5 Zur Bedeutung von Indikatoren im Prozess der nachhaltigen Entwicklung

Ziele der Nachhaltigkeit dürfen nicht länger in der Unverbindlichkeit von Sonntagsreden verbleiben – ihre Umsetzung muss durch klare Maßstäbe überprüfbar gemacht werden. Wir brauchen „Anzeiger“ für die Aufrichtigkeit und die konsequente Umsetzung wohlfeiler Vorstellungen.

Manfred Fuhrich, Leiter des Referats „Stadtentwicklung und Städtebau“ im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

In Kapitel 2 werden Indikatoren (in Verbindung mit Zielen) als ein wichtiges Element „strategischer Nachhaltigkeitsplanung“ genannt. Für die Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren gibt es zurzeit aber kein standardisiertes Verfahren. Wissenschaftliche Arbeiten sollten deshalb dazu beitragen, eine konsistente Methodik und begründete Vorschläge für Nachhaltigkeitsindikatorensysteme zu erarbeiten. Die Entwicklung von Indikatoren für das Handlungsfeld städtischer Verkehr stellt einen zentralen Aspekt der vorliegenden Arbeit dar. Was unter Indikatoren zu verstehen ist, welche Funktionen sie erfüllen und wie sie entwickelt werden, soll in diesem Kapitel dargelegt werden. Im Verfahrensschema der Abb. 1 ist dies der dritte Schritt.

Indikatoren können als Kenngrößen definiert werden, die zur Abbildung eines bestimmten, nicht direkt messbaren und oftmals komplexen Sachverhalts (Indikandum) festgelegt werden. Die in der Regel in den Indikatoren enthaltenen informatorischen Verdichtungsprozesse (Aggregation) sollen eine zusammenfassende Beurteilung des zu beschreibenden Zustands und seiner Entwicklung erleichtern (z. B. des Zustands der Umwelt durch Umweltindikatoren).1 In einer Datenpyramide haben derartige Indikatoren einen Platz im oberen Bereich und zwar als Zusammenfassung von Basisdaten aus Basisstatistiken. Indikatoren besitzen dann nicht nur eine analytische, sondern auch eine synoptische Funktion. Die wesentliche Aufgabe von Indikatoren ist es somit, ein komplexes System verständlich und wahrnehmbar zu machen.


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Viele Erfahrungen konnten durch die Aufstellung und Anwendung von Umweltindikatoren gewonnen werden. Bereits im Umweltgutachten von 1974 hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) die Bedeutung von Umweltindikatoren herausgestellt und ihre Funktion und Entwicklung besprochen.2

Die Diskussion um Nachhaltigkeitsindikatoren ist demgegenüber relativ neu.3 In Kapitel 40 der Agenda 21 (dem Handlungsprogramm der Rio-Konferenz der UN von 1992) wird die Notwendigkeit für eine Indikatorenbestimmung erkannt: Da Methoden zur Bewertung von Interaktionen zwischen verschiedenen sektoralen Umwelt-, Bevölkerungs-, Sozial- und Entwicklungsparametern noch kaum vorhanden sind, „müssen Indikatoren für nachhaltige Entwicklung entwickelt werden, um eine solide Grundlage für Entscheidungen auf allen Ebenen zu schaffen und zu einer selbstregulierenden Nachhaltigkeit integrierter Umwelt- und Entwicklungssysteme beizutragen.“4 Gleichzeitig wird festgestellt, dass viele allgemein gebräuchliche Indikatoren, wie etwa das Bruttosozialprodukt (BSP), nicht die notwendige Datenbasis für die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung liefern. Wie nun aber Indikatoren als Anzeiger einer nachhaltigen Entwicklung aussehen sollten, wird nicht konkret beschrieben.

Als einen weitergehenden Schritt hat die UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD), die ihr Mandat auf Kapitel 40 der Agenda 21 gründet, 1996 eine Indikatorenliste mit 134 Einzelindikatoren der vier Kategorien Soziales, Ökonomie, Umwelt und Institutionen veröffentlicht und damit ein internationales Arbeitsprogramm zur Umsetzung des Kapitels 40 gestartet. In der daran anschließenden Testphase, an der insgesamt 21 Staaten teilnehmen, soll diese Liste weiterentwickelt und verbessert werden und damit auch das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung konkretisiert werden. Deutschland ist seit 1997 in den CSD-Prozess involviert, der fachlich und organisatorisch vom Umweltbundesamt maßgeblich unterstützt wird. Ziel ist die Weiterentwicklung des CSD-Konzepts und die Erarbeitung von Grundlagen für nationale Nachhaltigkeitsindikatoren. In diesem Rahmen wurde auch ein Forschungsvorhaben zum Thema nachhaltige Mobilität durchgeführt, ein Handlungsfeld, das im CSD-Entwurf nicht berücksichtigt wurde (vgl. Kapitel 6).

Nachhaltigkeitsindikatoren weisen enge Bezüge zur Entwicklung von Umweltindikatoren auf, denn der Umwelt- und Ressourcenbereich ist wesentlicher Bestandteil der Nachhaltigkeitsdiskussion. Im Folgenden werden deshalb zunächst Umweltindikatoren (Kapitel 5.1) und [Seite 74↓]dann Nachhaltigkeitsindikatoren (Kapitel 5.2) vorgestellt. Beide Indikatorentypen sollen dabei genauer definiert und Entwicklungsschritte und Anforderungen zu ihrer Bildung aufgezeigt werden.

5.1 Umweltindikatoren: Definition – Funktion – Bildung und Anforderungen

Definition und Funktion

Umweltindikatoren sind Kenngrößen, die Informationen über die Ursachen der Umweltbelastung, den Umweltzustand und seine Veränderung geben. Als Instrument zur Erfassung und Bewertung der Umweltsituation sind sie geeignet, die Vielfalt von Umweltdaten zu verdichten und in politisch relevante Informationen umzusetzen. Idealtypisch stellen Umweltindikatoren einen Maßstab für den Erfolg von Programmen und Regelungen des Umweltschutzes dar.5 Für den SRU (1994) sind Umweltindikatoren die Voraussetzung für die Umsetzung des Leitbildes einer dauerhaft-umweltverträglichen Entwicklung in praktische Politik. Durch sie wird das Leitbild im Hinblick auf die Ziele konkretisiert und eine Überprüfung der Umsetzung auf der Grundlage einer Situationsanalyse ermöglicht.6

Die Bildung von Indikatoren setzt eine adäquate Datengrundlage voraus. Im Rahmen der Umweltbeobachtung wird die Umweltsituation und ihre bisherige Entwicklung bereits systematisch und regelmäßig erfasst. Die Ergebnisse münden in Umweltinformationssysteme, also Datenbanken, in denen die Daten gesammelt und zu Umweltinformationen verarbeitet werden. Der Unterrichtung der Öffentlichkeit dient die Umweltberichterstattung.

Im Umweltgutachten von 1974 werden vom Sachverständigenrat die methodischen Funktionen von Umweltindikatoren zusammengestellt, auf die sich das Umweltgutachten von 1994 nochmals bezieht. Folgende Aufgaben von Umweltindikatoren, verstanden als ein umfassendes Hilfsmittel der Umweltpolitik, werden bereits 1974 erwähnt:7

Das Umweltgutachten von 1998 knüpft an diesen Grundlagen an, trifft aber zusätzlich hinsichtlich der Aufgaben von Umweltindikatoren eine Unterscheidung nach

Indikatorenbildung und Anforderungen

Hinsichtlich der Bildung von (Umwelt-) Indikatoren unterscheidet der SRU (1994 und 1998) zwischen zwei alternativen Ansätzen, dem Top-Down-Verfahren und dem Bottom-Up-Verfahren.9

Beim Vorgehen von „oben nach unten“ (Top-Down-Verfahren) werden als Erstes Ziele formuliert, auf die sich die Indikatoren beziehen sollen. In einem zweiten Schritt wird ein Modell entwickelt oder ein bewährtes Modell herangezogen, das eine Gliederung und Abgrenzung zwischen verschiedenen Indikatorentypen ermöglicht.10 In einem dritten Schritt sind dann Anforderungen zur Auswahl von Indikatoren zu formulieren, nach denen Indikatoren gebildet werden. Bei der Auswahl kann auf vorhandene Berichtsysteme, Berichte und Indikatorensätze zurückgegriffen werden.11

Beim Vorgehen von „unten nach oben“ (Bottom-Up-Verfahren) wird demgegenüber von einer möglichst vollständigen und damit kleinräumigen Beschreibung der Umweltsituation ausgegangen. Die Sachverhalte werden dann nach oben hin aggregiert, schließlich wird eine Auswahl an Indikatoren getroffen.12


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Als Nachteil des Top-Down-Verfahrens nennt der SRU13, dass dieses nur bereits analysierte Umweltprobleme erfasst und dementsprechend nicht immer problemadäquat ist. Um dem zu begegnen, sollte diese Methode gegenüber neuen Erkenntnissen offen und flexibel gestaltet werden und diese dann gegebenenfalls integrieren. Der Nachteil des Bottom-Up-Verfahrens besteht in der unter Umständen fehlenden Zielorientierung, so dass die Spitze der Datenpyramide nicht erreicht wird. Bei der Anwendung sollte deshalb in einem gewissen Umfang zielorientiert vorgegangen und dabei die Eignung der Daten für die jeweils höhere Aggregations­ebene beachtet werden (Zieladäquanz).

Die Daten selbst müssen zumindest drei formale Eigenschaften erfüllen: Sie müssen reproduzierbar, verlässlich (valide) und relevant sein.14

Der Sachverständigenrat weist hinsichtlich der Anforderungen an Umweltindikatoren auf die Bedeutung des Wissens um die Funktionsweisen der abzubildenden Ökosysteme hin.15 Umweltindikatoren müssen aufzeigen, durch welche Beeinträchtigungen – also durch welche Verursachung - die Gleichgewichte im System derart gestört werden, dass die nachhaltige Funktionsweise nicht mehr gewährleistet ist. Gleichzeitig muss aber auch zugestanden werden, dass aufgrund der enormen Komplexität von Ökosystemen eine vollständige Analyse nicht möglich ist. Umgekehrt wird damit aber gerade die Notwendigkeit synoptischer Indikatoren deutlich, die – mit einem begrenzten Satz von Kenngrößen – Auskunft über Zustand und Entwicklung des komplexen Systems geben können.

Wesentliche wissenschaftliche Anforderungen an Umweltindikatoren resultieren aus der subjektiven Perspektive der verschiedenen Verfasser von Indikatorensystemen und dem bisher unvollständigen Wissen über die ökosystemaren Zusammenhänge. Der Vorgang der Indikatorenbildung soll deshalb durchschaubar und verständlich gemacht werden, die zu Grunde gelegten Hypothesen über die wesentlichen ökologischen Steuerungsprozesse und das Ursache-Wirkungs-Gefüge müssen dargestellt werden. Hingewiesen werden sollte zudem auf das Risiko möglicher Fehlinterpretationen sowie auf die Vorläufigkeit der Indikatoren und der zu Grunde gelegten Modelle.16 Je nach Betrachtungsweise können die Umweltindikatoren nach verschiedenen Kategorien geordnet sein. Bei einer medienbezogenen Ausrichtung stehen z. B. die Umweltmedien Wasser, Boden, Luft im Vordergrund; weiter könnte nach Umweltproblemen (wie Eutrophierung und Klimaänderung) oder Handlungsfeldern (wie Energie [Seite 77↓]und Landwirtschaft) strukturiert werden.

Eine gute Verständlichkeit und leichte Interpretierbarkeit sind im Interesse der Öffentlichkeit, gleichzeitig sollte die Liste der Indikatoren überschaubar bleiben. Indikatoren können aus politischer Sicht durch Ausrichtung an formulierten Umweltzielen Auskunft über den Erreichungsgrad und über den künftigen Handlungsbedarf geben. Angesichts der zunehmenden Internationalität der Umweltprobleme und des wachsenden Bedarfs an europäischen und internationalen Vereinbarungen sind nationale und regionale Indikatorensysteme im Idealfall zudem kompatibel mit internationalen Systemen.

5.2 Nachhaltigkeitsindikatoren: Definition – Funktion – Bildung und Anforderungen

Definition und Funktion

Im Unterschied zu Umweltindikatoren, die sich ausschließlich auf den Umweltaspekt der Nachhaltigkeit konzentrieren, sind Nachhaltigkeitsindikatoren weiter gefasst. Sie sollen auch die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung berücksichtigen und Beurteilungskriterien zur Überprüfung des Fortschritts in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung liefern.17 Mit ihrer Hilfe kann festgestellt werden, wo der dringlichste Handlungsbedarf für eine Nachhaltigkeitspolitik besteht.

Nachhaltigkeitsindikatoren dienen der Konkretisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs und der Erfolgsmessung und ermöglichen es, steuernde Maßnahmen zu begründen und einzuleiten. Dabei sollen den Entscheidungsträgern keine konkreten Handlungsempfehlungen für eine Nachhaltigkeitspolitik nahe gelegt werden. Ihre Funktion besteht darin, den Bedarf (Planungsfunktion) und Erfolg (Kontrollfunktion) einer Nachhaltigkeitspolitik anzuzeigen. Ein Konzept zur Messung der Nachhaltigkeit bleibt offen für alternative Wege zur Umsetzung von Nachhaltigkeit18 (vgl. Abb. 1). Nachhaltigkeitsindikatoren haben auch eine wichtige Kommunikationsfunktion. Sie vereinfachen es, die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung der Öffentlichkeit zu vermitteln und eine Diskussion zwischen den verschiedenen Akteuren einer Kommune anzustoßen. Indikatoren wirken auch „nach innen“, da sie die Kommunikation zwischen einzelnen Verwaltungseinheiten verbessern. Die Koordinationsfunktion der Indika[Seite 78↓]torensysteme (Begriff s. u.) besteht in der Integration von Daten und Informationen aus verschiedenen Verwaltungsbereichen und Institutionen. Außerdem können Kommunen oder Regionen in die Lage versetzt werden, Vergleiche hinsichtlich ihrer Entwicklung zu ziehen (Vergleichsfunktion, Benchmark-Funktion).19

Nachhaltigkeitsindikatoren können weiter angesehen werden als:

Je nach Unterscheidungsebene kann eine Fülle verschiedener Typen von Indikatoren unterschieden werden.

Bei Anwendung des Pressure-State-Response-Ansatzes der OECD ergibt sich eine Unterteilung der Indikatoren nach Belastungsindikatoren, Umweltzustandsindikatoren und Reaktionsindikatoren. Diesem analytischen Rahmen liegt der gedankliche Ansatz einer Ursache-Wirkung-gesellschaftliche-Antwort-Beziehung zu Grunde. Bei komplexen Handlungsfeldern wie dem Verkehr erweist sich eine derartige Gliederung nach Indikatorentypen als problematisch, da starke Wechselbeziehungen bestehen und eine eindeutige Zuordnung kaum möglich ist.

Im Forschungsfeld „Städte der Zukunft“ des Forschungsprogramms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWoSt) des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) wird zwischen folgenden Indikatorentypen unterschieden:21

Der Umweltrat empfiehlt, Nachhaltigkeitsindikatoren von vornherein so in Abstimmung mit Nachhaltigkeitszielen zu konzipieren, dass sie unmittelbar als Instrument zur Überprüfung des Entwicklungspfades einer Gesellschaft eingesetzt werden können.22

Die Vielfalt an Unterscheidungskriterien lässt eine Vielzahl von Indikatorentypen zu; dies soll in der folgenden Zusammenstellung verdeutlicht werden. Bei einer Typisierung von Indikatoren kann die Liste eine gute Hilfe sein (hier kommt es zu Überschneidungen, ein Indikator kann gleichzeitig zu mehreren Typen gehören):

Nachhaltigkeitsindikatorensysteme stellen eine nach bestimmten Merkmalen strukturierte Zusammenfassung von Nachhaltigkeitsindikatoren dar. Sie können z. B. handlungsfeldbezogen sein und die ausgewählten Indikatoren entsprechend der Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie, Soziales einordnen. Derartige Indikatorensysteme sind stark problemorientiert und können gut auf vorhandenen Arbeiten aufbauen. Die vorliegende Arbeit zum Handlungsfeld städtischer Verkehr wäre hier einzuordnen.

Ein dimensionsbezogenes Indikatorensystem stellt die Dimensionen der Nachhaltigkeit in den Vordergrund und ordnet dann verschiedene Handlungsfelder den Dimensionen zu. Auf diese Weise entstehen sehr umfassende Indikatorensysteme, die aber auch starke Vereinfachungen mit sich bringen, so z. B. wenn das Themenfeld Verkehr einseitig der Dimension Ökologie zugeordnet wird.23 Indikatorensysteme sollten im Idealfall hierarchisch aufgebaut sein, beispielsweise unterteilt in Kern- und Ergänzungsindikatoren24 (s. Indikatorentypen).

Auf der kommunalen Ebene zeichnet sich noch keine einheitliche Methodik zur Entwicklung von Indikatorensystemen ab. Jede Kommune setzt eigene Schwerpunkte und entwickelt – meist im Rahmen der Lokalen Agenda 21 - einen eigenen Indikatorensatz.25 Bisher gibt es auch keine spezifischen Empfehlungen von Seiten des Bundes oder der Länder.26 Immerhin existieren auf der übergeordneten Ebene zahlreiche Aktivitäten zur Bildung von Nachhaltigkeitsindikatoren, die – trotz vieler Widersprüche - wichtige Erkenntnisse hervorgebracht und gewisse Standards gesetzt haben. Aus diesem Grund spielt im Rahmen dieser Arbeit die Analyse von verkehrsbezogenen Studien eine wichtige Rolle bei der Indikatorenbildung (Kapitel 6). Auf diese Weise wird vermieden, dass für die Berliner Ebene ein isoliertes System entwickelt wird, das sich einer Vergleichbarkeit und Harmonisierung mit übergeordneten Ebenen entzieht. Es wird davon ausgegangen, dass einige der gefundenen Standards auch in den Indikatorensätzen anderer Kommunen Verwendung finden werden, so dass hinsichtlich der wesentlichen Aspekte auch eine kommunale Vergleichbarkeit gegeben ist. Eine Intensi[Seite 81↓]vierung des Erfahrungsaustausches zwischen den Kommunen ist hier wünschenswert.

Bildung und Anforderungen

Für die Bildung von Nachhaltigkeitsindikatoren kann - wie für die Bildung der Umweltindikatoren auch – das beschriebene Top-Down- oder Bottom-Up-Verfahren genutzt werden. In jedem Fall sollten Anforderungen für die Indikatorenauswahl formuliert werden. Ein System von Nachhaltigkeitsindikatoren, das auf die kommunale Ebene ausgerichtet ist, sollte in Anlehnung an Werheit27 folgende Anforderungen erfüllen:28

Diese formalen Kriterien sollten noch ergänzt werden durch:

Nachdem Anforderungen für die Auswahl von Indikatoren der Nachhaltigkeit zusammengestellt sind, ist zu klären, in welchen Schritten und in welchem Rahmen Indikatorensysteme erarbeitet werden können.

Zur Bildung eines kommunalen Nachhaltigkeitsindikatorensystems zeigt Born Schritte auf.34 Er betont, dass es sich dabei um einen permanenten, iterativen Verbesserungsprozess handelt, der nach Durchlaufen der Schritte von vorne beginnt. Der Ablauf kann sich wie [Seite 83↓]folgt ge­stalten:

Es können vier typische Ansätze zur Bildung von Nachhaltigkeitsindikatorensystemen unterschieden werden.35

Dieser Unterteilung folgend würde die vorliegende Arbeit dem Experten-Ansatz entsprechen: Von wissenschaftlicher Seite wird ein erstes Indikatorensystem für das Handlungsfeld Verkehr vorgelegt, das im diskursiven Entwicklungsprozess berücksichtigt werden sollte.

Im folgenden Kapitel werden bei der Beschreibung verschiedener Indikatorensysteme für das Handlungsfeld Verkehr auch die jeweils zu Grunde liegenden Verfahren und Anforderungen analysiert. Das siebte Kapitel, in dem es um die Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren für den Berliner Stadtverkehr geht, stellt eine lokalspezifische Synthese der gewonnenen Erkenntnisse bzw. einen Transfer und eine berlinbezogene Konkretisierung dar.

5.3 Fazit

Eine breite wissenschaftliche Diskussion um Nachhaltigkeitsindikatoren entstand erst im Anschluss an die Rio-Konferenz von 1992. Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung sind eine Rechnungslegung über die Nachhaltigkeitssituation. Sie sollen den Bedarf und Erfolg einer Nachhaltigkeitspolitik überprüfen und die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung der Öffentlichkeit vermitteln. Es gibt zurzeit keinen methodisch standardisierten Ansatz für die Bildung von Nachhaltigkeitsindikatorensystemen. Die langen Erfahrungen auf dem Gebiet der Entwicklung von Umweltindikatoren können auch für Nachhaltigkeitsindikatoren genutzt werden. Gleichzeitig sind ausgewählte Umweltindikatoren, die im Rahmen der Umweltbeobachtung erhoben und fortgeschrieben werden, je nach Kontext auch geeignet, eine dauerhaft-umweltverträgliche Entwicklung abzubilden. Da bisher keine verbindlichen Indikatorensysteme für die kommunale Ebene zur Verfügung stehen, stellt die Formulierung von Anforderungen einen zentralen Aspekt für die Auswahl von Nachhaltigkeitsindikatoren dar. Systemtheoretische Analysen sind hilfreich, um Wirkungsursachen offen zu legen und die Beziehungen zwischen den Dimensionen zu verstehen. Für den iterativen Prozess der Bildung von Nachhaltigkeitsindikatorensystemen muss jede Kommune ihren eigenen lokalspezifischen Weg finden. Sinnvollerweise sollte hierzu ein politisches Mandat vorliegen, und es sollten – im [Seite 85↓]Sinne einer strategischen Nachhaltigkeitsplanung – Leitbilder und Ziele, die an den Indikatoren ausgerichtet sind, in einem partizipativen Verfahren festgelegt werden.

Zur Veranschaulichung werden in Abb. 4 die erläuterten Strukturen von Umweltindikatorensystemen und Nachhaltigkeitsindikatorensysteme schematisch gegenübergestellt.

Abb. 4: Umweltindikatorensysteme und Nachhaltigkeitsindikatorensysteme

(Entwurf: F. Reul 2002)


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Handlungsfeldbezogene Analyse: Studien zur nachhaltigen Entwicklung im Verkehr


Fußnoten und Endnoten

1 vgl. SRU (1998), S. 93.

2 Sachverständigenrat für Umweltfragen, Umweltgutachten 1974. Wiesbaden 1974, S. 531 ff.

3 Auf der kommunalen Ebene gilt die Gemeinde Jacksonville im US-Bundesstaat Florida als eine der ersten Gemeinden, die einen umfassenden Indikatorensatz für eine nachhaltige Entwicklung vorgelegt haben. Das Projekt startete im Jahr 1985, ist partizipativ angelegt und beinhaltet wesentliche Aspekte von Wohlstand und Wohlbefinden. Jacksonville gilt als Vorbild für andere Kommunen in den USA (z. B. Seattle) (vgl. Abgeordnetenhaus von Berlin (Hrsg.) (1999), S. 61.)

4 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.): Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Agenda 21, Dokumente. Bonn o. J., S. 282.

5 Vgl. Born, M.: Indikatoren zur Nachhaltigen Entwicklung. Konzepte, Prinzipien, Kriterien. Bremen 1997a, S. 26.

6 SRU (1994), S. 87.

7 SRU (1974), S. 532.

8 SRU (1994), S. 86.

9 Vgl. SRU (1994), S. 86 ff.; SRU (1998), S. 95 ff.

10 Ein viel diskutiertes Beispiel ist das Pressure-State-Response-Modell der OECD, bei dem die Indikatoren nach Belastungsindikatoren, Umweltzustandsindikatoren und Reaktionsindikatoren unterteilt werden.

11 Ein entsprechendes Verfahren kommt in dieser Arbeit zur Anwendung. Top-Down hat hier auch die Bedeutung, dass die herangezogenen Referenzarbeiten auf der übergeordneten nationalen und internationalen Ebene entwickelt wurden.

12 Die Begriffe Top-Down und Bottom-Up werden auch auf den Umsetzungsprozess des Nachhaltigkeitsprojektes bezogen. Top-Down meint dann einen Prozess ausgehend von der übergeordneten (nationalen oder internationalen), meist sehr theoretischen Ebene, Bottom-Up ausgehend von der kommunalen Ebene, repräsentiert durch die Lokalen Agenda 21-Aktivitäten. Vgl. hierzu Hönerbach, F.: Nachhaltigkeitsindikatorensystem in Deutschland und im internationalen Bereich. In: Deutsches Institut für Urbanistik (Difu): Indikatorensysteme für eine nachhaltige Entwicklung in Kommunen. Wissenschaft und Praxis im Dialog. Berlin 1999, S. 21.

13 SRU (1994), S. 87

14 SRU (1974), S. 533.

15 SRU (1994), S. 89 ff.

16 SRU (1994), S. 93 ff.

17 SRU (1998), S. 94.

18 Mit dieser Definition wird auch der Inhalt der vorliegenden Arbeit abgegrenzt: Im Rahmen der Arbeit geht es darum, den Bedarf der Nachhaltigkeitspolitik aufzuzeigen und den Erfolg von Umsetzungskonzepten kontrollierbar zu machen. Welche Konzepte und Maßnahmen dahin führen, wird hier nicht thematisiert sondern dem weiteren Diskussions- und Planungsprozess überlassen.

19 vgl. Born (1997a), S. 32 und Pfister, G.: Ein Konzept zur Messung einer nachhaltigen Entwicklung. In: Den Gipfel vor Augen. Unterwegs in eine nachhaltige Zukunft. Marburg 1998, S. 235 ff.

20 Abgeordnetenhaus von Berlin (1999), S. 65.

21 Vgl. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung: Konzepte und Indikatorenprofile für eine indikatorengestützte Erfolgskontrolle. BBR-Arbeitspapiere 3/1999, S. 6.

22 SRU (1998), S. 95.

23 Der von Diefenbacher et al. erarbeitete Leitfaden für Indikatoren im Rahmen einer Lokalen Agenda ist dieser Kategorie zuzuordnen. Vgl. Diefenbacher, H. et al.: Leitfaden. Indikatoren im Rahmen einer Lokalen Agenda 21. Heidelberg 2000.

24 Vgl. Libbe, J.: Einführung. In: Deutsches Institut für Urbanistik (Difu): Indikatorensysteme für eine nachhaltige Entwicklung in Kommunen. Wissenschaft und Praxis im Dialog. Berlin 1999, S. 9.

25 Abgeordnetenhaus von Berlin (1999), S. 66.

26 Libbe, J., Hänisch, D.: Stellungnahme des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) für die Anhörung der Enquete-Kommission „Lokale Agenda 21/Zukunftsfähiges Berlin“. Berlin, 12. Oktober 2000, Kommissionsdrucksache des Abgeordnetenhauses von Berlin 14/16.

27 Vgl. Werheit, M.: Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung. In: Informationsbrief des UfU, Nr. 29, 1996, S. 13.

28 Derartige Formulierungen von Anforderungen oder formalen Kriterien, die bei der Auswahl von Indikatoren zu beachten sind, finden sich in vielen Arbeiten, die sich mit der Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren beschäftigen. Die Vielzahl an Einzelaktivitäten hat dazu geführt, dass hinsichtlich der formulierten Anforderungen Unterschiede zwischen den Ansätzen bestehen. Zentrale Aspekte werden immer wieder übersehen, was im Weiteren zu Inkonsistenzen führt. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass es seitens des Bundes oder der Länder keine spezifischen Empfehlungen hierzu gibt. Im Rahmen der Analyse der verkehrsbezogenen Nachhaltigkeitsstudien werden derartige Aspekte beispielhaft herausgearbeitet.

29 Es muss somit zwischen konkurrierenden Anforderungen abgewogen werden. Je größer die Zahl der Indikatoren, umso genauer die Beschreibung der Realität, umso geringer aber eben auch die Anschaulichkeit und Handhabbarkeit des Indikatorensystems.

30 Die systemtheoretischen Ausführungen im vorhergehenden Kapitel sind in diesen Kontext einzuordnen.

31 Hesse et al. (1997) und Libbe, J., Hänisch, D. (2000).

32 Siehe Diefenbacher, H. et al. (2000) und Libbe, J. (1999).

33 

Libbe, J. und Hänisch, D. (2000).

Die im Rahmen der Arbeit entwickelten „Indikatorenprofile“ (Kapitel 7.2) sind geeignet, die Anforderungen übersichtlich umzusetzen.

34 Vgl. Born, M.: Handlungsleitfaden zur nachhaltigen Entwicklung eines kommunalen Nachhaltigkeits­indi­katoren­systems im Rahmen der Lokalen Agenda 21. Bremen 1997b.

35 vgl. Abgeordnetenhaus (1999), S. 67 ff.



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20.11.2003