III Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung (1885-1914) - Eine gegenwartsbezogene Stadtteilanalyse

↓70

III.1  Die städtebauliche Struktur

↓71

„Die Beziehung zwischen der gebauten Umwelt - den Hervorbringungen von Architektur, Stadt- und Wohnungsbau - und dem sozialen Handeln der Individuen und Gruppen kann als so eng angesehen werden, dass in der hier vertretenen Perspektive jede Soziologie implizit auch eine Analyse der Raumstrukturen und baulichen Umweltbedingungen einschließen müßte.“74

Diesen Satz stellte Schäfers an den Anfang seiner Ausführungen zur Architektursoziologie. Die gebaute Umwelt ist eine vom Menschen geschaffene Umwelt. Sie bildet den physischen Rahmen des täglichen Lebens. Die vorhandene Bausubstanz ist sichtbarer Ausdruck vergangener und gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen und spiegelt die sich wandelnden politischen und ökonomischen Regulationen wider. Die vergleichsweise hohe Persistenz macht sie als Grundkategorie jeglicher stadthistorischer Längsschnittanalysen unverzichtbar.

↓72

Im Untersuchungsgebiet markierten die drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg die entscheidende städtebauliche Entwicklungsetappe. In keinem anderen Zeitabschnitt zuvor und danach dehnte sich die bebaute Fläche rascher aus. Elementare physische Grundstrukturen entstanden. Das noch in weiten Teilen sehr ländlich geprägte, an der städtischen Peripherie gelegene Stadtviertel des Jahres 1885 mit seinen nicht einmal 70.000 Einwohnern hatte innerhalb von 30 Jahren sein Aussehen von Grund auf verändert. Die Einwohnerzahl war um mehr als das Dreifache auf über 250.000 Personen gestiegen. Innerhalb des Kranzes der rasch wachsenden Städte und Ortschaften der Umgebung hatte der Wedding den Schritt vom Vorort zum Großstadtbezirk vollzogen.

Die Komplexität der Thematik macht eine Schwerpunktsetzung notwendig. Um die zentralen Prozesse erfassen zu können, werden drei Fragestellungen in den Mittelpunkt gerückt:

  1. In welchem Umfang und unter welchen Rahmenbedingungen vollzog sich zwischen 1885 und 1914 eine Erweiterung der bebauten Fläche im Untersuchungsgebiet?
  2. Welche Verteilungsmuster und Veränderungen der Flächennutzung lassen sich nachweisen?
  3. Wie entwickelte sich abhängig von der Flächenerschließung und -nutzung die Wohnsituation?

III.1.1  Der bauliche Verstädterungsprozeß im Untersuchungsgebiet

III.1.1.1  Entwicklungslinien

↓73

Zwei gegenläufige städtebauliche Prozesse sind im Untersuchungszeitraum zu beobachten. Einerseits wurden in großem Umfang bisher unbebaute und vielfach noch landwirtschaftlich genutzte Flächen in Bauland verwandelt. Die geschlossene Siedlungsfläche Berlins dehnte sich bis weit in das Umland aus und verschmolz an vielen Stellen mit Vororten wie Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf/Neukölln75 oder Reinickendorf. Andererseits betraf die Entwicklung bereits bebaute Flächen. Um eine möglichst effektive Grundstücksnutzung zu erzielen, verschwanden zusehends die älteren zwei- bis dreigeschossigen Gebäude zugunsten einer geschlossenen mehrstöckigen Mietshausbebauung. Mit der Expansion nach außen ging eine Verdichtung nach innen einher.

III.1.1.1.a)  Expansion nach außen

Der Schwerpunkt der Bebauung lag zunächst im Süden und Südosten des Untersuchungsgebietes (vgl. Abb. 17), d.h. in den Bereichen mit der größten Nähe zur Innenstadt. Im gesamten Areal südlich der Ringbahn (A) und innerhalb des Dreiecks Reinickendorfer Straße/Schulstraße/Müllerstraße (B) wies bereits 1885 ein Großteil der Grundstücke einen Gebäudebesatz auf. Nach Norden und Westen hin nahm der Freiflächenanteil dagegen rasch zu. Ein deutliches Gefälle in Richtung des Stadtrandes ist erkennbar. Die Bebauung beschränkte sich hier auf einzelne Straßenzüge oder isoliert stehende Gebäude. Lediglich die Müllerstraße (C) durchzog als - wenn auch sehr aufgelockertes - Siedlungsband das gesamte Untersuchungsgebiet bis an die nördliche Stadtgrenze.

Abb. 17: Flächenerschließung 1885-1914.

↓74

Dieses Bild änderte sich erst nach 1900, als drei große und annähernd geschlossene Neubauviertel im Westen und Norden hinzukamen. Das erste Viertel umfaßte das Gelände zwischen der Triftstraße und dem Spandauer Schiffahrtskanal (1). Nördlich davon schloß der Bereich zu beiden Seiten der Seestraße an (2), während sich der dritte Komplex entlang der Utrechter Straße (3) erstreckte.

Aus der Perspektive des Jahres 1915 offenbarte das Gebiet große Gegensätze. Die geschlossenen Neubaugebiete an der Seestraße und südlich der Triftstraße waren durch unbebautes Gelände voneinander getrennt. An der nördlichen Müllerstraße wiesen erst wenige Straßenzüge Ansätze einer Bebauung auf. Dem stand das gesamte Areal südlich der Seestraße und östlich der Müllerstraße gegenüber, in dem bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges alle größeren Baulücken geschlossen waren.

Faßt man die Entwicklung in absoluten Zahlen zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

↓75

Tab. 7: Zahl der bewohnten Grundstücke im Untersuchungsgebiet. Veränderung nach Fünfjahreszeiträumen.

Grundstücke gesamt

Veränderung

(abs.)

Veränderung

(in %)

1885

690

1890

840

+150

+21,7

1895

951

+111

+13,2

1900

1012

+61

+6,4

1905

1245

+233

+23,0

1910

1651

+406

+32,6

1915

1807

+156

+9,4


Quelle: Eigene Erhebung nach dem Straßenverzeichnis des Berliner Adreßbuches, versch. Jg.

Die größte Dynamik entfaltete sich in den Jahren zwischen 1905 und 1909. Allein in diesem Zeitraum wurden über 400 Grundstücke neu erschlossen, was einer Zunahme um mehr als 32% gegenüber dem Stand von 1905 entspricht. Auch die Jahre 1885-1889 und 1900-1904 erreichten Wachstumsraten von über 20%. Dem steht der Zeitabschnitt von 1895 bis 1899 gegenüber, in dem sowohl absolut als auch relativ die geringste Bautätigkeit zu verzeichnen war. Auffällig ist auch der deutliche Rückgang der Werte zwischen 1910 und 1914. Die Zuwachsrate von 9,4% darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß in diesen fünf Jahren noch 156 Grundstücke neu bebaut wurden. Keiner der Fünfjahreszeiträume vor 1900 hatte diese absolute Zahl erreicht.

Das Kataster der städtischen Feuersozietät bietet eine Vergleichsmöglichkeit zu den Werten des Adreßbuches und erlaubt eine Einordnung in den Gesamt-Berliner Zusammenhang. Die Zahlen der pro Versicherungsjahr aufgenommenen Neubauten auf bisher unbebauten Grundstücken beschreiben einen ausgeprägter Kurvenverlauf:76

↓76

Abb. 18: Anzahl der in die Feuerversicherung aufgenommenen Neubauten auf bisher unbebauten Grundstücken in Gesamt-Berlin und dem Versicherungsbezirk XIII (Wedding und Gesundbrunnen) 1885-1914 (abs.).

Quelle: Eigene Darstellung nach StatJbB, versch. Jg.

Die Darstellung vermittelt das Bild einer Baukonjunktur mit zwei aufeinanderfolgenden Auf- und Abschwungphasen. Den Jahren 1888-1891 bzw. 1905-1907 mit ihren Maximalwerten von über 500 neuversicherten Grundstücken standen Zeitabschnitte gegenüber (1885/86, 1898-1901, 1909-1914), in denen mit weniger als 300 Neubauten nur etwas mehr als die Hälfte davon erreicht wurde.77

Den Zahlen für Gesamt-Berlin ist die Entwicklung im Versicherungsrevier XIII (Wedding und Gesundbrunnen) gegenübergestellt. Im großen und ganzen decken sich die beiden Verlaufskurven, auch wenn sich die Deutlichkeit der Ausprägungen unterscheidet. So führte die erste Hochphase um das Jahr 1890 im Bereich des Wedding und Gesundbrunnen nur zu einer vergleichsweise geringen Zunahme der neuversicherten Grundstücke. Dagegen traten die Jahre 1905-1908 sehr markant in Erscheinung. 1909 stellte das Revier XIII mit 32% nahezu jedes dritte neuversicherte Grundstück innerhalb Berlins. Eine signifikante Abweichung zu den Werten des Adreßbuches ist nicht erkennbar.

↓77

Abb. 19: Gesamt-Berlin. Flächenerschließung nach Versicherungsrevieren.

Anm.: I = Berlin, Kölln, usw., II = Friedrichstadt, III = Friedrich- und Schöneberger Vorstadt, IV = Friedrich- und Tempelhofer Vorstadt, V = Luisenstadt jenseits des Kanals, VI = Luisenstadt diesseits des Kanals, VII = Stralauer Viertel, VIII = Königsviertel, IX = Spandauer Viertel, X = Rosenthaler Vorstadt, XI = Oranienburger Vorstadt, XII = Friedrich-Wilhelm-Stadt, Moabit, XIII = Wedding und Gesundbrunnen.
Die innerstädtischen Versicherungsreviere I, II, VI und IX blieben aufgrund ihrer geringen Werte in der Darstellung unberücksichtigt. In diesen Gebieten war die Bebauung bereits so weit vorangeschritten, daß kaum noch neue Flächen erschlossen wurden.

Ein Vergleich mit den übrigen Versicherungsrevieren macht eine Tendenz zwischen dem Norden und Osten auf der einen bzw. dem Süden und Westen auf der anderen Seite sichtbar (vgl. Abb. 19). Während in den Revieren III, IV, V, XI und XII die höchsten Zuwächse in die Zeit vor 1894 fielen, erreichten die Werte in den Revieren VII, VIII, X und XIII erst zwischen 1900 und 1910 ihr Maximum. Die beiden Hochphasen der Baukonjunktur wurden von jeweils unterschiedlichen Gebieten der Stadt getragen.

Zum Problem wird die fehlende Kongruenz von Stadt- und Siedlungsgrenze. Längst reduzierte sich das administrative Stadtgebiet von Berlin auf den Kernbereich eines ganzen Agglomerationsraumes. Die Erschließungstätigkeit konzentrierte sich nicht mehr allein auf das bis dato unbebaute Gelände am administrativen Stadtrand. Eine Übersichtskarte der Jahre 1896-1908 (Abb. 20) zeigt die Schwerpunkte der Entwicklung. Die größten zusammenhängenden Neubauviertel lagen in Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg, d.h. außerhalb des Berliner Stadtgebietes und damit auch außerhalb der Berliner Statistik. Diese Tatsache relativiert den Stellenwert des Weddings im Prozeß der Stadterweiterung. Verglichen mit dem gesamten Südwesten erscheinen die Flächenerweiterungen des Weddings als geradezu marginal und für die Gesamt-Berliner Entwicklung ohne ausschlaggebende Bedeutung. Die Abbildung zeigt die Notwendigkeit, den Blick über die Stadtgrenze hinaus zu richten. Erst die Berücksichtigung der Vororte ermöglicht eine realistische Einordnung in den städtebaulichen Gesamtzusammenhang. Berlin ist dabei sicherlich ein extremes Beispiel. Andere Großstädte des Deutschen Reiches wie bspw. Hamburg wiesen noch längere Zeit eine größere Deckungsgleichheit zwischen der administrativen Stadtfläche und der Ausdehnung der zusammenhängenden „städtischen“ Überbauung auf.78 Erst die Schaffung von Groß-Berlin im Jahr 1920 brachte eine Beseitigung der bestehenden Diskrepanz.

↓78

Abb. 20: Baualterskarte der geschlossenen Mietshausbebauung in Berlin und Umgebung 1896-1908. (Rot = Neubauten)

Quelle: Geist/Kürvers (1984), S. 368f.

III.1.1.1.b) Verdichtung nach innen

Der Verdichtungsprozeß nach innen läßt sich anhand eines Kartenausschnittes der Müllerstraße exemplarisch verdeutlichen. Das dargestellte Areal grenzt im Süden an die Gleisanlagen der Ringbahn. Im Liebenow-Plan von 1888 ist eine geschlossene Bebauung nur für die Straßenecke Müllerstraße-Lindower Straße erkennbar. Auf der gegenüberliegenden westlichen Seite der Müllerstraße beschränken sich die Eintragungen dagegen auf ein freistehendes Gebäude (Nr. 166) und vier nebeneinander gelegene, aber baulich nicht miteinander verbundene Objekte (Nr. 160-163). Soweit eine Bebauung vorhanden war, umfaßte sie lediglich den vorderen Teil der Grundstücke. Vollständig umbaute Hofflächen fehlten. Weiträumige landwirtschaftliche Nutzflächen erstreckten sich hinter den Gebäuden und reichten in Teilbereichen bis an die Müllerstraße heran.79 Auch Fuhrherren, Holz- und Brennmaterialienhändler nutzten die noch vorhandenen Freiflächen für ihre Geschäfte.

Abb. 21: Müllerstraße - Ausschnitt aus dem Liebenow-Plan 1888.

Quelle: LAB, Kart. Acc. 388 (Bl. 2).

↓79

Nur 13 Jahre später hatte sich die Situation grundlegend gewandelt. Die geschlossene Blockrandbebauung hatte sich im gesamten Gebiet durchgesetzt. Freiflächen waren mit Ausnahme der Müllerstraße 15/16 und 161 vollständig verschwunden. Die alte Bausubstanz war entweder völlig umgestaltet oder durch einen Neubau ersetzt. Quer- und Seitengebäude in der Tiefe eines Grundstückes stellten nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel dar.

Abb. 22: Müllerstraße - Ausschnitt aus dem Straube-Plan 1901.

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M (1901).

Der Berliner Wohnungsreformer und Nationalökonom Eberstadt setze sich intensiv mit dem Phänomen der Verdichtung auseinander. In seinem „Handbuch des Wohnungswesens“ beschrieb er seine Eindrücke auf dem Weg in eine deutsche Großstadt:

↓80

„Wenn wir uns einer deutschen Großstadt von außen her nähern, so drängt sich uns zuerst eine besondere Erscheinung auf: zu äußerst, rings von freiem Felde umgeben, stehen mächtige Wohngebäude, die Massenmiethäuser oder Mietkasernen. An der Stelle, wo die städtische Hausplatzrente in die ländliche Ackerbaurente übergeht, finden wir nicht, wie wir es erwarten sollten, den Flachbau, sondern hier herrscht die gedrängteste Bauweise. Folgen wir nun einer der breiten Vorortstraßen [...] in der Richtung nach der Stadt hinein. Hierbei fällt uns zunächst die Regellosigkeit der Bebauung auf. Zwischen den einzelnen riesigen Häusern klaffen breite Lücken unbebauter Baustellen. Auch das umliegende Land, selbst in geringem Abstand von unserer Straße, ist nur wenig bebaut und kaum durch Seitenstraßen aufgeschlossen.

↓81

Bei der Fortsetzung unseres Weges, in größerer Stadtnähe, wird die Erscheinung noch auffallender. Die Bebauung scheint sprungweise vor sich zu gehen. Zahlreiche einzelne Baustellen, ganze Komplexe baureifen Landes liegen unbebaut neben den gedrängten Massen der Mietskaserne; an Bauland fehlt es nicht. Inzwischen rückt das Straßennetz immer dichter zusammen. Wir nähern uns den Bauten aus den siebziger Jahren. Indes je weiter wir nach dem Innern vorschreiten, je dichter die Gesamtbebauung wird, um so mehr nimmt, auf das einzelne Grundstück gerechnet, die Höhe und Dichtigkeit der Bebauung ab. In den Außenbezirken bei reichlicher Fülle des Baulandes ist die Zusammendrängung auf dem einzelnen Grundstück am stärksten.“80

Da Eberstadt die geschilderten Verhältnisse mit Zahlen aus Berlin belegt, dürfte ihm die Stadt Berlin vor Augen gewesen sein. So kommt er weiter unten auch direkt auf die Berliner Vororte zu sprechen:

↓82

„In einzelnen Berliner Vororten war noch im Jahr 1892 vielfach oder sogar vorzugsweise der Flachbau anzutreffen. Die gedrängte Bauweise ist hier erst seit dem Ende der achtziger Jahre im Gefolge der Mietskaserne eingedrungen und erschien zunächst sporadisch inmitten der niedrigen Bauformen.“81

Bei der Erklärung dieses Vorgangs kam er zu folgendem Ergebnis:

↓83

„Die Bodenspekulation im ganzen und die einzelnen Bodenspekulanten müssen, wenn sie die Bodenpreise haben wollen, das Mittel anwenden, die gedrängte Bauweise an der äußersten Grenze der Stadterweiterung beginnen zu lassen, um hierdurch auf das stadteinwärts gelegene Gelände zu wirken. Um die Bebauung einzuleiten und heranzuziehen, werden deshalb mitunter einzelne Baustellen billiger abgegeben; ein Verfahren, daß sich stets reichlich lohnt. Als typisches Beispiel sei erwähnt, daß die Besitzer eines großen Geländekomplexes an der Berliner Peripherie im Jahr 1904 ein Grundstück am äußersten Ende der noch unbebauten Flächen zu dem Ausnahmepreise von 650 M. für die Quadratrute[ 82 ] verkauften, damit mit der Bebauung an äußerster Stelle begonnen werde. Die Berechnung erwies sich als richtig; das stadteinwärts gelegene Gelände wurde alsbald in rascher Folge auf 900, 1100 und 1300 M. und darüber gesteigert.“83

Nach den Ausführungen von Eberstadt vollzog sich die Verdichtung nicht vom Zentrum ausgehend in Richtung der Peripherie, sondern rückwirkend vom Stadtrand in Richtung der Innenstadt.

Eine empirische Überprüfung dieser Annahme steht vor dem Problem, daß Eberstadt für den von ihm verwendeten Begriff der „gedrängten Bauweise“ keine Indikatoren definierte, sondern allein mit der steigenden Behausungsziffer, d.h. der Zahl der Bewohner je Grundstück, argumentierte. Diese ist in der amtlichen Statistik nur für die Ebene der Stadtviertel ausgewiesen und somit für detailliertere Betrachtungen ungeeignet.

↓84

Nur in einem einzigen Fall konnte in den Akten eine Auflistung der Bewohnerzahlen nach Grundstücken nachgewiesen werden. Dabei handelte es sich um einen Zufallsfund in den Beständen des Konsistoriums der Provinz Brandenburg.84 Vor der Ausgründung der Kapernaumgemeinde aus Nazareth im Jahr 1903 ließ die Kirchenleitung von den örtlichen Polizeirevieren einen Auszug aus den Melderegistern erstellen, der zu jedem Grundstück in der noch ungeteilten Nazarethgemeinde die Zahl der evangelischen Haushaltsvorstände und die Gesamtzahl der ansässigen Protestanten vermerkte (vgl. Abb. 23). Die Aufstellung bildete die Grundlage für die Abgrenzung des späteren Gemeindegebietes von Kapernaum.

Den Verwendungsmöglichkeiten sind jedoch enge Grenzen gesetzt. Eine Überprüfung der Beobachtung von Eberstadt ist kaum möglich. Nicht allein das Fehlen des katholischen Bevölkerungsanteils schränkt den Aussagegehalt ein. Schwerer wiegt der Zeitpunkt der Erstellung. Im Jahr 1901 hatte die Bautätigkeit in den Neubauvierteln gerade erst begonnen. Der Stand der Bebauung läßt eine Gegenüberstellung der Alt- und Neubaugebiete nicht zu. Die fünf Grundstücke mit der höchsten Behausungsziffer lagen allesamt in den Straßenzügen der Altbauviertel. Eine Sonderstellung nahm das mit (6) bezeichnete Grundstück Müllerstraße 56/57 ein. Die hohe Zahl der Bewohner des dort seit 1888 beheimateten Paul-Gerhardt-Stiftes ist auf die Funktion als Diakonissenmutterhaus und Krankenhaus zurückzuführen. Daher resultiert auch die geringe Zahl der Haushaltsvorstände.

Tab. 8: Nazarethgemeinde. Die sechs Grundstücke mit der höchsten absoluten Anzahl evangelischer Bewohner inkl. des Paul-Gerhardt-Stiftes im Februar 1901.

HHV

Bew.

1)

Müllerstraße 156a

86

341

2)

Reinickendorfer Straße 23c

54

267

3)

Liebenwalder Straße 5

63

259

4)

Adolfstraße 12b

62

257

5)

Reinickendorfer Straße 53

61

254

6)

Müllerstraße 56/57

4

233


Anm.: HHV = Evang. Haushaltsvorstände, Bew. = Anzahl der evang. Bewohner insg.

Quelle: LABB, 14/3700, Bd. 1.

↓85

Für spätere Zeitpunkte bietet allein das Berliner Adreßbuch die Möglichkeit, durch eine Auszählung der Haushalte je Grundstück auf die Belegungsdichte zu schließen. Dieses Verfahren ist allerdings mit erheblichen Ungenauigkeiten behaftet. Zum einen erlaubt die Zahl der Haushalte nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf die Bewohnerschaft,85 zum anderen setzt die Gesamtqualität der Adreßbuchangaben engste Grenzen.86

Abb. 24 zeigt - bei aller gebotenen Vorsicht - das Ergebnis für das Jahr 1915. Nach dem Straßenteil des Berliner Adreßbuches läßt sich in Übereinstimmung zu Eberstadt die höchste Haushaltsdichte in den Neubauvierteln um die Seestraße und südlich der Triftstraße nachweisen, wohingegen in den bereits 1885 bebauten Gebieten die Werte deutlich niedriger lagen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine zeitlich getrennte von außen nach innen gerichtete Entwicklung handelte, muß jedoch bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist ein parallel ablaufender Prozeß. Fakt ist: Auch ohne die großen Neubaugebiete war bereits eine nachweisbare Verdichtung eingetreten. So stieg die durchschnittlich Behausungsziffer des Weddings zwischen 1885 und 1900 von 56,3 auf 84,1.87 Es wäre daher falsch, die Erklärung für die Verdichtung nach innen allein auf die Expansion nach außen zurückzuführen. Beide Prozesse sind letztendlich Ausdruck der gleichen Ursachen - des starken Bevölkerungswachstums gepaart mit einem zunehmend spekulativeren Boden- und Immobilienmarkt. Daß die Haushaltsdichte in den bereits 1885 bebauten Gebieten niedrigere Werte aufwies, ist in erster Linie der Tatsache geschuldet, daß die alte lockere Vorstadtbebauung nicht sofort verschwand, sondern sukzessiv ersetzt wurde.

Abb. 23: Anzahl der evangelischen Bewohner je Grundstück - Nazarethgemeinde ungeteilt, Februar 1901.

↓86

Abb. 24: Haushaltsdichte 1915 (nach Straßenzug, nur bewohnte Grundstücke berücksichtigt).

III.1.1.2 Einflußfaktoren

Die städtebauliche Entwicklung Berlins vor dem Ersten Weltkrieg ist ohne den im Jahr 1862 genehmigten „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ nicht zu erklären.88 Der sog. Hobrecht-Plan, der seit 1858 im Königlichen Polizeipräsidium unter Federführung des Baumeisters James Hobrecht89 entstanden war, teilte die Umgebung von Berlin und Charlottenburg in 14 Planungseinheiten. Ziel war es, bei der sich abzeichnenden raschen Expansion der Stadt einem städtebaulichen Wildwuchs von vornherein entgegenzutreten und die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Für alle noch unbebauten Flächen in der gesamten Umgebung Berlins wurde im Vorgriff auf die erwartete Entwicklung ein verbindliches Fluchtlinienraster projektiert, das alle für den Verkehr notwendigen Straßen umfassen sollte. Ein Netz von zumeist rechtwinkligen Baublöcken zwischen sternförmigen Ausfallstraßen entstand. Eine große Ringstraße sollte die Städte Berlin und Charlottenburg nach dem Vorbild der Pariser Boulevards umfassen. Zahlreiche als Grünanlagen gestaltete Plätze waren als Mittelpunkte der neuen Stadtquartiere vorgesehen.90 Die Vorgaben des Planes behielten bis 1919 ihre rechtliche Gültigkeit.

Auch wenn die ursprünglich festgelegten Fluchtlinien bei der vielfach erst Jahrzehnte später anstehenden Bebauung noch mehrfach abgeändert wurden,91 hatte der Plan weitreichende Konsequenzen. Das als Straßenland vorgesehene Gelände mußte unbebaut bleiben und bei Bedarf kostenlos an die Kommune abgetreten werden.92 Der „Hobrecht-Plan“ verwandelte - wenn auch ungewollt - die gesamte Umgebung Berlins unabhängig vom tatsächlichen Stand der Bebauung in Bauerwartungsland. Der Startschuß für eine ausgedehnte Bodenspekulation war gegeben.93

↓87

Für den Wedding gaben die Festlegungen der Bebauungsplanabteilungen X1und X2 die Entwicklungsrichtung des Straßenrasters vor.94 Als markantestes Element erscheint die Seestraße als Teilstück der geplanten großen Ringstraße. Sie mündete an der östlichen Begrenzungslinie des Untersuchungsgebietes in einen sternförmigen Platz, den sog. Platz H - den heutigen Louise-Schroeder-Platz.95 Vergleicht man den im hinteren Einband dargestellten Fluchtlinienverlauf von 1916 mit den Vorgaben von 1862 (Abb. 25) wird die Bedeutung des „Hobrecht-Planes“ für die städtebauliche Entwicklung am deutlichsten. Lediglich im Bereich nördlich der Seestraße sind größere Modifikationen erkennbar.

Abb. 25: Wedding und Gesundbrunnen. Ausschnitt „Neuester Bebauungs-Plan von Berlin mit nächster Umgebung und Angabe des Weichbilds u. Polizei-Bezirksgrenzen“ 1863.

Quelle: LAB, Kart. A 1002.

Neben dem Bebauungsplan von 1862 hatte das preußische „Gesetz betreffend die Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften“ - das sog. Fluchtliniengesetz vom 02. Juli 1875 - die größten Auswirkungen auf den Verlauf der städtebaulichen Entwicklung. Das Gesetz (§ 12) ermöglichte den Erlaß eines Ortsstatutes, durch welches das Bauen an einer nicht vollständig regulierten Straße verboten werden konnte.96 Die entsprechende Verfügung trat für den Gemeindebezirk Berlin am 08. Oktober 1875 in Kraft.97 Jeder, der fortan ein Baugebiet neu erschließen wollte, mußte nach § 1 des Statutes im voraus dafür Sorge tragen, daß die anliegende Straße befestigt und entwässert war. Die Kosten hierfür hatten allein die jeweiligen Grundbesitzer zu tragen.

↓88

„Das [Gesetz] wurde von weitreichender Bedeutung für den Produktionsprozeß der Stadterweiterung. Die Aufschließung des Geländes für ein mit Mietskasernen bebautes Häuserviertel erforderte einen großen Kapitalaufwand. Der Grundbesitzer [...] sah sich also gezwungen, den Anschluß an das Kapital zu suchen. Das Parzellierungsgeschäft wurde mehr und mehr Gegenstand der Großunternehmung und wählte sich in den letzten Jahrzehnten als günstigste Unternehmungsform die Aktiengesellschaft.“98

- so das Fazit der zeitgenössischen Beobachterin Carthaus.

↓89

Die Überlagerung von Spekulationsanreiz und zunehmendem Kapitalaufwand führte in den meisten Fällen zu einem ähnlichen Ablauf der Flächenerschließung und -bebauung. Carthaus bietet die treffendste Beschreibung der Vorgänge. Sie unterscheidet vier aufeinanderfolgende Entwicklungsetappen:99

  1. Ankauf des Geländes und Herrichtung zur Bebauung durch eine Terraingesellschaft.
  2. Verkauf des baureifen Grundstücks an einen Bauunternehmer.
  3. Kreditbeschaffung zur Errichtung des eigentlichen Gebäudes, da der Bauunternehmer in der Regel über keine eigenen Finanzmittel verfügte.
  4. Verkauf des fertigen Gebäudes an einen gewerbsmäßigen Mietshausbesitzer.

Die verschiedenen ineinandergreifenden „Produktionsschritte“ bildeten abhängig vom jeweiligen Einzelfall eine mehr oder weniger geschlossene Verwertungskette des Bodens, die wiederum entscheidenden Anteil am Verlauf der Baukonjunktur und damit an der Erschließungstätigkeit im Untersuchungsgebiet hatte. Drei Faktoren bestimmten demnach maßgeblich den Prozeß der Stadterweiterung: die Verfügbarkeit von Kapital in Form von zinsgünstigen Hypotheken, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und die Lage des zu bebauenden Areals im Stadtgebiet.100

↓90

1) Da die Beteiligten Bauunternehmer kaum eigenes Kapital zum Einsatz brachten, entstand eine starke Abhängigkeit von der Lage auf dem Geld- und Hypothe kenmarkt. Das Zinsniveau für die Pfandbriefe der deutschen Hypothekenbanken läßt daher direkte Rückschlüsse auf die Erschließungstätigkeit zu. Ein günstiges Zinsniveau war gleichbedeutend mit günstigem Baugeld.

Tab. 9: Durchschnittliche Verzinsung der am Jahresende im Umlauf befindlichen Pfandbriefe.

Jahr

Verzinsung

Jahr

Verzinsung

1885

4,10

1900

3,69

1886

3,94

1901

3,71

1887

3,91

1902

3,72

1888

3,88

1903

3,70

1889

3,52

1904

3,73

1890

3,81

1905

3,66

1891

3,83

1906

3,86

1892

3,85

1907

3,76

1893

3,85

1908

3,78

1894

3,83

1909

3,99

1895

3,74

1910

3,80

1896

3,69

1911

3,83

1897

3,66

1912

4,75

1898

3,66

1913

3,99

1899

3,67

1914

3,85


Quelle: Reich, Emmy: Der Wohnungsmarkt in Berlin von 1840-1910. (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen. Heft 164) München, Leipzig 1912, S. 146 u. Carthaus (1917), S. 221f.

In den beiden Hochphasen der Baukonjunktur (vgl. Abb. 18, S. 53) bewegten sich die Zinssätze der Pfandbriefe auf einem minimalen Niveau. Die Verzinsung wies 1889 und 1905 ihre niedrigsten Werte auf, d.h. jeweils ein Jahr bevor die Zahl der Neubauten auf bis dato unbebauten Grundstücken ihr Maximum erreichte. Diese Verzögerung läßt sich u.a. dadurch erklären, daß die Errichtung eines Gebäudes mehrere Monate in Anspruch nahm, so daß ein Großteil der 1890 und 1906 fertiggestellten Bauvorhaben im Jahr zuvor bei minimalen Zinssätzen begonnen wurde.

↓91

Das Zinsniveau bildete eine wichtige Voraussetzung für die Intensität der Bautätigkeit, ohne eine hinreichende Erklärung für die starken Schwankungen liefern zu können. So lahmte zwischen 1895 und 1900 die Baukonjunktur, obwohl ausreichend günstiges Kapital vorhanden gewesen wäre.

2) Neben dem finanziellen Kontext ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt zu berücksichtigen. Folgt man der Argumentation von Zimmermann, war der Wohnungsmarkt zwischen 1870 und 1914 in seiner Gesamtheit angebotsorientiert. Die Nachfrage nach Wohnraum blieb demgegenüber von untergeordneter Bedeutung:

↓92

„Die Bautätigkeit orientierte sich nicht am Wohnungsbedarf, sondern primär an der überlokal dimensionierten Struktur des Hypotheken- und Geldmarktes. Dadurch kam es immer wieder zu Phasen wachsender lokaler Wohnungsnot, ohne daß der Markt mit der nötigen Flexibilität auf die steigende Nachfrage reagierte. Wir haben es mit einem gegenüber Nachfrageschwankungen ausgesprochen unelastischen Wirtschaftssektor zu tun.“101

Angebot- und Nachfrage lassen sich in Grundzügen anhand von drei Indikatoren darstellen: dem Wohnungsleerstand, der Bevölkerungszunahme und dem insgesamt vorhandenen Wohnungsbestand.102 Hierbei kann es sich freilich nur um eine grobe Einordnung handeln. Die Indikatoren stellen lediglich Durchschnittswerte dar, die keine qualitativen Aussagen zur Art und Ausstattung des Wohnraumes oder der Dauer eines Leerstandes zulassen.

Nach Abb. 26 lagen in den meisten Jahren des Untersuchungszeitraumes in Gesamt-Berlin die Zuwachsraten des Wohnungsbestandes konstant höher als die der Gesamtbevölkerung. Dies gilt im besonderen für die Jahre 1890-1896 bzw. 1902-1914. Lediglich zwischen 1886 und 1888 sowie 1897 und 1901 kam es zu einer Überschneidung der beiden Kurven. Analog entwickelte sich die Leerstandsquote. Je größer und permanenter sich die Differenz zwischen Wohnungsangebot und Bevölkerungszuwachs gestaltete, desto höher stieg das Leerstandsniveau. Dies würde erklären, weshalb die niedrigen Zinssätze zwischen 1895 und 1900 zu keinem Anstieg der Neubauzahlen führten. Auf dem Berliner Wohnungsmarkt herrschte zu diesem Zeitpunkt ein erhebliches Überangebot.

↓93

Abb. 26: Gesamt-Berlin. Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsbestand und Leerstandsquote 1885-1914 (in %).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Erst schrittweise konnte der Wohnungsüberhang abgebaut werden, ehe 1901 der

Kulminationspunkt erreicht war. Bei einem Leerstand von unter 1% bestand nun sogar ein akuter Wohnungsmangel.103 Erst jetzt konnten die günstigen Kredite zu einer Belebung der Bautätigkeit führen. Der einsetzende Bauboom orientierte sich jedoch nicht am tatsächlichen Bedarf. Rasch stiegen die Leerstandsquoten wieder an. Da nun auch noch eine Verteuerung des Kapitals hinzukam, entstand eine tiefgreifende Krise, die im Jahr 1912 ihren Höhepunkt erreichte.104

↓94

Abb. 27 stellt die gleichen Indikatoren für den Standesamtsbezirk „Wedding und Gesundbrunnen“ dar. Bei der Interpretation der Abbildung ist zu berücksichtigen, daß eine jährliche Ermittlung der Einwohnerzahlen auf der Ebene der Standesamtsbezirke erst seit 1895 vorgenommen wurde. Für die Zeit davor stehen lediglich die Zahlen der fünfjährlichen Bevölkerungszählungen zur Verfügung. Dies führt in den ersten zehn Jahren zu einem treppenartigen Verlauf der Bevölkerungskurve. Um die Darstellung übersichtlich zu halten, mußte zudem eine Werteskala von -4% bis +20% statt -4% bis +10% zugrunde gelegt werden. Die Schwankungen der Kurvenverläufe waren wesentlich deutlicher ausgeprägt.

Abb. 27: Wedding und Gesundbrunnen. Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsbestand und Leerstandsquote 1885-1914 (in %).

Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Besonders auffällig ist die Entwicklung nach 1895 als die Bautätigkeit im Gegensatz zu den Berliner Durchschnittswerten nicht nur deutlich absank, sondern fast schlagartig gegen Null tendierte. Die Ursache muß in der ungleich höheren Leerstandsrate gesucht werden. Der 1895 vorhandene Leerstand von knapp 15% (Gesamt-Berlin 6,2%) konnte auf diese Weise zwar rasch abgebaut werden, kehrte sich allerdings wie im übrigen Stadtgebiet auch ab 1900 in eine Wohnungsknappheit um. Bemerkenswert ist die nun einsetzende und bereits beschriebene Intensität der Bebauung. Da die Zahl der neugeschaffenen Wohnungen erneut weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus stieg, betrug die Leerstandsrate bereits im Jahr 1909 wieder über 10%. Im Gegensatz zum gesamten Stadtgebiet nahm der Wohnungsüberhang jedoch bis zum Krieg wieder ab und näherte sich dem städtischen Durchschnitt an.105

↓95

Die Gegenüberstellung der drei Indikatoren relativiert die Ausführungen von Zimmermann. Sicherlich ist das sprunghafte Ansteigen der Leerstandsquoten Anfang der 1890er Jahre und vor 1910 auf eine einseitige Angebotsorientierung zurückzuführen. Andererseits mußte der stärkste Baumboom zum erliegen kommen, wenn die Nachfrage nach dem geschaffenen Wohnraum ausblieb. Ferner zeugt der rasche Anstieg des Wohnungsbestandes nach 1901 von einer durchaus vorhandenen Flexibilität des Bausektors, der innerhalb kürzester Zeit auf den eingetretenen Wohnungsmangel reagieren konnte. In jedem Fall muß dem Verhältnis von Angebot- und Nachfrage ein entscheidender Anteil am zeitlichen Verlauf der Stadterweiterung im Untersuchungsgebiet beigemessen werden.

3) War das Zinsniveau günstig und bestand eine ausreichende Nachfrage nach Wohnraum, bestimmte schließlich die Lage eines Grundstückes den räumlichen Schwerpunkt der Bautätigkeit.

↓96

„Ist die Beschaffenheit des Baugrundes für die Wertschätzung einer Baustelle auch ein sehr wichtiger Faktor, so tritt er in Berlin doch zurück gegen den Einfluß, den die Lage, d.h. die Gegend, in der sich das Grundstück befindet, auf den Wert ausübt, und zwar um so mehr, je größer die Stadt ist. In besseren Gegenden derselben und in beliebteren Ortschaften der Umgebung werden höhere Mietserträge erzielt, und in demselben Maße, in welchem der Mietsertrag steigt, treibt die Spekulation den Preis der Baustellen in der betreffenden Gegend in die Höhe.“106

In der Realität entsprechen die Grundstückstaxierungen am ehesten den Lagewerten. Nach Hirsch setzte sich eine Grundstückstaxe aus drei Faktoren zusammen: dem Bodenwert, dem Gebäudewert und dem Ertragswert. Aus diesen drei Faktoren wurde der „gemeine Wert, d.h. de[r] objektive Verkaufswert“ ermittelt.107

Nach einer Taxierungskarte von 1906 (vgl. Abb. 28) - unmittelbar vor der maximalen Neubautätigkeit im Untersuchungsgebiet - rangierte der größte Teil des Berliner Nordens in den untersten Wertklassen. Höhere Einstufungen erreichten lediglich einige Gebäude südlich des Weddingplatzes, d.h. in dem Bereich mit der größten Nähe zur Innenstadt. Sie sind der 14. Taxierungsklasse (höchste = 1; niedrigste = 36) zugeordnet. Dies war jedoch die Ausnahme. Die mit Abstand größten Anteile stellten die Klassen 23 bis 28. Beiderseits der nördlichen Müllerstraße dominierten die niedrigsten Kategorien 33-36.

↓97

Der Aussagegehalt der Karte läßt sich in drei Punkten zusammenfassen:

Es bleibt die Frage, weshalb der Wedding erst so spät in den Blickpunkt des Interesses rückte. Eine exemplarische Auseinandersetzung mit der Praxis der Flächenerschließung ist notwendig. Zu den Unternehmen, die die städtebauliche Entwicklung des Untersuchungsgebietes maßgeblich gestalteten, zählte die Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord (BABN). Der überlieferte Aktenbestand ermöglicht eine Rekonstruktion der geschäftlichen Tätigkeiten und gewährt Einblicke in die bauliche Entwicklung am nördlichen Stadtrand. Zugleich liefert die BABN ein anschauliches Beispiel für die gängigen - und viel kritisierten - Geschäftspraktiken einer Terraingesellschaft.

↓98

Abb. 28: Karte zur Berechnung des Grund und Bodenwertes in Berlin 1906. Ausschnitt.

Quelle: Verändert nach Müller, Gustav: Karte zur Berechnung des Grund- und Bodenwertes in Berlin, Charlottenburg, Westend, Weißensee, Wilhelmsberg. Jg. 10 (1906).

III.1.1.3 Die Boden-Aktiengesellschaft Berlin-Nord (BABN) - Ein Fallbeispiel

Die Gründung der BABN datiert auf den 19. April 1905. An diesem Tag wurde das Unternehmen durch notariellen Vertrag als Aktiengesellschaft von unbegrenzter Dauer errichtet. Der Eintrag in das Handelsregister des Königlichen Amtsgerichts I zu Berlin folgte zwei Monate später am 16. Juni 1905. Gegenstand des Unternehmens war „der Erwerb, die Verwaltung und die Verwertung von Grundstücken, insbesondere im Norden von Berlin und in dessen nördlichen Vororten.“108 Mit einem Stammkapital von 10.000.000 Mk. zählte das Unternehmen zu den größten Terraingesellschaften Berlins.109 Der Aktienhandel an der Berliner Börse begann am 20. Januar 1906.110 Das Amt des Vorstandsvorsitzenden übernahm der Kaufmann und spätere Stadtverordnete Paul Busch.

Der Grundbesitz bestand zunächst aus vier voneinander getrennten Arealen. Drei davon lagen im Untersuchungsgebiet, eines in Reinickendorf (vgl. Abb. 29). Komplex I (Müllerstraße/Triftstraße) umfaßte 3.381 Quadrat-Ruten (Qu.-R.), Komplex II (Müllerstraße 102-112) 14.179 Qu.-R., Komplex III (Müllerstraße 74-76) 7.009,5 Qu.-R. sowie Komplex IV (Holländerstraße, Reinickendorf) 15.279 Qu.-R.

↓99

Über die Motive und Perspektiven der Gesellschaftsgründung gibt der erste Geschäftsbericht Auskunft:

„Das leitende Motiv für dieselbe [die Gründung der Gesellschaft] war die Tatsache, dass die Berliner Weichbildgrenze im Westen, Süden und Osten durch die Errichtung von Mietshäusern erreicht ist und die in Betracht kommenden Stadtviertel Raum für eine nutzbringende Verwertung grösserer Geländeflächen zu Bebauungszwecken nicht mehr bieten.

↓100

Dass sich die Bautätigkeit neuerdings dem Norden Berlins zugewandt hat, ist unseres Erachtens nur eine selbstverständliche Folge der Verhältnisse in den anderen Gebietsteilen Berlins. Der Norden Berlins bietet seinen Bewohnern gegenüber den Vororten: die schnellsten und billigsten Verkehrswege nach den geschäftlichen Zentren der Stadt, die besten und erstklassigen Bildungsanstalten, Krankenhäuser etc., sowie verhältnismässig niedrige Steuern, und gegenüber den anderen bereits ausgebauten Stadtvierteln Berlins: moderne und doch billige Mietswohnungen. Dass der Norden Berlins und seine weit vorgelagerte Peripherie die zu allerletzt von der Bautätigkeit berührten Teile Berlins darstellen, wird den Vorteil haben, dass die Neubauten selbst im Style der Berliner Mietkaserne alle jene hygienischen und feuerpolizeilichen Vorzüge aufweisen werden, welche die alten Häuser in den sonstigen Stadtbezirken zum grössten Teil nur allzusehr vermissen lassen.

Abb. 29: Grundbesitz der BABN um 1906.

Quelle: Verändert nach LAB, A Rep. 251-11 Nr. 1. Übersichtsplan.

↓101

Abgesehen von diesen allgemeineren, die Bautätigkeit im Norden Berlins begünstigenden Gesichtspunkten sind gerade in letzter Zeit mehrere besondere Faktoren in Erscheinung getreten, welche dem Norden Berlins eine gute Aussicht für die Zukunft eröffnen. Schon seit einer Reihe von Jahren ist der grosse Bau des städtischen Virchow-Krankenhauses im Gange, welcher im Laufe dieses Jahres wahrscheinlich beendigt werden wird, sodass man mit der Eröffnung des Krankenhauses für den 1.Januar 1907 mit einiger Sicherheit wird rechnen können. Hand in Hand mit diesem Bau und teilweise veranlasst durch denselben geht die Absicht der Stadt Berlin, den Stadtteil Moabit mit einem Kostenaufwande von Mark 3 000 000.- durch eine grosse Brücke über den dortigen Güterbahnhof im Zuge der Putlitzstrasse und der Föhrerstrasse mit dem nördlichen Teile der Müllerstrasse und dem neuen Krankenhause zu verbinden. Ausserdem wird auf dem Platz D in unmittelbarer Nähe der Müllerstrasse seitens der städtischen Behörden der Bau eines grossen Prachtgebäudes geplant, in welchem die technische Mittelschule, die XIV. Realschule und eine neue Gemeindedoppelschule installiert werden sollen. Man darf aus diesen grossen neuen städtischen Bauten im Norden Berlins mit Recht den Schluss ziehen, dass auch der Berliner Magistrat der kommenden Entwicklung der Bautätigkeit im Norden Berlins seine Aufmerksamkeit zugewandt hat und schon jetzt durch Errichtung entsprechender Bildungsanstalten der zukünftigen Bevölkerungszunahme des Müllerstrassendistriktes Rechnung tragen will. Einen weiteren Aufschwung darf das nördliche Berlin, insbesondere die Müllerstrassenzone, von dem Ausbau der Grossschiffahrtsstrasse Berlin-Stettin erwarten, da diese Unternehmung den Bau grösserer Fabriken in den nördlichen Distrikten Berlins und seiner Vororte anregt und damit eine noch grössere Betätigung des industriellen Lebens in denselben wie bisher in Aussicht nehmen lässt. Des weiteren wird der nördliche Teil der Müllerstrasse in seiner baulichen Entwicklung dadurch wesentlich gefördert werden, dass die Nord-Süd Unterpflasterbahn von den städtischen Behörden bereits beschlossen ist und sobald wie möglich ausgebaut werden wird. Hierzu kommt, dass die Abdeckerei, welche die Entwickelung des nördlichen Teils der Müllerstrasse bisher verhindert hat, in naher Zeit aus Berlin entfernt und dass Hand in Hand damit die Anlage des Schillerparkes östlich der Müllerstrasse in Angriff genommen werden wird.“111

Die Ausführungen des Geschäftsberichtes sind äußerst bemerkenswert. Sie bestätigen die Aussagen der Taxierungskarte von 1906. Erst als in den meisten anderen Stadtgebieten eine gewisse Sättigung erreicht war, rückte der Norden in den Blickpunkt der Investoren. Das noch vorhandene große Freiflächenangebot liefert unter Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt eine Erklärung für den besonderen Verlauf der Baukonjunktur im Untersuchungsgebiet. Interessant ist der Verweis auf die Abdeckerei, der eine entscheidende entwicklungshemmende Funktion beigemessen wird. Die Ausführungen zeigen, wie sehr in der Praxis die individuellen Faktoren vor Ort das Handeln beeinflußten. Infrastrukturelle Maßnahmen, wie der Bau des Rudolf Virchow-Krankenhauses, die Errichtung einer leistungsfähigen Brückenverbindung nach Moabit oder die geplante Nord-Süd-Bahn beflügelten die Phantasie der Beteiligten. Bernhardt geht sogar davon aus, daß erst der Beschluß der Stadtverordnetenversammlung zum Bau der Nord-Süd-Bahn zur Gründung der BABN geführt hatte.112

↓102

Die Geschäfte der BABN verliefen für den Außenstehenden zunächst überaus erfolgreich. Zwischen 1907 und 1910 konnte an die Aktionäre eine Dividende von zunächst 5% und ab 1908 von 6% ausgeschüttet werden. Ähnlich positiv zeigte sich der Verlauf des Aktienkurses. Der Erstkurs vom 20. Januar 1906 lag bei 123%. Bis 1910 pendelte er sich zwischen 120% und etwas über 125% ein.113

Danach erfaßte die allgemeine Immobilienkrise das Unternehmen mit voller Härte. Die eigenen Geschäftspraktiken wurden der BABN zum Verhängnis. Eine rasante Talfahrt begann. Der Börsenkurs betrug am Jahresende 1911 nur noch 96% des Ausgabewertes. Im darauffolgenden Jahr sank er auf 55,5%, ehe mit 39,0% 1914 ein vorläufiger Tiefstand erreicht war. Ab 1911 wurden die Dividendenzahlungen eingestellt. Der Vorstandsvorsitzende Paul Busch, der seit der Gründung die Geschicke der Gesellschaft maßgeblich bestimmt hatte, gab am 30. September 1913 seinen Posten auf.

Aus der Perspektive des Jahres 1917 stellten sich die Ursachen und der Verlauf des Niedergangs wie folgt dar:

↓103

„Die Boden-Akt.-Ges. Berlin-Nord betrieb seit ihrer Gründung eine gewinnreiche Verkaufstätigkeit. Selbst in dem ungünstigsten Jahre 1907 wurde ein großer Teil des Terrains an der Müllerstraße [Komplex I, Abb. 29]‚ zu lohnenden Preisen‘ verkauft. Die ungünstigen Geldmarktverhältnisse bildeten kein Hindernis, da die Gesellschaft von den Käufern kaum bares Geld verlangte, sie im Gegenteil mit Baugeldern unterstützte. Dadurch brachte sie die Käufer in die Lage, die Bauten trotz ungünstiger Geldverhältnisse zu beginnen‘.[ 114 ] Die Folge dieser Verkaufstätigkeit war zunächst eine Überspannung der Finanzen. Die Dividendenauszahlung für 1909 und 1910 von je 6% wurde nur ermöglicht durch Erhöhung der Bankschulden auf 3 ½ Mill. M.; denn fast alle disponiblen Mittel waren in Baudarlehen und Aktivhypotheken festgelegt.

↓104

Für 1911 mußte die Gesellschaft nicht nur ihre Dividendenzahlung einstellen, sie sah sich auch gezwungen, einen großen Teil ihrer Reserven zu Abschreibungen zu verwenden. Die Hypothekenforderungen von 7,9 Mio. M. [...] wurden um 1,1 Mill. M. minderbewertet. [...]

Die günstigen Prognosen der Verwaltung für das Jahr 1912 wurde durch die tatsächlichen Vorgänge nicht gerechtfertigt. Eine immer größere Zahl der von der Gesellschaft ehemals verkauften und beliehenen Parzellen kam zur Zwangsversteigerung. Der Reservefonds wurde aufgelöst und als Vorsorge für weitere Verluste eine Delkrederereserve von 2 Mill. M. gebildet. Die für 1912 verbliebene Unterbilanz von 900 000 M. erhöhte sich aber durch weitere große Verluste an Hypothekenforderungen und Debitoren auf über 2,5 Mill. M. [...]

↓105

Im folgenden Jahre entstanden abermals große Verluste. Die Unterbilanz erhöhte sich auf 3,34 Mill. M., und der Rest des Reservefonds von über 1,72 Mill. M. wurde auf Aktivhypotheken und Debitoren abgeschrieben. Eine Sanierung, die wohl erst nach Friedensschluß erfolgen dürfte, wird den Aktionären große Opfer auferlegen, da bereits jetzt die Unterbilanz ein Drittel des Aktienkapitals und die Bankschulden mehr als drei Fünftel desselben ausmachen.“115

Indem der Verkauf der Gesellschaftsgrundstücke über eigene Kredite und zu fiktiven Preisen abgewickelt wurde, standen die hohen Gewinne letztendlich nur auf dem Papier. Daß die Ausschüttung einer Dividende nur über Bankschulden finanziert werden konnte, um offensichtlich den Börsenkurs künstlich in der Höhe zu halten, spricht gegen die Seriosität der Unternehmung und wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf die Verantwortlichen. Am 04. Dezember 1918 wurde der Handel der BABN-Wertpapiere an der Berliner Börse eingestellt.

III.1.2 Die Flächennutzung im Wandel von 30 Jahren

↓106

Die Bodennutzung unterlag in den Jahren des Kaiserreiches keinen kommunalen oder staatlichen Planungsvorgaben. Flächennutzungspläne im modernen Sinne existierten nicht.116 Das preußische Oberverwaltungsgericht hatte es 1882 den Städten sogar explizit untersagt, Bauordnungen mit einer Einteilung von Stadtvierteln nach Typen und Bebauungsformen zu erlassen.117 Vorhandene Planwerke, wie der Hobrecht-Plan, beschränkten sich auf die Festlegung von Fluchtlinien. Welchem Verwendungszweck die Grundstücke im einzelnen zugeführt wurden, blieb den Eigentümern überlassen. Solange diese die jeweils gültigen Bauvorschriften und Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung (RGO) (§§ 16-40)118 einhielten, besaßen sie freie Hand.

III.1.2.1  Die Situation in den Jahren 1885, 1900 und 1915

Die Analyse der Flächennutzung folgt einem Zeitintervall von 15 Jahren: 1885, 1900 und 1915 (Abb. 30-32). Die verwendeten Kategorien orientieren sich an den Angaben aus dem Straßen- und Gewerbeteil des Berliner Adreßbuches. Im Grundsatz werden fünf Nutzungsarten unterschieden:

  1. Wohnen
  2. Gewerbe
  3. Öffentliche Einrichtungen
  4. Grünflächen
  5. Verkehrs- und Lagerflächen

↓107

Abb. 30: Flächennutzung 1885.

Abb. 31: Flächennutzung 1900.

Abb. 32: Flächennutzung 1915.

↓108

Da zahlreiche Grundstücke mehr als eine Nutzung aufwiesen, mußten zwei Mischkategorien (Mischtyp I: Wohnen/Gewerbe, II: Wohnen/Öffentliche Einrichtungen) gebildet werden, die in den Karten in abgeschwächter Farbgebung dargestellt sind.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Eingrenzung und Operationalisierung des Begriffs „Gewerbe“.

↓109

„Unter Gewerbe ist jede objektiv erlaubte, mit Fortsetzungsabsichten zum Erwerb betriebene Tätigkeit zu verstehen. Nicht zum Gewerbe gehört die gesamte Land- und Forstwirtschaft, einschließlich Jagd, Fischerei, Gartenbau, Weinbau und Viehzucht [...]. Nicht zum Gewerbe gehört ferner die wissenschaftliche, schriftstellerische, künstlerische, sowie die seelsorgerische, ärztliche, advokatorische und unterrichtende Tätigkeit, ebenso der gesamte öffentliche Dienst. [...] Zum Gewerbe gehört nicht die Hauswirtschaft, der Hausbesitz und der Gesindedienst [...].“119

Zum Gewerbe wären demnach alle dauerhaft angelegten und auf Gewinn abzielenden Tätigkeiten zu rechnen, mit Ausnahme der Landwirtschaft, den freien Berufen, der Hauswirtschaft und dem öffentlichen Dienst. Würde man auf dieser Basis die Flächennutzung untersuchen, gäbe es kaum ein gewerbefreies Grundstück. Das eigentliche Ziel, die Grundstücke mit einer prägenden bzw. dominanten Gewerbenutzung zu identifizieren, bliebe unerfüllt.

Um eine eindeutige Abgrenzung vornehmen zu können, mußte das Auswahlverfahren konkretisiert werden. Zwei Kriterien erwiesen sich bei der empirischen Umsetzung als besonders geeignet - wenn auch nicht ohne Schwächen:

↓110

Unter „Gewerbe“ wurden alle Grundstücke mit Betrieben erfaßt,

Die Konzentration der Wohnbebauung im südöstlichen Teil des Untersuchungsgebietes bestimmte maßgeblich die Nutzungsverteilung des Jahres 1885 (vgl. Abb. 30). In den Bereichen beiderseits der Ringbahn lagen die größten Gewerbeflächen. Neben dem T-förmigen Betriebsgelände von Schering (I) erstreckten sich entlang der Sellerstraße die Flächen der III. Städtischen Gasanstalt (II). Beide Unternehmungen hatten bereits lange vor 1885 ihren Standort im Wedding bezogen. Die Städtische Gasanstalt existierte seit 1859.121 Nur wenige Jahre später - 1864 - hatte der Apotheker Ernst Schering seine Produktion aus der Chausseestraße 21 in die Müllerstraße 170 verlagert.122

↓111

Westlich der Tegeler Straße treten die Produktionsflächen der bereits in Liquidation befindlichen Norddeutschen Fabrik für Eisenbahnbetriebsmaterial (III) in Erscheinung. Das 1869 gegründete Unternehmen,123 das in seinen besten Zeiten knapp 1.200 Personen Beschäftigung bot, verfügte über einen separaten Gleisanschluß und ein eigenes Hafenbecken am Spandauer Schiffahrtskanal.124 Schließlich bleibt auf das Areal der Norddeutschen Brauerei (IV) am südlichen Ufer der Panke zu verweisen.

Die öffentlichen Einrichtungen beschränkten sich auf den schulischen und kirchlichen Sektor. Neben dem Städtischen Progymnasium in der Pankstraße (1) existierten im Untersuchungsgebiet sechs Gemeindeschulen. Die beiden vorhandenen Kirchengrundstücke lagen am Leopold- (Nazareth-Kirche) (2) und Weddingplatz (Dankes-Kirche) (3). Am nördlichen Stadtrand an der unmittelbaren Grenze zu Reinickendorf standen die Gebäude der Abdeckerei (4).

In der Rubrik Verkehrsflächen ist auf die mit „a“ und „b“ bezeichneten Grundstücke zu verweisen. „a“ markiert das Areal des Kohlenbahnhofs in der Fennstraße; „b“ den Bahnhof der „Großen Berliner Pferde-Eisenbahn AG“125 in der Ofener Straße. Bei den übrigen gelb eingefärbten Flächen handelte es sich um Lagerplätze für Brenn- und Baumaterialien. Die vergleichsweise hohe Nutzungsvariabilität dieser Grundstücke ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß in den meisten Fällen die Lagerung von Materialien nur eine Zwischennutzung vor der endgültigen Bebauung darstellte. Das Auftreten neuer Lagerplätze ist somit auch ein Indikator für das Voranschreiten der baulichen Verstädterung.

↓112

Hinter den ausgewiesenen Grünflächen verbargen sich zu Beginn des Untersuchungszeitraumes ausschließlich Friedhofsflächen als typische Stadtranderscheinung. Allein in der Liesenstraße lagen seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vier Kirchhöfe - der alte Domfriedhof (1844) (A), der Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde (1835) (B), der Friedhof der katholischen Gemeinde St. Hedwig (1834) (C) und auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Friedhof der Dorotheenstädtischen Gemeinde (1842) (D). Nördlich davon schloß der Städtische Friedhof in der Gerichtstraße (1828) (E) an, auf dessen Gelände sich seit 1912 das älteste Krematorium Berlins befindet. Die übrigen Ruhestätten reihten sich entlang der Müllerstraße in Richtung Tegel. Am weitesten stadteinwärts lag der 1866 angelegte Friedhof der Garnisongemeinde (F). An der Kreuzung Seestraße folgten der Friedhof der Philippus-Apostelgemeinde (1859) (G) und der 1850 angelegte Bestattungsplatz der Charité (H). Letzterer ging 1906 in städtischen Besitz über und wird seit 1920 als Urnenfriedhof genutzt. Den Abschluß nach Norden bildete schließlich der Neue Domfriedhof (J) an der Liverpooler Straße, auf dem im Jahr 1870 die ersten Bestattungen vorgenommen wurden.126

Verglichen mit dem Ausgangspunkt des Jahres 1885 vermittelt die Situation 15 Jahre später ein wesentlich komplexeres Bild (vgl. Abb. 31). Bis 1900 war nicht allein die Wohnbebauung weiter vorangeschritten. In der östlichen Seestraße hatte sich 1896/97 auf dem Areal zwischen Seestraße, Oudenarder Straße, Hennigsdorfer Straße und Liebenwalder Straße mit der S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft (ab dem Geschäftsjahr 1900: Bergmann-Elektricitäts-Werke AG) (V) eines der rasant wachsenden Unternehmen der Berliner Elektroindustrie niedergelassen.127 Neben dieser großflächigen Investition fallen die zahlreichen neu entstandenen kleineren Gewerbeflächen ins Auge - häufig in Form einer Wohn-Gewerbe-Mischnutzung, die sich v.a. beiderseits der Ringbahn und entlang der Müllerstraße konzentrierten.

Die wichtigsten Neuerungen im Bereich der öffentlichen Einrichtungen betrafen die Flächen 5 und 6. Hier entstanden mit dem 1889 eröffneten Paul-Gerhardt-Stift (5) und dem zwei Jahre später 1891 fertiggestellten Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus (6)128 die ersten Krankenhäuser des Untersuchungsgebietes. In der Reinickendorfer Straße 2 d-e folgte 1892 die Eröffnung der kommunalen Markthalle XIV (7). Wiederum nur ein Jahr später 1893 wurde der einzige Kirchenneubau zwischen 1885 und 1900 - die Neue Nazareth-Kirche (8) - seiner Bestimmung übergeben. Die Zahl der Gemeindeschulen erhöhte sich von 6 auf 13.

↓113

Schließlich bleibt auf zwei Einrichtungen zu verweisen, deren Standorte sich bereits außerhalb des Untersuchungsgebietes befanden. In der Wiesenstraße (9) weihte am 13. Dezember 1896 der Berliner Asylverein für Obdachlose ein Männerasyl ein.129 Hinter dem städtischen Obdach in der Fröbelstraße (Prenzlauer Berg) war dies die zweitgrößte Einrichtung ihrer Art in Berlin. Sie bot zunächst für 700 Personen Platz. Mit der Erweiterung 1907 kamen 200 Betten hinzu. Zugleich entstand auf dem Areal ein separates Frauenasyl mit nochmals 400 Betten.

Eine vollkommen andere Funktion besaß die Institution, die unter der Nummer 10 in der Karte dargestellt ist. Auf dem Grundstück an der Seestraße befanden sich seit 1896/97 die Gebäude des mit der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule verbundenen Instituts für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation.130 Bereits 1891 war auf dem gleichen Areal durch den Verein „Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB)“ eine Versuchsbrauerei entstanden - die sog. Hochschulbrauerei. Beide Einrichtungen wurden zum Ausgangspunkt eines ganzen Wissenschaftsviertels.

Zu keinen Veränderung kam es dagegen im Bereich der Verkehrs- und Grünflächen.

↓114

Die Flächennutzungskarte des Jahres 1915 spiegelt schließlich den enormen Bauboom nach der Jahrhundertwende wider. Auffällig ist, daß sich die Zahl der Gewerbeflächen kaum erhöhte. Die Neubauviertel erscheinen in der Karte als reine Wohngebiete. Großflächige Gewerbeneuansiedlungen fehlen völlig. Lediglich die seit 1908 auf dem Gelände der Maxstraße 2-5 errichteten Produktionsstätten der Brotfabrik Wittler (VI) verdienen eine Erwähnung.131

Kaum zu überblicken ist im Vergleich dazu der Zuwachs an öffentlichen Einrichtungen. An erster Stellte steht die große Fläche des 1906 eröffneten städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhauses (11) im Westen des Untersuchungsgebietes, das seinerzeit zu den größten und modernsten medizinischen Einrichtungen Europas zählte. Auf dem Nachbargrundstück am Nordufer und eng mit dem Krankenhaus verbunden, lagen seit 1900 die Gebäude des Robert-Koch-Instituts für Infektionskrankheiten (12).

Das Bildungsangebot erfuhr durch den Neubau des Schulkomplexes am Zeppelinplatz (13) zwischen 1907 und 1909 eine qualitative Aufwertung. Neben der 14. Realschule zog die Technische Mittelschule (seit 1913 „Beuth-Schule“) ein, aus der die 1971 gegründete Technische Fachhochschule Berlin hervorgegangen ist.132 Die Zahl der Gemeindeschulen stieg von 13 auf 29.

↓115

Auch die Kirche erlebte einen regelrechten Bauboom. Allein in den 15 Jahren vor dem Kriegsausbruch verzeichnete das Gebiet drei neue Gotteshäuser. Den Anfang machte die evangelische Seite mit der Fertigstellung der Kapernaum-Kirche (1902) (14) an der Seestraße. Es folgte 1910 die katholische St. Joseph-Kirche (15) in der Müllerstraße, ehe 1911 mit der Osterkirche (16) in der Samoastraße ein weiterer evangelischer Kirchenneubau entstand.

In der Gerichtstraße öffnete 1908 das Stadtbad Wedding seine Pforten (17). Im gleichen Jahr stellte in der nördlichen Müllerstraße die Abdeckerei (4) ihren Betrieb ein. Mit dem Umzug nach Rüdnitz bei Bernau begann die Anlage des Schillerparks (K). Zwischen 1909 und 1913 entstand die erste Grünfläche des Untersuchungsgebietes, die ausschließlich Regenerations- und Gestaltungszwecken diente.

An der westlichen Seestraße - außerhalb der Stadtgrenze - waren schließlich zwei weitere Forschungseinrichtungen hinzugekommen: das Institut für Zuckerindustrie (1904) (18) und die Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung (1907) (19). In Analogie zu dem bereits ansässigen Institut für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation handelte es sich auch hier um Gründungen von Industrieverbänden. In beiden Fällen bestand eine enge Verflechtung mit der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule.133

III.1.2.2 Nutzungsarten

III.1.2.2.a)  Gewerbliche Nutzung

↓116

Die kartographische Darstellung offenbart eine ausgeprägte räumliche Differenzierung der Gewerbenutzung. Der starken Konzentration entlang der Ringbahn und in den südlich angrenzenden Gebieten, stehen die annähernd gewerbefreien Neubaugebiete gegenüber. Die zu große Entfernung von einem effektiven Verkehrsträger kann dabei nur bedingt als Argument geltend gemacht werden. Die Betriebsstätten der Bergmann Elektricitäts-Werke AG in der Seestraße belegen, daß für bestimmte Branchen auch ohne Gleis- und Wasserstraßenanschluß ein erfolgreicher Geschäftsbetrieb möglich war.

Die entscheidenden gesetzlichen Bestimmungen zur Ansiedlung von Gewerbebetrieben finden sich in dem bereits zitierten Paragraph 16 RGO. Die in diesem und den dazugehörigen Ergänzungsgesetzen aufgelisteten Betriebsstätten unterlagen einer besondere Genehmigungspflicht durch die Baupolizeibehörden. Die Berliner Baupolizeiordnungen vom 15. Januar 1887 und 15. August 1897134 orientierten sich an diesen Richtlinien. In den Paragraphen 38 finden sich lediglich - unter direkter Berufung auf § 16 RGO - einige Konkretisierungen samt einer Liste mit zusätzlichen genehmigungspflichtigen Betriebsstätten, die jedoch im Grundsatz kaum etwas änderten. Die Gewerbegesetzgebung scheidet als Erklärungsansatz aus.

Viel wichtiger erscheint die Rolle der spekulativen Terraingesellschaften bei der Erschließung der Neubaugebiete. Zwar sorgten diese in der Theorie lediglich für die infrastrukturelle Erschließung eines Bauplatzes, in der Praxis ging die Einflußnahme jedoch weit darüber hinaus. In den meisten Fällen reichten bereits die Terraingesellschaften die kompletten Bebauungspläne bei den zuständigen Behörden des Polizeipräsidiums ein. Bis zum Verkauf der Grundstücke an einen Bauunternehmer lagen in der Regel schon die Baugenehmigungen vor, so daß die Errichtung eines Gebäudes ohne Verzögerungen beginnen konnte.135 Dieser besondere Service der Terraingesellschaften führte zu einer sehr homogenen Gebäudestruktur. Gewerbegrundstücke waren in diesem System der Standardisierung nur noch in Ausnahmefällen vorgesehen, zumal die Rendite deutlich hinter einer Wohnnutzung zurückblieben.

↓117

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: die in den Berliner Baupolizeiordnungen festgelegten Richtlinien zur Überbauung eines Grundstückes:

-

Die Bauordnung (BauO) von 1853 beinhaltete zunächst keinerlei Vorgaben zur bebaubaren Grundstücksfläche. Sie beschränkte sich vielmehr auf Verfügungen, die zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung als unbedingt notwendig erachtet wurden. So orientierte sich die vorgeschriebene Mindestgröße des Hofraumes von 17 Fuß [5,34 m]136 Länge und Breite (§ 27) allein an den feuerpolizeilichen Bedürfnissen. Die festgelegten Abmessungen sollten lediglich das Wenden einer Feuerlöschpumpe ermöglichen und das Öffnen eines Sprungtuches zulassen.

↓118

-

Die BauO von 1887 ging bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Zum ersten Mal wurde in § 2 eine Obergrenze für den Anteil der überbaubaren Fläche festgelegt:

↓119

„Bisher nicht bebaute Grundstücke dürfen auf zwei Drittel, bei Veröffentlichung der Bau-Polizei-Ordnung bereits bebaute Grundstücke bis auf drei Viertel ihrer Grundfläche bebaut bzw. wieder bebaut werden.“137

Die Mindesthoffläche wurde auf 60 qm heraufgesetzt, lediglich bei Eckgrundstücken waren 40 qm zulässig. Die Gebäudetiefe wurde auf 18 m begrenzt. Für eine maximale Ausnutzung der Fläche war es unbedeutend, ob die zu bebauende Parzelle eine Tiefe von 20 m oder 100 m aufwies.138

Dies änderte sich im Jahr 1897. Die Trennung zwischen bereits bebauten und unbebauten Grundstücken entfiel. Die neue Regelung teilte ein Parzelle nunmehr in parallele Streifen zur Straßenfront. Je tiefer ein Grundstück war, desto niedriger lag der maximal zulässige Überbauungsgrad:

↓120

„§ 2 [...] 1. Für die Berechnung des bebaubaren Theiles seiner Gesammtfläche wird das Grundstück durch Linien, welche zur Baufluchtlinie parallel laufen, in Streifen zerlegt. Der erste Streifen erstreckt sich - von der Baufluchtlinie ab gemessen - bis zur Tiefe von 6 m, der zweite bis zur Tiefe von 32 m. Der erste Streifen darf als voll (10/10), der zweite als zu 7/10 bebaubar in Rechnung gestellt werden. Ist das Grundstück tiefer als 32 m, so wird der hinter dem zweiten Streifen liegende Rest, wenn das Grundstück innerhalb der früheren Stadtmauer liegt, mit 6/10, wenn es außerhalb derselben liegt, mit 5/10 seiner Fläche als bebaubar in Rechnung gestellt. Die so als bebaubar ermittelten Flächeninhalte der einzelnen Streifen werden zusammengerechnet und ergeben die bebaubare Fläche des Grundstückes, welche unabhängig von der Streifentheilung vertheilt werden kann. [...]“139

Monke stellte in seiner Untersuchung zur Mietshausentwicklung in Moabit folgende Rechnung auf. Sie verdeutlicht die Konsequenzen:

↓121

„Sehr häufig hat ein Berliner Baugrundstück eine Breite von ca. 18 m und eine Tiefe von ca. 45 m. Diese 810 qm Grundfläche waren bisher mit etwa 540 qm bebaubar gewesen. Nach der neuen Regelung wurde das Grundstück in Streifen, parallel zur Straßenfront, geteilt, und die aus ihnen sich ergebende Bebaubarkeit addiert. Das bedeutet:

↓122

18 x 6 x 10/10 = 108,0 qm

18 x 26 x 7/10 = 327,6 qm

↓123

18 x 13 x 5/10 = 117,0 qm

↓124

= 552,6 qm, etwas mehr als 2/3

der Grundstücksfläche, sind bebaubar. Diese mögliche höhere Ausnutzung wird bei kleineren Grundstücken tatsächlich noch deutlicher. Bei einem Grundstück von 16 m Breite und 32 m Tiefe ergeben sich bei 512 qm Grundfläche 341 qm Bebauungsfläche nach der alten Bauordnung, und nach den neuen Bestimmungen:

↓125

16 x 6 x 10/10 = 96,0 qm

↓126

16 x 26 x 7/10 = 291,2 qm

= 387,2 qm, also 75%.

↓127

Der Wunsch nach weniger tiefen Grundstücken mußte also selbstverständlich größer werden.“140

Tatsächlich läßt sich eine Verkleinerung der Grundstücke anhand des vorhandenen Kartenmaterials beobachten, auch wenn es zu keiner schlagartigen Umstellung der Parzellierungsgewohnheiten kommen konnte. Da das Straßenraster durch den Bebauungsplan von 1862 vorgegeben war und Modifikationen in jedem Fall mit einem erheblichen Verwaltungs- und Zeitaufwand verbunden waren,141 führten die Bestimmungen von 1897 erst mittelfristig zu sichtbaren Veränderungen. Die auf den älteren Grundstücken noch häufig anzutreffenden industriellen Betriebsstätten auf dem Hinterhof mußten bei einem engeren Flächenzuschnitt einer reinen Wohnnutzung weichen. Selbst die erhöhten Straßenbaukosten konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Ascher beschrieb die Situation aus Sicht des Terrainunternehmers:

↓128

„Die Geländeunternehmung hat, was vielfach verkannt wird, kein Interesse an tiefen Baustellen, es sei denn, daß Fabrikanlagen für das Hinterland in Frage kommen. Ein zweites und drittes Quergebäude ist stets - für sich betrachtet - unwirtschaftlich; seine Baukosten stehen denen des Vorderhauses nicht sehr nach, die Mieten bleiben jedoch ganz beträchtlich hinter jenen zurück; die vergrößerten Straßenbaukosten bei der Anlage flacher Baublöcke werden durch diese Tatsache völlig ausgeglichen. Außerdem hat die Praxis gelehrt, daß sich kleine flache Baustellen rascher verkaufen als tiefe, da die Häuser auf letzterem infolge der Höhe der aufgewendeten Bausumme sehr unbeliebt und schwer verkäuflich sind, die Finanzierung der Bauten auch schwer durchführbar ist. Aus diesen Gründen legen vielfach Unternehmer aus eigenem Antriebe durch tiefe Blöcke Straßen hindurch, um sich flache Baustellen zu sichern.“142

Tiefe Grundstücke waren vergleichsweise unrentabel geworden und nur noch schwer zu verkaufen. Nach Möglichkeit erhielten flache Grundstücke ohne Fabrikanlagen den Vorzug, wie auch der Geschäftsbericht der BABN aus dem Jahr 1905 verdeutlicht:

↓129

„Wir sind bei der Aufschliessung unserer Terrains zu beiden Seiten des nördlichen Teils der Müllerstrasse, insbesondere desjenigen an der westlichen Seite in Grösse von rund 14 179 Qu.-R. Bruttoland von der Absicht ausgegangen, in diesem Teile der Müllerstrassenzone Baustellen zu schaffen, wie sie bisher in der fraglichen Gegend nicht vorhanden gewesen sind. Anstelle des städtischen Bebauungsplanes, welcher sehr gross angelegte Baublöcke mit tiefen Baustellen vorsah, haben wir deshalb einen völlig neuen Bebauungsplan eingereicht, bei dem wir zwar 654 Quadratruten mehr für Strassenland opfern müssen, dadurch aber Baustellen erhalten, welche sich sämtlich nur zwischen 24 bis 30 Meter in der Tiefe bewegen, wodurch der Bau von Hinterhäusern in der fraglichen Gegend beinahe vollständig vermieden wird.“143

III.1.2.2.b) Flächen der öffentlichen Hand

Ist es das Ziel, dem Einfluß öffentlich genutzter Flächen auf die städtebauliche Entwicklung nachzugehen, bieten sich drei Fallbeispiele für eine nähere Betrachtung an: das Rudolf Virchow-Krankenhaus am Augustenburger Platz, die Abdeckerei in der Müllerstraße 81 und die evangelische Kapernaum-Kirche in der Seestraße.

↓130

Als am 08. Juni 1893 die Berliner Stadtverordnetenversammlung der Errichtung eines vierten städtischen Krankenhauses (seit 1901 Rudolf Virchow-Kranken haus) auf dem Gelände zwischen der Seestraße und dem Spandauer Schiffahrtskanal zustimmte, war die Umgebung noch annähernd unbebaut.144 Der geplante Neubau setzte in jeder Hinsicht Maßstäbe. Mit 700 Angestellten für 2.000 Patienten war es das größte Krankenhaus seiner Art in Berlin. Die moderne Ausstattung und hohe Spezialisierung der verschiedenen medizinischen Abteilungen markierte einen Meilenstein in der Geschichte der stationären Krankenpflege. Das von Baustadtrat Ludwig Hoffmann entworfene Pavillonsystem ging als „Gartenstadt für Kranke“ in die Geschichtsbücher ein und trug nicht zuletzt dazu bei, das althergebrachte Bild des Krankenhauses als Ort von Wundinfektion und Tod zu revidieren.145

Ein so umfangreiches Bauprojekt konnte nicht ohne Rückwirkungen auf den privaten Wohnungsmarkt bleiben. Mit der Errichtung des neuen Krankenhauses nahm die öffentliche Hand, d.h. in diesem Fall die Stadt Berlin, indirekten Einfluß auf die räumliche Schwerpunktsetzung des Wohnungsbaus - obwohl es nicht gelang, den Krankenhausneubau in der ursprünglich angedachten Zeitspanne von etwa fünf Jahren zu realisieren, da sich die Vorarbeiten als unerwartet zeitraubend erwiesen. Dennoch ging es schrittweise voran. 1899 konnte mit den eigentlichen Baumaßnahmen begonnen werden. Am 01. Oktober 1906 nahm das Krankenhaus schließlich die ersten Patienten auf.

Nicht ohne Grund nennt die BABN in ihrem ersten Geschäftsbericht das Rudolf Virchow-Krankenhaus an erster Stelle der besonderen Faktoren, die zu positiven Zukunftsaussichten des Berliner Nordens als Investitionsstandort Anlaß gaben.146 Die große Zahl der im Krankenhaus und in den umgebenden Forschungseinrichtungen Beschäftigten ließ eine vergleichsweise zahlungskräftige und konjunkturunabhängige Mieterklientel erwarten.

↓131

Es bleibt die Frage, inwieweit sich die Verantwortlichen bei der Standortwahl der städtebaulichen Konsequenzen bewußt waren. Der Grundstücksfindungsprozeß ist in einer vom Magistrat an die Stadtverordneten gerichteten Vorlage „betreffend die Errichtung eines vierten städtischen Krankenhauses hierselbst“ vom 02. Juni 1893 erläutert:

„Wir haben [...] bereits im Februar d. Js. eine Kommission zur Ermittelung eines Grundstücks eingesetzt, welches zur Errichtung eines neuen Krankenhauses passend wäre. Diese Kommission hat die eingegangenen Grundstücksangebote geprüft und verschiedene zum Kauf offerirte Komplexe besichtigt, indessen keinen derselben für geeignet befinden können. Nach längerer Umschau ist von der Kommission schließlich das der Stadt Berlin gehörige Grundstück zwischen der Seestraße und dem Spandauer-Schifffahrtskanale zum Bau des Krankenhauses empfohlen worden.

↓132

[...] Die Deputation [für öffentliche Gesundheitspflege] hätte - ebenso wie wir [der Magistrat] -, da der Südwesten nur auf das kleine Elisabethkrankenhaus angewiesen ist, für das neue Krankenhaus lieber ein Grundstück in dortiger Gegend ausgewählt. Die Deputation hat sich aber überzeugt, daß außer dem s. Zt. zur Erbauung einer Gasanstalt bei Friedenau erworbenen Grundstück, welches jedoch erst in vielleicht 6 bis 8 Jahren bei weiter vorgeschrittener Entwicklung jener Gegend zu entwässern und dann recht gut für ein fünftes Krankenhaus verwendbar sein wird, gegenwärtig kein geeignetes Terrain dort vorhanden ist. [...]“147

Der Standort zwischen Seestraße und Schiffahrtskanal war nicht mehr als eine Notlösung, auf die mangels alternativer Grundstücke zurückgegriffen wurde. In der Tat ist die Lage im westlichen Wedding zum Zeitpunkt der Beschlußfassung kaum als ideal zu bezeichnen, wenn man bedenkt, daß auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals bereits das Städtische Krankenhaus Moabit lag. Die Entscheidung führte zu einer sehr ungleichen Verteilung der städtischen Krankenhäuser über das Stadtgebiet. Die zukünftige Entwicklung des umgebenden Gebietes spielte in den Überlegungen keine nachweisbare Rolle.

↓133

Dem Krankenhausneubau stand nur wenige hundert Meter entfernt der Betrieb der Abdeckerei gegenüber. Schon seit dem Mittelalter war der Abdecker für die Beseitigung von verendeten oder gefallenen Tieren zuständig. Dafür erhielt er die Berechtigung, die anfallenden Kadaver wirtschaftlich zu verwerten. Aus diesem Grund siedelte sich in der unmittelbaren Umgebung einer Abdeckerei zumeist eine charakteristische Produktionsgemeinschaft aus Leimsiedereien, Talgschmelzen, Knochenmühlen, Seifensiedereien, Gerbereien u.a. mit einer dementsprechend starken Geruchsbelästigung an.

Das Berliner Abdeckereiwesen unterstand der Verantwortlichkeit des Fiskus, der den Betrieb nicht selbst ausübte, sondern ihn eigenverantwortlich an einen Pächter übertrug.148 Seit den frühen 20er Jahren des 19.Jahrhunderts befand sich die Abdeckerei auf einem staatlichen Grundstück südlich der Jungfernheide149 - dem späteren Standort des Rudolf Virchow-Krankenhauses! Als sich mit fortschreitender Bebauung in den 1850er Jahren die Klagen über die Geruchsbelästigung mehrten, mußte ein neuer und möglichst peripherer Standort gefunden werden. Nach einem langen Hin und Her und der Diskussion verschiedener Alternativen fiel die Wahl schließlich auf das Areal in der Müllerstraße 81. Auf dem hintersten Teil dieses Grundstückes an der unmittelbaren Grenze zu Reinickendorf sollte die neue Betriebsstätte entstehen. 1873 erfolgte der Umzug.150 An diesem Standort verblieb die Anlage, bis 1903 von staatlicher Seite der Beschluß gefaßt wurde, den fiskalischen Abdeckereibetrieb gänzlich einzustellen.151 Am 31. März 1907 lief der letzte Pachtvertrag aus. Ab diesem Zeitpunkt oblag die Tierkörperbeseitigung der Stadt Berlin. Da ein Standort innerhalb des Stadtgebietes nicht mehr in Frage kam, wurde in Rüdnitz bei Bernau eine städtische Fleischvernichtungsanstalt errichtet, deren Inbetriebnahme am 01. Juni 1908 erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt stellte die Abdeckerei in der Müllerstraße ihren Betrieb endgültig ein.

Bedenkt man die starke Geruchsbelästigung, von der bis 1908 das Gebiet der nördlichen Müllerstraße betroffen war und schenkt man den Ausführungen der BABN Glauben,152 so stellte die Abdeckerei lange Zeit das entscheidende Hindernis für die Ausdehnung der Stadt nach Norden dar und bildete somit eine Art Gegenpol zum „Entwicklungsmotor“ des Rudolf Virchow-Krankenhauses.

↓134

Das Bemerkenswerte an dieser Situation ist die bestehende Interdependenz zwischen diesen beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Einrichtungen. Ohne die Abdeckerei wäre die Errichtung des Rudolf Virchow-Krankenhauses innerhalb des Weddings nicht realisierbar gewesen. Diese Aussage mag zunächst etwas abwegig erscheinen. Wirft man jedoch einen Blick auf die Grundbesitzverhältnisse, so ergibt sich ein erstaunlicher Zusammenhang. Da der Betrieb der Abdeckerei bis 1907 in Händen des Fiskus lag, befanden sich die Betriebsstätten folgerichtig - zumindest bis 1873 - auf staatlichem Grund und Boden. Als die Verlagerung notwendig wurde und die Suche nach einem alternativen Standort begann, kam die Stadt Berlin ins Spiel. Ihr gehörten die in Frage kommenden Ländereien in der nördlichen Müllerstraße, u.a. auch das Grundstück Nr. 81, so daß man sich im Jahr 1864 zu einem umfassenden Gebietstausch entschloß:

„Nach dem, in den gehorsamst beigefügten Acten Wedding No. 6a befindlichen, zwischen der Königlichen Ministerial-Bau-Commission und der hiesigen Stadtgemeinde unterm 20ten July 1864 abgeschlossenen Vertrage hat die letztere folgende ihr gehörige Grundstücke an den Königlichen Fiscus abgetreten:

↓135

1. die in der Königlichen Jungfernhaide belegenen und von derselben umschlossenen beiden Seen mit den dazu gehörigen Uferrändern und Fennen und zwar:

↓136

a) den Großen Plötzen-See mit einem Areal einschließlich der Uferränder und Fenne von 40 Morgen 90 Ruthen.

b) den Kleinen Plötzen-See mit einem Areal gleicher Qualität von 25 Morgen 169 Ruthen, mit Ausnahme des östlich vom Schifffahrts-Kanal, resp. der östlichen Uferstraße desselben belegenen Theiles mit einem Flächeninhalte von 6 Morgen.

↓137

2. von der zwischen dem Hütungs-Entschädigungslande der Ackergutsbesitzer Büttnerschen Erben und den Weddingsländereien gelegenen, von der Fennstraße nach der Jungfernhaide führenden, sogenannten Weddingstrift ein Areal von 5 Morgen 15 Ruthen.

↓138

3. von dem Weddingsgrundstücke Müllerstraße No. 81 eine Fläche von 10 Morgen 6 Ruthen.

Für diese Abtretungen ist der hiesigen Stadt-Commune ein Terrain der Königlichen Jungfern haide von 125 Morgen 173 Ruthen gewährt, welches am Spandauer Schifffahrtskanal, der Triftstraße, der Seestraße und dem von der Müllerstraße nach der Triftstraße führenden Fußsteige belegen ist, sowie die in diesem Areal belegenen 10 Morgen, auf welchen zur Zeit noch die Berliner Ab deckerei sich befindet.“153

↓139

Erst durch die Verlagerung der Abdeckerei kam die Stadt Berlin in den Besitz des Grundstückes, auf dem mehr als 30 Jahre später mit der Errichtung des Krankenhauses begonnen wurde. Ohne die Abdeckerei wäre innerhalb des Weddings kein geeigneter Standort für einen städtischen Krankenhausneubau verfügbar gewesen. Der Betrieb, der die Entwicklung nach Norden hemmte, sorgte somit zugleich für eine beschleunigte Bebauung nach Westen - ein Kuriosum, das in seiner Tragweite nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Am 30. November 1895 bot der katholische Bergwerksbesitzer, Königlich Preußische Premier-Leutnat a.D. und Kaiserlich Österreichische Kammerherr Graf Eduard Karl von Oppersdorff der evangelischen Nazarethgemeinde die Schenkung eines Kirchbaugrundstückes in der Seestraße an. Dort besaß der Graf einen umfangreichen Grundbesitz, der sich von der Müllerstraße 137 ausgehend, die gesamte südliche Seite der Seestraße entlang erstreckte.154 Das betreffende Grundstück lag an der Ecke der projektierten Straße 16, der späteren Antwerpener Straße. Sieben Jahre später wurde an dieser Stelle die Kapernaumkirche fertiggestellt. Der Pfarrer der Nazarethgemeinde Ludwig Diestelkamp schilderte den Schenkungsvorgang aus seinen Erinnerungen:

↓140

„Es trat bei mir ein Herr ein, der sich vorstellte als Graf Oppersdorff: ‚Herr Stadtverordneter Dinse und mein Verwalter, Herr Sachon, haben mir mitgeteilt, daß Sie einen Bauplatz für eine neue Kirche suchen, jenseits der Müllerstraße. Ich bin bereit, einen solchen zu schenken in Größe von 22 m Breite und 53,38 m Tiefe, dazu 20 000 M. in landschaftlichen Zentralpfandbriefen.‘ “155

Was bewog den katholischen Grafen dazu, ausgerechnet einer evangelischen Gemeinde eine solche Schenkung zu machen? Welche Motive bestimmten sein Handeln? Diese Frage stellte sich Böpple in ihrer neueren Untersuchung über die Kapernaumgemeinde.Sie kam zu einem klaren Schluß:

↓141

„Die evangelische Mutter, wie Pfarrer Diestelkamp gerne betonte, war bestimmt nicht der Anlaß.[ 156 ] Mit der Schenkung verbanden sich handfeste geschäftliche Interessen.

Über den Stadtverordneten Dinse hatte Oppersdorf[f], der entlang der Seestraße über beträchtliches Grundvermögen verfügte, erfahren, daß die Gemeinde einen Bauplatz suche. Er erkannte sofort, daß dies seinen Spekulationen entgegenkam. Die Grundstücke an der Seestraße waren wegen des schlechten Untergrunds als Bauland bisher nicht in Betracht gezogen worden. Da der Bau einer Kirche zweifellos den Bau von Häusern nach sich ziehen würde, schenkte Oppersdorf[f] der Gemeinde nicht nur Land, sonder auch ein Startkapital, um den Bau zu forcieren.“157

↓142

Diese Einschätzung würde bedeuten, daß hier eine Privatperson den Versuch unternommen hat, den Bau einer öffentlichen Einrichtung - in diesem Fall einer Kirche - gezielt zur Bodenspekulation einzusetzen. Die Auflagen, die mit der Schenkung verbunden waren, sprechen dafür. Bis zum 01. August 1896 mußte der Grundstein gelegt und ein Jahr später am 01. August 1897 der Kirchbau „unter Dach“ gebracht sein.158 Auch wenn sich durch einen zunächst vollzogenen Grundstückstausch das Projekt verzögerte und Oppersdorff daraufhin die Fristen verlängerte, so überrascht die Eile. Wäre die Schenkung allein zum Andenken an die fromme Mutter erfolgt, hätte der Graf wohl kaum so restriktive Bedingungen gestellt.

Es bleibt die Frage, ob Oppersdorff tatsächlich so zielgerichtet und profitorientiert vorging, wie ihm seine Kritiker vorwarfen. Sicherlich schadete der Kirchbau nicht dem Wert seiner Grundstücke. Andererseits darf man nicht übersehen, von wem der Plan zur Schenkung ausging. Er stammte entgegen den Erinnerungen von Pfarrer Diestelkamp und der Interpretation von Böpple nicht von Oppersdorff selbst. Wirft man einen Blick in die Akten, so stellen sich die Ereignisse vom 30. November 1895 etwas anders dar. Unter besagtem Datum findet sich ein an Pfarrer Diestelkamp gerichteter Brief des Grafen. Darin heißt es:

↓143

„Nachdem mir durch Ihre geneigte Mitteilung unter Vorlegung des amtlichen Berliner Bebauungsplanes einerseits und unter Vorlage der Gemeindebezirkskarte andrerseits eingehend erklärt wurde, daß die zentrale Stelle für die Neuerrichtung resp. d. Umbau der alten Nazarethkirche sich gerade auf dem mir gehörigen Terrain in der Seestraße befinde, habe ich bereitwillig sowohl besagtes Terrain zur unentgeltlichen Hergabe als auch die Hingabe von 20 000 Mark in 3 prozentigen Centrallandschaftlichen Pfandbriefen sehr ergeben ausgeführt.“159

Allem Anschein nach hatte nicht Oppersdorff die Initiative ergriffen und war an jenem 30. November unvermittelt in das Zimmer des Pfarrers eingetreten. Nach dem zitierten Schreiben war er schon zuvor von Diestelkamp selbst auf das Grundstück angesprochen und zur Schenkung überredet worden. Einer großen Überredungskunst bedurfte es freilich kaum, da sich der Graf der Vorteile des Geschäfts mit Sicherheit bewußt war.

Das Beispiel zeigt jedoch, wie genau man zwischen einem bewußten aktiven Handeln und einem eher passiven Reagieren auf eine günstige Situation unterscheiden muß. Fest steht: Nach der Aktenlage war es nicht die originäre Idee von Oppersdorff, den Bau einer Kirche gezielt zur Wertsteigerung der eigenen Grundstücke einzusetzen. Ohne die konkrete Anfrage der Nazarethgemeinde hätte es wohl kein Schenkungsangebot gegeben.

↓144

Welche nachweisbaren Vorteile dem Grafen aus der Schenkung erwuchsen, kann aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig geklärt werden. Die Tatsache, daß Oppersdorff seine restlichen Grundstücke erst im Geschäftsjahr 1907 an die BABN und eine mit ihr „befreundete“ Gesellschaft160 veräußerte, spricht gegen einen sofortigen und sprunghaften Wertzuwachs.

III.1.2.2.c) Verkehrsflächen

Der Verkehrssektor erlebte nach den Darstellungen der Flächennutzungskarten zwischen 1885 und 1914 keine Veränderungen. Die beiden einzigen Areale, die einem Verkehrsträger zugeordnet werden konnten, lagen in der Fennstraße (Kohlenbahnhof) und Ofener Straße (Bahnhof der „Großen Berliner Pferde-Eisenbahn AG“). Dies offenbart eine große Schwäche der gewählten Darstellungsform. Da die meisten Verkehrstrassen des Personennahverkehrs im öffentlichen Straßenraum verliefen, mußten sie - abgesehen von der Ringbahn - in den Kartenblättern unberücksichtigt bleiben. Die Realität war um ein vielfaches komplexer, als es die Darstellungen vermitteln.

Zu den wichtigsten Verkehrsträgern zählten in den Anfangsjahren neben dem dampfbetriebenen Eisenbahnverkehr die Pferdeeisenbahn und der Pferdeomnibus. Diesen allein auf tierische Kraft angewiesenen Transportmitteln waren enge Grenzen gesetzt. Die Transportgeschwindigkeit lag niedrig und eine Kapazitätssteigerung war nur in sehr geringem Umfang möglich. Die Tarife lagen so hoch, daß für weite Bevölkerungskreise eine regelmäßige Nutzung nicht in Frage kam.

↓145

Erst die rasante technische Entwicklung kurz vor der Jahrhundertwende und die Einführung eines Einheitstarifs von 10 Pfennig auf den Strecken der Großen Berliner Straßenbahn brachten eine Veränderung. Bis 1902 war in Berlin die Ablösung der Pferdebahn durch die elektrische Straßenbahn abgeschlossen. Der Verbrennungsmotor hielt bei den Buslinien Einzug. Zeitgleich begann der Aufbau eines Schnellbahnnetzes mit Hoch- und Untergrundbahnen.

Im Untersuchungsgebiet machte sich dies zunächst kaum bemerkbar. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges fehlte in weiten Teilen des Untersuchungsgebietes ein leistungsfähiger Personennahverkehr. Der Straßenbahnverkehr dominierte. Lediglich das Gebiet entlang der Ringbahn hatte direkten Anschluß an die Hauptverkehrsadern der Stadt. Die Bedeutung der Ringbahn beschränkte sich jedoch allein auf den Ost-West-Verkehr. Es fehlte eine effektive Nord-Süd-Verbindung für einen schnellen Zugang zur Innenstadt und eine Verbindung mit dem rasch wachsenden Vorort Reinickendorf.

Nicht ohne Grund hatte die Stadtverordnetenversammlung bereits 1905 den Bau einer Unterpflasterbahn in Nord-Süd-Richtung beschlossen. Der Endpunkt dieser Bahn sollte jedoch nicht in Reinickendorf, sondern nördlich der Seestraße an der Einmündung der Türkenstraße liegen. Der Anschluß nach Reinickendorf wäre in der Verantwortung der Großen Berliner Straßenbahn verblieben.

↓146

Mit dem geplanten Bau der Nord-Süd-Bahn steht ein Projekt in Verbindung, das an dieser Stelle eine besondere Erwähnung verdient und richtungsweisend für die weitere Entwicklung am nördlichen Stadtrand wurde. Als Initiator trat die BABN auf.

Wie erwähnt, stellte Bernhardt die Gründung der BABN in einen direkten Zusammenhang mit dem Nord-Süd-Bahn-Projekt.161 Auch wenn dies anhand der Quellen nicht eindeutig nachzuweisen ist, erscheint es bemerkenswert, mit welchem Engagement die neu entstandene Gesellschaft die Frage des Schnellbahnbaus aufgriff. Bereits im Januar 1906 lag der Verkehrs-Deputation des Magistrats ein Schreiben vor, in dem die BABN um die Verlängerung der geplanten Nord-Süd-Bahn bis an die Grenze der Reinickendorfer Gemarkung bat.

Mit der Bitte um die Trassenverlängerung reichte die Gesellschaft ein eigenes Schnellbahnprojekt ein. Die BABN eröffnete den Stadtoberen detaillierte Pläne für den Bau einer Schnellbahntrasse von der nördlichen Müllerstraße über Tegel nach Heiligensee (vgl. Abb. 33). Lukrative Gewinnaussichten sollten von den Vorteilen einer Zusammenarbeit überzeugen:

↓147

„Wenn hieraus [aus den bisherigen Ausführungen] ohne Weiteres hervorgeht, dass die Rentabilität der Unterpflasterbahn Nord-Süd auch von der Reinickendorfer Weichbildgrenze ab sofort gesichert ist, so beabsichtigen wir, um die Rentabilität der nördlichsten Strecke der Unterpflasterbahn von vornherein für die Stadt Berlin noch gewinnbringender zu gestalten, an der Berliner Weichbildgrenze eine elektrische Schnellbahn zu bauen, welche an der westlichen Seite der Tegeler Chaussee an der Strafanstalt Tegel und dem Borsigwerk vorbei durch den Ort Tegel bis zum Schlossrestaurant Tegel geht und von da südlich schwenkend die sehr beliebten Ausflugsorte Tegelort, Jörsfelde, Konradshöhe, Sandhausen und Heiligensee berühren und direkt im besten Sinne des Wortes mit dem Centrum Berlins verbinden wird. Es ist einleuchtend, dass durch einen derartigen neuen Schnellbahn-Verkehrsweg die weitere Ansiedlung und Bevölkerungszunahme in den nördlichen Vororten, besonders in Tegel, einerseits gefördert und andererseits durch denselben eine enorme Zunahme des Berliner Ausflüglerzuges nach diesen landschaftlich ausserordentlich reizvoll gelegenen Plätzen und Villencolonieen am Tegeler See und der Havel hervorgerufen werden wird.“162

Nach diesen Planungen sollte an der Grenze zu Reinickendorf ein Umsteigebahnhof von der städtischen Nord-Süd-Bahn zur privaten Schnellbahn der BABN entstehen. Der Verlauf der Schnellbahn hätte - zumindest bis Tegel - in etwa der heutigen U-Bahnlinie 6 entsprochen. Die Verantwortlichen erwarteten eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrsströme:

↓148

„Man kann dann später von dem Mittelpunkt des westlichen Berlins - sagen wir von der Untergrundstation Unter den Linden der Nordsüdline - in etwa 20 Minuten bis Tegel fahren, was u. E. eine vollständige Umwälzung der Verkehrsverhältnisse des Nordens zur Folge haben muss. Die Bewohner von Tegel werden dann nur noch zum geringsten Teil die Staatsbahn, welche an Tegel vorbei nach Velten und Kremmen geht, benutzen, weil erstens diese Züge in zu grossen Abständen von Berlin nach Tegel bezw. umgekehrt abgelassen werden, weil zweitens diese Linie eine für die Fahrgäste ausserordentlich zeitraubende und weit ausgebauschte Kurve über Dalldorf, Reinickendorf, Schönholz, Pankow, Gesundbrunnen zu durchlaufen hat und weil drittens die Berliner Endstation derselben, der Stettiner Vorortsbahnhof, zu weit von dem geschäftlichen Centrum Berlins entfernt und jedenfalls ausserordentlich ungünstig liegt. Die Bewohner von Tegel und diejenigen Berliner Einwohner, welche Tegel erreichen wollen, werden daher später die Staatsbahn und die Tegeler Strecke der Grossen Berliner Strassenbahn nur noch sehr wenig in Anspruch nehmen; sie werden vielmehr auf der Unterpflasterlinie Nord-Süd und der von uns zu erbauenden Schnellbahn von und nach Tegel verkehren.“163

Abb. 33: Geplante Schnellbahntrasse der BABN.

Quelle: LAB, A Rep. 251-11, Nr.1.

↓149

Auch wenn die elektrische Schnellbahn nach Tegel aufgrund der rasch eintretenden massiven finanziellen Probleme der BABN nie gebaut wurde, ist das Projekt bemerkenswert. Einerseits belegt es die große Bedeutung des entstehenden Schnellbahnnetzes im Prozeß des industriellen Städtewachstums. Die beträchtliche Verkürzung der Fahrzeiten drängte die räumliche Distanz als limitierendes Element der Stadtentwicklung zunehmend in den Hintergrund. Neue Perspektiven bei der Wohnstandortwahl taten sich auf. Schnellbahn und Eisenbahn ermöglichten eine Suburbanisierung des Wohnens und eine Verlagerung großer Industriebetriebe vor die Tore der Stadt. Eine neue Form der Mobilität - das Berufspendeln - entstand. Andererseits zeigen die Planungen aber auch, daß der Nahverkehr im Untersuchungsgebiet bis 1914 noch nicht den entscheidenden Modernisierungsschritt vollzogen hatte und von dieser Entwicklung erst langsam erfaßt wurde.

III.1.2.2.d) Grünflächen

Der Schillerpark (1909-1913) blieb im Untersuchungszeitraum die einzige neu angelegte Grünfläche. Da es sich zugleich um die einzige ausschließlich zu Freizeit- und Erholungszwecken gestaltete Anlage handelte, lohnt ein genauerer Blick auf die Entstehungsgeschichte und die zugrundeliegende Konzeption.164

Die Idee zum Bau eines „Nordparks“ wurde erstmals 1898 schriftlich fixiert, als die Stadtverordnetenversammlung eine Anfrage betreffend die Anlegung eines Parks zwischen See- und Müllerstraße und der Weichbildgrenze an den Magistrat richtete.165 Mit dem Projekt waren zunächst sehr pragmatische Ziele verbunden. Über die Anlage des Parks erhoffte man den Flugsand der sog. „Wurzelberge“ einzudämmen und die Geruchsbelästigungen der Abdeckerei samt der benachbarten Müllablage - der „Scherbelberge“ - zu beseitigen. Zugleich sollte ein Erholungsraum für die in der Umgebung rasch zunehmende Bevölkerung geschaffen werden. Am 08. Oktober 1903 legte die Stadtverordnetenversammlung die späteren Grenzen des Parks fest und ermächtigte den Magistrat, das notwendige Land zu erwerben. Anläßlich des hundertsten Todestages von Friedrich Schiller wurde das Projekt 1905 dem Dichterfürsten gewidmet.

↓150

Die 25 ha große, von dem Magdeburger Gartenarchitekten Friedrich Bauer (1872-1937) konzipierte Parkanlage verband die Prinzipien eines Landschafts- und Architekturparks. Der Entwurf erwies sich für die zukünftige Gestaltung von Grünanlagen als richtungsweisend. Der aus den USA stammende „Volkspark“-Gedanke wurde konsequent aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. Das städtische Grün diente nicht mehr allein dem Lustwandeln und Bestaunen der Natur, sondern in gleichem Maße der sportlichen Ertüchtigung. Die Grünflächen waren nicht mehr gesperrt, sondern bewußt für sportliche Betätigungen freigegeben. Bauer konzipierte weitläufige, offene Rasenflächen. Im südlichen Teil des Parks entstand eine 3,5 ha große planierte Schülerwiese, die im Norden in der stärker konturierten Bürgerwiese ihr Gegenstück fand. Hinzu kamen Spielplätze und ein Planschbecken am nordöstlichen Rand des Parks. Mit diesem neuen Grundkonzept wurde der Schillerpark u.a. zum Vorbild für den nur wenige Jahre später in der Weimarer Republik angelegten Volkspark Rehberge auf der gegenüberliegenden Seite der Müllerstraße.

Bewertet man den Schillerpark aus städtebaulicher Perspektive, bleibt nicht allein der innovative Charakter des Nutzungskonzeptes hervorzuheben. Der kurz vor der Jahrhundertwende verabschiedete Baubeschluß reiht sich direkt in das Spannungsverhältnis von Abdeckerei und Virchow-Krankenhaus ein. Die Anlage des Parks kann als Bemühung interpretiert werden, die städtebauliche Barriere nach Norden aufzubrechen und das Image eines ganzen Stadtgebietes positiv zu beeinflussen.

Zur Untermauerung dieser Vermutung ist auf ein weiteres Grünflächenprojekt zu verweisen, das wie die Schnellbahn der BABN nie verwirklicht wurde. Im Juni 1911 stand in der Berliner Stadtverordnetenversammlung die Eingemeindung der Gutsbezirke Plötzensee und Jungfernheide auf der Tagesordnung. Das zur Disposition stehende Areal umfaßte ca. 220 ha. Davon waren 45 ha für ein Vorhaben der besonderen Art reserviert.166 Zwischen der gedachten verlängerten Kameruner Straße im Süden und der Londoner Straße im Norden plante der Hamburger Tiergärtner Carl Hagenbeck167 die Errichtung eines Tierparks.168 In einem Schreiben vom 19. März 1912 ging der Magistrat ausführlich auf die in Aussicht gestellte Anlage ein:

↓151

„Nach den uns gemachten Mitteilungen werden im Tierpark sowohl Säugetiere und Vögel als auch umfangreiche Sammlungen von Reptilien, Fischen und Seetieren sowie Insekten zur Schau gestellt werden, auch soll die Urweltfauna in Nachbildungen gezeigt werden. Die Tiere werden in möglichster Anlehnung an ihre natürlichen Lebensformen und so untergebracht werden, dass der Eindruck der Gefangenschaft vermieden wird.

↓152

Die grossen Raubtiere werden sich in einer offenen, frei gelegenen Grotte bewegen; besondere Einrichtungen werden geschaffen werden, die selbst die Unterbringung von Affen im Freien ohne Gitter ermöglichen; für Gebirgstiere werden Felsengruppen angelegt; für Straussen ist eine besondere Farm geplant; für Wasservögel werden Teiche geschaffen; für Reptilien, Fische, Seetiere und Insekten werden ein Reptilienhaus, ein Aquarium und ein Insektenhaus errichtet. Zur Vorführung von Tierdressuren mannigfacher Art wird eine grosse Arena dienen und ein besonderer Raum wird für jährlich wechselnde Völkerausstellungen bestimmt sein.

Das weite Gelände des Tierparkes soll der landschaftlichen Umrahmung der Schaustellungsvorrichtungen dienen und wird mit den erforderlichen Restaurationsanlagen versehen werden.“169

↓153

Folgt man der Argumentation von Hagenbeck, war der geplante Tierpark mehr als eine rein gewinnorientierte Investition. Er unterstrich die große Bedeutung des Vorhabens für die Bevölkerung im Norden Berlins und verwies auf den gemeinnützigen Charakter des Projektes. Aus diesem Grund bat er den Magistrat um die Gewährung einer Hypothek in Höhe von 1.000.000 Mark:

„Mit Rücksicht auf die Bedeutung des geplanten Tierparkes für die Einwohnerschaft hat der Kommerzienrat Hagenbeck gebeten, das Zustandekommen des Unternehmens durch Hergabe einer Hypothek von 1 000 000 Mark aus städtischen Mitteln zu fördern [...].

↓154

Wir erkennen die Grosszügigkeit des in Aussicht genommenen Unternehmens und seine Bedeutung für die Berliner Bevölkerung insbesondere des Nordens und für die Hebung des angrenzenden Stadtteiles an, glauben auch dass das Unternehmen auf den Fremdenverkehr förderlich einwirken könnte, und sind geneigt, es zu unterstützen.“170

Mit dieser Einschätzung stellte der Magistrat indirekt eine Verbindung zwischen dem Tierparkprojekt und dem Schillerpark her. Die Kommunalpolitik hatte den Berliner Norden als Handlungsfeld „entdeckt“, der nach den Worten des Stadtverordneten Liebenow (09. Mai 1912) bis dato „eher stiefmütterlich behandelt“ worden war.171 Am gleichen Tag genehmigte die Stadtverordnetenversammlung unter Auflagen die Hypothek von 1.000.000 Mark. Die Auszahlung war an die Eröffnung des Parks gebunden. Hierzu kam es jedoch nie.

↓155

Abb. 34: Kopf der Wochenzeitung „Das Afrikanische (Hagenbeck) Viertel“.172

Quelle: Heimatmuseum Wedding (HMW) (Bib. Kart. 4 HMW AB 714).

Zum letzten Mal tauchte das Tierparkprojekt im Jahr 1916 in den stenographischen Berichten der Stadtverordnetenversammlung auf. In der Sitzung des 22. Juni stand der Erwerb von Flächen in der Jungfernheide zur Diskussion, wobei der Stadtverordnete Heimann auf die unrealisierten Planungen Hagenbecks zu sprechen kam:

↓156

„Die Verhandlungen müßten sich meines Erachtens auch auf den Erwerb des ganzen Restgeländes erstrecken. Denn es will mir doch viel wichtiger und richtiger erscheinen, wenn auf dem Terrain für den geplanten Hagenbeckschen Tierpark unter den gegenwärtigen Verhältnissen Menschen statt Tiere ansiedeln würden. Dies umsomehr, da dort nach dem Versprechen des Fiskus doch noch jungfräulicher und billiger Baugrund vorhanden ist, und da infolge der durch den Krieg herbeigeführten Umstände und durch den Tod des alten Hagenbeck die Ausführung des Tierparks vollkommen im Nebel liegt.“173

Der Nebel sollte sich nicht mehr lichten.

III.1.3 Der Wohnungsbau

Das Verhältnis zwischen gebauter Umwelt und den Lebensverhältnissen der Bevölkerung tritt in der individuellen Wohnraumsituation am markantesten zu Tage. Die Wohnung bildet den Mittelpunkt des familiären Lebens. Sie ist Ort sozialer Kontakte, oftmals Arbeitsstätte und gilt nicht zuletzt als Indikator für den gesellschaftlichen Stellenwert der Bewohner.

↓157

Dem zeitgenössischen Beobachter des Weddings bot sich ein äußerst heterogenes Bild. Allein das Baualter und die sich verändernden Bauordnungen führten zu einem in sich differenzierten Wohnungsmarkt mit vielfältigen Wohnungszuschnitten, -ausstattungen und -lagen. Es gilt, die häufigsten und markantesten Erscheinungsformen herauszugreifen und exemplarisch zu vertiefen.

Als Hindernis erweist sich die starke Fokussierung der Forschung auf die Wohnverhältnisse der Unterschichten. Generationen von Historikern und Soziologen ließen sich aus den unterschiedlichsten Motiven vom Elend der Ärmsten inspirieren. Auch quellenorientierte Untersuchungen wie die Ausführungen zur Wohnungsenquete der Berliner „Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker“ ermöglichen letztendlich nur einen selektiven Blick hinter die Kulissen.174 So prekär und menschenunwürdig die Wohnsituation in weiten Teilen auch war, besteht die Gefahr einer negativen Verallgemeinerung.

Um dies zu vermeiden, wird die Thematik zunächst aus einem rein statistisch-juristischen Blickwinkel erschlossen. Erst am Ende des Kapitels erfolgt anhand von drei Fallbeispielen ein Blick auf die konkrete Wohnraumsituation vor Ort.

III.1.3.1  Wohnbebauung 1885-1914

↓158

Die vor allem durch die Terraingesellschaften angeheizte Bodenspekulation wurde zum entscheidenden Faktum des Wohnungsbaus. Indem sich die Grundstückspreise von vornherein an den maximal zu erzielenden Renditen orientierten, legte der Bodenpreis bereits die spätere Gebäudestruktur fest. Nur bei einer Annäherung an den maximal zulässigen Überbauungsgrad war eine Amortisierung der Investitionskosten möglich.

Aus diesem Grund setzte sich nicht nur im Untersuchungsgebiet - bei allen Variationen im Detail - ein verhältnismäßig einheitlicher Gebäudetypus durch: das mehrgeschossige Mietshaus, das gemeinhin als „Mietskaserne“ bezeichnet wird. Der Begriff „Kaserne“ ist dabei durchaus umstritten.175 Eberstadt erkannte in ihm eine gesellschaftspolitische Dimension:

↓159

„Der Begriff „Kaserne“ enthält die Aufhebung des Einzelwesens und des Einzelwillens und die Unterwerfung unter einen übergeordneten Zweck. Für das Wohngebäude, das jede Individualität der Bewohner verwischt und die Wohnverhältnisse durchaus den Zwecken der Spekulation unterwirft, konnte deshalb in der Tat keine treffendere Bezeichnung gefunden werden als die der Mietskaserne. Der Ausdruck bezeichnet den Haustypus, der in Hofwohnungen, Seitenflügeln, Quergebäuden eine unterschiedlose Masse von Wohnräumen umschließt. Durch die Größe des Grundstücks, dessen Abmessungen die Wohnhausform vollständig abgestreift haben, und zugleich durch den Hausgrundriß, in dem die Einzelwohnung völlig verschwindet, ist die Mietskaserne gekennzeichnet.“176

Diese Definition hat sich bis heute im Sprachgebrauch festgesetzt und fand die weiteste Verbreitung. Die Beschreibung ist so allgemein gehalten, daß nach ihr fast jedes mehrstöckige Mietshaus unter die Rubrik „Kaserne“ fällt. Auf dieser Grundlage erklärte Hegemann Berlin zur „größten Mietskasernenstadt der Welt“.177

Nähert man sich dem Begriff über die innere bauliche Erschließung, wie dies der Architekt Goecke getan hat, läßt sich dagegen eine klare Unterscheidungslinie zwischen „Mietshaus“ und „Mietskaserne“ ziehen:

↓160

„[...] Beide Gebäude-Arten unterscheiden sich wesentlich von einander, wenn auch die Bezeichnungen synonym gebraucht werden. In eigentlichen Kasernen reihen sich die Wohnungen an lange gemeinschaftliche Korridore, also in wagrechtem Sinne aneinander, in großen Miethshäusern gruppiren sich die Wohnungen unmittelbar um die Treppenhäuser, also in lothrechtem Sinne übereinander.“178

Nach dieser Definition im engeren Sinne hätte es in Berlin nur sehr wenige Mietskasernen gegeben. Sachlich begründeter ist sicherlich der Abgrenzungsversuch von Goecke. Der von Eberstadt postulierte Begriff steht dagegen ganz im Zeichen der Wohnungsreform. Er diente in erster Linie als Kampfbegriff. Der Begriff „Mietskaserne“ sollte daher nur sehr eingeschränkt Verwendung finden. Zu undifferenziert und politisch aufgeladen war und ist die Verwendung in Vergangenheit und Gegenwart.

III.1.3.1.a)  Rechtliche Voraussetzungen

↓161

Die bestehenden Bauordnungsvorschriften bestimmten den Umfang der baulichen Ausnutzung der Grundstücke. Sie bildeten den rechtlichen Rahmen für die Konzeption der Gebäude und des Wohnraums. Eine maximale bauliche Ausnutzung der Grundstücke war gleichbedeutend mit einer maximale Ausnutzung des geltenden Rechts.

Ein zentraler Aspekt des Wohnungsbaus wurde bereits unter dem Gesichtspunkt der Flächennutzung angesprochen - der Anteil der bebauten Fläche auf einem Grundstück.179 Nachdem die BauO von 1853 abgesehen von der Mindesthoffläche keinerlei Vorgaben gemacht hatte, durften seit 1887 nur noch maximal 2/3 eines neu erschlossenen Grundstücks bebaut werden. Zehn Jahre später (1897) folgte die Staffelung des Überbauungsanteils in Abhängigkeit von der Lage innerhalb oder außerhalb der alten Stadtmauer sowie der Parzellentiefe, was wiederum eine Verkleinerung der Grundstückszuschnitte bewirkte.

Veränderte baurechtliche Bestimmungen brachten neue Grundrißformen hervor. In sie flossen alle gültigen gesetzlichen Vorgaben ein und wurden in eine aus betriebswirtschaftlicher Sicht möglichst ideale Anordnung gebracht. Anhand des Grundrisses lassen sich oftmals Aussagen zum Entstehungszeitraum der Gebäude treffen, da jede Bauordnung zu charakteristischen Merkmalsausprägungen führte. Den „idealtypischen“ Grundriß gab es allerdings nicht. Es bestand in jedem Fall eine Abhängigkeit von der Breite und Tiefe eines Grundstückes. Dementsprechend variierte die Gebäudeanordnung. Die folgende Abbildung kann daher nur einen exemplarischen Einblick gewähren (vgl. Abb. 35).

↓162

Der erste Grundrißtyp nach der BauO von 1853 ist für das Untersuchungsgebiet ohne Bedeutung geblieben. Gebäude mit einer Mindesthofgröße von 5,34 m auf 5,34 m sind nicht nachzuweisen. Dennoch hat das Beispiel aus der Wilhelmstraße seine Berechtigung. Es zeigt sehr anschaulich, wie sich fehlende Bestimmungen auf die Gebäudestruktur auswirken konnten. Beide Grundstücke waren zu fast 100% überbaut.

Von diesen frühen Grundrissen hebt sich das Beispiel der Yorckstraße deutlich ab. Es fallen vor allem die deutlich größeren Innenhöfe auf, die nach § 2 der BauO von 1887 mindestens 60 qm Grundfläche betragen mußten. Daß die Größe der beiden Höfe jeweils deutlich darüber lag, ist kein Indiz für eine uneffektive Raumnutzung. Da es auf dem Grundstück bereits eine ältere Bebauung gegeben hatte, durften maximal 75% der Fläche bebaut werden. Ein Viertel mußte also ohnehin für Freiflächen eingeplant werden. Die beiden Höfe entsprechen fast exakt diesem Anteil.

Abb. 35: Gebäudegrundrisse nach den Bauordnungen von 1853 (oben links), 1887 (oben rechts) und 1897 (unten).

Quelle: Ehrlich (1933), S. 28 u. 31 sowie Monke, Bd. II (1968), Abb. 50 (ohne Seitenzahlen).

↓163

Die beiden unteren Grundrisse repräsentieren schließlich die BauO von 1897. Im Gegensatz zu den oberen Beispielen, handelt es sich um theoretische Konstruktionen und nicht um Fallbeispiele von existierenden Gebäuden. Sie orientieren sich an der Idealtiefe von 32 m. Bei dieser Tiefe verloren Quergebäude auf dem Hinterhof ihre Rentabilität und wurden zugunsten eines Seitenflügels aus den Plänen gestrichen. Dies galt allerdings nicht für tiefere Grundstücke, auf denen sich nach wie vor Seiten- und Quergebäude befanden.

Eine zunehmende Vereinheitlichung vollzog sich auch bei der Gebäudehöhe, die sich bei Neu- und Umbauten kaum mehr unterschied. Nach der BauO von 1853 bestand zunächst eine Abhängigkeit von der Straßenbreite:

↓164

„§ 28. Aeltere Gebäude dürfen in ihrer früheren Höhe wieder aufgebaut, neue Gebäude überall bis auf 36 Fuß [11,3 m] Höhe errichtet werden. Bei einer Straßenbreite von 36 bis 48 Fuß [15,07 m] ist eine Höhe der Gebäude von 1 ¼ der Straßenbreite zulässig. Bei noch breiteren Straßen unterliegt die Höhe der Bauten keiner allgemeinen Beschränkung. Die Höhe des Gebäudes wird von dem Straßenpflaster bis zur oberen Kante der Frontwand gemessen.“180

Nimmt man die Mindesthöhe eines Zimmers von 8 Fuß [2,51 m] (§ 88) als Grundlage, so war es an einer breiten Straße ohne weiteres möglich, ein sechsgeschossiges Gebäude zu errichten - nicht eingerechnet das Keller- und Dachgeschoß. Für Quer- und Seitengebäude fehlten konkrete Vorgaben. Lediglich der Abstand zwischen verschiedenen Gebäuden auf einem Grundstück war geregelt:

↓165

„§ 31. Gebäude auf demselben Grundstück müssen mit den Fronten mindestens 17 Fuß [5,34 m] von einander entfernt bleiben. Giebel gegen Giebel und Giebel gegen Front dürfen sich auf 8 Fuß [2,51 m] einander nähern, insofern die Länge der Giebel 24 Fuß [7,54 m] nicht übersteigt. Eine geringere Entfernung ist zulässig, sofern mit massiven Wänden feuersicher, d.h. dergestalt gebaut wird, daß sich in den gegenüber liegenden Gebäudetheilen keine Oeffnungen befinden.“181

Die Vorschriften von 1887 waren dagegen wesentlich differenzierter und setzten eine explizite Höhenbegrenzung. Auch für die Ausführung der Hintergebäude finden sich genaue Vorgaben:

↓166

„§ 37. Gebäude dürfen in den Frontwänden stets 12 m hoch und nicht höher als 22 m errichtet werden. Innerhalb dieser Grenzen gelten folgende Bestimmungen:

a) Gebäude an Straßen dürfen so hoch sein, als die Straße zwischen den Straßenfluchtlinien breit ist. [...] In Straßen, welche nur an einer Seite zum Anbau bestimmt sind, darf die Höhe bis 22 m betragen. Ist die Straßenbreite ungleich oder liegt ein Gebäude an mehreren Straßen, so ist, falls es nicht vorgezogen wird, die einzelnen Gebäudetheile in entsprechend verschiedener Höhe aufzuführen, ein einheitliches mittleres Höhenmaß für das ganze Gebäude festzustellen. Für Vordergebäude, welche ganz oder mit einzelnen Theilen hinter der Bauflucht zurückbleiben, kann ausnahmsweise ein entsprechend gesteigertes Höhenmaß zugelassen werden.

↓167

b) Hintere Gebäude und Seitenflügel dürfen in der Höhe die Ausdehnung des nothwendigen (§ 2) Hofraums vor ihnen nicht mehr als 6 m überschreiten. Ist der Hofraum ungleich gestaltet, so tritt Durchschnittsberechnung ein. [...]“182

Fünf Stockwerke mit maximal 22 m Höhe bildeten fortan den Richtwert und bestimmten zunehmend das Straßenbild. Die durch § 37 ermöglichte fünfgeschossige Bauweise wurde zum Charakteristikum für die geschlossene Wohnhausbebauung mit Seitenflügeln und Quergebäuden um den alten Berliner Stadtkern. Sie prägte den Begriff vom sog. „Wilhelminischen Ring“, der die dicht bebauten Gebiete bis zur Ringbahn - und im Untersuchungsgebiet auch darüber hinaus - beschrieb. Die BauO von 1897 änderte an diesen Verfügungen nur noch Details, die unerheblich blieben.

↓168

Blickt man in das Innere der Gebäude sind vor allem die Verordnungen für die „Zum dauernden Aufenthalte von Menschen bestimmten Räume“ (§ 37) von Interesse. Hierunter fallen auch die Bestimmungen zu den Keller- und Dachgeschoßwohnungen.

-

In der BauO von 1853 fanden sich unter § 87 zunächst allgemeine Richtlinien zum Bau von Wohnungen:

↓169

„§ 87. Die zu Wohnungen bestimmten Gebäude oder Gebäudetheile müssen so angelegt und in solchem Material ausgeführt werden, daß sie hinlänglich Luft und Licht haben, trocken und der Gesundheit nicht nachtheilig sind.“183

Zu der Höhe der Wohnräume war festgelegt:

↓170

„§ 88. Alle zum täglichen Aufenthalt von Menschen bestimmten Wohnräume müssen in neuen Gebäuden wenigstens 8 Fuß [2,51 m] und wenn solche in vorhandenen Gebäuden angelegt werden, wenigstens 7 ½ Fuß [2,36 m] lichte Höhe erhalten. Alle Wohn- und Schlafräume mit weniger als 9 Fuß [2,83 m] lichter Höhe müssen zur Herstellung eines gehörigen Luftwechsels mit passenden Einrichtungen und mindestens mit Fenstern zum Oeffnen in hinreichender Zahl und Größe und mit von innen zu heizenden Oefen versehen sein.“184

Die Dachgeschoßwohnungen blieben gänzlich unerwähnt. Für das Kellergeschoß galten folgende Richtlinien:

↓171

„§ 89. Kellergeschosse dürfen nur dann zu Wohnungen eingerichtet werden, wenn deren Fußboden mindestens einen Fuß über dem höchsten Wasserstande, deren Decke aber mindestens 3 Fuß [0,94 m] über dem Niveau der Straße liegen. Der Sturz des Fensters muß 2 Fuß [0,63 m] über dem Niveau der Straße liegen. Auch müssen die Mauern und Fußböden solcher Wohnungen gegen das Eindringen und Aufsteigen der Erdfeuchtigkeit geschützt werden.“185

-

↓172

Diese Bestimmungen blieben im Grundsatz über die Jahre 1887 und 1897 hinaus bestehen. Lediglich für die Einrichtung von Kellerwohnungen erhöhten sich die Auflagen. Zudem enthielt die BauO von 1887 erstmals Vorschriften für das Wohnen im Dachgeschoß:

„§ 37. a) [...] Räume, die zu dauerndem Aufenthalte von Menschen bestimmt sind, [müssen] eine - bei ungleicher Höhenlage der Decke oder des Fußbodens im Durchschnitt zu berechnende - Höhe von mindestens 2,50 m haben und nirgends tiefer als 0,50 m unter dem umgebenden Erdboden liegen.

↓173

Das letztere Maß kann auf 1 m erhöht werden, wenn an der zu den betreffenden Räumen gehörigen Frontwand ein durchgehender Lichtgraben hergestellt wird, dessen Breite mindestens 1 m beträgt und dessen gut zu entwässernde Sohle um 15 cm tiefer als der Fußboden der anstoßenden Räume angeordnet ist. [...]

↓174

Dachräume dürfen zu dauerndem Aufenthalte nur dienen, wenn sie den Bestimmungen der Absätze 1 bis einschließlich 3 entsprechen und außerdem unmittelbar über dem obersten Stockwerke belegen, auch von den angrenzenden Theilen des Dachbodens durch massive Wände geschieden sind.“186

Jeder Bauherr hatte sich an diese rechtlichen Vorgaben zu halten. Sie bilden die Grundlage für die Analyse der Wohnraumsituation.

III.1.3.1.b) Die Wohnbebauung in Zahlen

Die Wohnverhältnisse sind in der amtlichen Statistik umfassend dokumentiert. Die in einem Abstand von fünf Jahren vom Statistischen Amt der Stadt Berlin durchgeführten Grundstücks- und Wohnungsaufnahmen liefern detaillierte Angaben zu den vorhandenen Ausstattungsmerkmalen, auch wenn veränderte Erhebungsparameter die Vergleichbarkeit der Werte zwischen den Erhebungsjahren teilweise einschränken.

↓175

Der Gebäudebestand des Stadtteils Wedding-Gesundbrunnen wich zu Beginn des Untersuchungszeitraumes von allen übrigen Gebieten der Stadt ab. Mehr als 45% der Gebäude bestanden 1885 nur aus einem oder zwei Stockwerken. Kein anderes Viertel reichte auch nur annähernd an diesen Wert heran. Moabit, das Gebiet mit dem zweithöchsten Anteil in dieser Rubrik, blieb mit 26,2% bereits weit dahinter zurück. Die Zahlen sprechen für einen sehr ländlichen Charakter der Bebauung. Dies unterstreicht die Kategorie der fünfstöckigen Gebäude. Mit nur 21,6% lag der Wedding um mehr als 15 Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt. Lediglich die Innenstadtgebiete wiesen niedrigere Anteile auf. Die Maximalwerte der westlichen Luisenstadt jenseits des Kanals überstiegen die Anteile des Weddings in dieser Rubrik um mehr als das Dreifache.

Abb. 36: Anzahl der Stockwerke je Gebäude nach Stadtteilen 1885 (in %).

Quelle: Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 1. December 1885 in der Stadt Berlin. Zweites Heft, Abt. IV. Berlin 1891, S. 63.

Die vertikale Verteilung der Wohnungen entsprach der Gebäudestruktur (vgl. Tab. 10). Mehr als die Hälfte der Wohneinheiten des Weddings (52,2%) lagen zwischen Keller- und erstem Obergeschoß gegenüber 44,3% im Gesamt-Berliner Durchschnitt. In den oberen Etagen war das Untersuchungsgebiet dagegen stark unterrepräsentiert. Auffällig ist die Diskrepanz bei den Anteilen der so viel kritisierten Kellerwohnungen. Trotz der vergleichsweise niedrigen Bebauung blieb der Wedding mit 6,8% um mehr als zwei Prozentpunkte unter dem städtischen Mittelwert.

↓176

Auch bei der Wohnungsgröße, die sich an der Zahl der heizbaren Zimmer orientierte, sind signifikante Abweichungen erkennbar. Der Wohnungsbestand des Weddings setzte sich zu über 90% aus Ein- und Zweizimmerwohnungen zusammen. Dies war deutlich mehr als die 77% des gesamten Stadtgebietes. Wohnungen mit mehr als drei heizbaren Zimmern fehlten im Wedding dagegen fast völlig.

Tab. 10: Verteilung und Größe der Wohnungen im Wedding und in Gesamt-Berlin 1885.

Wedding

Wohnung mit ... heizbaren Zimmern

0

1

2

3

4

5

6+

Gesamt (%)

Keller

17

808

255

37

4

1

0

6,8

Erdgeschoß

43

1734

719

215

72

19

13

17,1

Hochparterre

11

427

134

35

8

4

3

3,8

1. Stock

48

2779

824

238

91

36

28

24,5

2. Stock

36

2379

708

127

36

8

6

20,0

3. Stock

21

1999

553

65

9

3

0

16,1

4. Stock

21

1410

325

25

0

0

0

10,8

5. Stock

3

62

6

0

0

0

0

0,4

Mehrere Stockwerke

0

7

19

6

10

13

14

0,4

Gesamt (%)

1,2

70,4

21,5

4,5

1,4

0,5

0,4

100,0

Gesamt-Berlin

Wohnung mit ... heizbaren Zimmern

0

1

2

3

4

5

6+

Gesamt (%)

Keller

375

17867

8454

1166

143

16

2

9,2

Erdgeschoß

637

17037

11142

5181

2255

1170

1396

12,8

Hochparterre

191

5455

2614

1057

363

150

159

3,3

1. Stock

447

24746

13835

8011

4133

2679

3933

19,0

2. Stock

415

26827

15770

7863

3571

2318

3302

19,8

3. Stock

426

29759

16840

6377

2571

1644

1990

19,6

4. Stock

446

28930

12168

2416

714

257

183

14,8

5. Stock

30

1684

433

56

12

4

0

0,7

Mehrere Stockwerke

7

188

508

369

271

172

973

0,8

Gesamt (%)

1,0

50,1

26,9

10,7

4,6

2,8

3,9

100,0


Quelle: Böckh (Abt. III.) (1891), S. 29f.

Für die Gesamtzahl der Wohnungen ermöglicht die Statistik eine Differenzierung nach Vorder- und Hintergebäuden. Mit einem Verhältnis von 60,4%:39,6% entsprachen die Werte des Weddings exakt dem Berliner Durchschnitt.

↓177

Tab. 11: Verteilung der Wohnungen nach Vorder- (VH) und Hinterhaus (HH). Wedding und Gesamt-Berlin 1885 (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

VH

HH

VH

HH

Keller

4,1

2,7

5,5

3,7

Erdgeschoß

8,9

8,2

6,9

5,9

Hochparterre

1,9

1,9

1,5

1,8

1. Stock

13,9

10,6

11,4

7,6

2. Stock

12,9

7,1

12,6

7,1

3. Stock

11,1

5,0

12,6

7,0

4. Stock

7,0

3,8

8,7

6,1

5. Stock

0,3

0,1

0,4

0,3

mehrere Stockwerke

0,4

0,1

0,7

0,1

Gesamt

60,4

39,6

60,4

39,6


Quelle: Eigene Berechnung nach Böckh (Abt. III.) (1891), S. 20-23.

Als weiteres Kriterium ist die Belegungsdichte, d.h. die Zahl der Personen je Zimmer zu berücksichtigen. Unklar bleibt, welche Raumeinheiten als „Zimmer“ in die Berechnungen aufgenommen wurden. Dies erschwert die Interpretation. So liegt in der Kategorie „ohne heizbares Zimmer“ die Zahl der Wohnungen höher als die Zahl der Zimmer. Eine Erklärung hierfür ist nicht genannt. Wahrscheinlich ist, daß in diesem Fall ein einzelner Küchenraum als separate Wohneinheit gerechnet wurde.

Klammert man diesen Aspekt aus, ergibt sich für das Untersuchungsgebiet ein Mittelwert von 2,6 Personen je Zimmer gegenüber 1,9 im Gesamt-Berliner Durchschnitt. In allen Wohnungsgrößen lag der Wedding entweder gleichauf oder über den gesamtstädtischen Werten. Vor allem die Differenz in der quantitativ so bedeutsamen Rubrik der Wohnungen mit einem heizbaren Zimmer wirkte sich entscheiden auf den höheren Gesamtwert aus.

↓178

Tab. 12: Belegungsdichte. Wedding und Gesamt-Berlin 1885.

Wohnungen mit ... heizbaren Zimmern

Zahl der Bewohner je Zimmer

Wedding

Gesamt-Berlin

0

3,7

3,6

1

3,3

3,0

2

2,2

2,1

3

1,5

1,4

4

1,2

1,2

5

1,0

1,0

6+

0,9

0,8

Gesamt

2,6

1,9


Quelle: Eigene Berechnung nach Böckh (Abt. III.) (1891), S. 24f.

Schließlich bleibt ein kurzer Blick auf die infrastrukturelle Ausstattung der Wohnungen. Die Grundstücks- und Wohnungsaufnahme von 1885 erfaßte drei Kriterien: das Vorhandensein von Wasserleitungen, Wasserclosets und Badeeinrichtungen. In allen drei Rubriken belegte der Wedding den letzten Platz. Noch 1885 waren 26,4% der Weddinger Vorder- und 40,6% der Hinterhauswohnungen ohne Wasseranschluß. Nur Alt-Cöln reichte mit 17,1% und 35,5% annähernd an diesen Wert heran. Der Berliner Durchschnitt lag demgegenüber bei 11,0% bzw. 21,3%.

Noch ungünstiger gestalteten sich die Verhältnisse bei der Ausstattung mit Wasserclosets. Während im Stadtgebiet bereits 50,3% der Wohnungen im Vorderhaus und 28,3% im Hinterhaus über ein solches verfügten, bildete der Wedding mit 15,1% und 8,5% das einsame Schlußlicht.

↓179

Lediglich bei der Ausstattung mit Badeeinrichtungen fielen die Abweichungen geringer aus. Dies lag jedoch ausschließlich an dem im gesamt Stadtgebiet sehr niedrigen Standard. In ganz Berlin verfügten 1885 lediglich 7,3% der Vorderhaus- und 0,3% der Hinterhauswohnungen über ein Badezimmer. Im Vergleich dazu beliefen sich die Anteile innerhalb des Weddings auf 1,0% und 0,1%.187

Festzuhalten bleibt: Eine noch weitgehend ländlich geprägte Bausubstanz mit einer unterdurchschnittlichen sanitären Ausstattung und einer hohen Belegungsdichte kennzeichnete zu Beginn des Untersuchungszeitraums die Wohnraumsituation des Weddings.

Die letzten Zahlen vor dem Kriegsausbruch sind für das Jahr 1910 verfügbar. Innerhalb von 25 Jahren hatte sich die Gebäudestruktur grundlegend gewandelt. Eine extreme vertikale Verschiebung der Anteile ist erkennbar. Die Bedeutung von ein- und zweistöckigen Gebäuden sank von 45,3% auf 7,2%. Im Gegenzug stieg der Anteil der Gebäude mit fünf und mehr Vollgeschossen von 23,5% auf 81,7%. Dies waren fast vier Prozentpunkte mehr als der Berliner Durchschnitt. Im Standesamtsbezirk Wedding (XIII b) lag der Anteil der fünfgeschossigen Gebäude aufgrund der großflächigen Neubaugebiete sogar bei 87,9%.

↓180

Tab. 13: Anzahl der Stockwerke je Gebäude 1910. Wedding/Gesundbrunnen und Gesamt-Berlin (in %).

Zahl der Stockwerke

1

2

3

4

5+

Wedding (XIII b)

1,9

3,4

2,7

4,1

87,9

Wedding/Gesundbrunnen (XIII)

2,3

4,9

4,5

6,6

81,7

Stadt Berlin

0,9

2,5

4,1

14,5

78,0


Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910 sowie die Wohnungs- und Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910 in der Stadt Berlin und 44 Nachbargemeinden. Erste Abteilung. Stadt Berlin. 1. Heft. Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910. Berlin 1913, S. 93f.

Die höhere Bebauung spiegelte sich in der vertikalen Anordnung der Wohnräume wider. Die Bedeutung der unteren Etagen zwischen Keller und erstem Obergeschoß sank folgerichtig von 52,2% auf 34,7%. Damit lagen die Werte des Weddings unterhalb des städtischen Mittels von 36,5%. Fast 65% der Wohneinheiten befanden sich nunmehr im zweiten bis vierten Obergeschoß. Dieser Wert überstieg den Berliner Durchschnitt um 2,2 Prozentpunkte und bedeutete eine völlige Umkehrung der Situation von 1885. Mit einem Anteil von 1,1% blieben Kellerwohnungen ohne jegliche statistische Relevanz.

Auch bei der Wohnungsgröße sind deutliche Unterschiede auszumachen. Nicht mehr Einzimmerwohnungen, sondern Quartiere mit zwei und drei Räumen stellten mit knapp 80% die höchsten Anteile. Dies änderte allerdings nichts daran, daß der Wedding im oberen Marktsegment bei den Wohnungen mit vier und mehr Räumen unterrepräsentiert blieb.

↓181

So augenfällig die Veränderungen auch sind, ist Zurückhaltung bei der Bewertung angebracht. Die Statistik des Jahres 1910 bezieht sich nicht wie 1885 auf die Zahl der heizbaren Zimmer, sondern auf die Gesamtzahl der verfügbaren Wohnräume:

„Als Wohnräume zählen heizbare Zimmer, nicht heizbare Zimmer, Kammern, Mädchenkammern, Alkoven und Küchen (ausschl. gemeinsamer Küche).“188

↓182

Die unterschiedlichen Grundgesamtheiten schränken die Vergleichbarkeit ein. Je schlechter die Ausstattung mit Heizgelegenheiten war, desto stärker machten sich die veränderten Erhebungsparameter bemerkbar. Bedenkt man die schlechte Ausstattung der Wohnungen im Wedding 1885, so dürften die Verzerrungen nicht unerheblich sein. Dies gilt vor allem für die Wohnungsgröße. Die Schwerpunktverlagerung auf zwei bzw. drei Wohnräume könnte in erster Linie dieser Tatsache geschuldet sein.

Tab. 14: Verteilung und Größe der Wohnungen im Wedding und in Gesamt-Berlin 1910.

Wedding/

Gesundbrunnen

ges.

Zahl der Wohnräume

Gesamt

%

abs.

0

1

2

3

4

5

6+

   

Keller

1

90

265

199

80

17

4

1,1

656

Erdgeschoß

14

718

3489

2633

810

278

146

12,9

8088

Hochparterre

0

37

225

214

95

35

32

1,0

638

1. Stock

0

577

4796

4355

1183

703

672

19,7

12286

2. Stock

0

558

5516

5315

1175

628

433

21,8

13625

3. Stock

0

649

6137

5757

1012

433

183

22,7

14171

4. Stock

0

744

5577

5062

870

301

86

20,2

12640

5. Stock

0

32

75

46

4

2

0

0,3

159

mehrere Stockwerke

0

0

15

26

51

35

72

0,3

199

Gesamt (%)

0,0

5,5

41,8

37,8

8,5

3,9

2,6

100,0

62462

Berlin

gesamt

Zahl der Wohnräume

Gesamt

%

abs.

0

1

2

3

4

5

6+

  

Keller

18

1957

6262

6744

2493

575

121

3,3

18170

Erdgeschoß

163

6867

25081

21792

9029

3990

3686

12,7

70608

Hochparterre

0

801

2561

2836

1581

1271

2717

2,1

11767

1. Stock

4

6052

30618

29836

12405

8915

14022

18,4

101852

2. Stock

3

6739

36255

37092

13399

8953

12882

20,8

115323

3. Stock

4

8157

42130

42545

13148

7497

9207

22,1

122688

4. Stock

2

9521

42213

38841

10139

4753

3297

19,6

108766

5. Stock

0

596

1584

918

182

58

36

0,6

3374

mehrere Stockwerke

0

0

52

246

300

257

1214

0,4

2069

Gesamt (%)

0,0

7,3

33,7

32,6

11,3

6,5

8,5

100,0

554617


Quelle: Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Die Einschränkungen gelten nicht für die Verteilung der Wohnungen nach Vorder- und Hinterhaus, da in diesem Falle nur die geschlossenen Wohneinheiten unabhängig von der Zahl der Zimmer erfaßt wurden. Die Bedeutung der Vorderhauswohnungen war insgesamt deutlich zurückgegangen. Lagen 1885 sowohl im Wedding als auch im Berliner Durchschnitt noch 60% der Wohneinheiten zur Straßenfront, waren die Werte bis 1910 im gesamten Stadtgebiet auf 51,6% und im Wedding gar auf 47,8% gesunken. Mehr als die Hälfte der Wohnungen lag nunmehr auf den hinteren Teilen der Grundstücke. Ein Indiz für die zunehmende bauliche Ausnutzung der Grundstücke.

↓183

Tab. 15: Verteilung der Wohnungen nach Vorder- (VH) und Hinterhaus (HH). Wedding und Gesamt-Berlin 1910 (in %).

Wedding

Gesamt-Berlin

VH

HH

VH

HH

Keller

0,6

0,5

1,8

1,5

Erdgeschoß

4,0

8,9

4,6

8,1

Hochparterre

0,5

0,5

1,2

1,0

1. Stock

9,5

10,2

9,7

8,7

2. Stock

10,9

10,9

11,3

9,5

3. Stock

11,6

11,1

12,1

10,0

4. Stock

10,4

9,8

10,4

9,2

5. Stock

0,1

0,1

0,3

0,3

mehrere Stockwerke

0,3

0,1

0,3

0,1

Gesamt (%)

47,8

52,2

51,6

48,4


Quelle: Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Trotz der stärkeren baulichen Verdichtung sank innerhalb des Weddings die Belegungsdichte von 2,6 auf 1,43 Personen je Wohnraum bzw. von 1,9 auf 1,28 im Stadtgebiet. Ob ein direkter Vergleich der Zahlen allerdings zulässig ist, muß offen bleiben. Sollte sich die Vermutung bestätigen, daß in den Zahlen von 1885 u.a. die Küchen nicht berücksichtigt wurden, wäre das Ausmaß des Rückgangs deutlich zu relativieren. Würde man zu jeder Wohnung des Jahres 1885 einen fiktiven Küchenraum hinzurechnen, hätte die Belegungsdichte bereits zu Beginn des Untersuchungszeitraumes ein Niveau von 1,62 Personen erreicht. Zumindest deuten die Zahlen darauf hin, daß die zunehmende bauliche Verdichtung mit keiner Verschärfung der Wohnraumsituation einherging. Trotz der statistischen Unsicherheiten lassen die Werte auf eine Abnahme der Personenzahl je Wohnraum schließen.

In jedem Falle verzeichneten die Zweiraumwohnungen der Vorder- und Hinterhäuser im Jahr 1910 die höchste Belegungsdichte. Erst an zweiter Stelle folgten die Quartiere mit lediglich einem Wohnraum.

↓184

Tab. 16: Belegungsdichte. Wedding und Gesamt-Berlin 1910. (VH = Vorderhaus, HH = Hinterhaus).

Zahl der Wohnräume je Wohnung

Wedding

Berlin

VH

HH

Gesamt

VH

HH

Gesamt

1

1,48

1,54

1,52

1,38

1,44

1,42

2

1,61

1,75

1,71

1,50

1,64

1,60

3

1,35

1,50

1,42

1,25

1,38

1,32

4

1,04

1,19

1,07

0,99

1,09

1,01

5

0,86

1,02

0,87

0,81

0,89

0,82

Gesamt *)

1,27

1,60

1,43

1,13

1,45

1,28


*) In den Gesamtzahlen mußten die Werte der Wohnungen mit sechs und mehr Räumen unberücksichtigt bleiben, da die exakte Zimmerzahl aus der Sammelkategorie nicht zu ermitteln war.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt Berlin (1914), S. 20f.

Im Bereich der infrastrukturellen Ausstattung konstatierte Ascher tiefgreifende Verbesserungen:

↓185

„Selbst für die kleinste Wohnung wurde ein eigenes Klosett verlangt. Gemeinschaftliche Klosetts verschwanden; die früheren dunklen, in irgend einen Winkel eingezwängten Anlagen ohne Luft und Licht waren nicht mehr zulässig.[ 189 ] Jede mittlere und auch ein wesentlicher Teil der kleinen Wohnungen erhielt Badezimmer; Wasserleitung, Gas zum Kochen und zur Beleuchtung waren selbstverständlich, ebenso für die größeren Wohnungen die Anlage für elektrisches Licht. Ohne die Anlage eines Balkons war selbst die kleinste Wohnung schwer vermietbar, für große Wohnungen war außerdem noch der Bau von Erkern Bedingung. Heizung, Warmwasserbereitung, Personenfahrstuhl, Staubsauger, eingemauerte Tresore, Normaluhr und Weckeranlage und anderer moderner Luxus trat in den letzten Jahrzehnten hinzu [...].“190

Zweifellos überzeichnete Ascher die tatsächlichen Verhältnisse. Von einem Wohnluxus war die Masse der Bevölkerung weit entfernt. Trotzdem hat Ascher sicherlich recht, wenn er steigende Wohnansprüche konstatiert.

Ein Blick auf die leerstehenden Wohnungen in der großen Immobilienkrise vor dem Kriegsausbruch untermauert diese Beobachtung. Von dem Leerstand waren - zumindest im Wedding - nicht die großen und teuren Wohnungen zur Straßenfront betroffen, sondern am stärksten die Ein- und Zweizimmerwohnungen mit einem Mietpreis von unter 600 Mk. in den Hinterhäusern.

↓186

Von den am 01. Dezember 1912 im Standesamtsbezirk XIII b (Wedding) leerstehenden 1.879 Wohnungen ohne Gewerberäume lagen 63% auf dem hinteren Teil der Grundstücke, 57% bestanden nur aus einem Zimmer und 58% hatten einen Mietwert von unter 300 Mk. jährlich. Dem standen lediglich 39 Wohnungen mit vier und mehr Zimmern gegenüber, die sich allesamt im Vorderhaus befanden.191 Es stellt sich vor diesem Hintergrund sogar die Frage, ob tatsächlich von einer allgemeinen Immobilienkrise gesprochen werden darf oder ob es sich nicht vielmehr um die Krise eines bestimmten Marktsegmentes handelte. Zumindest widerspricht das Ergebnis einem der zentralen Kritikpunkte der Wohnungsreformer, die vor allem das Fehlen von kleinen und bezahlbaren Wohnungen monierten. Gerade in den niedrigsten Größen- und Preisklassen herrschte das größte Überangebot - auch wenn die Leerstandsquoten freilich keine Rückschlüsse auf die Qualität des Wohnraums zulassen.

Die Statistik bestätigt die Verbesserungen. Gegenüber 1885 hatte der Wedding die sanitären Defizite mehr als kompensiert. Vor allem die großen Neubaugebiete im Standesamtsbezirk XIII b führten zu einem sehr modernen und gut ausgestatteten Wohnungsbestand, der sich an dem fortgeschrittenen technischen Entwicklungsstand orientierte. Bei den meisten Kriterien hatte der Wedding bereits den Berliner Durchschnitt erreicht oder sogar überschritten.

Tab. 17: Indikatoren zur Wohnungs- und Grundstücksausstattung 1910 (in %).

XIII a

XIII b

XIII

Berlin

 

Bewohnte Wohnungen nach ihrer Ausstattung

  

Abort zur alleinigen Benutzung

47,9

67,2

58,5

53,4

  

mit Badezimmer

8,7

13,9

11,5

13,5

  

Warmwasser

0,3

0,4

0,4

1,0

  

mit Gasbenutzung zum Kochen

29,6

38,2

34,3

34,6

  

mit Gasbenutzung zur Beleuchtung

40,5

50,0

45,7

45,0

  

mit elektrischer Beleuchtung

0,8

0,6

0,7

1,7

  

ohne Gas- und elektrische Beleuchtung

59,3

49,9

54,1

54,4

  

  

Bewohnte Grundstücke nach ihrer Ausstattung

  

mit Gasleitung überhaupt

91,4

96,7

94,1

98,9

  

mit elektrischer Leitung überhaupt

25,7

23,2

24,4

39,6

  

ohne Gas- und elektrische Leitung

8,1

3,1

5,5

1,0

  


Anm.: XIII a = Gesundbrunnen, XIII b = Wedding, XIII = Wedding und Gesundbrunnen.

Quelle: Statistisches Amt Berlin (1913), S. 78-81 bzw. (1914), S. 38.

↓187

Fast alle Grundstücke waren nunmehr an das Gasnetz angeschlossen. Der elektrische Strom stand vor dem Durchbruch. In annähernd 60% der Wohnungen befand sich ein separates Klosett, 11 von 100 Wohnungen hatten ein Badezimmer und in mehr als 34% der Wohnungen hatte sich das Gas in der Küche als Brennstoff durchgesetzt. Die 1885 aktuellen Rubriken „Vorhandensein einer Wasserleitung bzw. eines Wasserclosets“ tauchten in der Statistik von 1910 überhaupt nicht mehr auf.

Die verschiedenen Zahlen belegen, wie unmöglich es ist, von „der“ Wohnsituation zu sprechen. Abhängig vom Gebäudealter, Vorder- oder Hinterhaus, der Zimmergröße oder der Etage konnte sich ein vollkommen abweichendes Bild ergeben. Selbst unter dem gleichen Dach waren große bauliche Gegensätze möglich.

Fest steht: Im Untersuchungszeitraum vollzogen sich im Bereich des Wohnungsbaus zwei gegenläufige Entwicklungen. Auf der einen Seite stand die immer stärkere bauliche Ausnutzung der Grundstücke, die den Anteil der Hinterhauswohnungen kontinuierlich steigen ließ. Auf der anderen Seite verbesserte sich die Ausstattung der Wohnungen und auch die Wohndichte zeigte eine abnehmende Tendenz.

↓188

Eine Beurteilung der so viel kritisierten „Mietskaserne“ sollte aus diesem Grund sehr differenziert erfolgen. So berechtigt die Kritik im Einzelfall auch war, gibt der Bewertungsmaßstab den Ausschlag. Je nachdem, ob man von dem maximal möglichen ausgeht oder von dem was in der Vergangenheit war, wird die Beurteilung der Situation eine andere sein. Benevolo brachte die Problematik am besten auf den Punkt, indem er zur Berichterstattung über Elendsquartiere in England und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts feststellte:

„Und wenn damals häufiger über schlechte Wohnungen geklagt wird, dann nicht so sehr deshalb, weil ihre Qualität sich verschlechtert hätte, sondern weil der Pegel, mit dem sie verglichen werden, sich immer mehr erhöht. Der verbesserte Lebensstandard und die neue soziale Einstellung bewirken, daß gewisse Unvollkommenheiten, die ein Jahrhundert früher als unvermeidlich hingenommen wurden, jetzt als unerträglich empfunden werden.“192

III.1.3.2 Wohnformen - Fallbeispiele

III.1.3.2.a)  Das privatwirtschaftliche Mietshaus

↓189

Die statistischen Zahlen vermitteln einen Eindruck von den qualitativen Veränderungen der Bausubstanz im Untersuchungszeitraum. Zwischen der Wohnungsausstattung in den 1880er Jahren und der Zeit vor dem Kriegsausbruch bestand ein signifikanter Unterschied. Dieser bezog sich nicht allein auf die Gegenüberstellung der tradierten Vorortbebauung mit den fünfgeschossigen Mietshausneubauten. Auch zwischen den Neubauten selbst bestanden erhebliche Abweichungen. Trotz aller physiognomischen Ähnlichkeit wichen die Ausstattungsmerkmale zu Beginn und am Ende des Untersuchungszeitraumes deutlich voneinander ab.

Ein geschlossener Mietshauskomplex der 1880er Jahre findet sich u.a. in dem bereits angesprochenen Areal unmittelbar nördlich der Ringbahn (vgl. Abb. 37).193 Im Herbst 1887 kaufte eine Terraingesellschaft - die Grundrenten-Gesellschaft - die gesamten Straßenfront Müllerstraße 163a-168 auf.194Sie sorgte für die Parzellierung und reichte einen einheitlichen Bebauungsplan beim Polizeipräsidium ein. Nach Erbringung der nötigen Vorleistungen - die Müllerstraße mußte an dem betreffenden Straßenabschnitt reguliert, gepflastert und entwässert werden - stand der Baugenehmigung nichts im Wege. Schon ein Jahr später konnte die Gesellschaft das Geschäft als abgeschlossen verbuchen. Mit den erteilten Bauscheinen im Rücken übernahmen private Bauunternehmer die Errichtung der Gebäude.

Die Gebäudestruktur umschloß - abgesehen von den Eckgrundstücken - jeweils zwei Innenhöfe. Ein Vorderhaus, ein Quergebäude und ein Seitenflügel treten als strukturierende Elemente in Erscheinung. Auf dem zweiten Hinterhof sind Remisen und Stallgebäude zu erkennen.

↓190

Abb. 37: Grundstücke der Grundrenten-Gesellschaft 1887 - Müllerstraße 163a-168.

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M (1908).

Keller- oder Dachgeschoßwohnungen waren in den Planungen nicht vorgesehen. Die größten Wohneinheiten lagen im Vorderhaus zur Straßenfront. Das Gebäude Müllerstraße 166 steht stellvertretend für das gesamte Areal (vgl. Abb. 38). Im 1. und 2. Stockwerk bestand das Vorderhaus lediglich aus zwei Wohnungen mit je drei Stuben und einer Küche. Sowohl in den Seitenflügeln als auch im Quergebäude lassen sich dagegen ausschließlich Wohneinheiten mit einer Stube und Küche nachweisen. Das Verhältnis von Ein- zu Drei-Zimmerwohnungen betrug je Stockwerk 7:2.

Die sanitäre Ausstattung differierte hingegen kaum. Sowohl im Vorder- als auch im Hinterhaus lagen die Toiletten im Treppenhaus. Separate Badezimmer existierten nicht. Lediglich ein Vermerk aus dem Jahr 1908 deutet im ersten Seitenflügel den nachträglichen Umbau einer Küche zu einem Baderaum an.195

↓191

Im Erdgeschoß dominierte die Ladennutzung (vgl. Abb. 39). Das Eckgebäude Müllerstraße 163a verdeutlicht das Ausmaß der Einzelhandelsnutzung. Fast die gesamte Straßenfront bestand aus Verkaufsräumen. Nur wenige schmale Wohnstuben unterbrachen die Reihe der Ladenflächen.196 Dies betraf allerdings nur die unmittelbar an den Straßenraum grenzenden Räumlichkeiten. Auf der publikumsabgewandten Seite zum Innenhof blieb die Raumnutzung identisch mit den darüberliegenden Etagen.

Abb. 38: Müllerstraße 166 - Grundriß der Stockwerke 1 und 2.

Quelle: LAB, B Rep. 203, Nr. 9616 (Müllerstraße 166, Bd. 2).

Abb. 39: Erdgeschoß Müllerstraße 163a (Stand 1893).

Quelle: LAB, B Rep. 203, Nr. 2471 (Müllerstraße 163a, Ecke Straße 6).

↓192

Mehr als 20 Jahre später und ca. zwei Kilometer weiter nördlich begann die Bebauung der Otawistraße. Auf der südlichen Straßenseite, direkt gegenüber dem Grundstückskomplex II der BABN,197 hatte die Norddeutsche Immobilien-Aktiengesellschaft bis 1911 für die Erschließung der Grundstücke gesorgt. Aufgrund der bestehenden Immobilienkrise kam die Bebauung nur schleppend voran. Eines der ersten realisierten Gebäude stand auf dem Grundstück Nr. 38.

Abb. 40: Grundstück Otawistraße 38.

Quelle: Verändert nach Stadtplan von Berlin, IV gg und gf-w (1931 und 1940).

Allein der Grundriß offenbart eine deutliche Abweichung von den Bauplänen der Grundrenten-Gesellschaft. Die Grundstückstiefe hatte sich deutlich verringert. Den einzigen Innenhof umgaben zwei Seiten- und ein Quergebäude. Nichts geändert hatte sich dagegen an den unterschiedlichen Wohnungsgrößen zwischen Vorder- und Hinterhaus (vgl. Abb. 41). Im 3. und 4. Stockwerk lagen zur Straßenfront vier Zweizimmerwohnungen. Diesen standen acht Einzimmerwohnungen in den übrigen Gebäudeteilen gegenüber.

↓193

Der entscheidende Unterschied zu den 1880er Jahren lag in der Ausstattung der Wohnungen. Die Toiletten im Treppenhaus waren verschwunden. Selbst im Hinterhaus besaßen alle Wohnungen eine Innentoilette. 50% der Wohneinheiten verfügten sogar über ein eigenes Badezimmer. Lediglich das hintere Quergebäude blieb an diesem Punkt außen vor. Die sanitäre Situation hatte sich insgesamt deutlich verbessert.

Abb. 41: Grundriß Otawistraße 38 - 3. und 4. Stockwerk.

Quelle: Nach LAB, B Rep. 203, Nr. 2708.

III.1.3.2.b) Genossenschaftliches Wohnen

Unter der Dominanz des privatwirtschaftlich-kapitalintensiven Bauens traten in den Jahren des Kaiserreiches alternative Finanzierungs- und Wohnkonzepte nur punktuell in Erscheinung. Ein von öffentlichen Steuermitteln getragener Wohnungsbau existierte nicht. Erst das Preußische Wohnungsgesetz vom 28. März 1918 schuf hierfür die rechtlichen Voraussetzungen.198

↓194

Die einzige statistisch relevante Größe blieben Baugenossenschaften. Ihre Zahl stieg im gesamten Reichsgebiet seit 1889 rasch an. Das in diesem Jahr verabschiedete „Gesetz, betreffend die Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften“ (01. Mai) ermöglichte die Gründung von Genossenschaften mit beschränkter Haftung, wodurch sich das Risiko für die beteiligten Personen minimierte.199 Für das nötige Kapital sorgte neben den Einlagen der Genossen die Invaliditäts- und Altersversicherung des gleichen Jahres (22. Juni 1889). Das über die Versicherung angesammelte Geld konnte den Baugenossenschaften zu günstigen Zinssätzen zur Verfügung gestellt werden.200

Eine dieser Genossenschaften war der Berliner Spar- und Bauverein. Am 09. März 1892 erfolgte der Eintrag in das Genossenschaftsregister.201 Mit einem Mitgliederbestand von über 2.500 Personen (1902) zählte der Verein zu den größten Baugenossenschaften Berlins.202 Das erste vereinseigene Gebäude wurde am 01. Oktober 1894 in der Sickingenstraße 7/8 in Moabit fertiggestellt. Die architektonische Gestaltung übernahm der Regierungsbaumeister Alfred Messel, der zunächst dem Vorstand und ab 1898 dem Aufsichtsrat des Vereins angehörte.203

Die große Schwierigkeit der Baugenossenschaften bestand in der permanenten Diskrepanz von Wohnungssuchenden und fertiggestelltem Wohnraum. Nach Zahlen aus dem Jahr 1902 standen in den Reihen des Spar- und Bauvereins 2.428 Wohnungsbedürftigen 348 Neubauwohnungen gegenüber. Lediglich 14% der Mitglieder konnten eine Wohnung erhalten, während 86% leer ausgingen. Die Vergabe mußte durch Losentscheid erfolgen.204 Um die enorme Nachfrage zu decken, durfte die Bautätigkeit nicht ins Stocken geraten. In schneller Abfolge entstanden über das gesamte Stadtgebiet verteilte Wohnanlagen.205 In den Ansiedlungen des Vereins lebten 1902 1.389 Personen.

↓195

Abb. 42: Gebäudekomplex Nordufer 10-14.

Quelle: Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. H (1908).

Die ersten Aktivitäten des Spar- und Bauvereins im Untersuchungsgebiet sind für das Jahr 1903 nachgewiesen. In diesem Jahr erwarb der Verein das Grundstück am Nordufer 10-14 zwischen der Buch- und Fehmarnstraße. Über das Areal vermerkte der Geschäftsbericht:

↓196

„Wir haben das in der Gegend des Virchow-Krankenhauses unmittelbar neben dem Königlichen Institut für Infektionskrankheiten an dem Nord-Ufer, der Buch- und Fehmarn-Straße gelegene 6000 qm große Grundstück zum Preise von 850 Mk. pro Quadratrute bezw. 60 Mk. pro qm erworben. Das Grundstück hat an dem Nord-Ufer 120 m, an der Fehmarn-Straße 70 m und an der Buch-Straße 25 m Straßenfront, sämtliche 3 Straßen sind asphaltiert. Vor der Front am Nord-Ufer liegt ein 7 ½ m breiter Vorgarten, während das Nord-Ufer selbst eine breite mit drei Baumreihen besetzte Straße bildet, die am Spandauer Schiffahrts-Kanal liegt.

Maßgebend beim Ankauf des Grundstückes waren neben dem tadellosen Baugrund die verhältnismäßig große Straßenfront, die freie Lage und die guten Verbindungen, die der vom Grundstück 5 Minuten entfernt liegende Bahnhof Putlitz-Straße [heute: Beusselstraße] und die nach Eröffnung des neuen Krankenhauses hinzutretenden Straßenbahnen nach allen Teilen der Stadt schaffen.“206

↓197

Auf dem gesamten Areal war der Bau von 191 Wohn- und 8 Geschäftseinheiten vorgesehen. Diese sollten sich wie folgt verteilen:

Tab. 18: Geplante Wohneinheiten Nordufer 10-14 (1903).

Zahl der Wohnungen

Zahl der Stuben

Größe

77

1

nebst Küche und Zubehör

4

2

(kleine)

83

2

(1 große, 1 kleine)

13

2

(beide zweifenstrig)

7

3

(1 große, 2 kleine)

7

3

(2 große, 1 kleine)

dazu:

1 Restaurant

1 Bäckerei

1 Kolonialwaren-Laden

5 Läden


Quelle: Berliner Spar- und Bauverein (1904), S. 5.

Auffällig sind die großen Innenhöfe, die deutlich von den bis dato vorgestellten Grundrißtypen abweichen (vgl. Abb. 43). Von den 6.000 qm Grund und Boden waren lediglich 3.125 qm zur Bebauung vorgesehen - ein Anteil von 52%. Auch die Verteilung der Wohnungen entsprach nicht den bisher vorgestellten Mustern. Die Größen- und Ausstattungsunterschiede zwischen Straßenfront und Innenhof wurden aufgehoben. Die konzipierten Ein- und Zweizimmerwohnungen verteilten sich gleichmäßig über den gesamten Gebäudekomplex. Jede Wohnung verfügte über eine Küche und eine eigene Innentoilette. Die reine Wohnfläche (ohne Küche) variierte zwischen ca. 20 qm in Einzimmerwohnungen und ca. 32 qm in Zweizimmerwohnungen. Die Vermietung begann zum 01. Oktober 1905.

↓198

Auch wenn der Gebäudegrundriß innovative Elemente erkennen ließ, die auf eine Verbesserung der Wohnsituation zielten, blieb der Entwurf stark mit der vorherrschenden Bebauungsstruktur der Umgebung verhaftet. Die Blockrandbebauung und Tiefenerschließung durch Quergebäude blieb erhalten. An diesem Punkt wird die enge Verflechtung mit dem privaten Wohnungsmarkt offensichtlich. Die hohen Bodenpreise schlossen ein grundlegend neuartiges Bebauungskonzept von vornherein aus. Ein Kompromiß zwischen der maximalen und gerade noch rentablen Überbauungsdichte mußte gefunden werden.

Die eigentliche Verbesserung betraf die rechtliche Situation der Bewohnerschaft. Die mit der Genossenschaft abgeschlossenen Mietverträge konnten im allgemeinen nicht gekündigt werden, solange eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft bestand und alle Bestimmungen des Mietkontraktes erfüllt wurden. Mieterhöhungen waren nur bei einem etwaigen Wohnungswechsel möglich. Die Mieter erhielten de facto den Status von Wohnungseigentümern.207

Abb. 43: Grundriß Nordufer 10-14 - 3. und 4. Stockwerk.

Quelle: Berliner Spar- und Bauverein (1904), Blatt 4.

III.1.4 Zwischenfazit

↓199

In den drei Jahrzehnten vor dem Kriegsausbruch hatte sich das Gesicht des Untersuchungsgebietes grundlegend gewandelt. Obwohl der Wedding zunächst kein bevorzugtes Investitionsobjekt darstellte, war die Mietshausbebauung punktuell bis an den nördlichen Stadtrand vorgedrungen. Eine geschlossene Blockrandbebauung dominierte in immer stärkerem Maße das Straßenbild.

Greift man auf die drei Ausgangsfragen zurück, bleibt festzuhalten:

  1. Die Bebauung erfolgte schubweise. Auf eine erste Hochphase der Baukonjunktur zu Beginn der 1890er Jahre folgte ein Einbruch, der bis zur Jahrhundertwende andauerte. Die nun einsetzende Belebung erreichte ihren Höhepunkt 1907. Bis zum Kriegsausbruch war die Entwicklung erneut rückläufig und erreichte 1911/12 ihren absoluten Tiefpunkt.
    Für das Untersuchungsgebiet wurden vor allem die Jahre zwischen 1900 und 1910 prägend. Die fast zeitgleiche Errichtung von drei in sich geschlossenen Neubauvierteln im Norden und Westen führte zu einem städtebaulichen Südost-Nordwest-Gefälle. Mit der baulichen Expansion nach außen auf bis dato unerschlossenes Gelände ging eine zunehmende Verdichtung nach innen einher - ohne allerdings den Nachweis für eine zeitlich getrennte, von außen nach innen gerichtete Entwicklung erbringen zu können.
    Den rechtlich-planerischen Rahmen setzten der Hobrecht-Plan von 1862 und das preußische Fluchtliniengesetz von 1875. Während der Bebauungsplan ein Straßenraster für die Umgebung Berlins projektierte und damit den Startpunkt für eine ausgedehnte Bodenspekulation gab, erhöhten die gesetzlichen Bestimmungen des Jahres 1875 auf entscheidende Weise die finanziellen Hürden für die Baulanderschließung. Die Verpflichtung, als Vorableistung in finanzieller Eigenregie neues Straßenland anzulegen und für die Entwässerung zu sorgen, drängte Privatpersonen als Initiatoren von Bauprojekten in den Hintergrund. Eine zum überwiegenden Teil kreditfinanzierte Verwertungskette des Bodens unter dem maßgeblichen Einfluß aktienkapitalgestützter Terraingesellschaften bestimmte zunehmend das Geschehen. Die Verfügbarkeit von zinsgünstigen Hypotheken, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und die topographische Lage des zur Bebauung anstehenden Geländes wurden zu den maßgeblichen Faktoren für die raum-zeitliche Differenzierung der Bautätigkeit.
  2. Die kartographische Darstellung der Flächennutzungskategorien offenbarte ein überaus heterogenes Verteilungsmuster. Der räumlichen Konzentration der Gewerbeflächen beiderseits der Ringbahn standen die Neubauviertel des Nordwestens mit ihrer fast ausschließlichen Wohnnutzung gegenüber. Vor dem Hintergrund einer möglichst rentablen Ausnutzung der Baugrundstücke führte das Zusammenwirken von spekulativem Bodenmarkt und veränderten Bauordnungsvorschriften zu einer funktionale Trennung - unabhängig von jeglicher Flächennutzungsplanung.
    Demgegenüber stehen die Abdeckerei und das Rudolf-Virchow-Krankenhaus stellvertretend für die große Bedeutung öffentlicher Einrichtungen auf den Prozeß der Stadterweiterung. Bremste der Abdeckereibetrieb lange Zeit die Entwicklung nach Norden, führte der Krankenhausneubau am Spandauer Schiffahrtskanal zu einer beschleunigten Bebauung nach Westen. Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, die Anlage des Schillerparks und der geplante Bau der Unterpflasterbahn markierten zugleich den entscheidenden Schritt von einer quantitativen hin zu einer qualitativen Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur. Darüber hinaus bleibt das Engagement privatwirtschaftlicher Investoren wie der BABN hervorzuheben, die mit ihrem - wenn auch gescheiterten - Schnellbahnprojekt bereits die zukünftige Entwicklung vorwegnahm.
  3. Die Berliner Bauordnungsvorschriften hatten neben der funktionalen Trennung der Flächennutzungskategorien entscheidenden Einfluß auf die Wohnverhältnisse. Der ökonomische Zwang zu einer maximalen baulichen Ausnutzung der Grundstücke, war gleichbedeutend mit einer möglichst optimalen Ausnutzung des gesetzlich Zulässigen. Abhängig von den Abmessungen des Bauplatzes vollzog sich eine Standardisierung der Gebäudeformen. Fünf Stockwerke mit maximal 22 m Höhe schufen seit der Bauordnung von 1887 den äußeren Rahmen. Trotz abnehmender Grundstückstiefen stieg der Anteil der Hinterhausbewohner bis zum Kriegsausbruch kontinuierlich an.
    Mit der enormen Neubautätigkeit ging eine vertikale Verschiebung des Wohnens einher. Zugleich verbesserten sich die Ausstattungsmerkmale entscheidend. Wasserclosets in den Wohnungen samt Badeeinrichtungen waren aus den späten Neubauten nicht mehr wegzudenken.
    Innerhalb der Gebäude kann ein deutliches qualitatives Gefälle zwischen den Vorder- und Hinterhäusern nachgewiesen werden. Während die Wohnungen zur Straßenfront größer und besser ausgestattet waren, sank mit zunehmender Grundstückstiefe der Standard. Einzige Ausnahme bildeten offensichtlich genossenschaftliche Bauten, deren Anzahl allerdings sehr begrenzt blieb.

III.2 Wirtschafts- und Sozialstruktur

↓200

Der Wirkungszusammenhang von beruflicher Tätigkeit, dem Beschäftigungsort und der Wahl des Wohnstandortes gibt die Veranlassung zu einer integrierten Betrachtung der Wirtschafts- und Sozialstruktur. Aus soziologischer Perspektive wird „Sozialstruktur“ als „Gesamtheit der relativ dauerhaften Grundlagen und Wirkungszusammenhänge sozialer Beziehungen und der sozialen Gebilde wie Gruppen, Institutionen und Organisationen einer Gesellschaft“208 definiert. Nach Schäfers lassen sich acht Elemente und Bereiche einer Sozialstrukturanalyse umreißen:

„die Bevölkerungsstruktur und die Bestimmungsgründe für bestimmte Formen des generativen Verhaltens;
Struktur und Wandel des ökonom. Systems, der Berufs- und Produktionssektoren (Struktur von Lohnarbeit und Kapital, des Zusammenhangs von betrieblicher Arbeit mit der sozialen Position und dem sozialen Prestige von Individuen und Gruppen, von betrieblicher Arbeit mit der sozialen Sicherheit, der sozialen Mobilität, der Freizeit, Gesundheit, etc.);
Struktur und Wandel des pol. Systems, vor allem des Staates und der Parteien;
Struktur und Wandel des Systems der sozialen Sicherheit, des Zusammenhangs mit dem Arbeitsverhältnis, der Einkommens- und Vermögensstruktur;
Struktur und Wandel der wichtigsten sozialen Gruppen in der Gesellschaft: der Familie, der Jugend, der Wohnkollektive, der Vereine, der Freizeitgruppen, der Nachbarschaft etc.;
Struktur und Wandel der Siedlungsformen von Städten und Gemeinden;
Struktur und Wandel des Bildungs- und Ausbildungssystems (Differenzierung des Schul- und Hochschulwesens, der Ausbildungsstätten, der Institutionen der Weiterbildung etc.);
Struktur und Wandel des kulturellen Systems, z.B. der Normen und Werte, der religiösen Anschauungen, der pol. Kultur.“209

↓201

Dieser sehr breit gefächerte Definitionsansatz widerspricht dem eingangs formulierten Untersuchungskonzept. Nicht eine auf die Gesellschaft gerichtete Sozialstrukturanalyse im Sinne von Schäfers dient als Zielstellung. Die Fokussierung auf den Raum erfordert - trotz aller Überschneidungslinien - eine abweichende inhaltliche Ausrichtung, die u.a. den Städtebau als eigenständige Bezugsgröße anerkennt und nicht auf eine analytische Ebene im Rahmen einer übergeordneten gesellschaftlichen Gesamtentwicklung reduziert.

Der Begriff „Sozialstruktur“ muß eine inhaltliche Konkretisierung erfahren, die der eigenen Fragestellung gerecht wird. Der angestrebte ökonomische Kontext und die Einsatzmöglichkeiten des Quellenmaterials legen es nahe, die Stellung im Beruf resp. die Schichtzugehörigkeit als zentrale Indikatoren einer Sozialstruktur im engeren Sinne festzulegen.

Ziel ist es, die im Rahmen der städtebaulichen Analyse gewonnenen Ergebnisse in einen sozioökonomischen Kontext zu stellen und weiter zu vertiefen. Die Verknüpfung von branchenspezifischen Produktionsstandorten mit dem Wohnsitz und dem sozialen Status der Beschäftigten leitet zugleich einen Perspektivwechsel von der rein städtebaulichen Ebene hin zu einer personenbezogenen Betrachtung räumlicher Verteilungsmuster ein. Es gilt die Frage zu klären, inwieweit bestimmte städtebauliche Strukturen zu einer sozialräumlichen Differenzierung führten.

↓202

Die Analyse selbst beruht auf einer dreistufigen Vorgehensweise. Zur Einordnung in die Thematik wird zunächst ein Blick auf einige grundlegende sozioökonomische Entwicklungsfaktoren anzustellen sein. Dies beinhaltet u.a. eine allgemeine Auseinandersetzung mit den zu beobachtenden gesamtwirtschaftlichen Konjunkturzyklen, der Arbeitsmarktsituation und der Entwicklung des Reallohnniveaus. In einem zweiten Schritt steht die Branchenstruktur zur Diskussion. Anhand der Beschäftigtenstatistik gilt es, Veränderungen nachzuzeichnen und die für den Wedding relevanten Leitbranchen zu identifizieren. Diese werden in einem dritten Schritt einer separaten Analyse unterzogen. Jede Leitbranche wird - soweit dies im Einzelfall möglich und sinnvoll ist - aus drei Perspektiven beleuchtet:

  1. An erster Stelle steht eine Betrachtung der Beschäftigtenstruktur. Nach einer Gegenüberstellung mit der Situation in den anderen Berliner Stadtteilen wird für jede Branche die Frage nach den räumlichen Verteilungsmustern der Wohnstandorte innerhalb des Untersuchungsgebietes aufgegriffen und eine Verbindung zur beruflichen Stellung der Arbeitnehmerschaft hergestellt.
  2. Basierend auf der Flächennutzungsanalyse von Kapitel 1.2 folgt eine möglichst exakte Verortung der vorhandenen Produktionskapazitäten. Die räumliche Anordnung erlaubt gegebenenfalls Rückschlüsse auf die Wohnstandortwahl.
  3. Schließlich wird zu jeder Branche ein Fallbeispiel - sei es ein einzelnes Unternehmen oder ein zeitgenössischer Situationsbericht - exemplarisch herausgegriffen, um auf charakteristische Merkmalsausprägungen des jeweiligen Wirtschaftszweiges im Detail eingehen zu können.

III.2.1  Sozioökonomische Rahmenbedingungen

Nach dem Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in langen Wellen markierte der Untersuchungszeitraum eine Phase des technologischen Umbruchs. Der Eisenbahnbau und die Schwerindustrie, die seit den 1850er Jahren die Industrialisierung Deutschlands entscheidend beeinflußt hatten, verloren zunehmend an Dynamik. Basisinnovationen wie die Erfindung des Elektro- und Benzinmotors veränderten das Wirtschaftsgefüge von Grund auf. Die Chemische Industrie sowie die Elektro- und Automobilindustrie stiegen zu den neuen Leitsektoren des beginnenden 20. Jahrhunderts auf.

↓203

Abb. 44: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung in „langen Wellen“.

Quelle: Schätzl, Ludwig: Wirtschaftsgeographie 1. Theorie. 6. überarb. u. erw. Aufl. Paderborn u.a. 1996, S. 203.

Der wirtschaftliche Einbruch des Jahres 1873 gilt gemeinhin als Endpunkt der Durchbruchsphase der „Industriellen Revolution“ in Deutschland.210 Nicht mehr die Landwirtschaft, sondern der industriell-gewerbliche Sektor bildete fortan den maßgeblichen Faktor wirtschaftlichen Wachstums.

↓204

„Konjunkturschwankungen und -zyklen werden wirtschaftliches, ja allgemein menschliches Schicksal, sie ersetzen die vormals lebensbestimmenden Erntezyklen, den Wechsel von guten Ernten und ‚Mißernten‘.“211

Es kann an dieser Stelle nicht das Ziel sein, die Vor- und Nachteile der vielfältigen Berechnungsverfahren zur Darstellung konjunktureller Schwankungen einer kritischen Diskussion zu unterziehen. Abhängig von dem gewählten Ansatz und den berücksichtigten Indikatoren wird das Ergebnis im Detail ein anderes sein.212 Das Augenmerk ist statt dessen auf eine grundlegende Abgrenzung von Auf- und Abschwungphasen gerichtet. Eine Möglichkeit bietet die Skizzierung einer Verlaufskurve nach der jährlichen Wachstumsrate des Nettoinlandproduktes in Preisen.213

Abb. 45: Deutsches Reich. Jährliche Wachstumsrate des Nettoinlandprodukts in Preisen von 1913.

Anm.: Die Kurve beruht auf den Angaben von Hoffmann, Walter G.: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Berlin u.a. 1965, S. 26. Für die drei mit (2) markierten Jahre (1872, 1897, 1898) kommen Hohorst u.a. nach Kontrollrechnungen auf abweichende Werte: für 1872 statt 8,1% auf 7,0%, für 1897 statt 3,6% auf 2,9% und 1898 statt 3,6% auf 4,3%.

Quelle: Hohorst u.a. (1978), S. 92f.

↓205

Die Konjunkturforschung gliedert den Untersuchungszeitraum in zwei übergeordnete Entwicklungsabschnitte mit dem Jahr 1895 als Wendepunkt. Die davorliegenden Jahre werden gemeinhin - entweder direkt oder indirekt - mit dem Konjunktureinbruch von 1873 in Verbindung gebracht. Während die ältere Forschung der 1960er und 70er Jahre für die Zeitspanne von 1874 bis 1894 den Begriff der „Großen Depression“ prägte,214 legen neuere Untersuchungen seit den Arbeiten von Spree eine Modifikation zugunsten einer relativen Stockungsphase nahe. Dem stehen die knapp zwanzig Jahre bis zum Kriegsausbruch gegenüber, die von einem nahezu ununterbrochenen wirtschaftlichen Aufschwung gekennzeichnet waren.

Nach Spiethoff lassen sich für das Deutsche Reich zwischen 1885 und 1913 innerhalb dieser übergeordneten Zweiteilung jeweils vier kürzere Aufschwung- und Stockungsperioden unterscheiden.215

Stockungsspanne bis 1894:

1883-1887: Stockung

5 Jahre

1888-1890: Aufschwung

3 Jahre

1891-1894: Stockung

4 Jahre

Aufschwungspanne 1895-1913:

1895-1900: Aufschwung

6 Jahre

1901-1902: Stockung

2 Jahre

1903-1907: Aufschwung

5 Jahre

1908-1909: Stockung

2 Jahre

1910-1913: Aufschwung

4 Jahre

↓206

Die Konjunkturschwankungen bestimmten die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Hatte noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Abwertung der eigenen Arbeitsleistung durch den vorhandenen Arbeitskräfteüberschuß das größte Risiko eines Arbeitnehmers dargestellt, rückte mit der voranschreitenden Industrialisierung der temporäre Verlust des Arbeitsplatzes immer stärker in das Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit.

Das sich erst langsam entwickelnde Problembewußtsein drückt sich in dem vorhandenen statistischen Datenmaterial aus.216 Von den Volkszählungen befaßte sich vor 1914 allein die Volks- und Berufszählung des Jahres 1895 mit Fragen der Arbeitslosigkeit. In allen früheren und späteren Erhebungen wurde die Thematik ausgeklammert.

Als alternative Quelle bieten sich die Zahlen der öffentlichen Arbeitsnachweise an, deren Anfänge auf die Armenpflege zurückgehen.217 Die Trägerschaft dieser Arbeitsnachweise lag in der Regel in kommunaler Hand. Eine Ausnahme bildete Berlin, wo sich im Jahr 1883 ein Centralverein-Arbeitsnachweis konstituiert hatte.218 Der Erfolg des Vereins führte dazu, daß die Stadt Berlin bis zum Kriegsausbruch zugunsten der Vereinsarbeit auf die Errichtung eines eigenen städtischen Arbeitsamtes verzichtete. Die Initiatoren setzten sich zum überwiegenden Teil aus Fabrikbesitzern, Kaufleuten, Handwerksmeistern und anderen Gewerbetreibenden bzw. Firmen zusammen. Um die Arbeitgeber zur Meldung von freien Stellen zu motivieren, blieb für sie die Inanspruchnahme der Dienstleistungen des Vereins kostenlos. Arbeitsuchende hatten eine Einschreib- und Vermittlungsgebühr zu entrichten.

↓207

In den Anfangsjahren lag die jährliche Zahl der Vermittlungen bei durchschnittlich 6.000 bis 7.000. Nur langsam nahm die Frequentierung zu. Erst als in den Jahren 1894/95 in Übereinkunft mit den Handwerksinnungen vier Facharbeiternachweise das Angebot erweiterten, begann ein größerer Personenkreis, die Leistungen des Vereins in Anspruch zu nehmen. Erst für die Folgejahre läßt das bereitgestellte Zahlenmaterial verwertbare Rückschlüsse auf die Arbeitsmarktsituation zu, zumal belegt ist, daß Arbeitern ohne Erfolgsaussichten von einer Registrierung abgeraten wurde.219 Da auch in der Folgezeit nur ein Teil der Stellenvermittlungen über den Centralverein abgewickelt wurde, bleibt in jedem Fall eine zurückhaltende Interpretation angebracht.

Die folgende Auflistung kann nicht mehr als einen Eindruck von der tatsächlichen Situation vermitteln. Sie stellt die im Centralverein registrierten Arbeitsgesuche den vorhandenen offenen Stellen und getätigten Vermittlungen gegenüber.220 Nach den vorliegenden Angaben bestand eine Korrelation der Arbeitslosenzahlen mit der Gesamtkonjunktur. Die Rezessionsjahre 1901/02 und 1908/09 führten offensichtlich zu einer deutlich verschärften Lage auf dem Berliner Arbeitsmarkt.

Tab. 19: Arbeitsmarktsituation im Stadtkreis Berlin 1897-1913.

Arbeit suchende

Offene Stellen

Vermittlungen

Arbeit suchende/

Offene Stelle

1897

29.727

-

22.705

-

1898

34.317

-

24.141

-

1899

39.177

-

30.363

-

1900

48.432

48.040

38.393

1,01

1901

41.319

31.339

26.600

1,32

1902

49.552

37.935

30.534

1,31

1903

74.541

60.691

46.616

1,23

1904

99.874

90.499

67.017

1,10

1905

132.950

125.200

90.058

1,06

1906

167.827

142.740

107.398

1,18

1907

167.831

125.454

100.917

1,34

1908

158.795

107.176

88.767

1,48

1909

162.211

122.983

99.827

1,32

1910

204.960

176.914

138.389

1,16

1911

243.828

218.043

176.977

1,12

1912

245.086

201.937

166.069

1,21

1913

224.337

158.481

133.795

1,42

↓208

Eine Arbeitslosenquote läßt sich aus den Zahlen nicht berechnen. Einen Anhaltspunkt liefert Kuczynski, der für das gesamte Reichsgebiet eine Schätzung der Werte vornahm. Die höchste Arbeitslosigkeit bestand demnach mit 6,0% und 7,2% in den Rezessionsjahren 1892 und 1901. Extreme Schwankungen kennzeichneten die Entwicklung:

Tab. 20: Deutsches Reich. Geschätzte Arbeitslosigkeit 1887-1913.

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

Jahr

Prozent

1887

1,0

1894

3,5

1901

7,2

1908

2,9

1888

4,5

1895

3,5

1902

3,2

1909

2,8

1889

1,0

1896

1,0

1903

2,7

1910

1,9

1890

2,5

1897

1,5

1904

2,1

1911

1,9

1891

4,5

1898

1,0

1905

1,6

1912

2,0

1892

6,0

1899

1,5

1906

1,2

1913

2,9

1893

3,5

1900

2,5

1907

1,6


Quelle: Kuczynski, Jürgen: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1871 bis 1900. (Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Teil 1. Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis zur Gegenwart, Bd. 3) Berlin 1962, S. 266 und ders.: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1900 bis 1917/18. (Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Teil 1. Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis zur Gegenwart, Bd. 4) Berlin 1967, S. 315.

Eine abschließende Beurteilung der Arbeitsmarktsituation ist nur eingeschränkt möglich. Die Lückenhaftigkeit des Quellenmaterials läßt lediglich einige grundlegenden Aussagen zu. Offensichtlich erlangte der Verlust des Arbeitsplatzes nur in wenigen gesamtwirtschaftlichen Krisenjahren größere Ausmaße. Ein konjunktureller Aufschwung sorgte im Gegenzug für einen raschen und nahezu vollständigen Abbau der Erwerbslosigkeit. Viel wichtiger als die Argumentation mit Jahresdurchschnittswerten erscheint das Phänomen der saisonalen Freistellung von Arbeitskräften, die vor allem in den Wintermonaten für einen erheblichen Teil der Beschäftigten zu einem prägenden Element des Alltags wurde:

↓209

Tab. 21: Saisonale Arbeitslosigkeit in Deutschland. Arbeitsuchende auf 100 offene Stellen nach den Angaben der Arbeitsnachweise 1910-1913.

Jan.

Feb.

Mrz.

Apr.

Mai

Jun.

Jul.

Aug.

Sep.

Okt.

Nov.

Dez.

1910

155,1

142,3

118,3

127,7

131,4

130,4

124,0

114,3

109,2

131,4

150,7

146,8

1911

136,9

129,7

108,7

107,6

112,6

109,9

110,6

111,6

107,7

127,3

151,9

141,1

1912

167,1

167,8

152,2

128,6

135,0

139,4

135,3

130,3

132,9

128,7

161,7

159,6

1913

159,6

165,7

161,4

144,2

142,5

148,6

151,0

155,7

156,2

163,4

200,7

195,2


Quelle: Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie. Bericht der Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin. (Jg. 1911, Bd. I) Berlin 1912, S. 7, (Jg. 1912, Bd. I) Berlin 1913, S. 10 und (Jg. 1913, Bd. I) Berlin 1914, S. 12.

Mit der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen ist schließlich die Frage der Entlohnung verbunden. Zur Bestimmung der Reallohnentwicklung stehen verschiedene Berechnungs- und Schätzungsverfahren zur Verfügung. Ritter/Tenfelde stellen die Ergebnisse von drei Autoren zur Diskussion:

Abb. 46: Nominallohn, Lebenshaltungskosten und Reallohn im Kaiserreich. Indizes 1871-1913. (1895 = 100%).

Anm.: K = Kuczynski, D = Desai, O = Orsagh.

Quelle: Ritter, Gerhard A. und Tenfelde, Klaus: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914. Bonn 1992, S. 492. Verändert nach Kuczynski (1962), S. 295-302. Kuczynski (1967), S. 326-331. Desai, Ashok V.: Real Wages in Germany 1871-1913. Oxford 1968, S. 112, 117 und 125 sowie Orsagh, Thomas J.: Löhne in Deutschland 1871-1913. Neuere Literatur und weitere Ergebnisse. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 125 (1969), S. 476-483.

↓210

Der Nominallohnindex entspricht dem durchschnittlichen Bruttojahresverdienst. Nach Hohorst u.a. (1978) sind die Berechnungen von Desai und Orsagh den Zahlen von Kuczynski vorzuziehen, da sich beide ab 1887 auf die Berichte der Berufsgenossenschaften an das Reichsversicherungsamt über die in der Unfallversicherung erfaßten Personen und ihr Einkommen stützen, wohingegen Kuczynski mit heterogenem Datenmaterial argumentiert.221

Bei der Erstellung eines Index der Lebenshaltungskosten ist die Auswahl der zugrundegelegten Variablen entscheidend. Während sich Kuczynski auf Nahrungsmittel und Mieten beschränkt, bezieht Desai zusätzlich Kleidung, Brennstoff und Beleuchtung ein.222

Den Zusammenhang von Nominallohn und Lebenshaltungskosten drückt der Reallohnindex aus. Er gibt Auskunft über die tatsächliche Kaufkraft und beruht auf der Formel:

↓211

Im Grundsatz stimmt die Tendenz der Ergebnisse überein. Sowohl Kuczynski als auch Desai und Orsagh berechneten einen deutlichen und kontinuierlichen Anstieg der Nominallöhne, der sich v.a. nach der Jahrhundertwende beschleunigte. Dagegen bestand offensichtlich eine Koppelung der Lebenshaltungskosten an den Verlauf der Gesamtkonjunktur. Alle drei Autoren konstatieren nach einer uneinheitlichen Entwicklung mit Preisanstiegen (1871-1875 und 1885-1890) und -rückgängen (1875-1885 und 1890-1895) ab dem Referenzjahr 1895 eine bis zum Kriegsausbruch anhaltende Expansion des durchschnittlichen Kostenniveaus.

Der entscheidende Unterschied ist in der Rubrik der Reallöhne zu suchen. Da Kuczynski den niedrigsten Anstieg der Nominallöhne und die höchste Zunahme der Lebenshaltungskosten zugrundelegte, trat nach seinen Berechnungen mit der Jahrhundertwende eine Stagnation der Reallohnentwicklung ein. Dem widersprechen die Ergebnisse von Desai und Orsagh. Ihre Werte deuten lediglich auf einen verlangsamten Anstieg hin.

↓212

Ritter/Tenfelde führen den verlangsamten Anstieg auf eine verschlechterte Marktposition der Arbeitnehmer zurück. Sie argumentieren einerseits mit einem vermehrten Arbeitskräftepotential im Zuge der Geburtenentwicklung und der Umkehrung der Außenwanderungsbilanz. Andererseits verweisen sie auf Erklärungsansätze, die die hohen Reallohnsteigerungen zwischen 1871 und 1890 mit technischen Fortschritten in der Konsumgüterindustrie und den daraus resultierenden sinkenden Produktionskosten und Preisen in Verbindung bringen. Dabei handelte es sich um Einmaleffekte, die sich in dieser Form nicht reproduzieren ließen.223

Die Auflistung der sozioökonomischen Einflußfaktoren könnte an dieser Stelle beliebig vertieft und ausgeweitet werden. Der Aufstieg der Arbeiterbewegung, der Erfolg und Verlauf von Arbeitskämpfen oder die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre hätten ebenfalls eine Berechtigung, Erwähnung zu finden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit sei jedoch zunächst auf eine Darstellung verzichtet. Im Rahmen der Erörterungen wird gegebenenfalls auf weitere Faktoren einzugehen sein.

Als Orientierungsrahmen bleibt der sich im Untersuchungszeitraum vollziehende technologische Umbruch, die schwankende konjunkturelle Entwicklung mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und der zu beobachtende langfristige Anstieg des durchschnittlichen Reallohnniveaus festzuhalten.

III.2.2 Branchen- und Beschäftigtenstruktur

↓213

Als Datengrundlage für die Abgrenzung von Leitbranchen dienen die Volkszählungsergebnisse der Jahre 1885, 1900 und 1910. Die vom Statistischen Amt der Stadt Berlin bereitgestellten Zahlen ermöglichen eine Differenzierung der Wohnbevölkerung nach der Berufstätigkeit.

Für das Jahr 1885 ergibt sich folgende Verteilung:

Tab. 22: Beschäftigtenanteile nach Berufsgruppen 1885. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin (in %).

Branche

XIII

Gesamt-Berlin

Differenz

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

10,95

15,18

-4,23

2

Metallverarbeitung

8,81

4,88

+3,93

3

Handelsgewerbe

6,34

11,07

-4,73

4

Baugewerbe

5,66

4,20

+1,46

5

Häusliche Dienste

5,21

13,09

-7,88

6

Privat-Verkehrsgewerbe

4,42

2,33

+2,09

7

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

4,28

4,88

-0,60

8

Papierindustrie (Papier + Leder)

3,79

2,24

+1,55

9

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

3,20

8,50

-5,30

10

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,03

2,95

+0,08

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

2,68

1,82

+0,86

12

Gast- und Schankwirtschaft

1,23

1,96

-0,73

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

27,10

11,52

+15,58

Ohne Beruf und Berufsangabe

7,00

8,24

-1,24

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II) (1891), S. 79.

↓214

Unter den zwölf zahlenmäßig stärksten Berufsgruppen stand das Bekleidungsgewerbe an erster Stelle. Annähernd 11% der Beschäftigten fanden in diesem Wirtschaftszweig ihr Auskommen. Trotz der Spitzenstellung blieb der Wedding damit um mehr als 4 Prozentpunkte hinter dem Gesamt-Berliner Durchschnittswert zurück. Es folgten die Metallverarbeitung mit knapp 9% und bereits mit deutlichem Abstand das Handelsgewerbe mit 6,3%. Während der Anteil der Metallverarbeitung fast doppelt so hoch wie im gesamten Stadtgebiet lag, erreichten die Werte des Handelsgewerbes nur etwas mehr als die Hälfte des städtischen Mittels. Der Maschinenbau spielte mit einem Beschäftigtenanteil von weniger als 3% lediglich eine untergeordnete Rolle und belegte den elften Rang. Auffällig ist der extrem hohe Wert der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“. Mehr als ein Viertel der Arbeitnehmerschaft war zu dieser Kategorie zu rechnen. Damit lag der Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen um mehr als 15% über dem Berliner Mittelwert. Auffällig sind weiterhin die unterdurchschnittlich entwickelten Anteile der Häuslichen Dienste (5) und des Öffentlichen Sektors (9).

Die Statistik erlaubt ferner eine Unterscheidung der Beschäftigten nach „Selbständigen“ und „Abhängigen“:

Tab. 23: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1885. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin.

Branche

XIII

Berlin

A/S

A/S

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

1,3

0,9

2

Metallverarbeitung

16,6

7,3

3

Handelsgewerbe

0,4

1,2

4

Baugewerbe

11,9

6,6

5

Häusliche Dienste

-

-

6

Privat-Verkehrsgewerbe

1,1

1,6

7

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

6,0

4,4

8

Papierindustrie (Papier + Leder)

10,5

3,9

9

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

-

-

10

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

2,6

2,9

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

7,6

4,1

12

Gast- und Schankwirtschaft

0,3

1,0

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

Ohne Beruf und Berufsangabe

-

-


Anm.: Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II) (1891), S. 79.

↓215

Es fällt auf, daß bei den dienstleistungsorientierten Berufsgruppen wie dem „Handelsgewerbe“, dem „Privat-Verkehrsgewerbe“ sowie der „Gast- und Schankwirtschaft“ der Wedding im Vergleich zum städtischen Durchschnitt einen sehr geringen Anteil abhängig Beschäftigter aufwies. Dies deutet auf sehr kleinteilige Strukturen hin. Demgegenüber steht das produzierende Gewerbe mit einem - abgesehen von der Industrie der Nahrungs- und Genußmittel - überdurchschnittlich hohen Arbeitnehmeranteil.

Fünfzehn Jahre später - 1900 - hatte sich die Situation wie folgt gewandelt:

Tab. 24: Beschäftigten- und Branchenanteile nach Berufsgruppen 1900. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin (in %).

1885

Branche

Beschäftigtenanteil 1)

Branchen-anteil 2)

XIII

Berlin

Differenz

 

1

(1)

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

12,51

15,67

-3,16

5,21

2

(2)

Metallverarbeitung

12,39

6,58

+5,81

12,28

3

(3)

Handelsgewerbe

8,84

13,10

-4,26

4,40

4

(11)

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

8,22

4,35

+3,87

12,32

5

(4)

Baugewerbe

7,71

5,24

+2,47

9,60

6

(5)

Häusliche Dienste

5,19

10,00

-4,81

3,38

7

(10)

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

4,58

3,72

+0,86

8,02

8

(6)

Privat-Verkehrsgewerbe

4,48

1,95

+2,53

14,95

9

(8)

Papierindustrie (Papier + Leder)

4,26

2,97

+1,29

9,35

10

(7)

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

3,90

4,50

-0,60

5,64

11

(9)

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

3,54

7,94

-4,40

2,90

12

(-)

Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbetrieb

1,90

2,64

-0,74

4,70

weitere Branchen mit ...

... > 10%

Chemische Industrie

1,26

0,53

+0,73

15,50

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

0,83

0,45

+0,38

11,99

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

3,50

1,80

+1,70

12,65

Ohne Beruf und Berufsangabe

10,45

9,85

+0,60

6,92

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0


1) Anteil der jeweiligen Branche an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Weddings bzw. Gesamt-Berlins (Wedding bzw. Berlin gesamt = 100%).
2) Anteil des Stadtteils Wedding an den in Gesamt-Berlin in der jeweiligen Berufsgruppe Beschäftigten (Berufsgruppe in Gesamt-Berlin = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme Ende Oktober 1900 sowie die Wohnungs- und die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1900 in der Stadt Berlin. Zweite Abteilung. Bevölkerungs-Aufnahme. Berlin 1904, S. 91-113.

↓216

Trotz der unveränderten Reihenfolge von Bekleidungsgewerbe, Metallverarbeitung und Handelsgewerbe hatten sich die Schwerpunkte deutlich verschoben. Der metallverarbeitende Sektor befand sich nunmehr annähernd gleichauf mit dem Bekleidungsgewerbe und wies mit 12,4% einen Wert auf, der noch weitaus deutlicher den Berliner Durchschnitt überstieg als 1885. Einen noch gewaltigeren Zuwachs erlebte der Maschinenbau. Der Beschäftigtenanteil war um mehr als 5,5% auf 8,2% gestiegen. Mit diesen Werten schob sich der Maschinenbau an die vierte Stelle der Berufsstatistik und lag ebenfalls weit über den Zahlen von Gesamt-Berlin.

Die Statistik des Jahres 1900 bietet im Gegensatz zu 1885 die Möglichkeit, die Verteilung einzelner Berufsgruppen über das Stadtgebiet zu berechnen (Branchenanteil).224 Bezogen auf Gesamt-Berlin stellte die Chemische Industrie die höchsten Werte. 15,5% aller in Berlin in dieser Branche Beschäftigten hatten ihren Wohnsitz im Wedding. Es folgte die Lederindustrie mit 15,47% und das Private Verkehrsgewerbe mit 14,95%. Auch die Bereiche Metallverarbeitung und Maschinenbau wiesen zweistellige Anteile auf. Andererseits spielten das in der Beschäftigtenstatistik des Weddings an erster und dritter Stelle geführte Bekleidungs- bzw. Handelsgewerbe im Gesamt-Berliner Kontext mit 5,2% und 4,4% lediglich eine untergeordnete Rolle.

Unklar bleibt der starke Einbruch in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“. Der Rückgang von 27,1% auf 3,5% kann nicht allein mit einer zunehmenden beruflichen Spezialisierung erklärt werden. Die Ursache muß in einem veränderten statistischen Erhebungsverfahren gesucht werden, auch wenn die Statistik selbst hierzu keine Auskunft gibt. Möglicherweise fand im Vergleich zu 1885 weniger die Berufsausbildung als vielmehr die aktuelle Beschäftigungssituation Berücksichtigung. Für ein verändertes Verfahren spricht zumindest die Tatsache, daß in der Bevölkerungs-Aufnahme von 1910 die Werte wieder die Marke von 10% überschritten.225

↓217

Das Verhältnis von abhängig Beschäftigten zu Selbständigen blieb im Grundsatz unverändert (vgl. Tab. 25). Nach wie vor lag der Arbeitnehmeranteil des Weddings im Dienstleistungsbereich unter und im produzierenden Gewerbe über dem gesamtstädtischen Mittelwert. Auffällig ist die insgesamt zu beobachtende deutliche Anteilsverschiebung zugunsten der abhängig Beschäftigten. Kamen bspw. 1885 in der Weddinger Metallverarbeitung auf einen Selbständigen noch 16,6 Lohnempfänger, stieg das Verhältnis bis 1900 auf 1:38,1 Personen an. Noch deutlicher fielen die Verschiebungen im Maschinenbau mit einer Zunahme von 1:7,6 auf 1:37,2 aus. Die Zahlen offenbaren eine Tendenz zur Vergrößerung der Betriebseinheiten.

Tab. 25: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1900. Standesamtsbezirk Wedding/Gesundbrunnen (XIII) und Gesamt-Berlin.

Branche

XIII

Berlin

A/S

A/S

1

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

2,5

1,9

2

Metallverarbeitung

38,1

16,2

3

Handelsgewerbe

1,8

2,3

4

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

37,2

12,9

5

Baugewerbe

20,5

10,4

6

Häusliche Dienste

-

-

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

6,9

5,5

8

Privat-Verkehrsgewerbe

2,0

3,4

9

Papierindustrie (Papier + Leder)

27,5

8,6

Papierindustrie

37,2

8,9

Lederindustrie

21,9

7,9

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

10,7

7,4

11

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

-

-

12

Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbetrieb

-

-

Chemische Industrie

29,0

6,9

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

26,9

20,4

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

Ohne Beruf und Berufsangabe

-

-


Anm.: Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 91-113.

Nach der Bevölkerungs-Aufnahme des Jahres 1910 war der Maschinenbau zum wichtigsten Erwerbszweig des Weddings aufgestiegen. In gleicher Weise verlor die Metallverarbeitung Beschäftigungsanteile und fiel auf den dritten Platz zurück. Ebenfalls leichte Verluste hatte das Bekleidungsgewerbe zu verzeichnen, das erstmals die Spitzenposition verlor. Während das bis dato drittplazierte Handelsgewerbe um einen Rang zurückfiel, konnte es immerhin einen prozentualen Zuwachs verzeichnen. Bei allen übrigen Verschiebungen ist das von vornherein niedrige Ausgangsniveau zu beachten. So ist der Sprung des öffentlichen Sektors vom elften auf den sechsten Platz zwar bemerkenswert, tatsächlich betrug der Zuwachs nicht einmal einen Prozentpunkt.

↓218

Tab. 26: Beschäftigten- und Branchenanteile nach Berufsgruppen 1910. Standesamtsbezirke Wedding (XIII b), Wedding/Gesundbrunnen (XIII ges.) und Gesamt-Berlin (in %).

1900

Branche

Beschäftigtenanteil 1)

Branchen-anteil 2)

XIII b

XIII ges.

Berlin

Diff. 3)

 

1

(4)

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

12,34

11,70

6,30

5,40

19,03

2

(1)

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

9,90

10,24

14,33

-4,09

7,28

3

(2)

Metallverarbeitung

9,48

9,96

5,77

4,19

17,70

4

(3)

Handelsgewerbe

9,44

9,44

13,37

-3,93

7,23

5

(5)

Baugewerbe

6,09

6,14

4,58

1,56

13,74

6

(11)

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

5,43

4,51

7,26

-2,75

6,36

7

(7)

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,59

4,20

3,71

0,49

11,60

8

(6)

Häusliche Dienste

3,80

3,83

7,54

-3,71

5,21

9

(8)

Privat-Verkehrsgewerbe

3,51

3,49

2,26

1,23

15,83

10

(10)

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2,61

2,95

3,57

-0,62

8,46

11

(9)

Papierindustrie (Papier + Leder)

2,02

2,32

2,33

-0,01

10,22

12

(-)

Gast- und Schankwirtschaft

2,15

1,95

3,92

-1,97

5,11

weitere Branchen mit ...

... > 10%

Chemische Industrie

1,02

0,81

0,49

0,32

17,02

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

0,61

0,48

0,38

0,10

13,01

Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht

0,62

0,60

0,50

0,10

12,39

Branchenunabhängige Kategorien

Lohnarbeit wechselnder Art

10,34

10,59

6,06

4,53

17,92

ohne Beruf und Berufsangabe

10,68

11,15

10,74

0,41

10,64

Beschäftigte insgesamt

100,0

100,0

100,0

1) Anteil der jeweiligen Branche an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Weddings bzw. Gesamt-Berlins (Wedding bzw. Berlin gesamt = 100%).
2) Anteil des Stadtteils Wedding an den in Gesamt-Berlin in der jeweiligen Berufsgruppe Beschäftigten (Berufsgruppe in Gesamt-Berlin = 100%).
3) Die Differenz bezieht sich auf das Gebiet des ungeteilten Standesamtsbezirkes XIII (XIII ges.).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin [Hrsg.]: Die Grundstücks-Aufnahme vom 15. Oktober 1910 sowie die Wohnungs- und die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910 in der Stadt Berlin und 44 Nachbargemeinden. Erste Abteilung. Stadt Berlin. 3. Heft. Die Bevölkerungs-Aufnahme vom 1. Dezember 1910. Berlin 1916, S. 46-55.

Eine markante Veränderung ist bei den Branchenanteilen zu beobachten. In nur zehn Jahren konnte die Mehrzahl der Weddinger Wirtschaftszweige erhebliche Zuwachsraten verbuchen. Die Bedeutung des Untersuchungsgebietes für die Gesamt-Berliner Wirtschaft erfuhr eine entscheidende Aufwertung. Den Spitzenplatz nahm nunmehr der Maschinenbau mit über 19% ein. Auch die Werte im Bereich der Metallverarbeitung und Chemischen Industrie sind mit über 17% bemerkenswert. Sie verdeutlichen auf welch rasante Art und Weise die Industrialisierung und das Wachstum der Bevölkerung innerhalb des Weddings vorangeschritten waren.

Tab. 27: Anzahl der abhängig Beschäftigten (A) bezogen auf einen Selbständigen (S) nach Berufsgruppen 1910. Standesamtsbezirke Wedding/Gesundbrunnen (XIII ges.), Wedding (XIII b), Gesundbrunnen (XIII a) sowie Gesamt-Berlin.

Branche

A/S 1)

XIII ges.

XIII b

XIII a

Berlin

1

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

68,8

66,6

72,0

23,2

2

Bekleidungsgewerbe (Bekleidung + Reinigung)

1,3

1,3

1,3

1,4

3

Metallverarbeitung

40,1

38,7

41,9

16,3

4

Handelsgewerbe

1,9

2,1

1,8

2,3

5

Baugewerbe

12,7

11,5

14,4

8,3

6

Militär-, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch freier Beruf

2,0

2,4

1,4

1,9

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

7,3

6,1

8,8

6,1

8

Häusliche Dienste

-

-

-

-

9

Privat-Verkehrsgewerbe

5,4

6,5

4,5

7,8

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

10,7

11,8

9,9

7,0

11

Papierindustrie (Papier + Leder)

16,5

16,5

16,5

6,8

Papierindustrie

36,5

43,5

29,8

10,7

Lederindustrie

10,9

8,7

12,9

5,0

12

Gast- und Schankwirtschaft

0,8

0,9

0,6

1,5

...

Chemische Industrie

27,8

25,9

33,0

7,7

...

Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, u.a.

96,0

399,02)

35,4

21,0

...

Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht

3,4

4,1

2,7

2,5

Lohnarbeit wechselnder Art

-

-

-

-

ohne Beruf und Berufsangabe

-

-

-

-


Anm.:
1) Die Statistik des Jahres 1910 unterscheidet nicht explizit zwischen abhängig Beschäftigten und Selbständigen. Ihr liegt die in Kap. II, 3.2.1 vorgestellte Berufsklassifikation des Kaiserlichen Statistischen Amtes zugrunde. Die Rubrik „a“ wird demnach mit selbständig gleichgesetzt, die Kategorien „b“ und „c“ zu den abhängig Beschäftigten zusammengefaßt. Vgl. oben, S. 37.
2) Der hohe Wert resultiert aus der Tatsache, daß in der Statistik nur eine Person unter „a“ geführt wird.

Für die mit “-“ gekennzeichneten Berufsgruppen liegen keine Angaben vor.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 46-55.

↓219

Die Gegenüberstellung von abhängig Beschäftigten und Selbständigen führt zu einem wesentlich differenzierteren Bild als zehn Jahre zuvor. Eine allgemeine Tendenz des produzierenden Gewerbes zur Vergrößerung der Betriebseinheiten ist nicht mehr nachzuweisen. Unter den Branchen mit der höchsten Beschäftigungsrelevanz nahm allein im Maschinenbau der Anteil der abhängig Beschäftigten deutlich zu. Während im metallverarbeitenden Sektor die Relationen auf einem stabilen Niveau verharrten, erlebte das Baugewerbe sogar eine rückläufige Entwicklung mit einer Zunahme des Selbständigenanteils. Letzteres muß mit der schwierigen konjunkturellen und strukturellen Lage des Bausektors zum Zeitpunkt der Erhebung in Verbindung gebracht werden.

Eine uneinheitliche Entwicklung läßt sich auch bei den Dienstleistungsbranchen beobachten. Während im Handelsgewerbe die Werte nahezu unverändert blieben, stiegen im Privat-Verkehrsgewerbe die Anteile der abhängig Beschäftigten an - im Wedding von 1:2,0 auf 1:5,4 Personen in Gesamt-Berlin von 1:3,4 auf 1:7,8 Personen.

Faßt man die Beobachtungen zusammen, bleiben vier Aspekte festzuhalten:

↓220

  1. Die Jahre zwischen 1885 und 1910 markieren für das Untersuchungsgebiet die eigentliche Durchbruchphase der Industrialisierung. Sinnbildlich für die Gesamtentwicklung steht der Aufstieg des Maschinenbaus zum wirtschaftlichen Leitsektor.
  2. Innerhalb des Stadtteils Wedding/Gesundbrunnen besaßen - neben dem sich rasch entwickelnden Maschinenbau - das Bekleidungsgewerbe, die Metallverarbeitung, der Handelssektor und das Baugewerbe die höchste Beschäftigungsrelevanz. Vor allem zwischen 1885 und 1900 nahm die Größe der Betriebseinheiten und damit die Anzahl der abhängig Beschäftigten signifikant zu.
  3. Verglichen mit den gesamtstädtischen Durchschnittswerten lagen die Anteile des Weddings im Bereich des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung am höchsten. Unterrepräsentiert blieben dagegen das Bekleidungs- und Handelsgewerbe, der öffentliche Dienst und der gesamte Komplex der häuslichen Dienstleistungen.
  4. Als Leitbranchen für die weitere Untersuchung lassen sich demzufolge abgrenzen: der Maschinenbau und die Metallverarbeitung sowie das Bekleidungs-, Handels- und Baugewerbe. Hinzu kommt die Chemische Industrie aufgrund ihres hohen Branchenanteils.

III.2.3 Leitbranchen

III.2.3.1  Metallverarbeitung und Maschinenbau

III.2.3.1.a)  Beschäftigtenstruktur

In der Praxis ist es kaum möglich, eine klare Trennlinie zwischen der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau zu ziehen. Zahlreiche Unternehmen konnten aufgrund ihres breit gefächerten Produktionsspektrums zu beiden Branchen gerechnet werden. Vielfach durchliefen Firmen eine Entwicklung von der reinen Metallverarbeitung zum spezialisierten Maschinenbau. Die Übergänge waren fließend. Um nicht in zu starkem Maße von Zulieferern abhängig zu sein, blieb die Metallverarbeitung zumeist ein elementarer Bestandteil der Produktion, auch wenn der eigentliche Geschäftszweck schon längst im Maschinenbau angesiedelt war. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die beiden Wirtschaftszweige als Einheit zu betrachten.

Wirft man einen vergleichenden Blick auf die Beschäftigtenanteile der beiden Branchen in den verschiedenen Berliner Stadtteilen, wird eine konträre Entwicklung sichtbar. Während der Maschinenbau nach 1900 weiterhin starke Zuwächse zu verzeichnen hatte, verlor die Metallverarbeitung durchweg an Bedeutung. Diese gegenläufige Tendenz läßt auf eine zunehmende Spezialisierung der Produktion schließen, die zu Lasten der Anteile des rein metallverarbeitenden Gewerbes ging.226

↓221

Tab. 28: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).227

Maschinenbau

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding 3)

12,3

+6,7

19,0

2,7

+5,5

8,2

+3,5

11,7

2. Moabit

14,7

+0,2

14,9

2,3

+5,9

8,2

+2,4

10,6

3. Stralauer Viertel östlich

5,4

+6,3

11,7

1,9

+1,9

3,8

+3,0

6,8

4. Rosenthaler Vst. nördlich

7,3

+2,8

10,1

1,7

+3,4

5,1

+2,1

7,2

5. Oranienburger Vst.

12,0

-2,4

9,6

2,7

+4,3

7,0

+2,5

9,5

6. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,2

-2,2

6,0

2,0

+1,5

3,5

+0,7

4,2

7. Luisenstadt jenseits östlich

4,8

0,0

4,8

2,1

+2,9

5,0

+3,0

8,0

8. Luisenstadt jenseits westlich

5,9

-1,9

4,0

2,5

+2,0

4,5

+1,0

5,5

9. Königs-Viertel

4,1

-0,2

3,9

1,2

+1,4

2,6

+0,7

3,3

10. Rosenthaler Vst. südlich

4,5

-1,0

3,5

1,8

+1,4

3,2

+1,1

4,3

11. Luisenstadt diesseits

5,8

-2,5

3,3

2,2

+1,5

3,7

+0,2

3,9

12. Stralauer Viertel westlich

4,5

-1,3

3,2

1,6

+1,6

3,2

+0,9

4,1

Metallverarbeitung

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding 3)

12,3

+5,4

17,7

8,8

+3,6

12,4

-2,4

10,0

2. Stralauer Viertel östlich

7,1

+4,7

11,8

6,3

+1,1

7,4

-1,1

6,3

3. Rosenthaler Vst. nördlich

6,8

+3,3

10,1

4,5

+2,7

7,2

-0,6

6,6

4. Moabit

9,3

+0,4

9,7

5,5

+2,4

7,9

-1,6

6,3

5. Luisenstadt jenseits westlich

9,6

-2,5

7,1

7,8

+3,4

11,2

-2,2

9,0

6. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

9,1

-2,1

7,0

4,7

+1,2

5,9

-1,3

4,6

7. Oranienburger Vst.

9,7

-2,7

7,0

7,5

+1,1

8,6

-2,3

6,3

8. Luisenstadt jenseits östlich

7,4

-1,4

6,0

7,9

+3,7

11,6

-2,4

9,2

9. Luisenstadt diesseits

6,7

-1,3

5,4

5,6

+0,9

6,5

-0,6

5,9

10. Königs-Viertel

4,6

+0,5

5,1

3,7

+0,8

4,5

-0,4

4,1

11. Stralauer Viertel westlich

5,4

-1,2

4,2

4,6

+1,1

5,7

-0,8

4,9

12. Rosenthaler Vst. südlich

4,7

-1,1

3,6

4,5

+0,6

5,1

-0,9

4,2


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Maschinenbau bzw. in der Metallverarbeitung Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Maschinenbau/in der Metallverarbeitung Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Maschinenbaus/der Metallverarbeitung an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die räumlichen Abgrenzungen der Stadtteile beziehen sich - soweit dies möglich war - auf den Stand des Jahres 1885. Spätere Gebietsteilungen sind nicht berücksichtigt. In wenigen Fällen sind die Zahlen nicht direkt zu vergleichen, da es zu einer Modifikation der Außengrenzen kam. Die Abweichungen sind jedoch so gering, daß die Aussagekraft der Ergebnisse davon nur unwesentlich beeinflußt wird.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 92f. und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 47.

Innerhalb Berlins lag der Schwerpunkt der Branchen im Norden und Nordwesten der Stadt.228 Lediglich das östliche Stralauer Viertel reichte an die Anteile des „Eisernen Nordens“ heran. Die Zuwachsraten in den Stadtteilen Wedding, Moabit, der nördlichen Rosenthaler Vorstadt und dem östlichen Stralauer Viertel deuten bei einem gleichzeitigen Verlust in den übrigen Stadtgebieten auf eine zunehmende räumliche Konzentration und eine Außenverlagerung von Kapazitäten aus den innenstadtnahen Gebieten hin.

An der Spitze der Auflistung stand der Wedding. Die Zahlen dürfen allerdings nicht darüber hinweg täuschen, daß ein erheblicher Anteil der Beschäftigten außerhalb des Untersuchungsgebietes in Lohn und Brot gestanden haben dürfte. Sowohl die Produktionsstätten der AEG (um 1914: ca. 14.000 Beschäftigte) als auch der Berliner Maschinenbau AG vormals L. Schwartzkopff (1894: ca. 1.900) befanden sich in der benachbarten Oranienburger Vorstadt.229

↓222

Zur Überprüfung dieser Vermutung ist ein Blick auf die exakte räumliche Verteilung der Wohnstandorte notwendig. Es ist anzunehmen, daß die Anteile der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus an der Gesamtzahl der Beschäftigten in den südöstlichen Teilen des Untersuchungsgebietes, d.h. in den Bereichen mit der größten Nähe zu den genannten Produktionsstätten, überdurchschnittlich hoch lagen.

Als Datengrundlage dienen die hausnummerngenauen Berufsangaben der Kirchenbücher. Vergleicht man die aus den Trau- und Sterberegistern gewonnene Branchenverteilung mit den Angaben der Volkszählungsergebnisse werden allerdings erhebliche Abweichungen sichtbar. Während die Metallverarbeitung mit 11,8% an erster Stelle der Berufsstatistik rangierte, belegte der Maschinenbau mit 1,9% lediglich den zehnten Rang.

Tab. 29: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Metallverarbeitung und Maschinenbau 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

↓223

Die minimalen Werte des Maschinenbaus dürfen nicht als Indiz für eine Unzulänglichkeit der Kirchenbuchangaben fehlinterpretiert werden. Der Anteil von 1,9% verdeutlicht vielmehr die erheblichen Schwierigkeiten einer retrospektiven Datenaufbereitung. Zahlreiche im Maschinenbau anzutreffenden Berufsbezeichnungen entstammten ursprünglich der Metallverarbeitung und waren in beiden Branchen anzutreffen. Da aus heutiger Sicht der konkrete Beschäftigungsort nicht mehr nachzuvollziehen ist, erfolgte die Zuordnung im Zweifelsfall zur Metallverarbeitung. Ein Beispiel ist die Berufsbezeichnung „Dreher“. Abhängig vom jeweiligen Geschäftszweck konnte die Arbeit an der Drehbank zur Herstellung eines fertigen Endproduktes dienen oder lediglich einen Arbeitsschritt im Rahmen eines komplexeren Ganzen darstellen. Die nicht mehr zu lösenden Überschneidungslinien unterstreichen die Notwendigkeit einer zusammengefaßten Betrachtung der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus.

Einen weiteren Schwachpunkt bildet die Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“, die mit 31,9% überdurchschnittlich stark besetzt ist. Während die amtliche Statistik selbst bei der so bedeutsamen aber wenig konkreten Berufsbezeichnung „Arbeiter“ in den meisten Fällen eine Branchenzuordnung vornehmen konnte, bleibt aus heutiger Perspektive nur der Rückgriff auf Sammelkategorien. Je höher die Beschäftigungsrelevanz einer Branche im Niedriglohnsektor der „Arbeiter“ war, desto deutlicher müssen die aus den Kirchenbüchern gewonnenen Werte hinter den offiziellen Zahlen zurückbleiben. Das gleiche Problem stellt sich bei den typischen Verwaltungsberufen, wie Buchhalter, Kassierer oder Schreiber. Auch hier ist rückblickend keine Branchenzuordnung mehr möglich. Da es sich allerdings um einen weitaus begrenzteren Personenkreis handelte, fallen die Konsequenzen weniger stark ins Gewicht.230

Trotz der Einschränkungen bleiben die Ergebnisse aufschlußreich. Die kartographische Darstellung nach Abb. 47 zeigt die vermutete Schwerpunktsetzung der Wohnstandorte im Südosten entlang der Gerichtstraße (1).231 Auch wenn dies allein noch keinen hinreichenden Beweis für einen Zusammenhang mit den Produktionsstätten der AEG oder Schwartzkopff darstellen kann, so läßt sich zumindest festhalten, daß zwischen 15% und 20% aller Beschäftigten des Gebietes ihr Auskommen in der Metallverarbeitung oder dem Maschinenbau fanden. Konzentrationstendenzen sind ferner entlang der Ringbahn (2) und um den Leopoldplatz (3) zu erkennen. Anders die hohen Werte auf dem noch unerschlossenen Areal an der nördlichen Stadtgrenze (4) und in der Otawistraße (5). Sie sind der geringen Grundgesamtheit in den drei Straßenblöcken geschuldet und für die weiteren Überlegungen unerheblich.

↓224

Abb. 47: Beschäftigte in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau. Wohnstandorte 1885-1914.

Ein überaus homogenes Bild vermittelt die in den Kreisdiagrammen dargestellte Schichtzugehörigkeit. Die Rubrik „Obere Unterschicht“ - gleichbedeutend mit der Facharbeiterschaft - dominierte mit einem Gesamtanteil von 95%. Weder in räumlicher noch in zeitlicher Perspektive kam es zu nennenswerten Verschiebungen. Der durchschnittliche soziale Rang verharrte auf der Skala von 1 bis 6 bei 3,0.232

Tab. 30: Maschinenbau/Metallverarbeitung des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,0

0,0

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

(2) Mittlere Unterschicht

0,4

0,5

2,6

3,0

3,0

2,4

2,0

(3) Obere Unterschicht

96,7

96,7

93,6

93,8

94,2

94,8

95,0

(4) Untere Mittelschicht

2,8

2,6

3,5

2,9

2,3

2,8

2,8

(5) Obere Mittelschicht

0,1

0,1

0,3

0,3

0,3

0,1

0,2

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,03

3,02

3,01

3,00

3,00

3,01

3,01


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓225

Die Anteile der „Oberen Unterschicht“ dürften im Vergleich zur tatsächlichen Situation allerdings deutlich zu hoch angesiedelt sein. Zwar stellte die Facharbeiterschaft eine wachsende Gruppe unter den Beschäftigten, bedenkt man jedoch die Schwächen der Berufsklassifikation bei un- und angelernten Arbeitern bzw. den oftmals zu allgemeinen Berufsbezeichnungen im Angestelltensektor, müssen die Anteile nach unten korrigiert werden.

III.2.3.1.b) Produktionsstandorte

Zur Bewertung der Wohnstandortverteilung ist ein Blick auf die räumliche Lage der Produktionsstätten notwendig. Abb. 48 dokumentiert eine annähernde Deckungsgleichheit mit den Ergebnissen der Flächennutzungsanalyse in Kapitel 1.2. Der Großteil der Produktionsstandorte befand sich zu beiden Seiten der Ringbahn (A). Darüber hinaus sind die Müllerstraße (B) und die östliche Seestraße (C) hervorzuheben.

Abb. 48: Standorte des Maschinenbaus und der Metallverarbeitenden Industrie. 1885, 1900, 1915.

↓226

Die Nutzungskontinuität war gering. Nur für sieben Grundstücke konnte der Nachweis einer permanente Nutzung durch Unternehmen der Metallverarbeitung bzw. des Maschinenbaus über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren hinweg erbracht werden:

  1. Müllerstraße 35: Berliner Werkzeugmaschinenfabrik AG vormals L. Sentker, 1915: Elektrizitäts-Gesellschaft "Sanitas" GmbH.
  2. Müllerstraße 30: Hirsch & Co. Maschinenfabrik, Fabrk. elektr. Maschinen u. Apparate, M. Levy.
  3. Lindower Straße 22: Hasse & Co. Werkzeugmaschinenfabrik.
  4. Müllerstraße 10/11: 1885: Grunauer & Co., Eisengießerei, 1900: Grunauer, Maschinenfabrik, 1915: Gans & Goldschmidt, Elektrizitäts-Gesellschaft mbH.
  5. Reinickendorfer Straße 64a (113): 1885: Facon-Schmiede- und Schraubenfbrk. AG, 1900: Cartonnag. Maschin. Industrie u. Facon-Schmiede AG, 1915: Maschinen- und Cartonagen-Werke GmbH.
  6. Müllerstraße 177: Brodnitz & Seydel, Maschinenfabrik.
  7. Fennstraße 27: 1885: Kammerich & Co. Trägerwellblechfabrik, 1900: Thyssen & Comp., Trägerwellblechfabrik, 1915: Müller Nachfl., Maschinenfabrik.233

Die Abbildung spiegelt die Dynamik der Entwicklung wider. Auffällig ist vor allem die große Zahl der zwischen 1900 und 1915 hinzugekommenen Betriebseinheiten. Allein 13 der neu entstandenen Maschinenbauunternehmen lassen anhand der Namengebung auf eine explizite elektrotechnische Ausrichtung des Geschäftsfeldes schließen. Neben der quantitativen Ausweitung der Produktionskapazitäten bleibt das hohe Innovationspotential hervorzuheben.

↓227

Dabei ist zu bedenken, daß in der Darstellung lediglich die Betriebe erfaßt sind, die den in Kapitel 1.2.1 definierten Erfassungskriterien entsprachen. Der Großteil der handwerklichen Kleinstbetriebe blieb unberücksichtigt, was vor allem im Bereich der Metallverarbeitung zu einem unvollständigen Bild führen dürfte. Im Gegensatz zu den komplexeren Produktionsabläufen im Maschinenbau und den vergleichsweise hohen Investitionskosten, konnten hier auch Einzelpersonen ohne größere Kapitaldecke unternehmerisch tätig werden.

Die räumliche Anordnung der Produktionsstätten liefert - unabhängig von eventuell vorhandenen Restriktionen auf dem Wohnungsmarkt - einen hypothetischen Erklärungsansatz für das räumliche Verteilungsmuster der Wohnstandorte nach Abb. 47. Während eine Unterkunft im südlichen Untersuchungsgebiet einen unmittelbaren Zugang zu den zahlreichen potentiellen Arbeitgebern in der Nachbarschaft gewährleistete, bot das Gebiet um den Leopoldplatz (D) den strategischen Vorteil einer Lage zwischen den Betriebseinheiten der Müllerstraße (B) und östlichen Seestraße (C) auf der einen und dem Ringbahnareal (A) auf der anderen Seite. Dies erhöhte im Falle eines kurzfristig notwendigen Arbeitsplatzwechsels die Flexibilität.

III.2.3.1.c) Bergmann-Elektricitäts-Werke Aktiengesellschaft

Das größte Maschinenbauunternehmen des Untersuchungsgebietes war seit 1896/97 an der Seestraße auf dem Areal zwischen Oudenarder, Hennigsdorfer und Liebenwalder Straße beheimatet (vgl. Abb. 48, C). Die Bergmann-Elektricitäts-Werke Aktiengesellschaft wies im Geschäftsjahr 1910 einen Mitarbeiterstamm von über 10.000 Personen aus. Hinter der AEG und Siemens galt das Unternehmen als die Nummer drei der Berliner Elektroindustrie.234

↓228

Als Sigmund Bergmann im Jahr 1891 mit seinen Kompagnons Georg Sebastian Runk und Philipp Seubel die offene Handelsgesellschaft "S. Bergmann & Co., Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen" gründete, waren die Umstände noch äußerst bescheiden. Die angemieteten Produktionsräume lagen in der Fennstraße 21 südlich der Ringbahn. Das Grundstück mußte sich Bergmann mit anderen Gewerbetreibenden teilen (1895: Arndt, Maschinenfabrik; Bennewitz, Pianofabrik; Fabian, Schlosserei).

1893 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Fortan firmierte das Unternehmen unter dem Namen „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“. Die Produktion konzentrierte sich zunächst ganz auf die Herstellung von Isolierrohren zur wasserdichten und feuersicheren Verlegung von elektrischen Leitungen.235 Hinzu kamen Installationsmaterialien wie Schalter, Sicherungen und Fassungen.236

Mit dem rasanten Vormarsch der Elektrizität, die innerhalb weniger Jahre alle Bereiche des Alltags zu durchdringen begann, kam auch für Bergmann der Durchbruch. Die Produktpalette erweiterte sich in atemberaubendem Tempo. Schon vier Jahre nach der Gründung platzten die Produktionsräume in der Fennstraße aus allen Nähten. Die räumliche Enge wurde zu einer ernsthaften Bedrohung für das junge Unternehmen. Aufträge konnten nicht mehr rechtzeitig erfüllt werden oder mußten für teueres Geld an externe Auftragnehmer vergeben werden. Der Geschäftsbericht des Jahres 1895 schilderte in aller Offenheit die schwierige Situation:

↓229

„Die im letzten Jahresbericht angedeutete Verbreiterung unseres Fabrikationsfeldes haben wir zur Durchführung gebracht und ist der grösseren Mannigfaltigkeit unserer Fabrikate, die sich jedoch nur auf gangbare Artikel beschränken, zum Theil der erheblich vergrösserte Umsatz zuzuschreiben.

↓230

Der Mangel an genügenden Fabrikationsräumlichkeiten macht sich seit einiger Zeit in empfindlicher Weise geltend und bildete der im letzten Frühjahr ausgeführte kleine Anbau nur eine vorübergehende Abhilfe. Sämmtliche Fabrikationsräume sind nun derart überfüllt, dass die Fabrikation nicht mehr in solch rationeller Weise betrieben werden kann, als dies wünschenswerth erscheint.

Vor allem sind wir vielfach gezwungen, Theile unserer Fabrikate ausserhalb zu höheren Preisen herstellen zu lassen, als sie uns bei eigener Fabrikation kosten würden, aber es fehlt uns der Raum zur Aufstellung weiterer Maschinen.

↓231

Unser Unternehmen ist stetig im Wachsen begriffen und sind wir seit einiger Zeit nicht im Stande unsere Aufträge so prompt zu erledigen, wie dies früher bei uns üblich war, da es unmöglich ist, vorräthige Fabrikate für das Lager zu schaffen. In der Hauptgeschäftssaison dürfte sich dieser Missstand noch bedeutend fühlbarer machen.“237

Nur vier Jahre nach der Gründung war eine Standortverlagerung auf ein eigenes Grundstück unumgänglich geworden. Leider fehlen jegliche Überlieferungen zum Vorgang der Standortsuche. Es läßt sich daher nicht mehr eindeutig klären, welche Kriterien abgesehen von den günstigen Bodenpreisen letztendlich den Ausschlag gaben. Fest steht: In der Seestraße wurde man fündig und bereits im darauffolgenden Jahr nahmen die Umzugspläne konkrete Formen an:

↓232

"Durch den Umzug in die neuerbaute Fabrik hoffen wir in die Lage versetzt zu sein, infolge genügender Räumlichkeiten, in noch rationellerer Weise arbeiten zu können, während wir durch die nunmehr gewährleistete Möglichkeit der Ausdehnung die Vollendung der neuen Fabrik als willkommenen Wendepunkt für unser Unternehmen begrüssen können.

↓233

Es verdient erwähnt zu werden, dass das für unsere neue Fabrik zu äusserst günstigen Bedingungen erworbene Grundstück durch die stattgehabte Bebauung sehr an Werth gewonnen hat, da angrenzende Grundstücke seitdem mit dem drei- und vierfachen Preise bezahlt wurden. Ferner wurde durch den Neuerwerb des Grundstückes Liebenwalderstrasse 29 das billige Hinterland unseres Fabrikgrundstücks erheblich im Werthe gesteigert.“238

Der Umzug erfolgte 1897. Zufrieden resümierte die Unternehmensleitung:

↓234

"Fabrikbetriebsunkosten sind gegen das Jahr 1896 erheblich zurückgeblieben, wie dies auch in unserem vorigen Jahresbericht in Aussicht gestellt wurde, da wir in den neuen Fabrikräumen erheblich rationeller arbeiten können. [...]

Der Umzug in die neue Fabrik wurde ohne die geringste Betriebsstörung bewirkt, sodass die Effectuirung der eingelaufenen Bestellungen ununterbrochen flott von statten ging."239

↓235

Der neue Standort in der Seestraße stellte die Weichen für die Zukunft. Nachdem der Umsatz 1896 erstmals die Millionengrenze überschritten hatte, lag er 1899 bereits bei über 3 Millionen Mark.

Tab. 31: Umsatzentwicklung der S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft 1893-1899.

1893

393.380,23 Mk

1894

573.383,13 Mk

1895

964.437,61 Mk

1896

1.348.847,28 Mk

1897

1.629.137,33 Mk

1898

2.138.466,69 Mk

1899

3.211.395,37 Mk


Quelle: LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Geschäftsberichte S. Bergmann & Co. AG).

Mit dem Umzug veränderte sich die Unternehmensstruktur. Neben der „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“ entstand als eigenständige Gesellschaft die Berg mann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesell schaft“, deren erstes Geschäftsjahr am 01. August 1897 begann. Aus der spezialisierten Fabrik für Isoliermaterialien wurde ein elektrotechnisches Universalunternehmen. Die Leitungsgremien der beiden Gesellschaften waren aufs engste miteinander verflochten. Über den Aufbau der Fabrikation und die Produktpalette gibt der erste Geschäftsbericht Auskunft:

↓236

"Unser erstes Geschäftsjahr, beginnend mit dem 1. August 1897 und endigend am 31. Dezember 1898 hatte in erster Linie die Aufgabe, den Neubau der Fabrik und deren innere Einrichtung zu schaffen. Der Bau begann im Monat Dezember und war begünstigt durch die milde Witterung des Winters 1897/98, sodass bereits nach einem halben Jahr die Betriebseinrichtungen fertiggestellt und die Aufstellung der Werkzeugmaschinen vorgenommen werden konnten. Die neuen Räume wurden Anfang Juli bezogen und konnte damit die Fabrikation aufgenommen werden. Schon während der Bauperiode wurden aber auch die Vorbereitungen für die Fabrikation durch die Herstellung der erforderlichen Modelle, Anfertigungen von Werkzeug- und Spezialvorrichtungen für die rationelle Fabrikation in gemietheten Räumen eifrig betrieben, welche Arbeiten allerdings noch eine geraume Zeit beanspruchten.

↓237

Unser Programm umfasste die Herstellung der elektrisch betriebenen Ventilatoren und den Bau der Kraftmotoren bis zu 5 HP nach den in unserem Besitz befindlichen Lundellpatenten. Während wir die kleinen Ventilatoren bereits kurze Zeit nach der Betriebsaufnahme in grosser Zahl lieferten, hat die Fertigstellung der Kraftmotoren mehr Zeit in Anspruch genommen. Aber auch diese sind nunmehr soweit vorgeschritten, dass die Lieferung erfolgen kann.

Gleichzeitig wurde der Bau der grösseren Maschinen verfolgt und gehen in den nächsten Wochen zahlreiche Maschinen, welche nach dem System Bergmann-Burke hergestellt werden, der Vollendung entgegen.

↓238

Wir sind in kürzester Zeit auf dem Standpunkt angelangt, dass wir normale Maschinen bis zur mittleren Grösse stets ab Lager oder mit sehr geringen Lieferfristen abgeben können und versprechen wir uns davon grossen Erfolg, da besonders in den kleinen Motoren von prompter Lieferung die Ertheilung der Aufträge abhängig ist. [...]

↓239

Zur Zeit sind wir damit beschäftigt, die Fabrikation der Anlass- und Regulirwiderstände nach unserem eigenen System, ferner den Bau der Bogenlampe für lange Brenndauer nach dem System Bergmann einzurichten und ist nicht zu zweifeln, dass wir uns damit lohnende Absatzgebiete eröffnen werden."240

Der Geschäftsbericht bezifferte die Mitarbeiterzahl auf ca. 260 Personen. Erstmals fand der Glühlampenbau Erwähnung, der Jahrzehnte später zum Charakteristikum des Betriebsgeländes werden sollte. Zunächst stellte jedoch erneut das hohe Auftragsvolumen die Verantwortlichen vor Probleme. Bereits im zweiten Geschäftsjahr waren die Kapazitätsgrenzen überschritten. Die Mitarbeiterzahl lag nunmehr bei ca. 450 Personen. Die Ausführung weiterer Neubauten wurde unumgänglich:

↓240

"Es hat unser Unternehmen innerhalb der kurzen Zeit seines Bestehens einen so bedeutenden Aufschwung genommen, dass wir uns veranlasst sahen, die Leistungsfähigkeit unserer Fabrik durch Anschaffung einer weiteren Anzahl wichtiger Werkzeugmaschinen und Betriebsmaschinen im Laufe des Jahres erheblich zu steigern, wodurch wir unsere sämmtlichen Werkstätten bis zur äussersten Zulässigkeit ausgenützt haben. Trotzdem können wir damit seit Herbst 1899 kaum den Ansprüchen genügen, welche in Gleichstrom-Maschinen, soweit es sich um grössere Maschinen-Typen handelt, an uns herantreten, und gelangten wir zu der Ueberzeugung, dass für die Herstellung der letzteren, sowie auch zum Bau von Wechselstrom- und Drehstrom-Maschinen, zu deren Fabrikation wir uns infolge der regen Nachfrage nunmehr entschliessen mussten, unsere vorhandenen Werkstätten und Betriebseinrichtungen unzureichend werden.

Aus diesem Anlass und mit Rücksicht auf die rasche Entwicklung unserer Geschäftsverbindungen bezw. auf das sich immer mehr ausdehnende Absatzgebiet für unsere Fabrikate, haben wir die Ausführung eines Neubaues beantragt, wofür uns durch die ausserordentliche Generalversammlung vom 20. Oktober 1899 die Genehmigung ertheilt wurde. Die Fertigstellung dieses Neubaues ist bis zum Einbau der maschinellen Einrichtungen vorgeschritten, so dass die Inbetriebnahme der neuen Maschinenhalle in den nächsten Monaten bevorsteht [...]."241

↓241

Das Jahr 1900 beendete die Zweiteilung des Unternehmens. Am 15. Dezember des Jahres beschlossen die Generalversammlungen der „Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, Aktiengesellschaft“ und „S. Bergmann & Co., Aktien-Gesellschaft - Fabrik für Isolir-Leitungsrohre und Special-Installations-Artikel für elektrische Anlagen“ die Fusion zur Bergmann-Elektricitäts-Werke, Aktiengesellschaft. Das Unternehmen gliederte sich fortan in zwei Geschäftsbereiche: die Abteilung J für Installationsmaterial und die Abteilung M für Maschinenbau.

Im darauffolgenden Jahr machte die schlechte konjunkturelle Lage Bergmann so zu schaffen, daß der Gesamtumsatz erstmals in der Unternehmensgeschichte einen leichten Rückgang aufwies. Die schwierige Geschäftslage war jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits im Jahr 1903 zogen die Umsätze wieder deutlich an und erreichten 1911 ein Ergebnis, das das Niveau des Jahres 1900 fast um das Zehnfache übertraf.

Tab. 32: Umsatzentwicklung der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG 1900-1914.

1900

6.760.000 Mk.

1908

23.031.600 Mk.

1901

6.670.000 Mk.

1909

37.586.500 Mk.

1902

6.807.000 Mk.

1910

50.871.370 Mk.

1903

8.252.000 Mk.

1911

66.471.485 Mk.

1904

10.713.395 Mk.

1912

+20%

1905

13.209.492 Mk.

1913

+10%

1906

16.054.895 Mk.

1914

k.A.

1907

21.017.920 Mk.


Quelle: LAB, A Rep. 250-03-02, Nr. 7 (Geschäftsberichte Bergmann-Elektricitäts-Werke AG).

↓242

Eine Vielzahl von Neubauten und Gebäudeerweiterungen wurden zum typischen Merkmal jener Jahre. So bekam u.a. die Glühlampenfertigung 1904 neue Räume zugewiesen, 1905 folgte ein neues Fabrikgebäude in der Hennigsdorfer Straße zum Bau von Elektrizitäts-Zählern bzw. in der Oudenarder Straße für den Bau von Dampfturbinen. Im Jahr 1906 waren die Kapazitätsgrenzen erneut erreicht. Das Areal in der Seestraße konnte den steigenden räumlichen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zahl der Arbeiter und Angestellten bereits bei 3.000 Personen.

Um von Zulieferern bei Kupfer- und Messingfabrikaten unabhängig zu werden, kaufte das Unternehmen ein Grundstück in Rosenthal (heute Pankow) außerhalb der Stadtgrenzen Berlins, um darauf ein eigenes Metallwerk zu errichten. In den Folgejahren wurde das „Werk Rosenthal“ systematisch ausgebaut. Bald schon begann die Verlagerung von Produktionssparten aus der Seestraße. Seit 1908 waren in Rosenthal das Metall- und Kabelwerk mit der Dampfturbinen- und Automobilfabrik zusammengefaßt. Die in der Seestraße freiwerdenden Produktionsräume konnten zu einer Erweiterung des Großmaschinenbaues, der Apparatefabrik und der Metallfaden-Glühlampen-Fabrik genutzt werden. Allerdings entschloß sich die Unternehmensleitung bereits ein Jahr später, auch den gesamten Großmaschinenbau nach Rosenthal überzusiedeln.

In der Seestraße verblieben bis 1915 die Lampen-Abteilung (Oudenarder Straße 14/15), die Abteilungen J (Installation) und Z (Zähler) (Hennigsdorfer Straße 30-35), die Maschinenabteilung T242 (Seestraße 63) sowie der gesamte Komplex der Verwaltung und Direktion (Seestraße 64-67). Der Großteil der über 10.000 Mitarbeiter fand zu diesem Zeitpunkt bereits in Rosenthal Beschäftigung. 1912 kam es zu einer umfassenden Beteiligung der Siemens-Schuckert Werke GmbH am Unternehmen.243 Auch wenn sich die Verantwortlichen von Bergmann gegen die Vermutung sträubten, daß mit der Übernahme des Aktienpaketes ein Abhängigkeitsverhältnis eingetreten sei, lag die kaufmännische Leitung fortan nicht mehr in ihren Händen. Da sich Siemens in der Praxis jedoch sehr zurückhielt, war die Beteiligung zumindest nicht mit einem völligen Verlust der unternehmerischen Unabhängigkeit verbunden.

↓243

Mit dem weiteren Ausbau des Standortes Rosenthal verlor das Areal in der Seestraße innerhalb des Unternehmens immer mehr an Bedeutung. Das Ende kam schließlich in den 1930er Jahren. Die negativen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zwangen die Unternehmensleitung zunächst zur Fusion ihres Glühlampenwerkes mit der Osram GmbH Kommanditgesellschaft (1931).244 Nur vier Jahre später folgte die endgültige Aufgabe des Standortes. Am 22. August 1935 übernahm Osram für 1,8 Mio. Mk. die gesamten Bergmannschen Produktionsstätten in der Seestraße. Als letzter Unternehmensteil zog im März 1936 die Verwaltung nach Rosenthal um.245

Faßt man die Ausführungen zusammen, bleibt auf vier Punkte zu verweisen:

  1. Das Fallbeispiel der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG steht stellvertretend für die zentrale Bedeutung der Elektroindustrie am Aufstieg des Maschinenbaus im Untersuchungsgebiet.
  2. Das Unternehmen durchlief ein für die Zeit und Branche typisches räumliches Entwicklungsmuster: Zunächst die Produktion in angemieteten Räumen in Innenstadtnähe, kurze Zeit später der Ankauf eines eigenen Grundstücks am Stadtrand, ehe die rasante unternehmerische Expansion eine Verlagerung nach außerhalb in die „Peripherie der Vorortbahnen“ notwendig machte. Alle größeren Maschinenbaubetriebe wie die AEG oder Siemens verzeichneten eine ähnliche Entwicklung.
  3. Untypisch ist die Wahl des Standortes in der Seestraße, da dieser verkehrstechnisch nur unzureichend erschlossen war. Weder ein Anschluß an das bestehende Eisenbahnnetz noch an eine Wasserstraße war vorhanden. Der gesamte Zulieferverkehr und Abtransport fertiger Güter mußte über die Straße erfolgen. Eine mögliche Erklärung für die ungewöhnliche Wahl liegt in dem zunächst sehr eingeschränkten Produktionsspektrum. Für die Herstellung von Isolationsmaterialien war der Verkehrsanschluß noch nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Erst die Erweiterung der Produktion und v.a. der Einstieg in den Maschinenbau führte zu Standortnachteilen. Dies erklärt, weshalb u.a. bereits 1910 eine Verlagerung des gesamten Großmaschinenbaus auf das verkehrsgünstige Betriebsgelände in Rosenthal erfolgte.
  4. Das rasant steigende Arbeitsplatzangebot der Bergmann AG auf ihrem Standort in der Seestraße hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Bautätigkeit in den umgebenden Straßenzügen. So ist das in Abb. 17 (S. 51) markierte Neubaugebiet (3) in den unmittelbaren Kontext von Bergmann zu stellen.

III.2.3.2 Bekleidungsgewerbe

III.2.3.2.a)  Beschäftigtenstruktur

↓244

Die Anfänge des Berliner Bekleidungsgewerbes reichen in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück.246 Zu dieser Zeit begannen einzelne Kleider- und Tuchhändler mit dem Aufbau einer über die handwerkliche und haushaltsinterne Einzelanfertigung hinausgehenden Produktion. Die Zahl der Konfektionsunternehmen und die Bandbreite des Sortimentes weiteten sich in der Folgezeit rasch aus. Innerhalb weniger Jahre vollzog sich der Übergang von einer handwerklichen bedarfsorientierten hin zu einer standardisierten angebotsorientierten Produktion.247

Als im Jahr 1846 der Amerikaner Elias Howe das erste Patent auf eine Nähmaschine anmeldete, erreichte die Entwicklung eine neue Qualität. Die Nähmaschine ermöglichte eine enorme Ausweitung des Produktionsvolumens und führte zu einer spürbaren Verbilligung der Waren. Schon bald rekrutierten sich die Käufer aus allen Bevölkerungsschichten.

↓245

„Für die Arbeiter- und Landbevölkerung wurde billige Stapelware, für die wohlhabenden Kreise exklusive Maßkonfektion angefertigt. Insgesamt scheint sich das Konsumverhalten der Käufer und das Angebot der Konfektionäre gegenseitig hochgespielt zu haben.“248

Als im Zuge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 Paris kurzzeitig als Modezentrum ausfiel, gelang der internationale Durchbruch. Berlin stieg zu einem der wichtigsten europäischen Standorte der Bekleidungsindustrie auf.

Das Zentrum des Berliner Bekleidungsgewerbes lag in der Gegend um den Hausvogteiplatz im alten Stadtzentrum. Hier hatten die wichtigsten und traditionsreichsten Konfektionsunternehmen ihre Verkaufsräume.249 Die Herstellung der Waren verteilte sich dagegen in Werkstätten und Heimarbeit über das gesamte Stadtgebiet.

↓246

Tab. 33: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Bekleidungsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Rosenthaler Vst. nördlich

7,6

+3,5

11,1

15,6

+3,7

19,3

-1,4

17,9

2. Stralauer Viertel östlich

6,1

+4,9

11,0

14,0

+1,3

15,3

-0,8

14,5

3. Königs-Viertel

8,4

+0,9

9,3

18,4

+1,0

19,4

-1,2

18,2

4. Rosenthaler Vst. südlich

9,7

-1,8

7,9

22,1

+2,7

24,8

-2,4

22,4

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,0

-0,6

7,4

11,9

+0,5

12,4

-0,5

11,9

6. Wedding

5,2

+2,1

7,3

11,0

+1,5

12,5

-2,3

10,2

7. Luisenstadt diesseits

7,8

-0,9

6,9

18,3

-0,2

18,1

0,7

18,8

8. Stralauer Viertel westlich

7,8

-1,4

6,4

17,6

+2,4

20,0

-1,3

18,7

9. Oranienburger Vst.

7,5

-1,6

5,9

15,5

+0,4

15,9

-2,6

13,3

10. Moabit

4,9

+1,0

5,9

8,8

+1,2

10,0

-0,5

9,5

11. Luisenstadt jenseits westlich

6,3

-1,4

4,9

16,5

+1,1

17,6

-2,2

15,4

12. Friedrichs- u. Schöneberger V.

4,3

-0,7

3,6

9,4

+1,5

10,9

1,2

12,1

Sonstige Stadtteile... 3)

> 10%

Neu-Cöln

0,3

-0,1

0,2

17,1

+0,8

17,9

1,6

19,5

Alt-Cöln

0,7

-0,2

0,5

18,7

-0,4

18,3

-0,6

17,7

Friedrichstadt

3,8

-1,0

2,8

16,2

+0,4

16,6

0,4

17,0

Friedrichswerder

0,3

-0,1

0,2

17,3

+1,6

18,9

-3,5

15,4

Spandauer Viertel

4,9

-1,4

3,5

17,5

-1,4

16,1

-1,1

15,0

Alt-Berlin

1,0

-0,4

0,6

15,7

-0,5

15,2

-1,8

13,4

Luisenstadt jenseits östlich

3,4

-0,6

2,8

9,3

+3,3

12,6

-2,1

10,5


1)
Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Bekleidungsgewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Bekleidungsgewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Bekleidungsgewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die folgenden Stadtteile wiesen 1910 einen Beschäftigtenanteil von über 10% auf, spielten jedoch innerhalb Gesamt-Berlins nur eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 96 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 49.

Nach den Zahlen der amtlichen Statistik trat der Wedding nicht als Produktionsschwerpunkt des Berliner Bekleidungsgewerbes in Erscheinung. Ein Branchenanteil von 7,3% war für das Jahr 1910 im Vergleich zu den Maximalwerten der nördlichen Rosenthaler Vorstadt lediglich gleichbedeutend mit dem sechsthöchsten Wert. Zehn Jahre zuvor lag das Untersuchungsgebiet mit 5,2% gegenüber 9,7% in der südlichen Rosenthaler Vorstadt gar nur an zehnter Position.

Obwohl 1885 und 1900 kein anderer Wirtschaftszweig innerhalb des Weddings mehr Beschäftigte auf sich vereinen konnte und das Bekleidungsgewerbe 1910 nur knapp hinter dem Maschinenbau zurückblieb, müssen die Werte von 11,0% (1885), 12,5% (1900) und 10,2% (1910) als sehr niedrig eingestuft werden. Am Ende des Untersuchungszeitraumes wies lediglich Moabit mit 9,5% einen niedrigeren Beschäftigtenanteil auf. Gerade die beiden Stadtteile, die im Bereich der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus an der Spitze standen, blieben im Bekleidungsgewerbe am deutlichsten zurück.

↓247

Auffällig ist die parallele Ausrichtung der Vorzeichen bei den Beschäftigtenanteilen in den verschiedenen Stadtteilen. Während bis 1900 fast überall ein relativer Zuwachs zu verzeichnen war, führte das folgende Dezennium zu einer Umkehr ins Minus. Von wenigen Ausnahmen wie der diesseitigen Luisenstadt oder der Friedrichs- und Schöneberger Vorstadt abgesehen, zeigten die Anteile eine rückläufige Tendenz.

Zwei Ursachen sind denkbar: Entweder verlor das Bekleidungsgewerbe nach der Jahrhundertwende tatsächlich an Bedeutung oder die Zahlen beruhen auf einer Unzulänglichkeit der Statistik. Allein die enormen Schwankungen in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ mit - auf Gesamt-Berlin bezogen - durchschnittlich 11,5% (1885), 1,8% (1900) und 6% (1910) würden einen schlüssigen Erklärungsansatz liefern. Sollte dies der Grund sein, müßten auch die rückläufigen Anteile der Metallverarbeitung relativiert bzw. die Zuwachsraten des Maschinenbaus noch höher bewertet werden.

Abb. 49: Bevölkerungsabnahme in der Berliner Innenstadt zwischen 1885 und 1930.

Quelle: Leyden (1933), S. 102.

↓248

Wie in der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau ist auch im Bekleidungsgewerbe eine Verlagerung der Produktionskapazitäten in die Außenbezirke zu erkennen. Während die Branchenanteile in der nördlichen Rosenthaler Vorstadt, dem östlichen Stralauer Viertel, Wedding und Moabit zwischen 1900 und 1910 stiegen, gingen sie in den innenstadtnahen Gebieten zurück. Nicht Kapazitätsprobleme oder verkehrstechnische Überlegungen gaben den Ausschlag, vielmehr muß unter Berücksichtigung der weitverbreiteten Heimarbeit die voranschreitende Citybildung als Erklärung herangezogen werden. Immer weiter wurde im Innenstadtbereich die Wohnbevölkerung zugunsten einer tertiärwirtschaftlichen Nutzung zurückgedrängt (vgl. Abb. 49).250

Tab. 34: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Bekleidungsgewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Die vielfache Verlagerung des Herstellungsprozesses in den Bereich der Privathaushalte bewirkte in den meisten Fällen eine räumliche Einheit von Wohn- und Produktionsstandort. Zur räumlichen Verortung muß erneut auf die Angaben der Kirchenbücher zurückgegriffen werden. Nach den Berufsangaben der Trau- und Sterberegister belegte das Bekleidungsgewerbe mit einem Anteil von 4,7% lediglich den fünften Rang - eine erhebliche Abweichung im Vergleich zu den zweistelligen Werten der amtlichen Statistik.

↓249

Eine Erklärung ist in dem hohen Frauenanteil unter den Beschäftigten des Bekleidungsgewerbes zu suchen. Weber führt ihn auf das rasch anwachsende weibliche Arbeitskräfteangebot in den Städten zurück.251 Ohne die Arbeit in der traditionellen landwirtschaftlichen Eigenproduktion und der völligen Abhängigkeit von den Einkünften des Mannes, war mit dem Voranschreiten der Industrialisierung eine enorme Nachfrage auf dem Gebiet der weiblichen Lohnarbeit entstanden. Das Bekleidungsgewerbe konnte das vorhandene Potential in nahezu idealer Weise nutzen. Zum einen hielt die große Nachfrage nach Heimarbeit das Lohnniveau auf einem für die Unternehmen attraktiv niedrigen Niveau. Zum anderen waren die Anforderungen an die Ausbildung und die technische Ausstattung gering. In der Regel genügte die Anschaffung einer Nähmaschine, um die Produktion aufnehmen zu können, auch wenn diese Investition für viele bereits zum finanziellen Drahtseilakt wurde und an den Rand des wirtschaftlichen Ruins führen konnte. Durch die Heimarbeit sparten die Konfektionsunternehmen die Kosten für teuere Produktionsstätten und boten den an den Haushalt gebundenen (Ehe-)frauen und Töchtern die Möglichkeit, zum Familieneinkommen beizutragen.252

Den fundamentalen Stellenwert der Frauenarbeit im Bekleidungsgewerbe verdeutlicht eine Zusammenstellung aus den Bevölkerungsaufnahmen von 1900 und 1910.253 Zugleich liefern die Zahlen einen Erklärungsansatz für die vergleichsweise niedrigen Beschäftigtenanteile des Weddings (vgl. Tab. 35).

Lediglich die östliche Luisenstadt jenseits des Kanals wies in den beiden Erhebungsjahren einen höheren Frauenanteil im Bekleidungsgewerbe auf. Dies bedeutet im Umkehrschluß, daß sich der Wedding durch einen sehr niedrigen Männeranteil auszeichnete. Auffällig ist zudem der vergleichsweise niedrige Wert der Frauen im Bekleidungsgewerbe an der Gesamtzahl der weiblichen Erwerbstätigen. Mit 27,2% (1900) und 19,6% (1910) lagen die Werte um etwa 10% niedriger als bspw. in der Rosenthaler Vorstadt.254 Beides deutet auf eine überdurchschnittliche Verfügbarkeit alternativer Arbeitsplätze hin.

↓250

Tab. 35: Frauen im Bekleidungsgewerbe nach Stadtteilen 1900 und 1910 (in %).

1900

1910

Frauenanteil im Bekleidungs-gewerbe

Anteil an erwerbs-tätigen Frauen insg. 1)

Frauenanteil im Bekleidungs-gewerbe

Anteil an erwerbs-tätigen Frauen insg.

Anteil verheirateter Frauen 2)

1

Luisenstadt jenseits östlich

75,9

29,7

75,2

20,6

11,0

2

Wedding

74,0

27,2

70,5

19,6

14,8

3

Friedrichs- u. Schöneberger V.

70,5

12,3

69,4

13,8

5,3

4

Luisenstadt jenseits westlich

70,6

30,9

69,1

23,8

9,4

5

Stralauer Viertel östlich

74,3

32,6

67,6

26,7

13,2

6

Friedrichs- u. Tempelhofer V.

69,8

20,6

67,3

19,0

6,6

7

Moabit

69,8

19,9

66,9

16,0

6,4

8

Rosenthaler Vst. nördlich

68,5

37,2

65,9

31,6

14,3

9

Oranienburger Vst.

69,3

28,8

65,6

21,3

8,6

10

Rosenthaler Vst. südlich

66,3

37,4

63,1

30,8

10,0

11

Stralauer Viertel westlich

62,7

29,4

61,3

25,4

10,3

12

Königs-Viertel

60,6

28,4

55,4

24,9

10,9

13

Luisenstadt diesseits

53,5

22,9

50,6

21,7

6,9

14

Spandauer Viertel

54,6

19,8

49,0

16,7

7,5


1) Anteil der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Frauen an der Gesamtzahl der weiblichen Erwerbstätigen je Stadtteil.
2) Bezogen auf die Gesamtzahl der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Frauen je Stadtteil. Zahlen nur für 1910 verfügbar.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 96 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 49.

Der hohe Anteil von 14,8% verheirateter Frauen - der höchste in ganz Berlin - untermauert diese Vermutung. Während eine Ehefrau mit Kindern auf die Heimarbeit angewiesen blieb, konnte eine ungebundene Frau verstärkt auf alternative, besserbezahlte Angebote in anderen Branchen zurückgreifen. Die Anteile im Bekleidungsgewerbe verschoben sich zugunsten der Verheirateten. Unwahrscheinlich ist, daß die wirtschaftliche Not überdurchschnittlich viele Ehefrauen zum Nebenerwerb in Heimarbeit zwang. Nicht die absolute Zahl der verheirateten Frauen lag im Wedding überdurchschnittlich hoch, sondern die Zahl der ledigen Konfektionsarbeiterinnen vergleichsweise niedrig.

Dies allein erklärt noch nicht die bestehende Diskrepanz zwischen den Zahlen der Volkszählungsergebnisse und der Kirchenbuchanalyse. Der hohe Frauenanteil wäre ohne statistische Relevanz geblieben, hätten die zur Führung der Kirchenbücher berechtigten Personen bei der Registrierung der beiden Geschlechter die gleichen Maßstäbe angelegt. In der Praxis kam es jedoch zu erheblichen Abweichungen. Während bei den aufgelisteten Männern in fast 95% der Fälle eine Berufsbezeichnung zu finden ist, beschränkt sich der Wert bei den Frauen auf lediglich 46,4%. Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind enorm:

↓251

Tab. 36: Kirchengemeinden des Untersuchungsgebietes. Anteil der Datensätze in den Trau- und Sterberegistern mit Berufsangaben. Nach dem Geschlecht 1885-1914 (in %).

Gemeinde

m

w

Dankes

95,5

51,0

Kapernaum

94,8

26,0

Nazareth

93,4

44,7

Oster

98,8

36,4

St. Joseph

97,6

73,0

St. Petrus

100,0

84,0

St. Sebastian

95,4

48,9

Gesamt

94,6

46,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

Abgesehen von der statistisch irrelevanten St. Petrus-Gemeinde bieten die Angaben aus den Kirchenbüchern der katholischen Gemeinde St. Joseph die größte Vollständigkeit. Hier findet sich für immerhin 73% der Frauen eine Berufsangabe.255 Dem stehen die evangelischen Gemeinden Kapernaum und Oster mit den Minimalwerten von 26,0% und 36,4% gegenüber.

Daß die Werte der Männer nicht noch höher liegen, ist den Sterberegistern geschuldet. Verstarb z.B. ein unehelich geborener Junge, vermerkte der Kirchenbuchführer in den meisten Fällen lediglich den Namen, nicht aber den Beruf der Mutter. Die unvollständige Registrierung der Frauen beeinflußt auf diese Weise indirekt auch die Statistik des anderen Geschlechts.

↓252

Für eine kartographische Darstellung der Wohnstandorte hat dies weitreichende Konsequenzen. Es ist zu vermuten, daß das Ergebnis weniger die tatsächlich herrschenden Verhältnisse widerspiegelt, als vielmehr zum Gradmesser für die Sorgfalt der Kirchenbuchführung degradiert.

Abb. 50: Beschäftigte im Bekleidungsgewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

Die aus den Trau- und Sterberegistern gewonnene Verteilung zeigt Abb. 50. Eine positive Korrelation zwischen dem Gemeindegebiet mit den genauesten Angaben - St. Joseph (nordwestlich der blau gepunkteten Linie) - und den Anteilen des Bekleidungsgewerbes an der Gesamtbeschäftigtenzahl ist nicht nachzuweisen. Offensichtlich führte die räumliche Überlagerung mit den Pfarreien der evangelischen Kapernaum- und Ostergemeinde, die späte Ausgliederung aus dem Seelsorgebezirk von St. Sebastian und die daraus resultierende geringe Grundgesamtheit zu einer Relativierung der hohen Werte.

↓253

Wichtiger erscheint die Trennlinie zwischen der evangelischen Dankes- und Nazarethgemeinde (rot gepunktete Linie bzw. Ringbahn). Zwischen den beiden Gemeinden, die mit über 80% den Großteil der Datensätze stellten, betrug die Differenz des Frauenanteils 6,3%. Die zusammenhängende Fläche der Straßenblöcke mit einem Beschäftigtenanteil des Bekleidungsgewerbes von über 5% in der südlichen Reinickendorfer Straße sowie beiderseits der Pank- und Gerichtstraße (1) könnte auf diesen Unterschied zurückzuführen sein. Andererseits deutet der ebenfalls sehr hohe Wert in dem bereits zur Nazarethgemeinde gehörenden Häuserblock an der östlichen Pasewalker Straße (2) auf eine gemeindeunabhängige Konzentration um den Nettelbeckplatz (3) hin. Mehr als eine Vermutung kann dies allerdings nicht sein. Die lückenhafte Datenbasis verhindert eine finale Beurteilung des Verteilungsmusters.

Im Gegensatz zur Metallverarbeitung und dem Maschinenbau vermittelt die in den Kreisdiagrammen dargestellte Schichtzugehörigkeit ein wesentlich differenzierteres Bild. Neben den 75,1% der „Oberen Unterschicht“ konnten die „Untere Mittelschicht“ und die „Mittlere Unterschicht“ mit 14,4% und 10,3% größere Anteile auf sich vereinen. Die Kategorien „Untere Unterschicht“ und „Oberschicht“ blieben dagegen unbesetzt (vgl. Tab. 37).

Auffällig ist die starke Zunahme der „Mittleren Unterschicht“ von 3% auf über 17% und der damit verbundene Rückgang des durchschnittlichen sozialen Status von 3,13 auf 2,95. Unter den 301 Personen der „Mittleren Unterschicht“ stellten die Näherinnen mit 275 Nachweisungen den mit Abstand höchsten Anteil. Vieles deute darauf hin, daß die Verschiebungen in Richtung einer sozialen Abwertung weniger den tatsächlichen Verhältnissen als vielmehr der uneinheitlichen Kirchenbuchführung geschuldet sind. Es ist sicherlich kein Zufall, daß sich der Abwertungsprozeß gerade in den Jahren 1905-1909 beschleunigte, als die sehr genauen Aufzeichnungen in der St. Joseph-Gemeinde einsetzten.

↓254

Tab. 37: Bekleidungsgewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

(2) Mittlere Unterschicht

4,5

3,0

6,2

10,2

17,3

17,1

10,3

(3) Obere Unterschicht

79,9

85,8

74,9

73,9

68,4

70,9

75,1

(4) Untere Mittelschicht

15,6

11,0

18,7

15,7

14,1

11,8

14,4

(5) Obere Mittelschicht

0,0

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,11

3,08

3,13

3,06

2,97

2,95

3,04


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

III.2.3.2.b) Die Berliner Konfektionsindustrie - Hintergründe

Richtet man das Augenmerk auf die beschäftigungsintensive Oberbekleidungs- und Wäscheherstellung, wird eine räumliche Arbeitsteilung sichtbar, die sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckte. Grandke identifizierte einen dreistufigen Produktionskreislauf.

Am Anfang und Ende stand das Konfektionshaus, das die zu fertigenden Modelle und Muster vorgab. Es kaufte en gros die zur Verarbeitung vorgesehenen Stoffe und sorgte - abhängig von dem jeweiligen Endprodukt256 - für den entsprechenden Zuschnitt. Das vorbereitete Rohmaterial verließ nun das Konfektionshaus und wurde an einen sog. Zwischenmeister übergeben. Dieser fungierte als Bindeglied und beschäftigte seinerseits Arbeiter, die für das fertige Endprodukt sorgten.

↓255

„Bei der Art, wie die Arbeiter vom Meister beschäftigt werden, unterscheiden wir [...] drei Formen, nämlich einmal den reinen Werkstattbetrieb, bei dem sich die Fertigstellung der Ware vollständig in der Werkstatt des Meisters vollzieht, zweitens den gemischten Betrieb, bei dem die Herstellung der Ware zum Teil in der Werkstatt des Meisters geschieht, zum Teil aber von ihm an Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen weitergegeben wird, die in ihrer eigenen Wohnung thätig sind. Bei dieser Form des gemischten Betriebs sind wieder zwei Abarten zu unterscheiden; einmal, daß ein und dieselbe Person sowohl in der Werkstatt des Meisters wie zu Hause arbeitet, das ist die bei weitem häufigste Form bei allen auf Stücklohn gestellten Werkstattarbeiterinnen. Sie entsteht dadurch, daß in der Regel, namentlich während der Saison, bei Schluß der Arbeitszeit in der Werkstelle noch nicht fertige Arbeit mit nach Hause genommen und mit Hilfe von Abend- und Nachtthätigkeit fertiggestellt wird. Die zweite Abart ist, daß ein Teil der Verrichtungen an einem Stück in der Werkstatt von bestimmten Werkstattarbeiterinnen und ein anderer Teil der Verrichtungen an demselben Stück von Heimarbeiterinnen, - also von anderen Persönlichkeiten - in ihren eigenen Wohnungen besorgt wird.

↓256

Die dritte Form, in der sich die Thätigkeit des Zwischenmeisters äußert, ist dann die, daß er ausschließlich Heimarbeiterinnen beschäftigt, also eine Art kleinen Kontraktor darstellt, der nur die Mittelperson zwischen dem Konfektionshause und der Arbeiterschar bildet und gleichsam für diese Vermittelung Prozente von dem vom Konfektionshause gezahlten Lohn für sich einbehält.“257

Die saisonal schwankende Auftragslage bestimmte den Produktionsrhythmus. Je nach Warentyp variierte die Auslastung im Jahresverlauf:

↓257

„Für die meisten Geschäfte besteht jede Saison aus drei Teilen: der Mustersaison, in welcher die Muster und Modelle geschaffen werden, der Reisesaison, in welcher die Aufträge entgegengenommen werden und der Liefersaison, der eigentlichen Saison, mit der Hochsaison als Kulminationspunkt, in welcher die Aufträge ausgeführt werden. [...] Das Gros der Arbeiter hat nur in der Liefersaison, der Saison im engeren Sinne, bei genügender Arbeit vollen Verdienst. Die verschiedene Dauer der Liefersaison ist es demnach, welche den einzelnen Branchen der Konfektionsindustrie den Stempel als Saisonindustrie aufdrückt.

Die Saison in der Herren- und Knabenkonfektion ist relativ günstig. Man unterscheidet eine Frühjahrs- oder Sommersaison, die im allgemeinen von Weihnachten bis Ende April währt, und eine Wintersaison, die einige Wochen nach Pfingsten beginnt und in den Oktober und bei schönem Wetter auch bis Mitte November dauert. Zeiten völliger Unthätigkeit gibt es kaum [...]

↓258

Die Saisonverhältnisse in der Damenkonfektion sind von viel größerer Bedeutung. Man unterscheidet hier auch eine im Frühjahr und Sommer und eine im Herbst und Winter liegende Saison. Während der Frühjahrs- und Sommersaison werden die Wintersachen angefertigt, die von den Käufern seltener durch neue ersetzt werden. Daher ist sie im allgemeinen kürzer als die Wintersaison, während welcher die Sommersachen gearbeitet werden, in denen der Bedarf ein größerer ist und mit denen öfters gewechselt wird. Im allgemeinen beginnt hier die Saison 2-3 Monate später als in der Herren- und Knabenkonfektion, d.h. Anfang Januar resp. Mitte Mai, endet aber fast gleichzeitig mit dieser, Ende April resp. Mitte Oktober. Durchschnittlich wird für Mäntel 6 Monate flott und 2 Monate weniger lebhaft gearbeitet; die übrigen 4 Monate ist stille Zeit.“258

Die vorherrschende Heimarbeit hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Wohnverhältnisse. Einen Einblick gewähren die 1898 publizierten Ergebnisse von Dyhrenfurth, die ihre Aussagen auf eine Befragung von 206 Heimarbeiterinnen stützte:

↓259

„Denken wir uns die aus zwei Räumen bestehende Berliner Arbeiterwohnung, wie sie am häufigsten vorkommt.

↓260

Meist werden wir sie in unserem Falle in den oberen Stockwerken der Hinterhäuser zu suchen haben, in denen auf die billigste Weise das Bedürfnis nach vollem Licht zum arbeiten befriedigt werden kann. Von der Treppe aus betritt man einen schmalen, dunklen Gang, an dem mehrere Parteien, meist zwei bis vier, wohnen und der die einfenstrigen Küchen von den gegenüberliegenden Stuben trennt. Je nachdem es der Platz erlaubt, sitzt die arbeitende Frau nun in einem oder dem anderen der beiden Räume.

Ist die Stube an Schlafgänger abvermietet oder durch die eigene Familie in Beschlag genommen, so steht die Nähmaschine zwischen Kochherd, Vorräten, Betten, eingeweichter Wäsche in der Küche.

↓261

Ja diese Küchenarbeit, wie sie die Leute nennen, kann man beinah als typisch für die Berliner Hausindustrie bezeichnen. Und gerade diejenigen Hausfrauen, die noch das Bedürfnis haben, wenigstens die Stube reinlich und präsentabel zu erhalten, ziehen es vor, mit ihrer Schneiderei in die Küche zu ziehen, wenn diese nur irgend welchen Raum dafür bietet. [...]

↓262

In den sogenannten Kochstuben, von Ehepaaren mit drei und vier Kindern bewohnt, trifft man inmitten des unbeschreiblichen häuslichen Chaos die Frauen an der Nähmaschine sitzend an. Das Arbeitsmaterial liegt auf den Betten verstreut und wird aufs ängstliche vor Unsauberkeit geschützt. Aber die Luft mit allem, was sich ihr mitteilt, wenn in einem Raume gesunde und kranke Menschen Tag und Nacht atmen, sich reinigen, ihre Speisen zubereiten, die Überreste und die gebrauchte Wäsche aufbewahren - diese Luft ist von den Waren, die hier hergestellt werden, nicht abzuschließen.

Eine frühere Geschäftsangestellte sagte mir, daß sie ihre Stellung zum Teil deshalb aufgegeben habe, weil beim Öffnen der von den Heimarbeitern abgelieferten Bündel so unerträgliche Dünste aufgestiegen wären, daß ihr ohnehin geschwächter Magen zu sehr darunter gelitten habe. Selbst Ungeziefer sei in den Packeten vorgekommen.

↓263

Nach den in den Häuslichkeiten gemachten Beobachtungen erscheint mir diese Angabe nicht zweifelhaft.“259

Die Fertigstellung der Waren hatte innerhalb einer festgelegten Zeitspanne zu erfolgen. Vor dem Abgabetermin erreichte das Arbeitspensum seinen Höchststand. Eine von Beier zu Beginn der 1980er Jahre befragte Probandin erinnerte sich rückblickend an die Arbeit ihrer Mutter:

↓264

„Mein Onkel erzählte oft, wir haben noch geschlafen, und dann hat Mutter schon wieder gesessen und genäht, und dann hat er immer gesagt, Mutti, du mußt doch aufhören, du mußt doch auch schlafen, ach, ich hab schon geschlafen, na, da hat sie wieder zwei drei Stunden geschlafen, dann hat sie wieder gesessen und genäht [...]“260

Da auch der Zwischenmeister von Seiten des Konfektionshauses an Fristen gebunden war, verlief die Abgabe der fertigen Ware nicht ohne Stockungen. Alle von einem Meister beschäftigten Heimarbeiterinnen wurde etwa zur gleichen Zeit vorstellig. Nach der Überprüfung der Waren mußten fehlerhafte Arbeiten gleich an Ort und Stelle ausgebessert werden. Das Prozedere konnte mehrere Stunden in Anspruch nehmen:

↓265

„In ein paar Detailgeschäften [...] erfolgte die Abnahme sofort. Auch von neun bis zehn Engrosgeschäften ist das Gleiche ausgesagt; von etwa sieben wird die Zeit, die mit Warten vergeht, auf 1 bis 2 Stunden angegeben, eine Stockung, die wahrscheinlich schwer zu vermeiden ist, besonders da, wo die Abfertigung des Einzelnen, das Überziehen des Gegenstandes über die Probierpuppen etc. längere Zeit in Anspruch nimmt. Daß sich in weiteren acht Geschäften das Warten oft über 2-3 Stunden ausdehnt, erscheint schon bedenklicher; an fünf Abnahmestellen soll es jedoch oft 4-5 Stunden dauern, bevor man an der Reihe ist, an einigen anderen noch darüber hinaus, und von etwa neun Firmen heißt es, daß ganze halbe Tage wartend im Lieferraum zugebracht werden müssen. Und nun male man sich die Empfindungen der Frauen aus, die, vielleicht mit Hintansetzung ihrer Haushaltungspflichten, die Morgenstunden benutzt haben, um die Ware zum Liefern fertigzustellen und die nun Stunde um Stunde verrinnen sehen, ohne etwas anderes thun zu können, als an die unversorgten Kinder, die vernachlässigte Wirtschaft daheim zu denken und sich auszurechnen, wieviel Nachtstunden geopfert werden müssen, um die versäumte Arbeitszeit nachzuholen.“261

Mit der Lieferung der Waren an das Konfektionshaus war die Produktionskette schließlich geschlossen. Ließ es die Auftragslage zu, begann der gesamte Ablauf von vorn.

↓266

Vier Aspekte bleiben festzuhalten:

  1. Ein Bekleidungsgewerbe des Weddings existierte strenggenommen nicht. Das Untersuchungsgebiet war lediglich Teil eines gesamtstädtisch organisierten, arbeitsteiligen Produktionsprozesses.
  2. Im Gegensatz zum Maschinenbau und der Metallverarbeitung blieb die städtebauliche Bedeutung des Bekleidungsgewerbes marginal. Große Produktionsstätten fehlten. Die Fertigung in Werkstätten und Heimarbeit dominierte.
  3. Die Heimarbeit der Frau wurde vor allem in den Unterschichthaushalten zu einem strukturierenden Element des Familienalltags. Für die betroffenen Frauen bedeuteten die Näharbeiten eine erhebliche Mehrbelastung, ohne daß die zumeist kärgliche Entlohnung zu einer spürbaren Verbesserung der finanziellen Situation geführt hätte.
  4. Das Berliner Bekleidungsgewerbe steht stellvertretend für eine Entwicklung, die in vielen Zweigen des traditionellen Handwerks zu beobachten war. Die Ausweitung der maschinellen und standardisierten Produktion drängte den Anteil selbständiger Meister zurück. Gesellen wurden zu Lohnarbeitern. Ganze Berufszweige wie bspw. das Schuhmacherhandwerk verschwanden und existierten nur noch zur Verrichtung von Reparaturarbeiten als Flickschuster weiter. Ein tiefgreifender Umstrukturierungsprozeß wird sichtbar, der einerseits mit Krise und Abstieg verbunden war, andererseits neue Handwerkszweige hervorbrachte. So rückten u.a. Installations-, Reparatur- und Dienstleistungstätigkeiten in den Vordergrund.262

III.2.3.3 Handelsgewerbe

III.2.3.3.a)  Beschäftigtenstruktur

Das Handelsgewerbe erlebte im Untersuchungszeitraum einen enormen Aufschwung. Die rasch expandierende industrielle Produktion verlangte nach neuen, adäquaten Distributionsformen. Der Laden wurde zur Basisinnovation und zum sichtbaren Ausdruck des Wandels.

↓267

„Die Produktion an sich war wertlos, unbedeutend, lediglich notwendige Grundlage für das eigentliche Ziel jeder Produktion, nämlich für den Verkauf, für die Realisierung der im Produkt gebündelten Werte. [...] Der Laden entwickelte sich [...] zum entscheidenden Ort der Realisierung dieser Werte - während parallel die Fabrik zum entscheidenden Ort der Güterproduktion wurde. Ohne den Laden kann die Industrialisierung daher nicht angemessen erklärt werden.“263

Der Laden - definiert als ein vor der Witterung geschützter Verkaufsraum, der einzig dem Warenverkauf dient - war strenggenommen keine wirkliche Innovation. Seine Anfänge reichen bis ins Mittelalter zurück. Neu war die flächendeckende Verbreitung, die alle Bereiche des Konsumgüterhandels erfaßte. Die Erdgeschosse der neu errichteten Mietshäuser waren zur Straßenfront fest für den Einzelhandel reserviert.264 Die traditionelle räumliche Einheit von Produktion und Verkauf zerbrach.265

↓268

Eine Ausnahme blieb lange Zeit der Lebensmittelsektor. Im Vergleich zum Gebrauchsgüterhandel setzte sich in diesem Bereich der Ladenverkauf vergleichsweise spät durch. Die geringe Haltbarkeit der Waren machte einen ständigen ortsgebundenen Handel unrentabel. Wochenmärkte und der direkte Verkauf an den Wohnungen der Kunden bestimmten das Bild. Grundnahrungsmittel wie Brot wurden vielfach noch in Eigenproduktion hergestellt.

„Grundsätzlich gilt, daß die Ladenorientierung je früher einsetzte, desto haltbarer und wichtiger ein Lebensmittel war.“266

↓269

Das Handelsgewerbe zählte über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg zu den Wachstumsbranchen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen legten die Beschäftigtenanteile in allen Stadtteilen kontinuierlich zu. Der Wedding fiel dabei durch seine vergleichsweise niedrigen Werte auf. Der Branchenanteil von 7,2% im Jahr 1910 war allein der hohen absoluten Einwohnerzahl geschuldet. Kein anderer Stadtteil wies zur gleichen Zeit einen geringeren Beschäftigtenanteil im Handel auf. Eine temporäre Ausnahme war dies nicht. Bereits in den Zähljahren 1885 und 1900 zierte der Wedding mit 6,3% und 8,8% das Ende der Auflistung.

Tab. 38: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Handelsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Stralauer Viertel östlich

5,4

+4,1

9,5

7,5

+3,7

11,2

+0,5

11,7

2. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

10,2

-0,9

9,3

10,0

+3,2

13,2

+0,8

14,0

3. Königs-Viertel

7,7

+1,5

9,2

13,5

+1,5

15,0

+1,8

16,8

4. Moabit

6,5

+1,9

8,4

7,3

+3,7

11,0

+1,7

12,7

5. Rosenthaler Vst. nördlich

5,0

+2,6

7,6

8,3

+2,2

10,5

+1,0

11,5

6. Wedding

4,4

+2,8

7,2

6,3

+2,5

8,8

+0,6

9,4

7. Luisenstadt diesseits

9,0

-1,9

7,1

15,3

+2,1

17,4

+0,6

18,0

8. Rosenthaler Vst. südlich

6,6

-0,9

5,7

10,3

+3,9

14,2

+1,0

15,2

9. Oranienburger Vst.

6,1

-0,5

5,6

8,4

+2,4

10,8

+1,0

11,8

10. Stralauer Viertel westlich

7,0

-1,6

5,4

10,6

+4,4

15,0

-0,2

14,8

11. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,5

-0,3

5,2

8,8

+2,9

11,7

+2,0

13,7

12. Spandauer Viertel

6,6

-2,0

4,6

16,1

+2,2

18,3

+0,1

18,4

Sonstige Stadtteile... 3)

> 15%

Neu-Cöln

0,5

-0,2

0,3

19,9

+2,5

22,4

+3,0

25,4

Alt-Berlin

1,8

-0,9

0,9

19,2

+3,9

23,1

-2,8

20,3

Alt-Cöln

0,9

-0,3

0,6

16,7

+2,9

19,6

-0,1

19,5

Friedrichstadt

5,0

-1,6

3,4

17,1

+1,1

18,2

+0,7

18,9

Friedrichswerder

0,3

-0,1

0,2

16,4

-0,1

16,3

+0,6

16,9

Thiergarten

1,6

-0,2

1,4

9,9

+7,1

17,0

-0,2

16,8


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Handelsgewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Handelsgewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Handelsgewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).
3) Die folgenden Stadteile wiesen 1910 einen Beschäftigtenanteil von über 15% auf, spielten jedoch innerhalb Gesamt-Berlins nur eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 98 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 51.

Eine Erklärung für die außergewöhnlich niedrigen Werte innerhalb des Weddings liefert eine Aufschlüsselung der Zahlen nach der Stellung im Beruf und dem Frauenanteil. 1885 verzeichnete die Statistik für den Wedding eine Selbständigenquote von 69,2%. Kein anderer Berliner Stadtteil reichte an diesen Wert auch nur annähernd heran. Auch wenn die Quote bis 1900 um über 30% gesunken war, blieb der Wedding bis 1910 auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau. Dies galt in gleichem Maße für den Anteil der Frauen an den Selbständigen. Mit 28,9% bzw. 33,9% belegte der Wedding in den Jahren 1900 und 1910 die Spitzenposition der Auflistung. Die hohen Werte selbständiger Frauen und der Selbständigen insgesamt deuten auf einen sehr kleinteiligen und wenig spezialisierten Einzelhandel mit dementsprechend niedrigen Beschäftigtenanteilen hin.

↓270

Bemerkenswert ist der allgemein zu beobachtende Einbruch der Selbständigenquote zwischen 1885 und 1900. Die Zahlen belegen einen raschen und tiefgreifenden Wandel der Einzelhandelsstruktur hin zu größeren Verkaufseinheiten.267

Tab. 39: Selbständigenanteil insgesamt und Anteil der Frauen an den Selbständigen im Berliner Handelsgewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910 (in %).

Anteil der Selbständigen (%)

Frauenanteil an den Selbständigen (%)

1885

+/-

1900

+/-

1910

1900

+/-

1910

1. Wedding

69,2

-33,6

35,6

-1,6

34,0

28,9

+5,0

33,9

2. Luisenstadt jenseits östlich

58,3

-31,3

27,0

+1,6

28,6

26,1

+3,7

29,8

3. Thiergarten

55,7

-17,3

38,4

-1,8

36,6

10,2

+3,2

13,4

4. Oranienburger Vst.

55,2

-25,8

29,4

-0,3

29,1

24,8

+2,7

27,5

5. Rosenthaler Vst. nördlich

52,5

-22,0

30,5

-0,3

30,2

25,1

+5,2

30,3

6. Friedrichs- u. Schöneberger V.

52,3

-16,6

35,7

-4,5

31,2

13,9

+4,5

18,4

7. Friedrich-Wilhelm-Stadt

52,1

-23,7

28,4

-2,8

25,6

15,9

+2,2

18,1

8. Stralauer Viertel östlich

51,1

-21,8

29,3

+0,6

29,9

24,1

+8,5

32,6

9. Dorotheenstadt

50,1

-5,7

44,4

+8,0

52,4

8,3

-3,8

4,5

10. Luisenstadt jenseits westlich

49,8

-21,4

28,4

+1,7

30,1

23,3

+7,3

30,6

11. Rosenthaler Vst. südlich

47,5

-18,5

29,0

+1,6

30,6

21,1

+5,1

26,2

12. Stralauer Viertel westlich

47,4

-17,4

30,0

+2,7

32,7

21,1

+4,4

25,5

13. Spandauer Viertel

45,6

-11,8

33,8

+4,0

37,8

21,0

-0,8

20,2

14. Königs-Viertel

45,3

-16,0

29,3

+1,3

30,6

21,0

+2,2

23,2

15. Moabit

43,7

-18,7

25,0

-0,2

24,8

19,7

+6,3

26,0


Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 98 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 51.

Nach den Angaben der Kirchenbücher belegt das Handelsgewerbe mit 4,9% den vierten Rang. Verglichen mit dem Bekleidungsgewerbe liegt die Diskrepanz zu den Werten der amtlichen Statistik auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Dennoch bleibt eine Abweichung zwischen 1,4% und 4,5%. Die Ursachen sind in dem ebenfalls sehr hohen Frauenanteil und den damit verbundenen Unzulänglichkeiten der Kirchenbuchführung zu suchen.268

↓271

Tab. 40: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Handelsgewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Das räumliche Verteilungsmuster ergibt kein eindeutiges Bild (vgl. Abb. 51). In der Mehrzahl der Straßenblöcke bewegten sich die Beschäftigtenanteile zwischen 2,5% und 5%. Nur in drei Fällen überstiegen die Werte die Marke von 10%. Dabei handelte es sich um Flächeneinheiten mit einer vergleichsweise geringen Grundgesamtheit. Tendenziell lagen die Anteile in den Neubaugebieten westlich der Müllerstraße höher als in den östlich angrenzenden Altbauvierteln. Dies könnte auf die vorherrschende Ladennutzung in den Erdgeschossen der fünfgeschossigen Neubauten zurückzuführen sein.

Abb. 51: Beschäftigte im Handelsgewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

↓272

Hervorzuheben ist die Situation um den Weddingplatz (1). Von den sieben angrenzenden Straßenblöcken wiesen allein fünf einen Beschäftigtenanteil des Handelsgewerbes von über 5% auf. Da es sich nach der Bodenwertkarte von 1906 (Abb. 28, S. 73) zugleich um das Areal mit den höchsten Grundstückspreisen des Untersuchungsgebietes handelte, läßt das Verteilungsmuster auf eine Funktion als Dienstleistungs- und Versorgungszentrum schließen.269

Die wenig konkreten, jedoch am häufigsten anzutreffenden Berufsbezeichnungen „Handelsmann“ bzw. „Kaufmann“ werden nach der Klassifikation von Schüren der „Unteren Mittelschicht“ zugeordnet. Ohne die Möglichkeit, eine Differenzierung nach der Betriebsgröße oder dem Geschäftszweck vornehmen zu können, entsteht eine überaus homogene Schichtstruktur, die sich deutlich vom Maschinenbau und dem Bekleidungsgewerbe abhebt. Der Schwerpunkt ist um eine Kategorie nach oben in die „Untere Mittelschicht“ verschoben. Sie dominiert mit 87,5% und führt zu einem durchschnittlichen sozialen Status von 3,99.

Tab. 41: Handelsgewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

0,6

0,3

0,8

0,7

0,2

1,0

0,6

(2) Mittlere Unterschicht

0,0

0,3

0,3

0,2

0,2

0,0

0,1

(3) Obere Unterschicht

3,8

2,6

2,8

5,2

5,4

8,8

5,3

(4) Untere Mittelschicht

89,2

89,9

91,0

83,7

88,3

84,8

87,5

(5) Obere Mittelschicht

6,4

7,0

5,3

10,1

5,9

5,4

6,5

(6) Oberschicht

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

4,01

4,03

4,00

4,02

4,00

3,94

3,99


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

↓273

Ob diese vergleichsweise hohe Einordnung der tatsächlichen Situation im Untersuchungsgebiet gerecht wird, muß angezweifelt werden. Der starke Anteil von Kleinstbetrieben unter der Leitung einer Frau deutet auf Nebenerwerbstätigkeiten hin, die allein dazu dienten, das Familieneinkommen auf eine breitere Basis zu stellen.270 Folgt man den Ausführungen von Haupt, war für die Mehrzahl der kleinen Geschäfte die Gefahr eines Konkurses allgegenwärtig. Ohne den zusätzlichen Lohn des Mannes konnte die Familie ihr Auskommen nicht bestreiten. Die Grenzziehung zwischen Mittel- und Unterschicht verschwimmt. Selbständigkeit war vielfach nicht mehr als die „Selbständigkeit zur Selbstausbeutung.“271

Die steigenden Anteile der „Oberen Unterschicht“ entsprechen dagegen der zunehmenden Anzahl abhängig Beschäftigter und der konstatierten Vergrößerung der Betriebseinheiten. Die Berufsbezeichnungen „Verkäufer“ bzw. „Verkäuferin“ nahmen in ihrer Häufigkeit zu.

III.2.3.3.b) Die Markthalle XIV - Räumliche Verteilungsmuster des Lebensmitteleinzelhandels

Im Jahr 1881 ersuchte die Berliner Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, einen Plan zur Errichtung von Markthallen für das gesamte Stadtgebiet zu erarbeiten. Seit 1886 entstand ein Netz von 13 Kleinmarkthallen und einer Zentralmarkthalle am Alexanderplatz. Mit der sukzessiven Fertigstellung der Hallen wurden sämtliche Wochenmärkte aufgehoben. Die Zentralmarkthalle übernahm fortan die Versorgung des Berliner Groß- und Kleinhandels mit Frischwaren. Mit der Errichtung des kommunalen Markthallensystems nahm die Stadtverwaltung unmittelbaren Einfluß auf die Lebensmittelversorgung der Stadt.

↓274

Im Untersuchungsgebiet öffnete im Jahr 1892 die Markthalle XIV in der Reinickendorfer Straße 2 d-e ihre Pforten (vgl. oben, S. 81f., Abb. 31/32, Nr. 7). Gottwald beschreibt die Situation im Innern etwa 30 Jahre nach der Inbetriebnahme:

„Im ganzen sind 326 feste Stände vorhanden. Davon entfallen z.B. 82 auf die Fleischer und 24 auf die Fischhändler. Die Stände ziehen sich zum Teil an den Wänden entlang, zum Teil bilden sie am Mittelgang Doppelreihen. Außer den festen Ständen gibt es noch sogenannte Inselstände, die nicht in einer Reihe liegen. Jeder feste Stand gleicht einem kleinen Laden. Er trägt eine Nummer und den Namen des Inhabers.

↓275

Was kann man nun in der Halle kaufen? Da sehen wir, wie die Fleischer appetitliche Fleisch- und Wurstwaren zur Schau stellen. Fettwaren, wie Butter, Schmalz, Margarine, ferner Käse in vielen Sorten und Eier sind in ausreichender Menge vorhanden. Auch Kolonialwaren, Mehl, Backobst, Puddingpulver und dergleichen locken die Umschau haltende Hausfrau zum Kaufen an. Gemüse und Obst kann man, der Jahreszeit entsprechend, in frischem Zustand haben. Es wird vielfach von Selbsterzeugern aus den nördlichen Dörfern, wie Blankenburg, Karow, Berlin-Buchholz, zum Verkauf gebracht. Fische und Räucherwaren fehlen niemals. Nicht nur Lebensmittel, auch Küchengeräte, Einkaufstaschen, Körbe, Schnürsenkel, Schuhcream, Lichte, Seifen und dergleichen mehr werden den Besuchern der Markthalle angeboten. Einen besonderen Schmuck erhält die Halle durch die Blumenstände, die neben lieblichen Blumen auch Kränze feilbieten.“272

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kleinmarkthallen des Stadtgebietes konnte die Markthalle XIV auf ein stabile Entwicklung zurückblicken. Nach einem anfänglichen Rückgang verharrte die Auslastung bei einer Gesamtverkaufsfläche von 1.500 qm auf einem konstant hohen Niveau. Lediglich die Hallen VI und VIII wiesen ähnlich positive Werte auf.273

↓276

Abb. 52: Auslastung der Markthallen in der Stadt Berlin 1886-1909.

Quelle: Eigene Darstellung nach Lange (1911), S. 81.

Anm.: III = Zimmerstraße 90-91/Mauerstraße 82, IV = Dorotheenstraße 28-30/Reichstagsufer, V = Magdeburger Platz, VI = Invaliden-/Ackerstraße, VII = Eckgrundstück Luckauer Straße/Luisenufer, VIII = Andreasstraße 56, IX = Eisenbahnstraße 40, X = Arminiusplatz, XI = Marheinekeplatz, XII = Badstraße 10/10a, XIII = Wörther Straße 45, XIV = Reinickendorfer Straße 2d.274

Zum Scheitern des Markthallenkonzeptes gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Spiekermann führt als Hauptursache das wenig attraktive Ambiente mit Schwüle im Sommer und Kälte im Winter an. Breite Käuferschichten blieben fern und suchten nach alternativen Einkaufsmöglichkeiten.275 Ladengeschäften und Straßenhändler deckten die Nachfrage, zumal sich für die Konsumenten vielfach die Entfernungen vergrößert hatten:

↓277

„Ihre Verbreitung [der Ladengeschäfte] war dadurch begünstigt, daß die Anzahl der Kleinhandelspunkte mit frischen Nahrungsmitteln mit der Errichtung der Hallen vermindert worden war, indem jede Halle mehrere Wochenmärkte ersetzen sollte. Dadurch war vielen Konsumenten bei der größeren Entfernung der Haushaltungen von der Halle als früher vom Markt der Bedarfseinkauf erschwert worden. [...] Von den ehemaligen Marktzentren und den Hallen aus besetzten sie nach Bedürfnis das ganze Stadtgebiet in steigender Zahl. [...]

Die Kleinhandlungen für frische Nahrungsmittel [...] üben durch ihren Betrieb unmittelbar an den verkehrsreichen Straßen, durch ihre Schaufenster, Reklamen, Auslagen und Einrichtungen, und besonders auch durch das Entgegenkommen[ 276 ] und die Höflichkeit der Händler einen anziehenden Einfluß auf Konsumenten aus. Diese vermögen dort im einzelnen und ungestört ihren Bedarf vorteilhafter zu decken als in den Hallen, wo der gesamte unruhige Betrieb in einem einzigen, geschlossenen großen Raum vor sich geht. [...]

↓278

Eine weitere Beeinträchtigung erfährt der Betrieb der Markthallen durch den sogenannten Straßenhandel. Wie schon zurzeit der Wochenmärkte die Selbstproduzenten von dem Vorrecht Gebrauch machten, in der Stadt unmittelbar von ihren Wagen herab zu verkaufen oder mit ihren Tragekörben von Haus zu Haus zu gehen, so machte sich bald nach der Eröffnung der Hallen in immer steigendem Maße ein Straßenhandel bemerkbar, der in einfachster Art betrieben wird. Unternehmende Leute versehen sich aus den nicht verkauften täglichen Restbeständen der Marktgroßhändler, zumeist auf Kredit, mit frischen Nahrungsmitteln, vornehmlich mit Obst, Gemüse, Fischen und auch Blumen, die ihnen billig abgelassen werden. [...] Da die Straßenhändler ihre Waren billig verkaufen und überall hinziehen können, wo Bedürfnis vorhanden ist, so erfreuen sie sich eines sicheren und großen Umsatzes."277

Lange verweist darüber hinaus auf die Problematik der Citybildung. Die zunehmende Abwanderung von Wohnbevölkerung entzog den innenstadtnahen Hallen II-IV schrittweise die Lebensgrundlage, so daß die Halle III bereits 1909 geschlossen werden mußte.

↓279

Der langfristige Erfolg der Halle XIV legt - trotz des Scheitern des Gesamtkonzeptes - die Vermutung nahe, daß von ihr eine nachweisbare Beeinflussung der umgebenden Einzelhandelsstruktur ausging. Da es im Rahmen der Untersuchung nicht möglich ist, alle Einzelhandelseinrichtungen zu erfassen und zu kartieren, wurde eine Beschränkung auf zwei Handelssparten vorgenommen - den sog. Grünkram- und Kolonialwarenhandel. Beide standen nach der Beschreibung von Gottwald mit ihrem Sortiment in Konkurrenz zu den Angeboten der Markthalle. Es ist zu erwarten, daß die Wettbewerbssituation zu einer Reduzierung der alternativen Verkaufsstellen in der Umgebung der Halle führte.

Abb. 53 zeigt für das Jahr 1915 ein ausgesprochen disperses Verteilungsmuster in enger Anlehnung an den Bebauungsstand.278 Eine klare räumliche Schwerpunktsetzung ist nicht zu erkennen. Die im Berliner Adreßbuch verzeichneten 95 Kolonialwaren- und 144 Grünkramhandlungen des Untersuchungsgebietes sorgten für ein annähernd flächendeckendes Versorgungsangebot. Die Grundbedürfnisse konnten in der unmittelbaren Nachbarschaft befriedigt werden. Die blau markierte Markthalle tritt kaum als strukturierendes Element in Erscheinung. Lediglich in der unmittelbarsten Nachbarschaft sind die alternativen Versorgungseinrichtungen unterrepräsentiert.

Die Darstellung legt drei Schlüsse nahe:

↓280

  1. Ein engmaschiges Netz an Ladengeschäften mußte nicht zwangsläufig zu Lasten einer Markthalle gehen. Wichtiger als die Konkurrenzsituation waren offensichtlich die Erreichbarkeit und die Dichte der Wohnbebauung in der Umgebung.
  2. Trotz der positiven Entwicklung läßt sich - zumindest für das Jahr 1915 - keine Sonderstellung der Markthalle XIV im Versorgungssystem des Weddings nachweisen. In der Markthalle muß eher eine das Angebot ergänzende, nicht jedoch eine dominierende Einrichtung gesehen werden. Für eine abschließende Beurteilung reicht das vorliegende Datenmaterial allerdings nicht aus. Eine exakte Gegenüberstellung der Angebots- und Nachfragevolumina zwischen der Markthalle und den umliegenden Ladengeschäften läßt sich aus heutiger Perspektive nicht mehr vornehmen.
  3. Auch wenn die Markthalle langfristig nicht als zentrale Versorgungseinrichtung in Erscheinung trat, liefert sie einen hypothetischen Erklärungsansatz für die hohen Beschäftigtenanteile des Handelsgewerbes in den Straßenblöcken um den Weddingplatz. Vieles deutet darauf hin, daß die Markthalle die Herausbildung einer Zentrumsfunktion maßgeblich beförderte.

Abb. 53: Räumliche Verteilung der Grünkram- und Kolonialwarenhandlungen 1915.

III.2.3.4 Baugewerbe

III.2.3.4.a)  Beschäftigtenstruktur

Die intensive Bautätigkeit im Stadtgebiet und den angrenzenden Vororten schuf über alle konjunkturellen Schwankungen hinweg einen enormen Bedarf an Arbeitskräften. Im Gegensatz zur Terrainerschließung blieben im Bereich der Bauausführung große börsennotierte Gesellschaften die Ausnahme. Private Bauunternehmungen dominierten. Da die Errichtung eines Gebäudes fast ausschließlich über Kredite finanziert wurde, ohne daß der Bauherr in größerem Umfang Eigenkapital zum Einsatz bringen mußte,279 bestand zu keiner Zeit die Notwendigkeit, auf ein aktiengestütztes Finanzierungssystem umzustellen.

↓281

Tab. 42: Branchen- und Beschäftigtenanteile im Baugewerbe nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteile 1)

Beschäftigtenanteile 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Stralauer Viertel östlich

9,3

+7,8

17,1

5,3

+2,4

7,7

-1,2

6,5

2. Rosenthaler Vst. nördlich

11,8

+5,0

16,8

6,8

+3,1

9,9

-2,0

7,9

3. Wedding

9,6

+5,6

15,2

5,7

+2,0

7,7

-1,6

6,1

4. Moabit

9,8

+0,7

10,5

5,3

+1,3

6,6

-1,7

4,9

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,8

-0,9

7,9

5,2

-0,6

4,6

-0,9

3,7

6. Königs-Viertel

6,5

+1,0

7,5

3,5

+1,6

5,1

-0,8

4,3

7. Oranienburger Vst.

7,4

-1,5

5,9

4,5

+0,7

5,2

-1,3

3,9

8. Rosenthaler Vst. südlich

6,7

-1,8

4,9

6,2

-0,4

5,8

-1,7

4,1

9. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,3

-0,8

4,5

4,9

-0,4

4,5

-0,8

3,7

10. Luisenstadt jenseits östlich

5,1

-0,8

4,3

6,1

+0,3

6,4

-1,7

4,7

11. Stralauer Viertel westlich

5,5

-1,2

4,3

4,0

+0,7

4,7

-1,0

3,7

12. Luisenstadt jenseits westlich

4,5

-0,7

3,8

5,0

-0,8

4,2

-0,7

3,5


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin im Baugewerbe Beschäftigten. (Gesamtzahl der im Berliner Baugewerbe Beschäftigten = 100%).
2) Anteil des Baugewerbes an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 97 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 50.

Der Großteil der im Berliner Baugewerbe Beschäftigten lebte in den Stadtrandgebieten. Im Jahr 1910 verzeichneten drei Stadtteile einen Branchenanteil von über 15%. Der höchste Wert entfiel auf das östliche Stralauer Viertel mit 17,1%. Fast jeder fünfte Bauhandwerker Berlins hatte hier seinen Wohnsitz. Knapp dahinter folgten die nördliche Rosenthaler Vorstadt mit 16,8% und der Wedding mit 15,2%. Gegenüber 1900 fallen die hohen Zuwachsraten dieser drei Stadtteile auf: +7,8%, +5,0% bzw. +5,6%. In den übrigen Gebieten stagnierten die Zahlen oder waren leicht rückläufig. Das Ergebnis deckt sich mit der in Abb. 19 (S. 54) dargestellten Neubautätigkeit. Dem nach 1900 in den nördlichen und östlichen Stadtteilen einsetzenden Bauboom standen die Gebiete im Westen und Süden mit einer rückläufigen Entwicklung gegenüber.

Ein bekanntes Bild offenbart die Entwicklung innerhalb der Stadtteile. Während zwischen 1885 und 1900 das Baugewerbe in fast allen Gebieten prozentual zulegen konnte, waren die Werte bis 1910 ohne Ausnahme rückläufig. Auch wenn die absolute Zahl der im Bauhandwerk Beschäftigten wuchs, nahm die relative Bedeutung nach 1900 ab. Wie bereits ausgeführt, ist eine zurückhaltende Interpretation angebracht. Die augenfällige Entwicklung könnte auf variierende Erhebungskriterien in der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ zurückzuführen sein.280

↓282

Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Leitbranchen entsprechen die aus den Kirchenbüchern ermittelten Anteile des Baugewerbes in etwa den Zahlen der amtlichen Statistik. Hinter dem Quantum von 7,3% stehen die Angaben von 4.388 Datensätzen. Mögliche Verzerrungen durch die lückenhaften Berufsangaben bei Frauen sind nicht zu berücksichtigen.

Die kartographische Darstellung läßt eine Konzentration der Wohnstandorte zwischen der Pankstraße/Lindower Straße und der Liebenwalder Straße erkennen (1) (vgl. Abb. 54). In diesem Gebiet findet sich ein annähernd geschlossenes Areal mit Beschäftigtenanteilen von über 6%. Die Neubaugebiete an der Seestraße (2), südlich der Triftstraße (3) und beiderseits der Utrechter Straße (4) treten dagegen nicht signifikant in Erscheinung. Das gleiche gilt für den gesamten Bereich südlich der Ringbahn (5), wo lediglich in vier Straßenblöcken die Marke von 6% erreicht wird.

Die Ballung der Wohnstandorte in dem Altbaugebiet nördlich der Ringbahn legt einen Zusammenhang mit der intensiven Neubautätigkeit auf den westlich und nördlich angrenzenden Flächen nahe. Eine Unterkunft zwischen Liebenwalder Straße und Pankstraße bot den Vorteil einer größtmöglichen räumlichen Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, auch wenn nicht mit Sicherheit zu belegen ist, daß die im Untersuchungsgebiet lebenden Bauhandwerker auch tatsächlich ihr Auskommen auf den benachbarten Baustellen fanden.

↓283

Abb. 54: Beschäftigte im Baugewerbe. Wohnstandorte 1885-1914.

Tab. 43: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Baugewerbe 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Nach den hohen Werten der „Unteren Mittelschicht“ im Handelsgewerbe tritt im Bausektor wieder die „Obere Unterschicht“ mit 86,9% in den Vordergrund (vgl. Tab. 44). Maurer, Maler und Zimmerleute stellten das Gros der Beschäftigten. Die „Untere Mittelschicht“ repräsentierten mit 7,3% die entsprechenden Handwerksmeister. Immerhin 81 Personen zählten nach der zugrunde gelegten Klassifikation zur „Oberen Mittelschicht“. Hinter den Zahlen verbergen sich u.a. Architekten, Bauingenieure und vor allem die Gruppe der Bauunternehmer. Daß die „Untere Unterschicht“ einen Anteil von 3,8% stellt, ist dagegen allein der Berufsbezeichnung „Bauarbeiter“ geschuldet. In der Realität lag die Anzahl der Hilfsarbeiter mit Sicherheit um ein Vielfaches höher. Es ist überaus wahrscheinlich, daß zahlreiche Personen, die in den Kirchenbüchern als „Arbeiter“ geführt wurden, zumindest einer saisonalen Tätigkeiten auf dem Bau nachgingen.

↓284

Daß der Anteil der „Unteren Unterschicht“ für 1910-1914 einen Minimalwert von 1,5% verzeichnete und zugleich die Mittelschicht mit 9,8% bzw. 2,8% ein Rekordniveau erreichte, spiegelt die schwierige Lage der Baukonjunktur wider. Die Entlassung von abhängig Beschäftigten im Zuge einer Verkleinerung der Betriebseinheiten führte zu einem relativen Bedeutungszuwachs der Handwerksmeister, Bauunternehmer u.a. Der sprunghafte Anstieg des durchschnittlichen sozialen Status von 3,01 auf 3,12 muß vor diesem Hintergrund als Ausdruck der tiefgreifenden Krise interpretiert werden.

Tab. 44: Baugewerbe des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

3,5

3,6

2,9

5,0

5,8

1,5

3,8

(2) Mittlere Unterschicht

0,0

0,1

0,0

0,0

0,2

0,3

0,1

(3) Obere Unterschicht

89,8

88,2

89,2

84,8

83,4

85,5

86,9

(4) Untere Mittelschicht

5,4

6,7

6,5

8,4

7,9

9,8

7,3

(5) Obere Mittelschicht

1,2

1,3

1,4

1,8

2,7

2,8

1,8

(6) Oberschicht

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

3,01

3,02

3,04

3,02

3,01

3,12

3,03


Quelle: Eigene Berechnungen nach den ev. und kath. Kirchenbüchern des Weddings.

Wenig sinnvoll ist eine weitere Differenzierung nach dem Firmensitz der einzelnen Bauunternehmungen. Die Divergenz zwischen dem eingetragenen Unternehmenssitz und dem tatsächlichen Ort der Leistungserbringung führt zu keinem verwertbaren Ergebnis. Nicht die Zahl und räumliche Verteilung der Bauunternehmen, sondern der bereits untersuchte Umfang der Bautätigkeit wird zum entscheidenden raumrelevanten Kriterium.

III.2.3.4.b) Der Bauunternehmer Adolf Reich - Ein Blick hinter die Kulissen des Berliner Baugewerbes

↓285

Ohne Bauunternehmer ist die Erweiterung der Stadtfläche nicht zu erklären. Sie sorgten für die Erschließung einer Baustelle im Auftrag von Terraingesellschaften bis hin zur Fertigstellung der Gebäude in Eigenregie. In ihren Händen lag die gesamte Bauausführung.

Die Hürden für die Gründung eines Bauunternehmens lagen ausgesprochen niedrig. Weder mußte eine bestimmte Eigenkapitalsumme, noch eine spezielle handwerkliche Befähigung nachgewiesen werden.281 Erst die Gesetzesnovelle zur Gewerbeordnung vom 07. Januar 1907 gab den Baupolizeibehörden die Möglichkeit, „unzuverlässigen“ Bauunternehmern den Gewerbebetrieb zu untersagen.282 Die 1909 verabschiedeten Bestimmungen zur Hinterlegung finanzieller Sicherheiten traten dagegen nie in Kraft.283 Selbst die Führung eines Baubuches zur Kontrolle der Ausgaben zählte bis dahin nicht zu den Vorschriften.284

Es ist kein Zufall, daß die gesetzgeberischen Aktivitäten zur strengeren Reglementierung des Bauhandwerks 1907 einsetzten, d.h. genau in dem Jahr der beginnenden großen Immobilienkrise. Hohe Leerstandsraten, sinkende Auftragszahlen und die Verteuerung von Krediten brachten in zahlreichen Fällen das labile finanzielle Kartenhaus zum Einsturz. Bauunternehmen gingen Konkurs ohne daß die Forderungen der Bauarbeiter und Zulieferer auch nur annähernd abgesichert waren. Oftmals hatte der Unternehmer die Baugelder für den eigenen Lebensunterhalt anstelle des Hausbaus verbraucht. Das Schlagwort vom „Bauschwindel“ machte die Runde.

↓286

Eine Liste des Berliner Polizeipräsidiums vom März 1913 verzeichnete 921 Namen von „unzuverlässigen“ Bauunternehmern.285 Zahlreiche Prozesse gegen insolvente Bauherren begannen. Einer von ihnen richtete sich gegen Adolf Reich, dessen „Karriere“ als Bauunternehmer auf einer Baustelle im Untersuchungsgebiet (Afrikanische Straße) sein Ende fand. Die Prozeßakte zeigt in aller Deutlichkeit die Problematik.

Die Klageschrift des Polizeipräsidenten gegen Reich vom 01. April 1912 auf „Untersagung des Gewerbebetriebes als Bauunternehmer und Bauleiter, sowie des Betriebes einzelner Zweige des Baugewerbes“ zeichnet zunächst den beruflichen Werdegang nach:

↓287

„Der Zimmerer Adolf Reich, am 2. August 1854 zu Alt Demanczewo Kreis Posen-West geboren, gegenwärtig hier, Waldemarstraße 56 wohnhaft, betreibt seit Jahren in und um Berlin das Gewerbe als selbständiger Bauunternehmer. Er will das Zimmererhandwerk in den Jahren 1868-1871 bei dem Zimmermeister Feckert in Posen erlernt haben. Eine Meisterprüfung hat er nicht bestanden. Zeugnisse über die berufliche Vorbildung besitzt er nicht.

Ein auf Reich‘s Namen lautender Betrieb wurde bis zum Jahr 1896 in den Listen der Nordöstlichen Baugewerksberufsgenossenschaft geführt, dann aber gelöscht, da die Pfändung wegen rückständiger Beiträge wiederholt fruchtlos ausfiel, Reich auch am 5. Oktober 1896 [...] vor dem Königlichen Amtsgericht I zu Berlin den Offenbarungseid leistete.

↓288

Am 15. März 1908 wurde Reich in die Berufsgenossenschaft unter der handelsrechtlich nicht eingetragenen Firma Adolf Reich & Co. wieder aufgenommen; Teilhaberin war seine am 11. März 1910 verstorbene Ehefrau Henriette Reich geb. Böhnke. Der Betrieb mußte jedoch später abermals gelöscht werden, da Reich am 13. Januar 1909 erneut offenbarte und auch seine Ehefrau den Offenbarungseid leistete. Nicht einmal die Möbel gehörten damals den Eheleuten.“286

Zwei Grundprobleme werden offensichtlich: 1. Die vage berufliche Ausbildung und 2. die völlige Mittellosigkeit. Neben Verstößen gegen Unfallverhütungsvorschriften, der Hinterziehung von Krankenkassenbeiträgen für die von ihm beschäftigten Arbeiter und die Umgehung der Berufsgenossenschaft, kam die Beweisaufnahme zu folgendem Schluß:

↓289

„Die Bautätigkeit, die der Beklagte entfaltete, ging weit über seine Mittel hinaus. So kommen die von ihm ausgeführten Neubauten in Weißensee, Sedanstraße 54 und in Lichtenberg, Dossestraße 6 schon kurz vor oder kurz nach der Fertigstellung unter Zwangsverwaltung und zur Zwangsversteigerung und die Handwerker hatten mit ihren Forderungen größtenteils das Nachsehen. [...]

↓290

In wirtschaftlicher Hinsicht ist Reich somit als ganz unselbständig und unzuverlässig anzusehen und es ist zu befürchten, daß Bauhandwerker, die er zu ferneren Bauausführungen heranzieht, für ihre Arbeitsleistungen und Lieferungen keine Zahlung erhalten und schwer geschädigt werden.

Die Unzuverlässigkeit des Beklagten als Bauleiter erweisen die zahlreichen, bei der Bauausführung in Lichtenberg begangenen erheblichen Verstöße gegen die Baupolizeiordnung und gegen die allgemein üblichen und anerkannten Regeln der Baukunst. Durch die fortgesetzten Verstöße gegen die Unfallverhütungsvorschriften werden auch Leben und Gesundheit der auf seinen Bauten beschäftigten Arbeiter stark gefährdet. [...]

↓291

Ist der Beklagte aber weder in beruflicher noch in wirtschaftlicher oder moralischer Hinsicht als zuverlässig zu erachten, so erscheint die Untersagung des Gewerbebetriebes auf Grund des § 35 Absatz 5 der Reichsgewerbeordnung als dringend geboten.“287

Der Versuch wie im Falle Reichs noch kurz vor dem Bankrott neue Baustellen zu übernehmen (Afrikanische Straße), offenbart eine Art von Kettenreaktion, die zum völligen Zusammenbruch führen mußte. Mit einer neuen Baustelle bestand für den Bauunternehmer kurzfristig die Möglichkeit, an neues Geld zu kommen, um damit noch ausstehende Verbindlichkeiten auf früheren Baustellen zu begleichen. Damit fehlten jedoch die Gelder für die neu übernommene Baustelle, so daß die Diskrepanz zwischen verfügbarem und notwendigem Kapital immer größer wurde.

↓292

Das Urteil gegen Reich fiel dementsprechend deutlich aus. Am 11. Oktober 1912 gab der Bezirksausschuß zu Berlin der Klage des Polizeipräsidiums statt und untersagte Reich den Gewerbebetrieb als Bauunternehmer und Bauleiter sowie den Gewerbebetrieb als Maurermeister und Zimmermeister.288

Das Fallbeispiel liefert einen weiteren Baustein zur Erklärung des Konjunkturverlaufs im Baugewerbe. Durch die sowohl bei der Terrainerschließung als auch der Bauausführung zu beobachtenden fragwürdigen Finanzierungsmethoden bestand zu jeder Zeit die Gefahr eines negativen Selbstverstärkungseffektes. Aufgrund der fehlenden Kapitaldecke war es für einen Bauunternehmer in der Regel nicht möglich, eine Anpassung der eigenen Geschäftstätigkeit an eine sich evtl. verringernde Nachfrage vorzunehmen. Um der Schuldenfalle zu entrinnen, blieb - wie im Falle Adolf Reich - nichts anderes übrig, als die eigenen Aktivitäten trotz verschlechterter Rahmenbedingungen noch auszuweiten. Verstärkte Verkaufsaktivitäten auf dem Baustellenmarkt und eine steigende Erteilung von Baugenehmigungen wurden zum Fanal für den bevorstehenden Zusammenbruch.

III.2.3.5 Chemische Industrie

III.2.3.5.a)  Beschäftigtenstruktur

Im Unterschied zu den bisher analysierten Wirtschaftszweigen blieb die Chemische Industrie für den Arbeitsmarkt von untergeordneter Bedeutung. Nach den Angaben der amtlichen Statistik betrug die Gesamtbeschäftigtenzahl 1910 innerhalb des Berliner Stadtgebietes gerade einmal 5.751 Personen.289 Dies entspricht einer Quote von 0,5%. Mit 979 Arbeitnehmern und einem Beschäftigtenanteil von 0,8% lag der Wedding zwar über dem Berliner Durchschnitt, dies änderte jedoch nichts an der insgesamt sehr geringen Beschäftigungsrelevanz.

↓293

Tab. 45: Branchen- und Beschäftigtenanteile in der Chemischen Industrie nach Stadtteilen 1885, 1900 und 1910. (Rangfolge nach den Branchenanteilen von 1910).

Branchenanteil 1)

Beschäftigtenanteil 2)

1900

+/-

1910

1885

+/-

1900

+/-

1910

1. Wedding

15,5

+1,5

17,0

0,5

+0,8

1,3

-0,5

0,8

2. Moabit

8,7

+1,2

9,9

0,3

+0,3

0,6

-0,1

0,5

3. Luisenstadt jenseits östlich

10,9

-1,2

9,7

0,4

+1,0

1,4

-0,1

1,3

4. Stralauer Viertel östlich

4,9

+4,8

9,7

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

5. Friedrichs- u. Tempelhofer V.

8,1

-0,4

7,7

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

6. Oranienburger Vst.

7,6

-0,1

7,5

0,3

+0,2

0,5

+0,1

0,6

7. Rosenthaler Vst. nördlich

5,3

+0,5

5,8

0,2

+0,2

0,4

-0,1

0,3

8. Friedrichs- u. Schöneberger V.

5,3

-0,1

5,2

0,2

+0,3

0,5

0,0

0,5

9. Königs-Viertel

4,9

0,0

4,9

0,2

+0,2

0,4

-0,1

0,3

10. Luisenstadt jenseits westlich

5,2

-1,0

4,2

0,2

+0,3

0,5

-0,1

0,4

11. Luisenstadt diesseits

5,2

-1,1

4,1

0,2

+0,2

0,4

0,0

0,4

12. Rosenthaler Vst. südlich

4,3

-0,5

3,8

0,1

+0,3

0,4

0,0

0,4


1) Anteil des jeweiligen Stadtteils an den in Gesamt-Berlin in der Chemischen Industrie Beschäftigten. (Gesamtzahl der in der Berliner Chemischen Industrie Beschäftigten = 100%).
2) Anteil der Chemischen Industrie an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des jeweiligen Stadtteils. (Gesamtzahl der Erwerbstätigen je Stadtteil = 100%).

Quelle: Eigene Berechnungen nach Böckh (Abt. II.) (1891), S. 79, Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 93 und Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 47.

Die eigentliche Bedeutung liegt in der überragenden Stellung des Weddings für die Chemische Industrie Berlins. 17% aller Beschäftigten des Wirtschaftszweiges gaben bei der Volkszählung von 1910 den Wedding als Wohnsitz an. Mit 9,9% bzw. je 9,7% folgten Moabit, das östliche Stralauer Viertel und die östliche Luisenstadt jenseits des Kanals erst mit erheblichem Abstand. Der Wedding war am Vorabend des Ersten Weltkriegs das Zentrum der Chemischen Industrie Berlins, auch wenn das östliche Stralauer Viertel mit +4,8% gegenüber 1900 eine deutlich höhere Zuwachsrate zu verzeichnen hatte.

Lediglich 60 Datensätze aus den Kirchenbüchern können zweifelsfrei der Chemischen Industrie zugeordnet werden. Die geringe Grundgesamtheit erfordert im Vergleich zu den bisher bearbeiteten Branchen ein abweichendes kartographisches Darstellungsprinzip. Da in allen Straßenblöcken der Beschäftigtenanteil unter einem Prozentpunkt blieb, gibt Abb. 55 die Verteilung der absoluten Werte wieder. Auf eine räumliche Aufschlüsselung der Schichtzugehörigkeit mußte gänzlich verzichtet werden.

↓294

Tab. 46: Beschäftigtenanteile des Weddings nach den Angaben der kirchlichen Trau- und Sterberegister. Chemische Industrie 1885-1914.

Rang

Branche

abs. Zahl der Nachweise

in %

1

Metallverarbeitung

6.876

11,8

2

Verkehrsgewerbe

5.700

9,8

3

Baugewerbe

4.292

7,4

4

Handelsgewerbe

2.840

4,9

5

Bekleidungsgewerbe

2.764

4,7

6

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

2.388

4,1

7

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

2.204

3,8

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2.163

3,7

9

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

1.669

2,9

10

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

1.105

1,9

11

Gast- und Schankwirtschaft

1.038

1,8

12

Polygraphische Gewerbe

714

1,2

...

Chemische Industrie

60

0,1

Lohnarbeit wechselnder Art

18.594

31,9

Ohne Beruf und Berufsangabe

1.569

2,7


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Die absolute Mehrzahl der Erwerbstätigen hatte ihren Wohnsitz beiderseits der Ringbahn. Eine zusammenhängende Fläche mit Nachweisungen ist erkennbar. Den mit Abstand höchsten Wert stellte der Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße (1). Hier lebten allein neun der 60 dokumentierten Personen.

Abb. 55: Beschäftigte in der Chemischen Industrie. Wohnstandorte 1885-1914.

↓295

Die zusammengefaßten Werte der Schichtzugehörigkeit ergeben folgende Verteilung:

Tab. 47: Chemische Industrie des Weddings. Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten insgesamt 1885-1914.

abs.

%

(1) Untere Unterschicht

7

11,7

(2) Mittlere Unterschicht

9

15,0

(3) Obere Unterschicht

5

8,3

(4) Untere Mittelschicht

1

1,7

(5) Obere Mittelschicht

24

40,0

(6) Oberschicht

14

23,3

Durchschnitt 1-6

4,13


Quelle: Eigene Berechnung nach den Angaben der evang. und kath. Kirchenbücher des Weddings.

Mit 40,0% konnte die „Obere Mittelschicht“ die höchsten Anteile auf sich vereinen. Unter den 24 Personen dieser Kategorie fanden sich 22 Apotheker. An zweiter Stelle folgte mit 23,3% die „Oberschicht“, die im vorliegenden Fall mit der Berufsbezeichnung „Chemiker“ gleichzusetzen ist. Demgegenüber blieben die „Obere Unterschicht“ und „Untere Mittelschicht“ unterrepräsentiert. Die Zahlen lassen auf einen sehr hohen Statuts der Beschäftigten schließen. Einschränkend sei jedoch auf die niedrigen absoluten Werte hingewiesen. Bereits eine einzelne Person mehr oder weniger führt zu sichtbaren Anteilsverschiebungen.

III.2.3.5.b) Produktionsstandorte

↓296

Nach der Berufsklassifikation des Kaiserlichen Statistischen Amtes von 1907 umfaßte die Rubrik „Chemische Industrie“ neben Apotheken, die Herstellung von chemischen, pharmazeutischen und photographischen Präparaten, die Produktion von Farben, Sprengstoffen und Zündwaren sowie Knochenmühlen, Düngerfabriken und die Verarbeitung von Abfuhrstoffen. Eine eigene Rubrik bildeten dagegen Gasanstalten, die Licht- und Seifenfabrikation bzw. der gesamte Produktionskomplex von Ölen, Fetten, Lacken und Leim. Sie wurden in der Statistik unter der Bezeichnung „Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Seifen, Fette, Öle und Firnisse“ geführt.290

Auf der Grundlage dieser Abgrenzung lassen sich im Untersuchungsgebiet - abgesehen von den Apotheken - drei Produktionszweige der Chemischen Industrie nachweisen: Chemische Präparate, Farben und Zündwaren.

Die Mehrzahl der Betriebsstätten reihte sich in Übereinstimmung mit den Wohnstandorten entlang der Ringbahn (A) (vgl. Abb. 56). Nach Norden hin trat allein das Gebiet um die Kreuzung Seestraße/Müllerstraße mit drei Grundstücken als Schwerpunkt der Farbenherstellung in Erscheinung (B). Ohne größere Bedeutung blieb dagegen die Fertigung von Zündwaren. Im Gewerbeteil des Berliner Adreßbuches ist lediglich für das Jahr 1900 ein Unternehmen in der Reinickendorfer Straße 23d (C) aufgelistet.

↓297

Das zumeist singuläre Auftreten der Produktionsstätten deutet auf kleine Betriebseinheiten mit einer kurzen Lebensdauer hin. Der Nachweis einer längerfristigen Nutzung beschränkt sich auf drei Grundstücke:

  1. Müllerstraße 170/171: Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) (1885-1915)
  2. Müllerstraße 138b: Farbenfabrik L. Decken (1885-1915)
  3. Tegeler Straße 15: Sauerstoff-Fabrik Berlin GmbH (1900-1915)

Als traditionsreichstes und größtes Unternehmen nahm die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) eine Sonderstellung ein.

↓298

Abb. 56: Standorte der Chemischen Industrie 1885, 1900 und 1915.

III.2.3.5.c) Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering)

Die Anfänge des Unternehmens reichen bis in das Jahr 1851 zurück. In diesem Jahr erwarb der Firmengründer Ernst Schering (1824-1889) die sog. „Grüne Apotheke“ in der Chausseestraße 17 (Oranienburger Vorstadt) und begann an diesem Standort - neben dem Apothekenbetrieb - mit dem Aufbau einer Produktion für „Feinchemikalien“. Nachdem die Fabrikate auf der Pariser Weltausstellung von 1855 mit Auszeichnungen abgeschnitten hatten und das Geschäft florierte, genügten die vorhandenen Produktionskapazitäten bereits nach wenigen Jahren nicht mehr den Anforderungen. Da in der Chausseestraße langfristige Expansionsmöglichkeiten fehlten, erwarb Schering 1858 das 6.250 m² großes Grundstück Müllerstraße 170.291

Abb. 57: Schering-Firmengelände (1908).

Quelle: LAB, Kart. A 2012, Bl. IV. M. (1909).

↓299

Als eines der ersten Unternehmen überhaupt vollzog der noch kleine Betrieb eine Randwanderung in den gerade erst nach Berlin eingemeindeten Wedding. Die Baugenehmigung für das erste Fabrikgebäude wurde am 14. November 1864 erteilt. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1871 begann die eigentliche Bebauung des Geländes.292 Bis 1890 entstanden entlang der Ringbahntrasse mehrere Lagerhallen, Schuppen und Werkstätten, die in der Folgezeit sukzessiv durch Fabrik- und Expeditionsneubauten ersetzt wurden. Bereits 1872 hatte das Unternehmen die Genehmigung zum Bau eines 70 m langen, viergeschossigen „Comptoir- und Magazingebäudes“ in der Fennstraße erhalten. An der Straßenfront zur Müllerstraße entstand schließlich in den Jahren 1889/90 ein dreiflügeliges Geschäftshaus mit roten Ziegelfassaden. Das sog. „Rote Schloß“ beherbergte fortan die Unternehmensleitung. Schering begann die gesamte räumliche Entwicklung zwischen der Sellerstraße und Ringbahn zu bestimmen.

Mit der baulichen Expansion wuchs auch die Produktpalette schnell über die bescheidenen Anfänge der „Grünen Apotheke“ hinaus. Für den unternehmerischen Durchbruch sorgte nicht zuletzt die Politik. Die 1883 eingeführte gesetzliche Krankenversicherung machte Arzneimittel für die breite Basis der Bevölkerung zugänglich und eröffnete bis dato unbekannte Absatzmöglichkeiten. Dreizehn Jahre zuvor hatte das Unternehmen bereits von der kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich profitiert, indem es die Versorgung mehrere Armeekorps mit Arzneimitteln übernommen hatte.293 Es verwundert daher nicht, daß Desinfektions- und Schlafmittel sowie Narkoseäther und Chloroform zu den ersten in größerem Umfang hergestellten pharmazeutischen Produkten zählten.

Neben Arzneimitteln stellte Schering Chemikalien für die Parfümerie-, Textil-, Leder-, Seifen- und Feuerwerksindustrie her. Synthetischer Kampfer, ein Grundstoff für die Herstellung von Zelluloid, wurde seit der Markteinführung 1903 zum wichtigsten nichtpharmazeutischen Produkt. Bereits zuvor hatte sich die Fotochemie zu einer Spezialität des Unternehmens entwickelt. Der Absatz von Fotoplatten und später Fotopapier brachte dem Unternehmen einträgliche Gewinne.

↓300

1895 beschäftigte das Unternehmen 58 Angestellte (davon 20 Chemiker), 525 Arbeiter und 40 Arbeiterinnen.294 Wenn man bedenkt, daß fünf Jahre später die amtliche Statistik für den gesamten Wedding (inkl. des Gesundbrunnens) eine absolute Beschäftigtenzahl von 840 Personen in der Chemischen Industrie auswies, wird die überragende Stellung von Schering deutlich.

Die Fluktuation der Beschäftigten war gering. Das Unternehmen verfügte über einen festen Mitarbeiterstamm. Da es keinen Ausbildungsgang zum Chemiefacharbeiter gab, bildete das Unternehmen seine Mitarbeiter selbst aus.

↓301

„Anders als in der metallverarbeitenden Industrie wurden der chemischen Industrie [...] keine aus den Handwerksberufen freigesetzten Fachkräfte „zugeliefert“. Auf eine genaue Ausführung von Anweisungen und den sorgsamen Umgang mit den zu verarbeitenden Stoffen kam es an.“295

Die Zahl der Beschäftigten war begrenzt, dafür bot sich den einmal Angestellten eine größere Arbeitsplatzsicherheit als in anderen Branchen.

Dies bedeutet zusammengefaßt:

↓302

  1. Schering war das einzige Großunternehmen der Chemischen Industrie im Untersuchungsgebiet. Die dominante Stellung des Weddings in der Beschäftigtenstatistik der Chemischen Industrie Berlins hing entscheidend von diesem Unternehmen ab. Alles stand und fiel mit Schering.
  2. Die Notwendigkeit zur Aneignung von Spezialwissen schuf eine Beschäftigungsgrundlage, die deutlich von anderen Branchen abwich. In kaum einem anderen Industriezweig bestimmte die Maxime einer möglichst engen und dauerhaften Bindung an das Unternehmen stärker die Personalpolitik. Dieser Aspekt sollte langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung des Konzerns am Standort Wedding haben, da der feste Mitarbeiterstamm maßgeblich zum Verbleib des Unternehmens im geteilten Berlin nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beitrug.

III.2.4 Zwischenfazit

Der Untersuchungszeitraum markierte für den Wedding die eigentliche Durchbruchphase der Industrialisierung. Stellvertretend für die Entwicklung steht der Aufstieg des Maschinenbaus zum Wirtschaftszweig mit der höchsten Beschäftigungsrelevanz. Das Vorherrschen elektrotechnischer Unternehmen verweist auf ein überaus hohes Innovationspotential. Die entstehenden großflächigen Produktionsstandorte prägten nachhaltig die Raumstruktur des Weddings.

Abgesehen von dem überwiegend in Heimarbeit organisierten Bekleidungsgewerbe und dem krisengeschüttelten Baugewerbe stiegen in nahezu allen Branchen die Anteile der abhängig Beschäftigten. Die Größe der Betriebseinheiten nahm insgesamt zu.

↓303

Mit dem Bevölkerungswachstum und den zahlreichen industriellen Neugründungen erhöhte sich die Bedeutung des Weddings für die Gesamt-Berliner Wirtschaft in entscheidender Weise. Fast 20% aller im Stadtgebiet lebenden Metallarbeiter, Maschinenbauer und Chemiearbeiter hatten am Vorabend des Ersten Weltkrieges ihren Wohnsitz im Norden Berlins. Lagen die Beschäftigtenanteile des produzierenden Gewerbes signifikant über dem Berliner Durchschnitt, blieb andererseits der gesamte Dienstleistungssektor unterrepräsentiert.

Einen ergänzenden Beitrag zur Analyse der städtebaulichen Entwicklung lieferte das Fallbeispiel der Bergmann-Elektricitäts-Werke AG. Die Ansiedlung des Unternehmens an der östlichen Seestraße zeigte unmittelbare Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Mit der Errichtung der ersten Fabrikgebäude stiegen die Bodenpreise in der Umgebung schlagartig an. Das gesamte Neubaugebiet um die Utrechter Straße muß in den Kontext von Bergmann gestellt werden. Die Bergmann-Werke und der Neubau des Rudolf-Virchow-Krankenhauses unterstreichen die Bedeutung von einzelnen Großinvestitionen auf den räumlichen Fortgang der Stadterweiterung.

Eine weitere wichtige Querverbindung zum Städtebau offenbarte der Einzelhandel. Die Raumaufteilung der neu entstandenen Mietshäuser mit ihren fast durchgehenden Ladenfronten im Erdgeschoß bewirkte einen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozeß. Das fünfgeschossige Mietshaus schuf nicht allein die baulichen Voraussetzung für den raschen Durchbruch des Ladengeschäftes als bevorzugte Verkaufsform, sondern sorgte zugleich für die notwendige Klientel in der unmittelbaren Nachbarschaft.

↓304

Für ein Aufgreifen der Ausgangsfrage nach einer möglichen Dependenz von städtebaulicher Struktur und sozialräumlicher Differenzierung fehlt ein abschließender, integrierter Blick auf die Gesamtverteilung der Berufsgruppen und die Schichtzugehörigkeit der Beschäftigten. Vor allem das räumliche Distributionsmuster der ungelernten Lohnarbeiter muß bei einem finalen Urteil Berücksichtigung finden. Mit einem Anteil von über 30% - nach den Kirchenbuchangaben - beeinflußte die Rubrik maßgeblich die Beschäftigungssituation.

Betrachtet man die Branchenverteilung je Häuserblock für den gesamten Untersuchungszeitraum, werden deutliche Abweichungen sichtbar (vgl. Abb. 58). Während die vier dargestellten Leitbranchen Metallverarbeitung/Maschinenbau, Bekleidung, Handel und Baugewerbe zusammengenommen konstant um einen Anteil von 30% variierten, zeigen die Kreisdiagramme erhebliche Abweichungen bei den ungelernten Lohnarbeitern. Die maximalen Werte konzentrierten sich entlang der Liebenwalder Straße, Reinickendorfer Straße, Kösliner Straße, Gerichtstraße und Neue Hochstraße (1) an der östlichen Begrenzung des Untersuchungsgebietes. Hinzu kommen zwei Straßenblöcke zwischen der Schulstraße, Müllerstraße und Gerichtstraße (2) sowie der gesamte Bereich um den Sparrplatz (3). Die niedrigsten Anteile finden sich dagegen in der nördlichen Müllerstraße (4), in den Neubauvierteln beiderseits der Seestraße (5) und Utrechter Straße (6) sowie südlich der Triftstraße (7) bzw. in den Straßenblöcken um den Weddingplatz (8).

Die differierenden Anteile der ungelernten Lohnarbeiter spiegeln sich in dem durchschnittlichen sozialen Status wider. Die Häuserblöcke mit den höchsten Anteilen der „Lohnarbeit wechselnden Art“ wiesen zugleich die niedrigsten Statuswerte auf. Von Abweichungen im Detail abgesehen, offenbaren die Flächendarstellungen bei einer Gegenüberstellung der Zeiträume 1885-1889 und 1910-1914 eine hohe raum-zeitliche Persistenz.

↓305

Die Verteilungsmuster lassen auf eine Korrelation zwischen dem Gebäudealter und der Sozialstruktur schließen. Der soziale Status der Einwohnerschaft lag in den östlichen Altbauvierteln signifikant niedriger als in den Neubaugebieten des Westens und Nordwestens. Dabei dürfte weniger das Gebäudealter, als vielmehr die mit einem bestimmten Entstehungszeitraum verbundenen Ausstattungsmerkmale den Ausschlag gegeben haben. Das mit der Wohnraumqualität variierende Mietniveau wurde offensichtlich zum entscheidenden segregierenden Faktor. Mehr als eine hypothetische Vermutung kann dies allerdings nicht sein, da u.a. eine grundstücksgenaue Auswertung der Bauakten für das gesamte Untersuchungsgebiet notwendig wäre, um abweichende Ausstattungsmerkmale im Detail nachweisen zu können.

Eine Sonderstellung nahm das Altbaugebiet um den Weddingplatz ein (8). Der vergleichsweise hohe soziale Status der Anwohnerschaft unterstreicht nochmals die im Rahmen der Einzelhandelsanalyse ermittelten Hinweise auf ein lokales Dienstleistungs- und Versorgungszentrum.

Abb. 58: Beschäftigte nach Berufsgruppen und Schichtzugehörigkeit je Häuserblock.

III.3 Demographische Struktur

↓306

Veränderungen des Bevölkerungsstandes werden durch vier Faktoren bestimmt: die Zahl der Geburten, die Zahl der Sterbefälle sowie den Umfang der Zu- und Abwanderung. Sie bilden die mathematischen Komponenten der „Demographischen Grundgleichung“:

Abb. 59: Demographische Grundgleichung.

Quelle: Bähr, Jürgen: Bevölkerungsgeographie. 3. akt. und überarb. Aufl., Stuttgart 1997, S. 173.

Die Differenz aus Geburten- und Sterbefälle wird als „natürliche“ Bevölkerungsbewegung bezeichnet. Sie steht im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen. Der Aspekt der Wanderungen wird in Kapitel 4 einer separaten Analyse unterzogen - ohne damit eine vollständige inhaltliche Trennung der beiden Themenbereiche anstreben zu wollen. Gerade bei der Untersuchung eines einzelnen Stadtteils wie dem Wedding sind Querverbindungen unerläßlich. Je kleiner die zu untersuchende Raumeinheit ist, desto größer sind in der Regel die Auswirkungen von Wanderungsbewegungen auf die Zusammensetzung der ortsansässigen Bevölkerung.

↓307

Ziel ist es,

  1. die räumlichen Verteilungsmuster demographischer Merkmalsausprägungen in Abhängigkeit von ihrem städtebaulichen und sozio-ökonomischen Bezugsrahmen zu analysieren und mögliche Interdependenzen herauszuarbeiten.
  2. zur Erklärung langfristiger Veränderungen des Geburten- und Sterbeaufkommens innerhalb des Untersuchungsgebietes eine Einordnung in den übergeordneten theoretischen Kontext des sog. Demographischen Übergangs vorzunehmen.

Den Einstieg in die Thematik bildet eine Auseinandersetzung mit dem Alters- und Geschlechtsaufbau der Einwohnerschaft. Die zu diesem Zweck erstellten Bevölkerungspyramiden erlauben eine grundlegende Abgrenzung der für die natürliche Bevölkerungsbewegung relevanten Personengruppen. Darauf aufbauend folgt zunächst eine Analyse des Heiratsverhaltens als Determinante des Geburtenaufkommens, ehe die eigentlichen Komponenten der demographischen Grundgleichung - die Fertilität und Mortalität - aufgegriffen werden.

↓308

Zu einem limitierenden Faktor wird die vorhandene Datenbasis. Die Beschränkung der empirischen Erhebung auf die kirchlichen Trau- und Sterberegister macht es notwendig, die Ausführungen zur Fertilität ausschließlich auf die Zahlen der amtlichen Statistik zu stützen. Aussagen zu räumlichen Verteilungsmustern können nur indirekt aus dem Heiratsverhalten abgeleitet werden. Dies schränkt den Aussagegehalt auf der Mikroebene einzelner Häuserblöcke, Straßenzüge bzw. Grundstücke ein.

Zugleich macht das vorhandene Quellenmaterial eine Abweichung von dem bisherigen Darstellungsprinzip notwendig. Da aussagekräftige zeitgenössische Situationsberichte zu demographischen Fragestellungen für das Untersuchungsgebiet nicht nachgewiesen werden konnten, muß eine inhaltliche Vertiefung der statistisch-strukturellen Ergebnisse durch Fallbeispiele unterbleiben.

III.3.1  Einwohnerzahl, Alters- und Geschlechtsstruktur

Über 200 Jahre hinweg hatte Berlin ein nahezu ununterbrochenes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen.296 1861 beherbergte die Stadt erstmals - begünstigt durch die Eingemeindung des Weddings, Moabits u.a. - über 500.000 Einwohner. Schon 16 Jahre später wurde die Marke von einer Million erreicht. Die Zuwachsraten der Folgejahre übertrafen alles bis dahin Gesehene. Ein jährliches Plus von 50.000 Menschen bildete Ende der 1880er Jahre keine Ausnahme; fünfstellige Gewinne blieben bis zur Jahrhundertwende die Regel. 1905 wurde die Zwei-Millionen-Grenze überschritten.

↓309

Damit war der Höhepunkt erreicht. Bis zum Kriegsausbruch stagnierten die Werte oder waren sogar leicht rückläufig. Die Dynamik verlagerte sich zusehends in die rasch wachsenden Vororte. Erst mit der Schaffung von Groß-Berlin 1920 erreichte die Einwohnerzahl dank der Eingemeindungen ein neues Maximum.

Tab. 48: Entwicklung der Einwohnerzahl in Gesamt-Berlin und dem Standesamtsbezirk Wedding (XIII, inkl. Gesundbrunnen) 1885-1914 (abs.).

Berlin

Wedding

Berlin

Wedding

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

gesamt

zum Vorjahr (+/-)

 

1885

1.291.372

69.526

1900

1.864.779

+44.490

138.407

+1.534

1886

1.337.727

+46.355

k.A.

1901

1.887.942

+23.163

142.247

+3.840

1887

1.388.224

+50.497

k.A.

1902

1.896.388

+8.446

147.560

+5.313

1888

1.440.944

+52.720

k.A.

1903

1.922.359

+25.971

155.695

+8.135

1889

1.497.307

+56.363

k.A.

1904

1.961.896

+39.537

163.699

+8.004

1890

1.551.866

+54.559

95.375

[+25.849]

1905

2.010.727

+48.831

177.480

+13.781

1891

1.592.043

+40.177

k.A.

1906

2.055.339

+44.612

195.316

+17.836

1892

1.611.218

+19.175

k.A.

1907

2.070.001

+14.662

210.118

+14.802

1893

1.628.238

+17.020

k.A.

1908

2.060.124

-9.877

217.054

+6.936

1894

1.643.631

+15.393

k.A.

1909

2.050.158

-9.966

225.014

+7.960

1895

1.661.005

+17.374

114.512

[+19.137]

1910

2.059.417

+9.259

236.272

+11.258

1896

1.698.660

+37.655

119.221

+4.709

1911

2.071.940

+12.523

245.534

+9.262

1897

1.733.525

+34.865

125.033

+5.812

1912

2.083.392

+11.452

250.517

+4.983

1898

1.774.628

+41.103

131.065

+6.032

1913

2.082.111

-1.281

254.775

+4.258

1899

1.820.289

+45.661

136.873

+5.808

1914

2.029.852

-52.259

251.140

-3.635


Quelle: StatJbB, versch. Jg.

Gegenüber der gesamtstädtischen Entwicklung offenbart die Einwohnerzahl des Untersuchungsgebietes eine gewisse Zeitverzögerung, die mit dem Fortgang der Bebauung korrespondiert. Die höchsten Zuwachsraten wurden erst nach der Jahrhundertwende zwischen 1905 und 1907 erreicht. Bis 1913 blieben die Vorzeichen positiv, ehe der Kriegsausbruch auch im Wedding zu einem leichten Bevölkerungsrückgang führte.

↓310

Eine genaue Aufschlüsselung der Einwohnerschaft nach dem Alter und Geschlecht ist für das Untersuchungsgebiet seit 1890 möglich. In der Bevölkerungs- und Wohnungsaufnahme dieses Jahres wurden erstmals demographische Kenngrößen nach Stadtteilen differenziert ausgewiesen.

III.3.1.1  Die Situation im Jahr 1890

Für das Jahr 1890 ergibt eine Gegenüberstellung des Weddings mit den Werten von Gesamt-Berlin folgende Verteilung:

Abb. 60: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1890.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Böckh, Richard [Hrsg.]: Die Bevölkerungs- und Wohnungs-Aufnahme vom 1. December 1890 in der Stadt Berlin. Zweites Heft. II. Abt., Berlin 1896, S. 7.

↓311

Der Bevölkerungsaufbau des Weddings ähnelte einer Pyramidenform. Charakteristisch tritt die breite Basis mit den höchsten Bevölkerungsanteilen in den Altersgruppen von 0-14 Jahren in Erscheinung. Mit Ausnahme der 15-24jährigen zeigt das Schaubild eine kontinuierliche Abnahme der Anteile mit steigendem Alter. Ab 45 Jahre ist ein Frauenüberhang zu beobachten. In den niederen Altersklassen fehlte dagegen ein eindeutiger Trend. Während der Anteil weiblicher Personen bei den 10-14jährigen überwog, bestand in den Altersklassen der 25-29 bzw. 40-44jährigen eine erkennbare Prävalenz des männlichen Geschlechts. Die Sexualproportion, d.h. das Verhältnis von männlicher zu weiblicher Bevölkerung, betrug insgesamt 96,7:100.

Einer näheren Betrachtung bedarf der Einschnitt in den Altersklassen 15-19 und 20-24. Da in der Rubrik der 25-29jährigen der Männeranteil deutlich überwog und der Bevölkerungsaufbau fast schon die Form einer doppelten Pyramide annahm, ist zu vermuten, daß hohe positive Wanderungssalden bei den über 25jährigen zu dem ungleichmäßigen Erscheinungsbild führten. Es bleibt allerdings die Frage, weshalb nicht bereits in den Altersgruppen der 15-19 und 20-24jährigen eine verstärkte Zuwanderung einsetzte.297

Diese Frage drängt sich um so mehr bei einem Blick auf die Gesamt-Berliner Situation auf. Hier stellten gerade die 20-24jährigen die größte Einheit. Die Pyramidenform ist deutlich modifiziert und erst für die Altersklassen ab 20 Jahre ausgebildet. Eine breite Basis mit einem hohen Kinderanteil fehlt und weist auf ein abweichendes generatives Verhalten hin. Die höheren Altersklassen sind durchweg stärker besetzt, was wiederum auf ein erhöhtes Durchschnittsalter schließen läßt.

↓312

Auffällig ist der für annähernd alle Altersklassen nachzuweisende Frauenüberhang. Lediglich für die 0-4 und 20-24jährigen ergeben die Berechnungen minimal höhere Anteile der männlichen Bevölkerungsgruppe. Folgerichtig weist die Statistik ein stärkeres Ungleichgewicht der Sexualproportion mit 92,7:100 aus.

Führt man die hohen Anteile der 20-24jährigen in Gesamt-Berlin ebenfalls auf Zuwanderungsgewinne zurück, bleibt die Frage, weshalb der Wedding für diese Altersgruppe nicht als bevorzugtes Zielgebiet in Erscheinung trat. Geht man davon aus, daß hinter Wanderungsbewegungen in erster Linie ökonomische Motive standen, würde dies zu der Vermutung führen, daß der Wedding für diese Altersgruppe unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Blickt man zurück auf die Wirtschaftsstruktur des Jahres 1885, so wäre dies durchaus plausibel. Der wenig attraktive Sektor der „Lohnarbeit wechselnder Art“ lag im Untersuchungsgebiet mit 27,1% um mehr als 15% über dem Berliner Durchschnitt. Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie nahmen erst langsam zu. Ebenso waren das Bekleidungs- und Handelsgewerbe, die häuslichen Dienste und der öffentliche Sektor signifikant unterrepräsentiert.298

III.3.1.2 Die Situation im Jahr 1900

Das für die Jahrhundertwende vorliegende Zahlenmaterial ermöglicht eine noch detailliertere Darstellung als zehn Jahre zuvor. Die Differenzierung der Altersklassen bricht nicht bei 75 Jahren ab, sondern reicht nunmehr bis 90. Für jeden Stadtteil sind nach dem Alter und Geschlecht getrennte Angaben zum Familienstand ausgewiesen. Insbesondere der Anteil der Verheirateten gibt - nicht allein im Hinblick auf die Geburtenrate - wichtige Aufschlüsse. Auch wenn das Heiratsverhalten im nächsten Kapitel gesondert betrachtet wird, ist eine graphische Berücksichtigung bereits an dieser Stelle hilfreich, da eine größere Sicherheit bei der Interpretation der Ergebnisse geschaffen wird. Die Anteile der Verheirateten sind an der abgeschwächten Farbgebung zu erkennen.

↓313

Abb. 61: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1900.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin (1904), S. 5-9.

Im Vergleich zu 1890 hatte sich auf den ersten Blick nichts Grundlegendes verändert. Im Detail war es jedoch zu deutlichen Verschiebungen gekommen. Zwar ähnelte der Altersaufbau des Weddings nach wie vor eine Pyramide, die Basis hatte jedoch deutlich an Breite verloren. Die Anteile der Altersgruppe 0-4 waren innerhalb von zehn Jahren um mehr als 13‰ gesunken. Die gleiche Entwicklung ist für die 5-9 und 10-14jährigen zu beobachten. Dagegen verzeichneten alle Altersgruppen ab 45 Jahre positive Wachstumsraten. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung stieg an.

Die Darstellung legt den Schluß nahe, daß es sich bei den Zugewanderten zum überwiegenden Teil um ledige Personen gehandelt haben muß. Wichtig ist ein Vergleich mit Gesamt-Berlin. In den Altersgruppen 20-44 wies die Statistik für den Wedding signifikant höhere Anteile verheirateter Personen aus. Dies deutet auf ein selektives Wanderungsverhalten hin. Zeitgenössische Untersuchungen belegen u.a. für Frankfurt a/M., daß die von außerhalb des Stadtgebietes Zuziehenden die innenstadtnahen Altbaugebiete mit billigem Wohnraum bevorzugten, wohingegen die äußeren Stadtteile von der Abwanderung aus der Innenstadt profitierten.299

↓314

„Sind mit Neubaugebieten die Zielorte vorgegeben, so ist doch interessant zu sehen, daß der Zuzug im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Neubauten zunächst weniger von außen als aus der Stadt heraus erfolgte.“300

Dies führt zu der Hypothese, daß sich die Zuwanderung lediger Personen zunächst überwiegend auf die innenstadtnahen - evtl. fernbahnhofsnahen - Gebiete konzentrierte, um vorläufig Fuß zu fassen, und erst mit der Gründung einer Familie (verstärkt ab 25) eine Wanderung in die Neubaugebiete der Außenbezirke einsetzte. Auf diese Weise ließe sich die Schwerpunktverschiebung der Altersklassen 20-24 und 25-29 erklären.

↓315

Die Sexualproportion verschob sich leicht zugunsten des männlichen Bevölkerungsanteils und stieg von 96,7 auf 97,2:100. Auffällig ist der hohe Männerüberhang in den Altersgruppen 25-29 und 30-34, der sich gegenüber 1890 deutlich verstärkt hatte. Dies deutet auf ein erweitertes industrielles Arbeitsplatzangebot hin und würde u.a. mit den wachsenden Beschäftigtenanteilen des Maschinenbaus korrelieren. Die höchsten Zuwachsraten verzeichneten jedoch die 20-24jährigen: +5,6‰ (m) bzw. +7,4‰ (w). Bei den Frauen lagen die Gesamtanteile damit bereits höher als in der Altersgruppe ab 25.

Beides - die geschmälerte Basis der Bevölkerungspyramide und der Bedeutungsgewinn der 20-24jährigen - läßt auf eine demographische Angleichung des Weddings an den Gesamt-Berliner-Durchschnitt schließen.

Auch der Altersaufbau von Gesamt-Berlin war in den Grundzügen unverändert geblieben. Eine fast schon idealtypisch ausgebildete Pyramidenform ist nach wie vor erst ab der Altersgruppe der 20-24jährigen zu erkennen. Die Basis verlor weiter an Bedeutung. Der Anteil der 0-4jährigen sank zwischen 1890 und 1900 um exakt 10‰. Im Gegensatz zum Untersuchungsgebiet beschränkten sich die Verluste nicht nur auf die Altersklassen von 0-14 Jahre, sondern umfaßten auch die 15-19jährigen (-1,1‰). Dafür ist bereits ab der Altersklasse 40-44 ein fast durchgehender Anteilszuwachs zu beobachten. Im gesamten Stadtgebiet stieg das Durchschnittsalter an.

↓316

Eine gegenläufige Entwicklung offenbarte die Sexualproportion. Während im Untersuchungsgebiet der Männeranteil leicht stieg, sank er im Stadtgebiet von 92,7 auf 91,6:100. Nur in einer einzigen Altersklasse - den 20-24jährigen - bestand mit einer Differenz von 0,2‰ ein leichtes Übergewicht der Männer.

Der bereits 1890 zu beobachtende deutliche Frauenüberschuß bei den 15-19jährigen muß auf das enorme Arbeitsplatzangebot im Bereich der häuslichen Dienstleistungen zurückgeführt werden. Dies erklärt auch die abweichenden Werte des Weddings. In keinem anderen Wirtschaftszweig blieb die Beschäftigtenstatistik des Untersuchungsgebietes deutlicher unter dem Berliner Durchschnitt.301

III.3.1.3 Die Situation im Jahr 1910

In der letzten Bevölkerungsaufnahme vor dem Kriegsausbruch setzten sich die beobachteten Tendenzen fort:

↓317

Abb. 62: Alters- und Geschlechtsstruktur des Weddings (XIII a und b) (links) und von Gesamt-Berlin (rechts) im Jahr 1910.

Anm.: Der Frauen- bzw. Männerüberhang je Altersklasse ist jeweils rot markiert.

Quelle: Statistisches Amt der Stadt Berlin (1916), S. 10-15.

Innerhalb des Weddings verschmälerte sich die Basis weiter. Die Altersklasse der 0-4jährigen hatte mit einem Minus von 10,5‰ gegenüber 1900 erneut die stärksten Rückgänge zu verzeichnen. Auffällig sind die deutlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Altersgruppen 15-19 und 20-24. Während der männliche Bevölkerungsanteil um 4,3‰ und 0,2‰ abnahm, legten die Werte der Frauen um 0,4‰ und 1,8‰ zu. Dies führte in beiden Altersgruppen zu einem Frauenüberhang von knapp 4‰ und deutet auf eine steigende Bedeutung häuslicher Dienste hin. In der Tat hatte das Untersuchungsgebiet in diesem Bereich aufgeholt und eine Annäherung an den Berliner Durchschnitt vollzogen.302

Am schnellsten wuchsen die Anteile der Altersgruppen 25-29 und 30-34. Dabei lagen die Zuwächse der Frauen um 3‰ über denen der Männer. In den Altersgruppen über 40 Jahre kam es dagegen zu keinen nennenswerten Verschiebungen. Ein markanter und kontinuierlicher Bedeutungszuwachs wie zwischen 1890 und 1900 ist nicht nachzuweisen. Die hohen Anteilsgewinne der Frauen in den Altersklassen von 20-34 führten zu Verschiebungen in der Sexualproportion. War das Verhältnis zwischen 1890 und 1900 noch zugunsten der Männer von 96,7 auf 97,2:100 gestiegen, sank es nun auf 95,4:100.

↓318

Etwas anders gestaltete sich die Situation in Gesamt-Berlin. Zwar verzeichneten auch hier die 0-4jährigen die höchsten Verluste (-10,7‰), die Verluste gingen jedoch wesentlich weiter und erstreckten sich auf alle Altersklassen bis 30 Jahre. So verlor auch die bis dato so starke Gruppe der 20-24jährigen 6,6‰. Erst ab der Altersgrenze von 30 begannen die Anteile zu wachsen. Diese Tatsache läßt auf eine merkliche Abschwächung der Zuwanderung schließen, was durch die Zahlen der amtlichen Statistik bestätigt wird. Während sich zwischen 1890 und 1900 der Anteil der Zuwanderung am Gesamtbevölkerungswachstum auf 45,9% beziffern läßt (Gesamtzuwachs: 312.913 Personen), sank er zwischen 1900 und 1910 auf 10,2% (Gesamtzuwachs: 194.638). Der absolute Wanderungsgewinn sank von 143.581 Personen auf 19.757 - ein Rückgang um fast 124.000.303

Bestimmte bis zur Jahrhundertwende die Zuwanderung maßgeblich die Entwicklung der Gesamtbevölkerung, verlagerte sich in den Jahren danach der Schwerpunkt auf die natürliche Bevölkerungsbewegung. Das Zusammenwirken von Fertilität und Mortalität und nicht mehr der Zustrom von Migranten wurde zum ausschlaggebenden demographischen Faktor. Die Sexualproportion verharrte mit insgesamt 92,3:100 auf einem stabilen Niveau.

III.3.2 Heiratsverhalten

Die Hochzeit markierte für den Großteil der Bevölkerung den Beginn des Lebensabschnittes, der mit der Gründung einer Familie verbunden war. In den meisten Jahren des Untersuchungszeitraumes entstammten im Berliner Stadtgebiet über 80% der Neugeborenen aus ehelichen Lebensgemeinschaften. Obwohl der Anteil unehelicher Kinder von minimal 12,3% (1890) auf 23,6% (1913) angestiegen war, blieben Kinder und Heirat untrennbar miteinander verbunden.304

↓319

Tab. 49: Anteil unehelicher Kinder auf 100 Geburten. Gesamt-Berlin 1885-1914.

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

Jahr

Ant. unehel. Kinder (in %)

1885

13,5

1895

14,6

1905

16,8

1886

13,5

1896

15,3

1906

17,6

1887

13,0

1897

15,8

1907

18,6

1888

12,7

1898

15,8

1908

19,3

1889

12,9

1899

15,3

1909

20,0

1890

12,3

1900

15,0

1910

20,9

1891

12,8

1901

15,1

1911

22,2

1892

13,2

1902

15,2

1912

23,1

1893

13,6

1903

15,6

1913

23,6

1894

13,7

1904

16,3

1914

22,9


Quelle: StatJbB (1915-1919), S. 74.

III.3.2.1  Heiratsaufkommen

Setzt man das Heiratsaufkommen des Jahres 1885 = 100%, werden die Unterschiede in der Entwicklung des Heiratsverhaltens am deutlichsten sichtbar (vgl. Abb. 63). Die Kurve mit den geringsten prozentualen Zuwachsraten (gelb) steht für die Gesamtzahl der standesamtlichen Eheschließungen im Stadtgebiet und verläuft annähernd parallel zu den Werten der Berliner Gesamtbevölkerung (braun). In beiden Fällen ist das bereits 1885 sehr hohe Ausgangsniveau von 13.866 Trauungen und 1.291.372 Einwohnern bei der Interpretation zu berücksichtigen.

Abb. 63: Wedding und Gesamt-Berlin. Entwicklung des Heiratsaufkommens im Vergleich zur Einwohnerzahl (in %).

Quelle: StatJbB, versch. Jg.

↓320

Die übrigen drei Verlaufskurven beschreiben die Situation im Untersuchungsgebiet. Auch innerhalb des Weddings wichen die Entwicklung der standesamtlichen Eheschließungen (rot) und der Einwohnerzahl (grün) kaum voneinander ab. Die städtebauliche Dynamik führte offensichtlich zu deutlich höheren Zuwachsraten als im gesamten Stadtgebiet. 1914 erreichten die Eheschließungen ein Niveau von 408% gegenüber 1885. Der Anstieg der Einwohnerzahl blieb mit 361% nur unwesentlich dahinter zurück.

Eine Sonderstellung nahmen die kirchlichen Trauungen (blau) ein, deren Zuwachsraten bis 1894 deutlich über denen des Standesamtsbezirkes XIII lagen. Die Ursache ist in der besonderen Situation der Kirche nach der Einführung der Personenstandsgesetzgebung zu suchen. Infolge der drastischen Einbrüche kirchlicher Amtshandlungen Mitte der 1870er Jahre und der anschließenden Aufhebung der Stolgebühren muß der Kurvenverlauf bis 1894 als Konsolidierungsprozeß interpretiert werden.

Ab diesem Zeitpunkt blieben die Werte der Kirche immer weiter hinter denen des Standesamtes XIII zurück. Ab 1907 entwickelten sich die beiden Verlaufskurven sogar in entgegengesetzte Richtungen. Während die Zahl der standesamtlichen Eheschließungen bis zum Ausbruch des Krieges - von kleineren Unterbrechungen abgesehen - weiter stieg, sanken die Werte der Kirche seit dem Höchststand von 1907 (211,7%) auf 160% gegenüber 1885. Die Zäsur des Jahres 1907 entspricht sehr genau dem Zeitpunkt, als die Zahl der Kirchenaustritte signifikant zu steigen begann.305 Die Lückenhaftigkeit der kirchlichen Trauregister nahm fortan kontinuierlich zu.

↓321

Drei Einschnitte lassen sich in allen Kurvenverläufen - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - nachweisen: 1892-1895, 1901-1903 und 1908/1909. Die Zeitabschnitte sind annähernd deckungsgleich mit der Abgrenzung konjunktureller Stockungsphasen nach Spiethoff und lassen auf eine Dependenz schließen.306

Trotz ihres zunehmend rudimentären Charakters ermöglichen die Kirchenbücher einen sehr exakten Blick auf die räumliche Verteilung der Heiratenden im Untersuchungsgebiet (vgl. Abb. 64). Da in den Kirchenbüchern nur für bestimmte Zeitabschnitte und Gemeinden der Wohnsitz beider Eheleute zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung verzeichnet ist, muß sich die Abbildung - um Verzerrungen zu vermeiden - auf die Ehemänner beschränken, für die annähernd vollständige Angaben vorliegen.

Nach den Kreisdiagrammen fällt die überwiegende Zahl der Nachweise in den Neubauvierteln (1-3) zwangsläufig in die Zeit nach 1900 bzw. 1905, da das Vorhandensein einer Wohnbebauung nun einmal die Grundvoraussetzung für jegliche Form demographischer Merkmalsausprägungen bildet.307 Interessanter ist die Entwicklung in den Baublöcken mit einem vorherrschenden Grundstücksbestand aus der Zeit vor der Jahrhundertwende. Hier dominieren in den meisten Fällen die Jahresklassen 1885-1899 (blau).

↓322

Abb. 64: Wohnsitz der Ehemänner zum Zeitpunkt der kirchlichen Hochzeit nach Straßenblöcken.

Diese Tatsache läßt neben der wachsenden Lückenhaftigkeit der Kirchenbuchangaben auf einen Zusammenhang zwischen dem Alter der Gebäude und der Bewohnerschaft schließen. Allem Anschein nach verloren die östlichen und südlichen Bereiche des Untersuchungsgebietes nicht nur gegenüber den Neubauvierteln an Dynamik, sondern auch gegenüber der eigenen Vergangenheit. Die Anzahl junger Paare in der Phase der Familiengründung war in diesen Gebieten - zumindest in Teilbereichen - offensichtlich rückläufig.308

Die als Fläche dargestellte räumliche Verteilung der Ehemänner zwischen 1885 und 1889 bzw. 1910 und 1914 unterstreicht diese Vermutung.309 In den letzten fünf Jahren des Untersuchungszeitraumes konnte neben den drei Neubauvierteln (1-3) allein ein größeres Areal an der westlichen Reinickendorfer Straße (4) Anteile von über 20‰ auf sich vereinen. Im gesamten Gebiet östlich der Reinickendorfer Straße und südlich der Ringbahn (5) beschränkten sich die Maximalwerte dagegen - abgesehen von dem Straßenblock zwischen Fenn- und Sellerstraße (6) - auf die Kategorie „15 -< 20‰“.

III.3.2.2 Heiratsalter

↓323

Von maßgeblicher Bedeutung für die Zahl der Kinder pro Frau ist das Alter bei der Geburt des ersten Kindes. Je später das erste Kind zur Welt gebracht wird, desto geringer ist die verbleibende Zeit, die einer Frau innerhalb des gebärfähigen Alters zur Verfügung steht.310 Legt man den hohen Prozentsatz ehelicher Geburten zugrunde, wird das Heiratsalterneben dem Akt der Eheschließung zu einer zentralen Kenngröße des Reproduktionsverhaltens.

Abb. 65 stellt auf Grundlage der Kirchenbuchangaben das Durchschnittsalter der in erster Ehe standesamtlich und kirchlich Heiratenden dar. Bereits verwitwete oder geschiedene Personen blieben unberücksichtigt.311 Die Werte der Kirche müssen dabei zwangsläufig über denen der Standesämter liegen, da eine kirchliche Trauung vor dem Vollzug der standesamtlichen Eheschließung seit 1874/75 untersagt war - unter Androhung einer Gefängnisstraße von bis zu drei Monaten für den Geistlichen.312

Abb. 65: Wedding. Durchschnittliches Heiratsalter in Standesamt und Kirche 1885-1914.

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓324

Zwischen den Geschlechtern sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Analog zu den Darstellungen der Bevölkerungspyramiden heirateten Frauen durchschnittlich um mehr als zwei Jahre (2,12 Jahre) früher als Männer. Die Schwankungen der Werte blieben allerdings über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren hinweg gering. So betrug die Spannweite zwischen maximalem und minimalem Durchschnittsalter bei den Männern 1,26 Jahre, bei den Frauen 0,85 Jahre.

Seit 1895 ist ein leichtes Absinken des Durchschnittsalters der Frauen zu beobachten. Von den zehn Jahren mit dem höchsten Heiratsalter lagen allein neun zwischen 1885 und 1895. Zu erkennen ist allerdings auch, daß es sich hierbei um keine kontinuierliche Entwicklung handelte. Die konjunkturellen Einbrüche von 1901/02 und 1908/09 führten zu einem temporären Altersanstieg. Das gleiche gilt für die Zeit ab 1911. Bis zum Ausbruch des Krieges pendelten sich die Werte auf einem erhöhten bzw. leicht ansteigenden Niveau ein.

Bei den Männern verlief die Entwicklung wesentlich uneinheitlicher, aber im Grundsatz parallel, wobei die höchsten Werte nicht in den 1880er Jahren lagen, sondern in der Zeit vor dem Kriegsausbruch.

↓325

Eine Differenzierung nach Altersklassen ergibt für die Frauen folgendes Bild:

Tab. 50: Wedding. Verteilung der in erster Ehe heiratenden Frauen nach dem Alter bei der zivilen Eheschließung (in %).

unter 20

20 bis 24

25 bis 29

30 bis 34

35 bis 39

40 bis 44

älter als 45

1885-1889

9,87

47,06

28,91

9,54

2,94

1,09

0,59

1890-1894

9,56

47,46

29,36

9,68

2,68

0,87

0,39

1895-1899

10,81

50,80

26,28

7,74

2,99

0,82

0,57

1900-1904

8,75

52,44

27,80

7,35

2,32

0,80

0,56

1905-1909

10,27

50,82

27,88

7,43

2,15

0,92

0,54

1910-1914

9,06

51,41

27,31

7,78

3,17

0,82

0,46


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Während die Altersgruppen 25-29 bzw. 30-34 seit 1895 verloren, stiegen die Anteile der unter 24jährigen. Die mit Abstand bedeutendste Gruppe bildeten über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg die 20-24jährigen. Sie allein stellten seit 1895 über 50% der in erster Ehe heiratenden Frauen und trugen wesentlich zu dem verringerten Altersdurchschnitt bei.

↓326

Das leichte Absinken des Heiratsalters bei den Frauen läßt auf einen früheren Zeitpunkt der ersten Geburt schließen. Welche Auswirkungen dies auf die Geburtenfolge und die Zahl der Kinder pro Frau hatte, wird in Kapitel 3.3 zu überprüfen sein.

Es bleibt allerdings die Frage, inwieweit die Werte des Jahres 1914 in einer Zeitreihe zulässig sind. Der Kriegsausbruch und die allgemeine Mobilmachung beschleunigten vielfach den Heiratswunsch oder führten zu einer Verschiebung der Heiratspläne auf die unbestimmte Zeit nach dem Krieg, was Vergleiche mit den Vorjahren zumindest erschwert.

III.3.2.3 Familienstand bei der Eheschließung

In zahlreichen Fällen blieb es nicht bei einer Ehe fürs Leben. Entweder durch Scheidung oder den Tod eines Ehepartners stellte sich vielfach die Frage einer erneuten Heirat. Wurde das Ende einer Ehe nicht durch eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein ersetzt, markierte die Zeit bis zur erneuten Heirat eine Phase der Kinderlosigkeit, die sich auf die Zahl der Geburten pro Frau niederschlagen und das Geburtenaufkommen insgesamt beeinflussen konnte.

↓327

Einen Eindruck von der zur Diskussion stehenden Größenordnung vermittelt eine Auswertung der Kirchenbucheintragungen nach dem Familienstand:

Tab. 51: Wedding. Familienstand zum Zeitpunkt der kirchlichen Eheschließung nach dem Geschlecht (in %).

Ledige

Verwitwete

Geschiedene

m

w

m

w

m

w

1885-1889

86,3

90,2

11,9

7,8

1,7

1,9

1890-1894

89,3

93,2

9,4

5,6

1,3

1,2

1895-1899

89,8

94,2

8,5

4,3

1,7

1,5

1900-1904

90,3

95,1

8,3

4,0

1,3

0,9

1905-1909

90,3

94,8

7,6

3,5

1,8

1,2

1910-1914

90,5

94,0

6,9

3,9

2,1

1,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Die Werte der verwitweten Männer lagen in allen dargestellten Fünfjahresklassen deutlich über dem Niveau der Frauen. Während sich der Anteil der verwitweten Männer in den Kirchenbüchern von 11,9% auf 6,9% reduzierte, sank er bei den Frauen von 7,8% auf 3,9%. Von untergeordneter Bedeutung blieben die Geschiedenen mit einem maximalen Anteil von 2,1%.313

↓328

Eine Erklärung für die Abweichungen zwischen den Geschlechtern muß im ökonomischen Bereich gesucht werden. Offensichtlich war es für verwitwete Männer einfacher, erneut zu heiraten. Während der verwitwete Mann durch sein Einkommen einer neuen Partnerin zumindest eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit bieten konnte, brachte eine verwitwete Frau oftmals nicht mehr als die eigenen Kinder und die damit verbundenen finanziellen Belastungen in eine neue Ehe ein. Dies mußte für Frauen eine Wiederverheiratung erschweren.314

Der kontinuierliche Rückgang des Verwitwetenanteils resultierte dabei nicht aus einer zunehmenden Lückenhaftigkeit der Kirchenbucheintragungen. Eine Gegenüberstellung mit den für Gesamt-Berlin zusammengefaßten Werten der zivilen Standesregister bestätigt die Tendenz:

Tab. 52: Anteil der „Verwitweten“ an der Gesamtzahl der standesamtlichen Trauungen in Gesamt-Berlin und dem Untersuchungsgebiet (in %).

Gesamt-Berlin

Untersuchungs-gebiet

Differenz

m

w

m

w

m

w

1885-1889

10,4

6,7

11,9

7,8

1,5

1,1

1890-1894

9,2

6,0

9,4

5,6

0,2

-0,4

1895-1899

8,5

5,5

8,5

4,3

0,0

-1,2

1900-1904

8,5

5,1

8,3

4,0

-0,2

-1,1

1905-1909

8,2

5,0

7,6

3,5

-0,6

-1,5

1910-1914

8,1

5,0

6,9

3,9

-1,2

-1,1

Gesamtrückgang

-2,3

-1,7

-5,0

-3,9

-2,7

-2,2


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg. sowie ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓329

Mit -2,3% (m) und -1,7% (w) fiel die Abnahme in den Standesämtern bezogen auf Gesamt-Berlin allerdings deutlich moderater aus - ein mögliches Indiz dafür, daß bei einer erneuten Eheschließung der kirchliche Segen zunehmend in den Hintergrund rückte. Hierbei handelte es sich jedoch allenfalls um einen verstärkenden Effekt.

Die für die Zahl der Geburten zentrale Frage nach der Dauer zwischen der Lösung einer Ehe durch Tod oder Scheidung und der Wiederverheiratung kann an dieser Stelle nur in Grundzügen aufgegriffen werden. Während aus den Kirchenbüchern keinerlei Rückschlüsse zu ziehen sind, beschränkt sich die amtliche Statistik auf aggregierte Daten zu Gesamt-Berlin und bricht mit dem Jahr 1899 ab.

Bis dahin vergingen bei den Frauen im gebärfähigen Alter (unter 45 Jahren) vor einer erneuten Eheschließung folgende Zeiträume:

↓330

Tab. 53: Dauer bis zur Wiederverheiratung bei verwitweten Frauen unter 45 Jahren in Gesamt-Berlin 1885-1899 (in %).

Witwen

... Jahre bis zur erneuten Heirat (Ant. in %)

0

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12+

1885-1889

9,2

27,6

17,9

11,7

8,6

6,2

5,0

3,9

3,0

1,9

1,5

1,2

2,4

1890-1894

8,9

26,4

17,0

12,4

9,0

6,3

4,9

3,8

2,7

2,4

1,5

1,3

3,4

1895-1899

8,5

25,4

17,1

12,4

8,7

7,0

5,7

3,9

3,2

2,2

1,8

1,1

3,1


Quelle: Eigene Berechnungen nach StatJbB, versch. Jg.

Über 50% der im Berliner Stadtgebiet verwitweten Frauen heirateten - sofern sie überhaupt eine neue Ehe eingingen - innerhalb von zwei Jahren. Innerhalb von vier Jahren stiegen die Werte auf über 70%. Rechnet man hinzu, daß der Anteil der verwitweten Frauen an der Gesamtzahl der Eheschließungen durchgehend unter 10% blieb und eine steigende Dunkelziffer von Lebensgemeinschaften ohne Trauschein anzunehmen ist, müssen die Auswirkungen der Ehelosigkeit auf das Reproduktionsverhalten als eher gering eingeschätzt werden. Der Familienstand zum Zeitpunkt der Eheschließung kann für die weiteren Überlegungen unberücksichtigt bleiben.

III.3.2.4 Sozioökonomischer Hintergrund

Bereits für das Berlin des beginnenden 18. Jahrhunderts verweist Schultz auf die Bedeutung der sozialen Herkunft der Heiratenden für die Ausprägung der Geburten- und Sterberate. Sie konstatiert einen direkten Wirkungszusammenhang:

↓331

„Die sozialen Differenzen der Heiratenden hatten natürlicherweise unmittelbaren Einfluß auf die Unterschiede der Geburtenrate. Die Geburtenziffer lag bei den hohen bürgerlichen Beamten am niedrigsten und bei den Manufakturarbeitern am höchsten. Beides ist mit entsprechend niedrigen und hohen Heiratsraten ebenso im Einklang wie die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Handwerksmeister und die geringe der Tagelöhner.

↓332

Damit ist zugleich für alle diese Gruppen ein gleichläufiger Zusammenhang von Heirats-, Geburten- und Sterberate beschrieben. Je höher die Heiratsrate, desto größer die Geburtenziffer und schließlich auch die (Säuglings-)Sterblichkeit einer sozialen Gruppe/Schicht/Klasse.“315

Die nur fragmentarisch überlieferten Berufsangaben der Frauen in den Kirchenbüchern machen es notwendig, das Augenmerk auf die Ehemänner zu richten:316

Tab. 54: Beschäftigungssituation der Ehemänner im Untersuchungsgebiet zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung nach den 12 wichtigsten Wirtschaftszweigen 1885-1914 (in %).

1885-

1889

1890-

1894

1895-

1899

1900-

1904

1905-

1909

1910-

1914

Gesamt

1

Lohnarbeit wechselnder Art

26,7

26,5

21,2

20,4

21,2

19,5

22,4

2

Metallverarbeitung

15,8

13,2

16,7

14,9

13,8

13,1

14,5

3

Verkehrsgewerbe

9,4

11,0

12,0

13,8

11,5

14,2

12,1

4

Baugewerbe

10,1

8,6

6,7

6,9

8,1

5,2

7,5

5

Fabrikanten, Fabrikarbeiter etc.

6,3

6,5

9,5

8,0

6,9

6,9

7,3

6

Handelsgewerbe

3,4

3,7

3,8

4,8

6,9

8,4

5,4

7

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,5

4,1

4,1

4,4

4,4

4,7

4,2

8

Öffentlicher Dienst, freie Berufe

2,5

3,1

3,4

3,3

5,2

6,1

4,1

9

Bekleidungsgewerbe

4,7

4,9

3,6

4,2

3,2

2,8

3,8

10

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

5,8

5,3

3,6

3,1

3,0

2,7

3,8

11

Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate

2,6

2,3

3,2

2,7

3,1

4,3

3,1

12

Dienstleistungen allgemein

1,5

1,6

2,5

3,8

3,6

3,8

2,9


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓333

Mehr als 20% der Bräutigame verdienten ihren Unterhalt als un- und angelernte Lohnarbeiter. An zweiter und dritter Stelle folgten die Metallverarbeitung und das Verkehrsgewerbe. Analog zu den Ergebnissen von Kapitel 2 ist eine gegenläufige Entwicklung der Wirtschaftszweige zu beobachten. Während u.a. die Kategorie „Lohnarbeit wechselnder Art“ und das Bekleidungsgewerbe an Bedeutung verloren, nahmen die Werte der Dienstleistungsberufe und des Maschinenbaus zu.

Entsprechend der Beschäftigungssituation veränderte sich die Schichtzugehörigkeit. Während die drei Rubriken der Unterschicht verloren, verzeichnete die „Untere Mittelschicht“ einen signifikanten Zuwachs von 9,2% auf 17,4%. Der durchschnittliche soziale Status der Heiratenden stieg auf der Skala 1-6 von 2,50 auf 2,74 an.

Tab. 55: Schichtzugehörigkeit der Ehemänner zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung. Untersuchungsgebiet 1885-1914 (in %).

1885-1889

1890-1894

1895-1899

1900-1904

1905-1909

1910-1914

Gesamt

(1) Untere Unterschicht

29,5

30,0

24,9

25,2

25,4

23,9

26,3

(2) Mittlere Unterschicht

5,8

5,1

9,2

9,2

5,7

4,1

6,4

(3) Obere Unterschicht

52,8

52,7

52,1

51,3

50,1

50,3

51,4

(4) Untere Mittelschicht

9,2

9,5

10,4

11,4

15,0

17,4

12,5

(5) Obere Mittelschicht

2,3

2,5

3,2

2,6

3,4

3,7

3,0

(6) Oberschicht

0,3

0,2

0,2

0,3

0,4

0,5

0,3

Gesamt

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

Durchschnitt 1-6

2,50

2,50

2,58

2,58

2,66

2,74

2,60


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

↓334

Stellt man den heiratenden Männern die Berufe ihrer Väter gegenüber, werden grundlegende Verschiebungen sichtbar (vgl. Tab. 56). Hinter der Rubrik „Lohnarbeit wechselnder Art“ (27,8%) konnte auf Seiten der Väter die Landwirtschaft mit 8,5% die zweithöchsten Anteile auf sich vereinen. Es steht zu vermuten, daß auch ein hoher Prozentsatz der ungelernten Lohnarbeiter zu dieser Kategorie zu rechnen ist. Hinter der Berufsbezeichnung „Arbeiter“ dürfte sich vielfach eine Beschäftigung als landwirtschaftlicher Arbeiter, Tagelöhner oder Erntehelfer verborgen haben. Mit 6,6% blieb die Metallverarbeitung am weitesten hinter den Anteilen der Söhne zurück. Der Maschinenbau zählte nicht zu den zwölf beschäftigungsrelevantesten Berufsgruppen, wohingegen die Rubrik „Ohne Beruf“ als Sammelkategorie für Rentiers, Rentner, Invaliden u.a. diente. Die hohe Relevanz der Landwirtschaft läßt auf ausgedehnte Land-Stadt-Wanderungen schließen.

Tab. 56: Untersuchungsgebiet. Beschäftigungssituation der Väter und die berufliche Orientierung ihrer Söhne zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung nach den 12 wichtigsten Wirtschaftszweigen (in %).

Berufliche Tätigkeit der Väter

Beruf des Sohns = Beruf des Vaters 1)

1

Lohnarbeit wechselnder Art

27,8

38,7

2

Landwirtschaft

8,5

1,4

3

Baugewerbe

8,2

27,6

4

Verkehrsgewerbe

7,6

27,3

5

Ohne Beruf

7,0

1,4

6

Bekleidungsgewerbe

6,7

14,8

7

Metallverarbeitung

6,6

41,3

8

Industrie der Holz- und Schnitzstoffe

4,1

26,4

9

Öffentlicher Dienst

4,0

16,7

10

Handelsgewerbe

3,9

24,0

11

Industrie der Nahrungs- und Genußmittel

3,0

27,5

12

Fabrikanten, Fabrikarbeiter u.a.

2,2

18,3

Insgesamt

100,0


1)
Anteil der Söhne, die zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung einer Beschäftigung in der jeweiligen Berufsgruppe des Vaters nachgingen.

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Der Beruf des Vaters determinierte für etwa ein Viertel der Söhne die eigene Berufswahl. Den höchsten Wert erreichte die Metallverarbeitung mit 41,3%. Wenig überraschend sind die minimalen Werte der Landwirtschaft. Vor dem Hintergrund der städtebaulich-ökonomischen Konstellation im Untersuchungsgebiet mußte der Quotient auf einem sehr geringen Niveau verharren.

↓335

Tab. 57: Untersuchungsgebiet. Schichtzugehörigkeit des Sohnes im Vergleich zum Vater. Verbesserung (+)/ Verschlechterung (-) nach der sechsstufigen Klassifikation von Schüren zum Zeitpunkt der kirchlichen Trauung (in %).

-

=

+

1885-1889

36,9

41,8

21,3

1890-1894

37,3

42,7

19,9

1895-1899

37,1

39,5

23,4

1900-1904

35,9

40,6

23,5

1905-1909

32,8

42,9

24,2

1910-1914

32,3

40,3

27,4

Gesamt

35,2

41,4

23,4


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Bei 41,4% der heiratenden Männer war die eigene Schichtzugehörigkeit mit der des Vaters identisch. 35,2% besaßen einen niedrigeren, 23,4% einen höheren sozialen Status.317 Die Zahlen vermitteln den Eindruck einer sozialen Mobilität, die im intergenerativen Vergleich zu einem Abstieg der Söhne führte. Zu bedenken ist dabei jedoch der Altersunterschied zwischen Vater und Sohn. Während der heiratende Sohn sich in der Regel erst am Anfang seines Berufslebens befand, hatte der Vater zumeist schon die maximal mögliche berufliche Stellung erreicht. Die Differenz der Schichtzugehörigkeit dürfte sich vor diesem Hintergrund - zumindest für einen Teil der Probanden - auf einen temporären Statusverlust reduzieren. Viel wichtiger erscheint der schrittweise Bedeutungsgewinn der Söhne mit einer bereits zum Zeitpunkt der Hochzeit höheren Schichtzugehörigkeit. Ihr Wert stieg von 19,9% auf immerhin 27,4%. Auch im intergenerativen Vergleich nahm der soziale Status der Heiratenden zu - trotz der insgesamt höheren Statuswerte der Väter.

Es bleibt ein kurzer Blick auf die Ehefrauen. Legt man die Ergebnisse der Bevölkerungspyramiden zugrunde, steht zu vermuten, daß sich mit dem steigenden Frauenüberschuß in den heiratsrelevanten Altersgruppen die Gefahr eines nuptialen sozialen Abstiegs erhöhte.

↓336

Die Gegenüberstellung der väterlichen Berufe von Braut und Bräutigam nach ihrer Schichtzugehörigkeit bestätigt diese Hypothese und legt zugleich eine Modifikation nahe. Nicht allein der Anteil der sozial „absteigenden“ Frauen vergrößerte sich langsam, aber kontinuierlich von 33,6% auf 35,8%. Von vornherein und über den gesamten Zeitraum hinweg heirateten mehr Frauen - bezogen auf das Elternhaus - einen statusniedrigeren Ehemann als umgekehrt.

Tab. 58: Untersuchungsgebiet. Nuptiale soziale Mobilität der Braut. Schichtzugehörigkeit des Brautvaters im Vergleich zum Vater des Bräutigams nach der sechsstufigen Klassifikation von Schüren (in %) (“-“ = Abstieg, “+“ = Aufstieg).

-

=

+

1885-1889

33,6

34,9

31,4

1890-1894

33,6

35,4

31,0

1895-1899

34,5

35,4

30,1

1900-1904

35,3

36,2

28,5

1905-1909

35,3

36,2

28,5

1910-1914

35,8

35,6

28,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

III.3.2.5 Konfessionelle Aspekte

Vor der Frage nach dem Geburtenaufkommen gilt es schließlich noch einen Blick auf die Konfession der Heiratenden zu werfen, um eventuelle Abhängigkeiten des generativen Verhaltens von der religiösen Prägung des Elternhauses untersuchen zu können.

↓337

Tab. 59: Wedding. Konfession der kirchlich Getrauten nach dem Geschlecht 1885-1914 (in %).

m

w

gesamt

ev.

kath.

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889 1)

92,7

7,2

94,5

5,4

93,6

6,3

1890-1894

90,0

10,0

89,0

11,0

89,5

10,5

1895-1899

87,8

12,2

87,8

12,2

87,8

12,2

1900-1904

85,9

14,0

87,8

12,1

86,9

13,1

1905-1909

86,3

13,5

87,0

12,8

86,6

13,2

1910-1914

83,6

16,3

83,9

15,9

83,7

16,1

Gesamt

87,5

12,4

88,1

11,8

87,8

12,1


1) Aufgrund der Überlieferungslücke in den Kirchenbüchern der katholischen St. Sebastian-Gemeinde sind die Anteile zwischen 1885 und 1889 zugunsten der evangelischen Kirche verzerrt. (Vgl. oben, S. 34).

Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Unter den Eheleuten lag das Verhältnis von Katholiken zu Protestanten bei durchschnittlich 12:88. Eine deutliche zeitliche Verschiebung zugunsten der Katholiken tritt als charakteristisches Element in Erscheinung. Deren Anteile stiegen von 10,5% zwischen 1890 und 1894 auf über 16% nach 1910. Dem steht ein Rückgang der Protestanten von 89,5% auf 83,7% gegenüber.

Eine getrennte Betrachtung der evangelischen und katholischen Kirchenbücher zeigt eine weitere Auffälligkeit (vgl. Tab. 60). Während die katholischen Kirchenbücher mehr evangelische Männer als Frauen verzeichneten, lagen in den evangelischen Registern die Anteile der katholischen Männer über denen der Frauen. In beiden Fällen blieben die Werte der „konfessionsfremden“ Frauen hinter denen der Männer zurück. Offensichtlich richtete sich bei Mischehen die Wahl der Traukirche bevorzugt nach dem Bekenntnis der Braut. Die Orientierung an der Religionszugehörigkeit der Braut würde der Tradition des Allgemeinen Preußischen Landrechts § 435 (II. Teil, Tit. 11, Abs. 6) entsprechen.318

↓338

Tab. 60: Untersuchungsgebiet. Konfessionszugehörigkeit der Heiratenden in den katholischen und evangelischen Kirchenbüchern 1885-1914 (in %).

Katholische Kirchenbücher

m

w

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889

25,3

74,7

22,9

77,1

1890-1894

24,4

75,6

16,8

83,2

1895-1899

23,5

76,5

17,5

82,5

1900-1904

17,7

82,3

18,0

82,0

1905-1909

20,4

79,1

15,9

83,4

1910-1914

16,2

83,4

16,0

82,9

Gesamt

19,9

79,9

17,0

82,6

Evangelische Kirchenbücher

m

w

ev.

kath.

ev.

kath.

1885-1889

94,9

5,1

96,8

3,1

1890-1894

96,0

4,0

95,6

4,4

1895-1899

94,9

5,1

95,5

4,5

1900-1904

94,6

5,4

96,7

3,3

1905-1909

95,0

4,8

96,5

3,4

1910-1914

96,5

3,3

97,0

3,0

Gesamt

95,3

4,6

96,4

3,6


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Die große Mehrzahl der Eheschließungen entfiel mit über 80% auf rein evangelische Paare (vgl. Tab. 61). An zweiter und dritter Stelle folgten die Kategorien der Mischehen. Nachdem zwischen 1890 und 1894 die Kombination aus evangelischem Mann und katholischer Frau die höheren Werte auf sich vereinen konnte, überwogen in der Folgezeit die Eheschließungen zwischen einem katholischen Mann und einer evangelischen Frau. Die Anteile der rein katholischen Paaren stiegen erst nach der Jahrhundertwende über das Niveau der Mischehen, solange man diese getrennt betrachtet. Die gegenläufige Tendenz zwischen den beiden großen Konfessionen wird auch hier klar ersichtlich.

↓339

Tab. 61: Untersuchungsgebiet. Kirchliche Trauungen nach der Konfession der Ehepartner (in %).

rein ev.

rein kath.

ev. (m) - kath. (w)

kath. (m) - ev. (w)

Sonstige

1890-1894

83,9

4,9

6,1

5,1

0,0

1895-1899

81,5

5,8

6,3

6,4

0,0

1900-1904

81,0

7,2

4,9

6,8

0,1

1905-1909

80,8

7,4

5,4

6,1

0,3

1910-1914

78,5

10,7

5,1

5,4

0,3


Quelle: Eigene Berechnungen nach ev. und kath. Kirchenbüchern.

Zur Absicherung der Ergebnisse hilft ein kurzer Blick auf die Angaben der amtlichen Statistik. Sie ermöglichen für Gesamt-Berlin eine konfessionelle Zuordnung der vollzogenen standesamtlichen Eheschließungen.

Tab. 62: Standesamtliche Trauungen in Gesamt-Berlin nach der Konfession der Ehepartner (in %).

rein ev.

rein kath.

ev. (m) - kath. (w)

kath. (m) - ev. (w)

rein jüdisch

Sonstige 1)

1885-1889

79,8

3,0

5,5

7,5

2,9

1,2

1890-1894

77,2

4,0

6,3

8,0

3,2

1,3

1895-1899

76,7

4,2

6,3

8,0

3,1

1,7

1900-1904

76,9

4,4

6,4

7,8

3,0

1,5

1905-1909

75,1

5,0

6,6

8,1

2,7

2,5

1910-1914

72,4

5,7

7,2

8,4

2,3

4,0


1) Dissidenten fielen kaum ins Gewicht. Lediglich in der Z