit ähnlichen sozio-demographischen Merkmalen wie die einstmaligen Migranten des Kaiserreichs aus den ländlichen Gebieten der Ostprovinzen. Unter den Migranten dominierte die Türkei als wichtigstes Herkunftsland.

↓484

Eine Bevölkerungspyramide des Jahres 1976 zeigt die besondere demographische Struktur der Zuwanderer. Die 25-40jährigen, d.h. Personen der mittleren Altersgruppe im erwerbsfähigen Alter, stellten die größten Anteile. Eine deutliche Verschiebung zwischen den Geschlechtern ist erkennbar. Während bei den Männern die Gruppe der 30-40jährigen dominierte, lag der Schwerpunkt der Frauen zwischen 25 und 30 Jahren. Die starke Besetzung der Frauen im gebärfähigen Alter, die zumeist schon verheiratet nach Berlin kamen, führte zu einem hohen Geburtenaufkommen, das als breite Basis im Altersaufbau sichtbar wird.

Abb. 98: Altersaufbau der ausländischen Bevölkerungsgruppe in Berlin (West) am

Tab. 115: Ausländeranteil nach Altersgruppen und (West-)Berliner Bezirken 1997 (in %).

unter 6

6 bis 15

15 bis 20

20 bis 45

45 bis 65

65 und mehr

Tiergarten

37,0

35,9

37,0

29,4

20,9

7,2

Wedding

44,4

40,4

42,1

32,1

24,4

5,6

Kreuzberg

44,4

43,4

46,1

32,6

31,0

11,0

Charlottenburg

22,1

22,3

23,8

23,1

12,8

5,1

Spandau

18,5

18,0

17,4

18,9

8,9

2,3

Wilmersdorf

16,2

15,4

16,8

17,9

9,2

3,7

Zehlendorf

11,5

10,3

8,8

14,5

5,8

2,1

Schöneberg

30,2

30,2

34,1

23,9

17,0

6,0

Steglitz

12,1

11,9

12,6

13,4

6,3

2,3

Tempelhof

14,8

13,2

13,1

13,8

6,4

2,1

Neukölln

32,2

29,0

29,7

24,3

13,9

3,4

Reinickendorf

15,4

12,1

12,3

14,0

5,8

1,7


Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Landesamt Berlin [Hrsg.]: Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstand in Berlin Dezember 1997. (Berliner Statistik. Statistische Berichte A I 1 - m12/97 und A I 2 - m12/97) Berlin 1998, S. 14f.

↓485

Die große Bedeutung der Ausländer für das aktuelle demographische Geschehen zeigt ein Blick auf die Altersstruktur von 1997 (vgl. Tab. 115). Hinter Kreuzberg verzeichnete der Wedding den höchsten Ausländeranteil aller ehemaligen West-Berliner Bezirke. In den Altersgruppen bis 20 Jahren lagen die Werte bei über 40%, in der Gruppe 20 bis 45 Jahren bei immerhin mehr als 30%. Lediglich die über 65jährigen wiesen mit 5,6% einen eher marginalen Anteil auf.

Durch die Anwerbung von Gastarbeitern und die Sondersituation der Sanierungspolitik wurden offensichtlich unter völlig veränderten politisch-juristischen Rahmenbedingungen abgebrochene Entwicklungslinien „reaktiviert“. Der Städtebau wurde zum entscheidenden Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der günstige, da vergleichsweise schlecht ausgestattete Wohnraum und die Nähe zu den Arbeitsplätzen der Industrie hatten im Kaiserreich - soweit die eigenen Ergebnisse sichere Aussagen zulassen - zu einer Konzentration der ländlichen Migranten in den Altbauvierteln des östlichen und südöstlichen Untersuchungsgebietes geführt. Die schlechte Ausstattung des Wohnraums gab wiederum nach dem Zweiten Weltkrieg den Anlaß zur Durchführung von umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, was gleichzeitig eine Konzentration von ausländischen Migranten nach sich zog. Auf diese Weise schloß sich gewissermaßen der Kreis, wobei nicht die Bausubstanz an sich, sondern der politische Umgang mit derselben zum ausschlaggebenden Faktor wurde.

Auch wenn dieser Gedankengang zwangsläufig abstrahiert, erfaßt er eine Wechselwirkung, die nochmals die determinierende Bedeutung städtebaulicher Strukturen unterstreicht. Vertiefende Studien wären auch an dieser Stelle notwendig, um die Aussagen empirisch abzusichern. U.a. müßten einzelne Grundstücke im Bereich des Sanierungsgebietes Nettelbeckplatz einer separaten Analyse unterzogen werden, um eine mögliche räumliche Diffusion der ausländischen Bevölkerungsgruppe im Detail nachvollziehen zu können.

↓486

Trotz aller noch offenen Fragen steht fest: Die Vergangenheit und Gegenwart des Weddings sind untrennbar miteinander verbunden. Um die gegenwärtige Situation in ihrer gesamten Komplexität verstehen und analysieren zu können, bildet eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die unabdingbare Voraussetzung. Einen Beitrag dazu versuchte die vorliegende Untersuchung zu leisten, auch wenn das gezeichnete Bild zwangsläufig unvollständig bleiben muß. Weitere Forschungsprojekte müssen folgen, um die für das Kaiserreich gewonnenen grundlegenden Erkenntnisse weiterzuführen und auf eine breitere Basis zu stellen.447


Fußnoten und Endnoten

74  Vgl. Schäfers, Bernhard: Architektursoziologie. Grundlagen - Epochen - Themen. (Soziologie der Architektur, der Stadt und des Wohnens. Bd. 1) Opladen 2003, S. 5.

75  Die Umbenennung von Rixdorf in Neukölln erfolgte am 27. Januar 1912. Zu den Hintergründen vgl. Schwenk, Herbert: Rixdorf wird Neukölln. In: Berlinische Monatsschrift (2001), H. 4, S. 43-50.

76 

Ein Versicherungsjahr reichte jeweils vom 01. Oktober bis 30. September. Die im Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin ausgewiesene Zahl der neuversicherten Grundstücke darf allerdings nicht mit der Anzahl der seit 1901 veröffentlichten gebrauchsfertig abgenommenen Neubauten verwechselt werden wie dies in der zeitgenössischen Literatur vorgekommen ist. Vgl. u.a. Ascher, Siegfried: Die Wohnungsmieten in Berlin von 1880-1910. (Bodenpolitische Zeitfragen, Heft 7) Berlin 1918, S. 121.

Die Zahl der Neubauten lag höher als der Zugang an neuversicherten Grundstücken. Pape erklärte den Unterschied folgendermaßen: „Man erhält aber mit den Grundstückszahlen einen Nachweis über das Fortschreiten der Bebauung auf bislang unbebautem Gelände, während die Zahl der Neubauten, zu denen Vorderhäuser, Seitengebäude, Quergebäude, Fabrikanlagen oder auch Umbauten gehören können, den Prozeß der Verdichtung deutlich macht, wenn sie auf bereits versicherten Grundstücken errichtet werden.“ Vgl. Pape, Charlotte: Die Entwicklung des Wilhelminischen Großstadtgürtels in Berlin - dargestellt an einem Beispiel aus dem Bezirk Prenzlauer Berg. In: Hanke, Reinhard [Hrsg.]: Festschrift für Helmut Winz aus Anlaß seines 70. Geburtstages am 5.9.1978. Berlin 1980, S. 322.

Vgl. zur dieser Problematik auch Geist, Johann Friedrich; Kürvers, Klaus: Das Berliner Mietshaus 1862-1945. München 1984, S. 329-335.

77  Vgl. u.a. Carthaus, Vilma: Zur Geschichte und Theorie der Grundstückskrisen in deutschen Großstädten mit besonderer Berücksichtigung von Groß-Berlin. Jena 1917.

78  Vgl. Schwippe, Heinrich J.; Zeidler, Christian: Die Dimensionen der sozialräumlichen Differenzierung in Berlin und Hamburg im Industrialisierungsprozeß des 19. Jahrhunderts. In: Matzerath, Horst [Hrsg.]: Städtewachstum und innerstädtische Strukturveränderungen. Probleme des Urbanisierungsprozesses im 19. u. 20. Jahrhundert. (Geschichte und Theorie der Politik. Unterreihe A, Geschichte, Bd. 8) Stuttgart 1984, S. 216f.

79  Für die Müllerstraße 166 liegt eine kurze Beschreibung aus dem Jahr 1873 vor. In einem Schreiben an das Polizeipräsidium bemerkt der Fuhrherr Eckart:„In der Müllerstraße 166 habe ich das Grundstück mit circ. 18 Morgen Land erpachtet hierin sind ca. 2 Morgen Wiese[...] die unmittelbar 3-5 Fuß tief unterhalb des Bürgersteiges liegen, der anderen Theil ist mit Roggen bestellt.“ Vgl. LAB, B Rep. 203 Nr. 9615.

80  Vgl. Eberstadt, Rudolf: Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage. Jena 1909, S. 76.

81  Vgl. ebd., S. 82.

82  1 Rute = 3,76 m. Vgl. Lubowitzki, Jutta: Der ”Hobrechtplan“: Probleme der Berliner Stadtentwicklung um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Ribbe, Wolfgang [Hrsg.]: Berlin Forschungen V. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 71) Berlin 1990, S. 73.

83  Vgl. Eberstadt (1909), S. 79.

84  Vgl. Landeskirchliches Archiv Berlin-Brandenburg (LABB), 14/3700, Bd. 1 (Königliches Consistorium der Provinz Brandenburg. Acta betr. die Theilung der Nazareth-Gemeinde und Errichtung einer Parochie für die Kapernaumkirche vom 28.6.1900 bis 1.4.1903. Verzeichnis der Haushaltungen und Einwohnerzahl ev. Conf. der Nazareth-Gemeinde).

85  Die Auflistung von 1901 ergibt ein durchschnittliches Verhältnis von 1:4 zwischen Haushaltsvorständen und der Gesamtzahl der Bewohner je Grundstück.

86  Vgl. oben, S. 17-21 bzw. unten, S. 344-353.

87  Vgl. Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 3.

88  Zur Entstehungsgeschichte und den Inhalten des Hobrecht-Plans vgl. u.a. Heinrich, Ernst: Der ‚Hobrechtplan'. In: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte, Jg. 13 (1962), S. 41-58, Lubowitzki (1990), S. 11-130 bzw. Geist, Johann Friedrich; Kürvers, Klaus: Das Berliner Mietshaus 1740-1862. München 1980, S. 481-505.

89  Vgl. zu Hobrecht u.a. Butter, Jelena: James Hobrecht. Pionier der modernen Stadtentwicklung. In: Museumsjournal. Jg. 16 (2002), H.4, S. 78-80.

90  Vgl. zu den Gestaltungselementen des Planes Geist/Kürvers (1980), S. 501.

91  Nach § 10 des Fluchtliniengesetzes von 1875 mußte jede Veränderung an den bestehenden Bebauungsplänen „in den Städten Berlin, Potsdam, Charlottenburg und deren nächster Umgebung“ durch den König genehmigt werden. Vgl. GS (1875), Nr. 40, S. 563. bzw. Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin. Stück 26, 30. Juni 1876, S. 207-210 („Vorschriften für die Aufstellung von Fluchtlinien- und Bebauungsplänen“).

92  Die kostenlose Abtretung des Straßenlandes war rechtlich nicht sanktioniert. Da in dem verabschiedeten Bebauungsplan die Entschädigungsfrage ungeklärt geblieben war, hatte das Polizeipräsidium nur indirekte Handlungsmöglichkeiten. Um eine unentgeltliche Abtretung zu bewirken, konnte dem privaten Grundstücksbesitzer die Baugenehmigung verweigert werden oder man einigte sich auf eine Abänderung des Bebauungsplanes nach den Wünschen des betroffenen Eigentümers. Vgl. Geist/Kürvers (1980), S. 505.

93  So stellte der bankrotte „preußische Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg bereits 1876 in seiner Rechtfertigungsschrift fest: „[...] Der grosse Uebelstand bestand darin, dass man durch den Bebauungsplan plötzlich zahllose Handelsobjecte geschaffen hatte, die noch sehr lange ihren alten Zwecken hätten dienen können; dadurch aber wurde die Speculation in Bauplätze veranlasst.“ Vgl. Strousberg, Bethel Henry: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert. Berlin 1876, S. 73.

94  Lediglich die Baublöcke entlang der Liesenstraße und Grenzstraße an der südöstlichen Begrenzung des Untersuchungsgebietes gehörten zur Abteilung IX. Vgl. Radicke, Dieter: Planung und Grundeigentum. Der Bebauungsplan von 1862 am Beispiel des Wedding. In: Boberg, Jochen [Hrsg.]: Exerzierfeld der Moderne: Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert. München 1984, S. 184.

95  Der Platz trug zwischen 1905 und 1958 den Namen „Oskarplatz“ zum Gedenken an einen Staatsbesuch des schwedischen Königs Oskar II. Vgl. Girra, Dagmar: Wedding. (Wegweiser zu Berlins Straßennamen) Berlin 1993, S. 103.

96 

„§ 12. Durch Ortsstatut kann festgestellt werden, daß an Straßen oder Straßentheilen, welche noch nicht gemäß der baupolizeilichen Bestimmungen des Orts für den öffentlichen Verkehr und den Anbau fertig gestellt sind, Wohngebäude, die nach diesen Straßen einen Ausgang haben, nicht errichtet werden dürfen.“ Vgl. GS (1875), Nr. 40, S. 563.

Eine bis dahin gültige Kabinettsordre aus dem Jahr 1832 hatte es erlaubt, Wohnhäuser an unregulierten Straßen zu erbauen. Die Regulierung wurde dann, wenn genügend Bewohner vorhanden waren, von der Gemeinde übernommen, die die Unkosten später auf die Anlieger verteilte. Vgl. Carthaus (1917), S. 7f.

97  Vgl. Berliner Gemeinderecht. Erster Band. Oertliche Straßenbau-Polizei (mit Ausschluß der Entwässerung) und Verkehrswesen. Berlin 1902, S. 6

98  Vgl. Carthaus (1917), S. 8f.

99  Die Abfolge trifft nur eingeschränkt auf die Gebiete zu, in denen es lediglich zu einer verdichtenden Neubebauung kam. Da in diesen Bereichen die gesamte kostspielige Infrastruktur bereits vorhanden war, konnten hier auch in größerem Umfang Privatpersonen den gesamten Erschließungs- und Bebauungsprozeß in Eigenregie übernehmen.

100  Für ein detaillierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Einflußfaktoren vgl. Bernhardt, Christoph: Bauplatz Groß-Berlin. Wohnungsmärkte, Terraingewerbe und Kommunalpolitik im Städtewachstum der Hochindustrialisierung (1871-1918). (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin. Band 93) Berlin, New York 1998.

101  Vgl. Zimmermann, Clemens: Von der Wohnungsfrage zur Wohnungspolitik. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 90) Göttingen 1991, S. 128.

102  Die Leerstandsrate bezieht sich auf die Kategorie „Wohnungen und Gelasse“. Hierunter fallen auch Geschäftslokale und Wohnungen mit einer gewerblichen Nutzung.

103  Nach den älteren Wohnungsstatistiken bestand eine Wohnungsnot ab einer Leerwohnungsziffer von unter 3 Prozent. Vgl. Wischermann, Clemens: Mythen, Macht und Mängel: Der deutsche Wohnungsmarkt im Urbanisierungsprozeß. In: Reulecke, Jürgen [Hrsg.]: Geschichte des Wohnens. Bd. 3. 1800-1918 Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart 1997, S. 399.

104 

Die Krise wurde durch die Steuergesetzgebung der Jahre 1910 bzw. 1911 weiter verschärft. Mit dem sog. Zuwachssteuergesetz vom 14. Februar 1911 wurde im gesamten Deutschen Reich der Spekulationsgewinn bei Grundstücksgeschäften besteuert und damit für die Beteiligten die Rendite beschnitten.

„§ 1. Beim Übergange des Eigentums an inländischen Grundstücken wird von dem Wertzuwachse, der ohne Zutun des Eigentümers entstanden ist, gemäß den Vorschriften dieses Gesetzes eine Abgabe (Zuwachssteuer) erhoben.“ Nach § 28 staffelten sich die Steuersätze von 10% auf maximal 30%. Ausgenommen von der Steuer waren lediglich bebaute Grundstücke deren Verkaufswert bis zu 20.000 M. betrug bzw. unbebaute Grundstücke von bis zu 5.000 M. Die Steuer ermäßigte sich für jedes vollendete Jahr zwischen Erwerb und Weiterverkauf um 1%. Vgl. RGBl. (1911), Nr. 6, S. 33-56.

In Berlin war bereits am 01. Januar 1910 eine städtische Wertzuwachssteuer eingeführt worden. Vgl. zur Thematik u.a. Haberland, Georg: Die Wertzuwachssteuer. Kritische Betrachtungen. Berlin 1910.

105 

Die deutlichen Abweichungen der Leerstandsquoten in den verschiedenen Stadtteilen führt Wischermann auf das innerstädtische Migrationsverhalten zurück. Er konstatiert ein Gefälle vom Stadtzentrum in Richtung der Peripherie. „[Es] blieb die innerstädtische Mobilität trotz eines im allgemeinen qualitativ besseren und bezogen auf die Wohnfläche billigeren Wohnungsangebots in den äußeren Stadtteilen auf möglichst zentrale Wohnstandorte ausgerichtet. [...] In den Zeiten eines Überangebotes an Wohnungen war die Wohnmobilitätsquote nicht nur insgesamt sehr hoch, sondern sie zeigte auch die charakteristische Tendenz einer Abnahme von den Außenbezirken zu den innenstadtnahen Wohnlagen, an der lediglich die Oberschichtenviertel nicht teilnahmen. Die Tendenz der Wohnungsnachfrage widerspiegelnd, war die Leerwohnungsziffer in den äußeren Stadtteilen außerordentlich hoch [...] und sank in Teilen der Innenstadt auf die Hälfte dieser Ziffer.“ Eine Erklärung für die Bevorzugung innenstadtnaher Wohngebiete liefern Schwippe/Zeidler, die für die Stadt Hamburg des Jahres 1910 feststellen: „Trotz eines schon relativ gut ausgebauten ÖPNV-Netzes, trotz Einführung von Wochenkarten und Zonentarifen ist es offenbar noch einem größeren Teil der Arbeiter, besonders den wenig qualifizierten [...] nicht möglich, über größere Entfernungen täglich zur Arbeit zu pendeln. Stattdessen zieht man entweder in die Nähe des Arbeitsplatzes, oder aber man wählt einen zentral gelegenen Wohnstandort, etwa in den inneren Stadtteilen, um von dort aus täglich den Arbeitsplatz, den zu wechseln man zudem häufig gezwungen ist, zu erreichen. So drängen sich vor allem Personen mit geringer beruflicher Qualifikation und häufig wechselndem Arbeitsplatz in die in der Innenstadt noch verbliebenen Wohnviertel.“

Vgl. Wischermann, Clemens: Wohnung und Wohnquartier. Zur innerstädtischen Differenzierung der Wohnbedingungen in deutschen Großstädten des späten 19. Jahrhunderts. In: Heineberg, Heinz [Hrsg.]: Innerstädtische Differenzierung und Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert. Geographische und historische Aspekte. (Städteforschung: Reihe A, Darstellungen, Band 25) Köln, Wien 1987, S. 78 sowie Schwippe/Zeidler (1984), S. 227.

106  Vgl. Müller, Gustav: Karte zur Berechnung des Grund- und Bodenwertes in Berlin und Charlottenburg-Westend. Jg. 5 (1896-97), Beiheft, S. 7.

107 

Vgl. Hirsch, Siegfried: Die Bank, ihre Geschäftszweige und Einrichtungen. 8. Aufl. Berlin 1915, S. 271f.

In der Praxis wichen die Taxwerte allerdings oftmals bewußt von den tatsächlichen Verkehrswerten ab. Nach dem Hypothekenbankgesetz vom 13. Juli 1899 war es den Banken untersagt, ein Grundstück mit mehr als 60% zu beleihen (§ 11). Um bei der großen Konkurrenz auf dem Kreditmarkt an die lukrativen Hypotheken erster Stelle zu kommen, wurde es vielfach zur Praxis der Banken, Grundstücke überzutaxieren - im Falle eines Konkurses mit allen negativen Konsequenzen v.a. für die Geldgeber der zweiten Hypothek. Das Hypothekenbankgesetz ließ dieses Vorgehen durch eine sehr undeutliche Formulierung zu: „Der bei der Beleihung angenommene Werth des Grundstücks darf den durch sorgfältige Ermittelung festgestellten Verkaufswerth nicht übersteigen.“ (§ 12). Vgl. RGBl. (1899), Nr. 32, S. 378 bzw. Carthaus (1917), S. 178f.

108  Vgl. Bundesarchiv (BA), R 3103, Nr. 355, Bl. 2 (Prospekt betreffend nominal Mk. 5000000.- Aktien der Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord zu Berlin).

109  Lediglich sechs Gesellschaften wiesen 1913/14 ein höheres Stammkapital aus. Vgl. Bernhardt (1998), S. 50.

110  Vgl. BA, R 3103, Nr. 355, Bl. 27 (Berliner Börsen-Zeitung vom 20.01.1906). Vor der Börseneinführung der BABN-Papiere entbrannte ein Streit mit der Zulassungsstelle, da von der Unternehmensleitung vorgesehen war, von den Aktien im Wert von 10 Mio. Mk. nur 5 Mio. in den Handel zu bringen. Die andere Hälfte sollte im Besitz der Emissionshäuser (Darmstädter Bank, Nationalbank für Deutschland, Neue Boden-Aktien-Gesellschaft) verbleiben. Da bei diesem Vorgehen eine Aktienmehrheit privater Investoren von vornherein ausgeschlossen gewesen wäre und die Emissionshäuser nur 25% ihres Anteils eingezahlt hatten, wurde die Zulassung am 08. Dezember 1905 zunächst verweigert. Vgl. ebd., Bl. 7 (Deutsche Tageszeitung vom 8.12.1905, No. 576 bzw. Berliner Börsen-Zeitung vom 9.12.1905, No. 578).

111  Vgl. LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1 (Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord: Erster Geschäftsbericht 1905 (für die Zeit vom 16. Juni bis 31. Dezember 1905), S. 3f.) .

112  Vgl. Bernhardt (1998), S. 64. Bernhardt legt die Gründung der Gesellschaft allerdings irrtümlich in den November 1905. Da der Baubeschluß der Stadtverordnetenversammlung Ende Dezember erfolgte, hätte dies in der Tat einen Zusammenhang nahegelegt. Die Gründung im April läßt dagegen Zweifel an einer entscheidenden Rolle des Bahnbaus am Gründungsvorgang der Gesellschaft aufkommen. Vgl. zu dem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung Magistrat [Hrsg.]: Gemeinde-Blatt der Haupt- und Residenzstadt Berlin, Jg. 46 (1905), No. 52 (24. Dez. 1905), S. 505.

113  Vgl. Heinemann, Ernst u.a. [Bearb.]: Saling's Börsen-Jahrbuch für 1911/12. Ein Handbuch für Bankiers und Kapitalisten. 2. Teil, Finanzieller Teil, Berliner Börse. 1911/1912, S. 959.

114  Ein Zurückhalten von Bauland kam für die Terraingesellschaften in der Regel nicht in Frage. Ziel mußte es sein, nach Möglichkeit umgehend zu verkaufen, da die drohenden Zinsverluste im Normalfall nicht mehr auszugleichen waren. Vgl. Reich (1912), S. 17.

115  Vgl. Carthaus (1917), S. 124f.

116  Die Aufstellung von Flächennutzungsplänen wurde erstmals durch das Preußische Wohnungsgesetz vom 28. März 1918, Artikel 4 - Baupolizeiliche Vorschriften § 1, ermöglicht: „Durch die Bauordnungen kann insbesondere geregelt werden: [...] 3. die Ausscheidung besonderer Ortsteile, Straßen und Plätze, in denen nur die Errichtung von Wohngebäuden mit Nebenanlagen oder nur die Errichtung von gewerblichen Anlagen mit Nebengebäuden zugelassen ist.“ Vgl. GS (1918) Nr. 9, S. 29f.

117  Vgl. Reulecke, Jürgen: Die Mobilisierung der „Kräfte und Kapitale“: der Wandel der Lebensverhältnisse im Gefolge von Industrialisierung und Verstädterung. In: Reulecke, Jürgen [Hrsg.]: Geschichte des Wohnens. Bd. 3. 1800-1918 Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart 1997, S. 65.

118  Vgl. Hiller, Friedrich u. Luppe, Hermann: Gewerbeordnung für das Deutsche Reich nebst Kinderschutzgesetz und Hausarbeitsgesetz sowie den für das Reich und Preußen erlassenen Ausführungsbestimmungen. (Guttentagsche Sammlung Deutscher Reichsgesetze, Nr. 6) 20. veränd. Aufl., Berlin u. Leipzig 1921. Die §§ 16-40 regelten den Umgang mit Gewerbebetrieben, die nach § 16 „durch die örtliche Lage oder die Beschaffenheit der Betriebsstätte für die Besitzer oder Bewohner der benachbarten Grundstücke oder für das Publikum überhaupt erhebliche Nachteile, Gefahren oder Belästigungen herbeiführen können [...]“ und damit einer besonderen Genehmigung bedurften.

119  Vgl. Hiller/Luppe (1921), S. 37f.

120  Sicherlich ist „Fabrik“ wiederum ein sehr dehnbarer Begriff. Hinter ihm können sich in der Praxis die verschiedensten Betriebsgrößen und -formen verbergen, so daß auch die städtebauliche Bedeutung dementsprechend variieren kann. Andererseits steht die Bezeichnung „Fabrik“ für eine ganz bestimmte Form der Produktion, die sich zumindest in der Theorie durch die Mechanisierung und Arbeitsteilung vom traditionellen Handwerk abhob.

121  Die Gasproduktion wurde am 21. Januar 1912 eingestellt. Vgl. Rudnitzky, Arnold: Die Berliner städtische Gaswirtschaft. Berlin 1932, S. 34 bzw. Bärthel, Hilmar: Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Eine Chronik. Berlin 1997, S. 28f.

122  Vgl. Schering AG [Hrsg.]: Von der Grünen Apotheke zum Weltunternehmen. (Schriftenreihe Scheringianum) Berlin 1997, S. 4. bzw. Roik-Bogner, Christine: Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) Müllerstraße 170/171. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 131-133.

123  Vgl. GS (1869), Nr. 35, S. 628.

124  Nach der Einstellung der Produktion erfolgte zunächst die Umwandlung der Fabrikgebäude in Lagerhallen v.a. für Getreide. Als neuer Eigentümer und Betreiber trat die am 16. April 1889 in das Handelsregister eingetragene Norddeutsche Lagerhaus AG auf. Da die Geschäfte allem Anschein nach nicht wie gewünscht verliefen, entschied man sich 1900, das eigene Betriebsgelände zu parzellieren und zu verkaufen. 1906 folgte die Selbstauflösung. Vgl. Saling’s Börsenjahrbuch (1907/08), S. 1853 bzw. Ganz, Manfred E.: Norddeutsche Fabrik für Eisenbahnbetriebsmaterial in Berlin. Eine bedeutende Waggonfabrik um 1870. In: Jahrbuch für Eisenbahngeschichte. Jg. 18 (1986), S. 49-62.

125  Gegründet 1871, seit 1898 unter dem Namen „Große Berliner Straßenbahn AG“. Vgl. Radicke, Dieter: Die Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs in Berlin bis zur Gründung der BVG. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin [Hrsg.]: Berlin und seine Bauten. Teil X. Band B. Anlagen und Bauten für den Verkehr. (1) Städtischer Nahverkehr. Berlin u.a. 1979, S. 8.

126  Vgl. Dettmer (1988), S. 66 bzw. Gottwald, Franz: Heimatbuch vom Wedding. Berlin [um 1925], S. 151-156.

127  Neben Bergmann vollzog sich östlich des Untersuchungsgebietes, in der Acker- und Brunnenstraße, seit 1888 der Aufstieg der „Allgemeine Elektricitätsgesellschaft“ (AEG) zum Weltkonzern. Südlich des Humboldthains entstand innerhalb weniger Jahre eine ganze „Fabrikstadt“. Vgl. Peters, Dietlinde: Die AEG-Fabriken Brunnenstraße. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 22-43.

128  Der Krankenhausbau ging ursprünglich aus einer als Verein organisierten Privatinitiative hervor, an der u.a. Rudolf Virchow maßgeblich beteiligt war. Als der Verein in finanzielle Schwierigkeiten geriet, übernahm die Stadt Berlin 1901 die Trägerschaft. Vgl. Gildemeister, H.-W.; Werner, E.: 75 Jahre Kinderkrankenhaus Wedding. In: 75 Jahre Städtisches Kinderkrankenhaus Wedding 1890-1965. (Berliner Medizin, Heft 19/1965), S. 733-738.

129  Im Volksmund bürgerte sich die Bezeichnung „Wiesenburg“ ein. Vgl. Peters, Dietlinde: Der „Berliner Asylverein für Obdachlose“ („Wiesenburg). In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 117-130 bzw. Kerner, Karin; Trappmann, Klaus D.: Aus dem dunkelsten Berlin. In: Boberg, Jochen u.a. [Hrsg.]: Exerzierfeld der Moderne: Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert. München 1984, S. 268-279.

130  Die Forschungseinrichtung war trotz der Verbindung mit der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule keine staatliche Institution. Die Initiative zur Gründung ging von einem Industrieverband - dem Verein für Spirituosenfabrikanten - aus. Dieser hatte bereits 1874 eine eigene Versuchsstation gegründet. Da der Staat ein starkes Interesse an der Arbeit der vereinseigenen Forschungseinrichtung besaß, zeigte er sich bei der Grundstückssuche behilflich. Dies erklärt den Standort außerhalb der Stadtgrenze. Das dortige Gelände war in staatlichem Besitz und konnte zur kostenlosen Nutzung überlassen werden. Zugleich wies es eine günstige Lage zu den Räumlichkeiten der Hochschule in der Invalidenstraße auf. Vgl. u.a. Schultze-Berndt, Hans Günter: Das Institut für Gärungsgewerbe - gefördert von Wirtschaft und Staat. In: Schwarz, Karl [Hrsg.]: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 1. Berlin 1981, S. 363-369.

131  Vgl. Lefèvre, Andrea: Die Brotfabrik Wittler. Maxstraße 2-5. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 189-208.

132  Vgl. Peters, Dietlinde: Die Technische Fachhochschule Berlin. Luxemburger Straße 10. Das „Haus Beuth“. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 376-391.

133  Eine formelle Angliederung bestand im Fall der Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung allerdings nicht. Da das Müllerei- und Bäckereigewerbe noch stark handwerklich geprägt war, bestand kein Bedarf an akademisch gebildetem Nachwuchs. Vgl. zu den beiden Einrichtungen u.a. Mahlich, Karin: Institut für Zuckerindustrie. Amrumer Straße 32. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 341-356 bzw. Rohrlich, Mattei: Seestraße 11 - Wiege und Sitz der Getreidetechnologie. In: Schwarz, Karl [Hrsg.]: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 1. Berlin 1981, S. 355-362.

134 

Für den Untersuchungszeitraum müssen drei verschiedene Bauvorschriften berücksichtigt werden: 1) Die Baupolizeiordnung für die Stadt Berlin vom 21.04.1853 (gültig bis zum 22.01.1887), 2) Die Baupolizeiordnung für den Stadtkreis Berlin vom 15.01.1887 (23.01.1887 bis 19.08.1897), 3) ebd. vom 15.08.1897 (20.08.1897 bis 30.11.1925).

Zur Entstehungsgeschichte der Berliner Baupolizeiordnungen vgl. Ehrlich, Heinz: Die Berliner Bauordnungen, ihre wichtigsten Bauvorschriften und deren Einfluß auf den Wohnhausbau der Stadt Berlin. Jena 1933 bzw. Reinisch, Ulrich: Zur Entstehungsgeschichte der Berliner Bauordnung von 1853. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Reihe Geistes- und Sozialwissenschaften, Jg. 40 (1991), H. 10, S. 17-28.

Der Wortlaut der verschiedenen Verordnungen für Berlin und seine Vororte findet sich in leicht gekürzter Form bei Willert, Paul-Friedrich: Zusammenstellung der für die Anwendung des § 110 Abs. 1 BauO Bln wesentlichen früheren Bauordnungsvorschriften aus der Zeit vom 1. Juli 1853 bis zum 30. November 1925. Berlin 1975.

135  Vgl. das in Kapitel 1.3 vorgestellte Fallbeispiel Müllerstraße 163a-168. Die in diesem Areal tätige Grundrenten-Gesellschaft sorgte 1888 nicht nur für die Erschließung der Grundstücke. Sie reichte zeitgleich bei den zuständigen Polizeibehörden einen einheitlichen Bebauungsplan für das gesamte Areal ein. Erst nach erfolgter Genehmigungen begann der Weiterverkauf der einzelnen Grundstücke und die Bauausführung.

136  1 Fuß = 0,314 m, vgl. Ehrlich (1933), S. 25.

137  Vgl. Willert (1975), S. 94.

138  In der Praxis entbrannte vielfach ein erbitterter Streit, ob ein Grundstück als „bereits bebaut“ galt oder nicht (§ 2). Nach Jaeckel war dies der entscheidende Grund, weshalb bereits 1897 eine neue Bauordnung in Kraft trat. Vgl. Jaeckel, Otto: Die Bauordnungen für Berlin und für die ehemaligen Vororte von Berlin. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin [Hrsg.]: Berlin und seine Bauten. Teil II. Rechtsgrundlagen und Stadtentwicklung. Berlin, München 1964, S. 11.

139  Vgl. Willert (1975), S. 114.

140  Vgl. Monke, Fritz: Grundrißentwicklung und Aussehen des Berliner Mietshauses von 1850 bis 1914 dargestellt an Beispielen aus dem Stadtteil Moabit. Band I. Berlin 1968, S. 59.

141  Vgl. oben, S. 64, Fußnote 91.

142  Vgl. Ascher (1918), S. 31. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Förster. Er macht das Fluchtliniengesetz von 1875 für das häufige Auftreten von tiefen Grundstücken verantwortlich. Die Umlage der Straßenbaukosten auf die Breite der Straßenfront führte in seinen Augen dazu, den vorderen Teil eines Grundstückes möglichst schmal zu halten und statt dessen größere Flächen in der Tiefe zu erwerben. Seine Überlegungen könnten eine Erklärung für die Situation in der Zeit vor 1897 liefern und würden zugleich bedeuten, daß mit der neuen BauO eine grundlegende Neugewichtung der Kostenfaktoren vollzogen wurde. Vgl. Förster, Hans: Die Entwicklung des Baurechts in Berlin seit der Jahrhundertwende. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin [Hrsg.]: Berlin und seine Bauten. Teil II. Rechtsgrundlagen und Stadtentwicklung. Berlin, München 1964, S. 2.

143  Vgl. LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1 (Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord: Erster Geschäftsbericht 1905 (für die Zeit vom 16. Juni bis 31. Dezember 1905), S. 4).

144 

Die Benennung des Krankenhauses fand auf Antrag der Stadtverordneten-Versammlung anläßlich des 80. Geburtstags von Rudolf Virchow im Oktober 1901 statt.

Vgl. zur Geschichte des Krankenhauses u.a. Meyer, Bernhard: Eine Gartenstadt für Kranke. 1906 wurde das Virchow-Krankenhaus eröffnet. In: Berlinische Monatsschrift. (2000) H. 4. Sonderheft zum Zeitraum 1900-1918, S. 118-123. Peters, Dietlinde: Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Augustenburger Platz 1. In: Engel, Helmut u.a. [Hrsg.]: Wedding. (Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Bd. 3) Berlin 1990, S. 357-375.

145 

Welch großen Wert Ludwig Hoffmann auf eine patientenfreundliche Innenausstattung legte, zeigen die Ausführungen in seinen Lebenserinnerungen: „Ich dachte, daß es manchen Kranken arg bedrücke, wenn er des Morgens beim Erwachen merkt, daß er sich mit zahlreichen, ihm vielleicht noch fremden Leidensgenossen in einem Raume befindet. Gegenüber jedem Bett ließ ich deshalb an der Wand eine kleine Liebenswürdigkeit, ein Kinderköpfchen, ein Vogelnest, einen Blumenstrauß oder ein anderes harmloses Motiv aufmalen. So empfindet jeder Kranke schon früh beim ersten Blick eine Aufmerksamkeit.“

Vgl. Schäche, Wolfgang [Hrsg.]: Ludwig Hoffmann. Stadtbaurat von Berlin 1896-1924. Lebenserinnerungen eines Architekten. (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin. Beiheft 10) Berlin 1983, S. 136.

146  Vgl. oben S. 76.

147  Vgl. Vorlagen für die Stadtverordneten-Versammlung zu Berlin. (1893) No. 31 (388-421), 401. Vorlage, S. 305.

148  Ein Pachtvertrag aus dem Jahr 1855 ist überliefert in LAB, A Rep. 005-02, Nr. 1419, Bd. 1, Bl. 257.

149  Ein exaktes Datum fehlt. Die Einordnung stammt von Hengsbach, Arne: Die Abdeckerei in der Jungfernheide. Umweltprobleme vor 125 Jahren. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Jg. 81, H.4 (1985), S. 330-335.

150  Vgl. Dettmer (1988), S. 58. Nach Mönch, Otto: Das Ende der fiskalischen Abdeckerei in Berlin. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Jg. 26 (1909), S. 128 erfolgte die Verlagerung „um 1872“.

151  Am 10. Juli 1903 informierte der Polizeipräsident von Berlin den Magistrat von dem Beschluß des zuständigen Ministeriums, den Betrieb einzustellen. Zugleich wurde die Stadt ersucht, eine eigene städtische Abdeckerei zu errichten. Vgl. Magistrat der Stadt Berlin [Hrsg.]: Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin in den Verwaltungsjahren 1906 bis 1910. Erster Band. Berlin 1912, S. 348.

152  In einem Schreiben an den Magistrat vom 05. Januar 1906 stellte die BABN fest: „Die mit Sicherheit zu erwartende alsbaldige Ausdehnung der Bauthätigkeit in dortiger Gegend [der nördlichen Müllerstraße] wird umsomehr einsetzen, als die Entfernung der Abdeckerei, welche durch ihren Gestank die ganze Gegend bisher verpestet und in der baulichen Entwicklung gegenüber den anderen Berliner Stadtteilen geradezu künstlich zurückgehalten hat, seitens der städtischen Körperschaften eine beschlossene Sache ist und in absehbar kurzer Zeit thatsächlich durchgeführt sein dürfte.“ Vgl. LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1.

153  Vgl. LAB, A Rep. 005-02, Nr. 1419, Bd. 2, Bl. 65.

154  Oppersdorff beschrieb in einem Brief an die Nazarethgemeinde vom 02. Juli 1898 seinen Grundbesitz: „Besagtes Kirchenbau-Land ist belegen in dem mir gehörigen Berliner Grundstück, welches nach der Seite der Müllerstrasse die Nummer 137 und nach der Seite der Seestraßsse die Nummer 1 bis 15 nachweist [...].“ Vgl. Gemeindearchiv Nazareth (GA Naz.) 511, Nr. 62.

155  Vgl. Diestelkamp, L[udwig]: Sieben Jahre Kampf um Kapernaum. Gütersloh 1903, S. 7.

156  „Ich bin der Überzeugung, daß den katholischen Grafen zu der großartigen Schenkung das Andenken an seine fromme evangelische Mutter bestimmt hat.“ Vgl. ebd., S. 14f. Fußnote 1.

157  Vgl. Böpple (1992), S. 11.

158  Vgl. Diestelkamp (1903), S. 8.

159  Vgl. GA Naz. 511, Nr. 10.

160  Vgl. Saling’s Börsen-Jahrbuch (1908/09), S. 937.

161  Vgl. Bernhardt (1998), S. 64 sowie oben, S. 76.

162  Vgl. LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1 (Schreiben vom 05. Jan. 1906).

163  Vgl. ebd.

164  Vgl. zur Geschichte des Schillerparks u.a. Hottenträger, Grit: Kommunales Grün - Schillerpark. Nach 1900. In: Bezirksamt Wedding [Hrsg.]: „... wo eine freye und gesunde Luft athmet...“ Zur Entstehung und Bedeutung der Volksparke im Wedding. Berlin 1988, S. 28-47. Scholz, Dieter: Naturtempel auf der Sanddüne. Zur Entstehungsgeschichte des Schillerparks im Wedding. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 3, Heft 3/1994, S. 62-65. Weber, Klaus Konrad: Berlins Parke seit 1900. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin [Hrsg.] Berlin und seine Bauten. Teil XI. Gartenwesen. Berlin u.a. 1972, S. 70-106.

165  Vgl. Vorlagen für die Stadtverordneten-Versammlung zu Berlin. No. 51 (966-986), S. 709 (Anfrage Nr. 971 vom 06. Dez. 1898).

166  Vgl. den Übersichtsplan im hinteren Einband.

167  Vgl. zu Carl Hagenbeck u.a. Wiesner, Anne: Gefahrlos reisen in fremde Welten. Carl Hagenbecks Tierpark in Hamburg. In: Archithese. Jg. 31 (2001), H.5, S. 18-22. Pelc, Ortwin: Hagenbeck auf den Weltausstellungen in Chicago (1893) und St. Louis (1904). In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte. Bd. 86 (2000), S. 89-115.

168  Vgl. Czihak, Hans: Ein Tierpark in Plötzensee? In: Berlinische Monatsschrift. Jg. 3 (1994), H. 1, S. 29-35.

169  LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 2193 (19. März 1912. Vorlage - zur Beschlussfassung - betreffend Hergabe eines hypothekarischen Darlehens von 1 000 000 Mark für den in der Jungfernheide geplanten Tierpark).

170  LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 2193 (ebd.).

171  Magistrat zu Berlin [Hrsg.]: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin. Jg. 39 (1912), No. 16, S. 196. (Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 9. Mai 1912).

172 

Die 1913/1914 erschienene Wochenzeitung könnte der Grund dafür sein, weshalb sich in der Literatur immer wieder der falsche Hinweis findet, daß die Straßennamen des Afrikanischen Viertels auf das Tierparkprojekt zurückzuführen seien. Dies ist schon allein deshalb unmöglich, weil der absolut größte Teil der Straßen bereits benannt war, ehe die Pläne zur Errichtung eines Tierparks erstmals zur Diskussion standen. Lediglich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gewährt einen gewissen Interpretationsspielraum wie im Fall der westlich der Afrikanischen Straße auf dem ursprünglichen Tierparkgelände errichteten Kriegsbeschädigten-Siedlung Jungfernheide. Die dortigen Straßen wurden 1927 trotz der inzwischen verlorenen Kolonien und den vollkommen veränderten politischen Rahmenbedingungen mit afrikanischen Namen benannt. Die Duala- und Tangastraße bezogen sich sogar direkt auf die ehemaligen deutschen Kolonialgebiete. Der ehemalige Gartenbaudirektor der Rehberge, Franz Affeld, sah darin eine Art Reminiszenz an das aufgegebene Tierparkprojekt. Auch wenn dies die offizielle Begründung gewesen sein mag, so ist dies wenig überzeugend. Die Verbindung zu Hagenbeck war wohl letztendlich nicht mehr als das berühmte „Feigenblatt“ mit dem die Verantwortlichen die Benennungspraxis der Vergangenheit über die Zäsur des Jahres 1918 hinweg fortsetzen konnten.

Vgl. Affeld, Franz: Der Volkspark Rehberge, seine Geschichte, Pflanzen und Tiere. Berlin 1961. Hahn, Gisela: Der Platz an der Sonne. Das „Afrikanische Viertel“ im Wedding. In: Berliner Geschichtswerkstatt [Hrsg.]: Sackgassen. Keine Wendemöglichkeit für Berliner Straßennamen. (Berliner Geschichtswerkstatt Bd. 5) Berlin 1988, S. 112-124. Kleinlosen, Martin: Kommunales Grün - Volkspark Rehberge. 20er Jahre. In: Bezirksamt Wedding [Hrsg.]: „... wo eine freye und gesunde Luft athmet...“ Zur Entstehung und Bedeutung der Volksparke im Wedding. Berlin 1988, S. 52 oder Joop, Heidrun: Berliner Straßen. Beispiel: Wedding. Berlin 1987, S. 55.

173  LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 2193 (22. Juni 1916 Auszug aus dem amtlichen stenographischen Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung).

174  Vgl. Asmus, Gesine [Hrsg.]: Hinterhof, Keller und Mansarde. Einblicke in Berliner Wohnungselend 1901 bis 1920. Hamburg 1982.

175  Vgl. Geist/Kürvers (1984), S. 219f.

176  Vgl. Eberstadt (1909), S. 194f.

177  Vgl. Hegemann, Werner: Das steinerne Berlin. Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt. (Bauwelt Fundamente 3) 4.Aufl., Braunschweig/Wiesbaden 1988. Geringfügig gekürzt gegenüber der Originalfassung aus dem Jahr 1930.

178  Vgl. Goecke, [Theodor]: Über die bisherigen Versuche und Vorschläge zur Beschaffung kleiner Wohnungen. (Vortrag vor der Vereinigung Berliner Architekten am 5.März 1891). In: Vereinigung Berliner Architekten [Hrsg.]: Verhandlungen über die Frage der Arbeiter-Wohnungen in Berlin. Berlin 1891, S. 5f. Goecke zitiert an dieser Stelle V. A. Huber, ohne eine Quellenangabe zu nennen.

179  Vgl. oben, S. 89ff.

180  Vgl. Willert (1975), S. 72. Eine Polizeiverordnung vom 12. März 1860 schränkte die Vorschriften von 1853 jedoch schon bald ein: „Neue Gebäude dürfen in der Regel - von dem Straßenpflaster bis zur oberen Kante des Dachgesimses der Frontwand gemessen - die Höhe von 36 Fuß [11,3 m] nicht übersteigen. [...] In Straßen, welche breiter als 36 Fuß sind, können neu aufgeführte Gebäude eine der Breite der Straße gleiche Höhe erreichen. Soll ein Gebäude die Höhe von 60 Fuß [18,84 m] überschreiten und stehen dieser Höhe die vorstehenden Bestimmungen nicht entgegen, so muß dasselbe [mit mehreren bautechnischen Besonderheiten] versehen werden. [...]“ Vgl. ebd.

181  Vgl. ebd., S. 74.

182  Vgl. Willert (1975), S. 95.

183  Vgl. ebd., S. 81.

184  Vgl. ebd., S. 82.

185  Vgl. Willert (1975), S. 82.

186  Vgl. ebd., S. 105.

187  Vgl. Böckh (Abt. IV) (1891), S. 69-71.

188  Vgl. Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910 sowie die Wohnungs- und Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910 in der Stadt Berlin und 44 Nachbargemeinden. Erste Abteilung. Stadt Berlin. 2. Heft. Die Aufnahme der bewohnten Wohnungen und Haushaltungen vom 1. Dezember 1910. Berlin 1914, S. 20f.

189  Vgl. § 25 (1) der BauO von 1897. Danach waren „Licht und Luft“ vorgeschrieben, Gemeinschaftsklosetts jedoch nicht verboten. Vgl. Willert (1975), S. 128.

190  Vgl. Ascher (1918), S. 19.

191  Vgl. StatJbB, Jg. 33 (1912-1914), S. 295-299.

192  Benevolo, Leonardo: Geschichte der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts. Erster Band. München 1964, S. 62.

193  Vgl. oben, S. 57f.

194  Vgl. LAB, B Rep. 203, Nr. 9615 (Müllerstraße 166, Bd. 1, 14. Oktober 1887).

195  Dies ist ein weiteres Indiz für die gestiegenen Wohnansprüche bis zum Kriegsausbruch. Auch wenn ein Baderaum pro Etage noch keine grundlegende Veränderung der Situation darstelle, so signalisiert die Eintragung zumindest einen gewissen Handlungsbedarf von Seiten des Hauseigentümers.

196  Zu den Auswirkungen auf den Einzelhandel vgl. Kapitel III, 2.3.3.

197  Vgl. oben, S. 75.

198 

Vgl. Artikel 6: „§ 1. Abs. 1: Die Aufsicht über das Wohnungswesen ist eine Gemeindeangelegenheit. Sie liegt [...] dem Gemeindevorstand ob. Er hat sich von den Zuständen im Wohnungswesen fortlaufend Kenntnis zu verschaffen, auf die Fernhaltung und Beseitigung von Mißständen sowie auf die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse, namentlich der Minderbemittelten, hinzuwirken [...].“ In: GS (1918), Nr. 9, S. 33.

In der Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 wurde erstmals auf Reichsebene der Wohnungsbau als öffentliche Aufgabe definiert: „§ 155: Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer Weise überwacht, die Mißbrauch verhütet und dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern. [...].“ Vgl. RGBl. (1919), Nr. 152, S. 1413.

Zur Vorgeschichte vgl. Rodríguez-Lores, Juan: Sozialer Wohnungsbau in Europa. Die Ursprünge bis 1918: Ideen, Programme, Gesetze. (Stadt Planung Geschichte, Bd. 16) Basel u.a. 1994, S. 11-59.

199  Vgl. § 2, Abs. 3: „Die Genossenschaften können errichtet werden [...] dergestalt, daß die Haftpflicht der Genossen für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft sowohl dieser wie unmittelbar den Gläubigern gegenüber im Voraus auf eine bestimmte Summe beschränkt ist (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht).“ Vgl. RGBl. (1889), Nr. 11, S. 56.

200  Vgl. Kromrey, Max: Baugenossenschaften und der Berliner Spar- und Bauverein. Berlin 1904, S. 20.

201  Vgl. zu den Hintergründen der Entstehungsgeschichte ebd., S. 24-29.

202  Nach Escher besaß Berliner Spar- und Bauverein bis zum ersten Weltkrieg den höchsten Wohnungsbestand aller Genossenschaften in der Stadt und ihren Vororten. Vgl. Escher, Felix: Der „Berliner Spar- und Bauverein“ und der „Vaterländische Bauverein“ - zwei Wohnungsgenossenschaften. In: Schwarz, Karl [Hrsg.]: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 1, Berlin 1981, S. 519.

203  Messel wurde v.a. durch die Architektur des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße (1897) international bekannt.

204  „Jeder Genosse enthält für jedes Jahr seiner Mitgliedschaft ein Los. Diejenigen Mitglieder, welche länger als fünf Jahr dem Verein angehören, erhalten für jedes weitere Jahr ihrer Mitgliedschaft zwei Lose. Ist die Frau des Bewerbers auch Mitglied, so werden die Lose der Frau denjenigen des Mannes hinzugerechnet.“ Vgl. Kromrey (1904), S. 68.

205  Sickingenstraße (1894/1895), Westend (1897), Proskauer Straße (1897/98), Stargarder Straße (1900).

206  Vgl. Berliner Spar- und Bauverein eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht [Hrsg.]: Geschäfts-Bericht für das Jahr 1903 erstattet in der zwölften ordentlichen General-Versammlung am 24. April 1904 vom Vorstande. Berlin 1904, S. 5.

207  „Eine Wohnung, welche dem Mieter nicht gekündigt werden kann, und in welcher er eine Steigerung seiner Miete nicht zu befürchten braucht, kann der Mieter faktisch als Eigentum betrachten.“ Die formelle Übertragung als Wohneigentum wurde dagegen bewußt nicht praktiziert. Frühe Erfahrungen des genossenschaftlichen Bauens hatte gezeigt, daß im Moment der Eigentumsübertragung das Interesse an der Genossenschaft erlosch. Vgl. Kromrey (1904), S. 22 und 69.

208  Vgl. Schäfers, Bernhard: Sozialstruktur. In: Schäfers, Bernhard [Hrsg.]: Grundbegriffe der Soziologie. 8. überarb. Aufl. Opladen 2003, S. 329.

209  Vgl. ebd., S. 332.

210  Zur Diskussion über den Begriff und den Beginn der „Industriellen Revolution“ vgl. Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland. (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 49) München 1998, S. 51-59 und S. 90-92.

211  Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918. Erster Band. Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990, S. 283.

212  Vgl. hierzu u.a. Grabas, Margit: Konjunktur und Wachstum in Deutschland von 1895 bis 1914. (Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 39) Berlin 1992, S. 91-100.

213 

„Es handelt sich um das Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten, d.h. die ‚Summe der Beiträge aller produzierenden Wirtschaftssubjekte‘ zur Aufbringung des Sozialprodukts. [...] Die in der Kurve wiedergegebenen Werte stellen Schätzungen auf der Basis von Produktionsstatistiken dar, von denen die jährlichen Wachstumsraten berechnet werden.“ Vgl. Hohorst, Gerd u.a.: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch. Band II. Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870-1914. 2. durchges. Aufl., München 1978, S. 93.

Einen anderen Ansatz wählte u.a. Spree, der aus 48 bzw. 18 Konjunkturindikatoren gesamtwirtschaftliche Zyklen und Trends errechnete. Vgl. Spree, Reinhard: Die Wachstumszyklen der deutschen Wirtschaft von 1840 bis 1880. Berlin 1977 sowie ders.: Wachstumstrends und Konjunkturzyklen in der deutschen Wirtschaft von 1820 bis 1913. Göttingen 1978.

214  Vgl. u.a. Rosenberg, Hans: Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa. Berlin 1967.

215 

Vgl. Spiethoff, Arthur: Krisen. In: Elster, Ludwig u.a. [Hrsg.]: Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Sechster Band. 4. gänzl. überarb. Aufl., Jena 1925, S. 60.

Überträgt man die Spiethoffsche Periodisierung auf die Entwicklung der Berliner Baukonjunktur, bleibt auf eine partielle Übereinstimmung der Verlaufskurven zu verweisen. Die beiden Phasen der maximalen Bautätigkeit sind deckungsgleich mit den Aufschwungphasen 1888-1890 bzw. 1903-1907. Zugleich verhinderten die in diesen Jahren entstandenen enormen Überkapazitäten offensichtlich eine Korrelation mit den Hochkonjunkturphasen 1895-1900 und 1910-1913. Die Zahlen deuten auf eine größere Trägheit des Wohnungsmarktes gegenüber makroökonomischen Konjunkturzyklen hin.

216  Vgl. u.a. Führer, Karl Christian: Arbeitslosigkeit und die Entstehung der Arbeitslosenversicherung in Deutschland 1902-1927. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 73. Beiträge zu Inflation und Wiederaufbau in Deutschland und Europa 1914-1924) Berlin 1990, S. 9-20.

217  Neben den öffentlichen Arbeitsnachweisen waren u.a. Gewerkschaften und eine kaum zu überblickende Anzahl von Privatpersonen als Stellenvermittler tätig.

218  Vgl. Vonderach, Gerd: Arbeitsnachweisbewegung und erste Arbeitsmarktstatistik. Der Beginn der landesweiten Koordinierung der Arbeitsvermittlung und die Anfänge der Arbeitsmarkt-Berichterstattung in Deutschland vor hundert Jahren. (Sozialforschung, Arbeit und Sozialpolitik, Bd. 4) Münster 1997, S. 48ff.

219  Vgl. Reitzenstein, F[riedrich] von: Der Arbeitsnachweis. Seine Entwicklung und Gestaltung im In- und Auslande. (Schriften der Centralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen, Nr. 11) Berlin 1897, S. 295f.

220  Das vom Kaiserlichen Statistischen Amt herausgegebene Reichs-Arbeitsblatt (RABl.) geht über die Angaben des Centralvereins hinaus. Es weist für Berlin zusätzlich die Rubriken „Allgemeine und paritätische Arbeitsnachweise“ bzw. „Nachweise für Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ aus. Da die Publikationsreihe jedoch erst im Jahr 1903 einsetzt, bleiben die Daten an dieser Stelle unberücksichtigt.

221  Vgl. Hohorst u.a. (1978), S. 107.

222  Zu einer ausführlichen Kritik der vorliegenden Lebenshaltungskostenberechnungen vgl. ebd., S. 108.

223  Vgl. Ritter/Tenfelde (1992), S. 493-496.

224  Die Statistik von 1885 bietet diese Option nicht. Sie stellt lediglich die prozentualen Anteile der einzelnen Berufsgruppen im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Beschäftigten pro Stadtteil dar.

225 

Auch die aus den kirchlichen Trau- und Sterberegistern ermittelten Beschäftigtenanteile der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ sprechen für ein verändertes Erhebungsverfahren. Sie zeigen im Gegensatz zu den amtlichen Zahlen eine sehr stabile Entwicklung mit einer nur leicht abnehmenden Tendenz:

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

33,4%

34,2%

33,1%

32,4%

30,3%

28,1%

Zu den deutlich höheren Anteilen in den Kirchenbüchern vgl. unten, S. 157.

226  Zur Entstehungsgeschichte der Berliner Maschinenbau- und Metallindustrie vgl. u.a. Baar, Lothar: Die Berliner Industrie in der industriellen Revolution. Berlin 1966, S. 87-133.

227  Zur Lage der Stadtviertel vgl. oben, S. 54, Abb. 19.

228  Den Ausgangspunkt für die räumliche Konzentration im Berliner Norden bildete die 1804 gegründete Königliche Eisengießerei in der Invalidenstraße - bis 1826 die einzige Eisengießerei im gesamten Stadtgebiet. In ihrer unmittelbaren Umgebung siedelten sich in den folgenden Jahrzehnten die ersten Maschinenbauunternehmen Berlins an. Der „Vater des Berliner Maschinenbaus“ Franz Anton Egells (1788-1854) war vor der Gründung seines eigenen Unternehmens als Schlossergeselle in der Königlichen Eisengießerei beschäftigt. Mit der Maschinenbauanstalt von August Borsig folgte der eigentliche Durchbruch. Das Areal zwischen Chausseestraße und Torstraße wurde in den 1830er Jahren zum frühen Fokus der Industrialisierung Berlins. Die Fertigung von Lokomotiven bestimmte zunächst die Produktpalette. Vgl. Geist/Kürvers (1980), S. 62-67 und 110-123.

229  Vgl. Dettmer (1988), S. 77f.

230  Vgl. zu den Schwierigkeiten einer retrospektiven Berufsklassifikation oben, S. 35-40.

231 

Alle Straßenblöcke ohne Flächendarstellung lagen entweder unbebaut oder wiesen - nach den Kirchenbuchangaben - eine Gesamtbeschäftigtenzahl von unter zehn Personen auf. In diesem Fall wurde zur Wahrung der Übersichtlichkeit auf eine Abbildung verzichtet. Die Darstellung der Kreisdiagramme beschränkt sich dagegen auf die Straßenblöcke mit mindestens zehn im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung beschäftigten Personen.

Dieses Darstellungsprinzip gilt für alle weiteren Leitbranchen, sofern nicht explizit auf ein abweichendes Verfahren hingewiesen wird.

232  Vgl. die Berufsklassifikation von Schüren oben, S. 36.

233  Die Bezeichnungen sind dem Berliner Adreßbuch entnommen.

234 

Der Firmengründer Leonhard Sigmund Ludwig Bergmann (1851-1927) wurde in Tennstedt/Thüringen geboren. Im Alter von 18 Jahren verließ er Deutschland mit dem Ziel New York, wo seine ältere Schwester als Erzieherin tätig war. In New York traf er schon früh mit dem Erfinder Thomas A. Edison (1847-1931) zusammen, mit dem ihn bis ins hohe Alter eine enge Freundschaft verband. Beide arbeiteten lange Zeit eng zusammen und profitierten entscheidend voneinander. Wyrich brachte es auf folgenden Nenner: „Der eine [Edison] hatte immer neue Ideen, denen der andere [Bergmann] eine brauchbare Gestalt gab.“ 1891 kehrte Bergmann nach Deutschland zurück, um in Berlin eine eigene Produktion aufzubauen.

Vgl. Wyrich, Klaus-Dieter: Sigmund Bergmann. In: Treue, Wilhelm; König, Wolfgang [Hrsg.]: Berlinische Lebensbilder. Bd. 6. Techniker. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 60) Berlin 1990, S. 211-226.

235  Das sog. „Bergmann-Rohr“ machte Sigmund Bergmann weltbekannt. Auf dieses Produkt besaß er die Patentrechte.

236 

Das Statut der Aktiengesellschaft definierte als Geschäftszweck:

"§ 2. Gegenstand des Unternehmens und Zweck der Gesellschaft ist:

1. die Erwerbung und Verwerthung der gemäss § 4 auf die Gesellschaft übergehenden Rechte, insbesondere der Patente;

2. die Erwerbung und Verwerthung ähnlicher Patente, Lizenzen oder Gebrauchsmuster;

3. die Anfertigung, Erwerbung und Veräusserung von Gegenständen des Installations- und Beleuchtungswesens und der Erwerb darauf bezüglicher Patente, Lizenzen oder Gebrauchsmuster;

4. der Erwerb, die Pachtung, Errichtung oder Veräusserung von Anlagen, welche den zu 1 bis 3 gedachten Zwecken dienen, die Errichtung von Zweigniederlassungen und die Betheiligung an Unternehmungen aller Art, deren Geschäftsbetrieb zu den genannten Zwecken in Beziehung steht.

§ 4. Die Herren Sigmund Bergmann zu Newyork, Georg Sebastian Runk und Philipp Seubel, beide zu Berlin, betreiben zur Zeit unter der Firma "S. Bergmann & Co., Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen" in Gestalt einer offenen Handelsgesellschaft ein Fabrikationsgeschäft zum angegebenen Zwecke."

Den Vorstand bildeten Runk und Seubel. Bergmann war Mitglied des Aufsichtsrates.

Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Statut der Actiengesellschaft S. Bergmann & Co., Actiengesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für electrische Anlagen.)

237  Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen. Dritter Geschäftsbericht betreffend das Geschäftsjahr vom 1. Januar bis 31. Dezember 1895.)

238  Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen. Vierter Geschäftsbericht betreffend das Geschäftsjahr vom 1. Januar bis 31. Dezember 1896.)

239  Vgl. ebd. (S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen. Fünfter Geschäftsbericht betreffend das Geschäftsjahr vom 1. Januar bis 31. Dezember 1897.)

240  Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Erster Geschäftsbericht der Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesellschaft betreffend das 1. Geschäftsjahr vom 1. August 1897 bis 31. Dezember 1898. Berlin 1899.)

241  Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Zweiter Geschäftsbericht der Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesellschaft betreffend das Geschäftsjahr vom 1. Januar 1899 bis 31. Dezember 1899. Berlin 1900).

242  Weder anhand der jährlichen Geschäftsberichte noch anhand des Berliner Adreßbuches war es möglich, die Abteilung „T“ einem konkreten Produktionszweig zuzuordnen.

243 

Die Beteiligung von Siemens-Schuckert resultierte aus einer Liquiditätskrise der Bergmann AG. Die rasche Expansion des Unternehmens hatte enorme Kapitalmengen verschlungen, die sich Bergmann mit Unterstützung der Deutschen Bank vor allem an der Börse beschafft hatte. Um hohe Aufgelder bei Kapitalerhöhungen erzielen zu können, bezahlte Bergmann mit bis zu 23% die höchsten Dividenden aller börsennotierten Elektrounternehmen, was zu einem enormen Kapitalabfluß führte. Als sich im Jahr 1910 durch verschärfte Konkurrenzkämpfe ein Gewinnrückgang abzeichnete, war die Deutsche Bank nicht mehr bereit, weiterhin den Kapitalbedarf zu decken. Da Siemens der Deutschen Bank nahestand und man Bergmann nicht in die Arme der AEG treiben wollte, beteiligten sich die Siemens-Schuckert Werke GmbH mit 8,5 Mio. Mark an der Erhöhung des Aktienkapitals um 23 Mio. Mark auf 52 Mio. Mark.

Vgl. Wyrich (1990), S. 221f.

Die Hintergründe des in der Elektroindustrie allgemein zu beobachtenden Konzentrationsprozesses in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und die Rolle der Großbanken können an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Vgl. zu dieser Thematik u.a. Buchheim, Christoph: Deutsche Finanzmetropole von internationalem Rang (1870-1914). In: Pohl, Hans [Hrsg.]: Geschichte des Finanzplatzes Berlin. Frankfurt a/M. 2002, S. 103-156. Czada, Peter: Die Berliner Elektroindustrie in der Weimarer Zeit. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 4) Berlin 1969, S. 38-52.

244  „Um der Gefahr einer Liquiditätskrise zu begegnen, haben wir im Herbst vorigen Jahres Verhandlungen mit einem aus der Osram G.m.b.H., Kommanditgesellschaft und der Julius Pintsch A.G. bestehenden Konsortium aufgenommen, die schließlich dazu führte, daß wir unser Glühlampenwerk mit den Betrieben des Konsortiums fusionierten. Der Gegenwert bestand in einem größeren Barbetrag sowie in einer Beteiligung an der Osram-Gesellschaft.“ Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 9 (39. Geschäftsbericht der Bergmann-Elektricitäts-Werke Aktiengesellschaft betreffend das Geschäftsjahr vom 1. Januar bis 31. Dezember 1931.) Zur Geschichte der Osram GmbH neuerdings Luxbacher, Günther: Massenproduktion im globalen Kartell. Glühlampen, Radioröhren und die Rationalisierung der Elektroindustrie bis 1945. (Aachener Beiträge zur Wissenschafts- und Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 4) Berlin 2003.

245  Vgl. LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 69 (Verkauf der Lampenfabrik und Gebäude Seestraße, Osram-Vergleich v. 9.6.1937, Einzelschreiben von 1946). Zur weiteren Entwicklung am Standort Rosenthal und den Hintergründen der Umbenennung in VEB Bergmann-Borsig nach 1945 vgl. Falk, Waltraud: Die Bergmann-Electricitäts-Werke AG Berlin und der VEB Bergmann-Borsig, Berlin-Wilhelmsruh - ein Beitrag zur Unternehmensgeschichte in Berlin nach 1945. In: Fischer, Wolfram und Bähr, Johannes [Hrsg.]: Wirtschaft im geteilten Berlin 1945-1990. Forschungsansätze und Zeitzeugen. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 76), München u.a. 1994, S. 163-181.

246  Zur geschichtlichen Entwicklung des Berliner Bekleidungsgewerbes vgl. u.a. Baar (1966), S. 73-87. Beier, Rosmarie: Frauenarbeit und Frauenalltag im Deutschen Kaiserreich: Heimarbeiterinnen in der Berliner Bekleidungsindustrie 1880-1914. (Campus Forschung, Bd. 348) Frankfurt/M., New York 1983, S. 29-36.

247 

Die Begriffe Bekleidungsgewerbe und Konfektion dürfen strenggenommen nicht synonym verwendet werden. Der Begriff „Bekleidungsgewerbe“ ist wesentlich weiter gefaßt. Er umfaßt nach der Klassifikation der Berufs- und Betriebszählung des Jahres 1907 alle Näher und Näherinnen, Schneider und Schneiderinnen (der Kleiderkonfektion), die Wäschekonfektion, die Putzmacherei, die Fertigstellung, Bekleidung und Ausstattung von Puppen, die Verfertigung von künstlichen Blumen und Federschmuck, die Filzhut- und Mützenmacherei, die Kürschnerei und Pelzwarenzurichtung, Handschuhmacher, die Verfertigung von Krawatten und Hosenträgern, die Verfertigung von Korsetts sowie die Schuhmacherei. Vgl. Kaiserliches Statistisches Amt (1909), S. 39*.

Unter „Konfektion“ wird dagegen nur die standardisierte bzw. fabrikmäßige Herstellung von Kleidungsstücken, Wäsche oder Modeartikeln verstanden. Da jedoch in Berlin ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Konfektion das Bekleidungsgewerbe dominierte, wird im folgenden zwischen den beiden Bezeichnungen keine Differenzierung vorgenommen.

248  Vgl. Hausen, Karin: Technischer Fortschritt und Frauenarbeit im 19. Jahrhundert. Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine. In: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft. Jg. 4 (1978), S. 152.

249  Die räumliche Konzentration führt Beier auf das zunehmende sog. Platzgeschäft zurück. Im Gegensatz zum Reisegeschäft, bei dem ein Vertreter des Konfektionshauses potentielle Abnehmer aufsucht, reist beim Platzgeschäft der Einkäufer an. Um minimale Wege für den Einkäufer zu schaffen und damit die eigenen Marktchancen zu erhöhen, hätte sich ein zentraler Standort um den Hausvogteiplatz herausgebildet. Vgl. Beier (1983), S. 31.

250  Vgl. Schott, S[igmund]: Die Citybildung in den deutschen Großstädten seit 1871. In: Statistisches Jahrbuch Deutscher Städte. Jg. 14 (1907), S. 21-46 bzw. Leyden (1933), S. 97-103.

251  Vgl. Weber, Alfred: Die Entwicklungsgrundlagen der großstädtischen Frauenhausindustrie. In: Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 85. Hausindustrie und Heimarbeit in Deutschland und Österreich. Zweiter Band. Die Hausindustrie der Frauen in Berlin. Leipzig 1899, S. XIII-LX.

252  Beier verweist darüber hinaus auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Mit der Ausweitung der Paragraphen 135 bis 139 bzw. 139b der Gewerbeordnung auf die Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion am 31. Mai 1897 wurde die Heimarbeit für die Unternehmen noch attraktiver. Die dort u.a. festgelegten Bestimmungen, daß Kinder unter 13 Jahren nicht beschäftigt werden durften und die Arbeitszeiten der Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr beschränkt waren (§ 135), galten nicht für die Fertigung in Privatwohnungen. Vgl. Beier (1983), S. 35 bzw. RGBl. (1897), Nr. 25, S. 459-462.

253  Die Bevölkerungsaufnahme von 1885 muß unberücksichtigt bleiben, da in ihr eine Differenzierung nach dem Geschlecht fehlt.

254  Die sehr niedrigen Werte der Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt sind auf einen hohen Anteil des weiblichen Dienstpersonals zurückzuführen.

255  Der Wert von 73% umfaßt auch den expliziten Vermerk „ohne Beruf“.

256  In der Herrenkonfektion erfolgte der Zuschnitt zumeist im Konfektionshaus selbst, bei der Damenkonfektion erst nach dem Verlassen desselben. Vgl. Grandke, Hans: Berliner Kleiderkonfektion. In: Hausindustrie und Heimarbeit in Deutschland und Österreich. Zweiter Band. Die Hausindustrie der Frauen in Berlin. (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 85). Leipzig 1899, S. 164.

257  Vgl. Grandke (1899), S. 166.

258  Vgl. ebd., S. 142f.

259  Vgl. Dyhrenfurth, Gertrud: Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und Tricotkonfektion. (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, Bd. 15, H. 4) Leipzig 1898, S. 44f.

260  Vgl. Beier (1983), S. 111.

261  Vgl. Dyhrenfurth (1898), S. 106f.

262  Vgl. u.a. Kocka, Jürgen: Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen: Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert. (Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Bd. 2) Bonn 1990, S. 329-358.

263  Vgl. Spiekermann, Uwe: Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914. (Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bd. 3) München 1999, S. 139.

264  Vgl. oben, Abb. 39, S. 125.

265 

Der Begriff „Laden“ darf nicht auf eine eindimensionale Ebene reduziert werden. Das veränderte Angebots- und Konsummuster führte im Einzelhandel zu einer zunehmenden vertikalen Differenzierung der Betriebsformen. Neben das einfache Ladengeschäft traten Kaufhäuser und Warenhäuser. Das Warenhaus stellte den Höhepunkt und Endpunkt der Entwicklung dar. Das erste privatwirtschaftlich betriebene Warenhaus Berlins (Gebr. Wertheim) öffnete am 01. Oktober 1885 in der Rosenthaler Straße 27 seine Pforten. Nach dem preußischen Warenhaussteuergesetz vom 18. Juli 1900 (§ 1) galt als Warenhaus der Betriebstyp des Einzelhandels, der Waren aus nicht zusammenhängenden Branchen anbot. Im Gegensatz dazu beschränkte sich das Kaufhaus auf Artikel einzelner Branchen. Die Verkaufsräume erstrecken sich in der Regel über mehrere Geschosse, worin sich das Kaufhaus vom „normalen“ Ladengeschäft unterschied.

Zur Geschichte des Warenhauses in Berlin vgl. Stürzebecher, Peter: Warenhäuser. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin [Hrsg.]: Berlin und seine Bauten. Teil VIII. Bauten für Handel und Gewerbe. Band A. Handel. Berlin u.a. 1978, S. 1-27 bzw. GS (1900), Nr. 32, S. 294-300.

266  Vgl. Spiekermann (1999), S. 165.

267  Kronseder setzt einen hohen Anteil selbständiger Händlerinnen mit einer überkommenen Handelsstruktur gleich, die durch die zunehmende Öffnung des Angestelltensektors für Frauen aufgebrochen wurde. Der Rückgang der Selbständigenquote um mehr als 30% zwischen 1885 und 1900 könnte in diesen Zusammenhang gestellt werden. Vgl. Kronseder, Rosa M.: Beruf und Geschlecht im Handel. Rekonstruktion der Entstehung der beruflichen Struktur im Handel des wilhelminischen Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse. Berlin 2002, S. 69.

268  Vgl. oben, S. 175ff.

269  Leyden bestätigt diese Vermutung. Nach seinen Ausführungen besaß der Weddingplatz die Funktion eines - wenn auch wenig bedeutsamen - Unterzentrums: „Das Gemeinsame all dieser Außenbezirke ist bis heute der Umstand, daß [...] sie keinerlei eigene Individualität besitzen, kein eigentliches Zentrum aufweisen und baulich mit niederdrückender Einförmigkeit auf große Erstreckung hin dasselbe Bild darbieten. Nur einen untergeordneten Mittelpunkt bildet der Weddingplatz, und die Bedeutung von Alt-Moabit als ältester Straßenzug dieses Stadtteils wird durch die Anlage der parallel verlaufenden Turmstraße nördlich des Kleinen Tiergartens wesentlich abgeschwächt.“ Vgl. Leyden (1933), S. 58.

270  Vgl. Haupt (1982), S. 105.

271  Vgl. ebd., S. 104.

272  Vgl. Gottwald (um 1925), S. 147.

273  Die Zentralmarkthalle (I) und die Markthalle II (Blumengroßmarkt) fehlen in der Auflistung, da sie sich auf den Großhandel konzentrierten. Vgl. Lange, Edgar: Die Versorgung der großstädtischen Bevölkerung mit frischen Nahrungsmitteln unter besonderer Berücksichtigung des Marktwesens der Stadt Berlin. (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, H. 157) Leipzig 1911, S. 81.

274  Vgl. Architekten-Verein zu Berlin und Vereinigung Berliner Architekten [Hrsg.]: Berlin und seine Bauten. II. und III. Der Hochbau. Berlin 1896, S. 553-559.

275  Vgl. Spiekermann (1999), S. 183f.

276  Obwohl die Produkte in den Ladengeschäften in der Regel etwas teurer waren, nutzen auch finanziell schlechter gestellte Bevölkerungsgruppen das dortige Angebot, da oftmals die Möglichkeit des Anschreibens bestand. Vgl. ebd., S. 185.

277  Vgl. Lange (1911), S. 53f.

278  Eine vergleichbare Darstellung für die Jahre 1885 und 1900 ist nicht möglich, da der Grünkramhandel im Gewerbeverzeichnis des Adreßbuches der beiden Jahre nicht als separate Rubrik ausgewiesen ist.

279  Erst das Reichsgesetz über die Sicherung der Bauforderungen vom 01. Juni 1909 verlangte im zweiten Abschnitt von den Bauunternehmern die Hinterlegung einer Kaution, was ohne Eigenkapital nicht möglich gewesen wäre. Da dieser Abschnitt des Gesetzes jedoch erst auf besondere Anordnung der Landesbehörden in Kraft treten konnte (§ 9), d.h. im Falle Berlins des preußischen Ministers für Handel und Gewerbe, blieb alles beim Alten, da die Umsetzung durch das Ministerium unterblieb. Vgl. RGBl. (1909), Nr. 28, S. 452.

280  Vgl. oben, S. 149 und 172.

281  Vgl. zu den folgenden Ausführungen Bernhardt, Christoph: „Bauschwindel!“ Gerichtsverfahren gegen Bauunternehmer in Groß-Berlin am Vorabend des Ersten Weltkrieges. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart (Jahrbuch des Landesarchivs Berlin) 1992, S. 101-119.

282  „Im § 35 der Gewerbeordnung wird folgender neuer Abs. 5 eingefügt: Der Betrieb des Gewerbes als Bauunternehmer und Bauleiter sowie der Betrieb einzelner Zweige des Baugewerbes ist zu untersagen, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Unzuverlässigkeit des Gewerbetreibenden in bezug auf diesen Gewerbebetrieb dartun. [...]“ Vgl. RGBl. (1907), Nr. 2, S. 3.

283  Vgl. oben, S. 194, Fußnote 279.

284  Erst das Gesetz über die Sicherung der Bauforderungen schrieb ein solches vor: „§ 2. Zur Führung eines Baubuchs ist verpflichtet, wer die Herstellung eines Neubaues unternimmt und entweder Baugewerbetreibender ist oder sich für den Neubau Baugeld gewähren läßt.“ Vg. RGBl. (1909), Nr. 28, S. 450.

285  Vgl. Höpker, H. [Bearb.]: Denkschrift über die Verluste der Bauhandwerker und Baulieferanten bei Neubauten in Groß-Berlin in den Jahren 1909-1911. Im Auftrag des Ministers für Handel und Gewerbe. Teil A. Berlin 1914, S. 72.

286  Vgl. LAB, A Rep. 010-02, Nr. 1429 (Klage [...] auf Untersagung des Gewerbebetriebes als Bauunternehmer und Bauleiter, sowie des Betriebes einzelner Zweige des Baugewerbes).

287  Vgl. ebd.

288  Vgl. ebd., Bl. 104.

289  Vgl. hierzu und zu den folgenden Zahlen Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 47.

290  Vgl. Kaiserliches Statistisches Amt (1909), S. 38*f.

291  Es folgte der Kauf des rückwärtigen Teils der Müllerstraße 171 und des Grundstücks Fennstraße 11/12, wodurch das gesamte Areal eine charakteristische „T“-Form erhielt. Der vordere Teil des Grundstücks Müllerstraße 171 rundete 1871 den Grundbesitz ab. Vgl. Roik-Bogner (1990), S. 131.

292  Die heutige Schering AG entwickelte sich aus drei Unternehmen: „Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) ging 1871 aus der Chemischen Fabrik E. Schering (gegr. 1855) hervor. 1922 erwarb die Oberschlesische Kokswerke und Chemische Fabriken AG, gegründet 1890 mit Sitz in Berlin, die Aktienmehrheit der Chemischen Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering). 1921 hatte die Oberschlesische Kokswerke und Chemische Fabriken AG bereits die C.A.F. Kahlbaum GmbH, 1920 als chemischer Teil einer seit 1818 bestehenden Sprit- und Likörfabrik ausgegründet, erworben. Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) wurde 1927 mit der C.A.F. Kahlbaum GmbH zur Schering-Kahlbaum AG fusioniert. Die heutige Schering AG entstand 1937 aus der Verschmelzung der Kokswerke und Chemische Fabriken AG mit der Schering-Kahlbaum AG.“ Vgl. Schering AG [Hrsg.]: Aus Berlin in alle Welt. Die Schering AG 1949-1971. (Schriftenreihe Scheringianum) Berlin 1998, S. 4.

293  Vgl. Gottwald (um 1925), S. 103.

294  Vgl. Schering AG (1997), S. 12. Gottwald gibt für Mitte der 1920er Jahre einen Mitarbeiterstab von 193 kaufmännischen Beamten, 52 Chemikern und Ingenieuren, 59 Werk- und Betriebsmeistern, 27 Chemotechnikern und Laboranten sowie 1008 Arbeitern an. Vgl. Gottwald (um 1925), S. 104.

295  Vgl. Roik-Bogner (1990), S. 135.

296  Vgl. StatJbB (1915-1919), S. 3-5.

297  So verweisen u.a. Bähr und Heberle/Meyer auf die große Bedeutung der 15-30jährigen als Gesamtgruppe an den Wanderungsbewegungen. Vgl. Bähr, Jürgen; Jentsch, Christoph und Kuls, Wolfgang: Bevölkerungsgeographie. (Lehrbuch der allgemeinen Geographie, Bd. 9) Berlin, New York 1992, S. 723 sowie Heberle, Rudolf und Meyer, Fritz: Die Großstädte im Strome der Binnenwanderung. Wirtschafts- und bevölkerungswissenschaftliche Untersuchungen über Wanderung und Mobilität in deutschen Städten. Leipzig 1937, S. 21-36.

298  Vgl. oben, S. 146f.

299  Vgl. Bleicher, H.: Die Bewegung der Bevölkerung im Jahre 1891, insbesondere Studien über die Wanderungen. (Beiträge zur Statistik der Stadt Frankfurt am Main, N.F. Zweites Heft) Frankfurt a/M. 1893, S. 64.

300  Vgl. Denecke (1987), S. 147.

301  Vgl. oben, S. 148-150.

302  Vgl. oben, S. 148 und 151.

303  Vgl. StatJbB (1915-1919), S. 5 und 190.

304 

Trotz der von Arni konstatierten „Krise der Ehe um 1900“ waren uneheliche Lebensgemeinschaften und Geburten keine typischen Erscheinungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gröwer berechnete bereits für das Jahr 1832 in der Stadt Hamburg einen Anteil von etwa 10% „wilder Ehen“. Zugleich darf ein hoher Prozentsatz ehelicher Geburten nicht mit einer auf die Ehe beschränkten Sexualität gleichgesetzt werden. Marschalck konnte in einer Studie über Bremen für den Zeitraum von 1820 bis 1850 nachweisen, daß bei den Verheirateten knapp 40% aller Erstgeburten vorehelich gezeugt wurden und erst die Schwangerschaft zur Heirat führte. Eine steigende Zahl unehelicher Geburten muß vor diesem Hintergrund als veränderte Einstellung zur Ehe, nicht aber als ein sich wandelndes Sexualverhalten interpretiert werden. Vgl. Arni, Caroline: Entzweiungen. Die Krise der Ehe um 1900. Köln u.a. 2004. Gröwer, Karin: Wilde Ehen im 19. Jahrhundert. Die Unterschichten zwischen städtischer Bevölkerungspolitik und polizeilicher Repression. Hamburg - Bremen - Lübeck. (Lebensformen, Bd. 13), Berlin u.a. 1999, S. 340. Marschalck, Peter: Demographische Aspekte der Familienbildung in Bremen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Schlumbohm, Jürgen [Hrsg.]: Familie und Familienlosigkeit. Fallstudien aus Niedersachsen und Bremen vom 15. bis 20. Jahrhundert. (Veröffentlichungen der historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Bd. 34. Quellen und Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Niedersachsens in der Neuzeit, Bd. 17) Hannover 1993, S. 210.

Zur Einordnung in die Situation des Deutschen Reiches vgl. Ehmer, Josef: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800 - 2000. (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 71) München 2004, S. 114 sowie Marschalck, Peter: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a/M. 1984, S. 172.

305  Vgl. zu dieser Thematik oben, S. 21-32.

306  Vgl. oben, S. 140.

307  Häuserblöcke mit einem Nachweis von weniger als zehn Datensätzen in den Kirchenbüchern bleiben bei den Kreisdiagrammdarstellungen unberücksichtigt.

308  Die neuere Forschung sieht die Ursachen in abweichenden Mobilitätsmustern. Vgl. unten, S. 338f.

309 

Die Schwierigkeit der gewählten Darstellungsform liegt in der fehlenden Möglichkeit zur Gewichtung der Straßenblöcke bei einem direkten Vergleich derselben. Da für sie weder Angaben zur exakten Einwohnerzahl vorliegen, noch eine Auszählung der Haushaltsvorstände nach dem Berliner Adreßbuch eine verläßliche Basis zu schaffen vermag, bleibt eine Gegenüberstellung mit Ungenauigkeiten behaftet. Selbst die Anzahl der Grundstücke kann an dieser Stelle keine Abhilfe schaffen, da grundlegende Abweichungen bei der Grundstücksgröße und der damit verbundenen Anzahl der Wohneinheiten bestanden. Die größeren Straßenblöcke sind dadurch bei den Flächendarstellungen in ihrer Bedeutung tendenziell überbewertet.

Diese Anmerkung gilt für alle folgenden thematischen Karten des Kapitels.

310  In den Statistiken wird die Altershöchstgrenze zumeist mit 45 bzw. 49 Jahren definiert. Dies kann jedoch nur eine Richtgröße sein, da in jedem Fall eine Abhängigkeit von den physischen Bedingungen vor Ort besteht. Die aktuelle Forschung verweist darüber hinaus auf die sehr erheblichen Effekte, die eine Verschiebung des Gebäralters in der Statistik haben kann, selbst wenn die Gesamtfruchtbarkeitsrate pro Frau unverändert bleibt. Lutz und Skirkbekk bezeichnen dies als den sog. Tempoeffekt: „Der so genannte Tempoeffekt der Fertilität bewirkt, dass in Zeiten eines Anstiegs des mittleren Gebäralters die jährliche Maßzahl der Fertilität (Gesamtfruchtbarkeitsrate, Periodenfertilität) deutlich niedriger ist als in Jahren, in denen das Gebäralter konstant bleibt, auch wenn sich die Kinderzahl über den Lebensverlauf von Frauen (Kohortenfertilität) nicht verändert. Dieses [...] kann auch dazu führen, dass bei einer Stabilisierung oder gar bei einem Sinken des mittleren Gebäralters die jährliche Geburtenrate deutlich steigt.“ Vgl. Lutz, Wolfgang und Skirkbekk, Vegard: Kürzere Ausbildungszeiten können Geburten anheben. Nebeneffekt einer Schulreform: Jüngere Bevölkerung. In: Demografische Forschung. Aus erster Hand. Jg. 1 (2004), Nr. 4, S. 1.

311  Darüber hinaus mußten bei den Berechnungen die Angaben der katholischen St. Sebastian-Gemeinde ausgeschlossen werden, da in ihren Kirchenbüchern keine Angaben zur zivilen Trauung vermerkt sind.

312  Vgl. GS (1874), Nr. 7, § 24, S. 102 bzw. RGBl. (1875), Nr. 4, § 67, S. 36.

313  Die Geschiedenen dürften in den Kirchenbüchern besonders stark unterrepräsentiert sein. So findet sich in den gesamten katholischen Matrikeln nur eine einzige Person mit dem Familienstand „geschieden“, die zudem evangelisch war (St. Joseph, 05. Mai 1913). Nach dem katholischen Kirchenrecht war und ist eine kirchliche Wiederverheiratung von Personen aus einer zivilrechtlich aufgelösten Eheverbindung unzulässig. Der Codex Iuris Canonici von 1917 verfügte: „Die gültige und vollzogene Ehe zwischen Getauften kann durch keine menschliche Gewalt und aus keinem Grunde, außer durch den Tod aufgelöst werden.“ Vgl. Puza, Richard: Katholisches Kirchenrecht. Heidelberg 1986, S. 346.

314  Gröwer bestätigt diese Vermutung. In Bremen, Hamburg und Lübeck waren Witwer bei „regulären“ Eheschließungen ebenfalls überrepräsentiert, während v.a. Witwen mit Kindern uneheliche Beziehungen eingingen. Da eine Frau ihre Kinder zumeist nicht alleine ernähren konnte, war sie oftmals zu einer wilden Ehe gezwungen, um einen drohenden wirtschaftlichen Abstieg zu vermeiden. Vgl. Gröwer (1999), S. 379f.

315  Vgl. Schultz (1987), S. 147.

316  Amtliche Vergleichszahlen liegen für das Untersuchungsgebiet nicht vor.

317  Die eigenen Ergebnisse decken sich sehr genau mit den von Kaelble/Federspiel für Neukölln berechneten Werten. Diese kamen auf der Grundlage der Zivilstandsregister für die Jahre 1905/07 auf einen Anteil der Aufsteiger von 22% bzw. der Absteiger von 36%. Vgl. Kaelble/Federspiel (1990), S. 4.

318  „Die Trauung gebührt der Regel nach dem Pfarrer der Braut.“ Vgl. Koch (1886), S. 493.

319  Vgl. Tönniges, C[arl]: Der Geburtenrückgang und die drohende Entvölkerung Deutschlands. Leipzig [1912].

320  Vgl. u.a. Bloch, Alexander: Kritische Betrachtungen zu dem Geburtenrückgang in Deutschland und den zu seiner Bekämpfung vorgeschlagenen Mitteln. Strassburg i.E. 1913. Borntraeger, J[ean]: Der Geburtenrückgang in Deutschland, seine Bewertung und Bekämpfung. Auf Grund amtlichen und außeramtlichen Materials. (Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung, I. Bd., 13. Heft) Berlin 1912. Knoch, August: Geburtenrückgang und praktische Seelsorge. Eine ernste Zeit- und Gewissensfrage mit spezieller Bezugnahme auf die Verwaltung des Bußsakramentes. Mainz 1913. Kresse, Oskar: Der Geburtenrückgang in Deutschland, seine Ursachen und die Mittel zu seiner Beseitigung. Berlin [1912]. Krohne, [Otto]: Die Beurteilung des Geburtenrückganges vom volkshygienischen, sittlichen und nationalen Standpunkt. (Schriften der Treitschke-Stiftung) Leipzig 1914. Rieger, R.: Der Geburtenrückgang in Deutschland, seine Ursachen und seine Bekämpfung. (Zeit- u. Streitschriften zur Sittlichkeitsfrage, N.F. No 9) Berlin 1914. Rohleder, Hermann: Der Geburtenrückgang - eine Kulturfrage. (Berliner Klinik, H. 297) Berlin 1913. Rost, Hans: Geburtenrückgang und Konfession. Köln 1913. Seber, [Max A.]: Geburtenrückgang. Kulturzerfall oder Kulturaufstieg? Dresden 1914.

321  Vgl. Driesch, J[ohannes] von den: Das große Uebel unserer Zeit (Geburtenrückgang). Köln 1913.

322 

Die Angaben zu früheren Jahren sind vielfach widersprüchlich und inkohärent. Entweder fehlen jegliche Informationen oder es werden für exakt das gleiche Jahr in den verschiedenen Jahrgängen des Statistischen Jahrbuchs z.T. stark abweichende Werte ausgewiesen, ohne daß klar wird, wie die Unterschiede zustande kommen.

Nach 1912 ist nur die absolute der Zahl der Geburten je Standesamtsbezirk aufgelistet. Auf eine eigene Berechnung der Geburtenrate wurde verzichtet, da nicht eindeutig zu klären ist, ob in den Jahren zuvor die mittlere Bevölkerung oder der Bevölkerungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt des Jahres als Bezugsgröße zugrunde gelegt wurde.

323  § 17: „Jede Geburt eines Kindes ist innerhalb einer Woche dem Standesbeamten des Bezirks, in welchem die Niederkunft stattgefunden hat, anzuzeigen.“ Vgl. RGBl. (1875), Nr. 4, S. 27.

324  Erneut sind die hohen Werte im östlichen Moabit und dem Spandauer Viertel auffällig. Sie müssen wiederum auf die beiden Geburtskrankenhäuser zurückgeführt werden. So waren bspw. von 2.228 Geburten in der Charité 1904 allein 1.887 von alleinstehenden Müttern. Dies entspricht einem Anteil von knapp 85%. In der Universitäts-Frauenklinik lagen die Werte zwar niedriger, aber mit 69% ebenfalls sehr hoch. Da in der Charité immerhin knapp 9% der entbindenden Frauen ohne Wohnsitz bzw. Wohnsitzangabe waren, spricht vieles für Maßnahmen im Rahmen der Armenpflege. Vgl. StatJbB (1904), S. 41.

325  Da die Gesamtbevölkerung des Weddings (rot) bis 1895 lediglich in einem Abstand von fünf Jahren ermittelt wurde, mußte als Ausgangspunkt der Berechnung auf einen Näherungswert aus dem Statistischen Jahrbuch von 1886 zurückgegriffen werden (71.285 Personen). Die rote Verlaufskurve ist aus diesem Grund etwas stärker ausgeprägt, als dies in der Realität der Fall gewesen sein dürfte.

326  Ohne Differenzierung nach ehelichen und unehelichen Geburten.

327  Vgl. Weigl, Andreas: Demographischer Wandel in europäischen Metropolen. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Jg. 30 (2000), H. 3, S. 121.

328  Hieran wird die Problematik der in Tab. 73 ausgewiesenen Anteile deutlich. Da die Gesamtzahl der Geburten im Berliner Stadtgebiet stark gesunken war, schlug sich die absolute Zunahme der Kinder aus rein katholischen Ehen besonders deutlich in der Statistik nieder.

329  Die Fünfjahresklasse 1885-1889 bleibt aufgrund der Überlieferungslücke in den Trauregistern der katholischen St. Sebastian-Gemeinde unberücksichtigt. Vgl. oben, S. 34.

330  Analog zur Berechnungsmethode der rohen Geburtenrate gibt die rohe Todes- oder Sterberate das Verhältnis der Sterbefälle zur Gesamtbevölkerung an und wird wie diese in ‰ gemessen.

331  „§ 56: „Jeder Sterbefall ist spätestens am nächstfolgenden Wochentage dem Standesbeamten des Bezirks, in welchem der Tod erfolgt ist, anzuzeigen.“ Vgl. RGBl. (1875), No. 4, S. 34.

332  Vgl. Bähr (1992), S. 330.

333  Vgl. zu dieser Thematik v.a. Stöckel, Sigrid: Säuglingssterblichkeit in Berlin von 1870 bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs - Eine Kurve mit hohem Maximum und starkem Gefälle. In: Ribbe, Wolfgang [Hrsg.]: Berlin Forschungen I (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 54), Berlin 1986, S. 219-264.

334  Für die einzelnen Standesamtsbezirke fehlen vergleichbare Daten.

335  Vgl. oben, S. 40-43.

336  Da für den Wedding keine amtlichen Werte vorliegen, müssen die Angaben der Kirchenbücher direkt mit den gesamtstädtischen Durchschnittswerten der amtlichen Statistik verglichen werden. Vgl. zu den dabei auftretenden Schwierigkeiten, ebd.

337  Die Relevanz der Verdauungskrankheiten für die Säuglingssterblichkeit bestätigt die Untersuchung von Stöckel. Sie sieht die Hauptursache in der Ernährung der Säuglinge mit verdorbener und infizierter Tiermilch. Die Sterbemaxima in den heißen Sommermonaten sprechen für diese Vermutung. Den Rückgang begründet sie u.a. mit dem Aufbau von Säuglingsfürsorgestellen und der Bereitstellung geeigneter Milch in den Jahren nach der Jahrhundertwende. Eine signifikante Korrelation mit dem Ausbau der Wasserver- und -entsorgung konnte sie dagegen nicht nachweisen, dafür unterstreicht sie die Bedeutung der gesunkenen Zahl der Kinder pro Frau für die Überlebenschancen der Säuglinge. Vgl. Stöckel (1986), S. 248.

338  Inwieweit der Rückgang auf verbesserte Diagnosemöglichkeiten zurückzuführen ist, muß allerdings offenbleiben. Stöckel verweist zumindest auf die erheblichen Schwierigkeiten einer eindeutigen medizinischen Zuordnungen der Termini „Lebensschwäche“, „Abzehrung“ oder „Erschöpfung“. Vgl. Stöckel (1986), S. 247.

339  Vgl. Schmid, Josef: Bevölkerung und soziale Entwicklung. Der demographische Übergang als soziologische und politische Konzeption. (Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Bd. 13) Boppard 1984, S. 89. Nähere Angaben zu dieser Thematik auch bei Höhn, Charlotte: Mortalität. In: Mueller, Ulrich u.a. [Hrsg.]: Handbuch der Demographie. Bd. 2, Anwendungen. Berlin u.a. 2000, S. 754-759.

340  Vgl. Ehmer (2004), S. 41.

341  Inwieweit die erhöhten Anteile in den Neubauvierteln auf eine grundsätzliche Nivellierung der Anteile im Untersuchungsgebiet hindeuten oder als Ausdruck des sog. „Trockenwohnens“ zu interpretieren sind, muß an dieser Stelle offenbleiben. Als Trockenwohner wurden die Personen bezeichnet, die in einen gerade fertiggestellten und noch feuchten Neubau einzogen, um diesen vor der eigentlichen Vermietung „trockenzuwohnen“ - mit allen damit verbundenen gesundheitlichen Konsequenzen.

342  Vgl. Spree, Reinhard: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1981.

343  Vgl. ebd., S. 164.

344  § 9: [...] Altersrente erhält, ohne daß es des Nachweises der Erwerbsunfähigkeit bedarf, derjenige Versicherte, welcher das siebenzigste Lebensjahr vollendet hat.“ Vgl. RGBl. (1889), Nr. 13, S. 101.

345  Vgl. oben, S. 149.

346  Vgl. Bähr (1997), S. 250.

347  Vgl. Ehmer (2004), S. 121.

348  Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Modell des demographischen Übergangs findet sich bei Ehmer (2004), S. 118-127 sowie bei Bähr u.a. (1992), S. 479-493.

349  Diese aktuelle Einschätzung von Ehmer geht in ihrer Konsequenz sehr weit. Es stellt sich die Frage, wie in diesem Zusammenhang der Begriff der „theoretischen Implikation“ definiert ist. Einer bloße Reduktion auf die Deskription des Übergangs von einer hohen zu einer niedrigen Geburten- und Sterberate widersprechen u.a. Bähr et al. (1992). Sie sehen in dem Modell nicht nur ein Instrument zur Beschreibung, sondern auch zur Klassifikation nach dem Stand der „Modernisierung“ - „sofern damit nicht Stadien einer gesetzmäßigen Abfolge gekennzeichnet werden sollen.“ Den eigentlichen Theoriegehalt und die Prognosefunktion stellen auch sie in Frage. Vgl. Ehmer (2004), S. 126 sowie Bähr u.a. (1992), S. 489ff.

350  Auf die Problematik von reichsweiten Durchschnittswerten verweisen Imhof (1981) und Gehrmann (2000). Sie zeigen, daß bereits im 18. Jahrhundert erhebliche regionale Abweichungen in den Fertilitäts- und Mortalitätsmustern auftraten. In einigen Gebieten Norddeutschlands können Merkmale des demographischen Übergangs bereits in der Zeit zwischen 1790 und 1820 beobachtet werden. Vgl. Imhof, Arthur E.: Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit in Deutschland. 18. bis 20. Jahrhundert - Warum? In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft Jg. 7 (1981), 3, S. 343-382 und Gehrmann, Rolf: Der Sterblichkeitsrückgang um 1800 als Herausforderung an die Theorie der demographischen Transition. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Jg. 30 (2000), S. 105-109.

351  Zumal Triebel den „Baby-Boom“ der Jahre 1872 bis 1876 auf den Zuzug „von immer mehr jungen Menschen, die in Berlin Familien gründeten“ zurückführt und nicht auf die Veränderung generativer Verhaltensweisen. Den anschließenden Rückgang erklärt sie mit einer Abnahme der Eheschließungsziffer, die zwischen 1872 und 1875 absolute Höchststände erreicht hatte (27,19‰, 28,10‰, 28,60‰, 30,63‰) und danach auf ein bis 1914 konstantes Niveau von 20‰ und 22‰ absank. Dies ist eine plausible Erklärung für die Situation der 1870er Jahre. Vgl. Triebel, Ina: Zur Bevölkerungsbewegung in Berlin 1871 bis 1914. In: Berlinische Monatsschrift. Jg. 3 (1994), H. 3, S. 22.

352  Vgl. Ehmer (2004), S. 108.

353  Die Gebärstreik-Debatte wurde von zwei Berliner sozialdemokratischen Ärzten - Dr. Alfred Bernstein und Dr. Julius Moses - initiiert. Sie traten für einen bewußten Verzicht proletarischer Frauen auf Schwangerschaften durch sexuelle Aufklärung und die Anwendung von Verhütungsmitteln ein. Die Motive der beiden Ärzte wichen jedoch deutlich voneinander ab. Während Moses in der Tradition von August Bebel (Die Frau und der Sozialismus, 1878) auf die wirtschaftlichen Nachteile hoher Kinderzahlen verwies und eine Verringerung des Gesundheitsrisikos für Frauen erreichen wollte, sah Bernstein in der Verringerung der Geburtenzahlen ein politisches Kampfmittel zur „bevölkerungspolitischen Austrocknung des Kapitalismus“. Zu den Hintergründen vgl. Meyer, Bernhard: Die Gebärstreik-Debatte 1912/13. In: Berlinische Monatsschrift. Jg. 3 (1994), H. 5, S. 6-13.

354  „Die damalige [in den 1880er Jahren] Einführung des Systems der kollektiven Sozialversicherung war zwar nicht der einzige, wohl aber einer der wesentlichen Faktoren, die den Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau bewirkten. Um gegen die elementaren Lebensrisiken Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit existentiell abgesichert zu sein, mußte man fortan nicht mehr unbedingt selbst Kinder haben, wie das noch heute bei etwa 80% der Weltbevölkerung, nämlich in den Entwicklungsländer, der Fall ist [...].“ Vgl. Birg, Herwig: Perspektiven der Bevölkerungsentwicklung Deutschlands im 21. Jahrhundert. In: Wohnen - Zeitschrift der Wohnungswirtschaft Bayern. Nr. 11-12 (1997), S. 592.

355  Vgl. Triebel (1994), S. 23.

356  Vgl. Ehmer (2004), S. 86-91.

357  Vgl. Schmoller, Gustav: Über Wesen und Verfassung großer Unternehmen. In: ders. [Hrsg.]: Zur Social- und Gewerbepolitik der Gegenwart. Reden und Aufsätze. Leipzig 1890, S. 397.

358  Vgl. Heberle/Meyer (1937), S. 160.

359  Als weiteres Kriterium zur Definition einer Wanderungsbewegung wird von Seiten der amtlichen Statistik die Überschreitung einer administrativen Grenze angeführt. Da im Rahmen der eigenen Untersuchung hausnummerngenaue Angaben für eine Analyse auf der Mikroebene einzelner Grundstücke und Straßenblöcke zur Verfügung stehen, wird bei der Betrachtung innerstädtischer Wanderungsbewegungen auf dieses Definitionsmerkmal verzichtet.

360  Vgl. Bähr u.a. (1992), S. 551-569.

361  Einige Autoren gehen bei der Differenzierung über die zurückgelegte Distanz und den bloßen Wohnsitzwechsel hinaus. Für sie muß eine interregionale Wanderung mit einer gleichzeitigen „Verlagerung weiterer Aktivitätsstandorte (z.B. Arbeit, Bildung, Versorgung, Freizeit) einhergeh[en], während bei intraregionalen Wanderungen die übrigen Aktivitätsstandorte weitgehend erhalten bleiben.“ Für die historische Wanderungsforschung dürfte eine solche Herangehensweise aufgrund der schwierigen Datenlage allerdings kaum praktikabel sein. Vgl. ebd., S. 556.

362  Offen bleibt jedoch, ob die Zuwanderung primär von außerhalb des Stadtgebietes erfolgte oder aus innerstädtischen Wanderungsbewegungen resultierte. Vgl. oben, S. 221.

363  Vgl. Langewiesche, Dieter: Wanderungsbewegungen in der Hochindustrialisierungsperiode. Regionale, interstädtische und innerstädtische Mobilität in Deutschland 1880-1914. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 64 (1977), H. 1, S. 2f.

364  Die Formulierung ist einem Buchtitel von René Kuczynski entlehnt. Kuczynski, René: Der Zug nach der Stadt. Statistische Studien über Vorgänge der Bevölkerungsbewegung im Deutschen Reiche. (Münchener volkswirtschaftliche Studien, Bd. 24) Stuttgart 1897.

365  Summe der An- und Abmeldungen (Wanderungsvolumen) pro Jahr in % (oder auch ‰) der jeweiligen mittleren Wohnbevölkerung.

366  Dies war allerdings verglichen mit anderen Städten wenig. Nach einem Städteranking von Heberle/Meyer belegte Berlin für die Jahre 1900-1912 mit einer durchschnittlichen MKZ von 25,3% lediglich Rang 30 (von 33) unter den deutschen Großstädten. An erster Stelle stand die Stadt Wiesbaden mit 45,3%, gefolgt von Duisburg (43,8%) und Frankfurt a. M. (43,1%). Vgl. Heberle/Meyer (1937), S. 103.

367  Vgl. ebd., S. 78.

368  Vgl. StatJbB (1912-1914), S. 213.

369  „Als Vororte gelten hierbei die innerhalb von 10 Kil. vom Mittelpuncte der Stadt Berlin belegenen Ortschaften, nämlich die Städte Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf, ferner aus dem Kreise Teltow: Treptow, Tempelhof, Wilmersdorf, Friedenau, Britz, Mariendorf, Schmargendorf, Steglitz, Lankwitz, Colonie Grunewald, - und aus dem Kreise Niederbarnim: Lichtenberg, Stralau, Pankow, Weißensee, Neu-Weißensee, Boxhagen-Rummelsburg, Plötzensee, Heinersdorf, Nieder-Schönhausen, Reinickendorf, Hohen-Schönhausen, Friedrichsfelde, Malchow, Blankenburg, Rosenthal, Dalldorf und Wartenberg.“ Vgl. StatJbB (1899), S. 195f.

370  So begründen Heberle/Meyer die im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten sehr geringe MKZ mit den noch nicht eingemeindeten Vororten, die das Alt-Berliner Stadtgebiet zunehmend von den Hauptwanderungsströmen abschirmten. Als Beleg verweisen sie auf die wesentlich höheren Werte in den umgebenden Städten wie Wilmersdorf (MKZ 1908: 86,7%), Schöneberg (71,7%) oder Charlottenburg (64,4%). Vgl. Heberle/Meyer (1937), S. 106f.

371  Dies führt zu einem Grundproblem der amtlichen Wanderungsstatistik. Die Beschränkung auf den Geburtsort verursacht erhebliche Verzerrungen. „Zum einen werden die in Berlin geborenen Kinder der Zuwanderer in der Statistik der ortsansässigen Berliner Bevölkerung zugeschlagen und dadurch deren proportionalen Anteil an der Gesamtbevölkerung überbewertet. Zum anderen erscheinen diese Kinder nach der Rückwanderung ihrer Eltern in deren Heimatprovinz in der Statistik als Berliner, obwohl es z.B. in Berlin geborene Kinder ostpreußischer Eltern sind.“ Vgl. Hauf, Reinhard: Migrationsbewegung nach Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. In: Hecker, Hans u. Spieler, Silke [Hrsg.]: Berlin - die Hauptstadt und der Osten. Bonn 1986, S. 142.

372  Vgl. Bleicher (1893), S. 36 bzw. oben, S. 221.

373  Vgl. Schwippe/Zeidler (1984), S. 227 bzw. oben, S. 71, Fußnote 105.

374  Vgl. auch Heberle/Meyer (1937), S. 21-36.

375  Das Verhältnis von Zu- und Abwanderung darf nicht mit den polizeilichen An- und Abmeldungen gleichgesetzt werden. Die Resultate der Volkszählungen ergaben, daß vor allem die Abmeldungen sehr unvollständig waren. Das Statistische Amt der Stadt Berlin berechnete aus diesem Grund für jedes Jahr einen Zuschlag zu den tatsächlich nachgewiesenen Abmeldungen und berechnete daraus die Differenz von Zu- und Abwanderung. Da erst ab 1891 die Zuschläge je Altersgruppe ausgewiesen sind, erfaßt die Darstellung für das Jahr 1890 nicht das volle Ausmaß der Abwanderung. Die Diskrepanz zwischen Zu- und Abwanderung erscheint größer, als sie in Wirklichkeit war.

376  Vgl. oben, S. 222.

377  Zu diesem Ergebnis kamen auch Heberle/Meyer (1937), S. 32.

378  Heberle/Meyer wiesen darüber hinaus nach, daß die Reaktion auf Konjunkturschwankungen offensichtlich vom Alter der Migranten abhing. Je jünger diese waren, desto stärker die Reaktion. Vgl. Heberle/Meyer (1937), S. 29.

379  Vgl. Langewiesche (1977), S. 14-23.

380  Vgl. Langewiesche (1977), S. 23.

381  Ganz abgesehen von der Tatsache, daß gerade bei saisonalen Wanderungen eine hohe Dunkelziffer an nicht vollzogenen Meldevorgängen bestanden haben dürfte.

382  Vgl. Langewiesche (1977), S. 23.

383  Für die Provinz Brandenburg ist eine weitere Untergliederung nach Regierungsbezirken und einzelnen Landkreisen vorhanden.

384  Die höchsten Anteile des Regierungsbezirkes Potsdam am Wanderungsaufkommen verzeichneten durchweg die äußeren Stadtteile (1900: Wedding 23%, nördliche Rosenthaler Vorstadt 21,4%, östliches Stralauer Viertel 19,2%). Vgl. Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 30f.

385  Das Unternehmen wurde in Elbing gegründet. Die Danziger Werftanlagen gingen im Januar 1892 in Betrieb. Vgl. Schuch, Hans-Jürgen: 150 Jahre Schichau-Werke. Aus der Geschichte des größten nordostdeutschen Industrieunternehmens (1837-1987). In: Jähnig, Bernhart und Schuch, Hans-Jürgen [Hrsg.]: Elbing 1237-1987. Beiträge zum Elbing-Kolloquium im November 1987 in Berlin. (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens, Nr. 25), Münster 1991, S. 202 und 205f. Einen direkten Vergleich zwischen den Wirtschaftsstandorten Elbing und Berlin findet sich bei Simsch, Adelheid: Elbings wirtschaftliche Entwicklung vom 18. bis 20. Jahrhundert im Blick auf Berlin. In: Jähnig, Bernhart und Schuch, Hans-Jürgen [Hrsg.]: Elbing 1237-1987. Beiträge zum Elbing-Kolloquium im November 1987 in Berlin. (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens, Nr. 25), S. 215-228.

386  Vgl. Behlen, Friederike: Fremde im Wedding - vor hundert Jahren und heute. (Berichte aus der Arbeit des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Erziehungswissenschaft der Freien Universität Berlin. Nr. 2) Berlin 1988, S. 11-55.

387  Nach einer aktuellen Untersuchung von Steinert zählte der Wedding nicht zu den bevorzugten Wohnstandorten der polnischen Bevölkerungsgruppe im Stadtgebiet. Nach seinen Ausführungen konzentrierte sich diese im östlichen Stralauer Viertel, dem äußeren Königsviertel und dem westlichen Moabit. Zugleich weist er unter Berufung auf eine These Kamphoefners darauf hin, daß keine „besonderen“ sozioethnischen Segregationstendenzen in Erscheinung getreten seien - ohne hierfür allerdings einen stichhaltigen Beweis über die bloße Feststellung hinaus liefern zu können. Vgl. Steinert, Oliver: "Berlin - Polnischer Bahnhof". Die Berliner Polen. Eine Untersuchung zum Verhältnis von nationaler Selbstbehauptung und sozialem Integrationsbedürfnis einer fremdsprachigen Minderheit in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918). (Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit, Bd. 32) Hamburg 2003, S. 95 bzw. Kamphoefner, Walter Dean: Soziale und demographische Strukturen der Zuwanderung in deutsche Großstädte des späten 19. Jahrhunderts - Berlin, Hamburg, München und Frankfurt/Main. In: Teuteberg, Hans Jürgen [Hrsg.]: Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert. (Städteforschung, Reihe A, Bd. 16) Köln, Wien 1983, S. 111.

388  Vgl. Behlen (1988), S. 34. Nach der Betrachtung der Vor- und Familiennamen in dem eigenen Datensatz von St. Sebastian dürfte der Anteil von 4,68% nur einen kleinen Teil der heiratenden Polen umfassen. Da der Name jedoch nicht mehr als ein Indiz liefern kann, bietet die Beschränkung auf den speziellen Vermerk im Kirchenbuch zweifellos die größte Sicherheit.

389  Vgl. ebd., S. 40f.

390  Auf eine Überprüfung der Ergebnisse von Behlen anhand der eigenen Erhebung wurde verzichtet, da keine komplette Aufnahme der Trauregister von St. Sebastian erfolgte. Nur Personen aus dem nordwestlichen Teil der Gemeindefläche - dem eigentlichen Untersuchungsgebiet - fanden Berücksichtigung. Für eine aussagekräftige Gegenüberstellung ist dies unzureichend.

391  Die Jahre 1885 und 1911 mußten ausgeklammert werden, da die Berufsgliederung so stark von den übrigen Jahren abweicht, daß eine Gesamtbetrachtung nicht möglich ist. Mit dem Jahr 1912 brechen die Aufzeichnung zur Berufsgliederung der Migranten gänzlich ab.

392  Vgl. Ravenstein, E.G.: The Laws of Migration. In: Journal of the Royal Statistical Society, Jg. 48 (1885), S. 167-227 und Jg. 52 (1889), S. 241-301.

393  Vgl. u.a. Bähr u.a. (1992), S. 569-595. Parnreiter, Christof: Theorien und Forschungsansätze zu Migration. In: Husa, Karl; Parnreiter, Christof; Stacher, Irene [Hrsg.]: Internationale Migration: die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts? (Historische Sozialkunde 17, Internationale Entwicklung), Frankfurt a/M. 2000, S. 25-52.

394  Vgl. Kleinschmidt, Harald: Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele historischer Migrationsforschung. Göttingen 2002, S. 140.

395  Vgl. Kromer, Wolfgang: Propagandisten der Großstadt. Die Bedeutung von Informationsströmen zwischen Stadt und Land bei der Auslösung neuzeitlicher Land-Stadt-Wanderungen, illustriert an Beispielen aus dem Hohenloher Land (Baden-Württemberg) und den benachbarten Zentren Frankfurt am Main, Mannheim, Nürnberg und Stuttgart. (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 239) Frankfurt a/M. 1985, S. 55.

396  Vgl. Parnreiter (2000), S. 36. Auch Steinert verweist in seiner bereits angesprochenen Studie über die nach Berlin zugewanderten Polen auf die Bedeutung von „migrationsfördernden Netzwerken“: „Einer der wichtigsten migrationsfördernden Faktoren war der persönliche Kontakt zwischen Abwandernden einerseits sowie Verwandten und Bekannten in der Heimat andererseits. Die Kommunikation beider Seiten verlief über Briefe und durch Besuche. [...] Gelegenheiten zum persönlichen Kontakt mit Migranten ergaben sich, wenn Saisonarbeiter am Ende des Jahres in ihre Heimat zurückkehrten, Abwanderer zu Hause bei der Ernte aushalfen, Urlaub machten oder im Auftrag ihrer Arbeitgeber neue Arbeitskräfte in der Herkunftsregion anwarben.“ Vgl. Steinert (2003), S. 77f.

397  Verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Personen mit ungleichem Familiennamen bleiben zwangsläufig unberücksichtigt.

398  Lediglich der Landkreis Schlawe in Hinterpommern lag mit 200 Personen geringfügig darüber.

399  Auf die große Bedeutung von ländlichen Kleinstädten für migrationsbezogene Kommunikationsprozesse verweist Kromer. U.a. durch ihre Marktfunktion, Volksfeste und den sonntäglichen Kirchgang wurden diese Orte zum Diffusionszentrum für Informationen zu Abgewanderten. Vgl. Kromer (1985), S. 63f. und 69f.

400  Dies bestätigt ebenfalls die Untersuchung von Kromer. Vgl. ebd., S. 67.

401  Der Ort des Ehemannes ist zuerst genannt.

402  Vgl. Matzerath, Horst: Urbanisierung in Preußen 1815 - 1914. (Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik Bd. 72) Stuttgart [u.a.] 1985, S. 320.

403  Vgl. Schwabe, H[ermann]: Das Nomadenthum in der Berliner Bevölkerung. In: Berliner Städtisches Jahrbuch für Volkswirthschaft und Statistik, Jg. 1 (1874), S. 32.

404 

Vgl. oben, S. 296-300.

Eine Berechnung der innerstädtischen Mobilität ist über das Jahr 1906 hinaus nicht möglich, da die Rubrik „Wohnungswechsel“ in den Statistischen Jahrbüchern der Stadt Berlin nicht fortgeführt wurde. Anders sieht es mit dem gewählten Anfangsjahr 1883 aus. Das Statistische Amt der Stadt Berlin begann eine separate Ausweisung innerstädtischer Umzüge erst im Jahr 1891. 1892 folgte jedoch eine rückwirkende Aufstellung bis 1883. Eine darüber hinaus gehende Auflistung wäre durch eine Subtraktion der „Wohnungswechsel überhaupt“ von den von außerhalb Zu- bzw. nach außerhalb Abgezogenen möglich. In jedem Fall erlaubt die Datenlage einen Blick zurück in die 1880er Jahre. Vgl. u.a. Wischermann (1997), S. 449, der seine Darstellung erst mit dem Jahr 1891 beginnt.

405  Vgl. Bleek, Stephan: Das Stadtviertel als Sozialraum. Innerstädtische Mobilität in München 1890 bis 1933. In: Hardtwig, Wolfgang und Tenfelde, Klaus [Hrsg.]: Soziale Räume in der Urbanisierung. Studien zur Geschichte Münchens im Vergleich 1850 bis 1933. München 1990, S. 217-234. Wischermann (1997), S. 453.

406  Vgl. Wischermann, Clemens: Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität in deutschen Großstädten 1870-1913. In: Teuteberg, Hans J. [Hrsg.]: Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. (Schriften des Vereins für Socialpolitik, N.F., Bd. 156), Berlin 1986, S. 130f. sowie Wischermann (1997), S. 450.

407  Vgl. Wischermann (1997), S. 453.

408  Vgl. ebd., S. 452.

409  Vgl. Lange, Annemarie: Berlin zur Zeit Bebels und Bismarcks. Zwischen Reichsgründung und Jahrhundertwende. Berlin 1976, S. 126.

410  Vgl. Wischermann (1997), S. 453.

411  „§ 565. Bei Grundstücken ist die Kündigung nur für den Schluß eines Kalendervierteljahrs zulässig [...].“ Vgl. RGBl. (1896), Nr. 21, S. 290.

412  Vgl. Reich (1912), S. 59 und Niethammer, Lutz: Wie wohnten Arbeiter im Kaiserreich? In: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. XVI (1976). S. 85.

413  Vgl. Wischermann (1997), S. 450.

414  Auf die Bedeutung der Gesamtkonjunktur verweist u.a. Langewiesche (1977), S. 9.

415  Zum Grundriß und der exakten Lage vgl. unten, S. 352, Abb. 92.

416  Vgl. oben, S. 20, Abb. 10.

417  Da das Gebäude erst zwei Jahre zuvor fertiggestellt wurde, ist es allerdings schwierig, eine verläßliche Aussage zu den unmittelbaren Folgen des Herausgeberwechsels zu treffen.

418  Andererseits zeigt die Auswertung bei einigen Personen auffällige Unterbrechungen. So ist u.a. für die beiden Mieter mit der längsten Aufenthaltsdauer - Wilhelm Schenk (16) und Friedrich/Louise Winkler (9) - kein fortlaufender Nachweis zu erbringen. Wilhelm Schenk ist für die Jahre 1899-1907 und 1909-1915 dokumentiert, Friedrich und Louise Winkler von 1895 bis 1896 und 1899 bis 1905. Es ist anzunehmen, daß die genannten Personen auch in den Jahren ohne Auflistung im Adreßbuch in der Kösliner Straße 6 wohnhaft waren.

419  Vgl. oben, S. 340.

420  Bei 24 Personen mit einer Mietdauer von über einem Jahr fanden sich im Adreßbuch zwei verschiedene Berufsbezeichnungen. In drei Fällen waren es sogar deren drei. In den meisten Fällen blieb die Berufsgruppe identisch. In einigen Fällen wichen die Tätigkeiten jedoch deutlich voneinander ab - u.a. „Elektrischer Arbeiter - Fabrikarbeiter - Bäcker“ oder „Schuhmachermeister - Laternenwärter“. In diesen Fällen wurde der am längsten ausgeübte Beruf in die Berechnungen aufgenommen. In unklaren Fällen fand die letztgenannte Angabe Berücksichtigung.

421  Bei alleinstehenden Frauen ist im Adreßbuch an Stelle des Berufes oftmals nur der Vermerk „Frau“ oder „Ww.“ zu finden.

422  Vgl. oben, S. 339f.

423  Bei 16 Bewohnern mit einer Aufenthaltsdauer von über einem Jahr gibt das Adreßbuch - entweder aufgrund einer fehlerhaften Darstellung oder eines Umzuges auf demselben Grundstück - zwei verschiedene Wohnungen innerhalb des Gebäudes an. Angesichts der Lückenhaftigkeit der Überlieferung war es nicht möglich, diesen Umstand durch eine weitere Differenzierung zu berücksichtigen. Bei den betroffenen Personen mußte die Gesamtmietdauer für beide Wohnungen zugrunde gelegt werden, was zu Verzerrungen führt. Alle 16 Personen sind in der Berechnung doppelt erfaßt.

424  Lediglich in 39 Fällen war die Situation umgekehrt, d.h. eine fehlende Angabe in der Rubrik des Mannes bei einem gleichzeitigen Vermerk für die Braut.

425  Der sichere Beleg für eine gemeinsame Wohnung kann strenggenommen nicht erbracht werden. Die Quellen geben nur darüber Auskunft, ob die Heiratenden auf dem gleichen Grundstück lebten oder nicht. Dennoch ist es naheliegend, auf eine gemeinsame Wohnung zu schließen. Ein gemeinsamer Wohnsitz zum Zeitpunkt der kirchlichen Eheschließung darf allerdings nicht zwangsläufig mit einer „wilden“ Ehe gleichgesetzt werden. Da die kirchliche Trauung erst nach der standesamtlichen Eheschließung erfolgen durfte, handelte es sich oftmals um Paare, die schon längere Zeit zivilrechtlich verheiratet waren.

426  Grundlage für die Zuordnung der Grundstücke bildet die Einteilung der Standesamtsbezirke am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Alle vorherigen Veränderungen bleiben unberücksichtigt.

427  Auf die unmittelbaren Umlandgemeinden entfielen 86 Fälle. An erster Stelle stand dabei Reinickendorf mit 22 Nennungen, gefolgt von Charlottenburg mit 10. Die Wanderungen über die Vororte hinaus beschränkten sich zu fast der Hälfte (47) auf das restliche Gebiet der Provinz Brandenburg. Pommern (9), Schlesien (7) und die Provinz Sachsen (4) reichten nicht annähernd an diese Werte heran. Alle übrigen Teilstaaten und die Abwanderung ins Ausland blieben auf drei und weniger Fälle beschränkt und damit statistisch bedeutungslos.

428  Die nuptiale Zuwanderung konzentrierte sich ganz auf die Vorortgemeinden. 53 der 72 zuziehenden Frauen kamen aus dem direkten Berliner Umland. Den höchsten Wert stellten Charlottenburg mit 16 und Reinickendorf mit 11 Fällen. Bei den Zuzügen von außerhalb der Vororte dominierte die Provinz Brandenburg mit 12 von 19 Migrantinnen. Alle übrigen Gebietseinheiten kamen nicht über einen singulären Nachweis hinaus.

429  Vgl. Matzerath, Horst: Wachstum und Mobilität der Berliner Bevölkerung im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Elm, Kaspar und Loock, Hans-Dietrich [Hrsg.]: Seelsorge und Diakonie in Berlin. Beiträge zum Verhältnis von Kirche und Großstadt im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 74) Berlin, New York 1990, S. 210.

430  In den Hausbüchern verzeichneten die Grundstücksbesitzer ihre jeweilige Mieterschaft. Die Führung eines Hausbuches war freiwillig und diente allein der rechtlichen Absicherung des Eigentümers gegenüber den polizeilichen Meldebehörden. Für das Untersuchungsgebiet sind im Heimatmuseum Wedding für die Zeit vor 1914 lediglich zwei Hausbücher nachgewiesen (Reinickendorfer Straße 63 ab 1904 und Liebenwalder Straße 41 ab 1908). Letzteres befindet sich in Privatbesitz.

431  Vgl. zu den Hintergründen der beiden Wohnsiedlungen Müller, Jörg: Die Friedrich-Ebert-Siedlung in Berlin-Wedding: zur Bau- und Planungsgeschichte eines Wohngebiets der zwanziger Jahre. (Arbeitshefte des Institut für Stadt- und Regionalplanung, Technische Universität Berlin, H. 52) Berlin 1995. Einen Überblick zur Entstehungsgeschichte des öffentlichen Wohnungsbaus in Berlin gibt Bernhardt, Christoph: Aufstieg und Krise der öffentlichen Wohnungsbauförderung in Berlin 1900-1945. In: Juckel, Lothar [Bearb.]: Wohnen in Berlin. 100 Jahre Wohnungsbau in Berlin. Städtische Wohnungsbaugesellschaften prägen das Stadtbild. Berlin 1999, S. 45-87.

432  Zu den Sanierungsmaßnahmen vgl. u.a. Bodenschatz, Harald: Platz frei für das Neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung in der "größten Mietskasernenstadt der Welt" seit 1871. Berlin 1987 bzw. Bodenschatz, Harald; Heise, Volker; Korfmacher, Jochen: Schluss mit der Zerstörung? Stadterneuerung und städtische Opposition in West-Berlin, Amsterdam und London. (Reihe Werkbund-Archiv, Bd. 11) Gießen 1983.

433  Vgl. Erster Bericht über die Stadterneuerung in Berlin. Drucksachen des Abgeordnetenhauses von Berlin. (12.6.1964), Nr. 556, S. 2f.

434  Vgl. ebd., S. 7f. Zumindest auf dem Papier war die Flächensanierung nicht zwingend vorgeschrieben. Das Sanierungsprogramm unterschied sehr wohl zwischen „Totalabriß und nachfolgender Neubebauung“, „Teilabriß“ (Entkernung) und Komplettierung bzw. Modernisierung der verbleibenden Restsubstanz. In der Praxis wurde der Totalabriß mit einer höheren Wirtschaftlichkeit begründet. Bodenschatz verweist jedoch zurecht darauf, daß hinter der Abrißpraxis der Wohnungsbaugesellschaften ein begründetes Eigeninteresse bestand. Die gleichen Gesellschaften, die für den Abriß sorgten, hatten zuvor am Stadtrand Großwohnsiedlungen wie das Märkische Viertel oder die Gropiusstadt errichtet. Um die dortigen Wohnungen zu füllen, mußte die Konkurrenz des billigeren Wohnraums in den Altbauvierteln beseitigt werden. Der Totalabriß führte zu einer künstlichen Verknappung auf dem Wohnungsmarkt, die einzig den Wohnungsbaugesellschaften zugute kam. Vgl. Bodenschatz u.a. (1983), S. 34f.

435  Vgl. Erster Bericht (1964), S. 3.

436  Vgl. Erster Bericht (1964), S. 3.

437  Vgl. Bodenschatz (1987), S. 161-164.

438  Als Voraussetzung vermerkte der Erste Bericht zur Stadterneuerung: „Im allgemeinen werden Einzelmaßnahmen nur gefördert, wenn die Initiative zur Sanierung vom Grundstückseigentümer ausgeht, der städtebauliche Mißstand so schlecht ist, daß Instandhaltungen bis zu einer späteren Gebietssanierung sich nicht mehr vertreten lassen, städtebaulich wesentliche Verbesserungen für die Grundstücke und ihre nähere Umgebung erzielt werden, die Neubebauung sich nicht ungünstig für eine spätere gebietsweise Sanierung auswirken kann, die Durchführung der Maßnahmen eine positive Wohnungsbilanz verspricht, ohne Einsatz von Sanierungsmitteln die Beseitigung des städtebaulichen Mißstandes oder Mangels unterbleiben würde.“ Vgl. Erster Bericht (1964), S. 15.

439  Vgl. Statistisches Landesamt Berlin [Hrsg.]: Gebäude- und Wohnungszählung in Berlin (West) am 25. Mai 1987. Heft 3. Gebäude, Wohnungen und Haushalte in den Statistischen Gebieten. (Berliner Statistik. Sonderheft 432, 12/91) Berlin 1991, S. 20. Aktuelleres Zahlenmaterial liegt nach Auskunft des Statistischen Landesamtes für die Ebene der Statistischen Gebietseinheiten nicht vor.

440  Vgl. zu den folgenden Ausführungen Bähr, Johannes: Industrie im geteilten Berlin: (1945 - 1990). Die elektrotechnische Industrie und der Maschinenbau im Ost-West-Vergleich: Branchenentwicklung, Technologien und Handlungsstrukturen. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 83) München 2001, S. 179-269.

441  Mit 25,67% wies der Wedding im Jahr 2002 hinter Kreuzberg (29,18%) die zweithöchste Arbeitslosenquote des Stadtgebietes auf. Vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz [Hrsg.]: Sozialstrukturatlas Berlin 2003. Ein Instrument der quantitativen, interregionalen und intertemporalen Sozialraumanalyse und -planung. Spezialbericht 2004-1. Berlin 2004, S. 282.

442  Vgl. http://www.osramhoefe.de/osramhoefe/index.html (Stand: 04. Oktober 2005).

443  Vgl. Schering AG (1998), S. 15.

444  Vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz (2004), S. 274.

445  Vgl. Bähr (2001), S. 344-346.

446  Vgl. Bodenschatz u.a. (1983), S. 35f.

447 

Es bleibt zu hoffen, daß trotz der gegenwärtig sehr angespannten öffentlichen Haushaltslage auch in Zukunft ausreichend Forschungsgelder zur Verfügung gestellt werden, und daß die inakzeptablen Vorschläge zur Finanzierung sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, wie sie im Rahmen einer neueren Studie des Bezirksamtes Wedding zur sozialen Situation von Einwanderern geäußert wurden, dauerhaft in der Schublade verschwinden. Die Reduktion der sozialwissenschaftlichen Forschung auf den Status einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme erscheint als überaus kontraproduktiv und kurzsichtig:

„Bislang existieren innerhalb des Bezirksamts Wedding eher allgemeine Forderungen zur Durchsetzung einer‚ besseren sozialen Durchmischung‘ des Bezirks. Im Vordergrund stehen hierbei die Steuerung der Wohnungsvergabe im sozialen Wohnungsbau, die Ansiedlung von Gewerbe oder die Steigerung der Attraktivität von Schulstandorten. Es fehlen allerdings genaue sozialraumbezogene Konzepte zur Durchsetzung dieser Zielvorstellungen. Sollten solche Konzepte nicht von den Mitarbeitern der neuen großen Bezirksverwaltung erstellt werden können, müssen sie bei entsprechenden Firmen in Auftrag gegeben werden. Die zeitlich befristete Beschäftigung von Sozialwissenschaftlern im Rahmen der unterschiedlichen Programme zur Arbeitsbeschaffung würde in diesem Zusammenhang als zweite Variante der Verwaltung keinen Pfennig an Kosten verursachen.“

Vgl. Gruner, Thomas: Einwanderer in Wedding. Eine Bestandsaufnahme ihrer sozialen Situation im Bezirk und der kommunalen Integrationsangebote vor der Berliner Bezirksfusion. Berlin 2000, S. 209f.



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20.07.2007